Kurz und bündig – Rheinbrand Dry Gin

Zum Kanton Aargau in der Schweiz habe ich eine gewisse Beziehung, ich war in einem früheren Arbeitsleben oft auf Dienstreise dahin unterwegs, und habe die Menschen, so meine ich, etwas kennen und schätzen gelernt. In der Gemeinde Elfingen wird dort der Rheinbrand Dry Gin destilliert. Da kommt bei mir direkt etwas Nostalgie hoch – ich hoffe, ich lasse mich bei meiner Verkostung dieses Gins davon nicht allzu sehr beeinflussen. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample.

Rheinbrand Dry Gin

Farblich, wie von einem London Dry Gin zu erwarten, glasklar. Eine gewisse schwere Konsistenz ist erkennbar, dennoch recht schnell ablaufende Beine am Glasrand. Die Nase ist frisch und zitronig, mit einer attraktiven Beerenfruchtigkeit. Man hat kaum Mühe, die Kirschen und Holunderblüten, die unter anderem als Botanicals dienen, herauszuriechen. Eine leichte Lösungsmittelkomponente schwingt mit.

Geschmacklich sind wir eher auf der kräuterigen, erdigen Seite. 40% Alkoholgehalt sind gut verarbeitet, ohne Stechen auf Schleimhäuten in der Nase oder im Mund. Eine spannende Aromatik – Rosmarin, Holunder, Heu, Erde, eine hohe Mineralität. Sehr ungewohnt, aber interessant. Ich vermisse den Wacholder aber sehr. Im salzigen, warmen, adstringierenden und langen Abgang kommen neben heißem Chili so langsam auch etwas Wacholderaromen auf – etwas spät erst und auch wenig für einen Gin, der von sich sagt, nach „den Vorgaben eines London Dry Gins“ (Zitat aus der Pressemitteilung) destilliert worden zu sein. Der Nachhall lebt dann vom verwendeten Riesling, ist weinig, traubig, süß. Sehr gefällig.

Ein attraktiver Gin, aber entgegen den Aussagen weit entfernt davon, klassisch zu sein. Für mich gehört er in die Kategorie der Contemporary Style Gins; wer diese Kategorie zu explorieren und etwas ungewohntes sucht, kann unbesehen zugreifen. Wer einen klassischen London Dry Gin, insbesondere für Cocktails, sucht, muss woanders zuschlagen.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung des Samples.

Brasilianische Liebeslieder – Novo Fogo Tanager Cachaça

Manchmal spürt man direkt, wenn ein Hersteller wirklich an das glaubt, was er tut. Bei einigen der Videos, die Dragos Axinte, der CEO des brasilianischen Cachaça-Herstellers Novo Fogo vor kurzem auf Facebook veröffentlicht hat, wird das sehr deutlich. Man glaubt es ihm, wenn er in seiner etwas lässigen Art etwas sehr lyrisches sagt: „Novo Fogo is a love song.“ Die Produktion, die in den Videos gezeigt wird, macht deutlich, dass hier nicht nur ein Marketinglaberer am Werk ist – sehr bodenständig, klein, handwerklich und mit viel Respekt vor Natur und Umwelt wird bei Novo Fogo gearbeitet. Dies wird ganz besonders deutlich, wenn man sich die dortigen Methoden der Fassreifung ansieht, und die Motivation dahinter.

Für uns Deutsche, die eigentlich nur die klare Cachaça aus dem Supermarkt kennen, ist das vielleicht überraschend, aber 90% aller Cachaças sind fassgereift, 60% davon in amerikanischer Eiche, nicht in den brasilianischen Hölzern, für deren Verwendung Cachaça gern gerühmt wird. Dies spiegelt den brasilianischen Geschmack wieder – laut Dragos Axinte gewinnen in Blind Tastings in Brasilien regelmäßig die Produkte, die in amerikanischer oder französischer Eiche gereift wurden; die brasilianischen Hölzer liegen dahinter.

Entsprechend werden die Novo-Fogo-Zuckerrohrsaftbrände auch in diese Richtung gereift. Der Novo Fogo Tanager (der namensgebende Tanager ist ein südamerikanischer Waldvogel, die Aussprache ist analog zum englischen Wort „manager“), den ich heute hier vorstelle, ruhte 1 Jahr in amerikanischer Eiche, dann anschließend noch 3-6 Monate im ungetoasteten Araribá (anglisiert als „Zebrawood“) als Finish. Der Naturschutz steht selbst hier bei einem Finish noch im Vordergrund – dieses Holz ist nicht frisch geschnitten, sondern stammt aus den Resten eines abgerissenen Hauses, das vor langer Zeit damit gebaut worden war. Insgesamt hat Novo Fogo auch nur 2 Fässer davon. Doch dazu mehr später im Artikel, zuerst wollen wir nun das Endprodukt verkosten.

Novo Fogo Tanager

Man sieht es schon von außen ohne Mühe – die Farbe dieser Cachaça ist erstaunlich. Ein starkes, wuchtiges Rot, das wohl nur vom Zebrawood kommt. Der Geruch gefällt, er ist sehr fruchtig, viele Erdbeeren, verrückterweise Zuckerwatte, dazu milde Zitrusnoten, im Hintergrund Holz en masse. Ein Anflug von Lack, der aber nicht störend wirkt.

Im Antrunk meine ich, die Eichenreifung wahrnehmen zu können. Süßlich, vanillig, Anklänge von Karamell und Honig. Doch das ist nur der Auftakt des Liebeslieds, das schnell umkippt in ein melodramatisches Klagelied: im Verlauf entstehen und dominieren Bittere und Trockenheit, die Holznoten springen nach vorn. Zwetschgen wie bei einem Slivovitz sind noch die mildesten Aromen, dann kommt krachend Lakritz und Leder zum Vorschein, die Trockenheit nimmt immer mehr Fahrt auf. Das Mundgefühl ist eher kühl als heiß.

Der Abgang haut einen um, wenn man bisher nur milde Cachaças kennt: wirklich brutal bitter und staubtrocken, mit extremen Betäubungseffekten auf der Zunge, die überraschend lange anhalten – viele Minuten lang; das ist für mich ein höchst interessanter, in dieser Konsequenz kaum gekannter Effekt. Lakritz ist sehr präsent, dabei aber fast mehr ein Gefühl als ein Geschmack. Sehr holzig ist der Tanager darüber hinaus, und zwar wirklich richtig stark holzig. Das muss das Araribá sein: ein höchstfaszinierendes, aber auch wirklich gefährliches Holz. Ich bin mir sicher – man sollte als Hersteller sehr vorsichtig sein beim Einsatz, länger als ein Finish kann dieses Holz meines Erachtens nicht genutzt werden. Sogar hier ist es vielleicht fast schon zu weit gegangen.

Wir haben hier eine Spirituose, die pur sehr herausfordernd zu genießen ist. Gleichzeitig springt sie aber auch nicht wirklich unbedingt freudig nach vorne, wenn es darum geht, ein soziales Miteinander in einem Mixgetränk herzustellen. Die Holz-, Bitter- und Anästhesieeffekte müssen schon sorgsam eingesetzt werden. Der Novo Negroni ist daher vielleicht nicht der allereinfachst trinkbare Cocktail, doch gewiss spannend und interessant, insbesondere für Freunde des klassischen, starken, aromatischen Drinks.

Novo Negroni


Novo Negroni
1 oz gereifter Cachaça (z.B. Novo Fogo Tanager)
1 oz roter Wermut (z.B. Punt e Mes)
¾ oz Campari

1 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste servieren.

[Rezept nach einer Idee von Avery Glasser]


Novo Fogo Tanager Cachaça Flaschenhals

Die Flasche, die Novo Fogo für alle ihre Produkte einsetzen, ist sehr individuell gestaltet. Die Form ist schwungvoll und unkonventionell, die Details, wie das Leinenband um den Flaschenhals und viele handbeschriftete Elemente (die Banderole auf dem Holzstöpsel und die Batch-Nummer auf dem kleinen Frontetikett, für das unten in der Flasche sogar ein Bereich ins Glas eingelassen wurde) bestätigen den Eindruck, dass hier nicht industriell gefertigt wird.

Kommen wir am Schluss, wie angekündigt, nochmal auf die Holzfrage zurück. Die scheinbare brasilianische Vorliebe für eichengereifte Produkte mal ganz nebenbei lassend, so muss sich der interessierte Spirituosenfreund bei aller Liebe für die Exotik der weiten Bandbreite an Hölzern, die zur Reifung für Cachaça eingesetzt wird, doch auch die Frage nach der Nachhaltigkeit dieser Produktionsmethode stellen. Novo Fogo nutzt hauptsächlich Eiche, um sicherzustellen, dass nicht für ein vergängliches Genussmittel die Natur, in der noch in Zukunft Mensch und Tier leben müssen und wollen, zerstört wird. Das, was ich als eigentlich sehr spannend empfinde, die Verwendung dieser seltenen exotischen Hölzer mit ihren fremdartigen Aromen, ist also eigentlich eine Gefahr für die Umwelt, da sie nicht nachhaltig produziert werden. Eiche dagegen ist diesbezüglich vergleichsweise unbedenklich. Grundsätzlich sollte man, wenn man dennoch die verrückten, hochintensiven Geschmackshölzer konsumieren will, beim Hersteller oder Importeur nachfragen, ob das Holz für das Fass nachhaltig produziert ist (die Produzenten müssen gesetzlich Nachweise dafür vorlegen können).

Brasilianische Holzarten und ihre Gefährdung

Tatsächlich sind die Cachaças von Novo Fogo also ein Liebeslied an Brasilien, seine Kultur, seine Natur und die Menschen, die die Tradition von handwerklich hergestellter Cachaça hochhalten. Wir als Konsumenten sind angehalten, diesen Gedanken weiterzuführen. Es kostet nicht viel Mühe, sich zu informieren. Gut auch, wenn man weiß, dass es Hersteller gibt, bei denen man sich auf Transparenz und Motive verlassen kann.

Kurz und bündig – Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum

Limitiert auf 4569 Flaschen aus 14 Fässern aus amerikanischer Eiche, die mit einem Segelkutter den Atlantik überquerten – das ist der Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum. Jedes Jahr schippern die drei Herren über die Weltmeere und bringen dabei mit hervorragender Klimabilanz überseeische Destillate zu uns nach Europa, 2014 war es eben dieser Rum aus der Dominikanischen Republik, gereift in einem Pseudo-Solera-System, für das die Altersangabe von 18 Jahren bedeuten mag, dass der älteste Anteil (nicht der jüngste, wie sonst in der Spirituosenwelt üblich!) 18 Jahre alt ist. Vielleicht bedeutet es auch etwas anderes, man weiß es halt nicht bei dieser Art von Reifung. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample.

Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum

Die Farbe würde ich als dunkleres Kupfer bezeichnen – Färbung ist wahrscheinlich. Ich meine, eine leichte Trübung wahrzunehmen (das würde ich nicht unbedingt als Mangel deklarieren). Im Glas verhält sich der Melasse-Rum nur wenig schwer, ablaufende Beine sind dünn und verteilt.

Der Geruch verströmt schnell nach dem Eingießen – ein sehr angenehmes, mildes Geruchsbild aus Rosinen, Bananen und Ananas. Eine unterschwellige Funkigkeit erhöht die Komplexität. Sehr erfreulich soweit.

Im Geschmack kommt schnell Ernüchterung auf. Ist der erste Antrunk noch vielversprechend mit milder, dunkler Würze, holt der Tres Hombres Edition 7 kurz darauf den Zuckerhammer hervor. Pappsüße macht alles platt, was vielleicht interessant sich hätte entwickeln können. Künstliche Süßung? Das Sample ist zu klein für eine eigene Messung, doch rein sensorisch gibt es da für mich keinen Zweifel, da ist ein ordentlicher Batzen Zucker oder Süßwein reingeflossen. Immerhin – 40,7% Alkoholgehalt sind dadurch gut maskiert.

Entsprechend klebrig ist dann halt auch der Abgang. Ein Belag liegt eine Weile auf der Zunge, außer Süße ist da nichts, obwohl man ahnen könnte, dass der Rum ohne Süßung eine interessante Trockenheit aufweisen würde, aber wahrscheinlich auch ein heftiges Alkoholfeuer, denn eine vielsagende dezente Betäubung der Zungenspitze ist der Schluss.

Wie bei vielen Rums von Oliver & Oliver fragt man sich als Freund von Rumtransparenz und unmanipulierender Produktion, ob man sich das wirklich antun muss. Und, ganz hart und ehrlich gesprochen – der hehre Gedanke der Tres Hombres mit ihrem „Fairtransport“ wird für mich dadurch etwas konterkariert, wenn sie sich so wenig für die Ehrlichkeit der transportierten Rums interessieren.

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 11 – Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒)

Gerne leite ich meine Baijiu-Artikel in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die nun schon in die erstaunliche elfte Runde geht, mit ein paar Hintergrunddetails über den gerade besprochenen Klaren ein. Manchmal ist die Recherche dafür einfach, es reicht, den Namen in Kurzzeichen in eine Suchmaschine einzugeben, um entsprechende Treffer zu erhalten, die dann nur noch übersetzt werden müssen; manchmal ist sie mühselig, weil man erst verstehen muss, was einem da überhaupt präsentiert wird. Für den Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒) muss ich nach vielen Versuchen einfach, zum ersten Mal in dieser Reihe, komplett aufgeben – ich kann einfach keine Informationen über ihn im Internet finden. Es gibt keine Firmenseite, chinesische Shops bieten ihn nicht an, selbst die Bildersuche liefert (außer meinen Bildern, die weit vorn landen) nur einen Treffer, der dann aber ins Nirvana führt.

Entsprechend halte ich die Informationen nicht zurück, sondern präsentiere in einem Absatz alles, was ausfindlich zu machen war: Der Mawoshan Tujiu ist ein Leichtaroma-Baijiu, eine Gruppe, die auch oft „Fenjiu“ genannt wird. Sie ist eigentlich hauptsächlich in Nordchina beheimatet, doch der namensgebende Mawoshan ist ein Berg innerhalb der Wumengshan-Gebirgskette, die die südlichwestlichen Provinzen Yunnan und Guizhou verbindet, und dort liegt auch die Destillerie.

Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒)

Die Zeit gereifter, brauner Baijius ist zwar so langsam gekommen, aber der klassische Baijiu ist eben immer noch klar und ohne Farbe. Auch hier ist das so. Die Konsistenz ist nur minimal schwergängig, mit schön ablaufender Beinbildung am Glas.

Hat man sich einmal mit der Basisaromatik von Baijiu arrangiert, kommt einem ein Leichtaroma-Baijiu sehr angenehm vor. Der Mawoshan Tujiu legt säuerlich vor, mit Anklängen von weißem Wermut, mildem Weinessig, etwas Sojasauce, Ananas, Hefe und Getreide. Eine dezente Röstnote macht ihn würzig. Etwas Lack ist erkennbar.

Im Antrunk ist er süß, bildet hier die typischen Fermentaromen aus. Vergorener Pfirsich, Ananas, aber nicht extrem. Im Verlauf erinnert er mich an weißen Rum, mild, aber kräftig. Leichte Betäubung der Zungenfläche setzt ein. Er wird trocken und herb, behält aber einen gewissen Wermutcharakter, den ich schon gerochen habe.

Erst im Abgang könnte man die enthaltenen 53% Alkohol erkennen, selbst hier ist er aber zurückhaltend. Insgesamt ist der Abgang mittellang, im Vergleich zu anderen Baijius fast kurz. Die salzigen Würzekomponenten drängen nun nach vorn, etwas rauchiges meine ich nun zu schmecken – Zigarettenasche vielleicht. Trocken und adstringierend klingt ein wirklich recht angenehmes Geschmacksbild aus.

Das Fazit? Der Mawoshan Tujiu ist ein schöner Baijiu, gut als Einsteigerprodukt geeignet, mit ausdrucksstarker aber gleichzeitig zurückhaltender Aromatik – sehr gut für den westlichen Gaumen geeignet.

Ich empfinde Leichtaroma-Baijiu als sehr spannende, ungewöhnliche und dabei nicht übermäßig ausbrechende Cocktailzutat. Die Szene für Baijiu-Cocktails ist im Westen trotzdem sehr klein; man kennt sich untereinander. Entsprechend widmet man sich in so einer verschworenen Gemeinschaft gegenseitig auch mal einen Drink – The Yellow Emperor wurde von Ulric Nijs für Derek Sandhaus, den wir ja bereits von meiner Rezension des ultimativen Baijiu-Buches kennen, geschaffen. Man sieht erneut, dass Frucht ein gut funktionierender Gegenpart für Baijiu ist – die Verwendung einer frischen Passionsfrucht statt entsprechendem Sirup gibt dem ganzen eine schöne Komplexität.

The Yellow Emperor


The Yellow Emperor
1½ oz Leichtaroma-Baijiu (z.B. Mawoshan Fenjiu)
Eine halbe Maracuja
¾ oz Zitronensaft
½ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Ulric Nijs]


Gleich zwei Medaillenaufkleber des Concours Mondial de Bruxelles zieren die Flasche – 2016 erhielt der Mawoshan eine Gold- und 2015 eine Silbermedaille. Daneben ist die Porzellanflasche natürlich wieder, wie so oft bei Baijiu, eine Augenweide. Die sehr schwungvolle Form, das strahlend weiße Porzellan, die goldenen Applikationen (leider aus recht billigem Plastik hergestellt) – das macht was her in der Heimbar.

Ma Wo Shan Baijiu Rückseite

Offenlegung: Auch diese Flasche habe ich durch die Organisatoren von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles kostenlos erhalten. Vielen Dank erneut für die großartige Zusammenarbeit.

Kurz und bündig – Botucal Distiller Collection N°1, N°2 und N°3

Botucal, oder auch Diplomático, wie man diesen Rum aus Venezuela sonst überall in der Welt kennt, war einst der König der Rums. Er stürzte dann doch recht tief, zumindest im Ansehen von Kennern, als die Nachsüßungsvorwürfe bewiesen und Allgemeingut in der Rumwelt wurden. Heutzutage haben es Zuckerbomben immer schwerer, in Rumkreisen ernst genommen zu werden (auch wenn sie sie natürlich immer noch vorzüglich verkaufen!) – da muss gegengesteuert werden. Die Botucal Distiller Collection ist vielleicht ein Ansatz, sich durch limitierte Spezialabfüllungen wieder etwas Respekt in der Community zu erarbeiten. Gelingt es? Ich habe es mit je einem 5cl-Samples der beiden Abfüllungen dieser Serie herauszufinden versucht.

Fangen wir an mit dem Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum. Dieser Rum ist hergestellt aus „Sugar Cane Honey“, dem Marketingbegriff für Zuckerrohrsaftsirup. Er wird in einem Dampfkessel destilliert (dies ist eine Art Brennblase, bei der der Schwanenhals durch eine Kolonne ersetzt wird – man destilliert also diskontinuierlich, aber auf einen hohen Zielalkoholgehalt hin).

Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum

Farblich sehen wir ein Kupfer, entstanden zum einen aus wohl rund 4 Jahren im Ex-Bourbon-/Ex-Scotch-Fass aus amerikanischer Eiche und zum anderen aus Zuckerkulör (lobenswert, dass dies deklariert ist). Sehr beweglich im Glas, schöner Beinteppich. Der Geruch ist sehr alkoholisch und lösungsmittelig, auch nach einer Viertelstunde Offenstehzeit. Er kommt mir helltönig vor, nach Getreide und milder Zitrone; und süßlich, nach Vanille. Wirklich nicht besonders attraktiv, erinnert mich an einen Korn; es ist der typische Geruch eines leichten Kolonnenrums.

Geschmacklich nähern wir uns initial schon eher dem, was ich mir unter gutem Rum vorstelle. Man muss zwar zunächst über die eher mäßig eingebundenen 47% hinwegkommen, dann findet man eine schöne Würze, eine feine, wirksame Trockenheit und milde Gewürzaromen. Ein gutes Feuer brennt aber weiter. Der Abgang ist dann extrem kurz, extrem belanglos, ohne jedes Aroma, dafür mit andauerndem Zungenbrennen.

Ehrlich gesagt – das ist trotz einiger interessanter Ansätze mit das langweiligste, was ich seit langem im Glas hatte. Man wundert sich nicht, dass so ein Destillat in einen Blend überführt und stark gesüßt werden muss, um verkaufbar zu sein. Schauen wir mal, ob der zweite Vertreter es besser macht! Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum wird in einem Barbet-Brennapperat destilliert, das ist eine doppelte Kupferkolonne.

Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum

Destilliert im März 2013, wird er also auch wohl um die 4 Jahre gereift sein, auch hier in amerikanischer Eiche. Die Farbe ist ein kräftiges, strahlendes Kupfer. Optisch unterscheiden die beiden Rums sich kaum. Ich rieche dann Vanille, Shortbread, Apfel, und ordentlich Lack – nett, aber eher gedämpft. Da ist nicht wirklich viel, das mich zum weiteren Schnuppern reizen würde. Oberflächlich und leicht.

Im Mund ist der Botucal Distiller Collection N° 2 dann fülliger und mit mehr Charakter. Eine schöne, kräftige Süße: im Antrunk ist diese zwar schon, danach aber nicht mehr ganz unnatürlich wirkend. Vanille, Zimt und Toffee. Im Verlauf kommt eine pfeffrige Note auf, noch mehr Gewürztöne. Der Abgang ist aber sehr kurz, arm, schmal und nur nach Eisen schmeckend. Dieses hält dann etwas länger vor. Insgesamt ein weiteres Beispiel für den Stil eines modernen Column-Still-Rums (auch dieses Destillat wird auf 95% Zielalkoholgehalt hin produziert), etwas anders und sicherlich interessanter als sein sehr enttäuschender Namensbruder, aber im Endeffekt kaum spannender – es fehlt einfach massiv an Tiefe und Komplexität.

Botucal Distiller Collection N°3

Nachtrag 06.07.2020: Inzwischen hat sich auch Botucal Distiller Collection N°3 zu mir gesellen können. Hier nun meine Eindrücke zu diesem Pot-Still-Destillat, das zu ca. 80% den allseits bekannten Reserva Exclusiva ausmacht. Die Nase des No. 3 ist sehr floral, fast schon (positiv) spülmittelig, erkennbar karamellig und weißschokoladig. Aprikose,
Banane. Sehr ansprechend, der Alkoholanteil ist erkennbar, aber nicht wirklich störend, bei 47% gut eingebunden.

Im Mund beginnt der No. 3 süß und weich, erinnert mich eigentlich mehr an Weinbrand als an Rum. Auch hier sehr blumig und traubenfruchtig, leichte dunkle Fruchttöne, vanillige Fassnoten. Mild, im Verlauf ganz vorsichtig weißpfeffrig. Auch der Abgang ist vollblumig, warm und mittellang. Jasmin hängt lange nach, gefolgt von einem Eisenton.

Ein schönes Destillat, das ohne jede Mühe auch völlig ohne Zuckerung bestehen könnte, im Gegenteil, erst hier zeigt sich für mich, dass der ganze Zucker im Reserva
Exclusiva das Produkt schlechter macht, und nicht besser.

Laut eigenen Aussagen sind alle 3 Abfüllungen, im Gegensatz zum zuckrigen Flaggschiff der Firma, ungesüßt. Nachdem ich die drei Rums probiert habe, glaube ich dieser Aussage – da ist keine künstliche Süße in der Aromatik.

Immer wenn ich traurig bin – Sasse Cigar Special

Was wird der nächste Trend sein? Diese Frage kommt oft in sozialen Medien bezüglich Spirituosen auf. Was wird „der nächste Whisky“ oder „der nächste Gin“? Persönlich habe ich keine Ahnung, und auch nur mäßiges Interesse daran. Ich trinke Spirituosen nicht, weil sie gerade „in“ oder „hot“ sind, sondern weil ich sie mag. Gern propagiere ich auf meinem Blog auch Spirituosen, die meiner Meinung nach in der aktuellen Phase im Meinungsbild und Popularität zu Unrecht unterrepräsentiert sind – dies trifft derzeit, so glaube ich, auf deutschen Korn zu.

Cocktailhistoriker David Wondrich sieht das ähnlich. Auch er findet deutschen Korn (das ist eigentlich, genau betrachtet, ein Pleonasmus, denn Korn muss immer in deutschsprachigen Gebieten hergestellt werden, um als solcher verkauft werden zu dürfen) spannend, und zieht ein sehr kluges und einsichtsvolles Fazit.

„Der ist ein altes Getreidedestillat, manchmal im Fass gelagert, leichter im Geschmack als die meisten Whiskeys, aber reicher als Wodka. Deutscher Korn ist das Missing Link zwischen Whiskey und Wodka.“

Wie bei den meisten Spirituosen finden wir aber natürlich unterschiedliche Ausbau- und Qualitätsstufen. Der klare Doppelkorn in 2cl-Flaschen an der Supermarktkasse bildet den Bodensatz der Kategorie für die Wirkungstrinker; Produkte wie der Sasse Cigar Special dagegen die Krönung: immerhin hat der Brenner Sasse 300 Jahre Kornerfahrung. Jener Cigar Special wird hergestellt aus Weizen- und Gerstenmalz. 2009 kam das Destillat ins Ex-Cognac-Fass und durfte dort 3 Jahre ruhen, danach folgte noch ein Finishing in amerikanischer Eiche. Man könnte von einem kategorienübergreifenden Schnaps sprechen, denn er erfüllt auch die Kriterien für Whisky (mindestens 3 Jahre Fassreifung).

Sasse Cigar Special Flasche

Sonnenblumengelb, erkennbar viskos, ich tendiere schon fast dazu „dickflüssig“ zu sagen. Langsam ablaufende Beine am Glas passen sich dem an. Ich rieche zunächst sehr viel Vanille, Eiche – könnte hier das Finishing in Fässern aus amerikanischer Eiche Verantwortung tragen? Eine mehr als nur gewisse Erinnerung an Bourbon ist jedenfalls da. Süßes Obst, Pfirsich und Litschi. Orange. Sehr leichte Lösungsmittel- oder Alkoholnoten.

Der Geschmack ist dann nach dieser Ouvertüre erwartungsgemäß süß. Mild und schwer zwar im Mundgefühl, dennoch überwiegt der Eindruck eines eher leichten, helltönigen Körpers, mit einer eleganten Trockenheit vom Antrunk an bis zum Schluss. Die 40% Alkoholgehalt sind kaum zu spüren. Es wiederholt sich der Eindruck der Fruchtigkeit: Pfirsich, Aprikose, Litschi. Im Abgang wird der Cigar Special dann würziger, bleibt dabei aber dennoch höchstzart. Aromatisch ist der Abgang eher kurz, effektmäßig dafür lang, warm und weich. Deutliche Adstringenz. Etwas Eisen (wie Blut) und ein Touch von Rauch hallen nach.

Fein und gut komponiert – im Gegensatz zum Lagerkorn aus demselben Haus ein erkennbar schwerer Brand mit anderer Reifung. Der dort angesprochene Vodka-Charakter ist praktisch völlig verschwunden – ich gehe davon aus, dass dies eine Folge des zusätzlichen Einsatzes von Gerstenmalz ist.

Entsprechend würde ich den Sasse Cigar Special auch als sehr attraktive Alternative zu einem Whisky, insbesondere einem Bourbon, in Cocktails sehen. Die Verwendung des deutschen Korns anstelle des amerikanischen Bourbons gibt einen netten, aufhellenden Touch an whiskylastige Drinks, wie den Clockwork. Damit kann man vielleicht sogar den einen oder anderen Bourbonfreund überraschen!

Clockwork


Clockwork
2 oz Bourbon (oder hier Sasse Cigar Special)
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Amaro
¼ oz Gomme Sirup
[Rezept nach Josh Sullivan]


Eigentlich hätte ich diesen Artikel anders eingeleitet. Die Bloggerkollegen von cocktailbart.de haben mir aber den Wind aus den Segeln genommen und den Gag, den ich zu Beginn bringen wollte, frech weggeklaut. Am Schluss soll er aber doch noch zu Sprache kommen, der gute Heinz Erhardt, mit seinem Beitrag zur Korndebatte.

Was hätte Heinz Erhard zum Sasse Cigar Special gesagt? Ich bin mir sicher, dass es ihm zunächst wie vielen gegangen wäre – das ist doch kein Korn, hätte er gesagt. Aber wenn man traurig ist, hilft so ein runder, schöner, dichter Kornbrand doch eh viel besser als ein einfacher Klarer, oder?

Kurz und bündig – Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger

Im Bierregal bei meinem GaleriaKaufhof findet sich immer wieder die eine oder andere unerwartete exotische Bierspezialität. Die Biere von Robinsons gehören dazu – das Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger, abgefüllt in der üblichen Robinsons-Flasche und zur deutlichen Abgrenzung mit einem orangefarbenen Etikett versehen, ist die dritte Variante dieses Brauers, die ich trinke (ich verweise gern auf die anderen zwei). Ingwer, hm? Ich liebe Ingwer. Ich liebe Bier. Das kann ja nur gut werden, oder?

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Flasche

Farblich sehen wir erstmal ein sehr dunkles Ale, gebrannte Siena, nicht blickdicht, mit ungewohnter, sehr feiner Perlage. Nur wenig Schaum, wie bei einem Ale zu erwarten. Ein leichter Hauch von Zitrone, und, wenn man genau aufpasst, nach Ingwer ist vorhanden. Es erinnert mich vom Geruch her an Biermischgetränke wie Schöfferhofer Grapefruit.

Der Ingwer ist das erste, das im Mund dann zuschlägt. Nicht extrem wie bei einem Ginger Beer, oder einem Ingwerlikör, sondern nur als Kopfnote, aber klar erkennbar. Ein fetter süßsaurer Nachschlag verwischt den Ingwer dann direkt wieder. Sehr frisch im Mund, wenn auch für meinen Geschmack für ein Bier zu süß. 6,0% Alkoholgehalt überraschen nicht. Die Süße bleibt auch am Gaumen, wenn das Ale den Mund in Richtung Rachen verlässt. Der Abgang ist eher kurz, trocken, etwas bitter; hier setzt sich das Ale dann wieder durch. Ganz am Ende blitzt auch der Ingwer wieder auf, in Form einer sehr milden Schärfe.

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Glas

Eine sehr spannende Variation auf Biermischgetränke. Durchaus angenehm zu trinken, und die Ingwerschärfe am Ende ist wirklich gelungen.

Die Herstellung ist interessant: Es wird nicht etwa Ingwerextrakt oder ähnliches zugesetzt, sondern das Robinsons ist ein Blend aus dem normalen Robinsons Strong Ale mit Fentimans Ginger Beer. Wer also so ein wahres „Ginger Ale“ mal ausprobieren will, aber an das Robinsons with Ginger nicht rankommt, nimmt einfach ein normales dunkles Ale und vermischt es mit etwas Ginger Beer.

Mehr als ein Absacker – Suntory Umeshu Yamazaki Cask

Man kennt das ja, in Restaurants mit landesspezifischer Küche gibts nach dem Essen oft einen mehr oder weniger exotischen Absacker „aufs Haus“. Beim Griechen den Ouzo, beim Italiener den Grappa. Beim Chinesen kriegt man hin und wieder einen Pflaumenwein. Tatsächlich mag ich diese süße, leichtalkoholische Spirituose sehr, hielt sie aber (wie mir das übrigens auch mit Ouzo und ganz besonders Grappa ging!) für ein grundsätzlich eher niedrigqualitatives Getränk ohne Anspruch. Nun, ich bin inzwischen soweit, derartige alte Vorurteile sofort als solche zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Die Recherche bezüglich Pflaumenwein machte dann aber einen kleinen Umweg, weg von China, nach Japan. Dort findet man Umeshu (梅酒), einen Likör, der durch das Einlegen von grünen, unreifen Ume-Früchten in Alkohol (hauptsächlich shōchū 焼酎) und die Beigabe von Zucker hergestellt wird. Mindestens 3, gern aber auch 6 oder 9 Monate lässt man das ganze ziehen, und ist dann bereit für den Konsum – ein milder, früchtig-süß-saurer Drink, der viele Anhänger hat, vor allem unter denen, die keinen harten Alkoholgeschmack mögen und trotzdem ein bisschen angeschickert werden wollen. Für den Suntory Umeshu Yamazaki Cask ging der bei uns hauptsächlich für seinen Whisky bekannte Hersteller noch einen Schritt weiter: Man benutzte für die Reifungsphase ein Ex-Yamazaki-Whisky-Fass.

Suntory Umeshu Yamazaki Cask Flasche

Mir war es aufgrund der Sprachbarriere nicht möglich, herauszufinden, ob Umeshu gefärbt werden darf. Eine automatisierte Übersetzung der japanischen Wikipediaseite zu Umeshu ergab auch nichts in diese Richtung; daher gehe ich davon aus, dass Färben erlaubt ist, insbesondere, da es sich hier um einen Likör handelt, dem eh schon Zucker und Fruchtstücke zugesetzt werden. Wie es auch immer sein mag – die Farbe gefällt. Ich würde es als Terracotta bezeichnen, mit minimaler Trübung und einem Hauch von Schwebstoffen.

Der erste Naseneindruck ist Honig. Dahinter taucht süße Frucht auf, Pflaume, Birne, Pfirsich, etwas süßer Apfel. Ein Hauch von Lakritz, leichte Malzwürze. Sehr angenehm zu riechen in seiner fruchtigsüßen Rundheit, höchstens der etwas hauchig wirkende Alkoholanteil fällt auf.

Im Mund explodiert der Suntory Umeshu dann aber geradezu. Die Frucht, die sich in der Nase nur angedeutet hatte, springt nach vorne und erfrischt mit einer sehr wirksamen Säure den ganzen Gaumen und die Zunge. Ein sehr voller Körper, der von der Süße gestützt wird, trägt das ganze. Das Mundgefühl ist perfekt rund. Apfel, Birne, Quitte, das Fruchtbouquet ist sehr voll und aromatisch. Ein Touch von Lakritz im hintersten Hintergrund erhöht die Komplexität. Der Alkohol, 17%, ist sehr schön eingebunden, angenehm spürbar, aber nie störend oder auffällig – man merkt, dass man ein alkoholisches Getränk im Mund hat, das schätze ich, denn viele andere Umeshus trinken sich wie Fruchtsaft.

Suntory Umeshu Yamazaki Cask Glas

Der Abgang ist dann sehr trocken, sauer, stark adstringierend, etwas holzig – hier kommt die Fassreifung, die sich bisher zurückgehalten hat, etwas zum Tragen, ich bilde mir auch ein, zumindest ein Gefühl von japanischem Whisky als Aroma zu spüren. Recht lang kommt er mir vor, der Abgang, Frucht und Trockenheit belegen die Zunge über einen ordentlichen Zeitraum.

Ein sehr angenehmes Getränk, das allerdings seine Komplexität in typisch japanischem Understatement etwas vor dem oberflächlichen Betrachter verbirgt, dem man also etwas Zeit geben und so auf die Schliche kommen muss.

Nun, wenn man schon eine so japanische Zutat hat, dann mache man daraus doch einen Cocktail, dessen restliche Ingredienzien auch einen fernöstlichen Hintergrund haben. In Ermangelung eines Yamazaki-Whiskys, der wohl die perfekte Wahl wäre, nehme ich einen Hibiki-Whisky und etwas Matcha-Tee-Pulver, um den The Yume in vollem grünen Glanz und viel Aroma erstrahlen zu lassen. Ein wirklich sehr spannender Cocktail, der die angesprochene Komplexität des Suntory Umeshu schön betont und zur Geltung kommen lässt.

The Yume


The Yume
1½ oz Umeshu (z.B. Suntory Umeshu Yamazaki Cask)
¾ oz Japanischer Whisky (z.B. Hibiki Japanese Harmony)
¼ oz Verjus
1 Teelöffel Zitronensaft
1 Prise Matcha-Pulver
Langsam und vorsichtig auf Eis shaken.
Mit japanischer Gelassenheit servieren.
[Rezept leicht adaptiert nach Igor Pachi]


Die Flasche ist eine klassische Whisky-Flasche, das Etikett ist direkt aufgedruckt. Sehr edel wirkt das ganze, da nimmt man den Plastikschraubverschluss in Kauf.

Gerne empfehle ich so einen wunderbaren, exklusiven Umeshu, bei dem man aufgrund des Preises von rund 50€ pro Flasche davon ausgehen können sollte, dass er nicht künstlich hergestellt wurde, wie es bei vielen Billigprodukten wohl inzwischen der Fall ist – die Produktion von Umeshu hat sich von 2002 bis 2011 verdoppelt, die Ernte von Ume-Früchten ist aber praktisch konstant geblieben. Man kann sich denken, dass das zusätzliche Produktionsvolumen dann halt eben ohne echte Frucht entsteht, aus künstlichen Aromastoffen. Das mag für den kostenlosen, kleinen Absacker beim Chinesen nach dem fetten All-You-Can-Eat-Buffet für 7€ angehen, für uns Genießer aber sicherlich nicht. Man erhofft, dass sich eine Selbstverpflichtung zur klaren Deklaration der Produktionsweise der japanischen Umeshu-Hersteller, die der entsprechende lokale Wirtschaftsverband ins Leben gerufen hat, Wirkung zeigt.

Hallelu – Das Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017

Ich gebe es gern zu, auch wenn es vielleicht nicht in die allgemeine emotional-angesäuselte Stimmung passt – ich bin ein Weihnachts-Grinch und meistens froh, wenn das Hochfest des Kommerzes und Umtauschens vorüber ist. Mit Weihnachtsmärkten kann man mich jagen, und Dekoration ist für mich meist übler Kitsch. So. Ich habe mich dennoch dazu überreden lassen, auf einen dieser für mich nur schwer erträglichen Fress- und Saufmärkte, die im Dezember überall stattfinden, zu gehen, und dort einen Stand der Saarbrücker Beer Society entdeckt. So kann man das beste aus der Situation machen! Schnell habe ich mir eine der hübsch dezent und ohne viel Schmonzes gestalteten Dreiviertelliterflaschen des Hallelu-Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017 eingepackt. Das Bier wird mit Bio-Zutaten von der Brauerei zum Klosterhof in Heidelberg eingebraut. Mit 6,5% Alkoholgehalt ist es damit ein Bockbier – sowas hilft gewiss in Zeiten des X-Mas-Stresses und erdrückender Feiertagssentimentalität!

Hallelu Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017

Dunkles Siena-Braun, wie das Holz des Stalls, naturtrüb, fast blickdicht. Mittlere Perlage, sehr feiner Schaum. Optisch mal sehr ansprechend. In der Nase singen hauptsächlich die Malzengel ihr Lied. Leicht heuig, etwas Frucht, das aber nur mild und nur im Hintergrund. Eine hefige Note komplettiert die Weihnachtssymphonie.

Am Gaumen spielt auch das verwendete Bio-Malz die Hauptrolle im Krippenspiel. Sehr süß im Antrunk, mit außergewöhnlicher Cremigkeit und kaum Ecken oder Kanten ist es ein Bockbier für den Freund des Abgerundeten. Dabei erhält es sich doch eine gewisse Rezenz, wenn man es einigermaßen gekühlt trinkt (direkt vom Balkon, bei den aktuellen Temperaturen). Im Verlauf kommt doch noch eine leichte Säure zum Vorschein. Leider fehlt es dann im Gesamtbild doch etwas an Körper und Tiefe.

Der Abgang ist eher kurz, die heiligen drei Könige werden nichts mehr davon mitbekommen, wenn sie sich nicht beeilen. Dankenswerter Weise fehlt der Eisenton im Nachhall, der mich an vielen Bockbieren stört, komplett. Mit leichter Trockenheit und dann doch starker Adstringenz klingt das Hallelu aus.

Ja, das ist ein Bier, das mir trotz kleiner Mängel gefällt, und das die Saarbrücker Beer Society gut ausgewählt hat. Die etwas arg dämlichen Tippfehler auf dem Etikett sollten bei einer Neuauflage 2018 definitiv ausgemerzt werden, aber sonst – Halleluja, das ist ein Bier, das Weihnachten auf jede saarländische und restdeutsche Festtafel passt! Selbst für Grinches wie mich!

Hallelu neues Etikett

P.S. Nachtrag 2018 – in der Neuauflage wurden tatsächlich die Tippfehler entfernt.

Kurz und bündig – Hanscraft Black Nizza Motor Øl Imperial Stout

Kreativbier hat ja in gewissen konservativen Bierkreisen den Ruf weg, hauptsächlich an flashigen Namen und verrückten Etiketten interessiert zu sein, statt am Bier selbst. Das Hanscraft Black Nizza Motor Øl Imperial Stout könnte diesem Vorurteil Öl ins Feuer gießen, bei so einem Namen. Schauen wir mal rein, ob das Vorurteil, wie so oft, durch die Realität aufgelöst wird.

Tiefstbraun, blickdicht – die Assoziation zu Öl ist wirklich gegeben (auch wenn hier wahrscheinlich eher das dänische Wort für Bier, Øl, als Pate gedacht war). An der Oberfläche sehr feiner, für ein Stout sehr voluminöser, gemischtporiger Schaum in einer recht dunklen Farbe, die fast schon vom Beige ins Laubbraun übergeht. Die erstaunliche Anzahl von 10 Spezialmalzen (aus Gerste, Weizen, Roggen und Hafer) und 3 Hopfensorten wurden hier verbraut, da muss doch abgesehen von der Optik auch aromatisch was rüberkommen?

Hanscraft Motor Öl

Schokolade, durchaus kräftige Fruchtnoten nach Honigmelone, Rosinen und Pfirsich erfreuen die Nase. Ein überraschender starker Anklang nach Tequila. Kaffeenoten. Tatsächlich rieche ich Heizöl, das mag aber ein psychischer Selbsttäuschungstrick, der aus dem Namen entsteht, sein. Maggi und Speisewürze dagegen sind deutlich.

Der Geschmack ist recht salzig, Kaffee und Sojasauce sorgen für Würze, schwarze Bitterschokolade für Charakter. Das Black Nizza bleibt im Verlauf nur leicht bitter, dafür starksüß, mit sehr dichtem Körper mit viel Wucht, aber ohne echte Tiefe. Wenig Karbonisierung, zumindest teilweise deswegen auch kaum Rezenz, höchstens die milde Säure erfrischt. 9,0% Alkohol sind stiltypisch vorhanden. Sehr kurz, metallisch, etwas pappig: Das ist der Abgang. Der Nachhall hält dann Bitterschokolade pur am Gaumen vor, für eine lange Zeit.

Ich finde es keineswegs schlecht, nur im Vergleich zu anderen Imperial Stouts doch etwas zu belanglos und klebrig. Ich habe noch eine zweite Flasche, die ich etwas kühler trinken werde; normalerweise empfiehlt man für derartige Biere ja eine höhere Trinktemperatur, für das Motor Øl kommt mir persönlich das zu warm vor.