Kurz und bündig – Rheinbrand Dry Gin

Zum Kanton Aargau in der Schweiz habe ich eine gewisse Beziehung, ich war in einem früheren Arbeitsleben oft auf Dienstreise dahin unterwegs, und habe die Menschen, so meine ich, etwas kennen und schätzen gelernt. In der Gemeinde Elfingen wird dort der Rheinbrand Dry Gin destilliert. Da kommt bei mir direkt etwas Nostalgie hoch – ich hoffe, ich lasse mich bei meiner Verkostung dieses Gins davon nicht allzu sehr beeinflussen. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample.

Rheinbrand Dry Gin

Farblich, wie von einem London Dry Gin zu erwarten, glasklar. Eine gewisse schwere Konsistenz ist erkennbar, dennoch recht schnell ablaufende Beine am Glasrand. Die Nase ist frisch und zitronig, mit einer attraktiven Beerenfruchtigkeit. Man hat kaum Mühe, die Kirschen und Holunderblüten, die unter anderem als Botanicals dienen, herauszuriechen. Eine leichte Lösungsmittelkomponente schwingt mit.

Geschmacklich sind wir eher auf der kräuterigen, erdigen Seite. 40% Alkoholgehalt sind gut verarbeitet, ohne Stechen auf Schleimhäuten in der Nase oder im Mund. Eine spannende Aromatik – Rosmarin, Holunder, Heu, Erde, eine hohe Mineralität. Sehr ungewohnt, aber interessant. Ich vermisse den Wacholder aber sehr. Im salzigen, warmen, adstringierenden und langen Abgang kommen neben heißem Chili so langsam auch etwas Wacholderaromen auf – etwas spät erst und auch wenig für einen Gin, der von sich sagt, nach „den Vorgaben eines London Dry Gins“ (Zitat aus der Pressemitteilung) destilliert worden zu sein. Der Nachhall lebt dann vom verwendeten Riesling, ist weinig, traubig, süß. Sehr gefällig.

Ein attraktiver Gin, aber entgegen den Aussagen weit entfernt davon, klassisch zu sein. Für mich gehört er in die Kategorie der Contemporary Style Gins; wer diese Kategorie zu explorieren und etwas ungewohntes sucht, kann unbesehen zugreifen. Wer einen klassischen London Dry Gin, insbesondere für Cocktails, sucht, muss woanders zuschlagen.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung des Samples.

Schweizer Grenzgänger – Xellent Swiss Vodka

Es war ein großer Lacher im Kino, als James Bond (gespielt von Daniel Craig) in „Casino Royale“ auf die Frage, ob er seinen Vodka Martini gerührt oder geschüttelt wollte, antwortete: „Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?“ Ich habe kurz mitgelacht, aber tatsächlich, als ich ein bisschen darüber sinnierte, fand ich das eine blöde Szene. Nur um einen billigen Lacher zu provozieren stürzt man hier mehrere grundlegende Gegebenheiten um. Erstens, kein Barkeeper, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, würde diese seltsame Frage „geschüttelt oder gerührt?“ zu einem Martini überhaupt stellen – ihn geschüttelt zu trinken ist ein höchst ungewöhnlicher Sonderwunsch, den ein Gast vorbringen muss, nicht der Barkeeper. Zweitens nimmt man die Vernichtung des leichten Zaubers, den die Phrase im Bond-Kontext nun mal seit Jahrzehnten hat, billigend in Kauf. Und zu guter letzt bricht man mit dem Charakter des James Bond, der in den Romanen als absoluter Genießer, Kenner und Cocktail- wie Spirituosengourmet dargestellt wird. Wie man an der folgenden, herrlichen Infografik leicht erkennen kann ist Bond, was Essen und Trinken angeht, überhaupt nichts egal – sie wäre aber noch spannender, würde sie das, was in der Literaturvorlage geschieht, berücksichtigen, und nicht nur die Kinofilme.Shaken, not stirredMan ahnt anhand dieser Liste, dass Bond durchaus, trotz seiner eigentlichen Liebe, dem Champagner, ein Kind seiner Zeit ist; in den 50er Jahren, als viele der frühen Geschichten und Romane um den britischen Agenten entstanden, war Vodka der Hit schlechthin. Letztlich ist das für mich, als absoluten Fan des Schreibstils Ian Flemings, einer der wenigen Gründe, mich überhaupt mit Vodka im westlichen Stil auseinanderzusetzen, der ja auf Geschmacksneutralität setzt und damit für mich nicht interessant ist, der ich auf Aromenvielfalt und -wucht schiele. Ich will dem Xellent Swiss Vodka aber dann doch eine Chance geben, Nullnullsieben zuliebe – gehört der Vodka aus der Schweiz, hergestellt mit Gletscherwasser und (dankenswerterweise nur!) dreifach destilliert, in diese Kategorie der westlichen Neutralvodkas?

Xellent Swiss Vodka Flasche

Farblich klar und ohne jedweden Einschluss. Eine starke Öligkeit ist erkennbar, die Beinstruktur sehr beeindruckend, die langsam ablaufenden Tröpfchen am Glasrand gefallen. Im Geruch ist zunächst mal nichts von einer Neutralität zu riechen – eine leichte Zitrusnote, etwas Gras, eine Getriedekomponente, ein Hauch einer Blumigkeit. Etwas Ethanol. Es ist also geruchlich etwas da, aber insgesamt nur „etwas“. Man muss aber ehrlich zugeben: ich hatte schon Rums im Glas, die weniger aromatisch waren.

Im Mund kommt wieder die Öligkeit zum Vorschein, und eine damit einhergehende Cremigkeit, die zu gefallen weiß. Ich entdecke hier etwas würzigen Roggen, etwas spritzige Limette, aber auch eine milde Schokoladigkeit im Hintergrund. Erneut ist das Schlüsselwort jedoch wieder „etwas“.  Rudimentäre Ansätze von Thymian und Lavendel. Der Abgang hält sich dann nicht mehr zurück – eine starke Pfeffrigkeit sorgt für einen spannenden Wechsel vom cremigen Antrunk her, und für eine gewisse Effektlänge – aromatisch ist der Xellent nach wenigen Sekunden dagegen vom Gaumen verschwunden.

Hm, das ist gar nicht unangenehm zu trinken, das muss ich zähneknirschend eingestehen. Nicht spannend oder aufregend, aber auch nicht belanglos, wie ich erwartet hatte, sondern durchaus gefällig mit dezenten Aromen.

Nun könnte ich hier natürlich einen Vodka Martini empfehlen, um auf die Einleitung zurückzukommen. Allein, mir fehlt der Glaube an diesen Drink, den ich für eine der armseligsten Entschuldigungen für ein Besäufnis halte – schmeckt nach nichts, knallt dafür gut und ist im Atem nachher nicht zu erkennen. Ideal für einen desillusionierten britischen Geheimagenten der 50er Jahre, sinnlos in heutigen Zeiten. Der Yukiguni dagegen hat den Charme, dass der Schweizer Vodka allein schon vom Namen her („Land des Schnees“) gut passt.

Yukiguni


Yukiguni
1½ oz Vodka
½ oz Triple Sec
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Zuckerrand servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Über einen Mangel an Aufmerksamkeit wird sich der Xellent nie beschweren werden können – die Flasche schreit geradezu „schau mich an!“. Das rote Glas, das prominent platzierte Schweizerkreuz, der große, silberfarbene Plastikdrehverschluss, da gibts was zu schauen, und in jeder Bar fällt die Flasche auf. Unter Gesichtspunkten der Praktikabilität wurde viel geopfert für die flashige Wirkung.

Auch wenn der Xellent ein Grenzgänger sein mag, bleibt für mich ein derartiger Vodka, egal welche Qualitätsstufe er aufweist, eine reine Mixzutat, und selbst dabei weiß ich nicht so recht, ob ein reiner Alkohollieferant eine ideale Zutat ist. Für die, die sich auch für die Möglichkeiten interessieren, die nichtneutraler Vodka im Purgenuss bieten kann, empfehle ich daher, auch wenn der Xellent schon etwas in diese Kategorie schielt, lieber Produkte wie Freimut oder Polugar, die einen noch sehr viel stärker ausgeprägten eigenen Geschmack und deutlicheren Charakter mit sich bringen. Ich weiß nicht, welchen Vodkastil der literarische Bond persönlich bevorzugt hätte, aber da er auch gern Scotch trank, hätte er sicher überlegt, ob er nicht auch eventuell Geschmack dem damals so wichtigen Flair eines klaren, aromenlosen Modegetränks vorgezogen hätte. Wenn nicht, wäre der Xellent Swiss Vodka aber bestimmt ein sehr interessantes Produkt für ihn gewesen – für mich ist er jedenfalls der neue Standardvodka in meiner Hausbar, ideal für die klassischen Vodkadrinks, die ich mir hin und wieder gönne.

Kurz und bündig – Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Trocken ist gerade wieder in – auch bei Cocktails wendet man sich seit Jahren immer mehr von den süßen Saft- und Sahnebomben ab, und stattdessen hin zu „dry“, „sec“ und „brut“. Was nicht bedeuten soll, dass selbst hier nicht noch Bedarf nach hochwertigen, süßen Zutaten besteht – ein paar Tropfen eines guten Kakaolikörs verleihen so manchem klassischen, sonst eher trockenen Whiskey- oder Rumdrink eine ungeahnte Tiefe.

Selbst bei Kakaolikör darf man sich nicht auf die Farbe verlassen; es gibt fast schwarze und völlig transparente Produkte dieser Art. Die  Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille bietet einen recht natürlich wirkenden, hellbraunen Farbton, der tatsächlich rein aus der Mazeration des Kakaodestillats mit weiterem venezuelanischen Kakao und ganzen, zerquetschten mexikanischen Vanilleschoten entstehen könnte. Dickflüssig fließt der Likör schon ins Glas und setzt sich dort gemächlich ab; er lässt sich kaum schwenken.

Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Die Nase nimmt dann nicht die erwartete Milchschokolade wahr, sondern dunklen, schwarzen Kakao, als würde man an einer Tafel 85%iger Schokolade riechen. Da ist kaum etwas Süßes, sondern dunkle Würze, Sojasauce, Sorghum und eine leichte Fermentnote. Im Nachgang rieche ich etwas Orange.

Im Mund zerläuft die Crème dann wie ein Stück Butter, natürlich sehr süß, wie von einer Crème mit über 250g/L Zuckergehalt zu erwarten. Der Kakao dominiert die Aromatik, nicht ganz so dunkel, wie es die Nase andeutete, aber auch hier findet man keine pappsüße, lila Alpenmilch, sondern einen echten Kakaocharakter. Leichte Anklänge von Vanille, etwas Orange.

Der Abgang hält sich dank des Zuckers lang am Gaumen, sehr schokoladig, aber die dauernd schon vorhandene Orange spielt nun etwas weiter vorne mit. Etwas Ingwer meine ich zu erkennen, ein mildes Kribbeln auf den Zungenseiten deuten für mich eher auf Würze als auf die gemäßigten, nur im Ansatz schmeckbaren 24% Alkohol hin.

Die Produkte von Tempus Fugit werden ohne Scheu und falsche Scham als Cocktailzutaten vermarktet; während viele Hersteller das als Ausrede nutzen, um an Qualität und Selbständigkeit in der Aromatik zu sparen, sieht Tempus Fugit dies offensichtlich als Herausforderung an. Tatsächlich funktioniert diese Crème de Cacao herrlich in Cocktails – wer es probieren will, gerade mit chinesischem Baijiu spielt dieser Likör wunderbar zusammen. Doch selbst pur, eventuell auf einem Eiswürfel, kann Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille ohne Mühe ein wunderbares Dessert abgeben.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Trockene Verordnungen und trockener Gin – The Alpinist Swiss Premium Dry Gin

Eines meiner Lieblingsthemen im Spirituosenbereich sind Gesetzesvorgaben und Kategorienbeschreibungen. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr ausgiebig mit EU-Verordnungen und Landesvorgaben für regionale Spezialitäten auseinandergesetzt, ein Gebiet voller Tretminen und Fallgruben. Was einem dabei sehr schnell auffällt – das Wissen um gesetzliche Vorgaben wie auch um historische, regionale und produktspezifische Gegebenheiten, die man mit diesen Gesetzen schützen will, ist nur wenig verbreitet. Selbst unter den Herstellern scheint es nur wenig Interesse daran zu geben, sich dahingehend weiterzubilden, und unter den Konsumenten, selbst den Experten, ist viel Halbwissen vorhanden, das mit gern von den Herstellern gestreuten Legenden und Pseudofakten gewürzt ein wildes Gemisch an Fehlinformation ergibt, das schnell ein Eigenleben annimmt und sich dann in sozialen Medien verselbständigt.

Ich hoffe, mit meinem Blog für Interessierte ein paar Hilfestellungen zu geben, was die für viele wenig spannenden Bereiche des Gesetzes und der Vorgaben angeht. Ein schönes Beispiel für erste Probleme, auf die ich oft stoße, ist der The Alpinist Swiss Premium Dry Gin. Zerpflücken wir mal den Namen – „The Alpinist“ ist der Markenname, „Swiss“ soll auf die Herkunft aus der Schweiz hindeuten. Soweit, so gut, der Markenname ist schön gewählt und dieser Gin wird tatsächlich in der Schweiz hergestellt. Immer wenn ich das Wort „Premium“ lese, rollen sich mir die Fußnägel auf – ein völlig inhaltsleerer Begriff, der rein marketingtechnisch zu verstehen ist – bitte, liebe Spirituosenproduzenten, lasst es sein. Und am Ende noch „Dry Gin“; was ist das? Laut EU-Verordnung 110/2008, die alles, was Spirituosen angeht, für Europa regelt, gibt es diesen Term als legal geschützten Begriff nicht, nur „London Gin“, der durch den Zusatz „Dry“ ergänzt werden darf. Wichtig ist die Begriffsklarheit deswegen, weil einem „Gin“ so einiges an Zucker und anderen Stoffen beigegeben werden darf, einem „London Dry Gin“ aber nur sehr wenig. Wir kommen darauf nachher noch zurück, jetzt schauen wir uns den Schweizer Gin mal im Glas an.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Flasche

Klar und ohne Fehler ist die Farbe. Eine gewisse leichte Öligkeit ist beim Schwenken im Glas erkennbar, entsprechende Schlierenbildung und einigermaßen schnell ablaufende Beine gehören dazu. Die Nase ist sehr parfümig, blumig und fruchtig, ich rieche viel Blütenduft, Zitrone, Ananas, Kirschsaft. Auffällig ist die vollkommene Abwesenheit von Wacholder im Geruch – für mich als Puristen, der Wert auf zumindest grundsätzliche Typizität bei Spirituosen legt, ein kleiner Mangel. Dafür macht dieser Gin schon vom Geruch her einen eher süßlichen Eindruck. Insgesamt ein sehr angenehmes Geruchsbild, da kann man lange dran schnuppern und sich die blühenden Bergwiesen im Geiste ausmalen.

Bei der aktuellen Lage des Ginmarkts ist es scheinbar wichtig, sich über Signatur-Botanicals zu definieren – sonst geht man in der Masse der Neuerscheinungen, die auch heute noch praktisch jeden Tag hereinprasseln, unter. Bei The Alpinist hat man sich passenderweise für Alpenkräuter entschieden: Arnika, Silberdistel und Frauenmantel sollen für die besondere Charakteristik sorgen. Das „Gletscherwasser vom Jungfrauenjoch“ komplettiert die Produktstory, wenn man mich kennt, weiß man, dass ich von derartig nostalgischen Bildern nicht viel halte, aber sei es drum.

42% Alkoholgehalt sind für einen Gin ein recht üblicher Wert, hier schmeckt man ihn aber doch stark heraus, er wird dann doch noch von den mazerierten Pflanzenaromen aufgefangen. Zuvorderst entdecke ich Zitrone, mit Kräuterunterlage. Da ich die Signaturbotanicals geschmacklich nicht pur kenne, kann ich kaum beurteilen, ob sie es sind, die diese Kräuterbasis bilden; angenehm ist es auf jeden Fall, wenn auch leicht untypisch für klassischen Gin. Im Antrunk kommt er mir noch recht schwachbrüstig vor, die Kantigkeit eines trockenen Gins entsteht erst im Verlauf, wo er auch ein leichtes Alpenglühen entwickelt. The Alpinist wirkt mir insgesamt aber etwas weichgespült. Süßung ist, wie oben schon erwähnt, bei Gin erlaubt, eine Messung ergibt, dass hier trotz der gefühlten Süße kein Zucker über die für einen London Dry Gin erlaubten 0,1g/L zugesetzt wurde.

Im Abgang gefällt er dagegen sehr, hier entsteht klare Trockenheit, ordentliche Adstringenz, deutliches Pfeffergefühl; es bleiben die blumigen Aromen und die Zitrone lange am Gaumen und versüßen einem damit noch einige Minuten, wenn der Gin schon längst wieder aus dem Mund ist.

Selbstverständlich habe ich diesen Gin auch in einem Gin & Tonic probiert, da wirkt er fast schon verführerisch in seiner floralen Süße und seiner eidgenössischen Zurückhaltung. In klassischen Cocktails wäre er überfordert, so ehrlich muss man sein, dazu hat er weder genug Wucht noch erwarteten Wacholder. Der Violet Sunset aber ist ein sehr blumiger Cocktail, dem ein Gin gut steht, der nicht brachial und extremwacholderig daherkommt. Ideal also für den The Alpinist, der hier seine ganze Blumen- und Blütenpracht ausspielen kann. Violet Sunset


Violet Sunset
1 oz Gin
¾ oz Ingwerlikör
¼ oz Aperol
¼ oz Crème de Violette
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach drinkstraightup.com]


Die Produktbroschüre und die Etikettierung weist natürlich sehr ausführlich auf die Herkunft dieses Gins her, mit Schweizerkreuz, einem Schweizer Skisportidol als Markengesicht und ähnlichem. Die Firma, die den The Alpinist herstellt, ist aber im Fürstentum Liechtenstein beheimatet; ich muss aus Unwissenheit und mir innewohnendem Misstrauen rein steuerliche Gründe dafür vermuten, aber immerhin ist Liechtenstein rein geografisch noch nah genug an der Schweiz, und auf jeden Fall in den Alpen, dass man das natürlich akzeptieren kann. Hergestellt wird der The Alpinist aber scheinbar komplett in der Schweiz, das Brennen findet in einer nichtgenannten „Craft Distillery“ (auch hier wieder der fast schon obligatorische Hinweis auf das Wort „Craft“, analog zu sehen zu „Premium“) im Kanton St. Gallen statt.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Karton

Noch ein paar Worte zur Produktpräsentation. Die Flasche selbst ist zurückhaltend, mit einer gefälligen Form. Ein paar Details wie ein kleines Lederbändchen mit Druckknopfverschluss um den kurzen Flaschenhals und ein Lederanhänger sorgen für den Chichi-Effekt, der im Kontrast zum sehr edlen und strengen Etikett mit viel Weißfläche und silberner Schrift steht. Sehr auffällig und hübsch gemacht ist jedenfalls der Karton, in dem die Flasche geliefert wird – die Aufklappidee finde ich außergewöhnlich schön, und da dafür auch hochwertige Materialien verwendet wurden, macht es Spaß, die Flasche aus ihrem Behältnis zu holen und sie nach Gebrauch wieder darin zu verstauen.

Summasummarum ist The Alpinist ein moderner, etwas untypischer Gin für die Ginaficionados, die schon alles sonst durchhaben und ein neues Geschmackserlebnis suchen. Ob ich allerdings bereit wäre, den aufgerufenen Preis von knapp 50€ für 700ml einer ungereiften und sehr einfach herzustellenden Spirituose zu bezahlen, steht auf einem anderen Blatt; diese Einschränkung gilt bei mir aber für alle Gins, nicht nur für Schweizer Alpinisten.

Offenlegung: Ich danke The Alpinist AG für die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Gins.

Kurz und bündig – Tempus Fugit Gran Classico Bitter

Heute in Kurz und bündig, meiner unregelmäßig erscheinenden Reihe an kurzen Tastingnotes, ein Bitterlikör aus dem Hause Tempus Fugit – der Gran Classico Bitter. Dabei handelt es sich um einen klassischen italienischen Bitter, der allerdings seit 1925 von E. Luginbühl in der Schweiz hergestellt wird, die damals das Rezept einem Turiner Hersteller abkauften. In neuem Glanz erstrahlt er nun, da die Spirituosenwelt sich ändert („tempus fugit“, in der Tat! Die Zeit fliegt!) und man Interesse an alten, fast schon vergessen geglaubten Zutaten entwickelt.

Gran Classico Bitter Glas

Die dunkle terracottafarbene Flüssigkeit, die ohne künstlichen Farbzusatz entsteht, liegt schwer im Glas, langsame, ölige Wellen bewegen sich beim vorsichtigen Drehen des Glases. Die Glaswand bleibt lange von den Resten dieser Flüssigkeit benetzt, nur langsam laufen diese ab.

Ich halte die Nase ins Glas – Essig, Lakritz, Chinarinde, Orangenschale,Fruchtbonbons, Grapefruit, Holz, ein Gefühl von Rauch. 25 Kräuter und Wurzeln sollen laut Hersteller verwendet werden; ich glaube es direkt, die entsprechende Komplexität ist ohne Mühe erkennbar. Ein Alkoholhauch sticht die Nasenschleimhaut, ein bisschen Geduld und Offenstehen lässt diese verfliegen.

Sehr süß und cremig im Antrunk. Dies bleibt auch während der ganzen Verkostung des Gran Classico Bitter so und bildet den Gegenpart gegen die kräftige Bittere, die gut eingebunden wirkt. 28% Alkohol kümmern sich um den ordentlichen Wumms. Grapefruit, bittere Kräuter, leicht holzige Aromen, eine milde Salzigkeit und dazu eine dezente aber wirkungsvolle Würze sorgen für einen dichten Körper mit erstaunlich viel Kraft. Stark adstringierend, recht pfeffrig, sehr lang und effektvoll ist der Abgang schließlich.

Pur ist er mir dann doch viel zu süß, aber der Purgenuss ist auch nicht das übliche Einsatzgebiet eines solchen Likörs. Tatsächlich muss mein geliebter Campari sich in diesem Wettbewerb warm anziehen – der Gran Classico Bitter ist ein mehr als akzeptabler Ersatz für ihn in vielen Drinks. Gerade Cocktails, die sich stark auf diese Komponente verlassen, wie der Negroni, der Boulevardier oder der Old Pal, können sicherlich von der zusätzlichen Komplexität, die der Gran Classico im Vergleich zweifelsohne mitbringt, profitieren – und das sage ich als ausgesprochener Campari-Fan. Und auf die künstliche rote Farbe kann man eh verzichten, ob Fan oder nicht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Kurz und bündig – Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or

Kina ist eine der verlorenen Zutaten, deren Fehlen Ted Haigh in seinem Buch Vintage Spirits and Forgotten Cocktails beklagt. In einer Zeit wie heute, in der es ein neues, starkes Interesse an derartigen Spirituosen gibt, die lange ausgestorben waren, tun sich findige Hersteller wie Tempus Fugit mit dem Schweizer Oliver Matter zusammen, um sie wiederzubeleben. Ein Ergebnis davon ist der Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or – würde James Bond ihn in seinen Vesper-Cocktail mischen lassen, als Ersatz für den damals verwendeten, heute nicht mehr hergestellten Kina Lillet?

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Glas

Die Farbe ist frappierend – ein strahlendes Sonnenblumengelb, das wahrscheinlich Namensgeber für diesen Quinquina ist („Das goldene Flugzeug“, das man auch auf dem Etikett sieht). Oder umgekehrt, je nachdem, wie man es sehen will. Eine leichte Viskosität ist im Glas erkennbar, die sehr langsam ablaufenden Beine sind sehr attraktiv.

Der Geruch verbirgt die Wurzeln des Kina l’Aero d’Or nicht. Da ist viel Weißwein, erfreulich, dass man das Basisprodukt noch erkennt. Darüber liegen Schichten aus Zitrus und Kräutern – laut Hersteller wird der Weißwein aus dem Piedmont mit Chinarinde, Orangenschale, Wermut und Gewürzen infundiert. Dies ist tatsächlich auch schön nachvollziehbar, und bildet ein sehr intensives Aromenbild, ich rieche viele Minuten daran und werde es nicht müde.

Das goldene Flugzeug fliegt mit einem sehr trockenen Antrunk los. Bitter und herbal ist der erste Eindruck, obwohl eine fette Süße immer für Bodenkontakt sorgt. Eine starke parfümige Komponente überrascht dabei. Ich fühle mich sehr stark an einen Kräuterlikör wie Jägermeister erinnert, oder vielleicht an Unicum. Im Verlauf kommen die Zitrusnoten stärker zum Tragen, eher bittere aber, Orangenschale und Grapefruit. Die enthaltenen 18% Alkohol sind nicht spür- oder schmeckbar.

Der Abgang ist süß, eher fast schon klebrig, dabei aber mit einer unterschwelligen Würze, die als Chilieffekt die Zungenspitze betäubt. Insgesamt bleiben adstringierende Effekte extrem lange am Gaumen, viele Minuten nach der Verkostung. Eine leichte holundrige Blumigkeit sorgt für den ausgleichenden Ausklang und eine sichere Landung.

Ein sehr interessanter Likör, den man sehr angenehm pur als Apéritif genießen kann, der aber auch in Cocktails genug Charme und Wucht mit sich bringt; ich werde ihn in Kürze in einem Boulevardier als Campari-Ersatz ausprobieren. James Bond würde ihn in seinem Cocktail jedenfalls mögen, da bin ich mir sicher. Und Ted Haigh auch.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.