Kurz und bündig – Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Der Hobbybrauerwettbewerb von Maisel & Friends geht in die nächste Runde – Kellerbiere galt es zu brauen. Während der Home Brew Bayreuth im September 2019 wurden die Einreichungen verkostet, und der Gewinner war Heiko Müller mit seinem Kaminfeuer Kellerbier, das nun als Gewinn in limitierter Auflage statt im heimischen Keller auf den professionellen Anlagen bei Maisel nachgebraut werden konnte.

Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Sehr schöne safranfarbige Opalisierung, durch die das Bier im im Glas leuchtet. Hält man es gegen das Licht, sieht man kleine Bläschen sehr langsam aufsteigen. Der Schaum, schon zu beginn eher dezent, bleibt als feine aber dünne Decke eine Weile auf dem Bier liegen. Geruchlich sehr würzig, mildrauchig, fast schon etwas nach Grill duftend. Auf jeden Fall passt hier der Name sehr gut. Starkmalzig, leicht speckig, etwas brotig – eine sehr prägnante Duftkomposition insgesamt.

Auch im Mund schmeckt das Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller, wenn man mich fragt, zunächst wie ein Schinkenbrot. Die Würze bleibt erhalten, wird nur durch zurückhaltende Hopfenfrucht in der Zitrusrichtung ergänzt. Leicht salzig, erkennbar rauchig, ein Anflug von Kümmel; sehr rezent und kantig-bitter im Mund, ohne dafür eine üppige Cremigkeit aufzugeben. Eine gewisse Unrundheit muss man allerdings auch attestieren, gegen Ende entsteht im Mund eine leichte Schalheit. Der Abgang hat fast schon einen Eukalyptushauch, ist frisch und langanhaltend deftig bitter (23 IBU, ich hätte mehr vermutet), fast schon hin zum Kratzenden, was bei diesem Bier gar nicht stört, sondern zum Gesamtkonzept passt. 5,6% Alkoholgehalt passen sich hier gut ein.

Ohne Schwierigkeiten kann ich hier sagen – dieses Bier hat seinen Gewinn verdient, und ich finde es ausgesprochen toll, dass Maisel & Friends sich der Hobbybrauer annimmt und diesen so eine Möglichkeit gibt, der Welt zu zeigen, dass Bier ein derart vielseitiges Getränk ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche „Kaminfeuer“.

Der Boden macht den Wein – Courvoisier VSOP Cognac

Über Alter redet man immer viel bei Spirituosen. Über die Herkunft der Basismaterialien bleibt einem oft nicht viel zu sagen, denn man kennt sie selten. Bei Whisky scheint es für die Hersteller und deren Marketing oft völlig irrelevant zu sein und wird höchstselten diskutiert, wo das Getreide wächst, bei Melasse-Rum wird die Melasse ebenso oft eingekauft und nicht dauernd selbst aus lokalem Zuckerrohr produziert. Bei Tequila wird gern zwischen Hochland und Tequila-Tal unterschieden, doch bei Blindtests konnte der Unterschied kaum wahrgenommen werden; das aktuell beliebte Wort „Terroir“ ist bei Spirituosen definitiv anders zu interpretieren als bei Wein, wo beispielsweise der Boden, auf dem die Trauben wachsen, wirklich extremen Einfluss auf das Endprodukt hat.

Entsprechend wichtig ist auch für Cognac-Hersteller, wo der Wein, auf dem sie aufsetzen, gewachsen ist. Man findet auf den meisten Cognac-Flaschen das Weinanbaugebiet, französisch „cru“, von dem die Trauben stammen, die eingesetzt wurden. In der Region Cognac gibt es 6 crus, absteigend in der Wahrnehmung der Wertschätzung – Grande Champagne, Petite Champagne, Borderies, Fins Bois, Bons Bois und Bois Ordinaires. Beim Courvoisier VSOP findet sich erstmal auf dem Etikett allerdings keine direkte Angabe darüber – es handelt sich um einen Blend, wie es bei Cognac eigentlich Tradition ist, aus Destillaten der Weine verschiedener crus, hier Grande Champagne, Petite Champagne und Fins Bois.

Courvoisier VSOP Cognac

Die Farbe ist ein schönes, leuchtendes Kupfer, mit Tendenz zu Orangefarbe. Eine vorsichtige Schwere macht sich im Glas beim Schwenken bemerkbar, die Beine laufen zwar schnell ab, hinterlassen aber einen dicken Wandteppich an der Glasfläche.

In der Nase nimmt man erstmal eine leichte Blumigkeit, die typisch für Weinbrände ist, wahr. Dazu kommt schnell eine feine Nussigkeit, und Aromen nach Rosinen und Pfirsichen. Etwas Vanille durch die mindestens 4 Jahre Holzfassreifung sorgt für Unterbau, und eine leicht alkoholische Note für einen kleinen, minimalen Misston.

Sehr weich im Antrunk, da ist viel Cremigkeit und Flauschigkeit. Im Verlauf kommt milde Würze dazu, ein bisschen schwarze Pfeffrigkeit. Die Rosinen und Pfirsiche sind auch hier präsent und dominieren das Geschmacksbild. Breit im Mundgefühl, aber nicht sehr tief. Man schmeckt gegen Ende etwas den Alkohol, das müsste bei 40% Alkoholgehalt eigentlich nicht sein.

Courvoisier VSOP Glas

Der Abgang des Courvoisier VSOP schließlich ist warm, leicht kitzelnd an Zunge und Backeninnenseite, eher kurz, schlägt dabei aber den Bogen zurück zur initialen Floralität – eine wirklich extrem prägnante Jasminnote hängt noch lange Minuten am Gaumen nach. Sicherlich das schönste an diesem Weinbrand; für mich etwas, was alle Mängel zuvor wieder ausgleicht.

Ein einfacher, nicht wirklich komplexer, aber dafür gut trinkbarer Cognac ohne große Stärken, gleichzeitig aber auch ohne große Schwächen. Für mich ist er pur zwar durchaus akzeptabel, aber nicht wirklich spannend – in Cocktails dagegen halte ich ihn für sehr schön einsetzbar, weil er hohe Typizität aufweist und dabei noch etwas Wumms mitbringt und nicht zu mild ist.  Im Dolores #2 zeigt sich dies – ein Drink, der absolut vom Mundgefühl und dem Gesamtbild und weniger von einzelnen Geschmacksspitzen lebt.

Dolores #2


Dolores #2
1½ oz Cognac
¾ oz Kirschlikör
¾ oz Crème de Cacao
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Mit Muskatnuss bestäubt servieren.

[Rezept nach unbekannt]


Der Courvoisier VSOP ist ein gut erhältliches Produkt, ich will jetzt nicht negativ werden und ihn als „Supermarktcognac“ bezeichnen – auch wenn man ihn an solchen Ort leicht und oft auch in Angeboten erwerben kann, sogar der Discounter Aldi hat ihn ab und zu, wo ich ihn mir dann auch geschnappt hatte. In einer schön schwungvollen Flasche, mit üppig gestalteten Etiketten, dazu einem gleich aufgemachten Karton – das hat Geschenkpotenzial.

Courvoisier VSOP Flasche

Ich wechsele regelmäßig die Cognacs, die ich in meiner Hausbar für Drinks bereit halte. Da kommen diverse Hersteller abwechselnd zum Zuge – der Courvoisier VSOP hat sich über einige Iterationen einen Platz gesichert.

Dampfplauderer – Grappa Nonino Barriques Aged Selection

Die Modernisierung macht vor nichts halt. Wer früher Alkohol brennen wollte, hatte kaum eine Wahl – man legte sich eine Brennblase zu und befeuerte sie mit Holz. Die klugen Köpfe der Schnapsindustrialisierung hatten für derart altmodisch-begrenzende Technik natürlich schnell Abhilfe gefunden; der erste Schritt war das kontinuierliche Brennen, das eine größere, effizientere Menge an Maische nutzen konnte. Die Erfindung der Säulendestille sorgte dann für höhere Zieldestillationsmöglichkeiten bis weit über 90%. Der Konsens scheint letztlich dabei zu liegen, dass durch Pot-Still-Destillation mehr der aromentragenden Congener überleben; Brände aus Brennblasen sind daher oft aktiver, lebendiger, vielschichtiger und aber auch funkiger, unruhiger und weniger „rein“. Zwei Extreme sollen dies plastischer darstellen: Der klassische Jamaika-Rum ist ein Pot-Still-Destillat – der moderne Western Style Premiumvodka ein Multikolonnen-Destillat. Es hängt also stark davon ab, was man erreichen will, welche Brenntechnik als geeigneter herangezogen wird, vor allem, da es auch noch Zwischenformen gibt, wie eine Brennblase mit Rektifikationskolonne und ähnliches.

Welches System setzt man, um nun endlich zum Thema dieses Artikels zu kommen, beim Grappa ein? Keines davon! Reingelegt! Ein drittes System, das der Wasserdampfdestillation, trägt einer Besonderheit der Grappaherstellung Rechnung. Weil bei einem Tresterbrand wie Grappa viele Fruchtteile und auch Stängel und ähnliches Fremdmaterial in der Maische enthalten sind, die bei Erhitzung durchaus starktoxische Substanzen freisetzen (Methanol beispielsweise), muss hier vorsichtiger vorgegangen werden. Dampfbrennkolben oder Bain-Maries kommen zum Einsatz, die nicht die Maische direkt befeuern, sondern ein Wasserbad, über dem die Maische hängt und so den Alkoholanteil mittels Dampf entzieht. Ganz verhindern lässt sich das Mitkommen von unerwünschten Stoffen auch so nicht, doch für Grappa ist streng geregelt, wieviel Methanol noch enthalten sein darf – wir können also davon ausgehen, dass wir bei exportierten Grappe auf der sicheren Seite sind, was die giftigen Destillationsartefakte angeht. Daher können wir uns ab sofort von diesen technischen Details abwenden und überprüfen, ob der sichere Rest geschmacklich was taugt – der Grappa Nonino Barriques Aged Selection fließt allerdings nicht direkt aus der Destille ins Glas, sondern darf erstmal eine gewisse Zeit in Holzfässern verbringen.

Grappa Nonino Barriques Aged Selection Flasche

Die Fassreifung besorgt die blasse, strohige Farbe; eine sehr leichte Viskosität, nur mild ausgeprägt, macht einen schönen optischen Eindruck im Glas. Der sehr typische Geruch eines gereiften Grappa ist hier im Vordergrund, nach Stroh, Holzmehl, Schokolade und Schwarztee. Man kann eine Note von Haselnuss erkennen. Er hat aber auch eine dezente Alkoholfahne, die aber nicht wirklich stört.

Im Mund ist der Tresterbrand schön süß und rund. Sehr schokoladig und nussig, erinnernd an Neapolitaner-Waffeln. Parallel dazu findet sich aber auch würziger Kümmel. Da ist außerdem noch eine blumig-blütige Note, nach Lavendel vielleicht, die ich von meinen bisherigen Grappe nicht kenne. Sie liegt über der dunklen Kakaobasis und sorgt für ein Aha-Erlebnis. Gleichzeitig hat der Grappa Nonino aber auch eine etwas störende Beinote in Richtung Shampoo, die schwer zu fassen ist; insgesamt sorgen diese Komponenten dafür, dass der Grappa einen klaren Anklang an Brandy hat. Nicht zu unterschätzen ist seine Schärfe – trotz der Fassreifung hat er noch ein deftiges Ingwerfeuer, das auf Zunge und Gaumen kitzelt, und auch nach dem Abgang noch erhalten bleibt.

Grappa Nonino Barriques Aged Selection Glas

Jener ist kurz bis mittellang, hauptsächlich die holzigen Aromen sind es, und der Kümmel, die im Mund noch eine Weile herumgeistern. Trotz des Zungenbrands ist im Rachen nichts von der Schärfe mehr spürbar, was für mich darauf hindeutet, dass die enthaltenen 41% Alkoholgehalt nicht für das Feuer verantwortlich sind, sondern es aromatischen Ursprungs ist. Was ich immer gut finde.

Die Schwarztee-Komponente dieses Grappas lässt sich leicht noch etwas unterstützen in einem Reserve Cocktail. Tee macht sich überraschend gut in vielen Drinks, die Herbe und Würzigkeit, die ein guter Schwarz- oder Oolong-Tee mit sich bringt, sorgt für eine ungewohnte Exotik, seltsamerweise, so gut man Tee eigentlich kennt. Grundsätzlich finde ich Tee und Grappa eine hochinteressante Kombination.

Reserve

Kurz und bündig – Schneider Weisse Aventinus Eisbock

5 Jahre lang stand es bei mir im dunklen Schrank, nun versuche ich, diese ganzen Altlasten an Bier loszuwerden. Der Schneider Weisse Aventinus Eisbock hat, wie viele Starkbiere und insgesamt Bier, das nicht allzu aromahopfenlastig ist, kein Problem damit, lange aufbewahrt zu werden. Jetzt ist seine Zeit gekommen, und er landet in meinem Glas!

Schneider Weisse Aventinus Eisbock

Beim Eingießen achte man darauf, dass sich eventuelle Hefeverklumpungen, die sich bei längerer Lagerung bilden, nicht mit ins Glas hüpfen. Dann bleibt das Bier trotzdem trüb, Mezzomix-farben, aber wird nicht ganz so bitter. Durch die dunkelbraune Farbe sieht man einzelne Bläschen vorsichtig aufsteigen, die sich am Glas als feinster Rand ablegen, ansonsten ist das Bier schaumfrei. Die Nase ist weinig, hefig, leicht speckig. Sehr zurückhaltende Zitrusfruchtnoten bilden den Kopf, dunkle Malznoten den Körper. Insgesamt wenig an Geruch, und das, was da ist, erinnert den Laien eher an Wein als an Bier.

Im Geschmack ändert sich das dann wieder etwas, mildmalzig und nur sehr vorsichtig hopfig allerdings. Eine definierte Säure ist da, bildet mit dem dunklen Körper einen bockbierähnlichen Charakter. Kaffeenoten. Die erstaunliche Alkoholstärke von 12% entstammt dem aufwändigen Herstellungsverfahren, und man merkt die Stärke schnell und deutlich, sowohl vom Effekt als auch von der Aromatik her. Durch die Säure und Bittere wird das Bier sogar etwas rezent. Persönlich überzeugt mich die ungewohnte Aromatik nicht so sehr, das wirkt zwar alles rund und extrem vollkörperig, aber das Hin und Her zwischen Wein und Bier, zwischen Süße und Säure, und Milde und Bittere lässt mich stirnrunzeln. Der Abgang ist wiederum weinig, hefig und mittellang, ganz am Ende dann Trocken und astringierend, mit einem leicht blumig-fruchtkaugummiartigen Nachhall.

Man merkt, es ist nicht so ganz mein Fall. Vielleicht muss ich mehr Eisböcke probieren, um diesen hier einordnen zu können – allein, mir fehlt nach dieser Erfahrung die Motivation.

The Johnnie Walker Celebrity Roast – Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky

Eine Sendung, die ich erst vor vergleichsweise kurzer Zeit für mich entdeckt habe, ist Dean Martin’s Celebrity Roast – tolle, klassische Unterhaltung mit den besten und frechsten Komikern ihrer Zeit. Political Correctness war weit, weit entfernt, viele der Witze, die in dieser Show gerissen wurden, würden heute für Entsetzensschreie und wütende Facebookposts mit Rücktrittsforderungen sorgen. Nicht, dass es wirklich jemals in Ordnung war, sich über Minderheiten lustig zu machen, aber da hier alle austeilen, und auch einstecken, findet man einfach zu viele „höhöhö“-Momente, als dass man nicht mit schlechtem Gewissen mitlachen müsste. Dagegen ist jede heutige Comedy-Show ein lahmer Kindergarten mit Nonnen und Jungfrauen.

Wir wollen hier aber nicht jemanden grillen oder rösten, auch nicht Herrn Walker, obwohl er es sicherlich verdient hätte. Nein, wir schlagen einen zugegebenermaßen etwas weiten Bogen, der sich am Namen der Sendung und an Martins Vorliebe für Scotch (seine zur Schau gestellte Trinkerei war aber eigentlich nur ein Showact; ach, die guten alten Zeiten, in denen Alkoholismus noch ein echter Schenkelklopfer war!) entlanghangelt – hin zum Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky.

Die Details zu dem langen Namen: Blenders‘ Batch ist eine Reihe von Experimentalwhiskys bei Johnnie Walker, die sich durch kleine Änderungen von Gewohnheiten ergeben. Da wird nichts großartig neu erfunden, sondern einfach zum Beispiel, wie bei diesem als Exp #9 gekennzeichneten Whisky, für einen Teil des Blends die Gerste stark geröstet, was Kaffeearomen freisetzen soll (daher der Name Espresso Roast). Schauen wir mal, ob wir das in dem Blend auch finden, und ob wir ihn veralbern oder bewundern sollen.

Johnnie Walker Blenders' Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky

Die Farbe begeistert mich schonmal, ein wirklich strahlendes, leuchtendes Terracotta, mit vielen Reflexen. Leider gefärbt, wie das bei Scotch überall Usus ist – ich kann es nicht leiden, denn die Augen trinken mit und beeinflussen den Geschmack, ob man es will oder nicht (auch wenn Zuckerkulör in der Menge, die eingesetzt wird, sich geschmacklich neutral verhält). Nur eine leichte Öligkeit ist beim Schwenken erkennbar.

Die leicht medizinale Note, die man von Scotch kennt, ist zunächst dominant in der Nase. Getreide, Hefe, Malz, das ganze aber in einem hellen Register. Etwas Lakritz und Zimt. Mildes Holz, Vanille. Orange und Aprikose, Kakao. Der Antrunk ist sehr süß, cremig, schokoladig; leichter Schwefel. Im Verlauf entsteht etwas Feuer – tatsächlich wirkt der Espresso Roast sehr viel würziger als sein „roter“ Gegenpart, ohne dabei aber wirklich viel an Komplexität gewonnen oder Rundheit verloren zu haben. Die namensgebenden Kaffeenoten entdecke ich nicht in voller Konsequenz, höchstens eine Idee von länger offen stehenden Kaffeebohnen. Etwas flach und schmal, da ist nicht viel Körper, dafür eine ansprechende Pfeffrigkeit gegen Ende, und ein Drehen hin vom Süßen zum Sauerbitteren.

Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky Glas

Der Abgang ist sehr schokoladig, viel Chili und mit deutlich brummenden, kitzelnden Effekten auf der Zunge und am Gaumen – 43,2% Alkoholgehalt machen sich bemerkbarer als es sein müsste. Mittellang, sehr trocken und hauchig, ein minimaler Anflug von Rauch – und ganz zum Schluss doch noch etwas Kaffee.

Insgesamt ein leichter Easy-Drinking-Blend, mit einem durchaus ansprechenden würzigen Charakter, der nicht zu schwer und verkopft daherkommt. Mir fehlt am Ende aber doch deutlichst die Ausdauer in allen drei Dimensionen – Länge, Breite und Tiefe.

Scotch hat seinen einstigen Ruf, nicht als Cocktailspieler zu funktionieren, inzwischen abgelegt – in klassischen Drinks ist er als eine tolle, charaktervolle Zutat anerkannt. Einen weiteren Sprung, den er zu machen hat, ist nun aber, nicht nur in trockenklassischen Rezepten eingesetzt zu werden, sondern auch in bunteren Verbindungen, wie einem Tiki-Cocktail. Der Tall as a Tree and Twice as Shady zeigt, dass das geht; und gerade der Espresso Roast gibt einen Anflug von Feuer in den Drink, die ich in derartigen Drinks immer sehr gern sehe.

Tall as a Tree and Twice as Shady


Tall as a Tree and Twice as Shady
1½ oz Blended Scotch Whisky
½ oz Arrak
1 oz Ananassaft
¾ oz Orgeat
¾ oz Zitronensaft
Mit crushed ice blenden.

[Rezept nach Paul McGee]


Die Halbliterflasche ist für ihre Größe schwer ausgeführt, mit dickem Boden, der für zusätzliche Lichtspiele mit dem Inhalt sorgt; das ist wirklich hübsch anzufassen und zu betrachten. Echtkorken und ein dezentes Etikett in einem Retro-Stil sowie ein Kartonumhänger an grober Schnur komplettieren eine sehr schöne Präsentation. Für mich ist diese Art der Gestaltung der ideale Mittelweg zwischen anbiedernder Opulenz einer- und zu kühlem Regalstil andererseits.

Man sieht, die enge Regelführung, die Scotch aufzuweisen hat, lässt trotzdem noch genug Spielraum für kreative Ideen. Wer auch immer meint, klare, stringente, die Tradition schützende Regeln für Spirituosen führten zu Stagnation und Langeweile, zeigt einfach, dass er keine Ahnung hat.

500! Vranken Grand Réserve Brut Champagner

500 Artikel! Eine stattliche Zahl, als ich am 17.07.2015 begann, diesen Blog aufzuziehen, hatte ich nicht im Kopf, dass er so lange und inhaltsvoll laufen würde. Letztlich ist ein großer internationaler Konzern, der als Buchversandhändler begann, daran schuld, denn die Quälerei, die man dort den Rezensenten jeder Art auferlegt, hat mich dazu gebracht, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Seit diesem kleinen Beginn ist das Rezensieren von Spirituosen und Sammeln von Cocktailrezepten, für das ich eigentlich nur ein Hilfsmittel für meine eigene Vergesslichkeit benötigte, scheinbar für immer mehr Leser interessant geworden, und das macht mich doch etwas stolz.

500 Artikel Badge

Vor allem rechnete ich aber nicht damit, dass diese Text- und Bildersammlung mir soviel Bereicherung schenken würde. Durch den Blog habe ich viele unglaubliche neue Leute kennengelernt, ohne die mein Leben ärmer wäre. Durch den Blog konnte ich am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection teilnehmen, und habe dadurch Teile der Welt gesehen, an die ich sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre – Chile, Bulgarien, China, bald vielleicht Kolumbien. Ein kleines bisschen Lokalruhm sprang sogar auch dabei raus.

Was eignet sich besser, um so ein Jubiläum zu feiern, als ein oder zwei Gläschen Champagner? Robin Weiss, ein langgedienter und sehr erfahrener Bartender, hatte mir vor einer ganzen Weile mal einen Champagner empfohlen, der ideal für die Heimbar geeignet sein soll. Köpfen wir eine Flasche Vranken Grand Réserve Brut Champagner zur Feier des Tages! Aus Chardonnay-Trauben der Region Montagne de Reims in der, selbstverständlich, Champagne wird dieser trockene Tropfen mit maximal 15g/L Restzucker (genau das sagt das Wort „brut“ im Namen aus) hergestellt.

Vranken Champagner Brut Flasche

Die Farbe ist schönes, edel wirkendes Messing. Ein leichter Schleier hängt darüber, aber keine wirkliche Trübung. Schöne, großblasige Perlen steigen ausdauernd vom Glasboden auf und bilden kleine Inseln auf der Oberfläche. Der Geruch ist sehr fruchtig, da rieche ich grünen Apfel, Grapefruitschale, Himbeeren, etwas Essig, ein Anflug von Minze, und grüne Banane.

Das Mundgefühl im Antrunk ist erstmal cremig und süßlich, kippt aber fast direkt um in eine saure Richtung. Die Säure ist wirklich kräftig, aber tief und nicht kantig, deswegen auch nicht unangenehm, wie mir das bei manchen Crémants passiert. Grüne Banane, Apfel und Grapefruit sind auch im Geschmack prominent. Die Frische ist enorm und attraktiv, sehr perlig und kitzelnd; 12% Alkoholgehalt als Mindestwert für Champagner das Übliche. Im Verlauf kann sich dann doch eine gewisse, feine Süße wieder gegen die Säure in Stellung bringen, das ist auch gut so und gibt dem ganzen eine gewisse Rundung. Sehr trocken ist der Vranken dann im Abgang, hell, leicht bitter, hier nur noch mildsäuerlich und lang.

Manch ein Cocktail besteht aus den absurdesten Zutaten, oder hat ein Rezept, das ein Dutzend Zutaten auflistet. Dagegen der Champagne Cocktail – eines der einfachsten Rezepte, die ich im Portfolio habe. Man kann fast soweit gehen, hier von einem Champagner Old Fashioned zu sprechen, oder?

Champagne Cocktail


Champagne Cocktail
1 Zuckerwürfel, getränkt mit Angostura
…aufgießen mit Champagner und mit einer Zitronenzeste garnieren.

[Rezept nach Jerry Thomas]


Den Vranken Grand Réserve Brut Champagner trinke ich gern nicht unbedingt ausschließlich als Aperitiv, sondern auf jeden Fall auch zum Essen als Begleiter für leichte Speisen. Mir gefällt er sehr, und auch als Cocktailzutat wird er wohl, gemäß der Empfehlung von Robin Weiss, der Standard in meiner Heimbar werden. Betrachtet man noch das für mich sehr gute Preisleistungsverhältnis (man bekommt ihn schon für um die 25€), kann man kaum etwas Negatives über dieses Produkt sagen, und will es auch gar nicht.

So, genug gefeiert. Ich bereite mich geistig nun mal langsam auf die nächsten 500 Artikel vor. Mal schauen, was daraus wird!

Das Beste aus zwei Welten – BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition

Imperial Stout und Tequila, zwei meiner Lieblingsgetränke. Wenn die zusammen gebracht werden, das kann ja nur ein Fest für die Sinne werden, oder? Das BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition versucht das – ein Bier, gereift in einem Tequilafass. Nur wenige Flaschen wurden hergestellt, und zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels wird es wohl seit sehr langem schon ausverkauft sein, und die Flaschen in Kellern von Bier- und Tequilafreunden lagern, um zu gegebenem Anlass geköpft zu werden. Ich habe meine Flasche nun geöffnet – hier meine Eindrücke dazu.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Flasche

Bei einem komplexen Produkt wie diesem Bier sammle ich zunächst mal die Fakten zusammen – selten muss man das in dieser Art für Bier tun. 2013 wurde es gebraut, unter Verwendung der Hopfensorten Perle, Chinook und P. Jade und 8 Schokoladen-, Karamell- und Röstmalzen. 10,9% Alkoholgehalt stellen klar, dass wir hier wirklich ein Imperial Stout vor uns haben. Bis 2014 wurde es dann im Ex-Tequila-Fass gelagert. Ein letztes Datum – bis 2024 ist es mindestens haltbar, kein allzu ungewöhnlicher Wert für ein derartiges Bier. So, nun aber genug der Zahlen und Daten, probieren wir das Bier im Glas.

Optisch könnten wir auch Schweröl vor uns haben – Tiefstdunkles Braun, fast schon blauschwarz wie Tinte. Dickflüssig, blickdicht, keine erkennbare Perlage. Nur wenige Schaumbläschen; am Glasrand bleibt ein Ring wie eine Corona bei Sonnenfinsternis. Geruchlich sehr schokoladig, man könnte es für Milchkakao halten. Milde Tropfenfrucht. Sahne. Vielleicht etwas Seife. Ein minimalster Anklang von Rauch und Rotwein. Insgesamt eher dezent.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Glas

Das ändert sich schnell: Ultracremig, dick und schwer ist das BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila im Mund. Nicht besonders rezent oder frisch, eher dumpf. Sehr süß und wuchtig. Der Tequila ist mehr ein Beiaroma als ein definierendes Element; er ist aber erkennbar. Leichte Rotweinaromen, etwas Röstung und Honig komplettieren das Bild. Holz ist geschmacklich zunächst kaum erkennbar… aber im Abgang fährt das Fass seine Urgewalt aus. Hier kommen Holzeffekte plötzlich deutlichst zum tragen. Sehr trocken und sehr adstringierend, ohne aber die starke Süße dabei aufzugeben. Sehr lang. Milchkakaoaromen bleiben am Gaumen, sehr spät springen die Röstmalze nochmal hoch und geben einen sehr würzig-aromatischen Ausklang.

Der genaue Gegenentwurf zu einem Imperial Stout wie dem Brewbaker Berliner Nacht – beides Imperial Stouts, beide jedoch am exakten Gegenpol dieses Bierstils, soweit voneinander entfernt, dass man es kaum glauben will, dass hier derselbe Bierstil vorliegt.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Umhänger

Die Präsentation passt sich der aufwändigen Herstellung an. Die 0,33l-Flasche ist mit silbernem Wachs versiegelt, weist einen riesigen, aufgeklebten Holzbesatz auf, auf dem der Produkt- und Herstellernamen als Brandzeichen prangt. Dazu kommt ein hübsch designter Kartonumhänger, der ein paar Werbesprüche enthält. Das ganze wirkt schon etwas übertrieben und nicht elegant, sondern plump.

Ist es den exorbitanten Preis von 15€ wert? Da bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits gestehe ich den kleinen Brauereien, die bei solchen Bieren enorm viel investieren und Aufwand betreiben, gern einen Preiszuschuss zu, da diskutiere ich nicht. Bei diesem Preisleistungsverhältnis allerdings fällt es mir schwer, hier nicht etwas zu grummeln anzufangen. Es gibt viele Imperial Stouts, die mir deutlich besser schmecken, die nur ein Viertel kosten. So überlasse ich es dem Genießer, sich dieses Bier zuzulegen, für einen besonderen Anlass. Freunde gereifter Bierspezialitäten? Ja, für die ist es sicherlich einen Versuch wert. Wenn sie es noch bekommen können.

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 13 – Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒)

Eine Weile ists her, dass Baijiu einen Auftritt auf meinem Blog hatte. In der Zwischenzeit habe ich eine Reise nach China gemacht, die dortige Ess- und Trinkkultur besser kennengelernt, und auch diverse Produktionsstätten des klaren Brands besichtigen dürfen. All das ändert durchaus meine Sichtweise auf diese Spirituose. Der Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒) ist der erste Baijiu, der die neue Einstellung zu spüren bekommen wird – sie ist bodenständiger, direkter, weniger von einem nostalgischen Chinainteresse (das durch den tatsächlichen Aufenthalt in dem Land sich ebenso Änderungen erfahren musste) beeinflusst. Tatsächlich wurde es wohl Zeit, Baijiu auf den Boden zurückzuholen – daher wird diese Installation von „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die dreizehnte immerhin, die letzte der Reihe sein, und Folgebesprechungen von Baijiu den gleichen Kriterien unterworfen werden wie für alle anderen Spirituosen. Da inzwischen Baijiu zumindest in kleinen Vorstößen in Deutschland erhältlich ist, sollte dies auch kein Problem mehr darstellen.

Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒)

Über die Farbe bleibt nur zu sagen, dass sie völlig abwesend ist – reinklar, wie man es von einem guten Baijiu erwartet. Da die Reifung in Tonkrügen stattfindet, die selbst nach Jahrzehnten kein noch so kleines Bisschen an Farbe abgeben, sagt dies nichts über das Alter aus – spannend, denn so muss kein Hersteller mit E150 tricksen, eine wunderbare Sache. In der Nase bekommt man einiges an Frucht – Banane, Aprikose, Pfirsich, alles sehr reif, aber ohne überesterig zu wirken. Darunter liegt eine Schicht aus Getreide, Malz und feuchtem Heu. Ganz am Ende ist da noch eine leichte, fast schon minzige Kopfnote, die durch einen Anflug von Ethanol gepusht wird.

Im Mund ist der Red Star Erguotou 1680 direkt trocken, dabei aber mit einem sehr cremigen Mundgefühl. Süßlich, ohne künstlich zu wirken, mit dezenten Fruchtnoten und etwas Getreide. Eine vorsichtige Limettenschalenkomponente ist da, dennoch bleibt alles vorsichtig und zurückhaltend. Etwas Pattexaroma ist schließlich noch dabei. Der Abgang ist lang, extrem schokoladig, süßweich, und im Verlauf dann sehr angenehm warm vom Gaumen bis in den Magen, ohne je kratzig oder harsch zu werden. Wie ich schon öfters sagte – der Abgang ist für mich das, was einen hervorragenden Baijiu ausmacht, und hier hat man einen ganz außergewöhnlich schönen, charaktervollen aber dennoch beinahe schon zarten Abgang, dem am Ende noch etwas Minze nachhallt. Für mich sicherlich, im Fazit, einer der feinsten, elegantesten Baijius, die ich bisher im Glas haben durfte.

Red Star Erguotou 1680 43%(43度红星二锅头酒) Glas

Tatsächlich habe ich am eigenen Leib erfahren, dass Baijiu in China eigentlich hauptsächlich zum Essen getrunken wird, in kleinen, aber sehr vielen Dosen – in den Feiern, an denen ich teilnahm, bestand die Getränkebeilage eigentlich nur aus Grüntee und Baijiu, für uns langnasige Westler wurde noch auf Anfrage hin (meist warmes) Bier herangekarrt. Zu einem würzigen Mahl passt Baijiu mit seiner Aromatik einfach hervorragend, als Trou Chinois funktioniert er bestens. In Mixed Drinks ist die Aromatik für mich weiterhin gewöhnungsbedürftig. Der Erfinder des Baijiu Falls verwendet Starkaroma-Baijiu, ich adaptiere das und verwende Leichtaroma-Baijiu, einfach, weil mir persönlich diese Baijiu-Kategorie besser mundet und für mich leichter in Cocktails unterzubringen ist. Dennoch, sogar nach dieser Änderung – wie bei vielen Baijiu-Cocktails ist es nicht einfach, diese etwas schwierig zu greifende Getreide- und Fruchtnote, die Baijiu mit sich bringt, einzuordnen.

Baijiu Falls Cocktail


Baijiu Falls
1 oz Baijiu
1 oz naturtrüber Apfelsaft
¾ oz Bourbon
⅔ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Franz Königsberger]


Die üppig gestaltete Flasche (zu diesem Thema habe ich bereits in früheren Baijiu-Besprechungen etwas gesagt) mit dem Kristallstöpsel und dem großen Aufklappgeschenkkarton selbst wurde mir als Geschenk des Herstellers in China übergeben – sozusagen als Danksagung für die zuerkannte Doppelgold-Medaille beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2017 in Chile, für deren Präsentation sogar eine Stelle im Glas der Flasche eingelassen wurde. Gleichzeitig wurde es einer kleinen Gruppe erlaubt, die Produktionsstätte von Red Star zu besichtigen – eine einmalige Gelegenheit, die ich natürlich freudig wahr nahm. Die folgenden Bilder habe ich dort selbst aufgenommen.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Luftbild

Die Destillerie an sich könnte überall auf der Welt stehen, da ist nicht mehr viel von irgendeiner Art nostalgischer Aufaltmacherei vorhanden; einzig die langen Reihen von mit rotem Stoff bedeckten Tonkrüge, die der Reifung von Baijiu dienen, sorgen für etwas Ungewohntes. Für die Produktionsmenge wirkt die Fabrik (und anders will ich sie tatsächlich auch nicht nennen) überraschend klein, insbesondere nach den massiven Riesenflächen, die andere Destillerien für uns zum Begaffen bereit gehalten hatten, die eher einer mittelgroßen deutschen Stadt denn einer Brennerei ähnelten.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fabrikgelände

Unter dem dauerstahlgrauen chinesischen Himmel der Provinz Shanxi schlenderten wir von Gebäude zu Gebäude, und da im August praktisch in allen Baijiu-Destillerien aufgrund der dem Schnaps abträglichen Temperaturen ein Produktionsstop verhängt ist, waren wir bis auf ein paar einzelne, verloren wirkende Verwalter und Aufräumarbeiter allein auf dem Gelände und konnten so in jede Ecke spähen, ohne jemanden zu stören – einerseits natürlich schade, die Herstellung hier nicht live betrachten zu dürfen, andererseits erlaubte das auch einen gewissen Freiraum, den ein auf seine Geheimnisse achtender Produktionsleiter uns vielleicht sonst nicht gewährt hätte.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fabrikhalle

Edelstahl made in Germany und kalter Beton wohin das Auge blickt – die Destillerie wirkt sehr aufgeräumt, klar strukturiert, mit viel Arbeitsplatz und einer Sauberkeit, dass man vom Boden essen könnte. Offensichtlich ist hier alles auf Effizienz ausgelegt, da ist keinerlei Platz mehr für Nostalgie oder traditionelles Arbeiten. Auch die initiale Dämpfung der Hirse, die das Getreide für die Fermentation bereit macht, erfolgt in riesigen Dampfgarern.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Sorghum-Dämpfer

Für gewisse Produkte der Firma wird noch mit den typischen Fermentationsgruben gearbeitet, die man in jeder Baijiu-Destillerie findet. Sie sind ca. 1,5m tief und einen halben Meter im Durchmesser, werden mit dem gedämpften Getreide gefüllt und dann mit runden Scheiben bedeckt. Schließlich kommen sogar noch gepolsterte Wolldecken auf das Ganze, um die Wärme etwas festzuhalten, während die Hefen und Bakterien, die durch das „qu“ zugefügt wurden, anfangen, die Stärke der Hirse aufzubrechen und dann in Alkohol umzuwandeln.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fermentationsgruben klassisch

Für die Massenprodukte von Red Star kommen allerdings diese Gruben nicht zum Einsatz, denn für die Mengen, die hierfür fermentiert werden müssen, sind die Gruben schlicht zu klein und zu unpraktisch. Große Betoncontainer kommen als Ersatz zum Zuge, sie sind leichter zu befüllen und zu leeren, leichter zu reinigen und benötigen schlicht weniger Arbeitskraft: praktisch für die Rund-um-die-Uhr-Produktion von Mengen.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fermentationsgruben modern

Die Beförderung der inzwischen trockenfermentierten Hirse in die Dampfdestille erfolgt zwar hier über Förderbänder statt den Schaufelbrettern, die im manuellen Vorgang genutzt werden, doch die Prozedur ist essenziell immer noch dieselbe – es werden in einer kreisförmigen Bewegung Schichten des Basismaterials gebildet, die dann per Dampf destilliert werden.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Sorghum auf Laufband

Die Dampfdestille selbst ist der ganze Stolz des Produktionsleiters. Sie wirkt erstmal klein und unauffällig – dabei leistet sie die Arbeit, 24/7 lang Baijiu aus der Fermentationsmasse zu destillieren. Natürlich ist das ein Batch-Betrieb, kontinuierlich lässt sich Hirse nicht destillieren, doch werden einmal destillierte Reste nicht direkt entsorgt, sondern ein Teil wieder für den nächsten Batch mitverwendet, und für eine spätere Fermentation mitgenutzt. In dieser Form ist der Destillierapparat in China einmalig, wurde uns versichert; die Moderne zieht nur langsam ein im traditionellen Baijiu-Brennbetrieb.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Destillierapparat

Die vielen tonnenschweren Tonkrüge, die zur initialen Reifung benutzt werden, habe ich hier nicht im Bild festhalten können, denn in den Räumen, in denen diese Krüge vor sich hin dämmern, sind keine elektrischen Geräte erlaubt; man fürchtet elektrostatische Entladungen, so dass Handys und Kameras in dafür vorgesehene Plastikfächer abgelegt werden mussten. 0,3% Angels‘ Share riecht man in diesen Räumen, sie fühlen sich leicht feucht an und duften stark nach Getreide und Baijiu.

Zu guter letzt ist auch die „qu“-Produktion automatisiert und maschinisiert. Große Druckkessel sorgen für die Vermehrung der Bakterien und Hefen, die für diesen Fermentationsstarter nötig sind. Keine Spur mehr von gestapelten Blöcken aus geschroteten Erbsen und Roggen – ein Unterschied, wie er drastischer kaum sein könnte.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Qu-Vermehrung

Wie man sieht, hält sich Red Star in dieser Anlage in Shanxi etwas zurück, was die dekorativen Elemente, die man sonst überall in Baijiu-Destillerien findet, zurück – es ist eine hochmoderne und entsprechend kühle Fabrik. Wenigstens im und vor dem Verwaltungsgebäude finden sich dann doch ein paar schöne Eindrücke. Das Besucherzentrum ist hübsch, aber für chinesische Verhältnisse immer noch sehr dezent gestaltet.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Verwaltungsgebäude

Auch wenn die Fabrik nur noch wenige manuelle Schritte benötigt, erinnert man sich auch dort doch an die harte Arbeit, die die Arbeiter früher mit Schaufeln und Schiebern tun mussten: lebensgroße Statuen zeigen diese, die heute von Laufbändern und hydraulischen Hebern geleistet wird. Eine schöne Dekoration, die wohl hauptsächlich der Erbauung der Mitarbeiter dient, denn, so ehrlich muss man sein, Besucher werden sich in so eine Destillerie, die dazu im chinesischen Pendant zu Hintertupfingen liegt, nicht verirren.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Statuen

Am Ende der Führung wurde natürlich eine Verkostung angeboten – hier besonders spannend, weil ein ungereifter Baijiu als Vergleichsmaßstab angeboten wurde. In diesem New-Make-Baijiu schmeckt man noch sehr deutlich all die Dinge, die die Tonkrugreifung verändert hat: Hirse und sogar Erbsen, ein sehr erstaunlicher Unterschied und eine der eindruckvollsten Demonstrationen der unterschiedlichen Einflussfaktoren bei Baijiu. Im 10 Jahre gereiften Baijiu war dies schon kaum mehr spürbar, und im dazu noch gezeigten 30-Jährigen dann gar nicht mehr.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Verkostung ungereifter Baijiu

Ein höchst faszinierender Ausflug. Das nachfolgende Essen mit dem Firmenleiter in einem abgegrenzten Raum eines Restaurants erforderte dann nochmal Achtsamkeit, denn zu den köstlichen Speisen wurden wieder einmal diverse Flaschen Baijiu auf den Tisch gestellt und in dauernden Ganbei-Runden auch geleert. Gut, dass ich dann den Alkohol auf der dann folgenden, langen Busfahrt zum Flughafen von Taiyuan wieder etwas abbauen konnte, während ich die vielen unvergesslichen Eindrücke verdaute!

Kurz und bündig – Brlo Craft Beer Porter

Ich habe es schon öfter erwähnt – der Bierstil des Porter ist einer, mit dem man mich begeistern kann. Es ist diese faszinierende Mischung aus dunklen Aromen und gleichzeitig angenehmer Frische, die man rein vom Ansehen her dem Bier nicht zutrauen würde, die mich begeistert. Das Brlo Craft Beer Porter ist dabei, wie so viele aktuellen Produkte auf dem Biermarkt, eine moderne Interpretation des alten britischen Bierstils; es wird als Baltic Porter gelabelt.

Das Berliner Bier weist 7% Alkoholgehalt auf, bleibt unfiltriert, und wird unter Einsatz von Herkules und Tettnanger als Hopfenzutaten, Pilsner Malz, Karamellmalz und Röstmalz als Malze gebraut.

Brlo Craft Beer Porter

Farbe und optischer Eindruck – sehr dunkles Braun, nicht blickdicht, weinrote Reflexe. Keine Perlage erkennbar. Nur Ansätze von cremefarbenem Schaum.

Geruch – sehr angenehm fruchtig, beerig, dazu milde Röstaromen, erkennbar säuerlich, schließlich leicht metallisch-rostig.

Geschmack – säuerlich bereits im Antrunk, ohne aber zu aggressiv zu sein. Klar und hell im Eindruck, zwar schon herb röstmalzig, aber eher zurückgenommen. Typische Kaffee- und Kakaoaromen erscheinen nur im Hintergrund. Frisch und leicht insgesamt.

Abgang  – sehr kurz, eher feinherb, im Nachklang dann doch bitter. Dennoch – ein mildes Porter, sehr leicht und frisch.

Das Brlo Craft Beer Porter ist ein Bier, das definitiv öfter seinen Weg in mein Glas finden wird, gerade als Essensbegleiter funktioniert es durch seine mildherbe Rezenz ganz hervorragend.

Man lernt nie aus – Saint James Royal Ambré

Wie so oft gibt es hier nun zunächst wieder etwas zu lernen. Das Etikett des Saint James Royal Ambré weist einige interessante Details auf, die dem Rumfreund, der sich etwas mit Rhum Agricole auseinandersetzen will, ein Begriff sein sollten. Die Sprachbarriere ist, da es sich nur um wenige Worte handelt, leicht übersprungen – beginnen wir mit dem Wort, das sehr plakativ platziert ist und die erste Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ambré.

Ambré ist keine offizielle Kategorie, sondern einfach eine Beschreibung der Färbung des Rums – das, was man auch heute noch oft sieht, obwohl inzwischen klar sein sollte, dass die Farbe keine wirkliche Klassifizierung erlaubt. Gold oder Amber liest man als ähnliche Beschreibung oft im englischsprachigen Raum; übersetzt ins Deutsche heißt es schließlich simpel bernsteinfarben. Das wichtigere Kriterium ist aber auch auf dem Label der Flasche zu finden: „Élevé sous bois“ (wörtlich „aufgezogen unter Holz“). Dies ist eine der drei Reifungsstufen, die für AOC-Martinique-Rum möglich sind (die beiden anderen sind jüngere blancs und ältere vieuxs). Um das Kriterium zu erfüllen, muss der Rum mindestens 12 Monate am Stück in Eichenfässern in der Region der Herstellung gereift sein. Für den Saint James Royal Ambré ist keine exakte Angabe gemacht worden, laut Herstellerwebsite kann man aber mit ungefähr 18- bis 24-monatiger Lagerung in Eichenholzfässern rechnen, ist damit also recht deutlich über der Mindestanforderung der AOC. Von der Theorie nun zur Praxis!

Saint James Royal Ambré Rhum Agricole

Farblich weist der Rum ein zum Orangenen hin tendierendes Kupfer. Er hinterlässt sehr zaghaft ablaufende Beinchen am Glas, und hat eine gewisse Viskosität. Die Nase ist sehr malzig, grasig und holzig. Unter dieser Oberfläche liegt eine zweite Schicht an Aromen, die fruchtig sind – Ananas, Erdbeeren, Kirschen. Eine sehr attraktive Mischung, würde ich sagen. Zu guter letzt ist da noch eine Ebene, die grasig, kräuterig und süßlich ist – eine schöne Komplexität in der Nase.

Im Mund ist der Rum dann sehr malzig, mit sehr deutlichen Holzaromen. Durch die Produktionsweise des Ambré schimmert noch sehr viel vom Charakter eines weißen Rhum Agricole durch, da ist noch viel Gras und Heu, etwas Lakritz und auch noch ordentlich Pfeffer, aber auch schon leichte Reifenoten sind erkennbar, Honig, und sehr viel bunte Frucht, von Pfirsich bis Mango. Zunächst sind die gut gewählten 45% (oder ° / degrés, wie man im französischsprachigen Raum sagt) nur leicht erkennbar, sie geben aber Kraft für eine gewisse Breite. Der Abgang ist feurig, mentholig, eher kurz, dafür charakterstark.

Saint James Royal Ambré Glas

Ein Rum, der gerade Anfänger sehr stark polarisieren wird. Mir ging es nicht anders, darum zitiere ich gern Auszüge aus meiner ersten Rezension zu diesem Rum, geschrieben vor einigen Jahren. Man sehe daran, dass sich Gaumen weiterentwickeln. Meist zum Positiven hin, ich kann mir heute meine Meinung von damals kaum mehr erklären.

Man muss diesen Geschmack mögen. Mir geht es bei jedem Cocktail, den ich mit Rhum agricole mixe, so – ich muss erst ein, zwei Schlucke nehmen, die ich runterzwinge; und alle Folgeschlucke sind dann Wundern darüber, wie eigen dieses Aroma ist. (…) Und ich halte Rhum agricole für einen typischen „acquired taste“, den man erst schätzen lernen muss. Tatsächlich geht er mehr in die Grappa-Richtung als in die typische Dunkelrum-Richtung. Im Leben käme ich nicht auf die Idee, diese Art Rum pur zu trinken – da gruselt es mir davor.

Natürlich passt der Saint James Royal Ambré dennoch nicht in einen sanften, zarten Rumcocktail. Er will in wilden, starken Rezepturen vermischt werden, passend zu seinem Naturell. Eines davon wäre das sehr würzige, kratzige und maskuline Dreams of Cane. Dieses Getränk, supereisgekühlt – am heißen Sommerabend, mit Freunden, und ein fettes Cajun-gewürztes Grillsteak dazu, und die Karibik kommt nach Hause. Aber vorsicht, das knallt leicht in die Birne.

Dreams of Cane Cocktail


Dreams of Cane
1½ oz Gereifter Rhum agricole
½ oz Ingwerlikör
½ oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Chemistry of the Cocktail]


Um auf meine frühere Meinung zurückzukommen: heute gruselt es mir gar nicht mehr davor, im Gegenteil, ich habe den Geschmack des Saint James Royal Ambré liebgewonnen. Gern trinke ich ihn inzwischen pur. Und bei einem Preis von deutlich unter 20€ für den Dreiviertelliter ist das eine Flasche, die direkt ersetzt wird, wenn sie leer ist – für mich hat dieser Rum ein beinahe schon unheimliches Preisleistungsverhältnis. Man bilde sich also seine eigene Meinung; doch, das ist wichtig, man hinterfrage seine Meinung immer wieder mal (das gilt nicht nur für Rum, übrigens). Überraschung garantiert.