Geschenkbier am Freitag – Birra Eja Rossa

Manchmal schafft man es, mich zu überraschen – das Paket, das unerwartet auftauchte und 4 Biere aus Sardinien beinhaltete, gehört dazu. Ein Leser meines Blogs hat mir dieses höchsterfreuliche Geschenk gemacht, und gerade, weil derartige lokale Spezialitäten in Deutschland nur extrem schwer zu bekommen sind, ist die Freude noch größer. Ich fühle mich sehr geehrt, dass meine Artikel zu Bier und Spirituosen soviel Freude bei meinen Lesern schaffen, dass ich derart beschenkt werde.

Natürlich wird dieses Bier dann auch direkt probiert. Nach zwei Nächten der Kühlung und Ruhe beginne ich mit dem Birra Eja Rossa, einem obergärigen Rotbier. Das Etikett sagt, dass es sich um „Birra Agricola Vera“, also echtes Landbier, handelt, was auch immer das bedeuten mag. Es ist unfiltriert und nicht pasteurisiert – Zeichen von Handarbeit und Mühe.

Birra Eja Rossa

Schauen wir uns es an. Haselnussbraun, volltrüb bis zur kompletten Blickdichte. Eindeutig erkennbar als unfiltriert; Sedimente, die auf dem Rücketikett erwähnt werden, konnte ich aber nicht feststellen. Extrem starke Schaumentwicklung beim Eingießen, der Drittelliter braucht einige Minuten und mehrere Schritte, bis er vollständig im Glas gelandet ist. Dann sackt der großblasige Schaum nach einiger Zeit in sich zusammen, bleibt aber lange erhalten. Geruchlich gibt es sehr viel weniger zu erwähnen – leichtes Malz, etwas Rost, ein Hauch von Hefe.

Der Antrunk ist bereits sehr cremig, dieses fette Mundgefühl setzt sich im gesamten Verlauf auch so fort. Eher zum Säuerlichen hin tendierend, ohne aber wirklich kantig zu werden. Der grundsätzlich malzige Geschmack wird dadurch aufgefangen. Milde Hopfung bringt leichte Fruchtaromen, und eine deutliche Herbe, die gegen Ende auch astringierend wird und die Zungenseiten belegt. Sehr frisch, rezent und leicht wirkend, trotz der 6,5% Alkoholgehalt. Der Abgang ist mittellang, etwas blumig, mildfruchtig und dann doch vom Hopfen beherrscht.

Ein sehr hübsches Bier, ausgewogen, voll und richtig gut erfrischend. Das gefällt mir, im Gegensatz zu dem etwas billig wirkenden Etikett, sehr; da bin ich auf die weiteren Sorten, die schon im Kühlschrank liegen, gespannt. Vielen Dank, Uwe, für dieses unerwartete und sehr erfreuliche Geschenk!

Personalwechsel – Mount Gay Eclipse Barbados Rum

Es ist immer ein Zeitenwandel, wenn sich der Master Distiller bei einer Brennerei ändert. Meist geschieht dies einfach aus Altersgründen; eine neue Generation wagt sich an die alten Traditionen. Auf der Karibikinsel Barbados bei Mount Gay, der ältesten noch aktiven Rumbrennerei der Welt (gegründet 1703), ist so ein Schritt natürlich um so auffälliger. Trudiann Branker folgt 2020 dem langjährigen Vorgänger, Allen Smith, der seit 2010 diese Rolle innehatte. Ein erster Schritt von ihr war, einige der Blendrezepte leicht zu verändern, um Ihre eigenen Ideen von bajanischem Rum zu verwirklichen. Dazu gehört dann natürlich auch das Redesign der Flaschen und Etiketten.

Ein davon betroffener Rum ist der Mount Gay Eclipse. Man sieht hier auf meinen Fotos, dass ich noch die alte Flasche habe; die neue weist ein anderes Etikett auf. Dort wird der Eclipse dann auch als Heritage Blend bezeichnet, was auch immer das bedeuten mag. Alle meine Kommentare beziehen sich hiermit leider auch auf den alten Blend, und da es noch eine ganze Weile dauern wird, bis die vorhandenen Vorräte bei europäischen Händlern verbraucht und durch die neue Version ersetzt sind, ist es wohl auch noch in Ordnung, hier meine Meinung zum alten Eclipse wiederzugeben.

Mount Gay Eclipse Barbados Rum

Die Farbe ist blassgolden, im Glas noch deutlich blasser als in der Flasche, deutet schon auf wenig Fassreife hin – es handelt sich entsprechend auch um einen Blend mit unspezifiziertem Alter. Persönlich würde ich auf eine Reifungsdauer von maximal 3 Jahren tippen. Im Glas schwenkt sich der Eclipse mittelschwer, eine Öligkeit ist erkennbar, die sich dann auch in einem Film mit schnell ablaufenden Beinchen an der Glaswand bemerkbar macht. Die Nase wirkt süßlich, wenn man sich über die doch recht zwickende Ethanolkomponente gearbeitet hat. Getreidig, fruchtig, mit dieser Wodkanote, die viele leichte Rums aufweisen. Auch wenn dieser Blend ausschließlich aus Pot-Still-Destillaten besteht, erinnert er mich doch an säulendestillierte Rums aus Kuba.

Im Mund zeigt sich der Eclipse zunächst weich und süß, sich schnell über alle Flächen im Mundraum legend. Leichte Vanille, etwas Backgewürze, milde, reife Banane. Im Verlauf wandelt er sich aber schnell, bildet eine leichte Pfeffrigkeit aus und parallel dazu gleichzeitig ein gewisses Alkoholfeuer. Die eher mäßig eingebundenen 40% Alkoholgehalt zeigen, dass hier eher ein Massenprodukt in die Flasche gefüllt wurde; wie bei allen Spirituosen tendieren wir modernen Genießer auch bei Rum heutzutage mehr zu erkennbar stärkeren Tropfen, die dann paradoxerweise oft milder im Mund wirken. Voluminös vom Körper her, aber eher schmal in der Aromatik.

Mount Gay Eclipse Glas

Der Abgang ist kurz, leicht rostig-metallisch, immer noch karamelligsüß, dabei aber auch mildbitter mit etwas Trockenheit, die klar macht, dass wir hier ein ungesüßtes Produkt vor uns haben. Der Eindruck, dass man hier einen weißen Rum trinkt, drängt sich von der Aromatik auf. Mit viel weißem Pfeffer und etwas Gras und Heu klingt der Rum am Ende recht warm aus.

Wo setzt man so einen Rum ein? Schwierig. Wer einfach eine klassische Rumcola trinken will, kann den Eclipse sicherlich ohne Probleme dafür nutzen; in Rezepturen allerdings, die einen schweren Rumgeschmack benötigen, wie zum Beispiel die meisten Tiki-Drinks, ist er fehl am Platze, da bringt er einfach nicht genug Power mit. Soll allerdings die Mixtur mit leichten Rumaromen aufgemotzt werden, wie im Paddington, wo die Orangen- und Fruchtkomponente die Hauptrolle spielen soll, ist der Eclipse eine solide, wenn auch zugegebenermaßen etwas unspektakuläre Wahl.

Paddington Cocktail


Paddington
1½ oz leicht gereifter Rum
½ oz Lillet Blanc
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Zitronensaft
1 Teelöffel Orangenmarmelade
Auf Eis shaken.

[Rezept nach David Slope]


Mir gefällt die Flaschenform, breitschultrig und mit einer hübschen Schrift ins Glas eingelassen. Der Blechschraubverschluss ist eine Preisreduktionsmaßnahme, das ist klar, und für einen derartigen Rum auch durchaus akzeptabel, der sollte eh nicht lang im Keller vor sich hin schlummern, sondern zügig getrunken werden. Das Etikett zeigt eine Karte der Insel Barbados, und gibt noch ein paar handfeste geschichtliche und produktionstechnische Hinweise – ich bin dankbar dafür, dass hier nicht auf die bei Rum immer noch so beliebte, abgeschmackte Piratenmasche gesetzt wird.

Ein traditioneller Rum, unprätenziös, unaufgeregt, ehrlich, einfach. Dazu ein vernünftiges Preisleistungsverhältnis. Die Frage bleibt aber dennoch, wer sich diese Flasche zulegen sollte – für die Heimbar als Mischrum eine Wahl, bei der die mageren 40% Alkoholgehalt nicht viel Aroma ins Glas bringen; und wer Rum auch hin und wieder einfach so pur im Glas haben will, dem empfehle ich deutlichst das Upgrade auf den Mount Gay XO aus demselben Hause, da hat man dann doch etwas Feineres zum Schlürfen. Irgendwie bleibt der Tester ratlos zurück, trotz all der Tradition muss man diese spezielle Marke nicht unbedingt haben, finde ich – vielleicht probiere ich den neuen Blend dann aber doch irgendwann mal, um zu vergleichen, ob er sich besser schlägt als dieser hier.

Bier am Freitag – Alpirsbacher Klosterbräu Kloster Starkbier

Der freundliche Brauer möchte seinem Kunden ja ein Bier verkaufen, das ihm zusagt. Wie kommuniziert er das? Tasting Notes, wie die, die ich meinen Lesern zur Verfügung stelle, sind hin und wieder zu sehen auf Etiketten; ab und zu wird auch versucht, den Geschmackseindruck zu quantifizieren. Das Alpirsbacher Klosterbräu Kloster Starkbier hat jedenfalls ein sehr gelungenes Rücketikett mit einer Skaladarstellung des Biercharakters aufgespannt über die Eigenschaften Hopfen, Körper, Farbe und Alkohol – da kriegt man schon vor dem Kauf einen Eindruck, was man später im Glas hat. In diesem Fall liegen alle Werte weit im Bereich des Endes der Skala – stimmt die Beschreibung?

Alpirsbacher Klosterbräu Kloster Starkbier

Bei normalem Draufblicken wirkt das Bier kupferfarben, gegen das Licht gehalten strahlt es in Gold. Sehr interessant, dieser Farbwechsel. Starkes, feinperliges Mousseux ist in beiden Varianten sichtbar – der Schaum ist dadurch feinblasig und ausdauernd. Die Kristallklarheit ist auf dem Foto oben nicht wirklich deutlich, sie ist aber da.

Ich habe das in letzter Zeit häufig – verwöhnt von stark aromagehopften Bieren schnuppere ich gern und bin von „klassischen“ Bieren etwas enttäuscht. Auch hier, das Alpirsbacher ist in der Nase beinahe vollständig neutral; nur eine Idee von Hopfen, das war es aber schon. Im Mund holt es aber ordentlich auf, es ist dort dafür umso vollmundiger – extrem cremig, schwer, voluminös. Wirklich flauschig. Leicht fruchtig, in Richtung Mango und Orange. Mildbitter, aber sehr deutlich zur Süße hin tendierend – ein typischer Doppelbock-Eindruck. Mittlere Rezenz, 7,3% Alkoholgehalt bringen noch Extrakörper. Im Abgang hopfig, etwas herber, dabei aber immer den Gaumen ausfüllend.

Ein schöner heller Bock, süß, cremig, voll. Das trinkt sich verdammt gefällig und süffig, ohne je kompliziert oder übersteigert zu werden. Das werde ich jedesmal, wenn ich es irgendwo sehe, kaufen. Schwarzwälder Braukunst vom Feinsten.

Velare Plosive – Stocki’s Mountaindestillerie Zwetschke im Fass

Velare Plosive, oder auf gut deutsch Hintergaumenverschlusslaute, spielen eine gewichtige Rolle in der heutigen Schnapsvorstellung. Hin und wieder kommt meine Sprachwissenschaftsausbildung zum Vorschein, und mir fallen Dinge auf, die ich bis heute spannend finde. So zum Beispiel der Plosiv: ein Verschlusslaut, bei dem der Luftstrom im Sprachapparat kurz geblockt und dann explosiv wieder freigelassen wird. Jeder kennt die Laute: p, b, g, k, t und d. Es ist lustig, auszuprobieren, mit welchen Körperteilen wir diese Verschlusslaute erzeugen – es gibt welche, die wir mit den Lippen machen (p, b), solche, die mit der Zunge und den Zähnen entstehen (t, d), und schließlich solche, die aus dem Hintergaumen kommen (k, g). Innerhalb dieser Gruppen gibt es dann noch stimmlose und stimmhafte Varianten, die stimmlosen klingen hart, die stimmhaften eher weich (p verglichen mit b). Achtet mal drauf!

Wie komme ich dazu? Im Namen der Stocki’s Mountaindestillerie Zwetschke im Fass taucht der Buchstabe k auf, mit dem wir normalerweise die stimmlose Variante des velaren Plosivs notieren. Im Deutschen sind wir eher gewohnt, das mit dem Buchstaben g zu sehen, der der stimmhaften Version dieses Lauts entspricht. Dummerweise habe ich übersehen, direkt vor Ort nachzufragen, ob es sich um ein rein schriftbildliches Detail handelt, oder ob die Aussprache hier tatsächlich betroffen ist. Gerne frage ich meine österreichischen Leser – ist die Aussprache dieser Steinfrucht tatsächlich stimmlos im Österreich, im Gegensatz zur stimmhaften Aussprache in Deutschland?

Stocki’s Mountaindestillerie Zwetschke im Fass

Unabhängig davon gieße ich mir einfach ein Glas dieses Edelbrands ein. Er wurde im Whiskyfass gereift, und daher sehe ich direkt leuchtendes Terracotta, das Whiskyfass hat ganze Arbeit geleistet. Beim Schwenken bleibt zunächst ein Gesamtfilm an der Glaswand hängen, der sich nur sehr träge in einzelne, dicke Beine aufteilt und dann ebenso gemütlich abläuft.

Tolle, milde Steinfrucht wirkt in der Nase, die Pflaume wird aber direkt von einer sehr süßlichen Vanille eingefangen. Das Gesamtbouquet wird dadurch sehr rund und attraktiv. Neben der Zwetschge entstehen Beinoten von Pfirsich, Aprikose, und etwas Hubbabubba-Fruchtkaugummi. Etwas Lavendel gibt eine florale Komponente dazu.

Sehr kandissüß und schwer ist die Zwetschke im Fass im Antrunk, vollfruchtig nach den eingesetzten Früchten, die Holztöne betonen das ganze noch, und liefern selbst viele Aromen wie Vanille, Zimt und Sahnekaramell dazu. Durch die Kombination kommen Eindrücke von Ahornsirup, gebräunter Butter und Kokosfleisch dazu; kombiniert mit einem öligen Mundgefühl ist das sehr schön gemacht. 40,5% Alkoholgehalt trinken sich sehr charmant.

Stocki’s Mountaindestillerie Zwetschke im Fass Glas

Der Abgang wird leicht würzig, vorsichtig pfeffrig und mit milder Schärfe, ein mittellanger Nachhall nach Frucht und sehr viel Zimt bleibt. Im Gesamtbild ein sehr süffiger, feiner Edelbrand, der mit toller Frucht- und Gewürzaromatik punktet. Das kann man schön vor sich hin schlürfen, am Abend, auf der Couch.

Oder ihn im Mixed Drink einsetzen! Im Plum Cocktail wird die Steinfruchtaromatik noch dadurch verstärkt, dass eine ganze Zwetschge mitverarbeitet wird. Diese bringt auch natürliche Fruchtsüße mit sich, wenn sie schön reif war – ich konnte frische Zwetschgen vom Baum im Garten meines Bruders einsetzen, die ich von einem Heimatausflug mitbrachte. Durch solche Details werden Cocktails oft mit einer besonderen Atmosphäre ausgestattet.

Plum Cocktail


Plum Cocktail
1 entkernte Zwetschge im Shaker gemuddelt
2 oz gereifter Zwetschgenbrand
¼ oz trockener Wermut
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.

[Rezept nach unbekannt]


Die Bergdestillerie (die eigentlich ja im Tal im österreichischen Leogang liegt, immerhin in direkter Nachbarschaft zum 1800m hohen Asitz) hat ein riesiges Portfolio an Bränden und Likören – abgefüllt wird passend dazu in vielerlei Flaschenform und -größe; die besonderen Brände, wie diese Zwetschge, meist in kleinen knuffigen 350ml-Fläschchen mit praktischem Schraubverschluss. Die Etiketten ordnen ihre Gestaltung der Funktion unter, etwas, was ich niemals kritisieren würde, sehr viel lieber so, als andersrum, auch wenn das auf den ersten Blick nicht unbedingt attraktiv wirkt.

Ich habe noch diverse weitere Produkte dieses interessanten Herstellers zu Hause, über die Zeit wird immer wieder eins als Artikel besprochen werden. Der Urlaub in Leogang sorgt letztlich dafür, dass ich eine besondere Beziehung dazu entwickelt habe. Wer sich also Post-Corona in dem wirklich schönen Urlaubsort rumtreibt, sollte einen Besuch in Stocki’s Mountaindestillerie mit einplanen!

Bier am Freitag – Fürst Wallerstein Landsknecht Dunkles Kellerbier

Als ich neulich die Harburg besichtigt habe (eine absolute Empfehlung für jeden, der sich für mittelalterliche Geschichte interessiert!), war nach der einstündigen Führung ein Mittagessen und ein kleiner Umtrunk angesagt – natürlich dann mit dem lokalen Bier. Die Brauerei der Wahl ist in so einem Umfeld natürlich die, die den Namen der ehemaligen Burgherren weiterträgt; und so gönnt man sich ein Fürst Wallerstein Landsknecht Dunkles Kellerbier. Das Etikett der Bügelflasche passt jedenfalls schonmal wunderbar zur Burgatmosphäre.

Fürst Wallerstein Landsknecht Dunkles Kellerbier

Je nach Blickwinkel schwankt die Farbe zwischen Schwarzbraun und dunklem Nussbraun, auf jeden Fall ist sie sehr dunkel, und dazu bleibt das Kellerbier stiltypisch völlig trüb und blickdicht. Sehr apart ist der harte Kontrast zwischen dem dunklen Körper und dem Crema-Schaum, der auch nach ein paar Minuten noch wenigstens dünn das Bier bedeckt. Kleine Hefeflocken sieht man aufgrund des Kontrasts beim Eingießen tanzen, und am Ende unten im Glas liegen.

In der Nase wirkt der Landsknecht leicht hefig, etwas metallisch, minimal malzig, aber insgesamt eher zum Neutralen hin tendierend. Muss man nicht mehr dazu sagen, da ist sonst nicht viel. Umso überraschender dann der Antrunk – fruchtig, zusammen mit der üppigen Cremigkeit ein aufgrund der Nase sehr unerwartetes Bild. Schnell wechselt das aber hin zu kräftiger, wilder Würze, deutlichem Speckrauch und fetter kohliger Röstung mit Espressopulvertouch. Voll, breit und mit einigen ungewohnten, aber attraktiven Noten. Mit 5,2% eingebraut  bleibt das Bier mildherb, immer frisch. Der Abgang ist lang, unerwartet leicht, süßlich und mit vorsichtiger Säure ausgestattet. Dazu leichte Astringenz.

Ein tolles, unerwartetes Bier, mit Wucht und Komplexität. Ebenso erfreulich ist das Siegel „Bayerisches Bier“, das alle Fürst-Wallerstein-Biere tragen, das auf die geschützte geografische Angabe hinweist. So macht Mittelalter echt Spaß.

Reisegepäck – Jack Daniel’s Single Barrel Rye Tennessee Whiskey

Duty free ist echt nicht mehr das, was es mal war. Gerade in deutschen Flughäfen finde ich in der Spirituosenabteilung eigentlich kaum etwas, was sich lohnt, mitzunehmen – die Preise sind oft nur unwesentlich unterhalb des Onlinehandelpreises, wenn überhaupt, und die Auswahl auch nicht superungewöhnlich, von ein paar „Travel retail only“-Artikeln hier und da mal abgesehen. Dennoch kann ich meist der Versuchung nicht widerstehen, und irgendetwas kommt dann doch mit, insbesondere, wenn es, wie am Flughafen Saarbrücken, die Möglichkeit gibt, vor dem Flug zu kaufen, es an der Informationstheke zu hinterlegen und am Rückflug dann abzuholen.

Auch am Dallas/Fort Worth International Airport sieht das nicht grundsätzlich anders aus. Ich hatte bei meinem Zwischenstop auf der Reise zurück von Santiago de Chile eigentlich auf tolle Bourbon- oder Tequila-Schnäppchen gehofft – sie wurden enttäuscht. Praktisch nichts, was ich nicht schon kannte. Eine Flasche allerdings erregte dann doch auf den zweiten Blick meine Aufmerksamkeit: Der Jack Daniel’s Single Barrel Rye Tennessee Whiskey. Damals, 2017, war der glaube ich noch nicht in Deutschland erhältlich, und die höherwertigen Produkte aus dem Hause Daniel’s finde ich grundsätzlich meist sehr schmackhaft. So macht Reisen dann doch Spaß. Hat es sich gelohnt, ihn ins Reisegepäck zu nehmen?

Jack Daniel's Single Barrel Rye Tennessee Rye Whiskey

Die Farbe ist zwischen Terracotta und Hennarot, mit einem goldenen Reflexbogen. Die Flüssigkeit bewegt sich elegant und mit leichter Schwere im Glas. Beine laufen ohne klare Begrenzung flächig und sehr langsam ab. Auch der Single Barrel Rye kann nicht aus seiner Haut – kaum eine andere amerikanische Whisky-Marke hat ein so klar erkennbares Aromenprofil wie Jack Daniel’s. Die prägnante Bananigkeit ist in allen Ausprägungen deutlich vorhanden, und auch hier dominiert sie das Geruchsbild. Honig und Milchreis, etwas Karamelligkeit, Vanille und ein Anflug von Portwein lenken etwas davon ab und erzeugen eine sehr runde, hochattraktive Nase.

Rye Whiskey sagt man nach, dass er würziger und wilder sei als sein maislastiger Bourbon-Gegenpart – hier spürt man am Antrunk erstmal nichts davon, das ist superweich, cremig, mild und zart. Der Lincoln-County-Prozess, der Tennessee Whiskey mitdefiniert, sorgt für eine Smoothness (ich weiß, das Wort ist verpönt; mir egal, wenn es die Realität gut beschreibt, verwende ich es), die ihresgleichen sucht. Eine gewisse Nussigkeit, Toffee, Butterscotch und milde Frucht zu Beginn, Karamell, Vanille und Tabak im Verlauf, weißer Pfeffer und eine zarte Salzigkeit gegen Ende – hier kommt die Power des Roggen schließlich doch stärker zum Tragen. 47% Alkoholgehalt sorgen für zusätzlichen aber unaufdringlichen Wumms.

Jack Daniel’s Single Barrel Rye Tennessee Whiskey Glas

Der Abgang ist mittellang, etwas eisentonig, feinherb und trocken; dies ist der schwächste Part der Verkostung, denn man spürt, dass dem Single Barrel Rye hier die Luft ausgeht. Dennoch ist die Süße und die den Rachen hinunterlaufende Wärme sehr angenehm, auch hier steht die Drinkability im Vordergrund, auf Kosten der Komplexität.

Ein schöner amerikanischer Whisky, ganz bestimmt, und für mich der beste Tennessee Whiskey, den ich bisher probieren konnte. Hätte er mehr Roggen als 70% in der Mashbill, und mehr Körper am Ende, würde ich ihn noch mehr loben; wäre er etwas vielschichtiger, käme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. So bleibt dennoch ein sehr genehmer, freundlicher und dabei doch charaktervoller Whisky mit Potenzial.

Ein paar Schlucke davon pur genossen, schon fängt das Mixerhirn an, zu rattern. Es ist natürlich nicht schwer, Cocktailrezepte für Bourbon oder Tennessee Whiskey zu finden, diese Brände eignen sich wie kaum ein zweiter perfekt für Drinks. Man mag denken, es sei nur eine kleine Variation auf einen Manhattan, mit etwas Amaro und einem Ticken Maraschino ist der Carroll Gardens aber doch ein ganz eigenständiges Rezept.

Carroll Gardens Cocktail


Carroll Gardens
2 oz Rye Whiskey
½ oz süßer Wermut
½ oz Amaro
1 Teelöffel Maraschino-Likör
Auf Eis rühren. Mit einer Zitronenzeste aromatisieren.

[Rezept nach Joaquín Simó]


Völlig unabhängig vom Inhalt finde ich die Dekanter-Flasche, die man auch vom Single Barrel Select kennt,  grandios. Die eckige, gedrungene Form hat sehr hohen Wiedererkennungswert, und sorgt dafür, dass man sich schon beim Einschenken wohl fühlt – der wahre Genießer hat sowas einfach gern in der Hand. Der wuchtige Holzstöpsel auf dem Echtkorken und der Geschenkkarton in schönem Rostrot (oder ist es Roggenbraun?) tun ihr übriges dazu.

Jack Daniel's Single Barrel Rye Tennessee Rye Whiskey Detail

Und schließlich sind auf der Flaschenhalsbanderole noch ein paar Details abgedruckt, die Fassnummer (schließlich haben wir hier einen Single Barrel vor uns, also eine Flasche, deren Inhalt vollständig nur aus einem Fass stammt – was nicht heißt, dass nur ein Fass für die Reihe herangezogen wurde, wie das bei manch anderen Spirituosen zu lesen ist) und das Abfülldatum, das nur wenige Monate vor meinem Kauf lag. Daher ist so eine Angabe durchaus auch mit Erinnerungen an die lange Reise verbunden, ein Wert für sich.

Wie gesagt, mir liegen die oberen Produktreihen von Jack Daniel’s durchaus, es ist eigentlich nur die Old No. 7, die ich zwar auch nicht schlecht, aber ganz sicher am wenigsten spannend finde. Ich bin jedenfalls im Nachhinein sehr froh, dem unspezifischen Drang nachgegeben, und den Whisky aus den USA mitgebracht zu haben. Inzwischen ist er auch hierzulande verfügbar, wenn auch offenbar mit nur 45% Alkoholgehalt: wer sich für die Produkte der Destillerie begeistern kann, sollte einen Blick riskieren.

Bier am Freitag – Asahi Super Dry

Das Asahi Super Dry, das ich hier bespreche, hat eine lange Geschichte hinter sich. Der Basisartikel wurde in 2015 geschrieben, noch basierend auf der Flaschenversion dieses Biers – und nicht gerade schmeichelhaft, im Gegenteil, da hatte ich ordentlich vom Leder gezogen und kein gutes Haar an diesem Lager gelassen. Der Artikel hatte es aus diversen Gründen nie zur Veröffentlichung geschafft, und als ich neulich in einem Supermarkt über eine Dosenversion des Super Dry gestolpert bin, dachte ich mir, das ist doch ein Hinweis darauf, dass ich zum Asahi endlich was schreiben sollte. Was hiermit geschieht.

Asahi Super Dry

Öffnen wir hübsch gestaltete 330ml-Dose und gießen uns das Bier ein. Das Asahi Super Dry ist kristallklar. Ein mittlerer, strahlender Ockerton gefällt; der Schaum fällt schnell in sich zusammen und lässt nur einzelne Inseln zurück, die Perlage ist passend eher dürftig. Lagertypisch hält sich das Super Dry sensorisch zurück; ich erkenne eigentlich nur Anflüge von Malz und Hefe, und selbst diese nur, wenn die Nasenspitze schon fast im Bier hängt. Ein Metallton ist da. Leichte Säure.

Das Mundgefühl ist zunächst schön weich und rund und dicht. Mais meint man als Charakter herausschmecken zu können (Mais und Maisstärke werden als Zutaten angegeben, dazu Reis), da ist eine Note, die ich tatsächlich irgendwie mit Mais vereinbaren kann; jedenfalls ist es doch erstaunlich anders als ein reines Gerstenmalzbier. Eine leichte Metalligkeit entsteht noch, und im Verlauf eine schon knackige Säure. Zusammen mit der Maiswürze gibt das ein unerwartetes Mundgefühl. Der Abgang ist dann undefiniert süßlich, und kurz, allerdings mit vielen astringierenden Effekten und schon einem dem Namen alle Ehre machenden Trockenheit. 5,2% fallen nicht auf.

Mir ist das insgesamt zu unrund, fast schon klapprig zusammengestellt. Da passt für meinen Geschmack kaum eine Komponente zur anderen, Süße und Säure sind in Unbalance, Cremigkeit und Trockenheit machen sich gegenseitig das Leben schwer, die Aromatik ist ungewohnt. Die Japaner mögen offensichtlich eine andere Art Bier als wir in Deutschland.

Asahi Super Dry Flasche

Kommen wir nach diesem nicht sehr positiven Fazit nochmal auf die Einleitung zurück, und zum Unterschied zu Flasche. Wie gesagt, bei der Flaschenversion war ich sehr kritisch; und auch wenn es lang her ist, aus der Erinnerung heraus habe ich den Eindruck, es könnte durchaus ein komplett anderes Produkt sein. Auf der Flasche gab es keine Zutatenliste, bis auf den Hinweis auf Gerstenmalz. Auf der Dose dagegen schon, das ist ein Fortschritt. Auch sonst wird auf der Flasche erzählt, dass das Bier „brewed under supervision of Asahi Breweries, Ltd., Tokyo, Japan“ ist, und der etwas verwirrende Hinweis, dass es sich um ein „Produkt der Republik Tschechien“ handelt. Was soll man dazu sagen. Nun, mit der Dosenversion bin ich sehr viel gelassener, wenn auch keineswegs besonders überzeugt. Das Verwirrspiel trägt auch nicht dazu bei, mich öfters zu diesem Bier greifen zu lassen.

Französischer Festungsschnaps – Citadelle Gin de France

Der Alkoholkonsum in früheren Jahrhunderten war aus heutiger Sicht höchst erstaunlich. Es wurde Schnaps getrunken in Mengen und zu Zeiten, die wir uns heute kaum vorstellen können. Frankreich war dabei einer der ersten Profiteure davon – schon früh exportierte das Land, basierend natürlich auf der langen und prominenten Verbundenheit zu Wein, seinen Branntwein in alle Welt, er war mit der beliebteste und verbreitetste Hochprozenter, alle großen Kolonialreiche konsumierten ihn en masse in der Heimat wie in der Fremde. Erst als England sich entschied, hohe Steuern auf den Import ausländischer Spirituosen und das Brennrecht ohne Lizenz einzuführen, begann der Aufstieg eines anderen Brands, der später die Welt erobern sollte – Gin. Ich gehe davon aus, dass die Franzosen inzwischen genausoviel Gin trinken wie der Rest Europas. Die Superpopulärität dieser Spirituosenkategorie macht an Ländergrenzen keinen Halt mehr.

Der Citadelle Gin de France aus dem Hause Maison Ferrand bedient sich einer Geschichte aus dieser frühen Zeit, um sich dem geneigten Kunden zu präsentieren. Der Name wurde scheinbar inspiriert von der ersten französischen Ginherstellung in der Festung der nördlichsten Stadt Frankreichs, Dunkerque, im ausgehenden 18. Jahrhundert. Im Gegensatz zu manch einem anderen Produkt wird hier dankenswerter Weise nun nicht behauptet, dass außer der Inspiration irgendeine tatsächliche historische Verbindung zu dieser Festung besteht. Auch wir wollen nicht lang drauf herumreiten, sondern uns stattdessen eher handfesten Tatsachen zuwenden, wie dem Gin selbst. Ab ins Glas damit!

Citadelle Gin

Zur Farbe gibt es bei einem Gin meist nicht viel zu berichten, auch hier bleibt mir nur zu erzählen, dass die Flüssigkeit klar und fehlerlos ist. Eine leichte Öligkeit lässt den Gin im Glas schwer schwappen, wobei ein dicker Film an der Glaswand zurückbleibt, der schnell in dicken Beinen abläuft.

Ich gebe gern zu, dass ich für viele Hersteller ein unbequemer Gintrinker bin. Ich kann mit den allermeisten modernen aromatisierten Wodkas, was die meisten New Western Gins eigentlich sind, nichts anfangen, ich will einen klassischen wacholderlastigen Gin, wie er definiert ist. Daher schnuppere ich erstmal skeptisch an diesem Gin, der sich mit 19 Botanicals brüstet. Nun, erleichtert atme ich wieder aus – da ist ordentlich Wacholder da. Den ersten Test hat der Citadelle damit schonmal bestanden. Was rieche ich aus den eingesetzten Kräutern heraus? Die komplette Bandbreite von Koriander, Iris, Kubebenpfeffer, Mandel, Cassis, Fenchel, Lakritz, Sternanis, Bohnenkraut, Zitronenzeste, Muskatnuss, Orangenzeste, Angelika, Kardamom, Kumin, Veilchen, Zimt und Paradieskörnern? Das wäre schon beeindruckend, doch so perfekt ausgebildet ist mein Geruchsapparat dann doch nicht. Neben dem dominanten Wacholder sind da leicht florale Noten, wahrscheinlich von Iris und Veilchen, und frische Fruchtigkeit aus den Zitrusfruchtzesten. Kardamom, ja, und auch Zimt. Ein durchaus komplexes Gesamtbild.

Das macht Lust, ihn zu probieren. Sehr voluminös, voll, und fast schon cremig, ein sehr dichtes Mundgefühl für einen Gin, das liegt wie eine Flauschedecke im Mund. Neben dem Wacholder nehme ich persönlich den Kubebenpfeffer am stärksten wahr, er dominiert im Verlauf sogar immer mehr das Geschmacksbild. Pfeffrig, aromatisch, leicht feurig, durchaus würzig. Leichte Bittere und Lakritz- und Fenchelgeschmäcker. Insgesamt meine ich, eine deutlich salzige und umami Seite an diesem Gin zu finden, ungewöhnlich, aber durchaus apart und ungewohnt, ohne allzusehr ins von mir ungeliebte New Western abzugleiten. Eine etwas seifige Komponente könnte vom Koriander und ähnlichen Kräutern kommen, mir liegt diese Seite nicht so sehr, ohne es aber für einen Fehler zu halten. Auch im Mund eine attraktive, spannende Komplexität.

Citadelle Gin Glas

Der Abgang ist kühl, eukalyptisch, effektvoll lang und hinterlässt ein kräuteriges Bouquet am Gaumen. Man hat noch eine ganze Weile was von dem Citadelle, wenn er den Mund schon verlassen hat, mit leicht blumigen Noten klingt er am Ende aus. Ja, das gefällt mir – pur trinkbar, mit einem ansprechenden Geschmacksbogen und einem beeindruckenden Mundgefühl.

Gin, das bringt man meist mit sehr klassischen Drinks, die gleichzeitig sehr streng und kühl gehalten sind, in Verbindung. Gin und Tiki, das ist dagegen etwas, was erstmal keine offensichtliche Gemeinsamkeit hat – doch es gibt doch den einen oder anderen Tiki-Drink, der sich gern dieser Spirituose bedient. So zum Beispiel Trader Vic’s Passion Punch – man sieht bereits am Namen, das ist kein moderner Trend, sondern die ganz Großen des Südseeeskapismus haben sich damit schon beschäftigt. Und es funktioniert wunderbar mit dem Citadelle Gin. Wenn der Drink dann noch in einem trickreichen Gefäß mit Einblick an unerwarteter Stelle serviert wird, ist die Überraschung garantiert.

Trader Vic's Passion Punch Cocktail


Trader Vic’s Passion Punch
2 oz Dry Gin
¼ oz Brandy
½ oz Limettensaft
1½ oz Passionsfruchtsirup
1 Spritzer Angostura bitters
Mit Eis blenden.

[Rezept nach Trader Vic]


Die Flasche hat wirklich Stil, ist toll gegossen und mit dem blauvioletten Farbverlauf sehr prägnant in jeder Heimbar. Dazu ein sehr hübsch gestaltetes Etikett in ungewohnter Form, mit entsprechenden Vertiefungen dafür im Glas, farblich sehr angenehm angepasst an die Flaschenfarbe selbst, mit einer eindeutigen Flaschennummer. Sogar der Blechschraubverschluss ist gestaltet, da hat sich ein Produktdesigner wirklich ausgetobt und ein rundum gelungenes Gesamtbild abgeliefert.

Man bezahlt rund 20€ für eine Flasche, und das ist gerade in Zeiten von maßlos überteuerten Spargel-Oliven-Hipsterpseudogins eine wahre Wohltat – ein extrem fairer Preis für einen Dry Gin, der typisch ist und dabei gleichzeitig mehr Alkoholpower hat als viele anderen Produkte in dieser Preislage.

Offenlegung: Ich danke Ferrand Deutschland für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Gins.

Bier am Freitag – Ulmer Gold Ochsen Kellerbier

Ein kleiner Ausflug im Sommer in die alte Heimat – das bedeutet immer, dass diverse Biersorten von dort ausprobiert werden. Ich war, als ich noch dort wohnte, nicht besonders interessiert an Bier, was bedeutet, dass ich viel aufzuholen habe, speziell was alte Klassiker angeht. Wie zum Beispiel das Ulmer Gold Ochsen Kellerbier – die Brauerei gibt es seit 1597, also machen sie wohl was richtig. Das überprüfen wir jetzt einfach mal.

Ulmer Gold Ochsen Kellerbier
Das Kellerbier ist laut Etikett im Gewölbekeller der Brauerei gelagert und gereift, macht seinem Namen also wirklich Ehre, und ist nicht nur reine Stilbezeichnung, wie das bei vielen modernen Kellerbieren der Fall ist. Irgendwie passend finde ich darum das dunkle Rostbraun des Biers, das kaum vom Glas der Braunglasflasche zu unterscheiden ist. Dunkel, und stiltypisch leicht getrübt, weil unfiltriert. Die sehr vorsichtige Perlage ist dadurch praktisch nicht sichtbar, der schöne, dicke Schaum, auch nach einer Weile noch einen halben Zentimeter dick auf dem Bier liegend, dafür umso besser.
Rostig, getreidig, malzig: Die Optik gibt klar den Weg auch für die Nase vor. Sonst hält sich der Gold Ochsen eher zurück. Der Tettnanger Aromahopfen, der auf dem Rücketikett erwähnt wird, ist höchstens in Ansätzen zu riechen. Im Mund macht er sich schon eher bemerkbar – die dunkle, sehr würzige, fette Malzbasis wird durch die Bittere der Hopfenbeigabe klar aufgelockert, und auch wenn der Gesamttonus doch deutlich tief und schwer, sehr cremig und vollkörperig ist, hat das Bier eine schöne, kantige Frische mit etwas Zitrusnoten und einer frechen Karbonisierung, die auch für ordentliche Rezenz sorgt. 5,3% Alkoholgehalt sind sicher untergebracht. Der Abgang ist mittellang, sehr malzig, gewürzlastig, deutlich mit Röstaromen versehen und auch mit einem Anflug von Rauch und Speck.
Das gefällt mir sehr: ein rundes, starkes Bier aus meiner Heimat. Davon wird in Zukunft immer ein Kasten mit nach Saarbrücken wandern.

Der kleine Gute – Boazinha Cachaça

Aktuell brennen auf der Welt gerade die Wälder. Australien löste dabei Brasilien in den Nachrichten ab, und man will gar nicht darüber nachdenken, was 2019 und 2020 für die botanische Artenvielfalt bedeuten. Für uns Spirituosenfreunde scheint es grundsätzlich erstmal unproblematisch zu sein, was die Hölzer für Fässer angeht – der riesige Löwenanteil stammt aus unbedrohten Gebieten wie Nordostamerika und Frankreich. Auch Cachaça wird, wenn gereift, meist in Eiche gelagert. In der Wahrnehmung allerdings ist zumindest in Deutschland häufig das exotische native brasilianische Holz im Vordergrund – wie zum Beispiel Bálsamo, das für den Boazinha Cachaça zum Einsatz kam. Bálsamo ist ein sehr aktives Holz, das Aromen und Farbe gern willig abgibt, und ist daher einer der Lieblinge der Cachaça-Hersteller – ein weiterer Grund wäre wohl, dass diese Holzart noch eine der am wenigsten bedrohten in Brasilien ist, man kann also unbesorgt zugreifen (was sicherlich nicht für alle Holzarten gilt, da sollte man sich informieren). Wie das nach den großen Feuern in Südamerika 2019 aussieht, bleibt noch zu klären; einfacher wird es für die Pflanzenwelt Brasiliens sicher nicht, vor allem nicht unter einem Präsidenten, dem die Natur am Arsch vorbei geht. Man kann hoffen, dass die mit traditionellen Methoden arbeitenden Cachaça-Brenner mehr an Nachhaltigkeit interessiert sind als die populistische Politik.

Der Boazinha stammt aus der Destillerie Seleta & Boazinha in Salinas, einem Zentrum der Cachaca-Herstellung. Der Werbetext sagt, dass 17 Zuckerrohrsorten entsaftet wurden, ich habe persönlich keinerlei Vorstellung davon, ob das viel oder wenig ist, oder ob es wirklich einen großen Unterschied macht, wieviele Sorten Zuckerrohr in einer Maische angesetzt werden, sobald es mehr als eine einzelne ist – die parzellarische Einzelsortenverwendung ist dabei eh eher ein Experiment, das bei rhum agricole hin und wieder statt findet. Gießen wir uns ein Glas des „kleinen Guten“, so eine freie Übersetzung des Namens, ein, und versuchen uns dem Thema einfach sensorisch zu nähern.

Boazinha Cachaça

Die Farbe ist strohig, wie Weißwein – 4 Jahre Reifung in oben erwähntem brasilianischem Bálsamo-Holz haben diesen Farbton erzeugt. Insgesamt unauffällig, da will ich mir nichts aus den Fingern saugen, nur eine leichte Viskosität. Dazugehörige Beine am Glasrand laufen schnell ab.

In der Nase ist der Boazinha Cachaça sehr floral, nach Lavendel, angedrücktem Kardamom, erkennbar grasig, eher schon nach getrocknetem Heu im Sommer, dabei aber milder als viele rhums agricoles. Etwas Pferdestall. Die Zuckerrohrbasis ist klar erkennbar. Eine Weichspülernote ist da (gäbe es einen Weichspüler mit diesem Aroma, ich wäre Markenabonnent). Keine Spur von Lack oder Ethanol. Hört sich vielleicht seltsam an, aber diese Spirituose riecht warm und weich.

Im Antrunk bleibt alles entsprechend sehr weich und süß. Im Verlauf setzt eine zunächst milde, dann immer feuriger werdende Würze ein. Eukalyptus, Kardamom, Fenchel, Gras, grünes Holz, Harz und Fichtennadeln. Sehr ätherisch, waldig, holzig, kühl und hauchig – ein sensationelles Mundgefühl mit vielen sonst bei Spirituosen selten zu findenden Komponenten. Dabei durchgängig mild, rund und vollkörperig, ohne die Frische zu vergessen. Nie stumpf, immer hellklingend und leicht. Sehr komplex, breit und tief gleichzeitig. 42% Alkoholgehalt sind ideal gewählt.

Boazinha Cachaça Glas

Zum Schluss, der Abgang – herrlich kühl, grasig, lang und intensiv. Ein leichter Eisenton. Mild adstringierend. Die Eukalyptusnote des Bálsamo-Holzes klingt sehr lange nach, als hätte man ein Kräuterbonbon gelutscht.

Nun, wer immer dachte, dass Cachaça eine reine Mixspirituose sei, der wird spätestens hier eines besseren belehrt. Ich trinke den Boazinha gern langsam, pur, handwarm im Glas und genieße die ausgeprägte Zuckerrohrbasis, die angenehme Bodenständigkeit und die faszinierenden Holztöne.

Im Street & Flynn Special wird normalerweise gereifter Rum verbaut. Nachdem ich diesen wunderbaren Cocktail das erste Mal getrunken hatte, war mir klar, dass er die ideale Verkleidung für den Boazinha ist – die Holz- und Grasnote montiert sich herrlich in die Mischung aus Ingwer, Piment und Limette. Ein echter Gewinnercocktail, einer meiner liebsten.

Street & Flynn Special


Street & Flynn Special
1½ oz gereifter Cachaça
½ oz Pimento Dram
½ oz Ingwersirup
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken, abseihen in ein Glas voll Eis. Mit Soda aufgießen.
[Rezept adaptiert nach Zachary Gelnaw-Rubin]


Die Flasche ist sehr ungewohnt – eine undurchsichtige Keramikflasche mit krummschiefen Winkeln. Sehr charmant ist der kleine Griffhenkel, an dem man die Flasche zum Eingießen halten kann. Der Echtkorken wird normalerweise von einem Holzdeckel gehalten; wie man auf dem Foto sieht, hat meine Flasche bei der Lieferung etwas gelitten und der Deckel ist abgequetscht worden. Das tut dem Ganzen keinen Abbruch, mit einem Korkenzieher ist so ein Korken auch leicht aus einer Spirituosenflasche geholt. Und da sich so ein toller Zuckerrohrbrand bei mir eh nicht lang hält, der wird ruckzuck weggetrunken, besteht auch keine Gefahr, dass der fehlende Originalverschluss für Nachteile im Aroma sorgt.