Man genießt den feinen Geist des Weines – Chantré Weinbrand vs Asbach Urbrand

Wer in den späten 80ern aufgewachsen ist, kennt sie, die Werbungssprüche der großen deutschen Weinbrände. Am Geschmack erkennen soll man sie, fein und weich, mit Geist und was besonderes für besondere Gäste und Anlässe. So massiv wurden sie beworben in Fernsehen und Radio, dass der eine oder andere Spruch es über die Jugendkultur in den deutschen Sprachschatz geschafft hat; meist eher parodierend allerdings, und Asbach beispielsweise ist heutzutage gar nicht mehr wirklich glücklich darüber, dass ihr Produktname herablassend synonym für etwas total veraltetes gebraucht wird.

Chantré wechselte den Werbespruch immer wieder mal, doch das „nicht irgendeinen!“ blieb bei mir am meisten hängen. Man fühlt sich direkt in die Zeiten von „Ich heirate eine Familie“, „Diese Drombuschs“ und den großartigen Adventsvierteilern im Fernsehen versetzt, wenn man sich diese Spots anschaut.

Weg mit der Nostalgie, hin zum aktuellen Produkt. Auf Fernsehwerbung müssen die beiden Platzhirsche des deutschen Weinbrands, Asbach und Chantré, inzwischen verzichten. Sie sind aber immer noch sehr präsent in unserem modernen Blickfeld, nämlich an fast allen Supermarktkassen der Republik in kleinen Dosen. Ich habe mir für diesen Vergleichstest dann an eben so einer Edeka-Kasse jeweils einen 100ml-Flachmann von Asbach Urbrand (man beachte die Namensänderung)* und Chantré Weinbrand geholt.

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Der Asbach Urbrand ist zumindest von außen schonmal etwas aufwändiger aufgemacht. Ein schönes, schwungvolles Flaschendesign wirkt gut selbst bei dieser winzigen Größe. Dazu die Plastikkappe, die wohl neben dem Schutz des echten Korkens, einem wahren Luxus bei dieser Flaschengröße, auch als Trinkbecher dienen kann.

Optisch gefällt mir auch der Inhalt, die schöne Schlierenbildung im Glas weiß ich zu schätzen. Ich nehme einen Hauch von Fruchtnote wahr, leicht alkoholisch, insgesamt aber schwach und undefiniert, praktisch kaum riechbar.

Am Gaumen ist der Asbach Urbrand süßlich, zu Beginn sehr weich und cremig, später deutlich brennend auf der Zunge, dann wieder dezenter im Abgang. Geschmacklich ähnlich wie schon in der Nase zurückhaltend fruchtig, etwas schokoladig, ein Touch von Korn. Das Böse kommt zum Schluss: der Weinbrand hinterlässt eine leichte Bittere am Gaumen, und je länger man wartet, um so fuseliger wird er – nach ein paar Minuten ist der Asbach eher unangenehm trocken-bitter, schwefelig, erinnernd an kalten Zigarettenrauch.

Ich fasse zusammen: In der Nase praktisch nichtexistent, im Antrunk sehr angenehm süß, im Abgang fast schon schlimm.

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Der Chantré spart am Äußeren: ein Blechschraubverschluss und ein einfacheres Etikett mit hässlichem Barcode.

Der Geruch: Traubenmost, überreife Ananas, Anis, und eine leicht unangenehme fuselige Note. Keine sehr ansprechende Kombination, da muss ich schon zweimal riechen, um das positive zu erkennen. Der Geschmack dagegen entschädigt für die seltsame Nase: Er schwingt von sehr hell und fruchtig um auf süß, schokoladig, im Abgang trocken, etwas bitter. Im Vergleich zu spanischen Brandys, die geschmacklich ähnlich gelagert sind, hat aber auch der Chantré, wie der Asbach, enttäuschend wenig Körper.

Für den interessanten Geschmack gibt es dann aber wiederum einen Negativausgleich: ein sensationell kurzer Abgang, kaum runtergeschluckt ist der Chantré auch schon aus dem Geschmacksgedächtnis verschwunden. Auch hier verbleibt eine etwas störende bitter-trockene Schwefeligkeit: wie ich vermute ein Kennzeichen der Massenproduktion, das ich auch schon beim Carlos I entdeckt hatte.

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Ich scheue mich davor, einen der beiden für Cocktails zu empfehlen. Ihre körperlose Art bringt nichts für einen Cocktail, in dem dichter Cognac- oder Brandygeschmack gefragt ist, und der Fuselcharakter müsste durch kräftige Mitspieler ausgeglichen werden (die dann aber wiederum den eh schon zurückhaltenden Geschmack völlig übertünchen würden).

Fazit. Eigentlich haben wir hier keinen Gewinner. Der Chantré ist für mich aromatisch etwas vielschichtiger und weicher, aber letztlich enttäuschen beide Produkte. Der Asbach Urbrand hat die klar schönere Verpackung und Farbe, aber der Abgang ist grausig. Der Chantré erlaubt sich keinen ganz so schlimmen Ausrutscher, doch auch keine Eigenschaft, die ihn besonders macht – ein Langweiler vor dem Herrn. Keinen von beiden würde ich einem geschätzten Gast vorsetzen.

Man bekommt, wofür man bezahlt. Zwischen 10€ und 15€ für den Liter bei einem Weinbrand, es ist klar, welche Zielgruppe damit angesprochen wird: Der anspruchslose Effekttrinker, ganz im Gegensatz zu den Werbeversprechen. Auch die Platzierung der kleinen Flaschengrößen an der Supermarktkasse und ihre Flaschenform deutet darauf hin. Ich finde das Angebot dieser kleinen Abfüllmengen grundsätzlich immer gut, man kann dadurch probieren, bevor man die Schnapskatze im Dreiviertellitersack kauft, doch in dem Fall dieser Weinbrände steckt natürlich eine andere Motivation dahinter. Eins muss aber auch gesagt werden: Wir sprechen hier von den absoluten Basisprodukten dieser Hersteller, der niedrigsten Qualitätsstufe. Kein Hersteller bekleckert sich in dieser Qualitätsregion mit Ruhm. Zumindest Asbach hat noch ein paar deutlich attraktivere Weinbrände im Angebot.

Nach diesem etwas enttäuschenden Vergleichstest werde ich mir nun einen erfreulicheren Weinbrand eingießen, um nicht mit negativen Gedanken den Verkostungstag zu beenden. Wie sagt die Werbung doch so schön? Darauf einen Dujardin oder Mariacron, wenn der Tag zur Ruhe kommt!

* Nachtrag 07.01.2016: Ein Leser hat mich darauf hingewiesen, dass der Asbach Urbrand tatsächlich ein vom Asbach Uralt verschiedenes Produkt ist, und es sich nicht um eine Namensänderung handelt. Die Homepage von Asbach bestätigt das: Asbach Urbrand gibt es nur in kleinen Portionsgrößen (0.02l und 0.1l, dazu die „halbe“ Flasche mit 0.35l). Wenn ich die Seite richtig lese, ist der Asbach Urbrand ein einzelner Brand, während der Asbach Uralt ein Blend ist. Was ich über den Geschmack des Urbrands gesagt hatte, lasse ich aber so stehen. Vielleicht bekommt der Uralt noch irgendwann eine Chance; der 15 Jahre gereifte Spezialbrand ganz sicher.

Ein italienischer Traum – Martini & Rossi Martini Rosso Wermut

Der Titel ist etwas klobig, das gebe ich zu. Letztlich ist das aber der korrekte Name eines Getränks, das die allermeisten von uns irgendwoher kennen. Martini Rosso (italienisch für „roter“ Martini) ist der Name des Produkts, Martini & Rossi der Name der Firma, die diesen süßen Wermut seit mehr als 150 Jahren in Turin herstellt. Zusammengesetzt: Martini & Rossi Martini Rosso. Ein moderner Namensdesigner hätte sich vielleicht nicht unbedingt so einen Hirnverschwurbler ausgesucht, aber so ist das halt mit organisch gewachsenen Unternehmen und deren Produkten. Und dann gibt’s ja auch noch einen Cocktail, der auch Martini heißt… was hat der denn nun damit zu tun?

Dem Ursprung des Martini-Cocktails hat Cocktailhistoriker David Wondrich in seinem Buch Imbibe! ein komplettes Anhangkapitel gewidmet. Der „King of the Cocktails“ hat wie kaum ein anderer eine Legendenbildung um Herkunft und Namen erzeugt, und, wie üblich, ist das meiste davon zumindest unwahrscheinlich. Wondrich legt sich selbst nach extensiver historischer Forschung nicht fest; spannend zu lesen sind die möglichen Varianten auf jeden Fall, ich lege dieses Kapitel in Wondrichs Buch jedem Cocktailfreund ans Herz. Man kann nur festhalten: Der Name des Cocktails ist geheimnisumwittert, hat aber definitiv nichts mit dem Wermut zu tun – es ist reiner Zufall, dass der Wermut und der Cocktail gleich heißen.

Ich gieße nun noch ein bisschen Öl ins Feuer: Im Extremfall ist Martini-Wermut, z.B. Martini Extra Dry, hergestellt bei der Firma Martini & Rossi, dann sogar Bestandteil eines Martini-Cocktails. Man muss schon mit beiden Beinen fest in der Spirituosenwelt stehen, um das einem Laien dann noch auf die Schnelle in einer Bar, mit zwei, drei Drinks intus, verständlich erklären zu können.

Martini Rosso

Zurück aber zum roten Wermut. Die Flasche ist klassisch, ikonisch, hat sehr hohen Wiedererkennungswert. Italienisch schwungvoll und mit großer Halsöffnung. Das Logo ist allgegenwärtig in der Barwelt – kaum ein Laden kommt ohne die großartigen, künstlerisch hochwertigen Werbeplakate vergangener Zeiten aus.

Farblich geht der Martini Rosso dann ins braunrot, fast schon bernstein. Eine wirklich ausgesprochen schöne Farbe, mit herrlichen Reflexen. Wie Name und Farbe schon andeuten, gehört der Martini Rosso zur Gruppe der italienischen/roten/süßen Wermuts, im Gegensatz zu den französischen/weißen/trockenen Wermuts. Diese Gruppierungen schließen sich nicht gegenseitig aus, es gibt beispielsweise auch weiße italienische Wermuts, doch letztlich ist das die Sprechweise im Cocktailbetrieb, wenn man eine der beiden Spirituosen meint.

Martini Rosso im Glas

Wenn man die Nase ins Glas hält, riecht man den typischen, unverkennbaren Wermutgeruch, der aus dem Wermutkraut und der (natürlich geheimen) Kräuterkombination entsteht. Es erinnert mich an Sherry, vielleicht auch einen milden Tawny-Porto – die Verwandschaft (alles sind verstärkte Weine) ist also sensorisch erkennbar.

Die Weinbasis ist dann auch beim Verkosten deutlich schmeckbar. Die Ähnlichkeit zum Sherry ist auch hier vorhanden, die Geschmacksfarbe wird aber durch eine deutliche Bittere am Gaumen und die Trockenheit abgeändert – die Kräuter würzen das ganze schließlich auf eine sehr eigene Art. Auch ist eine leichte Säure vorhanden, die der Kräuter-Wein-Mischung eine gewisse Frische gibt. Im Gegensatz zu einem anderen roten italienischen Wermut, dem Carpano Antica Formula, ist der Martini Rosso leichter, fruchtiger, heller.

Der rote Martini ist  einfach so, mit einem Spritzer Zitrone, ein herrliches Getränk: Nicht zu stark, dennoch aromatisch, ein idealer Aperitif. Aber auch der Cocktail The New Fig Leaf lässt den Wermut glänzen. Hier ist Martini Rosso der Hauptbestandteil und wird durch andere Zutaten unterstützt, ein herrlich dichtes Gesamtbild zu erzeugen – Wermut at its best, sozusagen.

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The New Fig Leaf
1½ oz Martini & Rossi Martini Rosso
¾ oz Dunkler Rum (z.B. Ron Mulata 7 Años)
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer The Bitter Truth Aromatic Bitters


zubehc3b6rweinpumpeWermut ist eine vergleichsweise verderbliche Spirituose. Idealerweise kauft man sich daher möglichst kleine Flaschen, und bewahrt diese dann im Kühlschrank auf. Wer auf Nummer Sicher gehen will, versiegelt die Flasche sogar mit einer Weinpumpe – allerdings benötigt man eine, die auch mit der großen Flaschenöffnung umgehen kann, die deutlich größer als die einer Standardweinflasche ist.

Martini & Rossi hat natürlich noch andere Wermuts im Angebot. Martini Bianco, und Extra Dry gibt es schon seit längerem; vor einiger Zeit wurden dann noch Sondervarietäten eingeführt, wie Martini d’Oro und Rosato, sowie die Edelvariante des gereiften Gran Lusso. In Kürze (erstes bis zweites Quartal 2016) wird das Portfolio noch um die Sorten Ambrato und Rubino ergänzt. Man sieht, der Wermut ist nicht totzukriegen.

Let’s have a hefeweizen in the beer garden – Sierra Nevada Kellerweis Hefeweizen

Viele beschweren sich immer darüber, dass Anglizismen unseren Sprachgebrauch inzwischen dominieren. Ich will wirklich kein fingerpointing betreiben, aber bei mir im Beruf ist es oft besonders schlimm: Im Endgame liegen die Nerven blank, und selbst tolle Achievements werden dann schnell geskippt, weil der Forecast auch nicht so awesome ist. Bullshit Bingo ist dann der liebste Zeitvertreib während so manchem Meeting.

Manchmal geht es aber auch in die andere Richtung. Neben den Germanismen, die die englische Sprache schon seit langer Zeit aufweist, wie Kindergarten, Gesundheit, Sauerkraut, Poltergeist oder Rucksack, hat sich auch eine urdeutsche Biergattung ins Herz und die Bezeichnung dafür in die Sprache der Amerikaner geschmuggelt: Das leckere Wort Hefeweizen.

Wie man auf dem Etikett des kalifornischen Sierra Nevada Kellerweis Hefeweizen erkennen kann, haben die Amis mit solchen Übernahmen herzlich weniger Probleme als wir, sie mögen solche Wörter, die sie an ihre Ursprünge erinnern (immerhin 50 Millionen Amerikaner können sich auf deutsche Wurzeln berufen) scheinbar sogar so sehr, dass sie das Bier mit einem seltsamen anglizierten Deutsch benennen.

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Auch wenn man sich in exotischen Herstellungsgefilden, was Hefeweizen angeht, wähnt: Die Farbe dieses Biers ist, wie man es von einem Hefeweizen gewohnt ist: ein strahlendes Saftgold. Man hört auch das sehr kräftige Blubbern im Glas.

Die Nase ist schön fruchtig und frisch, leicht blumig und leicht hefig. Ein wirklich ansprechender Anfang – von dieser Aromatik können sich ein Großteil der deutschen Hefeweizen eine Scheibe abschneiden. Im Mund kommt dann die amerikanische Interpretation des Weizen zum Vorschein: eine gute Bittere, kein Wunder bei den hopfenverliebten Amis, und eine knackige Frische. Ein deutlich erkennbarer Touch von Cognac oder Brandy gibt dem Kellerweis eine edle Note. Eine ungewöhnliche, aber sehr gelungenene und spannende Variante des altbekannten Biergartengetränks!

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Die sehr starke und ausdauernde Perlage weiß zu gefallen und ist einem Hefeweizen auch würdig, aber leider ist von Anfang an praktisch kein Schaum auf dem Bier, die herrliche Schaumkrone, die man vom deutschen Hefeweizen kennt, fehlt komplett (mit dem Eingießen von Hefeweizen kenne ich mich aus und schließe eine Fehlbehandlung daher aus).

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Die kleine 330ml-Flasche enthält natürlich nicht genug Bier für ein Standard-Halbliter-Hefeweizenglas, da kommt endlich mal das süße kleine Hacker-Pschorr-Weizenglas, das ich damals aus München mitgebracht hatte, zum Einsatz, das sonst ein tristes Dasein im Glasschrank fristet. Mit 4.8% Alkohol bewegen wir uns im sortentypischen Rahmen.

Erneut enttäuscht Sierra Nevada nicht. Bereits deren IPA, Stout und Barleywine waren Kronen der Bierbraukunst; das Kellerweis gesellt sich dazu. Wäre da nicht die leidige, vom weiten Import getriebene Preisfrage (3,50€ habe ich für das kleine Fläschchen latzen müssen), ich würde es zu meinem Haus- und Hofbier machen. So spare ich mir dieses tolle Bier für besondere Gelegenheiten auf – ich hoffe, es bald mal meiner etwas standardbierseligen Verwandschaft vorsetzen zu können.

Die ganze Karibik in einer Flasche – The Bitter Truth Golden Falernum Spiced Rum Liqueur

Selten findet man eine noch allgemeinere Definition dessen, was ein Getränk ausmacht als bei Falernum: Es ist ein aromatisierter Sirup, usrprünglich stammend aus Barbados. Mehr Einigkeit gibt es erstmal nicht. Es gibt ihn mit und ohne Alkohol, mit den verschiedensten Gewürzen und Zutaten. Seine Farbe schwankt zwischen weiß und gold, er kann aber auch transparent sein. Nicht nur die Form, auch der Ursprung dieses karibischen Gebräus ist vielgestaltig und heutzutage kaum mehr auch nur ansatzweise verlässlich nachvollziehbar. Es ranken sich Legenden, Anekdoten und rationalistische Erklärungsversuche um den Namen, die wahrscheinlich alle falsch sind. Nur eins scheint klar: wie man den Namen ausspricht.

In der modernen Cocktailwelt, vor allem getrieben durch die Tiki-Welle, hat sich eine gemein gebräuchliche Form herauskristallisiert, die aus Rum, Aromaten (Mandeln, Ingwer, Nelken, Limette und andere) und Zucker besteht und eigentlich nun mehr ein Likör als ein Sirup ist. Das Golden Falernum Spiced Rum Liqueur von den Cocktailzutatenexperten von The Bitter Truth ist ein Paradebeispiel dafür, wie diese moderne Version eines Falernums aussieht und schmeckt.

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Ingwer, Nelken, Orangen. Selten hat man ein derart intensives Aroma nach diesen Ingredienzien in der Nase, nachdem man eine Flasche öffnet. Der Duft, der schon vor dem Öffnen leicht erahnbar ist, durchströmt direkt den ganzen Raum. Eine herrliche goldene Farbe glänzt und glitzert dann beim Einschenken, und alle Gerüche übertragen sich tatsächlich dann auch auf den Mund.

Ja, das ganze ist extrem süß, furchtbar süß, das gebe ich zu, doch diese Süße trägt den Ingwer, die Nelken und die Zitrusfrüchte wie eine Sänfte. Man kann das gewiss pur trinken, gekühlt, und Gäste werden überrascht ins Glas schauen, wenn sie das zum Dessert serviert bekommen.

Doch das Haupteinsatzgebiet ist die Mixologie. Ein Cocktail, in dem dieses Falernum die seine nicht zu unterschätzende Kraft zeigt, ist der herrlich körpervolle Port Antonio. Schon der wenzige Schlock einer Viertelunze reicht aus, um den gesamten Cocktail mit geheimnisvollen Gewürznoten und üppiger Süße auszustatten.

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Port Antonio
1 oz Heller Rum (z.B. Hampden Estate Gold Jamaica Rum)
½ oz Dunkler Rum (z.B. Havana Club Añejo 7 Años)
½ oz Limettensaft
½ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
¼ oz The Bitter Truth Golden Falernum


Wie auch bei den anderen „Großflaschen“ von The Bitter Truth (relativ gesehen zu ihren Bitterflaschen mit 200ml oder weniger) erhält man hier ein fantastisches Produkt, das seinesgleichen sucht, und mit einer dezenten, aber wirkungsvollen Präsentation in einer eleganten Halbliterflasche mit üppig designtem Etikett. 18% Alkohol weist das Falernum des Münchner Herstellers auf; die Menge ist ausreichend für eine enorme Anzahl an Cocktails.

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Wer Tiki-Drinks mag, kommt um dieses wunderbare Getränk, was auch immer es sein mag, nicht herum; es featured in gefühlten 90% aller Cocktails der großen Tiki-Cocktailikonen Beachbum Berry, Trader Vic oder Don the Beachcomber und ist damit sozusagen das für Cocktails, was Samuel L. Jackson für Kinofilme ist.

Zapfhahn No. 6 tropft – Schneider Weisse TAP6 „Unser Aventinus“ Weizendoppelbock

Bayern ist in Bezug auf Bier ein erzkonservativer Staat. Innovativen Bierkünstlern wird jeder auch nur ansatzweise erdenkliche Stein in den Weg gelegt, um den Popanz des Reinheitsgebots aufrecht zu erhalten (und ganz nebenbei die bestehende Industriebierproduktion zu schützen). Es ist ein Wunder, dass es dennoch immer wieder neue, kreative Ideen im bajuwarischen Bierbereich gibt, die aus dem engen Spielraum, den das Lebensmittelgesetz bietet, das beste herauszuholen vermögen.

Die bayerische Brauerei Schneider Weisse beispielsweise stellt diverse Interpretationen von Weißbier her. Jede Sorte wird mit dem Begriff „Tap“ und einer Kardinalzahl versehen, eine Anspielung auf eine Abfüllmethode per Zapfhahn (engl. „tap“). Gemeint ist damit natürlich eine Rezeptur – wie man an Jack Daniel’s Old No. 7, George Dickel No. 12 oder auch Chanel N°5 sieht, ist das eine beliebte Vorgehensweise bei rezeptbasierten Produkten. Mit dem Untertitel „Aventinus“ des Schneider Weisse TAP6 „Unser Aventinus“ widmet die Brauerei dieses Spezialitätenweißbier, das offensichtlich dem sechsten Zapfhahn entflossen ist oder, wahrscheinlicher, die sechste Rezeptur im Brauerkatalog darstellt, dem bayrischen Geschichtsschreiber Johannes Aventinus.

Schneider Weisse Tap 06 Aventinus Weizendoppelbock

Nach dem Eingießen in mein schönes Spiegelau-Witbier-Glas freue ich mich normalerweise über das Strahlen der Farbe des Biers. Beim TAP6 gefällt mir ehrlich gesagt die Farbe nicht so sehr – eine etwas undefinierte braune Brühe, es erinnert mich an Colaweizen. Den anfangs vorhandenen Schaum hört man laut zischen, doch sehr schnell ist er vom Bier verschwunden. Die Resthefe aus der Flaschengärung war bei mir schon etwas bröckelig und landete, wie auf dem Foto zu sehen, unten im Glas.

Ein nussig-malziger Geruch mit leichte Hopfennote, minimal blumig, ist ungewohnt für ein Weizen. Kaffee- und Röstaromen erkenne ich, aber bei weitem nicht so stark wie bei einem Stout. Der Antrunk ist blumig, leicht fruchtig. Schnell drängen sich aber die Hauptkomponenten in den Vordergrund: Malzig, süß, cremig, etwas speckig, deutlich rauchig. Mit Verweildauer im Mund kommt eine dezente Bitterkeit, die im Abgang dann immer stärker wird. Etwas holzig, am Ende recht trocken. Im Vergleich zu einem Hefeweizen ist die Malzigkeit stark ausgeprägt. Der Erfrischungseffekt ist ein ähnlicher, der Geschmack ist aber insgesamt nicht so helltönig wie bei einem hellen Hefeweizen.

Bei 8,2% wird das TAP6 als Weizendoppelbock eingestuft. Mit Hallertauer Tradition und Magnum wird gehopft, so dass es 16 IBU erreicht. Abgefüllt sind 500ml in einer Standard-Bierflasche mit konventionell gehaltenem Etikett.

Ein Bier, das experimentierfreudige Biertrinker auf jeden Fall ausprobieren sollten. Doch nach dem Probieren steht zumindest für mich fest: Die anderen Zapfhähne (wie zum Beispiel TAP7, das in meinem Bier-Adventskalender enthalten ist) werden eine Chance bekommen, und Hahn No. 6 wird sich andere Gläser suchen müssen als meins.

Garantiert kein Hochstapler – Knob Creek Kentucky Straight Bourbon

„Klein“ ist eigentlich kein Wort, das die Amerikaner kennen. Und wenn sie es dann doch verwenden, dann meist in einem anderen Interpretationskontext als wir Europäer. Entsprechend muss man auch die in den vergangenen Jahren immer beliebtere Herstellungsmethode des Small Batch verstehen, mit der auch der Knob Creek Kentucky Straight Bourbon produziert wird.

Wir anspruchsvollen Konsumenten wollen uns einfach gern ein bisschen bauchpinseln lassen: Eine als „klein“ gekennzeichnete Abfüllung fühlt sich irgendwie an wie eine kleine, aber feine, edle Sonderdestillation, extra für uns, um uns vom Massenmarkt abzugrenzen. Dabei ist der Whiskey, der sich in dieser Flasche befindet, ein enger Verwandter des Whiskeys, den man für deutlich weniger Geld in der weißgelabelten Jim-Beam-Massenflasche kaufen kann – er läuft in der Regel sogar aus derselben Destille.

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Es geht aber beim Small-Batch-Verfahren nicht darum, ein anderes Destillat, oder auch nur absolut gesehen kleine Mengen in Flaschen abzufüllen; die „kleine Charge“ bei Unternehmen wie Jim Beam, aus dessen Lagerhäusern dieser Whiskey stammt, ist wahrscheinlich größer als die Hauptabfüllung vieler schottischen Whisky-Unternehmen. Die Besonderheit beim Small-Batch-Verfahren liegt allein in der Fassauswahl aus den riesigen Lagerhäusern des Konzerns: Für die Abfüllung wird ein relativ gesehen kleinerer Satz von besonders ausgewählten Fässern geblendet, als für die Massenabfüllung.

Dass dabei nicht die Fässer, die die Zeit nicht so gut überstanden haben, herausgesucht werden, sondern die, von denen sich der Master Blender etwas verspricht, sorgt dafür, dass man im Small-Batch-Whiskey dann eben doch einen aromatischeren, reiferen und edleren Geist erhält, als in den Massenabfüllungen, bei denen eine solche Prüfung nur dahingehend stattfindet, dass man die guten Fässer gar nicht erst dafür hernimmt.

Es gibt keine Regelung, ab welcher Menge man von Small Batch reden kann; für manche Hersteller ist es Small Batch, wenn beispielsweise statt 100 Fässern pro Abfüllvorgang nur 50 verwendet werden; bei anderen ist das Verhältnis extremer. Leider erfährt man praktisch nie, wieviele Geschwister pro Abfüllung die vor einem stehende Flasche eines Small-Batch-Whiskeys hatte. Wer Glück hat, holt sich wenigstens noch die „alte“ Abfüllung mit der „aged nine years“-Altersangabe; ansonsten muss man zur „patiently aged“-NAS-Flasche greifen, die laut Kennern ein bisschen an Aroma eingebüßt haben soll.

Knob Creek Old and New

Ignorieren wir für eine Weile nun die Familienverhältnisse des Knob Creek Kentucky Straight Bourbon und wenden uns seinem Duft zu: Kräftiges Aroma, viel Vanille: Bourbon in Reinkultur halt. Leichte Trockenfrucht, und ein schwerer Blumenduft, wie bei Lilien vielleicht.

Die 50%, die dieser Whiskey dankenswerter Weise aufweist, kommen schon deutlichst erkennbar im Mund zum Vorschein, pure Würze und Alkohol schießen vor. Ölig, schwer und mundausfüllend lässt er den Whiskeyfreund vor Freude taumeln, bis beim Abklingen ein Überschwall an Vanille, süßem Obst und feinen Gewürzen den Geschmacksreigen komplettiert.

Selbst nach dem Abgang verbleibt der Knob Creek äußerst kräftig und sehr würzig am Gaumen; er ist definitiv nichts für Liebhaber eines weichen Drinks am Abend, denn danach hat kein anderes Getränk mehr eine Chance auf die ihm zustehende Würdigung. Ein Kribbeln bleibt sehr lange, selbst nach Minuten, auf der Zunge. Eine wahre Hornisse an Bourbon. Ich würde, auch wenn man Fünfzigprozenter sonst durchaus pur genießen kann, auf jeden Fall etwas Wasser zusetzen, damit auch die feineren, dezenteren Aromen, die ohne Zweifel vorhanden sind, zum Vorschein kommen können, ohne von der Wucht des ersten Ansturms überrannt zu werden.

So gewaltige Whiskeys sind allerdings auch ideal für Cocktails. Normalerweise würde das Rezept für einen Suburban nach Rye Whiskey verlangen. Doch der Knob Creek Bourbon ist so würzig, dass er jedem Rye das Wasser reichen kann. Warum ihn dann nicht in diesem tollen Cocktail verwenden?suburban-cocktail


Suburban
1½ oz Knob Creek Kentucky Straight Bourbon
½ oz Dunkler Rum (z.B. Vizcaya VXOP)
½ oz Tawny Portwein
1 Spritzer Orange Bitters
1 Spritzer Angostura


Wem diese Art von Whiskey schmeckt, sollte dringend auch die anderen Familienmitglieder des Small-Batch-Clans von Beam anschauen: Den direkten Namensbruder Knob Creek Straight Rye Whiskey, sowie die Cousins Basil Hayden’s, Booker’s und Baker’s Bourbon. Und auch andere Hersteller bieten feine Small-Batch-Produkte an, insbesondere möchte ich da auf den Four Roses Small Batch hinweisen, einen meiner Lieblingsbourbons.

Preislich nähern sich diese Sonderabfüllungen immer mehr der Standardware an; Überschaubare 25€ habe ich für die 700ml-Flasche des Knob Creek Kentucky Straight Bourbon bezahlt. Investieren auch Sie diese paar Euro mehr im Vergleich zu Standardabfüllungen: Man bekommt für nur wenige Extraeuros einen enormen Qualitätssprung, der sich für jeden Whiskeyfreund sofort bezahlt macht.

Die Arroganz der Macht – Carlos I Solera Gran Reserva Brandy de Jerez

Alter ist für viele braune Spirituosen ein wichtiger, qualitätsbestimmender Faktor, weswegen die Hersteller sich gern mit allerlei Altersbekundungen auf Flaschenetiketten überschlagen. Manchmal, wie beim Carlos I Solera Gran Reserva Brandy de Jerez (ausgesprochen wird der erste Namensteil übrigens korrekterweise „Carlos Primero“), kann die eigentlich der Information dienende Auszeichung aber auch zum spektakulären Chaos führen.

Das XO im Namen steht für Extra Old, eine der Qualitätsstufen neben VS und VSOP, die man für Weinbrände festgelegt hat. Ist für die Qualitätsstufe VS (Very Special) ein Mindestalter der beteiligten Weinbrände von 2 Jahren vorgeschrieben und für  VSOP (Very Special Old Pale) ein Mindestalter von 4 Jahren, so liegt das Mindestalter für die jüngste der beteiligten Blendkomponenten bei XO  bei 6 Jahren. Die XO-Kennzeichnung findet man aber nur auf dem Karton, nicht auf der Flasche selbst; auf dem Etikett der Flasche ist nur eine andere Altersangabe vorhanden, nämlich versteckt in der Bezeichnung Solera Gran Reserva. Dies bedeutet, dass dieser Brandy in einem Solera-Verfahren hergestellt wird, bei dem das Durchschnittsalter der Abfüllung mindestens 10 Jahre beträgt (das Solera-Verfahren erläutere ich kurz bei meiner Whiskey-Solera-Flasche).

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Um das Kennzeichnungsdickicht vollständig undurchschaubar zu machen, wird dieser spanische Brandy aus dem Hause Osborne zu guter letzt auch noch in vielen Shops mit der Altersangabe „12 Jahre“ versehen verkauft. Wie alt ist er nun? Das Verwirrspiel ruht daher, dass hier Mindestaltersangaben für Blendteile, wie das XO, in Konflikt mit Durchschnittsaltersangaben für die Gesamtabfüllung, wie dem Solera Gran Reserva, stehen. Ich kombiniere daher nun aus den ganzen Angaben, dass wir beim Carlos I eine durchschnittlich 10 Jahre alte Solera-Abfüllung vor uns haben, bei der der jüngste Anteil 6 Jahre alt ist (ob das mathematisch möglich ist, müsste nachzurechnen sein; allein mir fehlt die Ausdauer für diesen Versuch). Den Verweis auf „12 Jahre“ halte ich für einen einfachen Fehler, resultierend aus all diesen unscharfen Qualitätskennzeichnungen – eine absolute Altersangabe ist bei Solera-Verfahren eh nicht möglich. Ich lasse mich gern bezüglich dieser Mutmaßungen eines besseren belehren, wenn jemand klarere Informationen hat.

Die Farbe ist, wie man schon auf dem Foto erkennen kann, ein tiefes, kräftiges Braun, in der Flasche fast blickdicht, im Glas mit schönen rostroten Reflexen, entstanden leider zumindest zum Teil aus Zuckerkulör, wie bei inzwischen fast allen braunen Spirituosen.

Frisch nach dem Eingießen ins Glas riecht es erstmal stark schwefelig und scharf nach Alkohol. Ich lasse den Brandy erstmal etwas atmen und schnuppere dann erneut. Auch nach einigen Minuten ist die scharfe Fahne, die meine Nasenschleimhaut angreift und mich kaum nach Aromen suchen lassen kann, noch da. Etwas dunkles Obst, süßliche Töne und Schokolade kann ich erahnen.

Scharf und brennend ist der Carlos I entsprechend auch im Mund. Minimale Frucht und ein Hauch Schokolade sind in einer etwas undefinierten Süße gefangen, doch der Haupteindruck ist einfach nur: Scharf. Zumindest ein recht voller Körper rettet den Brandy – dicht ist er, ohne Frage, aber durch Schwefel und Feuer werden leider alle anderen, vielleicht in diesem schönen Körper vorhandenen Aromen überdeckt.

Auch im Abgang spürt man nun, wie es heiß den Rachen hinunterläuft. Dieser seltsame Schwefelgeschmack verbleibt am Gaumen, zusammen mit einem recht unangenehmen Gefühl der betäubten Geschmacksknospen auf Zunge und Backen.

Ich bin sehr überrascht, dass ein so alter Geist noch so kratzbürstig daherkommen kann. Ich kenne andere Brandys, die viel genehmer sind, und sich nicht wie die Axt im Walde in meinem Mund aufführen, auch ohne sich mit Altersangaben zu überschlagen. Nach der Verkostung halte ich diesen Brandy, der viel verspricht, aber nur wenig abliefert, und das dann auch noch in einer frech-patzigen Weise, für ein arrogantes Produkt.

Zum Purtrinken muss man schon etwas Leidensfähigkeit mitbringen. Für mich ist er allerdings eben durch die Eigenschaften, die ihn allein so burschikos machen, ein perfekter, starker Spieler in einem Team. Der Cocktail The Enchantress zeigt, dass, wenn er durch Portwein eingebremst wird, der Carlos I durchaus seine Qualitäten hat und durch den angesprochenen voluptuösen Körper bei der Magie der Zauberin mithelfen kann.

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The Enchantress
2 oz Carlos I Solera Gran Reserva XO Brandy de Jerez
2 oz Tawny Port
½ oz Limettensaft
2 Teelöffel Orange Curaçao (z.B. Le Favori)


Immer wieder bekommt man Spirituosen wie diese in Geschenksets, die ein kleines Zusatzpräsent aufweisen. Ich habe beim Großmarkt Metro zugeschlagen, als diese Flasche mit einem wirklich schönen und hochqualitativen Schott-Zwiesel-Tumbler für 16€ zu ergattern war.

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Ich bin gespannt auf 2016, wenn sich die Bedingungen für die Verwendung der Qualitätsbezeichnung XO ändert: Dann muss der jüngste Bestandteil der Mischung 10 statt 6 Jahre alt sein. Eventuell hat sich dann das Verwirrspiel ums Alter erledigt, denn ich bezweifle, dass der Hersteller das mit dieser Solera hinbekommen wird.

Orangiger als Orange – Clément Créole Shrubb

Jeder, der sich mit Cocktails auseinandersetzt, kennt Triple Sec, eine Basiszutat in vielen klassischen Mischrezepturen. Der Name, wörtlich übersetzt in etwa „dreifach trocken“, täuscht über den Geschmack und die Funktion dieses Bitterorangenlikörs hinweg – man stellt sich rein dem Namen nach natürlich erstmal etwas sehr trocken-bitteres vor. Spirituosenhistoriker David Wondrich beschreibt in Imbibe!, dass Curaçao, der Oberbegriff für alle diese Arten von Bitterorangenlikören, in frühen Cocktailzeiten aber eigentlich als Kantenabschmirgler diente: „a little curaçao to take the edge off“ wurde schon von Jerry Thomas gern genutzt. Der Likör fungierte also nicht als Aromenlieferant, sondern letztlich als Süßstoff mit leichtem Fruchtgeschmack als Nebeneffekt. Später wurde Curaçao dann oft von Maraschino-Likör verdrängt – man sieht, es ging wirklich nicht um das Fruchtaroma, wenn man Orange so leicht durch Kirsche ersetzen kann.

Für den Feld-Wald-und-Wiesencocktail ist die simple Basisversion des Triple Sec oder Curaçao, beispielsweise Le Favori oder Chadess, ausreichend. Etwas feiner als die einfachste Form des Orangenlikörs wäre Cointreau oder Grand Marnier Cordon Jaune, darüber vielleicht noch Grand Marnier Cordon Rouge, der mit Cognac verfeinert wird. Die absolute Krönung des Orangenlikörs ist aber meiner Meinung nach der Clément Créole Shrubb.

Clément Créole Shrubb

Das besondere dieses Orangenlikörs des Herstellers Clément von den französischen Antillen: er basiert auf rhum agricole. Durch den im Gegensatz zu vielen anderen Rums aus frischem Zuckerrohrsaft gewonnenen Rum der Insel Martinique wirkt dieser Likör sehr frisch und fruchtig, nicht so klebrig süß und dumpf wie viele andere Triple Secs, die wirklich auch heute nur noch, wie zu Jerry Thomas‘ Zeiten, als Süßungskomponente in Cocktailrezepten dienen, deren Orangenaroma aber gegen andere Zutaten  untergeht.

Das kann mit dem Créole Shrubb nicht passieren, im Gegenteil. Die etwas blasse Farbe täuscht über seine Power hinweg: Er ist so aromatisch und stark, so selbstbewusst und fruchtig, dass er den Orangengeschmack selbst gegen die allerwuchtigsten Gegenspieler durchdrücken kann. Man sollte daher vorsichtig beim Einsatz sein, denn nicht immer ist das auch gewünscht – eventuell reicht die halbe Menge, wenn Curaçao gefragt ist, und man stattdessen diesen Orangenrum verwenden will.

Clément Créole Shrubb Glas

Fantastisch wirkt dieser Likörrum, den man selbstverständlich auch pur mit einem Eiswürfel nach einem üppigen Essen genießen kann, in einem ganz einfach herzustellenden Créold‘ Fashioned. Kaum zu glauben, aber es braucht wirklich einen kräftigen Bourbon, und die dreifache Menge dazu, damit er gegen den wuchtigen Créole Shrubb eine Chance hat. Ich hatte diesen Cocktail mit einem Bulleit Bourbon versucht; man schmeckt diesen zarten Bourbon praktisch nicht mehr heraus aus der Melange. Der Evan Williams Bottled-in-Bond 100 proof dagegen kann sich gut durchsetzen.

Créold’ Fashioned Cocktail


Créold‘ Fashioned
2 Maraschino-Kirschen und eine Orangenscheibe leicht andrücken
3 oz Bourbon
1 oz Clément Créole Shrubb
2 Spritzer Bitter
Mit einem großen Eiswürfel rühren.

[Rezept nach Flavien Desoblin]


Halten Sie das Glas mit dieser Mischung und ein paar Eiswürfeln gegen das Sonnenlicht und genießen Sie die herrlichen Fäden, die sich in der Flüssigkeit bewegen – in dieser Form habe ich das bisher nur bei diesem Orangenlikör gesehen. Ich rauche zu diesem sehr süßen, sehr fruchtigen Drink eine De Olifant Fantje: Das Sumatra-Deckblatt bietet einen würzigen Gegenklang gegen die natürliche Süße des Bourbon und der Orange.

Weil dieser Likör sehr zuckerhaltig ist, und der Plastik-Drehverschluss etwas billig gemacht ist, verklebt und verkrustet er schnell und ist dann nur noch schwer aufzukriegen. Letztlich wird aber ein dermaßen aromatischer Orangenlikör eh nicht lang halten – der ist ruckzuck weggetrunken, versprochen.