Aus der Grande Champagne kommt ein älterer Herr zu Besuch – der Grape of the Art Jean-Luc Pasquet Lot 79 stammt genau aus diesem Jahr, der Erntesaison 1979/1980. Rein aus Trauben der Rebsorte Ugni Blanc gebrannt kam er in Limousineiche, und blieb da für erstaunliche 41 Jahre. Eine Frechheit, so eine Ruhe zu stören, und den Brand in 273 Flaschen aufzuteilen! Ohne Verdünnung, in Fassstärke (52,3%), und ohne irgendwelche Zusätze, landet er dann bei mir im Glas.
Klarer Bernstein liegt also im Glas, mit orangenen und strohigen Lichtreflexen. Sehr weich bewegt sich die Flüssigkeit beim Schwenken, unaufgeregt und schnell sich wieder in die Ebene ausgleichend. Erst danach fließen die Beinchen, die sich gebildet haben, auch wieder ab, ein oberer ausgefranster Flokatirand bleibt jedoch erhalten.
Die Nase ist sehr erfreut, wenn man sie ins bereitete Glas hält – ein fettfruchtiges Aroma begrüßt sie, mit viel reifer Aprikose, etwas Litschi, unterstützt von buttriger Macadamianuss und dem zarten Duft frisch gepflückter Rosenblätter; ganz milde Apfelessigsäure ist auch da. Ein wirklich extrem angenehmes Bouquet, daran schnuppere ich jetzt erstmal ne halbe Stunde und genieße es; dabei finden sich immer wieder, wie Blitzlichter, kleine Details, die zeigen, dass man hier lange in der Komplexität schwelgen kann, ohne sich anstrengen zu müssen.
Der Antrunk wirkt dann im Vergleich fast schon überraschend trocken, hier zeigen sich sowohl im Charakter als auch im Aromenprofil dann schon die vier Jahrzehnte Limousineiche: weniger durch Holzigkeit, sondern durch eine sich schnell aufbauende feurige Würze, die die eine vielleicht noch vorhandene Süße verdrängt und durch estragonartige Frische ersetzt, aus dem immer noch erkennbaren frischen Aprikosengeschmack eher Trockenobst macht, roten Apfel und Süßholz hinzufügt, und gegen Ende dann die Blumigkeit sehr betont. Jasmin, Rosen und Veilchen finden sich dann, die sehr lange nachhängen, mit einer leichten Anästhesie des Gaumens und einem kühlen Gefühl.
Ein herrlicher Brand, komplex und reif, dabei überhaupt nicht überaltert oder verholzt, erwachsen und rund, mit viel Kraft und Charakter. Ein Cognac-Erlebnis!
Offenlegung: Ich danke Grape of the Arts für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Cognacs.
„Ein typisches Produkt der Baleareninsel“ mitzubringen, das war das Ziel, als ich letztes Jahr einen Kurzausflug nach Mallorca gemacht hatte. Natürlich flüssig, natürlich mit Alkohol, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Es gibt eigentlich kaum Regionen, wo so eine Anforderung schwierig umzusetzen ist, regionale Spezialitäten gibt es überall, schwieriger ist, eine zu finden, die wirklich lokale Tradition hat und die nicht unbedingt von einem Riesenkonzern in Masse produziert wird. Ich erwarte da dann natürlich keine Herstellung, bei der die Oma im Hinterhof sitzt und die Zutaten noch von Hand schält (obwohl das in ganz seltenen Ausnahmefällen manchmal noch zu entdecken ist), wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, und eine gewisse Form der Automatisierung und Industrialisierung lässt sich einfach nicht vermeiden, wenn der Brenner auch nur ansatzweise ambitioniert ist und mehr als 1000 Liter im Jahr verkaufen will.
1 Millionen Flaschen im Jahr, das ist trotz der scheinbar großen Zahl eine eigentlich noch übersichtliche Menge, füllt man bei Antonio Nadal Destil·leries für die größte hauseigene Kräuterlikörmarke Túnel de Mallorca ab – Deutschland ist der größte Absatzmarkt dafür, wer hätte das erwartet. Aber Tradition hat man jedenfalls genug – und auch Qualitätsstandards, denn der „Herbes de Mallorca“ ist seit 2002 eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Nur ausgewählte Kräuter, die auch auf der Insel geerntet worden sein müssen, dürfen verwendet werden, und die Produktion wie Abfüllung müssen ebenso auf der Insel stattfinden. Drei Kategorien gibt es, die süßen Dolços/Dulces, die „trockenen“ Seques/Secas, und die Mischform zwischen den beiden, die Mesclades/Mezcladas/Barrejades, sie unterscheiden sich nur anhand der zwei Kriterien des Alkohol- und Zuckergehalts. Der Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar, den ich mir schließlich aus dem Sortiment ausgewählt hatte, fällt wohl in die mittlere Kategorie, er hat 28% Alkoholgehalt. Mal schauen, ob er auch im kühleren Deutschland schmeckt, auf Mallorca hat er mir jedenfalls Spaß gemacht!
Ein blasses, strohiges Pastellgold hat sich in der braungrünen, nur kaum durchschaubaren Flasche verborgen. Schon beim Ausgießen aus jener erkennt man die hohe Viskosität, und wenn man den Likör etwas länger im Haus hat, auch die Zuckerkruste, die sich an der Flaschenöffnung bildet. An der Glaswand bleiben die dicken, fetten Beine, die sich beim Schwenken gebildet haben, ewig bestehen.
Der Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar hat eine sehr prägnante, anisgeprägte Nase, wie es laut den EU-Bestimmungen auch sein muss. Dazu kommen ähnlich gelagerte Aromen – Fenchel, Dill, Kümmel. Milde Zitrusfrucht. Etwas Gummi, Chlor und Ethanol rieche ich allerdings auch, das klingt jetzt vielleicht etwas unangenehmer, als es tatsächlich ist; im Gesamtbild passt das alles gut zusammen.
Weich und breit lagert sich dieser Hierbas im Mund, ein tolles Mundgefühl beim Antrunk. Sehr süß ist er zunächst, natürlich, mit nur langsam aufkommenden Kräuternoten. Diese werden aber im Verlauf immer dominanter, es kommt eine milde Hitze dazu, die Würze kommt nun gegen die Süße an. Anis ist vorhanden, aber nicht völlig überwältigend, wie das bei vielen Anisettes der Fall ist, die Kräuter bilden ein schönes, rundes Bouquet. Die süßen Aromen vervielfältigen sich in unterschiedliche Richtungen: Honig, Kandiszucker, Zuckerwatte.
Der Abgang ist kurz, warm, sehr würzig, eine leichte Ingwerschärfe verbleibt noch etwas auf der Zunge, dazu die Kandiszuckersüße auf den Lippen. Der Nachhall schließlich besteht aus langsam verfliegenden Kräutern und mildem Anis.
Ein toller Kräuterlikör, sehr aromatisch, sehr rund, ohne eine Komponente extrem in den Vordergrund zu stellen. Trinkt sich verdammt süffig, auch im kälteren Klima Deutschlands, das muss ich sagen.
Auf der Seite des Herstellers finden sich diverse Rezepte für Mixed Drinks mit dieser Spirituosengattung – meist sind es Long Drinks oder klassisch gehaltene Urlaubscocktails, einfach herzustellen und einfach zu trinken im wunderbaren Klima Mallorcas. Gewiss ist es passend, doch dass der Kräuterlikör auch anders und ein bisschen seriöser kann, sieht man im Fontainebleau Special. Elegant, würzig, ein toller Aperitif.
Fontainebleau Special 1½ oz Hierbas oder Anisette 1½ oz Cognac ¾ oz trockener Wermut Auf Eis rühren. [Rezept nach unbekannt]
Die Flaschenform und -gestaltung ist außergewöhnlich und gefällt mir sehr – die dreieckige Grundform der Flasche wird schwungvoll und mit vielen Details in Blattform gebracht, um die Kräuterhistorie zu visualisieren. Das ist ein Augenfang, ohne Zweifel, und allein deswegen schon ein ideales Mitbringesel von der Insel.
In deutschen Supermärkten findet man häufig die anderen Liköre der Túnel-Marke, in den grünen, schlankeren Flaschen, das ist natürlich ein anderes Produkt – dort kann man dann auch die Unterschiede zwischen den Herbes-Kategorien nachvollziehen, denn zumindest bei mir in Saarbrücken gibt es alle drei leicht erhältlich. Aber, das ist klar, wenn man auf Mallorca war und schon eine kleine Bindung zu dem lokalen Likör aufgebaut hat, ist das Probieren hierzulande dann einfach viel direkter und bietet neben dem reinen Geschmackserlebnis immer auch die Möglichkeit, sich an eine gute Zeit zu erinnern. Zumindest geht es mir oft so.
Kristallweizen war in meiner Jugend ein Lieblingsgetränk meines Bruders. Insgesamt war es mit Ausnahme des Hefeweizens, das durchaus trüb sein durfte, gefühlt das Ziel eines jeden Brauers, ein möglichst kristallklares Bier herzustellen. Heute sind mit dem Revival des Kellerbiers und dem Aufgreifen internationaler Bierstile trübe Bier voll en vogue, manche machen das sogar ausdrücklich extra, und tragen dann das beschreibende Wort im Namen – wie beim Sierra Nevada Hazy Little Thing IPA. Ein IPA mit 6,7% Alkoholgehalt, gebraut aus Gerste, Hafer und Weizenmalz. Die besondere Trübe kommt wohl vom Hafer, und die charmante Namensanspielung auf das Lied von Queen ist mir natürlich nicht entgangen.
Eidottergelb, beinahe volltrüb und dem Namen voll gerecht werdend steht das Bier mit einer richtig dicken, großblasigen und langlebigen Schaumkrone im Glas. Die letzten Tropfen aus der Dose sind dabei richtig dickflüssig und geben einen Satz ins Glas, aus dem sich unglaublich viele, sehr schnell aufsteigende Perlchen entwickeln. Die Nase ist voller Aromahopfenfrucht, Grapefruit, Orangenschale, aber auch eine fast schon marmeladige Süßfrucht. Milde Töne spielen mit und lassen das Hazy Little Thing gar nicht so kantig wirken wie viele andere IPAs. Ein Hauch von Spülmittel nehme ich als kleinen Fehlton wahr.
Am Gaumen wirkt das beim Antrunk schon viel eckiger, da ist viel Säure und Hopfenbittere vorhanden, die die Schleimhäute im Mund kitzeln. Mit der üppigen Karbonisierung entsteht dadurch viel Rezenz, und die Cremigkeit eines Ale ist dabei zwar nur im Hintergrund, aber im Verlauf immer spürbarer vorhanden. Attraktive, vollrunde Süße und Eindrücke von Aprikosen, Orangen und etwas von einer grünen Banane machen ein schönes Aromabild komplett. Der Abgang ist am Ende kurz, deutlich adstringierend, geprägt wieder von Säure, und ein blumiger Nachhall beendet das Bier dann.
Mir gefällt das Hazy Little Thing IPA – ein sehr typisches, rund und gut eingebrautes IPA ohne großen Höhen und Tiefen, mit wunderbarer Drinkability und hohem Erfrischungspotenzial. Ich freue mich persönlich immer, wenn ich ein neues Bier von Sierra Nevada im Getränkemarkt finde; meist sind sie deutlich über dem Durchschnitt.
Der italienische Importeur Velier und die Rumbrennerei Saint James auf Martinique haben eine enge Beziehung, die schon seit über 40 Jahren besteht. Jean-Claude Benoit, General Manager bei Saint James, und Luca Gargano von Velier kennen sich seit 1975. Als das 25-jährige Jubiläum für die AOC-Einführung für Rum aus Martinique 2021 anstand, taten die beiden sich mit Production Manager Marc Sassier zusammen und füllten gemeinsam eine Reihe von 10 Rums ab, die repräsentativ für diese 25 Jahre bei der Saint-James-Destillerie stehen: die Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James, manchmal auch unter dem Titel Saint James AOC Anniversary Collection zu finden. Es wird betont, dass es sich hier um ein „co-bottling“ handelt, bei dem alle Partner gleichberechtigt handeln, und nicht um eine unabhängige Abfüllung von Velier. Das Design stammt daher von beiden Partnern, und die Flaschen wurden von Italien nach Martinique verfrachtet, um dort offiziell abgefüllt zu werden.
10 Jahrgangsrums („millésimes“) also, alle mit der klassischen Saint-James-Alkoholstärke von 47%, aus ausgewählten Jahren der letzten 25 Jahre – das bringt das Herz jedes Rumfreunds zum wilden Pochen. Und da das Set normalerweise sehr teuer wäre, denkt Gargano an genau jene Rumfreunde, und lässt sie über das grandiose VSGB-Projekt (ich habe mehrfach darüber geschrieben) daran teilhaben. Und ich nun meine geschätzten Leser hier!
Ich habe für diesen Artikel 4 der Abfüllungen ausgewählt – nicht unbedingt die, die mir am besten gefallen haben, sondern die, an denen man sowohl die Typizität der Brennerei als auch die Entwicklung über die Zeit schön erkennen können sollte. Deshalb beginnen wir mit Jüngsten im Set, also 2015, gehen dann fünf Jahre zurück zum 2010er, nochmal 6 Jahre zurück zum 2004er, und enden dann im Jahr 1998, dem ältesten Jahrgang (aber interessanterweise nicht ältesten Rum in Jahren gemessen) des Sets.
Der Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2015 (25th AOC Anniversary) entstammt der zwanzigsten Ernte nach der Einführung der AOC-Regelung auf Martinique; sie war wohl anfänglich schwierig, doch mit sich ändernden Wetterbedingungen ein ertragreiches Jahr. Destilliert wurde er also 2015, abgefüllt im Oktober 2021 – ein Millésime muss rechtlich mindestens dieses Alter haben. Er hat in den 6 Jahren, die er damit tropisch reifen konnte, ein ordentliches Hennarot angenommen und zeigt sich angenehm viskos.
Die Nase ist leicht, mit der typischen Mischung aus ganz mildem Süßholz, Vanille und dezenter Grasigkeit. Etwas Karamell, etwas Orange, etwas Kirsche – frische Frucht ist noch sehr lebendig hier. Im Mund zeigen sich dann sehr starke, seifige Noten, das erinnert an Weichspüler und die Dufttücher, die man in den Trockner tut. Manche haben es als floral bezeichnet, das trifft es für mich nicht ganz, das wirkt auf mich fast schon fehlerhaft in der superstarken, parfümierten Lavendelnote. Bitterkeit und Säure sind ausgeprägt, der Abgang ist mittellang, und lange vom Parfüm geprägt. Mir gefällt das nicht wirklich, ich kenne solche Noten eher von Fehlern, wie gesagt, und diese Superblütigkeit wirkt künstlich und überwältigt das ganze Erlebnis. Da kann ich auch Lenor trinken – so hart es klingt, ich empfinde das als unangenehm. Erst sehr spät geht sie im Mund dann zurück und lässt ein angenehmes, kühles Gefühl zurück.
Gerade für die jüngeren Exemplare dieses Vertikalsets (mindestens zurück bis 2004) empfehle ich, sie doch wenigstens eine Viertelstunde vor dem Genuss ins Glas zu geben, um ihnen die Gelegenheit zu geben, die stark seifigen Noten etwas ausblühen zu lassen.
Zeitsprung um 5 Jahre in die Vergangenheit. Für den Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2010 (25th AOC Anniversary) wurde das Zuckerrohr der fünfzehnten Ernte seit Einführung der AOC genutzt, destilliert wurde er 2010, abgefüllt im Oktober 2021, und ist damit 11 Jahre tropisch gereift. Einen Ticken dunkler als der 2015er wirkt er, und leuchtet in klarem Pariser Rot mit deutlicher Öligkeit im Glas.
Für die Nase findet sich viel Frische, deutliche Lacknoten, viel Holzeinfluss ist riechbar. Sehr klar wirkt das, die Fruchtigkeit ist noch spürbar, geht aber klar nun in die Richtung getrockneten Obsts, mit etwas Orangenzeste als Aufheller. Im Mund ist weiterhin deutliche Lavendelseifigkeit da, nicht mehr ganz so extrem wie beim 2015er, aber immer noch alles andere dominierend. Spannend, dass man es so stark schmecken, aber überhaupt nicht riechen kann. Lavendel, Flieder, Patchouli, Myrrhe und Thymian, inital habe ich eher ein Räucherstäbchen im Mund als Rum. Es braucht etwas, bis das verklingt, und den gewohnteren grasigen Aromen eines Agricole wenigstens etwas Raum gönnt und mit frischer Kühle aufwartet.
Nun, auch hier bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob sich da bei der Abfüllung nicht ein Fehler eingeschlichen hat, manche Fettsäuren wandeln sich bei fehlerhafter Handhabung bei Wein zumindest in so ein Geschmacksbild. Im Nachklang entsteht echte, leicht grünschnittartige Floralität, die mir dann durchaus zu gefallen weiß.
Schon erkennbar rötlich ist der 17-jährige Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2004: Die Ernte dieses Jahres musste aufgrund starker Regenfälle im Mai abgebrochen werden, das führte zu einem der schwächsten Erträge dieser Periode. Destilliert 2004, abgefüllt im Oktober 2021. Erneut sieht man sehr ansprechende Viskosität beim Schwenken.
Hier haben wir geruchlich den Übergang zu Armagnac fast geschafft, sozusagen – dunkle, getrocknete Früchte, Feigen, angenehm eingebundene Lack- und Holznoten, eine immer noch erkennbare Frische, die aber nur an Minze erinnert, und dann noch leicht getreidige Roggennoten. Sehr komplex und vielschichtig, dabei nicht überwältigend. Das riecht sich echt gut. Hier ist nun auch nichts mehr vom Weichspüler da, im Abgang klingt noch minimalst Lavendel mit, aber nur als dezenter Beiton – dagegen habe ich gar nichts, im Gegenteil. Das Mundgefühl ist nun sehr trocken und bitter, die Textur bleibt leicht und klar. Eine natürlich Süße ist im Antrunk da, im Verlauf entsteht feine Würze mit Eindrücken von Kerzenwachs, Harz, Kiefernzapfen und etwas Eukalyptus. Gerade im Nachklang entstehen dann grüngrasige Noten, die fast etwas ins Aquariumkies gehen, mit einer Idee von Jasmin als höchste Kopfnote. Das ist nun schon echt Gaumenkino, nicht ganz einfach wegen der ausgeprägten Trockenheit, sondern etwas, mit dem man sich lange auseinandersetzen kann, und viel zu entdecken und ruminieren hat.
Wie schon angesprochen, vom Jahrgang her ist der Saint James Rhum Très Vieux Millésime 1998 (25th AOC Anniversary) der frühste Rum des Sets, da er aber nach der Destillation 1998 schon 2018 in andere Fässer umgefüllt und dann 2021 auf Flaschen gezogen wurde, darf er „nur“ mit 20 Jahren ausgezeichnet werden; der 2000er-Jahrgang dieses Sets ist damit paradoxerweise 1 Jahr älter und der älteste dieses Tastingssets.
Das Jahr 1998 war eines der vier heißesten Jahre seit 1953, und lieferte damit eine sowohl was die Qualität als auch die Quantität angeht ideale Zuckerrohrernte. Die Farbe ist irgendwo zwischen Pariser Rot und Siena, geht aber schon leicht ins Rostrote über. Die Nase ist archetypisch für rhum agricole im Allgemeinen, leichte Klebernoten verbinden sich mit milder Grasigkeit, etwas Estragonfrische kommt dazu, Vanille und getrocknete Früchte machen das ganze weich und voll. Aprikose, ganz vorsichtige weiße Schokolade und ein Hauch von Orangenzeste komplettieren das Geruchsbild. Der Antrunk wirkt noch etwas zurückhaltend, leicht, luftig fast, doch im Verlauf entwickelt sich dieser Rum dramatisch hin zu würziger Mundfülle mit Eindrücken von Estragon, Süßholz, Heu und Kaffee. Die Bittere ist sehr effektiv und trotzdem nicht störend, eine herrliche Kühle legt sich auf den ganzen Gaumen. Trockenfrüchte und Holz spielen miteinander, und die Dauer, in der sich der Rum immer weiter aufbaut, ist immens, bis zum langen, aromatischen, hellklingenden und frischen Abgang. Da gibt es nichts zu deuteln, das ist ein großer Rum, und dazu einer, der seine Stärke nicht protzig vor sich herträgt, sondern bescheiden bleibt.
Bezüglich der Aufmachung lasse ich einfach die Bilder sprechen – das ist erneut ein Meisterwerk, das Gargano zusammen mit Saint James hervorgebracht hat. Es toppt alles zuvor dagewesene bei dieser eh schon wunderbach gestalteten VSGB-Reihe, mit dem Gesamtkarton, der die Einzelkartons hält. Und auch den Kundenservice bei Spirit Academy, die die logistische Abwicklung für die ganze Welt übernehmen, möchte ich loben – die zerbrochene Flasche des Saint James 2014 wurde mir innerhalb weniger Tage ohne jede Diskussion ersetzt.
Die Etiketten sind identisch zur Großflasche, dickes Papier, strukturiert und in schöner Form geschnitten, haptisch ist dieses Set ein absoluter Traum, der jede Heimbar aufs Äußerste ziert. Und nie im Leben hätte ich, ohne die VSGB-Gruppe, diese Rums in ihrer Vollständigkeit probieren können – Gargano macht wirklich etwas für die Rumfreunde, die diese Rums tatsächlich trinken wollen, statt mit ihnen zu spekulieren.
So eine Sammlung bietet sich natürlich perfekt an, sie gemeinsam mit Freunden zu verkosten. Für Leute wie mich, die keine Freunde haben, hat Luca Gargano ein Online-Tasting angeboten – am 22.10.2022 fanden sich rund 150 Teilnehmer bei Zoom zusammen, und konnten unter der Leitung von Gargano zusammen mit dem Production Manager bei Saint James, Marc Sassier, die einzelnen Proben zu Gemüte führen. Spannende Details erfuhr man da, ein unterhaltsamer Abend war es darüber hinaus natürlich – und vielleicht lässt Gargano sogar dieses Tasting als größtes Rumtasting der Geschichte ins Guinness Buch der Rekorde eintragen.
Ich halte es für schwierig, so eine Veröffentlichung noch zu toppen, aber Gargano hat schon im Tasting diverse Dinge angekündigt, die zumindest dafür sorgen, dass es in der VSGB-Gruppe nicht langweilig werden wird in Zukunft. Und da es sich um eine Herzensangelegenheit handelt, lässt er sich nicht lumpen. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Abfüller wie ihn gibt, die die wirklich an Spirituosen Interessierten teilhaben lassen, statt einfach den Sammlern und Spekulanten immer mehr Material zukommen zu lassen, das niemals seinem ursprünglichen Zweck zukommen wird – getrunken und genossen zu werden.
Etienne Bouillon hat viele Ideen. Er gibt sich nicht damit zufrieden, einen wunderbaren belgischen Whisky im schottischen Stil herzustellen, er sucht immer nach neuen Herausforderungen. Während unseres gemeinsamen Aufenthalts in Spa während des Salon du Rhum 2022 bekam ich von ihm und dem Markenbotschafter von Belgian Owl, Ulric Nijs, ein Sample des neuesten und mit Abstand verrücktesten, aufwändigsten Experiments: des Belgian Owl Gold Diamond Single Malt Whisky. Es handelt sich dabei um einen hauseigenen Single Malt, 11 Jahre gereift, der dazu rund 4 Monate ein Finish in einem Ex-Safrangeist-Fass bekommt, das während dieser Zeit in einer geschlossenen Safran-Atmosphäre aufbewahrt wird, die durch kiloweise in einer Blase verteilten Safran entsteht. Auf 46% eingestellt sind nur 1000 Flaschen davon erhältlich.
AUGE: Blassgold, lebendig mit nur leichter Viskosität.
NASE: Hohe Typizität, belgisch-schottisch, wie man es von Belgian Owl kennt. Gerste, Aprikose, Cashew. Deutlich Vanillepudding. Dann aber wirklich eine gewürzte Note, der Safran ist ganz dezent vorhanden, nimmt keine Vorrangstellung ein, lässt dem Whisky seinen Raum.
GAUMEN: Frucht und Gerste, frisch und kühl, mit sehr mentholischem Effekt, der sich immer weiter verstärkt. Toll strukturiert, mit leichtem, aber runden Mundgefühl. Mildbitter, leicht salzig, fast etwas vegetabil, leicht pikant. Im Abgang immer frischer, eisig nun, elegant und voller Klang. Aromatisch und unverkopft.
GESAMT: Sehr unterhaltsam, spannend und ungewöhnlich. Ein gelungenes Experiment, das dem Entdecker, der gerne lange Zeit mit einem kleinen Schluck verbringt, viel Vergnügen bereiten wird!
Offenlegung: Ich danke Belgian Owl für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung eines Samples dieses Whiskys.
Bei Wermut ist die Abwechslung, die ich habe, im Vergleich zu anderen Spirituosen etwas geringer. Das hat den einfachen Grund, dass ich aufgrund der doch deutlich erhöhten Verderblichkeit von geöffnetem Wermut immer nur eine Sorte italienischen/roten und eine Sorte französischen/trockenen Wermuts im Kühlschrank habe, alles andere wäre Verschwendung. Und so findet sich dann entsprechend eher selten etwas Neues, denn ich greife immer noch gern auf meine zwei Standards zurück – Carpano Antica Formula und Martini Rosso, beides für meine Cocktailambitionen ideale Wermuts.
Doch nun war der Rosso leer, und ich brauchte Ersatz; und beim Samstagseinkauf im Real vor Ort sprang mir ein Sonderangebot ins Gesicht, das ich nicht abschlagen konnte. Der Martini Riserva Speciale Rubino, deutlich reduziert, landete also ohne viel Abwägen im Warenkorb, denn sein Verwandter, der Martini Riserva Speciale Ambrato, hatte mir schon viel Freude bereitet. Der Rubino war auch in einem Mixology Taste Forum als Testsieger hervorgegangen, das ist ja immer ein gutes Zeichen – da ich selbst semiprofessioneller Verkoster bin, habe ich ein gewisses Grundvertrauen in die Arbeit von Kollegen und bin Medaillen und Testsiegern grundsätzlich aufgeschlossen; die Skepsis, die manche dieser Mühe entgegenbringen, ist in den wenigsten Fällen angebracht. Wichtig ist, dass der Veranstalter so eines Tests gewissen Kriterien folgt, und diese transparent darlegt. Sowohl bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles als auch beim ISW ist das meines Erachtens voll gegeben, und auch das „Taste Forum“ beim Magazin Mixology ist immer ausgewogen besetzt und glaubwürdig. Also, ran an den Testsieger!
Woher der Name stammt braucht man nicht lange zu überlegen, wenn der Martini Riserva Speciale Rubino im Glas liegt – besonders bei etwas Gegenlicht leuchtet er in dunklem Rot, naja, Rubinrot eben. Die Konsistenz ist deutlich ölig, dicke, fette Beine laufen schnell an der Glaswand ab.
Die Weinbasis kommt bei diesem Wermut deutlicher hervor als bei manch anderen Produkten der Gattung – kein Wunder, normalerweise wird ein Weißwein für Wermut eingesetzt, hier ein Rotwein. Süßlicher, schwerer, italienischer Rotwein, schon in Richtung Süßwein gehend. Leichte Tannine, viel ganze Traubenfrucht, schon wirklich erkennbar ins Beerige übergehend, mit Eindrücken von Sanddorn und Hibiskus. Unterfüttert wird das noch von einem eher ins milde tendierenden Kräuterbouquet, da ist nicht viel wildes Kraut, mehr dunkle Würze, Vanille, Rosmarin, Zimt, alles aber unter der Beere und Traube untergeordnet.
Im Mund kommt dann doch deutlich eine initiale Säure zum Vorschein, leicht an Grapefruit erinnernd, mit entsprechender Bittere, die sich im Verlauf sogar noch weiter steigert, und sich dabei von Grapefruit zu Wermutkraut wandelt. Hibiskus und Granatapfel zeigen sich. Keine Süßgranate also, was man von der Nase her vielleicht erwartet hätte. Die Süße ist dennoch schon vorhanden, begleitet von einem schmeichelnden Mundgefühl, bei dem sich der Wermut im ganzen Mundraum anlegt. Hier ist der Rubino dann sehr krautig und aromatisch. Beeren- und Rotweinkomponenten bleiben die dominierenden Aromeneindrücke, auch am Ende, wenn eine leichte Pikanz und schöne Trockenheit einsetzt, die den langen Abgang interessant machen. Insgesamt wirkt der Rubino paradoxerweise trotz all der süßschweren und kräuterigen Noten aromatisch hell – mit einer leichter Bittersüße, die man mit der Zunge noch lange danach von den Lippen lecken kann, klingt die Verkostung aus.
Hervorragend präsentiert sich der Rubino in einem heute praktisch unbekannten Drink, den ich in J.A. Grohuskos Cocktailbuch, das noch vor der Prohibition erschienen war (Jack’s Manual of Recipes for Fancy Mixed Drinks and How to Serve Them), gefunden habe. Der Larchmont Cocktail ist ein Beispiel für die Vorlieben der Zeit. Einfache Rezepturen, die es aber in sich haben. Wer ihn noch etwas voller, schwerer haben will, nimmt vielleicht sogar Oloroso statt des Amontillado – Grohusko spezifiziert nicht. Ich mag aber die gewisse gegensätzliche Trockenheit zum Rubino, die der Amontillado einbringt.
Larchmont Cocktail 1½ oz italienischer Wermut 1½ oz Sherry (Amontillado) Auf Eis rühren. [Rezept nach J.A. Grohusko]
Abgefüllt wird der Martini Riserva Speciale Rubino in einer Weinflasche mit einem beeindruckenden Etikett, das sich klassisch an die typische, traditionelle Präsentation dieser Gattung in all ihrem heraldischem Überfluss hält – modern ist das nicht, aber augenfängerisch auf jeden Fall.
Diese Auflagen von alternativen Rezepten, die Martini zusätzlich zu ihrem Standardportfolio inzwischen anbietet, gefallen mir gut, sie bieten dem Vielwermutverbraucher eine nette aromatische Abwechslung und bleiben dabei aber immer noch grundsätzlich typische Turin-Wermuts, die in klassischen Cocktailrezepten gut funktionieren, und auch pur auf Eis mit einer kleinen Zitronenscheibe als Aperitif bestens schmecken. Natürlich verdoppelt sich der Preis im Vergleich zum bekannten Martini Rosso, doch wem jener gefällt, der kann das Experiment mit dem Rubino mal wagen, finde ich!
Die Biere der Rügener Insel-Brauerei sind vieles, aber nicht unauffällig. Da sie inzwischen weitflächig in Supermärkten vertreten sind, schweift mein Blick beim Einkauf immer wieder über sie, und das Auge bleibt einfach hängen, da kann man nichts dagegen tun – das Design mit der Papierumwicklung in verschiedenen Brauntönen hat sich bestens bewährt. Und dann sehe ich plötzlich Pink! Und Orange! Und Rot! Und Badehöschen, Surfbretter und Paddel! Was ist denn da los? Die begrenzte Auflage der Rügener Insel-Brauerei Beach Edition Sun-Wave Beach und Sun-Up Beach Natural Cocktail ließ mich kurz an meinen Sinnen zweifeln, doch da sind sie, Fruchtbiere in klassischer Rügen-Machart mit Flaschenreifung und natürlichen Zutaten.
Das erste der beiden habe ich mir an einem noch sonnigen Herbsttag eingegossen – das Rügener Insel-Brauerei Beach Edition Sun-Wave Beach Natural Cocktail, ein langer Name für ein Fruchtbier, das eher unterhalten soll. Die Zutatenliste ist lang und interessant; während auf dem Frontetikett noch kurz „Cassis, Hibiscus und Hopfen“ steht, ist auf der Rückseite das länger ausgeführt. Johannisbeerpüree, Früchteteeextrakt (Hibiskusblüten, Hagebutten, Holunderbeeren, Bitterorangenschalen, Zitronenschalen) sowie gemahlener Hibiskus, also alles natürliche Zutaten und ohne künstliche Aromen, sowie ohne Zuckerzusatz. Mit 2,9% Alkoholgehalt hat man so einen leichten Fruchtbiercocktail im Glas. Komplett blickdicht ist es dadurch, mit einer dunklen Purpurfärbung, die wohl dem Johannisbeerpüree entstammt. Selbst der Schaum nimmt eine leicht rötliche Färbung an, wie man das von Kriek und ähnlichen Fruchtbieren kennt.
Man riecht zunächst wirklich eine leicht herbe Fruchtmischung, insbesondere der Hibiskus und der Holunderbeerenextrakt sind klar erkennbar. Dabei wirkt das ganze nicht künstlich, sondern schon natürlich – das Bier kommt erstmal nicht durch.
Im Mund setzt erstmal kräftige Säure ein, zusammen mit den Beeren ergibt das einen auch hier völlig natürlich wirkenden Fruchteindruck. Man ahnt die Bierbasis mehr, als dass man sie schmeckt, erst im Verlauf bildet sich ganz dezent eine gewisse Getreidigkeit heraus, ohne dass sie gegen die herbe Frucht ankommt. Die Struktur ist aber unabhängig von der Aromatik als Fruchtbier erkennbar, mit schöner Rezenz und kauigem Mundgefühl. Der Abgang ist herb und mildbitter, ganz zum Schluss erkennt man Gerstenmalz.
Das ist sehr ansprechend gemacht, ein klassisches Fruchtbier, angelehnt an die belgische Schule, mit natürlichen Zutaten und ohne Zucker – das macht richtig Spaß.
Das zweite Fruchtbier der Reihe ist das Rügener Insel-Brauerei Beach Edition Sun-Up Beach Natural Cocktail. Auch mit 2,9% Alkoholgehalt versehen, aber diesmal unter Einsatz von Passionsfrucht-, Guaven- und Orangenpüree gebraut. Natürliches Aroma ist deklariert, ebenso der Verzicht auf Zuckerzusatz. Die Farbe ist braunorange, dazu starktrüb und fast blickdicht. Die dünne Schaumkröne ist schnell verschwunden, bildet dann nur noch einen Rand an der Glaswand.
Wow, der Duft ist stark – da ist richtig viel Passionsfrucht und Guave drin, so richtig deftig fruchtig mit schon hier erkennbarer Säure, so dass das ganze nicht ins Multivitaminsaftige abdriftet. Leichte Gerstigkeit ist noch da, wie das bei einem gut gemachten Fruchtbier sein soll. Im Mund ist das sogar noch stärker, da gibt es keinen Zweifel, dass wir hier ein Bier als Basis vor uns haben, mehr noch sogar als beim Sun-Wave. Die Frucht ist sehr intensiv aber kurzlebig, mit knackiger Säure. Spät kommt dann auch Orange zum Vorschein, ohne wirklich zestig zu erscheinen. Das Mundgefühl ist voll und dicht, Rezenz üppig vorhanden.
Ein sehr angenehmer Trunk, „Natural Cocktail“ passt hier als Begriff wirklich gut – toll, wie erkennbar die Fruchteinsätze hier sind, und das Bier trotzdem noch irgendwie durchscheint.
Beide empfehle ich wirklich gern. Sowohl für den Bierfreund, der Fruchtbiere zu schätzen weiß, und mal eine Abwechslung vom Kriek sucht; als auch für den Gelegenheitskonsumenten, der sonst mit Bier nicht wirklich viel am Hut hat, und einfach einen gut gemachten, säuerlich gehaltenen Drink sucht, der nicht nur aus Zucker besteht. Die Brauerei auf Rügen hat immer wieder was neues in petto, das mich überrascht und dabei gleichzeitig überzeugt; auf der Insel steht mit Sicherheit eine der faszinierendsten Brauereien Deutschlands.
„Rum ist eine Spirituose, die ausschließlich durch die Destillation des Produkts der alkoholischen Gärung von Melasse oder Sirup, die aus der Rohrzuckerproduktion stammen, oder von Zuckerrohrsaft selbst gewonnen“ wird, das schreibt die EU-Spirituosenverordnung 2019/787 so vor. Auch die US-amerikanische TTB, das Amt, das für die Definitionen von Spirituosen dort zuständig ist, macht das ähnlich, ist höchstens einen Ticken laxer dabei – für die Amis ist Rum ein „spirit distilled from the fermented juice of sugar cane, sugar cane syrup, sugar cane molasses or other sugar cane by-products“. Beide Gesetzgeber sind sich jedenfalls einig, dass es ausschließlich Zuckerrohr ist, das zu Rum verarbeitet wird, und definitiv nicht die Zuckerrübe oder andere Zuckerquellen.
Das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht spirituelle Verwendungsmöglichkeiten für die gute, alte Zuckerrübe gibt, aus der wir in Schwaben als Kinder im Herbst Rübengeister geschnitzt hatten, dem Vorläufer der Kürbisköpfe, die man aus amerikanischen Gefilden importiert heutzutage. In Gent in Belgien verarbeiten sie regionale, belgische Rüben jedenfalls begeistert zu einem Brand – Dada Chapel Aged Brhum ist geboren. Der Name spielt schon darauf an, dass man sich irgendwie trotz der Gesetze in der emotionalen Nähe zu Rum sieht, das französische Wort „rhum“ wird clever und charmant um das große „B“ der sugar beet, also Zuckerrübe, ergänzt. Nach dem Brennen in einer Kupferpotstill wird der noch ungereifte Zuckerrübenschnaps abgefüllt und verkauft; und ein Teil darf es sich stattdessen eine Zeitlang in amerikanischer Weißeichenfässern bequem machen, um dann als gereifte Variante auf den Markt zu kommen. Letztere will ich heute vorstellen, nachdem ich eine Flasche davon in Spa in Belgien während des Salon du Rhum 2022 erworben hatte. Mein Erstkontakt war schon 2020 in Brüssel bei der damaligen Veranstaltung von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, wo ich als Juror mitten in der Pandemie arbeitete, und Timon Salomez von Dada Chapel, der ebenfalls als Juror mitmachte, ihren Stoff dort vorstellte – es dauerte also zwei Jahre, bis ich das Konzept verstanden hatte.
Das Jahr, das die Zuckerrübenspirituose in Fässern aus amerikanischer Eiche (auf der Shopseite findet man den Hinweis, dass es sich um eine Mischung aus amerikanischer und französischer Eiche handelt) ruht, lässt eine elegante, gelbgoldene Farbe entstehen – es wird nicht gefärbt. Man sieht darüber hinaus schöne Viskosität beim Schwenken und langsam ablaufende Beinchen.
Die Nase hat durchaus etwas von Rum, aber auch etwas eigenständiges. Obwohl sie insgesamt sehr mild und zart ist, erkennt man schon deutliche Gewürznoten, mit Sternanis, Zimt und Vanille, dazu reife Banane und Pfirsich – das hat wirklich was von Bananenbrot oder Fruchtkuchen, mit etwas Nutella oder Nougat als Beilage. Diese würzig-fruchtig-schokoladige Mischung riecht sich ungewohnt, aber angenehm, und Ethanol erahnt man beim tiefen Schnuppern mehr, als dass man ihn wirklich wahrnimmt.
Der Antrunk setzt diese Eindrücke fort, zunächst mit der Frucht, aus der sich dann schnell und sehr prägnant das cremige Nougat herausschält, das hat im Verlauf wirklich etwas von einem Kakaobrand. Sehr rund, sehr mild, zunächst trotz all der starken Süße und Schokoladigkeit fast zart und leicht. Die volle Textur unterstützt diese Noten natürlich voll, erst spät kommen die Backgewürze nach vorn, zusammen mit einer generellen, leicht pikanten Wärme, die die Zunge kitzelt und sie nach dem Abgang sogar etwas anästhesiert zurücklässt. Hier kommen dann irgendwie klassische Säulenrumaromen hervor, und das, obwohl das weder ein Rum noch in Säule gebrannt ist. Insgesamt könnte ich, gewiss, noch etwas mehr Komplexität erwünschen. Der Abgang ist eher kurz, Seitenaromen liegen aber noch eine Weile am Gaumen, mit viel Kakaopulver und Zimt.
Ich gebe zu, ich sah so ein Produkt zunächst mal hauptsächlich für den Einsatz im Bildungstrinken, um zu erschmecken, wie sich ein Destillat aus Zuckerrüben im Vergleich zu einem Zuckerrohrbrand anfühlt. Tatsächlich kann man den Aged Bhrum aber ohne Schwierigkeiten auch als Genussgetränk weiterempfehlen, diese Schokoladigkeit ist sehr ansprechend und macht wirklich viel Spaß; das Ganze wirkt trotz der nur kurzen Fasslagerung sehr reif und hat überhaupt nichts Experimentelles an sich, so dass keinerlei Gefahr besteht, dass die Flasche im Regal der Heimbar nach den ersten paar Versuchen verstauben könnte. Im Gegenteil, ich schlürfe das lieber als manchen Karibikrum.
Das Schöne an einem Royal Bermuda Yacht Club ist, dass es immer noch erkennbar ein Daiquiri-Twist ist, aber mit den zwei Likören eine kleine Abwechslung bietet. Hier kann man mit Rums schön spielen – und auch der Dada Chapel Aged Bhrum funktioniert bestens in so einem Ensemble, ohne dass er untergeht; man ahnt sogar noch die Charakteristik heraus, sowohl im Geruch des Cocktails, als auch im Geschmack.
Royal Bermuda Yacht Club 2oz / 60ml leicht gereifter Rum ¾oz / 23ml Limettensaft ½oz / 15ml Falernum ¼oz / 7ml Orangenlikör Auf Eis shaken. [Rezept nach Trader Vic]
Sehr auffällig ist die Flasche an sich – eine ungewöhnliche Form, flach und dafür breit, mit großem Holzdeckel auf dem Korken, und einem großen Etikett, das eine, nun, ja, dadaistische Zeichnung einer Rübe zeigt. Die Dada Chapel Distillery orientiert sich sowohl an dem historischen Gebäude, in dem sie untergebracht sind (erst ein Gasthaus, dann ein Nonnenkonvent), als auch an dem modernen Kunstkonzept des Dadaismus. Hier gelingen, meines Erachtens, genau diese Brücken zwischen schwer vereinbaren Ideen; „in odd we trust“ ist der Wahlspruch, und mit ihren unkonventionellen, innovativen Produkten machen sie dort genau das. Seltsame Konzepte, aber gut umgesetzt – ich mag die Truppe und ihre Destillate.
Der Trend nach leichten, alkoholreduzierten und kalorienarmen Getränken hat bereits seit einer Weile voll die Mitte der Gesellschaft erreicht. Bier hatte ja schon immer einen etwas mäßigen Ruf für die, denen Körperoptimierung wichtiger ist als Genuss, der Bierbauch ist sprichwörtlich. Für die, die sich diesem asketischen Gruppenzwang zumindest teilweise hingeben wollen, hat Stone Brewing nun ein Angebot für einen Mittelweg: das Stone Features + Benefits IPA. Reduzierter Alkoholgehalt, gluten-reduziert, kalorien-reduziert (95kcal), kohlehydrat-reduiziert (2,9g). Bleibt nach dem ganzen Reduzieren noch was vom Bier übrig?
Erster Eindruck: Sehr blass, beim Eingießen wirkt es fast wie Limo. Dennoch ist eine leichte Trübung offensichtlich. Auch Schaum bildet sich praktisch keiner, eine leichte Schaumring ist alles, was nach einer Minute bleibt. Die Nase ist extrem tropenfruchtig, viel Mandarine, Mango, Maracuja. Mehr als bei den allermeisten anderen Bieren, die sich auf tropisch riechende Hopfensorten spezialisiert haben. Diese Frucht übertönt alles, was sonst an Aromen da sein könnte.
Im Mund wirkt das Bier direkt säuerlich, ähnlich dünn, wie es optisch erscheint. Bittere ist sehr präsent, und in Kombination mit der komplett fehlenden Textur liegt es irgendwie wie ein Schluck Wasser in der Kurve im Mund. Die Hopfigkeit ist einem IPA dann schon angemessen, die Frucht kommt voll durch. Insgesamt wirkt es aber wie ein Bierschorle, ein Pils aufgegossen mit Fruchtlimo. Kommt das alles durch die Herstellungsweise und den milden Alkoholgehalt von 4,0%? Ich weiß es nicht. Der Abgang ist mittellang, auch hier von tropischen Hopfeneindrücken beherrscht.
Nun, das ist ein Bier, das ich gern probiert habe, aber ein zweites Mal brauch ich es nicht. Schön frisch, sehr leicht, aber es wirkt halt verdünnt – die Reduktion aller geschmackstragenden Stoffe zeigt sich halt doch sehr deutlich. Ich, der ich eigentlich gerne sowohl wuchtige als auch frische, leichte Biere mag, finde an dem Stone F+B nichts – das ist mir dann doch zu schmal geworden.
Man kann vielleicht mein Erstaunen nachvollziehen, das ich neulich empfand, als ich bei einem deutschen Onlineshop eine Bestellung tätigen wollte, und dort durchs Sortiment stöberte, um vielleicht noch ein Schnäppchen zu finden. Die Versandkosten wollen ja möglichst amortisiert werden. Und da ich gerne die etwas ungewöhnlicheren Kategorien in solchen Shops durchschaue (am liebsten „Sonstige“ oder „Diverse“), da man da immer etwas Verrücktes findet, entdeckte ich doch tatsächlich einen Baijiu! Natürlich konnte ich da nicht nein sagen, das kommt in den Warenkorb, ohne Frage.
Und so erhielt ich den Jiangxiaobai Pure (江小白) ein paar Tage später per Post, ein Leichtaroma-Baijiu aus der Jiangji Distillery in Chongqing. Das ist dahingehend leicht ungewöhnlich, weil diese Baijiu-Kategorie eher im Norden Chinas beheimatet und beliebt ist, im Süden und vor allem Südwesten mag man eigentlich lieber die aromatischeren Stark- und Saucearoma-Baijius. Nun, man sieht, man kann nicht immer alles so einfach verallgemeinern, es gibt immer Ausnahmen. Auch dass er mit für Baijiu-Verhältnisse niedrigen 40% Alkoholgehalt abgefüllt wurde, ist eher die Ausnahme als die Regel. Immerhin, bei den Basismaterialien und der Herstellung hält man sich an die klassischen Vorgehensweisen, 100% Hirse, Trockenfermentation und -destillation, wie ich sie oft in auch in den nordchinesischen Destillerien gesehen hatte. Auf dem Rücketikett wird insbesondere darauf hingewiesen, dass dieser Baijiu in der Mixologie gut eingesetzt werden kann, eine spannende Aussage; aber zunächst probieren wir ihn mal pur.
Kristallklar, ohne auch nur den Ansatz von Tönung schwappt die Flüssigkeit schwer im Glas, mit klar voneinander abgegrenzten Beinchen läuft sie dann von der Glasinnenwand ab. Es gibt kaum etwas zu berichten, was man nicht schon durch die sehr zeigefreudige Flasche sehen könnte.
Eine sehr saubere, feine Nase begrüßt uns dann – eine Mischung aus Getreide- und milden Fruchtnoten. Sehr typisch für einen Leichtaroma-Baijiu, mit dezenter Erdigkeit und Anflügen von Honig, feuchtem Ton und rotem Apfel. Man findet auch eine Spur von Lack, wenn man tief schnuppert, ansonsten ist das ein sehr elegantes, leichtes Geruchsbild, ohne jede Aggressivität, rund und dabei trotzdem klar.
Im Mund wirkt der Jiangxiaobai noch leichter und heller, fast schon minzig frisch, ohne die Hirse als Basismaterial aufzugeben, sie bleibt von vorne bis hinten erhalten. Eine grundlegende Süße kombiniert sich mit Pfirsich, grüner Banane und etwas Kokosnussfleisch und sorgt für schönes aromatisches Volumen, das durch die glasklare, sehr sauber wirkende Struktur unterstützt wird. Ein wirklich ansprechendes Mundgefühl, mit hervorragend eingebetteten 40% Alkoholgehalt. Nur minimalste Astringenz kommt im Verlauf mit etwas Bittere auf, das liegt weich und zart am Gaumen und drängt sich weder vom Effekt noch von überbordenden Aromen auf. Der Abgang ist entsprechend mittellang, leicht blumig, aber auch hier einfach und für einen Baijiu sehr leise.
Ich erkenne die Typizität der Aromen, die Vorsicht, mit der sich der Jiangxiaobai dem Genießer eröffnet, ist aber schon ungewöhnlich – da ist klar für den westlichen Gaumen hergestellt worden. Das ist nichts Schlechtes oder Ungewöhnliches, mir begegnen bei meinen Baijiu-Verkostungen inzwischen sehr oft solche Produkte, die für spezielle Zielgruppen geeigneter sind als andere. Mit diesem Baijiu kann jedenfalls ein schöner, unkomplizierter Einstieg in die Kategorie ohne Schwierigkeiten gelingen.
Da die Menge an Cocktailrezepten für Baijiu immer noch verschwindend klein ist, bleibt mir oft nichts anderes übrig, als andere Spirituosen in Rezepten von Könnern zu ersetzen; hin und wieder glaube ich, dass diese kleine Änderung das Originalrezept verbessert – bei der hier vorgestellten Variante auf Tony Abou-Ganims Ruby bin ich mir sogar sicher, das trinkt sich richtig gut. Entsprechend gebe ich dem Drink einen neuen Namen. Hongbaoshi ist das chinesische Wort für Rubin, da entferne ich mich also auch in der Benamung gar nicht weit vom Original.
Hongbaoshi 1½oz / 45ml Leichtaroma-Baijiu ¾oz / 23ml Holunderblütenlikör ½oz / 15ml Aperol ¾oz / 23ml Grapefruitsaft ¾oz / 23ml Zitronensaft 1 Eiweiß Auf Eis shaken. [Rezept adaptiert nach Tony Abou-Ganims „Ruby“]
Die Flasche hatte ich schon angesprochen, ein optisch hübsches Stück Gesamtdesign, von der eckigen Form über die transparenten Etiketten und die klare Farben- und Geometriesprache hin zum praktischen Schraubverschluss (der sogar dankenswerterweise auf den sonst bei Baijiu sehr üblichen Nachfüllstop verzichtet). Dass man dabei grundsätzlich, bis auf den Markennamen, auf chinesische Zeichen verzichtet, und lateinische Buchstaben verwendet, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass sich mehr chinesische Produzenten zumindest teilweise offiziell nun nach Europa trauen – zumindest dieser Baijiu ist hierzulande verbreitet zu erwerben und hat sogar eine Preisstruktur, die dem, der einfach mal wissen will, wie so ein Baijiu der Leichtaroma-Kategorie schmeckt, den Erwerb nicht schmerzhaft macht. Für 20€ kann man hier reinschnuppern, bekommt zwar keine extreme Baijiu-Kunst geboten, aber ein solides Basisprodukt mit viel Typizität, das einem dabei auch nicht die Faust ins Gesicht haut. Eine gute Mischung, finde ich!