Spargelbrand aus Mexiko – Sotol La Higuera Janos Chihuahua, Sotomayor Sotol Artesanal, Desert Door Texas Sotol, Seis14 Gintol

Sotol ist eine mexikanische Spirituose, die sich dahingehend abgrenzt, dass sie nicht aus Agaven hergestellt wird, wie die bekanntesten und verbreitesten Brände von dort, sondern aus Dasylirion, einem Spargelgewächs – optisch sieht diese Pflanze aber trotzdem aus wie eine stachlige Agave, mit schmaleren Blättern vielleicht, und ist mit unserem Spargel mit Sauce Hollandaise kaum vergleichbar. Ich hatte vor sehr langer Zeit mal einen Sotol besprochen, den Hacienda de Chihuahua Sotol Silver, hier stelle ich nun vier andere Ausprägungen vor, die ich als Sample teils erworben, teils kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen habe: Sotol La Higuera Janos Chihuahua, Sotomayor Sotol Artesanal, Desert Door Texas Sotol, sowie den aromatisierten Seis14 Gintol.

Sotol La Higuera Janos Chihuahua, Sotomayor Sotol Artesanal, Desert Door Texas Sotol, Seis14 Gintol

Beginnen wir mit Sotol La Higuera Janos Chihuahua 48% der Familienbrennerei Elaborator de Sotol. Dasylirion Wheeleri wächst 15 Jahre und wird dann nach traditionellen Methoden verarbeitet, die man in Chihuahua seit Generationen so kennt – manuelle Ernte, prähispanische Steinöfen in Zapfenform dienen zum Kochen, und in riesigen Kieferbottichen mit freien Hefen vergoren. Noch zweifach in Kupferbrennblasen destilliert, und fertig ist der Sotol mit 48% Alkoholgehalt!

Sotol La Higuera Janos Chihuahua

Kristallklar, völlig transparent, dabei aber lebendig im Glas, mit attraktiven Schlieren. Der Duft ist sehr ungewohnt, mit vielen grünen und vegetalen Tönen, unterstützt von sehr deutlichem Bienenwachs und getrocknetem Harz – das erinnert etwas an eine Kerze. Ganz leicht klingt Vanille durch, eine süßliche Kuchenteignote vielleicht, und am Ende ein Touch von Plastik. Im Antrunk ist diese ungewöhnliche Mischung aus noch nassem, süßen Teig und etwas Plastik auch am Gaumen vorhanden, mit Anklängen von Honig und auch etwas Milchschokolade. Im Verlauf kommt die Grüne stärker nach vorne, und zusammen mit prickelndem Feuer auf der Zunge wird die initiale Süße etwas nach hinten verschoben, ohne, dass der Brand je wirklich trocken wird. Rund und voll im Mundgefühl. Der Nachklang ist warm, nun kommt auch geschmacklich das Wachs vor, mit einem hauchigen Gefühl endet der La Higuera dann nur widerwillig. Ungewohnt, interessant!


Nun der Sotomayor Sotol Artesanal – die Herstellung ist hier ähnlich handarbeitslastig wie beim Vorgänger. Auch hier brauchen die wilden Gewächse bis zu 15 Jahre zur Reifung, werden nach der Ernte in prähispanischen Steinöfen mit Mesquitholz und Vulkansteinen gekocht, dann von Hand zerkleinert und bis zu 8 Tage durch wilde Hefen fermentiert. Doppelt destilliert kommt der Sotol auf 44% eingestellt in eine Keramikflasche – und von dort dann zu mir ins Glas.

Sotomayor Sotol Artesanal

Glasklar, ohne Fehler oder Einschlüsse. Deutlich viskos beim Schwenken, mit langhaftenden Glaswandartefakten. In der Nase findet sich eine Mischung aus Autowerkstatt und Gartenmarkt – Teer und altes Öl, Gummihandschuhe, staubige Werkzeugschränke, Gartendünger, Grünblattschnitt, feuchte Erde und ein Ticken Rauch; man sieht, ein stark assoziativ wirkendes Bouquet, dunkel, feucht und warm. Sehr spannend und vielschichtig. Im Geschmack wirkt der Sotomayor viel leichter und heller, die grundsätzliche Aromatik der Nase bleibt aber erhalten. Das erinnert an einen wenigrauchigen Mezcal, die Pflanzlichkeit ist am Gaumen viel stärker als zuvor. Mildpikante Würze entsteht aus dem cremigen, süßschweren Mundgefühl, vorsichtige Trockenheit bildet sich aus, ein deutlicher Eisenton kombiniert sich am Ende mit zart aufblühender Jasmin-Floralität. Sehr attraktiv und trinkig, ohne Ecke oder Kante, sehr genehm und anschmeichelnd. Wem Mezcal zu harsch ist, findet hier etwas aromatisch ähnliches, nur ohne die Wildheit.


Der dritte im Bunde ist nun Desert Door Texas Sotol. Im Gegensatz zu den Vorgängern stammt er nicht aus Mexiko, sondern aus den USA. Das ist ein Thema für sich – eigentlich ist Sotol wie viele andere Spirituosen in Mexiko durch eine Herkunftsangabe geschützt („denominación de origen Sotol“), doch die USA haben dies noch nicht anerkannt. Wir sind hier also nicht weit von einer Kulturaneignung entfernt – da die Pflanzen auf beiden Seiten der Grenze wachsen, und auch der Kulturkreis, aus dem Sotol entstammt, nicht klar auf ein Land eingrenzbar ist, kann man wenigstens darüber diskutieren, wie dies zu bewerten ist. Lisa Pietsch von Tequila Aficionado hat dieses Thema detailliert aufgearbeitet. Die Spirituose wird jedenfalls deutlich industrieller hergestellt – Dasylirion Texanum wird zwar noch händisch geerntet, dort dann aber in Dampfkochtöpfen gekocht, maschinell zerkleinert, in Edelstahltanks mit proprietären Hefen vergoren, und nach der Destillation mit Wasser auf 40% Alkoholgehalt eingestellt.

Desert Door Texas Sotol

Auch hier ist eine klare Flüssigkeit vorhanden, mit mittlerer Viskosität, und hübschen Schlierenbeinchen. Geruchlich hätte ich hier sofort „Tequila“ gesagt, das wirkt sehr viel weniger grün und vegetal als die beiden Vorgänger, hat sogar etwas von Reposado, mit einer leichten Nougat-Vanille-Note. Eine leichte Steinigkeit oder Betonton ist noch da; ein angenehmer Duft, aber, wie gesagt, im Vergleich zum mexikanischen Sotol eher untypisch. Im Mund findet sie sich auch nicht, diese starke Vegetalität, im Antrunk wirkt der Desert Door sogar etwas neutral, nur die Süße, die das sehr weiche Mundgefühl unterstützt, ist präsent. Eine Mischung aus floralem Lavendel und im Verlauf dann doch auftauchender Grüne dominiert später den Gaumen, im Abgang kommt dann warme Würze dazu, recht schnell klingt der Brand aus. Nun, für sich gesehen ist das eine angenehme Spirituose, jedoch aromatisch eher zum Tequila tendierend und für die Kategorie nicht wirklich repräsentativ, finde ich.


Zu guter letzt haben wir noch eine besondere Form des Sotol im Angebot – Seis14 Gintol ist keine Mischung aus Gin und Sotol, wie man vielleicht annehmen könnte, sondern es ist ein mit Kräutern aromatisierter Sotol (statt Neutralalkohol aus Getreide, wie das bei Gin die Regel ist). Dasylirion Wheeleri bekommt bis zu 30 Jahre zum Wachsen, wird von Hand geernet und gekocht. Offene Holzfässer dienen als Behältnis während der Fermentation mit wilden Hefen. Nach der Destillation erfolgt dann, wie bei Gin, die Aromatisierung mit Botanicals, hier Wacholder, Kardamom, Fenchel, Orange, Zitrone, Pfeffer und Aprikosenschale. 45% Alkoholgehalt haben wir am Ende.

Seis14 Gintol

Die pflanzlichen Bestandteile haben zu keiner Trübung oder Unreinheit geführt, der Gintol schwenkt sich ölig und träge. Die Nase ist beherrscht von Wacholder und Zitrus, den Pfeffer riecht man schön, das Kardamom auch – hier sind deutlich Komponenten wahrnehmbar, das mag ich immer an Spirituosen. Der Sotol als Basisspirituose bringt auch erkennbar etwas der Erdigkeit und Grüne mit, die ich als typisch empfinde, verbindet sich aber angenehm mit den Botanicals. Das wirkt komplexer als manch ein Gin, und schnuppert sich wirklich sehr unterhaltsam. Auch im Mund gefällt diese Mischung, ist im Antrunk noch etwas kräuterig-blumiges im Vordergrund, übernehmen die Zitrusaromen im Mittelteil, und dann die Gewürznoten am Ende, zusammen mit einer feurigen, aber nicht kratzenden Wärme, die lange vorhält und die Zunge am Ende leicht betäubt zurücklässt – dann kommt auch der Sotol deutlich durch, zusammen mit starkem Eukalyptus und Rosmarin. Ein kraftvolles Produkt, sehr schön gemacht, und als Abwechslung zu einem Gin auf Neutralalkoholbasis sehr empfehlenswert.


Vier Sotols, vier Eindrücke – Mexiko ist reich an Spirituosenkultur in vielfältigen Ausprägungen. Ich persönlich halte, wie ich schon an anderer Stelle formuliert hatte, nicht viel von der Art, wie der mexikanische Gesetzgeber diese Traditionen zu schützen versucht, da geht viel in die falsche Richtung und schützt die Falschen oder gar niemand, und behindert manch einen traditionell arbeitenden Produzenten sogar. Bei Sotol ist das nicht anders, und um so wichtiger ist, dass man sich als Konsument informiert, was man da trinkt. Ich hoffe, meinen Teil dazu beitragen zu können.

Klarer Brand aus trübem Bier – Schraml Z1 Bierbrand

Die feuchte Masse, die bei der Whiskyherstellung mit Hefen fermentiert wurde, um daraus dann Whisky zu brennen, nennt man im anglosächsischen Sprachraum „wash“, gerne aber auch „beer“; analog, wie man die fermentierte Flüssigkeit bei Wein- oder Zuckerrohrbränden auch manchmal „wine“ nennt. Nun muss man dabei schon wissen, dass diese fermentierten Maischen mit einem trinkfertigen Bier oder Wein nur wenig zu tun haben, außer, dass sie einen Alkoholgehalt aufweisen, der diesen zum direkten Konsum hergestellten Produkten entspricht. Die meisten Biere, die wir in Deutschland so trinken, enthalten Hopfen, ein „whisky beer“ enthält keinen. Und als ich in Chile bei Bauzá einen Schluck des ungebrannten Piscoweins probieren konnte, stellte ich auch fest, dass ein Weintrinker daran nur mäßig Freude haben würde.

Darum ist es auch ein Unterschied, ob wir einen ungereiften Protowhisky (zum Beispiel New Make) trinken, oder einen Bierbrand – letzter wird aus tatsächlich fertig gebrauten Bier hergestellt. Die Steinwald Brennerei in der Oberpfalz macht genau so etwas aus ihrem hauseigenen, kellertrüben Zoiglbier; das Zoigl ist eigentlich eine Geschichte für sich selbst, ich denke mal, darüber erzähle ich ein anderes Mal, wenn ich so ein Bier auch wirklich vor mir im Glas habe, bis dahin soll es genügen, dass das Zoigl dahingehend besonders ist, dass es gemeinsam in einem Kommunbrauhaus gebraut wird und zum immateriellen Kulturerbe Bayerns gehört. Ein Zoiglbrand ist noch nicht derart geschützt, doch die Familienbrauerei, aus der der Schraml Z1 Bierbrand stammt, gibt es immerhin schon seit 1818 und ist in 6. Generation weiterhin aktiv. Brauen und Brennen sind aber schon zwei unterschiedliche Dinge, werfen wir mal einen Blick darauf, ob die Schramls beides können.

Schraml Z1 Bierbrand

Ungereift und ungefärbt, daher verwundert die Farbe nicht – so transparent läuft eine Spirituose immer aus der Brennblase. Man erkennt eine gewisse Öligkeit beim Drehen des Glases, und viele, unscharf voneinander abgegrenzte Beinchen.

Der Geruch ist intensiv und prägnant, man meint, abgestandenes Bier zu riechen, ohne das negativ zu meinen. Die Mischung aus Hopfen und Malz ist sehr fruchtig, eine deutliche Blütigkeit könnte schon aus dem Hopfen stammen; dies würde ich auch definitiv als einen grundlegenden, klaren Unterschied zu einem Whisky-New-Make beschreiben, der Z1 ist halt eben, wie oben schon beschrieben, ein Bierbrand und kein Gerstenbrand. Malz sorgt schon in der Nase für süße, schwere Eindrücke. Frisch, fruchtig, süß – eine angenehme Duftkombination.

Schraml Z1 Bierbrand Glas

Auch im Mund spüre ich zunächst die schwere Süße, die Malzigkeit, und das dichte Mundgefühl. Sehr schnell erblüht der Z1 allerdings dann, wie schon in der Nase, auch am Gaumen, mit sehr viel Veilchen, Flieder und Rosenblüten, die aromatische Komponente des Hopfens, wie man es von starkgehopften Bieren kennt – aber ohne die extreme Bittere, die meist damit einhergeht. Litschi, Guave, das fühlt sich dann auch kurz mal exotisch an. Auch wenn die Süße erhalten bleibt, entsteht im Verlauf dann aber doch aus ihr noch eine pikante Chilifeurigkeit, die den Gaumen und die Zunge kitzelt, ohne je alkoholisch zu brennen, die 40% Alkoholgehalt sind ohne Fehler eingebettet. Der Nachklang ist dann wieder superblumig, lang, mit Jasmin und Lavendel, die sich ausdauernd im Mundraum halten, und einem kühlen, beinahe mentholischen Gefühl: Ein sehr klarer Brand, mit viel Bandbreite, aber dennoch stringent linear und erkennbar sauber strukturiert.

Bierbrände sind nach meiner Erfahrung oft eher stumpf und desinteressiert, hier hat man ein vielschichtiges, komplexes Trinkerlebnis, das ich durchaus als Digestif nach einem bodenständigen Hausmacheressen empfehlen würde – die Frische und Würze räumen den Gaumen auf, die Blumigkeit ersetzt einen Nachtisch. Tolles Handwerk aus der Oberpfalz.


Der Z is for Zoigl ist natürlich, der Kenner wird es direkt sehen, vom englischen Titel von André Franquins Meisterwerk „Z comme Zorglub“ inspiriert. Spirou und Fantasio treten in diesem frankobelgischen Bande Dessinée gegen den größenwahnsinnigen Zorglub an, der die Weltherrschaft anstrebt und die Leute dabei mit seinem Dummheitsstrahl gefügig macht. Das kann einem natürlich beim übermäßigen Konsum des Z is for Zoigl auch passieren. Man trinke also mit Bedacht – der erste Schluck ist noch gewöhnungsbedürftig, nach dem dritten will man irgendwie nicht mehr aufhören. Eviv Bulgroz – oder Lgioz?

Z is for Zoigl Cocktail

Z is for Zoigl
1½oz / 45ml Bierbrand
¾oz / 23ml Ingwerlikör
½oz / 15ml Zitronensaft
Auf Eis shaken. Toppen mit 1oz / 30ml dunklem Bockbier

[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche selbst ist unauffällig, kommt in einem Präsentkarton mit großem Ausschnitt, und hat als einzige Dekoration das große, textbeladene Etikett, auf dem man alles nachlesen kann, was einen während eines Schlucks des Bierbrands so interessieren könnte. Wer sich auf der Homepage der Brennerei noch etwas einliest, findet so nette Details, wie dass der nach eigener Aussage erste bayerische Gin 1957 von Alois Schraml als exotische Idee hergestellt wurde; unangepasste Geistesblitze scheinen also irgendwie in der Familienlinie zu liegen.

Mein nächster Auftrag: in die Oberpfalz fahren, vor Ort ein paar Gläser frisches Zoigl trinken. Man bekommt jedenfalls sehr viel Lust dazu, wenn man sich mit dem Z1 angefreundet hat.

Bier am Freitag – Wettelsheimer Bier Heller und Dunkler Bock

Manche Dinge sind unlösbar mit bestimmten Situationen verbunden. Ich persönlich verbinde beispielsweise die heute hier vorgestellten Biere ganz stark mit Weihnachten – mein Bruder hatte vor ein paar Jahren einen Kasten des Wettelsheimer Bier Heller und Dunkler Bock zur Familienweihnachtsfeier mitgebracht, und seitdem ist das eine Art Ritual geworden. Die Brauerei stellt diese Bockbiere in der Vorweihnachtszeit her, nennt sie darum auch gerne „Weihnachtsbock“. Beide haben eine Stammwürze von 16,6% und einen Alkoholgehalt von 6,6% – und man muss wissen, welcher welcher ist, denn das Etikett ist diesbezüglich unauskünftig. Da hilft nur Probieren!

Wettelsheimer Bier Heller und Dunkler Bock

Nehmen wir erstmal den Wettelsheimer Bock Dunkel in Augenschein – man erkennt ihn dann doch von außen, an der roten Aluhalskrause. Irgendwo zwischen Pariser Rot und Haselnussbraun findet man das Bier im Glas, leicht opalisierend und leuchtend, wenn man das leichte Gushing beim Ziehen des Kronkorken überwunden hat. Schaum ist initial gut da, fällt aber ziemlich schnell in sich zusammen, so dass nur ein Staub auf der Bieroberfläche bleibt.

Wettelsheimer Bier Dunkler Bock

In der Nase schnuppert sich das Bier leicht säuerlich, mit etwas Zitrone und vielleicht grüner Apfel, aber nicht wie ein Sauerbier, sondern mehr als Idee. Minimalst erkennt man noch die Getreidebasis, aber sonst ist da kaum etwas, was man erwähnen könnte. Im Mund bildet sich direkt eine fette Textur, die Karbonisierung bläst die Struktur noch etwas weiter auf, so dass sich das dick an Gaumen und Zunge legt. Hier ist der Bock dann plötzlich sehr malzig, leicht röstig, mit einem minimalen Touch von Rauch. Die Zitronigkeit bleibt erhalten, geht über in eine sehr klare Frische, kühlend und sauber. Der Abgang ist kurz, von Malz und Röstaromen getrieben, und hinterlässt einen prickelnden Eindruck, fast schon wie Brausepulver vom Effekt her.

Das gefällt mir wirklich richtig gut, aromatisch ist das etwas eindimensional, ja, aber die Effekte am Gaumen, die Sauberkeit und die schön eingebundenen Malz-Röstaromen sind schon richtig gut gemacht. Das trinkt sich echt süffig!


Ebenso minimal trüb, aber im Kontrast zum Vorgänger mit schönem Bernstein steht der Wettelsheimer Bock Hell im Glas. Auch hier gilt es, das Gushing zu berücksichtigen. Weißer, feinblasiger Schaum bleibt etwas erhalten; man sieht feine Perlage im Bier.

Wettelsheimer Bier Heller Bock

Die Nase ist leicht, minimal fruchtig mit Anklängen von reifer Ananas und Banane, aber man darf nicht zu viel erwarten – es ist mehr ein leiser Duft als ein echter Geruch, und auch diesen nimmt man nur wahr, wenn man explizit danach sucht. Leichte Getreidenoten, etwas Hefe findet man dann auch noch. Süß und voll ist der Wettelsheimer Bock Hell dann am Gaumen, richtig dicke Textur, breite Cremigkeit und so richtig was zum Kauen, das muss man erst ein bisschen im Mund herumschieben, bevor man es runterschlucken kann. Auch hier leichte Fruchtigkeit aus Ananas und Banane, im Verlauf entsteht sogar noch etwas Säure, um die dicke Süße aufzuschneiden, und das sorgt für tolle Rezenz. Gegen Ende erst kommt milde Würze, auch diese in die Süße und die dicke Struktur eingebettet, und sogar etwas kitzelnde Effekte am hinteren Gaumen und den Backeninnenseiten. Der Abgang ist mittellang, eher vom Effekt getragen als von Aromen, auch wenn die Banane noch etwas nachklingt.

Auch der helle Bock ist ein Strukturbier, das ist gar nicht schlimm, das grenzt das Bier etwas ab von der Masse. Jedenfalls macht es viel Spaß und ich schätze die Ungewöhnlichkeit sehr.


Beide Biere gefallen mir wirklich gut. Das sind Bockbiere, wie ich sie mag – nicht getragen von verrückten Aromen, sondern von einer grandiosen Textur, Klarheit und Sauberkeit, die man lange spürt und genießen kann. Da freue ich mich immer sehr, wenn mein Bruder einen Kasten organisiert, es scheint gar nicht so einfach zu sein, die Mengen sind übersichtlich und schnell ausverkauft; kein Wunder, das Bier würde ich dem Brauer auch aus den Händen reißen!

Saarmoselrum – Bonpland XO Premium Reserve

Die Reifung von Rum in Weinfässern ist eine traditionelle Methode, die historisch älter ist als die Verwendung von Bourbonfässern, auch wenn letztere heutzutage für allerlei Spirituosen der häufigste Fall ist. So verwendet Richard Seale von der Foursquare-Brennerei auf Barbados gerne Weinfässer für seine edleren Abfüllungen (nicht nur Süßwein zum Finish), man kann das auf seiner Facebook-Seite auch verfolgen, immer wieder stellt er dort Bilder ein, wenn er eine neue Lieferung von in Klarsichtfolie eingeschweißten Fässern erhält, die in Zukunft für seinen Rum als Reifungsbehältnis dienen sollen. Ex-Bordeaux, Ex-Freixenet, Ex-Moscatel und so weiter, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Da ist die Idee, einen Rum in einem lokaleren Rumfass nachzureifen für einen deutschen Abfüller also gar nicht so fern.

Der Bonpland XO Premium Reserve ist genau so ein Rum. Seine Destillatwurzeln hat er in der neuen Welt, geblendet wird er hierzulande von Andreas Vallendar aus Rums aus Nicaragua (unbenannte Destillerie), Jamaica (Worthy Park) und dem oben schon angesprochenen Barbados (Foursquare). Dreifach gereift wird er dann in Weinbarriques, die vorher Weine aus der Saar-Mosel-Region beinhaltet hatten – jeder beneidet uns um diese Weltklasse-Weinregion, und jedesmal, wenn ich mit internationalen Kollegen zusammenkomme, und ich sage, dass ich aus dem Saarland komme, wird von ihnen neidvoll direkt die Riesling-Diskussion angestoßen. Es kann also einem Rum durchaus schlimmeres passieren, als hier mit lokalen Spitzenweinfässern veredelt zu werden. Ansonsten ist der Bonpland XO natürlich, wie alle Rums dieser Reihe, ungefärbt und ungesüßt, sowie nicht kältefiltriert. Die Spannung ist groß, wie sich dieser Rum geschmacklich schlägt!

Bonpland XO Premium Reserve

Man verzichtet auch auf Färbung, die blasse Maisfarbe ist also nur durch die Weinfässer entstanden. Fette Viskosität ist direkt erkennbar, wenn man beginnt, die Flüssigkeit in Bewegung zu versetzen, und auch die dazugehörigen Glaswandeffekte sind üppig vorhanden.

Während man schwenkt, kann man die Nase ins Glas halten, und bekommt da eine sehr angenehme Mischung der drei Rumerzeugerländer vorgesetzt – marzipanig, nussig, dunkelfruchtig, steinobstig und dazu noch etwas erdig. Kokosnuss ist da, ebenso wie reife Banane, eine sehr buttrige Komponente klebt das alles aneinander, ohne dass eine Bruchstelle erkennbar ist. Der Blend ist wirklich sehr sauber, ohne dass eine der Ländertypizitäten überhand nimmt, aber auch keine verschwunden ist. Das schnuppert sich extrem angenehm, rund und voll, ohne jedes Pieksen oder eine sonstige Trübung des Erlebnisses.

Bonpland XO Premium Reserve Glas

Im Mund bleibt diese Kohärenz der Rumstile erhalten. Ein initial süßvoller Antrunk entwickelt sich dann aber nicht ganz so spektakulär weiter, wie es bei der Nase passiert; die 40% Alkoholgehalt können einfach nicht das Volumen transportieren, das man sich nach der Schnupperprobe erhofft hatte. Rund bleibt er dennoch, der Bonpland XO, und bietet stattdessen eine feurige Würze, mit feinem Holzeinsatz, und vielen Kopf- statt Bauchtönen. Hell, leicht, dabei aromatisch bleibend, mit fast minziger Frische zwischendurch, auf der Zunge kitzelnd und am Gaumen kühlend. Marzipan, Kokos und Banane scheinen durch, werden aber von einer kräftigen Floralität im Nachhall abgelöst, die sich lange hält.

Ja, man muss erstmal über die minimale Enttäuschung hinwegkommen, das nach der grandiosen, vollen Nase im Antrunk entsteht, doch man wird dann entschädigt dafür mit einem bunten, süffigen Rum im Verlauf, der sich sehr angenehm und nie langweilig trinkt. Kein Rumwunder, aber ein sehr stabiles, sauber gemachtes und unterhaltsames Produkt.


Dazu eins, das sich aufgrund der Vielfältigkeit der erkennbaren Stile auch in vielen Rumcocktail-Szenarien perfekt einsetzen lässt, hier ist der Bonpland XO wirklich flexibel und passt sich ohne Kante ein. Ein Beispiel dafür ist der delikate Bitter Monk; ein Cocktail, der sich unkompliziert trinkt und dabei, wenn man darauf achtet, trotzdem nicht unkomplex wirkt.

Bitter Monk Cocktail

Bitter Monk
1½oz / 45ml gereifter Rum
¾oz / 23ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Aperol
1 Spritzer Tiki Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Tom Schlesinger-Guidelli]


Was ich an der ganzen Bonpland-Reihe mag, ist die opulente Aufmachung, ohne dabei ins Kitschige überzugleiten. Ins Glas eingelassene Schriftzüge, gut funktionierende Glasstöpsel, florale Etiketten mit Hintergrundinformationen, stilsicher designet, das Gesamtpaket stimmt einfach. Dazu eine hübsche Geschenkdose in guter Qualität aus Karton – all das sorgt am Ende für ein durchaus vernünftiges Preisleistungsverhältnis und macht den Bonpland XO zu einem idealen Weihnachtsgeschenk, das eben schön anzusehen ist, aber genauso mit dem Inhalt überzeugt (im Gegensatz zu anderen recht beliebten Rumprodukten, die man besser geschlossen lässt, weil außer dem Auge keiner der anderen Sinne etwas zu genießen finden wird). Wer noch kein Präsent für einen Rumfreund hat und noch dringend was sucht, dem würde ich durchaus diese deutschkaribische Zusammenarbeit empfehlen, aber es sind nur noch ein paar Tage bis dahin, also schnell zuschlagen!

Jung geblieben – Grape of the Art Jean-Luc Pasquet Lot 79

Aus der Grande Champagne kommt ein älterer Herr zu Besuch – der Grape of the Art Jean-Luc Pasquet Lot 79 stammt genau aus diesem Jahr, der Erntesaison 1979/1980. Rein aus Trauben der Rebsorte Ugni Blanc gebrannt kam er in Limousineiche, und blieb da für erstaunliche 41 Jahre. Eine Frechheit, so eine Ruhe zu stören, und den Brand in 273 Flaschen aufzuteilen! Ohne Verdünnung, in Fassstärke (52,3%), und ohne irgendwelche Zusätze, landet er dann bei mir im Glas.

Grape of the Art Jean-Luc Pasquet Lot 79

Klarer Bernstein liegt also im Glas, mit orangenen und strohigen Lichtreflexen. Sehr weich bewegt sich die Flüssigkeit beim Schwenken, unaufgeregt und schnell sich wieder in die Ebene ausgleichend. Erst danach fließen die Beinchen, die sich gebildet haben, auch wieder ab, ein oberer ausgefranster Flokatirand bleibt jedoch erhalten.

Die Nase ist sehr erfreut, wenn man sie ins bereitete Glas hält – ein fettfruchtiges Aroma begrüßt sie, mit viel reifer Aprikose, etwas Litschi, unterstützt von buttriger Macadamianuss und dem zarten Duft frisch gepflückter Rosenblätter; ganz milde Apfelessigsäure ist auch da. Ein wirklich extrem angenehmes Bouquet, daran schnuppere ich jetzt erstmal ne halbe Stunde und genieße es; dabei finden sich immer wieder, wie Blitzlichter, kleine Details, die zeigen, dass man hier lange in der Komplexität schwelgen kann, ohne sich anstrengen zu müssen.

Der Antrunk wirkt dann im Vergleich fast schon überraschend trocken, hier zeigen sich sowohl im Charakter als auch im Aromenprofil dann schon die vier Jahrzehnte Limousineiche: weniger durch Holzigkeit, sondern durch eine sich schnell aufbauende feurige Würze, die die eine vielleicht noch vorhandene Süße verdrängt und durch estragonartige Frische ersetzt, aus dem immer noch erkennbaren frischen Aprikosengeschmack eher Trockenobst macht, roten Apfel und Süßholz hinzufügt, und gegen Ende dann die Blumigkeit sehr betont. Jasmin, Rosen und Veilchen finden sich dann, die sehr lange nachhängen, mit einer leichten Anästhesie des Gaumens und einem kühlen Gefühl.

Ein herrlicher Brand, komplex und reif, dabei überhaupt nicht überaltert oder verholzt, erwachsen und rund, mit viel Kraft und Charakter. Ein Cognac-Erlebnis!

Offenlegung: Ich danke Grape of the Arts für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Cognacs.

Mallorquinische Kräuter – Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar

„Ein typisches Produkt der Baleareninsel“ mitzubringen, das war das Ziel, als ich letztes Jahr einen Kurzausflug nach Mallorca gemacht hatte. Natürlich flüssig, natürlich mit Alkohol, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Es gibt eigentlich kaum Regionen, wo so eine Anforderung schwierig umzusetzen ist, regionale Spezialitäten gibt es überall, schwieriger ist, eine zu finden, die wirklich lokale Tradition hat und die nicht unbedingt von einem Riesenkonzern in Masse produziert wird. Ich erwarte da dann natürlich keine Herstellung, bei der die Oma im Hinterhof sitzt und die Zutaten noch von Hand schält (obwohl das in ganz seltenen Ausnahmefällen manchmal noch zu entdecken ist), wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, und eine gewisse Form der Automatisierung und Industrialisierung lässt sich einfach nicht vermeiden, wenn der Brenner auch nur ansatzweise ambitioniert ist und mehr als 1000 Liter im Jahr verkaufen will.

1 Millionen Flaschen im Jahr, das ist trotz der scheinbar großen Zahl eine eigentlich noch übersichtliche Menge, füllt man bei Antonio Nadal Destil·leries für die größte hauseigene Kräuterlikörmarke Túnel de Mallorca ab – Deutschland ist der größte Absatzmarkt dafür, wer hätte das erwartet. Aber Tradition hat man jedenfalls genug – und auch Qualitätsstandards, denn der „Herbes de Mallorca“ ist seit 2002 eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Nur ausgewählte Kräuter, die auch auf der Insel geerntet worden sein müssen, dürfen verwendet werden, und die Produktion wie Abfüllung müssen ebenso auf der Insel stattfinden. Drei Kategorien gibt es, die süßen Dolços/Dulces, die „trockenen“ Seques/Secas, und die Mischform zwischen den beiden, die Mesclades/Mezcladas/Barrejades, sie unterscheiden sich nur anhand der zwei Kriterien des Alkohol- und Zuckergehalts. Der Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar, den ich mir schließlich aus dem Sortiment ausgewählt hatte, fällt wohl in die mittlere Kategorie, er hat 28% Alkoholgehalt. Mal schauen, ob er auch im kühleren Deutschland schmeckt, auf Mallorca hat er mir jedenfalls Spaß gemacht!

Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar

Ein blasses, strohiges Pastellgold hat sich in der braungrünen, nur kaum durchschaubaren Flasche verborgen. Schon beim Ausgießen aus jener erkennt man die hohe Viskosität, und wenn man den Likör etwas länger im Haus hat, auch die Zuckerkruste, die sich an der Flaschenöffnung bildet. An der Glaswand bleiben die dicken, fetten Beine, die sich beim Schwenken gebildet haben, ewig bestehen.

Der Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar hat eine sehr prägnante, anisgeprägte Nase, wie es laut den EU-Bestimmungen auch sein muss. Dazu kommen ähnlich gelagerte Aromen – Fenchel, Dill, Kümmel. Milde Zitrusfrucht. Etwas Gummi, Chlor und Ethanol rieche ich allerdings auch, das klingt jetzt vielleicht etwas unangenehmer, als es tatsächlich ist; im Gesamtbild passt das alles gut zusammen.

Weich und breit lagert sich dieser Hierbas im Mund, ein tolles Mundgefühl beim Antrunk. Sehr süß ist er zunächst, natürlich, mit nur langsam aufkommenden Kräuternoten. Diese werden aber im Verlauf immer dominanter, es kommt eine milde Hitze dazu, die Würze kommt nun gegen die Süße an. Anis ist vorhanden, aber nicht völlig überwältigend, wie das bei vielen Anisettes der Fall ist, die Kräuter bilden ein schönes, rundes Bouquet. Die süßen Aromen vervielfältigen sich in unterschiedliche Richtungen: Honig, Kandiszucker, Zuckerwatte.

Hierbas Túnel 14 Reserva Familiar Glas

Der Abgang ist kurz, warm, sehr würzig, eine leichte Ingwerschärfe verbleibt noch etwas auf der Zunge, dazu die Kandiszuckersüße auf den Lippen. Der Nachhall schließlich besteht aus langsam verfliegenden Kräutern und mildem Anis.

Ein toller Kräuterlikör, sehr aromatisch, sehr rund, ohne eine Komponente extrem in den Vordergrund zu stellen. Trinkt sich verdammt süffig, auch im kälteren Klima Deutschlands, das muss ich sagen.


Auf der Seite des Herstellers finden sich diverse Rezepte für Mixed Drinks mit dieser Spirituosengattung – meist sind es Long Drinks oder klassisch gehaltene Urlaubscocktails, einfach herzustellen und einfach zu trinken im wunderbaren Klima Mallorcas. Gewiss ist es passend, doch dass der Kräuterlikör auch anders und ein bisschen seriöser kann, sieht man im Fontainebleau Special. Elegant, würzig, ein toller Aperitif.

Fontainebleau Special Cocktail

Fontainebleau Special
1½ oz Hierbas oder Anisette
1½ oz Cognac
¾ oz trockener Wermut
Auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Die Flaschenform und -gestaltung ist außergewöhnlich und gefällt mir sehr – die dreieckige Grundform der Flasche wird schwungvoll und mit vielen Details in Blattform gebracht, um die Kräuterhistorie zu visualisieren. Das ist ein Augenfang, ohne Zweifel, und allein deswegen schon ein ideales Mitbringesel von der Insel.

In deutschen Supermärkten findet man häufig die anderen Liköre der Túnel-Marke, in den grünen, schlankeren Flaschen, das ist natürlich ein anderes Produkt – dort kann man dann auch die Unterschiede zwischen den Herbes-Kategorien nachvollziehen, denn zumindest bei mir in Saarbrücken gibt es alle drei leicht erhältlich. Aber, das ist klar, wenn man auf Mallorca war und schon eine kleine Bindung zu dem lokalen Likör aufgebaut hat, ist das Probieren hierzulande dann einfach viel direkter und bietet neben dem reinen Geschmackserlebnis immer auch die Möglichkeit, sich an eine gute Zeit zu erinnern. Zumindest geht es mir oft so.

Bier am Freitag – Sierra Nevada Hazy Little Thing IPA

Kristallweizen war in meiner Jugend ein Lieblingsgetränk meines Bruders. Insgesamt war es mit Ausnahme des Hefeweizens, das durchaus trüb sein durfte, gefühlt das Ziel eines jeden Brauers, ein möglichst kristallklares Bier herzustellen. Heute sind mit dem Revival des Kellerbiers und dem Aufgreifen internationaler Bierstile trübe Bier voll en vogue, manche machen das sogar ausdrücklich extra, und tragen dann das beschreibende Wort im Namen – wie beim Sierra Nevada Hazy Little Thing IPA. Ein IPA mit 6,7% Alkoholgehalt, gebraut aus Gerste, Hafer und Weizenmalz. Die besondere Trübe kommt wohl vom Hafer, und die charmante Namensanspielung auf das Lied von Queen ist mir natürlich nicht entgangen.

Sierra Nevada Hazy Little Thing IPA

Eidottergelb, beinahe volltrüb und dem Namen voll gerecht werdend steht das Bier mit einer richtig dicken, großblasigen und langlebigen Schaumkrone im Glas. Die letzten Tropfen aus der Dose sind dabei richtig dickflüssig und geben einen Satz ins Glas, aus dem sich unglaublich viele, sehr schnell aufsteigende Perlchen entwickeln. Die Nase ist voller Aromahopfenfrucht, Grapefruit, Orangenschale, aber auch eine fast schon marmeladige Süßfrucht. Milde Töne spielen mit und lassen das Hazy Little Thing gar nicht so kantig wirken wie viele andere IPAs. Ein Hauch von Spülmittel nehme ich als kleinen Fehlton wahr.

Am Gaumen wirkt das beim Antrunk schon viel eckiger, da ist viel Säure und Hopfenbittere vorhanden, die die Schleimhäute im Mund kitzeln. Mit der üppigen Karbonisierung entsteht dadurch viel Rezenz, und die Cremigkeit eines Ale ist dabei zwar nur im Hintergrund, aber im Verlauf immer spürbarer vorhanden. Attraktive, vollrunde Süße und Eindrücke von Aprikosen, Orangen und etwas von einer grünen Banane machen ein schönes Aromabild komplett. Der Abgang ist am Ende kurz, deutlich adstringierend, geprägt wieder von Säure, und ein blumiger Nachhall beendet das Bier dann.

Mir gefällt das Hazy Little Thing IPA – ein sehr typisches, rund und gut eingebrautes IPA ohne großen Höhen und Tiefen, mit wunderbarer Drinkability und hohem Erfrischungspotenzial. Ich freue mich persönlich immer, wenn ich ein neues Bier von Sierra Nevada im Getränkemarkt finde; meist sind sie deutlich über dem Durchschnitt.

Vertikal und Horizontal gut – Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James (VSGB)

Der italienische Importeur Velier und die Rumbrennerei Saint James auf Martinique haben eine enge Beziehung, die schon seit über 40 Jahren besteht. Jean-Claude Benoit, General Manager bei Saint James, und Luca Gargano von Velier kennen sich seit 1975. Als das 25-jährige Jubiläum für die AOC-Einführung für Rum aus Martinique 2021 anstand, taten die beiden sich mit Production Manager Marc Sassier zusammen und füllten gemeinsam eine Reihe von 10 Rums ab, die repräsentativ für diese 25 Jahre bei der Saint-James-Destillerie stehen: die Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James, manchmal auch unter dem Titel Saint James AOC Anniversary Collection zu finden. Es wird betont, dass es sich hier um ein „co-bottling“ handelt, bei dem alle Partner gleichberechtigt handeln, und nicht um eine unabhängige Abfüllung von Velier. Das Design stammt daher von beiden Partnern, und die Flaschen wurden von Italien nach Martinique verfrachtet, um dort offiziell abgefüllt zu werden.

10 Jahrgangsrums („millésimes“) also, alle mit der klassischen Saint-James-Alkoholstärke von 47%, aus ausgewählten Jahren der letzten 25 Jahre – das bringt das Herz jedes Rumfreunds zum wilden Pochen. Und da das Set normalerweise sehr teuer wäre, denkt Gargano an genau jene Rumfreunde, und lässt sie über das grandiose VSGB-Projekt (ich habe mehrfach darüber geschrieben) daran teilhaben. Und ich nun meine geschätzten Leser hier!

Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James

Ich habe für diesen Artikel 4 der Abfüllungen ausgewählt – nicht unbedingt die, die mir am besten gefallen haben, sondern die, an denen man sowohl die Typizität der Brennerei als auch die Entwicklung über die Zeit schön erkennen können sollte. Deshalb beginnen wir mit Jüngsten im Set, also 2015, gehen dann fünf Jahre zurück zum 2010er, nochmal 6 Jahre zurück zum 2004er, und enden dann im Jahr 1998, dem ältesten Jahrgang (aber interessanterweise nicht ältesten Rum in Jahren gemessen) des Sets.


Der Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2015 (25th AOC Anniversary) entstammt der zwanzigsten Ernte nach der Einführung der AOC-Regelung auf Martinique; sie war wohl anfänglich schwierig, doch mit sich ändernden Wetterbedingungen ein ertragreiches Jahr. Destilliert wurde er also 2015, abgefüllt im Oktober 2021 – ein Millésime muss rechtlich mindestens dieses Alter haben. Er hat in den 6 Jahren, die er damit tropisch reifen konnte, ein ordentliches Hennarot angenommen und zeigt sich angenehm viskos.

Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2015 (25th AOC Anniversary)

Die Nase ist leicht, mit der typischen Mischung aus ganz mildem Süßholz, Vanille und dezenter Grasigkeit. Etwas Karamell, etwas Orange, etwas Kirsche – frische Frucht ist noch sehr lebendig hier. Im Mund zeigen sich dann sehr starke, seifige Noten, das erinnert an Weichspüler und die Dufttücher, die man in den Trockner tut. Manche haben es als floral bezeichnet, das trifft es für mich nicht ganz, das wirkt auf mich fast schon fehlerhaft in der superstarken, parfümierten Lavendelnote. Bitterkeit und Säure sind ausgeprägt, der Abgang ist mittellang, und lange vom Parfüm geprägt. Mir gefällt das nicht wirklich, ich kenne solche Noten eher von Fehlern, wie gesagt, und diese Superblütigkeit wirkt künstlich und überwältigt das ganze Erlebnis. Da kann ich auch Lenor trinken – so hart es klingt, ich empfinde das als unangenehm. Erst sehr spät geht sie im Mund dann zurück und lässt ein angenehmes, kühles Gefühl zurück.

Gerade für die jüngeren Exemplare dieses Vertikalsets (mindestens zurück bis 2004) empfehle ich, sie doch wenigstens eine Viertelstunde vor dem Genuss ins Glas zu geben, um ihnen die Gelegenheit zu geben, die stark seifigen Noten etwas ausblühen zu lassen.


Zeitsprung um 5 Jahre in die Vergangenheit. Für den Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2010 (25th AOC Anniversary) wurde das Zuckerrohr der fünfzehnten Ernte seit Einführung der AOC genutzt, destilliert wurde er 2010, abgefüllt im Oktober 2021, und ist damit 11 Jahre tropisch gereift. Einen Ticken dunkler als der 2015er wirkt er, und leuchtet in klarem Pariser Rot mit deutlicher Öligkeit im Glas.

Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2010 (25th AOC Anniversary)

Für die Nase findet sich viel Frische, deutliche Lacknoten, viel Holzeinfluss ist riechbar. Sehr klar wirkt das, die Fruchtigkeit ist noch spürbar, geht aber klar nun in die Richtung getrockneten Obsts, mit etwas Orangenzeste als Aufheller. Im Mund ist weiterhin deutliche Lavendelseifigkeit da, nicht mehr ganz so extrem wie beim 2015er, aber immer noch alles andere dominierend. Spannend, dass man es so stark schmecken, aber überhaupt nicht riechen kann. Lavendel, Flieder, Patchouli, Myrrhe und Thymian, inital habe ich eher ein Räucherstäbchen im Mund als Rum. Es braucht etwas, bis das verklingt, und den gewohnteren grasigen Aromen eines Agricole wenigstens etwas Raum gönnt und mit frischer Kühle aufwartet.

Nun, auch hier bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob sich da bei der Abfüllung nicht ein Fehler eingeschlichen hat, manche Fettsäuren wandeln sich bei fehlerhafter Handhabung bei Wein zumindest in so ein Geschmacksbild. Im Nachklang entsteht echte, leicht grünschnittartige Floralität, die mir dann durchaus zu gefallen weiß.


Schon erkennbar rötlich ist der 17-jährige Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2004: Die Ernte dieses Jahres musste aufgrund starker Regenfälle im Mai abgebrochen werden, das führte zu einem der schwächsten Erträge dieser Periode. Destilliert 2004, abgefüllt im Oktober 2021. Erneut sieht man sehr ansprechende Viskosität beim Schwenken.

Saint James Rhum Très Vieux Millésime 2004 (25th AOC Anniversary)

Hier haben wir geruchlich den Übergang zu Armagnac fast geschafft, sozusagen – dunkle, getrocknete Früchte, Feigen, angenehm eingebundene Lack- und Holznoten, eine immer noch erkennbare Frische, die aber nur an Minze erinnert, und dann noch leicht getreidige Roggennoten. Sehr komplex und vielschichtig, dabei nicht überwältigend. Das riecht sich echt gut. Hier ist nun auch nichts mehr vom Weichspüler da, im Abgang klingt noch minimalst Lavendel mit, aber nur als dezenter Beiton – dagegen habe ich gar nichts, im Gegenteil. Das Mundgefühl ist nun sehr trocken und bitter, die Textur bleibt leicht und klar. Eine natürlich Süße ist im Antrunk da, im Verlauf entsteht feine Würze mit Eindrücken von Kerzenwachs, Harz, Kiefernzapfen und etwas Eukalyptus. Gerade im Nachklang entstehen dann grüngrasige Noten, die fast etwas ins Aquariumkies gehen, mit einer Idee von Jasmin als höchste Kopfnote. Das ist nun schon echt Gaumenkino, nicht ganz einfach wegen der ausgeprägten Trockenheit, sondern etwas, mit dem man sich lange auseinandersetzen kann, und viel zu entdecken und ruminieren hat.


Wie schon angesprochen, vom Jahrgang her ist der Saint James Rhum Très Vieux Millésime 1998 (25th AOC Anniversary) der frühste Rum des Sets, da er aber nach der Destillation 1998 schon 2018 in andere Fässer umgefüllt und dann 2021 auf Flaschen gezogen wurde, darf er „nur“ mit 20 Jahren ausgezeichnet werden; der 2000er-Jahrgang dieses Sets ist damit paradoxerweise 1 Jahr älter und der älteste dieses Tastingssets.

Saint James Rhum Très Vieux Millésime 1998 (25th AOC Anniversary)

Das Jahr 1998 war eines der vier heißesten Jahre seit 1953, und lieferte damit eine sowohl was die Qualität als auch die Quantität angeht ideale Zuckerrohrernte. Die Farbe ist irgendwo zwischen Pariser Rot und Siena, geht aber schon leicht ins Rostrote über. Die Nase ist archetypisch für rhum agricole im Allgemeinen, leichte Klebernoten verbinden sich mit milder Grasigkeit, etwas Estragonfrische kommt dazu, Vanille und getrocknete Früchte machen das ganze weich und voll. Aprikose, ganz vorsichtige weiße Schokolade und ein Hauch von Orangenzeste komplettieren das Geruchsbild. Der Antrunk wirkt noch etwas zurückhaltend, leicht, luftig fast, doch im Verlauf entwickelt sich dieser Rum dramatisch hin zu würziger Mundfülle mit Eindrücken von Estragon, Süßholz, Heu und Kaffee. Die Bittere ist sehr effektiv und trotzdem nicht störend, eine herrliche Kühle legt sich auf den ganzen Gaumen. Trockenfrüchte und Holz spielen miteinander, und die Dauer, in der sich der Rum immer weiter aufbaut, ist immens, bis zum langen, aromatischen, hellklingenden und frischen Abgang. Da gibt es nichts zu deuteln, das ist ein großer Rum, und dazu einer, der seine Stärke nicht protzig vor sich herträgt, sondern bescheiden bleibt.


Bezüglich der Aufmachung lasse ich einfach die Bilder sprechen – das ist erneut ein Meisterwerk, das Gargano zusammen mit Saint James hervorgebracht hat. Es toppt alles zuvor dagewesene bei dieser eh schon wunderbach gestalteten VSGB-Reihe, mit dem Gesamtkarton, der die Einzelkartons hält. Und auch den Kundenservice bei Spirit Academy, die die logistische Abwicklung für die ganze Welt übernehmen, möchte ich loben – die zerbrochene Flasche des Saint James 2014 wurde mir innerhalb weniger Tage ohne jede Diskussion ersetzt.

Die Etiketten sind identisch zur Großflasche, dickes Papier, strukturiert und in schöner Form geschnitten, haptisch ist dieses Set ein absoluter Traum, der jede Heimbar aufs Äußerste ziert. Und nie im Leben hätte ich, ohne die VSGB-Gruppe, diese Rums in ihrer Vollständigkeit probieren können – Gargano macht wirklich etwas für die Rumfreunde, die diese Rums tatsächlich trinken wollen, statt mit ihnen zu spekulieren.


So eine Sammlung bietet sich natürlich perfekt an, sie gemeinsam mit Freunden zu verkosten. Für Leute wie mich, die keine Freunde haben, hat Luca Gargano ein Online-Tasting angeboten – am 22.10.2022 fanden sich rund 150 Teilnehmer bei Zoom zusammen, und konnten unter der Leitung von Gargano zusammen mit dem Production Manager bei Saint James, Marc Sassier, die einzelnen Proben zu Gemüte führen. Spannende Details erfuhr man da, ein unterhaltsamer Abend war es darüber hinaus natürlich – und vielleicht lässt Gargano sogar dieses Tasting als größtes Rumtasting der Geschichte ins Guinness Buch der Rekorde eintragen.

Ich halte es für schwierig, so eine Veröffentlichung noch zu toppen, aber Gargano hat schon im Tasting diverse Dinge angekündigt, die zumindest dafür sorgen, dass es in der VSGB-Gruppe nicht langweilig werden wird in Zukunft. Und da es sich um eine Herzensangelegenheit handelt, lässt er sich nicht lumpen. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Abfüller wie ihn gibt, die die wirklich an Spirituosen Interessierten teilhaben lassen, statt einfach den Sammlern und Spekulanten immer mehr Material zukommen zu lassen, das niemals seinem ursprünglichen Zweck zukommen wird – getrunken und genossen zu werden.

Edle Gewürze – Belgian Owl Gold Diamond Single Malt Whisky

Etienne Bouillon hat viele Ideen. Er gibt sich nicht damit zufrieden, einen wunderbaren belgischen Whisky im schottischen Stil herzustellen, er sucht immer nach neuen Herausforderungen. Während unseres gemeinsamen Aufenthalts in Spa während des Salon du Rhum 2022 bekam ich von ihm und dem Markenbotschafter von Belgian Owl, Ulric Nijs, ein Sample des neuesten und mit Abstand verrücktesten, aufwändigsten Experiments: des Belgian Owl Gold Diamond Single Malt Whisky. Es handelt sich dabei um einen hauseigenen Single Malt, 11 Jahre gereift, der dazu rund 4 Monate ein Finish in einem Ex-Safrangeist-Fass bekommt, das während dieser Zeit in einer geschlossenen Safran-Atmosphäre aufbewahrt wird, die durch kiloweise in einer Blase verteilten Safran entsteht. Auf 46% eingestellt sind nur 1000 Flaschen davon erhältlich.

Belgian Owl Diamond

AUGE: Blassgold, lebendig mit nur leichter Viskosität.

NASE: Hohe Typizität, belgisch-schottisch, wie man es von Belgian Owl kennt. Gerste, Aprikose, Cashew. Deutlich Vanillepudding. Dann aber wirklich eine gewürzte Note, der Safran ist ganz dezent vorhanden, nimmt keine Vorrangstellung ein, lässt dem Whisky seinen Raum.

GAUMEN: Frucht und Gerste, frisch und kühl, mit sehr mentholischem Effekt, der sich immer weiter verstärkt. Toll strukturiert, mit leichtem, aber runden Mundgefühl. Mildbitter, leicht salzig, fast etwas vegetabil, leicht pikant. Im Abgang immer frischer, eisig nun, elegant und voller Klang. Aromatisch und unverkopft.

GESAMT: Sehr unterhaltsam, spannend und ungewöhnlich. Ein gelungenes Experiment, das dem Entdecker, der gerne lange Zeit mit einem kleinen Schluck verbringt, viel Vergnügen bereiten wird!

Offenlegung: Ich danke Belgian Owl für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung eines Samples dieses Whiskys.

Wermutvarianten – Martini Riserva Speciale Rubino

Bei Wermut ist die Abwechslung, die ich habe, im Vergleich zu anderen Spirituosen etwas geringer. Das hat den einfachen Grund, dass ich aufgrund der doch deutlich erhöhten Verderblichkeit von geöffnetem Wermut immer nur eine Sorte italienischen/roten und eine Sorte französischen/trockenen Wermuts im Kühlschrank habe, alles andere wäre Verschwendung. Und so findet sich dann entsprechend eher selten etwas Neues, denn ich greife immer noch gern auf meine zwei Standards zurück – Carpano Antica Formula und Martini Rosso, beides für meine Cocktailambitionen ideale Wermuts.

Doch nun war der Rosso leer, und ich brauchte Ersatz; und beim Samstagseinkauf im Real vor Ort sprang mir ein Sonderangebot ins Gesicht, das ich nicht abschlagen konnte. Der Martini Riserva Speciale Rubino, deutlich reduziert, landete also ohne viel Abwägen im Warenkorb, denn sein Verwandter, der Martini Riserva Speciale Ambrato, hatte mir schon viel Freude bereitet. Der Rubino war auch in einem Mixology Taste Forum als Testsieger hervorgegangen, das ist ja immer ein gutes Zeichen – da ich selbst semiprofessioneller Verkoster bin, habe ich ein gewisses Grundvertrauen in die Arbeit von Kollegen und bin Medaillen und Testsiegern grundsätzlich aufgeschlossen; die Skepsis, die manche dieser Mühe entgegenbringen, ist in den wenigsten Fällen angebracht. Wichtig ist, dass der Veranstalter so eines Tests gewissen Kriterien folgt, und diese transparent darlegt. Sowohl bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles als auch beim ISW ist das meines Erachtens voll gegeben, und auch das „Taste Forum“ beim Magazin Mixology ist immer ausgewogen besetzt und glaubwürdig. Also, ran an den Testsieger!

Martini Riserva Speciale Rubino

Woher der Name stammt braucht man nicht lange zu überlegen, wenn der Martini Riserva Speciale Rubino im Glas liegt – besonders bei etwas Gegenlicht leuchtet er in dunklem Rot, naja, Rubinrot eben. Die Konsistenz ist deutlich ölig, dicke, fette Beine laufen schnell an der Glaswand ab.

Die Weinbasis kommt bei diesem Wermut deutlicher hervor als bei manch anderen Produkten der Gattung – kein Wunder, normalerweise wird ein Weißwein für Wermut eingesetzt, hier ein Rotwein. Süßlicher, schwerer, italienischer Rotwein, schon in Richtung Süßwein gehend. Leichte Tannine, viel ganze Traubenfrucht, schon wirklich erkennbar ins Beerige übergehend, mit Eindrücken von Sanddorn und Hibiskus. Unterfüttert wird das noch von einem eher ins milde tendierenden Kräuterbouquet, da ist nicht viel wildes Kraut, mehr dunkle Würze, Vanille, Rosmarin, Zimt, alles aber unter der Beere und Traube untergeordnet.

Martini Riserva Speciale Rubino Glas

Im Mund kommt dann doch deutlich eine initiale Säure zum Vorschein, leicht an Grapefruit erinnernd, mit entsprechender Bittere, die sich im Verlauf sogar noch weiter steigert, und sich dabei von Grapefruit zu Wermutkraut wandelt. Hibiskus und Granatapfel zeigen sich. Keine Süßgranate also, was man von der Nase her vielleicht erwartet hätte. Die Süße ist dennoch schon vorhanden, begleitet von einem schmeichelnden Mundgefühl, bei dem sich der Wermut im ganzen Mundraum anlegt. Hier ist der Rubino dann sehr krautig und aromatisch. Beeren- und Rotweinkomponenten bleiben die dominierenden Aromeneindrücke, auch am Ende, wenn eine leichte Pikanz und schöne Trockenheit einsetzt, die den langen Abgang interessant machen. Insgesamt wirkt der Rubino paradoxerweise trotz all der süßschweren und kräuterigen Noten aromatisch hell – mit einer leichter Bittersüße, die man mit der Zunge noch lange danach von den Lippen lecken kann, klingt die Verkostung aus.


Hervorragend präsentiert sich der Rubino in einem heute praktisch unbekannten Drink, den ich in J.A. Grohuskos Cocktailbuch, das noch vor der Prohibition erschienen war (Jack’s Manual of Recipes for Fancy Mixed Drinks and How to Serve Them), gefunden habe. Der Larchmont Cocktail ist ein Beispiel für die Vorlieben der Zeit. Einfache Rezepturen, die es aber in sich haben. Wer ihn noch etwas voller, schwerer haben will, nimmt vielleicht sogar Oloroso statt des Amontillado – Grohusko spezifiziert nicht. Ich mag aber die gewisse gegensätzliche Trockenheit zum Rubino, die der Amontillado einbringt.

Larchmont Cocktail

Larchmont Cocktail
1½ oz italienischer Wermut
1½ oz Sherry (Amontillado)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach J.A. Grohusko]


Abgefüllt wird der Martini Riserva Speciale Rubino in einer Weinflasche mit einem beeindruckenden Etikett, das sich klassisch an die typische, traditionelle Präsentation dieser Gattung in all ihrem heraldischem Überfluss hält – modern ist das nicht, aber augenfängerisch auf jeden Fall.

Diese Auflagen von alternativen Rezepten, die Martini zusätzlich zu ihrem Standardportfolio inzwischen anbietet, gefallen mir gut, sie bieten dem Vielwermutverbraucher eine nette aromatische Abwechslung und bleiben dabei aber immer noch grundsätzlich typische Turin-Wermuts, die in klassischen Cocktailrezepten gut funktionieren, und auch pur auf Eis mit einer kleinen Zitronenscheibe als Aperitif bestens schmecken. Natürlich verdoppelt sich der Preis im Vergleich zum bekannten Martini Rosso, doch wem jener gefällt, der kann das Experiment mit dem Rubino mal wagen, finde ich!