Bier am Freitag – Super Bock

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Eine pseudophilosophische Frage, die ich mir neulich unter anderem Umständen, aber mit derselben Konsequenz, stellte. Bei einem Besuch meines lokalen Edeka-Markts in der Mainzer Straße in Saarbrücken blieb mein Blick an einem neuen Bier, das der diesbezüglich sehr rührige Marktbetreiber ins Sortiment aufgenommen hatte, hängen: das Super Bock hat so einen Namen, unter dem ich mir nichts richtig vorstellen konnte, und das schlicht deswegen in meinem Wägelchen landete – zunächst in der „Mini“-Variante. Zurück zum Henne-Ei-Problem: ein paar Wochen später machte ich eine Reise nach Lissabon, und merkte schnell, dass das Super Bock dort allgegenwärtig ist; ich kannte das portugiesische Bier also lustigerweise schon, bevor ich dorthin flog, und hatte es vor der Reise dennoch überhaupt nicht auf dem Schirm. Und so holte ich mir nach der Rückkehr ziemlich direkt dann auch das Sechsertragerl in größeren Flaschen.

Super Bock

Kristallklares Kupfer landet beim Eingießen im Glas, es zischt dabei leise. Die Schaumkrone wechselt von einem fluffigen Häubchen, wenn man es vom Fass erhält, zu einer flacheren, grobblasigen Haube, wenn man es sich zuhause selbst aus der Flasche serviert, und diese ist dann auch schnell fast komplett verschwunden. Der Geruch ist getreidig, herb, mit fruchtigen Anflügen, aber höchstens das; ein bisschen Floralität scheint durch, in Kombination hat man fast etwas hubbabubbaartiges, nicht unangenehm, vor allem, weil sich das alles im Minimalstbereich abspielt. Das Getreide dominiert klar in einem insgesamt relativ zurückhaltended Geruchsbild.

Im Mund erkennt man direkt, wie eine gewisse Süße entsteht, die sich am Gaumen ausbreitet, die Textur ist passend weich und cremig, ohne dabei schwer zu werden. Rezenz ist üppig da, entstehend aus guter Karbonisierung und dazukommender, milder Säure. Ein Bier, das man kalt trinkt, das unterstützt dies noch. Geschmacklich muss man ähnlich suchen wie in der Nase, klare Gerstedominanz lässt nur minimalsten anderen Komponenten Raum. Der Abgang ist dann kurz, frisch, leicht.

Wie so oft gilt, dass man Urlaubserlebnisse nicht mit nach Hause transportieren kann. Man sollte es auch meist nicht einmal probieren, insbesondere bei Bier klappt das höchstselten in meiner Erfahrung. Während meines erwähnten Städteausflugs nach Lissabon (eine grandiose Stadt, ich rate jedem, dort einmal hinzufahren!) war das Super Bock ein ständiger Begleiter, es löschte den Durst vom ständigen Hoch und Runter in dieser hügeligen Metropole, war Erfrischer in der warmen Januarsonne in Belém, klärte den Gaumen bei den portugiesischen Tapas. Diese Erinnerungen sollte man behalten, und sie nicht dadurch mindern, dass man sie zuhause nachstellen will. Es funktioniert schlicht nicht – in Lissabon trinke ich das Super Bock extrem gerne, in Saarbrücken lasse ich es gern stehen.

Katzengold oder Edelmetall – Caroni Employees United Heavy Rum

Alles Gute geht auch mal zuende, und selbst für langdauernde Rumreihen ist das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht. Die Caroni Employees Special Edition war dabei eigentlich eine sehr schöne Idee – der italienische Abfüller und Importeur Velier zeigte damit seinen Respekt vor der Arbeit der Angestellten der inzwischen lang geschlossenen Brennerei, die in den letzten Jahren Kultstatus erreicht hatte und zum Synonym für seltenen, begehrten Rum geworden ist; und damit automatisch auch zum Synonym für die Schwierigkeiten, die den Rum aktuell etwas plagen, denn dieses allzu oft unerfüllte Begehren kann leicht in Frustration kippen und den Rumfreund, der diesen Brand doch so gern probieren würde, sich ihn aber nicht leisten kann, zum Verzweifeln bringen.

Also ist diese sechste Auflage, in der wir den Caroni Employees United Heavy Rum finden, die letzte, und hier sind dann auch passenderweise alle 15 der bisher geehrten Angestellten, die sich 2017 für ein von Velier organisiertes Erinnerungsevent getroffen hatten, noch einmal auf dem Etikettenfoto vereint, was natürlich auch den Namen erklärt. An den Rahmendaten der Abfüllung selbst hat sich kaum etwas geändert, da kann man die Fakten auch einfach aufzählen: Full Proof 66,6%, gebrannt 1996, dann fassgelagert und abgefüllt 2021 in 1038 Flaschen. Man hat für diesen Blend 4 Fässer ausgewählt, die schon ordentlich vom tropischen Klima und den Engeln ausgesaugt worden waren; der Angels‘ Share ist hier größer als 85%, man stelle sich diese absurde Zahl mal bildlich vor, da ist nur noch weniger als ein Fünftel eines Fasses erhalten geblieben. Berücksichtigt man das beim Trinken, wirkt der Schnaps gleich noch eindrucksvoller, finde ich.

Caroni Employees United Heavy Rum

Der erste Blick gilt natürlich der Farbe, die man wegen der Schwarzglasflasche erst im Glas sieht. Ich würde sie zwischen Mahagoni und Pariser Rot einsortieren, jedenfalls ein sehr kräftiger Farbton, der einem 15 Jahre lang rein tropisch auf Trinidad gereiften Brand sicher alle Ehre macht. Dem angemessen bewegt sich die Flüssigkeit auch träge, mit erkennbarer Viskosität, im Glas bilden sich direkt dicke Schlieren, die lange an der Wand kleben bleiben.

Bei Caroni denkt man oft an Dreck und Teer, doch hier finde ich das nicht in der Nase – da ist vielmehr dunkle Schokolade, Marzipan, Marc-Trüffel und Nougat, eine regelrechte Praline hat man da im Glas. Schnuppert man weiter, kommen herbere Noten dazu, dunkle Deckblätter einer Zigarre, eine alte Lederjacke, sowohl süßlich wie Ahornsirup, als auch kantig wie verbrannter Zucker. Den Lack darf man nicht verschweigen, er ist unterschwellig dauernd da, selbst nach einer großzügigen Offenstehzeit. Eine schweißige Komponente ist dieser Art Rum nie fremd, etwas erinnernd an feuchte Schuhe oder Katzenurin, natürlich nur in vorbeifliegenden Eindrücken; das erzeugt genau die Komplexität, die ich von einem höchstklassigen, seltenen Rum erwarte.

Caroni Employees United Heavy Rum Glas

Ganz sicher ein Duft, der mich dazu einlädt, erstmal bei ihm zu verweilen, doch irgendwann muss ja der erste Schluck folgen. Er enttäuscht dann auch nicht: die Herbe des Geruchs ist auch sofort am Gaumen präsent. Da ist nur ein Ansatz der schokoladigen Süße im Antrunk, wenn sich auch ein initial weiches Mundgefühl zeigt; ziemlich direkt schwenkt das um in pfeffrige, heiße Trockenheit, die mit viel Astringenz die Spucke wegsaugt, und ohne Federlesens den Gaumen zum Glühen bringt und die Zunge anästhesiert, sicher sowohl von der Würze als auch dem Alkoholgehalt getrieben. Trotz letzterem fühlt sich der Employees United nie wirklich unangenehm an im Mund, man muss Hitze und Schärfe aber vertragen, um das wertschätzen zu können. Wenn der anfängliche Pattex verflogen ist, zeigen sich verbranntes Popcorn, dunkles Karamell und stark geröstete Kastanien, Trockenfrucht und harziger Waldhonig bilden ein nur leichtes Gegengewicht zur feurigen Holznote, die mit etwas mineralischer Säure im Verlauf klar übernimmt. Der Abgang ist dann auch noch vorsichtig bitter, kitzelt das Zäpfchen, während holzig-ledrige Töne den Nachhall definieren, und ein paradox eiskalter Hauch, der ensteht, weil die Hitze den Mundraum langsam verlässt, ist das letzte, was noch lange bleibt.

Kraft und Wumms, das ist ohne Frage die Hauptcharakteristik dieses Rums. Nichts für Pappelriedchen, die lieber an süßen Smoothies nuckeln, nein, ganz klar was für harte Männer und starke Frauen, die mit dieser Wucht und dem Feuer umgehen können. Die bekommen aber wirklich was geliefert, etwas, wofür man sich für jeden einzelnen kleinen Schluck gern eine Viertelstunde Zeit lassen kann, ohne dass es langweilig wird. Sehr beeindruckend in seiner Konsequenz, das muss man diesem Rum lassen!


Es steht außer Frage, dass dies, mehr als viele andere Premiumspirituosen, dem Purgenuss dienen soll. Doch ich opfere ein paar der wertvollen Tropfen, denn ich weiß, dass ein Cocktail nicht weniger genussvoll ist, wenn man ihn gut und mit wertvollen Zutaten mischt. Im Horsefeathers ist dies bestens beweisbar, er profitiert ganz enorm von einem richtig starken Rum, und es reut mich keine Sekunde, ein paar Milliliter des Caroni Employees Only dafür eingesetzt zu haben.

Horsefeathers Cocktail

Horsefeathers
1oz / 30ml gereifter Rum
1oz / 30ml Cognac
½oz / 15ml Bénédictine
½oz / 15ml Maraschino
Auf Eis rühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach Benny Roff]


Die 10cl-Kleinflasche aus der auf 1038 Flaschen begrenzten VSGB-Reihe orientiert sich natürlich wie immer voll am Großflaschenvorbild, mit allen Details, die man sich wünschen kann, vom Etikett, über die Flasche selbst, bis hin zum kleinen Minikarton, der wie gewohnt die Nummer der Flasche innerhalb der Limitierung angibt (bei mir eben #868).

Ja, ich habe den Artikel mit den etwas bösen, kritischen Worten über Gier, Neid, Habenwollen und ähnliches angefangen, doch, so leid es mir für die tut, die diesen Rum nicht selbst probieren können: der Ruf ist halt irgendwie schon gerechtfertigt. Das ist toll gemacht, ein Zuckerrohrbrand, wie er heute halt nicht mehr hergestellt wird. Man verkostet hier zwar sicher auch Geschichte, ja, und das unterschätze ich persönlich selbst überhaupt nicht, aber gleichzeitig auch halt einen völlig unabhängig davon großartigen Rum, der schmeckt und abliefert ohne Ende. Es ist oft nicht alles Gold, was glänzt – aber hin und wieder doch.

Aromenwelten – DSM Tasting Box

24 Spirituosen, in einer Box gesammelt, in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen – ah, sowas ist ein feuchter Traum für mich. Wenn dann noch die Qualität stimmt, wovon man bei der Deutschen Spirituosen Manufaktur DSM ohne Frage ausgehen kann, ist das ein Überblick darüber, was man heutzutage als ambitionierter Brenner alles erreichen kann. Ich hatte vor einer Weile über meinen ersten Kontakt mit der DSM berichtet, und den Tarocco Blutorangengeist besprochen, der mir (und später auch, an Weihnachten, dem erweiterten Familienkreis!) viel Freude bereitet hatte, und ihn findet man auch in der Tasting Box. Darum blicke ich mal mit zu den niedlichen 10ml-Probefläschchen passenden ganz kleinen, knackigen Beschreibungen in eine kleine, persönliche Auswahl der anderen hier enthaltenen Spirituosen.

DSM Tasting Box

Ich greife einfach mal relativ blind in die Box, und ziehe mir für diesen Artikel die Destillate No. 157 Mallorquinische Persische Limette, No. 410 Indonesische Erdnuss, No. 620 Hallertauer Hopfen, No. 685 Deutsches Herbstlaub und No. 750 Apotheker’s Weihnachtsgeist als Beispiele für die Geiste heraus, dazu No. 930 Apotheker’s Johannisbeerlikör als Repräsentant für die Liköre, die ebenso enthalten sind. 10ml sind nicht viel, es reicht aber, erste Eindrücke zu sammeln und zu notieren.


DSM Destillat No. 157 Mallorquinische Persische Limette

Zitrusfrüchte sind für mich vergeistet einfach begeisternd, hier bei DSM Destillat No. 157 Mallorquinische Persische Limette rieche ich direkt die Limette, gut reif, sowohl die bittere Zeste als auch den sauren Fruchtsaft, insgesamt sehr hell, frisch und klar, fast schon ziepend frech, mit einer schon in der Nase fühlbaren Herbe. Am Gaumen kommt gerade letzteres viel deutlicher hervor, Bittersäure ist kantig drin, so dass der Geist nicht zu schmeichlerisch wird, was der Frucht nicht gerecht werden würde. Süße und Säure sind gut integriert, die Frucht geht im Abgang nochmal so richtig auf, und hallt dann lange nach.


DSM Destillat No. 410 Indonesische Erdnuss

Bei nächsten Geist, den DSM Destillat No. 410 Indonesische Erdnuss, kommt es einem so vor, als halte man die Nase in eine Packung frisch aufgemachter, gesalzener Erdnüsse. Was soll man dazu mehr sagen, die Nuss ist superprägnant getroffen, nicht Erdnussflips oder Erdnussbutter oder sonstwas, sondern die pure, reine Erdnuss, frisch geschält, auch mit herben Tönen von der braunen Haut und der zerdrückten Schale. Am Gaumen sitzt das tief und demonstriert eher die Schale, im Verlauf dann mit der Würzigkeit und der Salzigkeit von Snackerdnüssen, dann am Ende zusammen mit einem sehr warmen, fast hitzigen Gefühl zeigt sich die saubere Nuss wieder, die pikant nachklingt.


DSM Destillat No. 620 Hallertauer Hopfen

Hopfen kennen die allermeisten eher als Bitterhopfen aus dem Bier, doch wer am DSM Destillat No. 620 Hallertauer Hopfen schnuppert, riecht sofort den klar aromatischeren Hopfen eines Pale Ale oder IPAs. Die Aromen eines Hopfens sind sehr vielgestaltig, hier findet man Grapefruit, Mandarine und sogar einen Ticken Banane, mit der frechen Ecke, die ein Hopfen dazu hat. Auch im Mund ist das bunt und vielflächig, mit viel exotischer Frucht, frischer Säure, herber Bittere, und einem extrem langen, aromatischen Nachhall, bei dem sogar noch etwas Grünes dazukommt, und etwas Heu. Komplex und schwer zu greifen!


DSM Destillat No. 685 Deutsches Herbstlaub

Ein sehr erdiger, aber nicht modriger Duft begrüßt uns beim DSM Destillat No. 685 Deutsches Herbstlaub, das ist ein früher Herbst. Da rieche ich gelbe Blätter, feuchtes Gras, letzte Reste von herabgefallenen, nun bereits matschigen Früchten, und es erinnert mich schon deutlich an den Amaro al Fieno, den ich neulich besprochen hatte. Leichte Töne von Pilzen, dabei immer hell und süßlich – sehr attraktiv. Im Mund kommt zuerst Kandiszuckersüße vor, es bleibt weiter süßfruchtig, später entsteht diese klar fassbare Vegetabilität der Baumblätter, mit leicht harzigen Noten, besonders im ausdauernden Abgang. Sehr ungewöhnlich, und höchstfaszinierend.


DSM Destillat No. 750 Apotheker's Weihnachtsgeist

Es sollte jetzt erstmal Sommer (oder wenigstens Frühling!) werden, aber etwas wie den DSM Destillat No. 750 Apotheker’s Weihnachtsgeist trinke ich eigentlich das ganze Jahr über gern. Ich mag Gewürzgerüche, ich finde hier viele wieder: Kardamom, Piment, Zimt, das hat schon was von Glühwein, aber auch eine starke Komponente frischer Orangenzeste, die dem ganzen fruchtige Tiefe gibt. Am Gaumen verbreitert sich das alles ganz enorm, explodiert geradezu, mit weicher Textur und dichtem Mundgefühl. Süßlich, würzig, im Verlauf kommen weitere Gewürze wie Nelken dazu, vielleicht sogar Muskatnuss. Nicht kitschig weihnachtlich, das genießt sich auch am Strand unter Palmen (wo viele Gewürze ja eigentlich herkommen)!


DSM Destillat No. 930 Apotheker's Johannisbeerlikör

Zu guter letzt noch ein Versuch, was die Berliner noch bezüglich Likören können: der DSM Destillat No. 930 Apotheker’s Johannisbeerlikör hat 28% Alkoholgehalt, und statt kristallklar sehen wir ein tiefes, dunkles Rubinrot. Es ist faszinierend, wie klar die Johannisbeere erriechbar ist, als hätte man eine Schüssel der schwarzen Sorte vor sich. Etwas Holunderbeere spielt noch mit, sehr fein. Auch geschmacklich ist das praktisch Johannisbeersaft, diesmal die rote Sorte, mit Schale und auch Stielen, da ist eine gewisse Erdigkeit, die die Frucht und auch die Süßsäure mit Komplexität versieht. Das wirkt voll natürlich, erst im Nachgang merkt man zuckrige Noten, wenn der Likör warm langsam den Rachen hinunterläuft.


Die Fläschchen sind über den Inhalt hinaus auch repräsentativ und sorgen für ein schönes, haptisches Feeling, das Set wirkt ein bisschen wie eine Aromenbox eines Parfümherstellers – und irgendwie ist es auch inhaltlich etwas ähnliches, finde ich, und passt zur Philosophie der Brenner. Die Menge an unterschiedlichen Düften und Geschmäckern, die man in dieser Tasting Box vorgeführt bekommt, ist sowohl überwältigend als auch faszinierend, besonders in Bezug auf manche irgendwie verrückt klingende Idee, die trotzdem funktioniert hat. Jeder, der sich für die sensorische Bandbreite interessiert, von Reichenauer Schlangengurke über Bosnischen Steinpilz bis hin zu Ukrainischer Vogelbeere, die man heutzutage ins Verkostungsglas bekommen kann, wird hier ein grandioses Erlebnis haben können.

Offenlegung: Ich danke der Deutschen Spirituosen Manufaktur DSM für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Tasting Box.

Aus China in die Welt – Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱)

Ich hatte es oft erwähnt – das Hauptproblem, das Baijiu lange hatte, ist, dass kaum jemand, der sich für diese Spirituosengattung interessiert, an die Produkte leicht herankommen konnte; vieles, was ich hier in vielen Artikeln über Baijiu besprach, war eigentlich ausschließlich in Eigeninitiative über Chinaimporte zu erwerben, und selbst das ist höchstkompliziert, denn es gibt nur wenige Hersteller, die der westlichen Neugierlangnase dahingehend entgegenkommen, wenigstens englische Informationsquellen anzubieten. Das ändert sich in den letzten wenigen Jahren etwas, erstens enstehen in Deutschland direkte und indirekte Bezugsquellen, und es gibt ein durchaus brauchbares Basisangebot sowohl für Leicht-, als auch Stark- und Soßenaroma-Baijiu. Oft sind es immer noch engagierte Kleinimporteure, die die Last dieser Pionierarbeit tragen (ja, Andreas, ich meine Leute wie Dich!), hin und wieder findet sich aber auch eine Gesellschaft in China, die das Expansionspotenzial dieser höchst exotischen Spirituose in Europa und der Welt sehen.

So zum Beispiel die Hauhan International Trading Co.,Ltd., die mit ihren Produkten aktuell versucht, die weiterhin große Lücke an hochqualitativen Abfüllungen zu verkleinern. Als Beispiel stelle ich hier nun den Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱) vor – man beachte, der Hersteller nennt diese Marke selbst „IKuang“, wobei ich mir über das initiale „I“ unsicher bin, ich halte es einfach für einen Designtrick, mit dem man den vertikalen Strich des Ks betonen will, denn in den offiziellen Werbevideos des Abfüllers wird das I nicht ausgesprochen. Die zwei prominenten chinesischen Zeichen 狂浪 auf Karton und Flasche jedenfalls pinyinisieren sich als „Kuanglang“; wer sich für diesen Baijiu interessiert, sollte also vielleicht parallel nach „Kuanglang“ und „IKuang“ suchen. Das ist natürlich nur der Markenname, die spezielle Sorte nennt sich „Shangjiang“ 上酱, und wir bekommen damit ein Exemplar des besonders in Süd- und Südwestchina beheimateten Soßenaroma-Stils, im Dorf Yunlongjie bei Luzhou in Sichuan wird der Baijiu hergestellt. Man verwendet dafür laut Dokumentation „red tassel sorghum“, was wohl Sorghum bicolor ist, und Weizen. Wie für den Stil üblich geschieht dies mittels Trockenfermentation und -distillation, in klassischer und entsprechend aufwändiger Weise in mehreren Zyklen, in denen das einmalige Aroma entsteht. Der Hauptteil des „Kunsha“-Destillats (was dem höchsten Qualitätsstandard für Sorghum-Destillate entspricht) wird mindestens 12 Jahre in Tonkrügen gereift, und dann mit einem kleinen Anteil von 30 Jahre altem Brand geblendet. Das Ergebnis dieses langen Prozesses wollen wir uns mal nun zu Gemüte führen.

Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱)

Eine minimale Tönung erkennt man, aber höchstens Stroh, eher Crème, so ein ganz heller Weißweinton. Die Öligkeit dagegen ist sehr deutlich, richtig schwer schwappt der Baijiu hin und her, und lässt auch ordentlich was am Glas kleben, das dann in richtig fetten Beinen mit dicken Köpfen abläuft.

Der Geruch ist direkt sehr typisch, volle, schwere Aromen aus weißer Schokolade, Kokosnussfleisch, aufgeschlagener Sahne, Baiser und türkischem Honig, das wirkt fast wie eine Crème de Cacao, wäre da nicht noch eine sehr würzige Unternote von Balsamico, Sojasauce (der Name des Stils muss ja irgendwo herkommen), und eingelegten Sprotten. Je länger man schnuppert, um so mehr drängt sich diese Würze über die Schokolade, und am Ende kommt sogar noch etwas Feige und reifer Pfirsich dazu. Ein komplexer Duft, für die westliche Nase sicher etwas gewöhnungsbedürftig, dennoch interessant.

Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱) Glas

Der Antrunk ist schon leicht salzig, deutlich umami, mit einer sehr breiten Textur, die sich erstmal weich an den Gaumen legt; schnell kommt aber eine kräftige, leicht astringierende Trockenheit auf, zusammen mit mildfeuriger Pikanz, die dann die fast schon holzig wirkenden Bitteraromen trägt – erneut Kokosnussfleisch, Süßholz, Leder. Eine feine Gewürznote aus Muskatnuss und Sternanis kommt dazu, aber nur als elegante Kopfnote. Im Verlauf scheint der Baijiu immer mineralischer zu werden, fast schon kiesig-algig, bevor im Abgang letzteres dominiert, mit einem Touch von Teer. Die entstandene Wärme, zum Teil natürlich den 53% Alkoholgehalt geschuldet, die man noch im Rachen und in der Speiseröhre verfolgen kann, kippt im Mund dagegen um in Eiseskälte, leicht minzig, leicht eukalyptisch – ich betone immer wieder, wie wichtig der Nachhall bei einem Baijiu ist, und hier wirkt das ganze sauber, immer noch getreidig-aromatisch, mildsäuerlich und lang andauernd, dabei nicht krawallig, eher fein, frisch und hell. Richtig angenehm, toll gemacht, sich schlicht und ergreifend großartig im Mund anfühlend; so einen Abgang voller Kraft und dennoch viel Finesse bekommt man nur bei Baijiu.

Sehr trinkbar, komplex, und dabei auch wirklich einsteigerfreundlich, ohne den Kenner zu langweilen, im Gegenteil: an diesem Baijiu findet jeder etwas, was gefällt. Ich gehe nicht so weit, zu sagen, das sei ein Crowdpleaser, dazu ist Sauce-Aroma-Baijiu dann doch zu speziell, aber beim Kuanglang Shangjiang stimmt halt dennoch alles, da passt alles zusammen. Ein richtig runder, klarer, aromatischer Repräsentant des Stils.


Gerade die schokoladigen Noten sorgen dafür, dass sich so ein Baijiu schön in einen Drink einpasst, der eher mit süßlich-bitteren Komponenten spielt. Ich habe für den Mangmang, den ich für diesen Baijiu zusammengestellt habe, Zutaten ausgesucht, die einzelne Aspekte des Baijius aufgreifen – die Mineralität durch Suze, die Bitterwürze durch Amaro, die Schokolade durch Crème de Cacao und die gewisse Frucht durch Peychaud’s.

Maoyande Jingzi Cocktail

Mangmang
1oz / 30ml Baijiu (Sauce-Aroma)
1oz / 30ml Suze
1oz / 30ml Amaro
¼oz / 7ml Crème de Cacao
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Helmut Barro]


Ich muss irgendwann einmal herausfinden, woher die Vorliebe der Chinesen für diese spezielle Flaschenform kommt – ich habe bestimmt ein Dutzend Baijius unterschiedlichster Hersteller in meiner Heimbar, die in genau derselben Flaschenform (meist aber in weiß gehalten) abgefüllt sind. Dazu ein hübsches rotes Bändchen, und ein attraktiv gestaltetes Etikett, das sich gut an den hochwertigen, stabilen Geschenkkarton anpasst. Zwei Dinge machen deutlich, dass man in China doch mit Produktpiraterie zu kämpfen hat, der Nachfüllstop in der Flasche, und das Drucksiegel am Karton selbst, das man mit etwas Kraft öffnen muss und nachher nicht wieder sauber verschließbar ist; beides ist sehr typisch für Baijiu-Abfüllungen.

Ich habe noch einen zweiten Sauce-Aroma-Baijiu des Herstellers, auf dem letzten Bild sieht man den blauen Karton dazu. Diesen bespreche ich natürlich auch noch in naher Zukunft. Es gibt noch diverse weitere Abfüllungen der Firma, auch mehrere Starkaroma-Baijius stellt Hauhan her.

Ich weiß, dass es wahrscheinlich aktuell trotz allem, was ich in der Einleitung gesagt habe, schwer sein wird, an diesen Baijiu heranzukommen. Doch Hauhan sucht Importeure für Europa und Deutschland, und daher gehe ich davon aus, dass sich die Situation bald ändern wird. Jedenfalls wäre der Kuanglang Shangjiang eine echte Bereicherung für das noch recht dünne Angebot von 酱香-Baijiu hierzulande – daher hoffe ich und wünsche Hauhan, dass das schnell geht!

Offenlegung: Ich danke der Hauhan International Trading Co.,Ltd. für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Baijius.

Bier am Freitag – Brasserie Caulier Bon Secours Tradition und Myrtille

Bügelflaschen haben für mich ihren Charme, da blickt man zweimal hin, wenn man so eine Flasche aus der Kiste zieht. Das „plopp“ beim Öffnen, das viele als so befriedigend empfinden, ist für mich zweitrangig, ich bin da oft eher vorsichtig, denn gerade bei flaschengereiften Bieren kommt mit dem Soundeffekt manchmal ordentlich Schaum raus, wenn man da zu unbekümmert rangeht wie an ein Flensburger Pils. Verdienen die Bon Secours Tradition und Myrtille aus der belgischen Brasserie Caulier, die mich schon mit ihrem Paix Dieu überzeugt hatten, auch eine etwas ehrerbietigere Haltung als ein einfaches Konsumbier? Prüfen wir es.

Brasserie Caulier Bon Secours Tradition und Myrtille

Kräftig schäumt es dann tatsächlich beim Eingießen, da muss man achtsam sein, dass es nicht überschäumt. Danach bleibt der sehr grobblasige Schaum lange auf dem Bier stehen, mit viel Luft drin, es dauert etwas, bis er sich soweit absetzt, dass man das Bon Secours Tradition genießen kann, ohne Schaumreste am Bart hängen zu haben. Stark trüb ist es, wenn man es voll eingießt, mit blasser Safranfarbe, etwas dunkel vielleicht für ein „Bière blonde“. Geruchlich entdecke ich als vorderstes einen starken Eisenton wie bei Stahlnägeln aus der Werkstatt, danach kräftige Gerste, gefolgt von ganz dezenter Hopfenfrucht, die eine eher weiche Komponente dazubringt, um die kantigen Ersteindrücke aufzufangen. Frisch und frech!

Brasserie Caulier Bon Secours Tradition

Auch am Gaumen findet sich eine kleine Kante, aber viel milder, als der Geruch erwarten lässt. Die Frische sorgt dafür, zusammen mit kickender Säure und dem schönen Alkoholgehalt von 8%, diese drei aber im Zusammenspiel mit tiefem Körper und grundliegender Süße. Esterige Ananas und Pfirsich kommen nun etwas hervor, nur, um schnell wieder vom Getreide eingefangen zu werden. Die Textur ist dick, ohne dass das Bier dadurch cremig wirkt, es bleibt herb und eher trocken, insbesondere im mittellangen Abgang, wenn noch etwas Blumigkeit dazukommt.

Ein echt süffiger Belgier, aromatisch und dicht, ohne zu drängend oder fett zu werden. Gut gekühlt macht das viel Vergnügen, sowohl als Durstlöscher zum Essen, als auch alleinstehend als Genussbier. Top!


„Myrtille“, das ist auf deutsch Blaubeere – wir haben also mit dem Bon Secours Myrtille ein Fruchtbier vor uns, wie es die Belgier halt grundsätzlich mögen. 6,4% Alkoholgehalt sind allerdings doch üppiger als viele Krieks oder ähnliches, was ich sonst kenne. Wir haben als Geschmack hier aber nur Blaubeersaftkonzentrat und natürliche Aromen, also ist das die qualitativ klar abgespeckte Version eines Fruchtbiers.

Brasserie Caulier Bon Secours Myrtille

Farblich passt das allerdings, am Boden der Flasche setzten sich ein paar feste Bestandteile ab, die dann auch, wenn sie die volle Trübung in rotblauer Farbe erreicht haben, am Boden des Glases landen. Der Schaum ist auch leicht rötlich gefärbt, bleibt als dünne, gemischtblasige Schicht auf dem Bier liegen. Der Geruch ist eine interessante Mischung aus Blaubeersaft, Rotwein und leichtem Hopfen, erinnert etwas an ein Pale Ale, ohne dessen Kantigkeit allerdings. Da ist noch etwas Vanille und Sahnebonbon, das sorgt für süßliche Eindrücke und man ahnt, dass hier etwas Cremigkeit am Gaumen erscheinen wird.

Was sich allerdings nicht direkt bewahrheitet, denn das Bon Secours Myrtille ist initial klar säuregetrieben, erst im Verlauf kommt Süße und zusammen mit ihr Weichheit auf und drängt die Säure etwas zurück. Die Textur ist voll und dicht, allerdings kaum tief, der Gaumen ist schnell wieder frei. Blaubeere ist vorhanden, aber außerhalb von Fruchtsäure aromatisch eher schmal und wird dominiert von der exotischen Frucht, die aus der Kalthopfung kommt. Der Abgang ist dann bitter, leicht kantig sogar, mit einem untentschlossenen Mix aus Süße, Säure, Bittere und Blumigkeit. Unkompliziert zu trinken, interessant gemacht, aber letztlich für mich zu unkomplex, um mich über den kurzfristigen Genuss hinaus zu begeistern.


Das Tradition ist ein Bier, das mir gefällt; das Myrtille eine abgeschwächte Variante, die dann dafür Dinge dazu bringt, die man nicht wirklich braucht, auch explizit als Fruchtbier ist es höchstens mäßig interessant für mich. Man erkennt das Basisbier durch die Frucht, doch letztere gibt dem Ganzen nur wenig dazu. Ich habe meinen Favoriten gefunden!

Die Brennerei des Doktor Moreau – Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata

Es ist schon 6 Jahre her, Menschenskinder, dass ich den Ocho Curado besprochen hatte. Wenn ich mir so meinen Artikel selbst durchlese, scheint es mir, dass dieser besondere Tequila mir durchaus zugesagt hatte, doch die damalige Ankündigung, dass ich ihn dauerhaft in meine Heimbar integriere, wurde nie Realität; nicht aus Geschmacks- oder Qualitätsgründen, sondern einfach nur, weil das in die Phase der Verbreiterung meines Interesses fiel und ich lieber immer neue Produkte kaufe statt bekannte aufzufüllen. Nun hat sich meine Neugier wieder wecken lassen – das Curado-Brand wurde vor kurzem aufgefrischt, und so zögerte ich nicht lange, auch meine alte Liebe zu dieser einzigartigen Herstellungsweise mit neuem Feuer wiederzubeleben.

Das neue Feuer heißt Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata. Die Version, die ich damals besprochen hatte, lief noch unter dem Markennamen „Ocho“, und war ein kleines Projekt von Tomas Estes. Man nutzte gekochte Stücke der Agave, die auch fürs Brennen des Tequila selbst verwendet wurde, für eine Infusion. Der Gedanke wurde hierfür nun von den Familien Estes, Camarena und Vantguard konsequent weitergeführt – statt der Weberagave setzt man bei dieser Version nun Cupreata-Agave ein. Ein Crossover von Tequila und Mezcal also, auch wenn jeder weiß, dass jeder Tequila theoretisch auch ein Mezcal ist augenroll blablabla. Die wildwachsende Cupreata wird in Etúcuaro im Bundesstaat Michoacán auf der Farm von Crescenciano Ayala Téllez geerntet, dort nach den traditionellen Methoden der Region gekocht (eine Achtsamkeit, die ich schätze), dann nach Jalisco transportiert und für die Infusion in einem 100%-de-Agave-Blanco der NOM 1474 (gemacht von Carlos Camarena) verwendet. Keine Zusätze, keine Fassreifung, „keine Tricks“, wie die hübsch gestaltete offizielle Produktseite betont. Besonders letzteres ist heute sehr aktuell, denn die Regelungen für Tequila sind lasch ohne Ende und erlauben Tricks in vielen Formen. Um so mehr freue ich mich nun auf eine Vergleichsprobe zu meinen alten Tastingnotes!

Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata

Es gilt, wenn man sich die gelbgoldene Farbe der Flüssigkeit ansieht, weiterhin zu betonen, dass es sich um einen ungereiften Blanco-Tequila handelt; die Färbung stammt nicht aus Fässern, sondern aus der Infusion mit den gekochten Agavestücken. Optisch unterscheiden von einem Reposado könnte ich das blind sicher nicht (also im Blindtest, meine ich). Lebendig und leicht schwenkt sich das dann, mit eher unauffälliger Viskosität.

Die Nase bekommt dann dabei direkt eine volle Agavenwucht ab; „Duft“, wie ich diese sensorischen Eindrücke bei Tequila gern bezeichne, kann man das schon nicht mehr nennen, das ist kräftig, voll und fast schon deftig. Mineralisch, grün, voller direkter Agavenaromen, die man überhaupt nicht suchen muss, mit süßen Untertönen aus Karamell, Zimt und Vanille, und auch etwas reife Guave sowohl als Fruchtbeigabe als auch mit ihrer typischen leichten Teernote, dazu etwas Litschi und Mango: eine durchaus fruchtige Komponente ist da unschwer erkennbar. Ein bisschen Plastik ist da auch dabei, nicht das unangenehme Stinkeplastik, mehr diese seltsame Note, die so zwischen Floralität und Oliven wabert. Insgesamt also etwas, das mit Kraft und Komplexität gleichzeitig punktet.

Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata Glas

Die Verknüpfung zu den Eindrücken am Gaumen ist direkt – da geht erstmal die Agave volle Pulle ab, richtig schön umami, mit einem Tick Salz, fast schon ein bisschen speckig, mit Grünzeug als Beilage, ohne je gemüsig zu werden, mehr in die mineralisch-algische Richtung. Eine sehr weiche Textur legt sich breit und voll an den Mundraum, mit aber wenig Schwere, die initiale Süße wirkt sehr natürlich und leicht. Im Verlauf entsteht Wärme, keine Hitze, und ein sehr angenehmes leichtes pfeffriges Prickeln aus der Würze. Aprikose und Jasmin, Vanille und Kokosfleisch wechseln sich von floral nach fruchtig und umgekehrt, mit milden, aber effektiven Gewürznoten und einer gewissen Fleischigkeit. Der Abgang ist mittellang, hier nun starksteinobstfruchtig, ohne aber die Hauptrolle der Agave je anzutasten, mildtrocken und mildherb, einfach rund und aromatisch, und im Nachhall klingt schließlich plötzlich und unerwartet noch Erdnuss ganz deutlich nach.

Ja, man erkennt die Komponente, die die Cupreata-Agave hinzugibt zu diesem Gesamtkunstwerk, da entdeckt man feine Noten, die man in einem normalen Tequila seltener findet. Dabei entsteht ein kräftiges Getränk mit Charakter – dieser Curado ist eher stark als elegant, eher wuchtig als fein, aber immer ohne Gewalt oder Ansatz von Rohheit. Das passt perfekt für mich. Wer Agavendestillate mag und ihre Typizität, der wird den Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata lieben.


Im Longbottom Line würde eigentlich Reposado eingesetzt. Nun, wie schon geschildert, man kann den Eindruck eines Reposado auch gut durch einen Curado ersetzen, oder besser gesagt: ergänzen. Gerade die Kombination mit einem Tabaklikör (da gibt es zum Perique Liqueur de Tabac eigentlich keine mir bekannte Alternative) ergibt dann einen sehr aromatischen Drink, dicht und voll, mit vielen kleinen Seitennoten, die man explorieren kann.

Longbottom Line Cocktail

Longbottom Line
1½oz / 45ml Tequila reposado
1oz / 30ml Fino Sherry
¾oz / 23ml Tabaklikör
¼oz / 7ml Amaro
1 Spritzer Angostura Bitters
1 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach eldritch_garnish]


Für die Präsentation hat man sich auch für ein Crossover entschieden – eine strenge, gerade, einfache Flasche ohne Sperenzchen mit dazu passendem Etikett auf der einen Seite, und die großflächige Verwendung von fantasievollen, bunten „Alebrije“-Illustrationen andererseits. Diese sind eine Art mexikanischer Wolpertinger, Fantasiekreaturen wild zusammengesetzt aus existierenden Tieren, und gleichzeitig spirituelle Führer, die den Sucher auf geistigen Reisen zwischen den Reichen der Lebenden und Toten begleiten und leiten sollen. Ein durchaus passendes Maskottchen hat man sich da ausgesucht, finde ich, darüber hinaus künstlerisch, modern und ohne Kitsch gemacht: ich bin dankbar, dass man dieser letzteren Versuchung widerstanden hat.

Nach der sehr positiven Erfahrung kann die Reise für den, dessen Interesse hier geweckt ist, auch noch fortgeführt werden, denn weiterhin gibt es eine Version, in der blaue Weberagave für die Infusion genutzt wird (also praktisch eine Neufassung des alten „Ocho Curado“, in neuer Aufmachung und größerer Abfüllmenge), und eine, bei der man Espadín verwendet. Eventuell liest man hier in Zukunft irgendwann mal über letzteres. Mein persönliches Infusionsinteresse jedenfalls besteht.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Hontambère 1985 Armagnac

Es ist schon seltsam – da kennt man auch als fortgeschrittener Spirituosenfreund dutzende von Rumbrennereien, Whiskydestillen und Tequileros, ist von kaum etwas überrascht, neue Firmen kommen eher selten auf den globalen Markt. Doch mit jeder neuen Abfüllung von Grape of the Art, die mir ins Haus flattert, denke ich mir – den Namen auf dem Etikett habe ich noch nie zuvor gehört, da wird mir immer wieder schmerzhaft vor Augen geführt, wie unbekannt Armagnac hierzulande noch ist, und wie wenig ich eigentlich über diese grandiose Spirituosengattung weiß. Beim GotA Hontambère 1985 Armagnac ging es mir wieder mal nicht anders. Der Brenner sitzt in der Domaine de Pouchégu in der Region Ténarèze, wo die Rebsorte Ugni Blanc 1985 zu einem Destillat verarbeitet wurde, das nach 36 Jahren Holzreifung schließlich im August 2022 in Fassstärke (in diesem Fall sehr angenehme 56,6%) auf 350 Flaschen gezogen wurde. Ich genieße sehr, wieviele Details die Jungs von Grape of the Art immer auf Etiketten und Beipackzettel packen – so soll es sein, jede kleine Information ist für einen analytischen Menschen wie mich ein zusätzlicher Funken, der den Genuss steigert. Analyse, Schmanalyse, rein ins Glas mit dem Stoff.

GotA Hontambère 1985 Armagnac

Nach all diesen Zahlen fangen wir an, weniger direkt messbare Größen zu untersuchen. Obwohl, auch für Farben kann man ja eigentlich klare Definitionen angeben – ich halte mich weiterhin gern an das „Farbenrad von Single Malt Whisky“, das ich vor Urzeiten mal bei Eye for Spirits runtergeladen hatte, und das mich bis heute begleitet – und da liegt der Hontambère bei zwischen Pariser Rot D1 und Gebrannte Siena D2. Der Armagnac lässt sich nur mit etwas Schwung in Bewegung versetzen, und die Beinchen, die dann aus dem entstandenen Film ablaufen, lassen sich viel Zeit dabei.

In der Nase finden sich richtig schöne, typische Noten von reifen Feigen, Rosinen, Walnüssen und überreifen Weinbergpfirsichen. Ein bisschen Lack ist mit drin, und etwas angebranntes Karamell, dazu ein Ticken Zimt und frisch dunkel gebackenes Brot. Etwas frisch versengtes Holz kommt in einer Phase, wenn man die Nase schon wieder aus dem Glas zieht, noch nach. Vielschichtig und sehr angenehm, ohne jede Störnote, das schnuppert sich extremst angenehm, ohne, dass der Alkoholgehalt je pieksen würde. Irgendwie erinnert mich das etwas an Bourbon.

Im Mund ist zunächst die Textur auffallend – es beginnt weich und sanft, voll und breit, wandelt sich dann aber von dieser gemütlichen Seite schnell in ein Kraftpaket, mit feuriger Würze, die die Zunge mehr als nur kitzelt, und dann sogar ins Trockenholzige übergeht, mit kräftiger Astringenz und chilihaftem Brennen im Abgang. Ein spannender Gefühlsbogen, der von holzig-deftigen Aromen getragen wird, mit etwas fruchtigreifer Pflaume und süßpikanter Melasse, was am Ende in steinobstigen Nachklängen endet, auch hier mit etwas leicht medizinischem und lackigem Holzeinfluss, anishaftiger, wilder Bittere und zimtiger Hitze. Der Mundraum bleibt gereizt, erwärmt und entspeichelt für eine ganze Weile – das muss man abkönnen.

Mit dem Hontambère hat man einen wuchtigen, schweren, trockenen Armagnac vor sich, der sich nie zurückhält, deutlich vom Holz beeinflusst ist, dabei aber noch Frucht durchscheinen lässt. Das trinkt sich nicht unkompliziert, zugegeben, aber aufregend, wenn man starke Spirituosen, die sich nicht einschmeicheln, mag. Ich genieße so etwas sehr – etwas, wofür man sich für so ein kleines halbes Verkostungsglas durchaus eine halbe Stunde Zeit lassen kann, ohne dass es langweilig wird.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Zwischenwelten – Soledade Rum do Brasil Armazenado em tonéis de Ipê

„Rum do Brasil“, das ist nun das zweite Mal, dass ich diese eher seltene Deklaration einer Spirituose lese. Brasilien verbinden wir einfach mit Cachaça, und ja, ich betone es einfach nochmal erneut, Cachaça ist kein Rum, sondern eine zweite Unterform des Zuckerrohrbrands, wie es Rum auch ist. Gar nicht so schwierig eigentlich. Doch zurück zum Thema, warum steht da nun „Rum“ auf dem Etikett des Soledade Rum do Brasil Armazenado em tonéis de Ipê? Ich habe einfach bei meinem Freund Vicente Bastos Ribeiro, der Master Blender bei der Fazenda Soledade ist, nachgefragt, was da Sache ist. Und er hat es mir ausführlich erklärt, ich gebe hier einfach eine sehr oberflächliche Version wieder: Der Hauptunterschied ist, dass bei diesem Rum für die Destillation eine Mischung aus Melasse und Zuckerrohrsaft eingesetzt wird – wie aufmerksame Leser meines Blogs wissen, ist für Cachaça ausschließlich Zuckerrohrsaft erlaubt. Ein paar Destillationsdetails sind auch anders als das Gesetz es für Cachaça vorschreibt. Vicente experimentiert gern mit seinen Destillaten, und der Soledade Rum ist so ein Versuch, mal „etwas anderes“ zu machen.

Ich erkläre noch gern das Wort „armazenado“ – es ist der technische Begriff für die Tatsache, dass der Brand nach dem Destillieren „in Holzbehältern aufbewahrt“ wird, Dauer und Fassgröße sind dabei nicht bestimmt. „Tonéis“ sind schließlich dann eben die Fässer, und „Ipê“ ist eine in Brasilien heimische Hartholzart, die man durchaus öfter für Cachaça einsetzt. Sie ist grundsätzlich nicht unproblematisch, denn die Bestände der brasilianischen Walnuss, wie man sie auch nennt, sind zwar im Moment noch nicht offiziell als „stark gefährdet“ gekennzeichnet, doch bereits seit langem „übererntet“ und allein deswegen schon kurz davor, in diesen Status zu geraten. Und die vielen illegalen Abholzer, die aktuell in Brasilien praktisch ungehindert ihr kriminelles Unwesen treiben können, werden sich darüber hinaus schon darum kümmern, dass wir dieses Holz bald sehr viel seltener sehen werden. Ich hoffe, die neue brasilianische Regierung setzt sich etwas mehr für die Umwelt ein, als es die alte getan hat. Wieder hin zu leichteren Themen, probieren wir den Soledade-Rum!

Soledade Rum do Brasil Armazenado em tonéis de Ipê

Man erkennt, dass das Ipê-Holz schon eines ist, das etwas Farbe an die in ihm gelagerte Flüssigkeit abgibt (manche brasilianischen Hölzer sind da sehr viel sparsamer), ein leichtes Ocker mit einem Touch von Orange. Beim Schwenken zeigt sich der Rum lebendig und nur leicht viskos, die sich bildenden Beinchen laufen schnell ab.

Hält man das Glas dann an die Nase, verwirrt der Geruch zunächst etwas; erinnert man sich aber an die Herstellung, klärt sich das direkt auf. Da ist sowohl eine Note eines leichten Rums spanischer Machart, als auch die grasige Komponente einer Cachaça, und insbesondere die hohe Typizität und Identität des Ipê ist erkennbar, aber in einem anderen Ton, als man das vielleicht gewohnt ist. Sehr floral wirkt das in dieser Kombination, mit Lavendel, Thymian, etwas Minze, Kardamom und zu guter letzt vielleicht noch etwas Aprikose. Definitiv anders als ein Rum, wie wir ihn sonst aus Eichenfässern kennen, und auch anders als eine Cachaça. Spannend!

Soledade Rum do Brasil Armazenado em tonéis de Ipê Glas

Auch im Mund setzt sich direkt das brasilianische Holz durch, mit seiner leicht mentholischen, leicht eukalyptischen, jedenfalls sehr blumigen Eigenheit. Lavendel- und Thymianeindrücke entstehen daraus, erblühen voll und gehen dann langsam in weiche, warme Kandiszucker- und Ahornsirupkomponenten auf. Ein sehr weiches Mundgefühl mit kaum erkennbaren 40% Alkoholgehalt schmeichelt sich an den Gaumen, erst spät im Verlauf kommt feine, pikante Würze dazu, die dann am Schluss die Zunge prickeln lässt. Grasigkeit und ein Eisenton entstehen schließlich, mit diesen klingt der Rum dann gemütlich aus, während noch etwas von der Ipê-Blumigkeit im Mund zurückbleibt.

Ein leichter Rum, aromatisch, aber doch stark vom Holz getrieben, fast ausschließlich sogar, würde ich sagen. Das leichte, fast schon zarte Basisdestillat hat der Aromenwucht des Ipê kaum etwas entgegenzusetzen, und wird von ihm so dominiert, dass kaum etwas übrig bleibt. Nun, persönlich mag ich Ipê sehr, darum stört mich das nicht so wahnsinnig – doch ich vermisse etwas die Interaktion zwischen Destillat und Holz, etwas Komplexität, etwas sensorische Spannung. Dennoch ein interessantes Produkt, das eine eigene Charakteristik aufbaut!


Ja, ich weiß was meine aufmerksamen Leser sagen werden, wenn ich nun den Anita als Cocktail vorstelle – „geht der Soledade Ipê nach dieser Geschmacksbeschreibung nicht unter in einem Drink mit Campari?“ Nun, tatsächlich ist so ein feiner Rum nicht die offensichtliche Wahl dafür, doch ich habe es aus einer Laune heraus probiert, und finde, dass die exotische Holznote ganz dezent selbst gegen den italienischen Bitter durchkommt und den Drink damit interessant macht. Theorie und Praxis, manchmal muss man seiner Intuition folgen!

Anita Cocktail

Anita
⅔oz / 20ml Campari
⅓oz / 10ml gereifte Cachaç
a
⅔oz / 20ml Blutorangensaft
⅓oz / 10ml Limettensaft
⅓oz / 10ml Macadamianusssirup
Auf Eis shaken. Mit Basilikum dekorieren.

[Rezept nach Thalita Alves]


Über die Präsentation gibt es nur Erfreuliches zu berichten – mir gefällt die bauchige Flasche, das kleine Bastnetz am Flaschenhals, die Holzkrone auf dem Korken. Das ganze ist unabhängig von der Hauptmarke der Fazenda Soledade, die wir in Deutschland kennen – Nêga Fulô, der eine oder andere wird aber durch dieses Bastnetz vielleicht daran erinnert, bei letzterer Marke ist nur eben die ganze Flasche damit umhüllt.

Im Fazit bleibt für mich festzuhalten, dass ich solche Versuche von Brennern immer gerne probiere und es spannend finde, was die sich so einfallen lassen. Gerade für Leute, die ähnlich wie ich empfinden, ist so ein Grenzgängerprodukt wie der Soledade Ipê natürlich sicher einen Geschmacksversuch wert – da lernt man nebenbei doch so einiges über Kategorien, Hölzer, Destillationsarten, Basismaterialien und so weiter, während man den Rum gemütlich im Glas schlürfen kann.

Bier am Freitag – Duvel Barrel Aged Jamaican Rum Edition

Belgisches Bier und jamaikanischer Rum – zwei meiner Lieblinge, in einem Produkt vereint! Das klingt ja schon grandios, und ich war sehr gespannt auf das Duvel Barrel Aged Jamaican Rum Edition. Dies ist die 6. Auflage ihrer Fassreifungsreihe, „Duvel Barrel Aged Batch No. 6“, wie es auf dem Etikett steht. Es handekt sich dabei um ein Starkbier mit 11% Alkoholgehalt, das in Fässern gereift wird, das vorher jamaikanischen Rum (ohne genauere Angabe einer Destillerie) enthielt. 390 Fässer hat man sich bei Duvel dafür reserviert, und diese ergaben am Ende die stattliche Anzahl von 101325 daraus abgefüllten 750ml-Flaschen. Meine Flasche hat die Nummer 64941, das ist zwar eine Limitierung, aber eine doch recht großzügige. Nachdem ich die Flasche auf die empfohlene Trinktemperatur von 5°C herabgekühlt habe, gieße ich mir nun ein Glas ein; wie praktisch, dass in dem Set gleich ein gebrandetes Glas mit großem, roten „D“ darauf genau dafür mitgeliefert wird!

Duvel Barrel Aged Jamaican Rum Edition Karton

Das Bier ist kristallklar im Glas, man sieht durch die haselnussbraune Farbe, die fast schon ins rötliche übergeht, die feine, leichte, langsame Perlage. Schaum ist eher dünn, ein feinblasiger Flaum mit großblasigen Inseln.

Die Nase besteht zunächst aus Apfel und leichtem Essig, erinnert mich eigentlich mehr an Cidre oder herben Viez als an Bier. Schnuppert man weiter, kommt ein süßliches Aroma, das wirklich von den Rumfässern stammen könnte – aber ohne die Esterigkeit, die man hier bei Jamaica-Rum vielleicht erwrten würde. Etwas generisches feuchtes Holzfass gesellt sich dann dazu. Zu guter letzt entdecke ich noch etwas reife Erdbeeren.

Duvel Barrel Aged Jamaican Rum Edition Glas

Im Mund drängt sich der Jamaica-Rum dann sehr viel deutlicher nach vorn, direkt schon beim Antrunk erkennt man eine gewisse Typitizät, mit reifer, tropischer Frucht, viel Kirsche und minimalen Kompostaromen. Der Apfel lässt sich nicht ganz verdrängen, die freche Säure unterstützt diese Komponente noch. In der Textur wirkt das Bier zwar weich, aber klar eher zum Frischsauren tendierend, da ist keine Cremigkeit oder schmeichelnde Weichheit. Im Abgang wird das sogar leicht kratzig. Rezenz ist natürlich vorhanden, ein fast kühlendes Gefühl prickelt am Gaumen noch nach, während die Rumaromen, die am längsten aushalten, dann langsam verklingen, mit deutlicher Trockenheit und Astringenz.


Duvel Barrel Aged Jamaican Rum Edition

Im Vergleich zum „normalen“ Duvel hat die Fassreifung ordentlich was an Farbe gebracht, auch die Aromatik hat sich deutlichst verschoben, das ist ein ganz anderes Bier. Die Frische des Originals ist erhalten geblieben, da das klassische Duvel aber eh schon kein superaromatisches Bier ist, hat diesbezüglich das Fass voll übernommen.

Ich gebe zu, ich hatte mir etwas anderes, und ja, mehr erwartet. Die Fassaromen verdrängen jeden Biercharakter, die starke, etwas undifferenzierte und unmotivierte Säure passt dann irgendwie nicht so hundertprozentig dazu. Etwas mehr Körper hätte dem Bier sicher auch gut getan, in der vorliegenden Fassung und Reifestruktur ist es unrund und unentschieden, was es werden will. Wer sich eine Flasche zulegt, sollte sicherlich eine längere Lagerung in Betracht ziehen als ich das getan habe. Es findet sich leider kein Abfülldatum auf der Flasche, nur das „best before“-Datum, welches hier auf 2026 steht – vor diesem Datum würde ich es, nach meiner Erfahrung hier, nicht öffnen.

Auf den Kopf gestellt – Smokehead Tequila Cask Terminado Islay Single Malt Scotch Whisky

Vor ein paar Wochen habe ich hier über Tequila gesprochen, der ausschließlich in Ex-Scotch-Fässern gereift wurde. Eine spannende Sache, die zeigt, dass die ehemaligen, als selbstverständlich betrachteten Limitierungen bei der Herstellung von Spirituosen immer weiter aufweichen und durchlässig werden – in vielerlei Richtungen. Tequila, in Scotchfässern gereift, ist nur ein Beispiel dafür, und heute drehen wir das Ding einfach mal um – wir haben mit dem Smokehead Tequila Cask Terminado Islay Single Malt Scotch Whisky den genau umgekehrten Fall eines Scotchs, der ein Finish in Ex-Tequila-Fässern erhalten hat. Das ist dahingehend ungewöhnlich, dass die Scotch Whisky Association (SWA) erst vor kurzem überhaupt erlaubt hatte, derartige Fremdspirituosenfässer für schottischen Whisky einsetzen zu dürfen; es gab diesbezüglich eine Unklarheit in den entsprechenden Regularien, die 2019 klargestellt wurde.

Auch wenn wir die Weltregionen im Kreis austauschen und die übliche Richtung, in der das mit den Fässern läuft, sozusagen auf den (Toten-)Kopf stellen, bleibt ein Gesetz des Business erhalten: der Abfüller Ian Macleod Distillers Ltd. aus dem schottischen Broxburn, dem auch Glengoyne und Tamdhu gehört, verrät uns leider nicht, welcher Brenner auf Islay den Whisky hergestellt hat, und auch nicht, welcher Tequila vorher in den Finishing-Fässern gelagert worden war, und auch nicht, wie lange der Whisky grundsätzlich gereift ist, und auch nicht, wie lange das Finish dauerte. Für den Freund der Transparenz ist das natürlich immer etwas schwierig, vor allem, wenn so viele Fragen gleichzeitig offen bleiben. Doch das sind eben die Bedingungen, denen der Fassmarkt zwischen Brennereien unterworfen ist; und ich bin kein Hasser oder Verfechter von No-Age-Statement-Abfüllungen, darum ist das für mich wirklich keine politische Frage, mehr ein Feststellen des Bedauerns, denn diese Informationen würden noch so einiges an Gedankenmaterial und Philosophieren erlauben, für einen Blogschreiberling wie mich das Salz in der Suppe. Doch genug des Theoretisierens und Was-wäre-wenn-Geschwafels, hin zum wahren Leben: schauen wir mal, ob der Terminado (dieser Name ist natürlich angelehnt an die Kategorisierungen beim Tequila, wie dem Reposado, und gleichzeitig auf die „letzte Stufe“ des Reifungsprozesses anspielend) auch ohne Detailwissen über die Herstellung im Glas überzeugen kann!

Smokehead Tequila Cask Terminado Islay Single Malt Scotch Whisky

Zuckerkulör wird auf dem Etikett deklariert, bei Scotch ist das überhaupt nichts ungewöhnliches, im Gegenteil, eher Standard. Honigfarben ist der Terminado jedenfalls im Glas, zeigt sich durchaus ölig, sowohl beim Schwenken, als auch, wenn sich die Flüssigkeit schnell wieder legt danach. Der Film an der Glaswand, den man dadurch erzeugt, teilt sich nur widerwillig in Beinchen auf, läuft dann stufig in Beinchen mit dicken Köpfen ab.

Wie bei vielen Islay-Whiskys muss man die Nase gar nicht tief ins Glas halten, um den typischen Geruch wahrzunehmen, der springt einen regelrecht an. Klarer, unspeckiger Rauch und deftig-salziger Torf definieren das natürlich, doch schnell folgen Heideblumen mit nasser Erde daran, schließlich wird der Duft medizinisch, fleischig, und zum Schluss sogar etwas kräuterig-alpin. Das ist nicht so aggro, wie manch anderer Brand von der Insel, wirkt eher weich und rund, das Wort „mild“ will ich bei so einem Stil eigentlich nicht verwenden, doch im Vergleich innerhalb der Kategorie passt es. Reife Früchte und eine holzig-grasige Unterlage geben weiter Volumen, besonders erstere nehmen bei zunehmender Offenstehzeit dem Rauch etwas die Wildheit.

Smokehead Tequila Cask Terminado Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Tasting Notes werden sowohl auf dem Rücketikett als auch auf dem Karton schon angegeben, die will ich natürlich nicht wiederkäuen, auch wenn sie interessant sind, sondern meine eigenen Eindrücke schildern. Die Textur ist sehr weich und voll, der Antrunk legt sich direkt breit auf den Gaumen und die Zunge, mit einer sehr schweren Basissüße, die an Honig, Frühlingsblumennektar und Nougat erinnert, die nicht einmal durch die im Verlauf auftretende Weißpfefferwürze verdrängt wird. Der Rauch ist zunächst kaum präsent, wobei ich oft feststelle, dass Rauch und Frucht manchmal sensorisch ineinander übergehen, und fruchtig ist der Smokehead Terminado definitiv, richtig viel Aprikose, Pfirsich und Orangenzeste; ich verstehe auch, was der offizielle Verkoster mit „BBQ Pineapples“ meinte, das ist genau dieser Übergang zwischen Röstung, Kohle und reifer Tropenfrucht. Der Abgang wirkt dann leicht kaltlagerfeuerig, speckig, mildsalzig, die Süße legt sich auf die Lippen und bleibt lange erhalten. Im Nachklang meint man dann endlich, wirklich die reife Agavenfrucht feststellen zu können, die dem Tequilafass noch innewohnte – das ist aber wirklich ein kleines, feines Detail, dem man aktiv folgen muss; es hätte mich auch gewundert, wäre da arg viel mehr gewesen: Tequila hat im Vergleich zu Islay-Whisky einen höchst fragilen, feinen Geschmack, der durch den ganzen Torf nur mühsam durchkommt.

Das trinkt sich pur sehr süffig, muss ich sagen, der Terminado attackiert den Gaumen nicht ganz so, wie das manch anderer Inselgenosse tun würde, mit viel Süße und Schwere hat man was zum Lutschen, und er lässt die Zunge dann auch irgendwann wieder los. Ja, eine handvoll Jahre mehr Reifung würden ihm guttun, und vielleicht auch drei zusätzliche Prozentchen Alkohol auf die vorhandenen milden 43%, doch das sind Details; insgesamt passt das Gesamtpaket aus Islaykörper und Tequilakopfnote doch wirklich gut zusammen.


Islay-Whisky und Cocktails, das ist eine komplizierte Geschichte – die starke Aromatik übernimmt wie schon pur auch meist schnell den kompletten Geschmack in Mixturen, oft verwendet man so einen Whisky dann lieber als kleine Zutat, um Rauch in den Drink zu bringen, oder als Parfüm, mit dem man das Glas ausspült. Aber warum soll man nicht auch gleich einfach „all-in“ gehen, wenn der Geschmack eh deutlichst spürbar ist: der Smoked Maple lässt dem Terminado vollen Spielraum, während die anderen Zutaten die Fruchtigkeit nur noch unterstützen.

Smoked Maple Cocktail

Smoked Maple
2oz / 60ml Islay Whisky
¼oz / 7ml Aprikosenlikör
¼oz / 7ml  Orangensaft
1 Teelöffel Ahornsirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Simon Difford]


Marketingtechnisch setzt man hier offensichtlich nicht auf den klassischen, traditionsbewussten Scotchtrinker, der am Wochenende im Kilt herumläuft, sondern auf den modernen Käufer, mit der schwarz beklebten Flasche, die dadurch komplett blickdicht wird. Mit den darauf geklebten Etiketten, entsteht damit ein fescher, frecher Stil, auch wenn ich persönlich lieber die Flüssigkeit schon sehe – und wenn es nur um den Füllstand geht, der hier geschätzt werden muss. Der leicht verwischte Totenkopf in türkis dient hier, passend zum restlichen fast schon punkigen Stil, als Markenzeichen; der Karton hat dann das Totenkopfdesign ins Mexikanische übertragen, florale Muster und die typischen Dia-de-los-Muertos-Schädel mit Blumen und Herzen sollen wahrscheinlich die Beziehung zum Tequila herstellen. Das passt genau so, wie es ist, finde ich.

Ein durchdachtes Produkt, sauber gemacht, mit einer interessanten Prämisse, ohne dabei ins Gimmickhafte abzugleiten: Mir macht der Smokehead Terminado Spaß. Für Scotchfreunde, die offen für neues sind, sicherlich empfehlenswert, und insbesondere aber auch für Tequilanerds, die mal erleben wollen, wie sich der mexikanische Brand in neue Geschäftsfelder entwickelt und auch in höchst unerwarteten Szenarien punkten kann.

Offenlegung: Ich danke Karkalis Communications für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Whiskys.