Smoke on the Water – San Cosme Mezcal

Meine Kollegen im Büro grillen gern. Nein, das ist nicht richtig – sie sind BBQ-Fanatiker, die sich stundenlang über ausgefallene Fleischsorten, Rubs, Ribs, Kohlenanordnungen und Apfelsaftbesprayung des Grillguts unterhalten können. Ich bin mir sicher, für diese Kerle ist Mezcal wie gemacht – auch der San Cosme Mezcal.

san-cosmeWer Spirituosen, die einen schon beim Öffnen der Flasche mit ultra-rauchigen Aromen anspringen, interessant findet, ist beim Mezcal genau richtig. Jeder Islay-Whisky, den man kennt, ist ein zartes Pflänzchen gegen die qualmende Wucht des Mezcal. Dabei ist er glasklar – aber nur von der Farbe her. Im Mund ist er tiefdunkel, ölig, massiv. Fat Washing (also das Übertragen von fettgebundenen Aromen, wie Pfannkuchen-, Entenfett- oder Walnussgeschmäckern, auf Spirituosen) ist gerade in bei Mixologen, doch das bringt Mezcal schon von sich aus mit: Speck, angebranntes Fleisch, gegrillte Heuschrecken.

Ich bin mir sehr sicher – das polarisiert, das ist nichts für jeden. Es gibt Kenner, die den San Cosme als einen „milden“ Mezcal beschreiben; diesen muss ich  meinen Respekt zollen: Mehr Tabak, Leder, Qualm und brennende Autoreifen könnte ich nur mit Mühe verkraften. Vielleicht riskiere ich noch einen Blick auf einen anderen Mezcal, wie den Del Maguey Vida, aber zwei Flaschen dieses mexikanischen Räucherwerks im Haus… na, da bleib ich doch lieber erstmal beim duftig-floralen Tequila, mit dem ein Mezcal geschmacklich nur am Rande etwas zu tun hat, obwohl sie aus derselben Pflanze (aber unterschiedlichen Arten: Tequila aus der Blauen-Weber-Agave, Mezcal aus der Espadín-Agave) hergestellt werden.

Persönlich finde ich den bacon-rauchigen Geschmack des Mezcals etwas drängelnd, Purtrinken ist zwar durchaus möglich und in gewissen Situationen auch ansprechend, aber dazu muss man „in the mood“ für solche starken, strengen Mundgefühle sein. Weswegen der Cocktail Los Muertos es genau richtig macht, und mit den Fruchtaromen von Zitronensaft, Cointreau und Absinth das Geschmacksbild etwas aufhellt – so trinkt sich der San Cosme Mezcal sehr süffig und, überraschenderweise, erfrischend.losmuertos-cocktail


Los Muertos
1 oz San Cosme Mezcal
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Cointreau
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Zuckersirup
1 Barlöffel Absinth (z.B. Absinthe Emanuelle)


Eine unauffällige Flasche wird durch ein sehr auffälliges Etikett aufgehübscht. Der Korken war bei meiner Flasche etwas undicht, und das hätte fast das Auto meines Kollegen in einen amerikanischen Smoker verwandelt, auf dem Rückweg vom Großhandel Metro, in dem es diesen Mezcal für 28€ zu kaufen gab.
san-cosme-etikett Eine hochinteressante, spannende, starke, erdige, bodenständig-unraffinierte Spirituose – ich hoffe, in Zukunft auch in Cocktailbars davon zu hören. Natürlich wird sie es dabei schwer haben, mit all den Rauchverboten.

Eher Charlton Heston als Cary Grant – Old Grand-Dad Bourbon 40%

In medias res, passend zum Charakter dieses Bourbons aus dem Hause Beam: Einleitungslos, zumindest vom Geruch her, springt einen dieser alte Großvater ohne viel Federlesen an. Das ist mit weitem Abstand der fruchtigste Whiskey, den ich bisher riechen konnte. Leicht zitronig, stark aprikosig, wie ein Früchtekorb. Im Hintergrund ist aber auch eine weiche, hefige Note erkennbar. Insgesamt für die Nase eine Sensation.

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Ein Großteil dieser Fruchtigkeit kann sich dann auch in den Mund transportieren, aber erst im zweiten Anlauf, und selbst dann dezent. Die ersten Eindrücke sind eher von einem neutral schmeckenden Alkoholbrand geprägt, den der Old Grand-Dad mitbringt – und das, obwohl er 2012 sogar von 43% auf 40% reduziert wurde. Etwas bitter ist er auch, und hinterlässt ein trockenes Mundgefühl, ist eindeutig eher würzig als süß. Insgesamt überhaupt kein Vergleich zur herrlichen Geruchsexplosion, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Bis auf die lange betäubte Zunge bleibt auch wenig Aroma im mittellangen, eher in Richtung kurz tendierenden Abgang am Gaumen. Ganz spät kommt zum Schluss dann die Frucht wieder durch. Man merkt die üppigen rund 30% Roggenanteil in der Mashbill, ein hoher Wert für einen Bourbon.

Ein gnadenloses Spiel mit den Emotionen also. Riesige Freude, gefolgt von Enttäuschung, mit ein bisschen Happy-End. Ein amerikanisches Melodrama mit einem trotz des Namens eher jugendlich-frechen Hauptdarsteller. Von einem Whiskey mit so einem Namen hätte ich ein gesetzteres, weicheres, gebildeteres Wesen erwartet; aber es gibt ja auch diese grantigen alten Säcke, die immer am schimpfen sind und denen man es nie recht machen kann: der Old Grand-Dad ist so ein alter Sack. Beim Trinken sehe ich immer Charlton Heston mit dem Gewehr in der Hand vor mir.

Wer auf kräftige, würzige Old-School-Whiskeys mit klarem Geschmacksprofil ohne Tirili steht, macht hier nichts falsch. Ein geschmacklich etwas langweiliger, aber von den Aromen recht typischer Bourbon, der mit seiner Nase auftrumpfen kann – schon allein für dieses Geruchsspektrum lohnt sich die Anschaffung für Whiskey-Freunde. Sonst empfinde ich ihn eher als Mixer für Cocktails; ich denke, dass er in allen Cocktails gute Dienste leistet, durch seine Art vielleicht aber eher in einem Whiskey Sour als in einem Manhattan. Zum Test habe ich mir eben einen Prospector mit ihm gemischt: Für andere Cocktails, die vom feinen Whiskey leben, kann er als einen Tick zu kratzbürstig empfunden werden.

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The Prospector
2 oz Old Grand-Dad Bourbon
¾ oz  Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
½ oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Sweet)
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters


Die Flasche ist sehr ansprechend, ich mag diese wuchtigen, runden Flaschen. Ein riesiger Korkstopfen rundet das Äußere perfekt ab, hier habe ich wirklich nichts zu meckern.

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Ich denke aber, dass ich den 114-Proof dieser Sorte doch noch probieren muss, und erhoffe mir von ihm dann die gewisse Rundheit, die dieser einfache 80-proof des Old Grand-Dad vermissen lässt, und eine weniger sprunghafte Persönlichkeit. Interessant, dass Beam sowohl diesem deftigen Whiskey als auch dem sehr viel zarteren Basil Hayden’s denselben Paten gegeben haben (denn genau Basil Hayden ist es, der als „alter Opa“ mit seinem Konterfei auf dem Etikett zu sehen ist); unterschiedlicher können Whiskeys kaum sein.