Noch schnell auf den fahrenden Zug aufgesprungen – Beck’s Pale Ale

Auch meine Cocktailbar des Vertrauens wurde modernisiert: Ein neuer, cooler Kühlschrank, blickdicht, mit großen Logos der neuen Beck’s-Produkte drauf. Und in der Karte taucht auch nun das Beck’s Pale Ale auf, passend zur steigenden Nachfrage nach alternativen Biersorten.

Beck's Kühlschrank

Ich mach’s kurz. Das, was Beck’s hier unter dem aktuell beliebten Etikett des Pale Ale verkauft, ist sensorisch ein Pils. Es riecht wie ein Pils, es schmeckt wie ein Pils, es sieht aus wie ein Pils. Ein leicht säuerliches, hopfiges Pils, aber dennoch.

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Natürlich musste ein so großer Bierhersteller noch irgendwas ins Programm nehmen, um den aktuell so Craft-Beer-verrückten Konsumenten etwas bieten zu können, das sie sonst woanders suchen würden. Und es verwundert nicht, dass ein Hersteller seine industrielle Produktion nicht auf einen anderen Biertyp umstellen will, mit all dem Risiko, das damit verbunden wäre. Daher nehmen sie einfach ein Pils, kippen noch ein wenig Extrahopfen dazu, lassen einen Designer ein fesches Etikett machen, und bumm! Hat Beck’s eine Spezialitätenbier-Nische aus dem Boden gestampft. Ich übertreibe hier natürlich, ich glaube schon, dass Beck’s ein „echtes“ Pale Ale anbietet – nur ist es halt ein extrem langweiliges, auf den Massengeschmack gebürstetes, bloß nicht zu extravagantes Pale Ale ohne jeglichen eigenen Charakter.

Geschmack ist hier zweitrangig, es geht darum, nicht mehr Boden zu verlieren. Und ein paar Leute, die ihr Pils gewohnt sind und außer diesem Pils eh nur selten was anderes trinken würden, werden mit diesem Produkt dazu verleitet, zu glauben, sie wüssten nun, wie ein Ale zu schmecken hat – nur um in den Schoß der Familie und zum Pils zurückzukehren.

Ich hoffe, dass möglichst viele diese Masche durchschauen und stattdessen lieber handwerklich hergestelltes Bier aus Brauereien, die echteres Pale Ale herstellen, trinken, und diese Industriebrühe links liegen lassen.

Der Jüngste der Familie hat noch zu lernen – Ron Botucal Añejo 4 Jahre

Ein leuchtendes Goldgelb verspricht uns beim Ron Botucal Añejo 4 Jahre bereits ein ähnlich kräftiges Aroma. Die Nase ist herrlich würzig, voller Karamell, etwas Vanille, einer gewissen aromatischen Note (manche sagen dazu Lösungsmittel). Im Mund wird dann ein Großteil der Aromen erstmal vom starken, brennenden Alkoholgeschmack neutralisiert, bevor sie eine Chance haben, sich auszubreiten. Man ahnt und fühlt mehr die Dichte und die Würze, als dass man sie schmeckt – erst mit dem Nachgeschmack kommen Eiche, Nüsse, dunkle Früchte und Pfeffer zum Vorschein; die süßen Anklänge der Nase sind fast völlig verschwunden. Der Abgang ist, wie nach dem Mundgefühl schon zu erwarten war, recht kurz und eher bitter-trocken.
botucal-1 Als Rum zum Purtrinken empfehle ich diesen vierjährigen Venezuelaner daher nicht: Zu forsch, zu brennend, zu jung, um wirklich für einen Gourmet interessant zu sein. Man erkennt aber durchaus schon das Potenzial, das in ihm schlummert, und nur darauf wartet, durch weitere Reifung zur Blüte zu kommen (was im Reserva Exclusiva des gleichen Herstellers dann gipfelt – auch was Zucker angeht ist da eine Steigerung drin). Durch die dunklen Aromen, und seine starke Ader, ist er letztlich dann eher als Qualitäts-Mixrum geeignet.
botucal-2 Aber auch aus einem so würzigen Rum kann man einen luftig-erfrischenden Drink machen: Der Air Mail ist ideal als spannender Apéritif, in dem die Trockenheit und Frucht des Crémants mit der dunklen Würzigkeit des Botucal Añejo spielt.

Air Mail


Air Mail
2 oz Botucal Añejo 4 Jahre
½ oz Limettensaft
1 Teelöffel Honig
…aufgießen mit ca. 5 oz Crémant oder trockenem Sekt


Die Botucal-Flaschen gefallen mir sehr in ihrer Form, bauchig, rund, kraftvoll. Eine nette Idee, die Flaschen mit zunehmender Reifung des Inhalts immer undurchsichtiger zu machen – so erkennt man sofort, welche Alterungsstufe man im Regal vor sich hat. Ein guter Korkstopfen, ein sehr hübsches Etikett: Ein rundes Paket für Mixologen, und mit Einschränkungen auch für Rumliebhaber mit Hang zum Kräftigen.

Dunkle Farbe, helle Seele – Sierra Nevada Stout

Selbst, wenn man das Sierra Nevada Stout gegen das helle Sonnenlich hält: Kein Strahl schafft es durch die pechschwarze Flüssigkeit. Nur Reflexe am Boden des Glases deuten an, dass dieses Stout eigentlich „nur“ dunkelbraun ist. Eine cremige Schaumkrone bildet ein spannendes Kontrastprogramm dazu.

sierra-nevada-stoutKurz geschnuppert, und schon erkannt: Der typisch malzig-metallische Geruch eines Stouts, ganz leicht eine mulchig-würzige Komponente, Pferdestall könnte man sagen. Feinperlig blubbert es nur dezent vor sich hin, wenn man das Glas schwenkt. Im Mund gibt es dann eine dichte Schwade von Röstaromen, malzig-süß, aber auch eine klar schmeckbare deftige Hopfennote, die für die angenehme Bitterkeit im Rachen und im Nachgang sorgt und sich schön gegen die Süße des Malz durchsetzt. Gut gekühlt ist dieses Stout auch ein wunderbarer Durstlöscher, und passt zu deftigem Essen. Fein, aber nicht aufdringlich, und mit 5,8 Volumenprozent auch nicht übermäßig stark.

sierra-nevada-stout-2Die Flasche ist etwas gedrungen, aber nicht zu „fancy“ für ein Bier, mit einem schön gestalteten Etikett, das wohl die Lagerhäuser der Firma, hübsch umrahmt von Gersten- und Hopfendolden. Auf dem Kronkorken steht, dass man einen Flaschenöffner benutzen soll – drehverschlussverwöhnten Amerikanern erspart das vielleicht ein paar Handflächenwunden.

Und da sage noch einer, die Amis könnten kein Bier brauen! Dieser kalifornische Hersteller gehört inzwischen zu meinen Lieblingsbierbrauern, hochqualitative Produkte, naturnah hergestellt.

Südamerika ist nicht nur Rum – Pisco Barsol Primero Quebranta

Nein, ich will mich nicht über den Staatsstreit zwischen Peru und Chile auslassen, wer nun den „echten“ Pisco herstellt, wer damit angefangen hat und wer nur kopiert. Persönlich ist mir das egal – ich mag beide Sorten.

barsolBeim Pisco Barsol handelt es sich um einen peruanischen 100%-QuebrantaPisco (so das Rückseitenetikett). Pisco selbst ist ein Weinbrand, hergestellt aus Trauben. Die Farbe ist glasklar, und vom Geruch könnte man ihn durchaus für einen sehr leichten, fruchtigen Brandy halten. Er ist etwas, aber wirklich nur etwas, süßlich, sehr fruchtig, mit wenig Alkoholnoten, den Mund wärmend, mit einem trockenen Nachgeschmack. Pur als Digestif gewiss sehr ansprechend, oder um ein „trou normand“ im südamerikanischen Stil zu machen. Für mich ist er hauptsächlich frische, leichte, helle und nicht allzu süße Cocktailkomponente.

Nun könnte ich hier natürlich als Cocktailrezept den Pisco Sour, das Nationalgetränk Perus, anpreisen. Doch ich mag Rezepte, die bekannten Gesichtern eine eigene, sich erstmal verrückt anhörende Note geben. Probieren Sie also mal den Mardi Gras Pisco Sour.

Mardi Gras Pisco Sour


Mardi Gras Pisco Sour
1 oz Pisco Barsol
1 oz Bourbon (z.B. Maker’s Mark)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Starker, abgekühlter Kaffee
¾ oz Limettensaft
1 oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
1 Eiweiß


Das ganze sehr sehr gut auf Eis shaken, und am Ende den Schaum mit den 3 Spritzern Selleriebitter garnieren; diese sorgen für einen interessanten Geruch beim Trinken.

Zum Gesamtpaket einer Qualitätsspirituose gehört immer auch die Präsentation, das heißt die Flasche und das Etikett. Barsol überzeugt auf voller Linie in diesem Aspekt – die Flasche ist ausgesprochen edel, mit eingelassenem Logo und sehr ansprechender Form, das Etikett lässt mich an südamerikanische Bars der 30er Jahre denken, wie man sie aus Schwarzweißfilmen kennt. Eine Präsentation, die zum Inhalt passt.

Zartes Bourbonpflänzchen in der harten Welt – Four Roses Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Die Farbe dieses Bourbonklassikers ist blassgolden, die Nase hefig, etwas säuerlich; Eigenschaften, die ein Qualitätswhiskey eigentlich durch lange Fasslagerung abgestellt hat. Dafür riecht man kaum Alkohol, insgesamt wirkt er vom Geruch her aber dann doch sehr mild und süß mit den typischen Bourbonaromen.

Im Mund schießt erstmal ein leichtes Alkoholbrennen vor, das aber schnell durch eine sehr feine, zurückhaltende, dezente Süße abgelöst wird. Vanille, Karamell und ein Anflug von Eiche geben dem Four Roses Kentucky Straight Bourbon Whiskey eine durchweg angenehme, klassische Note. Der Abgang ist kurz, praktisch komplett ohne das Brennen des ersten Antritts – äußerst mild und sanft, dafür aber auch ähnlich zurückhaltend, was die Aromenvielfalt angeht.
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Zum Purtrinken finde ich diesen Whiskey, ehrlich gesagt, dann aber doch im Gesamtbild zu langweilig. Ein paar Jahre mehr im Fass, und die leichte Schärfe wäre weg, immer ein Zeichen junger Spirituosen. Doch trotzdem empfehle ich den Kauf – als Cocktailmixer ist dieser Whiskey einfach unschlagbar. Er bringt ein zartes Bourbonaroma in jeden Whiskey-Cocktail, ohne zu aggressiv vorzugehen: Zum Beispiel in meiner persönlichen The Avenue-Variation, in der Bourbon und Calvados sehens- und schmeckenswert um die Vorherrschaft kämpfen.

The Avenue


My Avenue
1 oz Four Roses Kentucky Straight Bourbon Whiskey
1 oz Calvados (z.B. Couperne Fine Calvados VSOP)
1 oz Orangensaft (eigentlich: Maracujasaft)
1 Spritzer Grenadine
1 Spritzer Orangenbitter (eigentlich: Orange Flower Water)


 

Die Geschichte dieser „Variation“ ist die Not: Ich hatte bereits Bourbon und Calvados in meinem Shaker zusammengeführt, und als ich das Tetrapack mit Maracujasaft, der eigentlich reingehört, öffnete, starrte mir der Schimmel entgegen. Was tun? Orangensaft her. Kein echter Ersatz, aber bevor ich die guten Spirituosen wegschütte… dann stelle ich fest, ich habe auch kein Orange Flower Water (hätte das Rezept vorher besser lesen sollen). Naja, ein Spritzer Orangenbitter, zusammen mit dem Orangensaft, ist ja auch genug Orange. So entstehen Kultgetränke. Meine Variation ist kein Knaller, aber man kanns gut trinken.

(Nachtrag 04.01.2016: Ich habe in der Zwischenzeit das Originalrezept nachgemixt, und muss sagen: Es ist besser als meine Variante. Es geht halt nichts über ein gutes Rezept, wenn man sich daran hält!)

Meine Lehre? Ich kaufe nur noch Säfte in transparenten Flaschen, da sieht man wenigstens direkt, woran man ist. Und keine Literflaschen, sondern die kleinste Größe, die es gibt. Im Cora in Frankreich gibt es beispielsweise 0,2-Liter-Grapefruitsaft im Glas; und im Bioladen um die Ecke ungesüßten Ananassaft in der gleichen Flaschengröße.

Zurück zum Thema: Four Roses ist trotz aller Kritikpunkte zu meinem Standard-Gebrauchswhiskey geworden. Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis, und damit eine Empfehlung für jede Hausbar, die noch einen Bourbon braucht. Aber man kann ihn auch gut pur trinken, wenn man nicht extrem anspruchsvoll ist – ein Alleskönner also. Kenner werden sich aber doch eher die Small-Batch– oder Single-Barrel-Abfüllungen dieses Herstellers anschauen müssen.

Die schöne schwarze Blechdose, in der die Flasche verpackt war, ist hübsch verziert mit dem Firmenlogo, den Rosen. Diese Edition gab es eine Weile im Metro-Großhandel für knapp 15€ zu kaufen.

Rauchzeichen aus der Karibik – Balmoral Aged 3 Years Coronita

Hin und wieder ergänze ich meinen Alkoholgenuss durch Tabak. Während des Studiums hatte ich mal ein paar Jahre Zigaretten geraucht, das dann aber schnell wieder abgestellt. Nun genieße ich die eine oder andere Zigarre pro Woche. Dadurch, dass man nicht täglich raucht, und wenn, dann qualitativ höherwertigen Tabak, ist dies überhaupt nicht mit Zigarettenrauchen vergleichbar: Hocharomatisch, elegant und traditionsbewusst.

Die Balmoral Aged 3 Years Coronitas sind erstmal eine Augenweide. Jede einzelne Shortfiller-Zigarre ist separat zellophan-verpackt. In der wirklich schön gestalteten Schachtel mit Schubfach liegen die 5 Zigarren mit Banderole nach oben, bereits vorgeschnitten, sehr repräsentativ vor einem.

balmoral-packungZur Größe – die Coronita ist eine Abart der Corona, und noch kleiner als die Petit Corona. Mit 14mm Durchmesser und Länge 98mm  ist sie eine schmucke, kleine Perle unter den Zigarren. Man raucht ungefähr eine halbe Stunde an ihr.

balmoral-grc3b6c39feDer Abbrand ist völlig gerade, der Zugwiderstand perfekt: nicht zu schwer, nicht zu leicht. Das Rauchvolumen füllt den Mund wunderbar aus, ein cremig-dichter Rauch fühlt sich gut am Gaumen an. Auch optisch macht die Zigarre was her, mit der schönen Banderole. Das dunkle, etwas dickadrige Deckblatt sieht aber nicht nur gut aus, sondern fühlt sich auch fein an. Der Kaltgeruch ist mild und typisch für diese Tabaksorten.

balmoral-gerauchtSie passt perfekt zu einem Tag im Biergarten, mit einem Bruch Zwickel dazu. Ein sehr milder Geschmack aus den dominikanischen Tabaken, mit Ansätzen von Schokolade durch das brasilianische Mata-Fina-Deckblatt, wird ergänzt durch eine leicht würzige Note: Gegen Ende, in der zweiten Hälfte, nimmt die Würze stärker zu und erreicht fast pfeffrige Qualitäten. Dabei kann man sie wirklich bis zum Schluss, dem letzten Drittel, gut rauchen, denn der Rauch wird nicht heiß oder unangenehm durch die kürzere Länge.

Eine Zigarre, die ich gewiss wieder kaufen werde. Eine ideale Mischung aus leichtem Genuss mit einem gewissen Ansatz von Anspruch, auch wenn sie den wahren Zigarren-Aficionados vielleicht etwas zu leicht daherkommt. Persönlich finde ich alle Zigarren und Zigarillos mit Mata-Fina-Deckblatt köstlich: Überraschend, wie das Deckblatt den Gesamtgeschmack so stark beeinflussen kann.

Für 7,50€ pro Fünferpackung in fast jedem halbwegs vernünftigen Tabakladen erhältlich – auch das ein Pluspunkt für eine Zigarre für Zwischendurch. Ein Schnäppchen.

Karibischer Rosstäuscher – Relicario Ron Dominicano

Ich will gleich zu Beginn ehrlich sein – der Relicario Ron Dominicano ist ein Rum, den ich allein aufgrund der äußerst ansprechenden Verpackung gekauft habe. Wem geht das nicht so, dass das Äußere den ersten Impuls auslöst, der dann zu mehr führt, als man eigentlich will?

relicario-2Die wunderbare, eckige Flasche (übrigens dieselbe, die auch für das Gold of Mauritius als Behältnis dient) mit wirklich schönen, edlen Aufdrucken sowohl auf der Vorderseite, als auch mit einem herrlichen Schifffahrtsmotiv, das durch die Flasche scheint, auf der Rückseite; einer sehr schönen Holzverkleidung für den Plastikdrehverschluss sowie einem üppig gestalteten Pappkarton als Hülle – und dann noch ein tolles Booklet dazu.

relicario-bookletDazu die tiefdunkle, kräftig-braune Farbe. Das Auge hat echt was von diesem Rum aus der Dominikanischen Republik. Was will man mehr.

Genug vom Oberflächlichen geschwärmt. Ich gieße mir einen guten Schuss in ein Verkostungsglas, und nun darf auch die Nase schwelgen. Sehr aromatisch, kräftig, karamellig und dunkel riecht der Rum ähnlich, wie einem das Auge verspricht. Eine minimale Klebstoffnote, die mit der Zeit verfliegt – das sehe ich nicht kritisch, das ist üblich für gealterte Qualitätsspirituosen. Sehr trockenfruchtig, nussig, leicht schokoladig. Ein wirklich sehr schönes, angehmes Geruchsspektrum.

relicarioIm Mund dann der erste Eindruck: Durchaus süß, aber auch hier schon etwas salzig. Schnell setzt dann endgültig die herbe Komponente ein, und ein starkes Alkoholbrennen – kaum zu glauben, wie sehr ein Rum mit „nur“ 40% brennen kann. Das überrascht dann doch sehr, weil man es sonst eher von Billigrums kennt, und der Alkohol dominiert dann schließlich jede andere Geschmacksnote. Insgesamt nur wenig Körper, kaum Volumen, enttäuschend eindimensional verbleibt er dann am Gaumen. Die herbe Note übernimmt am Ende und kann noch etwas mit nussiger, lederner Trockenheit punkten – man muss so einen Geschmackseindruck bei Rums aber mögen; wer eher auf Süßes steht, wird wenig Freude haben. Ich mag das eigentlich schon, wäre da nicht die zungenbetäubende Alkoholstrenge.

Ich bin nur mäßig begeistert. Ich sehe bei diesem Rum nur wenig „Sipping“-Potenzial, sondern werde ihn als Premium-Mixrum nutzen. Gerade die Trockenheit macht ihn dann für manche Cocktails spannend, wie dem Cool Orchard, in dem er toll gegen die süßen Säfte auftrumpfen kann.coolorchard-cocktail


Cool Orchard
1½ oz Relicario Ron Superior
1 oz Ananassaft
½ oz Ingwersirup
½ oz Limettensaft
¼ oz Mandelsirup
¼ oz Vanilleschnaps


Insgesamt bin ich immer geneigt, das Gesamtpaket zu sehen, und das ist beim Ron Relicario am Ende in der Bilanz dann doch positiv, auch wenn ein Großteil davon rein das Auge und die Nase erfreut. Doch ein paar Jahre mehr im Fass hätten diesem Blend aus drei Rums ganz gewiss die endgültige Reife gegeben, das gröbste Brennen entfernt, was ihn zu einem großen Rum gemacht hätte.

Nachtrag 06.02.2016: Wie so vielen Rums wird auch diesem Rum Zucker zugesetzt, ohne dass es auf dem Etikett vermerkt ist. Nachdem ich nun mein Aräometer selbst auch einsetze, um meine Rums zu vermessen, musste ich hier leider 12 g/L Zucker nachweisen. Es ist ein Wunder, dass selbst mit soviel Zucker dieser Rum noch so körperlos daherkommt. Irgendwie kann ich mir nicht erklären, warum jemand, wenn er schon manipuliert, es dann nur so halbherzig tut. Echte Rumfreunde hat er schon bei einem Gramm verloren, da hätte er mit einer Handvoll mehr Zucker wenigstens die Rumlikörfreunde erfreuen können.

Dazu kommt, dass der Master Blender dieses Rums just zugegeben hat, dass dieser Rum aromatisiert ist – hier nachzulesen (auf Französisch): In der Rumbasis werden Trockenfrüchte und anderes mazeriert. Damit ist der Relicario für mich kein Rum mehr.

バレルのうち – Nikka from the Barrel Blended Malt Whisky

Wie üblich beginnen wir beim Farbeindruck – bernsteinfarben lächelt uns der Nikka from the Barrel Blended Malt Whisky aus dem Land des Lächelns an. Die Nase ist sehr fruchtig, karamellig und voller Vanille. Wie ein Bourbon, denkt man sich bei diesem japanischen Blended Whisky für einige wenige Sekunden, und ist dann um so überraschter, dass man unvermittelt eine plötzliche Wandlung vom Bourbon zum Scotch mitverfolgen kann.

nikka

Japanischer Whisky ähnelt ganz klar mehr dem schottischen als dem amerikanischen Typ. Auch beim Nikka from the Barrel finden sich torfige, medizinale Noten, die beim Mälzen der Gerste entstehen. Dabei ist er nur minimal rauchig, und eher fruchtig-süß, sehr ausgewogen und vom Master Blender perfekt abgestimmt: ein außergewöhnlich rundes, dabei aber durchaus maskulines Mundgefühl lassen mich jeden Schluck einzeln verträumt genießen. Die Krönung ist dann ein dichtes Kakao- oder Schokoladenaroma, das den Whisky weich umschließt.

Bei dieser Alkoholstärke von 51,4% empfehle ich, ein paar Tropfen Wasser zuzugeben. Durch diese wenigen Tropfen entfaltet sich erst der wahre, volle Geschmack durch das Aufbrechen der Verbindung von aromatischen Molekülen an den Alkohol, und die Geschmacksknospen werden auch nicht so stark betäubt und können dadurch die Aromen besser weitergeben. Das hat mit „Verdünnen“ nichts zu tun – es ist einfach ein Mittel, die wahre Essenz, das Beste aus diesem Whisky hervorzuholen. Probieren Sie es aus – 3:1 oder 4:1, und wie von Zauberhand werden weitere, vorher verborgene Aromen freigesetzt. Da riecht man plötzlich die Zitrusfrüchte, und schmeckt man plötzlich das Malz in einer ungeahnten Form. Wasser ist der beste Freund des Whiskys.

Scotchähnliche Spirituosen, wie dieser Whisky, sind schwierig in Cocktails zu verarbeiten. Der Rattlesnake Cocktail aus dem Jahr 1930 dagegen lässt sich vom Whisky tragen, und die weiteren Zutaten geben dem Getränk einen kleinen Twist; das Eiweiß schließlich verleiht dem ganzen eine herrlich sämige Konsistenz und ein wunderbares Schaumkrönchen.

Rattlesnake


Rattlesnake Cocktail
1½ oz Nikka from the Barrel
1 Teelöffel Limettensaft
1 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Gomme Sirup
½ Eiweiß


Die Flasche zeigt, dass man auch mit Understatement protzen kann. Eine wunderschöne, reduktionistische, Halbliter-Designerflasche mit einem hochqualitativen Schraubverschluss und einem hübschen, ebenso typisch japanisch zurückhaltendem Etikett, das ganze passgenau verpackt in einem dezenten Karton – Qualität muss nicht schreien, um gehört zu werden. Ein kleines Kästchen, ein riesiger Inhalt.

nikka-bottleLassen Sie sich auf diesen wunderbaren Blended Whisky ein, der ohne Mühe in der Weltspitze der Whiskys mithalten kann.

Gegen das Reinheitsgebot – Wolfberger Amer Bière Orange

Wieder eine dieser Zutaten, die man hin und wieder in Cocktailrezepten findet, und mit denen man oft erstmal nichts anfangen an. Amer, Amer Picon, Amer Nouvelle, Amer Bière – letztlich ist das alles grob dasselbe: Ein französischer, leichter Bitterapéritif, erinnernd an italienische Amaros, mit Fruchtaromen (hier: Orangen) versehen. Picon ist der vielleicht noch bekannteste Hersteller von Amers in Deutschland.

amer-biere-1Wolfberger ist eine im Saarland sehr bekannte elsässische Kellerei, ansässig in Colmar, die einen recht guten Crémant und ähnliche Schaumweine herstellt – und eben diesen Amer Bière Orange. So genannt, weil ein Haupteinsatzgebiet dieses Bitters aus Orangen, Chinarinde und Enzian die Vermischung mit Bier ist: Ein Aromazusatz, sehr beliebt im Elsass, wo es auch noch weitere Geschmacksrichtungen gibt, zum Beispiel mit Zitrone.

Pur kann man sich diesen französischen Leichtbitter so vorstellen: Nehmen Sie einen Amaro wie Ramazotti, Cynar oder Fernet Branca, und verdünnen Sie ihn 1:1 mit Wasser, geben vielleicht einen Spritzer Orangenbitter dazu. Das kommt ganz gut hin. Eine wirklich leichte, angenehme, auch sehr gut pur trinkbare Spirituose, mit 15% Alkohol auch nicht zu kräftig – mit einem Eiswürfel, oder etwas Sprudel, vielleicht sogar Sekt oder Crémant: hmmm, lecker.

Als Cocktailzutat vergleiche ich ihn auch mit Amaros. Sie kommen gerade nicht an diese Spirituose ran, brauchen einen Ersatz dafür für einen Cocktail? Nehmen Sie meine oben vorgeschlagene Verdünnungsvariante, das gibt einen sehr passablen Ersatz. Doch das Original ist halt immer besser als ein Ersatz, wie man im sehr leckeren Sanctuary sieht.

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Sanctuary
2 oz Dubonnet Rouge
1 oz Wolfberger Amer Bière Orange
1 oz Triple Sec (z.B. Le Favori)


Nun aber zum Bier-Vermischungstest. Zwei recht unterschiedliche Biere habe ich mir ausgesucht, die mit dem Amer aus dem Hause Wolfberger aromatisiert und dann verkostet werden sollen: Ein bayerisches Hefeweizen und ein saarländisches Pils.

Ein Paulaner Hefeweizen, wie man es aus dem Biergarten kennt, soll der erste Kandidat für den Bierzusatz sein. Schönes ocker, herrliche Schaumkrone, leichter Geschmack – ein Sommergetränk. Ein kräftiger Schuss Amer Bière Orange hinzugegossen, und die Farbe wird einige Stufen dunkler. Der Geruch ändert sich, wird fruchtiger, und man erkennt den Bitterton darin. Der Geschmack schließlich wird doch deutlich verändert – die orangige Fruchtigkeit übernimmt alles, der Biergeschmack ist zwar noch fühlbar, aber klar im Hintergrund und erst im Nachgeschmack kommt er wieder zum Vorschein. Eine leichte Bitternote ganz hinten am Zäpfchen gibt dem sonst eher süßlichen Hefeweizen einen interessanten Touch und fügt etwas Komplexität hinzu.

amer-biere-2Nach diesem ersten Experiment glaube ich allerdings, dass Hefeweizen nicht der ideale Partner für Amer Bière ist – das Weizen ist an sich schon leicht fruchtig und süß, durch den Amer wird das nur noch stärker betont, ist also relativ unspannend. Es gibt einige Fertigmischungen, z.B. von Schöfferhofer, die ein sehr ähnliches Geschmackserlebnis direkt aus der Flasche anbieten. Der nächste Versuch findet daher mit einem Pils statt. Das bevorzugte Pils meiner Region ist Karlsberg Urpils.

amer-karlsberg-1Hier zeigt sich der Charakter der Geschmackswandlung meiner Meinung nach deutlich besser: Die hopfige Bitterkeit des Pils wird gemildert und durch eine weichere Bitterkeit ersetzt. Die Orange kommt sehr schön zum tragen, wird nicht so sehr durch den Eigengeschmack wie beim Hefeweizen überdeckt. Eine Trockenheit am Ende gleicht die süße Fruchtigkeit schön aus. Eine wirklich angenehme Kombination, auch farblich in einem Pariser Rot sehr ansprechend.

amer-karlsberg-2Der klare Gewinner. Das ist was, womit ich meine Kollegen beim nächsten „Bier um Vier“ bei uns überraschen werde – ich bin gespannt auf die Reaktionen der „harten Kerle“, wenns um so einen Zusatz geht.

Als Bierzusatz stellt sich in Zeiten, in denen es Dutzende von vorgemischten aromatisierten Bieren bereits leicht erhältlich gibt, die Frage nach dem Sinn. Für mich ist das leicht zu beantworten – das vorgemischte, standardisierte Zeug ist geschmacklich zwar ähnlich, aber es geht doch irgendwie nichts über das Gefühl des Selbermachens; und man halt statt künstlichen Aromen doch mit dem Wolfberger Amer Bière Orange etwas qualitativ sehr viel hochwertigeres und darüber hinaus traditionelles in der Hand hat – und man seine Lieblingssorte Bier verwenden kann.

Ein Nachtrag – auch wenn diese Sorte Bitter in Deutschland in Vergessenheit geraten ist, im Nachbarland Frankreich sind sie noch sehr beliebt, erkennbar an diesen Schnappschüssen aus einem französischen Supermarkt.

amers-regalamers-regal-2Den Wolfberger dagegen bekommt man auch im saarländischen Globus für 9€ den Liter.

Und noch ein Nachtrag, nach einem Ausflug in die saarländische Kneipenwelt im beliebt-berüchtigten alternativen Nauwieser Viertel. Dort gibt es Amerbier in Kneipen auch auf der Karte, und laut einem diesbezüglich sehr erfahrenen Kollegen ist Amerbier schon immer im Saarland ein beliebtes Mischgetränk gewesen, das sich aufgrund des geschmacklich sehr gut verborgenen Alkoholgehalts hin und wieder als gefährlich erwies…

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Die Katze schleicht ums Haus – Dubonnet Rouge

Die Farbe des Dubonnet Rouge  ist tiefdunkelrot, fast schon bräunlich, und erinnert daneben dann auch vom Geruch an Ruby Port, dazu mit feinen Honigaromen. Der Geschmack ist dann aber noch milder, mit Anklängen von Sangria, Sherry und der leichten Chinarindennote, ohne dabei bitter oder trocken zu werden – das ist was, was man sehr gemütlich am Kamin vor sich hin schlürfen kann, und als Beigabe zum Dessert gewiss viele Freunde findet.

dubonnet-flascheDer Dubonnet übernimmt in vielen Cocktails die Rolle des Wermut. Letztlich ist, wenn man nicht wirklich gleich schweren Portwein einsetzen will, Martini Rosso vielleicht noch das ähnlichste, was man als Ersatz verwenden könnte,  doch selbst dieser recht süße, milde Wermut ist immer noch erkennbar bitterer als Dubonnet. Daher ist Dubonnet ein wunderbares Mittel, eine dichte, schwere Süße mit Rotwein- oder sogar Portweincharakter in einen Drink zu bringen, wie geschehen im folgenden Décolletage-Cocktail.

Décolletage


Décolletage
1½ oz Tequila reposado (z.B. El Jimador Reposado)
1 oz Dubonnet Rouge
½ oz Aperol
¼ oz Fernet Branca
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Chris Hannah]


Dieser Cocktail mag auch als Illustration dafür dienen, wie sich die Zutaten eines Cocktails durch sorgfältige Konstruktion ergänzen können: Die Fruchtig- und Duftigkeit des Tequila, die schwere Süße des Dubonnet, der leichte Bittergeschmack des Aperol und die Mentholnote des Fernet ergeben zusammen ein sehr süffiges, ansprechendes Gesamtbild. Eine Variation, die ich noch ausprobieren will, ist, den Fernet Branca durch Branca Menta zu ersetzen. Etwas stärkere Mentholnote tut diesem schweren Cocktail bestimmt gut.

Und wenn man auf ultrasüße, dichte Dessert-Cocktails steht, sollte man mal einen Fat like Buddha antesten, der auch so schmeckt, wie er heißt.

fat-like-buddha


Fat like Buddha
2 oz gereifter Rum (z.B. Ron Relicario)
¾ oz Dubonnet Rouge
¼ oz Bénédictine
¼ oz Orangenlikör (z.B. Clément Créole Shrub)
Auf Eis rühren.


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Wenig aufregend ist das Flaschendesign, das Etikett dagegen gefällt durch die Retro-Anspielung auf alte Barplakate: Mir gefällt die schwarze Katze, deren Silhoutte man auf der Flasche sieht, und der schwungvolle Namenszug. Ein spannendes neues Mitglied im Team „Mixologie“!