Von der Wurzel zur Frucht – Root to Fruit Kalyx, Ricordino und Camela

Root to Fruit Distillers Titel

Er wird immer stärker – der Trend zu Niedrigprozentigen und sogar Nullprozentigen Genussgetränken. Ich sehe das sowohl an der immer größer werdenden Schar an erhältlichen Produkten, als auch daran, dass bei Spirituosenwettbewerben, an denen ich als Juror teilnehme, inzwischen eine „Non-Alcoholic Drink“-Kategorie vorhanden ist. Ich haben oben absichtlich „Genussgetränke“, und nicht „Spirituosen“ geschrieben, weil eine Spirituose definitionsbedingt Alkohol enthält, gesetzlich sogar einen Mindestalkoholgehalt, aber so langsam muss man sich Gedanken machen, wie man diese Art von Genussmitteln in Zukunft durchgängig benennen will.

Doch darüber müssen sich die als „Aperitive“ bezeichneten Root to Fruit Kalyx, Ricordino und Camela erstmal keine Gedanken machen – da ist man noch klar im Rahmen der Spirituosen, allerdings eben schon auf einer Ebene, die vor ein paar Jahren höchstselten und eigentlich eher Portwein, Sherry, leichten Likören und anderen klassischen Produkten vorbehalten war. Die drei Aperitifs haben, gemäß dem Firmennamen, darüberhinaus die aparte Idee, von Wurzel über Frucht und Blätter bis zur Blüte viele Komponenten in einem Drink abzubilden – und das (auch das ein klarer Unterschied zu der Zeit bis vor wenigen Jahren!) ohne künstliche Aromastoffe und nur mäßigem Zuckereinsatz, es sind eben absichtlich keine Liköre geworden. Kommt bei soviel Ambition auch was Süffiges raus?

RTF Distillers Camela, Ricordino, Kalyx

Ich wage mal die Vermutung, dass die Aussage über den Nichteinsatz von Aromastoffen nicht auch auf Farbstoffe zutrifft, die drei kommen alle sehr bunt daher, insbesondere der Camela Aperitivo Amaro, der in kräftigem Rosenrot leuchtet, im Glas etwas weniger als in der Flasche, erreicht nicht ganz Campari-Niveau, erinnert aber daran. Die Nase gefällt mir schon sehr, man riecht schon direkt eine bunte Mischung aus Kräutern und Früchten – ich habe diverse Aperitifs dieser Art probiert, es geht hier gar nicht darum, dass sich Aromen aus der Herstellung ergeben, sondern um die Abbildung der eingesetzten Materialien. Bitterorange, Granatapfel, Safran, Wermutkraut, ja, das kann ich wirklich alles nachvollziehen in der Nase, das wirkt fruchtig, aber nicht zu süß, mehrdimensional und zum Design passend.

Im Mund kommen dann die Gewürze explosiv zur Geltung, Kardamom, Chili, Pfeffer, Ingwer, alles ist sehr plötzlich sehr präsent, ergibt im Gesamtbild ein stellenweise parfümiert wirkende, sehr exotische, geheimnisvolle Erinnerung an einen persischen Basar. Sehr würzig, vollaromatisch, mit einer interessanten Süßbitter-Balance, sich im Verlauf immer pfeffriger darstellend gefällt mir der Camela wirklich sehr. Der Nachklang ist mild chilischarf, hat immer noch Töne von Kardamom und Wermutkraut. Am Ende bleibt als einziger kleiner Fehler eine fast pappige Süße auf Lippen und Zunge übrig. Letzlich trinkt man das aber auch nicht in Zimmertemperatur pur, wie ich es gerade für die Verkostung getan habe, sondern entweder auf Eis oder im Mixdrink. Als Mysterious Coke – im Verhältnis 1:1 mit einer halbwegs aromatischen Cola gemischt, ich habe hier Jarritos verwendet – ist der Camela ein absoluter Traum, das ist für mich mit das beste Cola-Mischgetränk, das ich kenne. Sollte man unbedingt ausprobieren, die zwei Aromenspektren ergänzen sich unglaublich gut!

Da wurde ordentlich vorgelegt, ich wünsche dem Kalyx Elixir Vivant, dass es sich ähnlich gut schlägt. Die Farbe gibt schon vor, dass wir uns hier in eine andere aromatische Richtung bewegen – rosa, hier deutlich mehr an Blüten erinnernd als das kräftige Rot des Camela. Blumig ist entsprechend auch die Zusammenstellung: Rose, Hibiskus, Zitronenverbene, Veilchenwurzel, das klingt schon schön duftend. Und es klingt nicht nur so – bitterfloral, sehr apart und elegant, leicht, aber aromatisch. Hier passt es wirklich: Der Kalyx riecht nicht, er duftet. Sehr klug, wie die drei Aromen auch in einer Story verortet werden, Camela als orientalisch, Ricordino als italienisch, Kalyx als französisch; und, das ist die Bedingung für mich, solche Marketingtricks zu akzeptieren, es fühlt sich passend an.

Im Mund kommen die Bitteraromen deutlicher vor, in Kombination mit der ausgeprägten Frucht (Himbeere, Grapefruit und Orange werden verwendet) bietet sich ein ungewöhnliches Geschmacksbild an. Durch das Wermutkraut hat man eine gewisse aromatische Nähe zu Wermut, Kalyx ist aber doch deutlich etwas anderes. Ein sehr hübscher, herbfloraler Nachhall klingt noch einige Minuten nach, die Süße würde ich bei allen drei Produkten eigentlich gern weiter reduziert sehen, sie hängt als Effekt ähnlich nach. Auch hier suche ich, dem Produktdesign entsprechend, einen „einfachen“ Drink aus, schließlich holt man sich so einen Aperitif eben, weil man nicht mit vielen Zutaten herumbasteln will, sondern die Vielfalt schon vorgegeben hat. Zur herben Blütigkeit des Kalyx passt meines Erachtens ein halbtrockener Sekt wunderbar. Auch hier kann man sich das Mischverhältnis von 1:1 als Basis für eigene Experimente heranziehen. Der Kalyx Royal ist sicher für ein Essen in netter Gesellschaft eine unerwartete, viele Fragen nach sich ziehende Einleitung.

Kommen wir zum Dritten im Bunde, dem Ricordino L’Essenza della Dolce Vita. Leuchtendes, blasses Gelb sieht man schon in der Flasche, im Glas wirkt die Flüssigkeit fast schon grüngelb. Eine Mischung aus Zitrusfrucht und Kräutern erwartet die Nase – die klar kommunizierte, kurze Zutatenliste ist auch hier ohne viel Mühe erschnupperbar. Zitrone, Limette, Orangenblüte, Basilikum, Rosmarin, Thymian und Angelikawurzel, außer der Zitrone ist aber keine Komponente wirklich im Vordergrund. Ein schön mildes, frisches Bouquet, sehr angenehm zu riechen und gut zusammengestellt.

Im Mund bin ich dann etwas enttäuscht, neben der direkten Süße ist nur etwas recht generisches Zitrus vorhanden, gefolgt von milder Bittere und leichten Kräuteraromen. Ein aromatisches Leichtgewicht – das muss nicht zwingend schlecht sein, nach den zwei Vorgängern fällt es aber deutlich auf, dass der Ricordino etwas schwach auf der Brust ist. Ein kurzer Abgang wird gefolgt von einem Nachhall, in dem die Angelika sich noch etwas zeigt. Hm, ich bin gespannt, ob sich das in einem Mixdrink durchsetzen kann. Erneut: Ein ganz einfaches, Zweizutatenrezept, alles darüber hinaus würde den Ricordino erwürgen. Ingwer und Zitrus, das ist eine grundsätzlich gute Kombination (wie man hört, hilft das auch gegen Viren, ich will hier aber keine Gesundheits-, sondern Genusstips geben). Also, etwas Eis ins Longdrinkglas, einen guten Schuss Ricordino, und das ganze mit gut scharfem Ingwerbier aufgießen und die freche Frische genießen. Ich nenne das einfach mal Ricordino Ginger.

Ich habe hier einen klaren Favoriten – Camela ist mit Abstand der für mich interessanteste Vertreter dieses Trios. Kalyx hat seine sehr spannenden Momente, Ricordino finde ich für mich persönlich dagegen eher langweilig. Auch ist Camela der einzige der drei, der sich meiner Meinung nach in echten Cocktails interessant machen kann, und nicht „nur“ in Longdrinks. Für mich als eher seltenen Konsumenten von einfachen Mischdrinks mit Tonic Water, Ginger Beer oder Bitter Lemon gibt es da nur mäßig viele Anknüpfpunkte. Camela nehme ich, wie gesagt, ausdrücklich aus: Das ist ein aufregender, ungewöhnlicher und unterhaltsamer Aperitif, mit dem ich sicherlich viel anfangen werde (als ersten Versuch ein Spicy Negroni, zum Beispiel).

Ich bin aber auch nicht wirklich die Hauptzielgruppe, glaube ich. Wer schon eine Weile meinen Blog verfolgt, und gern seinen Gästen ähnlich aromatische Drinks servieren will, wie ich sie in meinen Artikeln oft zeige, aber an der Komplexität und dem Aufwand verzweifelt, ist bei diesen Aperitifs dagegen durchaus richtig: man muss keine 20 Zutaten bereit halten, keine komplizierten Mischverhältnisse beachten und viel Barwerkzeug griffbereit haben, sondern kann mit wenigen Handgriffen und simplen Rezepten sehr viel Ungewöhnliches, Überraschendes erreichen. Das ist, denke ich, das Ziel dieser Produkte – und das leisten sie wirklich gut.

Offenlegung: Ich danke RTF Distillers GmbH für die kosten- und bedingungslose, unaufgeforderte Zusendung der drei hier vorgestellten Produkte.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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