Der brennende Wolf – BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021

Gin, eine unverstandene Kategorie. 2021, als ich bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles und beim ISW als Juror diverse Flights von Gins aus aller Welt vor mir auf dem Tisch hatte, wurde es mir wieder einmal äußerst schmerzlich vor Augen geführt, dass man sich nur selbst weh tut, wenn man bei Gin heutzutage nach Wacholder sucht. Die meisten Produkte, die ich dort zu verkosten, beschreiben und bewerten hatte, wiesen nur noch Spuren, wenn überhaupt, von Wacholder auf. Für mich demontiert sich der Gin seit Jahren, er verliert Seele, Kohärenz und Identität – ich hoffe für ihn, dass er nicht enden wird wie die aromatisierten Wodkas, die noch vor wenigen Jahren die Supermarktregale bevölkerten und heute beinahe vollständig verschwunden sind. In der aktuellen Form ist manch ein Gin mühelos durch eine beliebige andere, aromatisierte Spirituose ersetzbar.

Ich gebe zu, ich war darum erstmal extrem skeptisch, als ich den Namen und die Produktbeschreibung des BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021 gelesen hatte – das klang für mich erstmal wie so ein typisches Gimmick-Produkt, das mit fetter Aromatisierung eine mittelmäßige Spirituose aufpeppen und damit den nach neuen Partykicks Suchenden versorgen sollte. Die wilde Aufmachung tat ihr übriges dazu. Gerade heutzutage ist man ja schnell mit Vorverurteilungen und Meinungsbildung auf magerer Faktenbasis, diesem gesellschaftlichen Trend will ich mich eigentlich nicht wirklich anschließen. Darum würde ich sowas nie schreiben, wenn ich nicht direkt danach das Produkt selbst sprechen lassen würde – und, ich spoilere hier mal: wie so oft war das Vorurteil falsch.

BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021

Kristallklar, keine Fehler oder Mängel, optisch gibt es aber über die meisten Gins, egal welcher Art, selten etwas zu meckern. Man spürt beim Schwenken im Glas eine gewisse Trägheit, fast schon ölig wirkt das. Ganz entsprechend das Glaswandverhalten – filmig, beinchenbildend, fett.

Der initial geschilderte Zweifel verflog eigentlich schon beim Eingießen. Wacholder ist sehr präsent, klar alles andere an Botanicals dominierend – ich nähere mich dem einsamen Wolf nicht nur aromatisch, sondern auch schon emotional an, so einfach kann das bei mir sein, was Gin angeht. Ein schönes Kräutersträußchen unterstützt den Wacholder, eine leichte Korianderseifigkeit ist da, sehr deutliche Limettenzeste, und, wenn man es weiß, entdeckt man auch hier schon die Piniennadeln mit ihrer harzigen Art.

BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021 Glas

Ähnlich dem optischen Eindruck ist das erste Mundgefühl, eine fette Textur, schwer und viskos, mit einer grundlegenden, karamelligen Süße, die von der Muskatblüte und den Mandeln kommen könnte und überhaupt nicht künstlich, sondern sogar sehr subtil wirkt. Wacholder ist zunächst auch im Mund vorne, wird aber schnell von den ätherischen Ölen der Limette eingeholt, sie gibt dem Gin schöne Fruchtigkeit, die bis zum Nachklang erhalten bleibt. Leichte Vegetalität kommt von den restlichen Botanicals, sie spielen aber tatsächlich nur eine unterstützende Rolle. Auch das, was mich zunächst etwas abgeschreckt hat, funktioniert wirklich gut: Scotch Bonnet und Habanero. Wer schonmal die Chilisorte Scotch Bonnet (in Supermärkten kann man das leicht kaufen) gegessen hat, weiß, wie abartig scharf das Zeug ist – hier geben die zwei Chilisorten eine spürbare, sehr wirksame, aber keinesfalls übertriebene Pikanterie in den Gin, ohne, dass man sich auch nur ansatzweise die Zunge verbrennt; da hat man wohl dosiert und fein abgestimmt. 44% Alkoholgehalt wirken gut, sogar ein bisschen mehr würde diesem Gin trotzdem gar nicht schaden. Im Nachklang kommen dann nochmal Muskatblüte, Limettenzeste und Wacholder hervor, lang und gaumenkitzelnd scharf klingt der LoneWolf Gin aus. Und er hinterlässt ein leichtes Lächeln in meinem Gesicht – wirklich geschickt gemacht!

Der Warday’s Cocktail tendiert, je nach eingesetztem Calvados, eher zum Süßen. Persönlich mag ich die Kombination Gin-Calvados sehr gern – in diesem Drink wird ein sehr knackiger Gin die benötigte Frische liefern. Der LoneWolf Chilli & Lime Gin tut genau das, und setzt noch ein freches Finish hintan. Ja, der Charakter des Drinks ändert sich, aber, nach meiner persönlichen Meinung, tatsächlich zum Positiven. William J. Tarling hatte sicherlich keinen solchen Gin, als er das Rezept in den 30ern des letzten Jahrhunderts niederschrieb, doch hätte er ihn gehabt, hätte er ihn auch so eingesetzt, da bin ich sicher.

Warday's Cocktail

Warday’s Cocktail
1 oz / 30ml Dry Gin
1 oz / 30ml Calvados
1 oz / 30ml süßer Wermut
1 Teelöffel Chartreuse verte
Auf Eis rühren.

[Rezept nach William J. Tarling]


Auch wenn die Aufmachung sehr plakativ ist, mir gefällt es – mattierte Flasche, ein tolles Etikett mit sehr gelungener Illustration, die auch irgendwie zum Inhalt der Flasche passt. Ein echter Korken müsste für mich persönlich bei einem Gin eh nie sein, hier schon gleich gar nicht, aber ich wehre mich auch nicht dagegen.

Es ist ein schmaler Grat, den manch ein Hersteller geht, und es ist manchmal ein schmaler Grat für den verantwortungsbewussten Spirituosenjournalisten, so ein Produkt zu bewerten, wenn man eigentlich eine Neigung zum Purismus hat wie ich. Ich für meinen Teil kann aber ohne Gewissensbisse sagen, dass ich den LoneWolf Chilli & Lime Gin gern im Glas habe, seine Eigenheiten sind gut in einen vernünftigen, als solchen erkennbaren Basisgin eingearbeitet, ohne dass hier das „New Western“-Pseudogin-Argument hervorgeholt werden muss. Sauber gemacht, mit einem Twist: Das passt genau so.

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose, unaufgeforderte Zusendung einer Flasche dieses Gins.

Bier am Freitag – Gutmann Hefeweizen

Die Gemeinde Fucking in Oberösterreich hatte genug davon, dass Touristen nur deswegen dorthin kamen, um sich mit dem Ortsschild fotografieren oder jene sogar mitgehen zu lassen. Seit Anfang 2021 heißt der Ort offiziell Fugging, und die Gagsammler müssen sich andere Locations suchen, um ihren Durst nach spätpubertären, semiwitzigen Selfies zu stillen. Ich empfehle dazu den oberbayerischen Ort Titting, damit kann man sicher auch viel Spaß haben. Und wenn man schon dort ist, kann man das lokale Bier probieren: das nach dem bayerischen Reinheitsgebot und mit Zutaten aus kontrolliert heimischem Anbau in Flaschengärungsweise hergestellte Gutmann Hefeweizen.

Gutmann Hefeweizen

Ich kenne kaum ein Hefeweizen, das einen derart prägnanten Hefesatz aufweist, wie dieses Bier. Hier kann man deutlichst sehen, warum man ein Hefeweizen einschenkt, wie man es eben tut – das Bier ist fast klar, bis man das letzte Viertel etwas aufschwenkt und dann nachgießt. Man kann der Hefe dabei zuschauen, wie sie das Bier eintrübt, während sie nach unten sinkt. Sehr interessant. Der Schaum ist gemischtblasig und kurzlebig, die Farbe nach der Trübung ein beinahe blickdichtes Safran.

Ganz stark bananig und hefig ist das Bier im Geruch, mit feiner Würze und einem Hauch von brauner Soße, ansonsten eher zurückhaltend. Eine runde Cremigkeit beginnt schon im Antrunk, mit milder Süße und schöner bananig-zitroniger Fruchtigkeit. Sehr breit und voll im Mund, dezent würzig, eine leichte Salzigkeit baut sich auf. Sehr frisch, leicht säuerlich und rezent, dadurch sowohl hocherfrischend als auch leicht. Der Abgang ist dann doch sehr säuerlich, immer noch frisch, für ein Hefeweizen vergleichsweise lang und mit einer Zitronennote. Etwas astringierend, trocken und feinherb. Dies alles schließt einen sehr spannenden und komplexen Geschmacksbogen, ohne je schwierig zu werden, 5,2% Alkoholgehalt tun ihren Teil dazu.

Ein wirklich tolles Bier, definitiv in den Top 3 meiner Hefeweizenfavoriten, mit Tendenz nach ganz oben. Im Sommer unerreichbar. Ich rate jedem Hefebierfreund, jetzt noch schnell zuzuschlagen, bevor der Herstellungsort sich auch nach Tidding umbenennen und der Preis des Bieres wegen der dadurch nötigen Umetikettierung steigen wird!

Karibische Rumreise – Rum Artesanal Barbados WIRD, Guyana VSG und Jamaica HD

Als Dominik Marwede noch bei Rum Artesanal verantwortlich war für die Single Casks, war es immer das gleiche: Er kündigte eine Abfüllung an, den Followern seiner Seite lief der Sabber aus dem Mund und kaum war die Abfüllung kaufbereit, war sie schon weg und das Geheule ging los – wieder nichts bekommen! Die Spezialistenblogs für Rum (nein, ich zähle mich nicht wirklich dazu, ich bin eher ein Spirituosengeneralist denn ein -spezialist) machten immer schon vorab laut Stimmung, kein Wunder, es waren meist auch wirklich außergewöhnliche Fässer, die Dominik da an Land zog. Ich wünsche ihm alles Gute für die Zukunft! Einen Teil seines Erbes darf ich hier nun vorstellen, drei Rums aus der Single-Cask-Reihe des deutschen unabhängigen Abfüllers. Rum Artesanal WIRD Rockley Style 2000/2021 aus Barbados, Rum Artesanal Guyana Enmore Distillery „VSG“ 1985/2021 aus Guyana und Rum Artesanal Hampden HD 1990/2021 aus Jamaica. Allein die Namen sind schon klangvoll; lassen wir die Rumreise durch die Karibik beginnen.

Die West Indies Rum Distillery (meist praktisch abgekürzt zu WIRD) ist eine der vier auf Barbados verbliebenen Destillerien. Der Rum Artesanal WIRD Rockley Style 2000/2021 Single Cask Barbados Rum kommt als erster ins Glas, nach der Destillation wurde er laut den Angaben auf dem Etikett 21 Jahre gereift und dann mit 47,1% abgefüllt; nur knapp über 300 Flaschen resultierten aus dem Fass. Ich hätte mir gerne eine ganze Flasche davon gegönnt, allein war sie schon, wie bei vielen Rum-Artesanal-Single-Casks, schon kurz nach Veröffentlichung ausverkauft. Immerhin komme ich durch das Sample an die Möglichkeit zu prüfen, ob ich wirklich was verpasst habe.

Rum Artesanal WIRD Rockley Style 2000-2021 Single Cask Barbados Rum

Helles, etwas blasses Gold, ein sehr ehrlicher Farbton, an dem offensichtlich nicht nachgeholfen wurde. Dicke Schlieren bilden sich an der Glaswand, gemütlich laufen sie ab. In der Nase finde ich zunächst den Geruch von Wachs, insbesondere das von Wachsmalstiften, es ist ein typisches Kennzeichen dieser Rumart, die man in Kennerkreisen „Rockley“-Stil nennt. Pfirsich und Honig, ein bisschen einer medizinalen, harzigen, fast phenolischen Komponente gibt Charakter. Feuchte Schwarztee- oder Oolongteeblätter übernehmen die Nase nach einer Weile. Initial wirkt der Rum im Mund süßlich, nach Pfirsich, Honig und eben diese Teeblattnote. Eine leichte Säure kommt auf, dazu eine milde Bittere – aber insgesamt finde ich kaum wirklich Aufregendes am Gaumen. Der sehr kurze Spannungsbogen lässt nach der Vorfreude des Geruchs etwas Enttäuschung zurück, der kurze Abgang bestätigt dann das weiter, da bleibt kaum etwas zurück. Mein etwas flapsiges Fazit: Tolle Nase, wenig dahinter. Um zurückzukommen zum Anfang der Verkostung: ne, ich habe nichts dramatisches verpasst.

Ich ahne schon, dass sich das mit dem nächsten Sample ändert. Der Rum Artesanal Guyana Enmore Distillery „VSG“ 1985/2021 hat die meisten Jahre des Trios auf dem Buckel – 36 Jahre, das ist für Rumverhältnisse schon steinalt. Anfang der 2000er war es möglich, solche Produkte auf dem ganz normalen Markt zu Spottpreisen zu kaufen, allein es wollte scheinbar keiner – erst die Renaissance des Rums sorgte dafür, dass wir bei Rum dem Scotch, was die Preisgestaltung angeht, nun in nichts mehr nachstehen. Das Mark „VSG“ deutet auf die hölzerne Versailles-Potstill hin, noch etwas ganz Besonderes, gerade für mich, der ich Enmore-Rums sehr mag. Rein vom Etikett ist das also ein Gewinner – aber probieren wir erstmal.

Rum Artesanal Guyana Enmore Distillery VSG 1985-2021

Dunkles Gold, Bernstein – eine hübsche Farbe, ohne Fehler oder Einschlüsse. Eine schöne Schwere ist beim Schwenken erkennbar, das Glaswandverhalten verhält sich mit vielen Beinchen entsprechend. Auch für diese Art Rum gibt es ein Erkennungszeichen, wie man das beim oben geschilderten Rockley-Stil auch schon hatte – hier sind es frisch gespitzte Bleistifte und Zedernholz. Es kommt aber auch eine wachsige Komponente dazu, und ein ganzes Kräutersträußchen aus getrockneten Heide- und Gartenkräutern, feuchtes Holz und Cola. Mildesterige Frucht, etwas Bitterorange, minimale Medizinalität mit etwas Eukalyptus; das mag ich. Die 54,3% Alkoholgehalt merkt man, wenn man zu tief schnuppert. Sehr cremig beginnt er im Mund, leicht streuselkuchig, süßfruchtig und sehr mandelig, süß und schwer. Diese Gebäck- und Trockenobstnoten gehen im Verlauf deutlich zurück, die Süße wird durch knackige, trockene Bittere ersetzt, eine fast pfeffrige Schärfe lässt den Gaumen zunächst glühen, um ihn dann mit Eukalyptus und Minze abzukühlen bis hin zum eisigen Hauch des Nachhalls, in dem leichte Anistöne und etwas ganz mildes Süßholz dazukommen und den Charakter des Rums endgültig komplett ändern. Der Abgang ist mittellang, sehr aromatisch, klingt mit etwas kräuterigen Tönen sehr vegetal, leicht schwefelig und holzig, aber keinesfalls, trotz des Alters, überholzt aus. Ein sehr attraktiver Rum, der meinem persönlichen Rumgeschmack wirklich entgegen kommt, das würde ich echt gern öfter trinken – bei rund 500€ für den halben Liter wird das aber nicht passieren können, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Hampden, das ist immer eine Arbeitsanweisung dafür, dass man in einer Verkostungsreihe dieses Produkt besser ganz nach hinten stellt. Auch der Rum Artesanal Hampden HD 1990/2021 ist mit seinen 30 Jahren dafür sicherlich keine Ausnahme.

Rum Artesanal Hampden HD 1990-2021

Farblich sieht man blasses Gelbgold, aber bei einem Hampden dieser Art hat man eigentlich eh kaum Chancen, sich auf die Farbe zu konzentrieren, denn schon beim Eingießen, und auch Minuten danach, strömt einem der bunte Fruchtkorb des High-Ester-Rums entgegen. Überreife Ananas, fauliger Pfirsich, verrottende Banane, der übliche Inhalt des Biomülls eben, wenn man sich einen Fruchtsalat gemacht hat. Pferdeschweiß, speckiges Reitstiefelleder und nasse Tennissocken geben ihren ganz eigenen Reiz dazu, ich möchte hierbei nochmal explizit darauf hinweisen, dass für den Liebhaber dieser Aromatik der chinesische Baijiu durchaus ein Blick wert sein kann. Insgesamt wirkt das aber dennoch rund und gut integriert, auch die 57,8% Alkoholgehalt, da hatte ich schon Hampdens im Glas, die sich viel kratziger und biestiger zeigten. Das setzt sich auch im Mund fort, obwohl dort die kantige, körnige Trockenheit eines Hochesterrums schon etwas schwieriger ist. Sehr fruchtig, leicht getreidig fast schon, süßbitter und eiskalt voller Eukalyptus und milder Minze, mit Anflügen von Lakritz. Salzig und dabei fett in der Textur, eine Mischung, die spannend ist, aber mit der sicher nicht jeder warm werden kann. Ein kalter, teeriger, kaltrauchiger Nachhall, effektvoll am Gaumen und der Zunge bleibend, klingt noch eine ganze Weile nach. Manche sagen, dass Hochesterrums nicht zum Purgenuss erfunden wurden; zumindest bei diesem hier funktioniert das eigentlich noch ganz gut, wir sind aber auch noch nicht am obersten Ende der Estergehalte angelangt. Das hat was!

Drei Rums, drei Eindrücke, drei Charaktere. Eine schöne Reise durch die Bandbreite, die Rum Artesanal da aufspannt mit ihren Single-Cask-Abfüllungen. Wer offen ist für ungewöhnliche Geschmäcker, und das für den Kauf nötige sehr dicke Portemonnaie hat (und dazu noch den Jägerinstinkt, so eine Flasche überhaupt zu erwischen!), der bekommt dann was wirklich Besonderes für die exklusive Heimbar. Zuviele Flaschen davon werden sicherlich in Sammlerschränken ein trauriges Staubfängerdasein fristen – umso schöner ist, dass Rum Artesanal diese Samples verteilt hat.

Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Samples.

Bier am Heiligabend – Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout

Man merkt das an Collab-Brews, an Zusammenarbeiten vieler kleiner Brauereien, dass die Craftbierszene zusammenhält. Und da tut man, was man kann, um sich und das Umfeld zu unterstützen. So ist das Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout einem verstorbenen Freund gewidmet, und die Gewinne aus dem Verkauf geht an dessen Familie – eine schöne Aktion, die einfach dadurch unterstützt werden kann, indem man das Bier kauft. Aktuell ist es ausverkauft, aber die Website der Brauerei kündigt eine Neuauflage an.

Zum Produkt selbst – ein kleiner Flüchtigkeitsfehler auf dem Rücketikett hat mich zur Nachfrage bei Oliver Wesseloh veranlasst: Normalerweise ist die Rum-Edition in Rumfässern aus Barbados (von Plantation) gelagert; für die vorliegende Auflage konnte der Fasshändler allerdings (nicht genauer spezifizierte) Ex-Rumfässer von den französischen Antillen besorgen.

Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout

Schwarz wie die Nacht, mit höchstens dunkelstbraunen Reflexen, fließt das Bier ölig schwappend ins Glas, man erkennt hier schon eine fette Konsistenz; dreht man das Glas langsam beim Eingießen, sieht man an der Glaswand einen dunkelbraunen Film, sehr ähnlich wie bei einem PX-Sherry. Dunkelbrauner Schaum erscheint dabei kurz, ist aber Sekunden später schon komplett verschwunden, nur eine minimale Tonsur bleibt erhalten. Rein optisch also schon sehr beeindruckend.

Auch die Nase hat etwas von süßfruchtigem Sherry, da ist viel dunkle Frucht aus Datteln und getrockneten Pflaumen. Ein Hauch von gesüßten Haferflocken, und dann aber auch frischer Kirschsaft. Vanille, Toffee, Butterscotch – insgesamt riecht das komplex, fruchtigsüß und abwechslungsreich.

Sehr ähnlich ist dann auch das Geschmacksbild, man erschmeckt das alles, was man gerochen hat, sehr deutlich. Es beginnt mit der Pflaume und der Kirsche, direkt gefolgt von einer leichten Grasigkeit, die ich wirklich den Antillenfässern zuschreibe, etwas reife Banane, geht dann in Schokoladigkeit über, mit ausgesprochen ausgeprägter Malzigkeit, bevor dann die wirklich krasse Bittere zuschlägt, einem Russian Imperial Stout angemessen, allerdings immer noch aufgefangen von der durchgängigen, schweren Süße. Herausheben muss man die Textur und Struktur, da ist wirklich deutliche Öligkeit, fast schon geschmolzene Butter, und diese legt sich auf den ganzen Gaumen, ohne je dabei pappig oder klebrig zu werden. Im Gegenteil, gegen Ende wird es sogar trocken mit leichter Adstringenz. Trotz all dem wirkt es ausgesprochen rezent und hat eine schöne Karbonisierung, die eine milde aber effektiv sich aufbauende Säure unterstützt. 11,1% Alkoholgehalt, nun, am Ende spürt man das, aber man schmeckt es nie negativ, außer in dem ordentlichen Wumms, den das Bier liefert.

Der Abgang ist lang, malzig, aber auch trocken mit Anflügen von Cerealien und schönen, milden Röstaromen, die an Kaffeepulver und dunkle, geriebene hochkakaoanteilige Bitterschokolade erinnern. Mit einer sehr aparten Holzigkeit, die fast schon an den staubigen Holzzuschnittraum in Baumärkten erinnert, klingt das Moustique aus, die Bittere bleibt noch sehr lange hängen.

Ein krasses Bier, unglaublich dicht und voluminös, schwer und nichts für Zwischendurch – an diesem Drittelliter kann man echt lang und gemütlich trinken, das macht Spaß und wird nie langweilig, hat überraschenderweise wirklich fast etwas von einem spanischen PX-Sherry. Komplex, aufregend, rund und handwerklich ein Meisterwerk. Wer Stouts mag, sollte sich das Kehrwieder Moustique zu Hundertprozent mal gönnen. Aber vorsicht, die kleine Flasche mit dem hübschen Etikett täuscht total über den Presslufthammer hinweg, der in ihr verpackt ist!

Fünf Körner – Wuliangchun (五粮醇)

Baijiu ist außerhalb Chinas weiterhin, in Deutschland sowieso, eine Nischengattung. Auch wenn sich das Sortiment, das der deutsche Kunde erwerben kann, stetig erweitert, ist das im Vergleich zu den ganzen anderen Spirituosenkategorien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, ich bin mir sicher, es gibt Hersteller, die mehr Einzelmarken von zum Beispiel Obstbrand anbieten, als es Baijiusorten in Deutschland gibt. Manche Baijius kommen durch mutige Importeure hierher und müssen dann noch für den Verkauf hierzulande aufbereitet werden (die Unlesbarkeit chinesischer Etiketten und Labels schränkt den unberatenen Spontankauf doch sehr ein), andere werden diesbezüglich durch ihre Hersteller bereits für den Export vorbereitet.

„For overseas market“ steht entsprechend auf dem Etikett des Wuliangchun (五粮醇), einem Starkaroma-Baijiu der größten Brennerei für diesen Stil in China, Wuliangye. Nicht, dass man hier dann in lateinischer Schrift viele Informationen bekommen würde – vielleicht geht es dabei mehr um die ungewöhnliche Flaschengröße von 25ml. Die Baijius von Wuliangye sind jedenfalls schon länger in Deutschland erhältlich, in unterschiedlichen Abfüllgrößen und Alkoholgehalten, neulich erst hatte ich mit den drei Flammas ein hübsches Set dieses Herstellers besprochen. Auch ist Wuliangye einer der ersten Baijiu-Hersteller, die ihr Standardprodukt in der EU als g.g.A. (geschützte geographische Angabe) seit März 2021 registriert haben. Schauen wir uns den „Fünf-Getreide-Schnaps“ (so meine amateurhafte Übersetzung des Namens), der aus Hirse, Mais, Klebreis, Langkornreis und Weizen hergestellt wird, im Verkostungsglas an.

Wuliangchun (五粮液)

Glasklar, ohne Einschlüsse, so wie man das von einem Baijiu erwartet – über das Alter kann man hier natürlich keine Aussagen treffen, ich gehe von einem Blend aus diversen mehrjährig gereiften Destillaten aus, wie das bei Baijiu üblich ist. Eine gewisse Trägheit ist beim Schwenken im Glas zu erkennen; dreht man das Glas langsam, bildet sich ein durchgängiger Film, der sich erst langsam in Beine aufspaltet und dann abläuft.

Ein Starkaroma-Baijiu ist immer etwas, was Einsteiger überfordern kann, gerade in der Nase. Der Wuliangchun gehört dabei eher zur „schmutzigeren“ Kategorie im Geruch, neben dem typischen Duft nach Pfirsich, Aprikosen und weißen Gummibärchen, grüner Banane und Lakritze hat man auch ordentlich frisch aufgetragenen Straßenteer und angefahrene Autoreifen. Etwas Fenchel und Kümmel kommen dazu, und ein Anflug von gekochten Eiern. Minzige Frische und ein spürbarer alkoholischer Hauch lassen alles leicht und hell wirken.

Wuliangchun (五粮液) Glas

Schon das erste Mundgefühl bestätigt diese Eindrücke, es ist zunächst mildtrocken, wird dann immer trockener bis hin zu einem staubtrockenen Finish mit richtig viel Astringenz. Die 45% Alkoholgehalt, die man vorher noch zu riechen meinte, spürt man im Mund überhaupt nicht mehr, da ist der Wuliangchun weicher. Lavendel, Lakritz und Eukalyptus definieren den Geschmack, eine sehr starke Bittere sorgt für leichte Anästhesie am Gaumen. Vorsichtig salzig ist er, in Richtung von Salmiakpastillen. Insgesamt fühlt er sich eiskalt an, bleibt aber für die Kategorie rund. Der Abgang ist minzig kühl, fast schon mit Eisbonbon-Effekt. Mildes Teer, Lakritz und dezenter Pfirsich hängen noch eine Weile nach.

Dieser Baijiu gehört für mich sicher eher zu den funkigeren, esterigeren, wilderen Starkaroma-Baijius, die Frucht ist zurückgenommen zugunsten der teerigen Komponenten. Was ich an ihm aber schätze ist diese Frische – wer, wie man es üblicherweise tut, Baijiu mit Essen kombiniert, der wird diese Frische, die den Gaumen putzt, noch deutlich besser zu schätzen wissen als pur genossen.

Das Rezept für den The Cuban Baijiu Crisis habe ich in dem süßen, kleinen Ming River Cocktail Book gefunden, das daneben einige weitere tolle Rezepte enthält. Die Autoren erwähnen selbst, dass auch andere Starkaroma-Baijius eingesetzt werden können – und das stimmt, der Wuliangchun ist sicherlich eine andere Geschmackskategorie als Ming River, doch die Minzigkeit unterstützt die im Rezept verwendeten Minzblätter, um dem Ganzen einen echten Frischekick zu geben.

The Cuban Baijiu Crisis Cocktail

The Cuban Baijiu Crisis
1⅓ oz / 40ml Starkaroma-Baijiu
⅓ oz / 10ml Jägermeister
⅔ oz / 20ml Zitronensaft
⅔ oz / 20ml Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken. Aufgießen mit 1⅔ oz / 50ml Champagner.

[Rezept nach Michael Thurm]


Die Flasche ist griffig und knuffig, der Nachfüllstop im Flaschenhals wie bei praktisch allen Baijius, die ich kenne. Ein Plastikdrehverschluss ist ebenso üblich und angemessen. Ein Ausflug in die Kindheit dagegen ist der Karton, in dem die kleine Flasche geliefert wird – er hat diesen Effekt wie die Wackelbilder, die, je nach Blickwinkel ein anderes Bild zeigen. Das ist natürlich ein Gag, aber mir gefällt es, ebenso wie die rotgelbe Gestaltung.

Ich kann mir vorstellen, dass der Wuliangchun es etwas schwerer hat, sich dem westlichen Gaumen aufzudrängen, als manch anderer Starkaroma-Baijiu; hier sieht man allerdings dann deutlich, dass „Baijiu“ eigentlich keine Spirituosenkategorie ist, sondern nur eine grobe Gruppierung mehrerer Kategorien, die in sich jeweils wiederum ein breites Spektrum an Aromaprofilen offerieren. Wer sich mit Baijiu auseinandersetzt, und diese Breite kennenlernen will, hat nun die Möglichkeit dazu.

Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Baijius.

Bier am Freitag – Becker’s 9.0 Super Strong

Dieses Bier ist ein Mysterium. Die saarländische Brauerei Gebrüder Becker ist seit langer Zeit geschlossen, 1989 wurde sie zunächst von der Karlsberg Brauerei (die mit „K“, nicht der Konzern mit „C“!) übernommen, 1997 wurde die Produktion am Firmenstandort in St. Ingbert endgültig eingestellt. Bis heute allerdings findet sich fast ausschließlich in französischen Supermärkten in Grenznähe zum Saarland das Becker’s Pils in der markanten silbernen Dose, das bei Karlsberg weiterhin hergestellt wird, und sich bei lokalen Campern großer Beliebtheit erfreut, weil in Frankreich kein Pfand auf Dosen fällig wird – so kann man im Italienurlaub weiterhin saarländisches Pils trinken, muss aber nicht darauf achten, das Leergut wieder mit zurückzubringen. Das vorliegende Becker’s 9.0 Super Strong ist aber sogar erfahrenen Bierfreunden hierzulande unbekannt gewesen, man findet es leichter in italienischen und spanischen Onlineshops als im Saarland. Das ist einen Artikel wert, dachte ich mir!

Becker’s 9.0 Super Strong

Kristallklar, wie man es von einem saarländischen Pils erwartet – mit einem schönen, kupferfarbenen, dunklen Farbton. Der beim Eingießen entstehende Schaum ist nach wenigen Sekunden bis auf winzige Schauminseln und eine Glasrandküste verschwunden. In der Nase nimmt man milde, überreife Frucht wahr, und eine dumpfe Fleischigkeit, die ich schwer zuordnen kann. Leicht hopfig, aber sonst bleibt der Geruch vergleichsweise neutral.

Im Mund steht zunächst eine schwere Floralität da, nach Blüten und reifen Früchten. Das Bier wirkt sehr schwer und, unterstützt durch die recht künstlich wirkende Süße, auch stumpf und sehr oberflächlich. Der Hopfen zeigt sich nur in milder Bittere, die eine recht ungute Allianz mit der Süße eingeht – das passt irgendwie so gar nicht zusammen. „With selected ingredients“ steht auf dem Etikett, man findet auch Zutaten, die man in deutschem Bier eher weniger gern sieht – Glukosesirup zum Beispiel, der alles zuvor gesagte erklärt, und hier dient er garantiert nicht der Flaschenreifung, sondern einfach der Süßung und Aromatisierung. 9,0 namensgebende Volumenprozent Alkoholgehalt sind dazu mäßig, leicht kratzig eingebunden. Diese Fleischigkeit ist auch im Geschmack durchweg da, und für mich ein klarer Braufehler, oder zumindest eine schlechte Brauentscheidung. Im Nachklang findet sich dann wieder künstliche Blumigkeit, die wenigstens über den pappig-trocken-bitteren Abgang, der glücklicherweise nur kurz ist, hinwegtröstet.

Nein, das wundert mich nicht, dass das Bier schwer zu bekommen ist (wer will das schon ein zweites Mal kaufen, wenn man es einmal probiert hat), und niemand verpasst auch nur ansatzweise etwas, wenn man das nicht kennt. Ein langweiliges Bier, das auch noch stark gesüßt ist, und in keiner Form Spaß macht, außer für die, denen der Gagfaktor wichtiger ist als der Geschmack. Grausig und ein Zeichen der durch eine desinteressierte Großfirma zentralisierte saarländische Bierkultur, die gerade mühselig von kleinen, ambitionierten Brauern wieder interessant gemacht werden muss.

Gemeinsam unterwegs – Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge

Die Personen hinter den Spirituosen, die ich auf meinem Blog vorstelle, kennenlernen zu können ist mir immer eine große Freude; man lernt viel über die Hintergründe, Motivationen und Anliegen, die in einem Brand stecken. In zweiter Generation führt aktuell Marc Darroze das Maison Darroze, und ihn zu treffen, war ein besonderes Vergnügen – mittags saßen wir beim Chez Léon in Brüssel nebeneinander beim Muschelessen, spätnachts packte er seine mitgebrachten Schätze aus, und wir konnten seine Vintage-Armagnacs von 1971 und 1982 probieren – die Flaschen waren schneller leer, als man denken konnte, und die Diskussionen darüber dauerten lange, er ist ein unterhaltsamer und fröhlicher Gesprächspartner. Das war nicht unser erstes Treffen, zwei Jahre zuvor hielt Marc darüber hinaus in China eine interessante Masterclass über Armagnac, und eine sehr spannende Vergleichsreihe zwischen unterschiedlichen Einzelrebsortendestillaten, über die ich damals schon berichtet hatte.

Man sieht, das Haus Darroze ist sehr interessiert daran, das Wissen über Armagnac weiterzuverbreiten, und in mir hat das jedenfalls das rege Interesse geweckt, auch mal ein „Standardprodukt“ des Maisons auszuprobieren: sehr bezahlbar und trotzdem edel wirkend bot sich dafür der Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge an, ein guter Mittelweg der Alterskategorien, die von der Brennerei zu bekommen sind. Marc Darroze zeichnet sich für diese Reihe selbst als Master Blender verantwortlich; die „Großen Blends“, so die für unsere Branche übliche denglische Übersetzung, ist eine Zusammenstellung verschiedener Destillate aus verschiedenen Rebsorten, von denen das jüngste eben, wie der Name schon sagt, 20 Jahre alt ist. Natürlich, wie es für Armagnac üblich ist, sind diese „nur“ einfach destilliert, und reiften in Eichenfässern mit 400 Litern Kapazität. Rein ins Glas damit!

Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge

Optisch gefällt der Darroze 20 schon mal: Klares, kräftiges Bernstein mit orangenen, stellenweise fast weißen Reflexen. Die Farbe ist komplett natürlichen Ursprungs, hier wird auch nicht nur zum Angleich an andere Chargen mit Farbstoff nachgeholfen. Gemächlich bewegt sich der Armagnac im Glas, hinterlässt dabei dicke, fette Tropfen an der Glaswand, die sich schnell zu Beinen vereinen und dann schnell ablaufen. Viele Artefakte davon bleiben am Glas hängen.

Die Nase beginnt fruchtig, nach Rosinen und dunklem Apfelmost, viel Vanille süßt den Eindruck. Angequetschte Datteln, getrocknete Feigen, reife Pflaumen und schon braun gewordene Birnen geben eine Erinnerung an Fruchtkuchen, insbesondere zusammen mit den Backgewürzen. Bei all dem bleibt der Darroze 20 vergleichsweise frisch und helltönig, ein Anflug von Süßholz unterstützt den durchaus derben, aber nicht wilden Charakter. Ein bisschen Leder, ein bisschen frisches Holz.

Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d'Âge Glas

Im Mund führt sich das in einer logischen Kette fort – zunächst süß, voller Vanille und süßen, getrockneten Aprikosen und Feigen, mit einem fetten Mundgefühl und viel Breite, mit Nougat und Honig. Im Verlauf entwickelt sich ein kräftiges aromatisches Feuer, definitiv nicht den 43% Alkoholgehalt zuzuschreiben, zusammen mit dem Wandel von süß hin zu bittersauer. Die Frucht bleibt trotz der sich dann deutlich zeigenden Trockenheit immer erhalten, es entsteht eine minimale Salzigkeit, die die Spucke fließen lässt. Höchstens Anflüge von Rancio sind da, spät meine ich, eine leichte Nussigkeit zu entdecken. Ein leichter Körper passt zur helltönigen Nase, Vanille, Zimt und Streuselkuchen definieren schließlich den Schlussakkord. Sehr warm, lang und mit einem sehr prägnanten Blütencharakter klingt der Darroze 20 aus und hinterlässt andauernde Aromen und Effekte am gesamten Gaumen.

Ein sehr attraktiver Armagnac, zwar durchaus mild und weich, dabei aber sich nicht anbiedernd. Komplex und vielschichtig, mit toller Intensität und dabei hübscher Rundung, der am Ende sogar noch Charakter aufweist: Da ist von allem was für alle dabei. Das trinkt sich einfach toll. Eine Spirituose, über die man sinnieren kann, während man sie trinkt – es aber nicht muss, man kann sich auch einfach gehen lassen.

Der Claudine Cocktail nimmt von allen seinen Zutaten etwas mit – die herbalen Gewürztöne der zwei Wermuts, die Eigenheit des Quinquina, die Bitterkeit der Bitters, und schließlich die Fruchtigkeit, Wärme und Tiefe des Armagnacs. Ein eleganter, leichter, aber dennoch sehr aromatischer Drink, der nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern dem man sich wunderbar als Aperitif hingeben kann.

Claudine Cocktail

Claudine Cocktail
1⅓ oz Armagnac
⅓ oz trockener Wermut
⅓ oz süßer Wermut
⅓ oz Quinquina
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Matteo Malisan]


Sehr gefällt mir die reduktionistische Präsentation – schon der Karton in grauem, grobstrukturierten Karton weist als einzige Extravaganz den handschriftliche Namen des Hauses Darroze auf. Echtkorken erwarte ich heute auch bei höchstwertigen Spirituosen eigentlich nicht mehr, hier ist er noch vorhanden. Ähnlich dezent auch die Flasche selbst, und deren Etiketten. Die große 20 ist scheinbar alles, was man für diesen Brand wissen muss – und es wirkt, zumindest auf mich, auch wenn ich gern mehr Aufschlüsselung über Rebsortenanteile, Fassarten und ähnliches erfahren wollen würde; ein bisschen Optimierungspotenzial muss man einem für Armagnac-Verhältnisse noch jungen Maison ja auch zugestehen. Und wenn das sich hauptsächlich auf die Verpackung bezieht, nun, da gibt es andere Hersteller mit sehr viel größeren Baustellen. Ich glaube, die meisten wird es eh nicht interessieren, wenn das Endprodukt so gut schmeckt wie dieses hier.

Bier am Freitag – Oud Beersel Oude Geuze Vieille

Mitbringsel von Ausflügen haben den Charme, dass man beim Trinken nochmal die Erlebnisse etwas Revue passieren lassen kann. Aus Belgien bringe ich dazu gern Bier mit, vor allem Geuze, das ich als Sauerbierliebhaber sehr schätze. Manchmal sieht man für diese Bierspezialität auch die Schreibweise „Gueuze“, wahrscheinlich für die frankophonen Wallonen, die das initiale g ansonsten stimmhaft zu einem ʒ verweichen würden. Interessanterweise liest man auf dem Etikett des Oud Beersel Oude Geuze Vieille dann praktisch zwei Sprachen – „oude Geuze vieille“ scheint mir doppelt gemoppelt, aber das ist halt das Königreich Belgien, das eigentlich aus zwei Ländern (Flandern und der Wallonie) besteht, die sich nicht immer ganz grün sind.

Oud Beersel Oude Geuze Vieille

Ein Geuze ist ein Blend aus mehreren fassgereiften, spontanvergorenen Lambics, das in Flaschengärung weiter reift. Letzteres spürt man deutlich, wenn man den von einem Drahtkorb gehaltenen Sektkorken aus der Flasche poppen lässt – das ist, wie wenn man einen Champagner öffnet. Farblich grenzt sich das Oud Beersel Oude Geuze Vieille aber von Schaumwein ab, es hat eine helle Kupferfarbe. Sehr starke Perlage sieht man, und einen sehr feinblasigen Schaum, der auf dem Bier eine ganze Weile erhalten bleibt. Ich mag den Geruch von Sauerbieren, hier ist das nicht anders. Apfelessig, grüne Äpfel, fast schon limettig und beerig, dabei aber begleitet von einer tiefen Würze, die noch nicht ganz ins Backgewürzige geht, Kardamom und Sternanis vielleicht. Wie bei vielen belgischen Bieren verhindert die niedrige empfohlene Trinktemperatur von 8-12°C, dass das Bier mehr Nuancen freigeben kann.

Im Mund bildet sich direkt eine spannende Süßsäure, wobei die initiale Süße im Verlauf sehr schnell durch die knackige Säure unterbuttert wird. Ein cremiges Mundgefühl wirkt dabei paradox, es funktioniert aber. Trockener Sekt, Apfelessig, Limette – das ist schon kantig sauer, die dazukommende ausgeprägte Bittere tut ihr übriges dazu, dass das kein Schmeichelbier ist. Fast schon radicchioartig bitter ist der Abgang, kurz und blumig, weiterhin sehr frisch und von sauerbitteren Aromen beherrscht. Grapefruitsaft, Orangenzeste, von vorne bis hinten sehr fruchtig herb. Die Rezenz ist dadurch, und durch die hohe Karbonisierung wegen der Flaschengärung, natürlich sehr gegeben und macht das Bier für mich ideal zu allerlei Essen. In Brüssel hatte ich zu einem Geuze die typischen frittierten Garnelenkroketten, das passt herrlich.

Das ist kein einfaches Bier, dem Einsteiger ins Sauerbier würde ich eher etwas mildere Vertreter empfehlen. Das Oud Beersel Oude Geuze Vieille ist eher was für den Bierfreund, der mit der wirklich harten Säure umgehen kann. Für diesen aber ist dieses Bier gewiss eine Entdeckung, an der man viel Freude haben kann: zum Beispiel auch als Aperitif statt einem Sekt!

Biorum aus Brasilien – Rum César Ron do Brasil

„Ron do Brasil“ – diese Wortkombination findet man eher selten auf Etiketten. Zuckerrohrbrände aus Brasilien, da denkt man zunächst selbstverständlicherweise an Cachaça. Und ja, das ist etwas anderes als Rum. Recherchiert man ein wenig weiter ob dieser unerwarteten Auszeichnung, findet man Werbetexte in mehr oder weniger vertrauenswürdigen Internetshops, die den Rum César Ron do Brasil sogar als „holzgelagerten Rum Agricole“ bezeichnen. Was ist denn das für eine Verwirrung? Ein spontaner Erklärungsversuch – in den USA ist Cachaça inzwischen als Kategorie anerkannt (wenn auch meiner bescheidenen Meinung nach falsch als Subkategorie von Rum), in der europäischen Gesetzgebung aktuell weder als Kategorie noch als „geografische Angabe“, daher schreibt der eine oder andere Importeur einfach „Rum“ aufs Etikett, das versteht man, und muss nicht rumdiskutieren. Da die Herstellungskriterien für Cachaça allerdings in Brasilien enger definiert sind als die für Rum, kann es auch durchaus sein, dass hier tatsächlich schlicht ein Zuckerrohrbrand vorliegt, den man gemäß den brasilianischen Regeln nicht als Cachaça deklarieren darf.

Vor allem, wenn man zusätzlich sowohl die Triggerworte „Fair Trade“ und „Bio“ auf jenem mirakulösen Etikett findet. Hergestellt wird dieser Rum in der Kleinbrennerei Agroecológica Marumbi im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná, die das Zuckerrohr für den Rum in biologischer Weise anbaut. Das Produkt ist Fair-Trade-zertifiziert via Ecocert, und, so wie es für mich aussieht, in der Schweiz abgefüllt, letzteres ist allerdings mehr eine Vermutung aufgrund diverser Angaben aus allen möglichen Quellen. Man sieht, nichts genaues weiß man nicht, und gerade für ein Bioprodukt sollte Transparenz doch etwas größer geschrieben werden. Nun, das ist das Außenrum, trinken wir einfach mal ein paar Schlückchen dieses Brands.

Rum César Ron do Brasil

Farblich ein leichtes Ocker, vielleicht ein Hinweis auf das Alter – ich würde unabhängig davon von der gesamten Sensorik her schätzen, dass er 2-3 Jahre alt ist, dazu passt auch die Farbe. Im Glas ist er erkennbar viskos, hat viele lang am Glas anhaftende Artefakte. Geruchlich kommen wir in die Bredouille – weder finde ich eine besonders starke Assoziation zu Rum Agricole, noch zu Cachaça, eigentlich rieche ich mehr einen Melasserum; vielleicht ist die Deklaration doch gar nicht so überraschend. Sehr süß, esterig, nach reifer Banane, Kakaopulver, Vanille. Ein paar Fehltöne in Richtung feuchter Karton, vielleicht auch Chlor. Dazu kommt eine durchaus starke alkoholische Note.

Die Kritikpunkte fallen beim Probieren dann aber schnell weg. Schmelzend weich im Mund, und supersüß im Antrunk, aber nicht künstlich pappig, und passend zu diesem sensorischen Eindruck ist der Rum César Ron do Brasil auch tatsächlich ungesüßt nach eigener Messung.  Schokoladig, rosinig, pflaumig. Viel Körper, dicht, breit und rund. Im Verlauf entsteht eine sehr milde Ingwerschärfe, gewiss aromatischen Ursprungs und nicht den mäßigen 40% Alkoholgehalt zusprechbar. Mir fehlt nur etwas an Komplexität – das Ganze bleibt etwas oberflächlich.

Rum César Ron do Brasil Glas

Zum mittellangen, süß-trockenen Abgang, bei dem Vanille und Holz am Gaumen bleiben, kommt eine sehr prägnante mandelige Nussnote, die lange nachhallt. Warm und zart am Ende – ein leichtes Kribbeln verbleibt auf der Zunge.

Die Eigenschaften dieses Rums machen ihn sowohl zum puren Schlürfen, wenn man Lust auf was Süßes hat und trotzdem keinen pappigen Likör trinken will, sehr gut geeignet, als auch natürlich wie alle Spirituosen als Cocktailzutat. Rezepte für Rum nehmen ihn aufgrund der oben geschilderten Eindrücke sicherlich sehr gern auf. Der Eureka Punch ist ein süßschwerer Absacker, der jedenfalls mit dem Ron César ausgezeichnet funktioniert.

Eureka Punch Cocktail


Eureka Punch
2 oz gereifter Rum
1 oz Limettensaft
¾ oz Chartreuse jaune
2 Esslöffel Honigsirup
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
2 oz Ginger Ale

[Rezept nach Martin Cate]


Leider konnte ich seit der ersten Flasche, die ich in einem lokalen Biomarkt in Saarbrücken gekauft hatte, keine weitere erwerben, einfach weil sie überall vergriffen ist. Es ist durchaus üblich, dass Importeure nur eine Charge eines Produkts kaufen, und kein dauerhaftes Verhältnis zum Hersteller aufrecht erhalten, gerade bei Kleinbrennern ist das wahrscheinlich einerseits wirtschaftlich verständlich, andererseits schade für uns Konsumenten und auch für den Brenner, der sich oft neue Abnehmer suchen muss. Schade insbesondere für mich, denn den Rum César Ron do Brasil habe ich nun, da ich die Flasche längst aufgebraucht habe, immer noch in guter Erinnerung. Wenn ich bei einem Besuch eines Biomarkts darüber stolpere, wird sie ganz sicher mit in meinem Einkaufskorb landen.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020

Ich habe es neulich beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection am eigenen Gaumen erfahren – Whisky ist längst nicht mehr eine Domäne von Schottland, Irland und den USA. Heutzutage wird in aller Welt Whisky hergestellt, Frankreich ist ein sehr prominenter Produzent geworden, ich habe zwei Whiskydestillerien in Belgien besichtigt, in Österreich und der Schweiz drängt jeder Brenner zum Whisky, und natürlich hat auch Deutschland seine Brenner, die ein ganz eigenes Produkt herstellen. Jede Region hat ihre Vorlieben – einer der bekanntesten deutschen Whiskies kommt vom Schliersee und heißt Slyrs. Was macht man als Brenner, wenn der Brand ausgereift ist, mit den Fässern? Man kann sie zum Beispiel Bierbrauern aus der Nähe geben, die dann ein Bockbier darin lagern. Und dann kommen limitierte Sonderauflagen heraus, wie das Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020. „Mehrere Monate“ reifte das Bier, aber bei mir zuhause hatte es keine Chance, länger zu liegen: Es kam schnell ins Glas.

Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020

Die hellbraunrötliche Farbe mit fast orangefarbenen Reflexen zeigt sich beim Gegenlicht besonders, wo man auch die leichte Trübung erkennt. Feine Bläschen steigen unermüdlich auf, landen im Schaum, der an der Glaswand ein bisschen dicker, auf der Mitte der Bieroberfläche schnell Lücken aufweist und sich in großen Blasen sammelt. Die Nase ist tatsächlich stark vom Whiskyfass geprägt, direkt von Anfang an sind da Gerstenmalz, Vanille vom Holz, und leicht bananige Töne. Den Vormieter des Fasses kann man mehr als nur erahnen, milde scotch-ähnlicher Aromen kombinieren sich mit leicht fruchtigen Tönen aus dem Bier. Das erinnert etwas an Erdbeersahnejoghurt, und warmen, buttrigen Streuselkuchen – hübsch, ohne dass der Whisky untergeht oder komplett übernimmt.

Im Antrunk wirkt das Slyrs Bock frisch und hell, mit bereits dort deutlicher Säure, die die cremige Textur etwas einfängt, so dass das Bier nicht zu süß wirkt. Die Karbonisierung fällt auf, da prickelt es am Gaumen, gar nicht unangenehm. Aromatisch hat man Holz, leichte Whiskyaromen, eine fast schon weinartige Note kommt dazu. Pistazien schmeckt man, und ein buttriges Toffee, vielleicht weiße Schokolade, doch insgesamt ist das Bier eher über seine frische Struktur definiert als über überwältigende Aromatik. Der Abgang ist wieder pistaziennussig, frisch, pikant fast schon, insgesamt eher kurz, hinterlässt aber eine freche, eckige Bittere am Gaumen und insbesondere am Zäpfchen. Erinnerungen an Zuckerwatte und Butterstreusel hängen noch eine Weile nach. 10,5% Alkoholgehalt, das ist darüber hinaus schon eine Hausnummer, die ich zu schätzen weiß.

Sehr trinkbar, leicht und hell, mit sehr rezentem Charakter. Die Whiskyfassreifung kommt sehr deutlich durch, ist aber für mich irgendwie nicht wirklich der Hauptreiz des Bieres. Ich mag es als erfrischende Auflockerung eines warmen Sonntags, doch mir fehlt etwas die Komplexität und Spannung insbesondere im aromatisch minimal schwächelnden Abgang – wenn das zu negativ klingt, entschuldige ich mich, doch bei ambitionierten (und teuren!) Bieren darf man ruhig anspruchsvoll sein, finde ich. Unabhängig davon macht es Spaß und ich finde es schade, dass ich nicht mehr an eine zweite Flasche herankommen werde!