Aromen aus der Säule – Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6°

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° Titel

Ich bereite mich gedanklich schon auf Juni vor – dann wird auf der Karibikinsel Guadeloupe die nächste Auflage des Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles stattfinden. Verschiedene Destillerien zu besuchen, die Lebensart vor Ort etwas kennenzulernen und auch guten Rum direkt aus dem Brennapparat zu probieren, darauf freue ich mich schon sehr. Einen ersten Eindruck auf letzteres hoffe ich bereits jetzt bekommen zu können – indem ich meine Flasche des Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° öffne und meine Leser damit ein bisschen an dieser Reise schon vorab teilnehmen lassen kann. Das Zuckerrohr für diesen aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten Rum wurde 2019 geerntet und ist monovarietal, das heißt, es ist nur eine einzelne Sorte verwendet worden, hier Canne rouge.

Guadeloupe hat eine eigene „geschützte geographische Angabe“ für Rum. Sie unterscheidet sich von der wahrscheinlich deutlich bekannteren AOC-Schutzstufe der Nachbarinsel Martinique, ist auch etwas weniger streng, man will sich ja abgrenzen. Der Hauptpunkt der Unterschiede ist, dass der Rum auf Guadeloupe auf bis zu 90% Zielalkoholgehalt gebrannt werden darf, bei Martinique-Rum ist das deutlich niedriger. Deswegen wird man so etwas wie den Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° auch nur auf Guadeloupe finden – „brut de colonne“ ist die Bezeichnung für ein völlig unverdünntes Destillat, wie es aus dem Säulenbrennapparat, wie er dort üblich ist, fließt. Eine normalerweise hochverlässliche Quelle, die ich aber noch genauer hinterfragen muss, teilte mir mit, dass die Brenner auf Guadeloupe eigentlich, obwohl sie bis 90% Zielalkoholgehalt brennen dürfen, dennoch nur bis höchstens 80% abfüllen. Wenn der Rum allerdings im Tank nach Europa kommt und erst dort durch einen unabhängigen Abfüller in die Flasche kommt, ist das vielleicht etwas anderes, denn in den Schriftstücken zur Guadeloupe-ggA finde ich keine Hinweise auf einen Maximalalkoholgehalt bei der Abfüllung, und auch der Abfüller dieses Rums, Nicolas Barikenn aus der Bretagne, konnte mir auch Nachfrage nichts diesbezüglich mitteilen. Nun, ich werde mich bei der Distillerie Montebello direkt erkundigen und meine Leser hier auf dem Laufenden halten. Jetzt erst mal zum Sprit selbst.

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6°

Der hohe Alkoholgehalt von 81,6% ist mit dafür verantwortlich, dass die Flüssigkeit schwer und sehr ölig im Verkostungsglas steht. Fast sirupartig schwenkt sie sich, mit fetter Filmbildung an der Glaswand, der sich in dutzende dicke Beine auflöst, die dann träge heruntertropfen.

Während man eingießt und schwenkt und die Optik beurteilt, verströmt sich schon direkt der Duft des Rums. Da muss man gar nicht groß die Nase ans Glas halten, schon auf Entfernung nimmt man viel wahr. Es ist aber auch nicht schwierig, die Aromatik ist nicht sanft und mild, sondern fühlt sich an, als hätte man einen Fruchtkuchen ins Gesicht geworfen bekommen. Superfruchtig, mit vielen direkten und wenig subtilen Gerüchen von Kirsche, Erdbeere und Grapefruitzeste. Sehr präsent sind insbesondere Guave und Litschi, als Beispiel für die klar tropische Charakteristik des Montebello Brut de Colonne. Gebrannte Mandeln und Vanille geben etwas Volumen und Süße dazu, und eine bunte Mischung aus zwar scheinbar wenig zusammenhängenden, aber ein wuchtiges Gesamtbild ergebenden sensorischen Eindrücken springt mich an: nasses Holz, feuchte Erde, Lederhandschuhe, ganz mildes Süßholz, ein frisch gedrucktes Buch, Maschinenöl; und sogar maritime Erinnerungen von feuchtem Kies, Algen und ein schon länger aufgesetztes Aquarium. Man sieht, die Nase hat ordentlich was zu tun, und man sollte ihr diese Zeit geben, diesen vielschichten Geruch ausführlich genießen zu können, und über die urbane Legende nachsinnen, dass Säulendestillate immer leichte, aromatisch uninteressante Produkte sein müssen.

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° Glas


Bei über 80% Alkoholgehalt habe ich etwas Respekt vor dem ersten Schluck, das gebe ich gerne zu, auch wenn die Nase keinerlei Andeutungen macht, dass hier ethanolisch-kratzende Fehltöne zu erwarten sind. Der initiale Antrunk ist sehr maritim, sehr süß und gleichzeitig richtig salzig, ein spannendes Gefühl. Das Mundgefühl ist extrem, voll und breit, eine dicke Textur legt sich auf den ganzen Mundraum, trotz des enormen Alkoholgehalts wirkt der Rum unglaublich weich und warmglühend, ohne hitzig zu werden. Es entsteht bei mir beim Trinken ein leichter Druck auf den Ohren, aber weder kratzt noch beißt es auch nur das kleinste bisschen – es gibt Spirituosen, die beim halben Alkoholgehalt viel garstiger sind. Man spürt regelrecht die fette Öligkeit, krass, wie sich das anfühlt. Als hätte man ein in Öl eingelegtes Stück Kandiszucker im Mund, man kann genauso darauf herumlutschen.

Erst im Nachklang kann man sich dann auf Aromen konzentrieren, solange der Rum im Mund ist, dominiert die viskose, dicke, cremig-sirupartige Struktur jede Wahrnehmung außer der, die die Zunge selbst spürt: Süße und Salzigkeit, vielleicht sogar ein Tick umami. Später kommen dann die Aquariumseindrücke zurück, Kies, Algen, Muscheln, feuchter Sand, Wassermelonenschale, frischer grüner Blattschnitt, fast wie im Tropenhaus im örtlichen Zoo. Exotische Früchte sind etwas dabei, überreife Guaven mit ihrem in diesem Reifestadium fast schon teerigen Geruch spielen in dieser Phase ganz vorne mit. Das hier ist der pure karibische Sommer in der Flasche! Ein extremes Destillat, voller Wucht und ein deutliches Beispiel für eine Provenance: Man schmeckt Land und Meer.

Für den Fire’n’Nice ist im Originalrezept der Bar jamaikanischer Rum vorgesehen – ich nehme den Montebello, der gibt eine fruchtigere Note dazu, macht den Drink mit seinem Alkoholgehalt aber auch noch knalliger, als er eh schon ist. Persönlich hätte ich den Drink ja „A Song of Ice and Fire“ genannt, aber damit hätten die Erfinder vielleicht Lizenzprobleme mit einem gewissen verstorbenen noch sehr lebendigen Fantasyautor bekommen. Ein kleiner Insidertipp bezüglich der brennenden Limettenhälfte: Man fülle sie mit Zitronenextrakt, das brennt sehr viel attraktiver als eine Spirituose.

Fire'n'Nice Cocktail

Fire’n’Nice
2oz / 60ml ungereifter Overproof-Rum
1oz / 30ml Southern Comfort
⅔oz / 20ml Falernum
1⅔oz / 50ml Limettensaft
1⅔oz / 50ml Mangopüree
4 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Auf frischem crushed ice servieren.
Mit einer brennenden Limettenhälfte und Minze dekorieren.

[Rezept nach Die Blume von Hawaii/Nürnberg]


Ich bin wirklich kein besonders großer Fan dieser Wachsschichten auf Flaschenkorken, auch wenn es optisch schon was hermacht. Sie verursachen bei mir zumindest immer Probleme, erst beim Öffnen, wenn man mit einem Messer die richtige Stelle zum Einschneiden finden muss, und später auch beim Eingießen, wenn der Flaschenhals nicht gut freigemacht wird und dann Wachspartikel im Glas landen. Bei diesem Rum kommt dazu, dass der Plastikstöpsel sich beim Öffnen vom Deckel gelöst hat – ein stinknormaler Plastikkorken mit Alu- oder Papierkappe wäre für mich immer bevorzugenswert. Der Rest der Flasche ist dafür passend in weiß-schwarz-rot gehalten, ein Design, das mich nicht umhaut, aber auch nicht entsetzt. Die sehr dominante rote Farbe in der Präsentation soll wahrscheinlich auf die Zuckerrohr-Sorte „Canne rouge“ anspielen.

Es ist schon etwas besonderes, so ein direktes, völlig unverfälschtes und dabei so hochprozentiges Destillat probieren zu können. Bei nur 300 von Hand abgefüllten Flaschen (meine hat die manuell eingetragene Flaschennummer 120) kann ich mir vorstellen, dass das schnell vergriffen ist – wer sich für rhum agricole interessiert, und noch eine davon bekommen kann, sollte allein aus Weiterbildungsgründen zugreifen.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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