Egal, wo ich hingehe, wenn ich die Gelegenheit habe, bringe ich ein lokales Bier zum Ausprobieren mit von dort. Die Brauereikultur ist in Deutschland halt grandios, man findet immer irgendeine lokale Bierspezialität, das mag von einem hippen Gypsybrewer sein, oder von einem traditionsreichen Unternehmen – die älteste Brauerei Karlsruhes, die Privatbrauerei Hoepfner, gehört sicherlich zum letzteren. Von dort habe ich den Hoepfner Rosébock ausprobiert, ein mit 8,0% eingebrauter Doppelbock, in dem verschiedene Spezialmalze zum Einsatz kommen.
Kristallklar, wodurch die leuchtend nussbraun-rötliche Farbe schön zur Geltung kommt. Der Name ist jedenfalls durchaus treffend gewählt. Ein superfeiner Schaum ist nach dem Eingießen da, er zieht sich aber, nicht unerwartet, schnell an die Glaswand zurück und bleibt dort mit attraktiver gemischter Blasigkeit lange hängen.
Bei empfohlener Trinktemperatur von 7°C erwarte ich keine überwältigenden Aromen in der Nase, und finde sie auch erstmal nicht. Da ist eine leichte Holzigkeit, wie lange gelagertes Brennholz, eine milde Nussigkeit, die mich an frisch geschälte Walnüsse erinnert, und die Malzigkeit, die schon in einen metallisch-rostigen Ton übergeht.
Sehr hübsch ist dann die Textur, wenn man einen Schluck von dem Doppelbock nimmt. Extrem cremig, dick und schmeichelnd legt sich das Bier an den Gaumen. Darauf kann man regelrecht herumlutschen, und ich übertreibe hier nicht. Die Süßsauerbalance ist gut, ebenso die Rezenz, die sich aus üppiger Karbonisierung und der Farbe trotzender Helltönigkeit zusammensetzt. Aromatisch ist das tatsächlich nicht superspannend, leicht metallisch, sehr würzig-malzig, gegen Ende dann überraschend bitter, obwohl die durchgängige Süße das gut auffängt und ins Gesamtbild einbindet, das schön klar und sauber bleibt, trotz der Textur. Der Abgang ist zu guter Letzt mittellang, bleibt bis zum letzten Tropfen cremig und voll, und hallt dann mit ausgeprägter Nussigkeit noch etwas nach.
Als ich noch in Karlsruhe gewohnt hatte, habe ich mich für das lokale Bier nie begeistern können. Da kannte ich offensichtlich die Privatbrauerei Hoepfner noch nicht; mit diesem Doppelbock versöhnen sie mich mit der badischen Bierkultur wieder. Ein Bier, bei dem ich mich schon jetzt auf die zweite Flasche freue.
Ich bin kein Weinkenner. Ich wäre gern einer, und spiele mit dem Gedanken, mich etwas mehr in das Thema Wein einzuarbeiten. Eigentlich weniger wegen des vergorenen Traubensafts selbsts, das Getränk reizt mich irgendwie nicht so sehr, und zum Essen trinke ich lieber ein gutes Bier. Nein, es ist die ganze Theorie, die hinter Wein steckt, die man als Spirituosenfreund eigentlich gut gebrauchen könnte, schließlich gibt es doch viele Schnäpse, die aus Wein oder Restprodukten aus der Weinherstellung destilliert werden, und für die dann das Wissen doch wieder von Bedeutung wäre.
Nehmen wir einfach mal Grappa. Ich mag den italienischen Tresterbrand sehr, und stelle fest, dass es soviele Grappa-Sorten gibt, die auf dem Etikett die eingesetzte Rebsorte angeben. Ich als Weinagnostiker stehe nun dumm da – wie will ich als Autor eines Spirituosenblogs ernsthaft Auskunft über Grappa geben, wenn ich gar nicht weiß, wieviel es ausmacht, welche Rebsorte die Basis für den Brand liefert? Es muss also was geschehen, ich verspreche, ich bilde mich weiter. Der Marzadro Giare Amarone Grappa war irgendwie eine erneute Erinnerung daran, denn wenn man etwas über ihn recherchiert, findet man die Information, dass er aus dem Trester von drei Amarone-typischen Rebsorten destilliert wird (Corvina, Rondinella und Molinara). Bis ich selbst klüger bin, muss ich mich selbst darauf verlassen, dass andere mich darüber aufklären. Immerhin, auf meinen Geschmack kann ich mich noch verlassen, also breiten wir den Mantel des schamvollen Schweigens über dieses Kapitel meiner Unbildung und wenden uns dem zu, was ich kann – dem Verkosten des Grappas.
Viele gereifte Grappe gehen eher ins Strohige, da die Reifungsdauer eher niedrig ist. Hier hat man dagegen einen satten, beinahe schon orangenen Braunton. Leider erfährt man auf dem Etikett keine Reifungsdauer – nur, dass das Destillat in Eichenfässern ruhte. Kurzes Nachschauen auf der Herstellerseite offenbart, dass es sich um mindestens 3 Jahre handelt.
Die Nase ist prägnant, herb vom Trester und vanillig vom Eichenfass. Milde Zitrusnoten ergänzen das. Leichte Tabak- und Holzkomponenten sorgen für Komplexität und Körper. Man meint, etwas starken Rotwein herauszuriechen. Insgesamt sehr schwer, vollkörperig und rund.
Im Mund beginnt der Marzadro Giare Amarone mit einer fast schon parfümig-seifigen Note, die von einer vorsichtigen, natürlich wirkenden Süße begleitet wird. Im Verlauf wird der Grappa immer würziger, trockener, bis er schließlich deutliche Holznoten und scharf-aromatischen Gewürzcharakter aufweist.
Der Abgang ist mittellang, wirkt am Ende etwas metallisch, hat aber bis zum Schluss Körper und Kraft, mit einer dabei auftretenden doch starken Bittere. In einem beinahe schon heißen Nachhall (erst hier könnte man meinen, die 41% Alkohol zu spüren) klingt noch viel Gewürz und dunkler Wein nach, und lässt deutliche Betäubungseffekte und leichtes Kribbeln auf Zunge und Gaumen zurück.
Ein sehr aromatischer, wuchtiger Grappa, der viel spannendes zu bieten hat und dadurch nicht langweilig wird; dabei wirkt er aber dennoch mild und voll genug, um nicht zu unrund zu werden. Selbst ich kenne den Wein Amarone, und persönlich empfinde ich bei diesem Grappa tatsächlich eine sensorische Nähe zu ihm, insbesondere was die Schwere und Dichte angeht.
Sucht man nach Rezepten für Grappa-Cocktails, landet man schnell in einer Sackgasse. Scheinbar ist diese Spirituose noch nicht in der Mixologie angekommen – es wird Zeit dafür. Dass er vielseitig ist, steht außer Frage; im Valery zeigt er seine schmeichlerische Ader, doch der Marzadro Giare Amarone Grappa ist sicherlich auch für herbere Rezepturen geeignet.
Valery 1½ oz Grappa ¾ oz Aperol ½ oz Triple Sec ½ oz Orangensaft Auf Eis shaken. In ein Glas mit Zuckerrand abseihen.
[Rezept nach Hello Grappa]
Mir gefällt die flache Flasche sehr, sie liegt gut in der Hand und wirkt dennoch sehr stilvoll mit ihren Rundungen und im Glas eingelassenen Kerben. Der Kunststoffkorken wird mit einem großen Holzdeckel gut bedienbar, und das nur kleine Etikett, das sich um den Flaschenkörper biegt, ist schön gestaltet. Nur etwas mehr Information wäre natürlich toll gewesen; das ist aber ein Kritikpunkt für Detailfanatiker wie mich. Wer einfach nur einen starken Grappa trinken will, kann ohne Gewissensbisse zugreifen.
Jetzt komme ich doch aus Schwaben, einer historischen Region, die weit ins heutige Bundesland Bayern hineinreicht, und musste dennoch nachschlagen, was dieser kryptische Satz auf dem Etikett des Riedenburger Brauhaus Dolden Hell bedeutet: „Für den leichten Suri“. Im Baierischen Wörterbuch habe ich es gefunden, das ist ein leichter Rausch oder Schwips. Dabei ist das Helle, das passend dazu als „Feierabendbier“ beworben wird, mit 4,8% Alkoholgehalt gar nicht so viel leichter als das meiste Standardbier, das ich kenne, aber seinen Zweck zur leichten Beschwipsung, oder zum Suri, wird es wohl erfüllen – schmeckt es dabei aber auch?
Optisch: Helles Ocker, stark trüb, mit vielen sichtbar im Bier schwebenden Partikeln. Leichte Perlage, Schaum zunächst zentimeterdick, sackt zügig in einen feinen Flaum zusammen. Geruchlich ist es tatsächlich eine Mischung aus klassischem Hellen mit Getreidenoten und einem Pale Ale mit leichtem Zitrushopfeneinschlag. Die Kombination ist durchaus apart, insbesondere, weil die Stopfung nicht übermäßig drastisch ausfällt und so nicht den gesamten Eindruck übernimmt, da ist noch genug „Helles“ da. Zur Stopfung wird Callista-Hopfen eingesetzt.
Auch geschmacklich setzt sich das fort – getreidig, feinherb, trocken und nicht überaromatisiert vom Antrunk an, klares Mundgefühl mit leicht süßweicher Textur, getragen von sehr gut gewählter Karbonisierung. Deutliche Säurekante, nicht zu extrem, aber spür- und schmeckbar, hier zeigt sich auch der Calista-Hopfen mit sehr limettiger Note. Mittlere Bittere zunächst, kurzer, hier nun knackig bitterer Abgang, sauber, hinterlässt eine leichte Adstringenz am Gaumen und Säureeffekte.
Ein schönes Crossover-Bier, das seine zwei Komponenten schön präsentiert, ohne, dass es unangenehm wird. Gefällt mir! Der Suri kann kommen!
Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Dutzende von Baijius probiert, hauptsächlich im Zuge meiner Tätigkeit als Spirituosenjuror bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, wo jedes Jahr mehrere Hundert Sorten eingereicht werden. Die allermeisten davon sind rein in China erhältliche Marken, die den Wettbewerb für regionales Marketing nutzen wollen – auch in China ist eine Medaille, vergeben von einer internationalen Jury, für die Kunden etwas wert, damit kann man sagen: Sogar die Langnasen im Westen mögen unser Produkt, also ist es super! Ein Export in den Westen ist vielleicht in ferner Zukunft interessant für diese Hersteller, doch im Augenblick ist der Markt hierzulande einfach zu klein für viele Sorten Baijiu.
Andere Hersteller exportieren schon länger nach Europa. Dazu gehört Wuliangye Yibin Company Limited, der nach (schon etwas älteren) Zahlen der größte Baijiu-Hersteller ist; deren Produkte konnte man schon vor Jahren auch hier in Deutschland erwerben. Dass der westliche Gaumen nicht derselbe ist wie der chinesische, was Spirituosen angeht, wurde aber jedem Beteiligten schnell klar, die Verbreitung von Baijiu außerhalb Chinas ist eher mau. Man versucht nun, dieser Gegebenheit entgegen zu kommen mit speziell für den Export designten Sorten: Das Dreierset Wuliangye Flamma (五粮液火爆, pinyin huǒbào) entspringt diesem Gedanken, die Welten zusammenzubringen.
Wir verkosten von links nach rechts, was bedeutet, von leicht nach stark. Man erkennt das schon auf den kleinen Flammensymbolen auf der Flasche, beim „Blau“ ist eine der Flämmchen ausgefüllt, beim „Gold“ zwei, und beim „Rot“ am Ende alle drei.
Wuliangye Flamma Blau ist für einen Baijiu mit extrem niedrigen 33% Alkoholgehalt ausgestattet. Bei vielen Spirituosen gibt es in verschiedenen Gesetzgebungen Mindestalkoholgehalte, wie bei Rum in der EU 37,5% oder ähnliches – mir ist nicht bekannt, dass für Baijiu solche Regelungen existieren. Ich müsste da tatsächlich mal dringend recherchieren.
Die Farbe ist baijiutypisch klar, eine leichte Viskosität ist beim Schwenken sichtbar: es bildet sich ein Beinchenteppich, der praktisch in dem Moment abläuft, in dem man das Glas ruhiger hält. und hinterlässt dann nur einzelne Tröpfchen an der Glaswand. In der Nase ist sehr viel Anis, mehr, als bei vielen anderen Starkaroma-Baijius, die ich sonst so kenne, Fenchel und dazu etwas Lakritz. Eine deutliche Autoreifennote und Erinnerungen an frisch aufgebrachten Straßenteer ist für die westliche Nase zunächst ungewohnt. Starke Ananas- und leichte Bitterorangentöne hellen das aber wieder auf und sorgen für die typische Baijiunase.
Der Antrunk ist direkt trocken, leicht säuerlich, und auch hier vom Anis dominiert. Das ist dabei aber nicht zu vergleichen mit einem Ouzo oder türkischen Raki, die Gummi- und Plastiktöne, die zu diesem Baijiu gehören, bringen eine ganz andere, nur fern verwandte Tönung hinein. Im Verlauf nähern wir uns aber einem trockenen Ouzo immer mehr an, die krautigen Fenchel- und Süßholznoten kommen nach vorn und verdrängen das Teer. Eine milde Wärme entsteht, die Zunge und Gaumen minimal zum Prickeln bringt, zurückhaltende Adstringenz saugt einem die Spucke weg. Der Abgang ist dann kurz, fruchtigkräuterig, geht dann doch noch ins Süße (ich fühle mich an Keksteig mit Vanille erinnert) und Blumige über, und klingt dann warm und sehr mild aus.
Der Wuliangye Flamma Blau ist ein sehr leichter Baijiu, der trotzdem eine sehr typische Aromatik für den Stil des Starkaroma mitbringt. Gerade der Abgang ist sehr fein, auch wenn der westliche Gaumen erstmal über den herben Antrunk hinwegkommen muss. Dennoch: das ist sehr interessant, auch für mich, der ich normalerweise stärkere Produkte kenne.
Gehen wir zur nächsten Stufe über – ein Glas des Wuliangye Flamma Goldsoll mir den Unterschied zeigen, den 9% mehr Alkoholgehalt aus dem Produkt herausholen können. Farblich hat sich nur der Balken auf dem kleinen Fläschchen geändert, die Flüssigkeit selbst bleibt natürlich vollkommen farblos. Man sieht allerdings, dass die Beinchen schon etwas langsamer ablaufen. Auch in der Nase spürt man die Veränderung: Da ist viel weniger Anis, Gummi und Teer als beim blauen Flamma, auch wenn es noch da ist. Eine erdigere Komponente übernimmt stattdessen, getreidig und nach sehr stark verrottetem Obst riechend. Fermentierte Pfirsiche, und weiße Gummibärchen, das ist ein klassisches Beispiel, wie der Flamma Gold riecht. Auch nimmt man nun einen minimalen Alkoholhauch wahr.
Noch stärker ist die Säure im Antrunk präsent, diese baut sich dann im Verlauf sogar noch sehr deutlich aus. Lakritz und Teer, schon fast verflüssigte Ananas, braunverfärbte Banane, dazu eine knackige Trockenheit, die mit einer starken Bittere einhergeht: Das ist kein Wohlfühlgetränk, eigentlich die Antithese dazu. Minze, Eukalyptus, weißer Pfeffer, Kardamom – später wirkt der Flamma Gold dann sehr frisch, erinnert etwas an ein sehr starkes Hustenbonbon, aus dem milden Lakritz entwickelt sich freches Salmiak. Im Abgang verschwindet das dann schnell, der Gaumen ist blitzeblank von allen vielleicht zuvor noch dagewesenen Eindrücken, ein Hauch von Ethanol klingt etwas nach, mit einem krautigen, süßholzigen, kardamomfrischen Glühen.
Das ist schon eine ganz andere Kategorie, mit 42% Alkoholgehalt hat der Gold nicht viel mehr als der Blau, die Aromatik ist aber sehr viel strenger, frischer, voller. Hier gilt es, falls sich jemand nach meiner Beschreibung fragt, warum man sowas trinken sollte, zu erinnern: Normalerweise trinkt man Baijiu zu Essen, sehr würzigem, scharfen und fetten Essen. Da, und ich weiß, wovon ich rede, ist so ein Brand wirklich willkommen: Ein großes, vielgängiges chinesisches Essen profitiert ganz enorm von einem Baijiu wie dem Wuliangye Flamma Gold (und umgekehrt). Beim nächsten All-you-can-Eat-Buffet beim Chinesen vor Ort einfach mal ausprobieren!
Die letzte Ausprägung des Flamma-Sets ist schließlich der Wuliangye Flamma Rot. Rote Warnfarbe, drei brennende Symbole, nur klein dagegen der Hinweis auf die für Baijiu-Verhältnisse gar nicht übermäßig ungewöhnliche Alkoholstärke von 58%. Wir trauen uns trotzdem dran.
Auch hier – die Nase ist diese faszinierende Mischung aus verrottender Frucht und Anis. Wie es bei Baijiu oft ist, ist eben wegen des hohen Alkoholgehalts der Anteil der oft etwas störend wirkenden Fuselstoffe am geringsten. Kaum Gummi, kaum Teer. Milde Düfte von Sojasauce und Parmesan geben etwas Würze, eine beinahe schon minzige Frische kitzelt in der Base. Vom Geruch her ist der Flamma Rot sicherlich der Gewinner des Trios.
Der Antrunk beginnt süßlich, dieser Eindruck verschwindet aber schnell und macht einer heftigen Trockenheit platz, mit viel Adstringenz und Schleimhautanwärmung. Minze, Anis, Fenchel wirken frisch, und Radicchiobittere sorgt für den Reinigungseffekt am Gaumen, den man bei Baijiu immer haben will. Danach wandelt es sich zu Bitterschokolade und Espresso, bleibt also bitter, aber in würzigerer Form. Salmiakpastillen und Lakritze sind typisch, eine leichte Salzigkeit und deutliche Umamieindrücke ebenso. Der Abgang ist kurz, sehr warm, der Baijiu läuft gemächlich die Speiseröhre runter und wärmt diese langsam Schritt für Schritt, ohne auch nur im Geringsten zu kratzen. Am Ende ist noch etwas Fenchel, Teer und Gummi im Nachhall, das sich mit dem Getreidigen der Hirse aus dem Basismaterial verbindet und ein schönes Mundgefühl hinterlässt. Für mich persönlich ist Baijiu eine Spirituose, die von hohem Alkoholgehalt profitiert; beim Flamma Rot ist dies klar zu erkennen.
Mixed Drinks und Baijiu, das kann kompliziert sein. In vielen Rezepten übernimmt Baijiu die komplette Aromatik und drückt alles andere weg. Im Nuclear Banana Daiquiri setzt man normalerweise ungereiften Overproof-Rum ein, und hier zeigt sich erneut die Nähe, die diese Spirituosen teilen: Mit beispielsweise dem Wuliangye Flamma Rot kriegt man hier ein prächtiges Tropifrutti-Aromenspiel. Ich nehme eigentlich immer Chartreuse Verte statt Jaune, das gibt mehr Charakter, und ein kräftiges Falernum statt meines sonst üblichen zarten Velvet Falernum sorgt für zusätzlich Körper.
Nuclear Banana Daiquiri 1 oz / 30ml ungereifter Overproof-Rum (oder, noch interessanter: Baijiu) ⅔ oz / 20ml Chartreuse jaune (verte für die Profis) ⅔ oz / 20ml Falernum ⅔ oz / 20ml Limettensaft ½ Banane Auf Eis blenden.Mit Bananenscheibe und Sternanis dekorieren. [Rezept nach Gregor de Gruyter]
Sehr nett sind die Flaschen aufgemacht – ganz im Gegensatz zu den sonst bei Baijiu durchaus üblichen Kitscheffekten, Plastikgold und Materialschlachten sind die drei Flammen sehr dezent gestaltet. Dass die drei Sorten mit zunehmendem Alkoholgehalt auch immer mattierter werden, ist ein hübscher Effekt. Auch, dass man hier nicht große Marketinggeschichten erzählt, sondern die Steigerung des Alkoholgehalts über diese Flammensymbole darstellt, finde ich sehr apart, das erinnert irgendwie an diese ultrascharfen Chilisaucen, bei denen man sich von unten an die Königsklasse herantasten kann. Auch die Füllmenge ist gut gewählt: Kleine Fläschchen, bei denen man erstmal ausprobieren kann, und nicht gleich 750ml kaufen muss, das ist selbstbewusste Kundenfreundlichkeit.
Die Frage, wo man das kaufen kann, muss ich endlich mal nicht mit „selbst aus China importieren!“ beantworten – es hat sich ein Importeur gefunden, der verschiedene Sorten Baijiu in Deutschland zu vernünftigen Preisen und in überraschender Vielfalt anbietet. Das ist noch keine Situation wie bei anderen Spirituosen, aber allein, dass man nun rund 10 Sorten Baijiu verschiedener Stile und Hersteller einfach so gut kaufen kann (sogar ein Ladengeschäft in Köln gibt es!), ist schon sehr zufriedenstellend.
Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Baijiu-Sets.
Das belgische Trappistenbier Leffe findet man, zumindest im Saarland, heutzutage überall selbst in Supermärkten. Man hat also ein weit über die Grenzen Belgiens hinaus verbreitetes Bier vor sich, das ein paar Mönche in dieser Menge gar nicht mehr brauen können; entsprechend wird es, im Unterschied zu vielen anderen Klosterbieren aus Belgien, insbesondere den Trappistenbieren, heute „für das Kloster“ gebraut. Ich habe viele Varianten dieses Biers ausprobiert, mit unterschiedlichen Brauarten und Hopfensorten. In meiner damaligen Unwissenheit hatte ich die Zutat „Zucker“ bei meiner Besprechung des Leffe Blonde angeprangert; heute weiß ich natürlich, dass dieser für die traditionelle Methode der Flaschengärung unersetzlich ist und im Endprodukt nicht mehr auftaucht. Nun, man lernt immer weiter dazu. Kommen wir also zum nächsten Gebräu der Gebrüder, dem Leffe Brune.
Im Gegensatz zum hellen Blonden ist das „Brune“ nun natürlich tiefdunkelbraun, im Gegenlicht sieht man in der ungetrübten Flüssigkeit haselnussbraune Reflexe. Bei dieser Gelegenheit fallen einem auch nur vereinzelte, einsame Bläschen auf, die nach oben steigen und den schnell verschwundenen, cremafarbigen, gemischtblasigen Schaum füttern.
Die empfohlene Trinktemperatur ist frostige 5°C, daher hat die Nase schon etwas Mühe, aus dieser Kühle viele Aromen herauszuschnuppern. Definierend ist dabei dunkles Malz, und eine für belgische Dubbels sehr typische, leichte Fruchtnote nach Trocken- und Steinobst. Ich mag diese Aromatik, die mit zunehmender Temperatur deutlicher hervorkommt.
Eine sehr gelungene Süßsauerbalance ist der erste Eindruck, den man im Mund dann hat. Malz dominiert hier nun noch mehr als im Geruch, besonders im mittellangen Abgang, wo man fast meint, die Röstung des Malzes noch mehr zu erkennen. Klar erkennt man eine leichte Trockenfruchtnote. Die Cremigkeit des Antrunks geht schnell über in eine attraktive, aber nicht übermäßige Trockenheit, durch die die Würzigkeit noch etwas betont wird. Der Körper ist durch die 6,5% Alkoholgehalt voll. Feinherb, leicht säuerlich und mit schöner Rezenz endet das Bier schließlich.
Das ist, ehrlich gesagt, kein Kunstwerk des belgischen Biers, aber ein sehr solides Exemplar, das abgerundet und voll ein sehr entspannendes Gesamtbild abgibt. Ideal zum Essen oder als knackige Erfrischung in der Sommerhitze, weniger als Genussbier. Dafür hat Belgien dann doch viel Spannenderes zu bieten.
Ich hatte das Thema schon vor ein paar Jahren angesprochen: Kaum eine Spirituose verdient ihren Ruf so wenig wie Tequila, daran scheint sich aber seltsamerweise kaum etwas zu ändern. Neulich erst habe ich bei Facebook eine Umfrage gesehen, bei der diese Frage gestellt wurde: „Von welchem Essen/Getränk war Dir schonmal so schlecht, dass Du es bis heute nicht mehr sehen kannst?“ Ich habe die über 5000 Kommentarantworten ein bisschen durchgescrollt, und Tequila kam so oft vor, dass ich beinahe in Tränen ausgebrochen wäre, denn ein guter Tequila ist für mich mit das Beste, was die Spirituosenwelt zu bieten hat. Und es gibt 2021 auch überhaupt nicht mehr die Ausrede, dass in Deutschland ja nur der schlechte Stoff erhältlich ist, im Gegenteil: man kommt hier an Topqualitäten ohne Mühe ran, muss also keinen Kopfwehmixto im Supermarktregal mehr kaufen, sondern hat Zugriff auf eine riesige Auswahl an 100%-de-Agave-Tequilas aus allen Preisbereichen. Wie zum Beispiel den Patrón Silver Tequila.
Interessant an diesem Tequila ist, dass er aus zwei Komponenten besteht: Ein Teil der Agavenherzen wurde traditionell mit Tahona (also einem klassischen Mühlstein) zerkleinert, der andere Teil stammt aus höher mechanisierter Herstellung. Das ist, so vermute ich, ein Kostenfaktor, denn für mich persönlich würde ich die Tahonaproduktion in jedem Fall vorziehen, aber ein kostenorientierter Brenner sieht das natürlich andersrum. Anders als damit kann ich mir das Vorgehen nicht erklären, bei mir gehen bei derartigen Verfahren schon vorab ein paar kleine Warnlämpchen an, immerhin kann man so mit dem traditionsreichen Verfahren werben, hat aber nicht den vollen Aufwand. Nun, in dubio pro reo, auch wenn das in der Schattenwelt der Spirituosenbranche eigentlich kein Hersteller verdient. Ein Gläschen davon soll Klarheit bringen, wie sich das alles geschmacklich niederschlägt.
Wie wir es für einen Blanco natürlich erwarten, ist auch dieser Tequila kristallklar, ohne jeden Einschluss oder Fehler. Beim Schwenken wirkt er nur leicht ölig, viele, schnell ablaufende Beine zeigen dies deutlicher.
In der Nase ist von Anfang an die Agave dominierend, da wird nicht viel herumgespielt. Würzig, dabei aber süß, mit sehr ausgeprägter Mineralität und pflanzlicher Vegetalität. Frisch geschnittene grüne Blätter, ein Anflug von rauchiger Kohle. Flieder und Veilchen sind die zweite Schicht, mir gefällt diese aromatische Entwicklung hin zur Floralität sehr. Der Eindruck wird am Ende durch eine etwas zu deutliche Ethanolnote, die sich in einem Alkoholhauch und leichtem Nasenzwicken äußert, getrübt, das ist sehr schade.
Der Antrunk wirkt weich und mild, eine schöne Textur legt sich auf den Gaumen. Geschmacklich ist hier eher Erdigkeit, würzige Kräuter und etwas Brotteig vorherrschend, ein doch erstaunlicher Wechsel weg von den Eindrücken der Nase. Cremig und körpervoll, aber aromatisch dann doch etwas zurückhaltend, auch wenn auch hier die Agave klar erkennbar bleibt. Leichte Ingwerschärfe kämpft gegen die schwere Süße an. Der Abgang fühlt sich mittellang an, wird im Verlauf immer würziger, gegen Ende schon deutlich salzig. Warm und trocken: durchaus angenehm, aber auch hier kommt gegen Ende der Alkohol etwas zum Vorschein, bei 40% müsste das nicht sein. Schön brummend und fett, wie die Biene, die als Firmenlogo dient, aber insgesamt dann doch etwas oberflächlich.
Das kann man in einem Cocktail aber leicht ausgleichen: Im Los Altos verbindet sich Tequila und Mezcal, und sorgt damit für etwas zusätzliche Aromatik, die sich besser gegen Saft und Verdünnung mit Sprudel durchsetzt. Ich trinke nicht oft Longdrinks, weil sie mir oft zu langweilig und eindimensional sind, aber sowas hier – das hat Wumms, macht Spaß und ist trotzdem eher easy drinking für den Sonntagnachmittag auf der Terrasse oder dem Balkon.
Los Altos 1½ oz Tequila blanco ½ oz Mezcal 1½ oz Ananassaft ½ oz Limettensaft ½ oz Zuckersirup Auf Eis shaken. Auf Eis abseihen. Mit Sprudel aufgießen. [Rezept nach Dave Molyneux]
Die Flasche selbst – die ist zwar für Barbedürfnisse wahrscheinlich schrecklich unhandlich, aber mir sagt sowas irgendwie zu. Klein, gedrungen, bauchig, man sieht die vielen Einschlüsse aus kleinen Luftblasen im Glas, dazu mit kugelförmigen Stöpsel versehen, das wirkt zumindest handgemacht. Dazu ist auf der Rückseite ein Minietikett mit einer tatsächlich von Hand eingetragenen Seriennummer. Der bunte Blechkasten, in dem die Flasche aus der Limited Edition zu mir kam, ist dann ein kleines i-Tüpfelchen, mit mexikanischen Illustrationen in leicht abstrahiertem Stil versehen. Ich gehe davon aus, dass viele Flaschen schon allein deswegen verkauft werden; das Marketing zahlt sich dann aus.
Man legt heutzutage rund 40€ für dieses Produkt auf den Tisch, das ist für einen gut gemachten 100%-de-Agave-Tequila ein akzeptabler Preis, selbst wenn der Brenner inzwischen zu einem großen Konzern wie Bacardí gehört, etwas, worauf ich in letzter Zeit mehr achte als zuvor. Ob man sich nun für die limitierte Luxusaufmachung oder die einfache normalen Präsentation entscheidet, der Inhalt ist schließlich derselbe: Für die Heimbar taugt der Patrón Silver jedenfalls, vielleicht eher als Zutat in Tequilacocktails denn als Purgenuss. Dieser Tequila ist irgendwie Opfer des oben schon angesprochenen erweiterten Angebots, das sich inzwischen bezüglich Agavenbränden hierzulande auftut: Vor 5 Jahren wäre ich schwer begeistert gewesen, heute bekomme ich dann aber doch Spannenderes leicht auch in Deutschland zum selben Preis.
Zu Weihnachten hatte ich mir eine kleine Bierbestellung bei der Ulmer Brauerei Gold Ochsen gegönnt – darunter zwei Sonderausgaben, von denen die Brauerei scheinbar jedes Jahr welche veröffentlicht. Das erste hatte ich bereits direkt zu Weihnachten getrunken und beschrieben; die zweite Großflasche folgt nun. Das Gold Ochsen Ulmer Rauch Doppelbock Jahrgangsbier Edition 2018 ist identisch aufgemacht, schön mit Karton, Sektflasche und -korken geschenktauglich präsentiert. Kann es mit der 2020er-Edition mithalten? Es ist ein komplett anderer Bierstil, Rauchbiere trinke ich eher selten, umso gespannter bin ich nun darauf.
Im beinahe orangefarbenen Bier erkennt man deutlich unzählige, winzige Partikel, die im Bier schwimmen. Dies sorgt dafür, dass die ansonsten vorhandene Kristallklarheit etwas eingeschränkt wird. Leichte Perlage speist einen dünnen Schaum, der schnell beinahe ganz verschwunden ist und nur an der Glaswand als Schaumküste verbleibt.
Die Nase erklärt sich durch den Bierstil – eine milde Rauchigkeit, die in Speckigkeit übergeht, aber nicht so extrem wie beispielsweise bei einem Bamberger Rauchbier. Für mich gehen Rauch und Frucht ja immer Hand in Hand, bei manchen ultrarauchigen Scotches kann man beides kaum mehr trennen. Hier riecht man auch Pfirsiche, etwas Mango, und vielleicht Birne; die Kombination ist sehr apart und, wie gesagt, nicht bedrängend oder aggressiv.
Das setzt sich im Mund auch fort, sogar noch etwas hübscher. Rauch und Frucht, man muss schon überlegen, was der Eindruck jeweils ist. Die Frucht kommt hier deutlicher zum Vorschein, verdrängt den Rauch etwas, was ich gar nicht schlimm finde. Das Malz gibt eine nette Süße, die im späteren Verlauf erst durch Säure aufgefangen wird und sich so ausbalanciert. Die Textur ist cremig, das Mundgefühl voll und breit, allerdings wenig tief. Rezenz sollte man bei so einem Bier eh nicht so sehr suchen, man findet sie auch eher nicht. 9% Alkoholgehalt sind einem besonderen Bier sehr angemessen.
Der Abgang ist kurz, malzig, leicht adstringierend auf der Zungenspitze. Leider der deutlich schwächste Punkt des Biers – hier wird es etwas nichtssagend, und wenig ausdrucksstark, der Rauch ist komplett verschwunden, leichte Jasminblüteneindrücke hängen etwas nach.
Ein hübsches Bier, das mir gerade durch den sehr gemäßigten, aber immer noch charakteristischen Rauch gefällt, da wird nichts übertrieben, alles ist im Lot und schön aufeinander abgestimmt. Das trinkt sich sehr süffig und ohne übermäßige Komplexität, jedenfalls ohne jede Ecke oder Kante. Rund und stimmig – heutzutage, wo ich seit langem keine Extreme mehr in Bier suche, das höchste Kompliment, das ich machen kann. Wieder mal ein solides Stück Handwerk aus der Brauerei, die sich zu meiner Lieblingsbrauerei gemausert hat.
Zuckerrohr ist die Basis von Rum. Die meisten Rums werden aus Melasse, der bei der Zuckerproduktion entstehenden, dunklen, dickflüssigen Masse, hergestellt. Ein kleiner Teil der Rums wird allerdings auch aus dem frischen Saft des geernteten Zuckerrohrs produziert, insbesondere die franzöischen Überseedépartements sind dafür bekannt, man nennt das dort „rhum agricole“. Üblicherweise werden verschiedene Zuckerrohrsorten und Zuckerrohr von verschiedenen Feldern gemischt. Doch es gibt inzwischen auch diverse Hersteller, die sich bei der Sammlung des Rohmaterials für einige ihrer Brände auf einzelne Parzellen (Longueteau auf Guadeloupe, beispielsweise) oder einzelne Sorten Zuckerrohr konzentrieren – letzteres geschieht zum Beispiel bei dem Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015.
Der Name sagt es schon: Nur Zuckerrohr der Varietät Canne Bleue („blaues Zuckerrohr“ auf deutsch), die einen besonders hohen Zuckeranteil hat, wird hier eingesetzt. Clément betont, dass sie im Jahr 2001 die ersten waren, die diese Auswahl einer einzelnen Sorte für ein kommerzielles Produkt vornahmen. Man erhofft sich davon eine besondere Aromatik, die sich dann auch im Geschmack im Endprodukt zeigen soll – auf die Idee des Terroir, den Weinkennern wohlbekannt, wird hier natürlich auch für Spirituosen angespielt. Heute ist das schon weit verbreitet in der Diskussionswelt der Schnapsnerds, 2001 war es noch vergleichsweise visionär. Meine Jahrgangsflasche, 2015 gekauft, ist nun im Jahre 2021 geleert, ein guter Zeitpunkt für mich, noch einmal auf diesen Rum zu blicken.
Über die Farbe muss man nicht viel sagen, es gibt sie nicht. Die Konsistenz ist viskos, nicht ganz schwer, aber man sieht schon, dass der Rum sich dagegen wehrt, geschwenkt zu werden. Entsprechend ölig ist der Film, der an der Glaswand danach verbleibt, und sich zu dicken Beinen versammelt, bevor er abläuft.
In der Nase kommen zunächst sehr fruchtige Töne an, Limette, Ananas, Aprikosen, Kirschen, Quitten, alle in schon stark fortgeschrittenem Reifungszustand, irgendwie hat es was von einem gemischten Obstler. Da ist eine deutliche Malzigkeit, erinnernd an Pflaumenmarmelade, ohne dabei dunkeltönig zu werden. Im Gegenteil, eine frische Grasigkeit beherrscht das Gesamtbild, sehr viel Zuckerrohrsaft, und hier bewegen wir uns dann doch sehr weg vom oben noch erahnten Obstler.
Das initiale Mundgefühl bestätigt den beschriebenen optischen Eindruck erstmal, das liegt schwer und weich im Mund, mit viel natürlicher Fruchtsüße und -aromen. Da mag man zunächst denken, hmmm, das ist aber ein lieber Schmeichler, doch im Verlauf zeigt sich der Canne Bleue 2015 von einer ganz anderen Seite – er wird pfeffrig, eine deutliche Bittere entsteht aus dem malzig-grasigen Körper, gegen Ende entwickelt sich dann sogar eine eukalyptusähnliche, leicht minzige Komponente, die mich an ein scharfes Hustenbonbon erinnert. Trotz allem bleibt er dabei rund und voll, und weich von der Textur her – 50% Alkoholgehalt sind gar nicht ungewöhnlich für ungereifte Rums von Martinique und wunderbar eingebunden, ohne sich allerdings zu verstecken.
Der Abgang ist heiß, pfeffrig, scharf und die Zungenspitze anästhesierend. Ein leichter Plastikton kommt am Ende dazu, der sich dann in einen floralen Nachhall wandelt, wo Jasmin noch einige Minuten am Gaumen verbleibt. Ja, das ist stark und charaktervoll, ein Rum, den man sich in vielerlei Szenarien vorstellen kann und man in keinem davon enttäuscht wird.
Der Hersteller empfiehlt den Genuss in Cocktails. Natürlich trinke ich äußerst gern öfters mal einen Ti’Punch, also Rum mit Zucker und Limette, gerade dieser Rum funktioniert darin extrem hervorragend, aber es geht auch komplexer, ohne gleich kompliziert zu werden – der The The ergänzt dieses Grundmuster um grünen Jasmintee. So wird der Drink leichter, und bekommt diese florale Jasminnote, die ich persönlich liebe.
The The 1⅓ oz ungereifter Rhum Agricole ⅓ oz Zitronensaft 2 oz grüner Jasmintee ½ oz Zuckersirup Auf Eis werfen.
[Rezept nach HSE/Caribbean BartenderZ]
Seit 2015 hat Clément jedes Jahr eine neue Auflage des Canne Bleue veröffentlicht, und jedesmal ändert sich das Flaschendesign. Immer betont man die Farbe blau, natürlich, und die Designer überlegen sich immer etwas neues, wie man die Flasche einzigartig macht. Mir gefällt das System gut, auch, dass man sich hier auf einen funktionalen Schraubverschluss festgelegt hat, bei Gebrauchsspirituosen eigentlich perfekt.
Ich habe oft über die Lernkurve bei französischen Rums geredet, und wie ich eine ganze Weile gebraucht habe, diese Art von Spirituose schätzen zu lernen. Inzwischen liebe ich sie, und empfehle jedem, diesen Weg auch zu gehen. Wer das getan hat und hungrig nach mehr ist, sollte dann auch einen Blick auf die Nachbarn auf Haiti werfen, Clairin ist dann noch eine Spur wilder und ungezähmter, aber deutlich verwandt, oder die von den Kapverden, mit Grogue hat man eine weitere, auch heute noch recht unbekannte Variante des Zuckerrohrsaftrums. Man sieht, auch wenn Rum aus Zuckerrohrsaft immer noch nur einen kleinen Teil des Rumweltmarkts ausmacht, es lohnt sich, in dieses Thema einzusteigen!
Mönche und Alkohol, das ist eine uralte Geschichte. Whisky, Kräuterliköre, Wein und vor allem Bier: Die Männer Gottes waren immer schon mehr als interessiert an dem Spiritus Sanktus, der ein bisschen himmlischen Genuss auf Erden versprach. Gerade in Belgien sind die Bierbrüder auch heute noch gern gesehene Gäste im Glas. „Belgisches Abteibier“, so steht es auf den Flaschen des Brouwerij Van Steenberge Bornem Dubbel und Tripel – diese Phrase bedeutet, dass ein Bier in einer Abtei oder nur noch nach Klosterrezept gebraut wurde. Hier handelt es sich um Letzteres, die Abgrenzung zur Unterkategorie des Trappistenbiers ist dann besonders wichtig, denn der Orden der Zisterzienser hat mit der Herstellung dieses Biers nichts mehr zu tun. Ursprünglich hieß es Sint-Bernard Abdijbier Bornem, nach der Sint-Bernardusabdij in Bornem, aber um Verwechslungen mit der gleichnamigen Abtei St. Bernardus in Watou, die auch Bier herstellt, zu vermeiden, wurde es einfach zu „Bornem“ verkürzt. Belgisches Bier geht, egal ob nun in religiösem Umfeld hergestellt oder nicht, finde ich immer, darum zögere ich nicht, die zwei Sorten zu probieren.
Zu Beginn das Bornem Dubbel, eingebraut auf schön satte 7,2%, unter der Verwendung von Reis. Mahagonibraun, blickdicht, volltrüb – nur bei Gegenlicht sieht man braunorangen Schimmer im Glas. An der Glaswand erkennt man aufgrund des Kontrastes die winzigen Perlchen, die rasend schnell aufsteigen und den sehr attraktiven, hellcremafarbenen Schaum aus Blasen vieler Größe speisen. Die Nase ist leicht säuerlich, sehr metallisch und erinnert damit deutlich an eine Kiste voller rostiger Stahlnägel. Eine Getreidenote kommt dazu, leichtes Malz. Ein minimaler Anflug von Frucht ist mehr erahn- denn wirklich klar riechbar.
Die Textur ist zunächst das, was bereits beim Antrunk auffällt – sehr cremig, weich und breit. Eine leichte Süße ist nur ganz zu Beginn da, schnell wird sie durch die schon erschnupperte Säure ausgelöscht. Das Bier hält sich aromatisch eher zurück, etwas Getreide ist erkennbar, ansonsten lebt es vom Mundgefühl. Im Verlauf wird es immer trockener, herber, ohne wirklich richtig bitter zu werden – dieser Bogen gefällt mir, er macht das Bier sehr erfrischend und süffig, mit sehr viel Aufstoßpotenzial. Mit einem würzigen Getreidenachhall klingt das Bier recht schnell aus, hauptsächlich die Säureeffekte bleiben noch etwas am Gaumen. Fazit – trinkbar, süffig, aber auch aromatisch und von der Komplexität her eher eindimensional; kein wirkliches Genussbier, mehr ein Durststiller und Gaumenreiniger zum Essen.
Das Bornem Tripel hat ein helleres Etikett, und entsprechend heller ist es auch im Glas. Das Senfgelb wird durch die Trübung unterstützt. Kleine, vereinzelte Bläschen kann man erkennen. Der Schaum ist, wie auch schon beim Dubbel, nur durch vorsichtiges Eingießen zu kontrollieren, ist am Ende sehr gemischtblasig mit feinen wie auch sehr großen Blasen. In der Nase merkt man deutlich mehr als beim Dubbel den Hopfen, er macht das Bier erkennbar fruchtig, keine IPA-Fruchtexplosion natürlich, aber er macht sich bemerkbar. Deutlich bitter und getreidig, doch mehr riecht man bei der empfohlenen Trinktemperatur von kühlen 8°C nicht.
Im Mund überrascht das Bornem Tripel dann aber doch, mit sehr starker Süße im Antrunk und sehr präsenter, marmeladiger Frucht in Richtung Aprikosen und Pfirsich. Eine richtig fette Textur legt sich auf den Gaumen, das Mundgefühl wird durch eine schönes Wechselspiel zwischen Süße und Säure aufgewertet. Eine kräftige Bittere aus ätherischen Zestenölen kommt dazu, verdrängt zusammen mit der Säure im Verlauf immer mehr den süßen Aspekt, nicht aber die helle Frucht aus Kirschen, Aprikosen und Quitten. Der Abgang wirkt schließlich fast schon trocken, herb, hinterlässt ein leichtes Prickeln am ganzen Gaumen und der Zunge, und einen langen, sehr angenehmen Nachhall aus Gerste und blumiger Kaugummifrucht. Das Tripel kann mich insgesamt sehr viel mehr überzeugen als das Dubbel, da ist Charakter und Spannung drin, etwas, was ich zuvor vermisst hatte. Davon will ich sicherlich mehr – bei 9,0% muss man aber aufpassen.
Die Brouwerij Van Steenberge hat noch andere Marken im Portfolio, die mir persönlich noch mehr zusagen (Piraat ist ein tolles Beispiel dafür), aber für Zwischendurch sind die Bornems ein schöner Zeitvertreib für die Freunde kräftigen Biers.
In Kapitel 21 des großen chinesischen Epos „Drei Königreiche“ spielen grüne Pflaumen eine wichtige Rolle. Der Heerführer Cao Cao, auf der Suche nach Verrätern, besucht Liu Bei in seinem privaten Garten, in dem gerade grüne Pflaumen wachsen – und die zwei unterhalten sich über Heldentum und genießen währenddessen frisch geerntete Pflaumen und gewärmten Pflaumenwein. Natürlich führt Cao Cao dabei etwas im Schilde, er will herausfinden, ob Liu Bei nicht vielleicht ein etwas zu ambitionierter Gegenspieler werden könnte, und hofft, dass die vorgespielte Freundlichkeit und der Wein die Zunge lockern. Ein zufälliger Donnerschlag während einer entscheidenden Frage und Liu Beis immer fast schon an Ängstlichkeit grenzende Vorsicht retten ihn hier vor dem hinterlistigen Versuch Cao Caos; andere, die nicht so viel schauspielerisches Talent haben wie Liu Bei, werden später ohne viel Aufhebens einen Kopf kürzer gemacht.
Ich empfehle mangels auch nur ansatzweiser Quellentreue der deutschen Bearbeitungen Moss Roberts‘ zweibändige englische Übersetzung des epochalen Werks von Luo Guanzhong, sie ist vollständig und verhältnismäßig lesbar, und quillt über vor derartigen Anekdoten. Meistens, wenn in so alten Texten von 酒 (jiu) die Rede ist, ist damit Pflaumenwein, Huangjiu oder anderer, niedrigprozentiger Alkohol gemeint, nicht das harte Zeug, das wir heute mit dem Wort verbinden – die Destillation auf hohe Grade wurde auch in China erst sehr viel später zur Gewohnheit. Das erklärt vielleicht auch die Mengen an Wein, die die alten chinesischen Helden in den „großen vier klassischen Büchern“ so konsumieren. Ich fühle mich darum fast irgendwie wie die wilden Trinker Li Kui oder Zhang Fei, wenn ich die Flasche des MeiJian Green Plum Wine (梅見青梅酒) öffne und mir ein Glas davon eingieße – eine moderne Interpretation einer extrem traditionsreichen Spirituose, wie man sieht. Die für Südchina sehr typischen grünen Pflaumen werden dabei mit Hirsebrand (vielleicht Baijiu) mazeriert und am Ende mit Pflaumensaft und Zucker versetzt.
Auf der Rückseite ist vermerkt, dass Farbstoff enthalten ist, bei einem likörähnlichen Produkt ist das auch gar nicht unerwartet, und ich finde hier auch keine verrückte Farbgebung, sondern etwas, was zum Design und zu den Basismaterialien passt: ein leicht blasses Sonnenblumengelb. Beim Schwenken ist kaum ein Haften an der Glaswand erkennbar, keine Beine oder ähnliches – bei 12% Alkoholgehalt ist auch dies natürlich kein Mangel, sondern genau daraus bedingt.
Ich halte das Gläschen, aus dem ich diesen Pflaumenwein trinke, an die Nase, und rieche direkt, worum es hier geht. Die Pflaume ist sehr präsent, sowohl von der süßen als auch der sauren Komponenten dieser Frucht her, mit Erinnerungen an Kirschen, Beeren und einem Tick von Nelken. Zimt könnte man erahnen, und etwas milder Weinbergpfirsich. Man sieht, es geht alles in die leicht gewürzte Fruchtrichtung, bleibt dabei mild und rund. Auch wenn Hirsebrand als Spirituose dafür eingesetzt wurde, ist dies geruchlich nicht erkennbar – auch wenn der Vergleich offensichtlich ist, erwähne ich es: mich erinnert das sehr deutlich an japanischen Umeshu. Die Herstellungsweise ist natürlich sehr ähnlich, Japan hat sich ja immer schon vom chinesischen Kulturvorbild inspirieren lassen (das meine ich überhaupt nicht despektierlich).
Im Mund ist der MeiJian leicht und frisch, mit einer gelungenen Süßsauerbalance. Die grüne Pflaume ist beherrschend, für den, der nicht weiß, wie die schmeckt: eine Mischung aus Pfirsich und unreifer Aprikose, würde ich als Beschreibung anbieten. Auch hier erkennt man den leichten Alkoholgehalt, das trinkt sich viel eher wie Wein als wie eine Spirituose. Nach dem initialen Fruchtantrunk verliert sich das Aroma schnell im Mund, wirkt hier etwas dünn, und ist dann auch in einem sehr kurzen Abgang schnell wieder verschwunden. Adstringierende Säureeffekte bleiben etwas länger am Gaumen und der Zunge, eine Idee von Pflaume und herber Bitterkeit klingt noch etwas nach.
Der MeiJian ist für mich ein sehr leichter Drink, vielleicht einen Ticken zu leicht sogar, pur schlürft man das wie nix weg, vielleicht auf Eis, aber auch gern auf Zimmertemperatur: ein schöner Gaumenreiniger nach dem Essen, oder zwischen Hauptgang und Nachspeise, oder einfach so. Unkompliziert, leicht und süffig. Ein Getränk, von dem die Helden aus alten Epen sicherlich mal ein Dutzend Schalen kippen können, ohne danach Amok laufen zu müssen wie Wu Song.
Das Negroni-Template ist ein guter Ansatzpunkt, wenn man einen neuen Drink erschaffen will. Gleiche Anteile von starker Spirituose, herbem Bitter und milden Ausgleichs dazwischen, das funktioniert mit vielen Einsetzwerten für diese Variablen. Gagliardo Bitter Radicale funktioniert etwas besser als beispielsweise Campari in diesem Drink für die Bitterkomponente, Wuliangchun oder Ming River wunderbar als Baijiu. Und, um der Tradition die Ehre zu erweisen, und an die Drei-Königreiche-Anekdote zu Beginn anzuschließen, nenne ich den Drink Xuande’s Plum Garden.
Xuande’s Plum Garden 1 oz / 30ml Starkaroma-Baijiu 1 oz / 30ml MeiJian Green Plum Wine 1 oz / 30ml italienischer Bitterlikör Auf Eis shaken. Auf Eis servieren. [Rezept nach Helmut Barro]
Zur Präsentation – da hält sich der Hersteller Jiangji aus der südwestchinesischen Megametropole Chongqing (die wahrscheinlich bevölkerungsreichste Stadt der Welt!) sehr zurück, für chinesische Verhältnisse. Eine schön geformte Flasche, unauffälliger Plastikschraubverschluss, und ein Etikett, das neben einer dezenten Pflaumenillustration noch eine schöne Kalligrafie aufweist. Das ganze ist in einem angenehmen, passenden Farbton gehalten, mir gefällt das insgesamt sehr. Dazu kommt das Ganze in einem geschenktauglichen Karton: persönlich halte ich das für ein tolles, exotisches Mitbringsel für einen Spirituosenfreund, oder auch die Eltern, die gern mal etwas Liebliches nippen wollen. Schön, dass solche Produkte nun auch in Deutschland leicht erhältlich sind.
Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieser Spirituose.