Kleine große Flaschen – Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB)

Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB) Titel

Immer wieder mal hatte ich mich über den Sinn und Unsinn von den heutzutage bei allen Spirituosen äußerst beliebten Fassfinishes ausgelassen, hier auf meinem Blog und anderweitig. Ich bin heutzutage skeptisch geworden, viele Hersteller machen ein Finish einfach nur deswegen, „weil sie es können“, nicht, weil eine besondere Idee oder ein Konzept dahinter steht; für mich ist das dann ein klassisches Gimmick und mit nur mäßig viel inhärentem Wert versehen. Das geht oft so weit, dass ein ungefinishter Rum zur Seltenheit wird, ja, ich übertreibe, aber die Liste der Neuveröffentlichungen zeigt schon einen Trend in diese Richtung. Ein besonderer Punkt in dieser Diskussion ist, dass die Definition eines „Finish“ beinhaltet, dass es eine Nachreifung nach der Hauptreifung ist – sobald die Zweitreifung gleich lang oder vielleicht sogar länger als die Erstreifung ist, handelt es sich nicht mehr um ein Finish, sondern um eine Doppelreifung, auf englisch „Double Maturation“, ein Passus, den man zum Beispiel deutlich auf dem Etikett des Foursquare Sassafras Single Blended Rum findet.

Der Sassafras ruht also entsprechend dieser sicherlich eher unüblichen Reifungsvariante zunächst mal 3 Jahre in einem Ex-Bourbon-Fass, dann wird er in ein Ex-Cognac-Fass (laut Aussagen von Richard Seale aus der Region Borderies) transferiert und hält sich dort weitere 11 Jahre auf, von Anfang bis Ende in den Tropen. Durchaus gewohnt für den Hersteller ist allerdings die Gestaltung des Basisdestillats dafür – ein Blend aus den Ergebnissen der Destillation in den bei Foursquare vorhandenen Brennapparaten, einer traditionellen Coffey Still mit zwei Säulen und einer Pot Still mit Doppelretorte. Dann landete es in den angesprochenen Fässern, und wurde zu guter Letzt im November 2020 mit 61% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen – zur kleinen Flaschengröße bei meinem Exemplar (10cl, wie auf dem Foto zu sehen ist) verweise ich auf das Ende des Artikels. Der Name dieses Rums klingt kompliziert, passt sich aber in die Auswahl der Namen für Foursquare-Abfüllungen ein, bei denen Seale sehr kreativ und mit Mut zur Ungewöhnlichkeit vorgeht. Der Sassafrasbaum ist in Nordamerika weit verbreitet; ein direkterer Bezug zum Inhalt der Flasche besteht jedoch nicht.

Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB)

Farblich erwartet uns nach der Umfüllung aus der Schwarzglasflasche ein sehr kräftiges Pariser Rot, mit orangefarbenen Reflexen im Licht. Beim Schwenken wirkt der Sassafras sehr schwer, lässt sich nur mit großen Bewegungen an die Glaswand bringen, wo er dann richtig fette Beine hinterlässt, die ölig ablaufen.

Das ist sicherlich ein Rum, den man erstmal ein paar Minuten offen stehen lassen muss, um ihn sich öffnen zu lassen. Bei Whisky hätte ich bei 61% Alkoholgehalt sicherlich ein paar Tropfen Wasser dazugegeben; bei hochwertigen Barrel-proof-Rums ist das in vielen Fällen gar nicht nötig. Lassen wir also die direkt nach dem Eingießen vorhandenen Lack- und Ethanoltöne etwas verfliegen, bevor wir die Nase weiter ins Glas halten. Dann rieche ich Honig, Karamell, deutliches Marzipan, Ahornsirup und weitere Eindrücke dieser Art: der Sassafras wirkt aromatisch dunkel, süßschwer und sehr voll in der Nase. Leichte Kokosnussfleischnoten sind da, sehr typisch für die Herkunft, Vanille und auch leichte Kaffeetöne. Datteln und dunkle Trauben könnten als Aromen aus dem Cognacfass gekommen sein, da ist eine Nähe zu Armagnac. In toto komplex, schwer und aromatisch, da bekommt man Lust, die Zunge reinzuhalten.

Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB) Glas

Was wir jetzt tun. Der Antrunk ist nicht ganz so süß und cremig, wie man das von der Nase her erwartet hätte – da ist er nach kurzer Süßattacke direkt trocken, herb und voller Gewürzschärfe, und das steigert sich weiter über den ganzen Verlauf. Unterschwellig kommt eine natürlich süße Basis schon zum Vorschein, doch sie wird von holzig-ledrigen Tönen beherrscht, mit einer leichten Pferdeschweißsäure. Überreife Ananas, dunkle Frucht, geröstete Nüsse, Shortbread, erneut Ahornsirup, und stark gebräuntes Karamell, das mehr in Bittere und Schärfe übergeht als Süße – das hat wirklich viel Wucht, insbesondere, weil die herbe Trockenheit das noch unterstützt. Wie schon angekündigt, braucht man hier eigentlich kein Wasser zuzusetzen – ich probiere es trotzdem. Mit ein paar Tropfen Wasser kommt plötzlich die fruchtige Seite sehr viel deutlicher zum Vorschein, und eine leichte mineralische Kräuterigkeit, die vorher nicht erkennbar war; allerdings wird dann auch die Holzigkeit sehr stark betont.

Der Abgang ist heiß und lang, aber etwas schmal von der Aromatik her, wirkt hier plötzlich fast etwas dünn, bei weitem nicht so breit wie beim Antrunk, der Gaumen ist recht schnell wieder frei von Eindrücken. Für mich sicherlich ein kleiner Schwachpunkt dieses Rums. Die Alkoholstärke sorgt für ordentlich Anästhesie auf der Zunge; die Trockenheit ist hier nun sehr angenehm und nur ganz leicht adstringent. Der Nachhall ist fruchtig und metallisch, und lässt dann etwas Kokosnuss nachklingen.

Kein einfacher Rum, sicherlich komplex und spannend, und für den Freund herber Rums eine lohnenswerte Sache. Persönlich finde ich, dass er Tendenzen zur Unrundheit hat, aber dennoch mag ich ihn – einfach, weil ich diese wilde Kraft in Spirituosen schätze. Das hat mit Mainstream nicht mehr viel zu tun, und man muss sich in diesen Brand einarbeiten; er bietet jedoch genug Potenzial dafür, das steht fest. Kein Rum zum gemütlichen Trinken beim Fernsehen, sondern etwas für die Abende, an denen man Nachdenken will und still ins Feuer starrt.

Auch hier opfere ich ein paar Schlucke für einen Cocktail, obwohl ich nur 10cl habe – ich hoffe darauf, dass es das wert ist. Und welcher Drink wäre besser geeignet als ein Richard Sealebach, gefunden in Martin Cates Buch „Smuggler’s Cove“, gewidmet dem Vater dieses Rums. Die Variante auf den Seelbach bekommt durch den Sassafras eine deutlich herbe Kante und, ja, das wertet den Drink erkennbar auf. Die hübsche rote Farbe kommt von den Peychaud’s Bitters.

Richard Sealebach Cocktail


Richard Sealebach
1 oz gereifter Rum
½ oz Triple Sec
7 Spritzer Angostura Bitters
7 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren. Mit 4 oz Champagner toppen.

[Rezept nach Rebecca Cate]


Der eine oder andere wird sich wundern, was es mit der kleinen Flasche auf sich hat. Diese stammt direkt von Velier, die mit dem Projekt Velier Small Great Bottles (VSGB) dem aktuellen, wohl unaufhaltsamen Trend entgegenwirken wollen, dass neue, sehr begehrte Abfüllungen zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil in den Händen von Bottle Flippern landen, die die Flaschen nie öffnen, sondern direkt mit einem ordentlichen Aufschlag zum offziellen Ausgabepreis weiterveräußern – der Rum soll zumindest ansatzweise wieder zurück zu den Rumfreunden, als Genuss- und nicht als Spekulationsobjekt. Entsprechend bekommt man diese Kleinflasche nur über eine spezielle Gruppe, bei der man sich registrieren muss, und wo die Flasche dann einer Person zugeordnet wird unter der Bedingung, sie nicht weiterzuverkaufen, sondern zu öffnen und mit anderen Rumfreunden darüber zu reden (was ich hiermit tue). Meine Flasche ist Nummer 621 von der auf 1100 Stück limitierten Reihe.

Die kleine Flasche ist wirklich mit Liebe zum Detail gemacht, spiegelt die große Version wunderbar wieder. Ein Plastikkorken schützt den Inhalt. Und dass dann auch noch ein kleiner Karton dazugehört, nun, das zeigt, dass Luca Gargano hier wirklich ein kleines Herzensprojekt durchgeführt hat. Er selbst meinte, dass es so unendlich viel einfacher gewesen wäre, einfach statt der VSGB-Samples zu je 18€ mit all den Mühen der Organisation, Gestaltung und Verteilung ein paar Hundert Vollflaschen zu verkaufen, und das gleiche Geld einzunehmen. Ich freue mich sehr, dass ich zeitnah dabei war, mich für das Projekt zu registrieren, denn inzwischen kommt man nur noch über eine Warteliste dazu. Immerhin: durch diese Samples kommen statt ein paar Dutzend über 1000 Rumfreunde dazu, diese Abfüllungen probieren zu können. Das ist ein wirklich schönes und freundliches Projekt. Ich bin gespannt, was die nächste Abfüllung sein wird.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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