Bier am Freitag – Der Hirschbräu Weisser Hirsch Weizen Hell

Urlaub im Allgäu, was macht man da, außer die atemberaubende Breitachklamm zu besichtigen, aufs Nebelhorn und das Fellhorn zu klettern, die Sprungschanzen zu besichtigen und einen Abstecher ins Kleinwalsertal zu unternehmen? Natürlich trinkt man lokalen Schnaps und Bier. Die Privatbrauerei Höss steht in Sonthofen, eigentlich nur ein Katzensprung von Oberstdorf, wo ich eine Woche verbrachte, dank einer Dauerbaustelle aber ein großer Umweg. Nun, man kann deren Bier auch außerhalb der Brauerei erwerben, und so landete, nach der ausgiebigen Verkostung des regionalen Biers jeden Abend im Hotel auch eine Flasche des Der Hirschbräu Weisser Hirsch Weizen Hell im Rückreisegepäck. Manches schmeckt ja im Urlaub toll, wenn man heimkommt, fragt man sich, wie man das Zeug je saufen konnte – wie sieht es hiermit aus?

Der Hirschbräu Weisser Hirsch Weizen Hell

Der Name fühlt sich passend an, wenn man das Bier betrachtet – ein blasses Sonnenblumengelb ist da zu sehen, vollhefetrüb. Der Schaum ist gut, feinblasig. Richtig fett bananig ist dann die Nase, fast schon wie Bananensaft, unterlegt mit milder Tropenfrucht, Maracuja und Ananas. Sehr angenehm zu schnuppern, kräftig auch bei guter Kühlung.

Die Nase transportiert sich auch an den Gaumen, Banane und Maracuja sind da, nun unterstützt von ausgeprägter Säure, gut gewählter Karbonisierung und Alkoholgehalt (5,2%). Weizen und Hefe kommen schnell nach vorne, sorgen für etwas Abwechslung und Herbe. Der Weisse Hirsch ist frisch und leicht, hat aber angenehmen Körper und Textur. Im Nachklang kommt etwas Bittere auf, die für weitere Erfrischung an heißen Tagen sorgt; und leichte Blumigkeit klingt dann nach.

Ein ausgesprochen süffiges Hefeweizen, das trinkt sich toll und unaufgeregt, hat aber genug Komplexität, um mehr zu sein als reiner Erfrischer oder Essensbegleiter. Es schmeckt zuhause im Saarland genauso gut wie im Alpenhotel in Oberstdorf oder auf der Alm am Christlesee – also lohnt es sich, das Bier von dort zu organisieren, egal, ob man auf eine Urlaubsreise dorthin geht, oder den Lieblingsonlinebiershop bemüht.

Das wilde Kind wird erwachsen – Clairin Communal Ansyen

„L’union fait la force“, salopp übersetzt „Gemeinsam sind wir stark“, steht in geschwungenem Kursiv auf dem Etikett des Clairin Communal Ansyen. Das fungiert hier irgendwie in doppelter Weise. Einerseits ist es der Wahlspruch auf dem offiziellen Staatswappen von Haiti, was vielleicht den stark national geprägten Charakter von Clairin als Spirituosenkategorie betonen soll, andererseits spielt man damit natürlich aber hautpsächlich auch auf den Zusammenhalt der vier Brennereien an, die die Bestandteile für diesen Gemeinschaftsblend bereit gestellt haben, und die wir als interessierte Spirituosenfreund:in inzwischen sehr gut kennen: Sajous, Vaval, Casimir und Le Rocher. Ich habe bereits über einige davon berichtet.

15 Fässer, hauptsächlich mit Rum vorbelegt, aber auch welche, die vorher Whisky beinhaltet hatten, dienten als Basis für den Ausbau. Zwischen April 2017 und Dezember 2018 fand die Reifung statt, das Destillat hat also rund 20 Monate tropische Holzlagerung hinter sich – für andere Spirituosengattungen recht wenig, man muss dabei berücksichtigen, dass man erst vor kurzem begonnen hatte, Clairin überhaupt in Holz zu lagern, über eines der ersten Experimente diesbezüglich hatte ich hier schon geredet und angekündigt, dass wir neben dieser Art limitierter Single-Cask-Abfüllung bald auch Standardabfüllungen dafür bekommen würden. Und wenige Monate später ist er da, der gereifte Standard, und wir gießen ihn uns ins Glas!

Clairin Communal Ansyen

Die Farbe gefällt dem kritischen Auge – hellen Bernstein mit orangenen und fast weißen Lichtreflexen, zusammen mit der nur leichten Viskosität wirkt der Brand leicht und lebendig im Glas. Hübsch auch die dünnen Beinchen mit dickem Kopf, die nach dem Schwenken zügig ablaufen.

Die Nase des Clairin Communal Ansyen hat eine interessante Mischung aus zwei eigentlich sehr verschiedenen Eindrücken: Einerseits ist da klare Grasigkeit, Lakritz, Fenchel und frischer Zuckerrohrsaft; andererseits direkt von Anfang an eine karamellige Buttrigkeit, die irgendwo zwischen Kinopopcorn, Kokosfleisch und gerösteter Mandel schwingt. Da kommt im Verlauf noch etwas Floralität dazu, Lavendel und Rose – man sieht, ein sehr komplexes Bouquet mit vielen Schichten, die sich abwechseln, je nachdem, in welchem Winkel man die Nase ins Verkostungsglas hält. Am Ende meine ich sogar noch etwas Maritimes dazuzuentdecken, leichte Mineralität vielleicht. Alkohol riecht man schon auch, aber ohne, dass er piekst.

Clairin Communal Ansyen Glas

Im Mund tauchen, nachdem die erste Süße direkt den Gaumen belegt, sofort sehr esterige Fruchtnoten auf, überreife, tropische Früchte, ganz besonders leicht teerig gewordene Guaven und vergorene Ananas, vielleicht auch Mirabellen, die man von der Streuobstwiese aufgesammelt hat, nachdem sie schon ein bisschen länger vom Baum gefallen waren. Da ist schon Würze drin, sowohl warmer Zimt und als auch kalter Kardamom, etwas Vanille vom Fass und dann geschmacklich auch diese Buttrigkeit, die man schon erschnuppert hatte, die mit weichem Karamell und fast schon einem Touch von Nougat einhergeht. Nach kurzer Zeit wird die Süße durch kräftige, leicht astringierende Trockenheit abgelöst, die sich brummend auf die Zunge legt und sie kitzelt, überhaupt nicht unangenehm fühlt sich das an, der Alkohol von 49,3% ist sauber integriert, das Geschmacksbild aber schon eher zum „Dreckigen“ hin tendierend, etwas, das man bei derartigen Bränden natürlich sucht, auch wenn sich der deutsche Obstbrenner dabei unwohl fühlen mag.

Im Abgang ist dann eine sehr lange, milde aber wirksame Grasigkeit da, Blattschnitt, grünes Gras, Heu und mit Anflügen von Lakritz und Anis versehen, die gelungene Süßsauerbalance und leichte Salzigkeit saugt noch eine Weile etwas Spucke an, man muss den Brand aktiv aus dem Mund kauen, wenn man ihn loswerden will – aromatisch dicht und effektvoll, ohne dabei zu überdrehen: das Holz hat dem ursprünglich doch wilden, ungezähmten, manchmal schon aggressiven Clairin etwas den spitzen Zahn gezogen und eine wirklich schöne Gemeinschaft aus Aromen erzeugt. Das Holzexperiment ist voll gelungen, finde ich.


Das trinkt sich angenehm pur, im Gegensatz zu vielen ungereiften Clairins, die ich zwar sehr interessant und spannend finde, die mir aber im Purgenuss zu wildaromatisch sind, um das am Abend im Tumbler wirklich genießen zu können. Und natürlich zeigt sich so ein Brand wie der Clairin Communal Ansyen dann auch im Cocktail von seiner besten Seite, die esterige Frucht liefert die sowohl die aromatische Basis für den Cherry Blossom, als auch die Länge und Komplexität, um den Drink nicht zu einem reinen Saftcocktail verkommen zu lassen.

Cherry Blossom Cocktail

Cherry Blossom
1½oz / 45ml leicht gereifter Rum
½oz / 15ml Blue Curaçao
1oz / 30ml Cream of Coconut
1oz / 30ml Ananassaft
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Zimtsirup
Auf crushed ice shaken. Mit Zimtstange, Limettenrad und Minze servieren.

[Rezept nach Justin Wojslaw]


Ein paar Worte zur Präsentation – LM&V hat für die von ihnen importierten Clairins eine klare Sprache gefunden, die Flasche ist einfach und gerade, damit will man bestimmt dem ursprünglichen Charakter des Clairin gerecht werden, der gar keine verrückte Flaschenform vertragen würde. Ein funktionaler Plastikkorken wie hier sollte Standard sein heutzutage. Das Etikett ist ähnlich wie bei den anderen Abfüllungen von LM&V künstlerisch gehalten, wir sehen eine Person mit Flasche und Messer in den Händen, deren Körper von einem gemusterten Herz bedeckt wird, dazu viele Symbole, deren Bedeutung sich mir nicht spontan erschließt, aber in der Kultur Haitis sicherlich einen tieferen Sinn haben. Ich weiß zu schätzen, dass hier Bezug auf die Herkunftsregion genommen wird.

Wir sind inzwischen in einer Situation, dass in Deutschland eine Vielzahl von haitianischen Bränden verfügbar ist, nach LM&V/Kirsch ist nun auch FFL-Rum-Brands in den deutschen Import eingestiegen und bietet mehrere Sorten Clairin an. Man hat also eine beträchtliche Auswahl, und damit kommt ja auch automatisch die Qual der Wahl für den Konsumenten, der sich Clairin annäheren will. Wer schon den ungereiften Clairin kennt, und nun auch mal ausprobieren will, wie sich Clairin in Holz gereift anfühlt, der ist sicherlich mit dem Clairin Communal Ansyen bestens bedient, vor allem mit dem guten Preisleistungsverhältnis.

Zuckerrohr aus Indochina – Sampan Rhum Vietnam

Vietnam ist bisher auf meiner Spirituosenliste nicht aufgetaucht. Südostasien ist allerdings im Allgemeinen ein aufstrebendes Gebiet, was Zuckerrohrsaftrum angeht – insbesondere getrieben von Franzosen, die sich dort niedergelassen haben und eigene Brennereien aufmachen. Wie auch hier geschehen beim Sampan Rhum Vietnam. Die Distillerie d’Indochine fermentiert dort frischen Zuckerrohrsaft in Bio-Qualität, und brennt ihn dann in Kupfersäulen. Ungereift und ungesüßt kommt er in die Flasche, in zwei Varianten, die ich heute hier kurz und knapp vorstelle.

Sampan Rhum Vietnam

43%: Kristallklar, leicht ölig. Voll herbfruchtig, hocharomatisch, purer Zuckerrohrsaft mit deutlicher Gewürzkomponente. Sehr mineralisch. Weich am Gaumen, klar, sauber, milde reife exotische Frucht. Sehr angenehme, fast minzige Frische, kühlender Abgang. Grenzt sich aromatisch deutlich von rhums agricoles ab.

65% full proof: Fett und schwer im Glas. Nase wirkt dunkler, grasiger, erdiger. Sehr dicht am Gaumen, keinerlei alkoholisches Stechen. Erdig, mit deutlichen Stallaromen, Heu, gewendete Ackererde im Herbst. Würzig und pikant im Verlauf, mit sehr langem, kaltem Abgang.


Sehr spannende Zuckerrohrsaft-Rums für die Freunde des ungereiften Rums, die eine Abwechslung in der Aromatik suchen! Im Bali Rum Trader sorgt der Sampan Full Proof für echte Wucht und Dichte.

Bali Rum Trader Cocktail

Bali Rum Trader
1⅔oz / 50ml ungereifter Rum
1oz / 30ml grüner Bananenlikör
1oz / 30ml Ananassaft
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Simon Difford]


Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.

Humor und soziale Ader – Mambulo Premium Rye Vodka

Vor einer guten Woche war ich als Spirituosenjuror wieder mal unterwegs, die German Rum Awards 2022 in Berlin standen auf der Agenda. Im Vorhinein hatte ich mir natürlich angeschaut, wer da sonst am Jurytisch sitzen würde – es war mir eine wahre Freude, endlich Johnny Drejer persönlich kennenzulernen, dessen Arbeit einer der Hauptgründe ist, warum es diesen Blog überhaupt gibt, und ein paar andere Menschen, die mich sehr beeindruckt haben. Es war angedacht, dass auch Maria Gorbatschova als Jurymitglied teilnehmen würde; sie musste leider wegen Krankheit kurzfristig absagen, was ich sehr schade fand, denn ich wollte mit ihr über ein anderes Thema abseits des Rums reden, zu dem sie einiges zu sagen hat – Wodka. In der Augustausgabe der Fachzeitschrift Mixology leitete sie eine Runde über osteuropäischen Wodka, und so kann ich leider jetzt nur, statt sie persönlich interviewen zu können, ihren Text aus der Zeitschrift sprechen lassen.

„Es lässt sich schnell feststellen, dass Eastern Style Vodka alles andere als geschmacklos ist. Die Kategorie grenzt sich zu Western Style Vodka ab, indem ein Ausdruck des Rohstoffs und ein gewisses Maß an Aroma erwünscht sind. (…) Kann man Vodka also einfach Ost und West sortieren? Nein: Definitiv gibt es westliche Marken, die eher auf den aromatischen Stil setzen, gleichsam bringt auch Osteuropa teils sehr neutrale Produkte hervor.“

Maria Gorbatschova, Mixology 4/2022, S.54

Womit wir ganz ohne aufwändige Überleitung, nur durch eine unkomplizierte Abzweigung, beim Hauptteil unserer heutigen Betrachtung ankommen. Der Artikel in der Mixology konzentriert sich ab hier auf Osteuropa, wir schauen uns mit dem Mambulo Premium Rye Vodka dagegen ein Destillat an, das in einer österreichisch-deutschen Gemeinschaftsproduktion entsteht und, das nehme ich jetzt schon vorweg, trotzdem nicht so wirklich dem oben beschriebenen, neutral-orientierten Western Style Vodka entspricht. In der EU-Verordnung ist festgelegt, dass Wodka „so destilliert wird, dass die sensorischen Eigenschaften der verwendeten Ausgangsstoffe und die bei der Gärung anfallenden Nebenerzeugnisse selektiv abgeschwächt werden.“ Man schreibt hier also auch keine vollständige Neutralität vor, wie das in den USA geschieht, sondern eher eine Auswahl von Aromen. Bei einem Produkt, das in Handarbeit hergestellt wird, und man sich 34 Destillationsvorgänge Zeit nimmt, so eine Aromenselektion zu treffen, bleibt es interessant, wofür man sich beim Mambulo entschieden hat!

Mambulo Premium Rye Vodka

In der Flasche sieht man es sehr viel deutlicher als im Glas, da ist eine leichte, milchige Trübung, die ich erst dem Glas der Flasche zuschrieb. In der kleineren Menge im Verkostungsglas fällt es dann gar nicht mehr auf, bei einer hochdistillierten Spirituose frage ich mich aber schon, wo diese Trübung herkommt. Ansonsten bewegt sich der Mambulo hübsch, mit attraktiven Beinchen, und Lebendigkeit und leichter Viskosität zugleich.

In der Nase finde ich direkt leichte Zitrusnoten, Orangenzeste, Litschi und Kiwi. Dazu sehr grüne Banane, eine Geruchsnote, die fast schon in Plastik übergeht. Irgendwie hat der Wodka darüber hinaus noch etwas Florales von Lavendel und Zuckerwatte, man muss da erst durchstoßen, um auf die erdigen Roggentöne zu kommen und das Getreide zu finden, aus dem er gebrannt wird. Eine insgesamt leichte Aromatik, den Alkohol erkennt man, er stört aber nicht. Ungewöhnlich, und gar nicht unattraktiv, muss ich sagen – und definitiv weit davon entfernt, sich klaglos der Neutralität eines Western Style Vodka zu ergeben.

Mambulo Premium Rye Vodka Glas

Am Gaumen ist zunächst deutliche Süße da, die sich mit der schon erschnupperten exotischen Fruchtseite kombiniert. Die Textur ist breit und rund, das legt sich weich auf den ganzen Gaumen, und erst im Verlauf wechselt die süße Milde mit leichtpfeffriger Würze. Letztere entwickelt sich weiter, wird zu einem warmen, immer noch sehr runden Mundgefühl angefeuert, das ebenso langsam, wie es entstanden ist, dann wieder abklingt – das gefällt mir sehr, ein wirklich hübscher Effektbogen im Mund, die 40% Alkoholgehalt sind auch sehr gut eingebunden. Milde Säure baut sich auf, die die Süße nicht Überhand nehmen lässt. Aromatisch bleibt die Spirituose doch lang bei uns, die Mischung aus Orangenschale und Banane klingt sehr lange nach.

Das trinkt sich easy, auch wenn man natürlich kategoriebedingt keine Aromenexplosion erwarten darf, hat der Mambulo doch genug Charakter, um sich bei der Auswahl einer Marke für die eigene Heimbar nach vorne drängeln zu können. Dazu muss man nicht mal unbedingt Wodka suchen – auch wer eine leichtaromatische, unkomplizierte Spirituose als Digestif anbieten will, könnte damit Freude haben.


Gerade, weil der Mambulo nicht komplett neutral ist, ist er für mich in Cocktails sehr viel nützlicher und verwendbarer als andere Wodkas. Man muss natürlich aufpassen, in manchen Rezepten würde die Geschmacksrichtung des Mambulo den Drink doch in eine unerwünschte Richtung drängen – beim The Great Gatsby dagegen ist diese Mischung aus den Aromen, die der Wodka mitbringt, Pink-Grapefruit-Saft und einem aromatisierten Wein echt ein Knüller. Wenn man noch statt Lillet dann soetwas wie den Midi Apéritifs Liquid Sunset einsetzt, ist alles perfekt an diesem Cocktail.

The Great Gatsby Cocktail

The Great Gatsby
1oz / 30ml Wodka
1oz / 30ml Lillet Blanc
2oz / 60ml Pink-Grapefruit-Saft
Auf Eis shaken. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Matt Galpin]


Zur Flasche selbst gibt es nicht furchtbar viel zu sagen, eine relativ normale Standardflasche, mit einem Kunststoffkorken. Das Etikett ist dafür recht grell, mit bunten Farbmustern und einem Tier, das ich erst durch den beiliegenden Flyer identfizieren konnte: das Caypibara oder Wasserschwein, das sich die Position als Wappentier des Mambulo dadurch erarbeitet hat, dass es laut Aussagen des Herstellers des Wodkas ein extrem soziales Tier ist; man schließt sich durch den Kauf einer Flasche diesem sozialen Wesen automatisch an, denn lobenswerterweise werden 15% der Gewinne für soziale Projekte gespendet.

Mambulo Premium Rye Vodka Aufkleber

Die Marke inszeniert sich frech, was sich besonders in den Aufklebern zeigt, die ich mitgeschickt bekommen hatte – da wird klar gesagt, warum man eigentlich Wodka trinken sollte: alle anderen Spirituosengattungen taugen einfach nichts, um das Neudeutsch zu übersetzen. Damit machen sie sich sicherlich nicht nur Freunde, mir gefällt es, wenn Humor bei einem Produkt zu sehen ist. Auch wenn er dabei etwas Glas zerdeppert.

Offenlegung: Ich danke der Mambulo GmbH für die kostenlose, unaufgeforderte Zusendung einer Flasche ihres Wodkas.

Bier am Freitag – Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years

Große Zahlen auf Etiketten – eine Sache, die bei Spirituosen immer so ein Geschmäckle hat, manch ein Hersteller versucht mit einer hübschen aufgedruckten „23“ den Eindruck zu erwecken, man habe hier eine Altersangabe vor sich, dabei ist es eine Fassnummer, ein Jubiläum oder einfach die Anzahl der Zähne des Meisterbrenners. Beim Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years könnte man natürlich auch auf die Idee kommen, ein 135 Jahre altes Bier vor sich zu haben, aber das wäre schon etwas außergewöhnlich besonderes, gemeint ist hier das Alter der Brauerei (bis 1954 hieß sie Vandervelden, danach erst Oud Beersel), zur Feier der Gründung wurde dieses Bier als Sonderedition veröffentlicht. Man kann sich das Gründungsdatum aus den Angaben des Etiketts errechnen: Mindestens haltbar ist es bis 14.02.2037, abgefüllt wurde es „20 Jahre vorher“, also im Februar 2017 – damit hat das Geuze, als ich es getrunken habe, knapp mehr als 5 Jahre Flaschenreifung auf dem Buckel, und die Brauerei gibt es seit 1882. Setzen, Kopfrechnen 1 mit Stern. Das Bier selbst ist ein Blend aus einem Lambic, das ein Jahr auf „foeders“ gereift wurde, die vorher Brunello di Montalcino, einen Rotwein, enthielten, und Lambic, das 3 Jahre in hauseigenen Bierfoeders gereift wurde. 6,5% Alkoholgehalt haben wir dabei erreicht, und die 37,5cl-Flasche ist zur Sicherheit mit einem Drahtkorb um den Sektkorken gesichert. Raus damit, ins Glas mit dem Bier!

Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years

Beim vorsichtigen Drehen, bevor ich den Korken ziehe, sieht man kleine Hefeflocken aufschwimmen. Leuchtendes Sonnenblumengelb landet dann im Glas, deutlich getrübt durch die Hefe. Sehr aktives Mousseux blubbert an die Oberfläche, die nur kurz von Schaum bedeckt ist, schnell bilden sich kleine Inseln, die immer kleiner werden, nur am Glas bleibt ein Kranz stehen.

Man muss gar nicht besonders tief ins Glas schnuppern, schon eine Fußlänge Abstand ist der Duft präsent – frisch geschnittene saure Äpfel, unreife Birnen, Sauerkirschen, die Frucht ist stark in diesem Bier. Klar ist die saure Komponente dominierend, ohne zu pieksen, ein bisschen Malz und die Reifungszeit in Holz gleichen aus.

Auch am Gaumen ist Säure von Anfang an kräftig am arbeiten, mehr noch als bei zum Beispiel Cidre, das geht schon in die Richtung von trockenem Sekt, mit einem Anteil Verjus. Apfel und Sauerkirsche, getoppt mit etwas Limettenzeste, Albedo von Amalfizitrone. Die gesichtete Hefe ist auch aromatisch erkennbar, kümmert sich dabei auch um eine astringierende Trockenheit, die im Verlauf kantiger wird, zusammen mit der Säure ergibt das ein sehr herbes Mundgefühl. Die gleichzeitige Spritzigkeit macht das Vandervelden 135 zu einem wunderbar erfrischenden Bier, das ich an Ostern auf der Terrasse im Sonnenschein genieße, der mittellange Abgang mit dezenter Blumigkeit lässt noch etwas Komplexität und Eleganz auftreten.

Ein sehr angenehmes Sauerbier, frisch und rund, frech, spritzig und in Ansätzen durch die 5 Jahre Flaschenreifung gezähmt. Ein unkompliziertes, aber typisches und charaktervolles Geuze, das ich insbesondere dem Einsteiger sehr, sehr nahe legen möchte.

Platzsparende Regelungen – Saint James Rhum Vieux Agricole

Eine Altersangabe kann auf unterschiedliche Weise erfolgen, bei unterschiedlichen Spirituosengattungen hat man da verschiedene Gewohnheiten. Bei Cognac beispielsweise kann man Sterne vergeben, bei Scotch Whisky zählt man im Allgemeinen die Jahre auf, bei diversen insbesondere französischen Spirituosen verwendet man die Begriffe „VSOP“, „XO“ und so weiter. Meist ist das klar auf dem Etikett kommuniziert, schließlich ist das eines der wichtigsten Produktionskriterien (ich sage absichtlich nicht „Qualitätskriterien“) für gereifte Spirituosen, oft genug auch preisbestimmend. Ich drehe und wende die Flasche des Saint James Rhum Vieux Agricole, die ich hier vor mir habe, und lese das Etikett, suche nach der Altersangabe, doch finde sie nicht, keine in der Form, wie ich sie oben aufgezählt habe. Scheinbar.

Doch sie ist da, in einer weiteren möglichen Ausprägung, nämlich implizit und unausgesprochen, denn der Begriff „rhum vieux“ ist neben der normalsprachlichen Übersetzung („alter Rum“) als Altersangabe für AOC-Martinique-Rum klar definiert, auch wenn man das halt wissen muss. Um die Bezeichnung „rhum vieux“ führen zu dürfen, muss das Destillat mindestens 3 Jahre im Eichenfass ruhen. Dann dürfte es theoretisch zusätzlich das Prädikat „VO“ tragen, da dies aber eh die gesetzliche Mindeststufe ist, kann man es genausogut weglassen – was hier geschieht. Mindestens drei Jahre in kleinen Eichenfässern haben wir hier also vor uns, diese Angabe der Fassgröße ist dann auch ein weiterer Unterschied zur Kategorie „élevé sous bois / ambré“, bei der statt den kleinen Fässern riesige, mehrtausendliterfassende Holzgefäße genutzt werden. Man sieht, hier sind es die klaren AOC-Regelungen, die definieren, was wir altersmäßig in der Flasche finden, da braucht man deutlich weniger Etikettenplatz für Produktionsdetails. Genug geschwafelt und theoretisiert, rein ins Glas mit dem Brand.

Saint James Rhum Vieux Agricole

Ein nahezu idealtypisches Terracottarotbraun steht im Glas, mit hellen, orangefarbenen Lichtreflexen. Leuchtend und strahlend, eine wirklich ansprechende Farbe. Attraktive Öligkeit kommt dazu, nicht zu schwer, aber beim Schwenken erkennbar, mit Beinen, die sich an der Glaswand bilden und einzeln sehr gemächlich ablaufen.

Das verleitet einen direkt, zu schnuppern. Die Nase ist vielschichtig, da verbinden sich von Anfang an milde Holznoten mit der typischen Grasigkeit eines rhum agricole, Honig mit Süßholz, eine hübsche Blumigkeit mit feiner Würze, leichte Töne von Nougat mit Aromen von getrockneten Aprikosen und Rosinen. Etwas malzig, minimalst erdig, Ideen von Kalkstein und Staub. Sehr aromatisch, aber trotzdem edel wirkend, sehr überraschend rund für einen vergleichsweise jungen Rum, ein Anflug von Lack ist das einzige Element, das auf Alkoholgehalt (42% ist die Abfüllstärke) hindeutet. Insgesamt eher herb, natürlich für die Kategorie, aber perfekt alle Komponenten miteinander verbindend. Wirklich etwas, an dem ich gerne lange rieche.

Saint James Rhum Vieux Agricole Glas

Im Antrunk zeigt sich dann aber doch zunächst eine deutliche Süße, natürlich und sauber wirkend, während sich der Brand allmählich im Mund ausbreitet. Eine leichtviskose Textur unterstützt diesen Vorgang, so dass es nicht zu schnell geht, der Rum fühlt sich dennoch frisch und hell an, nicht zu sirupartig. Rund und voll bleibt er dabei, auch, wenn sich im Verlauf dann eine feinherbe Bittere und sanfte Pfeffrigkeit aufbauen, und die Süße etwas zurückdrängen. Klare Zuckerrohrsaftaromen erscheinen nun, leicht mit Anis und Süßholz versetzt, von Vanille und Zimt unterstützt. Sehr deutliche beerige Eindrücke von Brombeeren, fast schon Brombeermarmelade. Gegen Ende spürt man deutliches Feuer, aber nichtmal einen Anflug von Kratzen oder Zwicken, grasig und holzig ist der Rum dann, und zeigt seine zwei Herstellungskomponenten: frischer Zuckerrohrsaft und Eichenholz. Der Abgang ist mittellang, zum Schluss erblüht noch etwas Jasmin, das den gleichfalls entstehenden Eisenton und die leichte Aquariumskiesnote etwas abmildert.

Das ist ein echter Easy-Drinking-Rum, gerade für Einsteiger in diese Kategorie ganz herausragend geeignet, er erhält seine Typizität und bindet aber alles in ein rundes, unkompliziertes und trotzdem ansprechend komplexes Gesamtbild ein. Ja, er könnte schon etwas stärker vom Alkoholgehalt her sein und dann mehr Kraft, Fülle und Charakter entwickeln, aber dennoch: Auch so macht mir der Saint James Rhum Vieux Agricole richtig viel Spaß, ein idealer Rum für jeden Tag.


Natürlich ist er damit auch eine nahezu ideale Cocktailzutat, mit der gleichen Einschränkung der Trinkstärke. Im Firelight ist er mit Abstand die größte Komponente, und hier fallen dann die Frucht- und Zuckerrohrnoten noch deutlicher auf, da die anderen, kantigeren Aspekte durch die anderen Zutaten etwas ausgeblendet werden. Wer an die etwas obskuren Essences of Cuba nicht herankommen kann, nimmt einfach einen Spritzer Kaffeelikör.

Firelight Cocktail

Firelight
2oz / 60ml Rhum Agricole Vieux
¼oz / 7ml süßer Wermut
¼oz / 7ml trockener Wermut
1 Spritzer Peach Bitters
1 Teelöffel Falernum
1 Spritzer The Bitter Truth Essences of Cuba: Coffee
Auf Eis rühren.

[Rezept nach unbekannt]


Das ist persönlicher Geschmack, ich weiß, aber mir gefällt die Flasche in ihrem Design grundsätzlich sehr gut, die quadratische Grundfläche, die schön im Glas eingelassenen Details, das edle Etikett mit Braun- und Goldtönen, die mit transparentem Hintergrund aufgebrachten Details. Das wirkt schon sehr hochwertig, auch auf den zweiten Blick – und bei einem „Gebrauchsrum“ wie diesem bin ich auch überhaupt nicht böse über den Blechschraubverschluss, im Gegenteil, das ist praktisch und unkompliziert.

Was soll ich sagen, ich habe 22€ für diese Flasche in einem kleinen Supermarkt in Frankreich auf den Tisch gelegt, und für dieses Geld liefert der Heilige Jakob mehr als zufriedenstellend ab – nein, das wird dem nicht gerecht, das ist ein absurd gutes Preisleistungsverhältnis, völlig irre sogar, wenn man bedenkt, was man sonst für dieses Geld bekommt im Spirituosensektor. Dieser Rum ist allein deswegen schon ein beständiger Gast in meiner Heimbar.

Drei Weinbrände, drei Welten – Armagnac Séailles 1988, Armagnac Cutxan 2006, Cognac Jean-Luc Pasquet 66,6%

3 französische Weinbrände, 3 unterschiedliche Eindrücke. Séailles 1988 aus Armagnac-Ténarèze, Cutxan 2006 aus Bas-Armagnac, und der Cognac von Jean-Luc Pasquet. Alle in cask strength abgefüllt, von den Jungs von Grape of the Art, die aktuell den deutschen Markt mit höchstwertigen, limitierten Abfüllungen bereichern. Ich bin mir sicher, dass diese drei alle bereits ausverkauft sind, wenn ich das hier veröffentliche, aber sie sorgen regelmäßig für Nachschub!

Armagnac Séailles 1988, Armagnac Cutxan 2006, Cognac Jean-Luc Pasquet 66,6%

Grape of the Art Cutxan 2006 Bas-Armagnac, 100% Ugni Blanc, 50,5% Cask Strength, 15 Jahre im feuchten Keller, 251 Flaschen. Duftende Nase voller Frucht und hauchiger Frische, Anflüge von ätherischen Kräutern, leicht aber voluminös, mit wunderbar langem, fast schon minzig frischem und dabei würzigem Nachhall. Ideal ausgebaut, das macht richtig Spaß, ohne kompliziert zu werden.


Grape of the Art Séailles 1988 Armagnac-Ténarèze, 100% Ugni Blanc, 50,00% Cask Strength, 32 Jahre im trockenen Keller, 203 Flaschen. Gelbe Früchte und Vanille, viel Finesse von Nase bis Gaumen, deutliche Trockenheit und tannische Gaumeneffekte, ohne die marmeladige Frucht je plattzumachen. Holz ist trotz 32 Jahren sehr gut eingebunden, und der Eiseshauch am Schluss kling endlos nach. Kein Standup-Comedian, sondern eine literarische Lesung.


Grape of the Art #3 Jean-Luc Pasquet Cognac, Lot 68-72, Cask 21, 66,6%. Auch in dieser Stärke trinkbar, er zeigt selbst hier keine Kanten und Ecken, aber einen herrlich vollen Körper und samtige Textur. Wunderbar rund, leicht nussig, sehr fruchtig. Wer Cognac für langweilig hält, wird hier eines besseren belehrt: Eleganz und Kraft schließen sich nicht aus. Mit etwas Wasser verdünnt fächert er sich noch etwas auf, was Frucht angeht.


Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Samples.

Der Geist des Sommers – DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange

Viele wissen es bereits, ich habe es aber nie so richtig kommuniziert – ich mache diesen Blog eigentlich nur als Hobby. Ich bin im „echten Leben“ Softwareentwickler, habe also einen Großteil meines Alltags gar nichts mit Spirituosen zu tun. Das bedeutet nicht, dass meine Kollegen nicht mitbekommen, womit ich den allergrößten Teil meiner Freizeit verschwende, und manche davon haben inzwischen sogar verstanden, dass ich mich trotzdem nicht jeden Tag einfach mit billigem Sprit besaufe. Und so wurde mir neulich, zum Anlass meines 15-jährigen Firmenzugehörigkeitsjubiläum, auch etwas passendes geschenkt: ein üppiger Gutschein für die Winefactory in Saarbrücken. Ach, es ist schön, wenn die Vorgesetzten wissen und verstehen, wie man tickt, und man nicht einfach irgendein nutzloses Geschenk bekommt, mit dem man nichts so recht anfangen kann außer es dann irgendwann weiterzuverschenken.

Natürlich wird so ein Gutschein nicht schlecht bei mir, der wurde am selben Tag noch eingelöst. Den Löwenanteil habe ich in einen fünfzehnjährigen Armagnac (zur persönlichen Feier des fünfzehnjährigen Jubiläums wohl mehr als passend) und den DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange investiert, der in den mit spannenden Dingen vollgepackten Regalen der Winefactory fast etwas unterging; da ich aber gerade eine Obstbrand-Phase habe, war ich mir schnell sicher, dass sowas in den Warenkorb muss. Es handelt sich dabei um einen Geist (also stammt die Aromatik aus einer Mazeration der Frucht in Neutralalkohol, der dann erneut destilliert wird – nicht, wie bei einem Brand, aus einer Fermentation) aus der sizilianischen Tarocco-Blutorange, die sich mit besonderer Süße und starkem Geschmack für eine Vergeistung natürlich sehr anbietet – sowohl Saft als auch Schale werden bei diesem Destillat verwendet, um die ganze Komplexität der Frucht abbilden zu können. Die Brenner der Deutschen Spirituosen Manufaktur (DSM) in Berlin sind sehr stolz auf ihr Handwerk, verzichten entsprechend auf Zuckerbeigabe oder andere Zusätze, und achten beim Bezug der Rohmaterialien auf Qualität und Nachhaltigkeit. Eine gute Grundlage, mal schauen, was dabei herausgekommen ist!

DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange

Optisch ist der Blutorangengeist erwartungsgemäß erstmal klar, ohne Fehler oder Tönung. Er bewegt sich durchaus schwer im Glas, man muss ihn ordentlich in Rotation bringen, bevor er sich die Glaswand hochbequemt – dann bildet er eine hübsche Beinchenwand, die nach dem Ablaufen noch einzelne Tröpfchen zurücklässt.

Die Nase ist sehr expressiv, es kommen direkt und ohne Umschweife Aromen von frischer Zitrusfrucht hervor. Man erkennt klar die Blutorange, zunächst erst die Schale der Frucht, später auch den frischen, frechen Saft, mit seiner ausgeprägten Sonnensüße. Man ahnt schon hier leichte Bitterkeit, bekommt aber weder vom Alkoholgehalt noch von der zestigen Frucht in die Nasenschleimhaut gestochen, das ist beides gut integriert. Eine minimale Getreidenote liegt dem ganzen zugrunde, aber nie störend, höchstens dafür sorgend, dass die Frucht nicht allein da steht. Ein schönes Geruchsprofil, muss ich sagen, gleichzeitig frisch und herb, und süß und dunkelaromatisch.

DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange Glas

Dieses Gefühl bleibt auch auf dem Gaumen erhalten, es schwankt immer zwischen der zestigen Kante und der fruchtigen Süße, eben beide Aspekte, die so eine Blutorange anzubieten hat. Schale und Fruchtfleisch schmeckt man, aromatisch voll und rund. Eine dicke, fette Textur trägt das ganze, zusätzlich unterstützt durch wuchtige, aber natürliche Süße. Im Verlauf entwickelt sich eine feurige, pikante Seite, hier kombinieren sich wirksam eingesetzer Alkohol (42%) und die Säure und Bittere der Orange, das brummt und klingelt im Mund, dass es eine Freude ist – ohne dabei zu übertreiben oder ins Wilde zu kippen. Der Abgang schließlich ist dann eher bitter, warm und lang, hinterlässt milde, zestengetriebene Astringenz auf der Zunge und dem Gaumen, die langsam abklingt, und ein warmes, sehr angenehmes Gefühl im Mund und im Rachen hinterlässt. Toll, ein klar und sauber gemachter Geist, linear und die Frucht wunderbar abbildend, der dabei aber nicht eindimensional oder dünn wirkt, sondern eine breite Spur aus Gaumenfreude erzeugt, die wunderbar erfrischt und gleichzeitig wärmt.


Bei manchen Geisten habe ich Sorgen, dass sie im Cocktail etwas untergehen, beim DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange denke ich nichtmal ansatzweise an solche Probleme – dieser Geist wird, egal in welcher Rezeptur, dominant durchscheinen und leuchten. Im Dopo Cena zum Beispiel, ein herrlicher Drink für den Sommer, vollaromatisch und komplex. Davon hab ich mir direkt zwei gemacht, an diesen heißen Tagen eine Wohltat.

Dopo Cena Cocktail

Dopo Cena
1oz / 30ml Blutorangengeist
1oz / 30ml Amaretto
½oz / 15ml Maraschino-Likör
1oz / 30ml Zitronensaft
1 Teelöffel Zuckersirup
1 Eiweiß
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken. Mit Maraschino-Kirschen servieren.

[Rezept nach Adrian Gomes]


Die kleine 350ml-Flasche im Apothekerstil ist hübsch mit Details versehen, um sie optisch attraktiv zu machen, ohne dabei auf grelle Gimmicks zurückzugreifen – was gelungen ist, finde ich. Das Etikett gefällt mit der Mischung aus Vordruck und handausgefüllten Informationen über die Fruchtsorte, den Jahrgang, die Flaschennummer und die Art der Herstellung. Ein echter Korken hat als einzige Dekoration einen rundköpfigen Nagel, das ist wirklich extravagant, soetwas sieht man selten, das Auge bleibt vielleicht gerade deswegen daran hängen.

Was bleibt am Ende? Natürlich eine tolle Spirituose, handwerklich ohne Zweifel gut gemacht, in einer schönen Präsentation. DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange steht bei mir erst seit ein paar Wochen im Regal, ist aber schon halb leer – das ist für mich immer das Zeichen, dass es eine Spirituose ist, die ich gern mal schnell herausziehe, wenn ich Lust auf etwas zum langsamen Schlürfen habe und dabei nicht lang überlegen möchte, was ich trinken will (und ich hoffe, meine Leser:innen verstehen, dass das ein extrem großes Kompliment ist). Gerade bei den aktuellen Temperaturen im Jahrhundertsommer 2022 ist so ein frischer, leichter, und trotzdem hocharomatischer Geist aber auch ein No-Brainer, finde ich! Da vergisst man schnell Jenkins-Jobs, Maven-Abhängigkeiten, Github-Pullrequests, OWASP-Scans und JMeter-Tests, und lässt sich angenehm vom Genuss treiben, statt dauernd zu analysieren.

Bier am Freitag – Hornbeer Black Magic Woman

Man sieht es schon am Bild unten – das ist ein uralter Artikel, den ich vor Jahren vorbereitet hatte, und nie veröffentlicht. Ich habe keine Ahnung, ob das Hornbeer Black Magic Woman überhaupt noch erhältlich ist, ob es die Brauerei noch gibt, doch ich dachte, egal, das Bier hatte mir so gut geschmeckt, dass es wert ist, nun nochmal erwähnt zu werden. Ein Stout mit getorftem und birkenholzgeräuchertem Gerstenmalz (Pilsener, Carafa, Caramunich) aus Dänemark, mit Magnum und Centennial gehopft und auf üppige 10% Alkoholgehalt und grandiose 112 IBU eingestellt – sowas hat man schließlich wirklich nicht alle Tage im Glas.

Hornbeer Black Magic Woman

Komplett schwarz und blickdicht steht es im Glas, keine Chance durchzuschauen, selbst wenn man es gegen helles Licht hält. Schwer, gluckernd und schwappend beim Eingießen, fast schon dickflüssig, da denkt man, man hat altes Motoröl vor sich. Dicker, sehr feinblasiger, langlebiger Schaum entsteht dabei. Trotz all der Malzräucherung ist es in der Nase dann eher mildrauchig, ganz klar aber sehr malzig mit richtig vielen Röstaromen – nur ein Hauch von Speck ist da, etwas, was bei vielen geräucherten Bieren mir persönlich den Spaß etwas einschränkt, das wird dann schnell arg schwer und dumpf.

Am Gaumen entwickelt sich das Black Magic Woman dann erwartungsgemäß sehr vollmundig, mit viel Wucht im Antrunk: cremig und schwer, dick und üppig. Die Röstaromen spielen die Hauptrolle, sie drängen nach vorne, ohne dabei aggressiv zu wirken. Süße und Säure sind sehr schön balanciert, ersteres hat ein bisschen die Überhand, eine ordentliche Salzigkeit kommt dazu. Insgesamt ein sehr rundes, weiches Bier mit ordentlich Wumms, ohne diesen vor sich her zu tragen. 10% Alkohol spürt man beim Trinken an keiner Stelle. Der Abgang ist lang, säuerlich, sehr trocken, etwas holzig, salzig und rauchig.

Toll komponiert, das ist ein kräftiges Stout nach meinem Geschmack, das nur bedingt Rücksicht nimmt auf den Trinker, der sonst lieber Helles zu sich nimmt. Nicht für jeden Tag, auf keinen Fall, aber für einen kühlen Sonntagnachmittag nach dem Sport ein perfekter Einklang für einen ruhigen Abend! (Auch hier sieht man, dass der Artikel alt ist, was ist Sport?)

Erinnerungskultur – Black Tot Rum

Ein Termin wird in der Rumgemeinde weltweit immer mit viel Bohei gefeiert – der Black Tot Day, ich hatte schon vor einer Weile bei einem Bier erläutert, worum es dabei geht. Nun ist 1970 ja recht lange her, der normale Seemann, der den Daily Tot noch erlebt hatte, ist wahrscheinlich längst in Rente. Der, der heute diesen Tag feiert, sieht das ganze natürlich nur aus der Perspektive des Konsumenten, der nicht den harten Dienst auf einem Kriegsschiff mit in seine Sicht aufnimmt – die Hersteller berufen sich aber sehr gern auf die alte Sitte, und so findet man auch heute noch viel Navy Rums, die nun halt flaschenweise an den Rumgenießer auf der Couch zuhause geliefert werden statt fassweise an das Kriegsministerium in Großbritannien.

Den schwarzen Tag in der Seemannsgeschichte trägt der Black Tot Rum entsprechend trotzdem stolz im Namen, auch wenn es eigentlich nichts zu feiern gibt (außer, man ist Teetotaller). Die Rezeptur ist jedenfalls schonmal tatsächlich eine klassische für Navy Rums, die schon immer eine Mischung aus Rums aus den verschiedenen damaligen Kolonien des Weltreichs darstellten. Barbados, Jamaica und Guyana liefern aus ihren Pot und Column Stills die Bestandteile in diesem Fall nach Schottland, wo der Blend dann auf 46,2% eingestellt und abgefüllt wird. Ein Alter ist nicht angegeben, es wird nichteinmal angedeutet, was aber klar ist, ist, dass keine Süßung erfolgt, sei es durch direkte Beigabe von Süßmitteln oder einer Verwendung aromatisierter Fässer.

Black Tot Rum

Da wir schon bei den technischen Herstellungsdetails sind – während auf dem Etikett zwar steht, dass der Rum nicht kaltfiltriert ist, fehlt die oft in diesem Umfeld gleichzeitig vorhandene Zusicherung, dass er nicht gefärbt ist. Gehen wir also von etwas E150 aus, während wir den leuchtende Bernstein im Glas begutachten. Durchaus ölig und schwer liegt er dort, und hinterlässt nach vorsichtigem Schwenken dicke, einzelne Beine, die unabhängig voneinander in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen. Dabei kann man schon beginnen, die Aromen zu beschnuppern, die dabei das Glas verlassen – für mich persönlich riecht das sehr nach Barbados, mit den für dorther stammende Rums typischen Würz- und Karamellnoten. Ein bisschen esterige Frucht, Bitterorange und Banane, ein leicht pikantwürziger Unterton in Richtung oxidiertes Kaffeepulver und eine schon zwickende Lacknote komplettieren das Bouquet.

Schon beim Antrunk merkt man, dass der Körper des Black Tot mittelschwer ist, die initiale Süße wird schnell eingeholt von kräftiger Pfeffrigkeit. Die Jamaica-Komponente wird hier nun sehr erkennbar, die bekannten Fruchtester überholen die immer noch vorhandene, aber zurückgedrängte schokoladigkaramellige Basis. Deutliche Bitterkeit ergänzt das Feuer, das nun am Gaumen und auf der Zunge entsteht, da ist viel Feuer, bei 46,2% Alkoholgehalt durchaus zumutbar und gut eingebettet. Gegen Ende gewinnt aber letztlich doch die Bitterschokolade und eine gewisse Nelkigkeit, und diese Eindrücke bleiben lange vorhanden.

Black Tot Rum Glas

Der Abgang ist mittellang, sehr effektvoll und warm, hinterlässt am Gaumen langanhaltende Adstringenz, die Bitterkeit bleibt ebenso erhalten wie die sehr prägnante Trockenheit, und mit einem etwas blutigem Eisenton klingt der Rum dann aus. Was ich wirklich schön finde, ist, dass man die unterschiedlichen Blendkomponenten wirklich herausschmecken kann, und sie nicht durch eine Süßung miteinander verkleistert wurden. So hat man einen Rum mit Ecken und Kanten, einer angemessenen Komplexität, der sich nicht anbiedert, sondern seinen Charakter und die der Herkunftsländer stolz vor sich herträgt.


Natürlich ist sowas ideal für die Verwendung in einem Cocktail, sowohl in Tiki-Drinks als auch in klassischen Rumrezepturen sehe ich den Black Tot Rum als geeignete Hauptspirituose. Im Sommer, in dem ich diesen Rum verkostet habe, ist mir immer sehr nach eislastigen Tikicocktails aus dem Mixer – ein kurzes Nachlesen in einem meiner vielen Rezeptbücher hat den Tutu Rum Punch der Tikiikone Trader Vic als Kandidaten hervorgebracht. Selbst gegen die gleiche Menge unterschiedlicher Säfte hält sich der Black Tot aromatisch und gibt seine ganze Power in den Drink.

Tutu Rum Punch Cocktail

Tutu Rum Punch
2 oz gereifter Rum
¾ oz Grapefruitsaft
¾ oz Ananassaft
½ oz Falernum
½ oz Zitronensaft
Mit crushed ice im Mixer blenden. Mit Minze und Kandiszuckerstab dekorieren.

[Rezept nach Trader Vic]


Bezüglich der Flasche bin ich sehr zufrieden – die Form an sich ist unspektakulär, ich mag aber diese Verdickungen am Flaschenhals. Der dekorative Deckel auf dem Naturkorken ist hübsch und hilft beim Öffnen der Flasche. Die Etiketten in den Hauptfarben Schwarz und Orange sind sehr verspielt, ohne kitschig zu werden, etwas, worunter viele Rums leider bis heute leiden. Es wird in den Texten auch nicht übermäßig auf mehr oder weniger historischen Geschichtchen herumgeritten, bei einem Rum dieses Datums wäre das auch, ehrlich gesagt, nicht angebracht. Es ist ein neues Produkt, und auch wenn man sich dem Blendrezept nach auf alte Traditionen berufen kann, so stammt es doch aus dem Jahr 2019 (neue Auflagen ändern sich wohl in 2022). So finde ich es gelungen und stilvoll. Entsprechend habe ich auch meinen Toast am Black Tot Day 2020 mit diesem Rum gemacht – wer ihn anschauen will, kann dies hier tun, und mit mir mit einem Glas dieses schönen Rums anstoßen; zumindest virtuell.

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.