Einmal quer durch die Karibik mit einer Mischung aus Samples des deutschen Abfüllers Rum Artesanal, die in den letzten Monaten bei mir eingetroffen sind. Samples sind einfach eine wunderbare Sache, um erstens auf dem Laufenden zu bleiben, welche Art von Rum gerade die Welt bewegt (und ja, das ändert sich immer wieder mal!), und zweitens, um neue Dinge kennenzulernen. Bei dieser Sammlung hier geht es aber hauptsächlich um bereits Bekanntes, das sich in neuen Ausprägungen zeigen will.
Rum Artesanal Barbados BMMG, 06/2000-07/2022, 56,5%. Nougat, Kokos, Buttercreme, dazu etwas Holz und frische Alkoholkante. Angenehme, barbadostypische Nase, die auch im Mund perfekt aufgegriffen wird. Würzig und nicht zu weich, aromatisch und toll strukturiert, mit herrlich kühlem, sehr langem Abgang. Das gefällt, ohne sich anzubiedern!
Rum Artesanal Guyana Uitvlugt, 12/1991-07/2022, 61,7%. Sehr grüne Nase mit viel krautigen, wurzeligen Komponenten und etwas Zigarettentabak. Sonst kaum Aromen, ein bisschen piekst der Alkohol. Im Mund sauer, auch hier krautig und aromatisch schwach auf der Brust, dafür mit scharfem Feuer, das sich plötzlich in Eis wandelt. Effektvoll, aber sonst eher unbeeindruckend, unrund und unreif trotz der Jahre.
Rum Artesanal Clément Private Cask, 5 Jahre 9 Monate, Fassnummer 20100270, 55,5%. Schwerfruchtig in der Nase, stark ausgeprägter Pfirsich und Nektarine – erinnert fast an Bourbon mit Fruchteistee. Dicht und samtig im Mund, mit feiner Pikanterie, nur vorsichtiger Grasigkeit, aber viel Volumen. Eher kurz am Schluss, wenn der Pfirsichbourbon zurückkommt.
Rum Artesanal Guadeloupe Bellevue Distillery, 03/1998-07/2022, 59,4%. Limettenzeste, Lakritze, Herrenschokolade – eine verrückte, attraktive Mischung, erst in der Nase, später genauso im Mund. Feurig, würzig, leicht salzig, maritim und erdig zugleich. Komplex in Aromen wie in der Struktur, mit langem, heißen Finish!
Rum Artesanal Jamaica MRJB 07/1982-07/2022, 45,1%. Rosinen, Zigarren, Nussmischung, drängt sich wirklich nicht auf, für den Alkoholgehalt gleichzeitig aber etwas volatil. Süßsauer, angenehmes Volumen und Würze, ohne aromatisch aufzutauen, vielleicht etwas Lakritz, Melasse oder Pflaumen. Kurz im Abgang, man sieht hier wirklich: Alter ist nur eine Zahl und sagt nichts aus.
Zwei von Fünf, nicht die allerbeste persönliche Gefallensquote, aber niemand kann immer gewinnen und nur Grand Slams abliefern, die allen schmecken (das hat Rum Artesanal aber auch schon ein paar Mal geschafft). Die zwei Treffer sind für mich dafür umso wirksamer, und ich freue mich immer, neue Abfüllungen dieses sehr aktiven Bottlers probieren zu dürfen!
Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.
Lange Zeit hatte ich überhaupt keine Beziehung zu Österreich. Als Kind war ich mit meinen Eltern öfters am Mondsee im Urlaub, die Erinnerung daran ist aber höchstens in einzelnen Bildbröckchen noch da. Vor ein paar Jahren war ich dann im Salzburger Land im Urlaub, und spontan habe ich dieses Land sehr schätzen gelernt – die Österreicher haben vollständig verstanden, was Gastfreundschaft bedeutet, wie wichtig der zufriedene Tourist für ihr Land ist, und wie man dafür sorgt, dass der Besucher immer wieder zurückkommt, wenn er einmal dort war. In den Hotels wird jeder noch so absurde Wunsch zumindest freundlich angehört und bearbeitet, auf den Almen ist immer jemand, der einem das dringend nötige Bier nach langer Wanderung eingießt, und in allen Situationen, in denen Service erforderlich ist, findet man freundliche, lächelnde Menschen, die den Gast mit Humor und Herz behandeln. Man sieht, ich bin etwas verzaubert, vor allem, weil ich nach meinen Reisen mit Sicherheit sagen kann, dass dies überhaupt nicht selbstverständlich ist, und damit zeige ich nicht aufs exotische Ausland, sondern hautpsächlich auf die Servicewüste Deutschland, die einem nach einem Österreichaufenthalt immer wieder drastisch vor Auge geführt wird.
Nachdem ich so einige Österreicher nun kennengelernt habe, glaube ich, dass es keine durch wirtschaftliche Zwänge entstandene Situation ist – die Österreicher haben einen feinen Blick fürs Detail, für Perfektion und kombinieren gerne Tradition mit Moderne. Das spürt man insbesondere bei den Genussmitteln dort, und dabei ganz besonders bei Spirituosen. Uralte Familienbetriebe stellen grandiose Obstbrände her, von denen in nachts inzwischen träume, und junge, motivierte Brenner ahmen sie in Neugründungen nach und bereichern die Szene mit frischen Produkten, die aber bereits im ersten Schritt schon extrem ausgereift wirken. Nehmen wir als Beispiel dafür einfach mal den Wildwerk7 Gnadenwald Dry Gin. Michael Flunger hat als Quereinsteiger vor einer Weile seine Brennerei in Mötz/Tirol im Nebenbetrieb eröffnet – und ein paar Jahre später kommt von ihm ein Gin, der bei einem internationalen Spirituosenwettbewerb eine Goldmedaille gewinnt. Man sieht schon an der Batchnummer auf meiner Kleinflasche (Batch L 1005), dass hier keine Massenmengen produziert werden, im Gegenteil, auch wenn er noch keine Bio-Zertifizierung hat, ist die Herstellung doch praktisch in allen Beziehungen auf Bio-Niveau. Umso mehr freut es mich, dass die Flasche (zugegebenermaßen auf etwas verschlungenen Wegen, dazu mehr am Ende des Artikels) ihren Weg zu mir gefunden hat.
Klar, fehlerfrei, und dabei trotzdem leuchtend und strahlend – optisch macht der Wildwerk7 schonmal echt was her, vor allem für eine klare Spirituose, was hauptsächlich an der öligen Viskosität liegt, mit der sich der Brand träge und schwer im Glas bewegt und dabei entsprechend haftende Artefakte an der Glaswand hinterlässt.
Wieviele verschiedene Gins habe ich in diesem Jahr bei unterschiedlichen Veranstaltungen verkostet – 60? 70? Ich weiß es nicht mehr, aber ich weiß, dass nur wenige davon wirklich noch Wacholder für die Nase bereithielten. Hier ist das anders, Wacholder ist direkt da als Hauptkomponente, klassisch und sauber. Die anderen Botanicals unterfüttern mit einer aparten Mischung aus Gewürz und Floralität, da rieche ich Piment und Kardamom, ein Tick Szechuanpfeffer, eine ganz dezente Note von Lavendel und etwas mehr Rosmarin. Da ist gleichzeitig viel Kraft und viel Frische drin, das klingelt in der Nase, ohne zu pieksen.
Im Mund fällt als erstes auf, dass sich die Optik auch toll in gefühlte Textur überträgt, das ist fett und cremig, breitet sich zügig am Gaumen und und belegt alles. Initiale Süße macht es noch einfacher, den Wildwerk7 im Mund hin und her zu schieben, die sich langsam auffächernden Aromen zu genießen, während die 44% Alkoholgehalt sich zurückhalten. Wacholder, Rosmarin, Kardamom und Piment, das wird schön von der Nase übernommen, gleichzeitig baut sich wirksame Würze und Wärme auf, insbesondere die Zunge fängt langsam an, zu glühen. Beim Abgang bleibt der Gin aktiv, liefert weiterhin ab, wenn der Hauptteil bereits den Rachen hinunterrutscht, mit würzigem Nachhall und angenehmer Pikanz lässt er nur widerwillig los; die Süße vom Anfang bleibt erhalten, ebenso die Cremigkeit, da ist kaum Trockenheit und null Astringenz.
Das hat Kraft, Power, aber ohne Gewalt, Würze, ohne andere Aromen zu überdecken, tolle Struktur und Textur, ohne zu gemütlich zu werden – handwerklich hervorragend gemacht, sauber, klar, dabei dicht und voll. Ein richtig guter Gin klassischer Machart, der sich auf die wichtigen Dinge konzentriert, statt sich in überflüssigen Details zu verlieren. Die ISW-Goldmedaille wundert mich kein bisschen – so ein Gin sticht ohne Mühe aus einer Menge anderer Gins heraus.
Ein Drink, den ich vor Urzeiten in Ted Haigh’s CocktailbuchVintage Spirits and Forgotten Cocktails gefunden hatte, ist der Barbara West. Ich habe ihn hier etwas bezüglich des verwendeten Sherrys adaptiert, statt einem Amontillado nehme ich einen PX Sherry, um den Drink etwas schmeichlerischer zu machen. Optional kann man aber auch etwas Zuckersirup zum Amontillado nehmen, um einen ähnlichen Milderungseffekt zu erreichen; der Wildwerk7 eignet sich aber auch deswegen hervorragend für diesen Cocktail, weil seine natürliche Süße bereits den ganzen Drink sehr süffig macht.
Barbara West 2oz / 60ml Dry Gin 1oz / 30ml Amontillado Sherry / optional PX ½oz / 15ml Zitronensaft 1 Spritzer Angostura Auf Eis shaken. [Rezept nach unbekannt]
Auffällig ist natürlich die schwarz beklebte Flasche mit der silbernen Aufschrift, irgendwie passt es sowohl zum Inhalt, als auch zum Brenner selbst – ich habe Michael Flunger bei der Gault&Millau-Verkostung für den Genussguide Südtirol in Bozen kennengelernt, und ihn in Schwaz neulich bei Best of Bio 2022 wiedergetroffen, wo er auch in der Jury saß und dieses Fläschchen mitgebracht hatte. Dabei hatte er auch noch eine weitere Überraschung im Gepäck. Als wir in Südtirol über österreichische Spirituosen gesprochen hatten, hatte er sich gemerkt, dass ich noch nie zuvor die Spezialität Krautinger probieren konnte, und entsprechend bekam ich eine Probe davon mitgebracht. Danke, Michael, für den Gin und den Krautinger. Letzteren habe ich inzwischen auch verkostet, doch dieses besondere Erlebnis ist eine ganz andere Geschichte, für eine andere Zeit, für einen anderen Artikel.
Eine wilde Geschichte hat sich da im Saarland um eine Brauerei entwickelt. Zuerst gab es da einen Gastrokritiker, der sich (zu Recht, meines Erachtens) über den Namen eines der Biere beschwerte, und dann in einen Rechtsstreit diesbezüglich verwickelt wurde, weil er sich dabei selbst im Ton vergriff. Danach wurde ein Bier gebraut, das im billigsten Kleinkinder-Revanchismus den Kritiker selbst karikierte. Und zu guter letzt schließt die Brauerei ohne Ankündigung, lässt Vertragspartner auf Gutscheinen und ähnlichem sitzen. Was soll man dazu sagen. Ich hatte die Biere des B(r)auhof Saar vor ein paar Jahren schon probiert, und wieder mal verschlafen, den Artikel hier zum rechten Zeitpunkt zu veröffentlichen – nun legen die Umstände fest, dass wir hier über ein missglücktes Experiment reden, im Nachhinein. Und ich nehme vorweg, dass völlig unabhängig von der sehr unglücklichen Kommunikationsart der Brauerei wir auch nicht viel vermissen werden in Zukunft, was Bier aus dem Saarland angeht.
Trinken wir uns einfach durch einen Großteil des Sortiments, das es damals gab. Our Hell’s ist ein helles Lagerbier, untergärig gebraut und 6 Wochen gereift, mit 4,8% Alkoholgehalt und 30 BUs. Spalter Select & Saazer dienen als Hopfenbeigaben.
Sehr attraktiv opalisierend, leuchtendes Gelbgold. Natutrüb mit feinen Partikeln, die sich quer zur Perlage bewegen. Gemischtblasiger, kurzlebiger Schaum. Malzig und hefig im Geruch, aber zurückhaltend. Leichte Frucht, aber auch das dezent. Insgesamt riecht man nicht wirklich viel, insbesondere, bei der empfohlenen Trinktemperatur von 7°C. Sehr cremig und dicht im Antrunk, das ist fast schon wie aufgeschäumt. Aromatisch bleibt es ähnlich wie die Nase angekündigt hat, eher arm. Rezent ist es auch nicht besonders, wirkt eher schon schal beim ersten Schluck, ein wackliges Süße-Säure-Verhältnis sorgt darüberhinaus für Kopfschütteln meinerseits. Der Abgang weist eine bittere Säure auf, mit betäubendem Effekt wie Grapefruitschale. Abgesehen davon ist er eher kurz.
Ein sehr unrundes, unausgereiftes Bier, das mich ganz und gar nicht vom Hocker haut. Ich weiß nicht, wo es hin will – es dient kaum als Erfrischer, als Genussbier schon gar nicht.
Grundsätzlich mag ich Experimente mit natürlichen Zutaten sehr, darum bin ich so etwas wie dem Wheat Pale Ale Hot Pepper sehr aufgeschlossen. Kampot-Pfeffer als Zutat klingt gut! Ansonsten haben wir 5,3% Alkoholgehalt, eine obergärige Brauart, und Gold Frankfurt 2918 sowie Mandarina Bavaria als Hopfen, die für 35 BUs sorgen.
Naturtrüb, ohne Schwebepartikel. Mittlere Perlage, dünner Schaum. Blasse, strohgoldene Farbe. Sehr hefig im Geruch, brotig, vielleicht eine feine Fruchtnote in Richtung Zitrus. Sehr dick und voll im Antrunk, da ist der Mund voll. Schöne Süß-Säure-Balance. Aromatisch spannend – das ist nicht besonders hopfig, mehr hefig, teigig, mit einem Hauch von Pikanz. Eine leichte Süßholzaromatik wertet das Erlebnis auf. Trocken und hell, mir fehlt etwas der Körper. Der Abgang ist minzig, kühl, kurz, mit einem schwer definierbaren Zusatzaroma – das könnte der Pfeffer sein.
Das ist interessant, aber auch bei diesem Bier ist die Säure am Ende zu stark und betäubt die Zungenspitze. Jedenfalls eines der Brauhof-Biere, die ich mir merke.
Die dritte Flasche ist das Hops Thing Citra Ale. Kurz vorab wieder die Fakten: Obergärig, 5,1% Alkoholgehalt, Single Hops Citra, 35 BU.
Wie bei scheinbar allen Brauhof-Bieren muss man die gesamte Flasche einschenken, hier ist besonders viel Satz am Boden, der für die starke Trübung sorgt – inklusive größerer Brocken Satz. Blickdicht, dabei eine schöne Eigelbfarbe, mit sehr feinem, dichten Schaum. Geruchlich kommt der Citra-Hopfen sehr schön durch. Da ist viel bittere Zitrus, Grapefruitschale, Limettenschale. Etwas Malzwürze bietet schönen Untergrund. Sehr voluminös und breit im Mund, fast schon milchig, mit viel Power direkt beim Antrunk. Flauschig wie eine Wolldecke. Sehr gelungene Süß-Sauer-Balance, mit feiner Rezenz ohne überdreht zu wirken. Tolle Bittere, trifft genau den Punkt. Der Abgang ist lang, zitrusfruchtig und leicht adstringierend. Viel Hopfen klingt nach.
Von allen Brauhof-Bieren ist das mit Abstand das Beste, ein wirklich sehr schönes, perfekt komponiertes Ale. Davon habe ich mir mehr geholt.
Dass in der Brauerei gern mit Zutaten gespielt wird, sieht man auch am Blood Honey Ale, das mit Blütenhonig obergärig gebraut wird. 5,2%, Caramalze, und Huell Melon-Hopfen.
Rostbraun, sieht aus wie Cola-Mix, beinahe blickdicht trüb. Feiner Schaum, der nur eine dünne Krone bildet. Große Schwebeteile sind erkennbar. Deutlich ist der Honig in der Nase erkennbar, das ist auch der einzige Geruchseindruck, der mir bei der empfohlenen Trinktemperatur von 7°C einfällt. Nein, das stimmt nicht, da sind Röstmalznoten und etwas Hefe. Schon beim Antrunk schwappt eine starke Süßewelle über mich. Da ist wirklich sehr viel Honigaroma, das erinnert schon an Met. Der Vergleich zu Colamix ist gar nicht weit hergeholt, da sind auch im Geschmack viele Colaaromen. Sehr weiches Mundgefühl. Ein Hauch von Bittere entsteht im Abgang, daneben etwas Trockenheit, was in Kombination mit der superstarken Süße des Beginns zu einem Gefühl der Pappigkeit kombiniert. Der Nachhall ist mittellang mit viel Honig, der sich sogar auf die Lippen legt.
Ich mag Honig, und man schmeckt ihn hier auch wirklich extrem deutlich; allerdings geht das zu Lasten des Biers. Ich erkenne keinerlei Bieraromen mehr – das könnte genausogut Honigcola sein. Das kann man mögen, ich lege mich hier nicht fest, ob ich es gut oder schlecht finde: Als Honiggetränk finde ich es sehr gelungen, als Bier eher nicht. Schwierig!
Das Your Dark ist wieder etwas klassischer gedacht, ein untergäriges Kellerbier mit 4,9% Alkoholgehalt; Perle und Spalter Select kommen als Hopfen mit Caramalzen zum Einsatz und erreichen 30 BUs.
Dunkel, mit einem Hang zum Rötlichen. Fast komplett klar, nur eine minimale Trübung, wenn man beginnt einzugießen; für die kellerbiertypische Trübung muss man die ganze Flasche eingießen, dann bekommt man auch viele erkennbare Schwebepartikel. Leichte Schaumbildung, schnell abgebaut. Ich rieche zunächst mal Essig, grüner Apfel, etwas leicht buttriges im Hintergrund. Grundsätzlich also lauter typische Fehler in Bier. Ich bin da nicht dogmatisch, wenn ein „Fehler“ interessant wirkt, sehe ich das nicht negativ. Dennoch bin ich gespannt, was da im Mund passiert. Auch dort wirkt das Bier aber unrund. Birnenmost schmecke ich da, Quitte, etwas Essig. Insgesamt ist das Bier zwar weich im Mundgefühl, aber doch recht sauer, mit entsprechenden Effekten auf der Zunge. Mir als Fan von Sauerbier ist es dann aber zu ungewollt sauer, nicht, als ob das so wirklich geplant wäre – es ist keine Milchsäure, sondern Essigsäure. Etwas Malzigkeit scheint durch. Der Abgang ist sehr sauer und bitter, und sehr kurz. Die schöne Rezenz rettet das Bier – aromatisch kann es nicht überzeugen.
Zu guter letzt kommen wir zum Stein des Anstoßes – ein Bier Black Bitch zu nennen ist natürlich wirklich grenzwertig, und selbst wenn man es mit gutem Willen als humorvolle Beschreibung eines wilden Schwarzbiers hinnehmen könnte, muss man sich halt fragen lassen, ob sowas wirklich sein muss. Das Ale hat 4,8% Alkoholgehalt, wird mit Weizenröstmalzen und dem Aromahopfen Perle gebraut.
Schwarz ist es eigentlich nicht, aber tiefbraun. Beinahe blickdicht, leichte stumpfe, braunrote Reflexe. Nur minimale Schaumbildung. Gekochtes Gemüse, Blumenkohl, Spargel, Hefe, etwas Malz. Süß und superweich, mit Aromen von Cola und Malz. Trinkt sich tatsächlich wie ein reines Malzbier, es fehlt jede Andeutung der 4,8% Alkoholgehalt. Aber auch jedes Bieraroma – hier ist ein supersüßes Malzbier, das komplett ohne Bittere oder Säure auskommen will. Eine Bitch ist das nicht, mehr eine gemütliche Tante. Im Abgang noch viel süßer, richtig pappig und matschig, ohne jede Definition. Im Nachhall klingt etwas Getreide nach.
Ein Bier zum Vergessen, wäre da nicht die Geschichte um den Namen. Es ist wirklich verrückt, denn ohne diese dreckige Story außenrum hätte ich mich niemals ein zweites Mal an dieses Bier gewagt, und es auch komplett vergessen.
Oh weh, das Gesamtbild zeigt sich schon dramatisch. Letztlich, so leid es mir als echtem Lokalpatrioten tut: Man sieht an diesen Bieren, dass nicht alles, was sich als Craftbier selbst auszeichnet, auch wirklich gutes Bier sein muss. Fast alle hier probierten Biere empfinde ich eher in die Richtung Spaßmischgetränke orientiert, nicht als ernsthaftes Bier (ich klinge hier wirklich wie ein älterer Herr, der am Stammtisch über ungewöhnliches Bier herzieht). Schön aufgemacht waren sie, die Biere, mit Papierwicklung und Plastikanhänger – aber am Ende bleibt trotzdem der eher mäßige Eindruck aus mittlerer Qualität und großem, unnötigem und hässlichem Getöse abseits des Brauens. Andersrum wäre es mir lieber gewesen.
Ich habe auf Guadeloupe festgestellt, dass ich im Leben davor noch nie eine Banane gegessen habe. Nach der Veranstaltung Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2022 auf der französischen Karibikinsel habe ich mir noch drei zusätzliche Tage gegönnt, um dem extrem stressigen Zeitplan des Wettbewerbs noch etwas Entspannung folgen zu lassen. Dazu gehörten viele Spaziergänge durch den Ort Le Gosier, in dem ich mein Privatappartement gebucht hatte, mit fantastischem Blick auf die Îlet du Gosier. Bei solchen fußläuferischen Erkundungen finde ich immer kleine Details, die mir besonders gefallen – wie die kleinen Lädchen, in denen die Guadelouper ihren täglichen Bedarf mit Lebensmitteln und Drogeriewaren decken. Meist nur wenige Quadratmeter groß, ohne Fensterfront, mit Wellblechdach und der ganzen Familie auf der Terrasse vor dem Laden sitzend. Das führt mich zur Banane zurück – man kann dort zum Beispiel reife Bananen praktisch frisch vom Strauch kaufen, und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass das ein komplett anderes Geschmackserlebnis ist, als die Banane, die man hierzulande im Supermarkt kauft.
Natürlich sind diese Früchte dort zuhause, das Klima kümmert sich darum, dass sie fruchtiger, fetter, aromatischer und vollmundiger sind, als wir das kennen. Nicht nur Bananen, auch Mangos, Ananas und sonstiges Obst, von dem ich nichtmal den Namen kannte. Die Einwohner der Insel wissen natürlich um ihren natürlichen Reichtum diesbezüglich, und die Idee, diesen mit dem anderen Kulturgut, dem Rum, im sogenannten punch au rhum zu verbinden, ist wohl nur selbstverständlich. Ein hervorragendes Beispiel dafür, wie gut das funktionieren kann, ist Mabi Punch aus der Gemeinde Goyave an der Ostküste von Basse-Terre. Die Familie Billy nimmt dafür unbehandelte Früchte von der ganzen Insel, und legt diese 6 Monate bis ein Jahr, je nach Art der Frucht, in ungereiften rhum agricole ein. Das wird mit frischem Zuckerrohr gesüßt und kommt mit 34% Alkoholgehalt auf den lokalen Markt. Ich stelle hier mal zwei der vielen Varianten vor, die aktuell dort rein in Handarbeit hergestellt werden: Mabi Punch Le Gingembre und Mabi Punch La Karambole.
Beginnen wir mit dem Mabi Punch Le Gingembre (Lot F03121, abgefüllt 02/2021), der dem Namen nach natürlich Ingwer enthält. Man sieht auch sofort, dass das Fläschchen praktisch zur Hälfte mit Ingwerstäbchen gefüllt ist – da wird also nicht gespart an Material. Es entsteht dabei eine natürliche, minimale Trübung der blassgoldenen Flüssigkeit, die sich schwer und träge im Glas bewegt.
Der Geruch wirkt ebenso natürlich, da sind keine übertriebenen Aromen, die oft künstlich sind. Das hier ist wirklich klar erkennbar in seinen drei Komponenten, Rhum Agricole, Ingwer und Zucker. Sie gehen schön ineinander über, mit einer leichten floralen Seifigkeit. Da wird definitiv nicht versucht, der Nase zu schmeicheln, das ist frisch und frech, mit Alkoholkante.
Der Antrunk wirkt sehr süß, der Zucker beherrscht das Bild, aber kein neutraler raffinierter Zucker, sondern ich fühle hier eher den frischen Zuckerrohrsaft, wie ich ihn auf Guadeloupe oft getrunken habe, mit seiner brummenden Würze und kräftigen Aromatik. Der Ingwer kommt dann erst spät im Verlauf und im Abgang, dann aber wuchtig und kraftvoll, feurig pikant, den Gaumen kitzelnd und wärmend, und bleibt dann lange bei uns. Eine leichte Agricole-Grasigkeit ist ebenso da, ergänzt dieses sehr bodenständige Geschmacksbild, das am Ende dann fast erdig wirkt, mit dazu paradoxer Jasminblüte im Nachhall.
Mabi Punch La Karambole (Lot F05120, abgefüllt 08/2020) beinhaltet Stücke der Sternfrucht, nicht quer geschnitten in der oft gesehenen Sternform (woher die Frucht natürlich ihren Namen hat), sondern längs in Streifen, damit sie in das Fläschchen passen. Kleine Partikel, die davon abgegangen sind, schwimmen im Glas, das ist selbstverständlich kein Mangel, sondern bedingt durch die naturnahe Herstellung.
Der initiale Geruch ist dem des Ingwerpunches zunächst ähnlich, der würzige, süße und aromatische Zucker steht vorne und lässt andere Aromen nach und nach durch wie ein Türsteher. Der Basisrum ist hier klar definiert, eindeutig als Guadeloupe-Rum erkennbar, mit von sich aus schon schöner Fruchtigkeit – aber auch seiner etwas pieksenden Alkoholnote. Traubige Noten kommen danach, tropische, reife Früchte, nicht wirklich voneinander getrennt, einfach ein bunter Fruchtkorb.
Die wildwürzige Süße lässt sich auch im Mund etwas Zeit, Aromen freizugeben. Vanille kommt dann, etwas Zimt, Pistazien und türkischer Honig, das wirkt erstmal wie eine südeuropäische Süßspeise. Die Frucht bleibt durchgängig unterschwellig, also ganz im Gegensatz zur Nase, ohne wirklich unbalanciert zu wirken. Gegen Ende kommen dann die süßherben, beerigen Aromen der Sternfrucht heraus, die von sich aus ja nicht übermäßig aromatisch ist, und fügen sich in ein wirklich außergewöhnlich angenehmes Mundgefühl mit eleganter Bittere ein, das mittellang vorhält. Auch hier spürt man, dass nicht auf grelle Künstlichkeit gesetzt wird, sondern den feineren, tieferen und dezenteren Naturaromen ganz gemütlich Raum gelassen wird. Ganz am Ende hebt der Rhum Agricole nochmal mit grasigeren Tönen den Kopf.
Diese Liköre sind aromatisch und strukturell dicht, man merkt die Handarbeit und die rein natürlichen Zutaten in jedem Schluck. Ich gebe ja normalerweise Cocktailrezepte zu jeder Spirituose an, die ich hier vorstelle, das scheitert hier einfach an den reisebedingt kleinen Mengen, die ich aus Guadeloupe mitgebracht hatte. Und die paar Tropfen, die ich vom Mabi Punch habe, genieße ich ganz gemütlich, in kleinen Schlucken, auf einem Eiswürfel oder in Zimmertemperatur, schließe dabei die Augen, und lasse nochmal die Eindrücke revue passieren, die ich von dem Spaziergang durch den Garten von Madame Marie-Anne Billy und ihrer Töchter aufgesammelt habe. Für die, die sich das nicht bildlich vorstellen können, hier ein paar Bilder. Es kommt natürlich nicht mal ansatzweise an das echte Erlebnis heran, durch diesen wunderbaren Garten zu streifen, aus dem viele Früchte für die unterschiedlichen Sorten des Mabi Punch stammen, dort wachsen jedenfalls Ananas, Mangos, Guaven, Maracujas, Bananen, Sternfrucht, Goldpflaumen, Kirschen, Kokosnüsse und Honigbeeren – und auch Vanille, Hibiskus und andere Pflanzen, deren Duft man sich kaum entziehen kann und die mit wunderbaren Blüten das Auge verzaubern. Ein Paradies, ein Garten Eden, den ich nur widerwillig wieder verlassen musste.
Die beiden 10cl-Fläschchen habe ich im kleinen Destillerieshop bei Père Labat auf der Nebeninsel Marie-Galante gekauft, einfach, weil sie mir dort sofort ins Auge stachen – das ist ein tolles Design, und die kleinen Flaschen mit dem großen Hals sind einfach knuffig. Leider habe ich sonst nirgends die weiteren Sorten in dieser Größe gesehen, sonst hätte ich weitere mitgenommen, insbesondere die exotischeren Früchte wie Cythère (Goldpflaume) und Kenette (Honigbeere), die ich dort probiert hatte, hätten mir als Punch sicher noch gefallen. Die Punches gibt es natürlich auch in großen Flaschen. Ich weiß, dass ich ohne jeden zweiten Gedanken sofort zuschlagen werde, wenn ich diese wunderbaren Punches irgendwo hier in Europa sehe – und jedem, der eine Reise nach Guadeloupe antritt, rate ich, diese als Mitbringsel in die allerengste Wahl zu nehmen.
Baco hat als Rebsorte für den Einsatz in Armagnac eine bewegte Geschichte hinter sich. Als sich viele der traditionellen Weinstöcke der Region Armagnac (insbesondere Folle Blanche) als sehr anfällig für Schwarzfäule herausstellten, und auch das Pfropfen mit amerikanischen Rebsorten, die nach der Phylloxerakrise importiert wurden, für sie nicht leicht war, wurde Baco als Alternative schnell sehr beliebt, bis zu dem Punkt, an dem ein Großteil der Armagnacs diese Hybridsorte zumindest in Anteilen enthielten. Mitte der Neunziger des letzten Jahrhunderts fiel sie dann in Ungnade, wurde und wird weitflächig aus den Weinbergen entfernt und durch Ugni Blanc und die wiedererstarkte Folle Blanche ersetzt. Der Grape of the Art De Belair 1993 Bas Armagnac besteht rein aus Baco, daher ist das auch für mich ein interessanter Quervergleich mit anderen Armagnacs, die auf Rebsortenmischungen oder andere Sorten setzen. Im November 1993 wurde gebrannt, im November 2021 abgefüllt, 120 Flaschen in Cask strength mit 52,2% ergab das.
Farblich ist da gebranntes Siena, ein Braun mit leicht rötlichen Reflexen, dem Lagerungsalter von 27 Jahren durchaus angemessen; das Fass mit der Nummer 8L hat im trockenen Keller ganze Arbeit geleistet.
Die Eindrücke der Nase sind, passend zur Jahreszeit, in der ich diese Sätze schreibe, sehr angemessen: Rotbackige Äpfel sehe ich da vor meinem inneren Geruchsauge, vielleicht sogar Bratapfel, mit Muskatnuss und Zimt gewürzt; Malz ist da, aber auch sehr viel Steinfrucht, Pfirsich und Pflaumen vor allem. Und, da kommt der Apfel wieder durch, mehr als nur eine Erinnerung an Calvados.
Am Gaumen setzt sich das fort, die freche Frische aus Kümmel und Apfel erzeugt eine wirksame Bittere, aber ohne eine harte Kante. Leichte Teerigkeit deutet auf die Produktion in der typischen Armagnac-Brennweise hin, da ist man noch sehr rustikal unterwegs. Sehr angenehm wirkt der De Belair in der Struktur: ideal ausbalancierte Süße und Säure, mit ganz mildem, aber vorhandenem weißen Pfeffer, der das weiche Mundgefühl vom Einfachen ins Erwachsene dreht. Der Abgang ist dann eher kurz, bleibt aber elegant, der Kümmel kommt nochmal kurz hoch und gibt dann hopfigen Jasmin im Nachhall Platz, mit feiner Wärme.
Ein toller Armagnac, rund und edel, bei dem trotz des Alters viele Fruchteindrücke erhalten bleiben, und das Holz diese wunderbar ergänzt.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Arts für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
Ich gebe es gerne zu, als ich die ersten Produkte von Storywood Tequila gesehen habe, dachte ich mir – was ist denn das. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Spirituosenkategorien extrem durchlässig geworden ist, hatte ich wirklich den Eindruck, dass ich hier eine irre Mischspirituose vor mir habe, in der Tequila und Scotch Whisky miteinander vermischt werden. Die Etiketten haben diese Vorstellung auch irgendwie befeuert, mit gleichwertiger Schriftgröße für die Keywords „Tequila“ und „Speyside“, „Reposado“ und „Single Malt“, und dazu diese farbliche Halbierung des Etiketts – es dauerte etwas, bis ich das Konzept verstanden habe. Hier wird nichts gemischt, sondern Tequila in Whiskyfässern gereift, also viel weniger exotisch, als zumindest ich es auf den ersten Blick vermutet hatte.
Tequila wird eigentlich oft eher in Ex-Bourbon-Fässern gereift, daher ist der ausschließliche Einsatz von Scotch-Fässern durchaus etwas besonderes. Welcher Speyside-Single-Malt vorher genau im Fass war, bevor der Tequila hineinkam, ist natürlich nicht so direkt herauszubekommen, da greifen die Geheimhaltungsmechanismen der Fasshändler ziemlich gut, sogar der Verwender der Fässer weiß oft nicht, welche Brennerei Vorbesitzer war. Der Tequila selbst wird dagegen klar bei La Cofradia (NOM 1137) hergestellt, wo auch Casa Noble und rund zwei Dutzend weitere Marken herkommen. Ganz klassisch läuft das ab: 10 Jahre alte Weberagaven werden traditionell geerntet, deren Herzen 72 Stunden in Steinöfen geröstet und der Saft dann mit Schraubenmühlen extrahiert. Wilde Hefen können dann 7-12 Tage ihre Arbeit tun, bevor dann mit Kupferpotstills zweimal destilliert wird. Und schließlich kommen die Speyside-Fässer zum Einsatz – Storywood Tequila bietet ausschließlich gereifte Tequilas an, keinen Blanco. Das Sampleset, das ich erhalten habe, beinhaltet alle ihre Ausprägungen; da steht uns eine spannende Reise bevor!
In klassischer Vielverkostermanier beginnen wir mit dem leichtesten, jüngsten, und steigern uns dann. Also steht erstmal der Storywood Tequila Speyside 7 Reposado 40% vor mir im Glas. Die Zahl „7“ auf dem Etikett bedeutet hier Monate, nicht Jahre, wie man das vielleicht von Whisky gewohnt ist – bei Tequila ist das durch die Alterskategorie „Reposado“ eigentlich klar, denn dieser ist immer unterjährig gereift. Farblich äußern sich diese 7 Monate in einer strohigen, blassgoldenen Farbe. Beim Gerucht bin ich direkt zuhause; ich hatte in letzter Zeit zuviele Tequilas, die in der Nase praktisch neutral waren, hier findet sich sofort und direkt sehr viel Agave, und unterstütztend etwas Zimt, etwas Vanille, dazu etwas Kies und grüne Blätter. Gefällt mir sehr.
Die Nase geht recht übergangslos in den Geschmack über, das setzt sich fort, wie man es erschnuppert hatte. Volle Agave, eine angenehme Balance zwischen Trockenheit und Herbe im Mundgefühl, mit schöner Pfeffrigkeit und Anflügen von Haselnuss, Karamell und Muskatnuss. Das klingt jetzt komplexer, als der Reposado wirklich ist, doch das Geschmacksbild ist einfach sauber und rund, typisch und ohne die Wurzeln aufzugeben, aus denen so ein Destillat entsteht. Das Fass wird zwar groß auf dem Etikett vermarktet, doch es gibt praktisch keine Single-Malt-Aromatik ab, etwas, worüber ich gar nicht böse bin – in Zeiten von Whiskys und Rums, die nur noch nach dem Fassfinish schmecken, ist so ein sauber gebliebener Tequila eine Wohltat. Ich finde das in dieser Form als wirklich gut gemacht, trinkig und leicht, aber nicht banal. Ein Everyday-Sipper, würde ich sagen.
Doppelt so lang wie der Reposado war der Storywood Tequila Speyside 14 Añejo 40% im Scotchfass, und man ahnt das schon anhand der leicht kräftigeren, aber immer noch eher strohigen Farbe. Im Glas liegt er schwer, zeigt schöne Viskosität beim Schwenken. Die Nase ist absolut höchstattraktiv für den Tequilafreund, da erkennt man wunderbar die Agavenfrucht, kombiniert mit ordentlich Zimt und viel Vanille – mit zunehmender Offenstehzeit verfliegt das etwas, bleibt aber typisch und klassisch. Etwas Mineralität übernimmt nun, leicht grünes Holz, würziger und pikanter. Mir fehlt nur etwas Tiefe bei diesem Añejo.
Das bleibt auch der Kritikpunkt im Geschmack – während er aromatisch angenehm leicht und frisch ist, das Holz der Agave noch viel Raum lässt und eine saubere, milde Süße das Geschmacksbild prägt, so bleibt er doch etwas blass in der Ausdrucksstärke. Initial ist da milde Nussigkeit und der Ansatz von dunkler, aber nicht wirklich bitterer Schokolade, und auch die Agave ist noch sehr klar definiert. Besonders im späteren Verlauf verblüht dann aber so einiges an Aromen schneller, als gewünscht, und geht in eine allgemeine, dennoch recht angenehme Floralität über, mit leicht grünen Blättern und Rosenblüten. Insgesamt ist dieser Tequila trocken und am Ende recht herb, vielleicht sogar leicht pfeffrig und holzig, doch dies ist für mich eher ein Qualitätszeichen denn ein Mangel – hier finden sich Single Malt und Tequila auf einer sehr gerechten Ebene zusammen: Elegant und leicht.
Das Etikett des Storywood Tequila Speyside 7 Reposado 53% deutet es an – die blaue Fläche fehlt, das könnte ein cleverer Weg sein, darauf hinzudeuten, dass wir einen Tequila in Fassstärke (also ohne zugesetztes „blaues“ Wasser und mit 53% Alkoholgehalt) vor uns haben. Ich vergleiche diesen stärkeren Tequila in der Nase natürlich mit dem auf Trinkstärke herabgesetzten kleiner Bruder. Erstaunlich, dass sich die Agave hier sehr deutlich zurückzieht, fast verschwindet, und einer schweren, recht allgemeinen, süßen Alkoholnote den Vorrang gibt, das geht schon fast ins Wodkahafte über. Die Mineralität eines Tequila ist noch erkennbar, auch etwas Vegetales, aber im Vergleich ist der Zauber weg.
Im Mund kommt er dann aber wieder etwas zurück, zeigt sich hier voluminös und dicht, mit viel Power, sowohl von der alkoholischen als auch der aromatischen Seite. Honig, Nussmischung, Nougatschokolade, verbunden mit der Pflanzlichkeit der Agave, ohne dass diese dramatisch im Vordergrund steht, hier bindet sie sich ins Ensemble ein. Im Verlauf kommt klare Pfeffrigkeit auf, die dann sogar ins Chilihafte übergeht, das kitzelt die Zunge ordentlich und brennt im Rachen, ohne unangenehm zu werden – im Vergleich zum verdünnteren Bruder ist das sehr wuchtig und erwachsen. Die Klarheit und Süffigkeit macht Platz für Kraft und Schwere; statt einem jungen Mustang haben wir hier einen fetten Stier vor uns. Wäre die schwache Nase nicht, würde ich jubeln; so bleibt dennoch ein starker Eindruck.
Die Standardabfüllungen haben wir damit hinter uns, kommen wir zu den auch im Set enthaltenen „Limited Editions“, in denen zum Teil die Idee des Scotchfassreifens aufgegeben wird. Im Storywood Tequila Sherry 7 Reposado 53% hat man stattdessen ein Oloroso-Sherryfass verwendet und nach 7 Monaten in Fassstärke abgefüllt. So ein frisches Sherryfass hat natürlich eine ganz andere Färbungskraft, das sieht man hier – der Tequila wird bernsteinfarben, mit orangenen und goldenen Lichtreflexen. Auch geruchlich findet man hier viel fruchtigere Noten, die die aber immer noch dominierende Agave und nun sehr erkennbare Mineralität mit Rosinen, getrockneten Pflaumen und gedörrtem Apfel unterfüttern. Wie schon bei einem der Vorgänger fällt mir auf, dass die durchaus schönen Aromen schnell verfliegen, leider.
Weich und mild, rund und voll, ohne dabei zu zahm zu werden, so zeigt sich der Sherry Reposado dann im Mund. Vanille, Honig, die aufgezählten Trockenfrüchte, etwas holzig-graphitiges Bleistifthaftes dazu, und Nougat definieren den Antrunk und einen großen Teil des Verlaufs, bevor dann gegen Ende kräftiges, leicht bitteres Feuer aufkommt, das vor allem die Zunge ordentlich kneift und zwickt. Hier gehen die Aromen dann schnell, wie auch schon in der Nase, verlustig, es bleibt eine geschmacksarme, trockenbittere Grasigkeit mit viel Beton und Kies zurück, doch schon astringierend und wenig gemütlich. Der Abgang ist wirklich nicht so richtig schön, wirkt sehr unrund und eckig, da passt kaum etwas gut zusammen, und leider ist das der Eindruck, der am Ende übrig bleibt. Da sind die scotchfassgereiften Produkte gefühlt sauberer und feiner.
Ein weiteres Experiment ist die begrenzte Abfüllung des Storywood Tequila Double Oak Añejo 53%. Hier hat man den Mittelweg gewählt – halb Speyside-Whisky-Fass und halb Oloroso-Sherry-Fass, man sieht, es wird viel mit Holz herumgespielt bei Storywood, da macht man dem Namen alle Ehre. Auch hier landet der Tequila dann nach 14 Monaten gemischter Reifung in cask-strength bei uns. Das ist durch den Sherryteil natürlich schon sehr dunkel selbst für einen Añejo, geht farblich fast schon ins Terracotta über. Ansprechende Viskosität zeigt sich beim Schwenken. Die Nase findet sofort die gekochte Agave, mit klarer Mineralität und leichte Vegetabilität. Eine Zuckerwatteschicht liegt darunter, gemischt Vanille, Erdbeer und Pfirsich, immer noch natürlich wirkend, nicht künstlich aufgemotzt, wie das für Tequila ja leider durchaus erlaubt ist. Ein insgesamt angenehmes Duftbild!
Im Mund zeigt sich eine sehr schöne Strukur, die Mischung aus schwerer Süße, klarer Mineralität und pikanter Würze wirkt durchdacht und konsequent, das liegt wirklich gut im Mund, während die Agaven- und Holzaromen gleichberechtigt miteinander spielen. Der Kritikpunkt der rein sherryfassgereiften Version ist verschwunden, hier wirkt alles aus einem Guss und rund. Sowohl Breite und Tiefe zeigen sich, Bittere und Säure sind wunderbar balanciert, Körper und Leichtigkeit kann man beide fühlen. Man merkt – das gefällt mir sehr. Ein leicht grüner, leicht floraler Nachhall ist auch von ansprechender Länge, so dass man eine Weile was von jedem Schluck hat: Der Double Oak überzeugt mich einfach auf ganzer Linie.
Was bleibt? Erstmal die klare Feststellung, dass meine anfängliche Skepsis bezüglich einer Spirituosenmischform keinerlei Berechtigung hatte, der Storywood Tequila ist genau das, was er ankündigt: Ein Tequila mit Reifung im Single-Malt-Fass. Ersterer dominiert die Aromatik ganz klar, letzteres liefert höchstens Anflüge von Aromatik, dient eher zur Ausdefinierung, eigentlich so, wie es sein soll. Gerade das Fehlen der oft von einem Bourbonfass mitgelieferten Schwere und Süße zugunsten einer klareren Würzigkeit macht den Storywood Tequila besonders, leicht, frisch, elegant und sauber. Ja, mir fehlt in einem Teil der Abfüllungen etwas an Komplexität und Expressivität (ich nehme den Double Oak davon aus), dennoch trinkt sich das spaßig und unaufgeregt – ein gut gemachter, sehr professionell gereifter und süffiger Tequila.
Die Etiketten sind hübsch im Retro-Stil gemacht, aber, wie zu anfang schon erzählt, etwas schwer zu verstehen, da muss man wirklich oft draufschauen, um zu wissen, was man da vor sich hat, und vor allem auch, was der Unterschied zwischen den Ausprägungen ist. Optisch gefällt mir das zwar, aber ein Rücketikett mit klarer strukturierten und besser lesbaren Fakten würde ich mir wünschen (vielleicht ist das bei der Großflasche ja der Fall, dann nehme ich das zurück). Das Set ist in Anthrazit gehalten, und man hat sich beim beiliegenden Booklet für einen Schiefer-Look entschieden – auch das passt gut ins grundsätzliche Design. Dass überhaupt so ein Booklet vorhanden ist, empfinde ich schon als wirklich schöne Sache; da merkt man, dass Profis am Werk sind, die wissen, wie man Kunden mit kleinen Gimmicks ködern kann, ohne sie übers Ohr zu hauen. Wer Lust auf einen Tequila hat, der Spaß macht, und dabei typisch bleibt und der Agave die ihr zustehende Ehre zukommen lässt, der kann zugreifen – sie sind nicht superbillig, für die gelieferte Leistung aber ehrlich bepreist, denn einen guten Tequila bekommt man halt einfach nicht nachgeworfen.
Offenlegung: Ich danke Tequila Kontor für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Sample-Kits.
Ich hatte in den letzten Jahren viel Gelegenheit, nach Belgien zu fahren und habe das Land irgendwie schätzen gelernt. Natürlich sind es erstmal die Belgier selbst, ein paar davon treffe ich regelmäßig und wir haben immer viel Spaß, sei es Ulric, Dimitri, Didier, Stephane oder Etienne, und auch zugewanderte Belgier wie Marco, oder am besten alle zusammen. Meist geht es dabei dann um Spirituosen, aber das Bier ist immer auch irgendwie mit dabei, kein Wunder, ist es doch ein wichtiger Bestandteil der belgischen Lebensart und Kultur. Heute habe ich darum gleich zwei belgische Biere der Brouwerij Het Anker in Mechelen im Angebot – Gouden Carolus Tripel und Gouden Carolus Whisky Infused. Die edel gestalteten Flaschen gefallen schonmal sehr – mal schauen, was das Bier kann.
Wer Schaum mag, wird das Gouden Carolus Tripel lieben – da ist dichter Schaum beim Eingießen, und auch noch einige Minuten danach, der aus allerlei Blasengrößen besteht, von winzig bis riesig. Die Perlage ist kräftig und hält ihn am Leben; schön ist der Kontrast zwischen eierschalenfarbenem Schaum und einem hellen Gelbbraunton des Biers selbst, der durch die starke Trübung noch gestützt wird.
Die Nase ist fruchthopfig, Mango, Grapefruit, unterfüttert durch eine würzige Malznote. Sehr hübsch und attraktiv, ohne sich übermäßig aufzudrängen, bei der empfohlenen Trinktemperatur von 5-7°C wäre es auch ein Wunder, wenn da sehr viel mehr zu finden wäre – ich halte mich nicht immer an so eine Empfehlung, aber bei diesem Bier passt es einfach.
Im Mund wirkt das Bier sogar noch deutlich fruchtiger als in der Nase, Mango- und ganz stark Litschiaromen bilden sich, dazu eine Rosenblütigkeit, die wirklich sehr apart dazupasst. Die Süßsauerbalance ist sehr gut getroffen, ebenso die milde Herbe, die das weiche Mundgefühl etwas ausgleicht. Die Textur ist fett, doch zusammen mit der oben angesprochenen Kühle sorgt die Karbonisierung für dennoch gute Rezenz und Frische, und runde 9% Alkoholgehalt machen Spaß.
Der Abgang ist sehr kurz, hier kippt das Bier etwas ins Metallische und Bittere, das passt nicht so hundertprozentig zum bis dahin wirklich sehr runden Gesamteindruck; das sollte aber nicht stören, wenn so viele Blüten, Rosen, Jasmin und Frangipani, noch so lange nachklingen. Ein wirklich ausgesprochen blumiges Bier!
Man hat ja hin und wieder Biere, die durch Fasslagerung in alten Whisky- oder Rumfässern aromatisiert werden. Beim Gouden Carolus Whisky Infused hat man sich das gespart und den hauseigenen Gouden Carolus Single Malt einfach direkt mit ins Bier gemischt. Das Ergebnis ist ein Biermischgetränk mit üppigen 11,7% Alkoholgehalt, das anschließend flaschengereift wird.
Dunkles rostbraun, geht in Richtung gebrannte Siena. Volltrüb, am Boden des Glases kann man einen Anflug von helleren Tönen erkennen. Der Schaum ist fett und feinblasig, optisch sehr ansprecehnd durch die beige Farbe und die einzelnen dicken Blasen, die im Schaumbett schwimmen. Zwei Dinge springen die Nase an – das dunkle Malz, das an Trockenfrüchte und leicht herbe Röstaromen erinnert, und darüber erkennbar der frischere, hellere Whiskyton. Ganz typisch für ein mit Whisky behandeltes Bier, das kenne ich von vielen anderen Produkten sehr ähnlich. Leicht marmeladig, tropische Früchte, mit zunehmender Temperatur fruchtet das Bier weiter auf und lässt das Malz hinter sich. Sehr mild und attraktiv!
Im Mund ist das Bier überraschend süß, ich hatte mit mehr Säure gerechnet. Die Textur tut ihr übriges dazu, das ist wirklich fast schon wie ein Marshmallow, so richtig um darauf rumzulutschen und -kauen. Ich finde es toll, dass bei all dem weichen Süßkram die Rezenz nicht zu kurz kommt, das Bier wirkt frisch und hat dank Karbonisierung und sich im Verlauf aufbauender, knackiger Säure genug Erfrischungspotenzial: Ein toller Entwicklungsbogen. Whiskyaromen sind dezent vorhanden, mehr sogar noch im Nachklang als im direkten Geschmack, man fühlt die Berührung des Single Malts sehr schön, ohne, dass er komplett das Bier übernimmt. Der Abgang ist extrem blumig, voller Jasmin, geht dabei fast schon ins Kaugummiartige über. Sehr rund gemacht, mit wunderbarer Süßsauer-Balance, und einem wirklich gut integrierten Whisky. So mag ich das!
Zwei Biere, sehr unterschiedlich, aber mit dennoch hoher Typizität für belgische Tripels. Die Brauerei Het Anker hat noch diverse andere Biere dieser Marke im Portfolio, ich denke mal, bei meinem nächsten Belgientrip werden die mit in die Liste der mitzubringenden Hopfengetränke aufgenommen!
Manche Spirituosen haben es schwer bei mir. Die landen in meiner Heimbar, ich finde sie toll, aber irgendwie rutschen sie nach hinten und neue Dinge drängeln sich nach vorn. Das passiert andauernd, bei einer Flaschenzahl von nahezu 500 ist das irgendwie auch gar nicht anders denkbar, vor allem, da wöchentlich etwas passiert, was mich meine Besprechungsprioritäten überdenken lässt. Aber eine richtig gute Spirituose lässt sich davon nicht kleinkriegen, die bleibt im Gedächtnis haften, und man denkt immer wieder mal daran, und irgendwann kommt ihr Moment, wo sich der Rezensent ihr einfach nicht mehr entziehen kann, und sie aus dem Regal holt und sich fragt, warum sie so lange dahinten stehen konnte. So ging es mir zuletzt nun beim Revolte 2014 MTQ.
Ich wundere mich ehrlich, dass bei einer limitierten Flaschenzahl von 377 (meine Flasche hat Nummer 161) dieser Rum immer noch online zu bekommen ist – während ich den Artikel hier schreibe, recherchiere ich natürlich über die Verfügbarkeit, und ich war fest davon überzeugt, dass es wieder mal einen paläontologischen Bericht über längst getrunkenen Schnaps geben wird. Doch weit gefehlt, eine Freude, dass meine Besprechungsträgheit doch noch Früchte im aktuellen Leben tragen kann! Im aber doch wahrlich nun schon archaischen August 2014 wurde der Revolte 2014 MTQ destilliert, lagerte dann 3 Jahre im Ex-Rhum-Agricole-Fass (genauer gesagte Martinique, daher das Kürzel „MTQ“), und wurde dann laut handschriftlicher Eintragung im September 2017 abgefüllt – und weitere 5 Jahre später schreibe ich diesen Artikel. 56% Fassstärke-Alkoholgehalt, Single Cask, dramatische 21% Angels‘ Share – das sind Daten, wie ich sie mag. Raus mit dem markanten Korken, rein mit dem Rum ins Glas, ich habe zulange gewartet, um jetzt noch zu zögern.
Pastellgold, eine ehrliche Farbe für die eingesetzte Reifedauer und das Material, finde ich – nicht, dass ich Felix Kaltenthaler je unnötige Färbung vorwerfen würde. Leicht und beweglich ist der Rum im Glas, fühlt sich optisch an wie Weißwein, bis auf die Rückstande an der Glaswand natürlich, die geradlinig in Beinchen ablaufen.
Das Glas, an die Nase gehalten, gibt direkt eine extrem florale, fast schon seifige Parfümnote ab, ohne dabei ins Artifizielle zu kippen, das wirkt natürlich und blumig, wie ein Strauß duftender Frühlingsblumen. Veilchen, Lavendel, Rosenblätter – sehr überraschend, im positiven Sinne. Die Rums aus dem Hause Kaltenthaler haben eine sehr hohe Typizität, man erkennt auch hier sofort die Handschrift des Brenners, denn unter den Blüten liegt dunkelfruchtige Melasse mit viel Pflaume, grasige Komponenten, Zedernholz und freche, zitrusfrische Zestigkeit. Eine schöne Kombination, ungewöhnlich, ansprechend.
Im Mund zeigt sich zunächst eine sehr weiche, süßliche Textur, die sich zart an den Gaumen legt, mit freundlichen und nussigen Aromen von geschälter Mandel, Anflügen von Milchschokolade und dunkler Fruchtmarmelade, Pflaumen und Datteln. Der Verlauf ist dann aber anders, kräftige Frucht drängt sich klar nach vorn, eine fast an Weinbrand erinnernde Traubigkeit entsteht, die auch eine fast heiße Würze mit sich bringt und aber den Alkoholgehalt nicht zu überdecken versucht oder vermag. Im Abgang wird der Rum deutlich holzig und trocken, mit astringierendem Gaumenfeuer. Die Süße des Antrunks, die durchgängig erhalten bleibt, fängt das zum Teil auf. Der Nachhall ist dann wieder anders, sehr kräuterig und gewürzlastig, mit viel Kardamom und einer Idee von Lakritz, Kaffee und Piment.
Man sieht, ein extrem vielschichtiger Rum, mit einem spannenden Erzählbogen, der verschiedenste Eindrücke aufsammelt und wiedergibt. Das wird nie langweilig, insbesondere, weil das in keinster Weise ein bequemer Rum ist – nein, da ist Verve drin, Energie und Dynamik, man erkennt so richtig die Persönlichkeit Felix Kaltenthalers: ein Brennerrum, in dem man spürt, mit wieviel Herzblut rangegangen wurde.
Man sieht, ich halte viel von Revolte im Allgemeinen und dem Revolte 2014 MTQ im Speziellen – soviel, dass ich überhaupt keinen Gedanken daran verschwende, ob der Rum in einem Tiki-Cocktail, der auch getorften Whisky enthält, nicht untergehen könnte. Ha! Keine Sekunde des Zweifels gibt es da, weder bei der Wahl des Rezepts für diesen Rum, noch beim Mixen des Between Scylla & Charybdis, noch beim Trinken danach. Den MTQ schmeckt man raus, auch gegen den hierfür verwendeten Laphroaig.
Between Scylla & Charybdis 2oz / 60ml gereifter Rum ½oz / 15ml Cynar 1½oz / 45ml Grapefruitsaft ⅓oz / 20ml Limettensaft ⅓oz / 20ml getorfter Whisky Auf crushed ice shaken, dirty dump, mit crushed ice auffüllen. [Rezept nach servedbysoberon]
Neben dem geschmacklichen Wiedererkennungswert, den ich oben schon erwähnt hatte, setzt Revolte auch voll auf den optischen – die Flasche ist markant und einprägsam, sie wurde schon bei allen anderen Produkten des Hauses verwendet, manchmal leicht variiert durch Vermilchglasung oder Mattierung des Glases. Ich mag diese Form und den tollen Korken einfach sehr, die macht was her, liegt gut in der Hand, und, wie gesagt, man muss sie selbst im übervollen Flaschenregal nicht wirklich suchen, die Revolte-Rums findet man immer schnell. Handschriftlich eingetragene Details sind darüber hinaus auch immer angenehm zu betrachten.
Rein geschmacklich ist der Revolte 2014 MTQ wahrscheinlich eher was für den Kenner, der wilde Aromen und kräftige Strukturen im Brand mag, aber das ist ja schon im Namen der Marke festgehalten – hier wird nicht dem gemütlichen Gaumen des müden Durchschnittstrinkers geschmeichelt, sondern eine freche Attacke gefahren. Ein Rum, der sich den modernen, kantigen Single-Cask-Rums aus Jamaica, Guadeloupe oder auch Mittelamerika annähert, ohne die deutschen Wurzeln aufzugeben, aus denen er vor vielen Jahren als Pionier hervorgegangen ist. Revolte eben.
Sonntag mittag, kühleres Wetter, da versetzt man sich gerne in Gedanken auf eine Karibikinsel – und Rum Artesanal unterstützt uns dabei mit ihren Jamaica-Abfüllungen aus dem April 2022. Hier ein paar Eindrücke meiner kurzen Erlebnisreise durch drei Brennereien auf Jamaica!
Rum Artesanal Jamaica WP 2007, 59,1%, 02/2007-04/2022. Interessante Mischung aus der WP-Typizität und Plastiknoten. Grapefruitzeste, Lavendel und Kaffeepulver. Gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie trotzdem stimmig. Auch am Gaumen ähnlich strukturiert, säuerlich, Plastik und bittere Zestigkeit, superviel Lavendel. Trocken, astringierend, dennoch weich und warm. Kaffee, Grapefruitsaft und Vanille klingen im feurigen Abgang nach. Ungewöhnlich, aber spannend!
Rum Artesanal Jamaica Clarendon EMB 2009, 64,3%, 12/2009-04/2022. Gewürz und überreife Frucht, leichte Floralität, feuchtes Holz und Heu und blühendes Heidekraut, Oregano und sehr schönes, aromatisches Eukalyptus. Lack und Klebstoff, gut eingebunden. Sehr interessant zu schnuppern. Salzig und heiß, bitter, sehr kräuterig, Kardamom, Piment, Ingwerschärfe, teerig und dreckig. Pikant würzig. Im Abgang erfrischend mentholisch und lang, eiskalt mit viel Spearmint bis tief in den Magen.
Rum Artesanal Jamaica HD 1993, 63,5%, 09/1993-04/2022. Ich rieche das Glas, das ich mir eingeschenkt hatte, einen Meter entfernt. Volle, reife aber nicht überreife Frucht, Ananas, Banane, sehr esterig, aber nicht so dreckig wie viele andere Hampdens, mehr Nougat und Toffee. Sehr angenehm, frisch und leicht. Im Mund deutlich dreckiger, sehr viel esteriger, erinnert schon sehr an Baijiu. Deutlich trocken und astringierend, dabei breit und tief, bis lange nach dem Abgang aromatisch dicht und stark. Mir gefällt die schokoladige Süßwürze, die den ganzen Brand durchdringt. Typisch, aber mit Twist!
Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.
„Bio“ ist heute kein verrücktes Konzept mehr. Die Bilder von birkenstocktragenden, haarigen Hippies im selbstgestrickten Pullover, die man früher gern gleichzeitig dazu bemühte, sind längst veraltet und vergessen, man muss nicht mehr ins Reformhaus, um Produkte zu kaufen, wenn einem Themen wie Gesundheit, Nachhaltigkeit, Transparenz und Regionalität wichtig sind. Tierwohl und soziale Gerechtigkeit gehören inzwischen selbstverständlich mit zur Idee der biologisch ausgerichteten Lebensmittelproduktion – und sogar Discounter spüren, dass ganz normale Konsumenten heute, wenn sie wirklich die Wahl haben, oft genug den notwendig höheren Preis akzeptieren, um sich und der Welt etwas Gutes zu tun. Wir bewegen uns sogar auf Zeiten zu, in denen durch steigende Rohstoffpreise manchen erst klar wird, dass der höhere Preis der nachhaltigen Produktion der eigentlich vernünftige ist, und die Billigware jemals überhaupt nur deswegen billig sein konnte, weil irgendjemand dabei ausgebeutet wurde, sei es Mensch, Tier oder Natur.
Auch in der Spirituosenbranche sieht man eine Biozertifizierung immer häufiger – hin und wieder in internationaler Sprechweise dann mit „organic“ gelabelt, wie beim sprachlich wild durcheinander gewürfelten Quadro Nuevo Rhabarber Aperitif aus der Destillerie Dwersteg im Münsterland. Die Zertifizierung verdient man sich hier mit nachhaltiger Produktion und der Verwendung natürlicher Zutaten aus kontrolliert biologischem Anbau. Direkt gepresster Rhabarber und Kräuterauszüge statt künstlicher Aromen sind dabei natürlich nur die direkt sichtbare Oberfläche, dahinter steckt ein traditions- und qualitätsbewusstes Familienunternehmen, das neben denen der Produktion auch hohe Standards in Lieferanten- und Angestelltenbeziehungen setzt – und auch über den Tellerrand der Spirituosenwelt blickt; der Name und das Etikett des Aperitiflikörs spielt so nicht auf die Inhalte an, sondern wurden von einer befreundeten Weltmusikband geliehen. Prüfen wir mal, ob da wirklich Musik in der Flasche ist!
Die Farbe ist leuchtend golden, man sieht deutlich Partikel darin schweben, insbesondere in der Flasche, wenn sie schon eine Weile herumgestanden hat. Das nehme ich erstmal nicht als Mangel, bei einer handwerklich hergestellten Spirituose: Filtern wäre hier sicher möglich, aber es entzieht ja auch automatisch Aroma.
In der Nase wirkt der Quadro Nuevo dann so richtig fruchtig, er drängt sich nicht auf, bietet aber eine sehr aromatische Mischung aus Düften von reifer, gelber Frucht, erinnert mich persönlich eigentlich schon mehr an Aprikose, Pfirsich und Quitte, als an Rhabarber, aber das mag daran liegen, dass ich frischen Rhabarbersaft nicht kenne. Hell, frisch und leicht, Anklänge von Zitruszeste, und unterschwellige Kräuterwürze. Sehr ansprechend, besonders spannend ist, dass bei einem so leichten Produkt mit nur 18% Alkoholgehalt immer noch soviel Aromatik drinsteckt.
Ein erwartet leichter Körper grüßt uns dann beim ersten Schluck im Mund. Das wirkt, wie schon in der Nase, auch hier voll und dicht, ohne zu beschweren, die Kategorie des Aperitif ist toll getroffen. Hier zeigt sich dann auch das, was ich von Rhabarber erwarte, die Säure: sie ist deutlich ausgeprägt, ohne kratzig zu werden, wird von einer Basissüße gut aufgefangen. Auch im Geschmack wird der Rhabarber erkennbarer, das ist mildbitter und trockener, mit leichter Astringenz, und bildet am Ende sogar eine schöne Jasmin-Blütigkeit aus, die sehr lang am Gaumen bleibt. Man hat wirklich lang was an einem Schluck – expressiv und charaktervoll, das ist trinkig und schlüssig gemacht.
Es gibt ja viele leichte Drinks, die auf der inzwischen wohl bekanntesten aller Aperitif-Spirituosen Lillet basieren, da muss man nicht weit schauen. Ich empfehle, den Lieblings-Lillet-Drink einfach mal stattdessen mit diesem deutlich aromatischeren und spannenderen Aperitif zu mixen, das macht das Erlebnis viel wuchtiger und dichter. Oder alternativ den Bastille auszuprobieren, um eine ganz besonders dramatische Begegnung mit Cocktails zu erfahren.
Bastille 1½ oz Armagnac ¾ oz Lillet Blanc (oder eben Quadro Nuevo Rhabarber Aperitif) ¾ oz Bénédictine 2 Spritzer nussige Bitter Auf Eis rühren. Auf Eis servieren. [Rezept nach Robert Weeks]
Quadro Nuevo ist mir zweimal unabhängig voneinander begegnet. Der Erstkontakt war über eine unerwartete Postsendung von Jörg Mayer, der den Aperitif in seinem Shop bei Trinkabenteuer vertreibt, und mir freundlicherweise einige seiner Produkte zum Probieren zur Verfügung stellte. Daher war mir der Rhabarberdrink kein Unbekannter, als er dann, ein halbes Jahr oder so später, bei Best of Bio 2022 in Schwaz/Tirol auf dem Tisch der zu verkostenden Produkte stand.
Best of Bio ist eine Veranstaltung der anderen Art. Nur Hersteller, die einen Hintergrundcheck durchlaufen und nachweisen, dass sie in mehreren Kriterien biologisch arbeiten, können dabei überhaupt berücksichtigt werden – nicht nur das Produkt selbst muss zertifiziert sein, auch die Beziehung zu Lieferanten und Angestellten muss hohen Ansprüchen genügen. Doch so einige Einreicher haben das mit ihren Produkten für 2022 geschafft, und die fachkundige Jury aus drei Ländern, die die Organisatoren Jürgen Schmücking und Daniela Senn in Schwaz versammeln konnten, durfte dann im idyllisch gelegenen Biohotel Grafenast mit grandiosem Blick auf das Inntal ran.
Auch der Modus war besonders – „the winner takes it all“ machte die Verkostung zu unterhaltsamen, intensiven Diskussionsrunden, denn statt Punkte und Medaillen zu vergeben, wurde hier nur der gemeinsam gefundene Überzeugendste des jeweiligen Flights ausgewählt; hin und wieder gar nicht einfach bei dem grundsätzlich hohen Niveau der eingereichten Produkte aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und anderen Ländern.
Mich wundert es nicht, dass Quadro Nuevo bei der Best-of-Bio-Verkostung dann auch einer der Gewinner war. Das Produkt macht Spaß, es passt in den Zeitgeist des Low-ABV-Trends, und es hat durch den Nachhaltigkeitscheck des Best-of-Bio-Teams auch nachweisbar seine Biozertifizierung verdient. Mehr Gründe, sich den Quadro Nuevo mal anzuschauen, sollte eigentlich niemand brauchen!
Offenlegung: Ich danke Trinkabenteuer/jrgmyr für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Aperitifs.