Der Don und der Stier – Die Medium Golden Sherrys von Sandeman und Osborne im Vergleich

Man hat das Bild im Kopf: Ein Butler auf Downton Abbey reicht dem Earl ein winziges Gläschen mit Sherry als Aperitif, bevor er den Gong zum Abendessen schlägt. Das ist in etwa das Image, das Sherry aktuell in Deutschland hat: Ein Relikt aus der Vergangenheit, mit dem die Jugendkultur nichts anfangen kann. Wie immer ist mein Bildungsauftrag als Schnapsblogger hier gefragt, denn wer Sherry nicht kennt, hat klar eine Bildungs- und Geschmackslücke, die es dringend auszufüllen gilt. Warum nicht mit einem einfachen Einsteigerprodukt anfangen, etwas süßlich-weichem, wie einem Golden Medium Sweet Sherry?

sherryvergleich-flascheEin Medium Sherry ist ein Mitglied der Sherry-Untergruppe der Vinos Generosos de Licor, also leicht gesüßter Sherrys, die zur Süßung mit anderen Weinen oder Mosten verschnitten werden. Zwei Exemplare aus dieser Gruppe habe ich mir herausgesucht, die beide leicht in Supermärkten zu erschwinglichen Preisen (um die 5€) erhältlich sind, oft eine Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt erstmal an etwas neues wagt. Auf der einen Seite haben wir also den Sandeman Medium Sweet Golden Sherry, und auf der anderen den Osborne Sherry Medium Golden.

Beide Etiketten sind über weltbekannte, traditionsreiche Silhoutten gekennzeichnet: Osbornes wilder Stier, der den Betrachter herausfordernd anschaut, und Sandemans geheimnisvoller Caballero, mit breitkrempigem Hut und weitem Mantel, der ein Glas Sherry prüfend vor die Nase hält.  Die Flasche von Sandeman weist einen Korken mit Plastikschrauber auf, die von Osborne einen Aluschraubverschluss. Insgesamt schenken die beiden Flaschenpräsentationen sich erstmal nichts, Osborne wirkt etwas lebhafter, Sandeman etwas edler.

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Zur Trinktemperatur: Osborne empfiehlt Raumtemperatur, Sandeman Kühlschranktemperatur, sogar Eis. Ich persönlich ziehe, wie bei den meisten Spirituosen, die ich pur trinke, Osbornes Handhabung vor – kalte Spirituosen sperren die Aromen ein.

Farblich unterscheiden sich die zwei Sherrykonkurrenten praktisch nicht. Sandemans Sherry riecht weinig, traubig, etwas herber, Osbornes Produkt dafür fruchtiger, dunkler, mit Anklängen von Whiskeyfasseiche.

Sandeman kommt mir geschmacklich heller und süß vor, mit einem bitteren Nachklang und leicht adstringierender Säure am Gaumen – feiner als sein Konkurrent. Osborne hat meines Erachtens dafür etwas weniger Alkoholnoten, ist fruchtiger mit weniger Bitterkeit und Säure, und von der Konsistenz etwas dicker, dafür etwas spannungsarm. Osborne gewinnt den Geschmackscontest nur im Fotofinish.

sherryvergleich-glasIch habe mir zwei Cocktails gemischt, von unterschiedlicher Natur, um zu prüfen, inwieweit die nur geringen sensorischen Unterschiede zwischen diesen beiden Medium Golden Sherrys sich auch als Cocktailzutat ähnlich ausdrücken. Beginnen wir mit einem Cocktail, der der dunklen Fruchtigkeit des Osborne Medium Golden Sherry sehr entgegenkommt, dem Butchertown Cocktail.

Butchertown Cocktail


Butchertown Cocktail
2 oz Rye (z.B. Knob Creek Straight Rye Whiskey)
¾ oz Sherry (z.B. Osborne Golden Medium)
¼ oz Cointreau
2 Spritzer Orange Bitters


Der etwas aggressive Rye Whiskey wird durch den süßen Sherry abgefedert und eingependelt, und ein schönes, samtiges Gesamtmundgefühl entsteht. Ein toller Cocktail, und der Osborne ist wunderbar darin.

Für den Sandeman habe ich mir eine leichtere Rezeptur ausgesucht, passend zum Traubenaroma dieses Sherrys, nämlich einen 30er-Jahre-Drink aus Ted Haighs Cocktailbuch, den Barbara West.

barbarawest-cocktail


Barbara West
2 oz Gin (z.B. Bombay Sapphire)
1 oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Golden)
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura


Die Kombination des weinartigen Dufts des Sandeman mit dem klaren Kräutercharakter des Gin ist sehr ansprechend; in so einer Mischung ist Sandeman ein perfekter Kompagnon für die restlichen Zutaten.

Um zurückzukommen auf den Sherry-trinkenden Earl in Downton Abbey: Sicherlich hat er etwas anderes getrunken als einen Medium. Diese Produkte sind von einfacher Art ohne große Rafinesse und eines Adeligen nicht würdig. Doch ich hoffe, mit diesem Vergleich dem einen oder anderen einen Anstoß gegeben zu haben, sich auch mal diese aktuell sehr vernachlässigte Spirituose anzuschauen; und wenn er oder sie dann vielleicht sogar mal zu einem feineren Oloroso, Amontillado oder Fino greift, wäre die Aufgabe für mich erfüllt.

Die Mischung machts – Private Barrel Whiskey Solera 2015

Drei Reihen von Fässern, übereinander gestapelt, in einem dunklen Keller. Der Kellermeister steigt mit seiner flackernden Kerze vorsichtig die steile Treppe hinab, und zapft sich im Kerzenschein aus der untersten Reihe aus einem Fass ein schönes Fläschchen Sherry. Er freut sich auf den feinen Tropfen, der bis zu 20 Jahre alten Sherry enthält, aus einer Quelle, die nie versiegt.

Nun ja, ganz so romantisch muss man das Solera-System heutzutage nicht mehr sehen. Es dient eigentlich dazu, einen Verschnitt aus mehreren Alterungsstufen einer Spirituose herzustellen, eben Sherry, Brandy, aber auch Rum und Whisky. Man sieht das häufig oft auf Rumflaschen, hispanisiert als „sistema solera“. Der Vorteil ist klar – man hat durch die Vermengung bereits gereiften Geists mit jüngerem, frischen Brand immer eine relativ gleichbleibende Qualität; der jüngere Brand wird durch den älteren gemäßigt, der ältere durch den jüngeren aufgefrischt.

soleraDas Solera-System wird gern dahingehend kritisiert, dass man eben keine Altersangabe machen kann, viele Hersteller es aber trotzdem tun. Sie schreiben dann beispielsweise beim Ron Zacapa 23 Sistema Solera-Rum eine fette „23“ aufs Etikett (früher sogar noch in der frechen Form „23 años“) und lassen den Zusatz weg, dass dies das Maximalalter ist, von dem wahrscheinlich nur noch wenige Tropfen in der Mischung enthalten sind, nicht das Minimalalter, wie es bei Cognac oder Scotch sein muss.

Dafür kann jedoch das Solera-System nichts, doch sollte man immer, wenn man diese Worte auf einem Flaschenetikett sieht, sich dessen bewusst sein. Solera-Spirituosen sind per se erstmal nicht schlechter als Brände, die jahrelang in einem einzigen Fass liegen, es hängt wie immer vom Können und Wohlwollen des Kellermeisters ab.

Wie komme ich zu diesem Sermon? Vor kurzem habe ich bei einem meiner Lieblings-Vlogger, Ralfy, einen tollen Bericht über ein Experiment gesehen, das er durchgeführt hat. Für ein kleines Heimbar-Solera-System braucht man nämlich nicht weitläufige Keller, viele gestapelte Fässer und tausende von Litern Destillat; es geht auch im kleinen, mit einer einzelnen Flasche – der Solera-Flasche.

Tatsächlich ist kaum ein Projekt einfacher durchzuführen als dieses. Man besorge sich einfach eine gefällige Glasflasche, fülle eine dezente Basisspirituose hinein, und lasse den Inhalt ein bisschen ruhen. Für jedes Dram, das man der eigenen Solera-Flasche entnimmt, gibt man ein Dram eines anderen Whiskeys wieder dazu. So entsteht über die Zeit eine ganz eigene, die persönliche Trinkhistorie wiederspiegelnde Mixtur, die man nirgends kaufen oder herstellen lassen kann. Wenn man pathetisch sein will: Diese Flasche könnte zum Familienerbstück werden, das von Generation zu Generation weitergereicht wird. In 100 Jahren freuen sie sich darüber, eine Flasche zu haben, in der zumindest anteilig 100 Jahre alter Whiskey enthalten ist.

Durch das Solera-System muss man auch nicht sonderlich auf einzelne Zugaben achten; der Verdünnungseffekt über die Zeit sorgt dafür, dass viele unerwartete Kombinationsaromen Stück für Stück aus der Flasche wieder verschwinden, und durch andere ersetzt werden. Kein Glas schmeckt wie das andere. Natürlich ist das keine echte Solera, dazu fehlt die Reifung, die in der Glasflasche nicht mehr stattfindet, und das stufenweise Vermengen in den criaderas, doch die Idee ist charmant und stilvoll.

whiskeysolera-flascheFür meine Zwecke, der eigenen kleinen Private Barrel Whiskey Solera 2015,  habe ich mit einem einfachen Bourbon, dem Four Roses Yellow Label, begonnen. In eine leere Glasflasche habe ich 400ml dieses Bourbons gegeben, dazu 50ml Ben Bracken 12 years Single Malt Scotch, und 50ml Old Grand-Dad Bourbon. Die erste Nachfüllung mit Rittenhouse Rye BiB ist auch schon erfolgt. Man sieht, man kann auch unterschiedliche Spirituosen, bei mir Scotch, Bourbon und Rye mischen, das macht die Solera nur noch interessanter und lehrreicher. Man sollte vielleicht höchstens stark torfig-rauchigen Scotch auslassen, der übernimmt schnell die ganze Aromatik.

Ich lasse das ganze mal eine Weile laufen. Wenn das Ergebnis überzeugt, werde ich vielleicht auch noch eine Rum-Solera beginnen, oder, wenn ich dann noch ganz abenteuerlustig werde, eine Gesamt-Solera, in die alles reinkommt, was da ist, von Rum über Tequila bis Whiskey. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Warum macht man sowas, fragt sich vielleicht so mancher Purtrink-Fetischist. Nun, ich verfolge mit meinem Blog auch das Ziel, die Leser dazu zu animieren, ihren Gaumen weiter zu schulen. Neues auszuprobieren, sich nicht auf „das macht man halt so“ zu verlassen und auch mal für konservative Augen seltsame, unkonventionelle Wege zu gehen. Und sich nicht von anderen sagen lassen, wie man den Schnaps, den man selbst gekauft und bezahlt hat, zu trinken hat. Und auch wenn diese Idee zur Whiskey-Solera nicht von mir stammt, so ist sie es doch auf jeden Fall wert, weiter in die Welt hinausgetragen zu werden.

Morgendlicher Blitzschlag – Crew Republic 7:45 Escalation Double IPA

Die Craft-Bier-Brauer von heute, sei es in den USA oder in Deutschland, geben sich nicht mehr mit halben Sachen zufrieden. Viel von allem, ohne Rücksicht auf Verluste: Aromahopfen ist die moderne Wunderwaffe im Kampf gegen die gepflegte Pilslangeweile. Und wenn man das ganze bis aufs Blut ausreizen will, landet man bei Bieren wie dem Crew Republic 7:45 Escalation Double IPA.

crewrepublicescalationipa-flascheDie modernen Interpretationen von IPAs, den Kronprinzen der Aromahopfung, lassen sich nicht bitten, wenn es um die Aromenverteilung nach dem Öffnen der Flasche geht. Da muss man nicht die Nase ins Glas halten, das kommt wie eine Backpfeife schon beim Eingießen ins Glas. Die Aromen explodieren dann in einer Kettenreaktion noch weiter: Himbeere, Johannisbeere, Brombeere. Da ist ein würziger Unterton, etwas nussig, vom Malz vielleicht? Ich muss gar nicht trinken, um mich zu erfrischen, es reicht, an diesem Bier zu riechen.

Im Mund erstmal, wie von einem stark gehopften IPA zu erwarten war, leichte Zitrusnoten, dann erscheint schnell wieder das beerige Fruchtbouquet. Eine sehr schöne Hopfenkomposition voller Beeren. Die überraschend sämige, fast ölige Mundkonsistenz, und die unglaublich effektive, aber nicht kratzige Bitterkeit mit 83 IBU gefällt mir extrem. Dazu kommt eine fast salzige Komponente, die die restlichen Rezeptoren auf der Zunge und dem Gaumen ansprechen.

crewrepublicescalationipa-glasMir gefallen unfiltrierte Biere, ich brauche keine Strahlegolde, die einen Teil des Geschmacks nur für äußerliche Durchsichtigkeit abgeben. Das 7:45 Escalation hat diese dadurch entstehende attraktive Trübung, eine schöne Schaummenge, und, wenn gekühlt, eine gute Frische mit viel Perlage.

Ein spektakulärer Effekt beim Schlucken: Das Bier ist so trocken-bitter, dass es einem dermaßen die Spucke wegzieht, dass man kaum merkt, dass etwas mit 8.2% durch die Kehle rinnt. Diese Trockenheit bleibt lange am Gaumen, zusammen mit den Hopfenaromen.

Laut der Homepage des Münchner Herstellers ist das 7:45 Escalation doppelt kaltgehopft, unter Verwendung der amerikanischen Aromahopfen Columbus, Simcoe, Amarillo und Chinook, und der Malzsorten Pilsener Malz und Karamellmalz.

crewrepublicescalationipa-geschmackshinweiseDie inzwischen gern bei Craft-Bieren eingesetzte Visualisierung der Biercharakteristika wird hier entsprechend dem hippen Image der Marke „Taste-O-Meter“ genannt und ist auf dem Flaschenhalsetikett untergebracht.

Ein perfektes und rundes IPA, zum Essen, zum Genießen. Aber keins, das ich entsprechend der Bierstory auf dem Etikett morgens um 7:45 serviert bekommen will. Eine derartige Aromenwucht zu so einer Uhrzeit nach einer wilden Nacht würde dann wirklich zur endgültigen Eskalation führen, wie Red Bull für jemand mit ADHS.

Pablo’s Echte – 1921 La Crema de México Tequila Cream Liqueur

Ich oute mich – einer der allerersten Cocktails, die ich wirklich schätzen lernte und dann öfters trank, war der Brandy Alexander. Ein schön sahniges Erlebnis, und mit dem Effekt der frisch geriebenen Muskatnuss etwas Besonderes, wenn man vorher mit dem Begriff „Cocktail“ eigentlich nur diese seltsamen Saftbomben ohne Alkoholgeschmack assoziierte.

Heutzutage trinke ich ihn leider eigentlich kaum noch, die halbflüssige Textur ist etwas, für das man bereit sein muss. Dennoch muss man hin und wieder so einen Cream-Cocktail schlürfen, aber die Möglichkeiten in diese Richtung schienen mir etwas begrenzt; als einschlägige Fertigprodukte erhält man eigentlich nur Irish Cream von allen möglichen Herstellern inzwischen selbst als Discounterhausmarke, doch seit ich mir an Baileys Mitte der 1990er Jahre auf einer Oberstufenparty den Ekel gesoffen hatte, halte ich mich davon fern. Bis ich entdeckte, dass auch meine neue Lieblingsspirituose, der Tequila, in Rahmform erhältlich ist. Bei solchen Entdeckungen hält mich dann meist nichts mehr, und bald hatte ich dann auch eine Flasche des Likörs mit dem etwas sperrigen Namen 1921 La Crema de México Tequila Cream Liqueur im Regal und deren Inhalt kurze Zeit später im Glas.

1921cremadetequila-flascheSehr cremiger Geruch, nach fetter Sahne, mit leichter Kaffeenote und einem Anflug von Muskat. Gebrannte Mandeln vielleicht? In weiter Ferne schimmert ganz leicht Tequila durch. Nach dem ersten Schluck riecht man erneut am Glas, und plötzlich wird der Tequila prominenter, und nach dem zweiten Schluck fragt man sich, wie man das nicht von Anfang an hat schmecken können. Eine spannende Entwicklung.

Sehr süß und vollcremig, weich und butterig, mild und zart. Da ist nichtmal ein Hauch von Kratzen. Werther’s Echte (die echten, nicht die kastrierten zuckerfreien), Karamell und Banane, natürlich Butterscotch. Etwas hintergründige Fruchtigkeit von reifen Pfirsichen, oder Aprikosen. Das liegt ziemlich bequem im Mund, das kann man gut hin- und herwälzen wie ein Sahnebonbon, und nachher von den Zähnen lutschen. Ein sehr angenehmes Getränk, ohne künstliche Süße oder Klebrigkeit. Ein feine Alkoholwärme breitet sich krönend im Abgang in der Kehle aus.

1921cremadetequila-glasEin sehr opulentes Getränk, das man gut als Nachtisch statt des ewigen Baileys Original Irish Cream servieren kann. Ich schlürfe es gern pur, aber es passt gewiss der eine oder andere Eiswürfel dazu ins Glas.

Vermutlich kann man diesen Sahnelikör in allen Rezepten verbauen, die nach  Baileys verlangen. Ich nehme eins davon her, den Midnight Mint, und modifiziere es leicht – so bekommt der Tequilageschmack mehr Gewicht und die Minze ist nur eine leichte Seitnote.

Medianoche Mentha


Medianoche Menta
1½ oz 1921 La Crema de México Tequila Cream Liqueur
¾ oz Crème de menthe (z.B. Olando Pfefferminz)
1 oz Tequila Blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)
Die Zitronenzeste über dem Glas ausdrücken und
etwas Muskatnuss frisch darauf reiben


15% der Mischung sind 1921 Tequila Blanco, der Rest eine Mixtur, über deren Zusammensetzung ich eigentlich am liebsten den Mantel des betretenen Schweigens breiten möchte. Der deutsche Importeur listet immerhin lobenswerterweise alles hinten auf der Flasche auf. „Natürlich“ sieht aber anders aus. Da darf man sich schon die Frage stellen, ob man sowas nicht lieber selbst herstellt, aus Sahne und Tequila mit ein paar Gewürzen.

1921cremadetequila-zutaten15% Alkohol in 70cl in einer sehr eigenen Flasche, leicht getönt im Vergleich zu den Flaschen, in die die Firma ihren großartigen Tequila abfüllt. Ein riesiger Stopfen, unter etwas schwer zu entfernendem Wachssiegel in der Farbe der Spirituose, wie das gesamte Design auf diese beige Cremefarbe abgestimmt ist. Geliefert wird in einem schönen Karton, für einen Preis von 22€.

Ich gebe zu, ich bin seit meinem ersten Versuch des 1921 Tequila Reposado in einem mexikanischen Restaurant in Saarbrücken ein Fan dieser Produktreihe, der 1921 Añejo ist auch schon in meinem Besitz. Für mich passt sich dieser Sahnetequilalikör gut in meine Heimbar ein, die eher arm an solch cremigen Produkten ist – und vielleicht ist das auch ein schöner erster Schritt für Tequilaverweigerer hin zu einer neuen Wertschätzung.

Roggenknäcke mit süßem Aufstrich – Knob Creek Straight Rye Whiskey

Roggenwhiskey ist so etwas wie der verlorene Sohn Amerikas. Einst der präferierte Brand der Amerikaner, wurde ihm durch die Prohibition mehr als allen anderen Spirituosen die Grundlage entzogen (statt ihn selbst herstellen zu dürfen, mussten sich die Amis mit Schmuggelware aus Kanada begnügen, und das langjährige Brachliegen der Produktionskapazitäten blieb dann auch nach der Prohibition nicht ohne Folgen), und er geriet über Jahrzehnte hinweg fast in Vergessenheit; Bourbon lief ihm den Rang als uramerikanische Spirituose ab, und Scotch und später Vodka warteten nur auf ihren Einsatz in Amerika.

Doch der amerikanische Sinn für Melodramatik kann so eine Geschichte nicht ruhen lassen. Im Zuge der fortschreitenden Ausbreitung und Beliebtheit von „small batch“-Produktionen und dem steigenden Qualitätsbewusstsein nicht nur der amerikanischen Konsumenten schielt der eine oder andere Destiller dann in die Vergangenheit, um alte Märkte wiederzubeleben. Und so legt der Roggenwhiskey, anglisiert als Rye Whiskey, nun einen ungeahnten Erfolgslauf hin, vor allem getrieben von der Suche der modernen Bartender nach originalen, ursprünglichen Cocktailzutaten: vom Millionär zum Tellerwäscher und wieder zum Millionär. The American Dream, gelebt von Spirituosen wie dem Knob Creek Straight Rye Whiskey.

knobcreekrye-flascheDer Geruch ist erstmal überraschend zurückhaltend, ganz anders, als es die kräftige, herrlich strahlende Farbe vermuten ließe. Leichte Vanille, ein bisschen reifer Apfel. Da hatte ich schon andere Kaliber im Glas. Doch die Nase ist ja nur ein, wenn auch für mich sehr wichtiger, Teil des Gesamterlebnisses. Daher gehe ich recht schnell zur Geschmacksprobe über.

Dieser hinterhältige Whiskey tarnt sich nur über die Aromensparsamkeit. Kaum hat man ihn im Mund, beginnt er, auf Touren zu kommen – schön cremig, erstmal viel Vanille, dann schnell aber deftige Holzwürze, ein Touch von salzigem Karamell, Tabak. Im zweiten Versuch kommt dann die pfeffrige Roggenfrische voll durch, mit fast eukalyptischen Noten, die ein minziges Gefühl auf der Zunge hinterlassen. Dabei immer wunderbar süß, und im Abgang sehr zart und weich und wärmend. Ich erkenne hier wie bei keinem anderen Whiskey sonst die Karottennote, die auf der Zunge lange verbleibt, zusammen mit einer angenehmen Kribbeligkeit des Roggen.

Der würzigste Rye, den ich bisher getrunken habe. Ein vielschichtiges, buntes Spektrum, nie langweilig. Die 50% merkt man zwar, aber das ist trotzdem ein Whiskey, den ich auch noch gerade so ohne Wasser trinken kann, wenn ich Lust auf was aromatisches habe. Ansonsten, wie immer bei fast allen Spirituosen – ein paar Tropfen Wasser helfen, die Kerkertüren der gefangenen Aromen aufzuschließen.

knobcreekrye-etikettDie schmale Flasche mit Plastikkorken, dieselbe, in die auch der Knob Creek Straight Kentucky Bourbon abgefüllt ist, gefällt mir sehr, sie erinnert in Kombination mit dem Etikettenstil an alte, handgemachte Schmuggelware aus der Prohibitionszeit. Auch dieser Whiskey ist inzwischen dazu übergegangen, als NAS verkauft zu werden, also ohne Altersangabe, stattdessen mit der recht unverbindlichen Aussage „patiently aged“. Da dieser Rye Whiskey den Namenszusatz „straight“ aufweist, ist er mindestens 4 Jahre alt; früher stand wohl etwas von 9 Jahren auf dem Etikett. Persönlich hänge ich nicht an Altersangaben, wenn das Produkt stimmig ist – und das ist der Knob Creek Straight Rye Whiskey auf jeden Fall.

Ein Cocktail, der die Stärken und Aromen des Knob Creek Rye wunderbar wiedergibt, ist der Greenpoint Cocktail, eine kleine, feine Variation auf den Manhattan. Greenpoint ist ein Stadtteil von Brooklyn, also fügt dieser Cocktail sich nahtlos in die Reihe der nach New Yorker Stadtteilen benannten Mixgetränke ein.

greenpoint-cocktail


Greenpoint
2 oz Knob Creek Straight Rye Whiskey
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Barlöffel Chartreuse Gelb
1 Spritzer Pfirsichbitter


40€ muss man aktuell auf den Tisch legen, um sich eine Flasche davon ins Regal stellen zu können. Ist dieser Whiskey diesen stolzen Preis wert? Auf jeden Fall. Es gibt natürlich günstigere Roggenwhiskeys, doch nur wenige, die einen derartigen Powerpunch abliefern können. Wie eigentlich alle „small batch“-Produktionen aus dem Hause Beam ein sehr empfehlenswertes Tröpfchen.

Wilde Parties und wilder Sprit – Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum (Overproof)

Es war die Party des Jahres. Die Mädels tanzten, die Jungs hingen cool ab. Ich rauchte eine Zigarre im zugigen Vorraum und genoss es, die Leute beim Rein- und Rausgehen zu beobachten. Der Gastgeber hatte schließlich ein besonderes Schmankerl auf der Getränkeliste – Rum mit Cola, aber nicht mit einem gewöhnlichen Rum, sondern dem Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum. Die Idee war wohl, durch die hohe Prozentzahl dieses Rums die Leute schnell auf Drehzahlen zu bringen. Einer der ganz mutigen probierte sogar einen Shot davon pur, und war begeistert, wenn ich seinen schiefen Gesichtsausdruck richtig deutete. Letztlich will ich aber gar nicht das Komatrinken dieser Party anpreisen, sondern prüfen, ob dieser Rum auch Qualitäten für Genießer aufweist.

Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum

Bei manchen Spirituosen muss man mühevoll nach Aromen suchen; beim Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum muss man eher vorsichtig ins Glas riechen. Die typischen jamaikanischen Estergerüche sind im Vordergrund, reife Banane, Butterscotch. Die Aromen strömen schnell aus dem Glas und verbreiten sich.

Ich riskiere es, einen Tropfen davon pur zu naschen, mit einem flauen Gefühl. Man wird dabei im Mund mit einem weichen, warmen, süßen Gefühl überflutet, und schmeckt nicht viel außer einer Toffee-Süße, denn der Alkohol betäubt und lässt dem Gourmet kaum eine Chance, sich Zeit zu lassen. Daher setze ich Wasser zu, und diesmal mehr als nur die üblichen paar Tropfen – hier ist 1:1 angesagt. Ein wirklich ausgesprochen vollmundiges, äußerst cremiges Mundgefühl, voller süßer Komponenten, die Banane und das Toffee sind stark dominierend. Leichte Röstgeschmäcker, ein bittersüßes Malz, dunkle Würze. Der Alkohol ist deutlich, aber gar nicht mal unangenehm, und hinterlässt eine tiefe, lange, befriedigende Wärme im Abgang, mit einer feinen Bitterkeit.

Diese Old Pascas-Abfüllung kann also mit eindeutigem Jamaica-Charakter punkten. Ihm fehlt etwas die Komplexität, die ich von Spitzenjamaikanern kenne, und auch deren charmante Trockenheit. Hier bekommt man nur die Süße; etwas zu einfach für mich. Ähnlich wie die anderen Abfüllungen dieses Herstellers, dem Old Pascas White Rum und dem Old Pascas Ron Negro, bekommt man aber vergleichsweise viel für sein Geld – einfache, bodenständige Rums ohne Zuckerzusatz.

Die Gestaltung der Flasche und Etiketten wurde vor kurzem geändert, modernisiert, ist nun deutlich verspielter und lebendiger. Mir gefällt sowohl das opulente Etikett als auch die sehr aufwändig designete und produzierte Flasche, mit Schriftzug und Schildkrötenlogo im Glas.

Ein Overproof-Rum wird gern als Floater in Tiki-Cocktails eingesetzt, wie zum Beispiel beim vielzutatigen Puka Punch. Man stellt dabei zuerst den Cocktail her, und schichtet (engl. „float“) dann eine feine Ebene des Overproof-Rums darauf, zum Beispiel indem man den Rum über die Rückseite eines Teelöffels langsam in den Cocktail gleiten lässt. Danach nicht mehr umrühren, die Schicht soll möglichst lang bestehen bleiben; sie dient demselben Zweck wie eine Glasur beim Kuchen.

Puka Punch


Puka Punch
2 oz Weißer Rum (z.B. El Dorado 3 Years)
1 oz Limettensaft
  ¾ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Myers’s Rum)
  ¾ oz Orangensaft
  ¾ oz Ananassaft
  ¾ oz Maracujasirup
2 Teelöffel Honig, in 2 Teelöffel heißem Wasser aufgelöst
  ¼ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
1 Spritzer Angostura

Mit 1 Glas Crushed Ice im Mixer oder mit dem Pürierstab blenden
… und am Ende vorsichtig ¾ oz Old Pascas 73% aufschichten


Eigentlich ist das ja kein Punch, denn ein Punch hat per Definition genau 5 Zutaten. Aber wahrscheinlich klang der Name einfach so gut, dass man darüber hinwegsah. Ich tue es gern bei so leckerem (und starkem) Tikiglück, das durch den Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum schön abgerundet und mit feinem Jamaica-Aroma perfektioniert wird.

Bei der Party, die ich im Vorspann ansprach, blieb ein Großteil dieses Rums übrig, den mir der Gastgeber dann freundlich, aber bestimmt, ein paar Tage später in die Hand drückte – kein Massenerfolg also, aber wie so oft gilt: Des einen Leid ist des andren Freud, und ich bin durchaus froh, diesen Rum für spezielle Zwecke in der Heimbar stehen zu haben.

Der Urlaub ist vorbei – Mythos Bier

Der eine oder andere kennt das. Im Urlaub entdeckt man eine Speise oder ein Getränk, das wunderbar schmeckt, und den Genießer begeistert. Man nimmt ein Exemplar davon mit, oder besorgt es sich zu Hause übers Internet, und ist dann irgendwie enttäuscht, weil es irgendwie anders schmeckt, meist eine nachteilige Änderung erfahren hat. Mir geht es beispielsweise so mit dem griechischen Lager Mythos.

mythos-bier-in-kretaIch habe das Bier in Griechenland immer sehr gern getrunken, frisch aus dem Kühlschrank, in gefrosteten Krügen. Ein wirklich tolles Erlebnis, das ich jedem empfehle. Zufällig habe ich dann vor kurzem im Bierregal eines Supermarkts ein paar Flaschen davon entdeckt, für den gemäßigten Preis von 1,40€. Habe ich damit ein Instant-Griechenland zu Hause auf dem Sofa?

mythos-flascheDie Verkostung beginnt schonmal sehr vielversprechend. Sehr kräftige Perlage beim Eingießen, schöne Schaumkrone, viel Kohlensäure. Schöne goldblonde Farbe, und ein Lager-typischer Geruch, hell und eher dünn, leicht hefig, etwas metallisch.

Der Geschmack kommt sehr leicht und ungehopft daher, überraschend leicht für 5% Alkohol, mit sehr milder Bitterkeit; minimale Säure ist erkennbar, dann aber vielleicht etwas dumpf im sehr kurzen Abgang. Keine Frage besteht über den Erfrischungsfaktor, der ausgezeichnet ist, was das Mythos zu einem idealen Begleiter zum Essen macht. Da es seine Perlage lange behält, ist es auch nicht zwischen den Bissen abgestanden.

Etikettenlesen gehört inzwischen zur Grundaufgabe eines Biergourmets, denn man findet immer wieder erschreckendes, so wie hier: Glukosesirup als Zutat. Tut das wirklich Not, Mythos? Ich bin beim besten Willen kein Freund eines Reinheitsgebots, doch solche Zusätze sind meist der industriellen Herstellung und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber dem Produkt geschuldet. Es ist halt einfacher (und vor allem billiger!), die Mängel im Bier mit Zucker auszugleichen, als sich bereits in der Produktion mehr Mühe zu geben.

Interessant: Ich habe eben gesehen, dass in der Zutatenliste beim Onlineversandhändler Amazon der Glukosesirup, der zugesetzt wird, ausgelassen, und statt dessen auf das angeblich eingehaltene deutsche Reinheitsgebot verwiesen wird – man muss dort scheinbar erst die Flasche kaufen, um in der Zutatenliste auf der Rückseite nachzulesen, dass das genauso ein Mythos ist wie der Name des Biers schon suggeriert. Vielleicht hat der Vertreiber zuviel von seinem eigenen Bier getrunken?

Mein Fazit: Ein sehr einfaches Bier mit nur wenig Aromen, mit Zusatzstoffen, die ich nicht schätze.

mythos-glasJa, das ist halt genau der Urlaubseffekt bei solchen Bierspezialitäten. Man trinkt sie in der kretischen Taverne mit Blick aufs Meer, an einem heißen Tag, wo einem die Zusatzstoffe egal sind und die Hitze die Aromen verstärkt. Im kühlen, nasskalten Deutschland ist der Charme eher begrenzt, und das Urlaubserlebnis zumindest hier nicht reproduzierbar – zu leicht und eindimensional ist das Mythos, es hat viel zu wenig Charakter. Meine Lehre: Griechisches Bier trinkt man in Griechenland, nicht hier, und freut sich stattdessen lieber auf den nächsten Aufenthalt dort.

J.F. Kennedy hatte Recht – Tequila San José Silver

Eigentlich wollte ich meine Zeit nicht mehr mit Reviewschreiben für minderwertige Spirituosen verschwenden. Doch dann dachte ich mir – Fusel muss auch diskutiert werden, vielleicht sogar noch mehr als Qualitätsschnaps, denn sonst kauft am Ende jemand noch so einen Stoff, weil es praktisch keine Besprechung als Warnung davor gibt, ist dann wegen des grausigen Geschmacks für immer vom Tequila abgestoßen und verpasst damit eine der wunderbarsten Spirituosen, die es auf der Welt gibt.

Bevor ich diese Tequila-Erleuchtung in Form des Probierens von 100%-Agave-Tequila hatte, hatte ich mir in meiner Unwissenheit eben genau so uninformiert neben dem Hut-Tequila auch noch einen anderen Mixto (also einen Tequila, der nur zu mindestens 51% aus Agavenzuckerferment destilliert wird) in einem französischen Supermarkt gekauft: Den Tequila San José Silver.

tequilasanjose-bottleMan kann es aber dann doch recht kurz machen: Mir kommt es so vor, als wäre das der selbe Brennspiritus, der auch in die Sierra-Flaschen abgefüllt wird. Extrem metallischer Geruch, keinerlei Agavenfruchtigkeit schmeck- oder riechbar, nichts, was guten Tequila ausmacht, ist entdeckbar. Man muss schon viel Limette und Salz dazu servieren, um den Sprit wenigstens in Shotgläsern halbwegs trinkbar zu machen, für die Wirkungstrinker, denen das „danach“ egal ist und die auch Bremsflüssigkeit trinken würden, um dicht zu werden. Dass der San José nur 35% Alkoholgehalt aufweist (das Minimum dafür, dass er sich noch „Tequila“ nennen darf), ist ein weiteres Zeichen für Billigstproduktion.

Das perfide an diesem Tequila ist, dass er in einer schönen, aufwändig gegossenen Flasche abgefüllt ist, die echt was hermacht. Da lässt sich bestimmt der eine oder andere zum Kauf verleiten. Leider. Denn jede Flasche, die von solchem Zeug verkauft wird, bestätigt die Industrie darin, dass es einen Markt für schlechte Qualität gibt, und verkleinert damit den Markt für hochqualitativen Tequila aus 100% Agave.

Also: Fragt nicht, was der Tequila für Euch tun kann, sondern, was Ihr für den Tequila tun könnt. Und das ist, solche Mixtos prinzipiell, egal zu welchem Zweck man einkauft, im Regal stehen zu lassen und ein Signal zu geben: Wir wollen guten Tequila!

Ihr Bierlein kommet – Kalea Bier-Adventskalender Edition Deutschland 2015

Vorweihnachtszeit, Adventszeit. Wie sehr habe ich als Kind immer darauf hingefiebert, jeden Tag ein neues Türchen in meinem Schokoladenadventskalender öffnen zu dürfen! Dass so ein Bedürfnis nicht mit dem Alter vergeht, sieht man an den heutzutage erhältlichen Spezialitäten-Adventskalendern, die man in Supermärkten bekommt, die von der guten alten Schokolade für Nostalgiker über Tierfutter für Tierfreunde bis hin zu Erwachsenenspielzeug im Beate-Uhse-Spezialkalender mit aufgedruckten Playgirls und Toyboys reichen. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich mir gern den Premium-Whisky- oder Tequilakalender zulegen, doch für diesen Preis fahre ich lieber mal in den Urlaub, und begnüge mich mit meinen zweitliebsten Getränken, den Spezialitätenbieren.

Seit einiger Zeit gibt es also auch für den Bierfreund solche Kalender, und auf einen solchen möchte ich mit genügend Vorlauf hinweisen. Der Kalea Bier-Adventskalender Edition Deutschland 2015 fällt einem schon durch die schöne Holzimitationsgestaltung und den massiven Karton auf. Er enthält 24 Biere und ein Verkostungsglas. Versteckt sind die Biere liegend hinter runden Türchen, die leicht zu öffnen sind. Man muss natürlich im Vergleich zu anderen Adventskalendern etwas Platz haben – der große Karton mit den Maßen von grob 40x40x26cm braucht einen stabilen Stehplatz.

bieradventskalender-kartonNeben all den Glasflaschen ist in einem unnummerierten Sondertürchen noch ein schönes, qualitativ hochwertiges, langes Bierverkostungsglas mit 330ml Fassungsvermögen enthalten, und, eingerollt im Glas, eine überraschend informative Broschüre über die empfohlene Vorgehensweise beim Verkosten, mit Farbtabellen für Biere und Geschmacksvorschlägen, anhand denen man seine eigene Verkostung dokumentieren kann.

bieradventskalender-glasFreundlicherweise muss man bei diesem Adventskalender nicht die Katze im Sack kaufen, denn der Hersteller offeriert eine Liste der enthaltenen Biere außen auf dem Karton (mit dem Hinweis, dass Biere ersetzt werden können, falls eins davon zur Herstellungszeit nicht erhältlich sein sollte). Wie man an der Liste sieht, sind darunter durchaus namhafte deutsche Marken wie Riegele, Schneider und Alpirsbacher, und ein breiter Mix an Bierstilen, von Pils über Schwarzbier über Bock zu IPA, und das setzt diesen Kalender von anderen dieser Art ab, die oft drittklassiges, völlig unbeschriebenes Bier zu versteckt erhöhten Preisen unters Volk bringen wollen.

bieradventskalender-inhaltFür alle Bierfreunde, die gern mal experimentieren, ist das ein tolles Vorweihnachtsgeschenk. In meinem lokalen Feinkostmarkt habe ich diesen Kalender für 39€ + 2€ Pfand erworben (also knapp 1,60€ pro 330ml-Flasche, plus das Verkostungsglas, das ist m.E. ein gutes PLV) und dann die vielkiloschwere Packung quer durch die belebte Saarbrücker Bahnhofsstraße geschleppt und dadurch die Kalorien abgearbeitet, die ich durch den Verzehr all dieser Biere aufpacke (zumindest rede ich mir das ein). Der Tragegriff am Kartondeckel ist sehr stabil und hält so einen Bierhalbmarathon aus.

Ich werde ab dem 1. Dezember, wenn das erste Türchen geöffnet wird, diesen Artikel dann regelmäßig mit den tagesaktuellen Bieren ergänzen.

Tür 1: alpirsbacherkleinermoench-flasche
Alpirsbacher Klosterbräu Kleiner Mönch Spezial
Sehr einfaches, effektives Etikettendesign, ohne Schnickschnack. Wenig Informationen auf dem Rücketikett. Wirklich schöne Goldfarbe. Zunächst guter Schaum, später nur noch Ring am Glasrand, dennoch ausdauernde Perlage. Kräftiger Hopfenduft, leicht fruchtig, angenehm würzig. Sehr ansprechend. Hopfenlastiger Geschmack, leicht fruchtig, viel Kohlensäure, mundfüllend mit zurückhaltender Malzsüße. Kräftig und bitter im Nachtrunk. Sehr erfrischend. Ein wirklich tolles Bier – und das schon hinter Türchen Nr 1. Wenn das so weitergeht, bin ich begeistert.

Tür 2:kauzenhopfentraum
Kauzen Biermanufaktur Hopfentraum Pils
Attraktive Farbe, aber ich bin kein großer Pilsfan. Dieses hier ist sicher nicht schlecht gemacht, aber der metallische, trocken-bittere Geschmack, sehr pilstypisch, ist einfach nicht mein Fall. Angenehm gehopft (Hallertauer und Ochsenfurter, den kannte ich noch nicht), aber nicht  fruchtig. Schöne Frische, aber auch im Nachtrunk kommt der Pilscharakter mit seiner aromalosen Trockenheit voll durch. Für Pilsfreunde sicherlich einen Schluck wert – für mich nicht; zuviele „abers“. Witziges Etikett.

 

Tür 3:lebenskuenstler-flasche
Raschhofer Lebenskünstler Witbier
Schön trüb und mit feiner Perlage. Herrlicher Geruch nach Koriander und Orange. Vollfruchtiger, hocharomatischer Geschmack mit zurückgenommener Bittere. Würzig und leicht salzig. Seitdem ich Witbiere entdeckt habe, bin ich begeistert davon, und das Raschhofer ist ein ganz herausragendes Exemplar dieser Gattung. Auch wenn ich kein österreichisches Bier in einer „Edition Deutschland“ dieses Kalenders erwartet hätte… egal: Guter Geschmack kennt keine Nationalgrenzen.

 

Tür 4:hohenthannermaerzen
Hohenthanner Märzen Festbier
Strahlendes Kupfer, lautes Zischen beim Eingießen. Der Schaum ist nach wenigen Sekunden Standzeit komplett verschwunden, er hat es nichtmal aufs Foto geschafft. Dennoch spritzig-frischer Geschmack, leicht hopfig, leicht malzig. Ich vermisse etwas Körper und Volumen. So ist dieses Märzen für mich kein Gourmetbier, aber, gut gekühlt, ein erfrischender Essensbegleiter, das mir abends mein vietnamesisches Bun Nem gekrönt hat.

 

Tür 5:baisingerkellerteufel
Baisinger Kellerteufel Naturbelassenes Pils
Schöne Schaumkrone auf unfiltriertem blassem Bier. Wenn ein Bier „Kellerteufel“ genannt wird, erwartet man etwas extremes: Man bekommt aber trotz des etwas zu flashig aufgemachten Etiketts ein mildes, feines Pils. Gut ausgewählter Hopfen mit einer gewissen Fruchtigkeit, leicht salzige Würze, bis zum Schluss tolle Frische. Im Abgang eine dezente Bittere. Ja, das ist ein Pils, das selbst mir als Pilshasser geschmacklich entgegenkommt.

 

Tür 6 (Nikolaustür):kettererhellerbock
Ketterer Heller Bock
Ein Fläschchen mit Mützchen. Wie bekommt der Bock eine Nikolausmütze über die Hörner? Egal: Strahlend im Glas, mit dezenter Frische, aber leider auch den Eigenschaften, die ich am typischen Bockbier überhaupt nicht schätze: Metallischer, dumpfer Geruch, stumpfer Geschmack. Kaum hopfig, kaum fruchtig, nur mäßig aromatisch. Ich werde einfach nicht warm mit dem Standardbockbier wie hier präsentiert. Mit knapp über 7% wirklich eher etwas für den Festtag.

 

Tür 7:riegele-golden
Riegele… golden seit 1386 Pale Ale
Tür 7 verbirgt ein widersprüchliches Verwirrspiel: „Pale Ale“ steht auf dem Kalenderkarton; auf der Riegele-Homepage findet sich kein Hinweis auf diesen Begriff. Nach Anfrage bestätigt der Hersteller Riegele: Es ist als Pale Ale gedacht. Entsprechend bekommen wir ein hopfiges, helles Bier, mit viel sichtbarer Hefe, und einer deftigen Würze, die man riechen und schmecken kann. Fein gehopft, nicht übertrieben, und wunderbare Frische. Ein Bier für jede Gelegenheit.

 

Tür 8:schalchnerweisse
Weissbräu Schwendl Schalchner Weisse hell
Wunderbare, feste Schaumkrone, die am Bart kleben bleibt. Passend trüb, mit Heferesten, die sich am Boden absetzen. Metallischer Geruch und Geschmack, wenig Aromen, selbst keine eigentlich hefeweizentypischen. Leichte Säure, im sehr kurzen Abgang dann doch für ein paar Momente deutliche Würze, danach nur noch bitter. Insgesamt enttäuschend – für mich als Hefefan ganz besonders schade. Ein Augentäuscher.

 

 

Tür 9:baumburgerexport
Baumburger Export
Ich finde es schade, wenn Biere auf den Etiketten so sparsam mit Informationen über das enthaltene Bier umgehen. Das Baumburger Export spielt ganz vorne mit bei dieser Sparsamkeit: Praktisch null nützliche Information. Dennoch: Gold im Glas, leicht naturtrüb. Wenig Schaum, dafür umso mehr Aroma! Ein sehr würzig-kräftiges Bier, mit perfekter aber milder Bittere, und idealem Erfrischungsfaktor. Ein wirklich spannendes Bier mit viel Charakter. Das werde ich öfters trinken, wenn ich es bekommen kann.

 

Tür 10:goldochsenkellerpils
Gold Ochsen Jubiläums-Kellerpils
Ich stamme aus der Gegend von Ulm, daher verzeihe man mir eine vielleicht etwas lokalpatriotische Haltung diesem Bier gegenüber. Naturtrüb, aber etwas blass und schaumarm überzeugt es optisch nicht, doch der Geruch lässt mich schon an der Klassifikation als Pils zweifeln – das riecht herrlich fruchtig. Und auch geschmacklich würde ich im Blindtest sagen, dass es sich um ein Pale Ale, vielleicht sogar ein mildes IPA handelt. Erst im Abgang kommt ein trockener Pilscharakter zum Vorschein. Das beste Bier in Ulm, um Ulm und um Ulm herum, dessen bin ich mir sicher.

Tür 11:hirschbraeuholzar
Der Hirschbräu (
Höss) Holzar-Bier Export
Ein Bier wie ein rostiger Nagel – sowohl von Optik als auch vom Geruch her. Dunkler Bernstein, wenig Schaum, und ein Geruch nach Eisenwarenhandlung. Leider kein „Iron Man“ in Bezug auf Geschmack; wenig Körper, nur wenig Malzigkeit, leichte Bittere. Enttäuschend dünn und lasch. Ich bezweifle, dass sich die alten Holzmacher mit so einer schwachen Brühe zufrieden gegeben hätten, nach einem harten Tag im Forst. Immerhin ein schön gestaltetes Etikett. Dennoch bisher vielleicht das schwächste Bier des Kalenders.

 

Tür 12:doldensud-vorschau
Riedenburger Brauhaus Dolden Sud Bavarian IPA
Für dieses Bier verweise ich gern auf meine bereits vorhandene, ausführliche Rezension.

 

 

 

 

 

Tür 13:metamensisgoldendark
Met-Amensis GoldenDark Metbier
Mit der Halbzeit des Bierkalenders überschreiten wir auch gleichzeitig mit dem GoldenDark die Grenze zum Mischgetränk. Met, also Honigwein, ist ein uraltes Kulturgetränk, das bei uns, wenn man leicht polemisch werden will, nur noch in LARP-Kreisen von plastikbehelmten Freizeitwikingern getrunken wird. Pur mag ich Met eigentlich gern; als Zusatzstoff im Bier sorgt es dafür, dass man ein pappsüßes, leicht nach Melone und Honig schmeckendes Getränk bekommt, das mit Biergeschmack nichts mehr am Hut hat. Ein interessantes Experiment, mehr aber auch nicht.

 

Tür 14:huettnaturtrueb
Hütt Naturtrüb Kellerbier
Hefe! Hefe! Hefe! Meine Hefealarmskala ist eben gesprengt worden. Die Hessen, bei denen alles Essen aus Sahne, Speck, Zwiebeln und Sahne besteht, garniert mit Speck und Zwiebeln und einem Klecks Sahne, liefern hier ein herrlich dichtes, voluminöses Bier ab, das zu einer deftigen Speise passt. Ich schmecke Laugenbrezeln und Brot, eine kräftige Bittere und durchgängigen Schaum. Im Glas bleibt nach Genuss noch etwas Hefe zurück; wenn man das Foto genau ansieht, kann man die Schwebeteilchen erkennen. Ich liebe dieses Bier.

 

Tür 15:riederschwarzmann
Rieder Schwarzmann Schwarzbier
Vorsicht, der Schaum kommt bei diesem Bier heimtückisch im letzten Schuss beim Eingießen – mir ist es etwas übergelaufen. Geruchlich erinnert es mich an Suppenwürfel; der erste Geschmack im Mund ist ganz kurz Weichspüler und Plastik, erst dann kommen stouttypische Aromen wie Kaffee und dunkles Malz zum Vorschein. Ein Spiel mit meinen Nerven, aber ich mag so verrückte Biere, die man schwer einordnen kann. Da wir hier noch ein österreichisches Bier vor uns haben, glaube ich, dass mit „Edition Deutschland“ etwas anderes gemeint war, als ich dachte.

Tür 16:gipfelglueck
Hopfmeister Gipfelglück Exotische Weisse
Liest man ein paar der Zutaten, so könnte man denken, man hat ein IPA vor sich. Auch geruchlich orientiert sich diese kaltgehopfte Bierspezialität klar an den hopfenstarken, fruchtigen Ale-Vorlagen. Mit einem kräftigen Schaum und starker Trübung kommt aber auch ein anderer Geschmack ins Rennen: Das typisch süß-säuerliche der Weißen, mit einer guten Würze und sehr milden Bittere (15 IBU), hinterlässt eine angenehme Trockenheit am Gaumen. Ich kann mich dem Rückseitenetikett eigentlich nur anschließen: Mei schmeckt des guad!

Tür 17:palmbraeuoriginal
Palmbräu Original naturtrübes Pils
Ich wohne in einem Bundesland, das fest in der Hand einer Großbrauerei ist, die ein Pils herstellt, das den Markt dominiert. Leider sagt mir das Urpils überhaupt nicht zu – viel zu bitter, kratzig und ohne Aromen. Das hat mich zum Pilshasser gemacht. Das Palmbräu dagegen könnte mich wieder hin zum Pils bekehren: Naturtrüb, safranfarben, feiner Fruchtgeruch, mindestens ebenso feiner Hopfenfruchtgeschmack. Milde, aber klar spürbare Bittere mit edler Trockenheit am Gaumen und einer überzeugenden Würze. Ein sehr ansprechendes Etikettendesign und ein Biosiegel krönt das ganze.

Tür 18:buergbraeugustl
Bürgerbräu Gustl bayerisches Vollbier
Nach all den unfiltrierten Bieren mal wieder ein hochglänzender Strahlemann. Ich bin davon überzeugt, dass man beim Filtrieren einen nicht unerheblichen Anteil des Geschmacks verliert, und dieses Bier beweist es mir erneut. Sehr metallischer Geschmack und Geruch, dünn, zwar sehr frisch und hell, aber dafür auch körper- und charmelos. Oberflächliche Aromatik, kaum runtergeschluckt ist es schon weg, zurückbleibt nur eine belanglose Bittere. Gut trinkbar zum Durstlöschen beim Essen oder in der Sommerhitze im Biergarten; zum Genießen ungeeignet. Andere würden vielleicht „klassisch“ dazu sagen.

Tür 19:zwoentitzerrauchbier
Zwönitzer Rauchbier
Ich hatte schon viel Pech mit Rauchbieren. Im Gegensatz dazu kann mich das Rauch-Craft-Bier von Zwönitzer voll überzeugen: Hier ist der Rauchgeschmack dezent im Hintergrund, und erinnert wirklich an Rauch, und nicht an diesen unsäglich schmierig-speckigen Fischkuttergeschmack, den viele andere Rauchbiere aufweisen. Der Hauptgeschmack ist dabei immer noch Malz, Kaffee und Röstaromen sind erkennbar und geben dem Bier eine kräftigsüßliche Note. Dazu ein ordentlicher Hefesatz, der dem ganzen eine schöne Trübung gibt und viel Geschmack mitbringt. Die Erzgebirger haben halt Erfahrung mit Räucherware!

Tür 20:schlappeseppel-winterbock
Schlappeseppel Winterbock
Winter ist ja gerade nicht. Nicht, dass ich böse wäre – ich habs gern muggelig warm. Dennoch kann man so ein Bier zum Abendessen trinken: dunkelgoldene Farbe, kräftige Perlage, milder, zurückhaltender Duft. Im Mund würzig, etwas salzig, dabei aber gleichzeitig immer schön malzig-süß. Kein metallischer Geschmack, den ich am Bock immer ablehne. Man schmeckt die fast 7% Alkohol nicht raus. Eine witzige Entstehungsgeschichte, deren Wahrheitsgehalt ich wie bei allen solchen Legenden anzweifle, und ein saisonal passendes Etikett – ein sehr ausgewogenes, interessantes Produkt für Freunde des etwas stärkeren Biers.

Tür 21:schneiderweissetap7
Schneider Weisse TAP7 „Unser Original“ Hefeweißbier
Das ist der zweite Hahn, den ich von G. Schneider & Sohn nun probiere (die Rezension fürs TAP6 folgt demnächst!). Naturtrüb, ungefiltert, unpasteurisiert – so lobe ich mir das. Dunkle Hefeweizen sind meist  malziger, süßer, als ihre helleren Verwandten, und tatsächlich finde ich hier eine etwas stumpfe Süße, einen dumpfen Geschmack, mild bis zur Belanglosigkeit. Mir fehlt eine gewisse Würze, ein Knalleffekt. Auch die Rezenz hält sich für mich einen Tick zu sehr in Grenzen; ein Bier, das man gern trinkt, aber dann schnell wieder vergisst. Ich hoffe, ich verrate nicht zuviel: Auch TAP6 hatte mich nicht begeistert. Vielleicht habe ich am falschen Ende der Zapfhahnreihe angefangen?

Tür 22:Distelhäuser Black Pearl
Distelhäuser Black Pearl Classic Porter
Ich sage direkt vorneweg: Porter ist, wenn gut gemacht, eine meiner Lieblingsbiersorten. Das Etikett erinnert schonmal an klassische Zeiten. Vorbildlich, wenn inzwischen in Craft-Kreisen aber üblich, sind die exakten Angaben über IBU, Stammwürze und Hopfen- und Malzsorten. Die „schwarze Perle“ glänzt mit perfekter Blickdichte, feinem Schaum und herrlichen Aromen für die Nase. Wunderbare Konsistenz, sehr malzig, aber gleichzeitig sehr frisch, mit für „nur“ 28 IBU äußert effektiver Bittere. Aromen von Espresso, Bitterschokolade, Röstmalz sind präzis definiert, bei gleichzeitig dennoch klarem Biercharakter – sehr sortentypisch. Ein gutes Porter aus deutschen Landen (dass es auch das Gegenteil gibt, sieht man hier), bei dem ich nur einen gewissen Körper vermisse.

Tür 23:Heidelberger Weihnachtsbier
Heidelberger Weihnachtsbier
Plopp! Macht der Kronkorken, und der Bierschaum ergießt sich über meinen Teppich. Lag das Bier aufgrund meiner Grippe zu lange im Kühlschrank? Habe ich es geschüttelt? Ich weiß es nicht. Schade, dass diese Schaumentwicklung nicht auch im Glas weiter anhält. Die Farbe entschädigt: Glänzendes Bernstein. Geruchlich etwas zurückhaltend, aber erkennbar würzig – ich rieche etwas Orangensaft. Geschmacklich etwas zart, aber auch hier feinwürzig und dezent. Sehr dezent. Viel zu zurückhaltend in allen Beziehungen für meinen Geschmack – wenn ich bös aufgelegt wäre, würde ich sagen: laaaaangweilig. Ich bin es aber nicht, sondern lege dieses Bier stattdessen einfach denjenigen ans Herz, die Bier mögen, das nicht so arg nach Bier oder irgendwas schmeckt.

Tür 24:Stille Nacht Weihnachtliches Festbier
Schnaitl Stille Nacht Bier
Es ist schon fast Silvester, und das inzwischen dritte österreichische Bier musste aufgrund einer Grippe etwas länger im Kühlschrank ruhen als beabsichtigt. Doch die Wartezeit hat sich gelohnt: Optisch attraktiv, mit vielen rostroten Lichtreflexen und einer tollen Schaumkrone. Geruchlich meine ich, eine deutliche Bananennote festzustellen, neben den Röstmalzaromen. Die 29 IBU stellen sich am Gaumen unmissverständlich vor, doch die angenehme ausgleichende Malzsüße sorgt für einen spannenden, so gar nicht stillen Kontrast. Ich bin mir inzwischen sicher: Österreich habe ich biertechnisch klar unterschätzt. Da gibt es Nachholbedarf.

 

Am Ende kann ein Rückblick erfolgen. Ich bin, sowohl was Präsentation als auch Inhalt angeht, äußerst zufrieden mit diesem Bieradventskalender. Einige, die so einen Kalender online bestellt hatten, beschwerten sich darüber, dass er mit kaputten Bierflaschen angekommen sei; andere, dass die Türchen nicht vorgestanzt waren, wieder andere, dass das Glas hinter der falschen Tür gewesen sei. So ganz problemlos ist die Produktion bei Kalea daher scheinbar nicht; ich empfehle ganz klar den Kauf vor Ort, wo man sich vom Zustand augenscheinlich selbst überzeugen kann.

Das Verkostungsglas gefällt mir sehr gut, ich werde öfters Bier daraus trinken. Die Bierauswahl ist wirklich gelungen, ein schöner Querschnitt durch Deutschlands (und 3x Österreichs) Bierkultur, und ich habe ein paar Biere kennengelernt, die ich mit großer Sicherheit nachkaufen werde, falls ich sie bekommen kann. Und es hat mir großen Spaß gemacht, jeden Tag morgens ein Türchen zu öffnen, das Bier in den Kühlschrank zu legen und abends dann zu genießen.

Kalea Bierkalender offen

Die Anschaffung eines solchen Kalenders ist für das nächste Jahr schon fest eingeplant. Da derselbe Hersteller auch einen Craft-Bier-Kalender anbietet, werde ich mir, falls dann noch erhältlich, wahrscheinlich so einen holen; oder vielleicht sogar einen Blick über die Grenze riskieren und mir die „Edition Österreich“ anschauen.

Wundermittel gegen Katzenjammer – Robinsons Old Tom Strong Ale

Kaum ein Hersteller von verderblichen Waren kommt ohne Hauskatze aus. Gerade bei getreidebasierten Produkten, wie Bier, ist eine Katze als natürliches, biologisch unbedenkliches Anti-Maus-Mittel unersetzlich. 1899 lag also „Old Tom“, die Brauereikatze von Robinsons, in der Sonne, entspannte nach all der Mäusejagd (wie es nur Katzen so lustvoll können). Ein Brauer sah sie, skizzierte ihren von dieser unliebsamen Belästigung etwas genervten Gesichtsausdruck (wie ihn nur Katzen haben können), und das Bild war so beliebt, dass es zum Markenzeichen der Brauerei wurde, und die Katze „Old Tom“ mit dem Bild zum Namensgeber für ein Ale, nämlich das Robinsons Old Tom Strong Ale.

oldtomale-flascheWenig Schaum krönt das Ale, das kennt man ja von Ales, aber es weist eine attraktive, starke dunkle Farbe auf, mit vielen schönen roten Reflexen, wenn man es leicht gegen das Licht hält. Im Gegensatz zu Stouts ist es aber nicht vollständig blickdicht.

Mit Bier, wie man es kennt, hat dieses Getränk vom Geruch her erstmal wenig gemein. Nein, ich denke beim Riechen am Glas mehr an Rum, Holz und Malz. Das macht sich auch im Geschmackstest bemerkbar. Sehr kräftiger Geschmack, dunkel, malzig und überhaupt nicht süßlich, wie man es von einem solchen Bier erstmal erwarten würde. Im Gegenteil: eher sogar leicht salzig, dann etwas kratzig im Hals, und schließlich wuchtig im Abgang.

oldtomale-farbeBitter ist die dominierende Note – aber keine helle Bitterkeit wie bei einem IPA, sondern entsprechend der Farbe ein dunkle Bitterkeit – und überraschend adstringierend zieht es mir die Spucke aus dem Mund. Erneut kommt mir die Erinnerung an Rum. Melasse, und dunkle Früchte, vielleicht wie ein Botucal Reserva Exclusiva schmecken würde ohne all den Zuckerzusatz.

8,5% Volumenprozent, die man praktisch nicht schmeckt, verkaufen sich für knapp 3€ einer 330ml-Flasche, die toll gestaltet ist, mit ins Glas eingelassenem Schriftzug; und bei einer Katze als Markenlogo ist bei mir eh die halbe Miete schon drin.

„The World’s Best Ale“ steht selbstbewusst auf dem Flaschenhalsetikett. Persönlich glaube ich nicht, dass es soetwas gibt, bei all den unterschiedlichen Geschmäckern, aber sicherlich gehört auch für mich das Robinson’s Old Tom Strong Ale zu den besten Ales, die ich bisher getrunken habe. Auf jeden Fall zu den memorabilsten.