Jahrein, jahraus – Evan Williams Single Barrel Vintage 2004 Bourbon

„Was für ein Jahrgang!“ Das ist ein Ausspruch, begeistert geäußert, den man oft von Weinkennern zu hören bekommt. Wer erinnert sich nicht an die großartige Szene aus dem Louis-de-Funès-Film „Brust oder Keule“, in der ein französischer Jahrgangswein allein aufgrund seiner äußerlichen Eigenschaften erkannt wird?

Eine Frage, die sich mir nun direkt anschließt – warum hört man solche Ausrufe nur von Weinkennern, nicht von Spirituosenkennern? Warum erfreut sich der Gourmet eines SaintJulien Château Léoville-las-Cases 1953, trinkt aber  einen Highland Park 12 Years ohne Angabe des Datums der Fassbefüllung? Ich gehe einfach mal davon aus, dass bei einem Wein, der ja meist innerhalb eines Jahres von der Rebe in die Flasche kommt, die Umgebungsbedingungen des Produktionsjahres deutlich wichtiger sind als bei einem Whiskey, der einen Großteil seiner Aromen aus jahrelanger Fasslagerung bezieht.

Nun habe ich aber doch einen amerikanischen Whiskey gefunden, dem das Fassjahr wichtiger ist als die Reifedauer: den Evan Williams Single Barrel Vintage 2004 Bourbon. 2004 wurde er also destilliert und ins Fass gefüllt, knapp 10 Jahre später, 2014, dann in die Flasche gezogen. Die Destillerie Heaven Hill bringt jedes Jahr einen solchen Jahrgangswhiskey heraus, mit dem Anspruch, dass eine Flasche des Jahrgangs 2003 komplett anders schmecken kann als eine des Jahrgangs 2004 und so weiter. Auch wenn der deutsche Whiskygott Horst Lüning eine solche Produktion „Marketing-Blabla“ nennt – ich finde es eine nette Abwechslung, insbesondere in Zeiten von NAS-Abfüllungen, die überhaupt keinen Hinweis auf Alter oder Abfüllungszeit mehr geben.

evanwilliams2014-flascheSehr positiv fällt dem Jahrgangsverkoster erstmal die herrliche Kupferfarbe auf. Auch im Glas ist der Bourbon beeindruckend, mit sehr vielen langen Beinen. Ein Bourbon ist es vom Geruch her, und zwar was für einer: Fette Vanille, etwas Lack, viel Eichenwürze. Ein erdig-toniger Anklang von Stein hebt ihn daneben vom Standardbourbon ab, und etwas Schokolade meine ich auch noch zu erschnuppern. Ein herrlich kräftiges, üppiges Bouquet…

…das im Mundgefühl noch übertroffen wird. Ölig, dicht und voluminös begeistert schon seine Konsistenz, und wenn dann die Zunge von Aromen von Toffee und weißer Schokolade und Karamell überflutet wird, ist das Whiskeysüßmaul überglücklich. Ich empfinde den Evan Williams Single Barrel Vintage 2004 Bourbon als überaus komplex und tief, dabei gleichzeitig aber sehr gefällig: äußerst cremig, weich und mit nur leichter Würze. Die Hauptaromen sind süß und schokoladig, nur wenig Alkohol ist spürbar, erst im Abgang wird es würziger und kräftiger, selbst dann aber vorsichtig und schnell abklingend. Am Ende dann ein mittellanger Abgang mit viel Wärme und residualen Geschmäckern.

Ein Whiskey zum Eingießen und einen Abend daran schlürfen. Herrlich mild und süß. Man braucht sonst nichts und ists zufrieden.

evanwilliams2014-ruecketikettDas Flaschendesign ist diesbezüglich erstaunlich zurückhaltend – ähnlich wie viele Scotch-Flaschen hat sie einen bauchigen Hals, der aber von schwarzem Siegellack verdeckt ist. Auf dem Rückseitenetikett steht, wie es sich für einen Single-Barrel-Whiskey gehört, die Fassnummer, und, um dem Jahrgangsgedanken vollends Rechnung zu tragen, auch das tagesgenaue Datum der Inholzlegung und Flaschenabfüllung. Man sieht: Es waren bei mir rund 9 Jahre und 10 Monate, die dieser Whiskey reifen durfte.

Der eine oder andere aufmerksame Leser wird sich gewundert haben, warum ich hier den 2004er-Jahrgang bespreche, obwohl auf dem Foto eine fette „2005“ auf dem Etikett zu lesen ist. Nun, ich hatte mir die 2004er-Flasche gekauft, und kurz darauf, als Mitglied der Bardstown Whiskey Society, das Angebot zu einem maßgeschneiderten Aufklebelabel mit eigener Beschriftung erhalten. Das war dann halt für die 2005er-Flasche. Aber so einem Angebot konnte ich nicht widerstehen: Nun steht also eine individuell angepasste Whiskey-Flasche für den „Club der Ehrenwerten Gentlemen“, einer lokalen Vereinigung von Freunden edelsten Genusses, in meiner Heimbar.

evanwilliams2014-eigenesetikettIch tue mich schwer, so einen wunderbaren Whiskey in einem Cocktail zu vermischen, in dem er nur eine Zutat unter vielen ist. Ein Cocktail aber, in dem er der Star des Abends ist, und andere Zutaten ihn nur bei einer herausragenden Leistung unterstützen, ja, das lasse ich mir gefallen. Wie beim Fancy Free.

fancyfree-cocktail


Fancy Free
2 oz Evan Williams Single Barrel Vintage 2004 Bourbon
½ oz Maraschino-Likör (z.B. von Bols)
2 Spritzer Orangenbitter
1 Spritzer Angostura


Ich denke, das ist ein Whiskey, den man sich Jahr für Jahr neu kaufen kann. Die 2005er-Flasche, abgefüllt 2015, ist inzwischen auch in Deutschland erhältlich.

 

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