Bier am Freitag – Sierra Nevada Porter

Ach, wie erinnere ich mich noch an meine Bierpionier-Zeit, als ich begann, die einzelnen Sorten dieses neuartigen „Craftbiers“ für mich zu entdecken. Damals musste ich Läden absuchen, um etwas zu finden, und jeder einzelne Fund war etwas Besonderes. Heute komme ich gar nicht mehr hinterher, all die Sorten, die sogar in normalen Getränkemärkten verfügbar sind, zu probieren, geschweige denn, hier Artikel darüber zu schreiben. Eine der Marken, die mich von Anfang an begleitet hat, ist Sierra Nevada, ich glaube sogar, das erste Pale Ale, das ich je getrunken habe, war von dieser amerikanischen Brauerei. Entsprechend nostalgisch bin ich, wenn ich mir ein Glas des Sierra Nevada Porter eingieße.

Sierra Nevada Porter

Optik: Sehr dunkles Braun, beinahe Schwarz; blickdicht, man kann nur bei Gegenlicht Lichtreflexe durchscheinen sehen. Darauf liegt ein leicht beiger Schaum, ein dünnes Krönchen, aus sehr gemischtgroßen Bläschen.

Geruch: Sehr fruchtig, Ananas, Pfirsich, Mango; danach kommt dann aber direkt dunkles Malz, Würze, und ein Anflug von Röstaromen. Kaffee und dunkler Kakao. Eine komplexe Nase mit Eindrücken aus vielen Richtungen. Gefällt mir sehr!

Geschmack: Der Körper ist vergleichsweise leicht, mit ordentlicher Bittere und Herbe, die sich im Verlauf noch steigert. Die Frucht ringt auch hier mit den malzigen Röstaromen, wobei „ringen“ eigentlich das falsche Wort ist, denn hier ist alles rund eingebunden und spielt eher miteinander. 5,6% Alkoholgehalt spürt man kaum, eine zitronige Frische dagegen schon, die das Gesamtbild deutlich aufhellt und so gar nicht zur optischen Schwärze passt. Die besonders im späteren Verlauf sehr kräftigen Kaffeetöne und eine milde Salzigkeit dagegen schon. Der Abgang ist kurz, knackig, erkennbar bittersüß und weiterhin frisch.

Ein schönes Porter, stiltypisch und dennoch charaktervoll. Sierra Nevada hat mich noch nie enttäuscht, bei keinem der vielen Stile, die sie anbieten – das Porter ist für mich sogar vielleicht eines der schönsten Biere, das die kalifornische Brauerei herstellt. Zugreifen!

Zwei Lebenselixiere vereint – Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum

Kaffee gehört für mich zum Leben wie Wasser. Aktuell probiere ich mich durch verschiedene Sorten, verschiedene Bohnen, aus verschiedenen Ländern – von Jamaica über Kenia bis Peru. Die Unterschiede sind erstaunlich und nicht nur Nuancen, wie so oft entdecke ich, dass ich eigentlich kaum etwas über Kaffee weiß, obwohl ich soviel davon trinke. Im Moment habe ich einen 100%-Robusta-Kaffee aus Tansania, geröstet in einer kleinen Manufaktur hier im Saarland, zu meinem Favoriten erkoren – ich mag die schokoladige Seite und den vollen, runden Körper dieser völlig zu Unrecht immer noch etwas weniger geschätzten Bohne, die im Schatten der großen Arabica langsam aber sicher zu einer echten Alternative heranwächst.

Kaffee ist neben dem Haupteinsatzgebiet als morgendliches und nachmittagliches Lebenselixier auch eine interessante Zutat in aromatisierten Spirituosen. Dabei reicht die Spannbreite von schwersüßen, cappuccinoartigen Likören bis zu eher feinen, eleganten Mazerationen. Der Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum gehört eher in die zweite Kategorie, soviel vorab. Was nur dem aufmerksamen Etikettenleser auffällt ist, dass das der Basisrum für diese Spirituose dabei aber nicht rein aus El Salvador stammt – rund ein Drittel des Destillats kommt aus Jamaica, hauptsächlich aus den Pot Stills von Worthy Park, ein Teil davon wiederum ist auch dort gereift. Der Großteil ist aber salvadorianisch, hauseigenes Zuckerrohr wird dafür bei Licorera Cihuatán verarbeitet, die dabei entstehende Melasse wird mit Zuchthefen 36 Stunden fermentiert. Nach der Säulendestillation reift das Destillat dann in Ex-Bourbon-Fässern; für diesen Rum sind es 6 Jahre. Auch die für die dann folgende Mazeration verwandten Kaffeebohnen der Varietät Bourbon haben teilweisen Migrationshintergrund, sie kommen ursprünglich aus El Salvador, werden aber in den USA bei Jag’s Head Coffee geröstet – da möchte ich dann aber schon die Frage stellen, warum so ein klimafußabdrucksteigendernder Abstecher sein muss. 2 Tage mazerieren diese Bohnen im Ganzen in dem oben beschriebenen Blend. Es wird weder kaltfiltriert noch gesüßt (laut eigener Aussage des Herstellers, wegen des Kaffeezusatzes bringt eine Messung mit dem Aräometer, die ich sonst machen würde, nichts). Ich als Vielkaffeetrinker und Rumgenießer bin sehr gespannt auf das Ergebnis!

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum

Optisch bietet der aromatisierte Rum ein klassisches Bernstein, sehr angenehm, dass man darauf verzichtet hat, den Rum zu sehr mit Farbstoffen einem Kaffee anzugleichen, was manche andere Hersteller solcher Produkte tun. Eine hübsche Viskosität lässt das Schwenken ansprechend werden, ein Dutzend dicke Beine entstehen dabei an der Glaswand.

Die Nase ist klar zweigeteilt: Beide Komponenten bekommen gleichermaßen ihre Leinwand, Rum und Kaffee. Ein sehr natürlicher Kaffeeduft, noch ungemahlene, kräftige Arabica-Bohnen, mit der Säure und Bittere, die sie oft mitbringen, kombiniert sich geschickt mit den leicht esterigen, marzipansüßen und ledrig-herben Aromen des Mischrums. Etwas Kohle, etwas Tabak, milde Holztöne, und darunter dunkle Noten von Studentenfutter, leicht nussig, leicht trockenfruchtig. Gedörrte Aprikosen, Rosinen, Honig, und sogar ein minimalster Anflug von Rauch – man sieht, das ist ein sehr komplexes Geruchsbild, bei dem viele Aspekte sehr rund ineinander greifen. Aromatisierte Spirituosen sind oft oberflächlich und eindimensional – der Ron Colón ist vielschichtig und spannend, und vor allem: natürlich, nie künstlich. Wirklich toll gemacht, soweit.

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum Glas

Dass der Rum nicht gesüßt wird, glaube ich sofort nach dem ersten Schluck. Da ist eine Grundsüße da, die aber nicht pappig wird, und einem mittelamerikanischen Rum angemessen typisch ist. Zusammen mit der leicht öligen Textur entsteht dadurch ein sehr angenehmes Mundgefühl, das durch im Verlauf aufkommende Würze, Trockenheit und Bittere spannend bleibt. Zunächst sind die Trockenfrucht-Aromen im Vordergrund, gedörrte Aprikosen, Rosinen und eine milde Nussigkeit, würziger Waldhonig, mit typischen marzipanig-ledrigen Rumnoten, die Worthy Park so konsequent gut kann. Die Rumbasis ist für mich wirklich gut komponiert, man schmeckt Jamaica, aber man spürt auch, dass da noch anderer Rum dabei ist. Später taucht dann auch der Kaffee etwas auf, mild, immer eher eine Randnote bleibend, nie den Rum überwältigend, aber effektiv und ab dann auch beständig dableibend.

Im Abgang ist der Kaffee dann am deutlichsten erkennbar, eine dunkle Röstung, klar eher Espresso als Milchkaffee, vielleicht sogar ungesüßter Mokka. Das Mundgefühl bleibt warm und lässt Wärme- und Kribbeleffekte auf Zunge, Gaumen und Backeninnenseiten zu, die lange anhalten – 55,5% Alkoholgehalt sind perfekt gewählt und nie störend dabei. Alle Aromen, die Nase und Zunge zuvor identifiziert hatten, blinken hier nochmals auf, ineinander verwoben, nicht mehr klar abgrenzbar, ein echt wunderbares, komplexes und dabei extrem rundes Gesamtbild erzeugend, zu dem noch eine starke Jasminblüte kommt, die das ganze, sehr lang anhaltende Erlebnis krönt, ideal ausbalanciert zwischen natürlicher Süße und Trockenheit ohne Astringenz. Mich überzeugt der Ron Colón Salvadoreño auf ganzer Linie, in jedem Aspekt: sicherlich eine der Entdeckungen dieses Winters, insbesondere, weil sie so unerwartet kommt – von aromatisierten Spirituosen erwarte ich soetwas normalerweise nicht.

„Winter“ ist dann auch noch das Thema und der Name des Cocktails, den ich für diesen Rum ausgesucht habe. Wenn der Artikel erscheint, ist gefühlt teilweise schon Frühling allerortens, doch das soll meine Leser nicht davon abhalten, den Winter auszuprobieren. Setzt man statt eines generischen Jamaica-Rums dann noch diesen Kaffeerum ein, verdoppelt sich gefühlt die Aromatik des Drinks – und man kann ihn eigentlich auch im Frühling trinken. Oder im Sommer.

Winter Cocktail

Winter
2 oz gereifter Jamaica-Rum
¾ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Teelöffel Allspice Pimento Dram
1 Teelöffel Ingwerlikör
2 Spitzer pH Winter Bitters
Auf Eis shaken und mit kandierter Frucht garnieren.

[Rezept adaptiert nach A.S. Crockett]


Die Grünglasweinflasche, in der der Rum kommt, ist unauffällig, das schräg aufgeklebte, aber gerade beschriftete Etikett im Banknotenstil gefällt mir, könnte aber durchaus noch ein paar der Informationen, die ich anfangs gelistet habe, mitliefern – der Wunsch vieler Kunden nach Transparenz ist noch nicht zu 100% angekommen in El Salvador, da müssen sie noch etwas nachlegen, insbesondere bei einem derart hochwertigen Produkt, das eher auf die Kenner als die Gelegenheitstrinker abzielt. Dennoch spreche ich meine klare Kaufempfehlung auch für letztere aus, die auf der Suche nach ungewöhnlichen aber dennoch sehr trinkbaren, nach hochwertigen aber nicht überteuerten Rums sind – denn das Preisleistungsverhältnis ist meiner Meinung nach beim Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum ganz hervorragend, fast schon absurd gut, man bekommt hier wirklich was für sein Geld, und das ist bei Rum gar nicht selbstverständlich. Ich werde jedenfalls eine zweite Flasche kaufen, sobald die erste leer ist, und das wird nicht allzulange dauern.

Bindestrichgeschichten – Grape of the Art #2 Domaine Séailles 2000

Bas-Armagnac oder Bas Armagnac? Haut-Armagnac oder Haut Armagnac? Armagnac-Ténarèze oder Armagnac Ténarèze? Ich musste es erst recherchieren und bei muttersprachlichen französischen Experten nachfragen, ob man die Regionen, in denen der französische Weinbrand hergestellt werden darf, nun mit oder ohne Bindestrich schreibt, denn auf Etiketten und im Internet finden sich beide Varianten. Selbst im französischen Gesetz tauchen in unterschiedlichen Abschnitten verrückterweise auch beide Schreibweisen auf, nur Armagnac-Ténarèze wird zumindest dort immer mit Hyphen erwähnt. Hersteller aus der Region sagten mir, man schreibe es ohne, aber auf ihren eigenen Etiketten ist der Bindestrich dann teilweise wieder da – man sieht, da gibt es offensichtlich keine klare Regel. Der Auslöser für diese etwas nerdige Mühe war das Sample des Grape of the Art #2 Domaine Séailles 2000, das ich neulich erhalten habe. Dieser Armagnac stammt aus der definitiv verbindestrichten Region Armagnac-Ténarèze, wird dort rein aus der Rebsorte Ugni Blanc hergestellt und reifte 20 Jahre in Eichenfässern, bevor er mit 54% in Fassstärke in limitierter Auflage in 195 Flaschen abgefüllt wurde.

Grape of the Art #2 Domaine Séailles 2000

20 Jahre in Eiche haben ihre Spuren hinterlassen, der Armagnac wirkt optisch erdig, gebrannte rote Erde, geht schon fast ins Haselnussbraune über, wären da nicht die hellen, sonnenblumengelben Lichtreflexe. Viskosität ist beim Schwenken erkennbar und zeigt sich auch im Film, der sich an die Glaswand schmiegt, bevor er in regelmäßig verteilten, dicken Tropfen abläuft.

Ich habe so meine Erfahrungen mit derartigen Spirituosen, darum lasse ich dem Armagnac direkt mal ein paar Minuten Zeit, sich im Glas zu akklimatisieren, bevor ich daran schnuppere. Ich finde dann eine aparte Mischung aus Mandeln, Haselnüssen und getrocknetem Obst, Klebstoff und Holz. Das Trockenobst ist gar nicht so dunkel wie in Studentenfutter, es sind mehr helle, saftige Rosinen, gedörrte Aprikosen und halbtrockene Apfelscheiben. Der Lack hellt alles natürlich noch etwas weiter auf, während die Holztöne mit Vanille, Honig und gebrannten Mandeln Süße und Volumen mitbringen. Sehr angenehm zu schnuppern, man muss aber diese Lacknoten mögen, oder über sie hinwegkommen.

Im Mund ist dann erstmal kaum mehr Süße da, die dicke Textur und etwas Buttrigkeit könnte man im allerersten Moment damit fast verwechseln. Säure und Bittere dominieren zunächst, eine überraschende, frische Helligkeit passt zu den Eindrücken, die die Nase bei den Früchten gesammelt hatte. Im Verlauf kommt sehr kräftige Würze auf, das sich mentholisch kalt auf Zunge und Gaumen legt. Dann kommen die süßwürzigen Komponenten wieder hervor, getrocknete Aprikosen, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln und buttriger Nougat kombinieren sich mit leicht salzigen Eindrücken. Später wird der Brand leicht grünholzig und heuig, hier wirkt er dann doch etwas unrund und kratzig mit einem Anflug von Schwefel. Mit allerdings ab hier kräftiger Bittere und leicht astringierender Trockenheit klingt der Domaine Séailles 2000 vergleichsweise schnell aus, Floralität aus Jasmin- und Kornblumenblüten hängt im dezent anästhesierten Mundraum nach.

Ein schöner, hellklingender, frischfruchtiger Armagnac, der sich überhaupt nicht von seiner Zeit im Holz hat beeindrucken lassen und immer noch voll das Basismaterial durchscheinen lässt. Man muss nicht immer die Perfektion suchen, Ecken und Kanten gehören einfach manchmal dazu.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.

Schnapsglobalisierung – Selva Negra Agavenspirituose

Agave als Basismaterial für Spirituosen, das ist längst kein mexikanisches Alleinstellungskriterium mehr. Auch wenn mit Tequila und Mezcal (und seinen mehr oder weniger rein durch Gesetzgebung unterschiedenen Verwandten wie Raicilla) immer noch die bekanntesten Vertreter aus Mexiko kommen, so haben andere Länder doch auch aride Landschaften, in denen sich Agaven verschiedener Sorten wohlfühlen und gedeihen. Und es gibt findige Brenner dort, die das Potenzial erkannt haben, diese Pflanze zu nutzen. Südafrika war für mich der erste Kontakt mit Agavenbrand außerhalb Mexikos; Australien ist dabei, sich dieser kleinen Gruppe von Ländern ebenso anzuschließen.

Und da kommt nun plötzlich Selva Negra daher – in Deutschland gebrannt, genauer gesagt am Kaiserstuhl im Schwarzwald, letzterer diente entsprechend als Inspiration für den Markennamen. Natürlich bekommt man im Schwarzwald keine Agaven in nennenswerter Menge zum wachsen, der Klimawandel kann zwar viel, aber um Süddeutschland zur sonnendurchfluteten Wüste zu machen, in der Agaven wild wuchern, wird sogar er noch eine Weile brauchen (auch wenn es, wenn wir so weitermachen, tatsächlich nur eine Frage der Zeit ist). Nein, ein aus Mexiko importierter, naturbelassener Extrakt aus agave salmiana ist es, der hierzulande von Florian Faude mit Weinhefen für 3 bis 4 Wochen fermentiert und dann doppelt destilliert wird. Eine spätere Aromatisierung mit Rauch und Fichtenaromen erfolgt, um den Schwarzwald thematisch und sensorisch miteinzubinden. Die Angabe „100% Agave“ ist darum inhaltlich bezüglich der Inhaltsstoffe korrekt, aber wie sieht es mit dem Geschmack eines deutschen Agavenbrands aus? Ich habe sehr gute Erfahrungen mit in Deutschland hergestelltem Rum gemacht, wo die Melasse ja auch importiert werden muss. Kann Selva Negra dieses Modell wiederholen?

Selva Negra Agavenspirituose

Optisch ist die Flüssigkeit erstmal nicht von einem Tequila Blanco (oder jeder anderen ungereiften, klaren Spirituose) unterscheidbar. Ordentlich schwer schwappt sie im Glas, legt sich beim Drehen samtig an die Glaswand, bildet dort einen Film, der sich aus einem dicken Band zu einzelnen Beinen zusammenfindet und von dort dann herunterläuft.

Die Nase wirkt sehr frisch, mit klaren Eindrücken von grünen Fichtennadeltrieben, Zedernzapfen, sehr viel Harz und Limettenschale. Erst dahinter kommt gekochtes Agavenfleisch, es ist aber eindeutig identifizierbar. Der Plastikklebstoff in der blauen Tube, mit dem man Modelle baut, ist als Assoziation vorhanden, und eine Erinnerung an einen mit Zedernzapfen aromatisierten Wodka, den ich neulich gekauft hatte, natürlich ist Selva Negra da im direkten Vergleich noch deutlich spannender. Im Gesamtgeruchsbild durchaus komplex, mit vielen Eindrücken, die sich vielschichtig zusammenfügen, und sich von einem Tequila oder Mezcal klar emanzipieren.

Selva Negra Agavenspirituose Glas

Im Mund drehen sich die Aromarollen dann um – zunächst ist die Agave sehr viel präsenter, und erst danach folgen die harzigen Zedern- und Fichtenkomponenten, sie bleiben aber alle erhalten und klar definiert. Eine schwere Süße ist vom Antrunk an da, zusammen mit der fetten, sehr öligen Textur entsteht ein dichtes, rundes Mundgefühl. Im Verlauf bildet sich daraus deutliches Feuer, weißpfeffrige und fast schon chilischarfe Hitze heizt den ganzen Mundraum auf, und das steigert sich immer weiter. Leichte Fruchtnoten, Aprikosen und Kirschen, haben ein kurzes Gastspiel, der Abgang ist dann wieder von Fichtennadeltrieben und leicht holzigem Harz dominiert, und von der sehr aktiven Schärfe, die die gut gewählten 46% Alkoholgehalt spüren lässt und die erst spät im Abgang langsam abklingt, während man sie im Rachen bis in den Magen lange nachverfolgen kann. Im Nachhall klingt die Agave deutlich nach, die Süße belegt weiterhin den Gaumen, während die Zungenspitze prickelt und fast schon Mastiha-ähnliche Eindrücke die Spirituose dann langsam zum Ende kommen lassen.

Es ist deutlich, dass wir hier eine eigenständige Agavenspirituose vor uns haben, die an keiner Stelle versucht, sich als Tequila oder Mezcal auszugeben (der Etikettenspruch „inspired by the Mexican Classic“ zeigt auch, dass abseits der Inspiration etwas eigenes zu erfinden versucht wurde) – hochinteressant, was Sebastian Dresel, Laurin Lehmann und Florian Faude sich da haben einfallen lassen. Ich mag Tequila, ich mag Mastiha, und Selva Negra ist eine gelungene aromatische Kombination aus beiden, ohne sich an eine der beiden übermäßig anzubiedern.

Was macht man daraus in der Mixologie? Ein bisschen ist Selva Negra ein Grenzgänger, doch sie funktioniert in vielen Tequila-basierten Rezepten natürlich wunderbar. Im Caminante kombiniert sich die kräuterig-harzige Art sehr gut mit Minze, Jalapeño und Mandel, finde ich – ein Drink, bei dem man aufs Beste über die Globalisierung von Spirituosenkategorien, ihre Neuinterpretation und das Auflösen von klaren Grenzen sinnieren lässt.

Caminante Cocktail

Caminante
2oz / 60ml Tequila blanco (mit Jalapeño aromatisiert)
¾oz / 25ml Orgeat
¾oz / 25ml Zitronensaft
1 Teelöffel klarer Minzlikör
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Justin Lane Briggs]


Selva Negra kommt in einer Halbliterflasche mit Echtkorken und einem aufwändig gestalteten Etikett, das die Mischherkunft aus Mexiko und Schwarzwald herrlich präsentiert. Dazu die üppig gestaltete, hochwertige Blechdose, da bleiben vom Design her keine Wünsche offen. Etwas mehr Herstellungsdetails auf den Etiketten würde ich mir als Transparenzfreund wünschen, gerade, weil es doch ungewohnt ist, in Deutschland Agaven zu brennen – positiv ist natürlich die schnelle und offene Antwort des Herstellersteams auf Fragen, wenn das noch auf der Flasche zumindest teilweise direkt für den Konsumenten nachlesbar wäre, wäre das optimal.

Ähnlich Mühe hat man sich sogar bei der Kartonbox, in der die Dose geliefert wurde, gemacht, sie ist mit schwarzen floralen Mustern versehen, und zwei Flaschen Limonade (Thomas Henry Pink Grapefruit) finden sich daneben im Lieferumfang, zusammen mit einem Rezept für eine Paloma. So kann man auch ohne Heimbar sich direkt ein paar hübsche, typische mexikanisch-schwarzwälderische Drinks zusammenrühren, nur Eis und eine Limette braucht man zusätzlich.

In toto ein tolles Gesamtpaket: Sowohl für den Spirituosenfreund, der eine eigenständige Neuinterpretation von Agavenbrand sicherlich hochinteressant findet, als auch als Geburtstagsgeschenk für den Anfänger, der dank der optischen Gestaltung und der mitgelieferten Limonade ohne Hemmschwelle loslegen kann. Beiden Zielgruppen lege ich Selva Negra nahe!

Offenlegung: Ich danke der Selva Negra Spirits GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Box.

Bier am Freitag – Paix Dieu Triple

Man weiß als regelmäßiger Leser meines Blogs ja inzwischen, dass ich nicht so viel von blumigen Stories halte, die viele Spirituosen- und Bierhersteller für ihre Produkte erfinden. Beim Paix Dieu Triple geht mir darum schon wieder das Messer im Sack auf, wenn ich lese, dass die Brasserie Caulier ihr Bier „bei Vollmond gebraut“ hat. Das ist zwar keine erfundene Geschichte, aber auch so ein esoterisches Gimmick, das bei mir höchstens müdes Lächeln erzeugt – vor allem, weil sonst kaum handfestere Information auf der 750ml-Braunglasflasche mit Sektkorken und Drahtkorb zu finden ist, obwohl hier wirklich genug Platz dafür wäre. Nun, solange das flaschengegärte zisterziensische Abteibier geschmacklich überzeugen kann, will ich darüber hinwegsehen und statt dessen lieber die Erinnerung hervorholen, wie ich dieses Bier zum ersten Mal probiert hatte – der peruanische Piscokönig Johnny Schuler, neben dem ich in einer Kneipe in Brüssel saß, hatte mich darauf eingeladen, und das ist natürlich ein wunderbares Erlebnis gewesen, bei einem Bier mit Johnny über die Herausforderungen des Brennens der extrem hochregulierten peruanischen Nationalspirituose zu diskutieren. Nun aber zum Bier!

Paix Dieu Tripel

Opalisierend, golden, eidottergelb – im eigenen Herstellerglas aus der Sektflasche eingegossen muss man darauf achten, nicht die niedrigere Kante zu überfüllen. Der Schaum ist zunächst fingerbreit, geht aber schnell auf eine dünne, sehr feinblasige Creme zurück. Bei Gegenlicht sieht man das Mousseux – ein optisch sehr ansprechendes Bier!

Die Nase erinnert mich zunächst an Erdbeermarmelade, leichte Anflüge von süßer, fruchtiger Mango, darunter eine milde Hopfenfrische kombiniert mit ebenso fruchtiger Säure, ein bisschen wie ein Prosecco vielleicht. Da hat man direkt alles! Das Malz kommt zum Schluss auch noch zum Vorschein, doch die Fruchtigkeit dominiert, ohne dabei in Extreme abzugleiten, hier ist alles gut ineinander verwoben und integriert.

Eine nahezu ideale Textur erwartet einen dann im Mund, das ist nicht klebrig-fett, aber auch nicht wässrig-dünn, man hat genau ein wunderbares Maß gefunden, um den Gaumen einerseits auszukleiden, dabei aber nicht zu überwältigen und zu sehr zu beschäftigen mit dem Abbau der Bierschicht. Ebenso schön ist die Balance zwischen der die Nase noch beherrschenden Süße und einer nun eher bestimmenden rezenten, frischen Säure – beides spielt toll miteinander. Die Aromen, die die Nase erschnuppert hatte, finden sich auch auf der Zunge wieder, schöne, milde, runde Frucht, fast schon ins Kaugummiartige gehend, leichte Hopfenbittere und -aromen, ein Anflug von ganz unerwarteter Holzigkeit gegen Ende. Der Abgang ist kurz, frisch, feinherb und mildtrocken, mit blütigen Eindrücken von Jasmin, ein minimales Kribbeln bleibt auf Zunge und Gaumen, vielleicht den üppigen 10% Alkoholgehalt geschuldet, ohne je störend zu werden.

Ein wirklich wunderbares Bier, rund in jedem Aspekt, handwerklich perfekt gemacht und ausbalanciert. Ein Belgier zum Verlieben, egal ob bei Voll- oder Neumond gebraut!

Paix Dieu Tripel kleine Flasche

Nachtrag 30.01.2023: Ich habe von meinem geschätzten Freund Dimi aus Belgien nun auch eine kleine Bügelflasche dieses Biers bekommen. Inhaltlich natürlich gleich, aber hübsch gemacht, und darum dachte ich, das ergänzt den Artikel um ein kleines Detail.

Aromen aus der Säule – Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6°

Ich bereite mich gedanklich schon auf Juni vor – dann wird auf der Karibikinsel Guadeloupe die nächste Auflage des Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles stattfinden. Verschiedene Destillerien zu besuchen, die Lebensart vor Ort etwas kennenzulernen und auch guten Rum direkt aus dem Brennapparat zu probieren, darauf freue ich mich schon sehr. Einen ersten Eindruck auf letzteres hoffe ich bereits jetzt bekommen zu können – indem ich meine Flasche des Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° öffne und meine Leser damit ein bisschen an dieser Reise schon vorab teilnehmen lassen kann. Das Zuckerrohr für diesen aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten Rum wurde 2019 geerntet und ist monovarietal, das heißt, es ist nur eine einzelne Sorte verwendet worden, hier Canne rouge.

Guadeloupe hat eine eigene „geschützte geographische Angabe“ für Rum. Sie unterscheidet sich von der wahrscheinlich deutlich bekannteren AOC-Schutzstufe der Nachbarinsel Martinique, ist auch etwas weniger streng, man will sich ja abgrenzen. Der Hauptpunkt der Unterschiede ist, dass der Rum auf Guadeloupe auf bis zu 90% Zielalkoholgehalt gebrannt werden darf, bei Martinique-Rum ist das deutlich niedriger. Deswegen wird man so etwas wie den Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° auch nur auf Guadeloupe finden – „brut de colonne“ ist die Bezeichnung für ein völlig unverdünntes Destillat, wie es aus dem Säulenbrennapparat, wie er dort üblich ist, fließt. Eine normalerweise hochverlässliche Quelle, die ich aber noch genauer hinterfragen muss, teilte mir mit, dass die Brenner auf Guadeloupe eigentlich, obwohl sie bis 90% Zielalkoholgehalt brennen dürfen, dennoch nur bis höchstens 80% abfüllen. Wenn der Rum allerdings im Tank nach Europa kommt und erst dort durch einen unabhängigen Abfüller in die Flasche kommt, ist das vielleicht etwas anderes, denn in den Schriftstücken zur Guadeloupe-ggA finde ich keine Hinweise auf einen Maximalalkoholgehalt bei der Abfüllung, und auch der Abfüller dieses Rums, Nicolas Barikenn aus der Bretagne, konnte mir auch Nachfrage nichts diesbezüglich mitteilen. Nun, ich werde mich bei der Distillerie Montebello direkt erkundigen und meine Leser hier auf dem Laufenden halten. Jetzt erst mal zum Sprit selbst.

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6°

Der hohe Alkoholgehalt von 81,6% ist mit dafür verantwortlich, dass die Flüssigkeit schwer und sehr ölig im Verkostungsglas steht. Fast sirupartig schwenkt sie sich, mit fetter Filmbildung an der Glaswand, der sich in dutzende dicke Beine auflöst, die dann träge heruntertropfen.

Während man eingießt und schwenkt und die Optik beurteilt, verströmt sich schon direkt der Duft des Rums. Da muss man gar nicht groß die Nase ans Glas halten, schon auf Entfernung nimmt man viel wahr. Es ist aber auch nicht schwierig, die Aromatik ist nicht sanft und mild, sondern fühlt sich an, als hätte man einen Fruchtkuchen ins Gesicht geworfen bekommen. Superfruchtig, mit vielen direkten und wenig subtilen Gerüchen von Kirsche, Erdbeere und Grapefruitzeste. Sehr präsent sind insbesondere Guave und Litschi, als Beispiel für die klar tropische Charakteristik des Montebello Brut de Colonne. Gebrannte Mandeln und Vanille geben etwas Volumen und Süße dazu, und eine bunte Mischung aus zwar scheinbar wenig zusammenhängenden, aber ein wuchtiges Gesamtbild ergebenden sensorischen Eindrücken springt mich an: nasses Holz, feuchte Erde, Lederhandschuhe, ganz mildes Süßholz, ein frisch gedrucktes Buch, Maschinenöl; und sogar maritime Erinnerungen von feuchtem Kies, Algen und ein schon länger aufgesetztes Aquarium. Man sieht, die Nase hat ordentlich was zu tun, und man sollte ihr diese Zeit geben, diesen vielschichten Geruch ausführlich genießen zu können, und über die urbane Legende nachsinnen, dass Säulendestillate immer leichte, aromatisch uninteressante Produkte sein müssen.

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° Glas


Bei über 80% Alkoholgehalt habe ich etwas Respekt vor dem ersten Schluck, das gebe ich gerne zu, auch wenn die Nase keinerlei Andeutungen macht, dass hier ethanolisch-kratzende Fehltöne zu erwarten sind. Der initiale Antrunk ist sehr maritim, sehr süß und gleichzeitig richtig salzig, ein spannendes Gefühl. Das Mundgefühl ist extrem, voll und breit, eine dicke Textur legt sich auf den ganzen Mundraum, trotz des enormen Alkoholgehalts wirkt der Rum unglaublich weich und warmglühend, ohne hitzig zu werden. Es entsteht bei mir beim Trinken ein leichter Druck auf den Ohren, aber weder kratzt noch beißt es auch nur das kleinste bisschen – es gibt Spirituosen, die beim halben Alkoholgehalt viel garstiger sind. Man spürt regelrecht die fette Öligkeit, krass, wie sich das anfühlt. Als hätte man ein in Öl eingelegtes Stück Kandiszucker im Mund, man kann genauso darauf herumlutschen.

Erst im Nachklang kann man sich dann auf Aromen konzentrieren, solange der Rum im Mund ist, dominiert die viskose, dicke, cremig-sirupartige Struktur jede Wahrnehmung außer der, die die Zunge selbst spürt: Süße und Salzigkeit, vielleicht sogar ein Tick umami. Später kommen dann die Aquariumseindrücke zurück, Kies, Algen, Muscheln, feuchter Sand, Wassermelonenschale, frischer grüner Blattschnitt, fast wie im Tropenhaus im örtlichen Zoo. Exotische Früchte sind etwas dabei, überreife Guaven mit ihrem in diesem Reifestadium fast schon teerigen Geruch spielen in dieser Phase ganz vorne mit. Das hier ist der pure karibische Sommer in der Flasche! Ein extremes Destillat, voller Wucht und ein deutliches Beispiel für eine Provenance: Man schmeckt Land und Meer.

Für den Fire’n’Nice ist im Originalrezept der Bar jamaikanischer Rum vorgesehen – ich nehme den Montebello, der gibt eine fruchtigere Note dazu, macht den Drink mit seinem Alkoholgehalt aber auch noch knalliger, als er eh schon ist. Persönlich hätte ich den Drink ja „A Song of Ice and Fire“ genannt, aber damit hätten die Erfinder vielleicht Lizenzprobleme mit einem gewissen verstorbenen noch sehr lebendigen Fantasyautor bekommen. Ein kleiner Insidertipp bezüglich der brennenden Limettenhälfte: Man fülle sie mit Zitronenextrakt, das brennt sehr viel attraktiver als eine Spirituose.

Fire'n'Nice Cocktail

Fire’n’Nice
2oz / 60ml ungereifter Overproof-Rum
1oz / 30ml Southern Comfort
⅔oz / 20ml Falernum
1⅔oz / 50ml Limettensaft
1⅔oz / 50ml Mangopüree
4 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Auf frischem crushed ice servieren.
Mit einer brennenden Limettenhälfte und Minze dekorieren.

[Rezept nach Die Blume von Hawaii/Nürnberg]


Ich bin wirklich kein besonders großer Fan dieser Wachsschichten auf Flaschenkorken, auch wenn es optisch schon was hermacht. Sie verursachen bei mir zumindest immer Probleme, erst beim Öffnen, wenn man mit einem Messer die richtige Stelle zum Einschneiden finden muss, und später auch beim Eingießen, wenn der Flaschenhals nicht gut freigemacht wird und dann Wachspartikel im Glas landen. Bei diesem Rum kommt dazu, dass der Plastikstöpsel sich beim Öffnen vom Deckel gelöst hat – ein stinknormaler Plastikkorken mit Alu- oder Papierkappe wäre für mich immer bevorzugenswert. Der Rest der Flasche ist dafür passend in weiß-schwarz-rot gehalten, ein Design, das mich nicht umhaut, aber auch nicht entsetzt. Die sehr dominante rote Farbe in der Präsentation soll wahrscheinlich auf die Zuckerrohr-Sorte „Canne rouge“ anspielen.

Es ist schon etwas besonderes, so ein direktes, völlig unverfälschtes und dabei so hochprozentiges Destillat probieren zu können. Bei nur 300 von Hand abgefüllten Flaschen (meine hat die manuell eingetragene Flaschennummer 120) kann ich mir vorstellen, dass das schnell vergriffen ist – wer sich für rhum agricole interessiert, und noch eine davon bekommen kann, sollte allein aus Weiterbildungsgründen zugreifen.

Bier am Freitag – Bruch’s Barrique Bock 2022 (Jamaica-Rum-Fass)

Vor fast 3 Jahren hatte ich schonmal über ein gleichnamiges Bier berichtet – die Saarbrücker Traditionsbrauerei Bruch hatte damals eine limitierte Sonderauflage eines im Whiskyfass gereiften Bockbiers herausgebracht, das mich sehr fasziniert hatte (und von dem ich immer noch eine Flasche in der Langzeitlagerung habe). Damals äußerte ich den Wunsch auf eine Neuauflage – falls ich nichts verpasst habe, ist dies erst nun geschehen. Ein Jahr lagerte ein dunkles Bockbier der Brauerei in einem Holzfass, diesmal allerdings hat man sich ein Jamaica-Rum-Fass ausgesucht (auch auf Nachfrage gab es leider keine genaueren Informationen über die Vorbelegung, da das Fass von der Brauerei über einen Zwischenhändler gekauft wurde). Da gab es für mich kein Halten, da es nur im Hofverkauf erhältlich ist, fuhr ich dann direkt dahin um mir ein paar der nur 400 erhältlichen Flaschen des mit 11,2% Alkoholgehalt abgefüllten Bruch’s Barrique Bock 2022 (Jamaica-Rum-Fass) zu organisieren.

Bruch's Barrique Bock 2022 (Jamaica-Rum-Fass)

Dunkel und espressofarben fließt das Bier ins Glas, nur minimale Schaumentwicklung gibt es dabei, und sogar dieser fällt schnell in sich zusammen, nur ein kleiner, weißer, kontrastreicher Rand bleibt an der Glaswand zurück. Bei Gegenlicht sieht man, dass das Bock trotz der dunklen Farbe beinahe kristallklar ist, höchstens minimalste Trübung stört den Blick auf rubinrote Lichtreflexe. Man riecht schon beim Eingießen mehr den Rum als das Bier. Deutliche Jamaica-Noten, esterig, fruchtig, aromatisch, typisch. Reife Ananas, reife Pflaumen, Orangen und sehr viele Kirschen, unterfüttert durch dunkle Malzigkeit mit ordentlich Marzipan. Ein toller Duft, vielschichtig und schwer, wunderbar, wie sich die Rumaromen aus dem Holzfass ans Bier übertragen haben.

Auch im Mund beherrscht der Rum die Aromatik – das Fass war sicherlich noch sehr nass, als es mit dem Bier befüllt wurde. Das erinnert mich im ersten Moment an die Ritter-Sport-Rumschokoladeschnitten, mit deutlich hellerer Frucht, als die Nase das zunächst anbot – Orange, Kirschen, eine fast schon zitronige Säure kommt dazu, die völlig unerwartet ist und dem Bock beinahe Sauerbiercharakter gibt. Ausgeglichen wird das durch milde, natürliche Süße und einen fetten Batzen Marzipan. Gleichzeitig entsteht im Verlauf deutliche Bittere. Zusammen mit der nur leichten, helltönigen, fast schon etwas dünnen Textur fühlt sich das Barrique Bock dann aber schon eher unrund an, zuviele widersprüchliche Komponenten sind eher mäßig ineinander integriert. Die Rezenz ist zunächst gegeben, im Abgang bleibt aber mit Süße und Bittere und einer kräftig ausgeprägten, zestigen Holzigkeit ein eher mäßig erfreuliches Mundgefühl zurück.

Ein Bier, bei dem die Fasseffekte das Bier selbst völlig plattmachen – das trinkt sich fast wie ein Rumcocktail, Biertypizität erkenne ich fast keine mehr. Ich bin mir sicher, dass dieses Bier noch eine ganze Weile Flaschenruhe benötigt, um den einzelnen Aspekten mehr Zeit zu geben, sich ineinander zu verweben. Ich denke mal, in zwei, drei Jahren werde ich die zweite Flasche gegenverkosten, und die dritte nach 5 Jahren öffnen – es wird spannend werden, da bin ich mir sicher. Ich rate jetzt einfach aus Eigeninteresse dennoch jedem, der sich für lokales, saarländisches Bier interessiert, diese kreativen Versuche der Brauerei zu unterstützen, auch wenn das Bruch’s Barrique Bock 2022 mich persönlich als Frischbier noch nicht überzeugt.

Südamerikanische Detailverliebtheit – Pisco Portón Mosto Verde Torontél

Es war ein hochinteressantes Gespräch, das ich da mit Johnny Schuler, dem Meisterbrenner der peruanischen Hacienda La Caravedo, in einer Brüsseler Kneipe bei belgischem Bier geführt habe. Er erzählte mir mit leicht leidendem, aber ebenso stolzem Gesichtsausdruck davon, dass peruanischer Pisco die wahrscheinlich höchstregulierte Spirituose der Welt ist, und dass diese Regelungen in ihrer Kleinteiligkeit und Konsequenz auch einen Brenner an die Grenzen des Wahnsinns führen können. Ein Piscobrenner darf praktisch nichts, was für andere Destillateure eigentlich selbstverständlich ist – gebrannt wird direkt in einen sehr engen Zielalkoholgehaltskorridor (38%-48%), es ist kein Zusatz von Wasser oder sonstetwas später erlaubt. Reifung in Holz ist verboten, nur eine dreimonatige Ruhephase in Stahl- oder Glastanks ist verpflichtend. Vier aromatische und vier nicht-aromatische Rebsorten dürfen genutzt werden. Dazu kommt, dass in einer Anlage, in der Pisco gebrannt werden soll, keine andere Spirituose hergestellt werden darf – Johnny erzählte mir, dass dies für kleinere Brenner ein echtes Problem darstellt.

Er weiß, wovon er redet, in seiner Zweitkarriere als Meisterbrenner (in Südamerika kennt ihn jedes Kind, da er vorher ein großer TV-Star mit eigener Fernsehsendung war) verantwortet er die Herstellung einer der größten Piscomarken in der laut eigener Aussage ältesten Destillerie in ganz Amerika. Stellvertretend für seine unterschiedlichen Piscos stelle ich heute den Pisco Portón Mosto Verde Torontél vor. Mosto Verde ist eine der möglichen Typen bei Pisco, der Fermentationsprozess wird dabei vorzeitig unterbrochen, und so bleibt einiges an Fruchtzucker im Most, den die Hefen nicht aufessen und umwandeln – was sich idealerweise in der Charakteristik der Spirituose später nach dem Destillieren als besondere Fruchtigkeit erhalten bleibt. Torontél ist eine der erlaubten aromatischen Rebsorten, was dies zusätzlich unterstützen wird, rein von der Theorie her. Probieren wir es aus!

Pisco Portón Mosto Verde Torontél

Peruanischer Pisco darf also, wie erwähnt, im Gegensatz zu seinem chilenischen Gegenpart nicht in Holz gereift werden – man erwartet also keinerlei Färbung, findet sie natürlich auch nicht. Nur leichte Trägheit sieht man beim Schwenken, ein vieladriger Film bildet sich an der Glaswand, erinnert mich irgendwie an die von Venen durchzogenen Muskeln des späten Sylvester Stallone (man vergebe mir diese etwas seltsame Assoziation, aber manchmal kann ich nichts dagegen machen).

Sehr viel weniger brachial kommt die Nase daher – da findet sich ein wunderbarer, hübscher Blüten- und Fruchtteppich, initial leicht zitrussig angehaucht. Limettenschale, ein Ticken Bergamotte, gefolgt von noch nicht reifen tropischen Früchten, Guaven vor allem. Lavendel und Ansätze von Rosmarin läuten die blumige Seite ein, süßliche Blütenaromen zunächst, mit etwas Offenstehzeit bilden sich auch würzigere Komponenten heraus, Nelken und Kardamom, die die Blüten mit Volumen unterfüttern, ohne sie verdrängen zu können. Zuletzt entdeckt man auch noch eine ganz schwache Ethanolnote, die aber nicht zwickt.

Pisco Portón Mosto Verde Torontél Glas

Der Antrunk ist eine süßwürzige Mischung, da wird direkt die Stimmung gesetzt: im Gegensatz zu vielen Weinbränden, die nach einer tollen Nase nicht im Mund gleichstark folgen können, ist hier die Zunge beschäftigt. Dunkler und rauher als die Nase das angekündigt hat, definitiv, mit nun reifer Frucht, kräuterigen Noten, im Verlauf bildet sich vorsichtig sogar ein salziger Ton heraus. Runde, volle Textur macht das Mundgefühl angenehm, etwas Bittere entsteht und lässt an einen italienischen Tresterbrand denken, die Struktur ist kräftig und intensiv, die Aromatik komplex und tief ausgebaut – die Blumigkeit und Fruchtigkeit eines Mosto Verde in Reinkultur.

Im Abgang entsteht nun ordentlich Feuer, 43% unverwässerter Alkoholgehalt wirken aber gar nicht kratzig, effektiv den ganzen Mundraum aufwärmend, mit langanhaltendem Effekt, der die nicht weniger ausdauernden Aromen zusammenhält, etwas Wintergrün und Menthol dazufügt und damit dafür sorgt, dass man eine ganze Weile etwas von selbst einem kleinen Schluck hat – ein charakterstarker, prägnanter und wirklich hervorragend ausgeführter Pisco, der dabei immer elegant und fein bleibt, nie überwältigt, aber beständig überzeugt, geht damit zu Ende.

Süß und superfruchtig, ein Cocktail, der wirklich auf den Putz haut, und dabei elegant bleibt; sowas findet man nicht oft, die zwei Seiten „Eleganz“ und „Süßfruchtigkeit“ schließen sich meist irgendwie aus. Im Pisco Apricot Tropical geht das überraschend gut zusammen, der Haupttäter dafür ist wirklich der Pisco Portón, den man trotz Zucker, Ananas und Aprikose mehr als deutlich herausschmeckt und der durch seinen Charakter einiges beiträgt. Ein Crowdpleaser!

Pisco Apricot Tropical Cocktail

Pisco Apricot Tropical
1½oz / 45ml Pisco
¾oz / 22,5ml Limettensaft
¾oz / 22,5ml Ananas-Zuckersirup
½oz / 15ml Aprikosenlikör
2 Spritzer Angostura bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Eric Adkins]


Die Flasche ist natürlich ein Augenfänger, da passt die äußere Präsentation von der Hochwertigkeit her sehr gut zum Inhalt. Das mattierte Glas wirkt edel, das kleine Klarglassichtfenster, durch das man auf das Bild der Hacienda La Caravedo blicken kann, eine nette Idee. Seitenetiketten mit der Unterschrift von Johnny Schuler und einer Batch- und Flaschennummer komplettieren das Paket.

Ich hatte schon zu anderen Spirituosen gesagt, dass es mir besser schmeckt, wenn ich die Menschen dahinter kenne und deren Beweggründe verstehe. Der Charakter der Macher geht irgendwie in den Charakter der Spirituose über, und bei diesem Pisco Portón spürt man einfach die Handschrift von Johnny Schuler, der Brand ist wie er, ein bisschen schillernd, ein bisschen verrückt, dabei aber ein Gentleman und weltoffen. Ich freue mich jedesmal, ihn zu treffen – und ich freue mich auch auf jedes Glas seines Piscos.

Bier am Freitag – Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu

Wow, ein ausladender Titel! Ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu den längsten Namen hat, den ich für Bier hier auf meinem Blog je gesehen habe. Die Illustration eines Pavian-Affenkönigs mit Gerstenährenschwanz und Hopfendoldenstab – das finde ich sehr unterhaltsam, und es war auch eigentlich der Auslöser dafür, mir dieses Bier zu kaufen, ich als großer Fan des Affenkönigs Sun Wukong aus dem chinesischen Klassiker „Reise in den Westen“ musste da zuschlagen. Zu diesem Thema am Ende mehr, erstmal jetzt zum Produkt selbst.

Pax Bräu aus der Rhön ist bekannt dafür, sich beim Brauen richtig gehen zu lassen und Grenzen zu überschreiten. Im bierkonservativen Bayern muss man dann Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn man so kreativ ist – „Kein Bier!“ steht auf dem Etikett, stattdessen „Brauspezialität“, das ist tatsächlich auch nötig, um nicht in Konflikt mit dem sehr eng gefassten bayerischen Biergesetz zu kommen. Warum? Die Zutatenliste offenbart es: Orangenschale und Koriander (das lässt erstmal an Witbier denken), Habanero-Chili, Ingwer, Szechuanpfeffer und Zitronengras, da ist viel Aromenpotenzial verbraut. Schauen wir uns das Bier die Brauspezialität im Glas an!

Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu

Auch optisch erinnert es an ein belgisches Blanche oder ein Witbier, ein blasses Pastellgold mit deutlicher Trübung (das Bier ist unfiltriert, unstabilisiert, unpasteurisiert) passt rein vom Eindruck her nicht zur manischen Urgewalt eines Affenkönigs – der Schaum steht nur kurz auf dem Bier, fällt schnell zusammen und bildet dann nur sehr dünne Inselchen. Leichte Perlage ist sichtbar. Die Nase ist dann eine ganz andere Kategorie: Da riecht man die verwendeten Zutaten, als erstes fällt mir eine grüngemüsige Paprikanote auf, die alles andere dominiert; aufgefrischt durch leichten Ingwergeruch, frisch geschnitten, und dann kommt erst die Hopfenfrucht mit Anflügen von Aprikose und Pfirsich und ordentlich Honig. Eine ungewohnte Nase, aber man entdeckt eben die Zutaten, das finde ich sehr apart.

Bereits der Antrunk ist sehr trocken und herb, man spürt direkt, dass ein nur sehr leichter Körper vorhanden ist (bei 2,4% Alkoholgehalt kein Wunder!); trotzdem hat man eine gewisse Cremigkeit in der Textur, recht überraschend, weil scheinbar nicht in Einklang bringbar, doch hier geht es. Honig, Paprika und Bitterhopfen sind als Aromen im Vordergrund, im Verlauf kommen Ingwer und die ganz milde Pikanz und der besondere Geschmack des Szechuanspfeffers hervor. Scharf wird das Bier nie, die Habanero-Chilis geben mehr Geschmack und Frische als Hitze, und das ist gar nicht unangenehm. Der Nachklang ist lang, sehr bitter und trocken, voller Pfeffer- und etwas Kartongeschmack, mit einem sehr rezenten, wirksamen Gaumennachhall der gesammelten Eindrücke. Ein wirklich interessantes Bier, mit vielen Aromen, da gibt es viel zu entdecken und macht mir persönlich viel Spaß – zum martialischen Etikett und der Persönlichkeit des Affenkönigs aus dem Roman passt es allerdings überhaupt nicht, es fehlt einfach schon sehr an Körper und Volumen.

Wer nicht weiß, wovon ich rede, dem lege ich Eva Lüdi Kongs Neuübersetzung des Buchs (ISBN 978-3-15-011224-3) sehr ans Herz – es ist die erste vollständige Übersetzung des Xiyouji ins Deutsche. Bisher musste sich der Abenteuerfreund mit entweder gekürzten oder sogar nachgedichteten Versionen zufrieden geben, solange man nicht eine der sehr empfehlenswerten englischen Übersetzungen von W.J.F. Jenner oder Anthony C. Yu zu lesen imstande war. Es kostet sicherlich etwas Überwindung, einen kiloschweren Text aus lange vergangenen Jahrhunderten anzufangen; wer aber ein Faible für unterhaltsame, verrückte, komische und so gar nicht altmodische Abenteuerliteratur mit Anspruch hat, sollte sich das mal überlegen. In meinem Leben möchte ich diesen Text keinesfalls mehr missen!

Unerwartete Zutaten – Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und 2006 Tropical Ageing (VSGB)

Jeder, der sich ein bisschen mit Rum auseinandersetzt, kennt den Begriff des „Navy Rums“. Im Allgemeinen verbindet man damit kommerziell erhältliche Nachbildungen des Rums, der den Matrosen der britischen königlichen Marine als tägliche Ration zustand, den sogenannten „tot“, der seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1970 ausgeschenkt wurde. Jeder Produzent hat dafür sein eigenes Rezept, was in seinen Blend kommt – und auch das Original bestand nie aus immer denselben Zutaten. Man dachte lang, er bestehe eigentlich ausschließlich aus einer wechselnden Mischung aus Jamaica-, Guyana-, Trinidad- und Barbados-Rum. Eine zumindest für mich neue und interessante Information haben Steve Magarry, der Production Manager der australischen Brennerei Beenleigh, und Mitch Wilson von Black Tot Rum neulich in einem langen Interview geteilt: Zumindest seit den frühen 1900er Jahren und im Zweiten Weltkrieg war auch ein nicht unerheblicher Teil des Blends der Royal Navy australischer Rum – darunter auch Brände von Beenleigh.

Heute ist Beenleigh ein aufsteigender Stern am Rumhimmel, man findet so einige Abfüllungen aus ihrer Brennerei, und da ist es kein Wunder, dass auch Velier sich um die Aussies bemüht: Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und Beenleigh 2006 Tropical Ageing sind zwei der relativ neuen Bottlings, die sich der italienische Edelabfüller gesichert hat. Im schön öfters auf meinem Blog erwähnten VSGB-Projekt wurden sie sogar als Miniatur mit 10cl verfügbar gemacht, und da ich innerhalb kürzester Zeit eine gewisse Zuneigung zu Beenleigh-Rum entwickelt habe, war das eine wahre Freude. Hier stelle ich Euch die zwei Australier nun vor.

Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und 2006 Tropical Ageing (VSGB)

Nehmen wir uns erstmal den jüngeren der beiden vor. Destilliert wurde der Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation natürlich im namensgebenden Jahr 2015, in einem ungewöhnlichen Setup – erst durchläuft die fermentierte Maische eine Column Still, danach wird der so entstandene Rohbrand in einer Pot Still feingebrannt. Dieses Doppeldestillat darf runde 5 Jahre in frischen Ex-Bourbon-Fässern ruhen, in südaustralischem Wüstenklima in der Region Riverland. Abgefüllt wurde dann 2021, nachdem die Engel sich über 23% des original eingelagerten Brands abgegriffen haben.

Ein ganz klassisches Kupfer findet sich nach der aufwändigen Prozedur schließlich in meinem Verkostungsglas, das sich beim langsamen Schwenken an die Glaswand schmiegt und dann in Beinen mit dicken Köpfen gemächlich abläuft. Die Nase lässt mich die hohe Typizität, die Beenleigh in allen ihren Produkten für mich hervorbringt, deutlich erkennen. Es hat etwas von Obstbrand, da ist viel Birne drin, reifer roter Apfel, das geht fast in Richtung Calvados bei diesem 2015er. Weitere milde Fruchtnoten unterfüttern diesen Eindruck, machen das Gesamtbild in der Nase sehr rund und wohlig. Da sind leichte Ethanolspitzen, ja, und dezente Klebstofftöne, doch diese binden sich ein, gehen in minimale Minzigkeit über mit Offenstehzeit.

Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation

In einer Blindverkostung hätte ich direkt nach dem Antrunk gesagt, das ist ein Calvados XO. Diese Apfeligkeit und die Birnen beherrschen ihn zusammen mit einer feinen, durchweg natürlich wirkenden Süße. Ein extrem rundes Mundgefühl mit einer wirklich grandios abgestimmten Textur füllt den ganzen Mundraum aus, superbreit und dabei tief, dieser Wüstenbrand hat enormes Volumen, sicherlich auch gestützt durch die Fasstärke mit 59% Alkoholgehalt. Im Verlauf entsteht eine ganze sanfte Trockenheit, die Süße bleibt dabei aber erhalten, und der Alkohol sorgt dann zusammen mit der sich ganz langsam aufbauenden, sehr effektiven Würze für eine rundum angenehme, aber durchaus charaktervolle und pikante Wärme. Im Nachhall kommen milde Holztöne, Vanille und Zimt, zum Vorschein, ergänzen aber mehr die Fruchtigkeit, statt sie zu verdrängen. Ganz am Ende erscheint noch eine leichte Blumigkeit, auch hier eingebunden in die Birne und den Apfel, die einfach nicht aufgeben wollen, bis zum sehr spät irgendwann folgenden Schluss.

Ich gebe ja gern zu, dass ich ab und zu ins Schwärmen gerate, wenn mir etwas sehr gut gefällt, aber beim Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation schäme ich mich auch in keiner Form dafür. Wie schon bei anderen Beenleigh-Rums frage ich mich ernsthaft, wie sich die Destillerie so lange vor der Öffentlichkeit in Europa verstecken konnte – kaum zu glauben, aber ich bin extrem froh, dass man heute diverse Abfüllungen von Beenleigh in Deutschland ohne große Mühe bekommen kann.


Darum ist die Vorfreude auf die nächste Probe um so größer: Der Beenleigh 2006 Tropical Ageing war glücklicherweise in derselben VSGB-Lieferung schon mit dabei. Die Kombination von Column- und Potstill wurde auch hier eingesetzt; interessant finde ich die Reifungsmethode: Man legte den Brand nicht einfach in ein Fass, sondern gab ihn erstmal in Ex-Brandy-Vats (also Großfässer mit sehr hohem Volumen), danach in Ex-Bourbon-Eichenfässer, um am Ende dem Blend in einem 120 Jahre alten Kaurifichten-Vat den letzten Schliff zu geben: Das ist die auf dem Etikett erwähnte „Triple Wood Maturation“. Im tropischen Klima von Queensland verdunstete dabei in dem 15-jährigen Prozess mehr als 43% des Destillats.

Beenleigh 2006 Tropical Ageing

Zum Glück hat es der Rum danach trotzdem in mein Glas geschafft, klarer, leuchtender Bernstein, der sich im Neat-Glas mit lässiger Gemächlichkeit dreht, ein wunderbarer Anblick. Eine feine Linie bildet sich dabei an der Glaswand, aus der sich gemütlich einzelne Beine wie an einem Fransenteppich oder einer Stickerei bilden. Das Beenleigh-typische Obst ist hier schon deutlich getrocknet, Melasse, Pflaume, gedörrter Apfel, fast schon Bratapfel, matschige Birne und die Süße von Datteln, Honig und Rosinen finde ich ohne Mühe. Unterstützt wird diese fette, breite Nase durch viele, gut eingebundene Holznoten, mit Vanille und ganz milder Zedernholzigkeit, einem Anflug von Ledrigkeit und dem Duft eines dunklen Maduro-Deckblatts einer nicaraguanischen Zigarre. Etwas Lack sorgt dafür, dass man es sich nicht zu bequem macht beim Schnuppern.

Die Textur, die man schon sehen konnte, ist auch das erste, was einem beim Antrunk auffällt. Das ist fast schon sirupartig, schwer, dick, fett und breit, ein tolles, natürliches Süßegefühl ist mit dabei, das sich wie Zucker auf die Lippen legt. Honig, Gewürzkuchen, pflaumige Melasse, schwer und dunkel ist auch die Aromatik, mit Eindrücken von Traubenbrand wie ein alter Cognac, rund, voll und dramatisch, ohne grell zu sein. Dazu ist die herrliche, feine Wärme der 59%-Fassstärke, die zu keinem Moment zwackt oder auch nur kitzelt, sondern nur ein mildglühendes Gefühl über den gesamten Mundraum legt. Der Abgang ist ähnlich warm, eine sehr schöne, sehr edle Bittere kommt nun hinzu, die Süße schafft es weiterhin, präsent zu sein und sich der aufkommenden Trockenheit zu wiedersetzen. Hier findet man dann am Ende auch den Beenleigh-Typus, klar erkennbar, frisches Obst, mit sehr langem, wirksamen Nachhall, bei dem man Lippen und Gaumen mit der Zunge freiarbeiten muss, so fett liegt der Brand daran.

Uff. Grandios. Mehr fällt mir nicht dazu ein, ich könnte hier wirklich Superlative en masse aufzählen, um zu beschreiben, was ich schmecke, fühle und denke, aber das Gehabe würde gar nicht zur adligen Stilistik passen, die ich beim Beenleigh 2006 Tropical Ageing wahrnehme. Der braucht keine Werbung, jeder, der ihn probiert, wird genau wissen, dass man hier ein Weltklasseprodukt vor sich hat. Da muss ich jetzt erstmal durchatmen, bevor es weitergeht.


Die Typizität der Beenleigh-Rums ist, wie oben schon erwähnt, richtig hoch – man erkennt sie blind ohne Mühe. Die Ähnlichkeit zueinander und die durch die kleinen VSGB-Mengen entstehende Knappheit haben mich dazu gebracht, für den Mundo Perdido einen alternativen Beenleigh-Brand einzusetzen, denn die 2015er und 2006er-Fläschchen gingen schon für die Tasting Notes oben fast vollständig drauf. Rum Artesanal beispielsweise hat einen sehr finanzierbaren Beenleigh anonymisiert als „Australia Rum“ im Angebot – der durfte hier dann ran.

Mundo Perdido Cocktail

Mundo Perdido
1½oz / 45ml gereifter Rum
½oz / 15ml Apfelbrand
¾oz / 22ml Zitronensaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
¼oz / 7ml Zimtsirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Jeff Berry]


Ich habe schon zu meinen vorherigen Besprechungen zu den Produkten der VSGB-Reihe gesagt – es ist ein wirklich gelungenes Projekt, das Luca Gargano von Velier da auf die Beine gestellt hat. Die kleinen Fläschchen sind völlig identisch zu den natürlich ebenfalls erhältlichen Großversionen (wie so oft muss man da aber wirklich Glück haben, eine zum Veröffentlichungspreis zu erhaschen), mit so viel Liebe zum Detail gemacht. Die Nummerierung soll dafür sorgen, dass keiner auf die Idee kommt, die Kleinflaschen völlig im Gegensatz zum Sinn des VSGB-Projekts zum Eigengewinn zu verhökern; und, wie es scheint, ist Luca Gargano tatsächlich dahinter, Verstöße gegen diese Ehrenregel zu verfolgen.

Beenleigh hat sich durch die Rums, die ich von ihnen nun kenne, einen festen Platz in meiner Skala gesichert, was globalen guten Rum angeht. Auch dass der schon angesprochene Steve Magarry jederzeit ansprechbar und offen für Diskussionen auf den sozialen Medien ist (man suche einfach nach dem Hashtag #needmorebeenleigh), tut sein übriges dazu, mir die Australier sympathisch zu machen. Wer richtig guten Rum sucht, der mehr als ein Jahrhundert Tradition auf dem Buckel mitbringt, und handwerklich makellose Ware abliefert, die einen ganz eigenen Charakter und Stil hat, der kommt an Beenleigh nicht mehr vorbei.