Schnapsglobalisierung – Selva Negra Agavenspirituose

Selva Negra Agavenspirituose Titel

Agave als Basismaterial für Spirituosen, das ist längst kein mexikanisches Alleinstellungskriterium mehr. Auch wenn mit Tequila und Mezcal (und seinen mehr oder weniger rein durch Gesetzgebung unterschiedenen Verwandten wie Raicilla) immer noch die bekanntesten Vertreter aus Mexiko kommen, so haben andere Länder doch auch aride Landschaften, in denen sich Agaven verschiedener Sorten wohlfühlen und gedeihen. Und es gibt findige Brenner dort, die das Potenzial erkannt haben, diese Pflanze zu nutzen. Südafrika war für mich der erste Kontakt mit Agavenbrand außerhalb Mexikos; Australien ist dabei, sich dieser kleinen Gruppe von Ländern ebenso anzuschließen.

Und da kommt nun plötzlich Selva Negra daher – in Deutschland gebrannt, genauer gesagt am Kaiserstuhl im Schwarzwald, letzterer diente entsprechend als Inspiration für den Markennamen. Natürlich bekommt man im Schwarzwald keine Agaven in nennenswerter Menge zum wachsen, der Klimawandel kann zwar viel, aber um Süddeutschland zur sonnendurchfluteten Wüste zu machen, in der Agaven wild wuchern, wird sogar er noch eine Weile brauchen (auch wenn es, wenn wir so weitermachen, tatsächlich nur eine Frage der Zeit ist). Nein, ein aus Mexiko importierter, naturbelassener Extrakt aus agave salmiana ist es, der hierzulande von Florian Faude mit Weinhefen für 3 bis 4 Wochen fermentiert und dann doppelt destilliert wird. Eine spätere Aromatisierung mit Rauch und Fichtenaromen erfolgt, um den Schwarzwald thematisch und sensorisch miteinzubinden. Die Angabe „100% Agave“ ist darum inhaltlich bezüglich der Inhaltsstoffe korrekt, aber wie sieht es mit dem Geschmack eines deutschen Agavenbrands aus? Ich habe sehr gute Erfahrungen mit in Deutschland hergestelltem Rum gemacht, wo die Melasse ja auch importiert werden muss. Kann Selva Negra dieses Modell wiederholen?

Selva Negra Agavenspirituose

Optisch ist die Flüssigkeit erstmal nicht von einem Tequila Blanco (oder jeder anderen ungereiften, klaren Spirituose) unterscheidbar. Ordentlich schwer schwappt sie im Glas, legt sich beim Drehen samtig an die Glaswand, bildet dort einen Film, der sich aus einem dicken Band zu einzelnen Beinen zusammenfindet und von dort dann herunterläuft.

Die Nase wirkt sehr frisch, mit klaren Eindrücken von grünen Fichtennadeltrieben, Zedernzapfen, sehr viel Harz und Limettenschale. Erst dahinter kommt gekochtes Agavenfleisch, es ist aber eindeutig identifizierbar. Der Plastikklebstoff in der blauen Tube, mit dem man Modelle baut, ist als Assoziation vorhanden, und eine Erinnerung an einen mit Zedernzapfen aromatisierten Wodka, den ich neulich gekauft hatte, natürlich ist Selva Negra da im direkten Vergleich noch deutlich spannender. Im Gesamtgeruchsbild durchaus komplex, mit vielen Eindrücken, die sich vielschichtig zusammenfügen, und sich von einem Tequila oder Mezcal klar emanzipieren.

Selva Negra Agavenspirituose Glas

Im Mund drehen sich die Aromarollen dann um – zunächst ist die Agave sehr viel präsenter, und erst danach folgen die harzigen Zedern- und Fichtenkomponenten, sie bleiben aber alle erhalten und klar definiert. Eine schwere Süße ist vom Antrunk an da, zusammen mit der fetten, sehr öligen Textur entsteht ein dichtes, rundes Mundgefühl. Im Verlauf bildet sich daraus deutliches Feuer, weißpfeffrige und fast schon chilischarfe Hitze heizt den ganzen Mundraum auf, und das steigert sich immer weiter. Leichte Fruchtnoten, Aprikosen und Kirschen, haben ein kurzes Gastspiel, der Abgang ist dann wieder von Fichtennadeltrieben und leicht holzigem Harz dominiert, und von der sehr aktiven Schärfe, die die gut gewählten 46% Alkoholgehalt spüren lässt und die erst spät im Abgang langsam abklingt, während man sie im Rachen bis in den Magen lange nachverfolgen kann. Im Nachhall klingt die Agave deutlich nach, die Süße belegt weiterhin den Gaumen, während die Zungenspitze prickelt und fast schon Mastiha-ähnliche Eindrücke die Spirituose dann langsam zum Ende kommen lassen.

Es ist deutlich, dass wir hier eine eigenständige Agavenspirituose vor uns haben, die an keiner Stelle versucht, sich als Tequila oder Mezcal auszugeben (der Etikettenspruch „inspired by the Mexican Classic“ zeigt auch, dass abseits der Inspiration etwas eigenes zu erfinden versucht wurde) – hochinteressant, was Sebastian Dresel, Laurin Lehmann und Florian Faude sich da haben einfallen lassen. Ich mag Tequila, ich mag Mastiha, und Selva Negra ist eine gelungene aromatische Kombination aus beiden, ohne sich an eine der beiden übermäßig anzubiedern.

Was macht man daraus in der Mixologie? Ein bisschen ist Selva Negra ein Grenzgänger, doch sie funktioniert in vielen Tequila-basierten Rezepten natürlich wunderbar. Im Caminante kombiniert sich die kräuterig-harzige Art sehr gut mit Minze, Jalapeño und Mandel, finde ich – ein Drink, bei dem man aufs Beste über die Globalisierung von Spirituosenkategorien, ihre Neuinterpretation und das Auflösen von klaren Grenzen sinnieren lässt.

Caminante Cocktail

Caminante
2oz / 60ml Tequila blanco (mit Jalapeño aromatisiert)
¾oz / 25ml Orgeat
¾oz / 25ml Zitronensaft
1 Teelöffel klarer Minzlikör
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Justin Lane Briggs]


Selva Negra kommt in einer Halbliterflasche mit Echtkorken und einem aufwändig gestalteten Etikett, das die Mischherkunft aus Mexiko und Schwarzwald herrlich präsentiert. Dazu die üppig gestaltete, hochwertige Blechdose, da bleiben vom Design her keine Wünsche offen. Etwas mehr Herstellungsdetails auf den Etiketten würde ich mir als Transparenzfreund wünschen, gerade, weil es doch ungewohnt ist, in Deutschland Agaven zu brennen – positiv ist natürlich die schnelle und offene Antwort des Herstellersteams auf Fragen, wenn das noch auf der Flasche zumindest teilweise direkt für den Konsumenten nachlesbar wäre, wäre das optimal.

Ähnlich Mühe hat man sich sogar bei der Kartonbox, in der die Dose geliefert wurde, gemacht, sie ist mit schwarzen floralen Mustern versehen, und zwei Flaschen Limonade (Thomas Henry Pink Grapefruit) finden sich daneben im Lieferumfang, zusammen mit einem Rezept für eine Paloma. So kann man auch ohne Heimbar sich direkt ein paar hübsche, typische mexikanisch-schwarzwälderische Drinks zusammenrühren, nur Eis und eine Limette braucht man zusätzlich.

In toto ein tolles Gesamtpaket: Sowohl für den Spirituosenfreund, der eine eigenständige Neuinterpretation von Agavenbrand sicherlich hochinteressant findet, als auch als Geburtstagsgeschenk für den Anfänger, der dank der optischen Gestaltung und der mitgelieferten Limonade ohne Hemmschwelle loslegen kann. Beiden Zielgruppen lege ich Selva Negra nahe!

Offenlegung: Ich danke der Selva Negra Spirits GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Box.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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