Zwei Lebenselixiere vereint – Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum Titel

Kaffee gehört für mich zum Leben wie Wasser. Aktuell probiere ich mich durch verschiedene Sorten, verschiedene Bohnen, aus verschiedenen Ländern – von Jamaica über Kenia bis Peru. Die Unterschiede sind erstaunlich und nicht nur Nuancen, wie so oft entdecke ich, dass ich eigentlich kaum etwas über Kaffee weiß, obwohl ich soviel davon trinke. Im Moment habe ich einen 100%-Robusta-Kaffee aus Tansania, geröstet in einer kleinen Manufaktur hier im Saarland, zu meinem Favoriten erkoren – ich mag die schokoladige Seite und den vollen, runden Körper dieser völlig zu Unrecht immer noch etwas weniger geschätzten Bohne, die im Schatten der großen Arabica langsam aber sicher zu einer echten Alternative heranwächst.

Kaffee ist neben dem Haupteinsatzgebiet als morgendliches und nachmittagliches Lebenselixier auch eine interessante Zutat in aromatisierten Spirituosen. Dabei reicht die Spannbreite von schwersüßen, cappuccinoartigen Likören bis zu eher feinen, eleganten Mazerationen. Der Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum gehört eher in die zweite Kategorie, soviel vorab. Was nur dem aufmerksamen Etikettenleser auffällt ist, dass das der Basisrum für diese Spirituose dabei aber nicht rein aus El Salvador stammt – rund ein Drittel des Destillats kommt aus Jamaica, hauptsächlich aus den Pot Stills von Worthy Park, ein Teil davon wiederum ist auch dort gereift. Der Großteil ist aber salvadorianisch, hauseigenes Zuckerrohr wird dafür bei Licorera Cihuatán verarbeitet, die dabei entstehende Melasse wird mit Zuchthefen 36 Stunden fermentiert. Nach der Säulendestillation reift das Destillat dann in Ex-Bourbon-Fässern; für diesen Rum sind es 6 Jahre. Auch die für die dann folgende Mazeration verwandten Kaffeebohnen der Varietät Bourbon haben teilweisen Migrationshintergrund, sie kommen ursprünglich aus El Salvador, werden aber in den USA bei Jag’s Head Coffee geröstet – da möchte ich dann aber schon die Frage stellen, warum so ein klimafußabdrucksteigendernder Abstecher sein muss. 2 Tage mazerieren diese Bohnen im Ganzen in dem oben beschriebenen Blend. Es wird weder kaltfiltriert noch gesüßt (laut eigener Aussage des Herstellers, wegen des Kaffeezusatzes bringt eine Messung mit dem Aräometer, die ich sonst machen würde, nichts). Ich als Vielkaffeetrinker und Rumgenießer bin sehr gespannt auf das Ergebnis!

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum

Optisch bietet der aromatisierte Rum ein klassisches Bernstein, sehr angenehm, dass man darauf verzichtet hat, den Rum zu sehr mit Farbstoffen einem Kaffee anzugleichen, was manche andere Hersteller solcher Produkte tun. Eine hübsche Viskosität lässt das Schwenken ansprechend werden, ein Dutzend dicke Beine entstehen dabei an der Glaswand.

Die Nase ist klar zweigeteilt: Beide Komponenten bekommen gleichermaßen ihre Leinwand, Rum und Kaffee. Ein sehr natürlicher Kaffeeduft, noch ungemahlene, kräftige Arabica-Bohnen, mit der Säure und Bittere, die sie oft mitbringen, kombiniert sich geschickt mit den leicht esterigen, marzipansüßen und ledrig-herben Aromen des Mischrums. Etwas Kohle, etwas Tabak, milde Holztöne, und darunter dunkle Noten von Studentenfutter, leicht nussig, leicht trockenfruchtig. Gedörrte Aprikosen, Rosinen, Honig, und sogar ein minimalster Anflug von Rauch – man sieht, das ist ein sehr komplexes Geruchsbild, bei dem viele Aspekte sehr rund ineinander greifen. Aromatisierte Spirituosen sind oft oberflächlich und eindimensional – der Ron Colón ist vielschichtig und spannend, und vor allem: natürlich, nie künstlich. Wirklich toll gemacht, soweit.

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum Glas

Dass der Rum nicht gesüßt wird, glaube ich sofort nach dem ersten Schluck. Da ist eine Grundsüße da, die aber nicht pappig wird, und einem mittelamerikanischen Rum angemessen typisch ist. Zusammen mit der leicht öligen Textur entsteht dadurch ein sehr angenehmes Mundgefühl, das durch im Verlauf aufkommende Würze, Trockenheit und Bittere spannend bleibt. Zunächst sind die Trockenfrucht-Aromen im Vordergrund, gedörrte Aprikosen, Rosinen und eine milde Nussigkeit, würziger Waldhonig, mit typischen marzipanig-ledrigen Rumnoten, die Worthy Park so konsequent gut kann. Die Rumbasis ist für mich wirklich gut komponiert, man schmeckt Jamaica, aber man spürt auch, dass da noch anderer Rum dabei ist. Später taucht dann auch der Kaffee etwas auf, mild, immer eher eine Randnote bleibend, nie den Rum überwältigend, aber effektiv und ab dann auch beständig dableibend.

Im Abgang ist der Kaffee dann am deutlichsten erkennbar, eine dunkle Röstung, klar eher Espresso als Milchkaffee, vielleicht sogar ungesüßter Mokka. Das Mundgefühl bleibt warm und lässt Wärme- und Kribbeleffekte auf Zunge, Gaumen und Backeninnenseiten zu, die lange anhalten – 55,5% Alkoholgehalt sind perfekt gewählt und nie störend dabei. Alle Aromen, die Nase und Zunge zuvor identifiziert hatten, blinken hier nochmals auf, ineinander verwoben, nicht mehr klar abgrenzbar, ein echt wunderbares, komplexes und dabei extrem rundes Gesamtbild erzeugend, zu dem noch eine starke Jasminblüte kommt, die das ganze, sehr lang anhaltende Erlebnis krönt, ideal ausbalanciert zwischen natürlicher Süße und Trockenheit ohne Astringenz. Mich überzeugt der Ron Colón Salvadoreño auf ganzer Linie, in jedem Aspekt: sicherlich eine der Entdeckungen dieses Winters, insbesondere, weil sie so unerwartet kommt – von aromatisierten Spirituosen erwarte ich soetwas normalerweise nicht.

„Winter“ ist dann auch noch das Thema und der Name des Cocktails, den ich für diesen Rum ausgesucht habe. Wenn der Artikel erscheint, ist gefühlt teilweise schon Frühling allerortens, doch das soll meine Leser nicht davon abhalten, den Winter auszuprobieren. Setzt man statt eines generischen Jamaica-Rums dann noch diesen Kaffeerum ein, verdoppelt sich gefühlt die Aromatik des Drinks – und man kann ihn eigentlich auch im Frühling trinken. Oder im Sommer.

Winter Cocktail

Winter
2 oz gereifter Jamaica-Rum
¾ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Teelöffel Allspice Pimento Dram
1 Teelöffel Ingwerlikör
2 Spitzer pH Winter Bitters
Auf Eis shaken und mit kandierter Frucht garnieren.

[Rezept adaptiert nach A.S. Crockett]


Die Grünglasweinflasche, in der der Rum kommt, ist unauffällig, das schräg aufgeklebte, aber gerade beschriftete Etikett im Banknotenstil gefällt mir, könnte aber durchaus noch ein paar der Informationen, die ich anfangs gelistet habe, mitliefern – der Wunsch vieler Kunden nach Transparenz ist noch nicht zu 100% angekommen in El Salvador, da müssen sie noch etwas nachlegen, insbesondere bei einem derart hochwertigen Produkt, das eher auf die Kenner als die Gelegenheitstrinker abzielt. Dennoch spreche ich meine klare Kaufempfehlung auch für letztere aus, die auf der Suche nach ungewöhnlichen aber dennoch sehr trinkbaren, nach hochwertigen aber nicht überteuerten Rums sind – denn das Preisleistungsverhältnis ist meiner Meinung nach beim Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum ganz hervorragend, fast schon absurd gut, man bekommt hier wirklich was für sein Geld, und das ist bei Rum gar nicht selbstverständlich. Ich werde jedenfalls eine zweite Flasche kaufen, sobald die erste leer ist, und das wird nicht allzulange dauern.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.