Bier am Freitag – Straffe Hendrik Brugs Tripel Bier und Brugs Quadrupel Bier

Hier in Saarbrücken ist es inzwischen überraschend einfach geworden, qualitativ hochwertige Nischenbiere in Supermärkten zu bekommen – besonders Edeka tut sich da hervor, die Märkte hier sind besser ausgestattet als viele auf Bier spezialisierte Läden. Manches kriege ich da aber noch nicht, da greife ich dann bei Auslandsausflügen gern zu, wie hier beim Straffe Hendrik Brugs Tripel Bier und Brugs Quadrupel, das ich bei meiner letzten Brüsselreise flugs eingepackt hatte. Ich erwähne es aus Bildungsauftragsgründen gern öfters bei der Besprechung belgischer Biere: der Reinheitsgebotsfreund liest „Kandiszucker“ als Zutat und ist vielleicht verschreckt – muss er nicht sein, das dient der Flaschengärung, die Hefen, die diese Arbeit tun sollen, dürfen schließlich nicht direkt verhungern sondern brauchen einen Snack. Ich jetzt auch und gieße mir das erste Bier ins Glas.

Straffe Hendrik Brugs Tripel Bier und Brugs Quadrupel Bier

Wie man es lernt, trinkt man von leichter nach schwerer, also fangen wir mit Straffe Hendrik Tripel an (das ist dann natürlich sehr relativ zu sehen, ein leichtes Bier ist auch das nicht). Volltrüb mit einer fast schon Terracotta-ähnlichen Farbe steht das Bier im Glas. Der Schaum, der sich beim Eingießen bildet, ist stabil und eher großblasig, er setzt sich nach ein paar Minuten leicht ab, bleibt aber zentimeterdick über die ganze Trinkdauer. Die Nase ist mildhopfig, hefig, leicht getreidig. Belgische Biere haben oft eine Trinktemperaturempfehlung, die verhindert, dass unser Riechkolben viele Aromen wahrnimmt. Man ahnt aber schon, in welche Richtung das Bier gehen wird.

Straffe Hendrik Brugs Tripel Bier

Und ja, es trifft zu. Deutlich säuerlich, ohne wirklich in die Sauerbierrichtung zu gehen, mit kräftiger Herbe direkt von Beginn an. Leicht getreidig, mild süßsauer, jedenfalls ohne Zweifel ein Bier mit Charakter, das sich nicht anschmiegt. Eine sehr hübsche Textur lässt ein bisschen „Kauen“ auf dem Bier zu, cremig und voll, und das in Kombination mit der sehr ausgeprägten Frische macht das Straffe Hendrik Tripel komplex in seinen Effekten. Leicht blumige Jasmintöne und würzige Nelken tauchen im Verlauf auf, der Nachhall bleiben diese erhalten und werden durch Getreidenoten ergänzt.

Das Tripel ist ein recht kantiges Bier, das mich in seiner Vielschichtigkeit erfreut – jedenfalls etwas, an dem sich ein Verkoster eine Weile abarbeiten kann. Mit 9% Alkoholgehalt hat man einen weiteren Grund, beim Trinken langsam zu machen. Hm, davon hätte ich doch mehr als eine Flasche mitbringen sollen. Naja, beim nächsten Mal!

Aber ich habe ja noch das Straffe Hendrik Quadrupel, um diese Zeit zu überbrücken. Ein paar Wochen später landete es dann auch in meinem Glas. Da es ja keine offizielle Regelung dafür gibt, mit welchem Alkoholgehalt welche Bezeichnung aufs Etikett muss, nennt man das Bier „Vierfach“, um den sehr üppigen 11 Volumenprozent Rechnung zu tragen. Das ist sicher nichts für jeden und auch nicht für jede Gelegenheit, sondern eher was für die ruhigen Minuten für den Freund des Starkbiers.

Straffe Hendrik Brugs Quadrupel Bier

Optisch ist das ein herbstliches Bier – dunkelbraun und blickdicht, das erinnert mich an das Laubhaufen im Garten, insbesondere, weil der leicht bräunliche, cremafarbene Schaum auch so dazupasst. Letzterer hält sich lang und ist superfein. Die Nase wehrt sich nicht gegen die Herbstassoziationen, dunkles Malz dominiert, reife Mango und eine Mischung aus Ananas und Banane zeigt die sehr milde, aber hochgradig wirksame Hopfung. Sehr aromatisch und zum Trinken einladend!

Auch beim Quadrupel ist eine Säure vorhanden, die aber im Vergleich zum Tripel deutlich milder daherkommt, einfach, weil sie in eine richtig fette süße Cremigkeit eingebettet ist. Die Textur ist fast wie ein griechischer Joghurt, dabei aber durch die hohe Karbonisierung immer noch frisch. Das Malz beherrscht den Geschmack, leichte Röstaromen, Milchkaffee, Walnüsse, aber mit einer erkennbaren Dunkelschokoladebittere, die sich verdammt gut mit der Süße kombiniert. Hier hat man fast alles, was die Zunge schmecken kann, süß, sauer, bitter, und sogar einen Touch umami. Der Abgang ist frisch, frech, hier gewinnt die Säure ein bisschen, aber bleibt rund und fein.

Das ist ein Bier! Wow! Mir bleibt nichts als jedem Leser dringendst zu empfehlen, das mal auszuprobieren, an dem stimmt einfach alles. Das Straffe Hendrik Quadrupel rutscht ohne Mühe nach ganz weit oben in meiner persönlichen Liste der Lieblingsbiere.

Ich für meinen Teil weiß, dass ich bei der nächsten Belgienreise weitere Varianten und noch ein paar Ersatzflaschen des Tripels und Quadrupels aus dieser Brauerei suchen werde.

Single Botanical Overproof Gin – Eversbusch’s Doppelwachholder „66“

Ich musste zweimal hinschauen, und dann nachschlagen. Die offizielle, moderne Schreibweise für sowohl die Pflanze als auch den aus den Früchten der Pflanze gebrannte Schnaps ist „Wacholder“, mit einem „h“. Dass auf dem Etikett des Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ diese Bezeichnung mit zwei „h“ geschrieben wird, liegt daran, dass man es so in Westfalen als Zeichen der Tradition mit der Rechtschreibung von vor 1908 beibehalten will, nun, wems gefällt. Die eigentlich viel wichtigere, große Frage, die sich viele stellen werden: Was ist der Unterschied zu Gin? Zunächst ist es der Alkoholgehalt, der gesetzlich bei einem Wacholderdestillat nur mindestens 30% betragen muss – bei Gin sind es 37,5%. Während einer Verkostungsrunde beim ISW 2021 musste ich klar feststellen, dass niedrigprozentige Produkte dieser Kategorie es schwer haben, im direkten sensorischen Vergleich mit Hochprozentigem standzuhalten, Alkohol ist einfach ein Geschmacksträger. Beim vorliegenden Brand besteht diese Gefahr aber nicht – mit 66% Alkoholgehalt hat man ordentlich was vorgelegt.

Noch ein kleiner Unterschied besteht: Beim Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ legt man sich toskanische Wacholderbeeren in einen neutralen Roggenbrand ein und destilliert dies nach etwas Mazerationszeit in Kupferbrennanlagen. Ganz ohne Kardamom, Zitronenzeste, Koriandersaat und Fenchelblätter, nur Wacholder eben. Bei beiden, Wacholderdestillat und Gin, sollte der Wacholder die vorherrschende Aromatik liefern, es sind aber rechtlich bei beiden auch andere Kräuter erlaubt; bei einer „Spirituose mit Wacholder“ ist zumindest der Drang gefühlt etwas größer, sich mit Alternativaromen zurückzuhalten, im Gegensatz zu Gin, bei dem es heutzutage ja sogar Pflicht zu sein scheint, den Wacholder unter all den Bergamotte-, Salbei-, Enzian-, Kamille- und Sonstwelchenkräutern (je mehr, desto besser, meinen viele Hipsterbrenner) komplett untergehen zu lassen. Genug geschimpft, raus mit den negativen Gedanken aus dem Kopf, rein mit dem sauberen Destillat ins Glas!

Eversbusch's Doppel-Wachholder „66“

Klar und rein, farblich gibt es zum Glück nichts Unerwartetes zu berichten. Das schwappt sich gut hin und her, man erkennt leichte Viskosität, bei diesem Alkoholgehalt ist das nicht ungewöhnlich. Der Film, der dabei an der Glaswand entsteht, fließt gemächlich in dicken Beinen ab.

Die Nase ist das, was man sich von Gin erwartet – und es ist nichtmal ein Gin, aber von einem Wacholderdestillat erwarte ich mir eben auch genau das. Wacholder, en masse, die helle Säure frischer Beeren, aber auch die Würze getrockneter, die man zum Braten gibt. Leichte Harzigkeit, und dazu der Geruch der Zweige, diese nasse Holzigkeit, die auch Thymian- oder Rosmarinzweige haben. Eine leichte Alkoholspitze ist da, die sich mit etwas frecher Zestigkeit verbindet und in der Nase kitzelt. Dazu kommt noch etwas Frucht, Birne, Heidelbeere, Kirsche, und ein Anflug von Nelken und etwas Heu. Und das alles nur aus dem Destillat und Wacholder! Man sieht, wenn man sein Handwerk beherrscht, werden viele Botanicals, die modernen Gin durchfluten, unnötig.

Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ Glas

Im Mund ist diese holzig-trockene Note direkt von Anfang an da. Die Textur ist schmeichelnd und weich, flauschig schon, sehr breit und tief. Leicht salzig fühlt es sich an, wenn man den Eversbusch’s 66 durch den Mundraum gleiten lässt, trotz der 66% ist das ohne Schwierigkeit machbar. Wacholder ist natürlich aromatisch sofort dominant, die Beeren, aber auch die Äste, an denen sie wachsen, man meint wirklich, in einen frisch geernteten Wacholderzweig mit ein, zwei Beeren daran zu beißen. Diese milde Harzig- und Holzigkeit ist sehr charaktervoll, wird durch die Eindrücke von ätherischen Zitrusölen und attraktiver Bittere ergänzt. Im Verlauf baut sich immer stärker Würze und Feuer auf, da glüht der Gaumen, aber völlig ohne Kratzen oder Beißen.

Der Abgang ist dann von einem frischen Eiseshauch beherrscht, das zuvor vorhandene Feuer kehrt sich in angenehme Kühle um, die Zungenspitze ist anästhesiert und friert regelrecht. Wacholder klingt lange mit, leicht holzig, leicht würzig, man kann das alles, was man zuvor schon hatte, nun nochmal revue passieren lassen. Mit einem Anflug von Hyazinthen-Floralität endet die Verkostung.

In den Diamond Head gehört normalerweise Dry Gin. Mit dem 66er-Eversbusch wird aus dem netten Aperitiv-Drink ein Knaller, der schnell zu Kopf steigt, aber man kann einfach nicht aufhören zu trinken. Diese tolle Mischung aus Zitrus (wer noch nie Amalfi-Zitronen probiert hat – in diesem Drink explodieren sie geradezu!) und Kräuter wird nur vorsichtig durch die Aprikose gebremst. Höchstkomplex und aufregend – mit den richtigen Zutaten ein Hammer.

Diamond Head Cocktail

Diamond Head
2oz / 60ml Dry Gin
1oz / 30ml Zitronensaft
½oz / 15ml Apricot Brandy
1 Teelöffel Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Besonders ist das Behältnis, in dem man den Doppelwachholder 66 bekommt – ein hübscher Steingutkrug macht in der Heimbar immer was her. Man kann unterschiedliche Größen davon bekommen, 35cl und 70cl hat der Hersteller im Angebot, beides jeweils auf 666 Exemplare limitiert, erkennbar an der von Hand eingetragenen Nummerierung (117 bei mir). Da dies bereits die zweite Auflage ist (die erste erschien 2019, diese zweite 2020), muss man nicht völlig verzweifeln, wenn man gerade nichts davon bekommen kann, ich gehe davon aus, dass es auch eine dritte Auflage geben wird, wenn die zweite ausverkauft ist. Und zugreifen sollte der Wacholderfreund hier ganz sicher, die Klarheit und Sauberkeit ist ganz besonders für den Ginfreund von Wert, der mal prüfen will, was das Kraut so ganz alleine kann, ohne Unterstützung von anderen Botanicals. Ich verspreche, die Flasche wird nicht einstauben!

Wider die Schnapsagnostik – Silver Seal Demerara Rum Enmore 2002

Der moderne Spirituosenfreund ist oft sehr interessiert an den Details des Produkts, das er vor sich in der Flasche hat. Natürlich gibt es immer noch die Mehrzahl der Menschen, die hauptsächlich agnostisch trinken, doch die Gruppe derer, die bewusst und interessiert genießen, wird größer. Und ich hoffe, mit meinem Blog dazu beizutragen, dass Alkoholagnostiker weniger werden und zum einzig wahren Glauben des Schnapstheismus konvertiert werden können. Es gibt viele Abfüller, die diesen Trend vorantreiben, und auch bei ihren Abfüllungen immer detaillierter werden mit Informationen, was sich eigentlich in der Flasche befindet, wie es hergestellt wurde, teilweise sogar mit chemischen Details und Illustrationen von Brennanlagen. Da geht mir persönlich das Herz auf.

Doch es ist ein junger Trend, ein sehr junger. Das sieht man an älteren, aber immer noch vergleichsweise neuen Abfüllungen wie der des Silver Seal Demerara Enmore 2002. Das Etikett ist ein Jammer. Abseits des offensichtlichen Fehlers, dass diese Spirituose niemals 2002 in der heute schon legendären guyanesischen Enmore Distillery gebrannt worden sein kann, weil diese Destillerie da schon ein paar Jahre geschlossen war, sagt es auch nichts über die für heutige Rumfreunde wichtigen „Marks“, die Details über den Brand mitteilen. Nichteinmal das Jahr der Abfüllung ist angegeben, und so muss man aus anderen Quellen herauslesen, dass es wohl 2014/2015 war und der Rum somit 12 Jahre gereift ist; da er in Schottland abgefüllt wurde, gehe ich auch von kontinentaler Reifung davor aus. Immerhin ist die für eine limitierte Abfüllung wichtige Flaschennummer auf dem Rücketikett zu finden, ich habe Flasche 329 von 600. Das soll mich aber nicht davon abhalten, den seltenen Rum aus meiner Lieblingsdestillerie nun einzugießen und für Euch zu verkosten.

Silver Seal Demerara Rum Enmore 2002

Optisch beeindruckt der Silver Seal jedenfalls, wie er stark und fett im Glas steht, mit einer tollen leuchtenden terracottarotbraunen Färbung und einer dicken, öligen Struktur, die schon fast sirupartig wirkt beim Schwenken. Ähnlich viskos ist das Glaswandverhalten, da bilden sich Adern und Beinchen und erinnern fast an eine strukturierte Tapete.

Der Geruch ist voller Honig, verbranntem Zucker, Butter, Nougat und Shortbread, aber auch Trockenblumen und zerriebenen Heidekraut. Es erinnert etwas an lang gereiften, nussigen Sherry. Eine leichte Anisnote kommt dazu, Aprikosen und Bananen. Marzipan und Menthol gehen über in eine Idee von Lack, mit mildem ethanolischem Stechen. Da ist noch etwas würziges, erdig-fleischig-pilziges, das für mich sehr schwer zu definieren ist, leicht ledrig wirkt. Man sieht schon an den sehr unterschiedlichen Eindrücken: das ist ein komplexer, spannender Rum.

Silver Seal Demerara Rum Enmore 2002 Glas

Der Antrunk ist extrem süß, voll und breit. Auch hier dominieren noch Honig und Marzipan, zusammen mit dem cremig-öligen Mundgefühl hat man da echt was im Mund. Im Verlauf kommt die erdige Komponente stärker zum Vorschein, das ist fast wie ein Trockenpilzragout, und wenn man auf den Ärmel der Wildleckerjacke beißt. Sehr ungewohnt, umami, fast schon salzig, sehr bitter und nur halbtrocken. Insgesamt hat man das Gefühl, eine herbe, dicke Markknochenbrühe mit Honig zu trinken – das ist spannend, aromatisch, toll.

Ja, natürlich könnte man etwas herablassend die 46% anmeckern, da ginge sich noch mehr mit, sagen wir, heute bei derartigen Abfüllungen gar nicht unüblichen 55% oder noch mehr, aber trotzdem gibt sich dieser Enmore hier eigentlich keine echte Blöße deswegen. Der Abgang ist sehr mentholig, eiskalt, mit langem, aromatischen Nachhall, und hinterlässt eine Textur im Mund, auf der man noch eine Weile herumlutschen und -kauen kann.

Es fällt manchen auch heute noch schwer, teure Spirituosen (und, wenn man ehrlich ist, geht es genau darum – nicht um die Qualität) in Cocktails einzusetzen. Die Schreihälse, die Höllenqualen für die Single-Malt-Vermischer fordern, werden aber immer weniger, und ich habe kein Problem damit, auch Rums wie diesen in einen Brass Rail zu mixen. Ein guter Basisrum tut natürlich auch seine Dienste, aber der kleine, feine Kick aus besonderen Rums macht eben auch den Cocktail besonders.

Brass Rail Cocktail

Brass Rail
1⅔oz / 50ml gereifter Rum
½oz / 15ml Bénédictine
½oz / 15ml Zitronensaft
⅓oz / 10ml Zuckersirup
½ Eiweiß
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken. In ein Glas abseihen, mit etwas Zimt bestreuen und mit Zitronenzeste garnieren.

[Rezept adaptiert nach Tony Abou-Ganim]


Heutzutage sieht man im Rumgeschäft diese bauchige Flaschenform in der dunkel getönten Farbe sehr häufig, besonders der italienische Edelabfüller Velier hat sie sich als Markenzeichen zueigen gemacht, ich mag sie einfach aufgrund ihrer Kurven – eine tolle Flasche. Der Korken zeigt mir erneut, warum ich auch bei hochwertigen Abfüllungen immer für einen Plastikkorken bin, das Abbrechen des Stöpsels, das folgende Herumgeziehe mit einem Korkenzieher und das Gebrösele am Schluss ist echt kein Spaß. Das silberne Siegel, das man um den Flaschenhals legte, ist schließlich natürlich dem Namen des Abfüllers gedankt.

Für mich ist Enmore so ein Name, der immer einen leichten Schauer über den Rücken laufen lässt (wer sich für Details zu den Hintergründen dieser Destille interessiert, dem empfehle ich die Lektüre von Marco Freyers herausragendem Essay über Guyana-Rum, ich bezweifle, dass jemand weltweit mehr über diese Art Rum weiß als Marco). Ich bedauere sehr, dass ich zu spät in die Spirituosenwelt eingestiegen bin, um die guten alten Stöffchen aus dieser Brennerei noch zu akzeptablen Preisen und in vielen Varianten bekommen zu können, in den 1990er-Jahren wurde das einem praktisch nachgeworfen – die aktuell verkauften Brände von dort, oder selbst die „nur“ der einzigartigen hölzernen Brennanlage entlaufenen, die auch heute noch bei DDL betrieben wird, sprengen mein Budget und meinen Zahlungswillen bei weitem. Um so erfreulicher, dass ich diese Flasche noch für den guten Preis von knapp 100€ beim örtlichen Spirituosendealer erwerben konnte, eine durchaus akzeptable Kirchensteuer für mich als Messdiener in der Schnapstheismus-Kirche. Der eine oder andere hätte die Flasche sicherlich als Wertanlage in den Keller gesperrt – da bin ich allerdings hart, die wahren Rumfreunde trinken ihre gute Ware und spekulieren nicht damit!

Bier am Freitag – Das Gute Mönchsambacher Lagerbier

Er ist Mitgründer der größten Kronkorken-Datenbank der Welt, ein toller, extrem fachkundiger Kollege und ein sehr netter Mensch – mein Freund Gunther hat das Vergnügen, nun in Rente zu gehen. Zum Abschied ließ er uns noch ein kleines Paket da, damit wir uns gut an ihn erinnern, und natürlich war Bier darin, von Bierfreund zu Bierfreund sozusagen das einzig vernünftige Geschenk. Ich hatte aus dem Nachlass schon das Brauerei Kaiser Ur-Trunk 1783 besprochen, hier folgt nun der zweite Streich: Das Gute Mönchsambacher Lagerbier aus der Privatbrauerei Zehendner im namensgebenden Ort Mönchsambach im oberfränkischen Landkreis Bamberg besteht seit 1808 und befindet sich seit 1938 in Familienbesitz. Für Selbstabholer (wie Gunther, der es dort abgeholt hat!) gibt es alle Sorten als Flaschenbier, sowie Lagerbier im Fass in den Größen 15, 20 und 30 Liter.

Das Gute Mönchsambacher Lagerbier

Im Glas ist das Bier naturtrüb, sehr hübsch opalisierend, ohne blickdicht zu werden. Ein mildes Ocker mit schöner weißer, gemischtblasiger Blume, die ausdauernd auf dem Bier steht. Vereinzelte Bläschen finden ihren einsamen Weg nach oben. Sehr hefig duftet es, hier riecht man, was das Auge schon wahrgenommen hat – die Naturtrübe kann man nur selten so ausgeprägt erschnuppern wie hier. Leichte Malzigkeit, frischer Bitterhopfen, eine fast schon fleischige Bratennote kommt dazu, die das Bier besonders macht.

Superflaumig im Mund, cremig und für ein Lagerbier richtig fett in der Textur. Trotzdem wirkt es klar und hell, mit einer verrückten Mischung aus Hefe, Hopfen und dieser ungewöhnlichen, umami-ähnlichen Fleischigkeit. Das klingt verrückt, aber mir fällt im Moment kein besserer Begriff dafür ein. Mit einer leichten Tendenz zur Säure wirkt das Bier frisch, die Karbonisierung kitzelt auf der Zunge. Ein erneut hefiger Abgang, deutlich, aber nicht kratzig bitter, edelherb und mit knackiger Kante klingt das Bier aus. 5,5% Alkoholgehalt sind gut eingebunden und wirksam eingesetzt.

Ein sehr interessantes Bier, erdig, bodenständig, charakterstark und ungewöhnlich. Das trinkt sich süffig, aber nicht zu leicht, und macht mir richtig viel Spaß. Danke, Gunther, dass Du uns ein paar Flaschen davon von Deinem Frankenausflug mitgebracht hast!

Ein Fang aus dem Meer des Alkohols – Daqi Fengxiang (Yishuban) (大器凤香酒)(艺术版)

Baijiu! Ich weiß, ich nerve meine Leser wahrscheinlich inzwischen mit meinen Vorstellungen der chinesischen Spirituose. Doch die Angelegenheit ist spannend für mich, und da es sonst kaum Quellen gibt, die darüber schreiben, sehe ich es als meine Pflicht an, auch hierzulande ein bisschen Wissen darüber zu verbreiten. Und natürlich ist das Thema bei weitem noch lange nicht ausgereizt: Vor kurzem hatte ich einen der kleineren Baijiu-Stile, das Sesam-Aroma, vorgestellt, und heute gibt es wieder etwas komplett neues vorzustellen: Das Phoenix-Aroma (凤香)! Die Herstellungsweise unterscheidet sich etwas von der der anderen Stile, sie ist geprägt von einer für Baijiu-Verhältnisse kurzen Fermentationszeit von 10 Tagen, und die Erdschichten, die die Gruben bedecken, in denen die Fermentation passiert, werden jedes Jahr ausgetauscht. Der Hauptunterschied liegt aber in der Reifung: statt der sonst üblichen Tonkrüge werden riesige, bis zu 10 Tonnen Destillat fassende, mit Leinen oder Hanfpapier ausgeschlagene Rattankörbe, die mit Wachs und Öl wasserdicht gemacht werden, eingesetzt. Man nennt sie passenderweise 酒海, salopp übersetzt „Schnapsmeer“.

Der Daqi Fengxiang (Yishuban) (大器凤香酒)(艺术版) von der Shaanxi Liulin Liquor Group (陕西柳林酒业集团) aus einem der kulturellen, geschichtlichen und auch geografischen Zentren Chinas, der Provinz Shaanxi, ist ein Beispiel für diesen Stil, der laut offizieller Beschreibung das beste aus Leichtaroma- und Starkaroma-Baijiu miteinander verbinden soll. Zum Namensbestandteil „yishuban“ sage ich am Schluss noch ein paar Worte – die Spannung auf diese auch für mich neue Baijiukategorie lässt mich die Einleitung jetzt einfach verkürzen, und direkt auf die Verkostung weiterleiten. Ab ins Glas mit diesem frischen Fang aus dem chinesischen Meer des Schnapses!

Daqi Fengxian (Yishuban) (大器凤香酒)(艺术版)

Im Glas wirkt die trotz 10 Jahre Reifung völlig transparente Flüssigkeit schwer und ölig, beim Schwenken bewegt sie sich gemächlich und unaufgeregt. An der Glaswand bildet sich ein vieladriger Ölfilm, der sich ebenso gemächlich nach unten auflöst.

Der Geruch erinnert zunächst an einen Starkaroma-Baijiu, allerdings ist hier noch mehr Zitrusfrucht vorhanden; im Gegensatz zum eben genannten ist die deutlich dominierende Ananas aber auch nicht am Verrotten, sondern erinnert eher an eine frisch aufgeschnittene, nur gerade so reife Frucht. Guaven, Zitronen, Pfirsich addieren sich zu einem sehr runden, sehr aromatischen, aber gar nicht so überestrigen Bouquet zusammen, wie man das von Baijius oft kennt – hier wirkt alles rund und fein. Eine schokoladig-nussige Note unterfüttert diesen Eindruck mit Volumen und Süße, nur ganz milde, sehr gut eingebundene Lacktöne sorgen dafür, dass die Süße und die Frucht nicht allein schalten und walten können. Ein wirklich sehr angenehmer Duft – einem Phoenix würdig!

Daqi Fengxiang (Yishuban) (大器凤香酒)(艺术版) Glas

Man bekommt richtig Lust, einen Schluck davon zu probieren. Im Mund wandelt sich der Daqi Fengxiang nach der initialen, limettenschaligen Säureattacke noch etwas, Süße und Frucht werden dunkler, nussiger, schokoladiger, ohne ihre leicht bittere Tropenfruchtbestandteile völlig aufzugeben. Gerösteter Sesam, Gartenkräuter und reife Ananas dominieren nun, etwas für Baijius sehr typisches Teer entsteht, eine schöne, volle Textur legt sich auf die Zunge, die Kombination kommt einem hocharomatisch, aber zugleich sehr leicht und elegant vor. Eine klare Salzigkeit bildet sich aus, zusammen mit einer sehr wirksamen, aber nicht übermäßig astringierenden Trockenheit und dem milden Feuer von hervorragend eingebetteten 55% Alkoholgehalt wirkt das sehr überzeugend und erfrischend, der ganze Mundraum kitzelt und fühlt sich richtig sauber und gut an.

Der Abgang ist lang, aromatisch und effektvoll kühl von Eukalyptus bestimmt, Rosmarin und Thymian klingen irgendwie mit, ganz am Ende kommt das pure Sorghum-Getreide noch etwas zum Vorschein und ringt mit Ananas und Pfirsich um die Gunst, die letzten Eindrücke bestimmen zu können. Oh, das ist ein richtig runder, toller Baijiu, der sich ohne Mühe weit vorne einreihen kann in meine Liste der Lieblingsbaijius.

Sowas lässt sich leicht in einem Cocktailrezept unterbringen, etwas, was man nun wirklich nicht von allen Baijius sagen kann. Diese Fruchtigkeit und Unaufdringlichkeit wirkt perfekt in einem Drink, den ich aus einem Originalrezept, das eigentlich gereiften Cachaça als Hauptspirituose nutzt, abgeleitet habe – der Chinese Spell II ist wirklich höchst trinkbar und ein wunderbarer Überzeuger für die, die sonst mit Baijiu so überhaupt nichts anfangen können.

Chinese Spell II Cocktail

Chinese Spell II
1½oz / 45ml Phoenix-Aroma-Baijiu
2oz / 60ml Saft aus grünen Trauben
1oz / 30ml Ananassaft
¾oz / 22ml Zitronensaft
½oz / 15ml Zuckersirup
Auf Eis bauen, swizzeln und mit Crushed Ice toppen.

[Rezept adaptiert nach Kevin Beary’s „Polynesian Spell II“]


Die Flasche muss natürlich besprochen werden – es handelt sich dabei um eine „Kunstedition“, was der Namenszusatz „Yishuban“ (艺术版) andeutet. Baijiu-Flaschen sind sehr oft sehr üppig designed, da wird gern geprotzt; hochwertiger Baijiu ist in China auch heute noch ein Prestigeobjekt, und da muss die Verpackung natürlich mit dem Inhalt mindestens mithalten können, wenn Gäste beeindruckt werden sollen. Hier gelingt das ganz enorm: Die Literflasche ist mattiert und bedruckt mit goldenen Symbolen und Text. Dazu der riesige Echtholzstöpsel (darunter verbirgt sich leider der für China übliche Plastiknachfüllstop). Im Gegensatz zu vielen auf den ersten Blick zwar hübsch aussehenden Baijiuflaschen, die sich bei genauerem Hinsehen als billiges Plastik und schlecht verarbeitete Keramik herausstellen, hält diese Flasche auch einer zweiten Inspektion stand und ist damit ein echter Blickfang für jede Heimbar.

Xu Liaoyuan (许燎源), ein in China bekannter und erfolgreicher Designer, ist für das Gesamtkonzept verantwortlich und hat ganze Arbeit geleistet – es nimmt klassische chinesische Motive auf und verbindet sie mit einem modernen Anstrich, ohne zu experimentell zu werden. Der Hersteller spricht von Sammlerwert und erwarteter Wertsteigerung; ich kann mir vorstellen, dass das zutrifft – der Ausgabepreis ist mit knapp 5000 Yuan (aktuell 700€!) zumindest schonmal dazu geeignet, nur potente Käufer, die sich auch das Sammeln leisten können, anzusprechen. Nicht, dass ich diese Art von Spekulation mit Spirituosen unterstützen will, sie macht es, durch die Preisspirale, die dabei entsteht, echt am Destillat Interessierten immer schwerer, an verknappte Produkte überhaupt heranzukommen. Aber wir sehen das zur Zeit ja in allen Spirituosenkategorien.

Ich weiß, dass es für meine Leser in Deutschland praktisch unmöglich sein wird, in den Genuss dieses Baijius zu kommen – dennoch halte ich es für wertvoll, darüber zu schreiben, einfach, weil es wirklich guter Stoff ist, mit einer sehr ungewöhnlichen Herstellungsweise, die für uns im Westen völlig fremd und unerwartet ist – es zeigt, dass man auch in der Schnapswelt immer wieder etwas neues findet, das man vorher nie gesehen oder auch nur vermutet hätte; Reifung in Weidenkörben? Verrückt, oder? Vielleicht kommt der Tag, an dem man auch hierzulande diese Art hochwertigen Baijius leichter erwerben kann. Ich bin mir sicher, dass er auch seine deutschen Freunde finden würde.

Bier am Freitag – Sierra Nevada Porter

Ach, wie erinnere ich mich noch an meine Bierpionier-Zeit, als ich begann, die einzelnen Sorten dieses neuartigen „Craftbiers“ für mich zu entdecken. Damals musste ich Läden absuchen, um etwas zu finden, und jeder einzelne Fund war etwas Besonderes. Heute komme ich gar nicht mehr hinterher, all die Sorten, die sogar in normalen Getränkemärkten verfügbar sind, zu probieren, geschweige denn, hier Artikel darüber zu schreiben. Eine der Marken, die mich von Anfang an begleitet hat, ist Sierra Nevada, ich glaube sogar, das erste Pale Ale, das ich je getrunken habe, war von dieser amerikanischen Brauerei. Entsprechend nostalgisch bin ich, wenn ich mir ein Glas des Sierra Nevada Porter eingieße.

Sierra Nevada Porter

Optik: Sehr dunkles Braun, beinahe Schwarz; blickdicht, man kann nur bei Gegenlicht Lichtreflexe durchscheinen sehen. Darauf liegt ein leicht beiger Schaum, ein dünnes Krönchen, aus sehr gemischtgroßen Bläschen.

Geruch: Sehr fruchtig, Ananas, Pfirsich, Mango; danach kommt dann aber direkt dunkles Malz, Würze, und ein Anflug von Röstaromen. Kaffee und dunkler Kakao. Eine komplexe Nase mit Eindrücken aus vielen Richtungen. Gefällt mir sehr!

Geschmack: Der Körper ist vergleichsweise leicht, mit ordentlicher Bittere und Herbe, die sich im Verlauf noch steigert. Die Frucht ringt auch hier mit den malzigen Röstaromen, wobei „ringen“ eigentlich das falsche Wort ist, denn hier ist alles rund eingebunden und spielt eher miteinander. 5,6% Alkoholgehalt spürt man kaum, eine zitronige Frische dagegen schon, die das Gesamtbild deutlich aufhellt und so gar nicht zur optischen Schwärze passt. Die besonders im späteren Verlauf sehr kräftigen Kaffeetöne und eine milde Salzigkeit dagegen schon. Der Abgang ist kurz, knackig, erkennbar bittersüß und weiterhin frisch.

Ein schönes Porter, stiltypisch und dennoch charaktervoll. Sierra Nevada hat mich noch nie enttäuscht, bei keinem der vielen Stile, die sie anbieten – das Porter ist für mich sogar vielleicht eines der schönsten Biere, das die kalifornische Brauerei herstellt. Zugreifen!

Zwei Lebenselixiere vereint – Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum

Kaffee gehört für mich zum Leben wie Wasser. Aktuell probiere ich mich durch verschiedene Sorten, verschiedene Bohnen, aus verschiedenen Ländern – von Jamaica über Kenia bis Peru. Die Unterschiede sind erstaunlich und nicht nur Nuancen, wie so oft entdecke ich, dass ich eigentlich kaum etwas über Kaffee weiß, obwohl ich soviel davon trinke. Im Moment habe ich einen 100%-Robusta-Kaffee aus Tansania, geröstet in einer kleinen Manufaktur hier im Saarland, zu meinem Favoriten erkoren – ich mag die schokoladige Seite und den vollen, runden Körper dieser völlig zu Unrecht immer noch etwas weniger geschätzten Bohne, die im Schatten der großen Arabica langsam aber sicher zu einer echten Alternative heranwächst.

Kaffee ist neben dem Haupteinsatzgebiet als morgendliches und nachmittagliches Lebenselixier auch eine interessante Zutat in aromatisierten Spirituosen. Dabei reicht die Spannbreite von schwersüßen, cappuccinoartigen Likören bis zu eher feinen, eleganten Mazerationen. Der Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum gehört eher in die zweite Kategorie, soviel vorab. Was nur dem aufmerksamen Etikettenleser auffällt ist, dass das der Basisrum für diese Spirituose dabei aber nicht rein aus El Salvador stammt – rund ein Drittel des Destillats kommt aus Jamaica, hauptsächlich aus den Pot Stills von Worthy Park, ein Teil davon wiederum ist auch dort gereift. Der Großteil ist aber salvadorianisch, hauseigenes Zuckerrohr wird dafür bei Licorera Cihuatán verarbeitet, die dabei entstehende Melasse wird mit Zuchthefen 36 Stunden fermentiert. Nach der Säulendestillation reift das Destillat dann in Ex-Bourbon-Fässern; für diesen Rum sind es 6 Jahre. Auch die für die dann folgende Mazeration verwandten Kaffeebohnen der Varietät Bourbon haben teilweisen Migrationshintergrund, sie kommen ursprünglich aus El Salvador, werden aber in den USA bei Jag’s Head Coffee geröstet – da möchte ich dann aber schon die Frage stellen, warum so ein klimafußabdrucksteigendernder Abstecher sein muss. 2 Tage mazerieren diese Bohnen im Ganzen in dem oben beschriebenen Blend. Es wird weder kaltfiltriert noch gesüßt (laut eigener Aussage des Herstellers, wegen des Kaffeezusatzes bringt eine Messung mit dem Aräometer, die ich sonst machen würde, nichts). Ich als Vielkaffeetrinker und Rumgenießer bin sehr gespannt auf das Ergebnis!

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum

Optisch bietet der aromatisierte Rum ein klassisches Bernstein, sehr angenehm, dass man darauf verzichtet hat, den Rum zu sehr mit Farbstoffen einem Kaffee anzugleichen, was manche andere Hersteller solcher Produkte tun. Eine hübsche Viskosität lässt das Schwenken ansprechend werden, ein Dutzend dicke Beine entstehen dabei an der Glaswand.

Die Nase ist klar zweigeteilt: Beide Komponenten bekommen gleichermaßen ihre Leinwand, Rum und Kaffee. Ein sehr natürlicher Kaffeeduft, noch ungemahlene, kräftige Arabica-Bohnen, mit der Säure und Bittere, die sie oft mitbringen, kombiniert sich geschickt mit den leicht esterigen, marzipansüßen und ledrig-herben Aromen des Mischrums. Etwas Kohle, etwas Tabak, milde Holztöne, und darunter dunkle Noten von Studentenfutter, leicht nussig, leicht trockenfruchtig. Gedörrte Aprikosen, Rosinen, Honig, und sogar ein minimalster Anflug von Rauch – man sieht, das ist ein sehr komplexes Geruchsbild, bei dem viele Aspekte sehr rund ineinander greifen. Aromatisierte Spirituosen sind oft oberflächlich und eindimensional – der Ron Colón ist vielschichtig und spannend, und vor allem: natürlich, nie künstlich. Wirklich toll gemacht, soweit.

Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum Glas

Dass der Rum nicht gesüßt wird, glaube ich sofort nach dem ersten Schluck. Da ist eine Grundsüße da, die aber nicht pappig wird, und einem mittelamerikanischen Rum angemessen typisch ist. Zusammen mit der leicht öligen Textur entsteht dadurch ein sehr angenehmes Mundgefühl, das durch im Verlauf aufkommende Würze, Trockenheit und Bittere spannend bleibt. Zunächst sind die Trockenfrucht-Aromen im Vordergrund, gedörrte Aprikosen, Rosinen und eine milde Nussigkeit, würziger Waldhonig, mit typischen marzipanig-ledrigen Rumnoten, die Worthy Park so konsequent gut kann. Die Rumbasis ist für mich wirklich gut komponiert, man schmeckt Jamaica, aber man spürt auch, dass da noch anderer Rum dabei ist. Später taucht dann auch der Kaffee etwas auf, mild, immer eher eine Randnote bleibend, nie den Rum überwältigend, aber effektiv und ab dann auch beständig dableibend.

Im Abgang ist der Kaffee dann am deutlichsten erkennbar, eine dunkle Röstung, klar eher Espresso als Milchkaffee, vielleicht sogar ungesüßter Mokka. Das Mundgefühl bleibt warm und lässt Wärme- und Kribbeleffekte auf Zunge, Gaumen und Backeninnenseiten zu, die lange anhalten – 55,5% Alkoholgehalt sind perfekt gewählt und nie störend dabei. Alle Aromen, die Nase und Zunge zuvor identifiziert hatten, blinken hier nochmals auf, ineinander verwoben, nicht mehr klar abgrenzbar, ein echt wunderbares, komplexes und dabei extrem rundes Gesamtbild erzeugend, zu dem noch eine starke Jasminblüte kommt, die das ganze, sehr lang anhaltende Erlebnis krönt, ideal ausbalanciert zwischen natürlicher Süße und Trockenheit ohne Astringenz. Mich überzeugt der Ron Colón Salvadoreño auf ganzer Linie, in jedem Aspekt: sicherlich eine der Entdeckungen dieses Winters, insbesondere, weil sie so unerwartet kommt – von aromatisierten Spirituosen erwarte ich soetwas normalerweise nicht.

„Winter“ ist dann auch noch das Thema und der Name des Cocktails, den ich für diesen Rum ausgesucht habe. Wenn der Artikel erscheint, ist gefühlt teilweise schon Frühling allerortens, doch das soll meine Leser nicht davon abhalten, den Winter auszuprobieren. Setzt man statt eines generischen Jamaica-Rums dann noch diesen Kaffeerum ein, verdoppelt sich gefühlt die Aromatik des Drinks – und man kann ihn eigentlich auch im Frühling trinken. Oder im Sommer.

Winter Cocktail

Winter
2 oz gereifter Jamaica-Rum
¾ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Teelöffel Allspice Pimento Dram
1 Teelöffel Ingwerlikör
2 Spitzer pH Winter Bitters
Auf Eis shaken und mit kandierter Frucht garnieren.

[Rezept adaptiert nach A.S. Crockett]


Die Grünglasweinflasche, in der der Rum kommt, ist unauffällig, das schräg aufgeklebte, aber gerade beschriftete Etikett im Banknotenstil gefällt mir, könnte aber durchaus noch ein paar der Informationen, die ich anfangs gelistet habe, mitliefern – der Wunsch vieler Kunden nach Transparenz ist noch nicht zu 100% angekommen in El Salvador, da müssen sie noch etwas nachlegen, insbesondere bei einem derart hochwertigen Produkt, das eher auf die Kenner als die Gelegenheitstrinker abzielt. Dennoch spreche ich meine klare Kaufempfehlung auch für letztere aus, die auf der Suche nach ungewöhnlichen aber dennoch sehr trinkbaren, nach hochwertigen aber nicht überteuerten Rums sind – denn das Preisleistungsverhältnis ist meiner Meinung nach beim Ron Colón Salvadoreño Coffee Infused High Proof Rum ganz hervorragend, fast schon absurd gut, man bekommt hier wirklich was für sein Geld, und das ist bei Rum gar nicht selbstverständlich. Ich werde jedenfalls eine zweite Flasche kaufen, sobald die erste leer ist, und das wird nicht allzulange dauern.

Bindestrichgeschichten – Grape of the Art #2 Domaine Séailles 2000

Bas-Armagnac oder Bas Armagnac? Haut-Armagnac oder Haut Armagnac? Armagnac-Ténarèze oder Armagnac Ténarèze? Ich musste es erst recherchieren und bei muttersprachlichen französischen Experten nachfragen, ob man die Regionen, in denen der französische Weinbrand hergestellt werden darf, nun mit oder ohne Bindestrich schreibt, denn auf Etiketten und im Internet finden sich beide Varianten. Selbst im französischen Gesetz tauchen in unterschiedlichen Abschnitten verrückterweise auch beide Schreibweisen auf, nur Armagnac-Ténarèze wird zumindest dort immer mit Hyphen erwähnt. Hersteller aus der Region sagten mir, man schreibe es ohne, aber auf ihren eigenen Etiketten ist der Bindestrich dann teilweise wieder da – man sieht, da gibt es offensichtlich keine klare Regel. Der Auslöser für diese etwas nerdige Mühe war das Sample des Grape of the Art #2 Domaine Séailles 2000, das ich neulich erhalten habe. Dieser Armagnac stammt aus der definitiv verbindestrichten Region Armagnac-Ténarèze, wird dort rein aus der Rebsorte Ugni Blanc hergestellt und reifte 20 Jahre in Eichenfässern, bevor er mit 54% in Fassstärke in limitierter Auflage in 195 Flaschen abgefüllt wurde.

Grape of the Art #2 Domaine Séailles 2000

20 Jahre in Eiche haben ihre Spuren hinterlassen, der Armagnac wirkt optisch erdig, gebrannte rote Erde, geht schon fast ins Haselnussbraune über, wären da nicht die hellen, sonnenblumengelben Lichtreflexe. Viskosität ist beim Schwenken erkennbar und zeigt sich auch im Film, der sich an die Glaswand schmiegt, bevor er in regelmäßig verteilten, dicken Tropfen abläuft.

Ich habe so meine Erfahrungen mit derartigen Spirituosen, darum lasse ich dem Armagnac direkt mal ein paar Minuten Zeit, sich im Glas zu akklimatisieren, bevor ich daran schnuppere. Ich finde dann eine aparte Mischung aus Mandeln, Haselnüssen und getrocknetem Obst, Klebstoff und Holz. Das Trockenobst ist gar nicht so dunkel wie in Studentenfutter, es sind mehr helle, saftige Rosinen, gedörrte Aprikosen und halbtrockene Apfelscheiben. Der Lack hellt alles natürlich noch etwas weiter auf, während die Holztöne mit Vanille, Honig und gebrannten Mandeln Süße und Volumen mitbringen. Sehr angenehm zu schnuppern, man muss aber diese Lacknoten mögen, oder über sie hinwegkommen.

Im Mund ist dann erstmal kaum mehr Süße da, die dicke Textur und etwas Buttrigkeit könnte man im allerersten Moment damit fast verwechseln. Säure und Bittere dominieren zunächst, eine überraschende, frische Helligkeit passt zu den Eindrücken, die die Nase bei den Früchten gesammelt hatte. Im Verlauf kommt sehr kräftige Würze auf, das sich mentholisch kalt auf Zunge und Gaumen legt. Dann kommen die süßwürzigen Komponenten wieder hervor, getrocknete Aprikosen, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln und buttriger Nougat kombinieren sich mit leicht salzigen Eindrücken. Später wird der Brand leicht grünholzig und heuig, hier wirkt er dann doch etwas unrund und kratzig mit einem Anflug von Schwefel. Mit allerdings ab hier kräftiger Bittere und leicht astringierender Trockenheit klingt der Domaine Séailles 2000 vergleichsweise schnell aus, Floralität aus Jasmin- und Kornblumenblüten hängt im dezent anästhesierten Mundraum nach.

Ein schöner, hellklingender, frischfruchtiger Armagnac, der sich überhaupt nicht von seiner Zeit im Holz hat beeindrucken lassen und immer noch voll das Basismaterial durchscheinen lässt. Man muss nicht immer die Perfektion suchen, Ecken und Kanten gehören einfach manchmal dazu.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.

Schnapsglobalisierung – Selva Negra Agavenspirituose

Agave als Basismaterial für Spirituosen, das ist längst kein mexikanisches Alleinstellungskriterium mehr. Auch wenn mit Tequila und Mezcal (und seinen mehr oder weniger rein durch Gesetzgebung unterschiedenen Verwandten wie Raicilla) immer noch die bekanntesten Vertreter aus Mexiko kommen, so haben andere Länder doch auch aride Landschaften, in denen sich Agaven verschiedener Sorten wohlfühlen und gedeihen. Und es gibt findige Brenner dort, die das Potenzial erkannt haben, diese Pflanze zu nutzen. Südafrika war für mich der erste Kontakt mit Agavenbrand außerhalb Mexikos; Australien ist dabei, sich dieser kleinen Gruppe von Ländern ebenso anzuschließen.

Und da kommt nun plötzlich Selva Negra daher – in Deutschland gebrannt, genauer gesagt am Kaiserstuhl im Schwarzwald, letzterer diente entsprechend als Inspiration für den Markennamen. Natürlich bekommt man im Schwarzwald keine Agaven in nennenswerter Menge zum wachsen, der Klimawandel kann zwar viel, aber um Süddeutschland zur sonnendurchfluteten Wüste zu machen, in der Agaven wild wuchern, wird sogar er noch eine Weile brauchen (auch wenn es, wenn wir so weitermachen, tatsächlich nur eine Frage der Zeit ist). Nein, ein aus Mexiko importierter, naturbelassener Extrakt aus agave salmiana ist es, der hierzulande von Florian Faude mit Weinhefen für 3 bis 4 Wochen fermentiert und dann doppelt destilliert wird. Eine spätere Aromatisierung mit Rauch und Fichtenaromen erfolgt, um den Schwarzwald thematisch und sensorisch miteinzubinden. Die Angabe „100% Agave“ ist darum inhaltlich bezüglich der Inhaltsstoffe korrekt, aber wie sieht es mit dem Geschmack eines deutschen Agavenbrands aus? Ich habe sehr gute Erfahrungen mit in Deutschland hergestelltem Rum gemacht, wo die Melasse ja auch importiert werden muss. Kann Selva Negra dieses Modell wiederholen?

Selva Negra Agavenspirituose

Optisch ist die Flüssigkeit erstmal nicht von einem Tequila Blanco (oder jeder anderen ungereiften, klaren Spirituose) unterscheidbar. Ordentlich schwer schwappt sie im Glas, legt sich beim Drehen samtig an die Glaswand, bildet dort einen Film, der sich aus einem dicken Band zu einzelnen Beinen zusammenfindet und von dort dann herunterläuft.

Die Nase wirkt sehr frisch, mit klaren Eindrücken von grünen Fichtennadeltrieben, Zedernzapfen, sehr viel Harz und Limettenschale. Erst dahinter kommt gekochtes Agavenfleisch, es ist aber eindeutig identifizierbar. Der Plastikklebstoff in der blauen Tube, mit dem man Modelle baut, ist als Assoziation vorhanden, und eine Erinnerung an einen mit Zedernzapfen aromatisierten Wodka, den ich neulich gekauft hatte, natürlich ist Selva Negra da im direkten Vergleich noch deutlich spannender. Im Gesamtgeruchsbild durchaus komplex, mit vielen Eindrücken, die sich vielschichtig zusammenfügen, und sich von einem Tequila oder Mezcal klar emanzipieren.

Selva Negra Agavenspirituose Glas

Im Mund drehen sich die Aromarollen dann um – zunächst ist die Agave sehr viel präsenter, und erst danach folgen die harzigen Zedern- und Fichtenkomponenten, sie bleiben aber alle erhalten und klar definiert. Eine schwere Süße ist vom Antrunk an da, zusammen mit der fetten, sehr öligen Textur entsteht ein dichtes, rundes Mundgefühl. Im Verlauf bildet sich daraus deutliches Feuer, weißpfeffrige und fast schon chilischarfe Hitze heizt den ganzen Mundraum auf, und das steigert sich immer weiter. Leichte Fruchtnoten, Aprikosen und Kirschen, haben ein kurzes Gastspiel, der Abgang ist dann wieder von Fichtennadeltrieben und leicht holzigem Harz dominiert, und von der sehr aktiven Schärfe, die die gut gewählten 46% Alkoholgehalt spüren lässt und die erst spät im Abgang langsam abklingt, während man sie im Rachen bis in den Magen lange nachverfolgen kann. Im Nachhall klingt die Agave deutlich nach, die Süße belegt weiterhin den Gaumen, während die Zungenspitze prickelt und fast schon Mastiha-ähnliche Eindrücke die Spirituose dann langsam zum Ende kommen lassen.

Es ist deutlich, dass wir hier eine eigenständige Agavenspirituose vor uns haben, die an keiner Stelle versucht, sich als Tequila oder Mezcal auszugeben (der Etikettenspruch „inspired by the Mexican Classic“ zeigt auch, dass abseits der Inspiration etwas eigenes zu erfinden versucht wurde) – hochinteressant, was Sebastian Dresel, Laurin Lehmann und Florian Faude sich da haben einfallen lassen. Ich mag Tequila, ich mag Mastiha, und Selva Negra ist eine gelungene aromatische Kombination aus beiden, ohne sich an eine der beiden übermäßig anzubiedern.

Was macht man daraus in der Mixologie? Ein bisschen ist Selva Negra ein Grenzgänger, doch sie funktioniert in vielen Tequila-basierten Rezepten natürlich wunderbar. Im Caminante kombiniert sich die kräuterig-harzige Art sehr gut mit Minze, Jalapeño und Mandel, finde ich – ein Drink, bei dem man aufs Beste über die Globalisierung von Spirituosenkategorien, ihre Neuinterpretation und das Auflösen von klaren Grenzen sinnieren lässt.

Caminante Cocktail

Caminante
2oz / 60ml Tequila blanco (mit Jalapeño aromatisiert)
¾oz / 25ml Orgeat
¾oz / 25ml Zitronensaft
1 Teelöffel klarer Minzlikör
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Justin Lane Briggs]


Selva Negra kommt in einer Halbliterflasche mit Echtkorken und einem aufwändig gestalteten Etikett, das die Mischherkunft aus Mexiko und Schwarzwald herrlich präsentiert. Dazu die üppig gestaltete, hochwertige Blechdose, da bleiben vom Design her keine Wünsche offen. Etwas mehr Herstellungsdetails auf den Etiketten würde ich mir als Transparenzfreund wünschen, gerade, weil es doch ungewohnt ist, in Deutschland Agaven zu brennen – positiv ist natürlich die schnelle und offene Antwort des Herstellersteams auf Fragen, wenn das noch auf der Flasche zumindest teilweise direkt für den Konsumenten nachlesbar wäre, wäre das optimal.

Ähnlich Mühe hat man sich sogar bei der Kartonbox, in der die Dose geliefert wurde, gemacht, sie ist mit schwarzen floralen Mustern versehen, und zwei Flaschen Limonade (Thomas Henry Pink Grapefruit) finden sich daneben im Lieferumfang, zusammen mit einem Rezept für eine Paloma. So kann man auch ohne Heimbar sich direkt ein paar hübsche, typische mexikanisch-schwarzwälderische Drinks zusammenrühren, nur Eis und eine Limette braucht man zusätzlich.

In toto ein tolles Gesamtpaket: Sowohl für den Spirituosenfreund, der eine eigenständige Neuinterpretation von Agavenbrand sicherlich hochinteressant findet, als auch als Geburtstagsgeschenk für den Anfänger, der dank der optischen Gestaltung und der mitgelieferten Limonade ohne Hemmschwelle loslegen kann. Beiden Zielgruppen lege ich Selva Negra nahe!

Offenlegung: Ich danke der Selva Negra Spirits GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Box.

Bier am Freitag – Paix Dieu Triple

Man weiß als regelmäßiger Leser meines Blogs ja inzwischen, dass ich nicht so viel von blumigen Stories halte, die viele Spirituosen- und Bierhersteller für ihre Produkte erfinden. Beim Paix Dieu Triple geht mir darum schon wieder das Messer im Sack auf, wenn ich lese, dass die Brasserie Caulier ihr Bier „bei Vollmond gebraut“ hat. Das ist zwar keine erfundene Geschichte, aber auch so ein esoterisches Gimmick, das bei mir höchstens müdes Lächeln erzeugt – vor allem, weil sonst kaum handfestere Information auf der 750ml-Braunglasflasche mit Sektkorken und Drahtkorb zu finden ist, obwohl hier wirklich genug Platz dafür wäre. Nun, solange das flaschengegärte zisterziensische Abteibier geschmacklich überzeugen kann, will ich darüber hinwegsehen und statt dessen lieber die Erinnerung hervorholen, wie ich dieses Bier zum ersten Mal probiert hatte – der peruanische Piscokönig Johnny Schuler, neben dem ich in einer Kneipe in Brüssel saß, hatte mich darauf eingeladen, und das ist natürlich ein wunderbares Erlebnis gewesen, bei einem Bier mit Johnny über die Herausforderungen des Brennens der extrem hochregulierten peruanischen Nationalspirituose zu diskutieren. Nun aber zum Bier!

Paix Dieu Tripel

Opalisierend, golden, eidottergelb – im eigenen Herstellerglas aus der Sektflasche eingegossen muss man darauf achten, nicht die niedrigere Kante zu überfüllen. Der Schaum ist zunächst fingerbreit, geht aber schnell auf eine dünne, sehr feinblasige Creme zurück. Bei Gegenlicht sieht man das Mousseux – ein optisch sehr ansprechendes Bier!

Die Nase erinnert mich zunächst an Erdbeermarmelade, leichte Anflüge von süßer, fruchtiger Mango, darunter eine milde Hopfenfrische kombiniert mit ebenso fruchtiger Säure, ein bisschen wie ein Prosecco vielleicht. Da hat man direkt alles! Das Malz kommt zum Schluss auch noch zum Vorschein, doch die Fruchtigkeit dominiert, ohne dabei in Extreme abzugleiten, hier ist alles gut ineinander verwoben und integriert.

Eine nahezu ideale Textur erwartet einen dann im Mund, das ist nicht klebrig-fett, aber auch nicht wässrig-dünn, man hat genau ein wunderbares Maß gefunden, um den Gaumen einerseits auszukleiden, dabei aber nicht zu überwältigen und zu sehr zu beschäftigen mit dem Abbau der Bierschicht. Ebenso schön ist die Balance zwischen der die Nase noch beherrschenden Süße und einer nun eher bestimmenden rezenten, frischen Säure – beides spielt toll miteinander. Die Aromen, die die Nase erschnuppert hatte, finden sich auch auf der Zunge wieder, schöne, milde, runde Frucht, fast schon ins Kaugummiartige gehend, leichte Hopfenbittere und -aromen, ein Anflug von ganz unerwarteter Holzigkeit gegen Ende. Der Abgang ist kurz, frisch, feinherb und mildtrocken, mit blütigen Eindrücken von Jasmin, ein minimales Kribbeln bleibt auf Zunge und Gaumen, vielleicht den üppigen 10% Alkoholgehalt geschuldet, ohne je störend zu werden.

Ein wirklich wunderbares Bier, rund in jedem Aspekt, handwerklich perfekt gemacht und ausbalanciert. Ein Belgier zum Verlieben, egal ob bei Voll- oder Neumond gebraut!

Paix Dieu Tripel kleine Flasche

Nachtrag 30.01.2023: Ich habe von meinem geschätzten Freund Dimi aus Belgien nun auch eine kleine Bügelflasche dieses Biers bekommen. Inhaltlich natürlich gleich, aber hübsch gemacht, und darum dachte ich, das ergänzt den Artikel um ein kleines Detail.