Hochwertiger Whisky ist seit geraumer Zeit kaum mehr zu bezahlen für den Spirituosenfreund mit nicht zu dickem Geldbeutel, Rum ist gerade dabei, sich völlig identisch preisstrukturell zu entwickeln. Da lohnt sich der Blick auf die Kategorien, die der Flascheninvestor und der Bottleflipper noch nicht ganz für sich vereinnahmt haben – wie Armagnac, wo man heute zu noch sehr vernünftig gebliebenem Geld sehr schöne Produkte kaufen kann. Auf diese leisen, aber extrem charakterstarken Brände werden auch unabhängige Abfüller aufmerksam, und so haben sich ein paar Whisky- und Rumfreunde zusammengetan, die Firma „Grape of the Art“ gegründet, und versorgen uns nun mit Weinbrand aus ausgewählten Fässern, unverdünnt und unverändert abgefüllt.
Die erste Hausflasche, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Händler L’Encantada, ist Grape of the Art #1 Le Frêche 2007, ein 13 Jahre gereifter Armagnac der geheimnisvollen Domaine Le Frêche im Bas-Armagnac (man lese diesen spannenden Artikel darüber, wo die Anbaufläche dafür liegt, und was man alles wissen muss, um sie überhaupt zu finden). Gebrannt wurde natürlich auf den für Armagnac so typischen Stills, als Rebsorte liegt hier wohl Baco, eine sehr beliebte Traube bei den Brennern im Gebiet, vor. 150 Flaschen davon gab es, inzwischen ausverkauft natürlich, ich freue mich, ein Sample ergattert zu haben, so dass ich meinen Lesern heute etwas zu zeigen habe!
Mit einer sehr kräftigen Farbe steht die Flüssigkeit im Glas, ein rotbrauner, erdiger Ton, Pariser Rot, fast schon gebrannte Siena. Bringt man sie in Bewegung, bildet sich zunächst ein fetter Film am Glas, der langsam in dicken Beinen davonläuft und dabei teilweise der Schwerkraft trotzend schräg seine Richtung beibehält, die er durch das Drehen des Glases bekam.Nach einem ersten Geruchstest ist klar, dass das eine Spirituose ist, die etwas Zeit zum Atmen braucht. Zunächst ist die Klebstoffnote überwältigend – und auch wenn ich das bei vielen Spirituosengattungen mag, hier ist schon etwas arg viel davon zu Beginn. Also, eine viertel Stunde vorgespult, nun durfte der La Frêche etwas durchschnaufen.
Er zeigt sich tatsächlich von einer anderen Seite, es ist immer noch Lösungsmittel da, wird aber nur eingebettet in ein dunkles, aromatisches Bukett aus getrockneten Äpfeln, Rosinen und im Streuselkuchen gebackenen Birnen und reifen Pfirsichen. Vanille, Schokolade und sogar Seiteneindrücke von würzigem Kaffee sind da, und gehen mit den Früchten in eine blumige Pfingstrosenkomponente über, Komplexität wird durch eine Idee von Schwefel und buttrigem Rancio aufrechterhalten. Ein vielschichtiger, klar durch Fassreifung dominierter, dabei aber immer noch sehr fruchtig gebliebener Brand!
Im Mund zeigt sich die schöne Struktur, die man optisch am Glas schon gesehen hatte, auch im Mund, mit schöner Viskosität und Textur, man kann nachverfolgen, wie sich der Le Frêche am Gaumen verteilt, und später den Rachen hinunterläuft. Natürliche Süße ist initial da, wird aber schnell durch heißblütige Trockenheit abgelöst, pikante Würze und die dunkle Aromatik getrockneten Obsts lassen aber auch nichts davon vermissen – 57% Alkoholgehalt passen sehr gut dazu, man spürt sie, aber in einer wertschätzenden Art und Weise. Rund, voll und breit, ein wahres Volumenmonster, das ausfüllt, dabei aber nicht eindimensional überwältigend wird, das deutliche, langanhaltende Kribbeln und die feine Salzigkeit helfen beim Übergang zum jasminlastigen, immer weiter glühend bleibenden, langen Abgang.
Ein Brand für den Genießer, ohne Frage, mit sehr viel Wucht und Charakter, aber ohne die Ecken und Kanten, die man bei so einer Persönlichkeit vielleicht miterwarten und sogar -ertragen würde; hier passt alles toll zusammen und sorgt dafür, dass man an einem Glas den halben Abend verbringen kann, ohne dass es je langweilig wird. Es ist umso angenehmer, dass man im Armagnac noch solche Dinge erleben kann, ohne die Monatsmiete der Wohnung auf den Tisch legen zu müssen!
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.
Ich leite meine Artikel hier oft mit Erklärungen ein, wie eine Spirituose hergestellt wird. Das ist für viele Produkte immer noch relevant und wichtig, denn kaum ein Hersteller glaubt, dass es sich lohnt, Informationen preiszugeben. Hin und wieder gibt es in diesen Social-Media-Zeiten jedoch Ausnahmen. Ich könnte daher viel über den Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum reden, aber lassen wir einfach die seltene Gelegenheit zu, dass der Erfinder der Spirituose selbst kommentiert, wie sie gemacht wird – eine tolle Sache, in dieser Art würde ich gern mehr sehen. Hier also die Herren Alexandre Gabriel & David Wondrich.
Definitiv eine aufwändig hergestellte Spirituose also, mit zweierlei Mazerierung, Redistillation und Blending. Ich persönlich bin sowohl ein Rum-, als auch ein Ananasfreund – allerdings habe ich mit einem ähnlichen Produkt, dem Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink, nicht übermäßig gute Erfahrungen gemacht. Schauen wir mal, wie sich der Stiggin’s Fancy im Vergleich dazu schlägt.
Die Basis ist der Plantation Original Dark Rum, entsprechend ist auch die Farbe – zwar nicht schwarz, wie manche Dark Rums (zu deren Farbe sage ich lieber mal nichts), aber doch ein kräftiges Hennarot. Im Glas schwappt Stiggins‘ Fancy schwer und langsam, er wirkt ölig, was sich auch in den Artefakten am Glasrand zeigt.
Die Nase begeistert mich als Ananasliebhaber direkt – da verströmt sich direkt nach dem Öffnen der Flasche ein Geruch, der starke Rumaromen mit deutlichen Ananasaromen verbindet, ein Traum. Die Ananas ist prägnant, ohne verrottet zu wirken, sie wird unterstützt durch Marzipan, Zimt, schwarzen Tee und etwas Minze. Eine minimalste Lacknote gibt Komplexität. Ich liebe dieses Geruchsbild in seiner Gesamtheit, es ist wirklich toll.
Das Mundgefühl ist weich und leicht ölig, im Antrunk noch süß und hier dominieren die Rumaromen. Im Verlauf wird der Stiggins‘ Fancy immer würziger und feuriger, und die Frucht arbeitet sich Stück für Stück nach vorn, bis sie kurz vor dem Abgang den Gaumen beherrscht. Schokoladig, buttrig, leicht seifig – jedoch nie wirkt dieser aromatisierte Rum künstlich oder pappig, das ist definitiv kein Likör, auch wenn zumindest Fruchtzucker (natürlich durch die Herstellung bedingt) mit drin ist. Leichte Holzaromen aus dem Basisrum, etwas grüne Banane, leichte Zitrusnoten – man findet im Verlauf immer etwas neues. Dabei ist der Rum leicht und würzig, mit einer gewissen Salzigkeit und Säure, die die initiale Süße gut ausgleichen.
Der Abgang ist eher kurz, warm, und hinterlässt auf der Zunge etwas Kribbeln und Betäubungseffekte. Ananas klingt noch eine ganze Weile nach.
Eine wirklich extrem gelungene Kombination aus Rum und Ananas, bei der beide Komponenten ihr Mitspracherecht hatten, und die natürlich wirkt – im Gegensatz zu vielen derartigen Produkten trinke ich den Stiggins‘ Fancy sehr gern auch pur und genieße es in vollen Zügen. Ein Spitzenprodukt, und das sage ich als bekennender Plantation-Skeptiker.
Aromatisierte Spirituosen findet man interessanterweise oft in Cocktail-Rezepten – man spart sich dabei letztlich eine weitere Zutat, wenn man einen Kokosnussrum oder eben einen Ananasrum einsetzt. Für diesen Fall muss man sagen, dass das Ergebnis doch mehr ist als die Summe seiner Teile. Darum wirkt ein Stiggins‘ Fancy im Queen’s Holiday auch viel eindrücklicher als ein Rum plus Ananassirup oder ähnliche Konstrukte, die man als Alternative einsetzen könnte.
Queen’s Holiday 1½ oz Dry Gin 1 oz Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum 1 oz Pink-Grapefruit-Saft 1½ oz Ananassaft ¼ oz Orgeat Auf Eis shaken.
[Rezept nach Modern Tiki]
Die Flasche selbst hat die übliche Form, die wir von Plantation gewohnt sind, ohne das Gestrüpp allerdings, das um viele der Flaschen gewunden ist. Der Etikettenstil gefällt mir grundsätzlich gut und hat viel Charme.
Auch hat man sich entschieden, die Story hinter der Figur, die dem Ananasrum den Namen gab, in kleiner Schrift auf dem Rücketikett zu verewigen. Persönlich habe ich nichts an derartigen Marketinggags, da meist die „Inspiration“ erst nach dem Produkt dazugesucht wird. Auf demselben riesigen Rücketikett findet man jedoch auch handfestere Information über die Herstellung und Idee hinter dem Produkt, letztlich das, was im oben verlinkten Video schon grob zusammengefasst ist – da hat man was zu lesen während des Trinkens.
Ich will nochmal betonen, dass dies eine Spirituose ist, die nicht nur dem Cocktailmixer sicherlich viel Spaß machen wird, sondern auch dem, der hin und wieder gern ungewöhnliche Produkte im Glas hat, da schließe ich mich David Wondrich ohne Frage an. Für mich steht fest, dass ich die Flasche, die nun schon fast leer ist, sicherlich ersetzen werde.
Ein Bier muss Schaum haben – eine spannende Diskussion hatte sich da neulich entfacht, als mein Bruder sich leicht herablassend über ein fassgereiftes Imperial Stout äußerte, weil es so ganz ohne die Blume auskommt. Bierstile sind da sehr unterschiedlich, was die Ausprägung der Schaumkrone angeht, und selbst innerhalb der Stile gibt es solche und solche. Bei einem Export wie dem Löwenbrauerei Wasseralfinger Spezial aus meiner alten schwäbischen Heimat gebe ich gern zu, dass ich lieber auch mehr Schaum sehe als weniger – wie so oft ist die Welt nicht nur schwarzweiß, sondern voller Abstufungen, und entsprechend sollte man diskutieren. Aber bei meinem Bruder ist diesbezüglich Hopfen und Malz verloren, da trinke ich lieber ein Bier und lasse ihm seine Meinung.
Auf dem Foto sieht man es nicht direkt, weil das Glas durch den Unterschied zwischen Innen- und Außentemperatur beschlagen ist – schließlich habe ich es im Sommer getrunken, als ich das Bild gemacht hatte, und hole jetzt mit einer weiteren Flasche die Tasting Notes nach. Kristallklar jedenfalls, leicht blasses Messing, mit hübscher wenigblasiger Perlage. Der Schaum ist für ein Bier dieser Machart gut ausgebildet, mit vielen unterschiedlich großen Schaumbläschen. Und jetzt lassen wir das Schaumthema.
Die Nase ist zurückhaltend, leicht metallisch, deutlich getreidig, mit milden Malzuntertönen. Das war es aber auch schon, es gibt hier wirklich nicht besonders viel zu sagen, ein klassischer Biergeruch, wie man ihn teilweise heutzutage eigentlich eher suchen muss.
Eine runde Textur begrüßt den Trinker im Mund, schön weich und voll, mit milder Süße, ohne pappig zu werden. Direkt spürt man die Karbonisierung, sie sorgt für ein grundsätzlich sehr angenehmes Mundgefühl und gleichzeitig für tolle Rezenz. Aromen findet man genau die, die man schon gerochen hat – Getreide, Malz, ein metallischer Anflug von etwas Stahlnagel. Sehr sauber fühlt sich das an, für meinen Geschmack mit nahezu idealer Hopfenbittere ausgestattet, ohne jede Spielerei oder Anmaßung.
Ein Bier, das perfekt so funktioniert, wie es sein soll.
Es gibt ja diese Einordnung im Berufsleben, ob man eher ein Generalist oder ein Spezialist ist. Sowohl für meinen Beruf als auch für mein Hobby habe ich herausgefunden, dass ich mich eher für eine breite Anlage eigne als für eine tiefe. Wenn man mir zwei Flaschen hinstellt, eine superseltene Abfüllung einer mir gut bekannten Spirituosengattung und eine einer Kategorie, die ich noch nicht kenne, fiele mir die Wahl sehr leicht: Ich würde die mir unbekannte nehmen, selbst auf das Risiko hin, damit auf die Nase zu fallen. Ich bezeichne mich darum nun offiziell als „Panspiritist“ – ich liebe alle Spirituosen, und lasse mich gern überraschen.
Entsprechend aufgeschlossen war ich dem Kornbrand- und Wodkatasting, das der ISW Ende 2021 veranstaltete. Der Titel klingt erstmal sehr nüchtern, Wodka hat seinen Ruf als spannungsloser Neutralsprit (eher zu unrecht) schon lange weg, Korn ist das, was manche Leute an der Kasse im Supermarkt noch schnell im Miniatur-5er-Set mitnehmen. Dass da auch extrem Hochwertiges vorhanden ist, entgeht einem, wenn man sich auf diese Vorurteile zurückzieht und nicht offen ist für die Realität. Aus der Brennerei Ehringhausen in Westfalen stammt Der Kleine Lord Nummer 06, ein im Ex-Banyuls-Fass gelagerter Dinkelkornbrand. Da geht mir als neugeborener Panspiritist direkt das Herz auf – ein ungewohntes Basismaterial, eine ungewöhnliche Verarbeitung als Lagerkorn, und dann noch eine seltene Vorbelegung des Reifungsfasses mit dem südfranzösischen Süßwein (siehe dazu am Ende noch ein Wort). Allein schon vom Namen und den Produktionsdetails her eine Spirituose, die ich per se spannend finde. Und, ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen, ich wurde hier nicht enttäuscht.
Farblich hat sich das Fass austoben können, ein kräftiger, schon ins Terracotta übergehender Kupferton, mit orangenen und weißen Lichtreflexen. Beim Schwenken zeigt sich kaum eine Viskosität, die Flüssigkeit bewegt sich lebendig, hinterlässt dabei aber trotzdem einen fetten Film an der Glaswand, der sich langsam in Beine aufspaltet, die sich beim Ablaufen viel Zeit lassen.
Der Geruch des Kleinen Lords No. 6 verwirrt mich zunächst – ist das ein spanischer Brandy, mit leichtem Schwefel? Oder ist es ein milder, exotischer Whisky? Beides hätte ich, blind verkostet, geglaubt. Nach einer Weile kommt aber der Kornbrand stärker hervor, und die Verwirrung ist komplett. Der piekst schon etwas in der Nase, man darf erstmal nicht zu tief schnuppern. Dann folgen in loser Reihenfolge Eindrücke von sowohl von Rosinen und Trockenobst als auch reifen Früchten, Feigen und Pflaumen, dunkler Schokolade, und eine erkennbare Weinigkeit, dunkler, schwerer Rot- oder Süßwein eben, eine Note, die sicherlich das Banyuls-Fass beisteuert. Leichte Vanille und etwas Nuss, darüber aber der schon angesprochene sehr prägnante Schwefel, sogar ein Touch von Rancio ist da – ein faszinierendes Bouquet, das man, wie gesagt, nur schwer einordnen kann in die Kategorienwelt der Spirituosen. Hochspannend und ungewöhnlich!
Einen Korn mit 57,4% in Fassstärke abzufüllen ist schon nicht gewöhnlich, viele Korns kennt man eher mit deutlich unter 40%. Und man erwartet eine entsprechende Attacke am Gaumen – der initial einfach nicht kommt. Samtweich legt sich der kleine Lord auf die Zunge, breitet sich langsam im gesamten Mundraum aus und beginnt erst, wenn er diese Aufgabe erledigt hat, sich durch angenehme, leicht prickelnde Wärme deutlicher bemerkbar zu machen. Buttrig, süß, mit fetter Textur und richtig ausladender Breite fühlt man den Dinkelkornbrand erstmal eine Weile, bevor man ihn schmeckt. Die Aromen gehen von Rosinen über getrocknete Aprikosen und Pflaumen bis hin zu cremiger, buttriger Schokolade mit nur leicht gehobenem Kakaoanteil; Kokosfleisch ergänzt das, mit schön eingebundenen Anflügen von Rancio und Schwefel, die sich zum Schluss nochmal verstärken. Der Verlauf ist grandios gemächlich, da ist kein Stress in dieser Spirituose, nur Gemütlichkeit und entspannende Schwere. Gegen Ende kommt eine feine, edelherbe Trockenheit dazu, die mit milder Astringenz den Gaumen noch lange belegt und hübsch warm hält.
Herrlich komponiert, da passt jede Komponente perfekt zur anderen, die Teile greifen ineinander wie ein Uhrwerk, und zwar eins, das langsam tickt und jeden Zeigerschlag mit Muße auslaufen lässt. Irre, wie tief und gleichzeitig breit dieser Brand ist – selbst ein kleiner Schluck wirkt, als hätte man den ganzen Mund voll. Grandios, und ohne Mühe bestätige ich, was ich vor ein paar Wochen schon angekündig hatte: Das ist mit Sicherheit eine meiner persönlichen Spirituosen des Jahres 2021.
Für das Cocktailrezept habe ich mir einen Drink ausgesucht, der normalerweise mit spanischem Brandy gemacht wird – der Kleine Lord No. 6 hat genug dieser Charakteristik, um einen immer noch passenden, aber twistvollen Ersatz dafür im Spanish Armada darzustellen. Eine weitere Zutat, die ich vor kurzem für mich entdeckt hatte, habe ich angepasst: Statt Curry Bitters (die ich einfach nicht verfügbar habe, wer hat so etwas spezielles schon in der Heimbar), setze ich eine Prise Currypulver ein. Currypulver ist eine erstaunliche Zutat, die extrem gut in Cocktails funktioniert, auch wenn man das gar nicht erwartet.
Spanish Armada 1 oz / 30ml Brandy de Jerez 1 oz / 30ml gereifter Demerara-Rum ¼ oz / 10ml Blended Scotch ¼ oz / 10ml PX Sherry ¼oz / 10ml Amer 1 Spritzer würzige Bitters 1 Spritzer Angostura Bitters 1 Messerspitze Curry-Pulver Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste absprühen. [Rezept adaptiert nach Jessica Lambert]
Sehr gut gewählt ist die Apothekerflasche mit großem Drehverschluss, das passt ins Gesamtdesign, ebenso wie das Rücketikett mit vielen, klar strukturierten Informationen, solche Etiketten sehe ich einfach gern. Dort erfährt man auch Details wie dass diese limitierte Edition am 16.10.2014 destilliert und am 14.06.2021 als Single Cask ungefiltert abgefüllt wurde, bei mir in Flasche 11 von 369 – das ist wirklich eine kleine Auflage. Daraus erschließt sich mir auch der Reifungszeitraum, etwas über 5 Jahre, für einen Korn eine erkleckliche Zeit, und eine, die sich wirklich rentiert hat. Der „Fluff“, also die Marketingstory hinter dem Produkt, wird auf einem Pappeinleger klar von den technischen Dingen separiert erzählt.
Noch ein Wort zu Banyuls – ich hatte nun schon ein paar Spirituosen, die in einem Fass mit Vorbelegung dieses südfranzösischen Süßweins gereift wurden, da dachte ich mir, ich schaue mir das mal an. In Deutschland sieht man ihn sehr selten, in Frankreich findet man ihn auch in Supermärkten, wo ich mir dann auch ein günstiges Fläschchen des Georges d’Artigas Banyuls Traditionnel mitgeholt habe, 16% Alkoholgehalt zu knapp unter 10€. Er stammt aus der Gegend von Roussillon, unterliegt der AOP (geschützten geografischen Angabe) für diese Art Süßwein, der leicht gekühlt als Aperitif oder als Begleiter zu Foie Gras, Melonen und Schokoladen-Desserts empfohlen wird. Meine kurzen Eindrücke: Farblich ein dunkles Rubinrot, man kann nur schwer durchblicken. In der Nase sehr schwer fruchtig, viel überreifer Pfirsich, Brombeeren, Kirschsaft und ein Anflug von Gewürzen. Starksüß im Mund, sehr samtige, volle Textur, klar an milden Portwein und halbtrockenen Primitivo erinnernd. Kurz und leicht herbtrocken dann im Abgang. Kein Knüller, der mich umhaut, das ist aber auch wie gesagt erstmal ein Bildungstrinken-Basisprodukt, um eine grundsätzliche Vorstellung zu bekommen, was Banyuls eigentlich ist.
Während der oben angesprochenen Verkostung bei der Oktoberausgabe 2021 des ISW in Neustadt/Weinstraße war dieser Brand der meistdiskutierte, und obwohl wir Juroren eigentlich während der Arbeit still sein sollen, konnten sich viele beim Kleinen Lord No. 6 einfach nicht beherrschen – ich hörte vom Nebentisch die Phrase „den würde ich mir auch privat kaufen!“, dem kann ich voll zustimmen, was ich kurz danach auch getan habe. Dass er dort als Kategoriesieger hervorging und eine entsprechende Medaille bekam, verwunderte mich keine Minute. Und wer sich eine wirklich hervorragend gemachte, dabei aber ungewöhnliche und sicher im Bekanntenkreis Aufsehen erregende Spirituose ins Haus holen will, ist hier genau richtig.
Spirituosen haben heutzutage mehr Anspruch als vor einigen Jahren. Es gab schon immer mehr und weniger angesehene Gattungen, diese bezogen sich aber meist schlicht und oberflächlich auf die Herkunftsländer – schottischer Whisky ist das Edelgetränk für den Genießer, das man pur zu genießen hat; karibischer, ungereifter Rum das namenlose Zeug, das man mit Saft mischt um sich zu besaufen. Die Welt kann in ihrer Schwarzweißfassung so einfach und gemütlich sein, wenn man keine Ahnung davon hat, dass das alles Nonsense ist. Zum Glück erkennen das viele Konsumenten heute ohne Mühe – so, wie es natürlich hervorragende Whiskys gibt, gibt es auch grusligen Single Malt, und statt einem nur im Mixgetränk erträglichen Rum, findet man heute auch höchstwertige Spitzenrums, die auch dem absoluten Kenner ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.
Ein Schlüsselwort, das zu dieser Entwicklung führte, ist „Handwerk“. Man besinnt sich in vielen Regionen, die jahrezehntelang nur (oft sogar anonymisierte) Massenware anboten, auf das Handwerk, und bringt Abfüllungen auf den Markt, die zeigen, dass dahinter oft hohe Qualität stehen kann, wenn man es zulässt, die dafür nötige Zeit, Energie und Kosten zu investieren, die man bei Bulk-Produkten eben nicht wirklich braucht. Im spanischen Wort „artesano“ fließen, sehr viel mehr als bei der deutschen Übersetzung, die Komponenten des „Kunsthandwerks“ mit ein, schon im Wort liegt die lateinische Wurzel der „ars“, also der Kunst, aber auch da schon als „Geschick“ übersetzbar, verborgen. Handwerk und Kunst sind zwar immer noch verschiedene Dinge, aber wenn man etwas besonders gut macht, ist der Übergang manchmal fließend. Der unabhängige Abfüller El Ron del Artesano beansprucht diese Gedanken für sich – ein Rum, in traditionellem Handwerk gefertigt, unmanipuliert. Drei Abfüllungen habe ich bekommen, die ich nun darauf überprüfen will.
Starten wir mit dem jüngsten der drei Rums, dem El Ron del Artesano Panama Rum Ruby Cask 8 Años. 8 Jahre im Ex-Portweinfass, Ruby Port, um genau zu sein, und man ahnt diese Vorbelegung, wenn man die Flasche oder das Glas gegen das Licht hält – da ist ein deutlicher Roséton, der das Henna begleitet. Recht lebendig mit leichter Viskosität schwappt der Rum im Glas, mit dazu passendem leichten Film an der Glaswand.
Schnuppern wir daran, finden wir auch tatsächlich Noten von Rotwein, der Ruby hat neben der Farbe offensichtlich auch ordentlich Aromen hinterlassen. Ich habe gerade eine Flasche Primitivo auf, die riecht ähnlich. Mich erinnert das auch etwas an diese Schokolade mit Erdbeer-Joghurt-Füllung. Eine leichte Nussigkeit kommt dazu, Anflüge von Vanille und Zimt. Man ahnt, dass es sich hier um ein recht leichtes Column-Still-Destillat handelt, da sind Ethanolnoten und eine diesem Stil grundsätzlich ja zugehörige Leichtkörperigkeit da. Nicht wirklich spannend, aber angenehm.
Süßweich legt sich der Panama-Rum auf die Zunge, mit zarten Frucht- und Schokoladearomen, und einem sehr, sehr milden initialen Mundgefühl. Da ist trotzdem gutes Volumen, eine schöne Breite, man hat wirklich was im Mund; die Leichtkörperigkeit ahnt man noch, sie ist aber durch die Reifung schon ordentlich angepasst. Im Verlauf entsteht dann doch noch etwas Trockenheit, spät erst, aber effektiv, zusammen mit aufkommender, leicht pfeffriger Würze bildet sich bei 42,4% Alkoholgehalt Charakter heraus, ohne die grundlegende Richtung des Rums zu ändern. Der Nachklang ist mittellang, mildbitter, pfeffrig und holzig, gut eingebettet in ein Gesamtbild, die Frucht klingt noch etwas nach.
Ein sehr trinkbarer, leichter Rum, der sich nicht anbiedert, und am Ende sogar noch ein paar Zähne zeigt; so etwas haut mich nicht aus den Socken, es ist aber im Vergleich zu vielen Panama-Rums, die ich vorher kannte, schon als Quantensprung zu bezeichnen.
Ein Jahr länger Pause gönnte man dem El Ron del Artesano Panama Rum Tawny Cask 9 Años, abgefüllt mit 41,7%. Auch hier kam dafür ein Ex-Portweinfass zum Einsatz, aber man entschied sich für Tawny statt für Ruby. Ich erwarte hier nur wenig Unterschied, was die Fruchtausprägung durch die Fasswahl angeht – farblich ist schon klar erkennbar, dass der Tawny-Port trotz des zusätzlichen Jahres weniger eingeschlagen hat: Ein leicht blasser Bernsteinton, mit einem Ticken von rötlichen Reflexen. Man muss das Verkostungsglas ordentlich schwenken, um die Flüssigkeit in Bewegung zu bringen, danach haben wir ein hübsches Glaswandverhalten.
Die Nase ist direkt sehr expressiv, von Anfang an findet sich eine attraktive Mischung aus Eindrücken aus sehr verschiedenen Richtungen. Herb und holzig, karamellig und vanillig, fruchtig und säuerlich – ein wirklich spannendes Geruchsbild, vielschichtig, aromatisch, voll. Spätestens hier muss ich meine Vorurteile gegen Panama-Rum endgültig aufgeben, das ist wirklich anziehend; die deutliche Klebstoffnote ist für mich keinesfalls ein Mangel, das mag ich bei manchen Bourbons und Armagnacs auch sehr.
Der erste Schluck ist dann ähnlich angenehm, eine hübsche, natürlich wirkende Süße heißt mich willkommen, eine Wandlung im Verlauf hin zum herberen und am Ende deutlich Trockenen sorgt dafür, dass die Spirituose nicht langweilig wird. Milde Melasse und Rosinen, etwas Pflaumiges, aber schnell dann auch erkennbare Zedernholznoten mit Tannenharz und eine sehr wirksame Pfeffrigkeit bilden sich heraus. Die schon gesehene Viskosität schlägt sich auch in fetter, runder Textur nieder, die sich gegen die Trockenheit stellt. Der Nachklang ist fast schon mentholisch, nach dem Kitzeln des Gaumens kühlt der Rum ihn auch wieder runter. Blumig und durchaus lang hallt er dann noch nach.
Sehr süffig, mit einem wirklich schönen Mundgefühl und viel Charakter: Ein Rum mit sowohl Eleganz und Stil, als auch Kraft und Drinkability. Ehrlich gesagt, ein tolles Rundumpaket, das mir echt gefällt, und gegenüber der Ruby-Ausprägung nochmal eine richtig fette Schippe drauflegt.
Nun zum Dritten im Bunde, dem El Ron del Artesano Panama Rum Virgin Oak Cask 2008. Man sieht den Unterschied im Namen zu den beiden Vorbesprochenen – hier haben wir eine Jahrgangsabfüllung, destilliert 2008, auf Flaschen gezogen im September 2021, das bedeutet ein grobes Alter von 12 bis 13 Jahren. Das hier verwendete Eichenfass war ein nagelneues, ohne Vorbelegung. Terracottafarben, glitzernd und ordentlich schwer macht der Rum im Glas echt was her, schöne Beine betonen das.
Deutlich unterscheidet sich hier der Geruchseindruck von den Vorgängern. Limettenschale und Wacholder nehme ich wahr, nicht ganz Gin-Niveau, aber durchaus verwandt. Orangenzeste und Rosmarin verstärken noch den kräuterig-vegetalen Eindruck. Zimt und Vanille kommen darunter, ein leichter Säulendestillat-Ethanolhauch, und am Schluss noch etwas grüne Banane, schokoliert vielleicht. Ungewohnt insgesamt und gerade dadurch sehr spannend, da ist viel zu entdecken!
Hell, süß und sehr fruchtzestig ist der Antrunk, der gefühlt sehr gut zur Nase passt. Orangen- und Limettenschale, frisch von der Frucht abgeschabt, unterstützt von angenehmer, aber zurückhaltender Süße, die nur leicht karamellig und milchschokoladig wirkt. Wie schon bei den jüngeren Rums ist auch hier ein klarer Spannungsbogen vorhanden, mit pfeffriger Schärfe und einer milden Herbe, die nach einer Weile einsetzen, bei diesem 2008er ist dieser Übergang aber noch feiner, eleganter und runder. Der Nachklang passt auch dazu, leicht bitterschokoladig, ein Anflug von Lakritz und Harz und ein gemächliches Verklingen, bei dem etwas Brombeer noch unerwartet auftaucht.
Ganz anders, aber keineswegs schlechter – hier hat man etwas ausgesprochen Rundes vor sich, die zusätzlichen Jahre, das unverbrauchte Fass, da spielt alles zusammen, wie es soll. Ich bin mit diesem Rum sehr zufrieden, er überwältigt nicht, sondern überzeugt durch Klarheit und einen ganz eigenen Charakter.
Für manche Drinks kann man Rumsorten recht beliebig tauschen, da verliert oder gewinnt man oft nicht viel, auch wenn manche Rumnerds dem wohl rein aus Prinzip widersprechen werden. Bei einem Cocktail wie dem Voyager dagegen empfehle ich klar, einen herberen Rum einzusetzen, damit er einen Kontrapunkt zu den ganzen Likören und Sirups bilden kann. Ein ungesüßter Panama-Rum wie einer aus der El Ron del Artesano-Reihe bietet sich da eigentlich ganz gut an.
Voyager 1⅓oz / 40ml gereifter Rum ⅔oz / 20ml Falernum ⅔oz / 20ml Bénédictine 1oz / 30ml Limettensaft ⅔oz / 20ml Passionsfruchtsirup ⅓oz / 10ml Grenadine Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren. [Rezept nach Weintanne / Jena]
Zur Geschichte mit dem kleinen Brennergesellen, die auf einem Flyer den Flaschen beilag und den Namen des Unternehmens erklären soll, lasse ich mich nicht aus, ich halte nichts von derartigen Stories, selbst wenn sie ausnahmsweise hier wahr sind. Diese Abfüllungen hier hätten es jedenfalls zu keiner Minute nötig, aber ein bisschen Fluff muss man jedem Hersteller wohl gönnen – in einem sehr intensiven persönlichen Gespräch nachts um zwei mit Michael Mattersberger von True Spirits an der Hotelbar in Neustadt und einem darauf folgenden, nicht weniger unterhaltsamen Telefonat mit Sebastian Lauinger, dem Inhaber von El Ron del Artesano, wurde mir deutlich: Warum soll Sebastian auf seine Familiengeschichte verzichten, nur weil so viele andere diesen Mechanismus mißbrauchen? Food for thoughts.
Die Reihenfolge, die ich zur Verkostung ausgewählt habe, hat mir sehr geholfen, diese Rums zu verstehen. Ich habe keinen klaren Favoriten, sowohl der Tawny als auch der Virgin Oak haben mich voll überzeugt und sind echte Genießerrums, der Ruby fällt gegen diese hauseigene Konkurrenz etwas ab, bleibt aber, was Panama angeht, auf einem für mich erstaunlich hohen Niveau. Meiner Ansicht nach ist es so – die Panama-Rums, die früher ihren Weg zu mir gefunden haben, haben ihr Land einfach nicht wirklich in letzter Konsequenz vertreten können, sie waren oft deutlich gesüßt und mit nicht viel Liebe gereift und verblendet. Die El Ron del Artesano-Abfüllungen sind diesbezüglich makellos und haben mir eine komplett neue Perspektive auf Panama ermöglicht – und meinen großen Wunsch nach Zuckerfreiheit erfüllt, den ich im Fazit zu anderen Abfüllungen dieses Lands geäußert hatte. Oh, wie schön Panama sein kann.
Offenlegung: Ich danke El Ron del Artesano für die kosten- und bedingungslose Zusendung der drei Rumsorten, und True Spirits für die Vermittlung.
Man kann Sachen so und so machen. Schnell, billig, auf den Massenmarkt ausgerichtet, für den unanspruchsvollen Trinker. Oder mit Geduld und Tradition, in kleinen Mengen, zu angemessenen Preisen, die auch die Rohstoffe und die Zeit mitfinanzieren: Wasser, Gerstenmalz, Hefe und Hopfen – und 400g Sauerkirschen pro Liter, das stellt das Etikett in mehreren Sprachen klar. Keine Aromastoffe, keine Säfte, keine andere Frucht außer Kirschen. Das Oud Beersel Oude Kriek Vieille ist ein Kriek, wie ich es haben will. Dazu hat es mit 6,0% Alkoholgehalt ordentlich Bumms für so ein Fruchtbier, das sieht man auch nicht dauernd. Manchmal weiß man schon beim Lesen des Etiketts, dass ein gutes Produkt vor einem steht – aber sicherheitshalber probieren wir es noch.
Dunkelrot, ja, kirschrot, blickdicht, nur bei Gegenlicht sieht man rubinrote Lichtreflexe durchscheinen. Der pinkfarbene, langlebige und superfeine, flauschige Schaum passt wunderbar dazu und liegt auch nach vielen Minuten noch flächendeckend auf dem Bier, schmiegt sich sogar beim Trinken an die Glaswand.
Deutlich sind die Sauerkirschen in der Nase präsent. Keine Künstlichkeit, einfach nur gepresste Sauerkirschen. Unterstützt wird das durch eine prägnante Säure, die dem verwendeten Lambic entstammt, mit Tönen von Apfelessig, Cidre und Sekt. Die beiden Komponenten gehen eine wunderbare Vereinigung ein – die Reifung im Holzfass hat Bier und Kirschen vermählt und mit ganz dezenten Holzaromen versehen. Leichte Brausigkeit und ein Anflug von Blumigkeit geben weitere Komplexität, ohne die Hauptaromen zu verdecken.
Der Geschmack ist, einem spontanvergärten Lambic gemäß, sehr sauer. Die Kirschen versuchen, etwas Süße dazuzugeben, doch die Eindrücke von grünem, sauren Apfel, trockenem Cidre und vergorenem Kirschmost überwiegen alles. Ein volles, samtiges, dabei aber trocken bleibendes Mundgefühl sorgt dafür, dass sogar leichte Astringenz und Betäubung entsteht. Über Rezenz brauchen wir hier nicht reden – Säure, knackige Frucht, tolle aus Flaschengärung entstandene Karbonisierung und die empfohlene, sehr niedrige Trinktemperatur machen daraus ein herrlich erfrischendes Getränk, das den Gaumen gleichzeitig sauberputzt und fruchtig erfreut. Ein langer Abgang mit Eindrücken von Jasmin und Wintergrün zeigt sich weiterhin bitter und kantig frisch, minutenlang hat man sowohl Geschmack als auch Effekte im Mund.
Ein unglaublicher Kontrast zu vielen Krieks, die mit Aromastoffen und anderem arbeiten, und es in keiner Sekunde schaffen, auch nur ansatzweise an so ein Erlebnis heranzukommen. Gerade, dass es nicht superoberflächlich und künstlich nach Kirsche schmeckt, sondern einen richtig natürlichen Kirschgeschmack aufweist, der auch dem Lambic Luft lässt, ist ein Qualitätsmerkmal für mich. 9€ habe ich für die halbe Sektflasche mit Drahtkorb und Sektkorken in Brüssel bezahlt, und das ist jeden Cent mehr als wert. Wer sich für Kriek interessiert, sollte das Oud Beersel Oude Kriek Vieille dringendst probieren – ein Genießerbier allerhöchster Qualität.
Meine Baijiu-Heimbar hat ordentlich Fahrt aufgenommen – mit knapp über 100 Flaschen glaube ich, inzwischen eine der größten Baijiu-Privatsammlungen in Europa zuhause stehen zu haben. Damit will ich nicht angeben (ja, ich weiß, das ist „humble bragging“), es soll nur demonstrieren, dass ich mich wirklich für diese Spirituosengattung begeistere, und gern dazu bereit bin, jedem, der sich dafür interessieren kann, weiterzuhelfen. Ein kleines Projekt, zu dem ich momentan noch nicht mehr sagen möchte, wird das noch unterstreichen; sagen wir mal, 2022 könnte für Baijiu-Interessierte in Deutschland ein spannendes Jahr werden.
Die Menge an Flaschen bedeutet auch, dass sich neben den großen Kategorien wie Stark-, Leicht- und Saucenaroma nun auch ein paar Exemplare der eher raren, seltenen Typen bei mir finden lassen. Die erste ist das sogenannte Sesam-Aroma (芝麻香), und darum möchte ich heute den Huaide Dongcang Sesam-Aroma-Baijiu (怀德洞藏芝麻香白酒) von der nordostchinesischen Brennerei Jilin Xinhuaide vorstellen. Sesam-Aroma ist ein vergleichsweise neuer Stil, er wurde erst 1957 erfunden, und wird trotz des Namens nicht aus Sesam hergestellt – es ist praktisch ein Sauce-Aroma-Baijiu, der bei höheren Temperaturen kürzer fermentiert wird als das normalerweise gemacht wird. Bei der Verkostung wird dann klar werden, wo die Bezeichnung eigentlich herkommt. Noch kurz zum Markennamen: „Huaide“ ist Teil des Brennereinamens, und „dongcang“ bedeutet einfach „höhlengereift“, das kommt daher, dass sich die Tonkrüge, in denen dieser Baijiu reift, in einer „Höhle“ befinden und nicht in einem Lagerhaus. Eigentlich ist das, wenn man sich Bilder davon anschaut, mehr ein unterirdischer ausgebauter Bunker als eine Höhle, aber das ist vielleicht einfach meiner amateurhaften Übersetzung geschuldet.
Optisch ist der Baijiu transparent, klar und ohne Fehler, auch natürlich ohne jede Färbung, was, ich wiederhole mich gern immer wieder, nicht bedeutet, dass diese Spirituose nicht gereift ist. Sie bewegt sich lebendig im Glas, erzeugt ein attraktives Glaswandverhalten mit vielen kleinen, dünnen Beinchen.
Kommen wir zum sehr viel Spannenderen bei Baijiu, dem Geruch. Man merkt schon direkt, dass es einen Grund hat, warum die Kategorie „Sesam-Aroma“ heißt – die Nase ist sehr nussig, gerösteter Sesam, Pekanuss. Da schwingt auch eine gewisse Cremigkeit mit, die an Erdnussbutter erinnert, und dunkle Frucht, Trockenobst vielleicht, mit leichtem Rosinen- und Trockenpflaumencharakter. Man kann es aber nicht mit einem Sherry oder Huangjiu verwechseln, da ist immer noch genug Baijiu-Typizität, in Form von stark vergorenem Obst, leichte Sojasaucen-Süßwürze, deutliche Plastik- und Teereindrücke, und auch etwas Ethanol. Leichte kräuterige Blumigkeit, etwas auf Lavendel und Rosmarin deutend, gibt die letzte Kopfnote dazu.
Im Mund ist auch die Baijiu-Typizität initial klar vorherrschend, genau die erwarteten, dreckigen, esterigen Aromen legen vor, limettige Säure ist dabei, bevor im Mittelteil sich zart die nussigen Komponenten nach vorne arbeiten können. Diese kommen dann im Abgang kurz zu einer Blüte, wo der Sesam voll schmeckbar wird und dabei doch fein und elegant wirkt. Er nimmt sich dann im Nachhall wieder zurück, hier zeigen sich dann Heidekräuter, feine vergorene Frucht und eine sehr, sehr angenehme Trockenheit, die sich wunderbar auf den Gaumen legt. Ein wirklich schöner Geschmacksbogen, ich glaube, der Antrunk könnte erstmal abschreckend wirken auf den Baijiu-ungewohnten Trinker, doch wenn man sich darauf einlässt, wird man mit einem äußert feinen, eleganten Schluss belohnt, der mir echt richtig viel Spaß macht. Mit 40,8% ist der Huaide Dongcang auch ein Leichtgewicht und macht es leicht, diese spannenden und ungewöhnlichen Aromen voll genießen zu können.
Natürlich bietet sich so ein Baijiu für dunkle, schwere Drinks an – er funktioniert aber auch als überraschende Komponente in einem Rezept, das sonst auf Sesam-infundiertem Wodka basiert. Zu sehen im Matcha-Sesame Punch #2, den ich aus einem Rezept abgewandelt habe, das zwei unterschiedlich aromatisierte Wodkas beinhaltet hätte – nichts gegen gut gemachten Wodka, aber ein Baijiu und dazu ein japanischer Qualitäts-Matcha-Likör pusten den ohne Mühe weg, was spannende Aromen angeht!
Matcha-Sesame Punch #2 1oz / 30ml Sesam-Aroma-Baijiu 1oz / 30ml Matcha-Likör ¾oz / 22ml Zuckersirup ½oz / 15ml Sahne Auf Eis shaken.Auf Eis mit Sesamkörnern servieren. [Rezept adaptiert nach Kenta Goto]
Die Flasche ist sehr typisch, es ist die bekannte Maotai-Flasche aus weißer Keramik, die für sehr viele Baijius als Behältnis dient, bis hin zum roten Schraubverschluss und dem sich manchmal etwas widerspenstig zeigenden Nachfüllstopp. Das Etikett ist sehr bodenständig, ungewöhnlich für chinesische Verhältnisse, da wird ausnahmesweise mal nicht geprotzt.
Ein toller Baijiu aus einer spannenden Kategorie, finde ich, und ich bin nicht der einzige, der diesen Baijiu gut beurteilt – er hat eine Goldmedaille bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2021 gewonnen, also bei einem Wettbewerb, bei dem aus gegebenem Anlass nur westliche Gaumen in den Juries vertreten waren, keine Kenner aus China, wie das vor Corona durchaus üblich war. Was wohl bedeutet, dass der Huaide Dongcang besonders hier in Europa gut ankommen kann. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass er in China weniger gern gesehen würde, das ist einfach toller Stoff.
Bei meinen Bayreuth-Reisen habe ich es immer selbst erlebt – jedes kleine Dörfchen hat in Franken in der allernächsten Umgebung eine eigene Brauerei. Als Hausbräu wird das Bier dort in kleinen Mengen gebraut und entweder direkt vor Ort frisch verzehrt, oder kann in Flaschen oder Fässern abgefüllt für zuhause erworben werden. Altfränkisches Kellerbier wird in der Privatbrauerei Kaiser in Grasmannsdorf bei Bamberg seit 1783 hergestellt – und das Jahr gab dann dem Brauerei Kaiser Ur-Trunk 1783 auch seinen Namen.
Naturtrüb, das ist offensichtlich, wenn man das Bier eingegossen hat. Gleichzeitig sieht man auch einen herrlichen Farbverlauf von Eidottergelb bis Terracotta, wenn man es in einem schön geformten Glas genießt. Schaum entwickelt sich sofort, reduziert sich dann aber auch ziemlich schnell wieder auf eine grobblasige flache Krone. Getreidig und rostig riecht das Bier dann, ganz vorsichtig nur fruchtig, leichte Aprikose vielleicht. Ansonsten gibt es da nicht wirklich viel zu berichten: Bei einem klassischen Kellerbier mit 4,9% Alkoholgehalt sollte man aber auch nicht erzwingen, viel zu suchen, der Stil ist eher klar und sauber denn superaromatisch.
Auch im Geschmack setzt sich dieser Eindruck fort; der Ur-Trunk wirkt ausgesprochen gerstig und bitterhopfig, und punktet dennoch mit einem sehr satten, vollen Mundgefühl mit fast schon viskoser Textur. Eine milde Orangennote meine ich festzustellen, bevor Säure und Bittere klar übernehmen und im Mund eine kantige, hefige Trockenheit erzeugen. Das fühlt sich am Ende fast schon wie ein norddeutsches Pils an, nur eben fetter und nicht so klar. Sicherlich eines der herbsten Kellerbiere, die ich bisher getrunken habe – vielleicht liegt es daran, dass es Frischbier ist, unbehandelt und unpasteurisiert, das gerade mal zwei Wochen alt ist. Rezenz ist gegeben, mit wirklich viel Aufstoßpotenzial. Der Abgang ist mittellang, auch hier dominiert von einer ausgesprochen herben, trockenen Bittere. Am Gaumen liegt das Bier noch eine Weile, man meint, eine Lage Bier vom Gaumen mit viel Spucke abspülen zu müssen, hier zeigt sich wieder die Textur.
Ganz wirklich warm werde ich mit diesem Bier nicht. Die hefige Bittere liegt mir nicht so recht, doch ich glaube, dass es einfach einen guten Begleiter braucht, um wirklich zur Hochform auflaufen zu können. Ein fränkisches Schäufele, zum Beispiel, ein halbes Hähnchen oder einen Zwiebelrostbraten, alles mit dunkler, fetter Bratensoße. Da, und das werde ich mit einer zweiten Flasche verifizieren, wird das Kaiser Ur-Trunk1783 dann sehr wahrscheinlich besser abschneiden als einfach so getrunken.
Mexiko hat sich ein wahres Wundergeflecht aus geschützten geografischen Angaben für Brände geschaffen. Der erste war der Tequila, dann kam Mezcal, inzwischen sind auch Raicilla, Bacanora, Charanda und Sotol entsprechend mehr oder weniger klar definiert und geschützt, und bestimmt noch viele weitere, von denen ich aktuell nur nichts weiß. Unterschiedliche Herkunftsregionen, für die Agavenbrände in der Liste oben unterschiedliche erlaubte Agavensorten, es ist nicht ganz einfach, da noch klar durchzublicken. Insbesondere, wenn das Aromaprofil zweier Produkte ziemlich ähnlich ist und sie sogar ihn regionaler Nähe zueinander hergestellt werden, sie aber aufgrund einer Grenzziehung in unterschiedlichen mexikanischen Bundesstaaten beheimatet sind, und allein darum nicht mit demselben Kategorienlabel versehen werden dürfen.
Ein gutes Beispiel dafür ist Mezonte Tepe. Es wird zu 100% aus wilder Maguey Masparillo (das ist in der Herstellungsregion scheinbar ein Überbegriff für die botanischen Sorten Agave bovicornuta und Agave maximiliana) hergestellt. Jetzt die 64000-Euro-Frage – ist das ein Mezcal? Ist es ein Raicilla? Schwierig, denn auch wenn die Agavenart hier passt, so kümmern sich die Tepehuán, das Volk, bei dem der Mezonte Tepe von Maestro Mezcalero Antonio Flores gebrannt wird, frecherweise nicht um die moderne Verbundesstaatung Mexikos, sie leben isoliert und zurückgezogen auf dem Gebiet mehrerer Bundesstaaten, hauptsächlich in Durango. Jedoch darf legal nur ein Produkt aus den Bundesstaaten Jalisco und Nayarit sich Raicilla nennen, und auch für Mezcal gibt es Staatenvorschriften – und auch wenn die Tepehuán teilweise in diesen Staaten ihre Gemeinschaften haben, ist nicht gesagt, dass dieser Brand auch immer dort gemacht wird, sie halten nicht viel von der modernen Zivilisation und ihren Segnungen (wie Grenzen und gesetzliche Regelungen zu ihrem auch heute noch oft für religiöse Zwecke genutzten Agavenbrand). Wir haben also wahrscheinlich einen Grenzgänger im wahrsten Wortsinne vor uns; das Produkt selbst versucht auch nicht, sich einzupassen, nirgends auf dem Etikett finden sich die Begriffe „Mezcal“ oder „Raicilla“, man hält sich mit einer Kategorisierung bedeckt und entgeht damit der rechtlichen Einordnung.
Vielleicht ist es unabhängig von den Tepehuán aber auch ein Anschließen an die Bewegung, sich von diesem einengenden, stellenweise absurd gewordenen und eigentlich doch nur den von großen, internationalen Konzernen protegierten Marken dienenden Netz aus Rechtsspinnennetzen des CRM und CRT zu lösen, wie das einige traditionell arbeitende Hersteller bereits tun… beides ist möglich und eine relevante Bewegung innerhalb der mexikanischen Agavenbrände. Und so gehe ich also ohne eine Erwartung an irgendeine Konformität mit künstlichen Regelungen in die Verkostung.
Es findet am Ende keine Holzreifung statt, entsprechend ist die Flüssigkeit klar und ohne jede Form von Einschlüssen oder Fehlern. Recht lebendig bewegt sie sich nach dem Einschenken ins Glas, nur minimal viskos wirkt sie dabei. Dennoch bilden sich an der Glaswand dicke, schwere Beine, die eine Weile daran haften und träge ablaufen.
Beim Eingießen verbreitet sich um das Glas herum zunächst ein leicht teeriger Duft, der sich schnell wandelt und dann an nasses Zedernholz und das Deckblatt einer hellen Zigarre erinnert. Kirschen, Erdbeeren und Aprikosen meint man wahrzunehmen, eine milde Joghurtsäure und -frische ebenso. Etwas Rosenwasser, und eine minimalste Speckigkeit. Eine sehr ungewöhnliche Nase, sehr komplex und vielschichtig, sich in viele sehr unterschiedliche Richtungen gleichzeitig entwickelnd: fruchtig, floral, erdig und vegetal alles zugleich. Derart ausgeprägt findet man es selten!
Im Mund ist initial deutliche Süße zusammen mit einer schweren Textur erkennbar. Schnell verschwindet aber die Süße, macht einer milchsauren Trockenheit Platz, die den Gaumen kitzelt. Joghurt, Kirsche, der Eindruck, den man hat, wenn man über Zedernholz leckt, trockenes Getreide und Staub. Eine deutliche Feurigkeit entsteht, die weißpfeffrig und chilischarf wirkt, den 51% Alkoholgehalt angemessen. Der Abgang ist kurz und fruchtig, hauptsächlich vom Effekt gesteuert. Ein sehr blumiger Nachhall, zusammen mit einer kühlen Frische im Mund, die wunderbar paradox zur gleichzeitig Wärme in der Speiseröhre und im Magen wirkt. Ein Anflug von Rauch klingt noch lange nach.
Man merkt es von Anfang bis Ende – es ist schwer, in Worten eine klare Richtung zu definieren, wie der Mezonte Tepe schmeckt. Dieser Brand wandelt sich während der Verkostung wie ein Chamäleon, immer, wenn man etwas gegriffen zu haben meint, verschiebt sich das Aroma woanders hin. Er wabert und schimmert wie der Chitinpanzer eines Rosenkäfers. Toll und aufregend!
Der Firmin’s Folly hat etwas, was ich an Cocktails sehr schätze – einen deutlich erkennbaren, spür- und schmeckbaren Verlauf. Zunächst wirkt der Drink sehr unrund, als ob die Zutaten so gar nicht zusammenpassen, dann entwickelt er sich im Mund immer mehr, und der Nachklang ist wirklich richtig schön, ein tolles Mundgefühl und hübsche Aromatik hinterlassend. Ein komplexer, kantiger, aber spannender Cocktail zum Philosophieren, nicht für die Party. Passt irgendwie vom Ansatz zum Mezonte Tepe.
Firmin’s Folly 1½oz / 45ml Mezcal ¾oz / 22,5ml trockener Wermut ¼oz / 7,5ml Crème de Banane 2 Spritzer Mole Bitters Auf Eis rühren. [Rezept nach Dylan O’Brien]
Übermäßig attraktiv ist die Flasche und das Etikett nicht, das muss man sagen – es ist alles bodenständig, einfach, ohne großes Bohei und offensichtlich auch ohne viel Marketingbudget gemacht; jeder Pfennig, der statt in die Aufmachung in die Flüssigkeit selbst geht, ist für mich aber definitiv auch besser angelegt. Die einzige Extravaganz, die man sich erlaubt, ist das Einwickeln der Flasche in ein Papier, das ein vergrößerter Ausschnitt aus einem Poster über Agavensorten zu sein scheint. Ansonsten hält man sich auf dem Rücketikett an Fakten statt an Fantasien. Agavenart, Herstellungsdetails, sehr lobenswert, was man da lesen und lernen kann: Die wilde Maguey Masparillo wird von Hand geerntet und mit der Machete zerkleinert, freie Hefen fermentieren die Maische in Pinienholzbottichen und dann wird in Brennblasen, die zum Teil aus Kupfer und zum Teil aus Holz sind, zweifach destilliert. Spannend ist die Angabe, dass zur Einstellung des Alkoholgehalts dabei die Vor- und Nachläufe („cabezas y colas“) eingesetzt werden, wie das auch bei manchen anderen Destillaten gemacht wird.
Zu guter letzt ist noch zu erwähnen, dass es sich bei Mezonte um eine Nonprofit-Organisation handelt, die sich um das Wohlergehen der kleinen Produzenten (wir reden hier oft von winzigen Anlagen, kleinsten Produktionsmengen – hier beispielsweise nur 120 Liter! -, meist eigentlich nur für den lokalen Gebrauch) kümmert, statt sie auszubeuten. Ein schöner Artikel darüber findet sich hier. Die hohen Verkaufspreise, die hierzulande für die von ihnen unterstützten Brenner aufgerufen werden, sind für Spirituosenfreunde damit auch eine Investition in die Zukunft sowohl der Familien, die diese ungewöhnlichen, traditionellen, handwerklichen und hocharomatischen Brände herstellen, als auch der Kategorie selbst, so dass sie eben nicht den Weg des hochindustrialisierten, auf den Massenmarkt orientierten, dadurch inzwischen allzuoft seelenlos und leer gewordenen Tequilas gehen muss – oder eben ausstirbt, weil ein Brenner keinen Nachfolger, der die Palenque weiterführen würden, findet, da es sich für niemanden lohnt. Es wäre außerordentlich wünschenswert, wenn Mezonte mit ihrem Projekt viel Erfolg haben.
Neulich erst hatte ich eine Geuze vorgestellt, die ich aus Belgien mitgebracht hatte. Das war natürlich nicht die einzige Flasche dieses Bierstils in meinem Gepäck, heute stelle ich die zweite davon vor. Boon Geuze Mariage Parfait 2017 nennt sie sich, es handelt sich dabei um eine (laut Etikett) „Oude Geuze / Gueuze à l’Ancienne“, hier zeigt sich wieder die Zweisprachigkeit Belgiens, und auch die im oben verlinkten Artikel angesprochene unterschiedliche Schreibweise in unterschiedlichen Sprachen des Bierstils. Lambiks, die mindestens 3 Jahre fassgereift wurden, werden mit kleinen Anteilen jüngerem Lambik „verheiratet“ (also geblendet) und dann mit 8% Alkoholgehalt abgefüllt, in der Flasche weitervergärt und für mindestens 6 Monate weitergelagert – der Sektkorken muss entsprechend mit einem Drahtkorb gehalten werden, sonst könnte er unerwartet zwischendurch rausploppen. Begrenzt auf 500 Hektoliter im Jahr ist das auch kein extremes Massenprodukt – mal schauen, wie sich das 2017er Jahrgangsbier im Bierglas schlägt.
Sehr feiner Schaum liegt auf dem Bier, ein Zentimeter erhält sich langdauernd und bedeckt das schön opalisierende, naturtrübe Bier, das mit einer wunderbaren sonnenblumengoldenen Farbe aus der Flasche kommt. Sehr feines Mousseux sieht man bei Gegenlicht. Die Nase ist sehr fruchtig, da ist viel Sauerkirsche, Aprikose und Ananas, einiges an Banane. Insgesamt wirkt es mild, nicht ganz so säuerlich wie viele andere Geuze. Etwas hefig im Nachklang, aber sonst sehr hübsch zu schnuppern, wenn auch die Trinktemperatur dagegen wirkt.
Im Mund zeigt sich dann aber doch der wahre Geuze-Charakter, kantig sauer bereits im Antrunk, gerade im Widerstreit mit dem flauschigen Mundgefühl und der fetten Textur spürt man das. Die sehr an frisch gepresste Grapefruit erinnernde Säure dominiert von vorne bis hinten, gleichzeitig ist aber genug andere Frucht da, um das Mariage Parfait zu einer gewissen Komplexität und Abwechslung zu verhelfen. Über Rezenz braucht man bei Geuze selten wirklich zu sprechen, die Säure, die Trinktemperatur und die ideale Karbonisierung aus der Flaschengärung machen das Bier supererfrischend und ideal als Begleiter zum Essen. Gerade im Abgang kommt Grapefruit ganz deutlich sowohl im Geschmack als auch in den für diese Zitrusfrucht sehr üblichen Effekten wie Adstringenz und Trockenheitsgefühl vor, das kennt ja jeder – frappierend, wie ähnlich das ist. Der Nachhall ist weiterhin trocken, mildsauer, eine leichte Süße bildet sich heraus.
Es ist wirklich, wie der Name sagt, eine „perfekte Hochzeit“, die Frank Boon da aus seinen Lambics zusammengestellt hat. Heftig sauer, aber nicht kratzig, immer noch fruchtig und mit schönem Mundgefühl. Ein sehr unterhaltsames Bier!