Grundsätzlich nur lokale Zutaten zu verwenden, das ist ein Trend, den immer mehr Hersteller aufgreifen. Natürlich sind es immer noch nur eine Handvoll Mutiger, die das wirklich konsequent durchziehen können (neulich habe ich bei der Fernsehkochshow „Kitchen Impossible“ einen schwäbischen Gastwirt aus der Nähe von Reutlingen gesehen, der selbst auf Pfeffer verzichtet, weil dieser nicht innerhalb von 25km rund um sein Restaurant angebaut werden kann, und stattdessen Senfsaat zum Würzen einsetzt). Die Pax Bräu Rhöner Hopfensonne gehört laut eigener Aussage zu dieser kleinen, aber feinen Gruppe von Produkten, die nur mit in der Rhön örtlich direkt verfügbaren Zutaten hergestellt wird. Heraus kommt eine schwierig zu kategorisierende Bierspezialität, irgendwo zwischen Pale Ale und Lager, mit 5,5% Alkoholgehalt in eine Literflasche mit Bügelverschluss abgefüllt, und wie für Pax Bräu eigentlich üblich unfiltriert, unpasteurisiert und unstabilisiert.
Gold im Glas, mit leichter Blässe und Trübung. Schaum baut sich beim Eingießen auf, ist nach ein paar Minuten auf einen feinen, aber immer noch als Krone bezeichenbaren Flaum zusammengefallen. Deutliche Perlage ist erkennbar. Die Nase ist sehr Pale-Ale-typisch, mit milden, aber effektiven Hopfenfruchtaromen von Mango, Grapefruit und einem Anflug von Gurke.
Deutlich herbe Bittere ist schon im Antrunk vorhanden. Die Fruchtaromen von der Nase sind im Mund sehr zurückgenommen, dafür hat eine getreidige Würze nun Vorrang. Ich finde das ein bisschen unrund, kantig, das wirkt nicht zu hundert Prozent durchkomponiert. Selbst in den ersten Schlucken hat man durch die ungesteuerte Herbe ein gewisses Schalheitsgefühl, das sich bei steigender Trinktemperatur weiter ausbildet. Ein Bier zum richtig kalt trinken, definitiv. Im Abgang kommt nochmal eine Schippe Bittere drauf (23 Bittereinheiten sind gemessen), in Kombination mit der ebenfalls zunehmenden Trockenheit hat man dann schon ordentlich Astringenz am Gaumen – ein richtiger Spuckesauger ist das Ding dann. Der Nachhall ist sehr blumig, von den Aromen aber eher kurz, die Bittere bleibt lange als Effekt vorhanden.
Hier sieht man etwas die Probleme, die auftreten, wenn man in Literbomben abfüllt. Das erste Glas hat mich überhaupt nicht überzeugt, es war nur flach und bitter; die späteren Gläser waren deutlich trüber, mit mehr Hefe, und dadurch mehr Volumen und Körper. Hier zeigt sich die Rhöner Hopfensonne von einer völlig anderen Seite. Ich denke mal, ich erinnere mich lieber an das letzte Glas – und wenn meine Leser so eine Flasche kaufen, sollten sie dran denken, sie vor dem Trinken ein paar mal sanft zu wenden, um eine bessere Durchmischung von Anfang an zu haben.
Man findet ja recht viel Material zweifelhafter Qualität, wenn man sich über Spirituosen, deren Herstellung und Geschichte informieren möchte. Alte Mythen halten sich lang, neue Fantasien breiten sich schnell aus, und oft genug haben Hersteller auch sehr großes Interesse daran, die eigene Variante der Geschichte von Rum und wie man ihn traditionell herstellt als die einzig wahre darzustellen, oder seltsame Praktiken zu rechtfertigen. Man braucht schon etwas Sitzfleisch und Einblick, um manche der Aussagen, die in diesem Geschäft getätigt werden, richtig einordnen zu können. Um so mehr freut es mich, wenn man im Fernsehen auf Arte plötzlich auf eine kleine Minidokumentation stößt, die zwar herstellernah gedreht ist, aber doch mit genug Hintergrundinformation den gesamten Beitrag aufwertet – und hübsche Fernweh-Bilder dazu mitliefert.
Nicht, dass ich den Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum unter den Verdacht stellen wollte, an unstatthaften Praktiken, von denen es im Rumgeschäft mehr als genug gibt, teilzuhaben, im Gegenteil: Den Vorgänger dieses Rums hatte ich oft genug als Beispiel empfohlen, wenn mich jemand nach ehrlichem, sauberen, typischen und hochwertigen Rum gefragt hat. Vorgänger? Ja, denn die hier besprochene Variante ist ein neuer Blend, den die neue Master Blenderin von Mount Gay, Trudiann Branker, als eine ihrer ersten Amtshandlungen vor einigen Jahren einführte. Er ist anders zusammengestellt, und in Deutschland zumindest etwas teurer geworden. Kann ich ihn trotzdem weiter genauso empfehlen, wie ich es früher mit dem Blend ihres Vorgängers Allen Smith getan habe? Ich nehme das Fazit vorweg und sage: Ja. Die Details zu dieser knappen Aussage folgen nun.
In Deutschland muss, wenn Farbstoff eingesetzt wird, dies auch bei Spirituosen deklariert werden, und entsprechend findet man den Hinweis hier auf dem Rücketikett und der Kartonunterseite (im Gegensatz zu dem ganzen Restetikett verrückterweise in deutsch). Selbst bei hochwertigen Produkten meinen die Hersteller, es sei nötig, auch wenn es nur in kleinsten Mengen zur Chargenangleichung getan wird – irgendwie sollte sich diese Sitte auch irgendwann mal selbst erledigen. Es hinterlässt höchstens ein schlechteres Gefühl, wenn man diese wunderbare, leuchtend bernsteinfarbene Flüssigkeit vor sich hat, die sich mit leichter Viskosität im Glas bewegt und dabei mit erstaunlicher Krummwinkligkeit nach unten strebende Beinchen an der Glaswand hinterlässt.
Die Nase ist für mich persönlich ein kleines Träumchen, eine hübsche Melange aus Kokosfleisch, Marzipan, Nougat, Shortbread und Butter. Eigentlich wie ein leckerer Kuchenteig, dazu ein paar zerdrückte Nüsse und dezente Fruchttöne von Aprikosen, Rosinen und Orangen. Von letzterer ist vielleicht noch etwas Zestigkeit da, die das Gesamtbild etwas auffrischt und nicht zu dunkel werden lässt. Ein gewisser Alkoholhauch sollte nicht unterschlagen werden, schnuppert man zu tief, zwickt es etwas in der Nase, aber bei diesem Duft hat man eh wirklich schnell Lust, den Stoff auch zu probieren.
Ein dazu passendes Mundgefühl begrüßt den Verkoster dann auch, süß und mit all diesen Kuchenteigaromen von Marzipan bis Streusel, aber leicht und luftig von der Textur her, gar nicht so schwer, wie man es vielleicht erwarten würde. Sehr süffig und rund, ganz ohne jede Kante, erst im Verlauf bildet sich ganz vorsichtig etwas Würze heraus, die aus den drei zur Reifung verwendeten Holzsorten stammen könnte – aber gar nicht wirklich holzig wirkt. Etwas Zimtschärfe kommt dazu, wärmt zusammen mit den gut gewählten 43% Alkoholgehalt den Gaumen, und bereitet die Leinwand für die so typischen Barbados-Rum-Aromen von Kokosfleisch und Nougatschokolade, unterfüttert von Trockenobst, Honig und Butterscotch, mit minimalen Anflügen von Ledrigkeit und Tabakblättern. Der Abgang ist leicht und eher kurz, hier kommt diese Kokosnote ganz besonders zum Tragen, und etwas Holz taucht dann auch noch auf. Mit ganz milder Anästhesierung und Astringenz klingt der Mount Gay XO dann aus – ein wirklich archetypischer Barbados-Rum, mit extrem hoher Typizität, einfacher Drinkability und einem sehr schmeichelnden Charakter.
Rum dieser Art funktioniert in praktisch jedem Rumcocktailrezept, da muss man nicht groß überlegen. Ich dachte mir, er könnte in einem December Morn durch seine natürlich Süße den sauren Komponenten etwas zusätzlich entgegenstellen, und, was soll ich sagen, das funktioniert prächtig. Ein wirklich hübscher Drink, der mit dem Mount Gay XO Triple Cask nahezu perfekt wirkt.
December Morn 1½oz / 45ml gereifter Rum ½oz / 15ml Apple Brandy ¾oz / 23ml Grenadine ½oz / 15ml Zitronensaft 1 Eiweiß Auf Eis shaken, dry shake. Mit Zimt bestreuen. [Rezept nach Jane Danger]
Die dem Triple Cask namensgebenden drei Fässer waren vorher mit American Whiskey, Bourbon und Cognac belegt (zum Unterschied zwischen „American Whiskey“ und „Bourbon“ verweise ich gern auf die Bourbon-Artikel bei mir). Es heißt nicht, dass das gesamte Destillat in drei Holzarten gereift wurde – es ist nur ein Teil in der jeweiligen Holzart gelagert worden und die Teile werden dann miteinander verblendet. Die gesamte Reifung fand in tropischem Klima statt und dauerte zwischen 5 und 17 Jahren für die einzelnen Blendteile. Das Destillat dafür entstammt einer Fermentation mit Wild- und Zuchthefen von Melasse aus Barbados und „der Karibik“, d.h. man greift auch auf importierte Melasse zurück, wie in vielen Ländern und bei vielen Herstellern, selbst, wenn selbst noch Zucker hergestellt wird; die eigen hergestellte Menge reicht einfach nicht mehr aus. Vier unterschiedliche Brennapparate kommen zum Einsatz, Pot Stills wie Column Stills. Man sieht: Das ist ein wirklich stark durchmischter Blend, da kommt alles zum Einsatz, was die Brennerei an Material und Technik zu bieten hat.
Zu guter letzt gilt es, noch die Geschenkverpackung und das opulente Design anzusprechen. Neben den unzweifelhaften Qualitäten dieses Brands und der aufwändigen Herstellung weckt dieser letzte Punkt sicherlich auch das Interesse von Präsentsuchern – und mit dem sehr guten Preisleistungsverhältnis in Kombination mit dieser geschenktauglichen Verpackung ist der Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum ganz sicher für viele Käuferschichten interessant und kaufenswert. Ich mag ihn einfach, weil er toll schmeckt, mir reicht das als Anreiz.
Ich habe neulich erwähnt, dass mein lokaler Edeka-Markt eine sprudelnde Quelle toller Biere ist. In der Reihe mit den belgischen Bieren, die man dort findet, steht auch das Duo Grimbergen Blonde und Double Ambrée. Doch auch wenn die Aufmachung, die Sprache und die Regaleinsortierung auf belgisches Bier hindeutet, muss man hier vorsichtig sein. Der Hersteller lässt sich auf dem Etikett genüsslich über die Geschichte eines Klosters aus dem Jahr 1128 aus, nur um dann auf dem Rücketikett den kleinen Hinweis zu platzieren, dass das Bier in Polen gebraut ist, unter der Aufsicht des riesigen Carlsberg-Konzerns. Mit einem belgischen Abteibier hat das hier also nichts mehr zu tun, auch wenn es sich so gibt. Bei mir sammelt man mit so einem Marketingmove schonmal Negativkarma, aber ich will das Bier selbst auch probieren, bevor ich mich allzusehr aufrege.
Fangen wir mit dem helleren der beiden Biere an. Das Grimbergen Blonde ist kristallklar im Glas, mit einem der Flaschenfarbe sehr ähnlichen Ton, einer Mischung aus Haselnussbraun und gehämmertem Messing. Schaum ist eher Mangelware, schon beim Eingießen entsteht kaum welcher, und nach einer Weile ist höchstens noch eine Idee davon da. Ordentlich gekühlt gibt es kaum einen Geruch von sich, leichte Getreidetöne vielleicht, ein Anflug von dunkler Frucht, etwas leicht rostige Stahlnägel. Kein Bier, an dem ich lange schnuppern muss.
Das erste was mir auffällt, ist eine sehr unrunde Süßsauer-Balance, das wirkt künstlich, ist es wahrscheinlich auch: der Zusatz von Glukosesirup und karamellisiertem Zucker dient oft der Flaschengärung, hier halte ich es für Panscherei. Auch die Fruchtigkeit wirkt nicht aus Hopfen entstanden, von vorne bis hinten ist die Aromatik seltsam, das beste ist noch der Nelkenton, der hin und wieder durchscheint. Das Mundgefühl und der Alkoholgehalt von 6,7% retten, was zu retten ist, eine schöne Textur und saubere Frische können aber nur ansatzweise verhindern, dass das Bier bei mir vollständig durchfällt – das wirkt wie ein Biermischgetränk, künstlich, falsch, billig gemacht.
Das war ein herber Dämpfer für meine Bierbegeisterung. Dem GrimbergenDouble Ambrée hat man damit eine heftige Anfangslast aufgebürdet. Farblich grenzt es sich von seinem unschönen Vorgänger jedenfalls mal ab – ein dunkles Espressobraun, mit crèmefarbenem Schaum, der nach kurzer Zeit nur noch als feiner Flaum auf der Bieroberfläche bleibt. Geruchlich merke ich kaum einen Unterschied, leichte Getreidetöne, etwas Malz vielleicht, die Stahlnägel sind auch hier vorhanden. Ein Anflug von Röstaromen, aber nur ein Anflug.
Geschmacklich ist hier jedenfalls mal mehr als beim Blonde zu finden, jedoch ist auch hier die pappige, unangenehme Süße vorherrschend und alles andere zerstörend. Malz und Röstaromen kommen etwas nach vorne, bei einem dunklen Bier verzeiht man irgendwie auch die Süße etwas mehr als bei einem Hellen. Dennoch wirkt auch das Double Ambrée leichtkörperig, insgesamt fehlt es ihm trotz der 6,5% Alkoholgehalt an Tiefe, nur die Süße sorgt für etwas Breite und Mundgefühl, aber das ist ingesamt viel zu wenig. Rostiges Eisen und Getreide, mehr ist da auch geschmacklich nicht. Der Abgang bleibt kurz, adstringierend, fast schon klebrig süß. Oh, das ist vielleicht einen Ticken besser trinkbar als das grausige Blonde, aber nur unwesentlich.
Ardet nec consumitur, „verbrannt aber nicht zerstört“, das ist das Motto dieses Biers, das auf die in der Einleitung angesprochene Erzählung des dreimal abgebrannten Klosters Grimbergen anspielt. Also, wegen des Biers hätten sie die Abtei nicht wieder aufbauen müssen, im Gegenteil – manchmal hat das Schicksal schon seine Wege, jemandem zu sagen, dass das Produkt nichts taugt. Caveat emptor wäre das bessere Motto.
Wir sind es gewohnt, uns Lieblinge zuzulegen. Das Lieblingsessen, das nur bei der Oma so schmeckt, wie es soll, oder der Wein, den man durch viel Ausprobieren gefunden hat. Oder der Whisky dieser speziellen Brennerei aus Schottland, der ist die Krönung, der Geschmack ist einmalig und man freut sich darauf, sich abends ein Gläschen davon einzugießen, in der Erwartung genau dieses Geschmacks. Es ist die Arbeit von Masterblendern und Sensorikern bei den Herstellern, sicherzustellen, dass jede Flasche einer Sorte, die man als Kunde kauft, genau gleich schmeckt, heute, und auch nächstes Jahr und das Jahr darauf.
Nun ist das aber sehr aufwändig, und eigentlich nur leistbar, wenn man mindestens halbindustrielle Anlagen hat, das dafür nötige Destillatlager, und das darauf geschulte Personal sowie den finanziellen Background, so ein Unterfangen durchzuziehen. Und, und das ist das entscheidenste, den Willen dazu. Bei Produkten wie dem Los Danzantes Mezcal Añejo ist wahrscheinlich keines dieser Kriterien erfüllt, und darum muss man damit leben, dass unterschiedliche „Lotes“, neudeutsch Batches oder Chargen, auch recht unterschiedlich schmecken können. Die Brenner sehen sich nicht in der Pflicht, jede Abfüllung einer Geschmacksangleichung zu unterziehen, sie benutzen manchmal sogar unterschiedliche Agavenzusammenstellungen, manchmal unterschiedliche Fasshölzer, da würde es eh schwer sein, den Geschmack vom letzten Jahr zu reproduzieren. Und ich verstehe es – ich als Brenner hätte auch keine Lust, mich dauernd zu wiederholen in meiner Arbeit und Rücksicht auf derartige nostalgische Befindlichkeiten zu nehmen. Ein neuer Lote ist wie ein neues Leben, sang schon Jürgen Marcus in den Siebzigern und drückte damit das Lebensgefühl der Mezcaleros in Oaxaca aus. Naja, beinahe zumindest. Darum sage ich nun vorab klar: Ich beziehe mich bei der nun folgenden Verkostungsnotiz auf Lote 11, Flasche 1400 von 1500.
Für Mezcal gibt es ähnliche Alterskategorien wie bei seiner Unterkategorie Tequila – und die Zeiten sind auch identisch. Ein Mezcal Añejo hat also gemäß dieser Regelungen mindestens 1 Jahr im Fass geruht. Auf dem Etikett ist keine genauere Reifedauer angegeben – recherchiert man kurz auf der hervorragend informativen Seite des Importeurs, findet man aber schnell die Information, dass es sich um „bis zu 16 Monate“ handelt. Das Holz der eingesetzten Nevier-, Limousin- und Weißeichenbäume hat in dieser Zeit bereits ganze Arbeit geleistet, was die Farbe angeht – honigfarben, vielleicht etwas blasser. Im Glas schwenkt sich der Los Danzantes sehr viskos, was dicke Beine an der Glaswand hinterlässt, die schnell ablaufen.
Die Nase ist zunächst mildsäuerlich, aber sehr fruchtig, klar agavenlastig. Apfelessig und -saft, Anflüge von Birnen und eine vorsichtige seifige Blumigkeit, die mich etwas an Weichspüler erinnert, ergänzen das. Nur ganz am Rande riecht man Rauch und Röstung, aber keine speckige Komponente, die sonst bei Rauch oft mitkommt. Dunkle Elemente stützen das ganze, geben Volumen und erinnern an Kakao und Toffee, doch insgesamt bleibt die Aromatik hell und leicht.
Das Mundgefühl ist sehr weich im Antrunk, mit einer süßlichen Note. Auch hier tritt die florale Lavendelkomponente von Anfang an stark in den Vordergrund. Im Verlauf wandelt sich dieser Mezcal dann aber stetig hin zum Trockenen, Feurigen, Würzigen, und der Lavendel verliert dann schließlich auch klar gegen die Espadín-Agave. Letztere gibt dann richtig viel weißen Pfeffer und Ingwerschärfe; 46% Alkoholgehalt sind sehr gut gewählt, sorgen für viel Breite und Tiefe. Holz ist natürlich deutlich schmeckbar, aber unterstützt nur, statt zu überwältigen, wie das leicht passieren kann bei fragilen Agavendestillaten. Eine sehr wirksame Schwarztee- oder Lapsang-Souchongnote ist beständig da und bis zum letzten Hauch erkennbar.
Der Abgang ist lang, mildwarm, sehr trocken, sehr aromatisch nach gekochter Agave, milde, fast grün wirkende Holzaromen und eine extrem dezente, aber wirksame Rauchigkeit. Ganz am Ende kommt Wintergrünöl und Jasmin hervor, und letzterer klingt sehr lange nach. Ein sehr kraftvoller, voluminöser und starker Mezcal, dabei handwerklich gut ausgebaut, hier greifen die Komponenten des frischen Destillats und der Holzreifung wirklich passgenau ineinander – ich bin sehr begeistert.
Erneut habe ich mich bei Robert Simonson und seinem sehr guten Buch „Mezcal and Tequila Cocktails: Mixed Drinks for the Golden Age of Agave“ bedient, und mir daraus mit dem The Last Mechanical Art einen Drink herausgesucht, in dem der gereifte Los Danzantes eine der vier gleichberechtigten Rollen übernimmt und zeigt, dass es nicht immer kratzig-rauchige Ergebnisse sein müssen, wenn man Mezcal in einem Cocktail einsetzt, nein, es kann auch dunkelflauschig-aromatisch sein.
The Last Mechanical Art ¾oz / 23ml gereifter Meczal ¾oz / 23ml Cynar ¾oz / 23ml roter Wermut ¾oz / 23ml Campari Auf Eis rühren. [Rezept nach Maks Pazuniak]
Die Flasche ist sehr ungewöhnlich, mit ihren Dellen und dem Bügelverschluss – vor kurzem hat Axel Huhn, der Importeur von Los Danzantes in Deutschland, ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie die Verschlüsse noch von Hand aus Ton hergestellt werden, interessant und bei Facebook auf seiner Seite nachschaubar. Die Etikettierung wirkt edel und vornehm, hält sich aber leider mit Details zurück, was ein Jammer ist – denn zu verstecken gibt es hier nichts, im Gegenteil, man könnte ruhig ein bisschen angeben mit Details.
Ich habe aber bereits die informative Seite von mezcaleria.de angesprochen, die für ihre Produkte diese Details nachliefert, und so erfährt man dort auch, dass dieser Mezcal sehr traditionell hergestellt wird, was bei mir immer gut ankommt. Eine mit Mesquiteholz befeuerte Erdgrube, wilde Hefen, Vergärung in offenen Pinienholzbottichen, eine echte, vom Pferd gezogene Tahona – da versteht man, warum so eine Spirituosenkultur schützens- und unterstützenswert ist, sie ist der Kontrapunkt zu einer seelenlos gewordenen Industrieproduktion, einer Sackgasse, in die wir uns hineinbewegt haben, weil wir immer mehr und mehr wollen, zu immer niedrigerem Preis. Qualität und Tradition werden weniger wichtig als Preis- und Verteilungsstrukturen gesehen, wir sind da in einer Abwärtsspirale, in der sich Konsument und Hersteller gegenseitig verstärken. Es ist wichtig, dass wir als Genießer aus dieser Spirale aussteigen, und die Hersteller dabei mitnehmen. Mezcal hat noch die Chance, diesen Weg mit uns zu gehen: retten wir ihn, bevor auch er abstürzt, er ist kurz davor.
Nachdem ich vor einigen Monaten sehr viel Gefallen am Brauerei Zwönitz Rum Bock gefunden hatte, wollte ich mir natürlich auch noch anschauen, was die sächsischen Brauer aus dem Erzgebirge sonst so zustande bringen. Ein Probierpaket mit verschiedenen Bierstilen, die dort gebraut werden, fand also schnell seinen Weg zu mir. Fünf Flaschen gehörten dazu, die mir einen groben Überblick über das Portfolio der Brauerei Zwönitz geben sollen: Das Feiromd Bier, der Ziegenbock, das Schwarzbier, das Pilsner und das Natur Radler. Ohne viel Rumgerede gehen wir die einfach mal im Detail durch.
Beginnen wir mit dem Zwönitzer Feieromd Bier, wo mich schon der im Dialekt gehaltene Name sehr anspricht – lokale Produkte, lokale Präsentation, das gefällt mir. Auch der optische Eindruck im Glas ist attraktiv, wird dem Untertitel „Rotblondes“ voll gerecht, mit einem Hennarot, das im Gegenlicht wunderbar kristallklar leuchtet. Der Schaum, zunächst üppig, setzt sich etwas auf einen feinen Flaum mit einzelnen Großblasen ab. Unaufgeregt die Nase – leicht malzig, erkennbar getreidig, etwas metallisch, wirkt im Ganzen schön rund und fein. Auch im Mund setzt sich das fort, weich und mild, mit einer wirksamen, unpappigen Süße, die von leichter Säure eingefangen wird und in vorsichtiger Bittere endet. Malzig, feinherb, voluminös und von der Struktur sehr rund und gelungen, ohne große aromatische Highlights, aber toller Rezenz und mit 4,9% wirklich ein Feierabend-Bier – es erinnert mich an ein Altbier. Man merkt, mir gefällt das Feieromd schon wirklich, in seinem klaren Aufbau von Anfang bis Ende, keine Sperenzchen, ein sauberes, schönes, ehrliches Bier.
Wie man von einem Bier dieses Stils erwartet, präsentiert sich das Zwönitzer Schwarzbier (4,9% Alkoholgehalt) schwarzbraun mit rubinroten Reflexen beim Gegenlicht. Schaum bildet sich in schöner Cremafarbe und -struktur. bleibt ein paar Minuten erhalten. Die Nase wirkt einerseits frisch, andererseits dann aber malzig, mit dezenten Röstaromen und einem Anflug von Rauch, insgesamt aber eher zurückhaltend. Die frische Seite taucht im Mund als erstes auf, schöne Säure setzt sich gegen das Malz durch, ergibt ein Bild, das sich deutlich vom optischen Eindruck absetzt. Das attraktive Mundgefühl des Antrunks kippt etwas im Verlauf hin zum Trocken-Bitteren, und verliert dabei deutlich an Volumen, wirkt dann fast wässrig. Der Abgang ist dann sehr kurz, metallisch, nach wenigen Sekunden bleibt nichts übrig. Das ist ein schönes Erfrischungsbier, zum Essen beispielsweise, alleinstehend bleibt es für mich zu einfach und wenig aromatisch.
Der Zwönitzer Ziegenbock hat schonmal eine Farbe, die mir gefällt – schwarzrot, mit nur leichter Transparenz, ich schätze mehr durch die dunkle Farbe als durch echte Trübe. Schaum ist zunächst üppig, sackt in sich dann stiltypisch zusammen. Eine schön malzige Nase mit leichtem Rostton setzt das Bild fort. Etwas röstig, etwas würzig, eine Idee von Speck, aber nur eine Idee. Es beginnt beim Antrunk und setzt sich über die gesamte Verkostung fort – ein herrlich cremiges, fettes, flauschiges Mundgefühl mit einer sanften und dabei doch vollen Textur. Das ist wirklich begeisternd! Die Aromatik ist trotz der Farbe hell, frisch und leicht, mit milden Zitrusanklängen, die sich mit dem dunklen Malz, dem Karamell und den Eindrücken von Ahornsirup und einer Walnuss-Pflaumen-Mischung wunderbar kombiniert. 7,5% Alkoholgehalt sind einem Bock angemessen. Der Abgang ist kurz, süßlich, mildherb und schmeichlerisch. Ein wirklich höchstattraktives Bier!
Das Zwönitzer Pilsner ist kristallklar im Glas, mit kräftigdunklem Gold. Schaum suche ich vergebens, das bisschen, was zu Beginn da ist, ist direkt praktisch komplett verschwunden. Mousseux ist erkennbar, aber eher vorsichtig. Eine Mischung aus Bitterhopfen und Malz begrüßt die Nase, eine deutliche Hefenote liegt darüber. Etwas metallisch, aber das war es dann schon. Im Mund finde ich ein recht typisches Pils, feinherb, nicht zu bitter, mit einer gewissen Klarheit, was die Aromatik angeht. 4,9% Alkoholgehalt verhalten sich unauffällig. Im Verlauf wird es schnell sehr stumpf und metallisch, die Rezenz ist eher mittel, dies hauptsächlich durch eine kräftige Säure. Im Abgang mittellang, leicht blumig und schnell vom Gaumen verschwunden, etwas Bittere verbleibt. Ein eher mäßig spannendes, wenig begeisterndes Pils ohne jedes Highlight, wobei ich sagen muss, dass ich eh kein großer Freund dieses Bierstils bin.
Das eben besprochene Pils findet dann hälftig auch seinen Weg in das Zwönitzer Natur Radler, das zur anderen Hälfte aus einer vielzutatigen Zitronenlimonade besteht – 2,4% Alkoholgehalt bleiben dadurch übrig. Die Limo sorgt wohl für etwas Trübung und Aufhellung im Vergleich zum Pils. Ein sehr grobblasiger, knisternder Schaum zerplatzt schnell auf eine dünne Schicht. Sowohl geruchlich als auch geschmacklich dominiert klar die Limonade, da ist viel Zitrone, schöne Bittere, ein insgesamt frisch und sauerbitter wirkendes Radler – sowas schätze ich, denn die meisten Fertigradler aus Flasche und Dose sind mir viel zu süß, da ist das Zwönitzer eine echte Wohltat. Im Abgang erkennt man noch schön ein hopfiges Bier. Ein wirklich gelungenes Radler, das allerdings für meinen Geschmack doch noch etwas mehr vom Pils erhalten könnte.
Man sieht, das Paket hat mich zwiegespalten, aber von einem Brauer zu verlangen, dass jedes Bier, das er macht, meinem persönlichen Geschmack entspricht, ist natürlich viel zu viel verlangt. Mir bleibt im Gedächtnis, dass der Ziegenbock, das Feiromd Bier und natürlich der früher schon besprochene Rumbock richtig gute Biere sind, die mir viel Freude gemacht haben, und die ich gerne weiterempfehle.
Wir sind in Europa lange Zeit auf eine Standard-Trinkstärke von 40% getrimmt worden. Das war für viele Whiskies, Rums, Wodkas und andere Spirituosen völlig normal, alles drüber wurde schon mit Argwohn betrachtet und mit einem „huihuihui, der ist aber stark“ kommentiert. Heute ändert sich das selbst für Massenmarktprodukte, da sieht man immer häufiger 42%, und im Kennermarkt hat aktuell alles unter 46% einen schweren Stand, da ist die Alkoholstärke das erste, was angemeckert wird, oft noch bevor das Produkt selbst probiert wird, der eine oder andere nimmt inzwischen zu oft einfach an, dass etwas mit 40% ganz selbstverständlich nichts taugen kann. Was nicht wirklich stimmt.
Für ungereiften Rhum agricole gibt es zwar auch Abfüllungen mit einer Trinkstärke von 40% (das Minimum, das zum Beispiel auf Martinique und Guadeloupe erlaubt ist), doch der Standard ist eigentlich 50%. Man sieht das deutlich in französischen Supermärkten, die meistens eine erkleckliche Auswahl des Zuckerrohrsaftrums aus den eigenen DOM/TOMs aufweisen – die Literflasche mit Rum mit 50% gibt es überall, meist von verschiedenen Herstellern, alles schwächere und stärkere ist eher die Ausnahme. Ich habe mir in so einem Supermarkt zwei Standardabfüllungen guadeloupischer Brenner ausgesucht: Rhum Bologne 50% und Montebello Rhum Agricole 50°. Die beiden sollen mir als erste Baseline dienen, um meinen Gaumen langsam für die Reise nach Guadeloupe, die Ende Juni 2022 für mich mit dem Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles ansteht, vorzubereiten – ich finde es immer gut, eine gute Grundlage mit Basisprodukten aus der Region zu haben, einfach um aufwändigere und seltenere Bottlings besser einordnen und wertschätzen zu können. Und gerade bei Rhum agricole sind Basisprodukte meist bereits von erstaunlicher Qualität. Lassen wir die beiden Destillierien, die ich dann auch besuchen werde, mal durch ihre Destillate sprechen.
Fangen wir mit dem Rhum Bologne 50% an. Die Distillerie Bologne befindet sich im Südwesten Basse-Terres, der Hauptinsel Guadeloupes – noch, sie ziehen demnächst, nach 300 Jahren am Ursprungsort, um. So zumindest die Meldung, die die Destillerie vor kurzem auf Facebook veröffentlichte. Ja, es war der 1. April, und ich bin drauf reingefallen. Auf den Schreck hin betrachte ich den Brand besonders genau, doch da gibt es nichts zu mäkeln: glasklar, mittlere Viskosität beim Schwenken, eine dünne Linie bleibt dauerhaft an der Glaswand stehen, selbst nachdem die entstandenen Beine nach unten abgelaufen sind.
Die Nase ist sehr attraktiv, fruchtig und frisch, expressiv und kraftvoll, ohne dabei zu stechen oder zwicken. Tropische Früchte, reife Ananas, etwas grüne Banane, Guaven und Mango rieche ich da, in angenehmem Maß – da wird man nicht von Fruchtestern erschlagen, sondern mit einem runden, weichen, sauberen Duft beglückt. Volle Zuckerrohrpower, trotz der Fruchtigkeit klar und pointiert, ohne schmutzige Destillationsartefakte, gemacht von einem Brennmeister, der die Tails klar abschneidet.
Die wunderbare Tropenaromatik geht auch im Mund direkt weiter, ein bunter Obstsalat aus Ananas, Mango, Banane und anderen Früchten, mit einer sehr ausgeprägten, aber dazu passenden, natürlichen Süße. Dass die Textur schön weich und voll ist, trägt zusätzlich zu einem initialen Mundgefühl bei, bei dem man den Sprit eigentlich gar nicht mehr aus dem Mund lassen will – 50% Alkoholgehalt sind zu keiner Sekunde auch nur erahnbar. Im Verlauf kommt ganz milde Würze auf, die sich gegen Ende zu einem leise wallenden Feuer steigert, aber auch hier ohne jede Kratzigkeit. Der Abgang ist mittellang, sehr sauber, mit einem Anflug von einem floralen Abstecher in den Tropengarten, mit Jasmin, Frangipani und Orangenblüte. Ganz dezente Bittere zusammen mit der Blumigkeit liegt noch lange auf der Zunge. Ein Rum, der wirklich richtig viel Spaß macht, komplett unkompliziert, unterhaltsam, mit aromatischer Wucht und ohne Ecken und Kanten. Wirklich richtig gut gemacht, muss ich sagen.
Gehen wir über zum zweiten Kandidaten des Tages, dem Montebello Rhum Agricole 50°. Es findet sich hier auch die Alkoholgehaltangabe in Prozent auf dem Etikett, doch die frankophonen Guadelouper bezeichnen ihren Sprit normalerweise mit der in Frankreich üblichen „°“-Notation („degrés“). Rein optisch unterscheiden sich die Brände hier nicht, dieselbe dezente Schwere beim Schwenken, das leuchtende Kristall, höchstens das Beinlaufen ist minimal anders, aber nicht weniger hübsch zu betrachten.
Geruchlich kann man aber beim Montebello etwas ganz anderes wahrnehmen, er wirkt sehr viel weniger fruchtig, hat dafür eine leicht kräuterige Note, mit einem Touch von getrockneten Gewürzen. Wassermelonenschale, oxidiertes Kaffeepulver, ein Anflug von Ethanol – insgesamt wirkt dieser Rum sehr viel zurückhaltender und stiller, im direkten Vergleich klar aromatisch ärmer, ohne ins Neutrale zu gehen dabei.
Im Mund ist das dann anders, hier kommen Zitrus- und andere helle Fruchtnoten zum Vorschein, direkt mit kräftiger Würze, die fast schon salzig wirkt, mit einer meiner Ansicht nach deutlich höheren Komplexität als der Bologne, und mehr Feuer und Charakter. Zimt und Leder, Vanille und Mandeln, alles nur in höchst subtilen Anflügen, mit starker Papaya- und Guavenfrucht. Der Abgang ist wieder leicht blumig, mit Nachklängen von getrockneten Gewürzen und einer aparten Mischung aus Bittere und Trockenheit. Ganz anders, aber in keiner Form schlechter – spannend!
Ungereifter Rum ist eigentlich die Cocktailzutat schlechthin, der Archetyp aller Mixspirituosen. Meist ist Melasserum das Mittel der Wahl, doch diese kräftigen Zuckerrohrsaftrums von Guadeloupe können in einem Drink so richtig „Alarm machen“, wie man heutzutage scheinbar sagt. Im Tropic of Cancer gibt der Montebello 50° beispielsweise richtig Feuer und Würze, da muss sogar der sonst so dominante Campari sich warm anziehen, dass der Rum ihm noch Chancen lässt, durchzukommen.
Tropic of Cancer 1½ oz / 45ml ungereifter Rhum Agricole 1 oz / 30ml Campari ½ oz / 15ml Passionsfruchtlikör 1 Prise Salz Auf Eis rühren. [Rezept nach Chad Austin]
Da wir schon beim Mixen sind – rhum arrangé ist eine sehr beliebte Spezialität vieler französischsprachiger Gebiete. Dazu legt man einfach Obst und/oder Gewürze in ungereiften rhum agricole ein und lässt das ganze eine ordentliche Weile ziehen. Ich habe das mit Guaven gemacht, Rhum Bologne wegen der Fruchtigkeit des Destillats hergenommen, und das ganze für 6 Wochen stehen lassen. Keine Angst, da wird nichts schlecht, im Gegenteil, der Rum nimmt diese supertropischen Aromen und den rosa Farbton der Guave an, kombiniert mit der eh schon tollen Struktur ergibt das einen herrlichen Drink für den Sommer. Nur darauf achten, dass die Guaven reif sind (die Schale ist dann gelb und riecht sehr stark nach einer Mischung aus Teer und Frucht).
Die Flaschenformen an sich sind völlig unspektakulär, bei diesem Preisgefüge (ich habe ungefähr grob 18€ pro Literflasche bezahlt) auch voll verständlich, dass da kein überflüssiger Cent reinfließt – Blechschraubverschluss inklusive. Ich finde es unterhaltsam, dass beide Brennereien ein Segelschiff als Logo auf die Etiketten drucken, das ist schon etwas klischeehaft, aber gut, es ist so ein feel-good-Bild, das bei Kunden wahrscheinlich einfach gut ankommt.
Es ist einfach interessant zu sehen, dass diese zwei Rums, die auf derselben Insel und unter derselben ggA hergestellt werden, doch so unterschiedlich sind, aber beide auf ihre jeweilige Art und Weise sehr gut hergestellte, aromatische und dabei süffige Rums sind, die viel Spaß machen, insbesondere wenn man dazu in Betracht zieht, was sie kosten. Ich für meinen Teil habe nun eine gute Basis für die kommende Reise nach Guadeloupe, und werde natürlich nach der Rückkehr über die Destillerien und Menschen berichten, die ich dort getroffen haben werde!
Hier in Saarbrücken ist es inzwischen überraschend einfach geworden, qualitativ hochwertige Nischenbiere in Supermärkten zu bekommen – besonders Edeka tut sich da hervor, die Märkte hier sind besser ausgestattet als viele auf Bier spezialisierte Läden. Manches kriege ich da aber noch nicht, da greife ich dann bei Auslandsausflügen gern zu, wie hier beim Straffe Hendrik Brugs Tripel Bier und Brugs Quadrupel, das ich bei meiner letzten Brüsselreise flugs eingepackt hatte. Ich erwähne es aus Bildungsauftragsgründen gern öfters bei der Besprechung belgischer Biere: der Reinheitsgebotsfreund liest „Kandiszucker“ als Zutat und ist vielleicht verschreckt – muss er nicht sein, das dient der Flaschengärung, die Hefen, die diese Arbeit tun sollen, dürfen schließlich nicht direkt verhungern sondern brauchen einen Snack. Ich jetzt auch und gieße mir das erste Bier ins Glas.
Wie man es lernt, trinkt man von leichter nach schwerer, also fangen wir mit Straffe Hendrik Tripel an (das ist dann natürlich sehr relativ zu sehen, ein leichtes Bier ist auch das nicht). Volltrüb mit einer fast schon Terracotta-ähnlichen Farbe steht das Bier im Glas. Der Schaum, der sich beim Eingießen bildet, ist stabil und eher großblasig, er setzt sich nach ein paar Minuten leicht ab, bleibt aber zentimeterdick über die ganze Trinkdauer. Die Nase ist mildhopfig, hefig, leicht getreidig. Belgische Biere haben oft eine Trinktemperaturempfehlung, die verhindert, dass unser Riechkolben viele Aromen wahrnimmt. Man ahnt aber schon, in welche Richtung das Bier gehen wird.
Und ja, es trifft zu. Deutlich säuerlich, ohne wirklich in die Sauerbierrichtung zu gehen, mit kräftiger Herbe direkt von Beginn an. Leicht getreidig, mild süßsauer, jedenfalls ohne Zweifel ein Bier mit Charakter, das sich nicht anschmiegt. Eine sehr hübsche Textur lässt ein bisschen „Kauen“ auf dem Bier zu, cremig und voll, und das in Kombination mit der sehr ausgeprägten Frische macht das Straffe Hendrik Tripel komplex in seinen Effekten. Leicht blumige Jasmintöne und würzige Nelken tauchen im Verlauf auf, der Nachhall bleiben diese erhalten und werden durch Getreidenoten ergänzt.
Das Tripel ist ein recht kantiges Bier, das mich in seiner Vielschichtigkeit erfreut – jedenfalls etwas, an dem sich ein Verkoster eine Weile abarbeiten kann. Mit 9% Alkoholgehalt hat man einen weiteren Grund, beim Trinken langsam zu machen. Hm, davon hätte ich doch mehr als eine Flasche mitbringen sollen. Naja, beim nächsten Mal!
Aber ich habe ja noch das Straffe Hendrik Quadrupel, um diese Zeit zu überbrücken. Ein paar Wochen später landete es dann auch in meinem Glas. Da es ja keine offizielle Regelung dafür gibt, mit welchem Alkoholgehalt welche Bezeichnung aufs Etikett muss, nennt man das Bier „Vierfach“, um den sehr üppigen 11 Volumenprozent Rechnung zu tragen. Das ist sicher nichts für jeden und auch nicht für jede Gelegenheit, sondern eher was für die ruhigen Minuten für den Freund des Starkbiers.
Optisch ist das ein herbstliches Bier – dunkelbraun und blickdicht, das erinnert mich an das Laubhaufen im Garten, insbesondere, weil der leicht bräunliche, cremafarbene Schaum auch so dazupasst. Letzterer hält sich lang und ist superfein. Die Nase wehrt sich nicht gegen die Herbstassoziationen, dunkles Malz dominiert, reife Mango und eine Mischung aus Ananas und Banane zeigt die sehr milde, aber hochgradig wirksame Hopfung. Sehr aromatisch und zum Trinken einladend!
Auch beim Quadrupel ist eine Säure vorhanden, die aber im Vergleich zum Tripel deutlich milder daherkommt, einfach, weil sie in eine richtig fette süße Cremigkeit eingebettet ist. Die Textur ist fast wie ein griechischer Joghurt, dabei aber durch die hohe Karbonisierung immer noch frisch. Das Malz beherrscht den Geschmack, leichte Röstaromen, Milchkaffee, Walnüsse, aber mit einer erkennbaren Dunkelschokoladebittere, die sich verdammt gut mit der Süße kombiniert. Hier hat man fast alles, was die Zunge schmecken kann, süß, sauer, bitter, und sogar einen Touch umami. Der Abgang ist frisch, frech, hier gewinnt die Säure ein bisschen, aber bleibt rund und fein.
Das ist ein Bier! Wow! Mir bleibt nichts als jedem Leser dringendst zu empfehlen, das mal auszuprobieren, an dem stimmt einfach alles. Das Straffe Hendrik Quadrupel rutscht ohne Mühe nach ganz weit oben in meiner persönlichen Liste der Lieblingsbiere.
Ich für meinen Teil weiß, dass ich bei der nächsten Belgienreise weitere Varianten und noch ein paar Ersatzflaschen des Tripels und Quadrupels aus dieser Brauerei suchen werde.
Ich musste zweimal hinschauen, und dann nachschlagen. Die offizielle, moderne Schreibweise für sowohl die Pflanze als auch den aus den Früchten der Pflanze gebrannte Schnaps ist „Wacholder“, mit einem „h“. Dass auf dem Etikett des Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ diese Bezeichnung mit zwei „h“ geschrieben wird, liegt daran, dass man es so in Westfalen als Zeichen der Tradition mit der Rechtschreibung von vor 1908 beibehalten will, nun, wems gefällt. Die eigentlich viel wichtigere, große Frage, die sich viele stellen werden: Was ist der Unterschied zu Gin? Zunächst ist es der Alkoholgehalt, der gesetzlich bei einem Wacholderdestillat nur mindestens 30% betragen muss – bei Gin sind es 37,5%. Während einer Verkostungsrunde beim ISW 2021 musste ich klar feststellen, dass niedrigprozentige Produkte dieser Kategorie es schwer haben, im direkten sensorischen Vergleich mit Hochprozentigem standzuhalten, Alkohol ist einfach ein Geschmacksträger. Beim vorliegenden Brand besteht diese Gefahr aber nicht – mit 66% Alkoholgehalt hat man ordentlich was vorgelegt.
Noch ein kleiner Unterschied besteht: Beim Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ legt man sich toskanische Wacholderbeeren in einen neutralen Roggenbrand ein und destilliert dies nach etwas Mazerationszeit in Kupferbrennanlagen. Ganz ohne Kardamom, Zitronenzeste, Koriandersaat und Fenchelblätter, nur Wacholder eben. Bei beiden, Wacholderdestillat und Gin, sollte der Wacholder die vorherrschende Aromatik liefern, es sind aber rechtlich bei beiden auch andere Kräuter erlaubt; bei einer „Spirituose mit Wacholder“ ist zumindest der Drang gefühlt etwas größer, sich mit Alternativaromen zurückzuhalten, im Gegensatz zu Gin, bei dem es heutzutage ja sogar Pflicht zu sein scheint, den Wacholder unter all den Bergamotte-, Salbei-, Enzian-, Kamille- und Sonstwelchenkräutern (je mehr, desto besser, meinen viele Hipsterbrenner) komplett untergehen zu lassen. Genug geschimpft, raus mit den negativen Gedanken aus dem Kopf, rein mit dem sauberen Destillat ins Glas!
Klar und rein, farblich gibt es zum Glück nichts Unerwartetes zu berichten. Das schwappt sich gut hin und her, man erkennt leichte Viskosität, bei diesem Alkoholgehalt ist das nicht ungewöhnlich. Der Film, der dabei an der Glaswand entsteht, fließt gemächlich in dicken Beinen ab.
Die Nase ist das, was man sich von Gin erwartet – und es ist nichtmal ein Gin, aber von einem Wacholderdestillat erwarte ich mir eben auch genau das. Wacholder, en masse, die helle Säure frischer Beeren, aber auch die Würze getrockneter, die man zum Braten gibt. Leichte Harzigkeit, und dazu der Geruch der Zweige, diese nasse Holzigkeit, die auch Thymian- oder Rosmarinzweige haben. Eine leichte Alkoholspitze ist da, die sich mit etwas frecher Zestigkeit verbindet und in der Nase kitzelt. Dazu kommt noch etwas Frucht, Birne, Heidelbeere, Kirsche, und ein Anflug von Nelken und etwas Heu. Und das alles nur aus dem Destillat und Wacholder! Man sieht, wenn man sein Handwerk beherrscht, werden viele Botanicals, die modernen Gin durchfluten, unnötig.
Im Mund ist diese holzig-trockene Note direkt von Anfang an da. Die Textur ist schmeichelnd und weich, flauschig schon, sehr breit und tief. Leicht salzig fühlt es sich an, wenn man den Eversbusch’s 66 durch den Mundraum gleiten lässt, trotz der 66% ist das ohne Schwierigkeit machbar. Wacholder ist natürlich aromatisch sofort dominant, die Beeren, aber auch die Äste, an denen sie wachsen, man meint wirklich, in einen frisch geernteten Wacholderzweig mit ein, zwei Beeren daran zu beißen. Diese milde Harzig- und Holzigkeit ist sehr charaktervoll, wird durch die Eindrücke von ätherischen Zitrusölen und attraktiver Bittere ergänzt. Im Verlauf baut sich immer stärker Würze und Feuer auf, da glüht der Gaumen, aber völlig ohne Kratzen oder Beißen.
Der Abgang ist dann von einem frischen Eiseshauch beherrscht, das zuvor vorhandene Feuer kehrt sich in angenehme Kühle um, die Zungenspitze ist anästhesiert und friert regelrecht. Wacholder klingt lange mit, leicht holzig, leicht würzig, man kann das alles, was man zuvor schon hatte, nun nochmal revue passieren lassen. Mit einem Anflug von Hyazinthen-Floralität endet die Verkostung.
In den Diamond Head gehört normalerweise Dry Gin. Mit dem 66er-Eversbusch wird aus dem netten Aperitiv-Drink ein Knaller, der schnell zu Kopf steigt, aber man kann einfach nicht aufhören zu trinken. Diese tolle Mischung aus Zitrus (wer noch nie Amalfi-Zitronen probiert hat – in diesem Drink explodieren sie geradezu!) und Kräuter wird nur vorsichtig durch die Aprikose gebremst. Höchstkomplex und aufregend – mit den richtigen Zutaten ein Hammer.
Diamond Head 2oz / 60ml Dry Gin 1oz / 30ml Zitronensaft ½oz / 15ml Apricot Brandy 1 Teelöffel Zuckersirup 1 Eiweiß Auf Eis shaken. [Rezept nach unbekannt]
Besonders ist das Behältnis, in dem man den Doppelwachholder 66 bekommt – ein hübscher Steingutkrug macht in der Heimbar immer was her. Man kann unterschiedliche Größen davon bekommen, 35cl und 70cl hat der Hersteller im Angebot, beides jeweils auf 666 Exemplare limitiert, erkennbar an der von Hand eingetragenen Nummerierung (117 bei mir). Da dies bereits die zweite Auflage ist (die erste erschien 2019, diese zweite 2020), muss man nicht völlig verzweifeln, wenn man gerade nichts davon bekommen kann, ich gehe davon aus, dass es auch eine dritte Auflage geben wird, wenn die zweite ausverkauft ist. Und zugreifen sollte der Wacholderfreund hier ganz sicher, die Klarheit und Sauberkeit ist ganz besonders für den Ginfreund von Wert, der mal prüfen will, was das Kraut so ganz alleine kann, ohne Unterstützung von anderen Botanicals. Ich verspreche, die Flasche wird nicht einstauben!
Der moderne Spirituosenfreund ist oft sehr interessiert an den Details des Produkts, das er vor sich in der Flasche hat. Natürlich gibt es immer noch die Mehrzahl der Menschen, die hauptsächlich agnostisch trinken, doch die Gruppe derer, die bewusst und interessiert genießen, wird größer. Und ich hoffe, mit meinem Blog dazu beizutragen, dass Alkoholagnostiker weniger werden und zum einzig wahren Glauben des Schnapstheismus konvertiert werden können. Es gibt viele Abfüller, die diesen Trend vorantreiben, und auch bei ihren Abfüllungen immer detaillierter werden mit Informationen, was sich eigentlich in der Flasche befindet, wie es hergestellt wurde, teilweise sogar mit chemischen Details und Illustrationen von Brennanlagen. Da geht mir persönlich das Herz auf.
Doch es ist ein junger Trend, ein sehr junger. Das sieht man an älteren, aber immer noch vergleichsweise neuen Abfüllungen wie der des Silver Seal Demerara Enmore 2002. Das Etikett ist ein Jammer. Abseits des offensichtlichen Fehlers, dass diese Spirituose niemals 2002 in der heute schon legendären guyanesischen Enmore Distillery gebrannt worden sein kann, weil diese Destillerie da schon ein paar Jahre geschlossen war, sagt es auch nichts über die für heutige Rumfreunde wichtigen „Marks“, die Details über den Brand mitteilen. Nichteinmal das Jahr der Abfüllung ist angegeben, und so muss man aus anderen Quellen herauslesen, dass es wohl 2014/2015 war und der Rum somit 12 Jahre gereift ist; da er in Schottland abgefüllt wurde, gehe ich auch von kontinentaler Reifung davor aus. Immerhin ist die für eine limitierte Abfüllung wichtige Flaschennummer auf dem Rücketikett zu finden, ich habe Flasche 329 von 600. Das soll mich aber nicht davon abhalten, den seltenen Rum aus meiner Lieblingsdestillerie nun einzugießen und für Euch zu verkosten.
Optisch beeindruckt der Silver Seal jedenfalls, wie er stark und fett im Glas steht, mit einer tollen leuchtenden terracottarotbraunen Färbung und einer dicken, öligen Struktur, die schon fast sirupartig wirkt beim Schwenken. Ähnlich viskos ist das Glaswandverhalten, da bilden sich Adern und Beinchen und erinnern fast an eine strukturierte Tapete.
Der Geruch ist voller Honig, verbranntem Zucker, Butter, Nougat und Shortbread, aber auch Trockenblumen und zerriebenen Heidekraut. Es erinnert etwas an lang gereiften, nussigen Sherry. Eine leichte Anisnote kommt dazu, Aprikosen und Bananen. Marzipan und Menthol gehen über in eine Idee von Lack, mit mildem ethanolischem Stechen. Da ist noch etwas würziges, erdig-fleischig-pilziges, das für mich sehr schwer zu definieren ist, leicht ledrig wirkt. Man sieht schon an den sehr unterschiedlichen Eindrücken: das ist ein komplexer, spannender Rum.
Der Antrunk ist extrem süß, voll und breit. Auch hier dominieren noch Honig und Marzipan, zusammen mit dem cremig-öligen Mundgefühl hat man da echt was im Mund. Im Verlauf kommt die erdige Komponente stärker zum Vorschein, das ist fast wie ein Trockenpilzragout, und wenn man auf den Ärmel der Wildleckerjacke beißt. Sehr ungewohnt, umami, fast schon salzig, sehr bitter und nur halbtrocken. Insgesamt hat man das Gefühl, eine herbe, dicke Markknochenbrühe mit Honig zu trinken – das ist spannend, aromatisch, toll.
Ja, natürlich könnte man etwas herablassend die 46% anmeckern, da ginge sich noch mehr mit, sagen wir, heute bei derartigen Abfüllungen gar nicht unüblichen 55% oder noch mehr, aber trotzdem gibt sich dieser Enmore hier eigentlich keine echte Blöße deswegen. Der Abgang ist sehr mentholig, eiskalt, mit langem, aromatischen Nachhall, und hinterlässt eine Textur im Mund, auf der man noch eine Weile herumlutschen und -kauen kann.
Es fällt manchen auch heute noch schwer, teure Spirituosen (und, wenn man ehrlich ist, geht es genau darum – nicht um die Qualität) in Cocktails einzusetzen. Die Schreihälse, die Höllenqualen für die Single-Malt-Vermischer fordern, werden aber immer weniger, und ich habe kein Problem damit, auch Rums wie diesen in einen Brass Rail zu mixen. Ein guter Basisrum tut natürlich auch seine Dienste, aber der kleine, feine Kick aus besonderen Rums macht eben auch den Cocktail besonders.
Brass Rail 1⅔oz / 50ml gereifter Rum ½oz / 15ml Bénédictine ½oz / 15ml Zitronensaft ⅓oz / 10ml Zuckersirup ½ Eiweiß 1 Spritzer Angostura Auf Eis shaken. In ein Glas abseihen, mit etwas Zimt bestreuen und mit Zitronenzeste garnieren. [Rezept adaptiert nach Tony Abou-Ganim]
Heutzutage sieht man im Rumgeschäft diese bauchige Flaschenform in der dunkel getönten Farbe sehr häufig, besonders der italienische Edelabfüller Velier hat sie sich als Markenzeichen zueigen gemacht, ich mag sie einfach aufgrund ihrer Kurven – eine tolle Flasche. Der Korken zeigt mir erneut, warum ich auch bei hochwertigen Abfüllungen immer für einen Plastikkorken bin, das Abbrechen des Stöpsels, das folgende Herumgeziehe mit einem Korkenzieher und das Gebrösele am Schluss ist echt kein Spaß. Das silberne Siegel, das man um den Flaschenhals legte, ist schließlich natürlich dem Namen des Abfüllers gedankt.
Für mich ist Enmore so ein Name, der immer einen leichten Schauer über den Rücken laufen lässt (wer sich für Details zu den Hintergründen dieser Destille interessiert, dem empfehle ich die Lektüre von Marco Freyers herausragendem Essay über Guyana-Rum, ich bezweifle, dass jemand weltweit mehr über diese Art Rum weiß als Marco). Ich bedauere sehr, dass ich zu spät in die Spirituosenwelt eingestiegen bin, um die guten alten Stöffchen aus dieser Brennerei noch zu akzeptablen Preisen und in vielen Varianten bekommen zu können, in den 1990er-Jahren wurde das einem praktisch nachgeworfen – die aktuell verkauften Brände von dort, oder selbst die „nur“ der einzigartigen hölzernen Brennanlage entlaufenen, die auch heute noch bei DDL betrieben wird, sprengen mein Budget und meinen Zahlungswillen bei weitem. Um so erfreulicher, dass ich diese Flasche noch für den guten Preis von knapp 100€ beim örtlichen Spirituosendealer erwerben konnte, eine durchaus akzeptable Kirchensteuer für mich als Messdiener in der Schnapstheismus-Kirche. Der eine oder andere hätte die Flasche sicherlich als Wertanlage in den Keller gesperrt – da bin ich allerdings hart, die wahren Rumfreunde trinken ihre gute Ware und spekulieren nicht damit!
Er ist Mitgründer der größten Kronkorken-Datenbank der Welt, ein toller, extrem fachkundiger Kollege und ein sehr netter Mensch – mein Freund Gunther hat das Vergnügen, nun in Rente zu gehen. Zum Abschied ließ er uns noch ein kleines Paket da, damit wir uns gut an ihn erinnern, und natürlich war Bier darin, von Bierfreund zu Bierfreund sozusagen das einzig vernünftige Geschenk. Ich hatte aus dem Nachlass schon das Brauerei Kaiser Ur-Trunk 1783besprochen, hier folgt nun der zweite Streich: Das Gute Mönchsambacher Lagerbier aus der Privatbrauerei Zehendner im namensgebenden Ort Mönchsambach im oberfränkischen Landkreis Bamberg besteht seit 1808 und befindet sich seit 1938 in Familienbesitz. Für Selbstabholer (wie Gunther, der es dort abgeholt hat!) gibt es alle Sorten als Flaschenbier, sowie Lagerbier im Fass in den Größen 15, 20 und 30 Liter.
Im Glas ist das Bier naturtrüb, sehr hübsch opalisierend, ohne blickdicht zu werden. Ein mildes Ocker mit schöner weißer, gemischtblasiger Blume, die ausdauernd auf dem Bier steht. Vereinzelte Bläschen finden ihren einsamen Weg nach oben. Sehr hefig duftet es, hier riecht man, was das Auge schon wahrgenommen hat – die Naturtrübe kann man nur selten so ausgeprägt erschnuppern wie hier. Leichte Malzigkeit, frischer Bitterhopfen, eine fast schon fleischige Bratennote kommt dazu, die das Bier besonders macht.
Superflaumig im Mund, cremig und für ein Lagerbier richtig fett in der Textur. Trotzdem wirkt es klar und hell, mit einer verrückten Mischung aus Hefe, Hopfen und dieser ungewöhnlichen, umami-ähnlichen Fleischigkeit. Das klingt verrückt, aber mir fällt im Moment kein besserer Begriff dafür ein. Mit einer leichten Tendenz zur Säure wirkt das Bier frisch, die Karbonisierung kitzelt auf der Zunge. Ein erneut hefiger Abgang, deutlich, aber nicht kratzig bitter, edelherb und mit knackiger Kante klingt das Bier aus. 5,5% Alkoholgehalt sind gut eingebunden und wirksam eingesetzt.
Ein sehr interessantes Bier, erdig, bodenständig, charakterstark und ungewöhnlich. Das trinkt sich süffig, aber nicht zu leicht, und macht mir richtig viel Spaß. Danke, Gunther, dass Du uns ein paar Flaschen davon von Deinem Frankenausflug mitgebracht hast!