Südamerikanische Detailverliebtheit – Pisco Portón Mosto Verde Torontél

Es war ein hochinteressantes Gespräch, das ich da mit Johnny Schuler, dem Meisterbrenner der peruanischen Hacienda La Caravedo, in einer Brüsseler Kneipe bei belgischem Bier geführt habe. Er erzählte mir mit leicht leidendem, aber ebenso stolzem Gesichtsausdruck davon, dass peruanischer Pisco die wahrscheinlich höchstregulierte Spirituose der Welt ist, und dass diese Regelungen in ihrer Kleinteiligkeit und Konsequenz auch einen Brenner an die Grenzen des Wahnsinns führen können. Ein Piscobrenner darf praktisch nichts, was für andere Destillateure eigentlich selbstverständlich ist – gebrannt wird direkt in einen sehr engen Zielalkoholgehaltskorridor (38%-48%), es ist kein Zusatz von Wasser oder sonstetwas später erlaubt. Reifung in Holz ist verboten, nur eine dreimonatige Ruhephase in Stahl- oder Glastanks ist verpflichtend. Vier aromatische und vier nicht-aromatische Rebsorten dürfen genutzt werden. Dazu kommt, dass in einer Anlage, in der Pisco gebrannt werden soll, keine andere Spirituose hergestellt werden darf – Johnny erzählte mir, dass dies für kleinere Brenner ein echtes Problem darstellt.

Er weiß, wovon er redet, in seiner Zweitkarriere als Meisterbrenner (in Südamerika kennt ihn jedes Kind, da er vorher ein großer TV-Star mit eigener Fernsehsendung war) verantwortet er die Herstellung einer der größten Piscomarken in der laut eigener Aussage ältesten Destillerie in ganz Amerika. Stellvertretend für seine unterschiedlichen Piscos stelle ich heute den Pisco Portón Mosto Verde Torontél vor. Mosto Verde ist eine der möglichen Typen bei Pisco, der Fermentationsprozess wird dabei vorzeitig unterbrochen, und so bleibt einiges an Fruchtzucker im Most, den die Hefen nicht aufessen und umwandeln – was sich idealerweise in der Charakteristik der Spirituose später nach dem Destillieren als besondere Fruchtigkeit erhalten bleibt. Torontél ist eine der erlaubten aromatischen Rebsorten, was dies zusätzlich unterstützen wird, rein von der Theorie her. Probieren wir es aus!

Pisco Portón Mosto Verde Torontél

Peruanischer Pisco darf also, wie erwähnt, im Gegensatz zu seinem chilenischen Gegenpart nicht in Holz gereift werden – man erwartet also keinerlei Färbung, findet sie natürlich auch nicht. Nur leichte Trägheit sieht man beim Schwenken, ein vieladriger Film bildet sich an der Glaswand, erinnert mich irgendwie an die von Venen durchzogenen Muskeln des späten Sylvester Stallone (man vergebe mir diese etwas seltsame Assoziation, aber manchmal kann ich nichts dagegen machen).

Sehr viel weniger brachial kommt die Nase daher – da findet sich ein wunderbarer, hübscher Blüten- und Fruchtteppich, initial leicht zitrussig angehaucht. Limettenschale, ein Ticken Bergamotte, gefolgt von noch nicht reifen tropischen Früchten, Guaven vor allem. Lavendel und Ansätze von Rosmarin läuten die blumige Seite ein, süßliche Blütenaromen zunächst, mit etwas Offenstehzeit bilden sich auch würzigere Komponenten heraus, Nelken und Kardamom, die die Blüten mit Volumen unterfüttern, ohne sie verdrängen zu können. Zuletzt entdeckt man auch noch eine ganz schwache Ethanolnote, die aber nicht zwickt.

Pisco Portón Mosto Verde Torontél Glas

Der Antrunk ist eine süßwürzige Mischung, da wird direkt die Stimmung gesetzt: im Gegensatz zu vielen Weinbränden, die nach einer tollen Nase nicht im Mund gleichstark folgen können, ist hier die Zunge beschäftigt. Dunkler und rauher als die Nase das angekündigt hat, definitiv, mit nun reifer Frucht, kräuterigen Noten, im Verlauf bildet sich vorsichtig sogar ein salziger Ton heraus. Runde, volle Textur macht das Mundgefühl angenehm, etwas Bittere entsteht und lässt an einen italienischen Tresterbrand denken, die Struktur ist kräftig und intensiv, die Aromatik komplex und tief ausgebaut – die Blumigkeit und Fruchtigkeit eines Mosto Verde in Reinkultur.

Im Abgang entsteht nun ordentlich Feuer, 43% unverwässerter Alkoholgehalt wirken aber gar nicht kratzig, effektiv den ganzen Mundraum aufwärmend, mit langanhaltendem Effekt, der die nicht weniger ausdauernden Aromen zusammenhält, etwas Wintergrün und Menthol dazufügt und damit dafür sorgt, dass man eine ganze Weile etwas von selbst einem kleinen Schluck hat – ein charakterstarker, prägnanter und wirklich hervorragend ausgeführter Pisco, der dabei immer elegant und fein bleibt, nie überwältigt, aber beständig überzeugt, geht damit zu Ende.

Süß und superfruchtig, ein Cocktail, der wirklich auf den Putz haut, und dabei elegant bleibt; sowas findet man nicht oft, die zwei Seiten „Eleganz“ und „Süßfruchtigkeit“ schließen sich meist irgendwie aus. Im Pisco Apricot Tropical geht das überraschend gut zusammen, der Haupttäter dafür ist wirklich der Pisco Portón, den man trotz Zucker, Ananas und Aprikose mehr als deutlich herausschmeckt und der durch seinen Charakter einiges beiträgt. Ein Crowdpleaser!

Pisco Apricot Tropical Cocktail

Pisco Apricot Tropical
1½oz / 45ml Pisco
¾oz / 22,5ml Limettensaft
¾oz / 22,5ml Ananas-Zuckersirup
½oz / 15ml Aprikosenlikör
2 Spritzer Angostura bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Eric Adkins]


Die Flasche ist natürlich ein Augenfänger, da passt die äußere Präsentation von der Hochwertigkeit her sehr gut zum Inhalt. Das mattierte Glas wirkt edel, das kleine Klarglassichtfenster, durch das man auf das Bild der Hacienda La Caravedo blicken kann, eine nette Idee. Seitenetiketten mit der Unterschrift von Johnny Schuler und einer Batch- und Flaschennummer komplettieren das Paket.

Ich hatte schon zu anderen Spirituosen gesagt, dass es mir besser schmeckt, wenn ich die Menschen dahinter kenne und deren Beweggründe verstehe. Der Charakter der Macher geht irgendwie in den Charakter der Spirituose über, und bei diesem Pisco Portón spürt man einfach die Handschrift von Johnny Schuler, der Brand ist wie er, ein bisschen schillernd, ein bisschen verrückt, dabei aber ein Gentleman und weltoffen. Ich freue mich jedesmal, ihn zu treffen – und ich freue mich auch auf jedes Glas seines Piscos.

Bier am Freitag – Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu

Wow, ein ausladender Titel! Ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu den längsten Namen hat, den ich für Bier hier auf meinem Blog je gesehen habe. Die Illustration eines Pavian-Affenkönigs mit Gerstenährenschwanz und Hopfendoldenstab – das finde ich sehr unterhaltsam, und es war auch eigentlich der Auslöser dafür, mir dieses Bier zu kaufen, ich als großer Fan des Affenkönigs Sun Wukong aus dem chinesischen Klassiker „Reise in den Westen“ musste da zuschlagen. Zu diesem Thema am Ende mehr, erstmal jetzt zum Produkt selbst.

Pax Bräu aus der Rhön ist bekannt dafür, sich beim Brauen richtig gehen zu lassen und Grenzen zu überschreiten. Im bierkonservativen Bayern muss man dann Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn man so kreativ ist – „Kein Bier!“ steht auf dem Etikett, stattdessen „Brauspezialität“, das ist tatsächlich auch nötig, um nicht in Konflikt mit dem sehr eng gefassten bayerischen Biergesetz zu kommen. Warum? Die Zutatenliste offenbart es: Orangenschale und Koriander (das lässt erstmal an Witbier denken), Habanero-Chili, Ingwer, Szechuanpfeffer und Zitronengras, da ist viel Aromenpotenzial verbraut. Schauen wir uns das Bier die Brauspezialität im Glas an!

Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu

Auch optisch erinnert es an ein belgisches Blanche oder ein Witbier, ein blasses Pastellgold mit deutlicher Trübung (das Bier ist unfiltriert, unstabilisiert, unpasteurisiert) passt rein vom Eindruck her nicht zur manischen Urgewalt eines Affenkönigs – der Schaum steht nur kurz auf dem Bier, fällt schnell zusammen und bildet dann nur sehr dünne Inselchen. Leichte Perlage ist sichtbar. Die Nase ist dann eine ganz andere Kategorie: Da riecht man die verwendeten Zutaten, als erstes fällt mir eine grüngemüsige Paprikanote auf, die alles andere dominiert; aufgefrischt durch leichten Ingwergeruch, frisch geschnitten, und dann kommt erst die Hopfenfrucht mit Anflügen von Aprikose und Pfirsich und ordentlich Honig. Eine ungewohnte Nase, aber man entdeckt eben die Zutaten, das finde ich sehr apart.

Bereits der Antrunk ist sehr trocken und herb, man spürt direkt, dass ein nur sehr leichter Körper vorhanden ist (bei 2,4% Alkoholgehalt kein Wunder!); trotzdem hat man eine gewisse Cremigkeit in der Textur, recht überraschend, weil scheinbar nicht in Einklang bringbar, doch hier geht es. Honig, Paprika und Bitterhopfen sind als Aromen im Vordergrund, im Verlauf kommen Ingwer und die ganz milde Pikanz und der besondere Geschmack des Szechuanspfeffers hervor. Scharf wird das Bier nie, die Habanero-Chilis geben mehr Geschmack und Frische als Hitze, und das ist gar nicht unangenehm. Der Nachklang ist lang, sehr bitter und trocken, voller Pfeffer- und etwas Kartongeschmack, mit einem sehr rezenten, wirksamen Gaumennachhall der gesammelten Eindrücke. Ein wirklich interessantes Bier, mit vielen Aromen, da gibt es viel zu entdecken und macht mir persönlich viel Spaß – zum martialischen Etikett und der Persönlichkeit des Affenkönigs aus dem Roman passt es allerdings überhaupt nicht, es fehlt einfach schon sehr an Körper und Volumen.

Wer nicht weiß, wovon ich rede, dem lege ich Eva Lüdi Kongs Neuübersetzung des Buchs (ISBN 978-3-15-011224-3) sehr ans Herz – es ist die erste vollständige Übersetzung des Xiyouji ins Deutsche. Bisher musste sich der Abenteuerfreund mit entweder gekürzten oder sogar nachgedichteten Versionen zufrieden geben, solange man nicht eine der sehr empfehlenswerten englischen Übersetzungen von W.J.F. Jenner oder Anthony C. Yu zu lesen imstande war. Es kostet sicherlich etwas Überwindung, einen kiloschweren Text aus lange vergangenen Jahrhunderten anzufangen; wer aber ein Faible für unterhaltsame, verrückte, komische und so gar nicht altmodische Abenteuerliteratur mit Anspruch hat, sollte sich das mal überlegen. In meinem Leben möchte ich diesen Text keinesfalls mehr missen!

Unerwartete Zutaten – Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und 2006 Tropical Ageing (VSGB)

Jeder, der sich ein bisschen mit Rum auseinandersetzt, kennt den Begriff des „Navy Rums“. Im Allgemeinen verbindet man damit kommerziell erhältliche Nachbildungen des Rums, der den Matrosen der britischen königlichen Marine als tägliche Ration zustand, den sogenannten „tot“, der seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1970 ausgeschenkt wurde. Jeder Produzent hat dafür sein eigenes Rezept, was in seinen Blend kommt – und auch das Original bestand nie aus immer denselben Zutaten. Man dachte lang, er bestehe eigentlich ausschließlich aus einer wechselnden Mischung aus Jamaica-, Guyana-, Trinidad- und Barbados-Rum. Eine zumindest für mich neue und interessante Information haben Steve Magarry, der Production Manager der australischen Brennerei Beenleigh, und Mitch Wilson von Black Tot Rum neulich in einem langen Interview geteilt: Zumindest seit den frühen 1900er Jahren und im Zweiten Weltkrieg war auch ein nicht unerheblicher Teil des Blends der Royal Navy australischer Rum – darunter auch Brände von Beenleigh.

Heute ist Beenleigh ein aufsteigender Stern am Rumhimmel, man findet so einige Abfüllungen aus ihrer Brennerei, und da ist es kein Wunder, dass auch Velier sich um die Aussies bemüht: Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und Beenleigh 2006 Tropical Ageing sind zwei der relativ neuen Bottlings, die sich der italienische Edelabfüller gesichert hat. Im schön öfters auf meinem Blog erwähnten VSGB-Projekt wurden sie sogar als Miniatur mit 10cl verfügbar gemacht, und da ich innerhalb kürzester Zeit eine gewisse Zuneigung zu Beenleigh-Rum entwickelt habe, war das eine wahre Freude. Hier stelle ich Euch die zwei Australier nun vor.

Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und 2006 Tropical Ageing (VSGB)

Nehmen wir uns erstmal den jüngeren der beiden vor. Destilliert wurde der Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation natürlich im namensgebenden Jahr 2015, in einem ungewöhnlichen Setup – erst durchläuft die fermentierte Maische eine Column Still, danach wird der so entstandene Rohbrand in einer Pot Still feingebrannt. Dieses Doppeldestillat darf runde 5 Jahre in frischen Ex-Bourbon-Fässern ruhen, in südaustralischem Wüstenklima in der Region Riverland. Abgefüllt wurde dann 2021, nachdem die Engel sich über 23% des original eingelagerten Brands abgegriffen haben.

Ein ganz klassisches Kupfer findet sich nach der aufwändigen Prozedur schließlich in meinem Verkostungsglas, das sich beim langsamen Schwenken an die Glaswand schmiegt und dann in Beinen mit dicken Köpfen gemächlich abläuft. Die Nase lässt mich die hohe Typizität, die Beenleigh in allen ihren Produkten für mich hervorbringt, deutlich erkennen. Es hat etwas von Obstbrand, da ist viel Birne drin, reifer roter Apfel, das geht fast in Richtung Calvados bei diesem 2015er. Weitere milde Fruchtnoten unterfüttern diesen Eindruck, machen das Gesamtbild in der Nase sehr rund und wohlig. Da sind leichte Ethanolspitzen, ja, und dezente Klebstofftöne, doch diese binden sich ein, gehen in minimale Minzigkeit über mit Offenstehzeit.

Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation

In einer Blindverkostung hätte ich direkt nach dem Antrunk gesagt, das ist ein Calvados XO. Diese Apfeligkeit und die Birnen beherrschen ihn zusammen mit einer feinen, durchweg natürlich wirkenden Süße. Ein extrem rundes Mundgefühl mit einer wirklich grandios abgestimmten Textur füllt den ganzen Mundraum aus, superbreit und dabei tief, dieser Wüstenbrand hat enormes Volumen, sicherlich auch gestützt durch die Fasstärke mit 59% Alkoholgehalt. Im Verlauf entsteht eine ganze sanfte Trockenheit, die Süße bleibt dabei aber erhalten, und der Alkohol sorgt dann zusammen mit der sich ganz langsam aufbauenden, sehr effektiven Würze für eine rundum angenehme, aber durchaus charaktervolle und pikante Wärme. Im Nachhall kommen milde Holztöne, Vanille und Zimt, zum Vorschein, ergänzen aber mehr die Fruchtigkeit, statt sie zu verdrängen. Ganz am Ende erscheint noch eine leichte Blumigkeit, auch hier eingebunden in die Birne und den Apfel, die einfach nicht aufgeben wollen, bis zum sehr spät irgendwann folgenden Schluss.

Ich gebe ja gern zu, dass ich ab und zu ins Schwärmen gerate, wenn mir etwas sehr gut gefällt, aber beim Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation schäme ich mich auch in keiner Form dafür. Wie schon bei anderen Beenleigh-Rums frage ich mich ernsthaft, wie sich die Destillerie so lange vor der Öffentlichkeit in Europa verstecken konnte – kaum zu glauben, aber ich bin extrem froh, dass man heute diverse Abfüllungen von Beenleigh in Deutschland ohne große Mühe bekommen kann.


Darum ist die Vorfreude auf die nächste Probe um so größer: Der Beenleigh 2006 Tropical Ageing war glücklicherweise in derselben VSGB-Lieferung schon mit dabei. Die Kombination von Column- und Potstill wurde auch hier eingesetzt; interessant finde ich die Reifungsmethode: Man legte den Brand nicht einfach in ein Fass, sondern gab ihn erstmal in Ex-Brandy-Vats (also Großfässer mit sehr hohem Volumen), danach in Ex-Bourbon-Eichenfässer, um am Ende dem Blend in einem 120 Jahre alten Kaurifichten-Vat den letzten Schliff zu geben: Das ist die auf dem Etikett erwähnte „Triple Wood Maturation“. Im tropischen Klima von Queensland verdunstete dabei in dem 15-jährigen Prozess mehr als 43% des Destillats.

Beenleigh 2006 Tropical Ageing

Zum Glück hat es der Rum danach trotzdem in mein Glas geschafft, klarer, leuchtender Bernstein, der sich im Neat-Glas mit lässiger Gemächlichkeit dreht, ein wunderbarer Anblick. Eine feine Linie bildet sich dabei an der Glaswand, aus der sich gemütlich einzelne Beine wie an einem Fransenteppich oder einer Stickerei bilden. Das Beenleigh-typische Obst ist hier schon deutlich getrocknet, Melasse, Pflaume, gedörrter Apfel, fast schon Bratapfel, matschige Birne und die Süße von Datteln, Honig und Rosinen finde ich ohne Mühe. Unterstützt wird diese fette, breite Nase durch viele, gut eingebundene Holznoten, mit Vanille und ganz milder Zedernholzigkeit, einem Anflug von Ledrigkeit und dem Duft eines dunklen Maduro-Deckblatts einer nicaraguanischen Zigarre. Etwas Lack sorgt dafür, dass man es sich nicht zu bequem macht beim Schnuppern.

Die Textur, die man schon sehen konnte, ist auch das erste, was einem beim Antrunk auffällt. Das ist fast schon sirupartig, schwer, dick, fett und breit, ein tolles, natürliches Süßegefühl ist mit dabei, das sich wie Zucker auf die Lippen legt. Honig, Gewürzkuchen, pflaumige Melasse, schwer und dunkel ist auch die Aromatik, mit Eindrücken von Traubenbrand wie ein alter Cognac, rund, voll und dramatisch, ohne grell zu sein. Dazu ist die herrliche, feine Wärme der 59%-Fassstärke, die zu keinem Moment zwackt oder auch nur kitzelt, sondern nur ein mildglühendes Gefühl über den gesamten Mundraum legt. Der Abgang ist ähnlich warm, eine sehr schöne, sehr edle Bittere kommt nun hinzu, die Süße schafft es weiterhin, präsent zu sein und sich der aufkommenden Trockenheit zu wiedersetzen. Hier findet man dann am Ende auch den Beenleigh-Typus, klar erkennbar, frisches Obst, mit sehr langem, wirksamen Nachhall, bei dem man Lippen und Gaumen mit der Zunge freiarbeiten muss, so fett liegt der Brand daran.

Uff. Grandios. Mehr fällt mir nicht dazu ein, ich könnte hier wirklich Superlative en masse aufzählen, um zu beschreiben, was ich schmecke, fühle und denke, aber das Gehabe würde gar nicht zur adligen Stilistik passen, die ich beim Beenleigh 2006 Tropical Ageing wahrnehme. Der braucht keine Werbung, jeder, der ihn probiert, wird genau wissen, dass man hier ein Weltklasseprodukt vor sich hat. Da muss ich jetzt erstmal durchatmen, bevor es weitergeht.


Die Typizität der Beenleigh-Rums ist, wie oben schon erwähnt, richtig hoch – man erkennt sie blind ohne Mühe. Die Ähnlichkeit zueinander und die durch die kleinen VSGB-Mengen entstehende Knappheit haben mich dazu gebracht, für den Mundo Perdido einen alternativen Beenleigh-Brand einzusetzen, denn die 2015er und 2006er-Fläschchen gingen schon für die Tasting Notes oben fast vollständig drauf. Rum Artesanal beispielsweise hat einen sehr finanzierbaren Beenleigh anonymisiert als „Australia Rum“ im Angebot – der durfte hier dann ran.

Mundo Perdido Cocktail

Mundo Perdido
1½oz / 45ml gereifter Rum
½oz / 15ml Apfelbrand
¾oz / 22ml Zitronensaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
¼oz / 7ml Zimtsirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Jeff Berry]


Ich habe schon zu meinen vorherigen Besprechungen zu den Produkten der VSGB-Reihe gesagt – es ist ein wirklich gelungenes Projekt, das Luca Gargano von Velier da auf die Beine gestellt hat. Die kleinen Fläschchen sind völlig identisch zu den natürlich ebenfalls erhältlichen Großversionen (wie so oft muss man da aber wirklich Glück haben, eine zum Veröffentlichungspreis zu erhaschen), mit so viel Liebe zum Detail gemacht. Die Nummerierung soll dafür sorgen, dass keiner auf die Idee kommt, die Kleinflaschen völlig im Gegensatz zum Sinn des VSGB-Projekts zum Eigengewinn zu verhökern; und, wie es scheint, ist Luca Gargano tatsächlich dahinter, Verstöße gegen diese Ehrenregel zu verfolgen.

Beenleigh hat sich durch die Rums, die ich von ihnen nun kenne, einen festen Platz in meiner Skala gesichert, was globalen guten Rum angeht. Auch dass der schon angesprochene Steve Magarry jederzeit ansprechbar und offen für Diskussionen auf den sozialen Medien ist (man suche einfach nach dem Hashtag #needmorebeenleigh), tut sein übriges dazu, mir die Australier sympathisch zu machen. Wer richtig guten Rum sucht, der mehr als ein Jahrhundert Tradition auf dem Buckel mitbringt, und handwerklich makellose Ware abliefert, die einen ganz eigenen Charakter und Stil hat, der kommt an Beenleigh nicht mehr vorbei.

Bier am Freitag – Westvleteren 12 und Blond Trappistenbier

Ich habe „Sakrileg“ gelesen, ein unterirdisch schlechtes Buch, unfreiwillig komisch und handwerklich mangelhaft. Ich hoffe, ich trete hier keinem, dessen Lieblingsbuch das ist, auf die Füße, für mich ist es halt einfach unbegreiflich, dass so ein Machwerk soviel Erfolg hat – irgendwas macht Dan Brown dann halt doch richtig. Den heiligen Gral, der eine wichtige Rolle in dem Buch spielt, haben schon andere gesucht, Indiana Jones hat die Suche sehr viel spannender, unterhaltsamer und mit weniger Pseudowissenschaft erfolgreicher beendet als Robert Langdon – und auch ich habe den heiligen Gral des Biers gefunden, in einem kleinen Bierlädchen in Brüssel.

Trappist Westvleteren Kasten

Wenn einem das Bier, das sonst eher kompliziert zu bekommen ist (man muss ein Telefon, eine Landkarte und ein Auto dafür haben!), so kistenweise vorgesetzt bekommt, greife ich natürlich ohne jeden weiteren Gedanken zu. Der Gralsritter hätte sicherlich gesagt, dass ich weise gewählt habe, als ich mir drei Flaschen des Westvleteren 12, und ein Jahr später auch noch des Westvleteren Blond zugelegt hatte. Schauen wir uns das geheimnisvolle und mythenumrankte Trappistenbier in einem ihm angepassten Gefäß mal genauer an.


Farblich ist das Westvleteren 12 espressofarben und blickdicht. Auch die feinschaumige Crema auf der Bieroberfläche erinnert an italienischen Frischgebrühten – sie bleibt von Anfang an dünn, dafür aber lange erhalten. Perlage ist aufgrund der vollständigen Trübe keine zu erkennen.

Westvleteren 12 Trappistenbier

Die Nase ist frisch und mit Eindrücken von Zitrusfrucht, aber auch eine erkennbare Beerigkeit kommt hervor. Malz gibt viel Körper darunter und kombiniert sich mit den Beeren zu einer Erinnerung von Fruchtmarmelade und Ahornsirup. Eine leichte Grasigkeit und Anflüge von Thymian, barriquegelagerter Rotwein, das fühlt sich komplex und interessant an im Riechkolben.

Der Mund nimmt viele dieser Eindrücke wieder auf – Ahornsirup, Beerenmarmelade, Pflaumenmus, das ganze gewürzt mit Thymian und Nelken. Sehr aromatisch und vielschichtig. Eine sehr attraktive, fettcremige Textur sorgt dafür, dass sich diese Aromen schön im Mund breit machen können. Gleichzeitig fühlt sich das Trappistenbier aber auch frisch und rezent an – 10,2% Alkoholgehalt würde man nicht vermuten, wüsste man es nicht. Der Abgang ist sehr weich und wie Butter, mittellang, behält sich die Aromatik des Antrunks bis zum Schluss und setzt noch eine kleine kribbelnde Pfeffrigkeit am Ende drauf. Hier entsteht dann auch eine gewisse Blumigkeit, und eine vorsichtige Bittere kommt auf, ohne dabei die malzschwere Süße aufzugeben. Ein wirklich angenehmes Erlebnis!

Das trinkt sich wirklich extrem süffig, es läuft runter wie Öl und macht von vorne bis hinten Spaß. Ein wahres Genussbier, an dem man schön lange schlürfen kann, bei Kellertemperatur erfrischt es trotz seiner eher zum Süßen tendierenden Struktur, und die geradezu ideale Balance bezüglich vieler Aspekte in diesem Bier ist fast schon unheimlich.


Kommen wir zum Westvleteren Blond – die Flaschen sind dieselben, nur die Farbe des Kronkorkens ist anders, Verwechslungsgefahr! Alle Informationen zum Bier stehen auf diesem Kronkorken, kein Etikett verunstaltet die Braunglasflasche, das hat so ein Bier nicht nötig.

Westvleteren Blond Trappistenbier

Blond, ja, das passt – eidottergelb, naturtrüb, volltrüb. Etwas Hefe hat es beim Eingießen mit ins Glas geschafft und liegt in Bröckchen am Boden des Glases, und viele winzigste Partikelchen davon schwimmen auch im Bier. Schaum bildet sich von Anfang an nur wenig, eine dünne, feinblasige Krone bleibt eine ganze Weile allerdings stehen.

Man erschnuppert deutlich den Hopfen, schön fruchtig, ohne allerdings zu dominant zu werden, und danach auch gleich die leicht bittere Hefe. Etwas Malz, aber ich will hier auch keine falschen Erwartungen nähren – das Blond bleibt vergleichsweise schmal, was die Nase angeht.

Im Mund sieht das schon anders aus: Hopfig bitter und mildsauer beginnt es direkt, den Gaumen zum prickeln zu bringen. Ordentliche Karbonisierung aus der Flaschengärung sorgt für Rezenz vom ersten Schluck an. Feine Tropenfrucht, Ananas und Mango vielleicht, spielt mit zestiger Orange. Auch hier das Caveat – das hat kein Pale-Ale-Niveau, was diese Eindrücke angeht, sondern bleibt dezent, aber dennoch sehr expressiv. Liegt toll im Mund, mit dicker Textur, und bleibt trotzdem frisch und frech, fast kantig bitter, mit großartiger Würze: das gefällt mir. Der Abgang ist weich, mittellang, hopfig und leicht blumig, dazu eine leicht mentholige Frische. Mit 5,8% ist es deutlich leichter als das 12er.

Auch das Westvleteren Blond ist ein tolles Bier, ganz anders als sein 12 Jahre alter Bruder, aber man spürt auch hier die Mühe, die investiert wurde.


13€ wollte der Biershop in Brüssel für das Blond, 18€ für das 12er haben, persönlich bin ich sehr froh, diesen Kaufpreis investiert zu haben – ob es einem wirklich soviel Geld wert ist, das muss jeder für sich entscheiden. Es gibt sicherlich auch günstigere Biere, die ein ähnliches oder noch größeres Trinkvergnügen bringen, doch die Seltenheit ist als psychologischer Effekt natürlich immer mit dabei; und mich stört das auch nicht, es ist ein Luxus, den ich mir gern gönne. Eine zweite Flasche des Westvleteren 12 liegt sicher verstaut im Keller und wird in ein paar Jahren geöffnet werden, um zu schauen, was die Lagerung so mit dem Bier macht. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten!

Herkunft und Terroir – whic Islay Single Malt Scotch Whisky

Der Charakter einer Spirituose ergibt sich oft aus dem Umfeld, in dem sie hergestellt wird. Robin Robinson nennt das in seinem Buch „The Complete Whiskey Course“ gern Provenance (Herkunft), in Abgrenzung zu dem aus der Weinwelt importierten, oft missverstandenen Wort Terroir, das bei Spirituosen um viele Aspekte ergänzt werden muss, um wirklich Sinn zu haben. Er füllt diese Wörter in einem Interview mit Inhalt.

Robin Robinson Jury 2

The literal translation of terroir is ‘from the earth’. If I were a distiller, I’d be completely insulted by marketing going around saying whiskey has terroir. Basically, it means that as a distiller, I’ve had no effect on it. Provenance actually covers everything. And particularly it gives credit to the savoir-faire, and that’s the thing that gets left out of terroir. Provenance means from the origin, and it takes in every one of those individual things and the choices that the distiller made, and gathers them into a unique origin that nobody else can copy.

Gerade bei einem Produkt wie dem whic Islay Single Malt Scotch Whisky kann man verstehen, was er meint. Viele Produktionsschritte sind nötig, um aus dem Basismaterial einen fertigen Whisky zu machen – auf jeden Fall deutlich mehr als bei Wein, beispielsweise, der doch noch viel direkter mit dem Boden, auf dem er wächst, verbunden bleibt; der, der wahrscheinlich am meisten Einfluss auf den Endgeschmack hat, ist hier eine Trocknung der gemälzten Gerste mit Torfrauch. Dieser handwerkliche Prozess ergibt sich daraus, dass auf der Insel Islay, wo viele Whiskys so behandelt werden, ausgiebige Torfvorräte liegen, die seit vielen Jahrhunderten eingesetzt werden, und so eine ganz eigene Provenance für „Peated Whisky“ erschaffen haben.

Destilliert und gereift wurde dieser Whisky in Schottland, natürlich, denn sonst dürfte ja nicht „Scotch Whisky“ auf dem Etikett stehen; er wurde am Ende der nicht genannten Reifungsdauer (mindestens 3 Jahre müssen es allerdings schon gewesen sein) auch dort mit klug gewählten 46% Alkoholgehalt abgefüllt, ohne kühlgefiltert zu werden. Leider erfährt man auch die Destillerie, aus der er stammt, nicht, und ich würde mir nicht anmaßen, das aus dem Geschmack mit der Sicherheit ableiten zu können, es hier laut zu sagen, ich habe aber einen Verdacht. Man sieht es ja oft, dass Destillerien ihren Stoff für unabhängige Abfüller abgeben, unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden, das sogenannte Sourcing ist bei vielen Spirituosen Alltagspraxis und keineswegs ein Qualitäts-, höchstens ein Transparenzmangel.

whic Islay Single Malt Scotch Whisky

„Natural color“ steht auf dem Etikett, und optisch glaube ich das direkt. Messingfarben, blassgold, Stroh – mit Weißwein zu verwechseln. Schwer beim Schwenken, und hübsch zu betrachten, besonders, wenn die Beine mit dicken Köpfen wie Kaulquappen an der Glaswand ablaufen.

Die Nase ist sehr prägnant, der Torf springt natürlich bei einem als „heavily peated“ deklarierten Scotch erwartungsgemäß nach vorn und enttäuscht diesbezüglich nicht, das ist natürlich nicht Octomore-Quantität, aber wer will auch schon dauernd von einer qualmenden Lokomotive überfahren werden. Rauch und Frucht sind zumindest bei mir Eindrücke, die gern ineinander übergehen, bei besonders rauchigen Spirituosen nimmt man den Rauch irgendwann gar nicht mehr wahr, hier bleibt er als Kaltrauchkomponente erhalten, ohne die Aprikosen zu vergessen. Heu und Heidekräuter sorgen für vegetale Komplexität, ein bisschen Süße und Vanille aus dem Fass (eine Reifungsdauer ist, wie bereits erwähnt, nicht angegeben) kümmern sich um schmeichelndere Eindrücke. Da ist noch etwas Ledriges, alte Schuhe vielleicht, und eine leicht pieksende Alkoholspitze. Insgesamt unterhaltsam und typisch!

whic Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Ich nehme mal vorweg – im Mund werden diese Eindrücke sehr viel klarer definiert. Der Gaumen nimmt den schon angesprochenen Rauch noch sehr viel deutlicher wahr als die Nase. Direkt bringt er aber eine zuckerwattige Fruchtsüße mit, ich sage ja, die zwei gehören zusammen. Auch die Vanille ist im Mund klarer positioniert. Minimal iodisch, aber wirklich nur minimal. Hervorzuheben ist auch die tolle, dichte Textur, auf der man schön herumkauen kann, und zur Breite der Eindrücke sehr viel beiträgt – 46% Alkoholgehalt tun ihr übriges dazu, da ist ordentlich Feuer drin, aber keine Kratzigkeit. Der Abgang ist bleibt breit und tief, sehr lang und voller Lagerfeuererinnerungen, kalte Holzkohle, Rauch, nur leicht speckig, eine milde Salzigkeit bildet sich heraus, und nach einer Weile erblüht dann noch Jasmin, dessen Blumigkeit sich wunderbar mit dem lang anhaltenden Torfrauch vermählt.

Ein Single Malt, der sich nach einer zwar schon recht angenehmen Nase für mich persönlich besonders im Geschmack unerwartet und plötzlich verdreifacht, da ist sehr viel Wumms und gleichzeitig Vielschichtigkeit, und der ewig lange Nachklang mit dieser herrlichen Mischung aus Blume und Rauch ist wirklich beeindruckend und dabei an keiner Stelle schwierig – ja, das mag ich!

Der Smoky Grove spielt mit genau dieser Süffigkeit und den schön ausgeprägten Raucharomen. Es handelt sich, der Kenner sieht das direkt, um einen Twist auf einen klassischen Rob Roy, nur eben mit torfigem Scotch, einer Wermut-Melange und noch etwas Orange Bitters zum letzen Kick. Wer immer noch der irrigen Meinung anhängt, dass Single Malts nicht zum Mixen von Drinks da sind, kann sich bei zwei, drei Gläsern dieses Cocktails gern von mir bekehren lassen.

Smoky Grove Cocktail

Smoky Grove
2oz / 60ml torfiger Scotch
½oz / 15ml süßer Wermut
½oz / 15ml trockener Wermut
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Jonathan Pogash]


Bei der Präsentation hat man sich für ein zurückhaltendes, schwarz-goldenes Design entschieden, das wirkt klassisch und unaufdringlich, aber dennoch hochwertig und wirksam. Die Geschenkdose, in der die Flasche kommt, ist stabil und mit Blechdeckel, auch hier ein ganz klassischer Weg, eine Whiskyflasche zu verpacken. Schön, dass man trotz der wahrscheinlichen Geheimhaltungsvereinbarung ein paar Details auf dem Etikett nachlesen kann; und die in der Dose mitgegebene Landkarte der schottischen Insel Islay mit der Lage ihrer Destillerien erlaubt, ein bisschen darüber nachzusinnen, woher der Whisky nun stammen könnte, und ob ein kleiner Ausflug dorthin nicht auch mal wieder angebracht wäre. Ich vermisse Schottland etwas, mein Auslandsjahr in Glasgow hat tiefgreifende Spuren bis heute hinterlassen, die eigentlich schon der Auffrischung bedürfen.

Offenlegung: Ich danke whic GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Whiskys.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art #1 Le Frêche 2007 Armagnac

Hochwertiger Whisky ist seit geraumer Zeit kaum mehr zu bezahlen für den Spirituosenfreund mit nicht zu dickem Geldbeutel, Rum ist gerade dabei, sich völlig identisch preisstrukturell zu entwickeln. Da lohnt sich der Blick auf die Kategorien, die der Flascheninvestor und der Bottleflipper noch nicht ganz für sich vereinnahmt haben – wie Armagnac, wo man heute zu noch sehr vernünftig gebliebenem Geld sehr schöne Produkte kaufen kann. Auf diese leisen, aber extrem charakterstarken Brände werden auch unabhängige Abfüller aufmerksam, und so haben sich ein paar Whisky- und Rumfreunde zusammengetan, die Firma „Grape of the Art“ gegründet, und versorgen uns nun mit Weinbrand aus ausgewählten Fässern, unverdünnt und unverändert abgefüllt.

Die erste Hausflasche, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Händler L’Encantada, ist Grape of the Art #1 Le Frêche 2007, ein 13 Jahre gereifter Armagnac der geheimnisvollen Domaine Le Frêche im Bas-Armagnac (man lese diesen spannenden Artikel darüber, wo die Anbaufläche dafür liegt, und was man alles wissen muss, um sie überhaupt zu finden). Gebrannt wurde natürlich auf den für Armagnac so typischen Stills, als Rebsorte liegt hier wohl Baco, eine sehr beliebte Traube bei den Brennern im Gebiet, vor. 150 Flaschen davon gab es, inzwischen ausverkauft natürlich, ich freue mich, ein Sample ergattert zu haben, so dass ich meinen Lesern heute etwas zu zeigen habe!

Grape of the Art #1 Le Frêche 2007 Armagnac

Mit einer sehr kräftigen Farbe steht die Flüssigkeit im Glas, ein rotbrauner, erdiger Ton, Pariser Rot, fast schon gebrannte Siena. Bringt man sie in Bewegung, bildet sich zunächst ein fetter Film am Glas, der langsam in dicken Beinen davonläuft und dabei teilweise der Schwerkraft trotzend schräg seine Richtung beibehält, die er durch das Drehen des Glases bekam.Nach einem ersten Geruchstest ist klar, dass das eine Spirituose ist, die etwas Zeit zum Atmen braucht. Zunächst ist die Klebstoffnote überwältigend – und auch wenn ich das bei vielen Spirituosengattungen mag, hier ist schon etwas arg viel davon zu Beginn. Also, eine viertel Stunde vorgespult, nun durfte der La Frêche etwas durchschnaufen.

Er zeigt sich tatsächlich von einer anderen Seite, es ist immer noch Lösungsmittel da, wird aber nur eingebettet in ein dunkles, aromatisches Bukett aus getrockneten Äpfeln, Rosinen und im Streuselkuchen gebackenen Birnen und reifen Pfirsichen. Vanille, Schokolade und sogar Seiteneindrücke von würzigem Kaffee sind da, und gehen mit den Früchten in eine blumige Pfingstrosenkomponente über, Komplexität wird durch eine Idee von Schwefel und buttrigem Rancio aufrechterhalten. Ein vielschichtiger, klar durch Fassreifung dominierter, dabei aber immer noch sehr fruchtig gebliebener Brand!

Im Mund zeigt sich die schöne Struktur, die man optisch am Glas schon gesehen hatte, auch im Mund, mit schöner Viskosität und Textur, man kann nachverfolgen, wie sich der Le Frêche am Gaumen verteilt, und später den Rachen hinunterläuft. Natürliche Süße ist initial da, wird aber schnell durch heißblütige Trockenheit abgelöst, pikante Würze und die dunkle Aromatik getrockneten Obsts lassen aber auch nichts davon vermissen – 57% Alkoholgehalt passen sehr gut dazu, man spürt sie, aber in einer wertschätzenden Art und Weise. Rund, voll und breit, ein wahres Volumenmonster, das ausfüllt, dabei aber nicht eindimensional überwältigend wird, das deutliche, langanhaltende Kribbeln und die feine Salzigkeit helfen beim Übergang zum jasminlastigen, immer weiter glühend bleibenden, langen Abgang.

Ein Brand für den Genießer, ohne Frage, mit sehr viel Wucht und Charakter, aber ohne die Ecken und Kanten, die man bei so einer Persönlichkeit vielleicht miterwarten und sogar -ertragen würde; hier passt alles toll zusammen und sorgt dafür, dass man an einem Glas den halben Abend verbringen kann, ohne dass es je langweilig wird. Es ist umso angenehmer, dass man im Armagnac noch solche Dinge erleben kann, ohne die Monatsmiete der Wohnung auf den Tisch legen zu müssen!

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.

Mehr als die Summe der Teile – Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum

Ich leite meine Artikel hier oft mit Erklärungen ein, wie eine Spirituose hergestellt wird. Das ist für viele Produkte immer noch relevant und wichtig, denn kaum ein Hersteller glaubt, dass es sich lohnt, Informationen preiszugeben. Hin und wieder gibt es in diesen Social-Media-Zeiten jedoch Ausnahmen. Ich könnte daher viel über den Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum reden, aber lassen wir einfach die seltene Gelegenheit zu, dass der Erfinder der Spirituose selbst kommentiert, wie sie gemacht wird – eine tolle Sache, in dieser Art würde ich gern mehr sehen. Hier also die Herren Alexandre Gabriel & David Wondrich.

Definitiv eine aufwändig hergestellte Spirituose also, mit zweierlei Mazerierung, Redistillation und Blending. Ich persönlich bin sowohl ein Rum-, als auch ein Ananasfreund – allerdings habe ich mit einem ähnlichen Produkt, dem Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink, nicht übermäßig gute Erfahrungen gemacht. Schauen wir mal, wie sich der Stiggin’s Fancy im Vergleich dazu schlägt.

Die Basis ist der Plantation Original Dark Rum, entsprechend ist auch die Farbe – zwar nicht schwarz, wie manche Dark Rums (zu deren Farbe sage ich lieber mal nichts), aber doch ein kräftiges Hennarot. Im Glas schwappt Stiggins‘ Fancy schwer und langsam, er wirkt ölig, was sich auch in den Artefakten am Glasrand zeigt.

Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum

Die Nase begeistert mich als Ananasliebhaber direkt – da verströmt sich direkt nach dem Öffnen der Flasche ein Geruch, der starke Rumaromen mit deutlichen Ananasaromen verbindet, ein Traum. Die Ananas ist prägnant, ohne verrottet zu wirken, sie wird unterstützt durch Marzipan, Zimt, schwarzen Tee und etwas Minze. Eine minimalste Lacknote gibt Komplexität. Ich liebe dieses Geruchsbild in seiner Gesamtheit, es ist wirklich toll.

Das Mundgefühl ist weich und leicht ölig, im Antrunk noch süß und hier dominieren die Rumaromen. Im Verlauf wird der Stiggins‘ Fancy immer würziger und feuriger, und die Frucht arbeitet sich Stück für Stück nach vorn, bis sie kurz vor dem Abgang den Gaumen beherrscht. Schokoladig, buttrig, leicht seifig – jedoch nie wirkt dieser aromatisierte Rum künstlich oder pappig, das ist definitiv kein Likör, auch wenn zumindest Fruchtzucker (natürlich durch die Herstellung bedingt) mit drin ist. Leichte Holzaromen aus dem Basisrum, etwas grüne Banane, leichte Zitrusnoten – man findet im Verlauf immer etwas neues. Dabei ist der Rum leicht und würzig, mit einer gewissen Salzigkeit und Säure, die die initiale Süße gut ausgleichen.

Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum Glas

Der Abgang ist eher kurz, warm, und hinterlässt auf der Zunge etwas Kribbeln und Betäubungseffekte. Ananas klingt noch eine ganze Weile nach.

Eine wirklich extrem gelungene Kombination aus Rum und Ananas, bei der beide Komponenten ihr Mitspracherecht hatten, und die natürlich wirkt – im Gegensatz zu vielen derartigen Produkten trinke ich den Stiggins‘ Fancy sehr gern auch pur und genieße es in vollen Zügen. Ein Spitzenprodukt, und das sage ich als bekennender Plantation-Skeptiker.

Aromatisierte Spirituosen findet man interessanterweise oft in Cocktail-Rezepten – man spart sich dabei letztlich eine weitere Zutat, wenn man einen Kokosnussrum oder eben einen Ananasrum einsetzt. Für diesen Fall muss man sagen, dass das Ergebnis doch mehr ist als die Summe seiner Teile. Darum wirkt ein Stiggins‘ Fancy im Queen’s Holiday auch viel eindrücklicher als ein Rum plus Ananassirup oder ähnliche Konstrukte, die man als Alternative einsetzen könnte.

Queen's Holiday Cocktail


Queen’s Holiday
1½ oz Dry Gin
1 oz Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum
1 oz Pink-Grapefruit-Saft
1½ oz Ananassaft
¼ oz Orgeat
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Modern Tiki]


Die Flasche selbst hat die übliche Form, die wir von Plantation gewohnt sind, ohne das Gestrüpp allerdings, das um viele der Flaschen gewunden ist. Der Etikettenstil gefällt mir grundsätzlich gut und hat viel Charme.

Plantation Stiggin's Fancy Pineapple Rum Rücketikett

Auch hat man sich entschieden, die Story hinter der Figur, die dem Ananasrum den Namen gab, in kleiner Schrift auf dem Rücketikett zu verewigen. Persönlich habe ich nichts an derartigen Marketinggags, da meist die „Inspiration“ erst nach dem Produkt dazugesucht wird. Auf demselben riesigen Rücketikett findet man jedoch auch handfestere Information über die Herstellung und Idee hinter dem Produkt, letztlich das, was im oben verlinkten Video schon grob zusammengefasst ist – da hat man was zu lesen während des Trinkens.

Ich will nochmal betonen, dass dies eine Spirituose ist, die nicht nur dem Cocktailmixer sicherlich viel Spaß machen wird, sondern auch dem, der hin und wieder gern ungewöhnliche Produkte im Glas hat, da schließe ich mich David Wondrich ohne Frage an. Für mich steht fest, dass ich die Flasche, die nun schon fast leer ist, sicherlich ersetzen werde.

Bier am Freitag – Löwenbrauerei Wasseralfinger Spezial

Ein Bier muss Schaum haben – eine spannende Diskussion hatte sich da neulich entfacht, als mein Bruder sich leicht herablassend über ein fassgereiftes Imperial Stout äußerte, weil es so ganz ohne die Blume auskommt. Bierstile sind da sehr unterschiedlich, was die Ausprägung der Schaumkrone angeht, und selbst innerhalb der Stile gibt es solche und solche. Bei einem Export wie dem Löwenbrauerei Wasseralfinger Spezial aus meiner alten schwäbischen Heimat gebe ich gern zu, dass ich lieber auch mehr Schaum sehe als weniger – wie so oft ist die Welt nicht nur schwarzweiß, sondern voller Abstufungen, und entsprechend sollte man diskutieren. Aber bei meinem Bruder ist diesbezüglich Hopfen und Malz verloren, da trinke ich lieber ein Bier und lasse ihm seine Meinung.

Löwenbrauerei Wasseralfinger Spezial

Auf dem Foto sieht man es nicht direkt, weil das Glas durch den Unterschied zwischen Innen- und Außentemperatur beschlagen ist – schließlich habe ich es im Sommer getrunken, als ich das Bild gemacht hatte, und hole jetzt mit einer weiteren Flasche die Tasting Notes nach. Kristallklar jedenfalls, leicht blasses Messing, mit hübscher wenigblasiger Perlage. Der Schaum ist für ein Bier dieser Machart gut ausgebildet, mit vielen unterschiedlich großen Schaumbläschen. Und jetzt lassen wir das Schaumthema.

Die Nase ist zurückhaltend, leicht metallisch, deutlich getreidig, mit milden Malzuntertönen. Das war es aber auch schon, es gibt hier wirklich nicht besonders viel zu sagen, ein klassischer Biergeruch, wie man ihn teilweise heutzutage eigentlich eher suchen muss.

Eine runde Textur begrüßt den Trinker im Mund, schön weich und voll, mit milder Süße, ohne pappig zu werden. Direkt spürt man die Karbonisierung, sie sorgt für ein grundsätzlich sehr angenehmes Mundgefühl und gleichzeitig für tolle Rezenz. Aromen findet man genau die, die man schon gerochen hat – Getreide, Malz, ein metallischer Anflug von etwas Stahlnagel. Sehr sauber fühlt sich das an, für meinen Geschmack mit nahezu idealer Hopfenbittere ausgestattet, ohne jede Spielerei oder Anmaßung.

Ein Bier, das perfekt so funktioniert, wie es sein soll.

Lord Fauntleroy war gestern – Brennerei Ehringhausen Der Kleine Lord Nummer 06

Es gibt ja diese Einordnung im Berufsleben, ob man eher ein Generalist oder ein Spezialist ist. Sowohl für meinen Beruf als auch für mein Hobby habe ich herausgefunden, dass ich mich eher für eine breite Anlage eigne als für eine tiefe. Wenn man mir zwei Flaschen hinstellt, eine superseltene Abfüllung einer mir gut bekannten Spirituosengattung und eine einer Kategorie, die ich noch nicht kenne, fiele mir die Wahl sehr leicht: Ich würde die mir unbekannte nehmen, selbst auf das Risiko hin, damit auf die Nase zu fallen. Ich bezeichne mich darum nun offiziell als „Panspiritist“ – ich liebe alle Spirituosen, und lasse mich gern überraschen.

Entsprechend aufgeschlossen war ich dem Kornbrand- und Wodkatasting, das der ISW Ende 2021 veranstaltete. Der Titel klingt erstmal sehr nüchtern, Wodka hat seinen Ruf als spannungsloser Neutralsprit (eher zu unrecht) schon lange weg, Korn ist das, was manche Leute an der Kasse im Supermarkt noch schnell im Miniatur-5er-Set mitnehmen. Dass da auch extrem Hochwertiges vorhanden ist, entgeht einem, wenn man sich auf diese Vorurteile zurückzieht und nicht offen ist für die Realität. Aus der Brennerei Ehringhausen in Westfalen stammt Der Kleine Lord Nummer 06, ein im Ex-Banyuls-Fass gelagerter Dinkelkornbrand. Da geht mir als neugeborener Panspiritist direkt das Herz auf – ein ungewohntes Basismaterial, eine ungewöhnliche Verarbeitung als Lagerkorn, und dann noch eine seltene Vorbelegung des Reifungsfasses mit dem südfranzösischen Süßwein (siehe dazu am Ende noch ein Wort). Allein schon vom Namen und den Produktionsdetails her eine Spirituose, die ich per se spannend finde. Und, ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen, ich wurde hier nicht enttäuscht.

Brennerei Ehringhausen Der Kleine Lord Nummer 06

Farblich hat sich das Fass austoben können, ein kräftiger, schon ins Terracotta übergehender Kupferton, mit orangenen und weißen Lichtreflexen. Beim Schwenken zeigt sich kaum eine Viskosität, die Flüssigkeit bewegt sich lebendig, hinterlässt dabei aber trotzdem einen fetten Film an der Glaswand, der sich langsam in Beine aufspaltet, die sich beim Ablaufen viel Zeit lassen.

Der Geruch des Kleinen Lords No. 6 verwirrt mich zunächst – ist das ein spanischer Brandy, mit leichtem Schwefel? Oder ist es ein milder, exotischer Whisky? Beides hätte ich, blind verkostet, geglaubt. Nach einer Weile kommt aber der Kornbrand stärker hervor, und die Verwirrung ist komplett. Der piekst schon etwas in der Nase, man darf erstmal nicht zu tief schnuppern. Dann folgen in loser Reihenfolge Eindrücke von sowohl von Rosinen und Trockenobst als auch reifen Früchten, Feigen und Pflaumen, dunkler Schokolade, und eine erkennbare Weinigkeit, dunkler, schwerer Rot- oder Süßwein eben, eine Note, die sicherlich das Banyuls-Fass beisteuert. Leichte Vanille und etwas Nuss, darüber aber der schon angesprochene sehr prägnante Schwefel, sogar ein Touch von Rancio ist da – ein faszinierendes Bouquet, das man, wie gesagt, nur schwer einordnen kann in die Kategorienwelt der Spirituosen. Hochspannend und ungewöhnlich!

Brennerei Ehringhausen Der Kleine Lord Nummer 06 Glas

Einen Korn mit 57,4% in Fassstärke abzufüllen ist schon nicht gewöhnlich, viele Korns kennt man eher mit deutlich unter 40%. Und man erwartet eine entsprechende Attacke am Gaumen – der initial einfach nicht kommt. Samtweich legt sich der kleine Lord auf die Zunge, breitet sich langsam im gesamten Mundraum aus und beginnt erst, wenn er diese Aufgabe erledigt hat, sich durch angenehme, leicht prickelnde Wärme deutlicher bemerkbar zu machen. Buttrig, süß, mit fetter Textur und richtig ausladender Breite fühlt man den Dinkelkornbrand erstmal eine Weile, bevor man ihn schmeckt. Die Aromen gehen von Rosinen über getrocknete Aprikosen und Pflaumen bis hin zu cremiger, buttriger Schokolade mit nur leicht gehobenem Kakaoanteil; Kokosfleisch ergänzt das, mit schön eingebundenen Anflügen von Rancio und Schwefel, die sich zum Schluss nochmal verstärken. Der Verlauf ist grandios gemächlich, da ist kein Stress in dieser Spirituose, nur Gemütlichkeit und entspannende Schwere. Gegen Ende kommt eine feine, edelherbe Trockenheit dazu, die mit milder Astringenz den Gaumen noch lange belegt und hübsch warm hält.

Herrlich komponiert, da passt jede Komponente perfekt zur anderen, die Teile greifen ineinander wie ein Uhrwerk, und zwar eins, das langsam tickt und jeden Zeigerschlag mit Muße auslaufen lässt. Irre, wie tief und gleichzeitig breit dieser Brand ist – selbst ein kleiner Schluck wirkt, als hätte man den ganzen Mund voll. Grandios, und ohne Mühe bestätige ich, was ich vor ein paar Wochen schon angekündig hatte: Das ist mit Sicherheit eine meiner persönlichen Spirituosen des Jahres 2021.

Für das Cocktailrezept habe ich mir einen Drink ausgesucht, der normalerweise mit spanischem Brandy gemacht wird – der Kleine Lord No. 6 hat genug dieser Charakteristik, um einen immer noch passenden, aber twistvollen Ersatz dafür im Spanish Armada darzustellen. Eine weitere Zutat, die ich vor kurzem für mich entdeckt hatte, habe ich angepasst: Statt Curry Bitters (die ich einfach nicht verfügbar habe, wer hat so etwas spezielles schon in der Heimbar), setze ich eine Prise Currypulver ein. Currypulver ist eine erstaunliche Zutat, die extrem gut in Cocktails funktioniert, auch wenn man das gar nicht erwartet.

Spanish Armada Cocktail


Spanish Armada
1 oz / 30ml Brandy de Jerez
1 oz / 30ml gereifter Demerara-Rum
¼ oz / 10ml Blended Scotch
¼ oz / 10ml PX Sherry
¼
oz / 10ml Amer
1 Spritzer würzige Bitters
1 Spritzer Angostura Bitters
1 Messerspitze Curry-Pulver
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste absprühen.

[Rezept adaptiert nach Jessica Lambert]


Sehr gut gewählt ist die Apothekerflasche mit großem Drehverschluss, das passt ins Gesamtdesign, ebenso wie das Rücketikett mit vielen, klar strukturierten Informationen, solche Etiketten sehe ich einfach gern. Dort erfährt man auch Details wie dass diese limitierte Edition am 16.10.2014 destilliert und am 14.06.2021 als Single Cask ungefiltert abgefüllt wurde, bei mir in Flasche 11 von 369 – das ist wirklich eine kleine Auflage. Daraus erschließt sich mir auch der Reifungszeitraum, etwas über 5 Jahre, für einen Korn eine erkleckliche Zeit, und eine, die sich wirklich rentiert hat. Der „Fluff“, also die Marketingstory hinter dem Produkt, wird auf einem Pappeinleger klar von den technischen Dingen separiert erzählt.

Noch ein Wort zu Banyuls – ich hatte nun schon ein paar Spirituosen, die in einem Fass mit Vorbelegung dieses südfranzösischen Süßweins gereift wurden, da dachte ich mir, ich schaue mir das mal an. In Deutschland sieht man ihn sehr selten, in Frankreich findet man ihn auch in Supermärkten, wo ich mir dann auch ein günstiges Fläschchen des Georges d’Artigas Banyuls Traditionnel mitgeholt habe, 16% Alkoholgehalt zu knapp unter 10€. Er stammt aus der Gegend von Roussillon, unterliegt der AOP (geschützten geografischen Angabe) für diese Art Süßwein, der leicht gekühlt als Aperitif oder als Begleiter zu Foie Gras, Melonen und Schokoladen-Desserts empfohlen wird. Meine kurzen Eindrücke: Farblich ein dunkles Rubinrot, man kann nur schwer durchblicken. In der Nase sehr schwer fruchtig, viel überreifer Pfirsich, Brombeeren, Kirschsaft und ein Anflug von Gewürzen. Starksüß im Mund, sehr samtige, volle Textur, klar an milden Portwein und halbtrockenen Primitivo erinnernd. Kurz und leicht herbtrocken dann im Abgang. Kein Knüller, der mich umhaut, das ist aber auch wie gesagt erstmal ein Bildungstrinken-Basisprodukt, um eine grundsätzliche Vorstellung zu bekommen, was Banyuls eigentlich ist.

Während der oben angesprochenen Verkostung bei der Oktoberausgabe 2021 des ISW in Neustadt/Weinstraße war dieser Brand der meistdiskutierte, und obwohl wir Juroren eigentlich während der Arbeit still sein sollen, konnten sich viele beim Kleinen Lord No. 6 einfach nicht beherrschen – ich hörte vom Nebentisch die Phrase „den würde ich mir auch privat kaufen!“, dem kann ich voll zustimmen, was ich kurz danach auch getan habe. Dass er dort als Kategoriesieger hervorging und eine entsprechende Medaille bekam, verwunderte mich keine Minute. Und wer sich eine wirklich hervorragend gemachte, dabei aber ungewöhnliche und sicher im Bekanntenkreis Aufsehen erregende Spirituose ins Haus holen will, ist hier genau richtig.

Ars, artis (subst., f.) – El Ron del Artesano Panama Rum Ruby, Tawny und Virgin Oak

Spirituosen haben heutzutage mehr Anspruch als vor einigen Jahren. Es gab schon immer mehr und weniger angesehene Gattungen, diese bezogen sich aber meist schlicht und oberflächlich auf die Herkunftsländer – schottischer Whisky ist das Edelgetränk für den Genießer, das man pur zu genießen hat; karibischer, ungereifter Rum das namenlose Zeug, das man mit Saft mischt um sich zu besaufen. Die Welt kann in ihrer Schwarzweißfassung so einfach und gemütlich sein, wenn man keine Ahnung davon hat, dass das alles Nonsense ist. Zum Glück erkennen das viele Konsumenten heute ohne Mühe – so, wie es natürlich hervorragende Whiskys gibt, gibt es auch grusligen Single Malt, und statt einem nur im Mixgetränk erträglichen Rum, findet man heute auch höchstwertige Spitzenrums, die auch dem absoluten Kenner ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Ein Schlüsselwort, das zu dieser Entwicklung führte, ist „Handwerk“. Man besinnt sich in vielen Regionen, die jahrezehntelang nur (oft sogar anonymisierte) Massenware anboten, auf das Handwerk, und bringt Abfüllungen auf den Markt, die zeigen, dass dahinter oft hohe Qualität stehen kann, wenn man es zulässt, die dafür nötige Zeit, Energie und Kosten zu investieren, die man bei Bulk-Produkten eben nicht wirklich braucht. Im spanischen Wort „artesano“ fließen, sehr viel mehr als bei der deutschen Übersetzung, die Komponenten des „Kunsthandwerks“ mit ein, schon im Wort liegt die lateinische Wurzel der „ars“, also der Kunst, aber auch da schon als „Geschick“ übersetzbar, verborgen. Handwerk und Kunst sind zwar immer noch verschiedene Dinge, aber wenn man etwas besonders gut macht, ist der Übergang manchmal fließend. Der unabhängige Abfüller El Ron del Artesano beansprucht diese Gedanken für sich – ein Rum, in traditionellem Handwerk gefertigt, unmanipuliert. Drei Abfüllungen habe ich bekommen, die ich nun darauf überprüfen will.

El Ron del Artesano Ruby, Tawny, Virgin Oak Cask

Starten wir mit dem jüngsten der drei Rums, dem El Ron del Artesano Panama Rum Ruby Cask 8 Años. 8 Jahre im Ex-Portweinfass, Ruby Port, um genau zu sein, und man ahnt diese Vorbelegung, wenn man die Flasche oder das Glas gegen das Licht hält – da ist ein deutlicher Roséton, der das Henna begleitet. Recht lebendig mit leichter Viskosität schwappt der Rum im Glas, mit dazu passendem leichten Film an der Glaswand.

El Ron del Artesano Panama Rum Ruby Cask 8 Años

Schnuppern wir daran, finden wir auch tatsächlich Noten von Rotwein, der Ruby hat neben der Farbe offensichtlich auch ordentlich Aromen hinterlassen. Ich habe gerade eine Flasche Primitivo auf, die riecht ähnlich. Mich erinnert das auch etwas an diese Schokolade mit Erdbeer-Joghurt-Füllung. Eine leichte Nussigkeit kommt dazu, Anflüge von Vanille und Zimt. Man ahnt, dass es sich hier um ein recht leichtes Column-Still-Destillat handelt, da sind Ethanolnoten und eine diesem Stil grundsätzlich ja zugehörige Leichtkörperigkeit da. Nicht wirklich spannend, aber angenehm.

Süßweich legt sich der Panama-Rum auf die Zunge, mit zarten Frucht- und Schokoladearomen, und einem sehr, sehr milden initialen Mundgefühl. Da ist trotzdem gutes Volumen, eine schöne Breite, man hat wirklich was im Mund; die Leichtkörperigkeit ahnt man noch, sie ist aber durch die Reifung schon ordentlich angepasst. Im Verlauf entsteht dann doch noch etwas Trockenheit, spät erst, aber effektiv, zusammen mit aufkommender, leicht pfeffriger Würze bildet sich bei 42,4% Alkoholgehalt Charakter heraus, ohne die grundlegende Richtung des Rums zu ändern. Der Nachklang ist mittellang, mildbitter, pfeffrig und holzig, gut eingebettet in ein Gesamtbild, die Frucht klingt noch etwas nach.

Ein sehr trinkbarer, leichter Rum, der sich nicht anbiedert, und am Ende sogar noch ein paar Zähne zeigt; so etwas haut mich nicht aus den Socken, es ist aber im Vergleich zu vielen Panama-Rums, die ich vorher kannte, schon als Quantensprung zu bezeichnen.


Ein Jahr länger Pause gönnte man dem El Ron del Artesano Panama Rum Tawny Cask 9 Años, abgefüllt mit 41,7%. Auch hier kam dafür ein Ex-Portweinfass zum Einsatz, aber man entschied sich für Tawny statt für Ruby. Ich erwarte hier nur wenig Unterschied, was die Fruchtausprägung durch die Fasswahl angeht – farblich ist schon klar erkennbar, dass der Tawny-Port trotz des zusätzlichen Jahres weniger eingeschlagen hat: Ein leicht blasser Bernsteinton, mit einem Ticken von rötlichen Reflexen. Man muss das Verkostungsglas ordentlich schwenken, um die Flüssigkeit in Bewegung zu bringen, danach haben wir ein hübsches Glaswandverhalten.

El Ron del Artesano Panama Rum Tawny Cask 9 Años

Die Nase ist direkt sehr expressiv, von Anfang an findet sich eine attraktive Mischung aus Eindrücken aus sehr verschiedenen Richtungen. Herb und holzig, karamellig und vanillig, fruchtig und säuerlich – ein wirklich spannendes Geruchsbild, vielschichtig, aromatisch, voll. Spätestens hier muss ich meine Vorurteile gegen Panama-Rum endgültig aufgeben, das ist wirklich anziehend; die deutliche Klebstoffnote ist für mich keinesfalls ein Mangel, das mag ich bei manchen Bourbons und Armagnacs auch sehr.

Der erste Schluck ist dann ähnlich angenehm, eine hübsche, natürlich wirkende Süße heißt mich willkommen, eine Wandlung im Verlauf hin zum herberen und am Ende deutlich Trockenen sorgt dafür, dass die Spirituose nicht langweilig wird. Milde Melasse und Rosinen, etwas Pflaumiges, aber schnell dann auch erkennbare Zedernholznoten mit Tannenharz und eine sehr wirksame Pfeffrigkeit bilden sich heraus. Die schon gesehene Viskosität schlägt sich auch in fetter, runder Textur nieder, die sich gegen die Trockenheit stellt. Der Nachklang ist fast schon mentholisch, nach dem Kitzeln des Gaumens kühlt der Rum ihn auch wieder runter. Blumig und durchaus lang hallt er dann noch nach.

Sehr süffig, mit einem wirklich schönen Mundgefühl und viel Charakter: Ein Rum mit sowohl Eleganz und Stil, als auch Kraft und Drinkability. Ehrlich gesagt, ein tolles Rundumpaket, das mir echt gefällt, und gegenüber der Ruby-Ausprägung nochmal eine richtig fette Schippe drauflegt.


Nun zum Dritten im Bunde, dem El Ron del Artesano Panama Rum Virgin Oak Cask 2008. Man sieht den Unterschied im Namen zu den beiden Vorbesprochenen – hier haben wir eine Jahrgangsabfüllung, destilliert 2008, auf Flaschen gezogen im September 2021, das bedeutet ein grobes Alter von 12 bis 13 Jahren. Das hier verwendete Eichenfass war ein nagelneues, ohne Vorbelegung. Terracottafarben, glitzernd und ordentlich schwer macht der Rum im Glas echt was her, schöne Beine betonen das.

El Ron del Artesano Panama Rum Virgin Oak Cask 2008

Deutlich unterscheidet sich hier der Geruchseindruck von den Vorgängern. Limettenschale und Wacholder nehme ich wahr, nicht ganz Gin-Niveau, aber durchaus verwandt. Orangenzeste und Rosmarin verstärken noch den kräuterig-vegetalen Eindruck. Zimt und Vanille kommen darunter, ein leichter Säulendestillat-Ethanolhauch, und am Schluss noch etwas grüne Banane, schokoliert vielleicht. Ungewohnt insgesamt und gerade dadurch sehr spannend, da ist viel zu entdecken!

Hell, süß und sehr fruchtzestig ist der Antrunk, der gefühlt sehr gut zur Nase passt. Orangen- und Limettenschale, frisch von der Frucht abgeschabt, unterstützt von angenehmer, aber zurückhaltender Süße, die nur leicht karamellig und milchschokoladig wirkt. Wie schon bei den jüngeren Rums ist auch hier ein klarer Spannungsbogen vorhanden, mit pfeffriger Schärfe und einer milden Herbe, die nach einer Weile einsetzen, bei diesem 2008er ist dieser Übergang aber noch feiner, eleganter und runder. Der Nachklang passt auch dazu, leicht bitterschokoladig, ein Anflug von Lakritz und Harz und ein gemächliches Verklingen, bei dem etwas Brombeer noch unerwartet auftaucht.

Ganz anders, aber keineswegs schlechter – hier hat man etwas ausgesprochen Rundes vor sich, die zusätzlichen Jahre, das unverbrauchte Fass, da spielt alles zusammen, wie es soll. Ich bin mit diesem Rum sehr zufrieden, er überwältigt nicht, sondern überzeugt durch Klarheit und einen ganz eigenen Charakter.


Für manche Drinks kann man Rumsorten recht beliebig tauschen, da verliert oder gewinnt man oft nicht viel, auch wenn manche Rumnerds dem wohl rein aus Prinzip widersprechen werden. Bei einem Cocktail wie dem Voyager dagegen empfehle ich klar, einen herberen Rum einzusetzen, damit er einen Kontrapunkt zu den ganzen Likören und Sirups bilden kann. Ein ungesüßter Panama-Rum wie einer aus der El Ron del Artesano-Reihe bietet sich da eigentlich ganz gut an.

Voyager Cocktail


Voyager
1⅓oz / 40ml gereifter Rum
⅔oz / 20ml Falernum
⅔oz / 20ml Bénédictine
1oz / 30ml Limettensaft
⅔oz / 20ml Passionsfruchtsirup
⅓oz / 10ml Grenadine
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.

[Rezept nach Weintanne / Jena]


Zur Geschichte mit dem kleinen Brennergesellen, die auf einem Flyer den Flaschen beilag und den Namen des Unternehmens erklären soll, lasse ich mich nicht aus, ich halte nichts von derartigen Stories, selbst wenn sie ausnahmsweise hier wahr sind. Diese Abfüllungen hier hätten es jedenfalls zu keiner Minute nötig, aber ein bisschen Fluff muss man jedem Hersteller wohl gönnen – in einem sehr intensiven persönlichen Gespräch nachts um zwei mit Michael Mattersberger von True Spirits an der Hotelbar in Neustadt und einem darauf folgenden, nicht weniger unterhaltsamen Telefonat mit Sebastian Lauinger, dem Inhaber von El Ron del Artesano, wurde mir deutlich: Warum soll Sebastian auf seine Familiengeschichte verzichten, nur weil so viele andere diesen Mechanismus mißbrauchen? Food for thoughts.

Die Reihenfolge, die ich zur Verkostung ausgewählt habe, hat mir sehr geholfen, diese Rums zu verstehen. Ich habe keinen klaren Favoriten, sowohl der Tawny als auch der Virgin Oak haben mich voll überzeugt und sind echte Genießerrums, der Ruby fällt gegen diese hauseigene Konkurrenz etwas ab, bleibt aber, was Panama angeht, auf einem für mich erstaunlich hohen Niveau. Meiner Ansicht nach ist es so – die Panama-Rums, die früher ihren Weg zu mir gefunden haben, haben ihr Land einfach nicht wirklich in letzter Konsequenz vertreten können, sie waren oft deutlich gesüßt und mit nicht viel Liebe gereift und verblendet. Die El Ron del Artesano-Abfüllungen sind diesbezüglich makellos und haben mir eine komplett neue Perspektive auf Panama ermöglicht – und meinen großen Wunsch nach Zuckerfreiheit erfüllt, den ich im Fazit zu anderen Abfüllungen dieses Lands geäußert hatte. Oh, wie schön Panama sein kann.

Offenlegung: Ich danke El Ron del Artesano für die kosten- und bedingungslose Zusendung der drei Rumsorten, und True Spirits für die Vermittlung.