Vodka cocktails will never teach you anything – Ted Haigh’s Vintage Spirits and Forgotten Cocktails: From the Alamagoozlum to the Zombie

Persönlich konnte ich früher mit Cocktails nichts anfangen. Orangensaft, Zitronensaft, Grapefruitsaft, Maracujasaft… und darunter versteckt zweitklassiger Alkohol, damit man ihn nicht schmecken muss. Und, als Single Malt-Trinker, konnte ich schon dem Gedanken nichts abgewinnen, der Spirituose der Wahl die Qual des Vermischens mit anderen Flüssigkeiten anzutun – insbesondere, wenn Gäste in meinen Talisker Cola schütten wollten.

Nun bin ich davon weit entfernt. Es gibt für mich nichts schöneres, als am Abend vor meiner Hausbar mit über 50 Flaschen diverser Getränke zu stehen und mir zu überlegen, was ich mir heute zusammenmische. Einen besonderen Wert lege ich dabei auf klassische Cocktails, die ich in der Bar „Que tal“ in Saarbrücken schätzen und lieben gelernt habe. Ich rede dabei von Cocktails wie dem Manhattan, Negroni, Whiskey Smash oder Royalist, die mich zum Cocktailfan bekehrt haben – und selbst kaum etwas mit den Saftorgien, bei denen man den Alkohol auch genausogut weglassen könnte, zu tun haben. Ich verstehe, was Haigh meint, wenn er schreibt:

We, as consumers, still have work to do. As a culture, we are quickly forgetting how to appreciate flavors other than the simple childlike ones. If something tastes bitter, pungent, aromatic, or sharp, it is bypassed for an easier-to-contemplate sweet and fruity taste sensation.


Crème d’Yvette, grüner Chartreuse, Amaro Cora, Gummisirup, Amer Picon, diverse Bitters… der Autor macht es uns bei dieser Neuentdeckung von Geschmäckern nicht leicht mit den Zutaten, die man gewiss nicht standardmäßig selbst in einer größeren Hausbar zur Verfügung hat. Wer also Cuba Libre für ein zu kompliziertes Getränk hält, hält besser Abstand von dieser Sammlung völlig zu Unrecht vergessener Mischgetränke. Für viele der Cocktails sind die heutzutage obskuren Zutaten auch der Grund, warum sie vergessen sind – man kriegt einfach keine Boker’s Bitters mehr, und man kann sie heute höchstens annäherend nachbilden. Selbst von relativ neuen Rezepten, wie dem Cocktail Vesper, den James Bond in Casino Royale so ausführlich bestellt, wissen wir nicht mehr, wie er tatsächlich geschmeckt hat – weil es eine Hauptzutat nicht mehr gibt, nur einen Ersatz.

Für mich ist es eine Entdeckungsreise in die prä-Vodka-Vergangenheit, in der jede Zutat noch eine Aufgabe in einem Cocktail hatte, und jeder Cocktail einen angemessenen Rahmen, statt nur den Wirkungstrinkern zu helfen, unauffällig und mit wenigstens etwas Stil dicht zu werden.

Und ich werde ganz sicher mehrere davon nachmixen – inbesondere, seit ich amerikanischen Rye-Whiskey entdeckt habe: Wer noch nie einen Sazerac mit einem guten Rye getrunken hat, weiß nicht, worum es in der Welt eigentlich geht.

Abbau des Zuckerbergs – Captain Morgan White Rum

Die Farbe des Captain Morgan White Rum ist glasklar, die Nase etwas grasig und metallisch – der Geruch erinnert mich fast an weißen Tequila. Im Mund wundert man sich dann ein bisschen über die nur extrem dezente Alkoholnote und die überwältigende Süße, so mild und cremig ist dieser Rum; natürlich ist er vom Geschmack her trotzdem deutlich erkennbar ungereift. Es ist also nicht die karamellige, vanillige Süße eines natürlich gereiften Rums, sondern wirkt etwas künstlich: Ich bin mir daher eigentlich sicher, dass diesem Rum nachträglich Zucker zugesetzt wurde – wie das bei Rums scheinbar leider üblich ist.

(Korrektur: Wie inzwischen gezeigt wurde, ist dieser weiße Rum nicht nachträglich gesüßt, zumindest nicht mit Süßungsmitteln, die man mittels Hydrometertest nachweisen könnte. Letztlich ist der originale Verdacht aber ein Beweis dafür, dass die Rumhersteller ein Klima des Mißtrauens erzeugt haben, und man Süße in Rums inzwischen grundsätzlich verdächtig finden muss.)

morganwhiteWas solls – weißen Rum kann man eh nicht pur trinken, und das gilt auch für den weißen Captain Morgan. Dafür kommt er ganz gut in Cocktails, zum Beispiel habe ich mir einen minimal modifizierten Ranglum, einen beliebten Tiki-Cocktail, gemixt und empfinde den Captain Morgan White Rum darin als sehr angenehm.

Ranglum


Ranglum
2 oz  Rum (z.B. Captain Morgan White Rum)
½ oz weißer Overproof-Rum (z.B. Revolte Overproof)
1 oz Limettensaft
¾ oz Falernum
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Gonçalo de Sousa Monteiro]


Die Flasche ist identisch zur bekannten Captain Morgan Spiced Gold-Flasche, das Etikett bis auf die Farbe gleich designt mit dem coolen Piratenkäpt’n mit dem Fuß auf dem Fass. Mir gefällts, und man sieht, dass man mit einer feschen Aufmachung so manche inhaltlichen Mängel noch ein bisschen ausgleichen kann. Ein vernünftiger Mixer, leicht zu bekommen, preislich in Ordnung.

Der Vorläufer des Rums – Boven’s echter Arrak

Vom Geruch und der Farbe ähnelt der Boven’s echter Arrak aus Indonesien weißem Rum; kein Wunder, bei indonesischem Arrak ist auch Zuckerrohr, neben Reis, ein Hauptbestandteil der Basis für die Vergärung. Auch der Geschmack ist sehr rumähnlich, vielleicht mehr etwas in Richtung eines Rhum agricole – ein leichtes Zusatzaroma und eine stärkere Süße unterscheiden ihn von den typischeren, karibischen Vertretern dieser Spirituosenart. Relativ mild, nur leichtes Alkoholbrennen im Mund machen das Getränk recht schmeichlerisch; der Geruch ist aber vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, mit vielen ungewohnten Gras- und Holznoten. Insgesamt nicht wirklich sehr anziehend, nichts zum Schnuppern und Schlürfen – daher trinke ich ihn nicht pur, sondern eigentlich ausschließlich in Cocktails, wo er als Ersatz für weißen Rum oder Rhum agricole dann aber überraschend gute Dienste leisten kann, weil er eine leichte Aromenabwandlung vom gewohnten weißen Rum bietet, und einen guten Schuss Extrasüße mitbringt.

Boven's echter Arrak

Äußerst überzeugend kommt er in einem 1924 Cocktail zur Geltung, das ist eine Melange, die gut eisgekühlt jeden Liebhaber dichter, starksüßer Sommerabendmixturen faszinieren wird.

1924 Cocktail


1924 Cocktail
1½ oz Arrak (z.B. Boven’s echter Arrak)
¾ oz Fino Sherry
½ oz Maraschino-Likör
⅓ oz roter Wermut (z.B. Martini Rosso)
1 Spritzer Orangenbitter
Auf Eis rühren.
[Rezept nach ceylonarrack.com]


Bei der Flasche muss man aufpassen – die ist sehr hoch, passt also nicht in jedes Regal. Dafür ist sie dort ein Hingucker, die dreieckige Form ist wirklich außergewöhnlich.

Eine ungewöhnliche, ausgefallene Zutat für die Cocktailbar; insbesondere, wenn man gern mit weißem Rum arbeitet sehr empfehlenswert.

Man muss ab sofort keine Kokosnuss mehr öffnen – Plantation Barbados Extra Old 20th Anniversary Rum

Ein Rum, der mit Auszeichnungen und Lob überhäuft wurde, von Profis wie von Laien; den sich viele auch aufgrund des opulenten optischen Eindrucks der Verpackung kaufen. Kann der Inhalt mit diesem Vorschuss an Jubel mithalten?
plantation1 Tatsächlich hat man beim ersten Riechen am  Plantation Barbados Extra Old 20th Anniversary Rum den doch recht starken Eindruck einer Klebstoffnote. Je länger der Rum aber im Glas steht und atmen kann, desto mehr verschwindet diese Note und wird ersetzt durch sehr vanilligen, cremigen Geruch. Im Mund dann fühlt man zu Beginn kein bisschen des Alkohols – ein sehr angenehmes, rundes, weiches, mildes Gefühl. Die Aromen dieses Blends aus ca. 13-jährigen Einzelrums sind hauptsächlich süß – Vanille, Schokolade und ein über allem schwebender, sehr starker Kokosgeschmack definieren diesen Rum. Da, wie bei fast allen Plantation-Produkten, nachträglich Zucker zugesetzt wird, um den Rum dem heutigen Geschmack kompatibler zu machen und die von vielen geliebte Süße zu erreichen, sollte man das beim Verkosten berücksichtigen. Im Abgang kommt dann doch ein leichtes alkoholisches Kratzen und nach einer Weile dann eine gewisse, gar nicht unangenehme Bitterkeit und Mundtrockenheit.

Ein äußerst spannender Rum, vielschichtig und interessant. Die Kokosnote, die alles überlagert, muss man gewiss mögen – wer diese Geschmacksrichtung nicht mag, sollte Abstand halten und sich einen anderen, ähnlich süßen Rum, wie Vizcaya 21 oder Zacapa 23, holen. Für Cocktails passt er wohl hauptsächlich, so ist mein Eindruck, für Tiki-Cocktails wie dem Zombie, in denen er seine Vanille und das Kokos schön einbringen kann, oder einem Sorrel Rum Smash.

Sorrel Rum Smash


Sorrel Rum Smash
4 große Blätter Sauerampfer
½ Zitrone, wiederum halbiert
1 oz Maraschino-Likör
im Shakerglas muddeln
2 oz Plantation Barbados Extra Old 20th Anniversary Rum
sehr gut schütteln
[Rezept nach schlimmerdurst]


Was einem sofort ins Auge fällt ist die Flaschenpräsentation. Ehrlich gesagt – das ist die schönste und auffälligste Flasche, die ich je gesehen habe. Eine herrliche, schwungvolle und trotzdem dezente Form, ein barocker Stöpsel (leider nur mit Kunststoffkorken), Beschriftung auf dem Glas in Goldfarbe, ein edles Etikett und die Schnur, die um die Flasche geflochten ist. Ein dicker Karton dazu: Man bekommt was fürs Geld.

plantation2Nochmal zurück zum Zuckerthema. Gerade Plantation setzt in der Nachbearbeitung Rohrzucker zu, um den Geschmack zu tunen. Dosage wird das dort bezeichnet, in Anlehnung an die Vorgehensweise bei Champagner. Über diese Praxis, nur zähneknirschend von Herstellern zugegeben, streiten sich die Geister; um sichtbar zu machen, worüber wir hier reden, hier ein Bild, in dem ich die von staatlicher Quelle gemessenen 29 g/l auf die 0,7-l-Flasche runtergebrochen und auf meine Küchenwaage gelegt habe.

plantationsugar20,3g Zucker in der Flasche, das sind beinahe 4 Stück Würfelzucker. Das mag sich für manchen erstmal nicht nach viel anhören – für mich klingt es nach ziemlich viel. Mir persönlich stellt sich durch diese Praxis die Frage, ob ich weiterhin wirklich so teuren Rum kaufen soll, der mir heimlich Geschmacksverstärker wie Zucker unterjubelt. Oder einfach lieber auf Rums ausweiche, die sich klar davon distanzieren, wie die meisten Jamaica-Rums es tun.

Hopfenkaffee to go – Fuller’s London Porter

In Deutschland trinkt der eine oder andere hin und wieder ein Schwarzbier. Man mag denken, dass das ein ähnliches Geschmackserlebnis wäre – doch weit gefehlt. Das Porter ist im Gegensatz zu Schwarzbier sehr sämig, und praktisch blickdicht, nur vereinzelte tiefbraune Reflexe deuten die tatsächliche Farbe an, die man sonst für komplett schwarz halten könnte.

londonporter1Ein mittelfeiner Schaum, der schnell komplett weg ist, krönt das Fuller’s London Porter für kurze Zeit; doch im Gegensatz zu einem dunklen Haus- und Hofbier wird das Porter durch das längere Stehen trotzdem nicht schal – milde Säure und perliges Mundgefühl bleiben auch ohne Schaum gut erhalten.

londonporter2Der erste Geruchseindruck ist ganz eindeutig Kaffee, ich glaube, man könnte, wenn man nur nach Geruch und optischem Eindruck geht, dieses Bier für einen starken, abgekühlten Kaffee halten. Der Geschmack ist ähnlich deftig, zum Kaffee kommt eine leichte Dunkelkakaonote. Röstaromen und eine kräftige Malzigkeit werden aufgehellt durch eine sehr frische Würze und einen wunderbar fruchtigen Hopfen – kaum zu glauben, dass das zusammenpasst.

Ein bittersäuerlicher, sehr langanhaltender Nachgeschmack schließlich hebt zusammen mit dem vorgenannten dieses Bier für mich persönlich ganz hoch in den Gerstensaftolymp: Kaum sonst bekommt man bei einem Bier ein derart breites Spektrum an verschiedensten Aromen geboten. Um diese Vielfalt nicht abzutöten, sollte man das London Porter zwar leicht gekühlt, aber nicht zu kalt trinken. Auch zum Essen ist es eine wunderbare Ergänzung, man muss nur aufpassen, dass das kräftige Bier ein zartes Essen nicht komplett unterbuttert.

Dennoch steht das Porter eine Stufe unter einem Imperial Stout, das all die Aromen des Porter trägt, und noch wuchtiger, kräftiger und für manche dann vielleicht etwas zu sehr bombastisch daherkommt. Doch während man ein Imperial Stout doch eher selten trinkt, kann ich mir das London Porter sehr gut als Gebrauchsbier für den Alltag vorstellen.

Eine sehr hübsche Flasche, mit kurzem Hals und etwas kantiger Form, ist auch im Bierregal etwas, an dem das Auge kurz hängen bleibt. Ich bin gespannt auf die anderen Biere von Fuller’s, die ich schon bereit stehen habe.

Rose mit schönen Dornen – Four Roses Small Batch Kentucky Straight Bourbon

Eine wunderschöne Farbe. Tiefgolden strahlt dieser Bourbon bereits in der Flasche, und dann im Glas, eine Wärme aus. In der Nase dann eine unverkennbare Lösungsmittelnote, bei diesem Whiskey gar nicht mal unangenehm, plus „die üblichen Verdächtigen“ bei Bourbon: Vanille und die Aromen, die die amerikanische Weißeiche so mit sich bringt. Leicht fruchtig, Kirsche vor allem.

Four Roses Small Batch Kentucky Straight Bourbon

Ein zu Beginn recht mildes Geschmackserlebnis, sehr bourbontypisch, später dann plötzlich viel dunkler, sehr schokoladig, leicht pfeffrig, etwas bitter und trocken, mit leichten Tabaknoten. Dann also doch ein sehr ungewohntes Aromenspektrum für einen Bourbon – ich liebe es, wenn mich eine Spirituose überrascht, und das tut der Four Roses Small Batch auf jeden Fall. Ich würde ihn nicht unbedingt als Anfängerbourbon empfehlen, denn man sollte erstmal die Standardaromen amerikanischen Whiskeys kennen, um diese sehr interessante, spannende und wirklich expressive Abweichung von der Norm schätzen zu können. Für Leute allerdings, die „mal was anderes“ auf diesem Sektor suchen, lege ich diesen Bourbon wirklich sehr ans Herz.

Diesen Bourbon nutze ich aufgrund seiner Eigenschaften gern im Ginger Gold Rush, einem Cocktail für den zweiten Blick, bei dem ein sehr fruchtiger Körper durch die Ingwerwürze im Nachgeschmack perfekt ergänzt wird.

Ginger Gold Rush


Ginger Gold Rush
1 oz Four Roses Small Batch Bourbon
1½ oz Ingwerlikör (z.B. King’s Ginger)
½ oz Zitronensaft


Auf den Standard-Verkaufsfotos der Onlineshops kann man das Highlight der Flasche, das eingelassene Rosenmotiv, das durch das Etikett umrahmt wird, schwer erkennen. Insgesamt eine sehr ansprechende, massive Flasche mit einem tollen großen Korkverschluss.
fourrosessmallbatch-farbe Von allen Four-Roses-Bourbons finde ich diesen am besten – eine Zierde für jede Hausbar und ein Schmankerl für jeden Bourbon-Kenner.

Könnte aus der Glockengasse stammen – The Bitter Truth Orange Flower Water

Der erste Geruchseindruck des The Bitter Truth Orange Flower Water: 4711 Echt Kölnisch Wasser, mit einem leicht dumpfen Unterton. Da ich persönlich dieses Duftwässerchen von frühester Kindheit an kannte und mochte, ist das schonmal ein Pluspunkt für eine Cocktailzutat. Geschmacklich ist es dann auch ähnlich, als hätte man einen Sprüher des stark verdünnten Parfüms in den Mund bekommen. Da es eh nicht zum puren Trinken beabsichtigt ist, bewerte ich diesen wundersamen Geschmacksausflug in die Vergangenheit nicht über.

The Bitter Truth Orange Flower Water

Orange Flower Water findet man immer wieder, wenn es um Cocktailrezepte geht. Einer der bekanntesten, der sich diese Zutat zunutze macht, ist der Ramos Gin Fizz – arbeitsintensiv und Zutaten, die man sonst in Cocktails, wie man sie an jeder Ecke kriegt, nicht kennt: Ein spannendes Projekt für den Heimmixologen.

Ramos Gin Fizz


Ramos Gin Fizz
2 oz Gin (z.B. Bombay Sapphire)
1/2 oz Crème Double oder Crème Fraiche
1/2 oz Zitronensaft
1/2 oz Limettensaft
3/4 oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Orange Flower Water
1 Eiweiß
Aufgießen mit Sprudel


Das ganze schütteln und schütteln und schütteln und schütteln und schütteln und schütteln – länger, als man je einen Cocktail sonst geschüttelt hat. Am Ende mit Sprudel aufgießen. Ein reichhaltiger, üppiger, cremiger Cocktail.

Die 125ml-Flasche ist sehr ähnlich aufgemacht wie die 200ml-Flaschen mit den Bittern, die The Bitter Truth so hervorragend herstellt. Wahrscheinlich ist es auch das einzige Produkt der Firma, das alkoholfrei ist. Wohl bekomms trotzdem!

Bierbildung für die tumben Massen – Hopfenstopfer Comet IPA

Eine alte Tradition bei uns in der Firma – das in unregelmäßigen Abständen stattfindende „Bier um Vier“ bekam diesesmal eine Rosskur verabreicht. Statt dem sonst gereichten Pils habe ich still und heimlich den Kollegen ein IPA untergeschoben. Man hat ja auch einen Bildungsauftrag als Gourmet!

comet2Das Hopfenstopfer Triple Hop Comet IPA hatte einen gemischten Erfolg. Die meisten der pilsgestählten Trinker äußerten so zweifelhafte Komplimente wie „interessant“ und „ja, gut, aber“. Ich hoffe, ich konnte wenigstens den einen oder anderen davon überzeugen, sich auch mal außerhalb des saarländischen Karlsberg-Imperiums nach alternativen Biergeschmäckern umzuschauen. Der Hauptkritikpunkt war, dass es zwar sehr gut schmeckt, aufgrund der Bitterkeit dann aber nicht für den „täglichen Gebrauch“ tauge – für Saarländer ein wichtiges Kriterium beim Bier!

Persönlich ist das Comet IPA für mich aber durchaus ein interessanter Geschmack: Schon der Geruch ist klar zitronig und fruchtig. Im Mund tauchen diese Aromen auch so stark im Vordergrund auf, dass ich den Kollegen erklären musste, dass dieses Aroma nicht künstlich zugesetzt wird, wie das bei Biermischgetränken à la Mixery geschieht, sondern allein natürlich durch den Hopfen entsteht. Die Zutatenliste auf dem Etikett, die keine Fruchtaromen auflistet, hilft bei der Argumentation, denn rein vom Geschmack her könnte man wirklich glauben, dass da das eine oder andere „E“ oder andere geheimnisvolle Wunderwässerchen der BASF ihr dunkles Werk verrichten.

Hopfenstopfer Comet IPA55 IBU, ein respektabler Wert, der auch klar im Rachen wahrgenommen wird. Wie üblich bei einem IPA ist im Mund die Aromenvielfalt zu groß, als dass man dies schon auf der Zunge spüren würde. Dennoch kommt es mir recht mild vor – ich kenne IPAs, die noch deutlich bitterer sind. 6,8 Volumenprozent Alkohol sind dagegen für ein Bürobier schon eine Ansage, zum Glück ist das Comet IPA in einer Drittelliterflasche abgefüllt.

Gut gekühlt empfehle ich auch aufgrund des recht niedrigen Preises für so ein Craft-Bier das Hopfenstopfer Comet IPA daher auch für Ihre nächste Büroparty!

Die Königin der Alpen – Bergbrennerei Löwen Zirben-Likör

Im Glas ist der Zirben-Likör der Bergbrennerei Löwen satt Hennarot, mit vielen „Beinen“ beim Schwenken. Menthol, kerniges Kiefernharz und zitronig-bittere Grapefruitnoten beherrschen das Geruchsbild, mit leichtem duftigem floralem Hauch – äußerst ansprechend; etwas erinnert er an den Geruch von Campari, vielleicht sogar entfernt von gealtertem Tequila. Im Mund fühlt sich der Zirbenlikör (hergestellt aus den Zapfen der Zirbelkiefer) auch ähnlich an wie der bekannte italienische Bitteraperitif, aber leichter, frischer, nicht ganz so klebrig, dennoch süß, sehr cremig am Gaumen, mit leicht bitterem Nachgeschmack. Mit 25% ist der Alkohol nur zu erahnen, warm rinnt der Likör die Kehle hinunter und hinterlässt ein süßes Zuckeraroma im Mund.

Bergbrennerei Löwen Zirben Likör

Ja, das ist ein sehr angenehmes Getränk, ein leichter Likör, den man nach dem deftigen Essen als oder zum Dessert servieren kann, und den auch Leute mögen werden, die sonst mit einem Digestiv nichts anfangen können.

Ich kann ihn mir aber auch sehr gut als Ersatz für Campari oder Aperol in einem Cocktail oder Longdrink vorstellen – die Geschmacksbilder sind ähnlich, der Zirben-Likör ist nur etwas leichter und muss daher vielleicht stärker dosiert werden. Ganz toll funktioniert er zum Beispiel daher als Campari-Ersatz in einem Boulevardier; ich nenne diesen leichten, klaren, süßen und hellen Drink daher Pine Boulevardier.

Pine Boulevardier


Pine Boulevardier
1 oz „Löwen“ Zirben-Likör
1 oz Bourbon (ein leichter wäre angemessen, wie der Four Roses Yellow Label)
1 oz Süßer Wermut (eher der leichtere Martini Rosso als der schwere Antica Formula)


Die Flasche und das Etikett deuten auf zweckmäßige Herstellung in einem kleinen Betrieb hin, ohne großes Bohei oder Marketingtrara – unterstützenswert. Und da Mixologen sowieso immer auf der Suche nach neuen, ungewohnten, spannenden Zutaten für ebensolche Cocktails sind, möchte ich gerade diesen den Zirbenlikör ans Herz legen.

Nadel im Heuhaufen – Old Pascas Ron Negro Barbados Rum

Supermarkt-Spirituosen haben immer so einen „Geiz-ist-geil“-Beigeschmack, weswegen Pseudokenner über sie lachen. Dabei sind einige davon wahre Perlen, zugegebenermaßen oft versteckt unter viel Müll. Der Old Pascas Ron Negro ist eine der Perlen.
oldpascas Wer einen günstigen, aber dennoch geschmacklich guten dunklen Rum sucht, um ihn für Cocktails zu verwenden, macht mit dem Old Pascas nichts falsch. Versuchen Sie zum Beispiel mal einen meiner Lieblingscocktails, den El Presidente, mit diesem Rum herzustellen. Ein fantastischer Cocktail, edel, trocken, wunderbar süß, passend zu einer Davidoff Demi Tasse.

elpresidente-cocktail


El Presidente
1½ oz Old Pascas Ron Negro
¾ oz Triple Sec (Le Favori, oder z.B. Clément Créole Shrubb)
¾ oz Trockener Wermut (z.B. Martini Extra Dry)
1 Spritzer Grenadine-Sirup


Der Old Pascas übernimmt den Cocktail nicht mit extremer Süße oder störenden Aromen – er ist ein sehr angenehmer, ruhiger, leicht zufriedenzustellender Cocktailspieler. Mein einziger Kritikpunkt sind die etwas dürftigen 37,5% Volumenprozent; viel Kraft hat dieser Rum daher nicht. Trotzdem – wer die Extraeuros für einen Pampero Aniversario oder den 4-jährigen Botucal nicht ausgeben will, ohne allzuviel an Qualität zu verlieren, und nicht an „Sipping“ (Purtrinken) denkt, sollte einen Blick (und Schluck!) riskieren. Leider gilt dasselbe nicht für den weißen Old Pascas. Lassen Sie den lieber im Regal und holen sich eine zweite Flasche der dunklen Varietät. Da dieser Rum auch einer der recht wenigen ist, die ohne künstlichen Zuckerzusatz auskommen, sollte man ihm auch deswegen eine Chance geben.

Vor kurzem wurde das Flaschen- und Etikettendesign überarbeitet. Die 37,5%-Variante und die 73%-Variante erhielten ein sehr gelungenes Facelift.

oldpascasbothDie neue Flasche (links) ist runder, schwungvoller, mit einem hübschen im Glas eingelassenen Schildkrötenmotiv – dagegen wirkt die alte Version (rechts) tatsächlich recht langweilig und gewöhnlich. Mir gefallen solche gut gemachten, durchdachten Stiländerungen, denn das Auge trinkt bekanntlich mit!