Neulich habe ich es im Fernsehen gesehen – es kam eine Werbung für das alternative globale Positionierungssystem What3Words. Die Idee dahinter ist, dass man jeden Ort auf der Welt durch eine Kombination von 3 Wörtern beschreiben kann, die sich leichter merken lassen als die unhandlichen Zahlenkolonnen des GPS-Systems. „///Fear.Movie.Lions“ ist dabei die Wortkombination für die Stone-Brauerei in Richmond in den USA, und das ist auch die Inspiration für das Stone ///Fear.Movie.Lions Hazy Double IPA. Abgefüllt in einer Dose mit 473ml, die als witziges Detail eine nette Darstellung des Stone-Maskottchens, des Gargoyles, in der Metalllasche eingeschnitten hat.
Nach dem Eingießen sieht man ein sattes Safrangelb im Glas. Naturtrüb weil ungefiltert, darauf legen die Brauer großen Wert. Auch ohne Gegenlicht sieht man Milliarden von winzigsten Bläschen allerorten rasend schnell nach oben steigen, eine richtig wilde Jagd zur Oberfläche, was hier veranstaltet wird. Der Schaum ist mittel- bis großblasig, für ein Ale ausdauernd und dick.
Von Stone Brewing erwarte ich selten ein zurückhaltendes, dezentes Bier, und schon die Nase kündigt an, dass wir das auch hier nicht zu befürchten haben. Eine freche Mischung aus Tropenfrucht und Hopfenbittere schlägt von Anfang an zu, ohne Rücksicht zu nehmen – man meint, schon eine leichte Betäubung der Riechzellen abzubekommen. Grüne Ananas kombiniert sich hier mit dem Geruch eines schon eine Weile arbeitenden Komposthaufens, da sind neben der Frucht auch viele erdige, grasige und fast schon pferdestallartige Noten.
Auch im Mund ist so eine Dunkeltönigkeit, die mich bei einem DIPA überrascht, fast schon malzig wie ein belgisches Dubbel wirkt das. Erdigkeit, schwere Süße, so beginnt das FML, geht dann immer mehr in die kantige Grapefruitbittere über, und schließlich kommt noch limettige Säure dazu – ein gar nicht unspannender Geschmacksbogen. 8,5% Alkoholgehalt spürt man nach wenigen Schlucken schon, nicht nur im Effekt, auch in der bombig fetten Textur, das wirkt stellenweise wie die aufgeschäumte Milch auf einem Cappuccino.
Der Abgang ist dafür kurz, ein bisschen eckig, was aber durch die durchgängige Süße aufgefangen wird – erst ganz zum Schluss wird das Zäpfchen hinten im Rachen gekitzelt, eine fette bitterlastige Adstringenz setzt ein, und die Stone-Charakteristika kommen dann voll durch.
Eine Bombe, vor allem von der unglaublichen, zum darauf Herumkauen anregenden Textur her, um so besser, dass sich aromatisch nicht auch noch alles gleichzeitig nach vorne drängelt. Ein Bier, wie ich es von Stone kenne, für die Freunde des Angriffs auf alle Rezeptoren – wer ein zartes Bier zum Gaumenklären sucht, oder zur Erfrischung, bitte woanders suchen: das hier ist eine Faust ins Gesicht.
Ich war etwas überfordert, als es eines Abends bei meinem Urlaub im Salzburger Land zu dem gereichten Kaiserschmarrn ein dunkelrotes, aus kleinen Früchten bestehendes Mus gab. Eine kurze Nachfrage ergab: Hollerkoch nennt sich das in Österreich, Holunderbeeren eingekocht zu einem Mus. Daraus folgte mir, gescheit wie ich bin, dass Holler das österreichische Wort für Holunder ist. Nicht, dass ich mit Holunder nicht schon viel Erfahrung hätte – meine Eltern hatten früher jedes Jahr die Holunderbeeren in der Gegend gesammelt und daraus Saft gekocht. Dieser Saft ist vollgepackt mit Vitaminen und das beste Erkältungsmittel, das ich kenne, es schmeckt superlecker und man schwitzt, wenn man eine Tasse davon abends erwärmt trinkt, über Nacht selbst die härteste Infektion aus.
Nun, meine Eltern sind inzwischen in einem Alter, wo man nicht mehr den ganzen Tag Saft kocht. Darum war der erste Kontakt mit dem Hollerkoch direkt eine sehr angenehme kleine geschmackliche Remineszenz an die alten Zeiten. Doch verrückterweise hört damit meine Holundergeschichte in Österreich nicht auf: ein paar Tage später wurde mir zum Abendessen der Guglhof Holler Brand 2011 Reserve empfohlen. Die älteste Brennerei Salzburgs (und Österreichs) hatte mich bereits vor einer Weile mit einem hübschen Rumsortiment überrascht, und als die Brennerei dann auf der Speisekarte regelmäßig auftauchte, war der Holler Brand der erste in einer langen Reihe von Obstbränden, die ich dort probierte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich im Hotel denselben Jahrgang bekommen hatte, den ich hier vorstelle – auf dem Guglhof werden Jahrgangsbrände hergestellt, die können von Jahr zu Jahr unterschiedliche Alkoholgehalte und Detailgeschmäcker haben, wie das bei einem echten Handwerksbetrieb halt durchaus üblich ist. 41% hat jedenfalls der Jahrgangsbrand 2011, den ich nach dem Urlaub direkt als Flasche erworben habe, und den ich nun mit meinen Lesern zusammen öffne.
Die Farbe ist klar und transparent, was hier aber nicht bedeutet, dass die Spirituose ungereift ist – sie wurde nur nicht in Holzfässern gelagert. Eine Ruhephase von mehreren Jahren in offenen Glasballons sorgt nach der Destillation für Reifung, auch ohne dass Fremdaromen dazukommen. Eins meiner Lieblingsparadoxa sieht man im Glas: Leichte Schwere. Ich meine damit, dass sich die Flüssigkeit viskos, aber nicht wirklich ölig beim Schwenken bewegt. Wenn man es sieht, weiß man, was ich meine. Das ganze Verkostungsglas ist mit dicken Schlieren belegt, die zwar zügig ablaufen, aber immer noch Reste hinterlassen.
Die Nase wird von einem herrlichen Duft bezaubert – bei meinem ersten Kontakt mit diesem Brand war ich fassungslos, wie wunderbar der Holler Brand riecht. Wunderbar blumige Eindrücke geben genau die duftende Pracht einer großen Staude Holunderblüten wieder, süßlich, mit Anflügen von Aprikosen- und Kirschfrucht, in einer Reihe gleichzeitig sowohl zart und parfümig als auch voll und rund, keinerlei Störfaktoren liegen vor. Hier hat der Brenner wirklich die Blüte 1:1 ins Glas gebracht, faszinierend. Ich schnuppere viele Minuten daran, bevor ich einen ersten Schluck nehme.
Jener beginnt mit einer hübschen Mischung aus Süße und Bittere. Sowohl Holunderfrucht als auch -blüte entwickelt sich sehr schnell, fügt sich mit der vollen Textur zu einer Eleganz zusammen, die ich bewundere. Im Verlauf kommen noch Steinobsttöne dazu, die die Komplexität erhöhen, ohne den klaren Holundercharakter zu beeinflussen. Schließlich baut sich langsam eine dezente Würzigkeit auf, ein leichtes pikantes Brummen, das eine attraktive Fülle und Rundheit am Gaumen erzeugt. Ideal ausbalanciert, jeder Aspekt ist da, übertrumpft aber den anderen nicht. Der Abgang ist extrem floral, Holunderblüten, Jasmin, Rosen, ein edler Blumenstrauß liegt da im Mund, klingt sehr lange nach. Milde Wärme und ein leichtes Kribbeln findet sich am ganzen Gaumen und auf der Zunge. Noch viele Minuten, wenn der Brand schon lange den Mund verlassen hat, hallt der Holunder noch nach.
Ich lehne mich mal aus dem Fenster und bestätige den Eindruck, den ich abends im Salzburger Hof hatte, als ich diesen Brand nach dem Essen als Absacker getrunken hatte – das ist für mich persönlich sicherlich mit eine der besten, gelungensten Spirituosen, die ich je in einem Verkostungsglas hatte. Ein Traum in jeder Hinsicht, klar und prägnant, vollaromatisch, dabei immer unaufdringlich und mit spielerischer Leichtigkeit.
Sowas passt natürlich perfekt auch in Cocktails, die auf wenige, aber aromatische Zutaten setzen. The Translucent wird normalerweise mit Kirschwasser hergestellt, doch der Holler Brand ist eine mehr als passende Abwechslung in diesem Rezept. Wirklich gut kalt gerührt, in einer vorgekühlten Coupe, da habe ich überhaupt keine Probleme, gleich zwei davon zu schlürfen. Ein Drink, der in seiner Eleganz dem Salzburger Obstbrand sehr angemessen ist.
The Translucent 1¼ oz / 40ml Gin ¾ oz / 25ml Kirschwasser ¼ oz / 10ml Crème de Cacao (weiß) Auf Eis rühren. [Rezept nach unbekannt]
Ich möchte hier zwei Personen danken – einmal Michael Mattersberger von True Spirits, der mich auf die Brennerei Guglhof erstmals aufmerksam gemacht hat, und dann dem netten Restaurantleiter im Salzburger Hof in Leogang, der mir das hübsche Verkostungsglas geschenkt hatte, nachdem ich mich jeden Abend nach dem Essen durch das Guglhof-Sortiment getrunken hatte. Den Weichselbrand aus der Sauerkirsche vom Guglhof habe ich seitdem immer noch ebenso auf der Einkaufsliste wie den Alten Apfel.
Für die Freunde des Food-Pairing möchte ich ausdrücklich die tolle Nachspeise ansprechen, die es an diesem denkwürdigen Abend gab – das Pfirsich-Holundermousse mit rosa Pfeffer und Zitronenganache, in Kombination mit dem Guglhof Holler Brand, ich weiß wirklich nicht, ob es überhaupt noch besser geht. Höchstens noch in Verbindung mit Kaiserschmarrn und Hollerkoch. Meine Begleitung war nur noch am Grinsen, weil ich mich vor Begeisterung gar nicht mehr einbekommen konnte. Ich hoffe, meine Leser lächeln auch ein bisschen und ziehen sofort los, sich eine Flasche dieses Spirituosentraums aus Österreich zu besorgen. Und ich mache mir bei der nächsten Erkältung einfach einen warmen Trunk aus dem Hollerbrand, vielleicht hilft er auch so gut wie einst der Holundersaft meiner Eltern.
Ich bin neulich wieder einmal an Rosenheim vorbeigefahren, auf dem Weg ins Salzburger Land. Leider liegt das für mich auf diesem Urlaubsweg ungünstig – auf dem Hinweg nach Österreich ist man kurz vor der Grenze, da will man nicht in Deutschland noch auf eine Pause halten; auf dem Rückweg ist man gerade ein, zwei Stündchen unterwegs (je nachdem, wie auf den engen Straßen des Pinzgau der Verkehr ist), da will man den Verkehrswahnsinn um München möglichst schnell hinter sich bringen. Also verlasse ich mich auf den lokalen Bierexperten im Edeka der Mainzer Straße in Saarbrücken, mir Rosenheimer Bier anzubieten. Das Bierbichler Weißbier hat also eine Geschichte, die ich beim Genuss gerne überdenke, vielleicht sollte man dort doch mal einen Stop einlegen?
Haselnussbraun, starke Trübung. wunderbare, ausdauernde, gemischtblasige Blume, einem Weizenbier sehr würdig. Starke Perlage aus millionen von winzigsten Perlchen, die im Turbotempo aufsteigen. Man kann zunächst schlecht am Bier riechen, wegen dieser tollen Schaumkrone, man erschnuppert dann aber eine deutliche Malzbasis, Würzigkeit, fast schon gemüsige Spargeligkeit (und nein, ich empfinde das keinesfalls als Fehlton!) mit Schlag ins Nelkige.
Sehr volles Mundgefühl, tolle, kräftige, aber nicht übermäßig cremige Textur, 5,5% Alkoholgehalt finde ich sehr attraktiv für so ein Bier. Geht ziemlich schnell vom Süßen ins Saure über, mit einer klaren Frischekante, durch die rein optisch schon wahrgenommene Karbonisierung. Nelkig, zitronig, säuerlastig, ohne wirklich superaromatisch zu werden. Kurzer Abgang, trocken, klar und frisch.
Ein sehr süffiges, erfrischendes Hefeweizen, ohne Spielerei, sehr klassisch und sauber. Das auf dem Etikett abgedruckte Motto „bekannt – beliebt – beständig“ kann ich durchaus nachvollziehen.
Doch erstaunlich lange Zeit habe ich mich nun mit chinesischen Spirituosen auseinandergesetzt, vor allem mit Baijiu, und doch kam ich eher selten in Kontakt mit dem Vorfahren des Hirsebrands: dem Huangjiu. Vielleicht ist der Grund dafür aber eben das, dass man Huangjiu eigentlich auch nicht als „Spirituose“ bezeichnen kann, da er nicht destilliert wird, er ähnelt in der Herstellung mehr einem japanischen Sake. Vor der Verbreitung und Perfektionierung der Destillationstechniken wurde in China hauptsächlich Huangjiu getrunken, wenn man Alkohol haben wollte, und in den letzten Jahren hat die Beliebtheit auch wieder zugenommen: 3,5 Milliarden Liter wurden 2011 an Huangjiu in China konsumiert. Dazwischen gab es eine lange Phase, in der der „gelbe Wein“, so die wörtliche Übersetzung, als Getränk der verweichlichten, abgehobenen Elite gesehen wurde, und der viel stärkere, billigere Baijiu die Droge des einfachen Volkes war.
Nü’er Hong Huangjiu (女兒紅黄酒) ist eine Sorte von Huangjiu, bei der Klebreis und Weizen mithilfe des auch von Baijiu meinen Lesern bekannten Qu(dem immer als wichtigstes Geheimnis jedes Herstellers geschützten Fermentationsstarters voller Hefen, Schimmel und Bakterien) fermentiert wird. Besonders in der südöstlichen Provinz Zhejiang, wo der Nü’er Hong herstammt, hat diese Art von Reiswein – dass es eigentlich eher Reisbier ist, wollen wir hier nicht unter den Tisch fallen lassen – eine lange Tradition: vielleicht hat der eine oder andere beim Kochen asiatischer Gerichte schonmal den Shaoxing-Reiswein eingesetzt, ein sehr verwandtes Produkt, das man hierzulande in jedem Asia-Laden ohne Probleme bekommen kann. 5 Jahre reift dieser Huangjiu dann in Tonkrügen, bevor er in Flaschen gezogen und dann auch nach Europa verkauft wird; zum Glück, denn nun können wir ihn hier gemeinsam probieren.
Schon beim Eingießen wird hier nun auch optisch deutlich, dass Huangjiu und Baijiu zwei Paar Stiefel sind. Die rote Tochter (das ist die Übersetzung des Markennamens 女兒紅) erinnert mehr an einen Bourbon als an den chinesischen Hirseschnaps – rotbraun, Pariser Rot, mit dunkelorangenen Lichtreflexen. Im Glas bewegt sich die Flüssigkeit schwer, deutlich schwerer jedenfalls, als ich ihr mit den 14% Alkoholgehalt zugetraut hätte. Das Glaswandverhalten ist jedoch jenem entsprechend, man sieht kaum Rückstände.
Ich habe, wenn ich das Glas an die Nase halte, eine extrem deutliche Assoziation zu Sherry: Der Geruch ist dominiert von einer sehr ausgeprägten Nussigkeit, sogar noch deutlich mehr, als ein Amontillado das aufweist – eine gewisse Verwandheit der Aromatik ist unverkennbar. Im Gegensatz zum Südspanier findet sich beim Chinesen eine feine Säure, die über der Nuss liegt, kombiniert mit einer ganz dezenten Würzigkeit von Sojasauce; das geht beim Nü’er Hong besser zusammen, als man rein von den Worten her glauben mag. Ansonsten hat man mildes Rancio, was durch einen Anflug von Zitrus aufgefrischt wird.
Im Mund ist die spanische Verwandschaft schnell vergessen, zumindest zum Amontillado – hier findet sich eine frische, freche, einem Weinessig ähnlich Säure, die eher an einen jungen Fino en rama denken lässt. Limettig, hell und leicht, darunter immer noch die starke Nussigkeit, die im Verlauf die Säure ein- und schließlich überholt. Der sehr leichte Körper hat nur noch Ideen von Sojasauce, mit einer edelherben Süßtrocken-Balance überrascht er den Gaumen; dass er in die Huangjiu-Kategorie 半干 (bangan, halbtrocken) gehört, verwundert dann nicht mehr. Ungewöhnlich, dass man in einer Spirituose derart ausgeprägt so viele der Eindrücke sammeln kann, die die Zunge differenzieren kann: süß, sauer, bitter, umami. Der niedrige Alkoholgehalt von 14% unterstützt dabei natürlich, hier wird nichts betäubt, die Zunge kann ihre Arbeit ungestört tun. Der kurze Abgang wird beherrscht von dieser aparten Zitrusnussigkeit, die am Ende sogar noch fast schokoladig wird.
Ich glaube, ich habe es ausgedrückt – wer Sherry mag, wird Huangjiu lieben. Die aromatische Nähe ist frappierend, vor allem, wenn man die Unterschiede in der Produktion berücksichtigt, komplett andere Basismaterialien, andere Herstellungsprozesse, andere Nachbearbeitung. Entsprechend habe ich als Cocktailrezept etwas ausgesucht, was eigentlich als Basisspirituose Amontillado verwendet. Ich habe dabei den Anteil an Zitronensaft etwas reduziert, um der inhärenten Säure des Nü’er Hong entgegenzuwirken. Ansonsten ist Die Blume von Jiangnan ein leichter, aber hocharomatischer Drink, mit einem Touch Exotik.
Die Blume von Jiangnan 1½ oz / 45ml Huangjiu ½ oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum ¼ oz / 10ml Aprikosenlikör ½ oz / 15ml Zitronensaft ½ oz / 15ml Zuckersirup 1 Spritzer Angostura Bitters Auf Eis shaken. [Rezept nach Helmut Barro, adaptiert nach Joaquín Simós „Flor de Jerez“]
Ich hatte etwas Probleme, die kleine Flasche zu öffnen – der Kunststoffstöpsel ist wirklich fest eingepasst und man muss viel Kraft aufwenden, um ihn aus dem Flaschenhals zu ziehen. Das ist aber schon der größte Kritikpunkt am grundsätzlichen Produktdesign, denn die Flasche ist einfach knuffig, in dem nach chinesischer Farbenlehre glück- und zufriedenheitsbringenden Rot gehalten; eine der Geschichten um diese Marke geht eben genau darum, dass eine Flasche bei der Geburt einer Tochter vergraben wurde, um dann, bei der Hochzeit später, ein schönes Geschenk zu haben. Das erklärt neben der Farbe auch den Markennamen (rot ist bei klassischen chinesischen Hochzeiten die Farbe des Kleids der Braut, das westliche Weiß ist in China die Trauerfarbe). Sicherlich eine schöne Geschenkidee für die nächste Hochzeit sinophiler Bekannter auch hierzulande. Oder eben ein idealer, unkomplizierter und sehr schmackhafter Einstieg in die erweiterte Welt der chinesischen Trinkkultur!
Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Huangjiu.
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels weilte ich gerade in Brüssel und verkostete für den Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Schnäpse im Dutzend. Und das eine oder andere belgische Bier rann dabei abends sicher auch meine Kehle hinunter – ich liebe das Land für seine eigenständige, extrem lebendige Bierkultur. Trappistenbiere sind dabei ein wichtiger Bestandteil. Als ich neulich in einem Supermarkt in Saarbrücken mit dem Westmalle Extra ein mir noch unbekanntes Familienmitglied dieser Bierfamilie sah, dachte ich, das ist eine guter Anlass, die ganze Serie Westmalle Trappist Extra, Dubbel und Tripel zu besprechen.
Beginnen wir auch direkt mit dem auch mir neuen Westmalle Trappist Extra. Was ich rein von außen, bei Betrachtung der Etiketten, schonmal gut finde: das Abfülldatum ist auf der Flasche angegeben; für Bierfreunde eine wertvolle Information. Der Alkoholgehalt ist mit 4,8% für ein belgisches Bier erstmal niedrig angesetzt. Ein außergewöhnlich schöner Schaum entsteht beim Eingießen – eine herrlich hübsche Blume aus feinblasigem Schaum, die auch nach einigen Minuten nicht zusammenfällt und auf dem Bier stehen bleibt. Sie wird durch sehr ausgeprägte Perlage gespeist, man sieht wirklich Milliarden und Abermilliarden von feinsten Bläschen, die fast schon eine Fläche bilden, und dadurch das eh schon naturtrübe Blassgold noch dichter machen.
Die Nase ist getreidig, fast schon holzig, würde ich sagen, mit leichter Erdigkeit und deutlicher Hopfenbittere – da ist kaum Aromahopfen drin, ein klassischer Biergeruch. Etwas milde Frucht liegt trotzdem drin, aber nur in Mikrodosierung. Die Nase ist, insbesondere bei guter Kühlung, damit unauffällig. Der Geschmack punktet dagegen direkt sehr, hier findet sich auch eine getreidige Würze, die an ein Helles erinnert: klar, sauber, ohne allzuviele Beigeschmäcker. Ein sehr direktes Bier, das trotz der Sauberkeit ein volles Mundgefühl hat, und eine hin und wieder gefühlte Süße mit knackiger, frischer Säure überspielt. Sowohl dadurch, als auch durch die schon angesprochene Perlage, ist das Westmalle Extra sehr rezent. Am Ende kommt eine effektive, kräftige Hopfenbittere auf.
Ein sehr schönes Bier, unkompliziert, frisch und leicht, das sich extrem süffig trinkt; und dabei trotzdem eher in die Kategorie „Genussbier“ fällt. Ideal für den heißen Sommer (wenn er dann nächstes Jahr kommen sollte)!
Das Westmalle Trappist Dubbel fällt dann rein optisch in eine ganz andere Kategorie – da ist schwarzbraune Blickdichte angesagt, und eine schön feinblasige Crema darauf, die sich einige Minuten gut hält. Geruchlich ist der Unterschied nicht ganz so deutlich, das Bier hält sich zurück, was Aromen angeht, eine leicht metallische Note, etwas Malz, ein Anflug von Hopfen, der minimale Fruchtigkeit mitbringt.
Im Mund dagegen zeigt sich das dunkle Dubbel weniger zahm, direkt ist da eine kräftige Säure, die zusammen mit leichten Röstaromen den Gaumen aufmischt. Die Textur ist voll und schwer, doch durch die Säure und die sehr hohe Karbonisierung wirkt das Bier dennoch sehr frisch und trotz der Farbe auch irgendwie helltönig. Hier kommt auch eine milde Blumigkeit zum Vorschein, die paradoxerweise zur sehr ausgeprägten Trockenheit passt, die sich im Abgang dann noch zeigt. Mit 7% Alkoholgehalt haben wir hier schon etwas, was man am Ende des Biers dann spürt.
Das Westmalle Trappist Dubbel ist für mich ein klassisches Go-To-Bier, das ich immer mitnehme, wenn ich es irgendwo sehe. Es macht mir richtig viel Vergnügen: Einer meiner Lieblingsbelgier.
Kommen wir zum Stärksten des Trios – im Westmalle Trappist Tripel sind immerhin ordentliche 9,5% Alkohol eingebaut. Auch hier ist die optische Erscheinung über jeden Zweifel erhaben, eine leuchtende eidottergelbe Farbe, naturtrüb, mit explosiver Schaumentwicklung beim Eingießen. In der Nase machen wir eher einen Sprung zurück zum Extra, getreidig, metallisch, feuchter Kies, milde Bitterhopfentöne.
Wenn man sich durch den Schaum gekämpft hat, liegt eine sehr satte Textur im Mund. Rund, voll, mit initialer Süße wirkt das sehr attraktiv. Schnell holt aber Säure und Bittere das ein, bringt Komplexität im Eindruck, wenn auch nicht in der Aromatik: Es ist festzuhalten, dass alle drei Westmalles eher Texturbiere denn Geschmacksbiere sind. Dennoch ist das für mich ausgesprochen gut gemacht. Im Verlauf zeigt sich doch noch Aroma, eine sehr schöne Jasminblumigkeit entsteht und diese hängt im Abgang dann auch sehr lange nach. Sehr rezent ist das Tripel von Anfang bis Ende, bei der Frische muss man aufpassen, dass man nicht zuviel davon trinkt, gerade in der Sonne, wo so ein Bier herrlich wirkt, knallt das dann ganz gewaltig durch die Alkoholstärke, die man kaum spürt.
Im Endeffekt bin ich unendlich froh, dass ich an diese drei belgischen Trappisten hier bei mir so leicht herankomme – der Edeka in der Mainzer Straße hat sie oft vorrätig, neben vielen anderen Bierspezereien aus aller Welt. Aber, wie schon oben mal erwähnt: Westmalle landet bei aller Experimentierfreudigkeit immer wieder ohne jedes Nachdenken im Warenkorb bei mir. Tolle Biere, kurz und knapp gesagt.
Bis heute habe ich den Grusel in sehr angenehmer Erinnerung, der mich befiel, als ich mit den Werken von H.P. Lovecraft in Kontakt kam. Als Teenager verschlang ich seine Kurzgeschichten, Novellen und Romane, las auch alles von seinen Epigonen wie August Derleth, Ramsey Campbell, Brian Lumley, Lin Carter und Clark Ashon Smith, und auch die inhaltlich zum Thema passenden Autoren wie Robert W. Chambers, Thomas Ligotti und Ambrose Bierce waren gute Bekannte für mich. Bis heute klingt auch Mike Oldfields Tubular Bells in meinen Ohren wie ein Soundtrack zu Lovecrafts At the Mountains of Madness, denn ich hatte das in Dauerschleife laufen, während ich den Roman las. Der „Mythos“, so wird die faszinierende Welt genannt, die Lovecraft in seinen Werken erschuf, ist bis heute lebendig in der Darstellung eines unförmigen, chaotischen, nicht beschreibbaren Grauens, das die Menschheit beständig bedroht, ohne dass sie davon weiß – wer es erkennt, zum Beispiel durch die Lektüre obskurer Bücher oder das Entdecken jahrtausendealter Objekte, wird in der Regel wahnsinnig. Wer es nicht so sehr mit dem Lesen alter Bücher aus den 1920er- und 1930er-Jahren hat, kann die Stimmung in Computerspielumsetzungen wie Alone in the Dark oder den Hellboy-Comics von Mike Mignola nachfühlen.
Oder man trinkt den SaarWhisky Cthulhu Dark Herbal Craft Absinthe. Ich gestehe, der erste Kaufanreiz für diesen Absinthe war der Name und die Gestaltung, ich kann an sowas schwer vorbeischauen. Die grundsätzlich sehr positive Erfahrung mit den Spirituosen von SaarWhisky (dazu am Ende mehr) ließ mich aber darüber keine großen Gedanken verlieren. Absinthe ist für viele eine schwierige Spirituose, die Zeit, die der einstige Star der Bohème in unverdienter Klausur verbringen musste, hat dazu geführt, dass man verlernt hat, mit ihr umzugehen. Seit einigen Jahren ist die grüne Fee wieder leicht auf dem aufsteigenden Ast, französische und deutsche Produkte sind zuhauf in hervorragender Qualität verfügbar, allein der absichtlich ruinierte Ruf ist bei weitem noch nicht wiederhergestellt. Um so mehr freut es mich, dass ein lokales Unternehmen sich dem Absinthe so annimmt wie das SaarWhisky tut – zum Beispiel mit einem zweifach destillierten, zweifach mazerierten, komplett in kleinteiliger Handarbeit in einer winzigen Destillerie hergestellten Produkt wie dem, das ich hier nun verkosten will.
Aus der Flasche fließt eine grüngelbliche Flüssigkeit, mit einer leichten Trübung, ohne dass aber Partikel sichtbar wären. Laut Hersteller kommt ein Teil dieser Farbe aus einer Zweitmazerierung mit Brombeeren und Wermutkraut – das beworbene Blaugrün sehe ich persönlich allerdings nicht wirklich. Der hohe, aber für klassischen Absinthe absolut nicht ungewöhnliche Alkoholgehalt von 68,3% sorgt dafür, dass sich dicke Beine beim Schwenken bilden, die langsam in Tropfen ablaufen. Im Glas schwappt der Absinthe schwer hin und her.
Die Nase des Cthulhu Dark Herbal Craft Absinthe wirkt stark grasig, sehr prägnant nach in der Dieme schon eine Weile stehendem Heu. Dazu kommen milde Süßholztöne, feinem Anis und dem typischen Geruch des Wermutkrauts. Eine dezente Seifigkeit deutet auf Koriander hin. Ich meine allerdings auch, eine kräftige Fruchtigkeit nach Steinobst zu riechen, Kirschen und Aprikosen vielleicht, ohne, dass diese in der Rezeptur selbst vorhanden wären. Im Gesamtbild wirkt der Absinthe hell und klar, und auch der Alkoholgehalt ist an keiner Stelle pieksend.
Im Mund kommt zuerst eine ausgeprägte Salzigkeit zum Vorschein, die sich über den gesamten Verlauf erhält. Salmiak und Anis entwickeln sich schnell und wuchtig, zusammen mit der Würzigkeit und der leichten Textur hat man ein interessantes Mundgefühl. Sehr mineralisch und krautig, mit Eindrücken von Kies, Algen und grünem Blattschnitt. Eine leichte Süße ist da, die sich mit einer kräftigeren Bittere kombiniert. Die Zungenspitze wird gekitzelt und später anästhesiert, Speichelfluss durch unkratzige Trockenheit und den hier dann spürbaren Alkoholgehalt angeregt. Der Abgang des Cthulhu Absinthe ist pikant, leicht weißpfeffrig, mit einem warmen Gefühl am ganzen Gaumen und der Zunge, vegetal, aber hier nun deutlicher zum Süßen wandernd, mit feinen Lakritz- und Beereneindrücken, die noch eine ganze Weile mit einem mentholischen Effekt nachhallen.
Mit etwas Eiswasser entwickelt sich schnell ein gelblich-dichter Louche, man könnte wirklich, um zum Gruselvokabular zurückzukommen, von einer schwärend-fiebrig-eitrigen Flüssigkeit sprechen. Spaß beiseite, hier bekommt man einen immer noch sehr heuigen, aber natürlich viel milderen Geruchseindruck, geschmacklich noch leicht salzig, aromatisch, erst gegen Ende geprägt von Wermut und Anis, im Gesamtbild sehr angenehm, weich und rund und dann plötzlich halt so gar nicht mehr zum Bild des schleimig-gefährlichen Cthulhu passend. Aber wer würde denn so eine dann daran angepasste grausige Spirituose auch wollen, dazu müsste man mindestens so geistesgestört sein wie Erich Zann.
Ich muss ehrlicherweise sagen – wenn man nur einen einzelnen Absinthe zu Hause haben will (eine verrückte Idee, ich weiß), dann ist der Cthulhu vielleicht nicht die richtige Wahl, das ist eher was für Absinthefreunde, die gerne was ausprobieren und mit der Art dieser Spirituose umgehen können. Diese werden aber sicher Freude daran finden, wie ich.
Für das üblicherweise hier vorgestellte Cocktailrezept bleiben wir im literarischen Umfeld, wechseln den Autor, werden dabei aber nicht weniger wuchtig, ich glaube, Ernest Hemingway hätte auch einen Großen Alten mit der Angel aus dem Meer gezogen und ihm eins übergebraten. Und ich bin mir sicher, dass, wenn man Cthulhu fragt, was sein Lieblingscocktail ist, auch so etwas ähnliches wie der Death in the Afternoon herauskäme. Da ist nichts Liebliches an dem Drink, er ist was für den Trinker, der harte, geeiste Dry Martinis als viel zu lasch und freundlich am Gaumen empfindet. Muss man so einen Cocktail mögen? Nein. Er ist eher was für die, die so richtig derbherbe Drinks wertschätzen können. Hier halte ich die von mir gewählte Dekoration für sehr nützlich, die Süße der Feige ist ideal, um die Herbe des Cocktails etwas ausgleichen zu können.
Death in the Afternoon ¾ oz / 25ml Absinthe 2¼ oz / 75ml Champagner Im Glas bauen. [Rezept nach Ernest Hemingway]
Zur Präsentation gibt es außer dem Thema, das SaarWhisky für diesen Absinthe gewählt hat, nicht viel zu sagen – eine Dunkelgrünglasflasche, die bei Gegenlicht noch den Füllstand erkennen lässt, ein stabiler Plastikstopfen, und ein Etikett, bei dem man als Brillenträger beim Draufschauen immer überlegt, ob die Brille mal wieder gereinigt werden müsste, so absichtlich verschwommen ist der Druck und die Papierstruktur. SaarWhisky hat eine wirklich kreative Ader, ihre Absinthes zu benamen und zu designen, die mir extrem gefällt; schon der Herr der Frösche und der Fürst von Absinthe waren herausragende Absinthes, die auch mit der Gestaltung so richtig bei mir punkten konnten. Dass es dann noch eine Blanche-Variante vom Cthulhu gibt, zeigt mir, dass hier die Kreativität nicht nur ins Design, sondern auch in die Spirituose selbst fließt.
Das Warten auf Cthulhu hat sich für mich als Absinthefreund gelohnt. Jetzt kann er sich wieder in sein feuchtes Reich in R’lyeh zurückziehen, ein kleines Nickerchen machen, bevor er dann irgendwann die Welt vernichtet. Alles zu seiner Zeit. In der Zwischenzeit packe ich vielleicht doch noch mal das The Shadow over Innsmouth aus und trinke zur Lektüre einige Schlucke dieses Absinthes, um mir darüber klar zu werden, ob ich von den grausigen Geheimnissen oder dem hohen Alkoholgehalt wahnsinnig werde.
Der Welt älteste Lambik-Brauerei? Das muss ja ein tolles Produkt sein, wenn man mit so einem Slogan auf dem Etikett werben kann. Kriek ist für mich immer ein Vabanque-Spiel, denn bei wenigen Bierstilen liegen Himmelhochjauchzend und Zu Tode Betrübt so nahe beieinander wie bei Kriek. Nachdem ich die Zutatenliste des Timmermans Kriek Lambicus gelesen habe (2,2% Kirschsaft, 2% Holundersaft, Aromen, Antioxidationsmittel), ahne ich allerdings leider schon, in welche der beiden Extreme ich nach dem ersten Schluck fallen werde. Aber wir wollen niemanden vorverurteilen – also ran ans Fruchtbier!
Helles rubinrot zeigt sich im Glas, kristallklar und besonders bei Gegenlicht leuchtend. Keinerlei Perlage, der Schaum ist entsprechend dünn bis fast nicht vorhanden, leicht rötlich, gemischtblasig. Geruchlich wirkt es, gemäß den Zutaten, künstlich nach einer Fruchtmischung, der Holundersaft überdeckt den Kirschsaft beinahe. Ansonsten ist kaum etwas da.
Im Mund ist zunächst die Frucht dominierend, erkennbar süßlich, fruchtig, mit frischer Säure. Die starke Karbonisierung in Zusammenspiel mit den 4% Alkoholgehalt sorgen für ein oberflächliches Mundgefühl, mit kaum Tiefe, aber angenehmer Breite. Im Verlauf drängt sich das getreidige Basisbier etwas nach vorne. Der Abgang ist kurz, säuerlich-fruchtig weiterhin, aber ohne langanhaltende Spannung.
Ein trinkbares Erfrischungsgetränk, das weder die Kirschen noch das Lambic besonders schön präsentieren kann. Für mich eines der leider deutlich unterdurchschnittlichen Krieks, soweit, dass ich persönlich fast eher ungern den Namen „Kriek“ hier verwende. Schade, dass hierzulande hauptsächlich diese Art von Biermischgetränk den Ruf des Kriek definiert!
Caroni ist immer noch ein Name, der Begehrlichkeiten bei Rumkennern weckt, obwohl (oder eher weil, wahrscheinlich) so langsam die Vorräte zuende gehen. Kein Wunder, dass bei der Bekanntgabe, dass Luca GarganosVSGB-Projekt Mitte des Jahres 2021 gleich drei Kleinflaschen mit Caroni-Rums an die Mitglieder ausgeben würde, die Freudebekundungen in der zugehörigen Facebook-Gruppe groß waren. Die gesamte Special Edition 5th Release zu einigermaßen vernünftigen Preisen probieren zu können, das ist tatsächlich etwas besonderes. Stellvertretend für die 3 unterschiedlichen Blends öffne ich heute das in einem schwarzen Karton gelieferte Fläschchen, das dem auf dem Etikett sehr kritisch blickenden Dhanraj „Dan“ Maharaj gewidmet ist, der 22 Jahre bei Caroni gearbeitet hatte, bevor die Destillerie 2002 geschlossen wurde. Es handelt sich dabei um die VSGB-Flaschennummer 893 von 1038 – zum VSGB-Projekt hatte ich ja schon bei meinem Artikel zur ersten Auflage des Projekts, dem Foursquare Sassafras, etwas gesagt. Im Folgenden nenne ich den Velier Caroni Heavy Rum „Employees“ Special Edition 5th Release (VSGB) Dhanraj „Dan“ Maharaj dann nur noch „Velier Caroni Maharaj“, der ganze Name würde den Artikel bei Wiederholung tatsächlich aufblähen.
1996 bis 2021, das sind die Jahreszahlen, die auf der Flasche gezeigt werden – der Rum ist jedoch keine 25, sondern „nur“ 23 Jahre gereift, denn seit 2019 war ein Stahltank seine Heimat, bis er auf Flaschen gezogen wurde. Die gesamte Holzreifungsperiode verbrachte er in vollem tropischem Klima auf seiner Heimatinsel Trinidad in der Karibik, was dazu führte, dass der Angels‘ Share, also der Verdunstungsverlust, bei über 85% lag. Man stelle sich das bildlich vor – nicht einmal ein Fünftel des eingelagerten Rums schaffte es am Ende in eine Flasche! Man entschied sich bei Velier, 4 Fässer auszuwählen und diese zu verblenden für das Endprodukt, einen natürlich schon kurz nach Veröffentlichung ausverkauften Rum, den wir nun vergleichsweise exklusiv ausprobieren können.
Ein Rum wie dieser ist natürlich ungefärbt, umso dramatischer wirkt die Farbe – nach 23 Jahren im Holzfass darf eine Spirituose aber auch kräftig daherkommen. Ein strahlendes Terra di Siena, mit fast schon orangenen Lichtreflexen darin, das bei Gegenlicht glitzert. Das Schwenkverhalten ist ähnlich beeindruckend, langsam, ölig schwappend, dabei aber elegant und großzügig wirkend. Die Beine, die sich dabei bilden laufen sehr langsam ab, ein kleiner Rand bleibt an der Glaswand oben noch länger haften. Ich lasse den Rum eine Viertelstunde offen stehen, um ihm Zeit zu geben, sich zu öffnen.
Es duftet nun nach einer Mischung aus Anis, Karotte, Vanille, Kardamom, Butter und Kokos, wenn man die Nase ans Glas hält, und das sind nur die spontanen Eindrücke, die mir zufliegen. Hier findet sich eine kaum zu definierende Komplexität an Aromen, die aber ohne jede Schwierigkeit zusammenspielen und ein rundes Gesamtbouquet ergeben, bei dem kaum eine Komponente wirklich heraussticht. Eine deutliche Holzigkeit ist da, diese ist aber eingebettet, ebenso wie der Full-Proof-Alkoholgehalt von 66,3%, der niemals auch nur ansatzweise piekst oder stört. Bei tieferem Schnuppern nehme ich eine Curry-ähnliche Würzigkeit wahr, und dann noch eine mentholische Frische, die sich aber nicht aufdrängt. Ich könnte ewig daran riechen, das ist ein wirklich außergewöhnlich hübscher Duft.
Unverdünnt bei 66,3% trinken? Ja, bei derart hochwertigem Rum geht das ohne jedes Problem. Im Mund beginnt der Velier Caroni Maharaj zunächst überraschend unauffällig, lässt sich viel Zeit, bis er Aromen freigibt. Milde Töne eines reifen Pfirsichs, karamellisierter Apfel, braune Banane und Kokos setzen ein, bevor die Aromatik eher zum Gewürz hin dreht, vegetaler wird, ganz vorsichtige Süßholznoten, begleitet von etwas Kräuterbonbon. Im Verlauf wacht er dann Schritt für Schritt immer weiter auf, wird schnell immer wärmer, ohne wirklich zu explodieren, deutliche holzige Adstringenz weckt den Speichelfluss. Gegen Ende schwelt dann ein Feuer, Bitterschokolade und Tabaktöne machen die Mischung aus Bittere und Süße deutlich, fast schon honigartig und mit Nelkennoten wird er dann. Der Abgang ist warm, lang, bleibt effektvoll am Gaumen mit einem paradox kühlenden Mentholeffekt. Am Ende taucht etwas Karotte (das ist das, was ich auch bei Bourbon mit starkem Holzgeschmack verbinde) auf und klingt dann mit einer ausgeprägten Nussnote aus.
Man sieht, das ist ein wirklich komplexer, hocharomatischer, dabei aber nie unrund werdender Rum, an dem man bei jedem kleinen Schlückchen sehr lang lutschen kann, ohne dass er langweilig wird. Ich bin schwer beeindruckt, da steckt wirklich viel drin.
Ich bin mir sicher, der Velier Caroni Maharaj würde als Hauptzutat in einem Drink ausgesprochen bombig funktionieren, allein habe ich ehrlicherweise einfach leider nicht die Menge, um das wirklich durchzuführen. Bei der starken Aromatik kann er aber tatsächlich auch als Gewürz in einem Cocktail dienen – wie im Haiti Cocktail, wo die anderen Zutaten eher mild sind und so ein Rum dann wie der Markknochen in einer leichten klaren Frittatensuppe wirkt.
Haiti Cocktail ¾ oz / 25ml Ferro China ¾ oz / 25mltrockener Wermut ½ oz / 15ml süßer roter Wermut ¼ oz / 10ml Campari ¼ oz / 10ml Demerara-Rum 2 Spritzer Angostura Auf Eis shaken. [Rezept nach Elvezio Grassi]
Ich spreche nochmal kurz die wirklich liebevolle Aufmachung dieser VSGB-Veröffentlichungen an, sie geben die Standardflasche perfekt wieder und sind mit dem Karton auch eine echte Augenweide. Die anderen zwei Flaschen dieses Sets, gewidmet zwei anderen langjährigen, verdienten Destilleriearbeitern, Deodat „Breeze“ Manmohan und Roopnarine „Roop“ Toolsie, stammen aus der gleichen Serie, die Luca Gargano und 26 weitere Caroniliebhaber 2019 zur Abfüllung auserwählt hatten.
Für die anderen zwei Fläschchen habe ich schon eine Verwendung – natürlich werden sie nicht weiterverkauft, das widerspräche der Idee und den Statuten des VSGB-Projekts. Vor kurzem wurde ein Käufer tatsächlich aus der VSGB-Gruppe ausgeschlossen, weil er seine Flaschen an jemand anderes weitergegeben hat, der sie dann wiederum zum Verkauf anbot; es ist also keine leere Drohung, die da im Raum steht, wenn man an diesem schönen Projekt teilhaben, sich aber nicht an die Regeln halten will. Ich glaube aber, meine Flaschen erhalten einst ein gutes neues Zuhause bei Menschen, die dann zu schätzen wissen, welche Rumgeschichte sie da zu trinken bekommen. Und wenn nicht, nun, dann wird in zwei Jahrzehnten von jetzt an halt jemand die teuerste und reichhaltigste Rumcola trinken, die die Welt je gesehen hat.
Vorab: wer an so einer Bierdose vorbeilaufen kann, ohne sie in den Warenkorb zu legen, der braucht gar nicht weiterzulesen, für den ist das hier besprochene Bier nichts. Das Stone Buenaveza Salt & Lime Lager macht sich bemerkbar selbst in einem gut mit Craftbier ausgestatteten Supermarktregal und spricht den Exotikfreund in mir an – dabei ist das nur Marketing, das Bier kommt aus den wenig exotischen USA. Stone nahm einfach zwei spanische Wortbestandteile (“buena” = gut, “-veza” aus „cerveza“) und ködert ahnungslose Käufer wie mich damit. Maisflocken, Salz und Limette als Zutaten, das klingt aber zumindest ähnlich spannend wie die äußere Erscheinung.
Eine leichte Trübung, bei der man winzigste Partikel in der Flüssigkeit stehen sieht, könnte aus den ungewöhnlichen Zutaten entstanden sein – vielleicht ist es Limettenfruchtfleisch. Die dottergelbe Farbe ist davon unberührt. Der Schaum bildet sich beim Eingießen, fällt dann aber in kurzer Zeit zusammen und lässt nur eine Schaumtonsur an der Glaswand und ein paar dünne, grobblasige Inseln zurück. Die Nase hat tatsächlich auch etwas von Limettenfrucht, eine milde, unterschwellige Zitrusnote begleitet den lagertypischen Getreidegeruch. Ansonsten hält sich das Buenaveza aromatisch zurück, ich will mir da gar nicht viel zusammenfantasieren, bei einem Lager erwarte ich auch geruchlich nicht viel.
Was schon Auge und Nase festgestellt haben, bestätigt mein dritter Sinn – eine ganz milde Limettenfrucht sorgt für eine Abwechslung, die in einem normalen Lager nicht zu finden ist. Dabei ist sie sowohl von der Aromatik als auch von der Säure her spürbar, und eine leichte Salzigkeit ist auch mit von der Partie. Insgesamt fühlt sich das Bier an wie eine Mischung aus Witbier und Pale Lager, mit einem dazugegebenen Limettenviertel (früher, ich erinnere mich, war es gar nicht so unüblich, in einem Bier eine Zitronenscheibe zu finden). Die Textur ist dünn, das Mundgefühl trocken und herb, und dies bestimmt dann auch den kurzen Abgang, in dem eine leichte Würze und getreidige, hopfige Herbe die Frucht verdrängt. Mit 4,7% Alkoholgehalt ist auch nicht mehr Kraft zu erwarten.
Die flippige Gestaltung der Dose lässt einen vielleicht etwas mexikanisch Mariachimäßiges, Lautes, Buntes erwarten, doch das Stone Buenaveza ist eher der frische, leichte Ersatz für eine Margarita. So gesehen macht das Bier Spaß, ohne dass man zuviel drüber nachdenken muss. Und wahrscheinlich auch nicht sollte.
Mein Traum ist ja, das habe ich schon verschiedenen Leuten erzählt, eine Heimbar, die nur aus 5 Flaschen besteht. Gutes Zeug, das ich gern pur trinke, aber auch einen Cocktail sauber ins Glas bringt. Im Moment bin ich weit davon entfernt, mein Regal quillt so über, dass ich Flaschen schon auf dem Boden vor dem Regal stehen habe, doch das Ziel ist eher Reduktion der Flaschenzahl, als sie noch weiter aufzubauen. Darum suche ich unterschwellig, obwohl ich nicht daran glaube, die „perfekte Spirituose“ in einer Kategorie, zumindest auf der Ebene, dass ich für einen gesamten Flaschendurchlauf voll zufrieden damit bin und nicht nach Abwechslung in dieser Kategorie verlange. Bei manchen Spirituosen ist mir das gelungen, bei Gin war es tatsächlich eine Weile so, bis mir der Herstellerkonzern die Tour vermasselt hat. Ein Ersatz muss gesucht werden.
Bei meiner Suche wurde ich dankenswerterweise von einer allen meinen Lesern hoffentlich wohlbekannten Bargröße unterstützt, in der Hamburger Bar Le Lion wird täglich genug Gin in Gin Basil Smashs und Martinis gezapft, dass Joerg Meyer sicherlich jemand ist, dessen Empfehlungen man nicht jeden Sinn absprechen müsste. Mit dem Rutte Dutch Dry Gin hat er mir ein Ersatzangebot für eben den „einen“ Gin gemacht, der meinen Ideen von Spirituosen schonmal entgegenkommt: die Distilleerderij Rutte ist eine familiäre Brennerei mit Charakter (wenn auch nicht mehr in Familienbesitz, es gehört inzwischen zu De Kuyper), die bei allen Produkten auf Farb- und Aromastoffe verzichtet, wo es geht manuell arbeitet und mit Transparenz bei allen Schritten punktet. Also ein guter erster Ansatz, jetzt muss nur noch der Gin selbst überzeugen.
Die Flasche ist sehr clever türkisgrün gefärbt, nur durch die Flüssigkeit darin kommt dieser Farbeffekt richtig zum Tragen – und das, obwohl der Gin transparent und klar ist. Beim Hin- und Herbewegen der Flasche fällt das auf, das ist ein kleines, aber sehr hübsches Detail hier. Im Glas sehen wir das, was wir dann aber erwarten, mit leichter Öligkeit, die sich besonders in vielen, dicken, schnell ablaufenden Beinen zeigt.
Während dieser ganzen Betrachtung steigt dem Verkoster schon die ganze Zeit der Geruch des Rutte Dutch Dry Gin in die Nase, und was er da riecht, gefällt ihm. Wie geschildert ist dieser Gin ein Versuch, einen neuen Basisgin für meine Heimbar zu finden, und zumindest beim Schnuppern hat er schon gute Chancen: Sehr wacholderlastig, wie ich meine Gins mag. Unter der frisch-knackigen Vorherrschaft des Wacholders finden sich weichere Töne, da ist dann wirklich etwas Gemüsiges wie Sellerie, dazu ein Ton von Fenchelsamen, aber auch milde Orangenzesten, ein bisschen seifiger Koriander, Lavendel und Rosmarin; das entdecke ich jedenfalls, ohne die genau Botanicals-Liste, mit denen Gins sonst so freigiebig angeben, zu kennen.
Da nippe ich gern einen ersten Schluck, und fühle als erstes eine sehr viskose, fette Textur, fast schon milchig im Eindruck. Einher geht das mit einer ebenso ausgeprägten Süße, die sich schmeichelnd auf den Gaumen legt. Wacholder versucht erst ein paar Millisekunden später, diese Süße aufzuspalten, dann kommt eine mineralische Komponente dazu, die ihn dabei unterstützt. Kiesig, grünblättrig, mildbitter. Es vergeht jedoch nur wenig Zeit, und der Gin hat sich wieder etwas gewandelt, Bitterorangenaromen entstehen, geben dem ganzen Volumen. Fast schon leichtsalzig wirkt er, ein Tick umami sorgt für erhöhten Speichelfluss, das ist wohl der Einfluss des Sellerie, denn geschmacklich tritt er nicht erwähnenswert in den Vordergrund. Im Hintergrund fängt spät eine sehr würzige, pfeffrige Note an, den Gaumen zu kratzen, hier zeigt sich der Rutte Dutch Dry Gin von der kraftvollen Seite, etwas mehr, als ich von den 43% Alkoholgehalt erwartet hätte – im positiven Sinne, denn rein von den Zahlen wäre mir der Gin zu schwach, gut, dass diese Sorge in der Aromatik verfliegt. Der Abgang ist minzig-frisch, eiskalt, fast schon mentholig, weißpfeffrig und mittellang. Hier kommen im Nachhall dann verschiedene Kräutereindrücke zum Tragen, Rosmarin und Lavendel, ohne dabei ins komplett Vegetale abzudriften – dezente Zitrusfrucht mit einem fast schon schokoladigen Überzug ist das letzte, was von der Verkostung übrig bleibt.
Ein Gin, der in meine Heimbar einziehen will, muss vor allem eines können: sich gegen andere Zutaten durchsetzen, die selbst gern die erste Geige in einem Drink spielen wollen. Er soll nicht nur reiner Alkohollieferant sein, sondern zeigen, dass ein Gindrink immer ein Gindrink bleibt, selbst, wenn er mit sowas wie Chartreuse kombiniert werden soll. Dass im ` Treuse Hurts am Ende noch ein Spritzer Selleriebitters dazukommt, was sich aufs Feinste mit dem Rutte Gin zusammentut, nun, das ist das Krönchen.
` Treuse Hurts 1 oz / 30ml Dry Gin 1 oz / 30ml Chartreuse Verte 1 oz / 30ml Ananassaft ½ oz / 15ml Limettensaft ¼ oz / 10ml Kokosnusswasser 1 Spritzer Celery Bitters 1 Eiweiß Auf Eis shaken. [Rezept nach Brian Sandah]
Zur Flasche hatte ich schon erste Gedanken oben angemerkt, die ist wirklich ein Designvolltreffer. Von Farbe über die geschwungenen Linien auf der sonst sehr geraden Flasche, da passt alles, und auch die Verbindung zum Gin selbst ist für mich gegeben: Ein klarer, klassisch wirkender Gin, mit einem ungewöhnlichen Schwung, wie die Flasche eben. Einen Blechschraubverschluss verzeiht man gerne bei einer Spirituose, die keinen großen Regallagerungszeitraum zu erwarten hat, Gin läuft bei mir eigentlich sehr zügig durch die Cocktailmaschine, und da ist so ein kurzes Drehen einfach praktischer als ein hipper Sonderstöpsel. Für manche Leser mag es interessant sein, dass dies das Produkt ist, das die alten Gins von Rutte ersetzen wird, darunter den Celery Gin, der laut Aussage von Joerg Meyer in einem sehr angenehmen Telefonat im Geschmack höchstens minimal anders schmeckte als das vorliegende Produkt – für Fans des alten Gins also eine Umstiegsmöglichkeit.
Die Frage, schafft es der Rutte Dutch Dry Gin auch bei mir, meinen aus persönlichen Gründen nicht mehr kaufbaren Tanqueray zu ersetzen? Preislich liegt er etwas über jenem, rund 30€ sind für einen Gin dieser handwerklichen Machart aber in Ordnung und es werden nicht, wie das bei vielen Gins heute ist, Preise aus dem Wolkenkuckucksheim aufgerufen. Und ich müsste nicht auf grüne Flaschen verzichten. Ich werde noch weitere Gins ausprobieren, aber ich glaube, einen ersten Kandidaten für die schlimmerdurst-Miniheimbar habe ich tatsächlich schon gefunden.
Offenlegung: Ich danke Trinkabenteuer/jrgmyr für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Gins.