Bier am Heiligabend – Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout

Man merkt das an Collab-Brews, an Zusammenarbeiten vieler kleiner Brauereien, dass die Craftbierszene zusammenhält. Und da tut man, was man kann, um sich und das Umfeld zu unterstützen. So ist das Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout einem verstorbenen Freund gewidmet, und die Gewinne aus dem Verkauf geht an dessen Familie – eine schöne Aktion, die einfach dadurch unterstützt werden kann, indem man das Bier kauft. Aktuell ist es ausverkauft, aber die Website der Brauerei kündigt eine Neuauflage an.

Zum Produkt selbst – ein kleiner Flüchtigkeitsfehler auf dem Rücketikett hat mich zur Nachfrage bei Oliver Wesseloh veranlasst: Normalerweise ist die Rum-Edition in Rumfässern aus Barbados (von Plantation) gelagert; für die vorliegende Auflage konnte der Fasshändler allerdings (nicht genauer spezifizierte) Ex-Rumfässer von den französischen Antillen besorgen.

Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout

Schwarz wie die Nacht, mit höchstens dunkelstbraunen Reflexen, fließt das Bier ölig schwappend ins Glas, man erkennt hier schon eine fette Konsistenz; dreht man das Glas langsam beim Eingießen, sieht man an der Glaswand einen dunkelbraunen Film, sehr ähnlich wie bei einem PX-Sherry. Dunkelbrauner Schaum erscheint dabei kurz, ist aber Sekunden später schon komplett verschwunden, nur eine minimale Tonsur bleibt erhalten. Rein optisch also schon sehr beeindruckend.

Auch die Nase hat etwas von süßfruchtigem Sherry, da ist viel dunkle Frucht aus Datteln und getrockneten Pflaumen. Ein Hauch von gesüßten Haferflocken, und dann aber auch frischer Kirschsaft. Vanille, Toffee, Butterscotch – insgesamt riecht das komplex, fruchtigsüß und abwechslungsreich.

Sehr ähnlich ist dann auch das Geschmacksbild, man erschmeckt das alles, was man gerochen hat, sehr deutlich. Es beginnt mit der Pflaume und der Kirsche, direkt gefolgt von einer leichten Grasigkeit, die ich wirklich den Antillenfässern zuschreibe, etwas reife Banane, geht dann in Schokoladigkeit über, mit ausgesprochen ausgeprägter Malzigkeit, bevor dann die wirklich krasse Bittere zuschlägt, einem Russian Imperial Stout angemessen, allerdings immer noch aufgefangen von der durchgängigen, schweren Süße. Herausheben muss man die Textur und Struktur, da ist wirklich deutliche Öligkeit, fast schon geschmolzene Butter, und diese legt sich auf den ganzen Gaumen, ohne je dabei pappig oder klebrig zu werden. Im Gegenteil, gegen Ende wird es sogar trocken mit leichter Adstringenz. Trotz all dem wirkt es ausgesprochen rezent und hat eine schöne Karbonisierung, die eine milde aber effektiv sich aufbauende Säure unterstützt. 11,1% Alkoholgehalt, nun, am Ende spürt man das, aber man schmeckt es nie negativ, außer in dem ordentlichen Wumms, den das Bier liefert.

Der Abgang ist lang, malzig, aber auch trocken mit Anflügen von Cerealien und schönen, milden Röstaromen, die an Kaffeepulver und dunkle, geriebene hochkakaoanteilige Bitterschokolade erinnern. Mit einer sehr aparten Holzigkeit, die fast schon an den staubigen Holzzuschnittraum in Baumärkten erinnert, klingt das Moustique aus, die Bittere bleibt noch sehr lange hängen.

Ein krasses Bier, unglaublich dicht und voluminös, schwer und nichts für Zwischendurch – an diesem Drittelliter kann man echt lang und gemütlich trinken, das macht Spaß und wird nie langweilig, hat überraschenderweise wirklich fast etwas von einem spanischen PX-Sherry. Komplex, aufregend, rund und handwerklich ein Meisterwerk. Wer Stouts mag, sollte sich das Kehrwieder Moustique zu Hundertprozent mal gönnen. Aber vorsicht, die kleine Flasche mit dem hübschen Etikett täuscht total über den Presslufthammer hinweg, der in ihr verpackt ist!

Fünf Körner – Wuliangchun (五粮醇)

Baijiu ist außerhalb Chinas weiterhin, in Deutschland sowieso, eine Nischengattung. Auch wenn sich das Sortiment, das der deutsche Kunde erwerben kann, stetig erweitert, ist das im Vergleich zu den ganzen anderen Spirituosenkategorien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, ich bin mir sicher, es gibt Hersteller, die mehr Einzelmarken von zum Beispiel Obstbrand anbieten, als es Baijiusorten in Deutschland gibt. Manche Baijius kommen durch mutige Importeure hierher und müssen dann noch für den Verkauf hierzulande aufbereitet werden (die Unlesbarkeit chinesischer Etiketten und Labels schränkt den unberatenen Spontankauf doch sehr ein), andere werden diesbezüglich durch ihre Hersteller bereits für den Export vorbereitet.

„For overseas market“ steht entsprechend auf dem Etikett des Wuliangchun (五粮醇), einem Starkaroma-Baijiu der größten Brennerei für diesen Stil in China, Wuliangye. Nicht, dass man hier dann in lateinischer Schrift viele Informationen bekommen würde – vielleicht geht es dabei mehr um die ungewöhnliche Flaschengröße von 25ml. Die Baijius von Wuliangye sind jedenfalls schon länger in Deutschland erhältlich, in unterschiedlichen Abfüllgrößen und Alkoholgehalten, neulich erst hatte ich mit den drei Flammas ein hübsches Set dieses Herstellers besprochen. Auch ist Wuliangye einer der ersten Baijiu-Hersteller, die ihr Standardprodukt in der EU als g.g.A. (geschützte geographische Angabe) seit März 2021 registriert haben. Schauen wir uns den „Fünf-Getreide-Schnaps“ (so meine amateurhafte Übersetzung des Namens), der aus Hirse, Mais, Klebreis, Langkornreis und Weizen hergestellt wird, im Verkostungsglas an.

Wuliangchun (五粮液)

Glasklar, ohne Einschlüsse, so wie man das von einem Baijiu erwartet – über das Alter kann man hier natürlich keine Aussagen treffen, ich gehe von einem Blend aus diversen mehrjährig gereiften Destillaten aus, wie das bei Baijiu üblich ist. Eine gewisse Trägheit ist beim Schwenken im Glas zu erkennen; dreht man das Glas langsam, bildet sich ein durchgängiger Film, der sich erst langsam in Beine aufspaltet und dann abläuft.

Ein Starkaroma-Baijiu ist immer etwas, was Einsteiger überfordern kann, gerade in der Nase. Der Wuliangchun gehört dabei eher zur „schmutzigeren“ Kategorie im Geruch, neben dem typischen Duft nach Pfirsich, Aprikosen und weißen Gummibärchen, grüner Banane und Lakritze hat man auch ordentlich frisch aufgetragenen Straßenteer und angefahrene Autoreifen. Etwas Fenchel und Kümmel kommen dazu, und ein Anflug von gekochten Eiern. Minzige Frische und ein spürbarer alkoholischer Hauch lassen alles leicht und hell wirken.

Wuliangchun (五粮液) Glas

Schon das erste Mundgefühl bestätigt diese Eindrücke, es ist zunächst mildtrocken, wird dann immer trockener bis hin zu einem staubtrockenen Finish mit richtig viel Astringenz. Die 45% Alkoholgehalt, die man vorher noch zu riechen meinte, spürt man im Mund überhaupt nicht mehr, da ist der Wuliangchun weicher. Lavendel, Lakritz und Eukalyptus definieren den Geschmack, eine sehr starke Bittere sorgt für leichte Anästhesie am Gaumen. Vorsichtig salzig ist er, in Richtung von Salmiakpastillen. Insgesamt fühlt er sich eiskalt an, bleibt aber für die Kategorie rund. Der Abgang ist minzig kühl, fast schon mit Eisbonbon-Effekt. Mildes Teer, Lakritz und dezenter Pfirsich hängen noch eine Weile nach.

Dieser Baijiu gehört für mich sicher eher zu den funkigeren, esterigeren, wilderen Starkaroma-Baijius, die Frucht ist zurückgenommen zugunsten der teerigen Komponenten. Was ich an ihm aber schätze ist diese Frische – wer, wie man es üblicherweise tut, Baijiu mit Essen kombiniert, der wird diese Frische, die den Gaumen putzt, noch deutlich besser zu schätzen wissen als pur genossen.

Das Rezept für den The Cuban Baijiu Crisis habe ich in dem süßen, kleinen Ming River Cocktail Book gefunden, das daneben einige weitere tolle Rezepte enthält. Die Autoren erwähnen selbst, dass auch andere Starkaroma-Baijius eingesetzt werden können – und das stimmt, der Wuliangchun ist sicherlich eine andere Geschmackskategorie als Ming River, doch die Minzigkeit unterstützt die im Rezept verwendeten Minzblätter, um dem Ganzen einen echten Frischekick zu geben.

The Cuban Baijiu Crisis Cocktail

The Cuban Baijiu Crisis
1⅓ oz / 40ml Starkaroma-Baijiu
⅓ oz / 10ml Jägermeister
⅔ oz / 20ml Zitronensaft
⅔ oz / 20ml Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken. Aufgießen mit 1⅔ oz / 50ml Champagner.

[Rezept nach Michael Thurm]


Die Flasche ist griffig und knuffig, der Nachfüllstop im Flaschenhals wie bei praktisch allen Baijius, die ich kenne. Ein Plastikdrehverschluss ist ebenso üblich und angemessen. Ein Ausflug in die Kindheit dagegen ist der Karton, in dem die kleine Flasche geliefert wird – er hat diesen Effekt wie die Wackelbilder, die, je nach Blickwinkel ein anderes Bild zeigen. Das ist natürlich ein Gag, aber mir gefällt es, ebenso wie die rotgelbe Gestaltung.

Ich kann mir vorstellen, dass der Wuliangchun es etwas schwerer hat, sich dem westlichen Gaumen aufzudrängen, als manch anderer Starkaroma-Baijiu; hier sieht man allerdings dann deutlich, dass „Baijiu“ eigentlich keine Spirituosenkategorie ist, sondern nur eine grobe Gruppierung mehrerer Kategorien, die in sich jeweils wiederum ein breites Spektrum an Aromaprofilen offerieren. Wer sich mit Baijiu auseinandersetzt, und diese Breite kennenlernen will, hat nun die Möglichkeit dazu.

Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Baijius.

Bier am Freitag – Becker’s 9.0 Super Strong

Dieses Bier ist ein Mysterium. Die saarländische Brauerei Gebrüder Becker ist seit langer Zeit geschlossen, 1989 wurde sie zunächst von der Karlsberg Brauerei (die mit „K“, nicht der Konzern mit „C“!) übernommen, 1997 wurde die Produktion am Firmenstandort in St. Ingbert endgültig eingestellt. Bis heute allerdings findet sich fast ausschließlich in französischen Supermärkten in Grenznähe zum Saarland das Becker’s Pils in der markanten silbernen Dose, das bei Karlsberg weiterhin hergestellt wird, und sich bei lokalen Campern großer Beliebtheit erfreut, weil in Frankreich kein Pfand auf Dosen fällig wird – so kann man im Italienurlaub weiterhin saarländisches Pils trinken, muss aber nicht darauf achten, das Leergut wieder mit zurückzubringen. Das vorliegende Becker’s 9.0 Super Strong ist aber sogar erfahrenen Bierfreunden hierzulande unbekannt gewesen, man findet es leichter in italienischen und spanischen Onlineshops als im Saarland. Das ist einen Artikel wert, dachte ich mir!

Becker’s 9.0 Super Strong

Kristallklar, wie man es von einem saarländischen Pils erwartet – mit einem schönen, kupferfarbenen, dunklen Farbton. Der beim Eingießen entstehende Schaum ist nach wenigen Sekunden bis auf winzige Schauminseln und eine Glasrandküste verschwunden. In der Nase nimmt man milde, überreife Frucht wahr, und eine dumpfe Fleischigkeit, die ich schwer zuordnen kann. Leicht hopfig, aber sonst bleibt der Geruch vergleichsweise neutral.

Im Mund steht zunächst eine schwere Floralität da, nach Blüten und reifen Früchten. Das Bier wirkt sehr schwer und, unterstützt durch die recht künstlich wirkende Süße, auch stumpf und sehr oberflächlich. Der Hopfen zeigt sich nur in milder Bittere, die eine recht ungute Allianz mit der Süße eingeht – das passt irgendwie so gar nicht zusammen. „With selected ingredients“ steht auf dem Etikett, man findet auch Zutaten, die man in deutschem Bier eher weniger gern sieht – Glukosesirup zum Beispiel, der alles zuvor gesagte erklärt, und hier dient er garantiert nicht der Flaschenreifung, sondern einfach der Süßung und Aromatisierung. 9,0 namensgebende Volumenprozent Alkoholgehalt sind dazu mäßig, leicht kratzig eingebunden. Diese Fleischigkeit ist auch im Geschmack durchweg da, und für mich ein klarer Braufehler, oder zumindest eine schlechte Brauentscheidung. Im Nachklang findet sich dann wieder künstliche Blumigkeit, die wenigstens über den pappig-trocken-bitteren Abgang, der glücklicherweise nur kurz ist, hinwegtröstet.

Nein, das wundert mich nicht, dass das Bier schwer zu bekommen ist (wer will das schon ein zweites Mal kaufen, wenn man es einmal probiert hat), und niemand verpasst auch nur ansatzweise etwas, wenn man das nicht kennt. Ein langweiliges Bier, das auch noch stark gesüßt ist, und in keiner Form Spaß macht, außer für die, denen der Gagfaktor wichtiger ist als der Geschmack. Grausig und ein Zeichen der durch eine desinteressierte Großfirma zentralisierte saarländische Bierkultur, die gerade mühselig von kleinen, ambitionierten Brauern wieder interessant gemacht werden muss.

Gemeinsam unterwegs – Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge

Die Personen hinter den Spirituosen, die ich auf meinem Blog vorstelle, kennenlernen zu können ist mir immer eine große Freude; man lernt viel über die Hintergründe, Motivationen und Anliegen, die in einem Brand stecken. In zweiter Generation führt aktuell Marc Darroze das Maison Darroze, und ihn zu treffen, war ein besonderes Vergnügen – mittags saßen wir beim Chez Léon in Brüssel nebeneinander beim Muschelessen, spätnachts packte er seine mitgebrachten Schätze aus, und wir konnten seine Vintage-Armagnacs von 1971 und 1982 probieren – die Flaschen waren schneller leer, als man denken konnte, und die Diskussionen darüber dauerten lange, er ist ein unterhaltsamer und fröhlicher Gesprächspartner. Das war nicht unser erstes Treffen, zwei Jahre zuvor hielt Marc darüber hinaus in China eine interessante Masterclass über Armagnac, und eine sehr spannende Vergleichsreihe zwischen unterschiedlichen Einzelrebsortendestillaten, über die ich damals schon berichtet hatte.

Man sieht, das Haus Darroze ist sehr interessiert daran, das Wissen über Armagnac weiterzuverbreiten, und in mir hat das jedenfalls das rege Interesse geweckt, auch mal ein „Standardprodukt“ des Maisons auszuprobieren: sehr bezahlbar und trotzdem edel wirkend bot sich dafür der Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge an, ein guter Mittelweg der Alterskategorien, die von der Brennerei zu bekommen sind. Marc Darroze zeichnet sich für diese Reihe selbst als Master Blender verantwortlich; die „Großen Blends“, so die für unsere Branche übliche denglische Übersetzung, ist eine Zusammenstellung verschiedener Destillate aus verschiedenen Rebsorten, von denen das jüngste eben, wie der Name schon sagt, 20 Jahre alt ist. Natürlich, wie es für Armagnac üblich ist, sind diese „nur“ einfach destilliert, und reiften in Eichenfässern mit 400 Litern Kapazität. Rein ins Glas damit!

Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge

Optisch gefällt der Darroze 20 schon mal: Klares, kräftiges Bernstein mit orangenen, stellenweise fast weißen Reflexen. Die Farbe ist komplett natürlichen Ursprungs, hier wird auch nicht nur zum Angleich an andere Chargen mit Farbstoff nachgeholfen. Gemächlich bewegt sich der Armagnac im Glas, hinterlässt dabei dicke, fette Tropfen an der Glaswand, die sich schnell zu Beinen vereinen und dann schnell ablaufen. Viele Artefakte davon bleiben am Glas hängen.

Die Nase beginnt fruchtig, nach Rosinen und dunklem Apfelmost, viel Vanille süßt den Eindruck. Angequetschte Datteln, getrocknete Feigen, reife Pflaumen und schon braun gewordene Birnen geben eine Erinnerung an Fruchtkuchen, insbesondere zusammen mit den Backgewürzen. Bei all dem bleibt der Darroze 20 vergleichsweise frisch und helltönig, ein Anflug von Süßholz unterstützt den durchaus derben, aber nicht wilden Charakter. Ein bisschen Leder, ein bisschen frisches Holz.

Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d'Âge Glas

Im Mund führt sich das in einer logischen Kette fort – zunächst süß, voller Vanille und süßen, getrockneten Aprikosen und Feigen, mit einem fetten Mundgefühl und viel Breite, mit Nougat und Honig. Im Verlauf entwickelt sich ein kräftiges aromatisches Feuer, definitiv nicht den 43% Alkoholgehalt zuzuschreiben, zusammen mit dem Wandel von süß hin zu bittersauer. Die Frucht bleibt trotz der sich dann deutlich zeigenden Trockenheit immer erhalten, es entsteht eine minimale Salzigkeit, die die Spucke fließen lässt. Höchstens Anflüge von Rancio sind da, spät meine ich, eine leichte Nussigkeit zu entdecken. Ein leichter Körper passt zur helltönigen Nase, Vanille, Zimt und Streuselkuchen definieren schließlich den Schlussakkord. Sehr warm, lang und mit einem sehr prägnanten Blütencharakter klingt der Darroze 20 aus und hinterlässt andauernde Aromen und Effekte am gesamten Gaumen.

Ein sehr attraktiver Armagnac, zwar durchaus mild und weich, dabei aber sich nicht anbiedernd. Komplex und vielschichtig, mit toller Intensität und dabei hübscher Rundung, der am Ende sogar noch Charakter aufweist: Da ist von allem was für alle dabei. Das trinkt sich einfach toll. Eine Spirituose, über die man sinnieren kann, während man sie trinkt – es aber nicht muss, man kann sich auch einfach gehen lassen.

Der Claudine Cocktail nimmt von allen seinen Zutaten etwas mit – die herbalen Gewürztöne der zwei Wermuts, die Eigenheit des Quinquina, die Bitterkeit der Bitters, und schließlich die Fruchtigkeit, Wärme und Tiefe des Armagnacs. Ein eleganter, leichter, aber dennoch sehr aromatischer Drink, der nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern dem man sich wunderbar als Aperitif hingeben kann.

Claudine Cocktail

Claudine Cocktail
1⅓ oz Armagnac
⅓ oz trockener Wermut
⅓ oz süßer Wermut
⅓ oz Quinquina
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Matteo Malisan]


Sehr gefällt mir die reduktionistische Präsentation – schon der Karton in grauem, grobstrukturierten Karton weist als einzige Extravaganz den handschriftliche Namen des Hauses Darroze auf. Echtkorken erwarte ich heute auch bei höchstwertigen Spirituosen eigentlich nicht mehr, hier ist er noch vorhanden. Ähnlich dezent auch die Flasche selbst, und deren Etiketten. Die große 20 ist scheinbar alles, was man für diesen Brand wissen muss – und es wirkt, zumindest auf mich, auch wenn ich gern mehr Aufschlüsselung über Rebsortenanteile, Fassarten und ähnliches erfahren wollen würde; ein bisschen Optimierungspotenzial muss man einem für Armagnac-Verhältnisse noch jungen Maison ja auch zugestehen. Und wenn das sich hauptsächlich auf die Verpackung bezieht, nun, da gibt es andere Hersteller mit sehr viel größeren Baustellen. Ich glaube, die meisten wird es eh nicht interessieren, wenn das Endprodukt so gut schmeckt wie dieses hier.

Bier am Freitag – Oud Beersel Oude Geuze Vieille

Mitbringsel von Ausflügen haben den Charme, dass man beim Trinken nochmal die Erlebnisse etwas Revue passieren lassen kann. Aus Belgien bringe ich dazu gern Bier mit, vor allem Geuze, das ich als Sauerbierliebhaber sehr schätze. Manchmal sieht man für diese Bierspezialität auch die Schreibweise „Gueuze“, wahrscheinlich für die frankophonen Wallonen, die das initiale g ansonsten stimmhaft zu einem ʒ verweichen würden. Interessanterweise liest man auf dem Etikett des Oud Beersel Oude Geuze Vieille dann praktisch zwei Sprachen – „oude Geuze vieille“ scheint mir doppelt gemoppelt, aber das ist halt das Königreich Belgien, das eigentlich aus zwei Ländern (Flandern und der Wallonie) besteht, die sich nicht immer ganz grün sind.

Oud Beersel Oude Geuze Vieille

Ein Geuze ist ein Blend aus mehreren fassgereiften, spontanvergorenen Lambics, das in Flaschengärung weiter reift. Letzteres spürt man deutlich, wenn man den von einem Drahtkorb gehaltenen Sektkorken aus der Flasche poppen lässt – das ist, wie wenn man einen Champagner öffnet. Farblich grenzt sich das Oud Beersel Oude Geuze Vieille aber von Schaumwein ab, es hat eine helle Kupferfarbe. Sehr starke Perlage sieht man, und einen sehr feinblasigen Schaum, der auf dem Bier eine ganze Weile erhalten bleibt. Ich mag den Geruch von Sauerbieren, hier ist das nicht anders. Apfelessig, grüne Äpfel, fast schon limettig und beerig, dabei aber begleitet von einer tiefen Würze, die noch nicht ganz ins Backgewürzige geht, Kardamom und Sternanis vielleicht. Wie bei vielen belgischen Bieren verhindert die niedrige empfohlene Trinktemperatur von 8-12°C, dass das Bier mehr Nuancen freigeben kann.

Im Mund bildet sich direkt eine spannende Süßsäure, wobei die initiale Süße im Verlauf sehr schnell durch die knackige Säure unterbuttert wird. Ein cremiges Mundgefühl wirkt dabei paradox, es funktioniert aber. Trockener Sekt, Apfelessig, Limette – das ist schon kantig sauer, die dazukommende ausgeprägte Bittere tut ihr übriges dazu, dass das kein Schmeichelbier ist. Fast schon radicchioartig bitter ist der Abgang, kurz und blumig, weiterhin sehr frisch und von sauerbitteren Aromen beherrscht. Grapefruitsaft, Orangenzeste, von vorne bis hinten sehr fruchtig herb. Die Rezenz ist dadurch, und durch die hohe Karbonisierung wegen der Flaschengärung, natürlich sehr gegeben und macht das Bier für mich ideal zu allerlei Essen. In Brüssel hatte ich zu einem Geuze die typischen frittierten Garnelenkroketten, das passt herrlich.

Das ist kein einfaches Bier, dem Einsteiger ins Sauerbier würde ich eher etwas mildere Vertreter empfehlen. Das Oud Beersel Oude Geuze Vieille ist eher was für den Bierfreund, der mit der wirklich harten Säure umgehen kann. Für diesen aber ist dieses Bier gewiss eine Entdeckung, an der man viel Freude haben kann: zum Beispiel auch als Aperitif statt einem Sekt!

Biorum aus Brasilien – Rum César Ron do Brasil

„Ron do Brasil“ – diese Wortkombination findet man eher selten auf Etiketten. Zuckerrohrbrände aus Brasilien, da denkt man zunächst selbstverständlicherweise an Cachaça. Und ja, das ist etwas anderes als Rum. Recherchiert man ein wenig weiter ob dieser unerwarteten Auszeichnung, findet man Werbetexte in mehr oder weniger vertrauenswürdigen Internetshops, die den Rum César Ron do Brasil sogar als „holzgelagerten Rum Agricole“ bezeichnen. Was ist denn das für eine Verwirrung? Ein spontaner Erklärungsversuch – in den USA ist Cachaça inzwischen als Kategorie anerkannt (wenn auch meiner bescheidenen Meinung nach falsch als Subkategorie von Rum), in der europäischen Gesetzgebung aktuell weder als Kategorie noch als „geografische Angabe“, daher schreibt der eine oder andere Importeur einfach „Rum“ aufs Etikett, das versteht man, und muss nicht rumdiskutieren. Da die Herstellungskriterien für Cachaça allerdings in Brasilien enger definiert sind als die für Rum, kann es auch durchaus sein, dass hier tatsächlich schlicht ein Zuckerrohrbrand vorliegt, den man gemäß den brasilianischen Regeln nicht als Cachaça deklarieren darf.

Vor allem, wenn man zusätzlich sowohl die Triggerworte „Fair Trade“ und „Bio“ auf jenem mirakulösen Etikett findet. Hergestellt wird dieser Rum in der Kleinbrennerei Agroecológica Marumbi im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná, die das Zuckerrohr für den Rum in biologischer Weise anbaut. Das Produkt ist Fair-Trade-zertifiziert via Ecocert, und, so wie es für mich aussieht, in der Schweiz abgefüllt, letzteres ist allerdings mehr eine Vermutung aufgrund diverser Angaben aus allen möglichen Quellen. Man sieht, nichts genaues weiß man nicht, und gerade für ein Bioprodukt sollte Transparenz doch etwas größer geschrieben werden. Nun, das ist das Außenrum, trinken wir einfach mal ein paar Schlückchen dieses Brands.

Rum César Ron do Brasil

Farblich ein leichtes Ocker, vielleicht ein Hinweis auf das Alter – ich würde unabhängig davon von der gesamten Sensorik her schätzen, dass er 2-3 Jahre alt ist, dazu passt auch die Farbe. Im Glas ist er erkennbar viskos, hat viele lang am Glas anhaftende Artefakte. Geruchlich kommen wir in die Bredouille – weder finde ich eine besonders starke Assoziation zu Rum Agricole, noch zu Cachaça, eigentlich rieche ich mehr einen Melasserum; vielleicht ist die Deklaration doch gar nicht so überraschend. Sehr süß, esterig, nach reifer Banane, Kakaopulver, Vanille. Ein paar Fehltöne in Richtung feuchter Karton, vielleicht auch Chlor. Dazu kommt eine durchaus starke alkoholische Note.

Die Kritikpunkte fallen beim Probieren dann aber schnell weg. Schmelzend weich im Mund, und supersüß im Antrunk, aber nicht künstlich pappig, und passend zu diesem sensorischen Eindruck ist der Rum César Ron do Brasil auch tatsächlich ungesüßt nach eigener Messung.  Schokoladig, rosinig, pflaumig. Viel Körper, dicht, breit und rund. Im Verlauf entsteht eine sehr milde Ingwerschärfe, gewiss aromatischen Ursprungs und nicht den mäßigen 40% Alkoholgehalt zusprechbar. Mir fehlt nur etwas an Komplexität – das Ganze bleibt etwas oberflächlich.

Rum César Ron do Brasil Glas

Zum mittellangen, süß-trockenen Abgang, bei dem Vanille und Holz am Gaumen bleiben, kommt eine sehr prägnante mandelige Nussnote, die lange nachhallt. Warm und zart am Ende – ein leichtes Kribbeln verbleibt auf der Zunge.

Die Eigenschaften dieses Rums machen ihn sowohl zum puren Schlürfen, wenn man Lust auf was Süßes hat und trotzdem keinen pappigen Likör trinken will, sehr gut geeignet, als auch natürlich wie alle Spirituosen als Cocktailzutat. Rezepte für Rum nehmen ihn aufgrund der oben geschilderten Eindrücke sicherlich sehr gern auf. Der Eureka Punch ist ein süßschwerer Absacker, der jedenfalls mit dem Ron César ausgezeichnet funktioniert.

Eureka Punch Cocktail


Eureka Punch
2 oz gereifter Rum
1 oz Limettensaft
¾ oz Chartreuse jaune
2 Esslöffel Honigsirup
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
2 oz Ginger Ale

[Rezept nach Martin Cate]


Leider konnte ich seit der ersten Flasche, die ich in einem lokalen Biomarkt in Saarbrücken gekauft hatte, keine weitere erwerben, einfach weil sie überall vergriffen ist. Es ist durchaus üblich, dass Importeure nur eine Charge eines Produkts kaufen, und kein dauerhaftes Verhältnis zum Hersteller aufrecht erhalten, gerade bei Kleinbrennern ist das wahrscheinlich einerseits wirtschaftlich verständlich, andererseits schade für uns Konsumenten und auch für den Brenner, der sich oft neue Abnehmer suchen muss. Schade insbesondere für mich, denn den Rum César Ron do Brasil habe ich nun, da ich die Flasche längst aufgebraucht habe, immer noch in guter Erinnerung. Wenn ich bei einem Besuch eines Biomarkts darüber stolpere, wird sie ganz sicher mit in meinem Einkaufskorb landen.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020

Ich habe es neulich beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection am eigenen Gaumen erfahren – Whisky ist längst nicht mehr eine Domäne von Schottland, Irland und den USA. Heutzutage wird in aller Welt Whisky hergestellt, Frankreich ist ein sehr prominenter Produzent geworden, ich habe zwei Whiskydestillerien in Belgien besichtigt, in Österreich und der Schweiz drängt jeder Brenner zum Whisky, und natürlich hat auch Deutschland seine Brenner, die ein ganz eigenes Produkt herstellen. Jede Region hat ihre Vorlieben – einer der bekanntesten deutschen Whiskies kommt vom Schliersee und heißt Slyrs. Was macht man als Brenner, wenn der Brand ausgereift ist, mit den Fässern? Man kann sie zum Beispiel Bierbrauern aus der Nähe geben, die dann ein Bockbier darin lagern. Und dann kommen limitierte Sonderauflagen heraus, wie das Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020. „Mehrere Monate“ reifte das Bier, aber bei mir zuhause hatte es keine Chance, länger zu liegen: Es kam schnell ins Glas.

Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020

Die hellbraunrötliche Farbe mit fast orangefarbenen Reflexen zeigt sich beim Gegenlicht besonders, wo man auch die leichte Trübung erkennt. Feine Bläschen steigen unermüdlich auf, landen im Schaum, der an der Glaswand ein bisschen dicker, auf der Mitte der Bieroberfläche schnell Lücken aufweist und sich in großen Blasen sammelt. Die Nase ist tatsächlich stark vom Whiskyfass geprägt, direkt von Anfang an sind da Gerstenmalz, Vanille vom Holz, und leicht bananige Töne. Den Vormieter des Fasses kann man mehr als nur erahnen, milde scotch-ähnlicher Aromen kombinieren sich mit leicht fruchtigen Tönen aus dem Bier. Das erinnert etwas an Erdbeersahnejoghurt, und warmen, buttrigen Streuselkuchen – hübsch, ohne dass der Whisky untergeht oder komplett übernimmt.

Im Antrunk wirkt das Slyrs Bock frisch und hell, mit bereits dort deutlicher Säure, die die cremige Textur etwas einfängt, so dass das Bier nicht zu süß wirkt. Die Karbonisierung fällt auf, da prickelt es am Gaumen, gar nicht unangenehm. Aromatisch hat man Holz, leichte Whiskyaromen, eine fast schon weinartige Note kommt dazu. Pistazien schmeckt man, und ein buttriges Toffee, vielleicht weiße Schokolade, doch insgesamt ist das Bier eher über seine frische Struktur definiert als über überwältigende Aromatik. Der Abgang ist wieder pistaziennussig, frisch, pikant fast schon, insgesamt eher kurz, hinterlässt aber eine freche, eckige Bittere am Gaumen und insbesondere am Zäpfchen. Erinnerungen an Zuckerwatte und Butterstreusel hängen noch eine Weile nach. 10,5% Alkoholgehalt, das ist darüber hinaus schon eine Hausnummer, die ich zu schätzen weiß.

Sehr trinkbar, leicht und hell, mit sehr rezentem Charakter. Die Whiskyfassreifung kommt sehr deutlich durch, ist aber für mich irgendwie nicht wirklich der Hauptreiz des Bieres. Ich mag es als erfrischende Auflockerung eines warmen Sonntags, doch mir fehlt etwas die Komplexität und Spannung insbesondere im aromatisch minimal schwächelnden Abgang – wenn das zu negativ klingt, entschuldige ich mich, doch bei ambitionierten (und teuren!) Bieren darf man ruhig anspruchsvoll sein, finde ich. Unabhängig davon macht es Spaß und ich finde es schade, dass ich nicht mehr an eine zweite Flasche herankommen werde!

Mir kommen keine Tränen – Writers‘ Tears Copper Pot Irish Whiskey

Ja, der hier vorgestellte Whisky nennt sich Writers‘ Tears, nicht Writer’s Tears oder gar Writers Tears, alternative aber falsche Schreibweisen, die man allüberall findet, wo es um diesen Whisky geht. Die Begründung lässt sich leicht auf der Homepage des Herstellers nachlesen – es ist eine Homage an die vielen irischen Schriftsteller (daher der Genitiv Plural im ersten Wort), die um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts Weltruhm errangen; dort werden George Bernard Shaw, Oscar Wilde, W.B. Yeats, Lady Gregory, James Joyce, Samuel Beckett und Bram Stoker genannt, das ist schon eine wirklich beachtliche Gruppe.

Und nein, bevor hier die herablassenden Kommentare einträufeln, ich schreibe absichtlich „Whisky“, denn mir ist das ganze Gehampele um das „e“ zuwider, es ist eine Lächerlichkeit der Spirituosengeschichte, dass soviel Aufhebens um die Schreibweise gemacht wird. Denkt Euch das „e“ dazu, wenn ihr nicht damit leben könnt. Viel wichtiger sind die produktionstechnischen Eckdaten: Schon im Namen erfahren wir, dass wir einen reinen Pot-Still-Whisky vor uns haben, nicht unbedingt die Gewohnheit in Irland. Dreifach destillierte Pot Still und Single Malt Whiskys werden hier verblendet, es kommt kein Grain Whisky dazu. Es handelt sich um gesourcten Whisky, das heißt, die Firma Walsh Whiskey, die auf dem Etikett angegeben ist, destilliert nicht selbst, sondern kauft den Whisky ein und vermarktet ihn weiter. Die Angabe „bottled in bond“ weist genau darauf hin, und bedeutet damit etwas völlig anderes als das, was der amerikanische Gesetzgeber mit einer wortgleichen Angabe für dortige Produkte vorschreibt.

Writer's Tears Copper Pot Irish Whiskey Flasche

Färbung ist bei irischem Whisky erlaubt, auf der Flasche findet sich aber kein Hinweis auf E150, wie man das in Deutschland beispielsweise bei Scotch gewohnt ist – daher gehen wir einfach mal von natürlicher Farbe aus, denn die nachgerösteten Ex-Bourbon-Fässer, die hier verwendet wurden, können solch ein klares, strahlendes Ocker ganz sicher verursachen. Der Writers‘ Tears ist leicht ölig, bewegt sich schwer im Glas. Viele dicke, langsam ablaufende Beine entstehen dabei.

Der Whisky ist in der Nase sehr fruchtig nach Williams-Christ-Birne, wenn man die initiale Ethanolnote überwunden hat, die auch mit Offenstehzeit etwas verfliegt. Dazu etwas reife Banane. Viel Vanille aus dem angesprochenen, frischgeflammten Holz. Ich erkenne eine sehr würzige Malzbasis, insgesamt wirkt der Ire aromatisch und dicht, dabei helltönig bleibend, vielleicht sogar leicht blumig.

Kommen wir zum Geschmack – dezent süß im Antrunk, sehr weich, rund und voll im Mundgefühl. Karamell und Honig, etwas buttrig. Süßes Popcorn drängt sich mir auf. Im Verlauf mildwürzig mit feinem Kribbeln auf der Zunge, minimal medizinisch, immer noch etwas fruchtig, erinnernd an einen jungen Cognac. Etwas mehr als die hier vorhandenen 40% Alkohol hätten dem Endeindruck wahrscheinlich doch sehr gut getan, in dieser Form fühlt er sich etwas schwachbrüstig an.

Writer's Tears Copper Pot Irish Whiskey Glas

Der Abgang ist kurz, mild, unauffällig – tatsächlich etwas zu blass für meinen Geschmack, da hätte ich gern mehr gesehen, die schöne Aromatik länger genossen. Der Nachhall ist leicht metallisch, doch auch das verschwindet schnell – nur ein angenehm warmes Gefühl verbleibt in Speiseröhre und Magen.

Insgesamt ein recht zurückhaltender Ire, mit viel Potenzial, das nicht ganz ausgeschöpft wird. Ein bisschen mehr Länge, und ich würde mich begeistern; so bin ich „nur“ erfreut, was ja auch schon etwas ist. Wer einen milden Whisky sucht, schön ausgerundet, der ist hier richtig.

Die Fruchtigkeit lässt mich tatsächlich direkt daran denken, den Writers‘ Tears mit Cognac zu verbinden. Und nach kurzer Recherche findet sich auch ein Cocktail, der genau das bietet – im Parlez-vous Irish spielen wirklich viele meiner Lieblingszutaten in Drinks mit. Da vergesse ich schnell alle Kritikpunkte und lasse mich mit einem wirklich wundervollen, starken und aromatischen Cocktail treiben.

Parlez-vous Irish Cocktail


Parlez-vous Irish
1 oz Irish Whiskey
1 oz Cognac
½ oz Orangenlikör
½ oz Bénédictine
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chris Strong]


Eine einfache, klassische Flasche mit einem sehr edel gestalteten Etikett erfreut das Auge, und der Karton, in dem sie erhältlich ist, sorgt für weitere optische Erbauung. Man gönne sich abends ein Glas, vor einem Kamin mit wärmendem Feuer oder wenigstens einer flackernden Kerze, und einem schauderlichen Buch von Lord Dunsany oder Le Fanu, vergieße dabei vielleicht sogar eine Träne für die Autoren, die in harten Zeiten Unterhaltung für uns heute schafften, und es bleibt einem nichts zu wünschen übrig.

Rum am Freitag – Flensburg Rum Company Guyana KFM Rum 1991-2021

Ende 2021 ist eine verrückte Zeit für Rumfreunde – hatte man vorher nach ungewöhnlichen Veröffentlichungen im Rumsektor eher suchen müssen, wurden Rumfreunde mit vielen Abfüllungen verwöhnt. Wenn man mit dem entsprechenden Portemonnaie ist, natürlich, so etwas wie der Flensburg Rum Company Guyana KFM Rum 1991-2021 kostet dann halt mal um die 300€. Um so erfreuter war ich, dass ich ein kleines Sample des Rums mit dem Mark KFM (zu den Marks und Demerara-Rum im Allgemeinen gibt es keine bessere Quelle als Marco Freyers Artikel darüber) aus der Versailles Still der ehemaligen Enmore Distillery in Guyana in der Post fand – ansonsten hätte ich darüber nichts schreiben können, derartige Produkte sprengen meine Mittel bei weitem. Pot Still (sogar eine aus Holz), 30 Jahre tropisch gereift, als Cask-Strength unverdünnt mit 51,9% Alkoholgehalt 2021 abgefüllt, entsprechend natürlich nur in wenigen Flaschen verfügbar – das relativiert den Preis etwas, aber ob man soviel Geld für eine Spirituose ausgibt, sollte jeder mit seinem Gewissen und seinem Bankkonto klären, ich gebe hier jetzt einfach mal wieder, wie das Zeug schmeckt, falls jemand noch ein exklusives Weihnachtsgeschenk sucht.

Schon beim Eingießen ins Verkostungsglas sieht man es: Die Textur ist dick und schwer, das dunkle Mahagoni betont das weiter. Entsprechend zaghaft bewegt sich die Flüssigkeit beim Schwenken. Fette Schlieren bilden sich an der Glaswand. Man ahnt schon, dass man hier kein Leichtgewicht vor sich hat.

Die Nase bestätigt das direkt – starke würzige Aromen, eine volle Breitseite schon bevor der Rum seine angemessene Zeit atmen durfte. Salzig-umamihafte Eindrücke kommen da vor, Backerbsen, milder gesalzener Trockenfisch, fettes Leder eines alten Mantels, der immer noch auf dem Speicher der Eltern hängt; zusammen mit Zedernholzschnitt und tiefdunklen Noten von Mokka, schwarzem Kakao und schließlich ganz prägnant Eukalyptus und Menthol. Erinnert mich, ehrlich gesagt, in der dunklen Frucht erstmal mehr an einen Armagnac oder einen ganz alten Rhum Agricole.

Aromen muss man erstmal Zeit lassen, zunächst ist da der Effekt am Gaumen: Lakritzebittere, Menthol ist direkt da, verstärkt sich sogar noch deutlich bis zum kalten Nachhall. Sehr bitter, trocken, unami und astringierend im Effekt, klar überholzt und überreift für meinen Geschmack. Dennoch deutliche fruchtige Süße im Geschmacksbild; auch hier: den kann man als Uboot in ein Weinbrandtasting einschleusen. Süßholz, Kardamom, Bitterorange, und eine Erinnerung an Wachsmalstifte.

Ein interessantes Erlebnis, ein schönes Beispiel, wie breit Rumprofile gestreut sein können. Das ist sicher nichts für jeden, da muss man offen sein und darf sich nicht von fehlender Anschmiegsamkeit abschrecken lassen – dann bekommt man etwas Besonderes.

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples.

Von der Wurzel zur Frucht – Root to Fruit Kalyx, Ricordino und Camela

Er wird immer stärker – der Trend zu Niedrigprozentigen und sogar Nullprozentigen Genussgetränken. Ich sehe das sowohl an der immer größer werdenden Schar an erhältlichen Produkten, als auch daran, dass bei Spirituosenwettbewerben, an denen ich als Juror teilnehme, inzwischen eine „Non-Alcoholic Drink“-Kategorie vorhanden ist. Ich haben oben absichtlich „Genussgetränke“, und nicht „Spirituosen“ geschrieben, weil eine Spirituose definitionsbedingt Alkohol enthält, gesetzlich sogar einen Mindestalkoholgehalt, aber so langsam muss man sich Gedanken machen, wie man diese Art von Genussmitteln in Zukunft durchgängig benennen will.

Doch darüber müssen sich die als „Aperitive“ bezeichneten Root to Fruit Kalyx, Ricordino und Camela erstmal keine Gedanken machen – da ist man noch klar im Rahmen der Spirituosen, allerdings eben schon auf einer Ebene, die vor ein paar Jahren höchstselten und eigentlich eher Portwein, Sherry, leichten Likören und anderen klassischen Produkten vorbehalten war. Die drei Aperitifs haben, gemäß dem Firmennamen, darüberhinaus die aparte Idee, von Wurzel über Frucht und Blätter bis zur Blüte viele Komponenten in einem Drink abzubilden – und das (auch das ein klarer Unterschied zu der Zeit bis vor wenigen Jahren!) ohne künstliche Aromastoffe und nur mäßigem Zuckereinsatz, es sind eben absichtlich keine Liköre geworden. Kommt bei soviel Ambition auch was Süffiges raus?

RTF Distillers Camela, Ricordino, Kalyx

Ich wage mal die Vermutung, dass die Aussage über den Nichteinsatz von Aromastoffen nicht auch auf Farbstoffe zutrifft, die drei kommen alle sehr bunt daher, insbesondere der Camela Aperitivo Amaro, der in kräftigem Rosenrot leuchtet, im Glas etwas weniger als in der Flasche, erreicht nicht ganz Campari-Niveau, erinnert aber daran. Die Nase gefällt mir schon sehr, man riecht schon direkt eine bunte Mischung aus Kräutern und Früchten – ich habe diverse Aperitifs dieser Art probiert, es geht hier gar nicht darum, dass sich Aromen aus der Herstellung ergeben, sondern um die Abbildung der eingesetzten Materialien. Bitterorange, Granatapfel, Safran, Wermutkraut, ja, das kann ich wirklich alles nachvollziehen in der Nase, das wirkt fruchtig, aber nicht zu süß, mehrdimensional und zum Design passend.

Im Mund kommen dann die Gewürze explosiv zur Geltung, Kardamom, Chili, Pfeffer, Ingwer, alles ist sehr plötzlich sehr präsent, ergibt im Gesamtbild ein stellenweise parfümiert wirkende, sehr exotische, geheimnisvolle Erinnerung an einen persischen Basar. Sehr würzig, vollaromatisch, mit einer interessanten Süßbitter-Balance, sich im Verlauf immer pfeffriger darstellend gefällt mir der Camela wirklich sehr. Der Nachklang ist mild chilischarf, hat immer noch Töne von Kardamom und Wermutkraut. Am Ende bleibt als einziger kleiner Fehler eine fast pappige Süße auf Lippen und Zunge übrig. Letzlich trinkt man das aber auch nicht in Zimmertemperatur pur, wie ich es gerade für die Verkostung getan habe, sondern entweder auf Eis oder im Mixdrink. Als Mysterious Coke – im Verhältnis 1:1 mit einer halbwegs aromatischen Cola gemischt, ich habe hier Jarritos verwendet – ist der Camela ein absoluter Traum, das ist für mich mit das beste Cola-Mischgetränk, das ich kenne. Sollte man unbedingt ausprobieren, die zwei Aromenspektren ergänzen sich unglaublich gut!

Da wurde ordentlich vorgelegt, ich wünsche dem Kalyx Elixir Vivant, dass es sich ähnlich gut schlägt. Die Farbe gibt schon vor, dass wir uns hier in eine andere aromatische Richtung bewegen – rosa, hier deutlich mehr an Blüten erinnernd als das kräftige Rot des Camela. Blumig ist entsprechend auch die Zusammenstellung: Rose, Hibiskus, Zitronenverbene, Veilchenwurzel, das klingt schon schön duftend. Und es klingt nicht nur so – bitterfloral, sehr apart und elegant, leicht, aber aromatisch. Hier passt es wirklich: Der Kalyx riecht nicht, er duftet. Sehr klug, wie die drei Aromen auch in einer Story verortet werden, Camela als orientalisch, Ricordino als italienisch, Kalyx als französisch; und, das ist die Bedingung für mich, solche Marketingtricks zu akzeptieren, es fühlt sich passend an.

Im Mund kommen die Bitteraromen deutlicher vor, in Kombination mit der ausgeprägten Frucht (Himbeere, Grapefruit und Orange werden verwendet) bietet sich ein ungewöhnliches Geschmacksbild an. Durch das Wermutkraut hat man eine gewisse aromatische Nähe zu Wermut, Kalyx ist aber doch deutlich etwas anderes. Ein sehr hübscher, herbfloraler Nachhall klingt noch einige Minuten nach, die Süße würde ich bei allen drei Produkten eigentlich gern weiter reduziert sehen, sie hängt als Effekt ähnlich nach. Auch hier suche ich, dem Produktdesign entsprechend, einen „einfachen“ Drink aus, schließlich holt man sich so einen Aperitif eben, weil man nicht mit vielen Zutaten herumbasteln will, sondern die Vielfalt schon vorgegeben hat. Zur herben Blütigkeit des Kalyx passt meines Erachtens ein halbtrockener Sekt wunderbar. Auch hier kann man sich das Mischverhältnis von 1:1 als Basis für eigene Experimente heranziehen. Der Kalyx Royal ist sicher für ein Essen in netter Gesellschaft eine unerwartete, viele Fragen nach sich ziehende Einleitung.

Kommen wir zum Dritten im Bunde, dem Ricordino L’Essenza della Dolce Vita. Leuchtendes, blasses Gelb sieht man schon in der Flasche, im Glas wirkt die Flüssigkeit fast schon grüngelb. Eine Mischung aus Zitrusfrucht und Kräutern erwartet die Nase – die klar kommunizierte, kurze Zutatenliste ist auch hier ohne viel Mühe erschnupperbar. Zitrone, Limette, Orangenblüte, Basilikum, Rosmarin, Thymian und Angelikawurzel, außer der Zitrone ist aber keine Komponente wirklich im Vordergrund. Ein schön mildes, frisches Bouquet, sehr angenehm zu riechen und gut zusammengestellt.

Im Mund bin ich dann etwas enttäuscht, neben der direkten Süße ist nur etwas recht generisches Zitrus vorhanden, gefolgt von milder Bittere und leichten Kräuteraromen. Ein aromatisches Leichtgewicht – das muss nicht zwingend schlecht sein, nach den zwei Vorgängern fällt es aber deutlich auf, dass der Ricordino etwas schwach auf der Brust ist. Ein kurzer Abgang wird gefolgt von einem Nachhall, in dem die Angelika sich noch etwas zeigt. Hm, ich bin gespannt, ob sich das in einem Mixdrink durchsetzen kann. Erneut: Ein ganz einfaches, Zweizutatenrezept, alles darüber hinaus würde den Ricordino erwürgen. Ingwer und Zitrus, das ist eine grundsätzlich gute Kombination (wie man hört, hilft das auch gegen Viren, ich will hier aber keine Gesundheits-, sondern Genusstips geben). Also, etwas Eis ins Longdrinkglas, einen guten Schuss Ricordino, und das ganze mit gut scharfem Ingwerbier aufgießen und die freche Frische genießen. Ich nenne das einfach mal Ricordino Ginger.

Ich habe hier einen klaren Favoriten – Camela ist mit Abstand der für mich interessanteste Vertreter dieses Trios. Kalyx hat seine sehr spannenden Momente, Ricordino finde ich für mich persönlich dagegen eher langweilig. Auch ist Camela der einzige der drei, der sich meiner Meinung nach in echten Cocktails interessant machen kann, und nicht „nur“ in Longdrinks. Für mich als eher seltenen Konsumenten von einfachen Mischdrinks mit Tonic Water, Ginger Beer oder Bitter Lemon gibt es da nur mäßig viele Anknüpfpunkte. Camela nehme ich, wie gesagt, ausdrücklich aus: Das ist ein aufregender, ungewöhnlicher und unterhaltsamer Aperitif, mit dem ich sicherlich viel anfangen werde (als ersten Versuch ein Spicy Negroni, zum Beispiel).

Ich bin aber auch nicht wirklich die Hauptzielgruppe, glaube ich. Wer schon eine Weile meinen Blog verfolgt, und gern seinen Gästen ähnlich aromatische Drinks servieren will, wie ich sie in meinen Artikeln oft zeige, aber an der Komplexität und dem Aufwand verzweifelt, ist bei diesen Aperitifs dagegen durchaus richtig: man muss keine 20 Zutaten bereit halten, keine komplizierten Mischverhältnisse beachten und viel Barwerkzeug griffbereit haben, sondern kann mit wenigen Handgriffen und simplen Rezepten sehr viel Ungewöhnliches, Überraschendes erreichen. Das ist, denke ich, das Ziel dieser Produkte – und das leisten sie wirklich gut.

Offenlegung: Ich danke RTF Distillers GmbH für die kosten- und bedingungslose, unaufgeforderte Zusendung der drei hier vorgestellten Produkte.