Bier am Freitag – Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years

Große Zahlen auf Etiketten – eine Sache, die bei Spirituosen immer so ein Geschmäckle hat, manch ein Hersteller versucht mit einer hübschen aufgedruckten „23“ den Eindruck zu erwecken, man habe hier eine Altersangabe vor sich, dabei ist es eine Fassnummer, ein Jubiläum oder einfach die Anzahl der Zähne des Meisterbrenners. Beim Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years könnte man natürlich auch auf die Idee kommen, ein 135 Jahre altes Bier vor sich zu haben, aber das wäre schon etwas außergewöhnlich besonderes, gemeint ist hier das Alter der Brauerei (bis 1954 hieß sie Vandervelden, danach erst Oud Beersel), zur Feier der Gründung wurde dieses Bier als Sonderedition veröffentlicht. Man kann sich das Gründungsdatum aus den Angaben des Etiketts errechnen: Mindestens haltbar ist es bis 14.02.2037, abgefüllt wurde es „20 Jahre vorher“, also im Februar 2017 – damit hat das Geuze, als ich es getrunken habe, knapp mehr als 5 Jahre Flaschenreifung auf dem Buckel, und die Brauerei gibt es seit 1882. Setzen, Kopfrechnen 1 mit Stern. Das Bier selbst ist ein Blend aus einem Lambic, das ein Jahr auf „foeders“ gereift wurde, die vorher Brunello di Montalcino, einen Rotwein, enthielten, und Lambic, das 3 Jahre in hauseigenen Bierfoeders gereift wurde. 6,5% Alkoholgehalt haben wir dabei erreicht, und die 37,5cl-Flasche ist zur Sicherheit mit einem Drahtkorb um den Sektkorken gesichert. Raus damit, ins Glas mit dem Bier!

Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years

Beim vorsichtigen Drehen, bevor ich den Korken ziehe, sieht man kleine Hefeflocken aufschwimmen. Leuchtendes Sonnenblumengelb landet dann im Glas, deutlich getrübt durch die Hefe. Sehr aktives Mousseux blubbert an die Oberfläche, die nur kurz von Schaum bedeckt ist, schnell bilden sich kleine Inseln, die immer kleiner werden, nur am Glas bleibt ein Kranz stehen.

Man muss gar nicht besonders tief ins Glas schnuppern, schon eine Fußlänge Abstand ist der Duft präsent – frisch geschnittene saure Äpfel, unreife Birnen, Sauerkirschen, die Frucht ist stark in diesem Bier. Klar ist die saure Komponente dominierend, ohne zu pieksen, ein bisschen Malz und die Reifungszeit in Holz gleichen aus.

Auch am Gaumen ist Säure von Anfang an kräftig am arbeiten, mehr noch als bei zum Beispiel Cidre, das geht schon in die Richtung von trockenem Sekt, mit einem Anteil Verjus. Apfel und Sauerkirsche, getoppt mit etwas Limettenzeste, Albedo von Amalfizitrone. Die gesichtete Hefe ist auch aromatisch erkennbar, kümmert sich dabei auch um eine astringierende Trockenheit, die im Verlauf kantiger wird, zusammen mit der Säure ergibt das ein sehr herbes Mundgefühl. Die gleichzeitige Spritzigkeit macht das Vandervelden 135 zu einem wunderbar erfrischenden Bier, das ich an Ostern auf der Terrasse im Sonnenschein genieße, der mittellange Abgang mit dezenter Blumigkeit lässt noch etwas Komplexität und Eleganz auftreten.

Ein sehr angenehmes Sauerbier, frisch und rund, frech, spritzig und in Ansätzen durch die 5 Jahre Flaschenreifung gezähmt. Ein unkompliziertes, aber typisches und charaktervolles Geuze, das ich insbesondere dem Einsteiger sehr, sehr nahe legen möchte.

Platzsparende Regelungen – Saint James Rhum Vieux Agricole

Eine Altersangabe kann auf unterschiedliche Weise erfolgen, bei unterschiedlichen Spirituosengattungen hat man da verschiedene Gewohnheiten. Bei Cognac beispielsweise kann man Sterne vergeben, bei Scotch Whisky zählt man im Allgemeinen die Jahre auf, bei diversen insbesondere französischen Spirituosen verwendet man die Begriffe „VSOP“, „XO“ und so weiter. Meist ist das klar auf dem Etikett kommuniziert, schließlich ist das eines der wichtigsten Produktionskriterien (ich sage absichtlich nicht „Qualitätskriterien“) für gereifte Spirituosen, oft genug auch preisbestimmend. Ich drehe und wende die Flasche des Saint James Rhum Vieux Agricole, die ich hier vor mir habe, und lese das Etikett, suche nach der Altersangabe, doch finde sie nicht, keine in der Form, wie ich sie oben aufgezählt habe. Scheinbar.

Doch sie ist da, in einer weiteren möglichen Ausprägung, nämlich implizit und unausgesprochen, denn der Begriff „rhum vieux“ ist neben der normalsprachlichen Übersetzung („alter Rum“) als Altersangabe für AOC-Martinique-Rum klar definiert, auch wenn man das halt wissen muss. Um die Bezeichnung „rhum vieux“ führen zu dürfen, muss das Destillat mindestens 3 Jahre im Eichenfass ruhen. Dann dürfte es theoretisch zusätzlich das Prädikat „VO“ tragen, da dies aber eh die gesetzliche Mindeststufe ist, kann man es genausogut weglassen – was hier geschieht. Mindestens drei Jahre in kleinen Eichenfässern haben wir hier also vor uns, diese Angabe der Fassgröße ist dann auch ein weiterer Unterschied zur Kategorie „élevé sous bois / ambré“, bei der statt den kleinen Fässern riesige, mehrtausendliterfassende Holzgefäße genutzt werden. Man sieht, hier sind es die klaren AOC-Regelungen, die definieren, was wir altersmäßig in der Flasche finden, da braucht man deutlich weniger Etikettenplatz für Produktionsdetails. Genug geschwafelt und theoretisiert, rein ins Glas mit dem Brand.

Saint James Rhum Vieux Agricole

Ein nahezu idealtypisches Terracottarotbraun steht im Glas, mit hellen, orangefarbenen Lichtreflexen. Leuchtend und strahlend, eine wirklich ansprechende Farbe. Attraktive Öligkeit kommt dazu, nicht zu schwer, aber beim Schwenken erkennbar, mit Beinen, die sich an der Glaswand bilden und einzeln sehr gemächlich ablaufen.

Das verleitet einen direkt, zu schnuppern. Die Nase ist vielschichtig, da verbinden sich von Anfang an milde Holznoten mit der typischen Grasigkeit eines rhum agricole, Honig mit Süßholz, eine hübsche Blumigkeit mit feiner Würze, leichte Töne von Nougat mit Aromen von getrockneten Aprikosen und Rosinen. Etwas malzig, minimalst erdig, Ideen von Kalkstein und Staub. Sehr aromatisch, aber trotzdem edel wirkend, sehr überraschend rund für einen vergleichsweise jungen Rum, ein Anflug von Lack ist das einzige Element, das auf Alkoholgehalt (42% ist die Abfüllstärke) hindeutet. Insgesamt eher herb, natürlich für die Kategorie, aber perfekt alle Komponenten miteinander verbindend. Wirklich etwas, an dem ich gerne lange rieche.

Saint James Rhum Vieux Agricole Glas

Im Antrunk zeigt sich dann aber doch zunächst eine deutliche Süße, natürlich und sauber wirkend, während sich der Brand allmählich im Mund ausbreitet. Eine leichtviskose Textur unterstützt diesen Vorgang, so dass es nicht zu schnell geht, der Rum fühlt sich dennoch frisch und hell an, nicht zu sirupartig. Rund und voll bleibt er dabei, auch, wenn sich im Verlauf dann eine feinherbe Bittere und sanfte Pfeffrigkeit aufbauen, und die Süße etwas zurückdrängen. Klare Zuckerrohrsaftaromen erscheinen nun, leicht mit Anis und Süßholz versetzt, von Vanille und Zimt unterstützt. Sehr deutliche beerige Eindrücke von Brombeeren, fast schon Brombeermarmelade. Gegen Ende spürt man deutliches Feuer, aber nichtmal einen Anflug von Kratzen oder Zwicken, grasig und holzig ist der Rum dann, und zeigt seine zwei Herstellungskomponenten: frischer Zuckerrohrsaft und Eichenholz. Der Abgang ist mittellang, zum Schluss erblüht noch etwas Jasmin, das den gleichfalls entstehenden Eisenton und die leichte Aquariumskiesnote etwas abmildert.

Das ist ein echter Easy-Drinking-Rum, gerade für Einsteiger in diese Kategorie ganz herausragend geeignet, er erhält seine Typizität und bindet aber alles in ein rundes, unkompliziertes und trotzdem ansprechend komplexes Gesamtbild ein. Ja, er könnte schon etwas stärker vom Alkoholgehalt her sein und dann mehr Kraft, Fülle und Charakter entwickeln, aber dennoch: Auch so macht mir der Saint James Rhum Vieux Agricole richtig viel Spaß, ein idealer Rum für jeden Tag.


Natürlich ist er damit auch eine nahezu ideale Cocktailzutat, mit der gleichen Einschränkung der Trinkstärke. Im Firelight ist er mit Abstand die größte Komponente, und hier fallen dann die Frucht- und Zuckerrohrnoten noch deutlicher auf, da die anderen, kantigeren Aspekte durch die anderen Zutaten etwas ausgeblendet werden. Wer an die etwas obskuren Essences of Cuba nicht herankommen kann, nimmt einfach einen Spritzer Kaffeelikör.

Firelight Cocktail

Firelight
2oz / 60ml Rhum Agricole Vieux
¼oz / 7ml süßer Wermut
¼oz / 7ml trockener Wermut
1 Spritzer Peach Bitters
1 Teelöffel Falernum
1 Spritzer The Bitter Truth Essences of Cuba: Coffee
Auf Eis rühren.

[Rezept nach unbekannt]


Das ist persönlicher Geschmack, ich weiß, aber mir gefällt die Flasche in ihrem Design grundsätzlich sehr gut, die quadratische Grundfläche, die schön im Glas eingelassenen Details, das edle Etikett mit Braun- und Goldtönen, die mit transparentem Hintergrund aufgebrachten Details. Das wirkt schon sehr hochwertig, auch auf den zweiten Blick – und bei einem „Gebrauchsrum“ wie diesem bin ich auch überhaupt nicht böse über den Blechschraubverschluss, im Gegenteil, das ist praktisch und unkompliziert.

Was soll ich sagen, ich habe 22€ für diese Flasche in einem kleinen Supermarkt in Frankreich auf den Tisch gelegt, und für dieses Geld liefert der Heilige Jakob mehr als zufriedenstellend ab – nein, das wird dem nicht gerecht, das ist ein absurd gutes Preisleistungsverhältnis, völlig irre sogar, wenn man bedenkt, was man sonst für dieses Geld bekommt im Spirituosensektor. Dieser Rum ist allein deswegen schon ein beständiger Gast in meiner Heimbar.

Drei Weinbrände, drei Welten – Armagnac Séailles 1988, Armagnac Cutxan 2006, Cognac Jean-Luc Pasquet 66,6%

3 französische Weinbrände, 3 unterschiedliche Eindrücke. Séailles 1988 aus Armagnac-Ténarèze, Cutxan 2006 aus Bas-Armagnac, und der Cognac von Jean-Luc Pasquet. Alle in cask strength abgefüllt, von den Jungs von Grape of the Art, die aktuell den deutschen Markt mit höchstwertigen, limitierten Abfüllungen bereichern. Ich bin mir sicher, dass diese drei alle bereits ausverkauft sind, wenn ich das hier veröffentliche, aber sie sorgen regelmäßig für Nachschub!

Armagnac Séailles 1988, Armagnac Cutxan 2006, Cognac Jean-Luc Pasquet 66,6%

Grape of the Art Cutxan 2006 Bas-Armagnac, 100% Ugni Blanc, 50,5% Cask Strength, 15 Jahre im feuchten Keller, 251 Flaschen. Duftende Nase voller Frucht und hauchiger Frische, Anflüge von ätherischen Kräutern, leicht aber voluminös, mit wunderbar langem, fast schon minzig frischem und dabei würzigem Nachhall. Ideal ausgebaut, das macht richtig Spaß, ohne kompliziert zu werden.


Grape of the Art Séailles 1988 Armagnac-Ténarèze, 100% Ugni Blanc, 50,00% Cask Strength, 32 Jahre im trockenen Keller, 203 Flaschen. Gelbe Früchte und Vanille, viel Finesse von Nase bis Gaumen, deutliche Trockenheit und tannische Gaumeneffekte, ohne die marmeladige Frucht je plattzumachen. Holz ist trotz 32 Jahren sehr gut eingebunden, und der Eiseshauch am Schluss kling endlos nach. Kein Standup-Comedian, sondern eine literarische Lesung.


Grape of the Art #3 Jean-Luc Pasquet Cognac, Lot 68-72, Cask 21, 66,6%. Auch in dieser Stärke trinkbar, er zeigt selbst hier keine Kanten und Ecken, aber einen herrlich vollen Körper und samtige Textur. Wunderbar rund, leicht nussig, sehr fruchtig. Wer Cognac für langweilig hält, wird hier eines besseren belehrt: Eleganz und Kraft schließen sich nicht aus. Mit etwas Wasser verdünnt fächert er sich noch etwas auf, was Frucht angeht.


Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Samples.

Der Geist des Sommers – DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange

Viele wissen es bereits, ich habe es aber nie so richtig kommuniziert – ich mache diesen Blog eigentlich nur als Hobby. Ich bin im „echten Leben“ Softwareentwickler, habe also einen Großteil meines Alltags gar nichts mit Spirituosen zu tun. Das bedeutet nicht, dass meine Kollegen nicht mitbekommen, womit ich den allergrößten Teil meiner Freizeit verschwende, und manche davon haben inzwischen sogar verstanden, dass ich mich trotzdem nicht jeden Tag einfach mit billigem Sprit besaufe. Und so wurde mir neulich, zum Anlass meines 15-jährigen Firmenzugehörigkeitsjubiläum, auch etwas passendes geschenkt: ein üppiger Gutschein für die Winefactory in Saarbrücken. Ach, es ist schön, wenn die Vorgesetzten wissen und verstehen, wie man tickt, und man nicht einfach irgendein nutzloses Geschenk bekommt, mit dem man nichts so recht anfangen kann außer es dann irgendwann weiterzuverschenken.

Natürlich wird so ein Gutschein nicht schlecht bei mir, der wurde am selben Tag noch eingelöst. Den Löwenanteil habe ich in einen fünfzehnjährigen Armagnac (zur persönlichen Feier des fünfzehnjährigen Jubiläums wohl mehr als passend) und den DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange investiert, der in den mit spannenden Dingen vollgepackten Regalen der Winefactory fast etwas unterging; da ich aber gerade eine Obstbrand-Phase habe, war ich mir schnell sicher, dass sowas in den Warenkorb muss. Es handelt sich dabei um einen Geist (also stammt die Aromatik aus einer Mazeration der Frucht in Neutralalkohol, der dann erneut destilliert wird – nicht, wie bei einem Brand, aus einer Fermentation) aus der sizilianischen Tarocco-Blutorange, die sich mit besonderer Süße und starkem Geschmack für eine Vergeistung natürlich sehr anbietet – sowohl Saft als auch Schale werden bei diesem Destillat verwendet, um die ganze Komplexität der Frucht abbilden zu können. Die Brenner der Deutschen Spirituosen Manufaktur (DSM) in Berlin sind sehr stolz auf ihr Handwerk, verzichten entsprechend auf Zuckerbeigabe oder andere Zusätze, und achten beim Bezug der Rohmaterialien auf Qualität und Nachhaltigkeit. Eine gute Grundlage, mal schauen, was dabei herausgekommen ist!

DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange

Optisch ist der Blutorangengeist erwartungsgemäß erstmal klar, ohne Fehler oder Tönung. Er bewegt sich durchaus schwer im Glas, man muss ihn ordentlich in Rotation bringen, bevor er sich die Glaswand hochbequemt – dann bildet er eine hübsche Beinchenwand, die nach dem Ablaufen noch einzelne Tröpfchen zurücklässt.

Die Nase ist sehr expressiv, es kommen direkt und ohne Umschweife Aromen von frischer Zitrusfrucht hervor. Man erkennt klar die Blutorange, zunächst erst die Schale der Frucht, später auch den frischen, frechen Saft, mit seiner ausgeprägten Sonnensüße. Man ahnt schon hier leichte Bitterkeit, bekommt aber weder vom Alkoholgehalt noch von der zestigen Frucht in die Nasenschleimhaut gestochen, das ist beides gut integriert. Eine minimale Getreidenote liegt dem ganzen zugrunde, aber nie störend, höchstens dafür sorgend, dass die Frucht nicht allein da steht. Ein schönes Geruchsprofil, muss ich sagen, gleichzeitig frisch und herb, und süß und dunkelaromatisch.

DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange Glas

Dieses Gefühl bleibt auch auf dem Gaumen erhalten, es schwankt immer zwischen der zestigen Kante und der fruchtigen Süße, eben beide Aspekte, die so eine Blutorange anzubieten hat. Schale und Fruchtfleisch schmeckt man, aromatisch voll und rund. Eine dicke, fette Textur trägt das ganze, zusätzlich unterstützt durch wuchtige, aber natürliche Süße. Im Verlauf entwickelt sich eine feurige, pikante Seite, hier kombinieren sich wirksam eingesetzer Alkohol (42%) und die Säure und Bittere der Orange, das brummt und klingelt im Mund, dass es eine Freude ist – ohne dabei zu übertreiben oder ins Wilde zu kippen. Der Abgang schließlich ist dann eher bitter, warm und lang, hinterlässt milde, zestengetriebene Astringenz auf der Zunge und dem Gaumen, die langsam abklingt, und ein warmes, sehr angenehmes Gefühl im Mund und im Rachen hinterlässt. Toll, ein klar und sauber gemachter Geist, linear und die Frucht wunderbar abbildend, der dabei aber nicht eindimensional oder dünn wirkt, sondern eine breite Spur aus Gaumenfreude erzeugt, die wunderbar erfrischt und gleichzeitig wärmt.


Bei manchen Geisten habe ich Sorgen, dass sie im Cocktail etwas untergehen, beim DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange denke ich nichtmal ansatzweise an solche Probleme – dieser Geist wird, egal in welcher Rezeptur, dominant durchscheinen und leuchten. Im Dopo Cena zum Beispiel, ein herrlicher Drink für den Sommer, vollaromatisch und komplex. Davon hab ich mir direkt zwei gemacht, an diesen heißen Tagen eine Wohltat.

Dopo Cena Cocktail

Dopo Cena
1oz / 30ml Blutorangengeist
1oz / 30ml Amaretto
½oz / 15ml Maraschino-Likör
1oz / 30ml Zitronensaft
1 Teelöffel Zuckersirup
1 Eiweiß
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken. Mit Maraschino-Kirschen servieren.

[Rezept nach Adrian Gomes]


Die kleine 350ml-Flasche im Apothekerstil ist hübsch mit Details versehen, um sie optisch attraktiv zu machen, ohne dabei auf grelle Gimmicks zurückzugreifen – was gelungen ist, finde ich. Das Etikett gefällt mit der Mischung aus Vordruck und handausgefüllten Informationen über die Fruchtsorte, den Jahrgang, die Flaschennummer und die Art der Herstellung. Ein echter Korken hat als einzige Dekoration einen rundköpfigen Nagel, das ist wirklich extravagant, soetwas sieht man selten, das Auge bleibt vielleicht gerade deswegen daran hängen.

Was bleibt am Ende? Natürlich eine tolle Spirituose, handwerklich ohne Zweifel gut gemacht, in einer schönen Präsentation. DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange steht bei mir erst seit ein paar Wochen im Regal, ist aber schon halb leer – das ist für mich immer das Zeichen, dass es eine Spirituose ist, die ich gern mal schnell herausziehe, wenn ich Lust auf etwas zum langsamen Schlürfen habe und dabei nicht lang überlegen möchte, was ich trinken will (und ich hoffe, meine Leser:innen verstehen, dass das ein extrem großes Kompliment ist). Gerade bei den aktuellen Temperaturen im Jahrhundertsommer 2022 ist so ein frischer, leichter, und trotzdem hocharomatischer Geist aber auch ein No-Brainer, finde ich! Da vergisst man schnell Jenkins-Jobs, Maven-Abhängigkeiten, Github-Pullrequests, OWASP-Scans und JMeter-Tests, und lässt sich angenehm vom Genuss treiben, statt dauernd zu analysieren.

Bier am Freitag – Hornbeer Black Magic Woman

Man sieht es schon am Bild unten – das ist ein uralter Artikel, den ich vor Jahren vorbereitet hatte, und nie veröffentlicht. Ich habe keine Ahnung, ob das Hornbeer Black Magic Woman überhaupt noch erhältlich ist, ob es die Brauerei noch gibt, doch ich dachte, egal, das Bier hatte mir so gut geschmeckt, dass es wert ist, nun nochmal erwähnt zu werden. Ein Stout mit getorftem und birkenholzgeräuchertem Gerstenmalz (Pilsener, Carafa, Caramunich) aus Dänemark, mit Magnum und Centennial gehopft und auf üppige 10% Alkoholgehalt und grandiose 112 IBU eingestellt – sowas hat man schließlich wirklich nicht alle Tage im Glas.

Hornbeer Black Magic Woman

Komplett schwarz und blickdicht steht es im Glas, keine Chance durchzuschauen, selbst wenn man es gegen helles Licht hält. Schwer, gluckernd und schwappend beim Eingießen, fast schon dickflüssig, da denkt man, man hat altes Motoröl vor sich. Dicker, sehr feinblasiger, langlebiger Schaum entsteht dabei. Trotz all der Malzräucherung ist es in der Nase dann eher mildrauchig, ganz klar aber sehr malzig mit richtig vielen Röstaromen – nur ein Hauch von Speck ist da, etwas, was bei vielen geräucherten Bieren mir persönlich den Spaß etwas einschränkt, das wird dann schnell arg schwer und dumpf.

Am Gaumen entwickelt sich das Black Magic Woman dann erwartungsgemäß sehr vollmundig, mit viel Wucht im Antrunk: cremig und schwer, dick und üppig. Die Röstaromen spielen die Hauptrolle, sie drängen nach vorne, ohne dabei aggressiv zu wirken. Süße und Säure sind sehr schön balanciert, ersteres hat ein bisschen die Überhand, eine ordentliche Salzigkeit kommt dazu. Insgesamt ein sehr rundes, weiches Bier mit ordentlich Wumms, ohne diesen vor sich her zu tragen. 10% Alkohol spürt man beim Trinken an keiner Stelle. Der Abgang ist lang, säuerlich, sehr trocken, etwas holzig, salzig und rauchig.

Toll komponiert, das ist ein kräftiges Stout nach meinem Geschmack, das nur bedingt Rücksicht nimmt auf den Trinker, der sonst lieber Helles zu sich nimmt. Nicht für jeden Tag, auf keinen Fall, aber für einen kühlen Sonntagnachmittag nach dem Sport ein perfekter Einklang für einen ruhigen Abend! (Auch hier sieht man, dass der Artikel alt ist, was ist Sport?)

Erinnerungskultur – Black Tot Rum

Ein Termin wird in der Rumgemeinde weltweit immer mit viel Bohei gefeiert – der Black Tot Day, ich hatte schon vor einer Weile bei einem Bier erläutert, worum es dabei geht. Nun ist 1970 ja recht lange her, der normale Seemann, der den Daily Tot noch erlebt hatte, ist wahrscheinlich längst in Rente. Der, der heute diesen Tag feiert, sieht das ganze natürlich nur aus der Perspektive des Konsumenten, der nicht den harten Dienst auf einem Kriegsschiff mit in seine Sicht aufnimmt – die Hersteller berufen sich aber sehr gern auf die alte Sitte, und so findet man auch heute noch viel Navy Rums, die nun halt flaschenweise an den Rumgenießer auf der Couch zuhause geliefert werden statt fassweise an das Kriegsministerium in Großbritannien.

Den schwarzen Tag in der Seemannsgeschichte trägt der Black Tot Rum entsprechend trotzdem stolz im Namen, auch wenn es eigentlich nichts zu feiern gibt (außer, man ist Teetotaller). Die Rezeptur ist jedenfalls schonmal tatsächlich eine klassische für Navy Rums, die schon immer eine Mischung aus Rums aus den verschiedenen damaligen Kolonien des Weltreichs darstellten. Barbados, Jamaica und Guyana liefern aus ihren Pot und Column Stills die Bestandteile in diesem Fall nach Schottland, wo der Blend dann auf 46,2% eingestellt und abgefüllt wird. Ein Alter ist nicht angegeben, es wird nichteinmal angedeutet, was aber klar ist, ist, dass keine Süßung erfolgt, sei es durch direkte Beigabe von Süßmitteln oder einer Verwendung aromatisierter Fässer.

Black Tot Rum

Da wir schon bei den technischen Herstellungsdetails sind – während auf dem Etikett zwar steht, dass der Rum nicht kaltfiltriert ist, fehlt die oft in diesem Umfeld gleichzeitig vorhandene Zusicherung, dass er nicht gefärbt ist. Gehen wir also von etwas E150 aus, während wir den leuchtende Bernstein im Glas begutachten. Durchaus ölig und schwer liegt er dort, und hinterlässt nach vorsichtigem Schwenken dicke, einzelne Beine, die unabhängig voneinander in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen. Dabei kann man schon beginnen, die Aromen zu beschnuppern, die dabei das Glas verlassen – für mich persönlich riecht das sehr nach Barbados, mit den für dorther stammende Rums typischen Würz- und Karamellnoten. Ein bisschen esterige Frucht, Bitterorange und Banane, ein leicht pikantwürziger Unterton in Richtung oxidiertes Kaffeepulver und eine schon zwickende Lacknote komplettieren das Bouquet.

Schon beim Antrunk merkt man, dass der Körper des Black Tot mittelschwer ist, die initiale Süße wird schnell eingeholt von kräftiger Pfeffrigkeit. Die Jamaica-Komponente wird hier nun sehr erkennbar, die bekannten Fruchtester überholen die immer noch vorhandene, aber zurückgedrängte schokoladigkaramellige Basis. Deutliche Bitterkeit ergänzt das Feuer, das nun am Gaumen und auf der Zunge entsteht, da ist viel Feuer, bei 46,2% Alkoholgehalt durchaus zumutbar und gut eingebettet. Gegen Ende gewinnt aber letztlich doch die Bitterschokolade und eine gewisse Nelkigkeit, und diese Eindrücke bleiben lange vorhanden.

Black Tot Rum Glas

Der Abgang ist mittellang, sehr effektvoll und warm, hinterlässt am Gaumen langanhaltende Adstringenz, die Bitterkeit bleibt ebenso erhalten wie die sehr prägnante Trockenheit, und mit einem etwas blutigem Eisenton klingt der Rum dann aus. Was ich wirklich schön finde, ist, dass man die unterschiedlichen Blendkomponenten wirklich herausschmecken kann, und sie nicht durch eine Süßung miteinander verkleistert wurden. So hat man einen Rum mit Ecken und Kanten, einer angemessenen Komplexität, der sich nicht anbiedert, sondern seinen Charakter und die der Herkunftsländer stolz vor sich herträgt.


Natürlich ist sowas ideal für die Verwendung in einem Cocktail, sowohl in Tiki-Drinks als auch in klassischen Rumrezepturen sehe ich den Black Tot Rum als geeignete Hauptspirituose. Im Sommer, in dem ich diesen Rum verkostet habe, ist mir immer sehr nach eislastigen Tikicocktails aus dem Mixer – ein kurzes Nachlesen in einem meiner vielen Rezeptbücher hat den Tutu Rum Punch der Tikiikone Trader Vic als Kandidaten hervorgebracht. Selbst gegen die gleiche Menge unterschiedlicher Säfte hält sich der Black Tot aromatisch und gibt seine ganze Power in den Drink.

Tutu Rum Punch Cocktail

Tutu Rum Punch
2 oz gereifter Rum
¾ oz Grapefruitsaft
¾ oz Ananassaft
½ oz Falernum
½ oz Zitronensaft
Mit crushed ice im Mixer blenden. Mit Minze und Kandiszuckerstab dekorieren.

[Rezept nach Trader Vic]


Bezüglich der Flasche bin ich sehr zufrieden – die Form an sich ist unspektakulär, ich mag aber diese Verdickungen am Flaschenhals. Der dekorative Deckel auf dem Naturkorken ist hübsch und hilft beim Öffnen der Flasche. Die Etiketten in den Hauptfarben Schwarz und Orange sind sehr verspielt, ohne kitschig zu werden, etwas, worunter viele Rums leider bis heute leiden. Es wird in den Texten auch nicht übermäßig auf mehr oder weniger historischen Geschichtchen herumgeritten, bei einem Rum dieses Datums wäre das auch, ehrlich gesagt, nicht angebracht. Es ist ein neues Produkt, und auch wenn man sich dem Blendrezept nach auf alte Traditionen berufen kann, so stammt es doch aus dem Jahr 2019 (neue Auflagen ändern sich wohl in 2022). So finde ich es gelungen und stilvoll. Entsprechend habe ich auch meinen Toast am Black Tot Day 2020 mit diesem Rum gemacht – wer ihn anschauen will, kann dies hier tun, und mit mir mit einem Glas dieses schönen Rums anstoßen; zumindest virtuell.

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Bier am Freitag – Brasserie Larché Sans Peur Red Sour, Smoked Ale und Triple Oaked

Viele Hersteller suchen sich eine Geschichte, um dem Käufer mit der alten Methode des Storytelling das Produkt schmackhaft zu machen. Die Brasserie Larché hat sich dafür in ihrer Heimatregion, der Bourgogne, bedient, und den Burgunderfürst Jean sans Peur (deutsch Johann Ohnefurcht) als Paten für ihre Biere ausgesucht. Tatsächlich ist dieser furchtlose Johann mit Hopfen geschichtlich verbunden, er regte den Anbau der Pflanze als Ausgleich für den Verlust des Tuchmacherrechts an. „Bière robuste française“ steht auf dem Etikett des Sans Peur Red Sour, Smoked Ale und Triple Oaked, da freut man sich als Bierverkoster ja schon – besonders, da meine Erfahrungen mit französischem Bier nicht übermäßig begeisternd verlaufen sind. Geben wir den Burgundern eine Chance, Wein können sie ja zumindest schonmal, vielleicht klappts auch mit dem Hopfen!

Brasserie Larché Sans Peur Red Sour, Smoked Ale und Triple Oaked

Vollkommen blickdicht ist das Sans Peur Red Sour nach dem Eingießen, durch die Hefe. Man sieht beim Eingießen auch kleine Hefeflocken. An der Glaswand erkennt man trotzdem die sehr starke Perlage, die den dicken Schaum speist, der eher großblasig und beigefarben auf dem haselnussfarbenen Bier liegt – also eher nussbraun als rot, aber das lassen wir mal beiseite. Die Nase hat eine interessante Mischung aus erschnupperbarer Säure und erdig-malziger Würze: Zitronenzeste und -saft, milder Essig und Joghurt trifft auf Brot, Blumenerde und Christstollen. Leichte Kirsch- und Aprikosenaromen ergänzen das. Gar nicht unkomplex, im Gegenteil, mir gefällt das schonmal soweit sehr.

Brasserie Larché Sans Peur Red Sour

Dass es ein Sauerbier ist bleibt dann bei der Geschmacksprobe ohne Zweifel. Limettige Säure, starksaurer grüner Apfel, etwas Sauerkirsche und auch milder Apfelessig sind da als erste Impressionen, unterfüttert mit gerstig-malzigem Körper. Erkennbar nussig, im Verlauf sogar als dominierenden Eindruck, wenn die Säure abgeklungen etwas ist, was doch lange dauert. Die Textur ist leicht, das Mundgefühl herb und trocken – kein Bier für den, der gern unanspruchsvolle Lagerbiere trinkt. Im langen Abgang klingt dann ganz stark Amontilladoartige Nussaromatik nach. Mit zunehmender Trinktemperatur kommt die Süße stärker zum Vorschein (Zucker als Inhaltsstoff ist angegeben), und eine fast radicchioartige Bittere – auch das finde ich gar nicht übel.

7% Alkoholgehalt machen sich auch gut, ich bin sehr positiv überrascht! Auch wenn es nicht unbedingt rot ist, ist das ein wuchtiges, charakterstarkes und komplexes Sauerbier, das wirklich überzeugt.


Da hat das Sans Peur Smoked Ale, als nächster Verkostungskandidat, direkt etwas Vertrauensvorsprung geschenkt bekommen. 8% Alkoholgehalt, mit geräuchertem Malz eingebraut, ich erwarte hier irgendwas zwischen einer Rauchbombe wie dem Bamberger Schlenkerla und einem nur sehr mildgeräuchten Maisel & Friends Smoky IPA. Vor dem Eingießen drehe ich die Flasche sanft, denn ich habe Hefeablagerungen gesehen, die sich etwas auflösen sollen. Dann landet ein volltrübes Bier im Glas, haselnussbraun, mit feinem Schaum, der sich auch etwas hält.

Brasserie Larché Sans Peur Smoked Ale

Geruchlich schwanke ich immer noch zwischen den Extremen, da ist wirklich etwas Räucherspeck, vielleicht sogar -fisch und kalte Holzkohle. Gelockert wird das durch eine zitronige Komponente, und etwas Orange, also durchaus etwas frisch. Im Mund kommt dann erstmal der Speck fett nach vorne, nicht extrem und überwältigend, aber klar das ganze Bier definierend, mehr noch als die eher mittel ausgeprägte Rauchigkeit. Die Zitrusfrucht ist ebenso da, mehr als kitzelnder, leicht astringierender Effekt, man spürt die Säure mehr, als dass man Zitronenaromen schmeckt. Sehr frisch und hell vom Eindruck, die Textur wirkt angenehm, aber nicht wirklich dick. Aromatisch ist neben dem Speck nur wenig da, nach der initialen Attacke kommt praktisch nichts mehr, und schnell löst sich auch jeder weitere Eindruck. Hier wird das Bier bitter und wirkt fast wässrig. Etwas Wintergrün bleibt am Ende noch, wenn die Rauchnoten verschwunden sind.

Hm, ja, das ist als Rauchbier interessant, weil die Rauchigkeit zunächst sehr elegant eingebunden wird; leider fehlt außer dem etwas, was den Gaumen danach noch beschäftigen könnte. Die Säure wirkt übertrieben, macht das ganze Bier doch sehr unrund und mäßig komponiert. Mit zunehmender Trinktemperatur wird das ganze noch schlimmer – ich mag das Bier dann leider überhaupt nicht mehr.


Auf dem Etikett findet sich kein Hinweis darauf, was die „Dreifacheichung“ des Sans Peur Triple Oaked genau bedeutet, ich konnte hier auch nur raten, dass drei Holzarten oder drei Reifungsperioden gemeint sind, irgendwie ist das nicht zufriedenstellend, insbesondere, wenn man dann nach Recherche herausfinden muss, dass es ein „Tripel“ ist (9% Alkoholgehalt passen dazu), das mit Holzchips veredelt wird. Also nix mit „Dreifacheiche“, semantisch ist das irgendwie grenzwertig für mich.

Kräftige Schaumentwicklung begrüßt uns beim Eingießen des Biers, das dann leicht getrübt mit leuchtendem Kupferton im Glas steht. Mousseux ist fein vorhanden, langsam steigen winzige Perlchen auf und füttern die gemischtblasige Blume. In der Nase finden sich zunächst klassische Biernoten eines Hellen – Hefe, Getreide, leichtes Metall. Anflüge von hopfiger Frucht kommen dazu, Grapefruit, Orangenzeste. Eine Idee von kaltem Rauch oder Holzkohle, aber wirklich nur eine Idee.

Brasserie Larché Sans Peur Triple Oaked

Geschmacklich entdecke ich eine Melange aus Pale Ale und Hellem, knackige Säure spielt von Beginn an mit und definiert das Bier immer mehr, besonders im Abgang, wo es fast schon limettig wirkt. Das Mundgefühl ist angenehm, nicht wirklich cremig, aber zumindest initial kurz davor. Im Vergleich zum Verkostungsvorgänger ist auch hier diese ungezähmte, wilde Säure da, ähnlich derb, insbesondere im Finish. Frisch und rezent, sehr als Essensbegleiter geeignet, denke ich – als Genussbier ist aber auch dieses zu unrund, viel zuviel ungebundene Säure, harte Bittere, zuviel Metall, ganz sicher viel zuwenig Komplexität für das Versprechen der Eichenholzreifung. Trinkbar und erfrischend, aber auch nicht mehr. Von diesem hatte ich mir am meisten erwartet, darum ist die Enttäuschung auch am größten.


Hatte ich beim Red Sour die Säure noch gelobt und für gut befunden, stelle ich fest, dass die Brauerei einfach diesen Aspekt nicht im Griff hat und sie auf alle Biere überträgt – egal, ob es passt, oder nicht. Für ein Sauerbier ist es in Ordnung, für die anderen Bierstile schlichtweg nicht, sie sind übersäuert und kantig. Darum bleibe ich beim Red Sour, auch wenn die Erfahrung mir zeigt, dass es selbst dort wahrscheinlich nicht die Handwerkskunst ist, sondern, ohne den Brauern allzusehr auf den Schlips treten zu wollen, banal ein durchgängiger Braufehler.

Menschen und Whisky – Belgian Owl Single Cask Whisky Cask Strength

Er ist ein Hansdampf in allen Gassen. Als ich Ulric Nijs vor einigen Jahren kennenlernte, war er Brand Ambassador für eine auch in Deutschland bekannte Rummarke aus Mauritius und der Experte in Europa für Baijiu – dies war auch unser Anknüpfungspunkt, da ich damals verzweifelt nach Informationen und Samples für die chinesische Spirituose suchte. Seitdem haben wir uns, ich hoffe ich übertreibe hier nicht, zu echten Freunden entwickelt, und ich bin jedesmal baff, wenn ich weitere Details über seinen Werdegang erfahre. Als Bar-Consultant und aus einer Diplomatenfamilie stammend war er überall auf der Welt unterwegs, vom Libanon bis Japan und sonst überall, ist Fotograf, Zigarrenkenner, unglaublich engagierter alleinerziehender Vater und natürlich Juror bei diversen Spirituosenwettbewerben, und dort treffen wir uns auch regelmäßig.

Neulich, beim Juli-Tasting des Internationalen Spirituosenwettbewerbs (ISW) in Neustadt an der Weinstraße, hat er für mich offiziell das nächste Kapitel seines eh schon so langen Lebenslaufs aufgeschlagen – er ist nun Brand Ambassador für The Belgian Owl, der belgischen Whiskybrennerei in der Region Hesbaye, in der Nähe von Liège. Und er hatte in dieser Tätigkeit eine Flasche für mich im Reisegepäck, die er abends stolz auf den Tisch stellte – den Belgian Owl Single Cask Whisky Cask Strength (auch bekannt unter dem Codenamen „Intense“). Abgefüllt wird dieser ungetorfte Whisky mit 73,4%, so wie er aus dem First-fill-Bourbon-Fass kommt, in dem er 45 Monate reifte. Ungefärbt, nicht kaltgefiltert, das Handwerk und die Provenance wird hier durch nichts gestört.

Belgian Owl Single Cask Whisky Cask Strength

Ein leicht blasses Bernstein ist im Glas zu sehen, wenn man die Flüssigkeit aus der beeindruckenden Flasche, deren Korken beim Ziehen ein sehr befriedigendes „plopp“ macht, ausgegossen hat. Eine ehrliche Farbe für das Alter und den Holzeinsatz, finde ich. Leichte Viskosität spürt man dazu beim Schwenken, die Beine sind überraschend dünn, laufen aber sehr langsam ab.

Riechen wir erstmal an der puren, unverdünnten Flüssigkeit, wie sie aus dem Fass kommt. Auch nach etwas Offenstehzeit ist da deutliches Pieksen in der Nase, man muss vorsichtig sein und den Riechkolben nicht zu tief ins Glas halten. Dann findet man schnell Fruchtnoten und Getreidecharakteristik, nicht überwältigend, eher dezent und elegant. Orangenzeste, Kandiszucker, Brioche und Honig schälen sich heraus, minimal Karamell und Vanille. Ich gebe eine halbe Pipette Wasser hinzu, und würzigere Noten entwickeln sich, Leder, milder, heller Tabak, und eine feine Zitronennote. Mit und ohne Wasser, der Duft ist sehr zurückhaltend und ätherisch.

Belgian Owl Single Cask Whisky Cask Strength Glas

Im Mund passiert dann etwas ganz anderes, der Whisky expandiert von der leichten Nase ausgehend ganz enorm, eine grandiose Textur legt sich auf den ganzen Gaumen und wärmt ihn vor für das, was kommt. Sowohl in Breite als auch Tiefe ausgeprägt, ein richtig schönes Volumen in allen Dimensionen, dazu initial süß und rund, aber schon hier mit Kraft. Im Verlauf dehnt sich der Belgian Owl dann immer weiter aus, in weichen Kurven, ohne jede Kante, über die man stolpern könnte, dazu die Würze, die sich langsam entwickelt, mit angebranntem Zucker, leicht gerösteten Mandeln, Ahornsirup, Apfelsaft und getrockneten Früchten. Dabei haben wir noch eine sehr attraktive, nie astringierende Trockenheit, die die Süße ausgleicht und zusammen mit feuriger Würze das Mundgefühl am Ende bestimmt – eine perfekte Süßtrocken-Balance. Sowohl von der Wärme als auch von den Aromen her bleibt der Whisky lange bei uns, ein leichtes, angenehmes Kribbeln ist noch Minuten später da, die fruchtig-süßen Geschmäcker klingen sehr langsam ab, ohne jeden Fehlton am Ende, mit minimalsten Kaffee- und Holztönen ganz am Ende.

Ein sehr beeindruckender Whisky, das muss ich sagen, der besonders durch die harte Diskrepanz zwischen Nase und Gaumen überrascht. Das mag nicht hundertprozentig linear balanciert sein, ja, doch der extrem lange Nachhall und das wunderbare Mundgefühl überzeugen mich völlig, insbesondere, wenn man die Reifedauer betrachtet, für so einen jungen Whisky ist das schon gefällig. Dennoch kein Whisky für den Schnupperer, sondern einer für den Lutscher.


Im The Hearing Trumpet geschieht etwas, was ich an gut rezeptierten Cocktails sehr schätze – die Zutaten gehen geschmacklich und strukturell ineinander über, alle sind noch irgendwie erkennbar, aber nicht mehr klar abgrenzbar. Ein schönes, rundes Gesamtbild entsteht. Der Belgian Owl Cask Strength tut wirklich gute Dienste dazu – mit ihm macht der Drink besonders Spaß, finde ich.

The Hearing Trumpet Cocktail


The Hearing Trumpet
1¼oz / 40ml Scotch Whisky
¾oz / 23ml Cardamaro
½oz / 15ml Swedish Punsch
½oz / 15ml Campari
2 Spritzer Mole Bitters
Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen. Mit Orangenzeste dekorieren.

[Rezept nach cocktailvirginslut]


Sowohl haptisch als auch optisch ist das neue Flaschendesign ein Knüller – die Flasche ist zwar nur 50cl groß (etwas, was ich sehr unterstütze, ich finde, der halbe Liter sollte überall der Standard für Spirituosenflaschen werden!), wirkt dafür aber extrem schwer und hochwertig. Das Gefieder der Eule als Maskottchen und Namensgeber ist im Glasmuster repräsentiert, und düster starrt sie den Betrachter auch auf dem wertigen Etikett an. Das angenehme Geräusch, das der Korken beim Heraus- und Hineindrehen macht, hatte ich ja schon erwähnt. Ein rundum gelungenes Reboot der Marke!


Der Belgian Owl ist vielleicht mit der schottischste Whisky, den man außerhalb Schottlands bekommen kann – kein Wunder, wenn man Etienne Bouillon und seine Brennerei kennt. Ich durfte ihn 2021 besuchen, mit Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles. Seitdem haben wir uns öfters gesehen und etwas kennengelernt, er ist ein zurückhaltender Mensch, eher einer, der die leisen Töne bevorzugt, aber klare Ideen hat und diese mit beeindruckender Konsequenz umsetzt. So hat er den Coup gelandet, die Brennblasen der stillgelegten schottischen Destillerie Caperdonich zu erwerben und nach Hesbaye bei Liège zu überführen, wo sie in einer malerisch gelegenen Landschaft, aus der auch die gesamten Basismaterialien für den Whisky herkommen, eine neue Heimat gefunden haben.

Doch hier wird nicht einfach ein erfolgreiches Geschäftsmodell kopiert – ein eigener Brunnen, eigene Ideen und faire Verträge mit den umliegenden Bauern für das nachhaltig angebaute Getreide machen den Belgian Owl zu einem wahrhaft lokalen Produkt mit sehr starkem regionalen Bezug, die schottischen Stills geben dabei eher die Stoßrichtung vor, welche Stilistik hier gepflegt werden soll. Kein Wunder, Bouillons Ausbildung zum Brenner fand bei Bruichladdich unter Jim McEwan statt, und ich finde, er führt dieses Erbe verantwortungsvoll und mit Vision fort. Ich freue mich schon jetzt sehr auf das nächste Treffen mit ihm und mit Ulric – ich empfinde es als absolute Bereicherung meines Lebens, diese beiden Personen zu kennen, und es lässt mich ihre Produkte noch mehr wertschätzen und verstehen. Spirituosen auf dieser Qualitätsebene sind mit den Menschen, die sie machen, engstens verbunden, und beim Belgian Owl spürt man das in jeder Sekunde.

Offenlegung: Ich danke Belgian Owl für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche dieses Whiskies.

Bier am Freitag – Brouwerij Van Steenberge Piraat und Piraat Triple Hop

Neulich erst hatte ich bei einer Besprechung zu Rums aus Guadeloupe am Rande erwähnt, wie beliebt Segelschiffe auf Etiketten sind – und das bezieht sich offensichtlich nicht rein auf Rums, die ja eine historische Beziehung zu Schiffen haben, sondern auch auf Biere. Sowohl beim Brouwerij Van Steenberge Piraat als auch beim Piraat Triple Hop finden sich große Segelschiffe auf Etikett und Kronkorken. Natürlich ist dies durch den Produktnamen inspiriert, ein Pirat ohne Schiff ist ja eigentlich nur ein Straßenräuber. Die belgische Brauerei Van Steenberge hat eine Menge Marken im Angebot, darunter auch das von mir bereits besprochene Bornem, und verschiedene Varianten der Marke Gulden Draak. Die gefallen mir eigentlich ganz gut – da geht man mit gutem Gefühl in die Verkostung der zwei Piraat-Fassungen.

Brouwerij Van Steenberge Piraat und Piraat Triple Hop

Beim Eingießen des Brouwerij Van Steenberge Piraat muss man darauf achten, dass das Bier ordentlich Schaum entwickelt, ich hatte ein paar der Flaschen auch Gushing. Ist man diesbezüglich vorsichtig, bleibt der großblasige Schaum eine ganze Weile als wunderbare Blume auf dem rotblonden, opalisierenden Bier erhalten. Starkes Mousseux hält es am Leben. Geruchlich braucht man gar nicht viel suchen, da ist nur wenig; leichte süßliche Malzigkeit, etwas Hopfen, ganz dezente Floralität, man benötigt aber insbesondere bei der für belgische Biere dieser Art üblich sehr niedrigen Trinktemperatur doch etwas Fantasie, um die Nase zu beschäftigen.

Piraat Belgisches Abteibier

Im Mund dagegen – wow, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Da expandiert das Bier völlig unerwartet ganz enorm, füllt den ganzen Gaumen aus, mit einer richtig fetten, schweren Textur, die man fast beißen muss, insbesondere durch die viele Luft, die durch die tolle Karbonisierung mitzukauen ist. Malzig süß, hopfig mildbitter, knackig sauer, auch wieder schön blumig und mit lang anhaltendem, wirklich faszinierend aktivem Mundgefühl – ein Bier, das mehr über die Struktur wirkt als über Aromen, und das in ganz hervorragend ausgearbeiteter Form. Es ist trotz der schweren Wuchtigkeit frisch und rezent, hinterlässt im sehr langen Abgang tolle Getreidenoten und eine angenehme süßsaure Bittere; auch hier, der Effekt ist beeindruckend.

Wahnsinn, mir gefällt das echt ganz außerordentlich gut, auch wenn aromatisch da nur wenig Spannung erzeugt wird und man die 10,5% Alkoholgehalt ehrlicherweise doch hin und wieder leicht störend durchschmeckt – doch dieses Bier hat andere Qualitäten in so großem Umfang, da verzeihe ich viele Dinge, die ich anderen Bieren als Schwäche ankreiden würden. Hier wären noch mehr Eindrücke kaum mehr auszuhalten: Das Piraat ist schön gekühlt im Sommer eines meiner Lieblingsbiere, ohne jede Frage.


Brouwerij Van Steenberge Piraat Triple Hop

Optisch ist das Piraat Triple Hop nur leicht anders – schönes Kupfer, opalisierend trüb, mit mittlerer Schaumentwicklung beim Eingießen. Sehr feiner Schaum, der schnell zusammenfällt – ein paar Millimeter bleiben aber sehr lang erhalten, die ganze Bieroberfläche ist dauerhaft bedeckt. Bei Gegenlicht ist viel Perlage erkennbar. Drei Hopfensorten sind namensgebend, aber so richtig erriechbar ist das nicht – es wirkt nicht übermäßig gehopft in der Nase, das kommt nicht an ein Pale Ale oder gar ein IPA heran, auch wenn ein kaltes Hopfenstopfen erfolgt. Da sind milde Fruchtnoten, sowohl in die tropisch-süßliche, als auch in die limettig-säuerliche Richtung. Darunter eine leicht metallische Note, mit nur Anflügen von Malzigkeit. Insgesamt ein sensorisch zurückhaltendes Bier, was die Nase angeht.

Im Mund ist der Hopfen deutlicher zu spüren, insbesondere im Vergleich mit dem „normalen“ Piraat aus derselben Brauerei. Ich mag die süße Schwere des originalen Piraat sehr, das Triple Hop wirkt dagegen etwas leichter und frischer, auch wenn man die Basis doch wiedererkennt. Süß, aromatisch, fette Textur – das ist einfach ein tolles Bier, auch in der herberen Version. Tatsächlich spürt man die Hopfung im Verlauf immer stärker, Herbe und Zitrustöne arbeiten sich nach vorne, auch wenn die Schwere des Biers immer erhalten bleibt, mit den gleichen 10,5% Alkoholgehalt ist dies auch zu erwarten. Der Abgang ist eher kurz, hier klingt noch leichte Blumigkeit auch aus dem Hopfen nach, ein Ticken Adstringenz setzt ein, die Edelherbe zeigt sich ausgeprägter.


Brouwerij Van Steenberge Piraat Gestapelt

Erneut zwei großartige belgische Biere, Piraat ist wie gesagt schnell einer meiner Lieblingsbelgier geworden, in beiden Varianten, einfach weil es so wuchtig und fett daherkommt wie kaum ein zweites. Da hat man wirklich was im Mund – nicht ein Bier für immer, aber zwischendurch darf der Pirat ruhig bei mir Anker werfen. Mich hat das Piraat wirklich so geflasht, als ich es das erste Mal getrunken habe, dass ich dann schnell alle Lidl-Filialen abgeklappert und alles, was ich davon kriegen konnte, mitgenommen habe. Scheinbar war es auch keine völlig einmalige Aktion, ein paar Monate später tauchte es wieder in den praktischen Vierertragerln in diversen Filialen des Discounters auf – erneut habe ich üppig zugeschlagen. Man achte bei derartigen Mengenkäufen nur darauf, dass die Flaschen seltsamerweise mit einem 25ct-Einwegpfand versehen sind, und nicht jeder Getränkemarkt sie zurücknimmt.

Alter schützt vor Rumliebe nicht – Reimonenq Cœur de Chauffe, Rhum Ambré, Rhum Vieux und JR Cuvée Spéciale

Im Juni 2022 konnte ich einen langgehegten Traum wahr werden lassen – die Besichtigung von Destillerien für rhum agricole. Nicht eine, nein, 9 Brennereien wurden uns als Juroren des internationalen Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles vorgeführt, der dieses Jahr auf der französischen Antilleninsel Guadeloupe stattfand. Wie üblich war an den 5 Tagen am Vormittag für die angereisten 120 Jurymitglieder die Arbeit angesetzt, mit der Verkostung, Bewertung und Prämierung von über 2000 eingesandten Produkten aus aller Welt, und am Nachmittag der Besuch bei den Brennern auf ganz Guadeloupe. Damoiseau, Bielle, Bellevue, Père Labat, Bologne, Montebello, Longueteau und Papa Rouyo waren die ersten Stationen, und am letzten Tag fuhren wir noch an die Nordspitze von Basse-Terre zur Distillerie Reimonenq.

Über den Ort selbst erzähle ich am Ende noch etwas, hier soll es zunächst einmal um den Rum gehen, den die Familie Reimonenq seit über 100 Jahren in Sainte-Rose herstellt. Das Zuckerrohr kommt frisch geerntet von den Feldern in der Umgebung, wird, im Gegensatz zu vielen anderen Brennereien auf der Insel, dann nicht schlicht auf den Hofboden, sondern direkt vom Traktoranhänger auf ein Förderband gekippt, das das Rohr sofort in die Mühlen schiebt. Vesou und Bagasse werden getrennt, und der Vesou landet in großen, offenen Gärbottichen (eine gute, schnelle Reaktion hat verhindert, dass mein Hut durch einen kurzen Windstoß im Tank gelandet ist und mit zu Rum verarbeitet wurde). Nach der Fermentation wird in einer kleinen Säule destilliert, und, je nach Produkt, noch eine Reifung im Fass gemacht. Das Grundsortiment der Brennerei habe ich mir im angeschlossenen Hoflädchen in knuffigen, kleinen 20cl-Flachmännern zugelegt, und es ist für mich ein wahres Vergnügen, meinen Lesern nun diese Rums von dieser besonderen Familie auf dieser besonderen Insel vorstellen zu können: den ungereiften Reimonenq Cœur de Chauffe, den leicht gereiften Rhum Ambré, den älteren Rhum Vieux und das „geliebte Baby“ des Inhabers Léopold Reimonenq (so seine Nichte, die uns herumführte), den JR Cuvée Spéciale.

Reimonenq Cœur de Chauffe, Rhum Ambré, Rhum Vieux und JR Cuvée Spéciale

Am Anfang soll natürlich der ungereifte Rum stehen, mit dem alles beginnt, das unverfälschte Produkt, der leicht auf Trinkstärke herabgesetzte Reimonenq Cœur de Chauffe Rhum Blanc Agricole. Kristallklar und deutlich ölig in der Konsistenz ist er, ein Filmteppich bildet sich an der Glaswand, der sich nur träge in Beine aufspaltet und dann langsam abläuft.

Die Nase ist pures, frisch ausgepresstes Zuckerrohr. Ich fühle mich direkt in die Destillerie nach Sainte-Rose versetzt, dort durchdringt dieser Geruch das gesamte Grundstück. Pur, rein, klar, und mit enorm viel Fruchtigkeit von Mango, Litschi, Guaven und etwas Banane; ein tropischer, reifer, duftender Obstkorb. Darunter Ideen von Vanille, Schwefel und ganz spät etwas Lack – so wird das ganze komplex und spannend.

Reimonenq Cœur de Chauffe

Der Antrunk wirkt zunächst leicht und hell, aromatisch im Vergleich zur Nase etwas zurückgenommen. Süße und eine cremige, weiche Textur legen sich erst auf den Gaumen, bevor sich die Aromen dann auffächern; Zuckerrohrsaft, Mango, Guaven, Aprikosen, Vanille, Streuselkuchen und Blancmanger. Trotz der 50% Alkoholgehalt kommt kein Brennen auf, der Cœur de Chauffe bleibt lieblich und sanft, erst spät entwickelt sich Würze, die den Gaumen und die Zunge kitzelt, ohne ihnen weh zu tun. Der Abgang ist mittellang und voller Süßspeiseneindrücke, das Zuckerrohr selbst bleibt immer extrem präsent und klingt noch deutlich süß und geschmackvoll eine ganze Weile nach.

Ein sehr schmeichelnder ungereifter Agricole, süß, mild, dabei aromatisch und strukturell voll und sehr sauber ausgeführt – wer wissen will, wie die Destillerie riecht und das in der Umgebung dort geerntete Zuckerrohr schmeckt, findet hier ein nahezu perfektes Abbild.


Leicht ins Bernsteinfarbene geht das Gold des Reimonenq Rhum Ambré über, das im Glas steht und sich aus den 2 Jahren im Eichenfass im tropischen Klima gebildet hat, und beim Schwenken bildet sich eine Kante, aus der sich Beine formen und ablaufen. Die Nase bekommt direkt eine volle, fette Breitseite ab aus einer krassen Mischung aus Vanille und fruchtigen Kirsch- und Johannisbeerenaromen, dazu Vogelbeeren und etwas leicht Nussiges, leicht parfümiert wirkt das fast, ohne ins künstliche abzugleiten. Ein Anflug von Stein und trockenem Holz kommt dazu, schnuppert man tiefer, ist durchaus auch etwas Ethanol da.

Reimonenq Rhum Ambré

Im Mund wirkt das ganze dann doch weniger aufregend, man spürt hier als erstes eine gewisse Wässrigkeit, wahrscheinlich durchaus aus den doch etwas mageren 40% Alkoholgehalt hervorgegangen. Das betrifft sowohl Körper als auch Aromatik, beide verlieren deutlich gegen die Nase und auch gegen den ungereiften Vorgänger. Stark zurückgenommen am Gaumen, nur noch Anflüge der erschnupperten Aromen (diese aber erkennbar wiederaufnehmend), dafür pikantes Feuer, das nicht so recht mit dem dünnlichen Körper und der schmalen Textur harmoniert. Der Abgang ist dafür dann überraschend lang, mentholisch kühl, mit den parfümierten Beerenaromen, die nun nochmal den Kopf nach oben strecken.

Das ist wenig begeisternd, muss ich sagen, die Nase ist toll, aber mit 45% oder 50% würden wir hier auch geschmacklich über ein ganz anderes Erlebnis sprechen. So bleibt der Reimonenq Ambré doch eher enttäuschend schwachbrüstig, schade. Ehrlicherweise wird er auch als „Spécial Cocktail“ untertitelt, doch selbst für den Einsatz in Mixed Drinks scheint er mir zu schmal.


Immerhin schonmal doppelt so lang ließ man das Destillat für den Reimonenq Rhum Vieux Première Cuvée im Eichenfass liegen. Rein optisch hat sich das nur minimal ausgewirkt, auch hier ist goldener Bernstein vorherrschend. Beim Schwenken sieht man leichte Viskosität, mit attraktivem Glaswandverhalten. Auch in der Nase ist die Ähnlichkeit zum Ambré durchaus naheliegend, die selbe ansprechende Kombination aus leichtem Holz, Vanille, Zimt und fruchtigen Tönen, die zwischen Kirsche und Vogelbeere alternieren. Etwas herber wirkt er im direkten Vergleich, die Eiche, die man kaum sieht, hat geruchlich jedenfalls deutlichere Spuren hinterlassen; das wirkt einen Ticken erwachsener, weniger jungfruchtig, etwas runder, was die Integration der verschiedenen Aromen angeht.

Reimonenq Rhum Vieux Première Cuvée

Auch dieser Rum ist mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, und auch er leidet etwas darunter, doch hier gibt es etwas mehr Körper, eine Idee mehr Würze, so dass das besser ausgeglichen wird. Eine seidige Textur mit ansprechender Süße gefällt mir, und auch, dass im Verlauf der Rum weiter zum Grünen, Grasigen hintendiert, bis er am Ende fast wie Blattwerk im Gewächshaus wirkt, mit Anflügen von Lakritze und einem schönen Eukalyptusnachhall, der zunächst wärmend, kurz darauf dann kühlend wirkt. Dabei kommen die Beeren und die Kirsche immer wieder vor, bei letzterer insbesondere der Kern.

Das macht im Geschmacksbogen Spaß, ein leichter, unterhaltsamer Rum, mit durchaus etwas an Komplexität und Spannung, ohne allerdings ein Niveau zu erreichen, bei dem ich in Begeisterung ausbrechen müsste. Easy-drinking, am Ende doch positiv zu sehen, ich würde den Reimonenq Rhum Vieux trotzdem wirklich lieber gern mit 50% probieren.


Wenn wir zum letzten Exemplar meiner Mitbringsel aus dieser Destillerie kommen, haben wir schon einen recht deutlichen Eindruck davon, dass diese leicht gereiften Rums alle eine gewisse Typizität teilen – etwas, was ich sehr schätze an Brennern. Es bedeutet, dass man ihre Produkte herausriechen und -schmecken kann, das gelingt bei weitem nicht allen Destillerien. Auch der Reimonenq JR Cuvée Spéciale, das wird beim ersten Verkosten direkt klar, hält sich an das Vogelbeer-Vanille-Basisschema. Ein Alter ist diesmal nicht angegeben, es handelt sich um einen Blend, der in, auch das anders zu den besprochenen Vorgängern, in Ex-Bourbon-Fässern gereift wurde. Das Kürzel „JR“ ist eine Homage an Joseph Reimonenq, den Gründer der Brennerei.

Reimonenq JR Cuvée Spéciale

Auch wenn die Nase noch das Muster erkennen lässt, ist sie doch nun deutlicher gedeckt, das Destillat verschwindet fast, lässt etwas von der Fruchtigkeit noch da, aber sehr viel weniger als beim Vieux, beispielsweise. Frisch angeschnittenes Holz ist noch die präsenteste Note, dahinter hört es schon fast auf, schnuppert man tief, kommt das Ethanol zum Vorschein. Geruchlich ein klarer Rückschritt, so leid mir das tut.

Am Gaumen ist die Textur nun voll ausgebaut, im Antrunk macht das richtig Spaß, schöne, runde Süße mit klarer Struktur und echt angenehmen Mundgefühl breitet sich direkt aus. Wir haben hier allerdings auch dann den Höhepunkt erreicht, von hier schlagen die allgemeinen Kritikpunkte (insbesondere natürlich die schon mehrfach angesprochenen, viel zu mageren 40% Alkoholgehalt) voll zu. Das Bourbon-Fass ist weniger charaktervoll als die Fässer, die für die anderen Ausprägungen genutzt wird, sorgt zwar für mehr Weiche, lässt aber automatisch damit weniger Spannung im Endprodukt, und auch wenn sich das leicht und genehm schlürfen lässt, fehlt es schließlich doch an Aromen und Kraft. Tannisches Feuer am Ende mit deutlicher Trockenheit gibt noch etwas Eleganz, doch rettet den Brand nicht komplett. Ein sehr langer, nun doch wieder von Vogelbeere und Vanille getragener Nachhall, lässt mich dann zum Schluss aber doch irgendwie positiv gestimmt zurück.


Für mich ist der ungereifte Rum mit weitem Abstand der beste dieser kleinen Reihe, die natürlich die besonders hochwertigen, mit mehr Aufwand ausgebauten Produkte der Destillerie nicht enthält. Sie werden über kurz oder lang alle in Cocktails landen, wo ihre hohe Typizität und langer Nachhall für Aufsehen sorgen können – ein Beispiel dafür ist der Sargasso, ein Drink, der das Volumen aus Likör und Sherry zieht, und dem Rhum ermöglicht, seine Rolle als Aromengeber voll auszuspielen, ohne sich um diese anderen Themen auch noch kümmern zu müssen.

Sargasso Cocktail

Sargasso
2oz / 60ml gereifter rhum agricole
¾oz / 23ml Oloroso-Sherry
½oz / 15ml Aperol
2 Spritzer Angostura
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Don Lee]


Natürlich gibt es alle diese Rums auch in Vollflaschen, mir gefällt es aber grundsätzlich immer sehr, wenn ein Hersteller auch in kleineren Größen abfüllt. Eben durch die 20cl-Flachmänner war es mir möglich, von den 4 Basisprodukten der Brennerei (und, das muss man am Ende als Fazit klar festhalten, genau das sind sie – qualitativ zwar hochwertige Basisprodukte, aber ohne den Anspruch, dem Highend-Connoisseur freudiges Jauchzen zu entlocken) alle mitzunehmen; dort kostet so ein kleines Fläschchen zwischen 4€ und 6€, über das Preisleistungsverhältnis vor Ort braucht man also gar nicht zu diskutieren.


Wer sich fragt, wie so eine Rumbrennerei auf Guadeloupe aussieht und funktioniert, dem gebe ich nun noch ein paar Bilder an die Hand. Natürlich ersetzt das nicht das Erleben, denn insbesondere die Gerüche machen einen Großteil des Eindrucks aus, zumindest ging es mir so, diese Mischung aus Zuckerrohrsaft, Öl, Fermentationsdüften, dem Geruch der Bagasse und der verrottenden, herumliegenden Mangos, der allgegenwärtigen Blüten und gestauter, heißer Luft ist schon einmalig und man vergisst das nicht so schnell. Eine Brennerei in vollem Betrieb macht auch ordentlich Lärm, hauptsächlich durch die Pressung des Zuckerrohrs. In die Destillerie ist auch ein familienfreundliches Rummuseum integriert, in dem man die Geschichte der Herstellung verfolgen kann, und auch Ausstellungsstücke aus diversen Privatsammlungen bewundern kann – von einer riesigen Schmetterlings- und Insektensammlung über Sand aus aller Welt und grandiosen Schiffsmodellen bis hin zu riesigen Tierskulpturen.

Die Brennerei Reimonenq hat sich aber insbesondere durch den Kontakt mit dem Inhaber, Léopold Reimonenq, ein sehr angenehmes Bild in meinem Gedächtnis geschaffen; es war toll, als er, während ich die ganzen verrückten, ausgemusterten und von Pflanzen schon halb überwucherten Gerätschaften auf dem Brennereigelände fotografierte, sich plötzlich neben mich stellte und mir erklärte, wozu die Teile alle mal gut waren – ich habe bestimmt nicht alles hunderprozentig verstanden, doch die Freundlichkeit, der leicht schwarze Humor und die Begeisterung dieses noch so fitten 89-Jährigen haben mich mitgerissen und überzeugt, dass er noch alles voll im Griff hat und genau weiß, was er tut; und dass er den Rum und seine Insel liebt. Es war eine Freude und Ehre, ihm am Ende die Hand zu schütteln.

Ich danke sowohl Herrn Reimonenq als auch Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, dass sie mir ermöglicht haben, diese besonderen Orte auf Guadeloupe zu besichtigen und diese unvergesslichen Eindrücke sammeln zu können. Ich wünsche allen Rumfreund*innen, dass sie vielleicht auch einmal in den Genuss kommen, das vor Ort zu sehen, zu riechen und zu fühlen. Denn ein Besuch bei einer solchen Destillerie ist ein synästhetisches Erlebnis, ein Fest für die Sinne, und die Freundlichkeit und Offenheit der Bevölkerung, egal ob nun Brennereibesitzer, Steeldrum-Spieler, Koch oder Busfahrer, ist sehr beeindruckend und hinterlässt darüber hinaus ein gutes Gefühl. Und wenn ich mir ein Glas des Rums der Reimonenqs eingieße, kommt sofort die Erinnerung zurück, und ich schließe genussvoll die Augen und schwelge für ein paar Minuten wieder in Guadeloupe.