Rum zum Mitnehmen – Damoiseau Cuvée Millénaire 2000 Rhum Vieux Agricole

Kennt eigentlich jemand meiner Leser hier eine Person, die einen Flachmann nutzt? Ich persönlich nicht. Wenn man aber schaut, was die Spirituosenindustrie so als Giveaways entweder direkt in einem Set mit einer Flasche Schnaps verschenkt, oder in einem Shop für wenig Geld als Accessoire anbietet, dann ist da in den allermeisten Fällen ein Flachmann dabei. Neulich habe ich sogar gesehen, dass ein Obstbrandhersteller eine offizielle Abfüllung in einer Design-Taschenflasche mit einem Etikett anbietet, ganz hübsch gemacht eigentlich. Dennoch frage ich mich – benutzt das tatsächlich jemand? Meine kleine Flachmannsammlung ist jedenfalls eher dekorativ als funktional. Da die jüngere Generation, glaubt man den Aussagen der Nachrichtenagenturen, dem Alkoholkonsum eh grundsätzlich schon skeptisch gegenübersteht, gibt es zumindest für die schonmal keinen Grund, Schnaps beständig und irgendwie heimlich mitzuführen – ist das dann das endgültige Ende für den Flachmann? Ich weiß es nicht.

Ein noch recht neuer Zugang in meiner angesprochenen Kollektion besonderer Taschenflaschen ist jedenfalls der Damoiseau Cuvée Millénaire 2000 Rhum Vieux Agricole. Warum ich ihn in einem Metallfläschchen habe, statt in einer Glasflasche? Dazu am Ende des Artikels mehr. Jedenfalls ist es ungewöhnlich, finde ich, und natürlich gieße ich mir den Rum, wenn ich einen Schluck davon haben will, in ein vernünftiges Glas und nuckle nicht am Flachmann. Während des Eingießens schaue ich mir aber gern den hochglanzpolierten Stahl an, mit der großflächigen Gravur, die den Inhalt beschreibt, und dazu die Mühle zeigt, die auf dem Gelände der Destillerie Damoiseau steht. Der Name ist beachtenswert – der frühere Name des Geländes war „Bellevue au Moule“, nicht zu verwechseln mit der Destillerie Bellevue auf der nahegelegenen Schwesterinsel Marie-Galante. „Schöner Ausblick“ ist aber auch ein naheliegender Name für viele Teile Guadeloupes, das muss ich sagen, der Name ist dort wirklich oft Programm. Den Zusatz „Anno 2000“ sieht man noch in der Gravur, daher gehe ich davon aus, dass es sich um den Jahrgangsrum von 2000 handelt, der 8 Jahre reifen durfte. Er musste nun viel zu lange im Edelstahlsarg liegen, holen wir ihn uns ins Glas zum Probieren.

Damoiseau Cuvée Millénaire 2000

Die Farbe erinnert mich an das leichte Grüngelb, das frisch gepresster Zuckerrohrsaft hat; irgendwo zwischen Weißwein und Senf vielleicht, aber definitiv mit einem Touch von grün. Die Flüssigkeit schwenkt sich lebendig und leicht, da sieht man kaum Viskosität, außer natürlich an der Glaswand, wo sich ein Film bildet, der sich in Beinchen aufteilt und dann schnell abläuft.

Hält man die Nase ins Glas, nimmt man sofort diesen Guadeloupe-typischen Duft wahr – da kommt direkt viel Zuckerrohrsaft nach vorne, diese süßlichen Fruchtnoten, die man sofort erkennt, wenn man ausgepresstes Rohr mal gerochen hat. Sehr viel Kirsche, Aprikose und Honigmelone gesellen sich als zusätzliche Frucht dazu. Das ganze wird mit ordentlich Vanille, richtig viel davon, unterfüttert, was den starksüßen Geruch noch weiter verstärkt. Da ist kaum Holz, kaum Herbe, kaum Würze in der Nase, das riecht sich wie ein Likör oder Sirup eher als ein klassischer Rum.

Damoiseau Cuvée Millénaire 2000 Glas

Im Mund geht das ansatzlos so weiter. Starksüß, dazu in einem flachen Register, kaum helle oder frische Töne, die die Süße auflockern würden, sogar die Textur ist superweich. Eine aktive Bittere erscheint, die sich gut daran anpasst, sich etwas grün anfühlend, weniger wie Gras, eher wie in Olivenöl eingelegte Weinblätter. Es ist faszinierend, ich habe selten eine so völlig klar zuckerrohraromatische Spirituose getrunken – das ist wirklich wie ein aufgespriteter Zuckerrohrsaft. Erst ganz spät erkennt man, dass hier überhaupt Alkohol enthalten ist (42% sind dann fast überraschend), und auch Würzigkeit oder Wärme entsteht erst im Abgang. Hier blühen dann plötzlich wunderbar ein paar tropische Früchte und auch Blumen auf, da entsteht erstmals etwas Spannung und Komplexität, die beide vorher fast völlig fehlten, und das bleibt eine ganze Weile am Gaumen, ein sehr angenehmes Mundgefühl und richtig schokoladige Nachklänge gefallen mir extrem.

Ein sehr interessantes Erlebnis. Wer einen klassischen Rhum Agricole sucht, ist hier nicht an der richtigen Adresse; wer wissen will, wie nahe man mit einem Destillat an die Sensorik des Basismaterials „Zuckerrohr“ herankommen kann, der sollte definitiv mal einen Blick riskieren. Darüberhinaus weist der Damoiseau Cuvée Millénaire 2000 auch eine hohe Guadeloupe-Typizität auf, man macht also sicher nichts falsch, wenn man die Charakteristiken der Agricoleinseln zueinander vergleichen will.


Das ist ein Rum, der gute, kräftige Gesellschaft in einem Mixed Drink gebrauchen kann, um ihn zu unterstützen. Nicht aromatisch, eher von der Struktur her – und da kommen ein kräftiger Apfelbrand und Chartreuse natürlich gerade recht im Nth Degree. Das alles kombiniert sich richtig gut, und während dieser Cocktail mit einem Martinique-Agricole knackig-würzig wird, entsteht durch den Damoiseau hier ein eher weicheres, süßeres Gesamtbild; ich finde es faszinierend, wie stark ein Drink sich verändern kann.

Nth Degree Cocktail

Nth Degree
1oz / 30ml gereifter Rhum Agricole
1oz / 30ml Calvados
½oz / 15ml Chartreuse Verte
1 Teelöffel Zuckersirup
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen.

[Rezept nach Nate Dumas]


Zurück zum Behältnis. Gewiss gibt es diesen Brand auch in einer normalen Glasflasche – ich habe diesen charmanten, gravierten Flachmann als Geschenk beim Besuch der Destillerie erhalten, als ich zusammen mit Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles auf der Insel war. Damoiseau war die erste der 9 Brennereien, die wir dort besichtigt haben, über Reimonenq hatte ich ja schon berichtet. Anbei ein paar Impressionen; wenn ich die Bilder selbst anschaue, bekomme ich direkt ein schlimmes Fernweh. Eines der Highlights dort war natürlich, wie Hervé Damoiseau persönlich uns mit karibischem Essen und Ti’Punches ohne Ende bewirtete, und uns sogar seinen Privatpool benutzen ließ; ich erinnere mich gern daran, wie Jürgen Schmücking sich da nicht zweimal bitten ließ und kurzerhand ins kühle Nass hineinsprang.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie so eine Brennerei riecht und sich anfühlt – das muss man erlebt haben. Für Kenner, die mit europäischen Hygienestandards hierher kommen, ist das sicherlich ein dramatischer Schock, da landet schon mal die eine oder andere Zigarettenkippe oder Fliege im Sud, und das angelieferte Zuckerrohr liegt auf staubigem Beton und in uralten Transportcontainern. Doch das macht mit den Charme und den Geschmack des Endprodukts aus, finde ich. Ein großartiges Erlebnis, das ich nie missen möchte.

Bier am Freitag – Lemke Original Dunkles Lager und Spirit of Rum HD Cask Finish

Bier in Fässern zu lagern ist eigentlich ja eine höchsttraditionelle und biergerechte Haltung, auch wenn heute die Fässer eher aus Metall sind als aus Holz. Manchmal gehen Brauer aber auch den Schritt ganz zurück, es ist inzwischen durchaus Trend, Bier in Spirituosenfässern zu finishen – gerne nimmt man dafür Whiskyfässer, oder eben Rumfässer. Spirit of Rum aus Berlin macht öfters eigene, exklusive Abfüllungen unter dem Label „Rumclub Private Selection“, und tut sich dann mit Brauereien zusammen, um die geleerten Fässer einem zweiten Zweck zuzuführen, zum Beispiel mit der Brauerei Lemke Berlin GmbH für das Spirit of Rum HD Cask Finish. Sowas gönne ich mir sehr gern hin und wieder.

Lemke Original Dunkles Lager und Spirit of Rum HD Cask Finish

Als Basislinie habe ich mir dazu das Lemke Original Dunkles Lager geholt, einfach um zu schauen, was die Brauerei so als Grundeinstellung bieten kann. Es ist mit 5,4% Alkoholgehalt in einer Drittelliterflasche erhältlich. Beim Ziehen des Kronkorkens gibt es ein leichtes Gushing, beim Eingießen zischt es laut – da ist ordentlich Gas im Bier. Optisch gefällt es mir außerordentlich gut, eine sehr attraktive rotbraune Flüssigkeit ist da im Glas, wunderbar opalisierend, leicht trüb, mit rubinroten Lichtreflexen im Gegenlicht. Die Crema auf dem Bier ist zunächst grobblasig und kurzlebig, nach ein paar Minuten ist noch ein Schaumrand und ein großer Schaumkontinent erhalten.

Lemke Original Dunkles Lager

Die Nase ist sehr metallisch und getreidelastig, deutlichst eher malzig als hopfig, wie das Auge das irgendwie schon angedeutet hatte. Bei diesen Malzen hat man sich für Pilsner, Wiener, Karamell und Chocolate entschieden, seit 1999 wird das Bier unverändert so gebraut. Man ahnt aber schon im Geruch, dass hier trotzdem viel helltönige Frische drin sein wird.

Und genauso kommt es: klar dominieren aromatisch die Malze, leicht röstig, etwas nussig, getreidig und metallisch. Dennoch wirkt das Bier frisch, klar und sauber. Sowohl die Karbonisierung als auch eine milde Säure tragen dazu bei, der Körper ist höchstens mittelschwer, wirkt jedenfalls trocken und findet eine schöne Balance, was die Textur angeht. Der Abgang ist dann sehr leicht, weiterhin zestig säuerlich, was von der Röststruktur aufgefangen wird, kurz und erfrischend. Ein sehr süffiges Bier, das sauber komponiert und strukturiert ist, und frech mit der Malzigkeit spielt. Das hole ich mir nochmal, ohne Frage!


Dann also weiter zum eigentlich Grund dieses Artikels, dem Spirit of Rum Rumclub Private Selection HD Cask Finish. Es ist, wie gesagt, nicht die erste Zusammenarbeit zwischen den beiden Firmen, das Etikett erzählt von der „5. Rumclub Beer Selection“. Man deklariert sich auch als „Single Cask Craft Beer“, die Bedeutung ist mir nicht hundertprozentig klar. Als Grundbier dient nicht das oben besprochene Dunkle Lager, sondern das Lemke Original Wiener Lager, das mit 6,0% Alkoholgehalt für 5 Wochen in einem Rumfass gelagert wird, das vorher ein Destillat der jamaikanischen Hampden-Destillerie („HD 2000“) beherbergte.

Lemke Spirit of Rum HD Cask Finish

Farblich ähnelt es trotzdem dem dunklen Lager, ist aber erkennbar trüber, weniger opalisierend. Die Farbe der Flüssigkeit ist haselnussbraun, die der langlebigen Schaumkrone ein helles Beige. Auch hier ist beim Öffnen des Kronkorkens dezente Vorsicht geboten! Der Geruch überrascht mich direkt: da klingt etwas Sauerbier mit, finde ich. Apfelessig, Verjus, deutlich bittere Joghurtnoten. Danach finde ich, hampdentypisch, schon leicht verrottende tropische Frucht, säuerliche Ananas, vergorene Mango.

Am Gaumen zeigt sich das aber viel zahmer, als die Nase das erwarten ließ, da ist deutlich weniger Säure da, eher ein tiefer Körper mit einer vorsichtigen, natürlichen Süße, gespeist aus Malzigkeit. Dabei bleibt das Bier sehr frisch und rezent, man ahnte das ja schon vom Gushing. Die Textur ist weich und cremig und kauig, hat aber eine gewisse bittersaure Kante, die das ganze noch weiter aufhellt. Aromatisch herrscht das Malz, es klingen aber schon fruchtige Noten durch, die teilweise auch ins Esterige gehen, bei der Hampdenvorbelegung des Fasses kein Wunder. Nur in Anklängen scheint Holz durch, insbesondere im Abgang, wo eine trockenholzige Komponente etwas die Spucke ansaugt, bevor das Bier kurz, minimalst rauchig, kaffeepulverhaft und effektvoll mit dann etwas Zitruszeste ausklingt. Ja, das macht Spaß, gerade weil das Rumfass hier nicht alles umkrempelt und einen Rumsprudel aus dem Bier macht, sondern nur Charakter und Seitennoten zufügt und das Bier weiterhin ein Bier sein lässt. Handwerklich toll gemacht!


Beide Biere gefallen mir, wie man wohl gemerkt hat, sehr gut, auf ihre eigene Art und Weise. Dass sich das Basisbier nicht verbiegen lässt, mag ich besonders, das ist vielleicht so eine Eigenart der Berliner Brauerei und passt zum Wesen Berlins, wie ich es leider bisher nur kurz kennengelernt habe. Ganz sicher schaue ich mal, ob ich noch an andere Fasskooperationen von Lemke und Spirit of Rum herankomme, und auch das Wiener Lager ohne Fassfinish steht auf meiner Wunschliste.

Andalusische Schätze – Montesoro Tesoros de Montilla

Nein, es geht hier nicht um Sherry. „Sherry“ ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung für Weine der Region Jerez-Xérés-Sherry in der Provinz Cádiz. Die Region Montilla-Moriles, ungefähr 150km nördlich davon, bei Córdoba, macht schon seit Jahrhunderten einen sehr ähnlichen Stil von fortifizierten Weinen, die man dort allgemeiner „vinos generosos“ nennt, um den geschützten Begriff „Sherry“ zu vermeiden; Weine und Moste aus Montilla werden dabei auch in Großmengen nach Jerez geliefert, um dort daraus dann Sherry zu machen. Der Hauptunterschied zwischen den Weinen dieser andalusischen Regionen ist die Rebsorte – während man in Jerez zu 90% Moscatel und Palomino Fino anbaut, ist Pedro Ximénez die Traube der Wahl für alle fortifizierten Weine der Region Montilla. Sie liebt die trockene, fast aride Umgebung, und dort entwickelt sie genug Zucker, um in einem Wein bis zu 15% Alkoholgehalt entstehen zu lassen – das heißt, man muss sie vor der Abfüllung der unterschiedlichen Ausbaustufen oft überhaupt nicht fortifizieren (mit Neutralalkohol, um den Alkoholgehalt zu erreichen), sondern rein mit dem natürlichen Alkohol belassen.

Ich hatte ein sehr unterhaltsames Gespräch mit Tracy Basset und María Rivero von Montesoro, einer Firma aus der Region Montilla, die mit fortifizierten Weinen und den Fässern, die dafür benutzt wurden, handelt. Sie haben mir freundlicherweise ein Set an Produktsamples zur Verfügung gestellt, die die Region repräsentieren: die Montesoro Tesoros de Montilla. Dazu gehören ein Fino, Amontillado und Oloroso, sowie ein Vino Joven und ein PX. Ich freue mich sehr, diese heute hier vorstellen zu dürfen!

Montesoro Tesoros de Montilla Fino, Amontillado, Oloroso, Vino Joven und PX

Erstmal aber ein paar Verständnishilfen zu dem Thema. Bei den vinos generosos teilt man in „trockenen“ und „süßen“ Ausbau auf. Der trockene Ausbau entspricht den Stufen Vino de tinaja, Fino, Amontillado und Oloroso; der süße Ausbau endet im PX. Vino de tinaja ist praktisch der Wein, bevor er in den Ausbau geht, er gilt als einfacher Schoppenwein, für den täglichen Gebrauch. Für Fino werden einzelne Moste anhand ihrer Qualität ausgewählt, sie sollten gute Struktur, mit niedrigen Säuregehalten und Tanninen, aufweisen. Diese Moste werden dann unter Schutz vor Oxidation (dazu kommt die Florhefe zum Einsatz) im traditionellen „criadera y solera“-System über Zeit ausgebaut, über das ich hier auf dem Blog schon ein paar mal berichtet hatte. Amontillados sind letztlich Finos, die nach dem Absterben der Florhefe noch oxidativ weitergereift werden. Olorosos werden von Anfang an schon ohne die Decke der Florhefe rein oxidativ gereift. Für den süßen Ausbau des PX werden die Trauben in der Sonne getrocknet, und dann erst ausgepresst. Man kann diesen Wein nach der Fermentation direkt konsumieren, als vino joven der Saison, oder ihn dann noch in Fässern weiterreifen. Vor der Abfüllung wird, wenn nötig, etwas neutraler Branntwein zugegeben, um den Zielalkoholgehalt von 15% zu erreichen. Das war jetzt ein oberflächlicher Schweinsgalopp durch die rudimentärste Theorie – gehen wir zur Praxis über, mit der wir uns etwas mehr Zeit lassen werden. Fangen wir mit den trockenen Varietäten an, und gehen dann zum Süßen über.


Montesoro Tesoros de Montilla Fino

Ein bisschen maisgoldene Farbe hat der Montesoro Fino 15 años. Er wirkt im Glas recht lebendig und beweglich, hat nur wenig Viskosität und beim Schwenken kaum Glaswandartefakte. Geruchlich ist der Fino schon deutlich nussig, würzig, mit klaren, aber milden Essigkomponenten und Anklängen von Apfelmost. Verbranntes Fleisch vom Grill, Estragon, Tabak – ein ungewöhnliches, aber spannendes Set an Aromen findet man beim ausgedehnteren Schnuppern. Am Gaumen zeigt sich der Fino initial überraschend umami, was später sogar in deutliche Salzigkeit übergeht. Die Textur bleibt dabei trotz ausgeprägter Säure weich und rund, hier wirkt er viel dunkler als in der Nase. Heu, feuchte Erde, nasses Holz, das sich im Verlauf in Walnuss wandelt, mit einem Anflug von pikantem, schwarzem Pfeffer und etwas Omelette. Der Nachklang ist lang, wieder weiniger, deutlich trocken und herb, mildbitter und astringierend. Ein sehr unterschiedliches Erlebnis zu anderen Finos, die ich bisher probiert hatte, ohne Frage!


Montesoro Tesoros de Montilla Amontillado

Der Montesoro Amontillado 25 años hat im Vergleich zum Fino schon sehr viel mehr Farbe, klares, leuchtendes Kupfer, und auch eine gewisse Schwere beim Schwenken. Die Reste am Glas laufen recht schnell ab, es bleiben einzeln stehende Tropfen zurück wie die Flecken bei einem Leoparden. Die Nussigkeit, die man oft mit Sherry verbindet, ist hier das allererste, was der Nase auffällt, richtig viel Wal- und Macadamianuss, vielleicht sogar ein Ticken Erdnuss und Mandeln, ohne dass es ins Marzipanige übergeht. Dieses letztere wird durch die ausgeprägte Frucht verhindert, Datteln riecht man da, Feigen, überreife Pfirsiche, und diese Überreife geht fast in die Richtung von Banane, eine Esterigkeit, die man sonst eher von Rum und Baijiu kennt. Am Gaumen ist sie auch direkt stark ausgeprägt, so richtig deftig, während sich eine wilde Säure dazugesellt, die zwischen Essig und Apfelwein pendelt. Ein sehr breites Spektrum von leicht salzig über fruchtigsauer bis hin zu erdig und nussigsüß bildet sich da am Gaumen ab, hochkomplex und spannend zu trinken. Im Abgang verrundet sich das ganze noch mehr, die Nüsse blenden nochmal auf, die Säure piekst kurz, bevor ein sehr angenehmes, trockenes Mundgefühl lange nachhallt. Ein kräftiger Amontillado, stark und wild und frech, definitiv kein Altherrengetränk!


Montesoro Tesoros de Montilla Oloroso

Und noch ein bisschen dunkler wird die Flüssigkeit beim Montesoro Oloroso 25 años, das ist klar erkennbar, das stufe ich als Terracotta ein. Dreht man das Glas, bilden sich hier nun echte Schlieren, die ausdauernd am Glas haften und nur extrem langsam ablaufen. In der Nase wird jedem verständlich, warum man diesen Stil Oloroso, also „duftend“, nennt – Milde Nuss und dunkle, schwere Trockenfrucht gehen hier eine wahrhaft duftende Kombination ein. Rosinen, Feigen, ein bisschen Toffee, ein bisschen pflaumige Melasse, und das ganze tief und rund verbunden, das schnuppert sich schon wirklich angenehm. Dennoch ist der Oloroso frisch am Gaumen, die Säure ist deutlich, aber nicht pieksend, die Frucht geschmacklich heller als gerochen. Walnuss und Erdnuss verdrängen die schokoladigen Noten schnell, bleiben dann bis zum Schluss bei uns. Die Textur ist weich, gut rund, ohne wirklich anschmiegsam zu werden, dazu ist er zu sauertrocken, ein Anflug von weißpfeffriger Würze bildet sich im Verlauf heraus, bevor im Abgang auch noch eine ganz elegante, feine Floralität aufbricht, die wunderbar in alles eingebettet ist und die Trockenheit kontert. Ein herrliches Getränk, edel, elegant, dabei voll genug, um noch Kraft durchscheinen zu lassen, ohne sie protzig werden zu lassen. Davon kann ich kaum genug bekommen.


Montesoro Tesoros de Montilla Vino Joven

Etwas Neues für mich ist vino joven. Hierbei handelt es sich um „frischen“ Wein, der noch nicht durch die Sherry-Verarbeitung gegangen ist, und man kann hier wunderbar den Weg verfolgen, wie ein PX entsteht – und bereits klar erkennen, dass seine Aromatik und Charakteristik schon früh im noch jungen Wein angelegt ist. Ich betrachte mal den Montesoro Vino Joven cosecha Pedro Ximénez zu diesem Zweck und sehe helles, aber nicht unbedingt blasses Pastellgold mit einer durchaus schweren Viskosität und dicken Schlieren an der Glaswand. Die Nase zieht ähnlich kräftig nach, mit schwerer Traubenfrucht, erdigen, fast schon pferdestalligen Noten, überreifem Pfirsich und Aprikosen; so ganz ohne Helltönigkeit oder Frische, ein tiefer, dunkler Wein, trotz der hellen Farbe. Im Mund kommt zu der Aromatik deutliche Säure, die das Geschmacksbild dann leichter macht, doch es bleibt ein eher schwerer Gesamteindruck, mit milder Trockenheit gegen Ende, wenn auch reife Früchte nochmal aufblenden. Durchaus würzig, lang und mit kräftigem Charakter. Unglaublich spannend und lehrreich!


Montesoro Tesoros de Montilla PX

Der Unterschied zu den vorigen vinos generosos könnte kaum drastischer sein – ich dachte zunächst, die Sampleflasche sei schwarz ausgekleidet, doch es ist wirklich nur der Montesoro PX cosecha Pedro Ximénez darin. Auch beim Schwenken im Glas bildet sich direkt ein dunkelbrauner Film, und selbst beim Gegenlicht bleibt der Körper blickdicht und zeigt nur rotbraune Reflexe am Rand. Der Duft passt dann dazu – das sind pure verflüssigte Rosinen, dazu kommen reife Pflaumen und Melasse, mit Anflügen von Bitterschokolade und Nougat. Bei all den schweren Noten findet sich dann aber auch gleichzeitig eine paradoxe Frische, die das ganze aufhellt. Die Textur ist unglaublich fett, vom Antrunk an legt sich das genauso an den Gaumen wie zuvor im Glas an die Glaswand, und bleibt dann auch eine Ewigkeit so. Der PX ist dann auch so süß, dass es fast unangenehm wird, zwar nicht klebrig, aber doch überwältigend – und trotzdem natürlich wirkend, da sieht man einfach, was die Rebsorte leisten kann, über 400g/L Zucker sind keine Seltenheit bei derartigen Weinen. Rosinen sind der bei weitem alles andere dominierende Geschmackseindruck bis zum Schluss. Das zirpt dann am Ende sogar auf der Zunge, es bleibt unklar, ob das aus der Zuckerwucht oder einer Würze kommt. Der Abgang ist lang, süß, rosinig, und bleibt auch auf den Lippen erhalten, die man aktiv sauberlecken muss.


PX Sherry ist in vielen Cocktailrezepten ein gern gesehener Süßer; sowohl Amontillado als auch Oloroso sind klassische Zutaten, seit es Cocktails gibt, und PX sowieso. Mit Fino ist man auf etwas dünnerem Eis unterwegs, was die Verbreitung in Rezepturen angeht; der Jungle profitiert jedenfalls ganz enorm von einem Fino, der Charakter hat – mit dem von Tesoros de Montilla Montesoro ist er sogar die dominierende Zutat, die Gin und Wermut klar in den Hintergrund schiebt!

Jungle Cocktail

Jungle
1oz / 30ml Fino Sherry
1oz / 30ml Dry Gin
1oz / 30ml süßer Wermut
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste und Thymianzweig servieren.

[Rezept nach Chantal Tseng]


Die Sherrys von Montesoro sind üblicherweise nicht in Flaschen erhältlich, sondern in größeren Gebinden von mindestens 20 Litern, oder ganze Fässer. Das kommt daher, dass Montesoro aktuell nur Großkunden beliefert, die weniger Wert auf eine Glasflasche mit Etikett legen, die man ins Backboard einer Bar oder ins Regal der Heimbar stellen kann – sie sind Zwischenhändler, die auf Anfrage hin auf viele Bedürfnisse maßgeschneidert ein Angebot erstellen können. Insgesamt exportieren nicht viele Weinbauern ihre Weine aus der Region Montilla, man muss also vielleicht etwas suchen, um entsprechende, zu meinen hier vorgestellten Tasting Notes passende Produkte hierzulande zu finden. Doch was nicht ist, kann noch werden – ich für meinen Teil würde mich freuen, diese Schätze von Montilla häufiger hierzulande zu sehen, als echte Alternative zu den Sherrys aus Jerez.

Offenlegung: Ich danke Montesoro für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Sherry-Samples, und True Spirits für die Vermittlung.

Kräuter in Print und Blog – Senfmüller-Els Alt Montjoie’r Art Kräuterbitter

Es ist irgendwie immer noch eine Art Ritterschlag, wenn man als kleiner Blogger dazu eingeladen wird, für ein echtes Fachmagazin zu schreiben. Für die Fizzz #11/2022 aus dem Verlagshaus Meininger habe ich ein paar Gedanken über aktuelle Trends in der Spirituosenkategorie der Kräuterbitter und -liköre niedergeschrieben, die dann tatsächlich gedruckt wurden. Es fühlt sich anders an, wenn man seine Texte in Print auf echtem Papier liest, als wenn man sie „nur“ elektronisch auf einem Bildschirm sieht, das merke ich deutlich. Es macht mich durchaus stolz, dass sich das alles so entwickelt, und ich danke hier auch ausdrücklich meinen Lesern, dass sie mich unterstützen, sei es auf Papier in Fizzz oder Brannt, oder hier auf dem Blog, der natürlich weiterhin mein Hauptkanal bleiben wird.

Was nun kommt, mag wie ein krasser Themenwechsel klingen, doch man habe ein paar Sätze Geduld, der Zusammenhang wird direkt erläutert werden. Da war also dieser Tagesausflug nach Monschau, einem hübschen Örtchen nahe der belgischen Grenze, das mit einem historischen Stadtkern die Touristen aus aller Welt anlockt. Mich hat neben der örtlichen Kaffeerösterei, aus der ich ein schönes Kaffeebier mitnahm, vor allem die am Stadtrand liegende Historische Senfmühle begeistert – von dort stammt der Senfmüller-Els Alt Montjoie’r Art Kräuterbitter, den ich heute vorstelle (da ist er, der Zusammenhang); ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass sich meine Äußerung im Fizzz-Artikel, dass die Kräuterbitter-Kategorie eine extrem weitgefächerte ist, bei der Verkostung dieses Produkts nur weiter bewahrheiten wird.

Senfmüller-Els Alt Montjoie'r Art Kräuterbitter

Die Farbe ist einerseits dunkel, Pariser Rot, mit rostroten Lichtreflexen; andererseits ist das hell für die Kategorie der Kräuterliköre. Egal, die Farbe passt, und ist sogar hübsch anzuschauen in ihrer glasklaren Transparenz. Viskosität ist vorhanden, ohne, dass sich die Flüssigkeit wirklich schwer im Glas bewegt.

Ganz stark im Vordergrund finde ich beim Schnuppern erstmal Nelken, dann folgen deutliche Gewürze wie Sternanis, Kardamom und Zimt. Eine leichte Nase, aber würzig, und sie hat vor allem diese typische Magenbitter-Aromatik, die man in Deutschland so schätzt für einen Digestif. Es könnte ruhig etwas kräftiger sein im Geruch, aber, wie sich zeigen wird, gehört die Leichtigkeit zum Stil dieses Kräuterbitters.

Senfmüller-Els Alt Montjoie’r Art Kräuterbitter Glas

Insgesamt wirkt der Bitter entsprechend dann auch etwas wässrig und dünn im Mund, da könnte viel mehr Körper rein, wenn man mich fragt, auch wenn man dann schon fast in Richtung Amaro gehen würde – oder alternativ etwas mehr Alkoholgehalt, die 30,5% sind für eine effektvolle Gaumenreinigung und Magenklärung nach einem Essen für mich persönlich deutlich zu wenig. Auch die Süße wirkt dem Effekt etwas entgegen, legt sich aber bequem auf den Gaumen. Die Nelken drängen sich zunächst nach vorn, im Abgang wird dann die Bittere des Kräuterbitters endlich klar, Kardamom rutscht als dominante Aromatik über die Nelken hinweg, und mit mildem, sehr attraktivem Feuerchen und leichten Süßholz- und Minzaromen klingt der Bitter am Ende doch mit einem sehr positiven Fazit aus – vielleicht gerade wegen der Leichtigkeit ein unkomplizierter Digestif.


Der Trinidad Sour ist so ein Drink, den ich dann natürlich auch für den diesbezüglichen Online-Schwerpunkt des Fizzz-Magazins vorgeschlagen hatte, das ist ein Cocktail, an dem man einfach nicht vorbeikommt, wenn man mit Kräuterbittern experimentieren will. Er funktioniert mit allen der unterschiedlichen Ausprägungen von Kräuterspirituosen, von Angostura über Underberg und Fernet Branca bis hin zum Senfmüller-Els Alt Montjoie’r Art, und zeigt sich dabei immer leicht anders, immer aber höchstaromatisch und dicht.

Trinidad Sour Cocktail

Trinidad Sour
1oz / 30ml Kräuterbitter
1oz / 30ml Orgeat
½oz / 15ml Rye Whiskey
¾oz / 23ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Giuseppe Gonzalez]


Steingutkrügen stehe ich immer etwas zwiespältig gegenüber. Sie haben gewiss ihren Charme, sehen toll aus in einer kleinen Heimbar. Doch ihre Umweltbilanz ist schon schlechter als die von Glasflaschen, insbesondere, weil sie nicht wirklich recyclet werden können und auch nicht in einem Altglascontainer landen sollten, wenn sie geleert sind. Nun, immerhin ist der Krug hübsch geformt, mit einem netten Etikett versehen.

Im Laden, der der Senfmühle angegliedert ist, bekommt man diesen Kräuterbitter in vielen verschiedenen Größen. Ich habe ihn mir in einer kleineren Abfüllmenge geholt, es ist immer lobenswert, wenn ein Abfüller das anbietet. Dazu musste der Biersenf noch mit in den Korb, ein großartiges Produkt, sehr aromatisch, würzig, bierig. Wer sich nach Monschau verläuft, sollte sich die Produkte der historischen Senfmühle dort gewiss anschauen – ein ideales Mitbringsel.

Bier am Freitag – Fuller’s Imperial Stout Limited Edition

„Best before end 2023“ steht auf dem Etikett des Fuller’s Imperial Stout Limited Edition, das schon seit Urzeiten bei mir auf dem Regal stand, und das ich deswegen beinahe vergessen hätte. Zum Glück habe ich neulich eine Art Inventur dieser Biere, die ich lange lagere, gemacht und es noch rechtzeitig entdeckt. Fuller sagt, dass man 10 Jahre Haltbarkeit plant, also gehört meine Flasche zu denen, die 2013 gebraut und abgefüllt wurden, und da eine Flaschenreifung vorgesehen ist, ist der Zeitpunkt nun wohl ideal, das Bier einfach aufzumachen. 10,7% Alkoholgehalt sind schon ordentlich, aber nicht ungewöhnlich für ein Imperial Stout, dass Centennial als Hopfen genutzt wird, auch nicht, aber eine Aromatisierung mit Rosenblüten dagegen schon! Ich bin gespannt, wie sich sowas äußert.

Fuller's Imperial Stout Limited Edition Glas

Farblich ist das ein tiefstdunkles Ebenholz, mit leicht rubinroten Reflexen an den Rändern. Keinerlei Durchsicht ist möglich, das ist eine völlig blickdichte Wand, auf die man da schaut, selbst bei Gegenlicht. Ganz kurz entsteht eine Schaumfläche beim Eingießen, die ist wenige Sekunden später völlig verschwunden und lässt nur einen dünnen Faden cremafarbigen Schaum an der Glaswand zurück. Dreht man das Glas, bilden sich kleine Schaumfleckchen am Glas, mit einer braunen Unterlage.

Die Nase ist intensiv, sehr rostig-metallisch zunächst, was dann schnell von dichten Röstnoten eingeholt wird. Leicht speckig, deutlich rauchig, wie eine Räucherkammer, die eine Weile zum Lüften aufstand. Kohle, verbranntes Karamell, Rauchfleisch – die Richtung, in die das geht, wird wohl klar. Dabei findet sich eine leichte Orangenzestigkeit, die das etwas aufhellt, und eine gewisse Frische dazugibt.

Die Textur ist fett, schwer, dramatisch dicht, ohne pappig zu werden. Die tiefe, dunkle Süße kombiniert sich mit schwarzröstigen Aromen. Im Verlauf entsteht die harte Bittere, die für den Stil typisch ist, baut sich auf, nimmt ab da nicht mehr ab, bis sie erst im Abgang die Zunge langsam loslässt. Feigen und Pflaumen, fast schon Melasse, eine dunkle Fruchtnote kommt dazu, und auch auf der Zunge nimmt man ätherische Zestenastringenz wahr. Raddicchio mit Balsamicodressing assoziiere ich, deutliche Salzigkeit, kräftige Säure, sogar etwas Sojasaucenumami. Der Abgang ist lang, weiterhin von Bittere und Süße geprägt, Kohle und Rosenblüte (zuguterletzt!) konkurrieren hier um die letzten Noten des Nachhalls.

Ein charaktervolles, schweres, vielgestaltiges Bier, dabei aber nicht wild oder ausufernd, sondern immer noch britisch kontrolliert, seine Wucht ist etwas gezähmt und im Rahmen gehalten, vielleicht durch die lange Lagerung. Wunderbar gemacht, nichts für Zwischendurch, sondern für den langen, kontemplativen Genuss am Sonntagmittag: so etwas trinkt man eher wie eine Flasche Wein als ein Bier aus dem Kasten. Bierkunst!

Sub rosa dictum – Mayaciel Rosa Tequila Blanco

Skepsis ist das erste, was mich befiel, als ich zum ersten Mal über einen neuen Trend bei Tequila las – „rosa“. Abgesehen davon, dass die Farbe einer Spirituose ein nicht besonders zuverlässiger Gradmesser für egal was ist, habe ich einfach schon zuviele grellgelbe, neongrüne und babyblaue Mittel- bis Hochprozenter gesehen, die sich rein über die Farbe definieren und mehr der unanständig anspruchslosen Partygesöffszene zuzuordnen sind, als dass ich das wirklich auf meinen so viel elitäreren Schnapsradar nehmen würde. Nachdem ich aber den Mayaciel Rosa Tequila Blanco probiert habe, und mich mit den Machern hinter dem Agavenbrand ein bisschen freundlich unterhalten habe, bin ich zumindest für diesen Fall sicher – das ist eben kein Gimmickgetränk, sondern ein neuer Stil, den wir in Zukunft häufiger sehen werden.

Was ist ein Tequila Rosa nun? Es gibt aktuell noch keine CRT-Regelung dafür, daher kann das jeder Hersteller letztlich für sich entscheiden. Wer es gut machen will, wie Mayaciel, der setzt natürlich keine Farbstoffe ein, um die namensgebende Wunschfarbe hervorzubringen. Für den zugrundeliegenden Blanco nimmt man hauseigene Agaven der Hacienda de Oro (NOM 1522) mit gutem Reifegrad und nicht monokulturell angebaut, führt nach dem Kochen und Zerkleinern eine wilde Fermentation mit lokalen, freien Hefen aus der Umgebung durch, und brennt das dann in einer Edelstahlpotstill zweimal. Abgeschaut von österreichischen Obstbrennern hat man sich das Nachreifen in Edelstahltanks; die 3-4 Monate sollen dem Destillat etwas Ruhe und Integration verschaffen, aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das kein Marketinggelaber ist. Man traute sich, einen für Tequila vergleichsweise hohen Alkoholgehalt von 44% einzustellen, mit Wasser aus dem eigenen Brunnen. Im Anschluss kommt dann die Besonderheit des Mayaciel Rosa: eine Einlagerung in frische Ex-Malbec-Fässer, und nach maximal 4-6 Wochen hat die Rotweinvorbelegung erreicht, was man sich erhofft hat, eine natürliche Färbung und, das wollen wir jetzt direkt gemeinsam ausprobieren, idealerweise natürlich auch unter der Oberflächlichkeit der Farbe auch eine eigene Aromatik!

Mayaciel Rosa Tequila Blanco

In der Flasche sieht der Tequila eher rötlich aus, im Glas dagegen hat er schon einen Farbton, den man auch mit Roséwein verbindet, irgendwo zwischen hellem rotbraun und, nun, rosa eben, eine natürliche und aus dem Herstellungsprozess verstehbare Farbe, nicht so offensichtlich künstlich, wie manche rosafarbenen Spirituosen sind. Lebendig wirkt er beim schwenken, etwas Viskosität ist sichtbar, vor allem am gittrigen Muster, das danach an der Glaswand verbleibt.

Ich hatte keine Vorstellung, wie so ein Tequila riecht, und bin unvoreingenommen mit der Nase ins Glas gegangen. Von Anfang an entdeckt man dabei eine Melange aus Agave und Rotwein, wobei keines das andere überwältigt, die Eindrücke wechseln von Sekunde zu Sekunde zwischen vegetal-mineralischer Agave, fruchtig-schwefeligem Rotwein und vanillig-süßem Holz. Dabei bleibt der Mayaciel Rosa hell und frisch, ich würde sogar sagen leicht und elegant, mit angemessener Komplexität, einer eigenen Identität und dennoch erkennbarer Typizität.

Mayaciel Rosa Tequila Blanco Glas

Im Mund ist dann erstmal gewohnter Blanco-Tequila-Geschmack dominierend, mit schöner, schwerer Agavensüße und -würze, klar mineralischer Helligkeit, und einem sauberen Geschmacksbild, aber angenehmer Algigkeit und kiesigen Eindrücken. Die Textur ist weich und voll, die für einen Tequila durchaus gehobenen 44% Alkoholgehalt sind initial darin wunderbar verpackt, zeigen sich im Verlauf dann durch leichtes Prickeln im gesamten Mundraum, ohne scharf zu brennen. Hier spürt man dann auch das Rotweinfass, sowohl von der weinig-traubigen Aromatik, ganz dezent nur, als auch von den Holzeinflüssen, mit etwas Vanille. Im Abgang blüht der Rotwein kurz deutlich auf, übernimmt für ein paar Sekundenbruchteile vollständig, und zerfließt dann wieder in die Agave, während kräftige Trockenheit und milde Bittere den Nachklang effektvoll bestimmen, der mit einer ganz vorsichtigen Schwarzpfeffrigkeit eine ganze Weile anhält.

Ich habe ja oben schon indirekt zugegeben, dass ich hatte das neue Konzept eines Tequila Rosa zunächst für ein Gimmick gehalten hatte, mit dem man einfach eine oberflächliche neue Idee pushen will. Beim Mayaciel Rosa verliere ich dieses Vorurteil sofort, denn hier ist die Farbe nur Ausdruck der Identität dieses Produkts, die viel tiefer liegt. Gelungenes Handwerk, würde ich sagen, Innovation, ohne billig zu werden. Hier kann auch der Tequilafreund, der Qualität über Spaßfaktor stellt, ohne Bedenken mal reinschnuppern!


Wenn man so drüber nachdenkt, ist es eigentlich völlig offensichtlich, den Mayaciel Rosa in einem Cocktail unterzubringen, der Pinky Gonzales heißt. Man würde ihn wahrscheinlich normalerweise mit einem klassischen Blanco mixen, doch die zusätzliche Farbe, die der Mayaciel hier mitbringt, macht dem Namen des Drinks natürlich alle Ehre. Und es ist ein klassischer Cocktail aus der Tikischmiede von Trader Vic, womit man zeigen kann, dass auch Tequila seinen kleinen aber feinen Platz in dieser Alternativrealität hat.

Pinky Gonzales Cocktail

Pinky Gonzales
2oz / 60ml Tequila (idealerweise Rosa!)
½oz / 15ml Limettensaft
½oz / 15ml Orange Curaçao
¼oz / 7ml Zuckersirup
¼oz / 7ml Orgeat
Auf crushed Eis shaken. Unabgeseiht im Glas servieren.

[Rezept nach Trader Vic]


Die Flaschenform kenne ich, sie ist eine gute Mischung aus funktionaler Handhabbarkeit und optischer Gefälligkeit; mit einem Plastikkorken hat man eine zukunftsfähige, moderne Wahl getroffen, das Holz oben auf dem Stöpsel bietet etwas angenehme Haptik zum Ausgleich. Modern ist das Etikett ganz sicher, mit hübschen Glanzeffekten, passend zum Inhalt der Flasche, ich freue mich immer, wenn Spirituosen diese allzu häufige Kitschigkeit ablegen und zeigen, dass sowohl Produzenten als auch Konsumenten sich weiterentwickelt haben. Von Hand aufgetragene Batchnummern und Abfülldaten, wie man sie hier findet, sind darüber hinaus immer gern gesehen. Eine Massenproduktion findet nicht statt, die Gründer Christoph und Jonas halten sich unabhängig und ohne reinredende Investoren; angefangen haben sie mit 1000 Flaschen finanziert aus Privatkapital, und man kommt trotzdem so langsam im Markt an.

Wie man sieht, sind die anderen zwei Produkte im Mayaciel-Portfolio in analogem Design gehalten, durchgängig und klar über Farbensprache gesteuert: ein Blanco steht ebenso bereit wie ein Reposado, um die Klammer um den Rosa zu bilden. Beide werde ich sicherlich auch noch besprechen, in naher Zukunft, und ich freue mich schon darauf – Tequila ist für mich einfach der König der Spirituosenwelt.

Offenlegung: Ich danke Mayaciel für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche ihres Tequilas, und für die freundlichen Gespräche!

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Danis 1988 Armagnac

Es ist eine Premiere – das 1. German Armagnac Festival findet dieses Jahr statt, in Stuttgart. Nachdem Armagnac jahrzehntelang in Deutschland ein trübes Schattendasein gefristet hatte, unter dem großen Bruder Cognac immer nur ferner lief, holen in den letzten Monaten engagierte Jungunternehmer den französischen Weinbrand aus der Tristesse und führen ihn mit ambitionierten Einzelfassabfüllungen in kleinsten Auflagen nach Deutschland. Ich glaube, das wird auch gut angenommen – und das Armagnac-Festival ist hoffentlich ein weiterer Schritt, zu zeigen, was diese bodenständige Spirituosenkategorie alles kann. Wer am 24. Juni 2023 also nichts zu tun hat (und wer was zu tun hat, sage einfach die anderen Termine ab), sollte ganz sicher dort vorbeischauen – eine derartige Bandbreite von Armagnacs und hochgradigen Informationsquellen auf so engem Raum wird man sonst nirgendwo in Deutschland, wahrscheinlich sogar Europa, auf absehbare Zeit finden können.

1. German Armagnac Festival Aussteller

Von der Zukunft zum aktuellen Glasinhalt. Heute probieren wir einen 33-jährigen Armagnac aus der Region Ténarèze. Der Grape of the Art Danis 1988 basiert rein auf der Rebsorte Folle Blanche. Destilliert wurde, wie der Name schon sagt, 1988, und nach den vielen Jahren im Fass dann im März 2023 auf 187 Flaschen gezogen, ohne Verdünnung, in der Fassstärke von 47,6% (eine durchaus ungewöhnlich niedrige Zahl für Fassstärke, da sieht man aber auch, dass Armagnac nicht unbedingt auf eine hohe Ausgangsalkoholstärke hin destilliert wird).

Helles Kupfer, blitzende Lichtreflexe, völlige Klarheit, leichte Öligkeit – es gibt Spirituosen, bei denen macht es schon so richtig Spaß, sie einfach eine Weile lang im Glas zu drehen und wenden. Über die Glaswandartefakte staunen, die ersten, vorsichtigen Düfte wahrnehmen, die dabei dem Glas entströmen, zu spüren, wie einem das Wasser schon langsam im Munde zusammenläuft – der Danis 1988 macht initial schonmal alles richtig.

Grape of the Art Danis 1988 Armagnac

Genug geschwelgt über zarte Andeutungen, rein mit der Nase ins Glas, um das volle Programm zu bekommen. Eine ideale Mischung aus süßvanilligen Holznoten und schwersüßen Trauben- und Rosinentönen erwartet einen da, bodenständig, voll und rund, fruchtig und dennoch mit einer gewissen Eleganz. Ein Armagnac, der nicht dahergeflatscht kommt wie ein Tölpel, sondern leicht tänzelnd, ohne balletig zu werden, mehr sowas wie Fred Astaire.

Auch im Mund geht diese Leichtigkeit weiter, das fühlt sich frisch und luftig an, wie ein Atemzug im Frühling, wenn es schon warm ist, aber noch nicht heiß, und die Linden blühen; die Fruchtigkeit ist ausgeprägt, auch sie eher helltönig und mildsüß, kein bisschen Schwere ist da drin, der Brand wirkt trotz 33 Jahren jugendlich, und niemals müde. Die Textur ist flauschig weich, im Verlauf entsteht pikante Chiliwürze, die kurz aufbrennt und dann schnell verklingt, ein leises Brummen am Gaumen und der Zunge zurücklässt, während die ganz sanfte Trockenheit und handfeste Bittere edel den Mundraum belegen, ohne wirklich Spucke abzusaugen. Ein langer, blumigfruchtiger Nachklang belohnt die Zeit, die wir uns mit dem Danis 1988 gelassen haben.

Ideal, archetypisch, trinkig. Ich wüsste keinen einzigen Kritikpunkt an diesem Armagnac. Irre gut, perfekt gemacht.


Offenlegung: Ich danke Grape of the Arts für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.

Nostalgie in der Flasche – Elixir d’Anvers

Belgien ist ein mehrsprachiges Land. Die Region Wallonien spricht Französisch, die Region Flandern spricht niederländisch, und es gibt an der Grenzregion zu Deutschland auch kleine deutschsprachige Gebiete. Die Grenze zwischen den Hauptsprachen Niederländisch (rund sechs Zehntel) und Französisch (rund vier Zehntel) läuft ziemlich genau durch die Mitte des Landes, eine fast gerade horizontale Linie von West nach Ost. Sprache ist etwas sehr Definierendes, nicht nur für die Belgier, und darum war ich verwundert, als ich sah, dass ein Grundstein der belgischen Spirituosenkultur, das Elixir d’Anvers, mit einem französischen Namen auftritt; Anvers ist natürlich der französische Name der Stadt Antwerpen, der größten Stadt Flamens und auch Gesamtbelgiens. Ich habe Carl-Ivan Nolet de Brauwere, den Director bei Elixir d’Anvers, gefragt, warum der Likör nicht „Elixer van Antwerpen“ heißt, und die Antwort war einfach – Mitte des 19. Jahrhunderts parlierten Bourgeoisie und Aristokratie das prestigeträchtige Französisch, obwohl der Rest der Stadt durchgängig niederländisch sprach. Das hinderte aber nicht jeden Stand daran, das Elixir gerne zu trinken – vom einfachen Arbeiter bis zum Königshaus nippten alle gern und viel daran, es war für alle erschwinglich und beliebt, der Name ist darum seit 160 Jahren auf französisch geblieben, auch wenn Antwerpen heute eine komplett niederländischsprachige Stadt ist.

Wie bei den meisten dieser Kräuterelixiere ist die genaue Rezeptur unter Verschluss, nur wenige Personen selbst beim Hersteller F.X. de Beukelaer kennen sie. Garantiert wird jedenfalls, dass ausschließlich natürliche Zutaten verwendet werden, in getrockneter oder frischer Form, keine Extrakte oder Aromastoffe. Besonders ist darüber hinaus, dass eine Holzfassreifung stattfindet: Für 3 Monate durchläuft der fertige Likör eine Art Solera-System, mit kleinen Fässern oben und großen Fässern unten in einem Lagerhaus; frischer Likör kommt oben in die Fässer, und dieser wird, wenn weiter unten etwas für eine Abfüllung in Flaschen entnommen wird, zur Nachfüllung benutzt. Insgesamt dauert es rund 5 Monate, bis das Elixir d’Anvers flaschenfertig ist. Soviel Aufwand, da freut man sich dann doch sehr darauf, zu probieren, was das gebracht hat.

Elixir d’Anvers

Die Flüssigkeit selbst ist ähnlich gelb wie das Etikett, und entstammt dem Einsatz von Safran – man nutzt also natürliche Zutaten selbst für die Färbung. Im Glas sieht man noch, neben der zitroniggelben Farbe, einen minimalen Grünstich. Schwenkt man das Glas, sorgt die ausgesprochen fette Viskosität für einen ähnlich dicken Film, der kammartig und langsam abläuft.

In der Nase fallen zunächst die Kopftöne aus Kardamom, Sternanis und Piment auf, die durch nur geringfügig weniger präsente Orangen- und Zitronenzestigkeit frischfruchtig aromatisiert wird. Etwas Wermutkraut und Anis erzeugen eine Erinnerung an Absinthe, erst dann hat man süßere Eindrücke, aber selbst diese noch mit ätherischen Komponenten, wie Süßholz. Das wird um dann noch fruchtigere Noten, Quitte und Birne vielleicht, ergänzt, ohne wirklich in die Fruchtlikörrichtung zu kippen. Zimt liegt ganz dezent über allem, und auch eine gewisse pfeffrige Gewürznote, die sich mit dem minimalst erriechbaren Ethanol kombiniert. Ein sehr komplexes Geruchsbild, sehr gewürzlastig, man ahnt wirklich schon, dass hier nicht wenige Zutaten ausgewählt wurden.

Elixir d’Anvers Glas

Das erste, was im Mund dann auffällt, ist natürlich die schwere, dicke Textur, die man schon zuvor mit dem Auge gesehen hatte. Da ist ordentlich zuckrige, aber nie pappig-klebrige Süße drin, was die Textur natürlich unterstützt, so dass sich das Elixir d’Anvers breit am ganzen Gaumen zeigt. Es dauert etwas, bis sich die Aromen langsam entfalten, das ist keine Brechstange, mehr eine sich in Zeitlupe entfaltende Blüte, die dann genau die frischeren Töne von Kardamom, Sternanis und Piment freisetzt, die der Nase sofort aufgefallen waren. Orangen- und Grapefruitzeste geben die kantige Frische ätherischer Öle dazu, Koriander steuert eine leicht grünkraurige Seite bei. Dabei wirkt das ganze sehr rund und aus einem Guss, mit aus Fassreifung entstandenen zarten Übergängen zwischen den Komponenten, eingekapselt in die wirksame, angenehme Süße. Später kommt ein leicht pfeffriges Kribbeln auf, das dann auch den langen Abgang begleitet, wenn die grünen Kräuter nochmal einen kleinen Auftritt haben. Dort fühlt man dann sogar eine gewisse Astringenz, der Gaumen und die Zunge sind minimal anästhesiert, ein langer und angenehm milder Nachhall lässt sich viel Zeit damit, den Mundraum wieder freizugeben. Ein rundum angenehmes Trinkgefühl, man spürt die Vielschichtkeit der Zutaten und die Zeit, die der Likör in der Fassreifung verbracht hat, wird aber von beidem nie überwältigt, im Gegenteil, das ist Easy Drinking, ohne je banal zu werden.


Ich versuche, den Elixir d’Anvers Reserve, den ich in einer Vorabversion der nagelneuen 2023er-Abfüllung noch ohne offizielles Etikett (zum 160. Firmenjubiläum hat man sich bei F.X. de Beukelaer einen neuen Look für diese extragereifte Fassung überlegt) bekommen habe, im direkten Vergleich zum Standardprodukt zu betrachten. Die zusätzliche Zeit, die man diesem Produkt im Eichenfass gönnt – 2 Jahre, also verachtfacht man die Fasslagerzeit! -, hat etwas von dem Grünstich, den ich beim Standard gesehen hatte, entfernt. Paradoxerweise wirkt die Nase etwas frischer, heller, da ist erkennbar weniger Wermutkraut präsent, aber auch praktisch keine Ethanolnote mehr. Der Geschmack ist dafür würziger, pikanter, entwickelt fast eine salzige Seite, Koriander und Anis zeigen sich mehr. Alle Kräuter sind dann aber noch besser verwoben, ineinander verschmolzen, es fällt einem viel schwerer, einzelne Noten herauszupicken; das Gesamtbild ist noch einheitlicher und runder, mit toller Struktur, die sich am Gaumen weiterhin ähnlich langsam entwickelt, aber in eine leicht andere Richtung; der Abgang ist nun eher von Eukalyptus getrieben, frischprickelnd, und im Nachhall entsteht sogar noch eine leicht florale Seite, die an Jasmin erinnert. Ja, man spürt und schmeckt den Unterschied, das Elixir d’Anvers Reserve ist ein eleganterer, strukturierter Likör, und betrachtet man das auf ein eh schon richtig gutes Basisprodukt oben drauf, wird klar: das Ausprobieren lohnt sich ganz sicher.


Kräuterliköre sind natürlich eine grundlegende Zutat der Cocktailwelt, da beißt die Maus keinen Faden ab. Das war schon immer so, und in modernen Zeiten ist das sogar noch mehr so, diese Kräuterliköre können sowohl selbstständig als tragende Zutaten genutzt werden, als auch als kleine gewürzähnliche Aromen in Spritzerform. Oder auch völlig gleichwertig, wie im Monte Cassino, der meiner Meinung nach mit dem Elixir d’Anvers sogar noch besser funktioniert als mit der gelben Chartreuse, die man ursprünglich hier eingesetzt hat.

Monte Cassino Cocktail

Monte Cassino
¾oz / 23ml Rye Whiskey
¾oz / 23ml Elixir d’Anvers
¾oz / 23ml Bénédictine
¾oz / 23ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Damon Dyer]


Die achteckige Flasche hat in ganz Belgien einen hohen Wiedererkennungswert, in Antwerpen, wo der Likör herstammt, sowieso, da gehört die Marke wie schon gesagt zum hochprozentigen wie auch stadtbildnerischen Kulturerbe, und man schmückt sich auf dem Etikett ja sogar mit dem Stadtwappen. Wer sich für die Geschichte und die Herstellungsdetails des Elixir d’Anvers über das hinaus, was ich in der Einleitung schon erzählt hatte, interessiert, dem lege ich noch das wunderbar gestaltete Buch von Tanguy Ottomer ans Herz (ISBN 9789460583261). Der Antwerpenkenner hat alles gesammelt, was über diesen Likör zu berichten ist, und das ist eine ganze Menge in den 160 Jahren seiner Bestandsgeschichte. Stark bebildert, hervorragende Papier-, Reproduktions- und Bindungsqualität, zweisprachig in niederländisch und englisch, das ist was zum Schmökern und Schwelgen für Spirituosenfreunde wie auch für Leser, die einfach gerne diese wunderbaren alten Werbetafeln betrachten oder historische Fotos mögen. Zusammen mit einem Gläschen des Elixir d’Anvers kann man da einen sehr angenehmen Sonntagnachmittag verbringen!

Offenlegung: Ich danke Elixir d’Anvers für die kosten- und bedingungslose Zusendung der beiden Flaschen und des Buchs, und True Spirits für die Vermittlung.

Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Roar IPA und Tweet IPA

Neulich hatte ich bei der Besprechung des Sierra Nevada Pale Ales gesagt, dass die kalifornische Brauerei ganz oben steht bei mir, was die Menge an auf meinem Blog vorgestellten Bieren steht. Direkt danach kommt aber dann schon eine deutsche Brauerei von der Ostsee, die die Verfolgung der Amis aufgenommen hat und sie vielleicht bald überholen könnte. Nach dem Rumble IPA habe ich nun zwei weitere geräuschvolle India Pale Ales von dort hier im Angebot, das Rügener Insel-Brauerei Roar IPA und das Tweet IPA. Geben wir ihnen einfach direkt die Chance, diesen Beliebtheitswettbewerb für sich entscheiden zu können!

Rügener Insel-Brauerei Roar und Tweet IPA

Starten wir einfach mal mit der Flasche 05724 von 20000 aus der Limited Edition No.4, dem Rügener Insel-Brauerei Tweet IPA. Die Zahlen rattere ich einfach mal runter: 6,0% Alkoholgehalt, 30 IBU, und schließlich Flaschenreifung, wie bei der Insel-Brauerei üblich. Sowohl Gerstenmalz als auch Weizen- und Hafermalz werden verwendet, Citra, El Dorado, Mosaic, Sultana und Mandarina Bavaria dienen als Hopfensorten für dieses India Pale Ale im New England-Stil. Diesem Stil entsprechend volltrüb ist es, mit Eidotterfarbe, man sieht etwas Licht durchscheinen, doch insgesamt sieht es aus wie ein Eigelb im Glas, mit schöner eischalenfarbenem, sehr feinblasigen Schaum.

Rügener Insel-Brauerei Tweet IPA

Wie es einem IPA geziemt, riecht man beim Schnuppern hauptsächlich griffigen Hopfen, das geht von milder Aprikose über zu zestiger Orange und dann zu Grapefruitschale, mit deutlicher Ätherik, ohne zwickig zu werden. Eine gewisse Erdigkeit, die wieder etwas an schon ältere Eier erinnert, ruft die Optik wieder in Erinnerung. Die Kombination ist angenehm, hell, aber ohne zu kopflastig zu werden.

Das Gefühl ist dann auch im Mund vorhanden, zunächst ist da haufenweise Aprikose, Mandarine und Orange, aber eher der Saft als die Schale. Weich, rund, erst im Abgang kommt etwas prickelnde Bittere auf, die die Zunge dann kühlt. Das fette, cremige Mundgefühl passt richtig schön dazu, das kaut sich gut. Am Ende bleibt ein klares Gefühl, die hellen Früchte klingen lange nach.

Ein mildes, feines IPA, das sich wirklich gemütlich trinkt und nicht anstrengt. Mir gefällt besonders die gelungene Balance aus Süße und Frische!


Gehen wir damit direkt über zum Rügener Insel-Brauerei Roar IPA. Meine Flasche hat die Nummer 15622 aus 20000 der Limited Edition No. 2. 7,3% Alkoholgehalt finden wir hier, ebenso wie beim Vorgänger 30 Bittereinheiten, und auch Gersten-, Weizen- und Hafermalz. Das Bier ist stark trüb, in Safranton gehalten, mit passender Eierschalenfarbe des gemischtblasigen Schaums, der sich für ein IPA gut hält. Sehr starkes Mousseux sieht man, die von den einzelnen Bröckchen Hefe aufsteigen, die beim Eingießen mit ins Glas gespült werden.

Rügener Insel-Brauerei Roar IPA

Die Nase ist eine interessante Mischung aus erdigen Tönen und fruchtigen Noten – da spielt Champignon mit Grapefruit, Ei mit Aprikose und Sahne mit Pfirsich. Sehr angenehm zu schnuppern, weil es nie kratzt oder eckig wirkt, sondern rund und weich.

Auch im Antrunk merkt man das, liebliche Süße aus Frucht und Floralität beginnt da, die erdigen Noten kommen schnell dazu, besonders die Champignons. Direkt spürt man die Frische und die Karbonisierung, das räumt den Gaumen frei und hinterlässt ein klares Gefühl, insbesondere, wenn man es etwas gekühlt trinkt. Das Mundgefühl ist weich, ohne zu schmeichelnd zu werden, die 30 IBU kommen im Verlauf erkennbar auf, und gegen Ende ist das herbbitter mit einem fast mentholischen Eindruck.

Ein gefühlt leichtes, aber nicht untypisches IPA, das mit der Bittere und den Hopfenfrüchten gekonnt spielt, ohne sich je anzubiedern. Die schöne herbe Frische macht es auch zu einem idealen Essensbegleiter, denn es drängt sich nicht durch übermäßige Aromatik in den Vordergrund, sondern unterstützt.


Ach, ich verstehe es nicht, wenn man in manchen Onlineforen liest, dass Leute die Biere der Rügener Inselbrauerei nicht mögen. Das ist sicherlich mit der kreativste Brauer, der sich nie ausruht und immer neue Sorten auf den Markt bringt, und ich hatte selbst ehrlich noch keins, das mir nicht geschmeckt hätte. Roar und Tweet reihen sich in diese positiven Erfahrungen beide ohne Mühe ein.

Steiermaica – Distillery Krauss Rum Cask Strength und Rum Sherry Cask Finished

Guter Rum kommt aus… woher? Wenn man einfach mal so im Bekanntenkreis herumfragt, hört man in der Regel Kuba, Barbados, Jamaica. Ja, das sind natürlich die klassischen Rumländer, das karibische Klima bietet halt schlicht die Möglichkeit, Zuckerrohr anzubauen und damit zu arbeiten, und entsprechend hat man seit Jahrhunderten auch die dazu nötige Erfahrung. Persönlich habe ich aber auch inzwischen einen starken Bezug zu, nennen wir ihn mal zur Abgrenzung „kontinentalem Rum“. Der wird inzwischen überall in Europa gemacht, auch in deutschsprachigen Gebieten, wo man erstmal nicht damit rechnet. Man ist da natürlich im Vergleich noch am Anfang, doch es hat sich für mich schon eine erkennbare Stilistik herausentwickelt, die aus den unterschiedlichen Gegebenheiten entstand – Melasse muss importiert werden, die Fermentation ist gesteuerter, das Brennen erfolgt in anderen Apparaten und mit anderem Selbstverständnis, das meist aus der Tradition des Obstbrands gewachsen ist.

Ich habe hier bereits diverse kontinentale Rums besprochen, heute gehen wir zu einem ähnlichen Zweck mal in eine Region, die man auch nicht so richtig mit Rumherstellung assoziert: Die Steiermark. Dort haben Carmen und Werner Krauss ihre Brennerei, und machen unter anderem den Distillery Krauss Rum Cask Strength und den Rum Sherry Cask Finished. Man bezieht sich in der Produktbeschreibung direkt auf das, was ich zuvor erwähnt hatte – das Können, das man sich beim Brennen von Obst angeeignet hat. Die eingekaufte Melasse (es ist wohl aber nur eine Frage der Zeit, bis Zuckerrohr auch im Leibnitzer Feld angebaut werden kann, wenn man die Anstrengungen zum Klimaschutz im aktuellen Umfang so weiterplätschern lässt) wird mit zwei ausgewählten unterschiedlichen Hefesträngen, die die Fruchtigkeit betont hervorbringen sollen, fermentiert und dann doppelt gebrannt. Es kommen weder Farb- noch Süßstoffe zum Einsatz, ich freue mich immer, wenn ich solche Aussagen auf Etiketten sehe.

Distillery Krauss Rum Cask Strength und Rum Sherry Cask Finished

Probieren wir den ersten des Duos, den Distillery Krauss Rum Cask Strength. Er ist, wie der Name schon sagt, in Fassstärke von 56,8% Alkoholgehalt abgefüllt, ungefiltert. Jenes Fass ist ein neues aus amerikanischer Eiche, und der Zeitraum wird mit 20 Monaten angegeben. „Natural color“ steht auf dem Etikett, und diese ist auch natürlich hübsch gelungen für einen nichtmal zweijährigen Brand – zwischen Gelbgold und Bernstein liegt die Farbe, die sich beim Schwenken passend lebendig zeigt und glitzert. Leichte Viskosität ist erkennbar, mit Schlierenfilmbildung an der Glaswand, da greift optisch eins ins andere.

Die Nase ist superfruchtig, eine schwersüße Fruchtvariante dabei, mit viel reifer Ananas ohne die Säure, die manchmal dazukommt, und braune Banane. Eine Assoziation ensteht bei mir, rote Apfelstücke, getunkt in eine Gewürz-Karamell-Sauce, und klare Erinnerungen an pflaumige Melasse. Holzeinfluss ist deutlich spürbar, mit viel Vanille, hier fühlt man die frischen Fässer, die verwendet wurden. Trotz all dem wirkt der Rum frisch und sauber, da finden sich keine teerigen oder überesterigen Noten. Etwas Ethanol ist da, bei dem angesetzten Alkoholgehalt kein Wunder, sicher aber nicht störend, auch nicht lackig, eher als Hauch.

Am Gaumen beginnt der Rum gemächlich, süßlich, mit einem ganz klaren, aber dennoch sehr weichen Mundgefühl. Die Süße wirkt sehr natürlich, mild, fast schon elegant, und sie trägt den gesamten Rest der Verkostung. Auf ihr bauen sich feine Würze und leise Wärme auf, ohne jedes Kratzen, trotz des hohen Alkoholgehalts. Honig, Ahornsirup, brauner Kandiszucker, dazu ein paar weiche Blütenaromen, das legt sich sehr schmeichlerisch an den Gaumen. Im Verlauf nimmt er aber erkennbar Fahrt auf, sowohl was Aromen, als auch was Effekte angeht, da erblüht dann die esterige exotische Fruchtmischung aus Ananas, Mango und würziger Papaya, und man bekommt auch diese leicht schmutzige Note, die an minimalen Rauch, feuchtes Holz und salziges Karamell erinnert, mit Ideen von Süßholz und Toffee. Im Abgang kehrt der Rum wieder zum Anfang zurück, Toffee und Bitterschokolade zeigen sich, und minimalst phenolisch hallt es dann nach, während die leichte Trockenheit gerade so erscheint, dass keine Astrigenz dazukommt.

Sehr balanciert, sehr ausgewogen, dabei aber nicht zu bequem – mit diesem Rum hat die Distillery Krauss einen wirklich runden Brand geschaffen, und, das will ich betonen, einen, der nicht allzu „sauber“ ist, man hat sich hier nach meinem Gefühl getraut, die Obstbrennerkrankheit abzulegen, die viele Rumproduzenten außerhalb der Karibik befällt, dass man zu streng brennt; ein Rum braucht etwas Lockerheit, vielleicht bei der Abtrennung von Vor- und Nachlauf oder bei der Fermentation, um wirklich Spannung entwickeln zu können und nicht rein zum Zuckerrohrler zu werden.


Der zweite Rum, den ich hier vorstelle, ist der Distillery Krauss Rum Sherry Cask Finished. Die Herstellung ist praktisch identisch zum zuvor vorgestellten Rum, der Twist ist eben das sechsmonatige Finish – und hier handelt es sich eigentlich nicht um ein klassisches Sherryfass, wie wir es von vielen Scotches kennen, sondern um ein Fass, das zunächst PX-Sherry enthielt, und danach mit Islay-Whisky nachbelegt wurde. Mit diesem Wissen spekulieren wir auf zwei Einflüsse aus dem einen Behältnis; ich bin gespannt, wie sich das äußert.

Von einem Sherryfass erwartet man jedenfalls erstmal Färbung, das wird hier auch nicht enttäuscht, Kupfer, das schon in Terracotta übergeht, steht hier im Glas, mit vielen orangenen und gelben Lichtreflexen. Beim Drehen des Glases bildet sich dank der fühlbaren Öligkeit eine fette Kante, aus der der Rum in Beinen recht zügig abläuft, dabei aber noch Reste hinterlässt, die das Licht schön brechen.

Initial ist die Nase noch leicht unschlüssig, man erkennt zwar den Krauss-Rum als Basisdestillat heraus, doch bei weitem nicht so breit, wie man das bei zuvor besprochenem gespürt hatte. Steinfrucht ist da, der Apfel weiterhin, und viele süße Töne von weißer Schokolade, Vanille und auch etwas Zimt – das ganze ist aber unterdrückter, und wird von einer Komponente feuchten Holzes, das sogar in Karton übergeht, bedrängt. Ein Ticken Schwefel ist vorhanden. Das ziept auch etwas in der Nasenschleimhaut, schnuppert man tiefer.

Im Mund ist initial auch hier die schöne, natürliche, dichte Süße dominierend, mit vielen reifen Fruchteindrücken und Honigwürze. Die Textur ist rund und weich, der Rum breitet sich schnell aus und fühlt sich angenehm viskos an. Nach einer Zeit, in der man die Flüssigkeit im Mund hin und her geschoben hat, zeigt sich dann aber das Fass: holzige Noten drängen sich nach vorne, der Rum wird leicht brotig oder teigig, und deutliche Astringenz setzt ein. Die Süße verschwindet, Trockenheit übernimmt stattdessen. Hier fühlt man relativ plötzlich die Vorbelegung des Fasses, und zwar weniger den Sherry, als vielmehr den Islay-Whisky, mit leicht torfig-rauchigen Noten, die immer stärker werden, bis im Abgang kaltes, säuerliches Feuer sie löscht und die Frucht des Sherrys und des Basisrums wieder zum Vorschein kommen lassen.

Das ist für mich zugegebenermaßen nicht ganz einfach. Ich mag die einzelnen Schritte, die der Rum durchläuft, von süß über trocken, von fruchtig zu holzig, von Islay nach Jerez, und die jeweiligen Zustände einzeln für sich – doch die Übergänge zwischen diesen Schritten hakeln etwas. Vielleicht benötigt der Rum etwas mehr Ruhezeit, um sich zu runden, vielleicht ist eine Islay-Vorbelegung auch etwas streng für ein diesbezüglich noch nicht ganz gefestigtes Basisdestillat. Ich könnte mir vorstellen, dass das mit längerer Reifung richtig spannend werden kann.


Der Sunset at Gowanus ist, das sieht der Kenner sofort, ein Twist auf einen Daiquiri. Ich nutze als Apfelkomponente, das bot sich einfach natürlich an, den Sulm Valley Apple aus derselben Brennerei Krauss. Irgendwie fühlt sich das ganze wie eine jamaikanisch-steirische Kooperation an, und die kräftigsaure, aromatische Mischung lässt mich sowohl vom einen Land als auch vom anderen träumen (beide sind ideale Urlaubsdestinationen für mich!), während ich an dem Drink nuckle – Steiermaica halt.

Sunset at Gowanus Cocktail

Sunset at Gowanus
2oz / 60ml gereifter Rum
¼oz / 7ml Apfelbrand
¼oz / 7ml Chartreuse jaune
¾oz / 23ml Limettensaft
¼oz / 7ml Ahornsirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Alex Day]


Alle Produkte, die ich von der Brennerei Krauss habe, folgen demselben Designschema – eine schwere, rundliche Flasche mit Glasstandfuß, dem aufgeklebten Metalllogo und schlichten, aber dennoch hochwertigen Etiketten, sowie einem Rücketikett mit Tasting Notes. Das liegt gut und haptisch in der Hand, man verzichtet auf Kitsch und künstliches Rumbrimborium, eine sanfte und angenehm schlichte Präsentation, die dem Auge trotzdem gefällt.

Als Einstieg in kontinentalen Rum dieser Machart empfehle ich den Cask-Strength-Rum der Krausses ausdrücklich, da ist viel der Typizität drin, die ich dieser immer noch neuen Rumuntergattung zuspreche, und handwerklich ist das einfach top. Wer sich dann noch dort weiter umschauen will: ein fassgereifter Gin macht Spaß, der schon beim Cocktailrezept angesprochene Apfelbrand zeigt die traditionellere Seite der Steirer, und diverse Liköre gibt es auch, für die mit dem süßeren Zahn. Einige der Produkte werde ich hier in Zukunft noch besprechen, versprochen!

Offenlegung: Ich danke der Distillery Krauss für die bedingungslose Zusendung je einer Flasche des Cask-Strength- und des Sherry-Cask-Finished-Rums, und True Spirits für die Vermittlung.