Armagnac am Freitag – Grape of the Art Danis 1988 Armagnac

Es ist eine Premiere – das 1. German Armagnac Festival findet dieses Jahr statt, in Stuttgart. Nachdem Armagnac jahrzehntelang in Deutschland ein trübes Schattendasein gefristet hatte, unter dem großen Bruder Cognac immer nur ferner lief, holen in den letzten Monaten engagierte Jungunternehmer den französischen Weinbrand aus der Tristesse und führen ihn mit ambitionierten Einzelfassabfüllungen in kleinsten Auflagen nach Deutschland. Ich glaube, das wird auch gut angenommen – und das Armagnac-Festival ist hoffentlich ein weiterer Schritt, zu zeigen, was diese bodenständige Spirituosenkategorie alles kann. Wer am 24. Juni 2023 also nichts zu tun hat (und wer was zu tun hat, sage einfach die anderen Termine ab), sollte ganz sicher dort vorbeischauen – eine derartige Bandbreite von Armagnacs und hochgradigen Informationsquellen auf so engem Raum wird man sonst nirgendwo in Deutschland, wahrscheinlich sogar Europa, auf absehbare Zeit finden können.

1. German Armagnac Festival Aussteller

Von der Zukunft zum aktuellen Glasinhalt. Heute probieren wir einen 33-jährigen Armagnac aus der Region Ténarèze. Der Grape of the Art Danis 1988 basiert rein auf der Rebsorte Folle Blanche. Destilliert wurde, wie der Name schon sagt, 1988, und nach den vielen Jahren im Fass dann im März 2023 auf 187 Flaschen gezogen, ohne Verdünnung, in der Fassstärke von 47,6% (eine durchaus ungewöhnlich niedrige Zahl für Fassstärke, da sieht man aber auch, dass Armagnac nicht unbedingt auf eine hohe Ausgangsalkoholstärke hin destilliert wird).

Helles Kupfer, blitzende Lichtreflexe, völlige Klarheit, leichte Öligkeit – es gibt Spirituosen, bei denen macht es schon so richtig Spaß, sie einfach eine Weile lang im Glas zu drehen und wenden. Über die Glaswandartefakte staunen, die ersten, vorsichtigen Düfte wahrnehmen, die dabei dem Glas entströmen, zu spüren, wie einem das Wasser schon langsam im Munde zusammenläuft – der Danis 1988 macht initial schonmal alles richtig.

Grape of the Art Danis 1988 Armagnac

Genug geschwelgt über zarte Andeutungen, rein mit der Nase ins Glas, um das volle Programm zu bekommen. Eine ideale Mischung aus süßvanilligen Holznoten und schwersüßen Trauben- und Rosinentönen erwartet einen da, bodenständig, voll und rund, fruchtig und dennoch mit einer gewissen Eleganz. Ein Armagnac, der nicht dahergeflatscht kommt wie ein Tölpel, sondern leicht tänzelnd, ohne balletig zu werden, mehr sowas wie Fred Astaire.

Auch im Mund geht diese Leichtigkeit weiter, das fühlt sich frisch und luftig an, wie ein Atemzug im Frühling, wenn es schon warm ist, aber noch nicht heiß, und die Linden blühen; die Fruchtigkeit ist ausgeprägt, auch sie eher helltönig und mildsüß, kein bisschen Schwere ist da drin, der Brand wirkt trotz 33 Jahren jugendlich, und niemals müde. Die Textur ist flauschig weich, im Verlauf entsteht pikante Chiliwürze, die kurz aufbrennt und dann schnell verklingt, ein leises Brummen am Gaumen und der Zunge zurücklässt, während die ganz sanfte Trockenheit und handfeste Bittere edel den Mundraum belegen, ohne wirklich Spucke abzusaugen. Ein langer, blumigfruchtiger Nachklang belohnt die Zeit, die wir uns mit dem Danis 1988 gelassen haben.

Ideal, archetypisch, trinkig. Ich wüsste keinen einzigen Kritikpunkt an diesem Armagnac. Irre gut, perfekt gemacht.


Offenlegung: Ich danke Grape of the Arts für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.

Nostalgie in der Flasche – Elixir d’Anvers

Belgien ist ein mehrsprachiges Land. Die Region Wallonien spricht Französisch, die Region Flandern spricht niederländisch, und es gibt an der Grenzregion zu Deutschland auch kleine deutschsprachige Gebiete. Die Grenze zwischen den Hauptsprachen Niederländisch (rund sechs Zehntel) und Französisch (rund vier Zehntel) läuft ziemlich genau durch die Mitte des Landes, eine fast gerade horizontale Linie von West nach Ost. Sprache ist etwas sehr Definierendes, nicht nur für die Belgier, und darum war ich verwundert, als ich sah, dass ein Grundstein der belgischen Spirituosenkultur, das Elixir d’Anvers, mit einem französischen Namen auftritt; Anvers ist natürlich der französische Name der Stadt Antwerpen, der größten Stadt Flamens und auch Gesamtbelgiens. Ich habe Carl-Ivan Nolet de Brauwere, den Director bei Elixir d’Anvers, gefragt, warum der Likör nicht „Elixer van Antwerpen“ heißt, und die Antwort war einfach – Mitte des 19. Jahrhunderts parlierten Bourgeoisie und Aristokratie das prestigeträchtige Französisch, obwohl der Rest der Stadt durchgängig niederländisch sprach. Das hinderte aber nicht jeden Stand daran, das Elixir gerne zu trinken – vom einfachen Arbeiter bis zum Königshaus nippten alle gern und viel daran, es war für alle erschwinglich und beliebt, der Name ist darum seit 160 Jahren auf französisch geblieben, auch wenn Antwerpen heute eine komplett niederländischsprachige Stadt ist.

Wie bei den meisten dieser Kräuterelixiere ist die genaue Rezeptur unter Verschluss, nur wenige Personen selbst beim Hersteller F.X. de Beukelaer kennen sie. Garantiert wird jedenfalls, dass ausschließlich natürliche Zutaten verwendet werden, in getrockneter oder frischer Form, keine Extrakte oder Aromastoffe. Besonders ist darüber hinaus, dass eine Holzfassreifung stattfindet: Für 3 Monate durchläuft der fertige Likör eine Art Solera-System, mit kleinen Fässern oben und großen Fässern unten in einem Lagerhaus; frischer Likör kommt oben in die Fässer, und dieser wird, wenn weiter unten etwas für eine Abfüllung in Flaschen entnommen wird, zur Nachfüllung benutzt. Insgesamt dauert es rund 5 Monate, bis das Elixir d’Anvers flaschenfertig ist. Soviel Aufwand, da freut man sich dann doch sehr darauf, zu probieren, was das gebracht hat.

Elixir d’Anvers

Die Flüssigkeit selbst ist ähnlich gelb wie das Etikett, und entstammt dem Einsatz von Safran – man nutzt also natürliche Zutaten selbst für die Färbung. Im Glas sieht man noch, neben der zitroniggelben Farbe, einen minimalen Grünstich. Schwenkt man das Glas, sorgt die ausgesprochen fette Viskosität für einen ähnlich dicken Film, der kammartig und langsam abläuft.

In der Nase fallen zunächst die Kopftöne aus Kardamom, Sternanis und Piment auf, die durch nur geringfügig weniger präsente Orangen- und Zitronenzestigkeit frischfruchtig aromatisiert wird. Etwas Wermutkraut und Anis erzeugen eine Erinnerung an Absinthe, erst dann hat man süßere Eindrücke, aber selbst diese noch mit ätherischen Komponenten, wie Süßholz. Das wird um dann noch fruchtigere Noten, Quitte und Birne vielleicht, ergänzt, ohne wirklich in die Fruchtlikörrichtung zu kippen. Zimt liegt ganz dezent über allem, und auch eine gewisse pfeffrige Gewürznote, die sich mit dem minimalst erriechbaren Ethanol kombiniert. Ein sehr komplexes Geruchsbild, sehr gewürzlastig, man ahnt wirklich schon, dass hier nicht wenige Zutaten ausgewählt wurden.

Elixir d’Anvers Glas

Das erste, was im Mund dann auffällt, ist natürlich die schwere, dicke Textur, die man schon zuvor mit dem Auge gesehen hatte. Da ist ordentlich zuckrige, aber nie pappig-klebrige Süße drin, was die Textur natürlich unterstützt, so dass sich das Elixir d’Anvers breit am ganzen Gaumen zeigt. Es dauert etwas, bis sich die Aromen langsam entfalten, das ist keine Brechstange, mehr eine sich in Zeitlupe entfaltende Blüte, die dann genau die frischeren Töne von Kardamom, Sternanis und Piment freisetzt, die der Nase sofort aufgefallen waren. Orangen- und Grapefruitzeste geben die kantige Frische ätherischer Öle dazu, Koriander steuert eine leicht grünkraurige Seite bei. Dabei wirkt das ganze sehr rund und aus einem Guss, mit aus Fassreifung entstandenen zarten Übergängen zwischen den Komponenten, eingekapselt in die wirksame, angenehme Süße. Später kommt ein leicht pfeffriges Kribbeln auf, das dann auch den langen Abgang begleitet, wenn die grünen Kräuter nochmal einen kleinen Auftritt haben. Dort fühlt man dann sogar eine gewisse Astringenz, der Gaumen und die Zunge sind minimal anästhesiert, ein langer und angenehm milder Nachhall lässt sich viel Zeit damit, den Mundraum wieder freizugeben. Ein rundum angenehmes Trinkgefühl, man spürt die Vielschichtkeit der Zutaten und die Zeit, die der Likör in der Fassreifung verbracht hat, wird aber von beidem nie überwältigt, im Gegenteil, das ist Easy Drinking, ohne je banal zu werden.


Ich versuche, den Elixir d’Anvers Reserve, den ich in einer Vorabversion der nagelneuen 2023er-Abfüllung noch ohne offizielles Etikett (zum 160. Firmenjubiläum hat man sich bei F.X. de Beukelaer einen neuen Look für diese extragereifte Fassung überlegt) bekommen habe, im direkten Vergleich zum Standardprodukt zu betrachten. Die zusätzliche Zeit, die man diesem Produkt im Eichenfass gönnt – 2 Jahre, also verachtfacht man die Fasslagerzeit! -, hat etwas von dem Grünstich, den ich beim Standard gesehen hatte, entfernt. Paradoxerweise wirkt die Nase etwas frischer, heller, da ist erkennbar weniger Wermutkraut präsent, aber auch praktisch keine Ethanolnote mehr. Der Geschmack ist dafür würziger, pikanter, entwickelt fast eine salzige Seite, Koriander und Anis zeigen sich mehr. Alle Kräuter sind dann aber noch besser verwoben, ineinander verschmolzen, es fällt einem viel schwerer, einzelne Noten herauszupicken; das Gesamtbild ist noch einheitlicher und runder, mit toller Struktur, die sich am Gaumen weiterhin ähnlich langsam entwickelt, aber in eine leicht andere Richtung; der Abgang ist nun eher von Eukalyptus getrieben, frischprickelnd, und im Nachhall entsteht sogar noch eine leicht florale Seite, die an Jasmin erinnert. Ja, man spürt und schmeckt den Unterschied, das Elixir d’Anvers Reserve ist ein eleganterer, strukturierter Likör, und betrachtet man das auf ein eh schon richtig gutes Basisprodukt oben drauf, wird klar: das Ausprobieren lohnt sich ganz sicher.


Kräuterliköre sind natürlich eine grundlegende Zutat der Cocktailwelt, da beißt die Maus keinen Faden ab. Das war schon immer so, und in modernen Zeiten ist das sogar noch mehr so, diese Kräuterliköre können sowohl selbstständig als tragende Zutaten genutzt werden, als auch als kleine gewürzähnliche Aromen in Spritzerform. Oder auch völlig gleichwertig, wie im Monte Cassino, der meiner Meinung nach mit dem Elixir d’Anvers sogar noch besser funktioniert als mit der gelben Chartreuse, die man ursprünglich hier eingesetzt hat.

Monte Cassino Cocktail

Monte Cassino
¾oz / 23ml Rye Whiskey
¾oz / 23ml Elixir d’Anvers
¾oz / 23ml Bénédictine
¾oz / 23ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Damon Dyer]


Die achteckige Flasche hat in ganz Belgien einen hohen Wiedererkennungswert, in Antwerpen, wo der Likör herstammt, sowieso, da gehört die Marke wie schon gesagt zum hochprozentigen wie auch stadtbildnerischen Kulturerbe, und man schmückt sich auf dem Etikett ja sogar mit dem Stadtwappen. Wer sich für die Geschichte und die Herstellungsdetails des Elixir d’Anvers über das hinaus, was ich in der Einleitung schon erzählt hatte, interessiert, dem lege ich noch das wunderbar gestaltete Buch von Tanguy Ottomer ans Herz (ISBN 9789460583261). Der Antwerpenkenner hat alles gesammelt, was über diesen Likör zu berichten ist, und das ist eine ganze Menge in den 160 Jahren seiner Bestandsgeschichte. Stark bebildert, hervorragende Papier-, Reproduktions- und Bindungsqualität, zweisprachig in niederländisch und englisch, das ist was zum Schmökern und Schwelgen für Spirituosenfreunde wie auch für Leser, die einfach gerne diese wunderbaren alten Werbetafeln betrachten oder historische Fotos mögen. Zusammen mit einem Gläschen des Elixir d’Anvers kann man da einen sehr angenehmen Sonntagnachmittag verbringen!

Offenlegung: Ich danke Elixir d’Anvers für die kosten- und bedingungslose Zusendung der beiden Flaschen und des Buchs, und True Spirits für die Vermittlung.

Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Roar IPA und Tweet IPA

Neulich hatte ich bei der Besprechung des Sierra Nevada Pale Ales gesagt, dass die kalifornische Brauerei ganz oben steht bei mir, was die Menge an auf meinem Blog vorgestellten Bieren steht. Direkt danach kommt aber dann schon eine deutsche Brauerei von der Ostsee, die die Verfolgung der Amis aufgenommen hat und sie vielleicht bald überholen könnte. Nach dem Rumble IPA habe ich nun zwei weitere geräuschvolle India Pale Ales von dort hier im Angebot, das Rügener Insel-Brauerei Roar IPA und das Tweet IPA. Geben wir ihnen einfach direkt die Chance, diesen Beliebtheitswettbewerb für sich entscheiden zu können!

Rügener Insel-Brauerei Roar und Tweet IPA

Starten wir einfach mal mit der Flasche 05724 von 20000 aus der Limited Edition No.4, dem Rügener Insel-Brauerei Tweet IPA. Die Zahlen rattere ich einfach mal runter: 6,0% Alkoholgehalt, 30 IBU, und schließlich Flaschenreifung, wie bei der Insel-Brauerei üblich. Sowohl Gerstenmalz als auch Weizen- und Hafermalz werden verwendet, Citra, El Dorado, Mosaic, Sultana und Mandarina Bavaria dienen als Hopfensorten für dieses India Pale Ale im New England-Stil. Diesem Stil entsprechend volltrüb ist es, mit Eidotterfarbe, man sieht etwas Licht durchscheinen, doch insgesamt sieht es aus wie ein Eigelb im Glas, mit schöner eischalenfarbenem, sehr feinblasigen Schaum.

Rügener Insel-Brauerei Tweet IPA

Wie es einem IPA geziemt, riecht man beim Schnuppern hauptsächlich griffigen Hopfen, das geht von milder Aprikose über zu zestiger Orange und dann zu Grapefruitschale, mit deutlicher Ätherik, ohne zwickig zu werden. Eine gewisse Erdigkeit, die wieder etwas an schon ältere Eier erinnert, ruft die Optik wieder in Erinnerung. Die Kombination ist angenehm, hell, aber ohne zu kopflastig zu werden.

Das Gefühl ist dann auch im Mund vorhanden, zunächst ist da haufenweise Aprikose, Mandarine und Orange, aber eher der Saft als die Schale. Weich, rund, erst im Abgang kommt etwas prickelnde Bittere auf, die die Zunge dann kühlt. Das fette, cremige Mundgefühl passt richtig schön dazu, das kaut sich gut. Am Ende bleibt ein klares Gefühl, die hellen Früchte klingen lange nach.

Ein mildes, feines IPA, das sich wirklich gemütlich trinkt und nicht anstrengt. Mir gefällt besonders die gelungene Balance aus Süße und Frische!


Gehen wir damit direkt über zum Rügener Insel-Brauerei Roar IPA. Meine Flasche hat die Nummer 15622 aus 20000 der Limited Edition No. 2. 7,3% Alkoholgehalt finden wir hier, ebenso wie beim Vorgänger 30 Bittereinheiten, und auch Gersten-, Weizen- und Hafermalz. Das Bier ist stark trüb, in Safranton gehalten, mit passender Eierschalenfarbe des gemischtblasigen Schaums, der sich für ein IPA gut hält. Sehr starkes Mousseux sieht man, die von den einzelnen Bröckchen Hefe aufsteigen, die beim Eingießen mit ins Glas gespült werden.

Rügener Insel-Brauerei Roar IPA

Die Nase ist eine interessante Mischung aus erdigen Tönen und fruchtigen Noten – da spielt Champignon mit Grapefruit, Ei mit Aprikose und Sahne mit Pfirsich. Sehr angenehm zu schnuppern, weil es nie kratzt oder eckig wirkt, sondern rund und weich.

Auch im Antrunk merkt man das, liebliche Süße aus Frucht und Floralität beginnt da, die erdigen Noten kommen schnell dazu, besonders die Champignons. Direkt spürt man die Frische und die Karbonisierung, das räumt den Gaumen frei und hinterlässt ein klares Gefühl, insbesondere, wenn man es etwas gekühlt trinkt. Das Mundgefühl ist weich, ohne zu schmeichelnd zu werden, die 30 IBU kommen im Verlauf erkennbar auf, und gegen Ende ist das herbbitter mit einem fast mentholischen Eindruck.

Ein gefühlt leichtes, aber nicht untypisches IPA, das mit der Bittere und den Hopfenfrüchten gekonnt spielt, ohne sich je anzubiedern. Die schöne herbe Frische macht es auch zu einem idealen Essensbegleiter, denn es drängt sich nicht durch übermäßige Aromatik in den Vordergrund, sondern unterstützt.


Ach, ich verstehe es nicht, wenn man in manchen Onlineforen liest, dass Leute die Biere der Rügener Inselbrauerei nicht mögen. Das ist sicherlich mit der kreativste Brauer, der sich nie ausruht und immer neue Sorten auf den Markt bringt, und ich hatte selbst ehrlich noch keins, das mir nicht geschmeckt hätte. Roar und Tweet reihen sich in diese positiven Erfahrungen beide ohne Mühe ein.

Steiermaica – Distillery Krauss Rum Cask Strength und Rum Sherry Cask Finished

Guter Rum kommt aus… woher? Wenn man einfach mal so im Bekanntenkreis herumfragt, hört man in der Regel Kuba, Barbados, Jamaica. Ja, das sind natürlich die klassischen Rumländer, das karibische Klima bietet halt schlicht die Möglichkeit, Zuckerrohr anzubauen und damit zu arbeiten, und entsprechend hat man seit Jahrhunderten auch die dazu nötige Erfahrung. Persönlich habe ich aber auch inzwischen einen starken Bezug zu, nennen wir ihn mal zur Abgrenzung „kontinentalem Rum“. Der wird inzwischen überall in Europa gemacht, auch in deutschsprachigen Gebieten, wo man erstmal nicht damit rechnet. Man ist da natürlich im Vergleich noch am Anfang, doch es hat sich für mich schon eine erkennbare Stilistik herausentwickelt, die aus den unterschiedlichen Gegebenheiten entstand – Melasse muss importiert werden, die Fermentation ist gesteuerter, das Brennen erfolgt in anderen Apparaten und mit anderem Selbstverständnis, das meist aus der Tradition des Obstbrands gewachsen ist.

Ich habe hier bereits diverse kontinentale Rums besprochen, heute gehen wir zu einem ähnlichen Zweck mal in eine Region, die man auch nicht so richtig mit Rumherstellung assoziert: Die Steiermark. Dort haben Carmen und Werner Krauss ihre Brennerei, und machen unter anderem den Distillery Krauss Rum Cask Strength und den Rum Sherry Cask Finished. Man bezieht sich in der Produktbeschreibung direkt auf das, was ich zuvor erwähnt hatte – das Können, das man sich beim Brennen von Obst angeeignet hat. Die eingekaufte Melasse (es ist wohl aber nur eine Frage der Zeit, bis Zuckerrohr auch im Leibnitzer Feld angebaut werden kann, wenn man die Anstrengungen zum Klimaschutz im aktuellen Umfang so weiterplätschern lässt) wird mit zwei ausgewählten unterschiedlichen Hefesträngen, die die Fruchtigkeit betont hervorbringen sollen, fermentiert und dann doppelt gebrannt. Es kommen weder Farb- noch Süßstoffe zum Einsatz, ich freue mich immer, wenn ich solche Aussagen auf Etiketten sehe.

Distillery Krauss Rum Cask Strength und Rum Sherry Cask Finished

Probieren wir den ersten des Duos, den Distillery Krauss Rum Cask Strength. Er ist, wie der Name schon sagt, in Fassstärke von 56,8% Alkoholgehalt abgefüllt, ungefiltert. Jenes Fass ist ein neues aus amerikanischer Eiche, und der Zeitraum wird mit 20 Monaten angegeben. „Natural color“ steht auf dem Etikett, und diese ist auch natürlich hübsch gelungen für einen nichtmal zweijährigen Brand – zwischen Gelbgold und Bernstein liegt die Farbe, die sich beim Schwenken passend lebendig zeigt und glitzert. Leichte Viskosität ist erkennbar, mit Schlierenfilmbildung an der Glaswand, da greift optisch eins ins andere.

Die Nase ist superfruchtig, eine schwersüße Fruchtvariante dabei, mit viel reifer Ananas ohne die Säure, die manchmal dazukommt, und braune Banane. Eine Assoziation ensteht bei mir, rote Apfelstücke, getunkt in eine Gewürz-Karamell-Sauce, und klare Erinnerungen an pflaumige Melasse. Holzeinfluss ist deutlich spürbar, mit viel Vanille, hier fühlt man die frischen Fässer, die verwendet wurden. Trotz all dem wirkt der Rum frisch und sauber, da finden sich keine teerigen oder überesterigen Noten. Etwas Ethanol ist da, bei dem angesetzten Alkoholgehalt kein Wunder, sicher aber nicht störend, auch nicht lackig, eher als Hauch.

Am Gaumen beginnt der Rum gemächlich, süßlich, mit einem ganz klaren, aber dennoch sehr weichen Mundgefühl. Die Süße wirkt sehr natürlich, mild, fast schon elegant, und sie trägt den gesamten Rest der Verkostung. Auf ihr bauen sich feine Würze und leise Wärme auf, ohne jedes Kratzen, trotz des hohen Alkoholgehalts. Honig, Ahornsirup, brauner Kandiszucker, dazu ein paar weiche Blütenaromen, das legt sich sehr schmeichlerisch an den Gaumen. Im Verlauf nimmt er aber erkennbar Fahrt auf, sowohl was Aromen, als auch was Effekte angeht, da erblüht dann die esterige exotische Fruchtmischung aus Ananas, Mango und würziger Papaya, und man bekommt auch diese leicht schmutzige Note, die an minimalen Rauch, feuchtes Holz und salziges Karamell erinnert, mit Ideen von Süßholz und Toffee. Im Abgang kehrt der Rum wieder zum Anfang zurück, Toffee und Bitterschokolade zeigen sich, und minimalst phenolisch hallt es dann nach, während die leichte Trockenheit gerade so erscheint, dass keine Astrigenz dazukommt.

Sehr balanciert, sehr ausgewogen, dabei aber nicht zu bequem – mit diesem Rum hat die Distillery Krauss einen wirklich runden Brand geschaffen, und, das will ich betonen, einen, der nicht allzu „sauber“ ist, man hat sich hier nach meinem Gefühl getraut, die Obstbrennerkrankheit abzulegen, die viele Rumproduzenten außerhalb der Karibik befällt, dass man zu streng brennt; ein Rum braucht etwas Lockerheit, vielleicht bei der Abtrennung von Vor- und Nachlauf oder bei der Fermentation, um wirklich Spannung entwickeln zu können und nicht rein zum Zuckerrohrler zu werden.


Der zweite Rum, den ich hier vorstelle, ist der Distillery Krauss Rum Sherry Cask Finished. Die Herstellung ist praktisch identisch zum zuvor vorgestellten Rum, der Twist ist eben das sechsmonatige Finish – und hier handelt es sich eigentlich nicht um ein klassisches Sherryfass, wie wir es von vielen Scotches kennen, sondern um ein Fass, das zunächst PX-Sherry enthielt, und danach mit Islay-Whisky nachbelegt wurde. Mit diesem Wissen spekulieren wir auf zwei Einflüsse aus dem einen Behältnis; ich bin gespannt, wie sich das äußert.

Von einem Sherryfass erwartet man jedenfalls erstmal Färbung, das wird hier auch nicht enttäuscht, Kupfer, das schon in Terracotta übergeht, steht hier im Glas, mit vielen orangenen und gelben Lichtreflexen. Beim Drehen des Glases bildet sich dank der fühlbaren Öligkeit eine fette Kante, aus der der Rum in Beinen recht zügig abläuft, dabei aber noch Reste hinterlässt, die das Licht schön brechen.

Initial ist die Nase noch leicht unschlüssig, man erkennt zwar den Krauss-Rum als Basisdestillat heraus, doch bei weitem nicht so breit, wie man das bei zuvor besprochenem gespürt hatte. Steinfrucht ist da, der Apfel weiterhin, und viele süße Töne von weißer Schokolade, Vanille und auch etwas Zimt – das ganze ist aber unterdrückter, und wird von einer Komponente feuchten Holzes, das sogar in Karton übergeht, bedrängt. Ein Ticken Schwefel ist vorhanden. Das ziept auch etwas in der Nasenschleimhaut, schnuppert man tiefer.

Im Mund ist initial auch hier die schöne, natürliche, dichte Süße dominierend, mit vielen reifen Fruchteindrücken und Honigwürze. Die Textur ist rund und weich, der Rum breitet sich schnell aus und fühlt sich angenehm viskos an. Nach einer Zeit, in der man die Flüssigkeit im Mund hin und her geschoben hat, zeigt sich dann aber das Fass: holzige Noten drängen sich nach vorne, der Rum wird leicht brotig oder teigig, und deutliche Astringenz setzt ein. Die Süße verschwindet, Trockenheit übernimmt stattdessen. Hier fühlt man relativ plötzlich die Vorbelegung des Fasses, und zwar weniger den Sherry, als vielmehr den Islay-Whisky, mit leicht torfig-rauchigen Noten, die immer stärker werden, bis im Abgang kaltes, säuerliches Feuer sie löscht und die Frucht des Sherrys und des Basisrums wieder zum Vorschein kommen lassen.

Das ist für mich zugegebenermaßen nicht ganz einfach. Ich mag die einzelnen Schritte, die der Rum durchläuft, von süß über trocken, von fruchtig zu holzig, von Islay nach Jerez, und die jeweiligen Zustände einzeln für sich – doch die Übergänge zwischen diesen Schritten hakeln etwas. Vielleicht benötigt der Rum etwas mehr Ruhezeit, um sich zu runden, vielleicht ist eine Islay-Vorbelegung auch etwas streng für ein diesbezüglich noch nicht ganz gefestigtes Basisdestillat. Ich könnte mir vorstellen, dass das mit längerer Reifung richtig spannend werden kann.


Der Sunset at Gowanus ist, das sieht der Kenner sofort, ein Twist auf einen Daiquiri. Ich nutze als Apfelkomponente, das bot sich einfach natürlich an, den Sulm Valley Apple aus derselben Brennerei Krauss. Irgendwie fühlt sich das ganze wie eine jamaikanisch-steirische Kooperation an, und die kräftigsaure, aromatische Mischung lässt mich sowohl vom einen Land als auch vom anderen träumen (beide sind ideale Urlaubsdestinationen für mich!), während ich an dem Drink nuckle – Steiermaica halt.

Sunset at Gowanus Cocktail

Sunset at Gowanus
2oz / 60ml gereifter Rum
¼oz / 7ml Apfelbrand
¼oz / 7ml Chartreuse jaune
¾oz / 23ml Limettensaft
¼oz / 7ml Ahornsirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Alex Day]


Alle Produkte, die ich von der Brennerei Krauss habe, folgen demselben Designschema – eine schwere, rundliche Flasche mit Glasstandfuß, dem aufgeklebten Metalllogo und schlichten, aber dennoch hochwertigen Etiketten, sowie einem Rücketikett mit Tasting Notes. Das liegt gut und haptisch in der Hand, man verzichtet auf Kitsch und künstliches Rumbrimborium, eine sanfte und angenehm schlichte Präsentation, die dem Auge trotzdem gefällt.

Als Einstieg in kontinentalen Rum dieser Machart empfehle ich den Cask-Strength-Rum der Krausses ausdrücklich, da ist viel der Typizität drin, die ich dieser immer noch neuen Rumuntergattung zuspreche, und handwerklich ist das einfach top. Wer sich dann noch dort weiter umschauen will: ein fassgereifter Gin macht Spaß, der schon beim Cocktailrezept angesprochene Apfelbrand zeigt die traditionellere Seite der Steirer, und diverse Liköre gibt es auch, für die mit dem süßeren Zahn. Einige der Produkte werde ich hier in Zukunft noch besprechen, versprochen!

Offenlegung: Ich danke der Distillery Krauss für die bedingungslose Zusendung je einer Flasche des Cask-Strength- und des Sherry-Cask-Finished-Rums, und True Spirits für die Vermittlung.

Bier am Freitag – Super Bock

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Eine pseudophilosophische Frage, die ich mir neulich unter anderem Umständen, aber mit derselben Konsequenz, stellte. Bei einem Besuch meines lokalen Edeka-Markts in der Mainzer Straße in Saarbrücken blieb mein Blick an einem neuen Bier, das der diesbezüglich sehr rührige Marktbetreiber ins Sortiment aufgenommen hatte, hängen: das Super Bock hat so einen Namen, unter dem ich mir nichts richtig vorstellen konnte, und das schlicht deswegen in meinem Wägelchen landete – zunächst in der „Mini“-Variante. Zurück zum Henne-Ei-Problem: ein paar Wochen später machte ich eine Reise nach Lissabon, und merkte schnell, dass das Super Bock dort allgegenwärtig ist; ich kannte das portugiesische Bier also lustigerweise schon, bevor ich dorthin flog, und hatte es vor der Reise dennoch überhaupt nicht auf dem Schirm. Und so holte ich mir nach der Rückkehr ziemlich direkt dann auch das Sechsertragerl in größeren Flaschen.

Super Bock

Kristallklares Kupfer landet beim Eingießen im Glas, es zischt dabei leise. Die Schaumkrone wechselt von einem fluffigen Häubchen, wenn man es vom Fass erhält, zu einer flacheren, grobblasigen Haube, wenn man es sich zuhause selbst aus der Flasche serviert, und diese ist dann auch schnell fast komplett verschwunden. Der Geruch ist getreidig, herb, mit fruchtigen Anflügen, aber höchstens das; ein bisschen Floralität scheint durch, in Kombination hat man fast etwas hubbabubbaartiges, nicht unangenehm, vor allem, weil sich das alles im Minimalstbereich abspielt. Das Getreide dominiert klar in einem insgesamt relativ zurückhaltended Geruchsbild.

Im Mund erkennt man direkt, wie eine gewisse Süße entsteht, die sich am Gaumen ausbreitet, die Textur ist passend weich und cremig, ohne dabei schwer zu werden. Rezenz ist üppig da, entstehend aus guter Karbonisierung und dazukommender, milder Säure. Ein Bier, das man kalt trinkt, das unterstützt dies noch. Geschmacklich muss man ähnlich suchen wie in der Nase, klare Gerstedominanz lässt nur minimalsten anderen Komponenten Raum. Der Abgang ist dann kurz, frisch, leicht.

Wie so oft gilt, dass man Urlaubserlebnisse nicht mit nach Hause transportieren kann. Man sollte es auch meist nicht einmal probieren, insbesondere bei Bier klappt das höchstselten in meiner Erfahrung. Während meines erwähnten Städteausflugs nach Lissabon (eine grandiose Stadt, ich rate jedem, dort einmal hinzufahren!) war das Super Bock ein ständiger Begleiter, es löschte den Durst vom ständigen Hoch und Runter in dieser hügeligen Metropole, war Erfrischer in der warmen Januarsonne in Belém, klärte den Gaumen bei den portugiesischen Tapas. Diese Erinnerungen sollte man behalten, und sie nicht dadurch mindern, dass man sie zuhause nachstellen will. Es funktioniert schlicht nicht – in Lissabon trinke ich das Super Bock extrem gerne, in Saarbrücken lasse ich es gern stehen.

Katzengold oder Edelmetall – Caroni Employees United Heavy Rum

Alles Gute geht auch mal zuende, und selbst für langdauernde Rumreihen ist das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht. Die Caroni Employees Special Edition war dabei eigentlich eine sehr schöne Idee – der italienische Abfüller und Importeur Velier zeigte damit seinen Respekt vor der Arbeit der Angestellten der inzwischen lang geschlossenen Brennerei, die in den letzten Jahren Kultstatus erreicht hatte und zum Synonym für seltenen, begehrten Rum geworden ist; und damit automatisch auch zum Synonym für die Schwierigkeiten, die den Rum aktuell etwas plagen, denn dieses allzu oft unerfüllte Begehren kann leicht in Frustration kippen und den Rumfreund, der diesen Brand doch so gern probieren würde, sich ihn aber nicht leisten kann, zum Verzweifeln bringen.

Also ist diese sechste Auflage, in der wir den Caroni Employees United Heavy Rum finden, die letzte, und hier sind dann auch passenderweise alle 15 der bisher geehrten Angestellten, die sich 2017 für ein von Velier organisiertes Erinnerungsevent getroffen hatten, noch einmal auf dem Etikettenfoto vereint, was natürlich auch den Namen erklärt. An den Rahmendaten der Abfüllung selbst hat sich kaum etwas geändert, da kann man die Fakten auch einfach aufzählen: Full Proof 66,6%, gebrannt 1996, dann fassgelagert und abgefüllt 2021 in 1038 Flaschen. Man hat für diesen Blend 4 Fässer ausgewählt, die schon ordentlich vom tropischen Klima und den Engeln ausgesaugt worden waren; der Angels‘ Share ist hier größer als 85%, man stelle sich diese absurde Zahl mal bildlich vor, da ist nur noch weniger als ein Fünftel eines Fasses erhalten geblieben. Berücksichtigt man das beim Trinken, wirkt der Schnaps gleich noch eindrucksvoller, finde ich.

Caroni Employees United Heavy Rum

Der erste Blick gilt natürlich der Farbe, die man wegen der Schwarzglasflasche erst im Glas sieht. Ich würde sie zwischen Mahagoni und Pariser Rot einsortieren, jedenfalls ein sehr kräftiger Farbton, der einem 15 Jahre lang rein tropisch auf Trinidad gereiften Brand sicher alle Ehre macht. Dem angemessen bewegt sich die Flüssigkeit auch träge, mit erkennbarer Viskosität, im Glas bilden sich direkt dicke Schlieren, die lange an der Wand kleben bleiben.

Bei Caroni denkt man oft an Dreck und Teer, doch hier finde ich das nicht in der Nase – da ist vielmehr dunkle Schokolade, Marzipan, Marc-Trüffel und Nougat, eine regelrechte Praline hat man da im Glas. Schnuppert man weiter, kommen herbere Noten dazu, dunkle Deckblätter einer Zigarre, eine alte Lederjacke, sowohl süßlich wie Ahornsirup, als auch kantig wie verbrannter Zucker. Den Lack darf man nicht verschweigen, er ist unterschwellig dauernd da, selbst nach einer großzügigen Offenstehzeit. Eine schweißige Komponente ist dieser Art Rum nie fremd, etwas erinnernd an feuchte Schuhe oder Katzenurin, natürlich nur in vorbeifliegenden Eindrücken; das erzeugt genau die Komplexität, die ich von einem höchstklassigen, seltenen Rum erwarte.

Caroni Employees United Heavy Rum Glas

Ganz sicher ein Duft, der mich dazu einlädt, erstmal bei ihm zu verweilen, doch irgendwann muss ja der erste Schluck folgen. Er enttäuscht dann auch nicht: die Herbe des Geruchs ist auch sofort am Gaumen präsent. Da ist nur ein Ansatz der schokoladigen Süße im Antrunk, wenn sich auch ein initial weiches Mundgefühl zeigt; ziemlich direkt schwenkt das um in pfeffrige, heiße Trockenheit, die mit viel Astringenz die Spucke wegsaugt, und ohne Federlesens den Gaumen zum Glühen bringt und die Zunge anästhesiert, sicher sowohl von der Würze als auch dem Alkoholgehalt getrieben. Trotz letzterem fühlt sich der Employees United nie wirklich unangenehm an im Mund, man muss Hitze und Schärfe aber vertragen, um das wertschätzen zu können. Wenn der anfängliche Pattex verflogen ist, zeigen sich verbranntes Popcorn, dunkles Karamell und stark geröstete Kastanien, Trockenfrucht und harziger Waldhonig bilden ein nur leichtes Gegengewicht zur feurigen Holznote, die mit etwas mineralischer Säure im Verlauf klar übernimmt. Der Abgang ist dann auch noch vorsichtig bitter, kitzelt das Zäpfchen, während holzig-ledrige Töne den Nachhall definieren, und ein paradox eiskalter Hauch, der ensteht, weil die Hitze den Mundraum langsam verlässt, ist das letzte, was noch lange bleibt.

Kraft und Wumms, das ist ohne Frage die Hauptcharakteristik dieses Rums. Nichts für Pappelriedchen, die lieber an süßen Smoothies nuckeln, nein, ganz klar was für harte Männer und starke Frauen, die mit dieser Wucht und dem Feuer umgehen können. Die bekommen aber wirklich was geliefert, etwas, wofür man sich für jeden einzelnen kleinen Schluck gern eine Viertelstunde Zeit lassen kann, ohne dass es langweilig wird. Sehr beeindruckend in seiner Konsequenz, das muss man diesem Rum lassen!


Es steht außer Frage, dass dies, mehr als viele andere Premiumspirituosen, dem Purgenuss dienen soll. Doch ich opfere ein paar der wertvollen Tropfen, denn ich weiß, dass ein Cocktail nicht weniger genussvoll ist, wenn man ihn gut und mit wertvollen Zutaten mischt. Im Horsefeathers ist dies bestens beweisbar, er profitiert ganz enorm von einem richtig starken Rum, und es reut mich keine Sekunde, ein paar Milliliter des Caroni Employees Only dafür eingesetzt zu haben.

Horsefeathers Cocktail

Horsefeathers
1oz / 30ml gereifter Rum
1oz / 30ml Cognac
½oz / 15ml Bénédictine
½oz / 15ml Maraschino
Auf Eis rühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach Benny Roff]


Die 10cl-Kleinflasche aus der auf 1038 Flaschen begrenzten VSGB-Reihe orientiert sich natürlich wie immer voll am Großflaschenvorbild, mit allen Details, die man sich wünschen kann, vom Etikett, über die Flasche selbst, bis hin zum kleinen Minikarton, der wie gewohnt die Nummer der Flasche innerhalb der Limitierung angibt (bei mir eben #868).

Ja, ich habe den Artikel mit den etwas bösen, kritischen Worten über Gier, Neid, Habenwollen und ähnliches angefangen, doch, so leid es mir für die tut, die diesen Rum nicht selbst probieren können: der Ruf ist halt irgendwie schon gerechtfertigt. Das ist toll gemacht, ein Zuckerrohrbrand, wie er heute halt nicht mehr hergestellt wird. Man verkostet hier zwar sicher auch Geschichte, ja, und das unterschätze ich persönlich selbst überhaupt nicht, aber gleichzeitig auch halt einen völlig unabhängig davon großartigen Rum, der schmeckt und abliefert ohne Ende. Es ist oft nicht alles Gold, was glänzt – aber hin und wieder doch.

Aromenwelten – DSM Tasting Box

24 Spirituosen, in einer Box gesammelt, in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen – ah, sowas ist ein feuchter Traum für mich. Wenn dann noch die Qualität stimmt, wovon man bei der Deutschen Spirituosen Manufaktur DSM ohne Frage ausgehen kann, ist das ein Überblick darüber, was man heutzutage als ambitionierter Brenner alles erreichen kann. Ich hatte vor einer Weile über meinen ersten Kontakt mit der DSM berichtet, und den Tarocco Blutorangengeist besprochen, der mir (und später auch, an Weihnachten, dem erweiterten Familienkreis!) viel Freude bereitet hatte, und ihn findet man auch in der Tasting Box. Darum blicke ich mal mit zu den niedlichen 10ml-Probefläschchen passenden ganz kleinen, knackigen Beschreibungen in eine kleine, persönliche Auswahl der anderen hier enthaltenen Spirituosen.

DSM Tasting Box

Ich greife einfach mal relativ blind in die Box, und ziehe mir für diesen Artikel die Destillate No. 157 Mallorquinische Persische Limette, No. 410 Indonesische Erdnuss, No. 620 Hallertauer Hopfen, No. 685 Deutsches Herbstlaub und No. 750 Apotheker’s Weihnachtsgeist als Beispiele für die Geiste heraus, dazu No. 930 Apotheker’s Johannisbeerlikör als Repräsentant für die Liköre, die ebenso enthalten sind. 10ml sind nicht viel, es reicht aber, erste Eindrücke zu sammeln und zu notieren.


DSM Destillat No. 157 Mallorquinische Persische Limette

Zitrusfrüchte sind für mich vergeistet einfach begeisternd, hier bei DSM Destillat No. 157 Mallorquinische Persische Limette rieche ich direkt die Limette, gut reif, sowohl die bittere Zeste als auch den sauren Fruchtsaft, insgesamt sehr hell, frisch und klar, fast schon ziepend frech, mit einer schon in der Nase fühlbaren Herbe. Am Gaumen kommt gerade letzteres viel deutlicher hervor, Bittersäure ist kantig drin, so dass der Geist nicht zu schmeichlerisch wird, was der Frucht nicht gerecht werden würde. Süße und Säure sind gut integriert, die Frucht geht im Abgang nochmal so richtig auf, und hallt dann lange nach.


DSM Destillat No. 410 Indonesische Erdnuss

Bei nächsten Geist, den DSM Destillat No. 410 Indonesische Erdnuss, kommt es einem so vor, als halte man die Nase in eine Packung frisch aufgemachter, gesalzener Erdnüsse. Was soll man dazu mehr sagen, die Nuss ist superprägnant getroffen, nicht Erdnussflips oder Erdnussbutter oder sonstwas, sondern die pure, reine Erdnuss, frisch geschält, auch mit herben Tönen von der braunen Haut und der zerdrückten Schale. Am Gaumen sitzt das tief und demonstriert eher die Schale, im Verlauf dann mit der Würzigkeit und der Salzigkeit von Snackerdnüssen, dann am Ende zusammen mit einem sehr warmen, fast hitzigen Gefühl zeigt sich die saubere Nuss wieder, die pikant nachklingt.


DSM Destillat No. 620 Hallertauer Hopfen

Hopfen kennen die allermeisten eher als Bitterhopfen aus dem Bier, doch wer am DSM Destillat No. 620 Hallertauer Hopfen schnuppert, riecht sofort den klar aromatischeren Hopfen eines Pale Ale oder IPAs. Die Aromen eines Hopfens sind sehr vielgestaltig, hier findet man Grapefruit, Mandarine und sogar einen Ticken Banane, mit der frechen Ecke, die ein Hopfen dazu hat. Auch im Mund ist das bunt und vielflächig, mit viel exotischer Frucht, frischer Säure, herber Bittere, und einem extrem langen, aromatischen Nachhall, bei dem sogar noch etwas Grünes dazukommt, und etwas Heu. Komplex und schwer zu greifen!


DSM Destillat No. 685 Deutsches Herbstlaub

Ein sehr erdiger, aber nicht modriger Duft begrüßt uns beim DSM Destillat No. 685 Deutsches Herbstlaub, das ist ein früher Herbst. Da rieche ich gelbe Blätter, feuchtes Gras, letzte Reste von herabgefallenen, nun bereits matschigen Früchten, und es erinnert mich schon deutlich an den Amaro al Fieno, den ich neulich besprochen hatte. Leichte Töne von Pilzen, dabei immer hell und süßlich – sehr attraktiv. Im Mund kommt zuerst Kandiszuckersüße vor, es bleibt weiter süßfruchtig, später entsteht diese klar fassbare Vegetabilität der Baumblätter, mit leicht harzigen Noten, besonders im ausdauernden Abgang. Sehr ungewöhnlich, und höchstfaszinierend.


DSM Destillat No. 750 Apotheker's Weihnachtsgeist

Es sollte jetzt erstmal Sommer (oder wenigstens Frühling!) werden, aber etwas wie den DSM Destillat No. 750 Apotheker’s Weihnachtsgeist trinke ich eigentlich das ganze Jahr über gern. Ich mag Gewürzgerüche, ich finde hier viele wieder: Kardamom, Piment, Zimt, das hat schon was von Glühwein, aber auch eine starke Komponente frischer Orangenzeste, die dem ganzen fruchtige Tiefe gibt. Am Gaumen verbreitert sich das alles ganz enorm, explodiert geradezu, mit weicher Textur und dichtem Mundgefühl. Süßlich, würzig, im Verlauf kommen weitere Gewürze wie Nelken dazu, vielleicht sogar Muskatnuss. Nicht kitschig weihnachtlich, das genießt sich auch am Strand unter Palmen (wo viele Gewürze ja eigentlich herkommen)!


DSM Destillat No. 930 Apotheker's Johannisbeerlikör

Zu guter letzt noch ein Versuch, was die Berliner noch bezüglich Likören können: der DSM Destillat No. 930 Apotheker’s Johannisbeerlikör hat 28% Alkoholgehalt, und statt kristallklar sehen wir ein tiefes, dunkles Rubinrot. Es ist faszinierend, wie klar die Johannisbeere erriechbar ist, als hätte man eine Schüssel der schwarzen Sorte vor sich. Etwas Holunderbeere spielt noch mit, sehr fein. Auch geschmacklich ist das praktisch Johannisbeersaft, diesmal die rote Sorte, mit Schale und auch Stielen, da ist eine gewisse Erdigkeit, die die Frucht und auch die Süßsäure mit Komplexität versieht. Das wirkt voll natürlich, erst im Nachgang merkt man zuckrige Noten, wenn der Likör warm langsam den Rachen hinunterläuft.


Die Fläschchen sind über den Inhalt hinaus auch repräsentativ und sorgen für ein schönes, haptisches Feeling, das Set wirkt ein bisschen wie eine Aromenbox eines Parfümherstellers – und irgendwie ist es auch inhaltlich etwas ähnliches, finde ich, und passt zur Philosophie der Brenner. Die Menge an unterschiedlichen Düften und Geschmäckern, die man in dieser Tasting Box vorgeführt bekommt, ist sowohl überwältigend als auch faszinierend, besonders in Bezug auf manche irgendwie verrückt klingende Idee, die trotzdem funktioniert hat. Jeder, der sich für die sensorische Bandbreite interessiert, von Reichenauer Schlangengurke über Bosnischen Steinpilz bis hin zu Ukrainischer Vogelbeere, die man heutzutage ins Verkostungsglas bekommen kann, wird hier ein grandioses Erlebnis haben können.

Offenlegung: Ich danke der Deutschen Spirituosen Manufaktur DSM für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Tasting Box.

Aus China in die Welt – Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱)

Ich hatte es oft erwähnt – das Hauptproblem, das Baijiu lange hatte, ist, dass kaum jemand, der sich für diese Spirituosengattung interessiert, an die Produkte leicht herankommen konnte; vieles, was ich hier in vielen Artikeln über Baijiu besprach, war eigentlich ausschließlich in Eigeninitiative über Chinaimporte zu erwerben, und selbst das ist höchstkompliziert, denn es gibt nur wenige Hersteller, die der westlichen Neugierlangnase dahingehend entgegenkommen, wenigstens englische Informationsquellen anzubieten. Das ändert sich in den letzten wenigen Jahren etwas, erstens enstehen in Deutschland direkte und indirekte Bezugsquellen, und es gibt ein durchaus brauchbares Basisangebot sowohl für Leicht-, als auch Stark- und Soßenaroma-Baijiu. Oft sind es immer noch engagierte Kleinimporteure, die die Last dieser Pionierarbeit tragen (ja, Andreas, ich meine Leute wie Dich!), hin und wieder findet sich aber auch eine Gesellschaft in China, die das Expansionspotenzial dieser höchst exotischen Spirituose in Europa und der Welt sehen.

So zum Beispiel die Hauhan International Trading Co.,Ltd., die mit ihren Produkten aktuell versucht, die weiterhin große Lücke an hochqualitativen Abfüllungen zu verkleinern. Als Beispiel stelle ich hier nun den Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱) vor – man beachte, der Hersteller nennt diese Marke selbst „IKuang“, wobei ich mir über das initiale „I“ unsicher bin, ich halte es einfach für einen Designtrick, mit dem man den vertikalen Strich des Ks betonen will, denn in den offiziellen Werbevideos des Abfüllers wird das I nicht ausgesprochen. Die zwei prominenten chinesischen Zeichen 狂浪 auf Karton und Flasche jedenfalls pinyinisieren sich als „Kuanglang“; wer sich für diesen Baijiu interessiert, sollte also vielleicht parallel nach „Kuanglang“ und „IKuang“ suchen. Das ist natürlich nur der Markenname, die spezielle Sorte nennt sich „Shangjiang“ 上酱, und wir bekommen damit ein Exemplar des besonders in Süd- und Südwestchina beheimateten Soßenaroma-Stils, im Dorf Yunlongjie bei Luzhou in Sichuan wird der Baijiu hergestellt. Man verwendet dafür laut Dokumentation „red tassel sorghum“, was wohl Sorghum bicolor ist, und Weizen. Wie für den Stil üblich geschieht dies mittels Trockenfermentation und -distillation, in klassischer und entsprechend aufwändiger Weise in mehreren Zyklen, in denen das einmalige Aroma entsteht. Der Hauptteil des „Kunsha“-Destillats (was dem höchsten Qualitätsstandard für Sorghum-Destillate entspricht) wird mindestens 12 Jahre in Tonkrügen gereift, und dann mit einem kleinen Anteil von 30 Jahre altem Brand geblendet. Das Ergebnis dieses langen Prozesses wollen wir uns mal nun zu Gemüte führen.

Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱)

Eine minimale Tönung erkennt man, aber höchstens Stroh, eher Crème, so ein ganz heller Weißweinton. Die Öligkeit dagegen ist sehr deutlich, richtig schwer schwappt der Baijiu hin und her, und lässt auch ordentlich was am Glas kleben, das dann in richtig fetten Beinen mit dicken Köpfen abläuft.

Der Geruch ist direkt sehr typisch, volle, schwere Aromen aus weißer Schokolade, Kokosnussfleisch, aufgeschlagener Sahne, Baiser und türkischem Honig, das wirkt fast wie eine Crème de Cacao, wäre da nicht noch eine sehr würzige Unternote von Balsamico, Sojasauce (der Name des Stils muss ja irgendwo herkommen), und eingelegten Sprotten. Je länger man schnuppert, um so mehr drängt sich diese Würze über die Schokolade, und am Ende kommt sogar noch etwas Feige und reifer Pfirsich dazu. Ein komplexer Duft, für die westliche Nase sicher etwas gewöhnungsbedürftig, dennoch interessant.

Kuanglang Shangjiang Baijiu (狂浪酱香酒-上酱) Glas

Der Antrunk ist schon leicht salzig, deutlich umami, mit einer sehr breiten Textur, die sich erstmal weich an den Gaumen legt; schnell kommt aber eine kräftige, leicht astringierende Trockenheit auf, zusammen mit mildfeuriger Pikanz, die dann die fast schon holzig wirkenden Bitteraromen trägt – erneut Kokosnussfleisch, Süßholz, Leder. Eine feine Gewürznote aus Muskatnuss und Sternanis kommt dazu, aber nur als elegante Kopfnote. Im Verlauf scheint der Baijiu immer mineralischer zu werden, fast schon kiesig-algig, bevor im Abgang letzteres dominiert, mit einem Touch von Teer. Die entstandene Wärme, zum Teil natürlich den 53% Alkoholgehalt geschuldet, die man noch im Rachen und in der Speiseröhre verfolgen kann, kippt im Mund dagegen um in Eiseskälte, leicht minzig, leicht eukalyptisch – ich betone immer wieder, wie wichtig der Nachhall bei einem Baijiu ist, und hier wirkt das ganze sauber, immer noch getreidig-aromatisch, mildsäuerlich und lang andauernd, dabei nicht krawallig, eher fein, frisch und hell. Richtig angenehm, toll gemacht, sich schlicht und ergreifend großartig im Mund anfühlend; so einen Abgang voller Kraft und dennoch viel Finesse bekommt man nur bei Baijiu.

Sehr trinkbar, komplex, und dabei auch wirklich einsteigerfreundlich, ohne den Kenner zu langweilen, im Gegenteil: an diesem Baijiu findet jeder etwas, was gefällt. Ich gehe nicht so weit, zu sagen, das sei ein Crowdpleaser, dazu ist Sauce-Aroma-Baijiu dann doch zu speziell, aber beim Kuanglang Shangjiang stimmt halt dennoch alles, da passt alles zusammen. Ein richtig runder, klarer, aromatischer Repräsentant des Stils.


Gerade die schokoladigen Noten sorgen dafür, dass sich so ein Baijiu schön in einen Drink einpasst, der eher mit süßlich-bitteren Komponenten spielt. Ich habe für den Mangmang, den ich für diesen Baijiu zusammengestellt habe, Zutaten ausgesucht, die einzelne Aspekte des Baijius aufgreifen – die Mineralität durch Suze, die Bitterwürze durch Amaro, die Schokolade durch Crème de Cacao und die gewisse Frucht durch Peychaud’s.

Maoyande Jingzi Cocktail

Mangmang
1oz / 30ml Baijiu (Sauce-Aroma)
1oz / 30ml Suze
1oz / 30ml Amaro
¼oz / 7ml Crème de Cacao
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Helmut Barro]


Ich muss irgendwann einmal herausfinden, woher die Vorliebe der Chinesen für diese spezielle Flaschenform kommt – ich habe bestimmt ein Dutzend Baijius unterschiedlichster Hersteller in meiner Heimbar, die in genau derselben Flaschenform (meist aber in weiß gehalten) abgefüllt sind. Dazu ein hübsches rotes Bändchen, und ein attraktiv gestaltetes Etikett, das sich gut an den hochwertigen, stabilen Geschenkkarton anpasst. Zwei Dinge machen deutlich, dass man in China doch mit Produktpiraterie zu kämpfen hat, der Nachfüllstop in der Flasche, und das Drucksiegel am Karton selbst, das man mit etwas Kraft öffnen muss und nachher nicht wieder sauber verschließbar ist; beides ist sehr typisch für Baijiu-Abfüllungen.

Ich habe noch einen zweiten Sauce-Aroma-Baijiu des Herstellers, auf dem letzten Bild sieht man den blauen Karton dazu. Diesen bespreche ich natürlich auch noch in naher Zukunft. Es gibt noch diverse weitere Abfüllungen der Firma, auch mehrere Starkaroma-Baijius stellt Hauhan her.

Ich weiß, dass es wahrscheinlich aktuell trotz allem, was ich in der Einleitung gesagt habe, schwer sein wird, an diesen Baijiu heranzukommen. Doch Hauhan sucht Importeure für Europa und Deutschland, und daher gehe ich davon aus, dass sich die Situation bald ändern wird. Jedenfalls wäre der Kuanglang Shangjiang eine echte Bereicherung für das noch recht dünne Angebot von 酱香-Baijiu hierzulande – daher hoffe ich und wünsche Hauhan, dass das schnell geht!

Offenlegung: Ich danke der Hauhan International Trading Co.,Ltd. für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Baijius.

Bier am Freitag – Brasserie Caulier Bon Secours Tradition und Myrtille

Bügelflaschen haben für mich ihren Charme, da blickt man zweimal hin, wenn man so eine Flasche aus der Kiste zieht. Das „plopp“ beim Öffnen, das viele als so befriedigend empfinden, ist für mich zweitrangig, ich bin da oft eher vorsichtig, denn gerade bei flaschengereiften Bieren kommt mit dem Soundeffekt manchmal ordentlich Schaum raus, wenn man da zu unbekümmert rangeht wie an ein Flensburger Pils. Verdienen die Bon Secours Tradition und Myrtille aus der belgischen Brasserie Caulier, die mich schon mit ihrem Paix Dieu überzeugt hatten, auch eine etwas ehrerbietigere Haltung als ein einfaches Konsumbier? Prüfen wir es.

Brasserie Caulier Bon Secours Tradition und Myrtille

Kräftig schäumt es dann tatsächlich beim Eingießen, da muss man achtsam sein, dass es nicht überschäumt. Danach bleibt der sehr grobblasige Schaum lange auf dem Bier stehen, mit viel Luft drin, es dauert etwas, bis er sich soweit absetzt, dass man das Bon Secours Tradition genießen kann, ohne Schaumreste am Bart hängen zu haben. Stark trüb ist es, wenn man es voll eingießt, mit blasser Safranfarbe, etwas dunkel vielleicht für ein „Bière blonde“. Geruchlich entdecke ich als vorderstes einen starken Eisenton wie bei Stahlnägeln aus der Werkstatt, danach kräftige Gerste, gefolgt von ganz dezenter Hopfenfrucht, die eine eher weiche Komponente dazubringt, um die kantigen Ersteindrücke aufzufangen. Frisch und frech!

Brasserie Caulier Bon Secours Tradition

Auch am Gaumen findet sich eine kleine Kante, aber viel milder, als der Geruch erwarten lässt. Die Frische sorgt dafür, zusammen mit kickender Säure und dem schönen Alkoholgehalt von 8%, diese drei aber im Zusammenspiel mit tiefem Körper und grundliegender Süße. Esterige Ananas und Pfirsich kommen nun etwas hervor, nur, um schnell wieder vom Getreide eingefangen zu werden. Die Textur ist dick, ohne dass das Bier dadurch cremig wirkt, es bleibt herb und eher trocken, insbesondere im mittellangen Abgang, wenn noch etwas Blumigkeit dazukommt.

Ein echt süffiger Belgier, aromatisch und dicht, ohne zu drängend oder fett zu werden. Gut gekühlt macht das viel Vergnügen, sowohl als Durstlöscher zum Essen, als auch alleinstehend als Genussbier. Top!


„Myrtille“, das ist auf deutsch Blaubeere – wir haben also mit dem Bon Secours Myrtille ein Fruchtbier vor uns, wie es die Belgier halt grundsätzlich mögen. 6,4% Alkoholgehalt sind allerdings doch üppiger als viele Krieks oder ähnliches, was ich sonst kenne. Wir haben als Geschmack hier aber nur Blaubeersaftkonzentrat und natürliche Aromen, also ist das die qualitativ klar abgespeckte Version eines Fruchtbiers.

Brasserie Caulier Bon Secours Myrtille

Farblich passt das allerdings, am Boden der Flasche setzten sich ein paar feste Bestandteile ab, die dann auch, wenn sie die volle Trübung in rotblauer Farbe erreicht haben, am Boden des Glases landen. Der Schaum ist auch leicht rötlich gefärbt, bleibt als dünne, gemischtblasige Schicht auf dem Bier liegen. Der Geruch ist eine interessante Mischung aus Blaubeersaft, Rotwein und leichtem Hopfen, erinnert etwas an ein Pale Ale, ohne dessen Kantigkeit allerdings. Da ist noch etwas Vanille und Sahnebonbon, das sorgt für süßliche Eindrücke und man ahnt, dass hier etwas Cremigkeit am Gaumen erscheinen wird.

Was sich allerdings nicht direkt bewahrheitet, denn das Bon Secours Myrtille ist initial klar säuregetrieben, erst im Verlauf kommt Süße und zusammen mit ihr Weichheit auf und drängt die Säure etwas zurück. Die Textur ist voll und dicht, allerdings kaum tief, der Gaumen ist schnell wieder frei. Blaubeere ist vorhanden, aber außerhalb von Fruchtsäure aromatisch eher schmal und wird dominiert von der exotischen Frucht, die aus der Kalthopfung kommt. Der Abgang ist dann bitter, leicht kantig sogar, mit einem untentschlossenen Mix aus Süße, Säure, Bittere und Blumigkeit. Unkompliziert zu trinken, interessant gemacht, aber letztlich für mich zu unkomplex, um mich über den kurzfristigen Genuss hinaus zu begeistern.


Das Tradition ist ein Bier, das mir gefällt; das Myrtille eine abgeschwächte Variante, die dann dafür Dinge dazu bringt, die man nicht wirklich braucht, auch explizit als Fruchtbier ist es höchstens mäßig interessant für mich. Man erkennt das Basisbier durch die Frucht, doch letztere gibt dem Ganzen nur wenig dazu. Ich habe meinen Favoriten gefunden!

Die Brennerei des Doktor Moreau – Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata

Es ist schon 6 Jahre her, Menschenskinder, dass ich den Ocho Curado besprochen hatte. Wenn ich mir so meinen Artikel selbst durchlese, scheint es mir, dass dieser besondere Tequila mir durchaus zugesagt hatte, doch die damalige Ankündigung, dass ich ihn dauerhaft in meine Heimbar integriere, wurde nie Realität; nicht aus Geschmacks- oder Qualitätsgründen, sondern einfach nur, weil das in die Phase der Verbreiterung meines Interesses fiel und ich lieber immer neue Produkte kaufe statt bekannte aufzufüllen. Nun hat sich meine Neugier wieder wecken lassen – das Curado-Brand wurde vor kurzem aufgefrischt, und so zögerte ich nicht lange, auch meine alte Liebe zu dieser einzigartigen Herstellungsweise mit neuem Feuer wiederzubeleben.

Das neue Feuer heißt Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata. Die Version, die ich damals besprochen hatte, lief noch unter dem Markennamen „Ocho“, und war ein kleines Projekt von Tomas Estes. Man nutzte gekochte Stücke der Agave, die auch fürs Brennen des Tequila selbst verwendet wurde, für eine Infusion. Der Gedanke wurde hierfür nun von den Familien Estes, Camarena und Vantguard konsequent weitergeführt – statt der Weberagave setzt man bei dieser Version nun Cupreata-Agave ein. Ein Crossover von Tequila und Mezcal also, auch wenn jeder weiß, dass jeder Tequila theoretisch auch ein Mezcal ist augenroll blablabla. Die wildwachsende Cupreata wird in Etúcuaro im Bundesstaat Michoacán auf der Farm von Crescenciano Ayala Téllez geerntet, dort nach den traditionellen Methoden der Region gekocht (eine Achtsamkeit, die ich schätze), dann nach Jalisco transportiert und für die Infusion in einem 100%-de-Agave-Blanco der NOM 1474 (gemacht von Carlos Camarena) verwendet. Keine Zusätze, keine Fassreifung, „keine Tricks“, wie die hübsch gestaltete offizielle Produktseite betont. Besonders letzteres ist heute sehr aktuell, denn die Regelungen für Tequila sind lasch ohne Ende und erlauben Tricks in vielen Formen. Um so mehr freue ich mich nun auf eine Vergleichsprobe zu meinen alten Tastingnotes!

Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata

Es gilt, wenn man sich die gelbgoldene Farbe der Flüssigkeit ansieht, weiterhin zu betonen, dass es sich um einen ungereiften Blanco-Tequila handelt; die Färbung stammt nicht aus Fässern, sondern aus der Infusion mit den gekochten Agavestücken. Optisch unterscheiden von einem Reposado könnte ich das blind sicher nicht (also im Blindtest, meine ich). Lebendig und leicht schwenkt sich das dann, mit eher unauffälliger Viskosität.

Die Nase bekommt dann dabei direkt eine volle Agavenwucht ab; „Duft“, wie ich diese sensorischen Eindrücke bei Tequila gern bezeichne, kann man das schon nicht mehr nennen, das ist kräftig, voll und fast schon deftig. Mineralisch, grün, voller direkter Agavenaromen, die man überhaupt nicht suchen muss, mit süßen Untertönen aus Karamell, Zimt und Vanille, und auch etwas reife Guave sowohl als Fruchtbeigabe als auch mit ihrer typischen leichten Teernote, dazu etwas Litschi und Mango: eine durchaus fruchtige Komponente ist da unschwer erkennbar. Ein bisschen Plastik ist da auch dabei, nicht das unangenehme Stinkeplastik, mehr diese seltsame Note, die so zwischen Floralität und Oliven wabert. Insgesamt also etwas, das mit Kraft und Komplexität gleichzeitig punktet.

Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata Glas

Die Verknüpfung zu den Eindrücken am Gaumen ist direkt – da geht erstmal die Agave volle Pulle ab, richtig schön umami, mit einem Tick Salz, fast schon ein bisschen speckig, mit Grünzeug als Beilage, ohne je gemüsig zu werden, mehr in die mineralisch-algische Richtung. Eine sehr weiche Textur legt sich breit und voll an den Mundraum, mit aber wenig Schwere, die initiale Süße wirkt sehr natürlich und leicht. Im Verlauf entsteht Wärme, keine Hitze, und ein sehr angenehmes leichtes pfeffriges Prickeln aus der Würze. Aprikose und Jasmin, Vanille und Kokosfleisch wechseln sich von floral nach fruchtig und umgekehrt, mit milden, aber effektiven Gewürznoten und einer gewissen Fleischigkeit. Der Abgang ist mittellang, hier nun starksteinobstfruchtig, ohne aber die Hauptrolle der Agave je anzutasten, mildtrocken und mildherb, einfach rund und aromatisch, und im Nachhall klingt schließlich plötzlich und unerwartet noch Erdnuss ganz deutlich nach.

Ja, man erkennt die Komponente, die die Cupreata-Agave hinzugibt zu diesem Gesamtkunstwerk, da entdeckt man feine Noten, die man in einem normalen Tequila seltener findet. Dabei entsteht ein kräftiges Getränk mit Charakter – dieser Curado ist eher stark als elegant, eher wuchtig als fein, aber immer ohne Gewalt oder Ansatz von Rohheit. Das passt perfekt für mich. Wer Agavendestillate mag und ihre Typizität, der wird den Curado Tequila Blanco Infusión de Agave Cupreata lieben.


Im Longbottom Line würde eigentlich Reposado eingesetzt. Nun, wie schon geschildert, man kann den Eindruck eines Reposado auch gut durch einen Curado ersetzen, oder besser gesagt: ergänzen. Gerade die Kombination mit einem Tabaklikör (da gibt es zum Perique Liqueur de Tabac eigentlich keine mir bekannte Alternative) ergibt dann einen sehr aromatischen Drink, dicht und voll, mit vielen kleinen Seitennoten, die man explorieren kann.

Longbottom Line Cocktail

Longbottom Line
1½oz / 45ml Tequila reposado
1oz / 30ml Fino Sherry
¾oz / 23ml Tabaklikör
¼oz / 7ml Amaro
1 Spritzer Angostura Bitters
1 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach eldritch_garnish]


Für die Präsentation hat man sich auch für ein Crossover entschieden – eine strenge, gerade, einfache Flasche ohne Sperenzchen mit dazu passendem Etikett auf der einen Seite, und die großflächige Verwendung von fantasievollen, bunten „Alebrije“-Illustrationen andererseits. Diese sind eine Art mexikanischer Wolpertinger, Fantasiekreaturen wild zusammengesetzt aus existierenden Tieren, und gleichzeitig spirituelle Führer, die den Sucher auf geistigen Reisen zwischen den Reichen der Lebenden und Toten begleiten und leiten sollen. Ein durchaus passendes Maskottchen hat man sich da ausgesucht, finde ich, darüber hinaus künstlerisch, modern und ohne Kitsch gemacht: ich bin dankbar, dass man dieser letzteren Versuchung widerstanden hat.

Nach der sehr positiven Erfahrung kann die Reise für den, dessen Interesse hier geweckt ist, auch noch fortgeführt werden, denn weiterhin gibt es eine Version, in der blaue Weberagave für die Infusion genutzt wird (also praktisch eine Neufassung des alten „Ocho Curado“, in neuer Aufmachung und größerer Abfüllmenge), und eine, bei der man Espadín verwendet. Eventuell liest man hier in Zukunft irgendwann mal über letzteres. Mein persönliches Infusionsinteresse jedenfalls besteht.