Eine Reise hat ein Ziel – und einen Anfang. Wir beschäftigen uns hier oft mit sehr alten Dingen, 30 Jahre altem Armagnac oder ähnlich uralten Rums, doch heute machen wir mal ein Bier auf, das einen ähnlichen Lebenszyklus hat, sich aber statt am Ende einfach mal am Anfang dieser Reise befindet. Im Oktober 2020 wurde mein Cantillon Gueuze 100% Lambic Bio abgefüllt, und laut Brauer soll man es innerhalb von 20 Jahren trinken; eine Geschmacksentwicklung findet über die Zeit statt. Warum ich es so früh trinke? Wenn man die Entwicklung kennen lernen will, muss man ja schlicht mit einem vergleichsweise jungen Bier anfangen, und knapp 3 Jahre schienen mir ein angemessener Grundreifezeitraum für den Startpunkt zu sein. Eine weitere Flasche liegt im Keller, und ich bin gespannt, ob ich 2040 hier noch Artikel schreibe, wenn ich sie dann aufmache.
Das Cantillon wurde komplett aus Lambics geblendet, die aus Bioweizen (35%) und gemälzter Gerste (65%) gebraut wurden, unter Einsatz von Trockenhopfen und mittels echter Spontanfermentation, wie es eben typisch für diesen Bierstil ist. Auf Zuckerbeigabe wurde verzichtet, und man hat sich sogar ein Biosiegel geleistet. Hat man den unter dem Kronkorken verstecken Echtkorken gezogen, spricht nichts dagegen, das Jungbier zu probieren!
Leicht trüb steht es dann da, mit Kupfer als Farbe. Beim Eingießen bildet sich ein paar Sekunden lang dünner Schaum, der aber schnell fast vollständig verschwindet und nur einen Rand an der Glaswand hinterlässt, eine einzelne feinstblasige Insel bleibt auf der Oberfläche. Perlage ist fast keine zu sehen. Roter Apfel, Grapefruit, milder Weinessig sind die ersten, typischen, sensorischen Eindrücke eines Geuze, danach ist da aber noch eine leicht holzige, fast schon erdige Würznote, die das ganze in ein tieferes Register verschiebt. Vielleicht stark oxidiertes Kaffeepulver, in diese Richtung, irgendwie schwer zu greifen.
Am Gaumen dann aber direkt starksauer und bitter, Zitronenzeste, Grapefruitsaft, beinahe schon limettig und essigsauer. Das kratzt dabei interessanterweise aber nicht, fühlt sich trotz der starken Säure weich und rund an, die Fruchtnoten sind milder, gehen von Apfel über Kirsche bis hin zu Pfirsich. Im Rachen wirkt das Cantillon sehr bitter, herb und trocken, doch auch hier scheint eine gewisse schwere Süße durch, die das alles etwas auffängt und rund macht. Die Textur wirkt dadurch weich, das Bier insgesamt körpervoll und dicht, ohne, dass die Rezenz darunter auch nur ansatzweise leidet. 5,5% Alkoholgehalt sind für belgisches Bier eher leicht, aber passend. Der Abgang ist lang, fruchtig, süßbitter, das Zäpfchen ist lange belegt mit Aromen und Effekten.
Ein volles, starkes Sauerbier, mit Charakter, das sich trotzdem von einer runden, weichen Seite zeigt, ohne dabei zart zu werden. Wunderbar gemacht! Ich bin sehr gespannt darauf, was in knapp zwei Jahrzehnten aus dem Bier geworden sein wird.
