Spirit of Rum und die Brauerei Lemke, beide aus Berlin, das ist eine tolle Partnerschaft. Ich freue mich immer wieder, diese handwerklich gut gemachten und trotzdem sehr kreativen Biere mit der teilweise verrückten Fassreifung zu probieren – und hier, mit dem langnamigen Spirit of Rum 10. Rumclub Beer Selection Lemke Waldmeister Weisse Finished in Cudjoe Ghana/Jamaica Rum Cask wird alles vorher dagewesene, das ich kenne, getoppt. Eine fassgereifte Waldmeister-Weisse? Das allein ist schon irre, finde ich, und dann ist es auch noch ein exotisches Fass, das vorher einen sehr ungewöhnlichen Rumblend (eine Komponente davon aus Ghana, noch so ein Komplexitätsschräubchen!) enthalten hatte. 2 Wochen darf dieses Fass auf die Weisse einwirken, danach wird mit 4% Alkoholgehalt abgefüllt. Oh, wie bin ich gespannt!
Blassblond und naturtrüb zischt diese Weisse erstmal nicht wie die, die ich neulich im Glas hatte – das ist nach den 2 Wochen Fassreifung auch nicht zu erwarten. Man erkennt auch keine Perlage, der Schaum ist nur erahnbar, nach einer Minute ist nur noch am Glasrand ein dünner Strich und ein paar sehr leichte Inseln davon vorhanden.
Der erste Geruchseindruck ist direkt der Waldmeister, das erinnert schon an eine Maibowle, vielleicht etwas reduziert und eingefangen durch die Herstellungsmethode. Leicht würzige Getreidetöne sind mit dabei, man ahnt beim Schnuppern auch schon die Säure, die einen im Mund erwarten wird. Leichte Beerigkeit ist da, aber von einem Rumfass riecht man erstmal nichts.
Die erahnte Säure ist am Gaumen sofort präsent, ausgeglichen höchstens durch etwas Kandiszuckersüße mit viel Würze. Die Textur ist dünn und leicht, sehr frisch und durch die Säure natürlich sehr rezent, auch da hat das Fass nichts weggenommen. Waldmeister wird sensorisch aber hier leicht durch Rumaromen ergänzt, nichts, was einen anspringt, aber erkennbar und in schönem Umfang vorhanden. Ester, Bananen, reife tropische Früchte, und dann noch eine milde Blumigkeit – das funktioniert so wirklich gut, ohne, dass der Stil einer Berliner Weisse mit Waldmeister beeinträchtigt wird.
Süffig und stilsicher, dabei mit kleinem Twist: das ist schon etwas anderes als das grüne Berliner Kindl, das man vielleicht sonst so kennt. Natürlicher, sauberer, aromatischer. Det zischt!
Manchmal tut es mir fast leid, wenn ich einen Artikel über eine nicht alltägliche Spirituose hier schreibe, und am Schluss dann zugeben muss, dass es entweder sehr schwer wird, eine Marke davon nach Hause zu holen und selbst nachzuvollziehen, was ich hier beschreibe, oder gar unmöglich. Für heute gelobe ich, dass das nicht so sein wird! Pisco ist sicherlich noch nicht so verbreitet hierzulande, dass man diesen südamerikanischen Weinbrand überall sehen würde, doch als Marke ist Barsol in Deutschland gut etabliert, darum muss man sich auch nicht übermäßig anstrengen, deren Brände käuflich erwerben zu können, und das gilt schon eine ganze Weile; vor gefühlt sehr langer Zeit hatte ich bereits den Barsol Quebranta hier besprochen, jetzt, wo ich drüber nachdenke, ist das sogar einer der Artikel, die ich erst auf Amazon als Rezension geschrieben hatte und dann, als ich diesen Blog gestartet hatte, hierher übertragen habe (entsprechend sieht der Artikel auch aus, und die Fotos, das ist praktisch Blogarchäologie).
Jetzt wenden wir uns der Gegenwart und damit dem Barsol Pisco Mosto Verde Italia zu. Über die hyperregulierte Herstellungsweise eines peruanischen Pisco hatte ich bereits in mehreren früheren Artikeln geschrieben, ich fasse hier darum nur kurz zusammen: wenige erlaubte Rebsorten (hier eben Italia), Destillieren auf einen engen Zielalkoholkorridor hin (hier hat man 41,8% getroffen), keine Verdünnung mit Wasser, keine sonstigen Zusätze, keine Fassreifung. Die Bodega San Isidro ist der Herstellungsort, die Trauben der namensgebenden Rebsorte Uva Italia stammen aus der Region Ica, zu der als unterhaltsames Detail auch die Hafenstadt Pisco gehört. Für die Piscovariante des Mosto Verde wird die Fermentation des Mosts zu einem gewissen Zeitpunkt unterbrochen, so dass Fruchtsüße zusätzlich erhalten bleibt und im Endprodukt erkennbar sein sollte – prüfen wir das mal.
Kristallklar, ohne Fehler oder Einschlüsse, zeigt sich der Pisco im Glas. Beim Schwenken wirkt er schwer, bleibt aber lebendig, und legt sich dann leicht an die Glaswand, von wo er extrem träge, ja eigentlich schon widerwillig, wieder abläuft.
In der Nase präsentiert der Brand sich sehr fruchtig, das ist ein ganzer Obstkorb aus weißen Trauben, rotem Apfel, nicht ganz reifen Pfirsichen, Quitte und Feigen. Sehr apart, und eine gewisse herbe Grünheit verhindert, dass die Aromatik komplett ins Gemütliche, Saftartige kippt und dadurch langweilt. Frisch und luftig ist dieser Duft dadurch, mit klar floralen Noten von Rosen, Geranien und Nelken (den Blumen, nicht dem Gewürz), ohne dabei parfümiert zu erscheinen. Da ist auch ein Ticken Plastik, der aus dieser Kombination von Blume und Gras entsteht, aber nicht auf eine unangenehme Weise. Schließlich empfinde ich eine gewisse Fleischigkeit, die aber nur schwer greif- oder beschreibbar wäre.
Die Textur, die sich direkt im Antrunk an den Gaumen legt, ist ähnlich vielgestaltig – da ist durchaus eine weiche, milde Seite, die schmeichelt; gleichzeitig wirkt aber von Anfang an eine helle und mineralische Frische dagegen, die leicht die Zunge kitzelt. Im Verlauf wird der Brand würziger, packender, ohne dabei aber feurig oder scharf zu werden. Von der initialen Frucht entwickelt sich mit der Zeit auch am Gaumen diese Blumenwiese, die regelrecht aufblüht, und dann beständig im ganzen Mundraum haftet. Später klingen noch Trauben und Feigen dazu, gerade reif, mit natürlicher Süße und feinen, dezenten, mildherben Aromen, ohne sich vorzudrängen. Der Abgang ist sehr lang, der Nachhall bleibt viele Minuten aktiv und lebendig, und klingt dann ganz langsam ab, mit milder Trockenheit und nur einer Idee von Astringenz.
Da fragt man sich schon, warum Pisco in Deutschland so ein Schattendasein fristet, wenn man für vergleichsweise geringes Geld so einen höchstaromatischen, spannenden Brand bekommen kann. Das grenzt sich durchaus von einem europäischen Obstbrand ab, hat seine eigene Typizität, und gefällt mir extrem. Mosto Verde ist natürlich noch etwas Besonderes auch innerhalb der Piscokategorie, wer starke Aromen mag, sollte sich diese Peruaner (zum Beispiel auch den Pisco Portón Mosto Verde Torontél mit einer anderen Traubenart) definitiv anschauen.
Diese starke Aromatik des Mosto Verde Italia zeigt sich besonders schön in einem Drink wie dem Peru Negro. Ein wirklich rundes Bild entsteht, die Zutaten spielen wunderbar zusammen, die Xocolatl Bitters und der Amaro geben etwas süße Tiefe und würzige Schwere dazu – und trotzdem erkennt man noch die blühende Leichtigkeit und Floralität des Pisco. Ein richtig attraktiver Aperitif!
Peru Negro 1oz / 30ml Pisco 1oz / 30ml Aperol 1oz / 30ml süßer Wermut ½oz / 15ml Amaro 2 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters Auf Eis rühren. [Rezept nach Brother Cleve]
Die Flasche in Amphorenform weiß mit vielen ins Glas eingelassenen Details aufzuwarten, dazu kommt ein Echtkorken mit einem Holzstöpsel oben drauf – das weiß durchaus zu gefallen, und liegt auch gut in der Hand. Die Farbgebung der Etiketten passt dazu, hier wurde ein sehr hübsches Farbschema gewählt, das dem Auge schmeichelt.
Ich rate jedem, sich Pisco im Allgemeinen mal anzusehen, das ist ein wunderbarer Brand, der dazu im Vergleich zu seinen französischen Weinbrandkollegen, wie gesagt, auch preislich viel leistbarer ist, selbst in höchsten Qualitätsstufen. Mit dem Barsol Mosto Verde Italia bekommt man für wenig Geld ganz enorme Leistung, egal, was man mit der Flasche macht – warum nicht mal, statt dem üblichen müden Whiskygeschenk zum 50. Geburtstag eines Freundes, etwas Exotischeres mit Gefallgarantie kaufen?
So oft trinke ich Spirituosen, die älter sind als ich selbst, nicht. In vielen Kategorien sind derart alte Abfüllungen unerschwinglich teuer, und selbst wenn ich es mir leisten könnte, wären sie oft wahrscheinlich von Sammlern und betuchten Raritätenfreunden so schnell aufgekauft, dass mir das mir fehlende Jägergen einen Strich durch die Rechnung machen würde. Über Whisky brauchen wir da gar nicht reden, bei Rum ist diese Nachfrage inzwischen genauso groß. Und auch bei Cognac hat man selten eine Chance, einen so alten Brand mal wirklich im Glas zu haben – um so dankbarer bin ich Grape of the Art, die mir ein Sample des Grape of the Art Lhéraud 1967 zukommen ließen. 56 Jahre, da muss ich erstmal hinkommen. Der Cognac stammt aus der Region Bon Bois, wurde vollständig aus Ugni Blanc gemacht, ist ein Single Cask (viele Cognacs sind eher Blends), abgefüllt mit einer Fassstärke von 46% und auf mickrige 132 Flaschen limitiert.
Wenn man so alt ist, darf man ruhig seine Falten zeigen, und das tut der Léraud ohne Gewissensbisse – Pariser Rot, vielleicht sogar Gebrannte Siena, kombiniert mit einer Viskosität, bei der die Flüssigkeit nur widerwillig aus dem Samplefläschchen ins Glas gleitet. Dort schwenkt sie sich dann sehr elegant und anmutig.
Getrocknete Pflaumen und Aprikosen findet meine Nase, und ich muss sie dabei gar nicht tief ins Glas stecken. Erdbeer-Paradiescrème (wer kennt sie noch?), Waldhonig, dabei auch ausgeprägt traubig mit Reminiszenzen an schweren Amarone oder sogar Marsala, mit der nussigen Beinote aus Studentenfutter oder PX-Sherry. Die Komplexität zeigt sich nicht nur in der Menge der Aromen, auch in deren Ausdauer und Wandelbarkeit, nach einer Weile kommt etwas Süßholz dazu, Wermutkraut vielleicht, und Backgewürzaspekte. Vanille und Tannine, beides zu erwarten nach langer Holzlagerung, halten sich die Waage, insbesondere letztere drängen sich nicht extrem auf.
Süßbitter kommt der Antrunk auf der Zunge an, mit voller Textur, aber nicht so schwer, wie man nach Auge und Nase vielleicht vermutet hätte. Im Gegenteil, da ist sogar viel jugendliche Frische drin, das Fass hat die Trauben nicht erschlagen. Dennoch spürt man hier einen Bodensatz, der Geschmack hat etwas dediziert „altes“, was sich nur schwer beschreiben lässt; da liegen diese Süßholzbittere, die Kandiswürze, die Trockenpflaumen drin, und man hat fast den Eindruck, dass sich Krümel vom Holz an den Gaumen legen. Eine wirklich gewachsene Struktur mit viel Körper und Charakter, in der man das Alter spürt und schmeckt. Im Nachhall ringen Floralität und Fruchtigkeit und ein Anflug von Kümmel miteinander, gut eingeölt griechisch-römisch, mit schwerem Likörwein als Nachklang.
Mir fällt ein Fazit für den Lhéraud 1967 schwer, einfach, weil ich glaube, mit den 5cl, die ich zuhause habe, diesem Cognac nicht genug Aufmerksamkeit schenken zu können, mindestens nicht die, die er braucht, gar nicht zu reden von der, die er verdient. Die kleine Menge überzeugt mich jedenfalls davon, einen großen Brand vor mir zu haben, bei dem ich selbst kleinste Tröpfchen noch aus dem Glas lecke.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
Auch für den erfahrenen Spirituosenfreund gibt es immer etwas Neues zu entdecken. In der Fachzeitschrift BRANNT 2023 des Meininger Verlags habe ich vier Beispiele gewählt, bei denen wahrscheinlich praktisch jeder mindestens eine Spirituose finden wird, die er oder sie noch nicht getrunken hat. Pisco ist dabei vielleicht noch das bekannteste, und wer hier regelmäßig mitliest, weiß auch etwas mit Baijiu anzufangen. Doch dann wird das Eis dünner: Ratafia ist ein südfranzösischer Likör, im deutschsprachigen Raum, so vermute ich, wirklich nur den eingefleischten Frankophilen geläufig. Und zu guter letzt noch ein Reisbrand von einer winzigen Insel mitten im ostchinesischen Meer, zu Japan gehörend – Awamori. Spätestens hier würde mich ehrlich interessieren, wer von meinen Lesern das a) rein vom Namen her kennt und b) vielleicht sogar schonmal getrunken hat. Rein aus privaten Marktforschungsgründen. Ich kann natürlich keinen Artikel über eine Spirituose schreiben, die ich nicht zumindest in einer Ausprägung selbst getrunken habe, darum habe ich beim deutschen Importeur ginza.de, die ich dann auch für den BRANNT-Artikel interviewt habe, kurzerhand eine Flasche bestellt, und mich dabei für den Ryukyu Gold Awamori entschieden.
Ryukyu Gold stammt aus der seit 1846 bestehenden und damit ältesten Awamori-Brennerei Okinawas. Der Name des Produkts deutet auf die langgezogene, sich zwischen Japan und Taiwain erstreckende Inselkette Ryukyu hin, zu der Okinawa gehört. Hergestellt wird Awamori ähnlich wie Shochu, was vielleicht noch eher bekannt ist – im Unterschied zu Shochu darf für Awamori allerdings nur Thai-Reis verwendet werden. Dieser wird, etwas ähnlich wie bei Baijiu und Sake, mit einem Fermentationsstarter aus Bakterien und Pilzen geimpft, der in diesem Fall „schwarzes Koji“ heißt. Nach der Fermentation wird destilliert und gereift, teils in Fässern, teils in Tonkrügen, hin und wieder solchen, die man in Höhlen stellt. Beim Ryukyu Gold handelt es sich um einen Blend aus rund zwei Dritteln gereiftem Awamori („kusu“ genannt), und einem Drittel frischem Destillat, am Ende eingestellt auf niedrige 30% Alkoholgehalt. Ein paar weitere, grundlegende Details zu Awamori findet man auch im Artikel meines geschätzten Spirits-Selection-Jurorkollegen Christopher Pellegrini. Bei auch mir ganz neuen Spirituosen lasse ich aber, bevor ich mich zu sehr mit Herstellungsdetails beschäftige, die Sensorik des Brands für auf mich wirken.
Was die extrem extravagante Flasche verborgen hatte, wird im Verkostungsglas klar, im wahrsten Wortsinne – wir finden hier eine kristallklare Flüssigkeit, die sich mit einer leichten Viskosität bewegt. Dabei bilden sich dicke Schlieren an der Glaswand heraus, deren Beinchen zügig ablaufen, aber öligfette Reste hinterlassen.
Sicherlich exotisch wirkt schonmal das Geruchsbild in der Nase, eine Mischung aus Reis, vergorener Frucht, Getreide, einem staubigen Keller und erdigen Kartoffeln und Champignons. Man sieht an dieser Zusammenstellung schon, dass man hier neue Pfade als Verkoster beschreiten muss; es ist jedenfalls nichts, was einen zum langen, genussvollen Schnuppern einladen würde, so ehrlich muss man sein: wie bei verschiedenen anderen Spirituosen auch ist das bei Awamori aber auch nicht etwas, was der Kenner typischerweise damit macht. Irgendwie erinnert es mich an einen nicht totdestillierten Kartoffelwodka, hat aber auch Anklänge eines malzigen Bierbrands. Die ausgeprägte Erdigkeit wird immer wieder durch kurze Frischespitzen aufgelockert, mit Ideen von Essig und Zitrus.
Im Mund kommt die Erdigkeit dann aber unerwarteterweise gar nicht so vor, der erste Eindruck ist mehr überraschend floral und süß, die weiterhin klar erkennbaren Kartoffelaromen präsentieren sich eher frisch als lang gelagert, man fühlt sich mehr in einer Blütenwiese als im dunklen Keller; ein sehr schöner Kontrast, der da zwischen Nase und Gaumen aufgespannt wird. Die Textur ist sehr weich, wirkt initial cremig, bildet aber nur wenig Körper aus, das ist klar den 30% Alkoholgehalt geschuldet. Der niedrige Alkohol lässt trotzdem viele Aromen zu, so dass dieser Awamori nicht wässrig wirkt, vor allem im Verlauf, wenn sich dann eine ganz feine Pfeffrigkeit dazugesellt. Der Abgang ist wärmend und durchaus lang, lässt ein ganz dezentes Glühen im Mundraum zurück, zusammen mit den nun wieder auftauchenden süßfloralen Blüteneindrücken und einem mostigen Gefühl.
Sehr ungewöhnlich, und überraschend trinkig, muss ich sagen! Vielleicht muss der eine oder andere über die erdige Nase hinwegkommen, doch dann kann man den Ryukyu Gold echt pur genießen. Wie viele asiatische Spirituosen trinkt man das nicht als Schlürfer aus dem Stielglas vor dem Kamin, sondern als Essensbegleitung, doch besser als viele andere Spezialitäten aus diesem Bereich kann man ersteres mit dem Ryukyu Gold tatsächlich doch tun.
Cocktails mit dezidierter Aufforderung, Awamori zu verwenden, sind extremst rar gesät. Ich habe mir darum etwas ausgesucht, was der Anforderung nahe kommt – im Hana Shigure, mit dem ein japanischer Cocktailwettbewerb gewonnen wurde, was mich überhaupt nicht wundert, nimmt man im Original Shochu; ich dachte, dass die oben angesprochene Blumigkeit des Ryukyu Gold hier hervorragend passt, und das bewahrheitet sich. Als Blütenlikör habe ich auch etwas Japanisches genommen, den Yumehibiki Rose Ume, den ich vor einer Weile hier schon besprochen hatte. Ein extremst elegantes, süffiges Drinkbild, das da ensteht!
Hana Shigure 1oz / 30ml Awamori ½oz / 15ml Blütenlikör ¼oz / 7ml Crème de Violette ⅓oz / 10ml Zitronensirup 2 Spritzer Shiso Bitters Auf Eis shaken. [Rezept nach Shun Kosaka]
Die Flasche weiß, das hatte ich schon erwähnt, wirklich sehr zu gefallen in ihrer Extravaganz – weniger von der Form her, mehr vom Material und dem interessant behandelten Glas. Dazu ein passendes Etikett und der Goldblatthals, da schaut man einfach gern hin. Und auch der Geschenkkarton, in dem die Flasche geliefert wird, ist diesbezüglich nicht weniger augenschmeichelnd, mattes Gold mit schönen kleinen Illustrationsteilen und vielen exotischen Kalligraphien. Geschenkpotenzial? Aber so was von!
Natürlich will ich nicht von einer Flasche auf die ganze Kategorie schließen, doch grundsätzlich überzeugt mich Awamori in dieser Form schon, da kommt man einem Low-ABV-Trend entgegen, ohne wirklich auf Aroma verzichten zu müssen; der Ryukyu Gold funktioniert echt gut in einem Highball einfach mit Soda oder Tonic, und in dieser Form als Aperitif zu einem ostasiatischen Essen, insbesondere, finde ich, als Ersatz für Sake zu Sushi. Muss man das unbedingt probiert haben? Naja, ehrlich, an dieser Frage werden sich die Geister scheiden. Dennoch, wer, wie ich, immer auf der Suche nach etwas Neuem ist, sollte an Awamori keinesfall einfach so vorbei gehen.
Als ich vor fast 20 Jahren ins Saarland kam, gab es hier nur eine dramatisch eingeschränkte Bierszene. Eine Brauerei aus Homburg beherrschte alles, manche Saarländer wussten glaube ich gar nicht, dass es außer Urpils und Bitburger noch andere Biersorten gibt. Heute sieht das erfreulicherweise anders aus, vor allem kleinere Brauereien stehen aus den Ruinen wieder auf und Neugründungen erfolgen. Heute stelle ich ein sehr erfolgreiches Ergebnis dieser Entwicklung vor, das Bach’s Cosmic Lager der Neunkircher Brauwerke GmbH. Man braut dort in kleinen Chargen von maximal 30hl Kreativbiere, wie dieses Session Lager mit 4,7% Alkoholgehalt. Keine industriellen Hopfenextrakte, kein Mikroplastik (PVPP), keine künstliche Filtration oder Pasteurisation – das liest sich für mich als Natürlichkeitsfreund schonmal sehr gut. Dazu wird das Cosmic Lager mindestens 30 Tage gereift, sollte als Frischbier behandelt werden und darum zögere ich nicht, es zügig ins Glas zu gießen.
Opalisierend, mit leichter Trübe, aber kontrastreich dazu schöner Bernsteinfarbe. Der Schaum ist beim Eingießen üppig, sackt etwas zusammen, bleibt aber feinblasig und fluffig eine Weile erhalten. Perlage erkennt man deutlich und kräftig.
Die Nase ist beherrscht von ordentlich Aromahopfen, da hält man nicht hinter dem Berg – Grapefruit, Limette, Mango, das muss sich nicht hinter einem IPA verstecken. Das macht das Ganze auch frisch und frech, da schnuppert man einfach gerne eine ganze Weile daran; ohne, dass es „overdone“ wirkt. Für ein Lager schon ein Gedankensprung, aber noch im Rahmen.
Im Mund verwechselt man das dann nicht mehr mit einem IPA, hier wird das Bier gezähmt und zeigt sich viel stiltypischer als in der Nase. Es bleibt natürlich eine knackige Hopfenfrische und -frucht, und eine dazu passende Bittere, die auch die Zungenspitze deutlich anästhesiert. Die Getreidebasis scheint aber immer durch, ist im Verlauf sogar dominierend, bevor im Abgang die Zestigkeit des Hopfens wieder zuschlägt und für leichte Astringenz sorgt. Dann klingt noch eine ganze Weile florale Blumigkeit nach, mit einem kühlenden Effekt auf der Zunge.
Der Name passt schon, das muss man sagen – wer auf klassische Lager steht, die wenig auffallen wollen, ist hier falsch, das Ding hat ordentlich Hopfenwumms. Ich habe das gern als Essensbegleiter getrunken, zum Beispiel auch bei Hilde & Heinz in Saarbrücken, ein deftiges Brauhausessen passt einfach gut dazu. Ich bin sehr froh, dass im fast pilsexklusiven Saarland sowas angenommen wird, und hoffe auf mehr.
Es ist seit langem geschätzte Tradition und Praxis, Spirituosenabfüllungen einen klingenden Codenamen zu geben, statt sie mit einfachen technischen Details zu überfrachten; gerade zum Beispiel Foursquare hat dies nochmal für Rum auf ein neues Niveau gehoben. Da bekommen die Batches dann Namen wie Criterion, Tryptich, Shibboleth oder Isonomy, bei denen man oft erstmal nachschlagen muss, was die Vokabel überhaupt bedeutet. Andere Hersteller nutzen diesen Mechanismus ganz selbstverständlich ebenso, wie beim Mauricia L’Intendance Pure Cane Rum von Grays Distilling auf Mauritius. Die namensgebende „Intendance“ ist der französische Name für den Ficus microcarpa, hierzulande bekannt als Chinesische Feige und in sehr viel kleinerer Form eine gern gesehene, mit ihren dicken Wurzeln jeder Wohnung ein exotisches Flair gebende Dekopflanze – auf Mauritius mit seinem tropischen Klima im indischen Ozean wächst diese zu gigantischen Ausmaßen heran und dient mit ihrer breiten Baumkrone gerne als Schattenspender auf den diversen Domaines der Insel.
Herstellungsdetails sind in dem kleinen Hänger um den Flaschenhals erläutert, auf englisch und französisch. Ich gebe das mal knapp wieder: Zuckerrohrsaft wird für 32 bis 36 Stunden fermentiert. Dann wurde im April 2019 in drei Schritten in einer Kupferpotstill destilliert und geblendet. Nach diesem Prozess hat man einen Rum mit 69,6% Alkoholgehalt, der sich dann 30 Monate in einem Edelstahltank setzen darf und am Ende auf die hier präsentierte Stärke von runden 60% eingestellt und auf 740 Flaschen gezogen wird. Klingt alles schonmal gut und durchaus exklusiv; 2022 bekam der Rum beim internationalen Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles dann noch die höchste Auszeichnung, die Grand Médaille d’or – da kann die nun folgende Verkostung ja nur gut verlaufen.
Vollständig transparent und ohne Partikel jeder Art finden wir den L’Intendance dann endlich im Glas. Bewegungsfreudig und schwungvoll wirkt er da, ein flächiger, strukturierter Teppich an Resten bleibt an der Glaswand haften und macht das Glas für eine ganze Weile schlierig.
Bereits beim Eingießen macht der Rum sich breit, weit über das Glas hinaus, und man muss sich mit der Nase nur auf 30cm nähern, um schon eine volle Breitseite von Zuckerrohrsaftaromen, grasig-grünen Eindrücken und sehr schwerfloralen tropischen Blüten nach einem kurzen Regen abzubekommen. Gerade letzteres ist sehr frappant, und macht den Rum einerseits elegant, andererseits aber überhaupt nicht parfümiert-fragil dabei, sondern gibt ihm einen tiefen, dichten Körper. Frisch vom Baum gefallene Mango, mittelreife Guave und etwas grüne Banane machen den Tropenmix vollständig, das ist wirklich ausgesprochen bezaubernd, wie sehr mich das auf eine Insel mitten im Ozean versetzt. Ein Rum, bei dem ich sehr zufrieden damit bin, einfach nur die 416 g/hlpa an Congenern zu riechen und zu genießen. Grandios!
Im Mund wandelt sich der Eindruck, hier ist zunächst erstmal ein wuchtiger, salzig-maritimer Antrunk vorhanden, der dank des hohen Alkoholgehalts ein bisschen Druck auf die Ohren bringt. Würzig und süß zugleich, voller Vanille, Sternanis, Zimt und Ahornsirup, und das ohne Holzreifungseffekte. Frucht kommt dann danach, Johannisbeere, Kirsche, Vogelbeere, das geht hier für ein paar Momente fast ins Obstwasser über, vielschichtig dabei, und immer mit dieser schweren, leicht bitteren Süße. Im Abgang kommt die grüne Komponente hervor, frischer Blattschnitt, Zuckerrohr, beinahe ins Kräuterige abschweifend, Agave und Olive als Beiklang, großartige Komplexität. Die Textur ist fett und superölig, und trotz des Alkoholgehalts extrem weich und zart, nicht mal ein Anflug von Brennen oder Zwicken ist da, das fließt wie Honig über die Zunge und den Gaumen. Die Floralität kommt im Nachklang nochmal vor, zusammen mit der Kirsche und der schwarzen Johannisbeere, und hallt mit abwechselnd warmen und kalten Effekten und schöner Mineralität sehr lange nach.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich anderweitig schonmal einen so einerseits aromatisch vollwuchtigen und andererseits gleichzeitig so zartflauschigen Rum im Glas hatte. Kaum zu glauben, wie gut diese zwei Aspekte zusammenspielen. Mir gehen langsam die Worte aus, ohne in überschwängliche Superlative abzugleiten – darum belasse ich es nun dabei. Ein perfekter Rum in jeder Beziehung, mit das beste, was ich bisher in dieser Kategorie getrunken habe – ich unterstütze die Großgoldmedaille bei Spirits Selection mit ganzem Herzen.
Im Cherrycalypto betont man mit dem L’Intendance genau die Aspekte, die ich persönlich an ihm mag – Frucht und Schwere. Und er sorgt im Gegenzug dafür, dass in diesen Drink ein Wumms kommt, der mit einem leichteren Rum nicht erzielbar ist. So wird aus einem bereits so schon sehr guten Kirschdaiquiri eine aromatische Bombe, bei der die Komplexität nicht vergessen wird.
Cherrycalypto 8 frische Kirschen entkernen und muddeln 2oz / 60ml ungereifter Rhum Agricole 1oz / 30ml Kirschlikör ¾oz / 23ml Limettensaft 1 Teelöffel Eukalyptussirup Auf Eis shaken. [Rezept nach BeautyBalance]
Ein schöner Rum darf ruhig in einer schönen Flasche serviert werden – hier tut man das ohne Scheu. Die vielfacettige Flasche hat Schwung, sieht einfach großartig aus und liegt dazu noch auch gut in der Hand beim Eingießen. Der Holzstöpsel auf dem Korken passt zum Gesamtdesign, wie auch der in erdig-grünen Tönen gehaltene Anhänger und Geschenkkarton, dessen Illustrationen die namensgebende Pflanze nochmal aufnimmt.
Wer denkt, dass weißer Rum zum Purgenuss nicht taugt und eigentlich nur Mixzutat ist, dass nur fassgelagerte Spirituosen die Reife aufweisen können, die es erlauben, ein Glas davon abends gemütlich am Kamin langsam zu schlürfen, der wird beim Mauricia L’Intendance eines besseren belehrt werden. Ich habe es irgendwie aufgegeben, eine Liste meiner persönlichen besten Spirituosen eines Jahres zusammenzustellen, doch dieser Rum wäre zu hundert Prozent in den Top 3.
Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.
Koriander und Orangenschale sind natürliche Zutaten, die gerade in belgischen Bieren sehr gerne eingesetzt werden. Ich kenne genug Reinheitsgebotsanhänger, die sich wegen derartiger Zutaten echauffieren, die hochindustrialisierten Beigaben in vielen deutschen Bieren, die nach Reinheitsgebot gebraut sind, aber geflissentlich ignorieren. Jeder, der sich hier angesprochen fühlt, sollte sich fragen, ob es nicht besser ist, mehr Zutaten zu erlauben, die dann aber natürlich sind, und stattdessen die ganzen Industriehilfsmittel zu verbieten, wenn man schon die Verbotsschiene fahren muss. Zumindest den falschen Mythos des RHGs sollte heutzutage aber niemand mehr glauben, das ist reines Produktmarketing ohne Hintergrund. Um zu prüfen, dass Bier auch mit Koriander und Orangenschalen toll schmecken kann, stelle ich heute das Binchoise Artisanal Belgian Ale aus der gleichnamigen Brasserie La Binchoise vor.
Ich habe den Kronkorken gelöst, und mir kam fast die halbe Flasche des Biers im Strahl entgegen – das war das krasseste Gushing, das ich bisher erlebt habe, also Vorsicht! Mit im Glas ist dann auch ziemlich viel bröckelige Hefe gelandet (das Bier ist unfiltriert). Das trübt das Bier im Wortsinn ein, das Kupfer bleibt dennoch ansatzweise durchscheinend, und der Schaum ist sehr fein (der, der auf der Küchenzeile gelandet ist, war das übrigens auch).
Der Geruch ist getreidig, mit leicht zitrusfrischen Spitzen, ohne wirklich fruchtig zu wirken. Ein leicht metallischer Ton ist dabei, und die Hefe nimmt man auch wahr. Ansonsten bleibt das Binchoise unauffällig für die Nase, weder Orangenschale noch Koriander kann ich erschnuppern.
Im Mund hat man dann die typische, schöne Textur eines belgischen Dubbels, mit viel Cremigkeit und weichen Rundungen, die durch rezente Frische aufgeleichtert wird. Gute Bittere zeigt sich dazu ziemlich schnell, im Verlauf zunehmend, bis sie im Abgang fast etwas im Rachen kratzt. Leichte Gewürznoten nach Nelken und Muskatnuss schmeckt man, doch Getreide ist klar dominant, selten erlebe ich das in dieser Konsequenz, und die Hefe steht dem kaum in etwas nach – das fühlt sich im Mund fast wie Brotteig an. 6,2% Alkoholgehalt sind typisch und geschmacklich nicht störend erkennbar. Der Abgang ist mittellang und weiterhin von diesen letzten Eindrücken getragen. Auch hier: Koriander und Orangenschale ist kaum wahrnehmbar für mich, zweiteres höchstens durch die zestige Bittere.
Ein süffiges Bier, wie gesagt deutlich vom Basismaterial getragen, etwas, was ich durchaus zu schätzen weiß. Nichts dramatisches, außer dem Gushing natürlich, aber sehr angenehm zu schlürfen – bei der nächsten Flasche passe ich mehr auf, dann hab ich auch mehr im Glas nachher.
Man hat es nicht allzu oft in der Spirituosenbranche – man ist sich recht einig darüber, dass ein Produkt wirklich gut ist und jeden Ansprüchen genügt, egal, aus welcher Geschmacksecke man kommt. Der Elijah Craig 12 Years Kentucky Straight Bourbon Whiskey gehört, so glaube ich, dazu; es gibt kaum einen, der diesen Bourbon nicht mag, und ich sehe kaum negative Kommentare. Ich persönlich habe mich bei meiner Besprechung damals vor mittlerweile mehr als 6 Jahren förmlich überschlagen, und auch rückblickend will ich eigentlich nichts schlechtes über ihn sagen.
Um so erfreulicher ist dann, dass man mit dem Elijah Craig Barrel Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey nun noch einen Schritt weiter hin zum Bourbonnirvana tun kann. Unverdünnt wird das 12 Jahre gereifte Destillat dreimal pro Jahr abgefüllt, in einzelnen Batches, deren Stärke dann natürlich variiert. Mein vorliegender Batch ist B516, das ist ein Code dafür, dass er im Mai 2016 mit 139,4 proof (also 69,7%) Alkoholgehalt als zweite Abfüllung des Jahres in die Flasche kam. Da wartete er nun eine Weile, wird also Zeit, dass er wieder raus darf aus dem Gefängnis – allerdings nur von einem Glasbehältnis (der Flasche) in ein anderes (mein Glas).
Die Flasche verbirgt schonmal nichts – die Farbe ist fast so dunkel wie das Etikett. Gebrannte Siena nennt mein Farbenrad diesen Ton; und da bei Straight Bourbon, wie schon oft erwähnt, keine Färbung erlaubt ist (und auch gar nicht nötig, da die frischen Eichenfässer immer ohne Schwierigkeiten genug davon abgeben), können wir uns im guten Gefühl der Reinheit baden, während wir dem langsamen, schweren Schwappen der Flüssigkeit im Glas zusehen. Ein dicker Film liegt am Glas, der nur schwer in einzelne Beine aufzuteilen ist.
Schnuppern tun wir erstmal ohne Wasserbeigabe, etwas, was unweigerlich folgen wird. Ich kriege eine volle Breitseite an Vanille, Pfirsich, Karotte, Aprikosen, reifer Banane, Butterscotch und ähnlichen süßschweren Eindrücken ab, das ist Bourbon, wie ich ihn liebe, in Reinkultur. Natürlich riecht man wegen der umwerfenden 69,7% Alkoholgehalt auch etwas Klebstoff und Lack, aber das ist erstaunlich zurückgenommen, da hatte ich schon ganz andere Stinker im Glas, mit deutlich weniger Prozenten.
Traue ich mich, davon einen Schluck zu nehmen? Aus Pflichtgefühl für meine Leser, ja. Eine dichte, dicke Süße legt sich im Mund an, nur milde Schärfe, typische Bourbonaromen, aber insgesamt enttäuschend. Ich habe das Experiment schonmal gemacht, darum weiß ich – knapp 70% sind einfach für zumindest meine Geschmacksknospen zuviel, da schmecke ich gar nix mehr. Dafür ist mir dieser Bourbon zu schade, und ich bin ja kein Angeber, der damit prahlen will, wie starkes Zeug er schlabbert, drum kommt Wasser dazu, ein paar Tropfen, ich schätze, ich kriege ihn so auf um die 50% runter, das ist schon eher ein akzeptabler Wert.
Die Nase wird direkt würziger, holziger, aber insgesamt aromatischer und weniger zum Süßen neigend. Und im Mund zeigt sich, dass ich Recht hatte – jetzt explodiert der Elijah Craig geradezu mit würzigen, fruchtigen und mildscharfen Aromen. Immer noch viel Vanille und Karotte, meine zwei Bourbonaromen, die ihn für mich definieren, aber Kardamom, Ingwer, Zimt, eine leichte Nussigkeit spielt auch mit. Salzige und mildsaure Eindrücke wechseln ab, eine volle, cremige Buttrigkeit sorgt für ein tolles Mundgefühl. Aprikose, Pfirsich, Birne – da ist alles drin, was man sich wünschen kann.
Er ist nun gut heiß und kitzelt am Gaumen und der Zunge, was den Abgang einleitet: man kann ihn nachverfolgen, wie er runterrutscht und unten liegenbleibt. Der Nachhall von Karotte und Vanille klingt lange nach, ohne wirklich aufdringlich zu sein, eine leichte Adstringenz saugt mir die Spucke aus dem Mund. Ein großartiger Bourbon, mit Kraft, Wucht und einer unglaublich guten Balance.
Der Cocktail The Tootsie verlangt normalerweise nach gleichen Anteilen Bourbon und Rye. Ich habe einfach die Anteile etwas verschoben, um dem Elijah Craig etwas mehr Prominenz zu verleihen. Wie so oft bei Rezepten außerhalb des Backens muss man nicht alles, was vorgeschrieben wird, auf die Goldwaage legen; oft sind es die kleinen Verschiebungen, die die Individualität eines jeden Drinks dann ausmachen, und kaputt macht man in den allerseltensten Fällen irgendwas. Wer will schon immer das Identische trinken. Ich jedenfalls nicht.
The Tootsie 1 oz kräftiger Bourbon ½ oz Rye Whiskey ½ oz Spiced Rum ½ oz Aprikosenlikör ½ oz Ananassaft ¼ oz Zuckersirup 1 Spritzer Schokoladenbitter Auf Eis shaken. Auf einem großen Eiswürfel abseihen. 1 Teelöffel Chartreuse darauf floaten. [Rezept adaptiert nach Kenneth McCoy]
Wie gesagt, meine Flasche stammt aus dem Jahr 2016, damals war die Flasche noch die gleiche, in der man den normalen Elijah Craig damals bekam, auch der große Plastikdeckel auf dem echten Korken war identisch. Heute ist die Flasche einer Verjüngungskur unterzogen worden, das ist dann Geschmackssache, mir gefiel das alte Design eigentlich immer sehr gut.
Das allerbeste am Barrel Proof heute wie gestern ist aber geblieben, nämlich dass man lange an dieser Flasche hat – mit der leichten Verdünnung, die ich angeboten hatte, kriegt man locker einen Liter aus der Dreiviertelliterflasche; alternativ hat man Cocktails mit echtem Bumms. Ich habe mir, als es diesen Bourbon im Angebot in einem lokalen Supermarkt gab (ich war selbst extrem überrascht, sowas dort überhaupt zu finden!), gleich drei Flaschen geholt. Die sollten mir eine Weile aushelfen, wenn die Lust auf starken, wuchtigen Bourbon groß wird.
Vor kurzem hatte ich eine eher unbekanntere Agavenbrand-Varietät aus Mexiko vorgestellt, einen Bacanora. Damit erschöpft sich der Pool an in Mexiko geschützten Spirituosen allerdings noch nicht, es gibt noch eine weitere: den Raicilla. Die „denominación de origen“ ist für Raicilla ähnlich strukturiert wie für Mezcal, Bacanora, Sotol und Charanda, da hangelt man sich an den üblichen Parametern entlang, die Hauptpunkte sind hier: Raicilla darf nur in den Bundesstaaten Jalisco und Nayarit hergestellt werden, und es gibt eine Liste von erlaubten Agavensorten. Diese ist nicht abgeschlossen wie bei anderen Agavenbränden Mexikos, im offiziellen Dokument liest man: „Materia prima: Agaves silvestres o cultivados; Agave Maximiliana Baker, Agave Inaequidens Koch, Agave Valenciana, Agave Angustifolia Haw y Agave Rhodacantha entre otros, con la excepción del Agave Tequilana Weber Azul“. Das „entre otros“ lässt die Liste offen, und man schließt dafür die blaue Weberagave explizit aus, wahrscheinlich, um keine Konflikte zur DO von Tequila aufkommen zu lassen; man grenzt noch zwischen Raicilla de la Costa und Raicilla de la Sierra ab, hauptsächlich über die Agavensorten.
Für das Beispiel heute, den La Venenosa Raicilla Sierra del Tigre, einem, wie der Name schon andeutet, Raicilla de la Sierra, kommt die in der Liste vorhandene, wild gewachsene Agave inaequidens zum Einsatz; im Dorf Manzanilla de la Paz auf 2000m Höhenlage, wo der Raicilla herkommt, kennt man sie umgangssprachlich als Bruto. Geröstet wird auf Holzkohlen in einem Erdofen, und die Brennanlage ist eine keramische Filipino-Potstill, in der bei diesem Batch ein Alkoholgehalt von 45,5% erzielt wird. 700 Liter entstehen nur pro Jahr unter dem wachsamen Auge des Brenners Don Luis Contreras, und ein paar Schlückchen davon können wir heute gemeinsam im Glas probieren.
Die extreme Öligkeit fällt einem sofort auf, wenn man die kristallklare Flüssigkeit langsam im Verkostungsglas schwenkt, das schwappt fast wie Sirup hin und her. Großzügige Reste bleiben an der Glaswand haften, laufen spät in fetten Beinen ab.
Ich fühle mich sofort an Erdbeerjoghurt erinnert, wenn ich das Glas dann an die Nase halte. Eine milchig-joghurtige Note ist der erste Eindruck, nicht wirklich säuerlich werdend, Schmand oder Crème Fraiche vielleicht als äußerstes. Darin liegen dann verschiedene Obstsorten, Kirschen, Erdbeeren eben, milde, nicht ganz reife Aprikosen. Erst danach kann man langsam die Agave entdecken, in ihrer grünen Mineralität, mit Blattschnitt und einem Gartenteich im Frühling, und fermentierten Gurken. Auch wenn es seltsam klingt, diese Kombination ist angenehm zu schnuppern.
Am Gaumen merkt man auch noch den Joghurt, eine deutlich säuerliche Note entsteht schon zu Beginn und verstärkt sich sogar noch bis zum Schluss. In dem Joghurt ist weißer Pfeffer, sowohl aromatisch, als auch vom Effekt, ein kaltes Kribbeln involviert insbesondere die Zunge. Kirschen und Erdbeeren streiten sich um die Hauptrolle in der Fruchtkomponente. Die Textur ist nicht ganz einfach, die optische Öligkeit spiegelt sich nicht am Gaumen wieder, hier ist der Brand eher klar und leicht, durchaus auch etwas salzig. Gegen Ende dreht die Agavenseite auf, verdrängt den Rest, und im Nachhall ist dann nur noch leicht säuerliche Agave vorhanden, mineralisch, kiesig, grün und etwas erdig, mit einem Touch der Brühe eingelegter Gurken.
Ein ungewöhnlicher und wahrscheinlich auch polarisierender Agavenbrand aus Mexiko, da mache ich mir keine Illusionen: den La Venenosa Raicilla Sierra del Tigre wird nicht jeder mögen, insbesondere der milchsaure Aspekt muss verstanden werden, bevor er genossen werden kann. Zumindest ich für meinen Teil kann soetwas vom Kopf her auf analytischer Ebene mögen, vom Bauch her brauche ich noch etwas Zeit und Erfahrung mit Raicilla, das gebe ich unumwunden gerne zu.
Manchmal ergeben sich Zufälle, mit denen man nicht rechnet. Neulich erst hatte ich meine Heimbar etwas umorganisiert, und dabei die Flasche Savanna Lontan, die zum 60. Jubiläum des französischen Händlers La Maison du Whisky herausgegeben wurde, wiederentdeckt, die ich vor inzwischen schon 7 Jahren erworben hatte. „Darüber solltest du doch auch mal schreiben“, dachte ich mir, und Minuten später war der Gedanke schon wieder vergessen und die Flasche wieder hinten im Regal gelandet. Umstrukturierungsmaßnahmen sind selten wirklich erfolgreich. Doch diesmal bekam ich einen zusätzlichen Schubs, in der Form von Samples, die mir Kirsch Import, der wahrscheinlich der erfolgreichste deutsche Importeur, was exotischen Rum angeht, recht unerwartet ein paar Wochen später zukommen ließ. Solche Synergieeffekte lasse ich dann auch bei der mir inhärenten Trägheit nicht verstreichen, und hier stelle ich nun eine Menge Rums von der kleinen Insel Île de la Réunion im Indischen Ozean, einem französischen Département d’outre-mer, vor: die Rums von Savanna Réunion Island Rum, wie die Marke der Destillerie Savanna seit kurzem wohl offiziell angliziert heißt. Seit 1870 gibt es die Zuckerfabrik mit angegliederter kleiner Brennerei dieses Namens, danach erfolgten in den 40ern und 90ern umfangreiche Umbauten der gesamten Zucker- und Ruminfrastruktur der Insel, der Name Émile Hugot ist damit eng verbunden.
Bei Savanna stellt man drei Sorten Rum her: Rhum Agricole (also aus Zuckerrohrsaft entstanden), Rhum Traditionnel (also aus Melasse gebrannter Rum), und Rhum Grand Arôme, der auch aus Melasse hergestellt wird, aber deutlich längere Fermentationszeiten nutzt und dadurch intensivere Aromen hervorbringen kann. Dafür hat man auch unterschiedliche Brennapparate, eine Pot Still, eine klassische Säule und dazu noch eine Savalle-Kolonne, man ahnt schon, dass hier eine Vielzahl von unterschiedlichst parametrisierten Rums gestaltet werden kann. Zusätze oder Kaltfiltrierung gibt es allerdings bei keinem, sehr lobenswert. Gehen wir einfach mal einen Teil des Portfolios der Brennerei zusammen durch!
Fangen wir bei dem glasklaren Savanna Intense 41,3 Rhum Traditionnel de La Réunion an. Viskosität sieht man hier, und hübsche Schlierenbildung, insgesamt aber unauffällig. In der Nase erkennt man sofort, dass man keinen Zuckerrohrsaftrum vor sich hat, sondern einen aus Melasse gebrannten. Süßlich, erdig, dezente Aromen von Guave, Litschi und Banane, dazu etwas Kokosnuss. Man muss tief schnuppern, und bekommt dann auch eine kleine Dosis Ethanol mit, bei den namensgebenden 41,3% Alkoholgehalt müsste das so nicht sein. Im Mund setzt sich das so fort, mit einer etwas helleren Komponente aus Vanille und gerösteten Mandeln. Insgesamt bleibt der Rum süß und mildfruchtig, er strahlt im Verlauf einen warmen Hauch aus, der sich am Gaumen ausbreitet. Die Textur ist dicht und rund, das passt gut zur kräftigen Bananen- und Kokossüße. Ja, das fühlt sich tropisch an, und ganz anders als ein Rhum Agricole. Das passt ziemlich sicher wunderbar in Cocktails, bei denen man eine dichte, süße Rumbasis braucht, die aromatisch aber nicht zu sehr heraussticht.
Ein bisschen strohige Farbe gewonnen hat der Savanna Métis Rhum Traditionnel Brun de La Réunion, denn bei ihm handelt es sich um einen Blend aus Rums, die in Fässern und Vats aus französischer Eiche bis zu 4 Jahre gereift und auf 40% Alkoholgehalt eingestellt wurden. Die geruchliche Verwandschaft ist erkennbar, doch hier wirkt alles viel dunkler, als die Farbe es andeutet. Erdig, nasser Waldboden, feuchtes Holz, Champignons und ähnliche Eindrücke verschieben die Aromen etwas, Banane, Litschi und Kokos bleiben jedoch erhalten, das Ethanol dagegen ist verschwunden. Am Gaumen fällt zunächst die schwere Konsistenz auf, die sich fast wie Sirup an Zunge und Zähne legt. Erkennbar bildet sich dann daraus Würze heraus, das Holz ist nun erkennbar, ohne wirklich dominant gegen die Kokosbanane anzutreten, mehr, sie klarer herauszuschälen. Angenehme Säure sorgt für Balance, besonders im mildtrockenen Abgang, bei dem Zimtschärfe eine ganze Weile nachklingt. Süffig und sehr rund, das kann man pur trinken, oder für einen Cocktail einsetzen, der von der zusätzlichen Würze profitieren kann.
Nicht „bis zu“, sondern mindestens 5 Jahre Reifungsdauer benötigt der Savanna 5 ans d’âge Rhum Traditionnel Vieux de La Réunion. Da geht die Farbe natürlich schon ins Ocker über, ohne künstlich gefärbt zu wirken. Das Schwenkverhalten ist auch gemütlicher geworden, an der Glaswand bleibt eher eine ölige Fläche denn komplexe Beinbilder. Man bewegt sich sensorisch nun schon etwas weg von den Vorgängern, das Holz löst die tropische Frucht spürbar als Hauptaromengeber ab. Eher Trockenfrüchte findet man nun, Datteln und Feigen statt frischer Banane und Litschi. Ich gebe zu, das ist weniger interessant in der Nase als zuvor. Die weiche Textur ist dagegen voll erhalten geblieben, im Antrunk ist das sogar sehr flauschig. Erst im Verlauf kommt dann immer trockener werdende, sich sogar feurig präsentierende Würze auf, die auf die schwere Süße von Honig, Heu und Karamell aufbaut und die 43% Alkoholgehalt gut setzt. Ein ganz klassischer Rum, würde ich sagen, hier sieht man halt ein bisschen, wie durch Holzlagerung territoriale und sensorische Eigenheiten etwas unterdrückt werden zugunsten einer gewissen Generizität. Wenn es am Ende so angenehm zu trinken ist wie hier, stört mich das aber weniger als bei vielen anderen Produkten.
Noch etwas älter werden wir beim Savanna Le Must Rhum Traditionnel Très Vieux de La Réunion – bis zu 9 Jahre alt sind die Rums dieses Blends, und man hat hier dann sogar auch Grand-Arôme-Rums dazugegeben, am Ende erreicht man damit 45% Alkoholgehalt. Klar ockerfarben ist der Blend nun, richtig ölig im Glas und die Beinchen kann man inzwischen zählen. Die Nase ist äußerst attraktiv geworden, man trifft auf eine exquisite Mischung von fruchtigen Estern und holzigen Tanninen – beide Seiten sind in toller Balance zueinander. Ein bisschen staubig wirkt der Rum, erinnernd an einen feuchten Keller. Am Gaumen wirkt der Le Must dagegen noch frisch und jung, mit vielen fruchtigen Aromen, dazu deutlichem Eindruck von Kirsche und Quitte, unterstützt von Backgewürzen. Bittere und Süße haben beide ihre Berechtigung, die Textur ist weich, aber nicht schwer. Gegen Ende zeigt sich die würzige, pikante Seite des Le Must, mit kaltem Feuer glüht er lange vor sich hin, ohne zu zwicken, und bleibt auch aromatisch sehr lange bei uns, ohne sich dabei wild aufzudrängen. Dieser Blend ist wirklich herrlich gelungen, mit viel Typizität und Charakter, und dennoch erfrischendem Charme.
Der Grund, die Samples zugeschickt bekommen zu haben, ist natürlich die Veröffentlichung des Savanna Unshared Cask #25 Rhum Traditionnel Vieux de La Réunion. Kirsch Import hat sich das für uns deutschlandexklusiv gesichert. Es handelt sich um einen Single Cask, der nach 6 Jahren tropischer Reifung aus Fass #25, das vorher Cognac enthielt, mit 59,5% Alkoholgehalt auf nur 768 Flaschen gezogen wurde. Eingelagert wurde in das Fass ein Blend aus Rhum Traditionnel und HERR-Grand-Arôme-Rum, ähnlich wie schon beim Le Must. Farblich ist im Vergleich aber schon noch mindestens eine Farbstufe dazugekommen, zwischen Safran und Kupfer liegt er im Glas, und bewegt sich viskos, aber lebendig. Den HERR im Blend riecht man hier nun sehr deutlich, starke Ester definieren die Nase, mit etwas Fruchtkaugummi, Zuckerwatte und einer orthogonal dazu verlaufenden Erdigkeit. Ungewöhnlich und besonders, das muss man sagen. Das Gefühl führt der Gaumen fort, mit viel Wucht schlägt der Unshared Cask #25 hier auf, und bringt volle, dichte Eindrücke von Kirsche, Beeren, unreifer Ananas und Litschi. Brauner Kandiszucker steuert vom Antrunk an Würze bei, ein bisschen Anis und Estragon tauchen auf, Kardamomkälte gleicht die alkoholische Wärme aus. Deutlich trockener als alle Vorgänger ist dieser Rum am Gaumen, zeigt milde Astringenz dabei. Der Abgang ist sehr lang, fruchtbetont, hier kommen Holzaromen langsam hervor und lassen den Rum weniger wild als zu Beginn ausklingen. Wirklich hervorragend, dieser Abgang, er komplettiert einen sehr erwachsenen, grandios strukturierten Rum.
Zu guter Letzt wenden wir uns noch dem wahrscheinlich besondersten Produkt der Destillerie zu, dem Rhum Grande Arôme, der schon mehrfach erwähnt wurde. Zwei Ausprägungen gibt es davon, den HERR und den Lontan. Wir sprechen nun über den Savanna Lontan Rhum Traditionnel Grand Arôme, entstanden aus der oben angesprochenen Savalle Column Still. Meine Flasche ist Flasche 70 von 1000 aus einer Sonderabfüllung zur Feier des 60. Jubiläums von LMDW, mit einem Alkoholgehalt von 57% (der Standard-Lontan hat heutzutage 57,5%). Schon beim Eingießen ins Glas schwappt der Lontan schwer, und er schwenkt sich zäh, geht gern wieder in Ruhe über. Kristallklar ist er, auch wenn man durch die braunen Etiketten zunächst vom Flascheineindruck dachte, er hätte eine Tönung. Die Nase ist extrem, voller dramatischer Ester, weniger fruchtig, mehr quietschend schweißig, getragene Turnschuhe, Tennissocken nach dem Sport, die Umkleide im Gymnasium. Linoleum, Teer, eine alte Werkstatt mit geölten Werkzeugen. Plastik und leichte Floralität, am Ende dann doch noch Bergamotte, Stachelbeeren und grüne Banane. Man sieht, hochkomplex, wenn auch nicht besonders schmeichelnd, die rund 580g/hlpa an Estern muss man verkraften können. Im Mund ist der Lontan dann viel fruchtiger, mit schwarzen Johannisbeeren, Kirsche, etwas Birne; und hier wirkt er auch viel angenehmer, die ganzen Schweißnoten sind verschwunden. Schwere Süße definiert die Textur, der Alkoholgehalt ist kaum spürbar, erst im Magen merkt man, was man getrunken hat. Der Abgang ist entsprechend lang und wirksam, leicht grünlich und vegetal, deutlicher erdig, mit einem Touch von Pinienharz und Fichtennadeln. Höchstaromatisch macht der Lontan seiner Kategoriebezeichnung wirklich alle Ehre, und gefällt mir persönlich besser als viele der Estermonster aus Jamaica.
Hochesterrums können Cocktails leicht komplett übernehmen und sie eindimensional machen, das habe ich oft erlebt. Beim Golden Barnacle passiert das überhaupt nicht – es ist ganz erstaunlich, welche Komplexität in diesem Tikidrink zu finden ist, von Gewürzen über Obst bis hin zu Blüten ist alles da, was man von der Südsee erträumen könnte. Besonders der lange, hocharomatische und spannende Abgang macht diesen Cocktail zu etwas wirklich besonderem, wenn man einen Grande Arôme wie den Savanna Lontan dafür nutzt.
Golden Barnacle 1oz / 30ml ungereifter Rhum Agricole ½oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum ½oz / 15ml Allspice Dram 1oz / 30ml Don’s Mix(2:1 Grapefruitsaft – Zimtsirup) ½oz / 15ml Limettensaft Auf Eis blenden. In einen Tumbler mit Eis abseihen. [Rezept nach Shannon Mustipher]
Wir haben hier eine weite Bandbreite von Rums probiert. Der Rhum Traditionnel von Savanna alleinstehend überzeugt mich nicht so unglaublich, das gebe ich zu, das fühlt sich für mich wie der übliche Melasserum aus Mittelamerika oder der Karibik an (was es eigentlich ja auch ist). Der Kniff ist auf La Réunion wirklich der Grand Arôme, sei es alleinstehend wie im Lontan, oder als Würzzutat im Unshared Cask #25 oder dem Le Must. Wer wissen will, was die Besonderheit der Insel im indischen Ozean ist, sollte einen von diesen drei probieren. Für den gemütlichen Trinker empfehle ich den Le Must, für den, der exotische Dramatik spüren will, den Lontan, und für alle anderen, die gern den Mittelweg des besten aus beiden Welten gehen wollen, den Unshared Cask.
Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.