Was sind schöne Souveniers aus Belgien? Nun, andere bringen so Kruscht mit, Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagneten, Postkarten. Ich bin der Typ, der gern stattdessen Lebens- und Genussmittel in den Koffer packt – und aus Belgien, und hier im besonderen Brügge, brachte ich natürlich dann ein paar lokale Produkte der Brauereien aus der Stadt mit. Heute mache ich eins davon auf, das Brouwerij Bourgogne des Flandres Blonden Os. Es handelt sich dabei um ein obergäriges Bier mit dem Stilnamen „Flemish Blond Ale“, gebraut mit 6,5% Alkoholgehalt und dem dezenten Einsatz von Gewürzen, hergestellt natürlich in klassischer Flaschengärungsweise.
Der „blonde Ochse“, der Name passt zu dem, was man im Glas sieht. Zwischen Senf und Ocker liegt das kräftige, leuchtende Gelb, mit deutlicher Trübung, und einem feinblasigen Schaum, der sich zügig auf einen dünnen Flaum reduziert.
In der Nase erkennt man zunächst angenehme, weichwürzige Getreidenoten, ohne dass es sehr malzig wirkt. Sehr schnell ist dann aber schon eine feine, irgendwo zwischen Apfelessig und Verjus verortbare Säure, leicht laktisch, erschnupperbar, die sich gut integriert. Dahinter schließlich meint man, etwas Holz zu riechen, nur in Form von zusätzlicher Komplexität.
Wer hier auf ein klassisches Sauerbier spekuliert hat, wie ich nach der Geruchsprobe, wird überrascht durch die natürliche Süße und weiche Textur, die den Antrunk definiert. Das Getreide spielt klar die Hauptrolle, unterstützt von klug gewähltem Hopfeneinsatz, der sich aromatisch zeigt, aber nicht nach vorne drängt, eher mit eleganter Bittere arbeitet. Leicht floral wirkt das alles im Zusammenspiel, sehr ansprechend, mit dann noch im Verlauf entwickelter, zarter Säure, viel weicher, als erwartet, mit einem feinherben, trockenen Abgang.
Ein sehr rundes, elegantes Bier, das sich wirklich süffig trinkt, und dabei jedem Aspekt genug Raum lässt, sich zu präsentieren. Ein idealer Bierbotschafter Brügges, ganz ohne Extreme oder Dramatik, dafür integrativer Eleganz.
Heute haben wir wieder einmal ein Trio im Angebot, und weil ich darüber hinaus schon viel über das Set Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James erzählt hatte, halte ich mich ausnahmsweise mal zurück, mir einen elaborierten Spannungsbogen aus den Fingern zu saugen, kommen wir einfach mal direkt zur Sache (man gewöhne sich nicht daran, ich werde meine Leser in Zukunft weiter mit mehr oder weniger unterhaltsamen Anekdoten aufs Thema lenken, keine Sorge!). Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésimes 2000, 2002 und 2006 sind drei weitere der Jahrgänge, die man im wunderbaren Verticale-Set finden konnte. Saint James gehört durchaus zu den von mir öfter besprochenen Brennern, man kann hier auf meinem Blog ein paar Eindrücke anderer Sorten des Herstellers sammeln, über dieses Set hinaus. Diese Lektüre lege ich natürlich jedem ans Herz, der sich nach diesen Jahrgangsrums, die nun folgen, weiter für die Destillerie auf Martinique interessiert.
Beginnen wir mit dem jüngsten des Trios, dem Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2006, der nach der elften Zuckerrohrernte seit Einführung der AOC 2006 und dem gleichjährigen Brennen dann im Oktober 2021 abgefüllt wurde. Farblich gefällt mir das schonmal sehr, 15 Jahre tropische Reifung haben einen wunderschönen Palisanderton erzeugt, der strahlt und leuchtet, wenn man das Glas dreht. Dass sich die Flüssigkeit dabei sehr ölig bewegt, tut sein übriges dazu. Initial ist die Nase von Klebstoff beherrscht, das erinnert mich an meine vergangenen Modellbautage. Lässt man dem Rum etwas Zeit, bilden sich schwere Karotten- und Vanilletöne heraus, die mich stark an Bourbon erinnern. Erst darunter findet man leicht grasige Noten, und auch eher ganz vorsichtig – das ist sensorisch ein Rum, bei dem das Holz wirklich voll zugeschlagen hat und den Zuckerrohrsaft beinahe komplett verdrängt.
Man ahnt noch den Fehler, den ich für die 2015-2008er Jahrgänge bei dieser Abfüllung ausgemacht habe, diesen parfümigen Lavendel-Weichspüler, das die genannten Brände für mich praktisch untrinkbar gemacht hatten; doch es ist nur noch eine Idee davon da, darum ist das hier eher ein Teil des Bilds denn ein Fehler. Das Mundgefühl ist staubtrocken, stark astringierend, bitter und mit ordentlich Säure versehen: definitiv kein Rum, der schmeichelt, eher ein Brett aus Holzspänen, grünem Gras, Estragon und Süßholz. Charaktervoll, ja, wuchtig, ja, und auch vollmundig – aber hart an der Grenze zum Kantigen. Der Abgang ist lang und entschädigt dann aber voll, hier klingt leichte Minzefrische auf, das Holz geht in Karotte über, die Spucke fließt nach und verbindet sich dann mit den Rumresten zu einem wirklich attraktiven, algig-kiesigen Finish. Also eher was zum bedächtigen Explorieren denn zum gemütlichen Genießen!
Zurück, vier Jahre in die Vergangenheit vom eben probierten Rum, zum Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2002, der damit aus der siebten Ernte nach Einführung der AOC stammt und ebenfalls Oktober 2021 abgefüllt wurde. Der optische Eindruck ist sehr imponierend, ein strahlkräftiges Pariser Rot, mit orangenen und fuchsiafarbenen Lichtreflexen. Sehr stattlich ist auch das Schwenkverhalten, mit satter Öligkeit und einem Beinchengitter zum Träumen. Und ohne Pause geht dieser Rum weiter, in der Nase ist ultraviel Frucht, dunkle Trauben, Feigen, Aprikosen, aber auch Weinbergpfirsich und süße Aromen von Toffee, Haselnusscreme und Vanille. Etwas Karottiges erinnert erneut an Bourbon, aber in einer trockeneren, herberen Art. Voluminös, kraftvoll, stark – ein Duft, in den man sich aufs erste Schnuppern verlieben kann.
Leider ist schon im Antrunk wieder der Weichspüler da, sehr stark sogar, mehr, als beim 2006er. Das ist wirklich zum Heulen. Es ist einfach mehr als eine florale, blumige Note, das ist wie Softlan in der lila Plastikflasche. Alles andere leidet darunter, ich muss die Verkostung hier schlicht abbrechen, erst im Abgang kommt ein eiskalter Minzhauch auf, der mit der trockenen Textur und dem holzigen Charakter wieder etwas Freude aufkommen lässt. Aber was soll ich sagen. Ein Jammer. Ein Jammer. Ich weiß nicht, was da passiert ist – wenn es beabsichtigt ist, dass der Rum so schmeckt, dann ist er schlicht gruslig und so überhaupt nicht typisch für Rhum Agricole; wenn es ein Fehler ist, muss jemand zur Rechenschaft gezogen werden, der für diesen Schaden verantwortlich ist. Ich weiß nicht wer, aber das ist wirklich ein Verbrechen. Da ich dies in unterschiedlichen Abfüllungen so schmecke, und in manchen nicht, auch bei wiederholten Versuchen, schließe ich eine Kontamination auf meiner Seite aus.
Nach dem Schreck zurück in den Sattel, und nochmal zwei Jahre weiter zurück. Lassen wir uns nun den Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2000 hoffentlich besser schmecken. Die fünfte Zuckerrohrernte seit Einführung der AOC brachte den Saft für ihn hervor. Wir sind optisch noch einen Ticken dunkler inzwischen, das ist starkes Mahagoniholz, vielleicht gebrannte Siena. Trotz des Alters von 21 Jahren (er ist damit der älteste Rum des Vertikalsets, denn der 1998er war ein paar Jahre zwischengereift, und die zählen dann nicht) wirkt er lebendig und frisch im Glas. Die Nase ist direkt edel und elegant, dabei aber vergleichsweise zurückhaltend – man findet einiges an dunklem, getrockneten Obst, aber auch frische Orange und Kirsche. Gestärkt, aber niemals überlagert, wird das vom Holz, mit Vanille und ledrigen Tönen, etwas Estragon und Süßholz, minimalst Gras, insgesamt fein und rund.
Am Gaumen wirkt der 2000er auch ähnlich zurückhaltend wie in der Nase, da zeigt sich erstmal weiche, leichte Textur, ein wirklich sauberes, klares Mundgefühl, ohne den Gaumen zu belegen. Frisch, hell, fruchtig – sehr unerwartet, da ist das Holz wirklich sauber eingesetzt, es zeigt sich zwar, lässt aber der Orange, der Mango, der Kirsche viel Spielraum, sich auszuleben. Trocken, ohne zu astringieren, herb, ohne bitter zu werden, rund, ohne sich wirklich auszudehnen – das ist ein sehr eleganter Rum, toll strukturiert und konstruiert, vielschichtig, ohne dass sich ein Aspekt nach vorne drängt und andere überdeckt. Der Nachhall ist lang, fruchtig und holzig, hier kommt das Zuckerrohr klar hervor und dominiert dann doch, aber natürlich mag ich es, wenn das Basismaterial erkennbar ist. Minimalst floral (und überhaupt nicht weichspülerig!) und mit deutlichen, mineralischen Algentönen klingt die Verkostung aus. Ein hervorragender Rum, archetypisch für Martinique, ohne jeden Fehler oder Kritikpunkt. Ich liebe ihn.
Ohne das VSGB-Projekt, über das ich nun schon sehr oft berichtet habe, wäre diese Verkostung wieder einmal nur sehr schwer möglich gewesen, vor allem wäre für mich persönlich der haptisch-taktile Eindruck ein ganz anderer gewesen, wenn ich neutrale Sampleflaschen statt der wunderbaren, liebevollen Kleinflaschen mit hochwertigen, dickmaterialigen Etiketten und Kartons zuhause gehabt hätte.
Mit dieser zweiten Runde der Saint-James-Rums aus dem Vertikalset beschließe ich auch die Besprechungen für dieses Set; die schon probierten aber noch unreviewten Jahrgänge 2014, 2012 und 2008 halte ich zusammen mit dem hier vorgestellten 2002 persönlich (wie auch schon 2015 und 2010, die ich im vorherigen Artikel diskutiert hatte) für schlicht nicht trinkbar, weil fehlerhaft abgefüllt, und sehe keinen Sinn, sie zu besprechen. Aber vielleicht stehe ich da allein mit meiner Meinung. Das trübt aber insgesamt den Gesamteindruck dieses Sets doch extrem, da die Hälfte der Fläschchen für mich ungenießbar sind. Dennoch: Ich habe es sehr genossen, zum kleinen Kreis derer zu gehören, die so eine ambitionierte Reihe probieren durften. Und vielleicht ist es halt einfach eine Geschmacksrichtung, die mir widerstrebt. Ich wäre gespannt, von Leuten zu hören, die das Set auch kennen!
Der Sommer 1989 war schon etwas besonderes, gerade für uns Deutsche. Doch auch das Wetter spielte da in ganz Europa mit, und versorgte zum Beispiel in Südwestfrankreich die Weinberge mit langer Sonne ab März. Aus diesem Umfeld entsprang der Grape of the Art Hontambère 1989 #A5. Er stammt aus der Domaine Pouchegu in der Region Armagnac Ténarèze und wurde vollständig aus der Rebsorte Ugni Blancgemacht. Fassstärke, hier 55.9%, gehört bei GotA inzwischen natürlich zur Erwartung, im Juli 2023 wurden nach 33 Jahren im feuchten Keller nur 250 Flaschen davon abgefüllt.
Etwas Schwung muss man aufwenden, um die kupferfarbene Flüssigkeit im Glas in Bewegung zu bringen, schnell legt sich das dank der hohen Viskosität auch wieder und lässt einen flächigen Film an der Glaswand zurück. Dabei bekommt man schon die ersten kleinen Schwaden des intensiven, kräftigen Traubengeruchs ab, mit Most aus roten Äpfeln, reifen Birnen, schon überreifen Pfirsichen und Mangos. Ein leichter Klebergeruch schwimmt darunter, ohne zu stechen, und eine milde Karottennote kommt dazu. Vanille und Zimt und etwas leicht getoastetes Holz zeigen die Reifung, drängen sich aber nicht nach vorne, sondern lassen der Ugni Blanc vollen Raum. Ein Anflug von Menthol ist da. Am Gaumen kommt der Hontambère 1989 dann aber direkt viel holzgetriebener voran, schon in der vom Antrunk spürbaren Trockenheit, die nur etwas von natürlicher Süße ausgeglichen wird. Die Textur ist gar nicht so ölig, wie man das vom Sehen meinen könnte, aber dennoch voll und füllend. Das prickelt ordentlich am Gaumen, während sich nun Trockenobst, frische Trauben und vanillige Holzaromen um die Vorherrschaft streiten. Gegen Ende wird der Armagnac so richtig mentholig-frisch, man ahnte es ja schon in der Nase, und nachdem er ein eiskaltes Gefühl im Mund erzeugt hat, lässt er im Nachhall noch eine wunderbar blumige Jasminnote aufblühen. Lange klingt das nach, mit einem angenehmen Mundgefühl verlässt der Armagnac uns erst spät. Insgesamt extrem unterhaltsam, muss ich sagen, gerade der Eisbergeffekt im Mund ist wirklich toll, da spart man sich das Lutschen eines Eukalyptusbonbons. Ich liebe solche Überraschungen.
Die Reise in die Klimavergangenheit ist aber hier noch nicht zuende. Wir halten noch kurz im Jahr 1994, zumindest in Deutschland ein absoluter Rekordsommer, an und schauen zu, wie der Hontambère Rare Armagnac Collection 1994 entsteht – in derselben Domaine und Region, aus denselben Trauben, mit nur leicht niedrigerer Fassstärke (54.0%). Die fünf Jahre Zeitsprung müssen wir natürlich abziehen, so konnte nach 27 Jahren im trockenen Lagerhaus im September 2022 noch 270 Flaschen gewonnen werden.
Bernstein, leuchtend und kräftig, mit ansehnlicher Viskosität, rein optisch punktet der Jüngere hier schonmal gut, mit seinen sich bildenden, dicken Tropfenkugeln, die man nach dem Drehen des Glases vorfindet. Eine extrem apfelige Nase setzt zu Beginn schonmal eine Marke, das geht fast in die Sensorik eines jungen Calvados über. Dazu kommen Zimt und Vanille, etwas Kardamom – ich fühle mich ganz stark an ein fruchtiges Dessert erinnert, irgendwo zwischen Bratapfel und einem Aprikosenkompott. Das klingt sehr hell und leicht, jung, sehr traubig und nur mild rosinig. Eine ähnlich jugendliche Weise strahlt der Hontambère 1994 auch am Gaumen aus, helle Struktur, frisch-freche Textur, durchaus kitzelig vom Antrunk an auf der Zunge, was sich im Lauf noch verstärkt. Pfeffrig und eukalyptisch, mit spannender Süßsauerbalance, die von einer erkennbar salzigen Note unterstützt wird. Gerade letzteres gibt dem Armagnac viel Energie und dehnt das Mundgefühl weit aus. Der Abgang ist herb, wie der ganze Brand mit richtig viel Apfel versehen, und durchaus lang, mit vielen Effekten, die am Gaumen und der Zunge verbleiben. Die beiden Brände stammen aus demselben Hause, sind aus demselben Basismaterial gebrannt worden, und nur 5 Jahre auseinander, und dennoch sind sie sensorisch wirklich drastisch unterschiedlich – und beide nochmal ganz anders als der Hontambère 1985, den ich vor einer Weile schon besprochen hatte. Wieder einmal ein faszinierendes Erlebnis, das die Vielseitigkeit von Armagnac zeigt!
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples des Grape of the Art Hontambère 1985 #A5. Das Sample des Hontambère Rare Armagnac Collection 1994 habe ich bei einer davon unabhängigen Bestellung bei Armagnac.de als kostenloses Geschenk erhalten.
Ich kritisiere immer wieder mal, dass Gin eigentlich eine der am leichtesten herzustellenden Spirituosen ist, und frage dann frech, warum für einen halben Liter dann 50€ und sehr viel mehr aufgerufen werden. Man kann den Neutralsprit kostengünstig einkaufen, die Aromatisierung erfordert keine dramatisch sensationellen handwerklichen Fähigkeiten, man braucht keine Fässer oder Lagerhäuser, um das Produkt fertigzustellen, auch kein jahrelanger Zeitinvest ist mitanzurechnen. Schließlich war das auch einer der Gründe, warum im 18. Jahrhundert Gin so beliebt wurde – jeder konnte das für kleines Geld herstellen, als Kontrast zum aufwändigeren Genever, dessen Nachahmung der Gin war, und natürlich besonders im Gegensatz zum Whisky. Für viele der Gins, die aktuell auf dem Markt sind, trifft diese Kritik sicherlich auch zu, da sollte niemand Illusionen drüber haben. Doch es geht auch anders, und diese Beispiele finde ich dann immer erfrischend und berichte gerne über sie.
Zur Abgrenzung ist es auch dann durchaus gern gesehen, dass der Brenner des Hepple Gin selbst aktiv wird und die Herstellungsdetails offensiv auf einem Umhänger um die Flasche präsentiert. In drei Stufen wird der Basisbrand veredelt, beginnend mit dem klassischen Brennen in Kupferpotstills. Eine Glas-Vakuum-Destillation erfolgt danach, und schließlich noch eine sonst eher in der Parfümherstellung genutzte überkritische Extraktion, bei der über CO2 die gewünschten Aromen besonders gut gelöst werden. Das Ergebnis dieser Dreifachtechnik, so ist das Versprechen, gewinnt dadurch jeweils an Weichheit, Frische und Geschmackstiefe. Auf der Homepage von Hepple kann man sogar kleine Bilder von den eingesetzten Apparaten sehen; für mich ist sowas wirklich spannend, das gibt es nicht bei vielen Brennern zu sehen. Nun, selbst für mich, dem Herstellungsmethoden und nichtgeschmackliche Komponenten in Spirituosen auch extrem wichtig sind, gilt schließlich: am Ende zählt dann halt doch, was im Glas ist, und dem wollen wir uns jetzt zuwenden.
Kein Partikel oder Fehlton hat die Dreifachprozedur überstanden, die Flüssigkeit ist völlig klar. Mit einer erstaunlichen Schwere bewegt sie sich, wenn man sie in Rotation versetzt, und es bleibt danach ein extrem fettes, öliges, vielbeiniges Astmuster an der Glaswand, aus dem sich ganz gemächlich einzelne Tropfen lösen und ablaufen. Rein optisch schonmal ein Hinweis darauf, dass das kein leichter Brand sein wird.
Die schon vom Auge erahnte Dichte ist auch für die Nase erkennbar. Klar und direkt ist Wacholder da, in einer vollen Form, süßlich und trotzdem frisch. Begleitet wird diese alles beherrschende Note von einer fast parfümigen Floralität aus Lavendel, dazu kommt Zitronengras und ein bisschen Orangenzeste. Ganz tief darunter meine ich, eine gewisse Brotigkeit zu finden, die dem ganzen die Grundlage gibt und für zusätzliches Volumen sorgt. Sogar etwas grünes Holz entdecke ich. Der Alkoholgehalt von 45% ist erkennbar, aber zu keinem Moment pieksend oder den Eindruck beeinflussend.
Die Textur ist auch das erste, was ich am Gaumen fühle, fett und breit, sie expandiert im Mund schnell und bleibt dann auch haften. Ein wirklich beeindruckendes Volumen spürt man da, gefüttert vom sehr sauber eingebundenen Alkohol und einer schweren, natürlichen Süße. Der Wacholder kommt dann als zweiter Eindruck dazu, mit schöner Abbildung der Frucht, die die Süße dann mit milder Bittere kontert. Stellenweise hat man wirklich das Gefühl, ein ätherisches Öl zu trinken, mit sehr kräftiger Zestigkeit, die Aroma und Frische mitbringt. Auch hier ist etwas Holzigkeit dabei. Am Ende wirkt der Hepple Gin tiefdunkel und superschwer, ordentlich herb, er kriecht nur langsam den Hals hinab, hinterlässt währenddessen am Gaumen ein kühlfrisches Gefühl. Der Abgang ist mittellang, der Nachhall dann fast schon mentholisch.
Im Gegensatz zu vielen anderen Gins, die über exotische Botanicals oder lange Listen von seltsamen Kräutergeschmäckern punkten wollen, bekommt man mit dem Hepple Gin einen Strukturgin, der mehr über die Dichte und seine pure Kraft überzeugt. Hier findet man etwas, was den Mund richtig ausfüllt, ohne wegen Details abzulenken. Beeindruckend und konsequent!
Der Hamburger Barbesitzer und Gin-Basil-Smash-Erfinder Joerg Meyer hatte mir, als ich auf der Suche nach einem neuen Hausgin für die private Heimbar war, ein paar Gins zugesandt, die er im Le Lion gerne einsetzt. Nun, was gut genug fürs Le Lion ist, taugt ja auch bestimmt für meine Qualitätsansprüche zuhause. Der Hepple Gin jedenfalls macht sich ganz außerordentlich gut in einer Kreation Jeffrey Morgenthalers, dem Richmond Gimlet. Klassisch und streng komponiert, da kommt so ein dekadent opulenter Strukturgin wie der Hepple natürlich gerade recht als Ausgleich.
Richmond Gimlet 2⅓oz / 70ml Dry Gin ⅔oz / 20ml Limettensaft ⅓oz / 10ml Zuckersirup 8 Minzblätter Auf Eis shaken. Doppelt abseihen. [Rezept nach Jeffrey Morgenthaler]
Man hat eine passende Präsentation für diesen Gin gefunden – die Flasche scheint zunächst unauffällig, doch die sehr breite Ausgusskante, auf der der breite Holzstöpsel sitzt, ist dann doch eher ein seltenes Merkmal so einer Spirituosenflasche. Die Beklebung mit transparenter Folie, auf der Wacholderzweige abgebildet sind, ist hier jedenfalls, ich hoffe, das kam in meiner Besprechung rüber, keinesfalls fehl am Platze, im Gegenteil: der Wacholder ist hier zentrales Element innen und außen.
Zurück zum Anfang – da beklagte ich die mangelnde Weitergabe der Kostenstruktur vieler Gins an die Kunden. Hier gibt es auch diesbezüglich für mich nichts zu meckern, ein toller Gin zu einem guten Preis. Wer, wie ich, versucht, die alten Bekannten in der Heimbar durch neue Freunde zu ersetzen, sollte mal bei Hepple reinschauen.
Offenlegung: Ich danke Trinkabenteuer/jrgmyr für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Gins.
Jede Stadt hat ihr repräsentatives Bier. In Budapest ist das Dreher, ohne Frage, man findet Werbung dafür an jeder Ecke, praktisch jede Kneipe hat Dreher vom Fass zur Verfügung, und die Dreher Sörgyárak strahlt mit ihrem großen Einfluss natürlich weit über die Hauptstadt hinaus ins Umfeld – es ist für mich persönlich DAS ungarische Bier schlechthin. Gerade im Sommer, wenn man zu Fuß (wie ich finde, dass man diese Stadt am besten erkunden kann!) in Budapest durch die aufgehitzten Straßenschluchten schlendert, und der Mund trocken wird, ist so ein leuchtendes, außen beschlagenes, mit herrlichem weißen Schaum versehenes Dreher der Traum, auf den man gerne zusteuert.
Ursprünglich kannte ich nur das Grundprodukt der Brauerei, das Dreher Gold. Bei meinem letzten Besuch in Budapest standen da aber plötzlich in den Supermärkten auch andere Varianten, und auch in den Kneipen wurde dem vom schlimmen Durst getriebenen Besucher Fassbiere mit mir unbekannten Namen angeboten. Gerne nutzte ich das Angebot ausgiebig, und brachte dann für meine Leser ein paar Abfüllungen mit nach Hause, um sie hier nun vorzustellen. Alle sind erhältlich in Dosen wie in Flaschen, ich habe es mal etwas gemischt, persönlich bin ich ein Fan der Dose. Wir trinken die unterschiedlichen Ausprägungen jetzt einfach von links nach rechts durch.
Das Dreher Gold diene als Basislinie, einfach weil ich es schon so gut kenne und bei jedem Besuch in Budapest doch so einiges davon wegkonsumiere. Der Name ist definitiv gut gewählt, einfach weil es genau so golden und kristallklar im Glas steht, wie man es von so einem Bier erwartet. Man sieht dadurch die Perlage, der Schaum ist fein und bleibt eine Weile da. Leichte Hopfennoten riecht man, wenn man es an die Nase hält, etwas Malz, etwas helleres Getreide, doch in meiner Erfahrung ist das eh kein Bier, an dem man lange riecht – es lädt einen zum direkten Trinken ein. Und da passt für mich dann einfach alles. Die Textur ist initial weich und rund, geht im Verlauf aber durchaus ins eher Trockene, gaumenreinigende über. Süße und Säure sind perfekt ausgeglichen, der Hopfen bringt die richtige, edelherbe Bittere dazu, ohne dass es kantig wird. Ich liebe das Dreher Gold für seine Rezenz und extreme Süffigkeit, beides profitiert von guter Karbonisierung und leichter Struktur, die ganze Aromatik und der Aufbau erinnert an ein Helles. Im Abgang kommt das Getreide schön vor, kitzelt etwas am Zäpfchen, und löst sich dann zügig auf, ohne sich aufdrängend lange aufzuhalten. Nun, natürlich ist das kein großartig komplexes Genussbier, an dem ich mich lange aufhalte und an Nuancen erfreue, doch das erwarte ich hier nicht. Das zischt weg wie nix, erfrischt herrlich, tut das, was es soll, in Perfektion. Ich liebe das Dreher Gold, ohne Frage, wenn ich einfach nur sitzen und mein Durst gestillt werden soll.
Dann das Dreher Bitter Lager, eingebraut mit 3 Hopfensorten (sowohl Frischhopfen als auch Hopfenextrakt) auf 5% Alkoholgehalt. Kristallklares, strahlendes Sonnenblumengelb, mit feinem Schaum als Krone. Anflüge von Mousseux sind erkennbar. Der Geruch ist eine Mischung aus floralen und getreidigen Noten, das geht fast ins Parfümige über, aber nur fast. Jasmin, Lavendel, dazu etwas Mango – gar nicht unangenehm und nie seifig. Die Textur gefällt mir sehr, da wurde eine schöne Balance aus vorsichtiger Cremigkeit und fühlbarer Kante getroffen. Das wirkt dadurch sehr frisch und rezent, auch Säure und Karbonisierung sind im Gleichgewicht. Geschmacklich haben wir nun sehr malzig-getreidige Komponenten im Vordergrund, Bitterhopfen ist deutlich spürbar, 50 IBU wirken effektiv, aber ohne zu kratzen. Ein sehr sauberes, reines Bier mit herausragendem Mundgefühl, ideal als Durstlöscher, wenn gut gekühlt serviert. Wirklich gut!
Wechseln wir von der Dose zur Flasche. Das Dreher Hidegkomlós (übersetzt „Kalthopfen“) ist ein mit 3 Hopfensorten eingebrautes Bier, und Citra wird als namensgebende Kalthopfung dazugegeben. Das trübt jedenfalls kein bisschen ein, kristallklar und blassgolden landet es im Glas, mit ordentlicher Perlage und einem fingerdicken, gemischtblasigen Schaum. Man entdeckt sofort den Hopfen, die herbfruchtigen Spitzen mit viel Grapefruit- und Orangenzeste sind dabei prominent, aber nicht kratzig. Eine saubere Getreidebasis, die an ein klassisches Helles erinnert, nimmt das alles gut auf und lenkt nicht von einer zusätzlichen, leichten Floralität ab. Im Mund ist das Bier weich und mit voller Textur, aber auch hier klar an ein Helles erinnernd, sauber, klar, ohne Störfaktoren auf Erfrischung ausgelegt. Der Hopfen gibt etwas Spannung dazu, aber bei weitem nicht so, dass man das Hidegkomlós mit einem Pale Ale verwechseln könnte. Die zusätzliche Frucht ist angenehm, doch insgesamt bleibt es ein recht komplexitätsarmes Bier. Die Struktur ist aber fett genug, um mich das Bier ohne große Überwindung wegziehen zu lassen – manchmal muss man so eine Art Bier auch einfach trinken, ohne zuviel nachdenken zu müssen. Dafür ist das Hidegkomlós gut geeignet!
Das zweite Flaschenbier ist das Dreher Bak (übersetzt „Bock“). 7,3% und 24 IBU lassen schon keine Zweifel aufkommen, dass hier andere Kaliber aufgefahren werden. Karamellmalz sollte erwähnt werden, man sieht und spürt es aber auch: die komplett blickdichte, beinahe richtig schwarze, dicke Flüssigkeit lässt höchstens ein paar rubinrote Lichtreflexe am Rand scheinen, der Schaum äußert sich nur in ein paar kleinen, dünnen Inseln. Der Geruch ist brotig und dunkel, schwer, aber nicht sich wirklich aufdrängend. Röstig riecht das, mit Anflügen von Speck und Rauch, aber auch etwas gegrillter Ananas. Angenehm! Die Textur ist dick und schwer, dabei aber nicht klebrig, im Gegenteil – für so ein dunkles Bier kommt das Bak richtig frisch und frech rüber. Gute Säure und die unsichtbare, aber wirksame Karbonisierung machen das Bier toll rezent und erfrischend, während es seine dunkle Röstmalzaromatik beibehält, mit leichter Nussigkeit und pflaumigen Melassetönen. Es prickelt etwas auf der Zunge, und lässt nach dem sehr kurzen Abgang ein gewisses holziges Kratzen mit definierter, aber eingebundener Bittere im Hals zurück, das mich überhaupt nicht stört. Ja, man könnte die Säure insgesamt ein bisschen runterfahren, um dem Malz noch etwas mehr Süßraum zuzugestehen, doch das ist nur ein kleiner Kritikpunkt für ein richtig süffiges Bockbier.
Nun das Dreher IPA, gebraut mit 6 Hopfensorten, keine davon wird auf dem Etikett benannt, da gibt es Verbesserungspotenzial, was Transparenz angeht. Kristallklar mit leuchtendem Kupfer, durch das man die starke Perlage gut erkennen kann. Grobblasiger Schaum bleibt eine Weile erhalten, sackt dann in sich zusammen. Sehr florale Hopfennoten dominieren den Geruch, das ist hier nun durchaus schon parfümig, mit Veilchen, Rosen, Jasmin und Lavendel. Leichte Zitruskomponenten kommen dazu, vor allem Bergamotte, am Ende hat man beinahe einen Eindruck von Echt Kölnisch Wasser. Da ich dieses Wässerchen mag, gefällt mir die Nase des Dreher IPA schonmal. 35 IBU zeigen sich am Gaumen nicht übermäßig kantig, das wirkt sogar eher mild für ein IPA. 5,4% Alkoholgehalt deuten auch darauf hin, dass man sich hier bezüglich Stiltreue nicht arg weit aus dem Fenster lehnt. Klar ist es hopfendominiert, aber erinnert mich in toto eher an ein Helles, und die unterschwellige Malzsüße gleicht des weiteren viel aus. Der Abgang ist kurz, wieder erkennbar floral. Ein gutes, trinkiges Bier, aber wer das echte IPA-Gefühl haben will, ist hier falsch.
Zu guter letzt gönnen wir uns noch ein Biermischgetränk aus dem Hause Dreher und wenden uns dem Dreher Barack (übersetzt „Pfirsich“) zu. 2 Sorten Hopfen, 4,0% Alkoholgehalt, 16 IBU (das ist das erste mal, dass ich eine IBU-Angabe auf einem Mischgetränk sehe!), kombiniert mit Pfirsichlimonade – eine Radlervariante also. Farblich stelle ich mir so in der Art schon ein Pfirsichradler vor, eine leuchtende Farbe zwischen rot und braun. Der Schaum ist kräftig, zischt beim Eingießen, und bleibt durch die sehr kräftige Perlage auch lange sehr feinblasig erhalten – optisch ein Gewinner. Die Nase nimmt erstmal nur den Pfirsich wahr, das erinnert mich aber schon eher etwas an die Eistee-Sorten, die es in großen Plastikflaschen gibt, als an frische Frucht. Erst lange danach kommt etwas Getreide, und dann lange danach etwas Hopfen. Nun, nicht unangenehm, aber auch nichts, was mich durch starke Natürlichkeit erregt. Im Mund ist dann auch der Eistee da, eine starke Süße drängt sich auf, fast schon pappig, etwas Säure und die Karbonisierung verhindern das schlimmste. Leichte Malzigkeit ist erkennbar, doch das Bier hat es überraschend deutlich schwer, sich gegen die Pfirsichlimo durchzusetzen. Im sehr kurzen Abgang klingt dann noch etwas Getreide durch, aber nur mit Fantasie. Naja, man kann das sehr kalt als Erfrischungsgetränk trinken, aber öfters brauche ich das nicht. Wenn es sehr viel weniger süß wäre, vielleicht, aber so? Nicht unbedingt.
Eine spannende Sache, muss ich sagen. Dreher liefert insgesamt betrachtet in diesem Set wirklich gut ab, mein persönlicher Favorit ist und bleibt dabei aber natürlich das ganz klassische Dreher Gold, das würde ich gern öfter trinken, wenn ich es hier in Deutschland leichter bekommen könnte. Die Varianten sind stabil und interessant und zeigen, wie sich auch größere Brauereien im eigentlich sehr konservativen Ungarn inzwischen der Craftbierwelt öffnen – es gibt auch noch ein Kirschbier und diverse Alkoholfreie dieser Brauerei. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie die Bierwelt in Ungarn bei meinem nächsten Besuch aussehen wird!
Wir Rumkenner leben gerade in Zeiten von Single Cask Rums, und selbst Blends stammen heute oftmals aus den Destillerien, die die Blendbestandteile herstellen, als Single Estate Rum. Single Cask, Single Estate, Pure Single Rum, das Wort „Single“ brennt gerade lichterloh. Man darf es durchaus als Gegenreaktion der Brenner in der Karibik sehen, die sich die Wertschöpfungskette hocharbeiten – nach Jahrhunderten des Zustands, dass sie zwar die Bestandteile liefern durften, das Blenden und Abfüllen dann aber in Europa geschah, nimmt man sich heute gerne das Recht heraus, selbst viel präsenter in Erscheinung zu treten (nur, wenn man es will, natürlich, es gibt noch genug Brennereien, die zwar stolz auf den Namen sind und ihn auch offensiv vermarkten, dennoch nicht auf die Einkünfte aus Bulkexport verzichten wollen, da ist der Name dann meist aber vertraglich gesichert geheim zu halten).
Einer der Rums, die noch im alten, klassischen Weltbild geschaffen wurden, ist der Smith & Cross Traditional Jamaica Rum. Destilliert wird er in Jamaica, traditionell in reiner Potstillmachweise, geblendet wird er dann aber im Vereinigten Königreich bei E&A Scheer in Amsterdam für eine britische Firma. Man verwendet für den Blend unter anderem Rums der Plummer– und Wedderburn-Stile (es handelt sich dabei nicht um Marks!), die mit 150-200 gr/hLpa und 200-300 gr/hLpa respektive estergezählt werden – wer sich mit dem Esterthema schoneinmal etwas auseinandergesetzt hat, erkennt sofort, dass das kein superfunkiges Hochesterendprodukt, wie sie aktuell durchaus beliebt sind, ergeben kann. Eingestellt ist er dann auf (Pseudo-)Navy Strength, das bedeutet hier 57% Alkoholgehalt, was dem runden 100 proof einer bestimmten historischen Epoche Englands entsprach, lustige Geschichte, wer mathematisch, chemisch und historisch gleichzeitig veranlagt ist, lese einfach hier darüber nach, wie sehr sich die Standards für die Messung von Alkoholgehalten über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Ländern verändert haben. Oder den sehr lesenswerten Artikel meines geschätzten Kollegen Matt Pietrek, der bei historischen und modernen Aspekten dieses Rums viel Halbwissen abräumt. Wer das nicht ist, probiere nun einfach mit mir den Smith & Cross.
Leuchtendes Ocker glänzt im Verkostungsglas, beim Drehen sieht man weißgoldene und mandarinfarbene Lichtreflexe in der mittelviskosen Flüssigkeit. Beine laufen sehr geradlinig ab, einzelne dicke Tropfen bleiben lang am Glas haften.
Der Duft ist sehr typisch, da muss man nicht lange überlegen, woher dieser Rum kommt: die Kombination von süßwürzigem Marzipan und esteriger Tropenfrucht definiert diesen Stil seit Jahrhunderten. Plummer– und Wedderburn-Rums werden, wie oben schon geschildert, im eher niedrigen Esterbereich verortet, und das riecht man auch, hier wird man nicht mit superschimmliger Mango, verflüssigter Kompostananas oder dunkelbrauner Banane attackiert, sondern mit einem ausgeglichenen, sehr komfortabel zu schnuppernden reifen Exemplaren dieser Früchte beglückt. Buttrige Banane dominiert etwas, insbesondere nach etwas Offenstehzeit. Ein Hauch von Cashewnuss, etwas Aprikose mit Stein, eine Idee von Wachsmalstiften; diese kleinen Seitennoten fügen Komplexität hinzu und lassen einen gern über den kleinen Hauch von Ethanol hinwegriechen.
Am Gaumen zeigt sich der Smith & Cross voll und voluminös, aber nicht wirklich fett und breit, er bleibt in der Textur vergleichsweise klar und streng. Die initiale Fruchtsüße aus Bananen und Mango wird durch esterigere Töne abgelöst, auch hier aber, ohne wirklich „quietschig“ und schweißig zu werden, wie das bei manchen Rums mit den höheren Marks passieren kann. Man kann ihn ohne Mühe trotz der 57% Alkoholgehalt lange im Mund halten, dabei entsteht ein pfeffriges, aber nicht chilihaft brennendes Prickeln auf Zunge und Schleimhäuten. Dieses hält dann auch sehr lange an, geht in ein wohliges Warm über, das mit viel Mango, Kirsche und Pfirsich erfreut, und gegen Ende dann dieses Butteraroma zeigt, das ich so an niedrigesterigen Jamaica-Rums liebe. Zerquetschte, gebrannte Mandeln blitzen auf, mit ihrer Nuss- und Karamellnote, und zu guter Letzt kommt noch etwas Wachsmalstift und vielleicht sogar etwas Graphit von einem Bleistift dazu.
Ich empfinde den Smith & Cross als wirklich ausgesprochen gelungenen Jamaica-Blend, da ist alles drin, was ich bei diesem Rumstil suche, ohne je in Extreme abzugleiten. Man zitiert ihn oft als Mixrum, doch hier haben wir den Fall, dass man ihn auch wirklich gut pur genießen kann, da ist genügend Komplexität und gleichzeitig Unkompliziertheit drin.
Aber natürlich ist die Cocktailbar das ideale Zielarbeitsgebiet für diesen Britischjamaikaner. Der Name ist etwas umständlich, der Drink selbst dafür umso genehmer – There’s Always Money in the Banana Stand. Ich weiß nicht, ob hinter so einem Namen eine philosophische Grundhaltung oder eine Erkenntnis aus einem tiefen Meditationsprozess steht, oder einfach der Suff. Für beides hätte ich Verständnis, wenn man gute Zutaten dafür einsetzt. Toll passen Casali Schokobananen dazu!
There’s Always Money in the Banana Stand 1 oz gereifter Rum 1 oz gereifter Jamaica-Rum ¾ oz Bananenlikör ¾ oz Zimtsirup ¾ oz Limettensaft ¾ oz Orangensaft Auf Eis shaken. Auf crushed ice abseihen und mit Angostura toppen. Mit Schokobananen und Schirmchen dekorieren. [Rezept nach Angela Montesclaros]
Unaufdringlich, reduziert und zurückhaltend ist die Gestaltung, die Flasche ist klassisch, das Etikett in Marineblau und Gold sehr stilsicher designt. Dazu der Echtkorken mit Holzaufsatz: Dieser Rum wirkt edel gerade wegen dieser Dezenz. So etwas bei einer Verkostung auf den Tisch zu stellen zeigt, dass man Ahnung hat, was man Gästen vorsetzen soll.
Es gab eine Zeit, in der Smith & Cross der archetypische Jamaica-Rum war, jeder, der zuhause Cocktails mixt, hatte ihn und empfahl ihn weiter, wenn jemand nach einem guten Jamaikaner fragte. Ich tue das heute noch, und das in dieser neuen Zeit, in der man mit herausragend guten Rums der Insel geradezu überflutet wird. Ja, es gibt heute expressivere, dramatischere, krassere Jamaica-Rums, keine Frage – doch Smith & Cross bleibt eine Institution, die ich in meiner Heimbar nicht missen möchte. An Produkten wie diesem sieht man außerdem sehr deutlich, wie ein guter Blender aus Einzelteilen ein perfektes Endergebnis zaubern kann.
Spirit of Rum und die Brauerei Lemke, beide aus Berlin, das ist eine tolle Partnerschaft. Ich freue mich immer wieder, diese handwerklich gut gemachten und trotzdem sehr kreativen Biere mit der teilweise verrückten Fassreifung zu probieren – und hier, mit dem langnamigen Spirit of Rum 10. Rumclub Beer Selection Lemke Waldmeister Weisse Finished in Cudjoe Ghana/Jamaica Rum Cask wird alles vorher dagewesene, das ich kenne, getoppt. Eine fassgereifte Waldmeister-Weisse? Das allein ist schon irre, finde ich, und dann ist es auch noch ein exotisches Fass, das vorher einen sehr ungewöhnlichen Rumblend (eine Komponente davon aus Ghana, noch so ein Komplexitätsschräubchen!) enthalten hatte. 2 Wochen darf dieses Fass auf die Weisse einwirken, danach wird mit 4% Alkoholgehalt abgefüllt. Oh, wie bin ich gespannt!
Blassblond und naturtrüb zischt diese Weisse erstmal nicht wie die, die ich neulich im Glas hatte – das ist nach den 2 Wochen Fassreifung auch nicht zu erwarten. Man erkennt auch keine Perlage, der Schaum ist nur erahnbar, nach einer Minute ist nur noch am Glasrand ein dünner Strich und ein paar sehr leichte Inseln davon vorhanden.
Der erste Geruchseindruck ist direkt der Waldmeister, das erinnert schon an eine Maibowle, vielleicht etwas reduziert und eingefangen durch die Herstellungsmethode. Leicht würzige Getreidetöne sind mit dabei, man ahnt beim Schnuppern auch schon die Säure, die einen im Mund erwarten wird. Leichte Beerigkeit ist da, aber von einem Rumfass riecht man erstmal nichts.
Die erahnte Säure ist am Gaumen sofort präsent, ausgeglichen höchstens durch etwas Kandiszuckersüße mit viel Würze. Die Textur ist dünn und leicht, sehr frisch und durch die Säure natürlich sehr rezent, auch da hat das Fass nichts weggenommen. Waldmeister wird sensorisch aber hier leicht durch Rumaromen ergänzt, nichts, was einen anspringt, aber erkennbar und in schönem Umfang vorhanden. Ester, Bananen, reife tropische Früchte, und dann noch eine milde Blumigkeit – das funktioniert so wirklich gut, ohne, dass der Stil einer Berliner Weisse mit Waldmeister beeinträchtigt wird.
Süffig und stilsicher, dabei mit kleinem Twist: das ist schon etwas anderes als das grüne Berliner Kindl, das man vielleicht sonst so kennt. Natürlicher, sauberer, aromatischer. Det zischt!
Manchmal tut es mir fast leid, wenn ich einen Artikel über eine nicht alltägliche Spirituose hier schreibe, und am Schluss dann zugeben muss, dass es entweder sehr schwer wird, eine Marke davon nach Hause zu holen und selbst nachzuvollziehen, was ich hier beschreibe, oder gar unmöglich. Für heute gelobe ich, dass das nicht so sein wird! Pisco ist sicherlich noch nicht so verbreitet hierzulande, dass man diesen südamerikanischen Weinbrand überall sehen würde, doch als Marke ist Barsol in Deutschland gut etabliert, darum muss man sich auch nicht übermäßig anstrengen, deren Brände käuflich erwerben zu können, und das gilt schon eine ganze Weile; vor gefühlt sehr langer Zeit hatte ich bereits den Barsol Quebranta hier besprochen, jetzt, wo ich drüber nachdenke, ist das sogar einer der Artikel, die ich erst auf Amazon als Rezension geschrieben hatte und dann, als ich diesen Blog gestartet hatte, hierher übertragen habe (entsprechend sieht der Artikel auch aus, und die Fotos, das ist praktisch Blogarchäologie).
Jetzt wenden wir uns der Gegenwart und damit dem Barsol Pisco Mosto Verde Italia zu. Über die hyperregulierte Herstellungsweise eines peruanischen Pisco hatte ich bereits in mehreren früheren Artikeln geschrieben, ich fasse hier darum nur kurz zusammen: wenige erlaubte Rebsorten (hier eben Italia), Destillieren auf einen engen Zielalkoholkorridor hin (hier hat man 41,8% getroffen), keine Verdünnung mit Wasser, keine sonstigen Zusätze, keine Fassreifung. Die Bodega San Isidro ist der Herstellungsort, die Trauben der namensgebenden Rebsorte Uva Italia stammen aus der Region Ica, zu der als unterhaltsames Detail auch die Hafenstadt Pisco gehört. Für die Piscovariante des Mosto Verde wird die Fermentation des Mosts zu einem gewissen Zeitpunkt unterbrochen, so dass Fruchtsüße zusätzlich erhalten bleibt und im Endprodukt erkennbar sein sollte – prüfen wir das mal.
Kristallklar, ohne Fehler oder Einschlüsse, zeigt sich der Pisco im Glas. Beim Schwenken wirkt er schwer, bleibt aber lebendig, und legt sich dann leicht an die Glaswand, von wo er extrem träge, ja eigentlich schon widerwillig, wieder abläuft.
In der Nase präsentiert der Brand sich sehr fruchtig, das ist ein ganzer Obstkorb aus weißen Trauben, rotem Apfel, nicht ganz reifen Pfirsichen, Quitte und Feigen. Sehr apart, und eine gewisse herbe Grünheit verhindert, dass die Aromatik komplett ins Gemütliche, Saftartige kippt und dadurch langweilt. Frisch und luftig ist dieser Duft dadurch, mit klar floralen Noten von Rosen, Geranien und Nelken (den Blumen, nicht dem Gewürz), ohne dabei parfümiert zu erscheinen. Da ist auch ein Ticken Plastik, der aus dieser Kombination von Blume und Gras entsteht, aber nicht auf eine unangenehme Weise. Schließlich empfinde ich eine gewisse Fleischigkeit, die aber nur schwer greif- oder beschreibbar wäre.
Die Textur, die sich direkt im Antrunk an den Gaumen legt, ist ähnlich vielgestaltig – da ist durchaus eine weiche, milde Seite, die schmeichelt; gleichzeitig wirkt aber von Anfang an eine helle und mineralische Frische dagegen, die leicht die Zunge kitzelt. Im Verlauf wird der Brand würziger, packender, ohne dabei aber feurig oder scharf zu werden. Von der initialen Frucht entwickelt sich mit der Zeit auch am Gaumen diese Blumenwiese, die regelrecht aufblüht, und dann beständig im ganzen Mundraum haftet. Später klingen noch Trauben und Feigen dazu, gerade reif, mit natürlicher Süße und feinen, dezenten, mildherben Aromen, ohne sich vorzudrängen. Der Abgang ist sehr lang, der Nachhall bleibt viele Minuten aktiv und lebendig, und klingt dann ganz langsam ab, mit milder Trockenheit und nur einer Idee von Astringenz.
Da fragt man sich schon, warum Pisco in Deutschland so ein Schattendasein fristet, wenn man für vergleichsweise geringes Geld so einen höchstaromatischen, spannenden Brand bekommen kann. Das grenzt sich durchaus von einem europäischen Obstbrand ab, hat seine eigene Typizität, und gefällt mir extrem. Mosto Verde ist natürlich noch etwas Besonderes auch innerhalb der Piscokategorie, wer starke Aromen mag, sollte sich diese Peruaner (zum Beispiel auch den Pisco Portón Mosto Verde Torontél mit einer anderen Traubenart) definitiv anschauen.
Diese starke Aromatik des Mosto Verde Italia zeigt sich besonders schön in einem Drink wie dem Peru Negro. Ein wirklich rundes Bild entsteht, die Zutaten spielen wunderbar zusammen, die Xocolatl Bitters und der Amaro geben etwas süße Tiefe und würzige Schwere dazu – und trotzdem erkennt man noch die blühende Leichtigkeit und Floralität des Pisco. Ein richtig attraktiver Aperitif!
Peru Negro 1oz / 30ml Pisco 1oz / 30ml Aperol 1oz / 30ml süßer Wermut ½oz / 15ml Amaro 2 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters Auf Eis rühren. [Rezept nach Brother Cleve]
Die Flasche in Amphorenform weiß mit vielen ins Glas eingelassenen Details aufzuwarten, dazu kommt ein Echtkorken mit einem Holzstöpsel oben drauf – das weiß durchaus zu gefallen, und liegt auch gut in der Hand. Die Farbgebung der Etiketten passt dazu, hier wurde ein sehr hübsches Farbschema gewählt, das dem Auge schmeichelt.
Ich rate jedem, sich Pisco im Allgemeinen mal anzusehen, das ist ein wunderbarer Brand, der dazu im Vergleich zu seinen französischen Weinbrandkollegen, wie gesagt, auch preislich viel leistbarer ist, selbst in höchsten Qualitätsstufen. Mit dem Barsol Mosto Verde Italia bekommt man für wenig Geld ganz enorme Leistung, egal, was man mit der Flasche macht – warum nicht mal, statt dem üblichen müden Whiskygeschenk zum 50. Geburtstag eines Freundes, etwas Exotischeres mit Gefallgarantie kaufen?
So oft trinke ich Spirituosen, die älter sind als ich selbst, nicht. In vielen Kategorien sind derart alte Abfüllungen unerschwinglich teuer, und selbst wenn ich es mir leisten könnte, wären sie oft wahrscheinlich von Sammlern und betuchten Raritätenfreunden so schnell aufgekauft, dass mir das mir fehlende Jägergen einen Strich durch die Rechnung machen würde. Über Whisky brauchen wir da gar nicht reden, bei Rum ist diese Nachfrage inzwischen genauso groß. Und auch bei Cognac hat man selten eine Chance, einen so alten Brand mal wirklich im Glas zu haben – um so dankbarer bin ich Grape of the Art, die mir ein Sample des Grape of the Art Lhéraud 1967 zukommen ließen. 56 Jahre, da muss ich erstmal hinkommen. Der Cognac stammt aus der Region Bon Bois, wurde vollständig aus Ugni Blanc gemacht, ist ein Single Cask (viele Cognacs sind eher Blends), abgefüllt mit einer Fassstärke von 46% und auf mickrige 132 Flaschen limitiert.
Wenn man so alt ist, darf man ruhig seine Falten zeigen, und das tut der Léraud ohne Gewissensbisse – Pariser Rot, vielleicht sogar Gebrannte Siena, kombiniert mit einer Viskosität, bei der die Flüssigkeit nur widerwillig aus dem Samplefläschchen ins Glas gleitet. Dort schwenkt sie sich dann sehr elegant und anmutig.
Getrocknete Pflaumen und Aprikosen findet meine Nase, und ich muss sie dabei gar nicht tief ins Glas stecken. Erdbeer-Paradiescrème (wer kennt sie noch?), Waldhonig, dabei auch ausgeprägt traubig mit Reminiszenzen an schweren Amarone oder sogar Marsala, mit der nussigen Beinote aus Studentenfutter oder PX-Sherry. Die Komplexität zeigt sich nicht nur in der Menge der Aromen, auch in deren Ausdauer und Wandelbarkeit, nach einer Weile kommt etwas Süßholz dazu, Wermutkraut vielleicht, und Backgewürzaspekte. Vanille und Tannine, beides zu erwarten nach langer Holzlagerung, halten sich die Waage, insbesondere letztere drängen sich nicht extrem auf.
Süßbitter kommt der Antrunk auf der Zunge an, mit voller Textur, aber nicht so schwer, wie man nach Auge und Nase vielleicht vermutet hätte. Im Gegenteil, da ist sogar viel jugendliche Frische drin, das Fass hat die Trauben nicht erschlagen. Dennoch spürt man hier einen Bodensatz, der Geschmack hat etwas dediziert „altes“, was sich nur schwer beschreiben lässt; da liegen diese Süßholzbittere, die Kandiswürze, die Trockenpflaumen drin, und man hat fast den Eindruck, dass sich Krümel vom Holz an den Gaumen legen. Eine wirklich gewachsene Struktur mit viel Körper und Charakter, in der man das Alter spürt und schmeckt. Im Nachhall ringen Floralität und Fruchtigkeit und ein Anflug von Kümmel miteinander, gut eingeölt griechisch-römisch, mit schwerem Likörwein als Nachklang.
Mir fällt ein Fazit für den Lhéraud 1967 schwer, einfach, weil ich glaube, mit den 5cl, die ich zuhause habe, diesem Cognac nicht genug Aufmerksamkeit schenken zu können, mindestens nicht die, die er braucht, gar nicht zu reden von der, die er verdient. Die kleine Menge überzeugt mich jedenfalls davon, einen großen Brand vor mir zu haben, bei dem ich selbst kleinste Tröpfchen noch aus dem Glas lecke.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
Auch für den erfahrenen Spirituosenfreund gibt es immer etwas Neues zu entdecken. In der Fachzeitschrift BRANNT 2023 des Meininger Verlags habe ich vier Beispiele gewählt, bei denen wahrscheinlich praktisch jeder mindestens eine Spirituose finden wird, die er oder sie noch nicht getrunken hat. Pisco ist dabei vielleicht noch das bekannteste, und wer hier regelmäßig mitliest, weiß auch etwas mit Baijiu anzufangen. Doch dann wird das Eis dünner: Ratafia ist ein südfranzösischer Likör, im deutschsprachigen Raum, so vermute ich, wirklich nur den eingefleischten Frankophilen geläufig. Und zu guter letzt noch ein Reisbrand von einer winzigen Insel mitten im ostchinesischen Meer, zu Japan gehörend – Awamori. Spätestens hier würde mich ehrlich interessieren, wer von meinen Lesern das a) rein vom Namen her kennt und b) vielleicht sogar schonmal getrunken hat. Rein aus privaten Marktforschungsgründen. Ich kann natürlich keinen Artikel über eine Spirituose schreiben, die ich nicht zumindest in einer Ausprägung selbst getrunken habe, darum habe ich beim deutschen Importeur ginza.de, die ich dann auch für den BRANNT-Artikel interviewt habe, kurzerhand eine Flasche bestellt, und mich dabei für den Ryukyu Gold Awamori entschieden.
Ryukyu Gold stammt aus der seit 1846 bestehenden und damit ältesten Awamori-Brennerei Okinawas. Der Name des Produkts deutet auf die langgezogene, sich zwischen Japan und Taiwain erstreckende Inselkette Ryukyu hin, zu der Okinawa gehört. Hergestellt wird Awamori ähnlich wie Shochu, was vielleicht noch eher bekannt ist – im Unterschied zu Shochu darf für Awamori allerdings nur Thai-Reis verwendet werden. Dieser wird, etwas ähnlich wie bei Baijiu und Sake, mit einem Fermentationsstarter aus Bakterien und Pilzen geimpft, der in diesem Fall „schwarzes Koji“ heißt. Nach der Fermentation wird destilliert und gereift, teils in Fässern, teils in Tonkrügen, hin und wieder solchen, die man in Höhlen stellt. Beim Ryukyu Gold handelt es sich um einen Blend aus rund zwei Dritteln gereiftem Awamori („kusu“ genannt), und einem Drittel frischem Destillat, am Ende eingestellt auf niedrige 30% Alkoholgehalt. Ein paar weitere, grundlegende Details zu Awamori findet man auch im Artikel meines geschätzten Spirits-Selection-Jurorkollegen Christopher Pellegrini. Bei auch mir ganz neuen Spirituosen lasse ich aber, bevor ich mich zu sehr mit Herstellungsdetails beschäftige, die Sensorik des Brands für auf mich wirken.
Was die extrem extravagante Flasche verborgen hatte, wird im Verkostungsglas klar, im wahrsten Wortsinne – wir finden hier eine kristallklare Flüssigkeit, die sich mit einer leichten Viskosität bewegt. Dabei bilden sich dicke Schlieren an der Glaswand heraus, deren Beinchen zügig ablaufen, aber öligfette Reste hinterlassen.
Sicherlich exotisch wirkt schonmal das Geruchsbild in der Nase, eine Mischung aus Reis, vergorener Frucht, Getreide, einem staubigen Keller und erdigen Kartoffeln und Champignons. Man sieht an dieser Zusammenstellung schon, dass man hier neue Pfade als Verkoster beschreiten muss; es ist jedenfalls nichts, was einen zum langen, genussvollen Schnuppern einladen würde, so ehrlich muss man sein: wie bei verschiedenen anderen Spirituosen auch ist das bei Awamori aber auch nicht etwas, was der Kenner typischerweise damit macht. Irgendwie erinnert es mich an einen nicht totdestillierten Kartoffelwodka, hat aber auch Anklänge eines malzigen Bierbrands. Die ausgeprägte Erdigkeit wird immer wieder durch kurze Frischespitzen aufgelockert, mit Ideen von Essig und Zitrus.
Im Mund kommt die Erdigkeit dann aber unerwarteterweise gar nicht so vor, der erste Eindruck ist mehr überraschend floral und süß, die weiterhin klar erkennbaren Kartoffelaromen präsentieren sich eher frisch als lang gelagert, man fühlt sich mehr in einer Blütenwiese als im dunklen Keller; ein sehr schöner Kontrast, der da zwischen Nase und Gaumen aufgespannt wird. Die Textur ist sehr weich, wirkt initial cremig, bildet aber nur wenig Körper aus, das ist klar den 30% Alkoholgehalt geschuldet. Der niedrige Alkohol lässt trotzdem viele Aromen zu, so dass dieser Awamori nicht wässrig wirkt, vor allem im Verlauf, wenn sich dann eine ganz feine Pfeffrigkeit dazugesellt. Der Abgang ist wärmend und durchaus lang, lässt ein ganz dezentes Glühen im Mundraum zurück, zusammen mit den nun wieder auftauchenden süßfloralen Blüteneindrücken und einem mostigen Gefühl.
Sehr ungewöhnlich, und überraschend trinkig, muss ich sagen! Vielleicht muss der eine oder andere über die erdige Nase hinwegkommen, doch dann kann man den Ryukyu Gold echt pur genießen. Wie viele asiatische Spirituosen trinkt man das nicht als Schlürfer aus dem Stielglas vor dem Kamin, sondern als Essensbegleitung, doch besser als viele andere Spezialitäten aus diesem Bereich kann man ersteres mit dem Ryukyu Gold tatsächlich doch tun.
Cocktails mit dezidierter Aufforderung, Awamori zu verwenden, sind extremst rar gesät. Ich habe mir darum etwas ausgesucht, was der Anforderung nahe kommt – im Hana Shigure, mit dem ein japanischer Cocktailwettbewerb gewonnen wurde, was mich überhaupt nicht wundert, nimmt man im Original Shochu; ich dachte, dass die oben angesprochene Blumigkeit des Ryukyu Gold hier hervorragend passt, und das bewahrheitet sich. Als Blütenlikör habe ich auch etwas Japanisches genommen, den Yumehibiki Rose Ume, den ich vor einer Weile hier schon besprochen hatte. Ein extremst elegantes, süffiges Drinkbild, das da ensteht!
Hana Shigure 1oz / 30ml Awamori ½oz / 15ml Blütenlikör ¼oz / 7ml Crème de Violette ⅓oz / 10ml Zitronensirup 2 Spritzer Shiso Bitters Auf Eis shaken. [Rezept nach Shun Kosaka]
Die Flasche weiß, das hatte ich schon erwähnt, wirklich sehr zu gefallen in ihrer Extravaganz – weniger von der Form her, mehr vom Material und dem interessant behandelten Glas. Dazu ein passendes Etikett und der Goldblatthals, da schaut man einfach gern hin. Und auch der Geschenkkarton, in dem die Flasche geliefert wird, ist diesbezüglich nicht weniger augenschmeichelnd, mattes Gold mit schönen kleinen Illustrationsteilen und vielen exotischen Kalligraphien. Geschenkpotenzial? Aber so was von!
Natürlich will ich nicht von einer Flasche auf die ganze Kategorie schließen, doch grundsätzlich überzeugt mich Awamori in dieser Form schon, da kommt man einem Low-ABV-Trend entgegen, ohne wirklich auf Aroma verzichten zu müssen; der Ryukyu Gold funktioniert echt gut in einem Highball einfach mit Soda oder Tonic, und in dieser Form als Aperitif zu einem ostasiatischen Essen, insbesondere, finde ich, als Ersatz für Sake zu Sushi. Muss man das unbedingt probiert haben? Naja, ehrlich, an dieser Frage werden sich die Geister scheiden. Dennoch, wer, wie ich, immer auf der Suche nach etwas Neuem ist, sollte an Awamori keinesfall einfach so vorbei gehen.