Das Schnapsblatt meldet – Saint Lucia Distillers Chairman’s Reserve Master Selection Vendôme Pot Still 2004, Selected by Rum&Co

Der Charme mancher Spirituosen entsteht bereits, wenn man über die Technik berichtet, wie sie hergestellt werden. Dazu reichen manchmal schon die Namen der Brennapparate aus, um eine Aura von Exotik und Mystik zu erschaffen, die dem Kenner Gänsehaut über den Körper laufen lässt, wenn er sie hört: Port Mourant. Enmore. Versailles. Savalle. Und, natürlich, Vendôme, die Brennblase, mit der auf der kleinen Karibikinsel Saint Lucia der Saint Lucia Distillers Chairman’s Reserve Master Selection Vendôme Pot Still 2004, Selected by Rum&Co destilliert wird. Er liegt für 18 Jahre in Ex-Bourbon-Fässern, wird dann nach der Auswahl der Experten von Rum&Co in 277 Flaschen mit der Fassstärke von 59,2% abgefüllt, und steht nun vor mir. Kann der Rum dieser geheimnisvollen Aura des klangvollen Namens gerecht werden?

Saint Lucia Distillers Chairman’s Reserve Master Selection Vendôme Pot Still 2004, Selected by Rum&Co

In der Flasche wirkt der Rum fast dunkelbraun, im Glas dafür heller und rötlicher, leuchtendes Kirschbaumholz ist als Farbton gar nicht so falsch. Beim Schwenken zeigen sich orangene Lichtreflexe und eine deutliche Viskosität, einzelne Wellen schwappen dabei weit oben an die Glaskante und hinterlassen dabei eine fette Linie, aus der sich einzelne Tröpfchen bilden, die sehr langsam ablaufen.

Nach einer ersten direkten Geruchsprobe lasse ich dem Chairman’s Reserve ein paar Minuten Zeit, sich zu öffnen, denn direkt aus der Flasche wirkt er erstmal ein bisschen kratzbürstig. Während der Wartezeit merkt man, wie sich der Duft über das Glas hinaus weit verströmt. Dann kann man die Nase vorsichtig ins Glas halten – der initiale Lack ist teilweise abgebaut, eine sehr edle Holzigkeit kombiniert sich nun mit prägnanter Frucht. Ich entdecke nasses Fassholz, leichte Heuigkeit, Honig und rote, süße Äpfel, leichte Traubentöne, die an Armagnac erinnern. Esterig, ja, aber nicht wild, die Früchte sind gut reif, aber nicht matschig. Begleitet wird das alles durchgängig durch eine strenge Kante, die beständig zwischen Klebstoff und kaltem Menthol wabert.

Saint Lucia Distillers Chairman’s Reserve Master Selection Vendôme Pot Still 2004, Selected by Rum&Co Glas

Am Gaumen werden direkt von Anfang an keine Gefangenen gemacht – andere Rums zeigen sich zumindest initial freundlich, bevor sie ihre Kraft auspacken, beim Chairman’s Reserve ist das anders. Schon der Antrunk ist sofort trocken, und das wird im Verlauf noch stärker, stark astringierend, verbunden mit kräftiger Säure und Bitterkeit. Honigsüße und -würze gleichen das zum Teil aus, Feigen und Pflaumen bieten eine kleine Abwechslung, Melasse bringt Volumen. Die Textur ist voll und extrem dicht, dabei nicht wirklich weich, aber auch nicht kratzig. Milde Esterigkeit macht den Rum komplex, sie verfliegt schnell und macht Platz für eine Würze aus Anis, Süßholz und Karamell, was schließlich in eine sehr elegante Floralität voller Kornblumen und blühender Wiesenkräuter übergeht. Der Nachhall ist sehr lang, hier präsentiert der Chairman’s Reserve seine größte Stärke, er bleibt präsent und sehr aromatisch, wird hier nun einen Ticken gemütlicher und dieser wirklich wunderbare, kühle Eukalyptushauch, mit dem er die Zunge belegt und aus dem Rachen heraus weiter wirkt ist sehr beeindruckend.

Man muss es sagen – das ist kein easy-drinking-Rum. Man muss sich Zeit für ihn nehmen, ihn langsam erforschen, kleine Schlucke, die man im Mundraum hin- und herbewegt, jeder für sich braucht Aufmerksamkeit, mit 2cl kann man sich mühelos eine halbe Stunde beschäftigen. Man wird dann aber für diese Geduldsinvestition mehr als belohnt.


Für den Tiki-Cocktail At the Gates of Hell wird, neben dem als Hauptzutat eingesetzten starken Rum, noch eine halbe Unze Jamaica-Rum gefordert. Nun, verwendet man den hier vorgestellten Chairman’s Reserve als Hauptzutat, kann man sich diese Zugabe eigentlich sparen und statt dessen 75ml des Chairman’s Reserve nehmen, da verliert man kein bisschen an Aroma, dieser Rum steht der Dichte und Würze eines Jamaica-Rums in keinster Form nach – und seine Charakteristik bleibt selbst gegen die große Anzahl anderer Zutaten bis zum letzten Schluck erkennbar.

At the Gates of Hell Cocktail

At the Gates of Hell
2oz / 60ml gereifter Overproof-Rum
½oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum
½oz / 15ml Himbeerlikör
½oz / 15ml Falernum
1½oz / 45ml Ananassaft
½oz / 15ml Zimtsirup
½oz / 15ml Limettensaft
½oz / 15ml Zitronensaft
Auf Eis shaken. Dirty Dump in eine Tiki-Mug.

[Rezept nach Chad Austin]


Geliefert wird der Chairman’s Reserve in einer halboffenen Kartonumverpackung. Sehr charmant wirkt der Holzaufkleber, auf dem der Rum&Co-Schriftzug eingebrannt ist, mit dem diese limitierte und exklusive Sonderabfüllung markiert ist. Ein paar Details auf dem edel in schwarz-weiß-gold gestalteten Etikett erfreuen dann auch das Herz des an solchen kleinen Informationen interessierten Genießers.

Ich freue mich sehr, dass dieser Artikel in der 29. Ausgabe des Schnapsblatts, der Hauspostille von Rum&Co, abgedruckt wurde – wer in diesem Zeitraum etwas bei dem großen deutschen Rumversand bestellt hatte, wird ihn also schon kennen.

Wer gehört zur Zielgruppe dieser Abfüllung? Sicherlich der Rumkenner, der charaktervolle, wuchtige, schwere Rums bereits zu schätzen weiß – aber vielleicht auch der interessierte Neuling mit Vorkenntnissen, der mal ausprobieren will, wie dicht und aromatisch ein natürlich hergestellter Rum ohne jede Zusätze sein kann!

Offenlegung: Ich danke Rum&Co für die Zusammenarbeit für den Artikel im Schnapsblatt, für den ich eine Flasche des Rums, den ich hier beschreibe, als Verkostungsexemplar erhalten habe.

Mezcal am Freitag – Fruto del Sol Espadín-Madrecuishe, Topanito Maguey Madre Cuishe, Real Minero Barril Madrecuishe

Man sieht es schon in der Überschrift – die Agavenart Agave karwinskii hat im nichtbotanischgeprägten Sprachgebrauch unterschiedliche Ausprägungen. Madrecuishe, Madre Cuishe und Madre-Cuixe sind drei nur orthographisch unterschiedliche Schreibweisen für dieselbe Pflanze, kleinere weitere Unterschiede gibt es dazu. So wie es auch viele Arten gibt, diese Agave zu Mezcal zu verarbeiten. Heute stelle ich drei Produkte vor, die zumindest zum Teil die Madrecuishe enthalten und genau darstellen, wie unterschiedlich sich die eigentlich ähnliche Materialbasis sensorisch dann äußert: Fruto del Sol Espadín-Madrecuishe, Topanito Maguey Madre Cuishe, und Real Minero Barril Madrecuishe. Beim ersten und letzten handelt es sich um sogenannte Ensambles, also Zusammenstellungen von Agavenarten, etwas in der Mezcalwelt sehr übliches; der mittlere ist ein reinsortiger Mezcal.

Fruto del Sol Espadín-Madrecuishe, Topanito Maguey Madre Cuishe, Real Minero Barril Madrecuishe

Alle drei liegen mir als offizielle Samples des Herstellers vor. Spannend ist natürlich, dass bei Mezcal oft Batches deutlich variieren. Bei Fruto del Sol und Topanito hat man genug Material für die Samples, um dedizierte Labels inbesondere bezüglich Alkoholgehalt zu drucken; Real Minero lässt die Prozente handschriftlich eintragen, um diesbezüglich flexibler zu sein.


Fruto del Sol Mezcal Artesanal Blanco Espadín-Madrecuishe

Wir beginnen mit dem Fruto del Sol Mezcal Artesanal Blanco Espadín-Madrecuishe. Die zwei Agavensorten im Namen latinisieren sich zu Agave angustifolia und Agave karwinskii, im Verhältnis 7:3 werden sie gemischt. Er ist mit 42% Alkoholgehalt milde und einsteigerfreundlich eingestellt. Als Blanco hat er natürlich keine Färbung, doch die schöne Öligkeit, die man beim Schwenken des Glases sieht, ist schon einen Blick für sich wert. In der Nase wird man direkt belohnt für diese Geduld, wunderbar, wie ohne Verzug die grasig-grüne Agaventypizität präsent ist. Nichts lenkt davon ab, ein Duft, wie ich ihn liebe. Hier ist kein gemüsiger Nebenton, kein übermäßiger Rauch, einfach die reine Agave. Leicht erdig, leicht kiesig, mit kleinen Erinnerungen an grünen Blattschnitt, ganz dezente Anklänge von frisch zerdrücktem Kardamom. Das ist so eine Spirituose, die muss ich gar nicht trinken, da schnuppere ich einfach sehr lange gern dran. Im Mund ist eine leicht laktische Säure das erste, was auffällt. Die Textur wirkt rund und voll, aber nicht schwer, trotz der unterschwelligen Süße, die bis zum Schluss da ist. Da sind leicht brotige Aspekte im Geschmack, nach Baguettekruste, die aber im Verlauf durch die Agave abgelöst werden. Danach findet sich auch eine gewisse Parfümkomponente, leicht floral, etwas Rosenwasser vielleicht. Angenehm trocken und mit feiner Pikanz und erst hier mit einem Anflug von Rauch klingt der Fruto del Sol aus, lässt die Agave lange am Gaumen am Leben, mit einem frischen, hellen Gefühl und etwas erdiger Salzigkeit. Sehr angenehm zu trinken, sehr unkompliziert, und dafür volle Agave, die Sortenmischung passt richtig gut.


Topanito Mezcal Artesanal Blanco Maguey Madre Cuishe

Das ist ein guter Zeitpunkt, zu einer sortenreinen Abfüllung überzugehen: im Topanito Mezcal Artesanal Blanco Maguey Madre Cuishe ist namensgebende Agave allein verwendet worden. Mit 49% haben wir auch einen höheren Alkoholgehalt, was bei Mezcal eher typisch ist. Klar ist natürlich auch er, und bewegt sich lebendig im Verkostungsglas, viele kleine Tropfen an der Wand hinterlassend. Man denkt zunächst, ehrlich gesagt, an Obstbrand, wenn man die Nase in dieses Glas hält. Da sind Kirschen, Pflaumen, sogar ein paar tropische Früchte, sehr aromatisch und rund. Die Agave wird dabei nicht unterdrückt, man spürt selbst bei den prominenten Kirschen, dass hier eine vegetabile Ursache vorliegt, dies macht den Brand komplex und interessant, weil irgendwie vertraut und doch fremd. Süß und voll, ein schwerer Duft, der Lust aufs Probieren macht. Tut man das dann, geht der Fruchtreigen weiter, erneut finde ich richtig deutliche Kirschen, etwas Vogelbeere dazu, und dann Agavenfrucht. Deutlich salzig liegt das am Gaumen, dabei immer noch süß, mit angenehmer Sauerbitter-Komponente, da hat wirklich jeder Teil der Zunge was zu tun. Der Körper wirkt schwer, Rauch spürt man praktisch keinen, alles geht im Verlauf in ein leichtes Chilibrennen auf der Zunge über, und erzeugt dadurch am Ende ein frisches, minziges Mundgefühl, das von viel Agavenaromen gestützt wird. Wunderbar, wie sich im Topanito Maguey Madre Cuishe die Kulturen verbinden – wer gern ein hochwertiges Kirschwasser trinkt, sollte definitiv beim Topanito vorbeischauen.


Real Minero Ancestral Barril Madrecuishe

Der dritte im Bunde ist wieder ein Ensamble – im Real Minero Ancestral Barril Madrecuishe kommen, wie man sieht, diesmal Barril und Madrecuishe zusammen, in einem pro Batch unterschiedlichen Verhältnis, bei meinem Sample ist es wohl rund 60:40. Das passt, denn beides sind Unterarten der Gattung Agave karwinskii. 53% Alkoholgehalt machen den Real Minero zum stärksten im Trio. Das Schwenken im Glas zeigt entsprechend einen deutlichen Film an der Glaswand, der sich in regelmäßige, dicke Beine aufspaltet. Die Nase findet hier eine ausgesprochen feine Eleganz, die Frucht drängt sich nicht wild nach vorne, sie will hier entdeckt werden. Kirschen, Pflaumen, reifer Pfirsich, man merkt, dass diese Agavenarten sehr fruchtig ausgelegt sind. Etwas Wachsmalstift, ein bisschen Süßholz, ein bisschen Koriander, hier ist Komplexität angelegt, die sich nicht direkt offenbart. Weiße Schokolade, fast cremig, unterstützt alles von der tiefen Basis aus. Der Gaumen muss ähnlich arbeiten – dezente laktische Säure, milde Süße, alles sehr elegant in ein Gesamtbild eingebettet. Man meint fast, eine Art Fruchtmousse im Mund zu haben, mit milder Frucht, etwas Sahne, alles natürlich mit der Vegetabilität und Grünheit der Agave. Später wird der Real Minero dann deutlich trocken, sehr prickelnd, stark würzig-salzig, und ein bisschen astringierend, während er dann die Agave in ihrer reinen Form aufblühen lässt und algige Aromen hinterlässt. Angenehm mentholisch und warm klingt er dann auf lange Zeit aus. Grandios im initialen Understatement, dramatisch im Ausklang.


Ich muss es sagen: das sind alles drei wirklich gut gemachte Agavenbrände, und alle haben ihre Stärken, die für mich für unterschiedliche Stimmungen bestens geeignet sind. Will ich einen unkomplizierten, aber trotzdem sehr aromatischen Mezcal, nehme ich den Fruto del Sol. Für einen schweren, wuchtigen, fruchtlastigen Moment nehme ich den Topanito. Und will ich Zeit mit einem Brand verbringen und Finesse genießen, ist der Real Minero das Mittel der Wahl. Mit keinem der drei kann man auch nur ansatzweise etwas falsch machen.

Italoamerikanische Likörliebe – Campari Cask Tales

Es ist schon eine Weile her, dass Duty Free an Flughäfen das Versprechen für besondere, exklusive Produkte zu guten Preisen war, darüber habe ich mich ja schon bei anderen Artikeln hier auf meinem Blog etwas ausgelassen. Irgendwie ist es aber dennoch etwas angenehmes, durch so einen Shop zu streifen und zu schauen, was da so rumsteht an Spirituosen. Und bei einem meiner Flüge hatte ich dann tatsächlich etwas gefunden, was damals recht exklusiv war und nicht so selbstverständlich zu bekommen wie heute – Campari Cask Tales stand da und lächelte mich an, in der großen, pompös gestalteten Literflasche und dem in Holzimitat gestaltetem Präsentkarton. Mir als großem Camparifreund war das kein Angebot, sondern ein klarer Kaufbefehl aus dem Herzen, bei dem ich nicht zweimal nachdachte.

Was ist das besondere an Campari Cask Tales im Vergleich zum doch deutlich günstiger erhältlichen Standardprodukt? Man nimmt dafür eben diesen klassischen Campari und reift ihn noch eine gewisse Zeit in Ex-Bourbon-Fässern (es war wohl Wild Turkey, der zuvor in den Fässern lag). Eigentlich eine verständliche Sache, und es gibt diverse Liköre, die schon immer fassgereift werden, wie das Elixir d’Anvers, also ist die Idee nicht so dramatisch ungewöhnlich, wie sie zunächst klingen mag. Der Alkoholgehalt ist gleich geblieben, die 25% sind in Deutschland Standard. Für mich ist die Kombination Bourbon-Campari darüber hinaus auch eine ganz selbstverständliche, der Boulevardier ist einer meiner absoluten Lieblingsdrinks, wer ihn nicht kennt, sollte diese Lücke im Lebenslauf schnellstmöglich füllen. Vielleicht sogar mit einer Unze des Cask Tales? Nun, schauen wir mal, ob sich der ordentliche Aufpreis lohnt.

Campari Cask Tales

Das Rot ist natürlich eine der drastischen Eigenschaften dieses Bitterlikörs. Früher wurde es aus Karmin erzeugt, also Schildläusen; doch schon seit mehr als 15 Jahren ist dies durch einen künstlichen Farbstoff ersetzt, womit der nette Nebeneffekt eintritt, dass man auch als Vegetarier einen Negroni trinken kann, was vor 2006 nicht möglich gewesen wäre. Im Glas verhält der Cask Tales sich so, wie man es von einem Likör mit rund 260g/L Zucker erwartet, viskos und mit einer leicht rosafarbenen Einfärbung der Glaswand, wenn die dicken Schlieren sich bilden.

Ich tue mich schwer, hier den Geruch von Campari zu beschreiben, einfach weil er für mich so archetypisch ist – durch die lange Auseinandersetzung mit diesem Likör ist der Geruch für mich selbst zu einer Duftrichtung geworden, mit der ich andere Dinge beschreibe. Die Kräuterkombination, die eingesetzt wird, lässt schon die Nase vor der Süßbittere erzittern, die nachher den Gaumen erwartet; es wirkt in interessanter Weise gleichzeitig grasig, frisch und hat diese gewisse Kante, die ihn von anderen Amaros absetzt. Sehr angenehm dominiert dabei aber natürlich die Bitterorange mit dieser eckigen Zitrusnote. Leichte Fassreifungseffekte sind bereits erkennbar – ich erzähle dazu später, wenn ich den normalen Campari mit dem Cask Tales direkt vergleiche, mehr.

Campari Cask Tales Glas

Zunächst spürt man die schwere Süße, wenn man den Cask Tales trinkt, fast schon überwältigend – hart an der Grenze zur Pappigkeit, so ehrlich muss man sein, aber ohne sie dann wirklich zu überschreiten. Schnell kommt dann aber die heftige Bittere dazu, die mit der orangigen Zestigkeit und einem Anflug von ätherischen Ölen dagegen anspielt. Kräuter bilden die Basis, ich meine etwas Wermutkraut herauszuschmecken. Zusammen wirkt das ganze dann aber aus einem Guss, auch wenn man nicht von einem wirklich abgerundeten Bild sprechen kann – das ist aber auch nicht das Ziel eines solchen Bitterlikörs. Süßliche Vanille ist ganz dezent aus der Fassreifung eingeflossen. Der Abgang ist lang, bitter mit Erinnerungen an Radicchio und Espressobohnen, und belegt Mund, Rachen und Lippen für eine ganze Weile.


Egal, ob man sich für den klassischen Campari oder den Cask Tales entscheidet, das Zeug ist einfach geil und eine der zwei Spirituosen, die in meiner Heimbar nie ausgehen dürfen (die andere ist Chartreuse). Und wenn man die beiden dann zusammenbringt, bin ich im Cocktailnirvana. Vom Love and Murder könnte ich viel schwärmen, doch ich muss berücksichtigen, dass hier zwei Aroma- und Strukturbomben aufeinandertreffen, und die daraus folgende Gaumenexplosion ist dann nichts für zarte Gemüter. Balanciert ist dieser Cocktail ganz sicher nicht, aber schmecken tut er wie himmlischer Nektar.

Love and Murder Cocktail

Love and Murder
1oz / 30ml Campari
1oz / 30ml Chartreuse Verte
1oz / 30ml Limettensaft
¾oz / 23ml Zuckersirup
4 Tropfen Salzlösung
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Nick Bennett]


Im Vergleich sieht man, wenn man genau hinschaut, dass der Cask Tales ein bisschen weniger rot ist, einen orangenen Ton angenommen hat, und dieser haftet dann auch etwas dichter an der Glaswand. Die Fassreifung hat etwas von der harten Kante, die der normale Campari hat, abgerieben, und ein paar Vanilletöne dazugefügt; so wird er in der Nase erkennbar weicher und sanfter, und hat sogar fast einen parfümigen Seitenaspekt bekommen. Das spürt man auch am Gaumen, der Cask Tales wirkt abgerundeter, milder, verliert auch hier etwas von der Strenge, die der ungereifte Likör hat. Das spielt sich alles im kleinen Rahmen ab, man erwarte also keine komplette Charakterveränderung – auch der Cask Tales ist und bleibt ein Campari, mit der typischen Bittere und Aromatik.

Persönlich würde ich sagen, dass sich für Campariliebhaber der Versuch ganz sicher lohnt, insbesondere, wenn man den italienischen Bitter gern pur auf Eis trinkt, oder einfach nur mit Sprudel zu einem Americano aufgießt. Hier zeigen sich die Veränderungen, die eine Fassreifung mit sich bringen, am besten. Wer Campari als Cocktailzutat sieht, muss wahrscheinlich nicht unbedingt den Wechsel vollziehen, außer, man verwendet Campari eh schon nur wiederwillig in Drinks: in dem Fall wäre die minimal weichere Art des Cask Tales vielleicht ein Gewinn. Ja, gewiss, ich kenne auch Menschen, die keinen Campari mögen – aber ich begreife sie nicht.

Bier am Freitag – Schneider Weisse LoveBeer

Eigentlich bespreche ich viel zu wenige Weizenbiere hier, im Vergleich dazu, wie gern ich die mag und wie oft ich die trinke, zumindest. Allerdings ist die Bandbreite an verschiedenen Marken bei mir eingeschränkt, ich habe ein paar Favoriten, die trinke ich sehr oft, und da dachte ich mir, das muss mal ausgeweitet werden mit weiteren klassischen Weissbieren, aber auch verrückten Varianten. Schneider Weisse ist ja bekannt dafür, experimentierfreudig zu sein, und das zeigen sie auch mit dem Schneider Weisse LoveBeer. Es ist in Zusammenarbeit mit der Neu-Volksmusik-Gruppe LaBrassBanda entstanden – ich kenne deren Musik nicht und habe auch wenig Spaß an diesem Musikstil im Allgemeinen, das soll mich aber nicht davon abhalten, das Bier zu probieren und mir die Melodien im Kopf dazu selbst auszudenken.

Schneider Weisse LoveBeer

Ein klassischer Weißbierlook begrüßt uns, safrangelbes, volltrübes Bier, weder filtriert noch pasteurisiert. Der Schaum ist etwas dünner als erwartet, doch immerhin dafür sehr feinblasig und ausdauernd, das kommt ab und zu einfach auch durchs Eingießen zu Unterschieden.

Nicht mehr ganz so klassisch ist die Nase, hier merkt man schon sehr deutlich die Aromahopfenbeigaben, Hallertauer Tradition und Herkules machen das LoveBeer zu keiner Hopfenbombe, verschieben die Aromatik aber schon erkennbar weg vom traditionellen Nelken- oder Bananeneindruck, hin zu fruchtigeren, herberen Tönen. Beerig und grasig wirkt es, mit Ansätzen von Sommerheu.

Das Mundgefühl ist wieder voll getroffen, weich und voll legt sich der Weizen an den Gaumen, kauig und trinkig zugleich, das ist einfach diese Textur, die ich an gut gemachten Hefeweizen so mag. Etwas Nelken scheinen noch durch, der Hopfen gibt einen Ticken, aber nur einen Ticken an zusätzlicher Bittere (20 IBU immerhin!), und sorgt für eine freche Abwechslung mit einer schönen Kante, die aber noch abgerundet ist, es besteht nie die Gefahr, hier ins ale-ige abzugleiten. Der Abgang ist mittellang, die Rezenz gut, im Nachklang wirken die heuigen Noten des Hopfen nochmal extra lang nach, das finde ich sehr apart.

Ein gelungener Twist auf das Weizen, wie man es in- und auswendig schon kennt. Diese Spur zusätzliche Herbe und leicht gewandelte Aromatik, ohne den Stil zu verletzen, ist wirklich gut gemacht. Auch wenn ich mit der Musik nichts anfangen kann, das Bier mag ich.

Die ganze Frucht im Glas – Bonaventura Maschio Prime Uve Bianche

Was macht man aus Trauben, wenn sie nicht als Nahrungsmittel geplant sind? Nun, natürlich wird hauptsächlich dann Wein daraus gemacht. Nebenprodukte der Weinherstellung sind Weinbrand, also ein Destillat aus einem vergorenen Traubensaft, und Tresterbrand, der aus den dabei anfallenden Resten (Häute, Kerne, Stiele, je nach Art) gebrannt wird. Der bekannteste Weinbrand ist wahrscheinlich Cognac, der bekannteste Tresterbrand Grappa, die aromatischen Profile sind hier schon erstaunlich unterschiedlich. Selten findet man noch eine dritte Kategorie, einen echten Traubenbrand, bei dem die ganzen Früchte verwendet werden und nicht nur Teile davon wie bei Weinbrand oder Tresterbrand. Ein Mitglied dieser seltenen Gruppe von Destillaten stelle ich heute vor: den Bonaventura Maschio Prime Uve Bianche. Erst 1984 wurde in Italien eine Regelung und Gesetzgebung für diese Art Brand geschaffen, und Bonaventura Maschio waren mit die ersten, die das Potenzial dieser neuen Möglichkeit erkannten.

Es gibt eine Menge ungewöhnlicher Dinge, die es über die Herstellung zu berichten gibt, die sich deutlich von denen bei anderen Spirituosen unterscheiden. Die ganzen Früchte hauptsächlich der lokal sehr beliebten Rebsorte Glera werden zwischen 15 und 18 Tagen fermentiert, ohne sie vorher auszupressen. Wie bei Pisco Mosto Verde wird die Fermentation zu einem gewählten Zeitpunkt unterbrochen, bevor alle Zucker in Alkohol umgearbeitet wurden. Die dann enstandene Maische wird komplett, sogar mit allen Festbestandteilen, in den besonderen Brennapparat der Destillerie gegeben. Dieser ist ähnlich einer Bain-Marie, die mit einem Vakuumdestillierapparat kombiniert wurde – hier macht sich die Grappaerfahrung der Region bezahlt. Einmal wird nur destilliert, bei der niedrigen Temperatur von 60°C, und man nutzt den kompletten Lauf für das Endprodukt, es ist aufgrund der ungewöhnlichen Herstellungsart nicht nötig, Vor- und Nachlauf abzutrennen, weder die Problemstoffe des Vorlaufs noch die des Nachlaufs entstehen bei Prime Uve. Das Destillat wird am Ende dann auf 39% Alkoholgehalt eingestellt und, in der vorliegenden Variante, ungereift abgefüllt – und ein kleines Fläschchen davon ist bei mir gelandet, und virtuell will ich es nun mit meinen Leser*innen teilen.

Bonaventura Maschio Prime Uve Bianche

Im speziellen Grappaglas, hergestellt in Italien nach wissenschaftlichen Erkenntnis zusammen mit der Lebensmittelfakultät einer Universität, lässt sich die kristallklare und erkennbar viskose Flüssigkeit am besten optisch genießen. Die dicken Beine, die beim Drehen des Glases entstehen, kleben lange an der konvexen Innenform.

Das verlockt, die Nase in jenes Glas zu halten. Dort findet man einen angenehm parfümierten Duft, traubig und fruchtig-aromatisch, direkt sehr an Pisco oder ungarischen Traubenpálinka erinnernd, beides natürlich sehr verwandte Destillate. Eine unterschwellige Würzigkeit, vielleicht milde Hefe oder leichte Brotteignoten, ergänzt die floralen Kopfnoten um etwas tiefe Basisschwere, die dann in Kakaopulver übergeht. Rosenwasser und Orangenblütenwasser finde ich da, auch hier sehr bereits an Parfüm erinnernd, ohne künstlich oder aufdringlich zu sein. Schnuppert man lange, entdeckt man eine ganz vorsichtige ethanolische Komponente, doch auch diese ist gut eingebettet und liefert eher zusätzliche Komplexität denn Störfaktoren. Ein wirklich duftend-elegantes Destillat, an dem meine Nase gern viele Minuten hängen bleibt.

Bonaventura Maschio Prime Uve Bianche Glas

Auch der Antrunk ist ähnlich bezaubernd, mit einer schweren Süße als Basis, die (so erzählten die Besitzer bei der Destillerietour) leider zum Teil von etwas Nachsüßung, 5g/L laut eigener Aussage, herrührt – meiner Meinung nach braucht dieser Brand diese Süßung nicht. Die Textur ist ölig am Gaumen und legt sich breit an, und aus ihr entsteht eine sehr elegante Mischung aus Frucht und Blüten. Weiße Trauben natürlich, aber gefühlt auch Weinbergpfirsich, nicht ganz reife Aprikose sowie ein Anflug von Honigmelone. Im Verlauf bricht die Süße auf und lässt pikante Wärme entstehen, die insbesondere die Zunge kitzelt und dafür sorgt, dass der Brand nicht zu gemütlich wird. Die floralen Noten, nun auch beinahe ins Rosenwasser und Parfümaspekte übergehend, erblühen regelrecht und bleiben ausdauernd und kräftig bei uns. Der lange und warme Abgang schließlich ist dann versehen mit etwas grüner Banane und fast schon schokoladigen Noten.

Wie man sieht, ein abwechslungsreiches Destillat mit Vielschichtigkeit, die bei der der Verkostung nie Langeweile aufkommen lässt, und das dennoch ordentlich Körper und Bumms hat. Ohne Süßung wäre ich restlos begeistert, der kleine Wermutstropfen drückt die Stimmung etwas, und ich hoffe, die Familie erkennt das selbst irgendwann und lässt sie in Zukunft weg.


Für ein Nischenprodukt wie dieses ist es natürlich schwierig, ein explizit darauf abgestelltes Cocktailrezept zu finden. Die aromatische Nähe zu Pisco bringt mich dazu, hier den Pini zu empfehlen, das Ersetzen des Pisco durch Prime Uve funktioniert herausragend gut, und der Schokoladenlikör unterstützt die süßlichen Aspekte des Brands noch. Idealerweise nimmt man als Brandy auch hier einen italienischen, milden, der nicht die frische Fruchtigkeit des Prime Uve unterdrückt, Vecchia Romagna oder so etwas. Der Drink ist insgesamt dadurch eher auf der süßen Seite, und genießt sich perfekt aus dieser wunderbaren Muranoglas-Sektflöte, die ich vom Trip ins Veneto mitgebracht hatte.

Pini Cocktail

Pini
1 ⅔oz / 50ml Prime Uve Bianche (im Original Pisco)
½oz / 15ml italienischer Brandy
¼oz / 7ml Crème de Cacao
1 Teelöffel Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach unbekannt]


Es war ein schöner Ausflug zur Brennerei, den wir als Juroren von Spirits Selection by CMB bei der Auflage #Treviso2023 erleben konnten. Wir wurden direkt vom Besitzer Andrea Maschio begrüßt, der uns seine Destillerie zeigte, die Hintergründe erklärte und etwas über Geschichte und Motivation erzählte. Eine durchaus kleine Anlage hat er sich da aufgebaut, die Brennkessel sind ursprünglich Tomatenmark-Extraktoren, die fürs Destillieren umgebaut wurden – das allein ist schon eine verrückte Geschichte, finde ich.

Nach der Führung durch die Brennerei wurde noch ein Tasting angeboten, durchgeführt vom Master Distiller Stefano Baseotto und Anna Maschio, eine unglaublich unterhaltsame Show in Good-Cop-Bad-Cop-Manier boten uns die beiden, mit viel Humor, man merkt, dass die ein eingespieltes Team sind. Die Grappe von Bonaventura Maschio, die zwei Varianten von Prime Uve und ein kleiner Einblick in ihre Likör-Range zeigen das Potenzial dieser Brennerei. Ich bin mir sicher, dass ich noch über andere Produkte schreiben werde – bis dahin genieße ich in angenehmer Erinnerung noch die letzten Schlückchen vom Prime Uve.

Bier am Freitag – Brouwerij Bourgogne des Flandres Blonden Os

Was sind schöne Souveniers aus Belgien? Nun, andere bringen so Kruscht mit, Schlüsselanhänger, Kühlschrankmagneten, Postkarten. Ich bin der Typ, der gern stattdessen Lebens- und Genussmittel in den Koffer packt – und aus Belgien, und hier im besonderen Brügge, brachte ich natürlich dann ein paar lokale Produkte der Brauereien aus der Stadt mit. Heute mache ich eins davon auf, das Brouwerij Bourgogne des Flandres Blonden Os. Es handelt sich dabei um ein obergäriges Bier mit dem Stilnamen „Flemish Blond Ale“, gebraut mit 6,5% Alkoholgehalt und dem dezenten Einsatz von Gewürzen, hergestellt natürlich in klassischer Flaschengärungsweise.

Brouwerij Bourgogne des Flandres Blonden Os

Der „blonde Ochse“, der Name passt zu dem, was man im Glas sieht. Zwischen Senf und Ocker liegt das kräftige, leuchtende Gelb, mit deutlicher Trübung, und einem feinblasigen Schaum, der sich zügig auf einen dünnen Flaum reduziert.

In der Nase erkennt man zunächst angenehme, weichwürzige Getreidenoten, ohne dass es sehr malzig wirkt. Sehr schnell ist dann aber schon eine feine, irgendwo zwischen Apfelessig und Verjus verortbare Säure, leicht laktisch, erschnupperbar, die sich gut integriert. Dahinter schließlich meint man, etwas Holz zu riechen, nur in Form von zusätzlicher Komplexität.

Wer hier auf ein klassisches Sauerbier spekuliert hat, wie ich nach der Geruchsprobe, wird überrascht durch die natürliche Süße und weiche Textur, die den Antrunk definiert. Das Getreide spielt klar die Hauptrolle, unterstützt von klug gewähltem Hopfeneinsatz, der sich aromatisch zeigt, aber nicht nach vorne drängt, eher mit eleganter Bittere arbeitet. Leicht floral wirkt das alles im Zusammenspiel, sehr ansprechend, mit dann noch im Verlauf entwickelter, zarter Säure, viel weicher, als erwartet, mit einem feinherben, trockenen Abgang.

Ein sehr rundes, elegantes Bier, das sich wirklich süffig trinkt, und dabei jedem Aspekt genug Raum lässt, sich zu präsentieren. Ein idealer Bierbotschafter Brügges, ganz ohne Extreme oder Dramatik, dafür integrativer Eleganz.

6 Jahre Rumgeschichte – Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésimes 2000, 2002 und 2006

Heute haben wir wieder einmal ein Trio im Angebot, und weil ich darüber hinaus schon viel über das Set Verticale Velier Rhum Vieux A.O.C. Martinique Millésimes Saint-James erzählt hatte, halte ich mich ausnahmsweise mal zurück, mir einen elaborierten Spannungsbogen aus den Fingern zu saugen, kommen wir einfach mal direkt zur Sache (man gewöhne sich nicht daran, ich werde meine Leser in Zukunft weiter mit mehr oder weniger unterhaltsamen Anekdoten aufs Thema lenken, keine Sorge!). Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésimes 2000, 2002 und 2006 sind drei weitere der Jahrgänge, die man im wunderbaren Verticale-Set finden konnte. Saint James gehört durchaus zu den von mir öfter besprochenen Brennern, man kann hier auf meinem Blog ein paar Eindrücke anderer Sorten des Herstellers sammeln, über dieses Set hinaus. Diese Lektüre lege ich natürlich jedem ans Herz, der sich nach diesen Jahrgangsrums, die nun folgen, weiter für die Destillerie auf Martinique interessiert.

Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésimes 2000, 2002 und 2006

Beginnen wir mit dem jüngsten des Trios, dem Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2006, der nach der elften Zuckerrohrernte seit Einführung der AOC 2006 und dem gleichjährigen Brennen dann im Oktober 2021 abgefüllt wurde. Farblich gefällt mir das schonmal sehr, 15 Jahre tropische Reifung haben einen wunderschönen Palisanderton erzeugt, der strahlt und leuchtet, wenn man das Glas dreht. Dass sich die Flüssigkeit dabei sehr ölig bewegt, tut sein übriges dazu. Initial ist die Nase von Klebstoff beherrscht, das erinnert mich an meine vergangenen Modellbautage. Lässt man dem Rum etwas Zeit, bilden sich schwere Karotten- und Vanilletöne heraus, die mich stark an Bourbon erinnern. Erst darunter findet man leicht grasige Noten, und auch eher ganz vorsichtig – das ist sensorisch ein Rum, bei dem das Holz wirklich voll zugeschlagen hat und den Zuckerrohrsaft beinahe komplett verdrängt.

Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2006

Man ahnt noch den Fehler, den ich für die 2015-2008er Jahrgänge bei dieser Abfüllung ausgemacht habe, diesen parfümigen Lavendel-Weichspüler, das die genannten Brände für mich praktisch untrinkbar gemacht hatten; doch es ist nur noch eine Idee davon da, darum ist das hier eher ein Teil des Bilds denn ein Fehler. Das Mundgefühl ist staubtrocken, stark astringierend, bitter und mit ordentlich Säure versehen: definitiv kein Rum, der schmeichelt, eher ein Brett aus Holzspänen, grünem Gras, Estragon und Süßholz. Charaktervoll, ja, wuchtig, ja, und auch vollmundig – aber hart an der Grenze zum Kantigen. Der Abgang ist lang und entschädigt dann aber voll, hier klingt leichte Minzefrische auf, das Holz geht in Karotte über, die Spucke fließt nach und verbindet sich dann mit den Rumresten zu einem wirklich attraktiven, algig-kiesigen Finish. Also eher was zum bedächtigen Explorieren denn zum gemütlichen Genießen!


Zurück, vier Jahre in die Vergangenheit vom eben probierten Rum, zum Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2002, der damit aus der siebten Ernte nach Einführung der AOC stammt und ebenfalls Oktober 2021 abgefüllt wurde. Der optische Eindruck ist sehr imponierend, ein strahlkräftiges Pariser Rot, mit orangenen und fuchsiafarbenen Lichtreflexen. Sehr stattlich ist auch das Schwenkverhalten, mit satter Öligkeit und einem Beinchengitter zum Träumen. Und ohne Pause geht dieser Rum weiter, in der Nase ist ultraviel Frucht, dunkle Trauben, Feigen, Aprikosen, aber auch Weinbergpfirsich und süße Aromen von Toffee, Haselnusscreme und Vanille. Etwas Karottiges erinnert erneut an Bourbon, aber in einer trockeneren, herberen Art. Voluminös, kraftvoll, stark – ein Duft, in den man sich aufs erste Schnuppern verlieben kann.

Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2002

Leider ist schon im Antrunk wieder der Weichspüler da, sehr stark sogar, mehr, als beim 2006er. Das ist wirklich zum Heulen. Es ist einfach mehr als eine florale, blumige Note, das ist wie Softlan in der lila Plastikflasche. Alles andere leidet darunter, ich muss die Verkostung hier schlicht abbrechen, erst im Abgang kommt ein eiskalter Minzhauch auf, der mit der trockenen Textur und dem holzigen Charakter wieder etwas Freude aufkommen lässt. Aber was soll ich sagen. Ein Jammer. Ein Jammer. Ich weiß nicht, was da passiert ist – wenn es beabsichtigt ist, dass der Rum so schmeckt, dann ist er schlicht gruslig und so überhaupt nicht typisch für Rhum Agricole; wenn es ein Fehler ist, muss jemand zur Rechenschaft gezogen werden, der für diesen Schaden verantwortlich ist. Ich weiß nicht wer, aber das ist wirklich ein Verbrechen. Da ich dies in unterschiedlichen Abfüllungen so schmecke, und in manchen nicht, auch bei wiederholten Versuchen, schließe ich eine Kontamination auf meiner Seite aus.


Nach dem Schreck zurück in den Sattel, und nochmal zwei Jahre weiter zurück. Lassen wir uns nun den Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2000 hoffentlich besser schmecken. Die fünfte Zuckerrohrernte seit Einführung der AOC brachte den Saft für ihn hervor. Wir sind optisch noch einen Ticken dunkler inzwischen, das ist starkes Mahagoniholz, vielleicht gebrannte Siena. Trotz des Alters von 21 Jahren (er ist damit der älteste Rum des Vertikalsets, denn der 1998er war ein paar Jahre zwischengereift, und die zählen dann nicht) wirkt er lebendig und frisch im Glas. Die Nase ist direkt edel und elegant, dabei aber vergleichsweise zurückhaltend – man findet einiges an dunklem, getrockneten Obst, aber auch frische Orange und Kirsche. Gestärkt, aber niemals überlagert, wird das vom Holz, mit Vanille und ledrigen Tönen, etwas Estragon und Süßholz, minimalst Gras, insgesamt fein und rund.

Saint-James Très Vieux Rhum Agricole Millésime 2000

Am Gaumen wirkt der 2000er auch ähnlich zurückhaltend wie in der Nase, da zeigt sich erstmal weiche, leichte Textur, ein wirklich sauberes, klares Mundgefühl, ohne den Gaumen zu belegen. Frisch, hell, fruchtig – sehr unerwartet, da ist das Holz wirklich sauber eingesetzt, es zeigt sich zwar, lässt aber der Orange, der Mango, der Kirsche viel Spielraum, sich auszuleben. Trocken, ohne zu astringieren, herb, ohne bitter zu werden, rund, ohne sich wirklich auszudehnen – das ist ein sehr eleganter Rum, toll strukturiert und konstruiert, vielschichtig, ohne dass sich ein Aspekt nach vorne drängt und andere überdeckt. Der Nachhall ist lang, fruchtig und holzig, hier kommt das Zuckerrohr klar hervor und dominiert dann doch, aber natürlich mag ich es, wenn das Basismaterial erkennbar ist. Minimalst floral (und überhaupt nicht weichspülerig!) und mit deutlichen, mineralischen Algentönen klingt die Verkostung aus. Ein hervorragender Rum, archetypisch für Martinique, ohne jeden Fehler oder Kritikpunkt. Ich liebe ihn.


Ohne das VSGB-Projekt, über das ich nun schon sehr oft berichtet habe, wäre diese Verkostung wieder einmal nur sehr schwer möglich gewesen, vor allem wäre für mich persönlich der haptisch-taktile Eindruck ein ganz anderer gewesen, wenn ich neutrale Sampleflaschen statt der wunderbaren, liebevollen Kleinflaschen mit hochwertigen, dickmaterialigen Etiketten und Kartons zuhause gehabt hätte.

Mit dieser zweiten Runde der Saint-James-Rums aus dem Vertikalset beschließe ich auch die Besprechungen für dieses Set; die schon probierten aber noch unreviewten Jahrgänge 2014, 2012 und 2008 halte ich zusammen mit dem hier vorgestellten 2002 persönlich (wie auch schon 2015 und 2010, die ich im vorherigen Artikel diskutiert hatte) für schlicht nicht trinkbar, weil fehlerhaft abgefüllt, und sehe keinen Sinn, sie zu besprechen. Aber vielleicht stehe ich da allein mit meiner Meinung. Das trübt aber insgesamt den Gesamteindruck dieses Sets doch extrem, da die Hälfte der Fläschchen für mich ungenießbar sind. Dennoch: Ich habe es sehr genossen, zum kleinen Kreis derer zu gehören, die so eine ambitionierte Reihe probieren durften. Und vielleicht ist es halt einfach eine Geschmacksrichtung, die mir widerstrebt. Ich wäre gespannt, von Leuten zu hören, die das Set auch kennen!

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Hontambère 1989 #A5 und Rare Armagnac Collection by Hontambère 1994

Der Sommer 1989 war schon etwas besonderes, gerade für uns Deutsche. Doch auch das Wetter spielte da in ganz Europa mit, und versorgte zum Beispiel in Südwestfrankreich die Weinberge mit langer Sonne ab März. Aus diesem Umfeld entsprang der Grape of the Art Hontambère 1989 #A5. Er stammt aus der Domaine Pouchegu in der Region Armagnac Ténarèze und wurde vollständig aus der Rebsorte Ugni Blanc gemacht. Fassstärke, hier 55.9%, gehört bei GotA inzwischen natürlich zur Erwartung, im Juli 2023 wurden nach 33 Jahren im feuchten Keller nur 250 Flaschen davon abgefüllt.

Grape of the Art Hontambère 1989 #A5

Etwas Schwung muss man aufwenden, um die kupferfarbene Flüssigkeit im Glas in Bewegung zu bringen, schnell legt sich das dank der hohen Viskosität auch wieder und lässt einen flächigen Film an der Glaswand zurück. Dabei bekommt man schon die ersten kleinen Schwaden des intensiven, kräftigen Traubengeruchs ab, mit Most aus roten Äpfeln, reifen Birnen, schon überreifen Pfirsichen und Mangos. Ein leichter Klebergeruch schwimmt darunter, ohne zu stechen, und eine milde Karottennote kommt dazu. Vanille und Zimt und etwas leicht getoastetes Holz zeigen die Reifung, drängen sich aber nicht nach vorne, sondern lassen der Ugni Blanc vollen Raum. Ein Anflug von Menthol ist da. Am Gaumen kommt der Hontambère 1989 dann aber direkt viel holzgetriebener voran, schon in der vom Antrunk spürbaren Trockenheit, die nur etwas von natürlicher Süße ausgeglichen wird. Die Textur ist gar nicht so ölig, wie man das vom Sehen meinen könnte, aber dennoch voll und füllend. Das prickelt ordentlich am Gaumen, während sich nun Trockenobst, frische Trauben und vanillige Holzaromen um die Vorherrschaft streiten. Gegen Ende wird der Armagnac so richtig mentholig-frisch, man ahnte es ja schon in der Nase, und nachdem er ein eiskaltes Gefühl im Mund erzeugt hat, lässt er im Nachhall noch eine wunderbar blumige Jasminnote aufblühen. Lange klingt das nach, mit einem angenehmen Mundgefühl verlässt der Armagnac uns erst spät. Insgesamt extrem unterhaltsam, muss ich sagen, gerade der Eisbergeffekt im Mund ist wirklich toll, da spart man sich das Lutschen eines Eukalyptusbonbons. Ich liebe solche Überraschungen.


Die Reise in die Klimavergangenheit ist aber hier noch nicht zuende. Wir halten noch kurz im Jahr 1994, zumindest in Deutschland ein absoluter Rekordsommer, an und schauen zu, wie der Hontambère Rare Armagnac Collection 1994 entsteht – in derselben Domaine und Region, aus denselben Trauben, mit nur leicht niedrigerer Fassstärke (54.0%). Die fünf Jahre Zeitsprung müssen wir natürlich abziehen, so konnte nach 27 Jahren im trockenen Lagerhaus im September 2022 noch 270 Flaschen gewonnen werden.

Hontambère Rare Armagnac Collection 1994

Bernstein, leuchtend und kräftig, mit ansehnlicher Viskosität, rein optisch punktet der Jüngere hier schonmal gut, mit seinen sich bildenden, dicken Tropfenkugeln, die man nach dem Drehen des Glases vorfindet. Eine extrem apfelige Nase setzt zu Beginn schonmal eine Marke, das geht fast in die Sensorik eines jungen Calvados über. Dazu kommen Zimt und Vanille, etwas Kardamom – ich fühle mich ganz stark an ein fruchtiges Dessert erinnert, irgendwo zwischen Bratapfel und einem Aprikosenkompott. Das klingt sehr hell und leicht, jung, sehr traubig und nur mild rosinig. Eine ähnlich jugendliche Weise strahlt der Hontambère 1994 auch am Gaumen aus, helle Struktur, frisch-freche Textur, durchaus kitzelig vom Antrunk an auf der Zunge, was sich im Lauf noch verstärkt. Pfeffrig und eukalyptisch, mit spannender Süßsauerbalance, die von einer erkennbar salzigen Note unterstützt wird. Gerade letzteres gibt dem Armagnac viel Energie und dehnt das Mundgefühl weit aus. Der Abgang ist herb, wie der ganze Brand mit richtig viel Apfel versehen, und durchaus lang, mit vielen Effekten, die am Gaumen und der Zunge verbleiben. Die beiden Brände stammen aus demselben Hause, sind aus demselben Basismaterial gebrannt worden, und nur 5 Jahre auseinander, und dennoch sind sie sensorisch wirklich drastisch unterschiedlich – und beide nochmal ganz anders als der Hontambère 1985, den ich vor einer Weile schon besprochen hatte. Wieder einmal ein faszinierendes Erlebnis, das die Vielseitigkeit von Armagnac zeigt!


Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples des Grape of the Art Hontambère 1985 #A5. Das Sample des Hontambère Rare Armagnac Collection 1994 habe ich bei einer davon unabhängigen Bestellung bei Armagnac.de als kostenloses Geschenk erhalten.

Natur und Wissenschaft – Hepple Gin

Ich kritisiere immer wieder mal, dass Gin eigentlich eine der am leichtesten herzustellenden Spirituosen ist, und frage dann frech, warum für einen halben Liter dann 50€ und sehr viel mehr aufgerufen werden. Man kann den Neutralsprit kostengünstig einkaufen, die Aromatisierung erfordert keine dramatisch sensationellen handwerklichen Fähigkeiten, man braucht keine Fässer oder Lagerhäuser, um das Produkt fertigzustellen, auch kein jahrelanger Zeitinvest ist mitanzurechnen. Schließlich war das auch einer der Gründe, warum im 18. Jahrhundert Gin so beliebt wurde – jeder konnte das für kleines Geld herstellen, als Kontrast zum aufwändigeren Genever, dessen Nachahmung der Gin war, und natürlich besonders im Gegensatz zum Whisky. Für viele der Gins, die aktuell auf dem Markt sind, trifft diese Kritik sicherlich auch zu, da sollte niemand Illusionen drüber haben. Doch es geht auch anders, und diese Beispiele finde ich dann immer erfrischend und berichte gerne über sie.

Zur Abgrenzung ist es auch dann durchaus gern gesehen, dass der Brenner des Hepple Gin selbst aktiv wird und die Herstellungsdetails offensiv auf einem Umhänger um die Flasche präsentiert. In drei Stufen wird der Basisbrand veredelt, beginnend mit dem klassischen Brennen in Kupferpotstills. Eine Glas-Vakuum-Destillation erfolgt danach, und schließlich noch eine sonst eher in der Parfümherstellung genutzte überkritische Extraktion, bei der über CO2 die gewünschten Aromen besonders gut gelöst werden. Das Ergebnis dieser Dreifachtechnik, so ist das Versprechen, gewinnt dadurch jeweils an Weichheit, Frische und Geschmackstiefe. Auf der Homepage von Hepple kann man sogar kleine Bilder von den eingesetzten Apparaten sehen; für mich ist sowas wirklich spannend, das gibt es nicht bei vielen Brennern zu sehen. Nun, selbst für mich, dem Herstellungsmethoden und nichtgeschmackliche Komponenten in Spirituosen auch extrem wichtig sind, gilt schließlich: am Ende zählt dann halt doch, was im Glas ist, und dem wollen wir uns jetzt zuwenden.

Hepple Gin

Kein Partikel oder Fehlton hat die Dreifachprozedur überstanden, die Flüssigkeit ist völlig klar. Mit einer erstaunlichen Schwere bewegt sie sich, wenn man sie in Rotation versetzt, und es bleibt danach ein extrem fettes, öliges, vielbeiniges Astmuster an der Glaswand, aus dem sich ganz gemächlich einzelne Tropfen lösen und ablaufen. Rein optisch schonmal ein Hinweis darauf, dass das kein leichter Brand sein wird.

Die schon vom Auge erahnte Dichte ist auch für die Nase erkennbar. Klar und direkt ist Wacholder da, in einer vollen Form, süßlich und trotzdem frisch. Begleitet wird diese alles beherrschende Note von einer fast parfümigen Floralität aus Lavendel, dazu kommt Zitronengras und ein bisschen Orangenzeste. Ganz tief darunter meine ich, eine gewisse Brotigkeit zu finden, die dem ganzen die Grundlage gibt und für zusätzliches Volumen sorgt. Sogar etwas grünes Holz entdecke ich. Der Alkoholgehalt von 45% ist erkennbar, aber zu keinem Moment pieksend oder den Eindruck beeinflussend.

Hepple Gin Glas

Die Textur ist auch das erste, was ich am Gaumen fühle, fett und breit, sie expandiert im Mund schnell und bleibt dann auch haften. Ein wirklich beeindruckendes Volumen spürt man da, gefüttert vom sehr sauber eingebundenen Alkohol und einer schweren, natürlichen Süße. Der Wacholder kommt dann als zweiter Eindruck dazu, mit schöner Abbildung der Frucht, die die Süße dann mit milder Bittere kontert. Stellenweise hat man wirklich das Gefühl, ein ätherisches Öl zu trinken, mit sehr kräftiger Zestigkeit, die Aroma und Frische mitbringt. Auch hier ist etwas Holzigkeit dabei. Am Ende wirkt der Hepple Gin tiefdunkel und superschwer, ordentlich herb, er kriecht nur langsam den Hals hinab, hinterlässt währenddessen am Gaumen ein kühlfrisches Gefühl. Der Abgang ist mittellang, der Nachhall dann fast schon mentholisch.

Im Gegensatz zu vielen anderen Gins, die über exotische Botanicals oder lange Listen von seltsamen Kräutergeschmäckern punkten wollen, bekommt man mit dem Hepple Gin einen Strukturgin, der mehr über die Dichte und seine pure Kraft überzeugt. Hier findet man etwas, was den Mund richtig ausfüllt, ohne wegen Details abzulenken. Beeindruckend und konsequent!


Der Hamburger Barbesitzer und Gin-Basil-Smash-Erfinder Joerg Meyer hatte mir, als ich auf der Suche nach einem neuen Hausgin für die private Heimbar war, ein paar Gins zugesandt, die er im Le Lion gerne einsetzt. Nun, was gut genug fürs Le Lion ist, taugt ja auch bestimmt für meine Qualitätsansprüche zuhause. Der Hepple Gin jedenfalls macht sich ganz außerordentlich gut in einer Kreation Jeffrey Morgenthalers, dem Richmond Gimlet. Klassisch und streng komponiert, da kommt so ein dekadent opulenter Strukturgin wie der Hepple natürlich gerade recht als Ausgleich.

Richmond Gimlet Cocktail

Richmond Gimlet
2⅓oz / 70ml Dry Gin
⅔oz / 20ml Limettensaft
⅓oz / 10ml Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
[Rezept nach Jeffrey Morgenthaler]


Man hat eine passende Präsentation für diesen Gin gefunden – die Flasche scheint zunächst unauffällig, doch die sehr breite Ausgusskante, auf der der breite Holzstöpsel sitzt, ist dann doch eher ein seltenes Merkmal so einer Spirituosenflasche. Die Beklebung mit transparenter Folie, auf der Wacholderzweige abgebildet sind, ist hier jedenfalls, ich hoffe, das kam in meiner Besprechung rüber, keinesfalls fehl am Platze, im Gegenteil: der Wacholder ist hier zentrales Element innen und außen.

Zurück zum Anfang – da beklagte ich die mangelnde Weitergabe der Kostenstruktur vieler Gins an die Kunden. Hier gibt es auch diesbezüglich für mich nichts zu meckern, ein toller Gin zu einem guten Preis. Wer, wie ich, versucht, die alten Bekannten in der Heimbar durch neue Freunde zu ersetzen, sollte mal bei Hepple reinschauen.

Offenlegung: Ich danke Trinkabenteuer/jrgmyr für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Gins.

Bier am Freitag – Dreher Gold, Bitter Lager, Hidegkomlós, Bak, IPA und Barack

Jede Stadt hat ihr repräsentatives Bier. In Budapest ist das Dreher, ohne Frage, man findet Werbung dafür an jeder Ecke, praktisch jede Kneipe hat Dreher vom Fass zur Verfügung, und die Dreher Sörgyárak strahlt mit ihrem großen Einfluss natürlich weit über die Hauptstadt hinaus ins Umfeld – es ist für mich persönlich DAS ungarische Bier schlechthin. Gerade im Sommer, wenn man zu Fuß (wie ich finde, dass man diese Stadt am besten erkunden kann!) in Budapest durch die aufgehitzten Straßenschluchten schlendert, und der Mund trocken wird, ist so ein leuchtendes, außen beschlagenes, mit herrlichem weißen Schaum versehenes Dreher der Traum, auf den man gerne zusteuert.

Dreher Gold, Bitter Lager, Hidegkomlós, Bak, IPA und Barack

Ursprünglich kannte ich nur das Grundprodukt der Brauerei, das Dreher Gold. Bei meinem letzten Besuch in Budapest standen da aber plötzlich in den Supermärkten auch andere Varianten, und auch in den Kneipen wurde dem vom schlimmen Durst getriebenen Besucher Fassbiere mit mir unbekannten Namen angeboten. Gerne nutzte ich das Angebot ausgiebig, und brachte dann für meine Leser ein paar Abfüllungen mit nach Hause, um sie hier nun vorzustellen. Alle sind erhältlich in Dosen wie in Flaschen, ich habe es mal etwas gemischt, persönlich bin ich ein Fan der Dose. Wir trinken die unterschiedlichen Ausprägungen jetzt einfach von links nach rechts durch.

Dreher Gold

Das Dreher Gold diene als Basislinie, einfach weil ich es schon so gut kenne und bei jedem Besuch in Budapest doch so einiges davon wegkonsumiere. Der Name ist definitiv gut gewählt, einfach weil es genau so golden und kristallklar im Glas steht, wie man es von so einem Bier erwartet. Man sieht dadurch die Perlage, der Schaum ist fein und bleibt eine Weile da. Leichte Hopfennoten riecht man, wenn man es an die Nase hält, etwas Malz, etwas helleres Getreide, doch in meiner Erfahrung ist das eh kein Bier, an dem man lange riecht – es lädt einen zum direkten Trinken ein. Und da passt für mich dann einfach alles. Die Textur ist initial weich und rund, geht im Verlauf aber durchaus ins eher Trockene, gaumenreinigende über. Süße und Säure sind perfekt ausgeglichen, der Hopfen bringt die richtige, edelherbe Bittere dazu, ohne dass es kantig wird. Ich liebe das Dreher Gold für seine Rezenz und extreme Süffigkeit, beides profitiert von guter Karbonisierung und leichter Struktur, die ganze Aromatik und der Aufbau erinnert an ein Helles. Im Abgang kommt das Getreide schön vor, kitzelt etwas am Zäpfchen, und löst sich dann zügig auf, ohne sich aufdrängend lange aufzuhalten. Nun, natürlich ist das kein großartig komplexes Genussbier, an dem ich mich lange aufhalte und an Nuancen erfreue, doch das erwarte ich hier nicht. Das zischt weg wie nix, erfrischt herrlich, tut das, was es soll, in Perfektion. Ich liebe das Dreher Gold, ohne Frage, wenn ich einfach nur sitzen und mein Durst gestillt werden soll.


Dreher Bitter Lager

Dann das Dreher Bitter Lager, eingebraut mit 3 Hopfensorten (sowohl Frischhopfen als auch Hopfenextrakt) auf 5% Alkoholgehalt. Kristallklares, strahlendes Sonnenblumengelb, mit feinem Schaum als Krone. Anflüge von Mousseux sind erkennbar. Der Geruch ist eine Mischung aus floralen und getreidigen Noten, das geht fast ins Parfümige über, aber nur fast. Jasmin, Lavendel, dazu etwas Mango – gar nicht unangenehm und nie seifig. Die Textur gefällt mir sehr, da wurde eine schöne Balance aus vorsichtiger Cremigkeit und fühlbarer Kante getroffen. Das wirkt dadurch sehr frisch und rezent, auch Säure und Karbonisierung sind im Gleichgewicht. Geschmacklich haben wir nun sehr malzig-getreidige Komponenten im Vordergrund, Bitterhopfen ist deutlich spürbar, 50 IBU wirken effektiv, aber ohne zu kratzen. Ein sehr sauberes, reines Bier mit herausragendem Mundgefühl, ideal als Durstlöscher, wenn gut gekühlt serviert. Wirklich gut!


Dreher Hidegkomlós

Wechseln wir von der Dose zur Flasche. Das Dreher Hidegkomlós (übersetzt „Kalthopfen“) ist ein mit 3 Hopfensorten eingebrautes Bier, und Citra wird als namensgebende Kalthopfung dazugegeben. Das trübt jedenfalls kein bisschen ein, kristallklar und blassgolden landet es im Glas, mit ordentlicher Perlage und einem fingerdicken, gemischtblasigen Schaum. Man entdeckt sofort den Hopfen, die herbfruchtigen Spitzen mit viel Grapefruit- und Orangenzeste sind dabei prominent, aber nicht kratzig. Eine saubere Getreidebasis, die an ein klassisches Helles erinnert, nimmt das alles gut auf und lenkt nicht von einer zusätzlichen, leichten Floralität ab. Im Mund ist das Bier weich und mit voller Textur, aber auch hier klar an ein Helles erinnernd, sauber, klar, ohne Störfaktoren auf Erfrischung ausgelegt. Der Hopfen gibt etwas Spannung dazu, aber bei weitem nicht so, dass man das Hidegkomlós mit einem Pale Ale verwechseln könnte. Die zusätzliche Frucht ist angenehm, doch insgesamt bleibt es ein recht komplexitätsarmes Bier. Die Struktur ist aber fett genug, um mich das Bier ohne große Überwindung wegziehen zu lassen – manchmal muss man so eine Art Bier auch einfach trinken, ohne zuviel nachdenken zu müssen. Dafür ist das Hidegkomlós gut geeignet!


Dreher Bak

Das zweite Flaschenbier ist das Dreher Bak (übersetzt „Bock“). 7,3% und 24 IBU lassen schon keine Zweifel aufkommen, dass hier andere Kaliber aufgefahren werden. Karamellmalz sollte erwähnt werden, man sieht und spürt es aber auch: die komplett blickdichte, beinahe richtig schwarze, dicke Flüssigkeit lässt höchstens ein paar rubinrote Lichtreflexe am Rand scheinen, der Schaum äußert sich nur in ein paar kleinen, dünnen Inseln. Der Geruch ist brotig und dunkel, schwer, aber nicht sich wirklich aufdrängend. Röstig riecht das, mit Anflügen von Speck und Rauch, aber auch etwas gegrillter Ananas. Angenehm! Die Textur ist dick und schwer, dabei aber nicht klebrig, im Gegenteil – für so ein dunkles Bier kommt das Bak richtig frisch und frech rüber. Gute Säure und die unsichtbare, aber wirksame Karbonisierung machen das Bier toll rezent und erfrischend, während es seine dunkle Röstmalzaromatik beibehält, mit leichter Nussigkeit und pflaumigen Melassetönen. Es prickelt etwas auf der Zunge, und lässt nach dem sehr kurzen Abgang ein gewisses holziges Kratzen mit definierter, aber eingebundener Bittere im Hals zurück, das mich überhaupt nicht stört. Ja, man könnte die Säure insgesamt ein bisschen runterfahren, um dem Malz noch etwas mehr Süßraum zuzugestehen, doch das ist nur ein kleiner Kritikpunkt für ein richtig süffiges Bockbier.


Dreher IPA

Nun das Dreher IPA, gebraut mit 6 Hopfensorten, keine davon wird auf dem Etikett benannt, da gibt es Verbesserungspotenzial, was Transparenz angeht. Kristallklar mit leuchtendem Kupfer, durch das man die starke Perlage gut erkennen kann. Grobblasiger Schaum bleibt eine Weile erhalten, sackt dann in sich zusammen. Sehr florale Hopfennoten dominieren den Geruch, das ist hier nun durchaus schon parfümig, mit Veilchen, Rosen, Jasmin und Lavendel. Leichte Zitruskomponenten kommen dazu, vor allem Bergamotte, am Ende hat man beinahe einen Eindruck von Echt Kölnisch Wasser. Da ich dieses Wässerchen mag, gefällt mir die Nase des Dreher IPA schonmal. 35 IBU zeigen sich am Gaumen nicht übermäßig kantig, das wirkt sogar eher mild für ein IPA. 5,4% Alkoholgehalt deuten auch darauf hin, dass man sich hier bezüglich Stiltreue nicht arg weit aus dem Fenster lehnt. Klar ist es hopfendominiert, aber erinnert mich in toto eher an ein Helles, und die unterschwellige Malzsüße gleicht des weiteren viel aus. Der Abgang ist kurz, wieder erkennbar floral. Ein gutes, trinkiges Bier, aber wer das echte IPA-Gefühl haben will, ist hier falsch.


Dreher Barack

Zu guter letzt gönnen wir uns noch ein Biermischgetränk aus dem Hause Dreher und wenden uns dem Dreher Barack (übersetzt „Pfirsich“) zu. 2 Sorten Hopfen, 4,0% Alkoholgehalt, 16 IBU (das ist das erste mal, dass ich eine IBU-Angabe auf einem Mischgetränk sehe!), kombiniert mit Pfirsichlimonade – eine Radlervariante also. Farblich stelle ich mir so in der Art schon ein Pfirsichradler vor, eine leuchtende Farbe zwischen rot und braun. Der Schaum ist kräftig, zischt beim Eingießen, und bleibt durch die sehr kräftige Perlage auch lange sehr feinblasig erhalten – optisch ein Gewinner. Die Nase nimmt erstmal nur den Pfirsich wahr, das erinnert mich aber schon eher etwas an die Eistee-Sorten, die es in großen Plastikflaschen gibt, als an frische Frucht. Erst lange danach kommt etwas Getreide, und dann lange danach etwas Hopfen. Nun, nicht unangenehm, aber auch nichts, was mich durch starke Natürlichkeit erregt. Im Mund ist dann auch der Eistee da, eine starke Süße drängt sich auf, fast schon pappig, etwas Säure und die Karbonisierung verhindern das schlimmste. Leichte Malzigkeit ist erkennbar, doch das Bier hat es überraschend deutlich schwer, sich gegen die Pfirsichlimo durchzusetzen. Im sehr kurzen Abgang klingt dann noch etwas Getreide durch, aber nur mit Fantasie. Naja, man kann das sehr kalt als Erfrischungsgetränk trinken, aber öfters brauche ich das nicht. Wenn es sehr viel weniger süß wäre, vielleicht, aber so? Nicht unbedingt.


Eine spannende Sache, muss ich sagen. Dreher liefert insgesamt betrachtet in diesem Set wirklich gut ab, mein persönlicher Favorit ist und bleibt dabei aber natürlich das ganz klassische Dreher Gold, das würde ich gern öfter trinken, wenn ich es hier in Deutschland leichter bekommen könnte. Die Varianten sind stabil und interessant und zeigen, wie sich auch größere Brauereien im eigentlich sehr konservativen Ungarn inzwischen der Craftbierwelt öffnen – es gibt auch noch ein Kirschbier und diverse Alkoholfreie dieser Brauerei. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie die Bierwelt in Ungarn bei meinem nächsten Besuch aussehen wird!