Noch exotischer gehts nicht – Ryukyu Gold Awamori

Ryukyu Gold Awamori Titel

Auch für den erfahrenen Spirituosenfreund gibt es immer etwas Neues zu entdecken. In der Fachzeitschrift BRANNT 2023 des Meininger Verlags habe ich vier Beispiele gewählt, bei denen wahrscheinlich praktisch jeder mindestens eine Spirituose finden wird, die er oder sie noch nicht getrunken hat. Pisco ist dabei vielleicht noch das bekannteste, und wer hier regelmäßig mitliest, weiß auch etwas mit Baijiu anzufangen. Doch dann wird das Eis dünner: Ratafia ist ein südfranzösischer Likör, im deutschsprachigen Raum, so vermute ich, wirklich nur den eingefleischten Frankophilen geläufig. Und zu guter letzt noch ein Reisbrand von einer winzigen Insel mitten im ostchinesischen Meer, zu Japan gehörend – Awamori. Spätestens hier würde mich ehrlich interessieren, wer von meinen Lesern das a) rein vom Namen her kennt und b) vielleicht sogar schonmal getrunken hat. Rein aus privaten Marktforschungsgründen. Ich kann natürlich keinen Artikel über eine Spirituose schreiben, die ich nicht zumindest in einer Ausprägung selbst getrunken habe, darum habe ich beim deutschen Importeur ginza.de, die ich dann auch für den BRANNT-Artikel interviewt habe, kurzerhand eine Flasche bestellt, und mich dabei für den Ryukyu Gold Awamori entschieden.

Artikel BRANNT 2023 Exoten

Ryukyu Gold stammt aus der seit 1846 bestehenden und damit ältesten Awamori-Brennerei Okinawas. Der Name des Produkts deutet auf die langgezogene, sich zwischen Japan und Taiwain erstreckende Inselkette Ryukyu hin, zu der Okinawa gehört. Hergestellt wird Awamori ähnlich wie Shochu, was vielleicht noch eher bekannt ist – im Unterschied zu Shochu darf für Awamori allerdings nur Thai-Reis verwendet werden. Dieser wird, etwas ähnlich wie bei Baijiu und Sake, mit einem Fermentationsstarter aus Bakterien und Pilzen geimpft, der in diesem Fall „schwarzes Koji“ heißt. Nach der Fermentation wird destilliert und gereift, teils in Fässern, teils in Tonkrügen, hin und wieder solchen, die man in Höhlen stellt. Beim Ryukyu Gold handelt es sich um einen Blend aus rund zwei Dritteln gereiftem Awamori („kusu“ genannt), und einem Drittel frischem Destillat, am Ende eingestellt auf niedrige 30% Alkoholgehalt. Ein paar weitere, grundlegende Details zu Awamori findet man auch im Artikel meines geschätzten Spirits-Selection-Jurorkollegen Christopher Pellegrini. Bei auch mir ganz neuen Spirituosen lasse ich aber, bevor ich mich zu sehr mit Herstellungsdetails beschäftige, die Sensorik des Brands für auf mich wirken.

Ryukyu Gold Awamori

Was die extrem extravagante Flasche verborgen hatte, wird im Verkostungsglas klar, im wahrsten Wortsinne – wir finden hier eine kristallklare Flüssigkeit, die sich mit einer leichten Viskosität bewegt. Dabei bilden sich dicke Schlieren an der Glaswand heraus, deren Beinchen zügig ablaufen, aber öligfette Reste hinterlassen.

Sicherlich exotisch wirkt schonmal das Geruchsbild in der Nase, eine Mischung aus Reis, vergorener Frucht, Getreide, einem staubigen Keller und erdigen Kartoffeln und Champignons. Man sieht an dieser Zusammenstellung schon, dass man hier neue Pfade als Verkoster beschreiten muss; es ist jedenfalls nichts, was einen zum langen, genussvollen Schnuppern einladen würde, so ehrlich muss man sein: wie bei verschiedenen anderen Spirituosen auch ist das bei Awamori aber auch nicht etwas, was der Kenner typischerweise damit macht. Irgendwie erinnert es mich an einen nicht totdestillierten Kartoffelwodka, hat aber auch Anklänge eines malzigen Bierbrands. Die ausgeprägte Erdigkeit wird immer wieder durch kurze Frischespitzen aufgelockert, mit Ideen von Essig und Zitrus.

Ryukyu Gold Awamori Glas

Im Mund kommt die Erdigkeit dann aber unerwarteterweise gar nicht so vor, der erste Eindruck ist mehr überraschend floral und süß, die weiterhin klar erkennbaren Kartoffelaromen präsentieren sich eher frisch als lang gelagert, man fühlt sich mehr in einer Blütenwiese als im dunklen Keller; ein sehr schöner Kontrast, der da zwischen Nase und Gaumen aufgespannt wird. Die Textur ist sehr weich, wirkt initial cremig, bildet aber nur wenig Körper aus, das ist klar den 30% Alkoholgehalt geschuldet. Der niedrige Alkohol lässt trotzdem viele Aromen zu, so dass dieser Awamori nicht wässrig wirkt, vor allem im Verlauf, wenn sich dann eine ganz feine Pfeffrigkeit dazugesellt. Der Abgang ist wärmend und durchaus lang, lässt ein ganz dezentes Glühen im Mundraum zurück, zusammen mit den nun wieder auftauchenden süßfloralen Blüteneindrücken und einem mostigen Gefühl.

Sehr ungewöhnlich, und überraschend trinkig, muss ich sagen! Vielleicht muss der eine oder andere über die erdige Nase hinwegkommen, doch dann kann man den Ryukyu Gold echt pur genießen. Wie viele asiatische Spirituosen trinkt man das nicht als Schlürfer aus dem Stielglas vor dem Kamin, sondern als Essensbegleitung, doch besser als viele andere Spezialitäten aus diesem Bereich kann man ersteres mit dem Ryukyu Gold tatsächlich doch tun.


Cocktails mit dezidierter Aufforderung, Awamori zu verwenden, sind extremst rar gesät. Ich habe mir darum etwas ausgesucht, was der Anforderung nahe kommt – im Hana Shigure, mit dem ein japanischer Cocktailwettbewerb gewonnen wurde, was mich überhaupt nicht wundert, nimmt man im Original Shochu; ich dachte, dass die oben angesprochene Blumigkeit des Ryukyu Gold hier hervorragend passt, und das bewahrheitet sich. Als Blütenlikör habe ich auch etwas Japanisches genommen, den Yumehibiki Rose Ume, den ich vor einer Weile hier schon besprochen hatte. Ein extremst elegantes, süffiges Drinkbild, das da ensteht!

Hana Shigure Cocktail

Hana Shigure
1oz / 30ml Awamori
½oz / 15ml Blütenlikör
¼oz / 7ml Crème de Violette
⅓oz / 10ml Zitronensirup
2 Spritzer Shiso Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Shun Kosaka]


Ryukyu Gold Awamori Karton

Die Flasche weiß, das hatte ich schon erwähnt, wirklich sehr zu gefallen in ihrer Extravaganz – weniger von der Form her, mehr vom Material und dem interessant behandelten Glas. Dazu ein passendes Etikett und der Goldblatthals, da schaut man einfach gern hin. Und auch der Geschenkkarton, in dem die Flasche geliefert wird, ist diesbezüglich nicht weniger augenschmeichelnd, mattes Gold mit schönen kleinen Illustrationsteilen und vielen exotischen Kalligraphien. Geschenkpotenzial? Aber so was von!

Natürlich will ich nicht von einer Flasche auf die ganze Kategorie schließen, doch grundsätzlich überzeugt mich Awamori in dieser Form schon, da kommt man einem Low-ABV-Trend entgegen, ohne wirklich auf Aroma verzichten zu müssen; der Ryukyu Gold funktioniert echt gut in einem Highball einfach mit Soda oder Tonic, und in dieser Form als Aperitif zu einem ostasiatischen Essen, insbesondere, finde ich, als Ersatz für Sake zu Sushi. Muss man das unbedingt probiert haben? Naja, ehrlich, an dieser Frage werden sich die Geister scheiden. Dennoch, wer, wie ich, immer auf der Suche nach etwas Neuem ist, sollte an Awamori keinesfall einfach so vorbei gehen.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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