Zimtzauber – Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás

Das schöne an Samples ist, dass man sich erstmal einen Überblick über eine Spirituose verschaffen kann, und nicht direkt in die Investition in eine ganze Flasche gehen muss. Allerdings kann das Problem entstehen, dass sich Samples zuhause anstauen – ich zum Beispiel habe aktuell drei bis vier Dutzend unberührte kleine Fläschchen rumstehen, die mir entweder zugeschickt wurden oder die ich von diversen Quellen angefordert hatte, weil mich der jeweilige Schnaps interessierte. Und kaum hat man es daheim, wechselt die Spannung zu etwas anderem hin, und der arme Brand rutscht im Regal nach hinten. Jeder, der sich mit Spirituosen über Samples beschäftigt, kennt die Situation, da muss ich nicht weiter reden.

Wenn es dann ein Sample doch mal nach (wie hier) jahrelanger Wartezeit in mein Verkostungsglas schafft, frage ich mich oft, warum ich das so lange habe rumstehen lassen. Das Cachaça-Tastingset, das ich neulich hier vorgestellt hatte, ist das beste Beispiel dafür – und in dem Set fand ich eine Spirituose, die mich in wenigen Schlucken so begeistert hatte, dass ich dann doch die ganze Flasche davon haben musste; und dementsprechend stelle ich heute die Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás vor. Sie wurde in der Destillerie Weber Haus in Ivoti, das liegt im südlichsten brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul, gebrannt, und das besondere ist die Reifung für ein Jahr in einem Fass („envelhecida“), das aus dem Holz des Baums Canella Sassafrás (Ocotea odorifera) hergestellt wurde. Es handelt sich dabei um eine bedrohte Spezies, etwas, worüber man sich beim Kauf einer in nativem brasilianischem Holz gereiften Cachaça immer mit Gedanken machen sollte – Weber Haus ist biozertifiziert, das bezieht sich erstmal hauptsächlich auf den Anbau des Zuckerrohrs, doch ich habe damit schon ein gewisses Vertrauen, dass auch das Sourcing des Holzes für die Fässer mit einer diesbezüglich angemessenen Vorsicht und Nachhaltigkeit geschieht. Jedenfalls sieht man wirklich nicht viele Cachaças, die in dieser Holzart gereift wurden, um so besonderer ist dieses Produkt, das nehme ich schonmal vorweg, und wer meine Rezension zu oben erwähntem Tasting-Set gelesen hat, weiß ja schon, dass ich hier etwas zur Begeisterung neigen werde.

Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás

Farblich schlägt hier das Fass voll zu, irgendwie passend zu dem Namen des Holzes, das an Zimt erinnert, ist auch die Färbung nun deutlich, ein richtig kräftiges orange-braun, das man schon in der Flasche gut sieht, im Glas beim Schwenken noch mehr. Das gefällt dem Auge, wie auch die Viskosität, bei der sich hübsch anzusehende Schlieren bilden.

Hält man das Glas dann an die Nase, ist man direkt irgendwie entrückt – der Duft ist durchaus erstaunlich, da ist viel Honig, Zimt, schwersüße Tropenfrucht, vielleicht sehr reife Sternfrucht, aber auch eine erdig-holzige Seite, die ein bisschen an Grappa erinnert. Darüber liegt ein parfümartiger Geruch, etwas Moschus, etwas Zedernholz, Zypresse, und ein Hauch schwerer Lilienduft. Unglaublich komplex und interessant, was zum lange dran schnüffeln, wenn man zwischendurch kurze Pausen einlegt, ist der Überraschungseffekt jedesmal neu da. Man spürt inzwischen, man hat hier eine durchaus besondere Spirituose im Glas, einfach, weil es wirklich „etwas anderes“ ist, das man so nicht schon hundertmal gerochen hat.

Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás Glas

Im Mund ist das auch schwer greifbar, sehr holzig, fast an Latschenkiefer-Saunaaufguss erinnernd, Zypressenholz und Eukalyptusblätter. Dann richtig deutlich Zimt, mit einer klaren Anisunternote, Leder, Tonkabohne, Kokosnussschale, heller Tabak und Geranie. Auch hier ultrakomplex, ich könnte noch ein Dutzend Impressionen aufzählen, das würde aber schon fast albern wirken im Text hier, ich garantiere aber, dass es nicht fantasiert wäre. Leichte Textur, schmaler Körper, frisch, mit klarem, grünen Nachhall, und deutlicher Bitterkomponente im Rachen; ein Brand, der einen ständig zwingt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Unglaublich, atemberaubend! Man vermisst auch kaum einen höheren Alkoholgehalt als die vorhandenen 38%, für Cachaça ist das manchmal völlig ausreichend, die Direktheit, mit der sie hergestellt wird, liefert genug Aromen – allein der Körper würde dadurch vielleicht etwas gewinnen. Das ist aber nun wirklich meckern auf höchstem Niveau!


In letzter Zeit hatte ich nicht viel Glück mit Floats, oft rutschte die Wunschschicht einfach durch bis auf den Boden; natürlich weiß ich, dass das mit den relativen Dichten zusammenhängt, ich habe aber noch nicht eruieren können, dieses Verhalten wirklich vorherzusagen bei unterschiedlichen Mixturen. Nun, beim Red-Head Saint hat es jedenfalls offensichtlich geklappt – die Peychaud’s Bitters schwimmen schön obenauf und geben dem Drink natürlich ihren Namen. Auch geschmacklich fühlt es dieser Cocktail irgendwie „rot“ an, vielleicht wegen dem Zimtholz in der Hauptspirituose. Wer weiß.

Red-head Saint Cocktail

Red-Head Saint
2oz / 60ml gereifte Cachaça
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Agavendicksaft
¼oz / 7ml Chartreuse jaune
4 Spritzer Bitters
Auf Eis shaken. Im Glas voll Eis servieren. Mit 4 Spritzern Peychaud’s Bitters toppen.

[Rezept nach David Slope]


Die Flasche ist von der Form her unauffällig, leicht amphorenförmig, jedenfalls aber gut in der Hand liegend. Das Etikett ist transparent gedruckt und lässt viel von der rötlichen Flüssigkeit durchscheinen, sowas finde ich immer sehr apart. Und ich hoffe, man bemerkt den „Spirits Selection by CMB“-Aufkleber; zu dem Zeitpunkt, als diese Cachaça diese Goldmedaille gewann, war ich noch nicht Juror dort, bin also unvoreingenommen – aber ich nehme es durchaus als Bestätigung für die Qualität, denn ich weiß, wie dieser Wettbewerb läuft.

Natürlich gilt, dass die Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás kein absolut typisches Beispiel für ihre Kategorie ist, wer sich also erstmal in den brasilianischen Zuckerrohrbrand eintrinken will, sollte definitiv zunächst ein paar andere Produkte probieren, um eine stabile Baseline zu bekommen. Danach aber lege ich jedem diese ganz besondere Variante ans Herz, um zu erkennen, wie faszinierend so eine spezielle Holzart auf ein Destillat einwirken kann und die Kombination einen Zauber entfaltet, dem man sich nur schwer widersetzen kann – oder will.

Bier am Freitag – Wasseralfinger Bock

Wieder mal ein Bier aus einer Brauerei, die ich sehr schätzen gelernt habe – das Wasseralfinger Bock aus der alten Heimat, dem Härtsfeld, von dem ich nun doch schon so einige schöne Biere in die Welt hinausgetragen habe. Die schönen kleinen schnuckeligen Fläschchen sind üppig gestaltet, mit dem ganzen Gold und folienbestückten Flaschenhals; das Bier selbst ist auch mit 7,5% Alkoholgehalt gar nicht so leicht, wie man es auf den äußeren Eindruck hin vermuten möchte. Ein heller Bock ist durchaus ein Genuss, den ich mir gerne gönne, mal schauen, ob dieser hier sich in die Riege sehr guter Bockbiere einreihen kann, die ich dieses Jahr schon getrunken habe.

Wasseralfinger Bock

Ockerfarbene Kristallklarheit mit nur wenig Schaum beim Eingießen, und nach einer Minute ist auch der fast vollständig verschwunden, nur dünne Inseln bleiben. Langsame, ausdauernde Perlage ist erkennbar. Metallisch, leicht hopfig, minimalst fruchtig – sonst ist das Bier praktisch neutral in der Nase

Diese letzte fruchtige Note, die die Nase wahrgenommen hat, erscheint als erstes am Gaumen. Ein bisschen Ananas, ein bisschen Pfirsich, ein bisschen Aprikose, alles nur dezent angedeutet. Danach kommt getreidige Würze und deutlich Hopfenbittere, die das Bier sehr klar dominiert. Der metallische Aspekt ist auch im Mund deutlich vorhanden. Klare, stringente Struktur lässt nur wenig Raum für Spielereien; die Textur ist frisch und kantig. Erst im Nachhall findet sich ein Anflug von Jasminblüte.

Das ist ein sehr reduktionistisch gestaltetes Bier. Ich mag gerade meine Böcke eigentlich ein bisschen lebendiger, expressiver, voluminöser; hier muss man nach allem eher suchen. Dennoch bleibt es süffig und trinkig: ein strukturgetriebenes Bier, das deutlich von mehr Aromatik profitieren würde.

Die schwedische Marine ruft – Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin

Für einen anderen Artikel hatte ich es kurz angesprochen – die Definition der so einfach klingenden Wortkombination „Navy Strength“ ist ein Thema, bei dem man sich ganz schön in die Nesseln setzen kann. Die verschiedenen Definitionen von Alkoholstärke sind abhängig von der Zeit, vom Ort, vom Kontext; damals, als die Festlegung gemacht wurde, waren andere Maßeinheiten und Richtwerte üblich als heute, und die Royal Navy machte es anders als viele andere. Doch eigentlich ist es für die Zwecke, die uns als Schnapskonsumenten angehen, trotzdem ganz einfach. Ich lasse hier einfach mal eine Autorität, Richard Seale von der Foursquare Rum Distillery auf Barbados, zu Wort kommen: „‘Navy strength’ means 100 (UK) proof which was defined as 57.15% abv. That is all there is to it. There is no official definition of the term but there was an official definition of 100 Proof and its choice was linked to the minimum strength to prove the black powder which was used in naval guns. Hence the historic link of 100 Proof and the Navy. This explains the common use of ‘navy strength’ as nothing more than a euphemism for 100 proof. The first brand to use the term ‘navy strength’ was Plymouth Gin back in the 90s. It meant 100 proof. (…) The term ‘navy strength’ has nothing, zip, nada, zilch to do with the strength of rum issued to sailors. Which explains why the term ‘navy strength’ appears on so many gin brands (where it naturally refers to 100 proof).“ (Quelle: 01.03.2024 auf seinem Facebook-Account)

Mit diesem Schluss leitet Seale nahezu ideal weiter zum tatsächlichen Thema dieses Artikels, dem Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin, denn in der Tat ist dieser Gin einer derjenigen, die diesen Namenszusatz tragen und damit den Alkoholgehalt von 57,1% referenzieren, ohne wirklich etwas mit der britischen Marine zu tun zu haben. Da wir schon bei Zahlen sind, erkläre ich noch geschwind die „34“ im Namen: hier bezieht man sich auf die Anzahl der Plattendurchläufe, die das Destillat während des Brennens erhält. Eine Säule bei Purity hat 8 Platten, in zwei Säulen wird gebrannt, davor findet ein Brennvorgänge in einer Potstill statt, der Prozess wird zweimal wiederholt, macht summa summarum 34. Auch hier keine Zahlenmagie oder alchemistische Numerologie – aber auch kein reines Marketing, wie man es bei derartigen Beschreibungen sonst ständig findet. Das „Nordic“ im Untertitel spielt nicht nur auf den Produktionsort in Südschweden an, sondern auch auf die Auswahl der Botanicals: Wacholder gehört grundsätzlich natürlich dazu, und Koriander, Lavendel, und andere sind nicht ungewöhnlich; spätestens bei Kardamom, Preiselbeere und Blaubeere betritt man aber den Grund urschwedischer Zutaten. Als Schwedenfreund (mein letzter Ausflug nach Stockholm begeistert mich bis heute) braucht es da keine weitere Überzeugungsarbeit!

Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin

Ein kleiner, witziger Effekt entstand, als ich mir das Glas für das Präsentationsfoto eingegossen hatte. Da blieb es eben ein paar Minuten stehen, bis ich dazu kam, die Optik zu beschreiben – und es hatte sich ein kleines Muster aus winzigen Tröpfchen am oberen Rand des Glases gebildet, das wie ein Mosaik aus kleinen Steinchen aussah. Sehr hübsch, und es betont die angenehmen Schwenkeigenschaften des Gins noch dazu.

Die Nase findet erstmal Wacholder. Und viel Wacholder. So richtig viel. Das mag vielleicht langweilig und gewöhnlich klingen, doch ich betone hier einfach nochmal gern: So muss ein Gin eigentlich riechen, ganz klassisch, von der rechtlichen Seite will ich gar nicht anfangen. Darunter findet man sehr grüne und weiterhin klassische Botanicals, man riecht neben dem Koriander die Erdigkeit der Angelikawurzel, die Frische des Kardamoms, Basilikums und des Thymians, ganz leicht schwingt die Frucht der Preisel- und Blaubeeren mit, und ein Hauch von Lavendelblumigkeit gibt dem ganzen noch eine aromatische Kopfnote. Alles ist dabei irgendwie klar abgrenzbar erschnupperbar, wenn man danach sucht, und es bildet dennoch ein rundes Geruchsbild, würzig und dicht, dabei, wie gesagt, nicht ins exotische abdriftend. Frisch, klar, sauber, nordisch.

Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin Glas

Am Gaumen beginnt der Gin erstmal weich und sehr mild, das Basisdestillat scheint durch, überraschend zart für den hohen Alkoholgehalt. Dann jedoch öffnet er sich schnell, sowohl sehr feine Alkoholwärme als auch kräftige, fast schon wilde Würze belegen den ganzen Mundraum, dieser Verlauf ist herrlich und gefällt mir sehr. Aus der grundliegenden Süße blühen Weißpfeffrigkeit und Chilischärfe auf, prickeln am Gaumen und auf der Zunge, ohne sie dabei zu anästhesieren. Die krautigen Botanicals kommen voll zum Zug, der Gin wirkt erwachsen und stark, stringent und charaktervoll. Die Textur bleibt durchgängig fett, aber nicht schwer. Eine wirklich stark ausgeprägte Salzigkeit gibt etwas Maritimes mit, sie steuert die Herbe, mit der der Purity 34 Gin langsam ausklingt, mit nun klarer werdender Trockenheit auf der Zunge, die minimalst astringierend wirkt. Der Nachhall ist lang, zunächst vom Effekt getrieben, der den Gaumen lang kaltheiß beschäftigt, dann aber auch mit einem bunten Set der Botanicalsaromen, das vorhält.

Ja, ich kann diesen Gin mit dem Schlüsselwort „nordisch“ in Verbindung bringen, aber auch unabhängig davon hat der Purity 34 eine Wirkmacht im Glas, die mir gefällt. Ich sage ja jedem, der es hören will, dass Gin immer mindestens 47% haben sollte, wenn man auf Geschmack setzen will; mit 57%, wie hier, klappt das halt einfach noch besser mit mehr Volumen und Körper, und im Mixgetränk zeigen sich diese Extraprozente sowieso immer aufs Beste.


Was passt besser zu einem schwedischen Gin als ein schwedischer Cocktail? Den Vasaloppet habe ich einem ganz hervorragenden, spannenden Cocktailbuch aus Schweden entnommen, Vilda Drinkar. Darin stellt Autorin Bella Porcile Rezepturen vor, die mit regionalen schwedischen, insbesondere saisonalen Zutaten gemacht werden. Die Rezepte selbst sind meist einfach, die Vorbereitung für die einzelnen Zutaten dagegen sehr aufwändig (der hier verwendete hausgemachte Blaubeersirup ist noch eine der einfachsten Aufgaben) – man sollte Zeit einplanen. Und den Google-Übersetzer nebenbei laufen lassen, denn das Buch gibt es aktuell leider nur auf schwedisch.

Vasaloppet Cocktail


Vasaloppet
1⅔oz / 50ml Dry Gin
¾oz / 25ml Blaubeersirup
1oz / 30ml Zitronensaft
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Auf einen großen Eiswürfel abseihen.

[Rezept nach Bella Porcile]


Bezüglich der Flasche gilt alles, was ich schon über diese Form in meiner Besprechung des Purity 54 Vodka gesagt hatte; das betrachtet sich einfach gut und liegt auch gut in der Hand.

Wenn ich recht sehe, ist er aktuell zu einem Spottpreis zu haben; ich kann meinen Augen kaum trauen, für unter 25€ bekommt man hier einen richtig tollen, wuchtigen, aromatischen Gin, der viele andere größere Marken locker in den Schatten stellt. Spätestens jetzt ist der Purity 34 Navy Strength Gin zum perfekten Beispiel eines no-brainers geworden. Wer den nicht schnell bestellt, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Offenlegung: Ich danke dem Purity Brand Ambassador Ulric Nijs für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Gins.

Bier am Freitag – Tofino Brewing Company Kelp Stout

Lokale besondere Zutaten im Bier, sowas finde ich immer sehr apart. In Deutschland sieht man das manchmal anders, ich weiß, und meine Meinung ist, dass man sich durch diese seltsame Anhänglichkeit an ein Lebensmittelgesetz viele Möglichkeiten, kreatives Bier zu brauen, verbaut. Nicht, dass das RHG jemals ein Bierschutzgesetz gewesen wäre oder es im Moment ist. In Kanada haben sie damit weniger Probleme, im Gegenteil, es lebt dort eine großartige Craftbierkultur mit Variantenreichtum und Expressivität – als Beispiel stelle ich heute das von meinem Urlaub mitgebrachte Tofino Brewing Company Kelp Stout vor. Es stammt aus einer Microbrewery in Tofino, einem etwas abgelegenen 3000-Einwohner-Dorf auf der Westseite von Vancouver Island, das hauptsächlich als Surfer-Geheimtip gilt. Der Name sagt es schon: lokaler, nachhaltig geernteter Seetang wird in dem sonst klassisch gestalteten Stout mitgebraut; das cool gestaltete Etikett gibt das auch wunderbar wieder. Ordentliche 6.0% Alkoholgehalt weist das Bier auf, da sollte man nicht mehr als eins trinken, wenn man noch vorhat, am Long Beach in die Wellen zu springen.

Tofino Brewing Company Kelp Stout

Extrem dunkles Mahagoni, fast schon schwarz, so wie man es von einem Stout erwartet. Blickdicht, im Gegenlicht sieht man aber ganz leichte, rubinrote Lichtreflexe. Der Schaum ist kontrastreich in hellem Beige, sehr fein, für ein paar Minuten fingerdick, danach noch als deckende Crema aus feinsten Bläschen erhalten. In der Nase findet man ein paar malzige, röstige Aromen, einen Ticken Espresso, Bitterschokolade und Karamell, aber insgesamt sehr zurückhaltend, nur im Anflug ist alles erkennbar, und man muss die Nase deutlich ans Bier halten.

Der Antrunk ist sofort sehr rezent und erfrischend, mit prickelnder Karbonisierung und heller Säure, die wunderbar die dicke, viskose Textur kontert und aufklärt. Ein wirklich großartiges Mundgefühl, das dabei entsteht, hier steht alles in wunderbarer Balance zueinander. Eine sehr angenehme Würzigkeit geht Hand in Hand mit leichter Salzigkeit, man meint wirklich, die Pazifikküste zu schmecken, mit einem fühlbar maritimen Touch. Die Aromen lassen sich dafür etwas Zeit, die natürlich für den Stil dominierende Malzigkeit drängt sich nicht auf, bleibt im Untergrund, lässt sogar etwas Platz für spät auftauchende Zitrone. Von vorne bis hinten wirkt das Bier blumig, Jasmin ist spontan da und bleibt bis zum Schluss. Ist da wirklich Seetang drin? Aromatisch kann man es sich vorstellen, insbesondere im Abgang, wenn die Bittereinheiten voll zuschlagen und im Rachen eine Trockenheit erzeugen, die wirklich seegrasig salzig wirkt.

Ein wirklich hervorragendes Bier, das voll einhält, was es verspricht, extrem süffig und trinkig, erfrischend und vollmundig zugleich. Handwerklich top, ohne jeden Fehler, und kreativ gemacht, und ein Bier, das auch zuhause noch genauso gut schmeckt wie im Urlaub (das ist ja nicht immer so gegeben). Insbesondere das Mundgefühl weckt in mir die Erinnerung an einen Abend auf dem Balkon des Tofino Motel Harborview, mit Blick auf den Pazifik und die angelegten Fischerboote und Wasserflugzeuge im Hafen.

Und ich bin etwas traurig, dass ich nur eine Dose davon mitgenommen habe, denn ob ich je wieder nach Tofino komme, ist fraglich, so eine weite Reise macht man nicht einfach so. Aber in Gedanken bin ich irgendwo schon weiterhin dort.

Gutes aus der Traube – Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka

Neulich erst hatte ich bei einem Brand den Unterschied zwischen einem Weinbrand und einem Traubenbrand diskutiert, mit dem Seitenhinweis, dass man echte Traubenbrände nicht so häufig finden kann wie Wein- oder Tresterbrände. Dabei, so habe ich festgestellt, mag ich die starken Aromen eines solchen Volltraubenbrands durchaus sehr, er geht im Vergleich zu den anderen beiden Kategorien deutlich mehr in die Obstbrandrichtung, und ein guter Obstbrand, naja, was soll ich da noch sagen, das ist wahrscheinlich die tollste Spirituose, die es auf der Welt gibt. Nun, ein paar Wochen später stehe ich hier und stelle wieder mal einen Traubenbrand vor – den Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka, den ich von meinem letzten Ungarnurlaub mitgebracht hatte. Schlüsseln wir erstmal den fremdartigen Namen auf.

Panyolai ist der Name der Brennerei, Elixír nennen sie ihren Feinbrand. Szőlő heißt letztlich einfach „Traube“, und Irsai Olivér ist die Rebsorte (da die Ungarn Vor- und Nachnamen auch umgekehrt notieren, kennt man sie in Deutschland vielleicht eher unter der Bezeichnung Oliver Irsay). Die weiße Rebsorte mit leichtem Muskataroma ist eine ungarische Kreuzung und in den Regionen der ehemaligen Habsburgmonarchie beliebt – und so findet sich natürlich schnell ein Brenner in Ungarn, der diese Trauben zu einem Pálinka verarbeitet. Bei Panyolai Szilvórium, so der vollständige Firmenname, machen sie seit 2002 Pálinkas, und die erkennbare Flaschenform findet man in vielen Sorten überall in den Läden in Budapest. Der hier vorgestellte Brand ist mit 43% Alkoholgehalt abgefüllt.

Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka

Die kristallklare Erscheinung und die deutliche Öligkeit habe ich so erwartet, das entspricht der Typizität eines Pálinka. In einem Verkostungsglas schwenkt sich das sehr angenehm, man betrachtet gern den dicken, schlierigen Film, der sich über die ganze Glaswand bildet, bevor er sich aufspaltet und gemächlich abläuft.

Währenddessen hat man schonmal die Gelegenheit, die Nase ins Glas zu halten. Da kommt einem eine vollfruchtige Attacke entgegen, richtig kräftig traubig, da bin ich nun aber doch überrascht worden. Grün, leicht malzig, leicht hefig, ein bisschen tresterig – aber die Traubenfrucht dominiert doch am Ende voll, und auch der Muskatduft kommt erkennbar durch. Frisch und doch auf seine eigene Art schwerduftend, mit einem winzigen Anteil von Ethanol, wenn man ganz tief schnuppert. Doch jener zwickt nicht, sondern gehört mit zum runden Bouquet, das mir sehr gefällt und in seiner Expressivität beeindruckt.

Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka Glas

Zunächst spürt man am Gaumen eine dichte Textur, weich, voll und kräftig strukturiert. Das wirkt hier gar nicht mehr so grün und frisch, sondern mehr würzig und starksüß, mit einem krassen Volumen, das sich über den ganzen Mundraum ausbreitet. Die Süße ist wirklich heftig, wirkt dabei aber natürlich und fruchtig, überhaupt nicht pappig, und wird durch einen kleinen Säureanteil etwas abgefedert. Im Verlauf kommt insbesondere die Würze immer stärker zum Tragen, das geht fast ins Gewürzige über, mit Eindrücken von geröstetem Karamell, Zimt und etwas Kokosnussschale, sowie Muskat. Weiterhin bleibt aber die Traubigkeit schön im Vordergrund, sehr aromatisch und vollmundig, mit einem Alkoholgehalt, der das ideal unterfeuert und den Mund leicht aufwärmt. Der Abgang ist sehr lang, getragen von der feinen, eleganten Wärme, die die Schwere mildert; eine wirklich spannende, angenehme, aber durchaus wuchtige Struktur, die am Ende in Aromen von Rose, Pfingstrose, Hagebutte und etwas Zitronengras mündet.

Bei Pálinka ist normal die klare, manchmal etwas harte Linie ein bestimmendes Element, hier geht man eher auf in Dichte und Trinkigkeit. Ein wirklich sehr spannender Brand, voller Kraft im Gesamtkörper, dabei immer noch auf eine paradoxe Art feingliedrig in den Details. Sehr hübsch, das trinkt sich wirklich gut und gefällt, wenn man sich darauf einlässt, und wenn man Brände wie Pisco mag, wird man den Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő ebenso fest ins Herz schließen können, da bin ich mir sicher.


Die eben angesprochene aromatische Verwandheit zu Pisco machte es mir doch einfacher, ein Rezept zu finden, das zu diesem Brand richtig gut passt. Man ersetze einfach im The Artist’s Muse den Pisco durch die gleiche Menge an Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka. Wunderbar spielt die erhöhte, direktere Traubigkeit in die Hände der Pfirsichfrucht und der Bittere des Enzians – hier ergänzen sich die Zutaten wirklich spektakulär.

The Artist's Muse Cocktail

The Artist’s Muse
1oz / 30ml Pisco
1oz / 30ml Enzianlikör
½oz / 15ml Pfirsichlikör
¾oz / 23ml Zitronensaft
⅓oz / 10ml Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Maggie Eckl]


Die Halbliterflasche hat Wiedererkennungswert, das hatte ich zu Beginn ja schon angesprochen – sie steht in der Tradition der hohen, sehr schlanken Flaschen, die überall auf der Welt scheinbar für Obstbrand gesetzt sind, hat aber doch ein bisschen Schwung bekommen. Edel und angenehm zurückhaltend zeigt sich das Etikett, das auch als kleinen Kniff auf der Rückseite einen ungarischen Sinnspruch zeigt. Der Plastikkorken zieht sich leicht und verbirgt dabei sogar eine gut funktionierende Ausgießhilfe.

Da es demnächst wieder einen kleinen Ausflug nach Ungarn geben wird, bin ich mir sicher, dass ich noch eine Flasche dieses Brenners mitbringen werde. In Ungarn ist Pálinka gar nicht mal teuer, auch der sehr hochwertige, insbesondere, wenn man das Preisleistungsverhältnis betrachtet – vielleicht springen also sogar zwei Flaschen raus.

Bier am Freitag – Kehrwieder South Islay Barrel Aged Imperial Stout

Ein Knall bewegte vor ein paar Wochen die Craftbeerwelt – Gründer Oliver Wesseloh gibt einen Teil der Verantwortung für die Kehrwieder Kreativbrauerei ab (Details bei Hopfenhelden). Neue Ziele sucht er, ich wünsche ihm dafür alles Gute, und verstehe ihn; manchmal muss man Neues wagen, und das Alte hinter sich lassen. Eine Bemerkung aus dem Hopfenhelden-Interview ist mir aber wichtig: sein „geliebtes Barrel Ageing Programm“ will er weiterhin begleiten. Das ist bei allem Wandel eine großartige Neuigkeit für alle Bierfreunde, und darum stelle ich heute auch ganz ohne Bauchschmerzen eines der Biere aus dieser Reihe vor: das Kehrwieder South Islay Barrel Aged Imperial Stout. Es handelt sich dabei um ein Russian Imperial Stout, 2020 gebraut nach dem Natürlichkeitsgebot aus Röstgerste. Fette 11,8% Alkoholgehalt weist es auf, und der ganz besondere Kniff ist natürlich die Reifung im Ex-Laphroaig-Fass. Es wird, wie für die Reihe üblich, nicht filtriert oder pasteurisiert und ist limitiert auf 2100 Flaschen (ich habe mir Flasche 645 zugelegt).

Kehrwieder South Islay Barrel Aged Imperial Stout

Schwarz wie Tinte, wie so ein Imperial Stout sein soll, dabei völlig blickdicht. Man sieht beim Eingießen eine gewisse fette Viskosität, es zischt aber gleichzeitig, was schon darauf hindeutet, dass wir zwei unterschiedliche Aspekte zu probieren bekommen werden. Ein haselnussfarbener, feiner Schaum entsteht, bleibt aber gerade solange, dass ich ein Foto machen kann, danach verzieht er sich und nur eine kleine Tonsur an der Glaswand bleibt bestehen.

Die Nase muss man gar nicht so tief ins Glas halten, man riecht den Torf sofort. Nun, eigentlich ist es mehr torfiger Scotch, denn zu dem iodischen, phenolyischen kommen durchaus fruchtigsüße Komponenten, die mich schon an das bekannteste Produkt der Insel Islay erinnern. Rauch, ja, ein kleines bisschen, aber eher kaltrauchig, keine Spur von Speck, das unterscheidet das durchaus deutlich von einem Bamberger Rauchbier, beispielsweise. Malz findet sich ganz unten, würzig und kräftig. Ein Bier, an dem man richtig lange schnüffeln kann.

Die gesehene Viskosität spürt auch der Gaumen, die Textur ist dick, fett, schwer und extrem voll, das kann man fast kauen. Wie schon angekündigt kann man zwei Seiten wunderbar parallel verfolgen, einerseits die dicke, wuchtige Süße, die dem Malz entspringt, andererseits eine frische, prickelnde Rezenz, zum Teil mindestens aus der starken Säure, das geht auch besser zusammen, als es sich vielleicht anhört. Die fruchtige Seite mit viel Scotcharoma dominiert das Geschmacksbild klar, schnell findet sich aber auch Espresso und Bitterschokolade, dazu kommt deutliche Salzigkeit, starkes Umami mit Anklängen von Sojasauce. Der Abgang ist krassbitter, ohne dabei kratzig zu sein, man spürt aber insbesondere im Rachen, wieviel Bittere sich da bildet. Im Nachhall klingt dann der Scotch nochmal auf, richtig schön angenehm aromatisch und sauber abgebildet.

Ein tolles Bier, bei dem man die knapp 12 Volumenprozent nur über die Dichte und die Kraft spürt. Wuchtig, stark und voluminös – daran kann man eine ganze Weile nuckeln und es genießen. Handwerklich ohne jeden Makel, spannend und unterhaltsam, so mag ich diese Art des Biers.

Etiketten sagen alles – The Glenrothes 10 Years Old Speyside Single Malt Scotch Whisky

Die Hersteller von Spirituosen haben den Trend erkannt – immer mehr Menschen sind nicht nur einfache Konsumenten, sondern wollen auch Informationen über das Produkt, das sie trinken. Daher findet man immer häufiger Tasting Notes auf den Etiketten der Flaschen jedweder Kategorie; ich meine, das hat bei Weinen angefangen, weil dort die Hilflosigkeit der Laientrinker meist noch größer ist als bei Gebranntem. Wenn das so weitergeht, werden wir Spirituosenblogger arbeitslos. Nein, tatsächlich gibt ein guter Blogger auch immer etwas mehr Inhalt mit als nur drei, vier Geschmackseindrücke (selbst wenn es, wie bei mir, nur geschwurbelte Einleitungen sind), und sichert sich so seine Leserschaft trotz Etikettenkonkurrenz.

Frontal kann man also auf dem Etikett des The Glenrothes 10 Years Old Speyside Single Malt Scotch Whisky lesen, wonach dieser Single Malt schmecken soll – Vanille, Shortbread, Zitronenschale. Klingt schonmal sehr angenehm, und zeigt mir auf, dass hier sowohl süße als auch bittere Aspekte zu erwarten sind, zu einem jungen Whisky passt das ja durchaus. Woraus entstehen diese Aromen? Die Verwendung eines Ex-Sherry-Fasses ist heutzutage ja beinahe nicht mehr erwähnenswert, für mich fühlt es sich an, als ob der ganze Sherry in Spanien nur noch dafür hergestellt wird, dass die Fässer später nach Schottland verkauft werden können, aber das ist jetzt vielleicht etwas zu sehr zugespitzt formuliert. Mit zurückhaltenden 40% Alkoholgehalt und ohne Färbung kommt er in die Flasche, und von dort aus in mein Glas.

The Glenrothes 10 Years Old Speyside Single Malt Scotch Whisky

Die Etikettenfarbe passt schonmal gut zum Inhalt der Flasche, helles Bernstein, durchgängig leuchtend, mit etwas dunkleren und helleren Lichtreflexen, die zur Basisfarbe passen. Lebendigkeit ist eher das Schwenkverhalten als Viskosität, an der Glaswand bleiben aber deutlich sichtbare Schlieren.

Die Nase hat viel typisches für den Stil und die Herkunft, fruchtig und helltönig, mit Aromen von Ananas, und, ja, auch der angekündigten Vanille und dem Shortbread. Süßlich wirkt das, mit Anklängen von Orange, Zitronengras und grünem Tee. Schnuppert man tief, findet man eine Spur von Chlor, darunter dann nur noch Ethanol, das aber nicht piekst – hier erkennt man die Jugendlichkeit des Brands. Tiefer will man nicht gehen, muss man aber auch nicht, das ist definitiv eher was für die kurze Nase, nichts für die lange Exploration.

The Glenrothes 10 Years Old Speyside Single Malt Scotch Whisky Glas

Direkt im Antrunk spürt man auch, dass sich dieser grundsätzliche Eindruck im Mund nicht ändert. Relativ schmal und leicht kommt er auf der Zunge an, entwickelt sich dort auch nicht wirklich weiter. Die Aromen sind bereits von der Nase definiert, Komplexität sucht man vergebens, im Gegenteil, geschmacklich wirkt der Glenrothes viel ärmer und spannungsloser als noch in der Nase. Im Verlauf löst sich der Körper geradezu auf und gibt einem generischen, alkoholgetriebenen Feuer Raum, das praktisch keinen Charme mehr hat. Auch die Süße gibt dann nach, und damit bleibt außer einer milden Bittere nichts mehr, was beschreibenswert wäre. Der Abgang ist Getreide und Eisen, beides recht desinteressiert und wenig spannungsvoll vorgetragen, ein Nachhall kaum vorhanden, vielleicht etwas Bitterschokolade und trockene Kokosschale.

Das geht ziemlich schnell bergab, nachdem man im Geruch vielleicht noch etwas erwartet hatte. Geschmacklich finde ich den Glenrothes 10 ausgesprochen uninteressant, da passiert einfach nichts. Zum Purtrinken halte ich ihn in dieser Form ungeeignet, und er fristet sein Dasein als Mixspirituose in meiner Heimbar – dafür hat er seine Berechtigung.


Ist es ein geistreiches Wortspiel, das den Erfinder des Dantes in Fernet zum Titel seines Cocktails brachte, oder ein schlimmer Kalauer? Persönlich tendiere ich eher zum letzteren, will mich da aber nicht allzu reinsteigern. Wer gute Lektüre passend zum Drink sucht, kann sich gern mal das Meisterwerk des florentinischen Barden anschauen, ich empfehle die zweisprachige, recht frische Auflage bei Reclam mit einer tollen Neuübersetzung und viel Kommentar von Hartmut Köhler; mein Review dazu ist hier nachzulesen. Der Drink ist im Gegensatz zum bitter-schwierigen Text allerdings süßlich-leicht, und die restlichen Zutaten ergänzen die Fruchtigkeit des Glenrothes 10 wunderbar. So gleicht sich alles aus.

Dantes in Fernet Cocktail

Dantes in Fernet
1oz / 30ml Speyside Single Malt Whisky
1 Teelöffel Fernet-Branca
1oz / 30ml Orangensaft
⅓oz / 10ml Ahornsirup
1 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Mickaël Lenu]


Die Flasche hat was von einer Kanonenkugel, ist jedenfalls einprägsam, und mit dem cleveren Halbschraubverschluss schont man den Echtkorken vor plumpem Herausziehen, denn eine kurze Drehung ist zumindest erforderlich. Die Farbe Gelb dominiert neben dem Etikett auch den Kartonkäfig, in dem der Whisky geliefert wird – sie markiert das jüngste Mitglied der sogenannten Soleo Collection, in der es auch höhere Reifungsgrade gibt, mit entsprechend dunkleren Farben dann. Der Name der Kollektion spielt auf ein Verfahren bei der Sherry-Produktion an, man sieht, wie zentral heutzutage ein Fassfinish werden kann; für mich persönlich geht das hin und wieder schon zu weit, aber der Markt scheint es so zu wollen. Nun, zumindest wurde dieser Schotte hier dadurch einigermaßen gefällig – ein paar Tage der Effekte der südspanischen Sonne würden ja jedem gut tun, aber auch sie macht nicht aus einem blassen Fisch einen heißblütigen Zorro.

Cognac am Freitag – Grape of the Art Tiffon Lot 90 Cognac

Mit der Zigarettenspitze lächelt uns Audrey Hepburn in ihrem ikonischen Outfit aus „Frühstück bei Tiffany“ entgegen, etwas untergehend in all den Flaschen, die sie umgeben. Wahrscheinlich hat man sich für dieses weltbekannte Portrait entschieden, weil Tiffany und Tiffon sich schriftbildlich doch ähneln, auch wenn Holly Golightly im Original eigentlich lieber Champagner oder Gin-Wodka-Mixturen trank als Cognac. Nun, ich überinterpretiere schon wieder, schauen wir uns den Grape of the Art Tiffon Lot 90 Cognac unabhängig davon an. Er stammt aus der Petit Champagne, wurde 1990 in einer Alambic Charentais aus der Rebsorte Ugni Blanc gebrannt und 32 Jahre in Fass 701-TO54 im nassen Keller gereift, bevor er dann im Januar 2024 in einer überraschend niedrigen Cask Strength (47,8%) in 222 Flaschen abgefüllt wurde.

Rostbraun, mit einer leichten Tendenz zum Rötlichen sogar, und mit mittlerer Viskosität zeigt sich dieser Cognac im Verkostungsglas. Kristallklar und ohne Trübung ist er natürlich, aber mit einer derartigen Tönung, dass die Flüssigkeit einem fast ein bisschen den Komplettdurchblick nimmt. Sehr langsam ablaufende Tropfen an der Glaswand bilden sich.

Grape of the Art Tiffon Lot 90 Cognac

Der Duft ist frappierend fruchtig, ein ausgeprägtes Bouquet von klebrig-vollmundigen Datteln, leicht überreifen Pflaumen, frisch gepresstem Zuckerrohrsaft und etwas vom Baum gefallener Mango, dazu ein guter Biss in einen rotbackigen Pfirsich, dass einem der Saft am Mund runterläuft. Das ganze wird ineinander verschmolzen durch ordentlich milde Vanille, die sich nicht aufdrängt, aber subtil die Komponentenverheiratung betreibt. Leicht herbe Seitentöne sorgen dafür, dass hier neben der Frucht noch etwas Komplexität entsteht, deutlich heller Tabak zum Beispiel. Ein Hauch von Lack schwingt mit, auch dieser ist aber eingebunden in ein ausgeprochen volles, rundes Gesamtbild.

Am Gaumen zeigt sich der Tiffon zunächst sehr weich, er breitet sich mit seiner vollen, dickflüssigen Textur direkt aus und belegt den gesamten Mund, lange bleibt sogar auf den Lippen etwas süßlicher Rest, den man am Ende genüsslich ablecken kann. Aromatisch wird er hier leicht phenolisch, balsamisch, mit Erinnerungen an Eukalyptus und sehr feinem Anis, die die Fruchtgewalt, die sich sensorisch natürlich hier ebenso zeigt wie in der Nase, in eine leicht andere Richtung drücken, als man es vielleicht erwartet – sehr erwachsen und komplex, dabei ausdauernd und gegen Ende dann sogar noch mit etwas Blumigkeit versehen, die sich mit der Frucht und der ganz, ganz vorsichtigen Bittere des Abgangs in einen langen Nachhall kombiniert.

Ein Cognac mit einem wirklich grandiosen Mundgefühl, das muss ich sagen, hier lutscht man gerne an jedem Aromapartikel, das den Geschmacksapparat durchläuft, lange herum, und auch wenn der Tiffon Lot 90 den Mund schon eine ganze Weile verlassen hat, saugt man lustvoll die aromatisierte Spucke auf, die noch lange Geschmack nachliefert. Ich liebe solche Spirituosen, an denen man ewig hat, und Audrey Hepburn hätte ihn sicher auch gemocht!

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Cognacs.

Schwarz und süß – Kankyo Shuzo 20 Years aged Black Mirin (Kuro 20 Hon Mirin) (弐拾年熟成 黒みりん)

Mirin ist eine japanische Spezialität, die der eine oder andere sicher schon zu sich genommen hat, ohne es zu wissen. Die höchste Qualitätsstufe davon, der Hon Mirin („echter“ Mirin), wird aus drei Zutaten gemacht – Klebreis, Koji (ein enzymreicher, bakterienbasierter Fermentationsstarter, der auch bei beispielsweise Sake verwendet wird) und Reis-Shochu. Der Reis wird mit dem Koji geimpft, und muss dann rund 2 Monate reifen – in der Zeit spalten die Enzyme die Stärke im Reis auf und lassen Zuckerarten und Aromen zurück. Mit dem Shochu wird dann die Verzuckerung zu einem gewählten Zeitpunkt unterbrochen und man erhält eine likörartige Flüssigkeit, die in der japanischen Küche hauptsächlich als Kochzutat genutzt wird (daher mein einleitender Kommentar), aber, wie man beim Kankyo Shuzo 20 Years aged Black Mirin (Kuro 20 Hon Mirin) (弐拾年熟成 黒みりん) sieht, den ich heute vorstelle, sich auch als eine durchaus als reines Genussmittel geeignete Genießerware präsentieren kann!

Wie bei so vielen asiatischen Dingen ist man bei Kankyo Shuzo, dem Brauer, ansässig in der Präfektur Aichi in Zentraljapan, stolz auf die vielhundertjährige Tradition, die hinter so einem besonderen Likör steckt. 20 Jahre ruht dieser Hon Mirin in Stahltanks, bevor er mit 14% Alkoholgehalt abgefüllt wird, eine Wartezeit, die nicht vielen Mirins gegönnt wird. Wer soviel Zeit investiert, hat auch glaubwürdig keinen Bedarf nach Zusatzstoffen, um das Wunscharoma zu erreichen – weder Zucker noch sonstige Additive kommen dazu, die Süße und der Geschmack entstammen rein dem fermentierten Reis. Die Verwendung regionaler Basismaterialien und des lokalen Wassers passen in dieses Bild eines hochwertig hergestellten, traditionellen Produkts. Was kommt am Ende aber tatsächlich geschmacklich raus? Wir schauen nach.

20 Years aged Black Mirin (Kuro 20 Hon Mirin) (弐拾年熟成 黒みりん)

„Black“ Mirin, nun, da darf man keine andere Farbe erwarten als diese beinahe schwarze Farbe. Beinahe nur, denn bei Gegenlicht sieht man, dass es eigentlich ein tiefdunkles Braun ist, mit leicht rotgoldenen Reflexen. Erinnert mich etwas an Kaffeelikör, auch von der schweren, sehr öligen und sich nur widerwillig in Bewegung setzenden Konsistenz her. Die Flüssigkeit lässt einen braunen Film an der Glaswand zurück, der sich nur langsam ablöst.

Bei der Nase bin ich direkt überrascht – das ist mehr als nur reminiszent an Sauce-Aroma-Baijiu, das würde ich im Blindtest sofort und ohne jedes Zögern dahin verorten. Sehr esterig, mit vergorener Frucht, darunter eine supermalzige, röstige und vegetabile Sojasaucenseite, mit Anklängen von Champignons, Liebstöckel, verbranntem Karamell und Melasse. Ein Anflug von Balsamicoessig ist da, doch mit letzterem will ich es wirklich nicht vergleichen, auch wenn es sich grundsätzlich ähnlicher anfühlt wie Gewürzflüssigkeit denn eine Spirituose.

20 Years aged Black Mirin (Kuro 20 Hon Mirin) (弐拾年熟成 黒みりん) Glas

Im Mund ist es aber definitiv kein Essig, sondern ein richtig starksüßer Likör. Das greift erneut die Erinnerung an Kaffeelikör auf, mit einer dunklen, cremigen Espressowürze, dabei bombenfett malzig, wirklich fast schon purer, dunkler Karamell, mit einer viskosen, dicken Textur, die sich schnell wie Zuckersirup auf die Zunge legt. Frischer, eingedickter Zuckerrohrsaft und „Sirop de Batterie“ sind weitere Gedanken, die mir entsprechend einfallen. Trockenobst aus Pflaumen, Rosinen und insbesondere Datteln drängen sich auf, letztere ganz stark – hätte ich von der Nase her den Black Mirin für einen Baijiu gehalten, hätte ich im Mund das als Dattellikör eingeordnet. Ein Ticken Chilischärfe bildet sich heraus, nur ein Anflug, der sich aber ausdauernd hält. Im Abgang wirkt die Trockenfrucht schön weiter nach, die Würze ebenso, die Süße ist sowieso von Anfang an nicht kleinzukriegen, und sie belegt Zunge und Lippen. Ein angenehmes Gefühl, doch mehr als minimalste Schlückchen kann man davon nicht trinken, sonst klebt einem der Mund zu.

Ein vielgestaltiger Likör, sehr komplex, nicht ganz einfach, aber insbesondere im Rückblick sehr angenehm zu trinken. Homöopathische Dosen reichen sicherlich aus, sowohl im Purgenuss als auch in einem Mixgetränk, einfach, weil der Black Mirin so extremst dicht und konzentriert ist, wie ich es selten erlebt habe. Das muss man erstmal verdauen!


Darum reichen auch die 10ml, die im Wesp verbaut werden, um den ganzen Drink trotzdem zu steuern, sowohl von der Farbe, als auch von der Aromatik her. Der klare Gin verdünnt dabei in einer Form, dass das Gesamtbild sehr viel massenkompatibler und einfacher zu genießen wird als der reine Mirin; ich denke, für zuhause ist so eine Zutat auch hauptsächlich für die Mischform im Einsatz, wenn man sich da ran traut.

Wesp Cocktail

Wesp
1oz / 30ml Dry Gin
1½oz / 45ml Lillet Blanc
⅓oz / 10ml Mirin
3 Spritzer Peychaud Bitters
Mit Eis werfen.

[Rezept nach der Emile Bar]


Über die Art transparente Plastikverpackungen, in denen man den Black Mirin bekommt, kann man sicherlich geteilter Meinung sein – ich finde sie, wenn man sie so einfach sieht, ganz hübsch, weil sie die Flasche selbst in den Mittelpunkt stellen. Nimmt man sie jedoch in die Hand, und will die Flasche herausholen, merkt man, wie schlecht sich das anfühlt und wie hakelig das Herausholen ist. Insgesamt mag ich diese Art der Verpackung nicht, es ist einfach nicht dem Inhalt und der restlichen wertigen Präsentation mit dem roten Tuch, den goldenen Etiketten und dem netten Umhänger angemessen.

Die Beschriftungen sind fast ausschließlich in Japanisch, der Informationsgehalt ist also eingeschränkt, macht das ganze aber halt so ein bisschen exotisch, und das ist für den oberflächlichen Asienfreund wie mich durchaus ansprechend. Bei chinesischen Spirituosen wende ich viel Zeit auf, die Etiketten zumindest für mich zu verstehen und zu übersetzen, bei japanisch ist mein Elan diesbezüglich zu niedrig. Alle Informationen, die dort zu finden wären, kann man beim Importeur ginza.de nachlesen, darum ist das auch nicht schlimm. Gerade bei so seltenen und seltsamen Spirituosen macht es vielleicht dem einen oder anderen Leser auch Spaß, dies selbst zu eruieren, während man einen Tropfen des Black Mirin auf der Zunge zerlaufen lässt.

Bier am Freitag – Monyo Brewing Mango Hero und Dead Rabbit

Natürlich fallen einem beim Monyo Brewing Mango Hero und Dead Rabbit erstmal die toll designten Dosen ins Auge, in ihrem Comic-Modern-Art-Stil, die man wirklich lange anschauen und Details entdecken kann. Die flashigen Etiketten sparen aber auch nicht mit Details wie Plato-Angaben, Nennung des Brauers, und einer Trinktemperaturempfehlung. Daran sieht man, dass hier keine anonyme Großbrauerei am Werk ist, sondern eine kleine, freche Craftbrewery. 2014 wurde Monyo Brewing im Budapester Stadtteil Kőbánya (nicht die allerbeste Gegend, was ich aus eigener Erfahrung sagen kann) von Ádám Pein und Anti Németh gegründet, und ich habe von meinem letzten Budapest-Trip dieses interessante Bier mitgebracht.

Monyo Brewing Mango Hero und Dead Rabbit

Optisch also ein Gewinn, doch am Ende zählt, was sich im Glas findet! Dosen für Bier sind eine durchaus gute Sache für die Haltbarkeit und Transportabilität, doch wenn man das Bier konsumieren will, sollte man sich trotzdem für ein Glas entscheiden, nur so als Hinweis, ich hoffe, ich überrasche nicht viele mit so einer Banalität.


Monyo Brewing Mango Hero

Zunächst also das Mango Hero Mango Ale, für das ein paar Zutaten erstmal doch etwas Stirnrunzeln erzeugen: das namensgebende Mangopüree nehme ich noch gern hin, doch Sachen wie Glucose-Fructose-Sirup, Aroma und Kaliumsorbat will ich eher selten erleben. Bleiben wir mal offen für das Ergebnis. Leicht blasses Gelb, durchaus irgendwie an eine Mango erinnernd, mit voller Trübung. Laut zischend gießt sich das Bier ein, bildet dabei ordentlich Schaum, der aber nach einer Minute fast ganz verschwunden ist. Mango Hero als Name passt jedenfalls voll zur Nase, das ist reife Mango pur. Wirklich pur, weil fast nichts anderes da ist, das zusätzliche Komplexität mitbringen könnte – rein blind würde man das halt einfach für eine Tropifrutti-Limonade halten. Im Antrunk denkt man eine Sekunde, ja, so geht das auch weiter, doch schnell erkennt man dann doch eine würzig-herbe Bierbasis unter all der Tropenfrucht. Natürlich dominiert die Mango weiterhin alles bei weitem, doch der Gaumen spürt, dass man hier ein Fruchtbier vor sich hat und keine Limo. Sehr schöne Süßsauer-Balance hat man da gewählt, und eine durchaus volle Textur, die trotzdem viel Rezenz erlaubt. Ich bin ja ein großer Fan von gut gemachten Fruchtbieren, und das Mango Hero passt eigentlich in mein Schema, was ich von dieser Kategorie erwarte – handwerklich gut gemacht, nicht zu süß, aromatisch und frisch, und mit 4,5% Alkoholgehalt auch nicht zu leicht. Was will man mehr!


Monyo Brewing Dead Rabbit Double IPA

Zu Beginn des Eingießens des Dead Rabbit Double IPA wirkt es noch kristallklar, setzt sich mit dem letzten Schuss noch etwas Hefe mit ins Glas, so dass wir am Ende ein durchaus starktrübes, leuchtend goldgelbes Bier mit einem herrlich feinblasigen, fluffigen, samtigen Schaum vorfinden. Die Nase ist voll aromahopfengetrieben, richtig fette Frucht gibts da zu finden, reife Mango, Erdbeeren und ordentlich überreife Ananas. Das riecht schon sehr wie ein Fruchtbier, der Unterschied zum Mango Hero ist gar nicht so groß, obwohl hier rein über Hopfensorten gearbeitet wird (Citra, Centannial, Amarillo und Warrior, in Trockenhopfung), man ahnt darum auch hier schon, dass die Bittere eine ganz andere sein wird. Der Antrunk zeigt eine runde, cremige Textur, nicht ganz so fett wie ich das vom Schaumbild her erwartet hätte, die erst im späteren Verlauf dann ins Bittere kippt, sich aber nicht völlig der Kante hingibt, sondern sie gut durch milde Süße und diese riesige Fruchtsammlung auffängt. Angenehm rezent, mit frischer Säure ausgestattet, stillt ein Schluck auch wirklich einen ersten Durst, mit 8,3% Alkoholgehalt macht es sich auch bemerkbar. Der Abgang ist trocken und würzig, sehr angenehm in der Hopfenherbe, mit einem minimalsten Kribbeln an den Zäpfchen. Toll strukturiert und handwerklich top – ich bin kein großer Fan im Allgemeinen von West-Coast Style Double IPAs, hier passt aber echt alles perfekt zusammen.


Das sind beides einfach unterhaltsame, handwerklich sehr gut gemachte Biere, die mich überzeugen. Von meinem nächsten Ausflug nach Ungarn werde ich mir sicherlich weitere Exemplare der Brauerei mitbringen.

Ich habe in der Zwischenzeit Budapest nochmals besucht, und dabei das Monyo Tap House besichtigt, wo man die Biere der Brauerei vom Fass bekommen kann. Am Kálvin Tér liegt es direkt an der Straße, mit so ca. 20 Sitzplätzen, in einem zu aktuellen Ästhetiktrends der Stadt passenden run-down-Look. Eine unterhaltsame Location, wenn auch nicht up-to-date was meine Bedürfnisse an einen Craftbier-Abend angeht.