Der Storch ist gelandet – Stork Club Straight Rye Whiskey

Die Zeit verfliegt. Mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen, als mein Artikel über regionale Spirituosen im Magazin BRANNT 2022 erschien; inzwischen kann man ihn hier online nochmal nachlesen, falls man es damals im Print verpasst hat. Dort hatte ich auch die Macher hinter dem Stork Club Straight Rye Whiskey der Spreewood Distillers in Schlepzig, den ich heute hier vorstellen will, interviewt, ein unterhaltsames Gespräch, in dem ich viel über die Sichtweise von Steffen Lohr, Sebastian Brack und Bastian Heuser, die die Brennerei 2015 übernommen und umgebaut haben, erfahren konnte. Nach dem Gespräch merkte ich, dass ein nicht unerheblicher Bestandteil aber noch fehlte, um wirklich zu begreifen, was dort gemacht wird: den Whiskey selbst zu probieren. Das hole ich nun zusammen mit meinen Lesern nach.

Der Grund, warum ich die Spreewood Distillers für meinen Artikel ausgesucht hatte, ist direkt erklärt: der Stork Club Straight Rye Whiskey basiert auf einer Mashbill aus 100% deutschem Roggen, sogar eigentlich extrem regional gesourcten Roggen von Bauern innerhalb eines Umkreises von 5km um die Brennerei. Näher geht kaum, und auch wenn ich bei Getreide vorsichtig bin, das Wort Terroir einzusetzen, passt es hier wahrscheinlich einfach gut, weil auch die anderen Begleitumstände so örtlich gebunden sind. Whisky selbst ist in den heutigen Zeiten ja auch bei weitem nicht mehr so als so exotisch empfunden, dass man sich ernsthaft die Frage „deutscher Whisky? Geht das überhaupt?“ stellen kann, viele Dutzend Brenner haben schon lange bewiesen, ja, das geht natürlich, gut sogar. Und der Stork Club Rye kann sogar als Beispiel dafür herhalten. Gießen wir uns ein Glas ein und verifzieren das.

Stork Club Straight Rye Whiskey

Mir gefällt es, wenn das Design den Inhalt der Flasche aufnimmt – die vielen kupfernen Applikationen am Flaschenhals, dem Stöpsel und dem Etikett treffen zwar nicht hunderprozentig die Farbe der Flüssigkeit, nähern sich dem leuchtenden Gold im Glas aber doch an. Leichte Viskosität sieht man darüber hinaus, auch wenn das Glaswandverhalten eher unauffällig bleibt.

Geruchlich nehmen wir erstmal ganz gelassen den doch erkennbaren Unterschied zu einem klassischen amerikanischen Roggenwhiskey an. Da fühle ich eine sehr viel deutlichere Nähe zu einem gelagerten Korn als zu einem Bourbon, etwas, was aufgrund der Herkunft auch nicht verwundern sollte, im Gegenteil – ich finde es gut, dass man hier nicht schlicht die Aromatik kopiert, sondern sich zwar am Vorbild orientiert, aber etwas eigenes macht. Sehr getreidig, würzig und gewürzig, mit schöner, tiefer Fruchtnote, die etwas an reife Birne und Quitte erinnert. Deutlich erdig, meine ich sogar, was die minimale Ethanol- und Kleberkomponente gut auffängt.

Stork Club Straight Rye Whiskey Glas

Das Mundgefühl ist für die eingesetzten 45% Alkoholgehalt zunächst sehr weich und fast zart, mit filigraner Struktur, die den Gaumen für das Kommende vorbereitet. Eine schwere, aromatische Süße, erinnernd an Ahornsirup oder Kandiszucker, wird im Verlauf durch kräftig-würzige Pfeffrigkeit ersetzt, mit der auch etwas Trockenheit einhergeht, ohne dass wirkliche Astringenz aufkommt. Die Aromatik, die wir schon erschnuppert hatten, wird sehr sauber auch auf den Geschmack übertragen, das bildet sich fast 1:1 ab, eben mit der Getreidelastigkeit, der Erinnerung an Lagerkorn, und dem erdigen Späteindruck. Etwas Karotte erinnert dann doch an Bourbon, und eine klare Minzkomponente entsteht im Abgang, die die Zunge leicht anästhesiert und einen Frischehauch im Mund zurücklässt. Der Nachhall besteht dann wieder aus Getreide, und Holz, das mit etwas Vanille abgerundet ist.

Insgesamt mag ich diese Interpretation eines Roggenwhiskys, sie wirkt leichter und frischer, weniger schwer als das amerikanische Vorbild, bleibt aber dennoch aromatisch und dicht, mit schöner, runder Struktur. Handwerklich ohne Frage sehr sauber gebrannt ist der Stork Club Rye darüber hinaus, das liegt einfach gut im Mund und rutscht auch ohne Klemmen durch.


Die Idee von Steffen Lohr, Sebastian Brack und Bastian Heuser ist es, eine deutsche Alternative zum Überseewhiskey anzubieten, insbesondere auch für die Bar. Das gelingt ihnen ohne Frage, und man kann das selbst zuhause im Deckside Derby ausprobieren. Der Stork Club liefert die Basis, die anderen Zutaten ergänzen die bereits bestehende Aromatik weiter. Eine schöne Variante eines klassischen Whiskey Sours, mit mehr Varianz als das Original, wenn man mich fragt.

Deckside Derby Cocktail

Deckside Derby
1½oz / 45ml Rye Whiskey
1oz / 30ml Grapefruitsaft
¾oz / 23ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Honigsirup
¼oz / 7ml Allspice Dram
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken, auf frisches Eis abseihen.

[Rezept nach Nobian Henan]


Zur Flasche und zur Präsentation habe ich ja oben schon etwas gesagt, ein gelungenes Design, wie ich finde, da passt schön alles ineinander, und die Flasche liegt auch gut in der Hand.

Für alle, denen Regionalität etwas bedeutet, und die trotzdem natürlich nicht auf internationale Qualitätsstandards verzichten wollen, ist der Stork Club Straight Rye Whiskey natürlich voll ans Herz zu legen. Für die Heimbar taugt er als Variabilitätsbringer für Cocktails, und ist auch pur sehr angenehm zu genießen. Man muss also nicht in die weit entfernten USA oder nach Kanada blicken, will man guten Roggenwhiskey haben – das geht auch im kleinen Schlepzig, wenn man gute Materialien und Leute dafür hat, wie das dort offensichtlich der Fall ist.

Armagnac am Wochenende – Hontambère Armagnac Blanche verschiedene Rebsorten

Das 2. German Armagnac Festival ist in den Startlöchern, dies hier ist der letzte Hinweis, dass es noch möglich ist, nach Stuttgart zu kommen und kurzentschlossen die vielen Aussteller zu besuchen, die sich für dieses Jahr angemeldet haben. Letztes Jahr hatte ich ja schon ein ein paar winzige Eindrücke vermittelt, und ich bin mir sicher, dass es dieses Jahr mit gestiegener Erfahrung noch einen Ticken unterhaltsamer werden wird. Also auf! Dort wird es sicher auch so einige Blanche-Armagnac zu probieren geben, vielleicht sogar vom sicher teilnehmenden Château de Hontambère, von denen ich im Vorfeld schon ein paar rebsortenreine Blanches schlückchenweise versuchen konnte – hier meine Meinung zu Hontambère Armagnac Blanche Colombard, Blanche Folle, Ugni Blanc und Baco!

Hontambère Armagnac Blanche verschiedene Rebsorten

Alle sind Jahrgang 2022, und mit 50% Alkoholgehalt abgefüllt. Da alle keine Fassreifung erhalten haben, sage ich nichts spezielles für die Farbe, außer dass sie über alle vier Sorten identisch und ununterscheidbar glasklar, fehlerlos und mit erkennbarer Viskosität im Glas stehen.


Hontambère Armagnac Blanche Colombard

Beginnen wir mit dem Hontambère Armagnac Blanche Colombard. Sehr traubig, deutlich tresterig, und leicht erdig. Ein milder Eisenton, erinnernd an rostige Nägel, schwingt mit. Grün und vegetabil, ohne große Kräutereinschläge. Wirkt in der Nase etwas kurz und schmal, mit deutlichem Lack. Der sensorische Eindruck beim Antrunk ist süß und voll, deutlich runder als in der Nase. Trauben und Trester erscheinen sofort, nun viel fruchtiger und weniger grün. Sehr weiche Textur, breit und expansiv am Gaumen. Schöne Würze entsteht im Verlauf, weißpfeffrig und leicht die Zungenspitze anästhesierend. Ein langer Nachhall mit leicht nussigem Charakter bleibt.


Hontambère Armagnac Blanche Folle Blanche

Die Nase des Hontambère Armagnac Blanche Folle Blanche ist deutlich von Traubenaromen gesteuert, frisch und hell, und sehr leichtkörperig. Etwas Vanille, etwas Zimt, aber danach hört es schon schnell auf und geht in eine leichte Grüne über. Die Textur bleibt auch am Gaumen weich und rund, die Aromatik explodiert nicht, sondern orientiert sich an der leichten Nase. Schnell bilden sich buttrige Süßspeisen aus, Kekse, Streusel. Nur vorsichtige Würze kommt dazu, dafür eine ausdauernde, regelrecht aufblühende Floralität, die wirklich apart wirkt. Ein ganzer Blumengarten hängt im Nachklang lange nach.


Hontambère Armagnac Blanche Ugni Blanc

Beim Hontambère Armagnac Blanche Ugni Blanc muss man noch tiefer schnuppern als bei den beiden Vorgängern. Nur ein Hauch von Aromen findet sich, eine Mischung aus Blüten und traubiger Fruchtigkeit, das von einem herben Unterbau gehalten wird. Frisch, klar, aber auch etwas undefiniert, und das setzt sich am Gaumen fort. Es ist von allem was da, Blüten, Frucht, ganz milder Trester, doch alles eher dezent. Im Verlauf zeigt sich dann die Stärke dieses Brands, eine fette Salzigkeit und starke Würze, die Zunge und Gaumen prickeln lässt. Definitiv für mich eher ein Strukturbrand, weniger etwas für die feine Aromatik, und auch im Nachklang bleiben eher die Effekte zurück.


Hontambère Armagnac Blanche Baco

Der Hontambère Armagnac Blanche Baco ist mit Abstand der fruchtigste Armagnac der vier, das erinnert sogar an Tropenfrucht, vorsichtige Mango tut sich besonders hervor, mit etwas Passionsfrucht als Begleitung. Auch im Mund hat diese schwerfruchtige Seite Vorrang vor allem anderen, beide erwähnten Früchte sind klar erkennbar, und sie geben erst gegen Ende die Hauptrolle ab, wenn deutlich anästhesierend sich leicht salzige, aber sehr pfeffrige Würze auf die Zunge legt und diese bis lang über den Nachklang hinaus in Beschlag hält. Dann, ganz spät, kommt leicht geranische Floralität dazu.


Es ist sehr spannend, diese Rebsortenreinheit zu betrachten, denn definitiv sind sie alleinstehend sehr unterschiedlich zueinander; wenn man Armagnac kennt, spürt man aber auch, dass sie zusammen genommen genau ihre jeweiligen Stärken an einen Rebsortenblend einbringen können. Darum habe ich mir den Spaß gemacht und die Reste der Verkostungsgläser einfach zusammengekippt und meinen persönlichen Blend, grob geschätzt natürlich 1:1:1:1, probiert. Ich bin ehrlich – so schmeckt mir dieser Armagnac Blanche vom Chateau de Hontambère am Ende am besten, vollwürzig, blumig, fruchtig und kraftvoll. Eine sehr interessante Erfahrung von Anfang bis Ende. Wer sich für Armagnac, oder Weinbrand im Allgemeinen, interessiert, sollte sich so eine Samplereihe zulegen, um zu verstehen, woher die einzelnen Aspekte eines so vielgestaltigen Brands wie dem Armagnac kommen können.

Offenlegung: Ich danke Sascha Junkert von armagnac.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung der vier Samples.

Craft und Kupfer – Purity Connoisseur 51 Reserve Organic Vodka

Wodka muss man lernen, das ist für mich ein Fakt, da gibt es soviele Missverständnisse, aber auch minderwertige Produkte zuhauf, die die Aufklärung dieser Unklarheiten nicht einfacher machen. Ein Land verbindet man geschichtlich ganz besonders mit Wodka, doch der Kauf russischer Produkte verbietet sich gerade natürlich, das schränkt den Genießer aber eigentlich praktisch nicht ein – es gibt mehr als genug traditionelle polnische, ukrainische und besonders finnische Wässerchen, die weit mehr als nur Ersatz sind, und selbst in Deutschland hat es Qualität, die man entdecken kann. Wodka ist auch in Schweden beheimatet, klar, man kennt die langen Supermarktregale voller Absolut-Flaschen, in dutzenden Geschmacksrichtungen aromatisiert, so dass das Klare, Echte hier doch etwas verloren ging zugunsten einer dadurch entstehenden belanglosen Arbitrarität. Doch Schweden hat, wie sich bei den Craftbrennern der Purity Distillery, an der Südspitze Schwedens verortet, zeigt, auch eine modern-rege Wodkakultur, die zurück zu den Wurzeln will.

Ich habe eine gewisse emotionale Nähe zu Schweden entwickelt, seit meinem Städtetrip nach Stockholm 2023, und darum musste ich nicht lange überlegen, ob ich mir den Purity Connoisseur 51 Reserve Organic Vodka als Beweisobjekt für meine Thesen heranziehe. Biozertifizierte Zutaten (hier Winterweizen und gemälzte Gerste in einer unveröffentlichten Mashbill) und Produktion in kleinem Maßstab, dazu die Transparenz, woher der Name kommt. Es ist ja für so manche Hersteller ein Wettbewerb, absurde Zahlen für die „Anzahl der Destillationsvorgänge“ zu präsentieren, da muss man als Kenner schon oft etwas schmunzeln, und auch in manchen Marketingtexten von Purity liest man diese seltsamen Messungen, doch in Wahrheit gibt es wirklich einen Grund für die „51“ im Namen – man zählt hier einfach die Anzahl der Schritte, die das Destillat durchläuft. Schritt 1 ist eine Potstill, deren Rohbrand dann durch zwei Säulen mit je 8 Platten läuft, was 17 Schritte ergibt. Für den Purity 51 macht man das ganze dreimal, so ein Zyklus dauert 6 bis 8 Stunden, und kommt so auf 51 Schritte (wer will, kann auch den Purity 17 und den Purity 34 erwerben). Zumindest etwas, woran man auch als jemand, der viele Brennereien besichtigt hat, glauben kann. Die Platten in den Säulen wurden stark modifiziert, so dass rund dreimal soviel Kupferkontakt stattfindet wie in normalen Säulen, die Vorteile von Kupfer beim Brennen sollten ja bekannt sein. Am Ende wird nicht kohlegefiltert, das Produkt schließlich auf 40% Alkoholgehalt eingestellt. Und so landet es bei mir im Glas!

Purity Connoisseur 51 Reserve Organic Vodka

Glasklar, ohne jeden Fehler, und mit einer ansprechenden Viskosität ausgestattet, so zeigt sich der Purity 51 im Verkostungsglas. Einzelne Wellen schwappen schnell hoch und zerschellen, legen einen feinen Film an die Wand, die dann dickbeinig zügig ablaufen.

Die Nase ist beinahe schon bezaubernd in ihrer zarten Floralität, voller Veilchen, Nelken und Kornblumen. Dazu findet sich eine dezente Kardamomnote, die zusammen mit Vanille fast den Eindruck von schwedischen Kardemummabullar erzeugt. Frische kommt noch durch Anflüge von Zitruszeste, aber nur ganz vorsichtig, bevor dann die erdig-nussige Getreidenote das Bild beherrscht, mit leichter Korianderseifigkeit. All das, so muss man sagen, ist natürlich in einer Feinheit und Zurückhaltung angeboten, wie man es von einem guten Wodka erwartet, ohne sich aufzudrängen, aber effektiv vorhanden. Ein guter Anfang!

Purity Connoisseur 51 Reserve Organic Vodka Glas

Im Mund zeigt sich der Purity 51 vielgestaltig – da ist zunächst die fette Textur, die sich initial extrem weich an den Gaumen legt, im Verlauf aber Struktur und Fahrt aufnimmt, bis sie im Finish deutlich kribbelig mit leisem, aber wirksamem Feuer glüht und wärmt. Ein richtig schöner Spannungsbogen, der nie langweilig ist. Die Aromen duplizieren sich von der Nase, da ist viel Grünheit, etwas Floralität, milde Süße und interessante Gewürzaspekte mit viel Kardamom, Muskatnuss und Vanille, immer in Abwechslung, dazu die grundlegende Getreidewürze mit viel reiner Gerste und Weizen. Leichte Orangenzeste, dazu einiges an Albedo, die vorsichtige Bittere miteinbringt. Der Abgang ist weiterhin rund, weist aber ordentlich Charakter auf, passt so gar nicht zu dem, was man sonst so als Neutralspirituose präsentiert bekommt – das ist der Purity 51 Reserve nämlich ganz sicher nicht!

Wodka hat so diesen Ruf, das langweiligste der Welt zu sein. Auch ich habe das persönlich erst durch viele, viele Wodka- und Kornverkostungen als Juror beim ISW gelernt, dass das eine Fehleinschätzung, verursacht natürlich durch die Massen an minderwertigen Produkten in deutschen Supermarktregalen, ist. Wer einen Wodka für die Heimbar sucht, bei dem man sich nicht wundert, warum James Bond immer eine Flasche Wodka in der Heimbar hatte, und einen wodkabasierten Mixdrink jedem anderen vorzog, der probiere mal den Purity 51 Reserve.


Im krassen Gegensatz zum harten Vodka Martini, geschüttelt, nicht gerührt, der über die Eiseskälte und die kantige Struktur punktet, will ich hier allerdings die Gewürz- und Süßspeisenseite des Purity 51 an einen Drink herangehen. Von der Facebookseite der Brennerei käue ich den Semla Shot wieder, auch wenn ich sowas nicht gern mache; doch hier gibt es für mich einfach keinen zweiten Gedanken, weil der Semla Shot mich sofort zurück nach Stockholm versetzt, in eine Bäckerei, in der es von Süßspeisen nur so wimmelt. Die Schweden haben eine regelrechte Kultur für Zimt- und Kardamomschnecken entwickelt, die ich in ihrer Konsequenz bewundere, und irgendwie so gar nicht zum Ruf des kühlen Nordvolks passt.

Semla Shot Cocktail

Semla Shot
1oz / 30ml angewärmten Amaretto ins Glas geben
1oz / 30ml Wodka vorsichtig darauf schichten
Mit Schlagsahne toppen und etwas Kardamom darauf streuen.

[Rezept nach Purity Distillery]


Die Flasche ist einerseits bauchig, andererseits mit einem schönen Schliff versehen, so dass man sich an einen Diamanten erinnert; dazu passt das schwarzgoldene Design des Etiketts. Ein durchaus edler Augenfang für die feine Heimbar.

Aktuell ist in Deutschland etwas schwer an den schwedischen Vodka heranzukommen, ich habe ihn aber unkompliziert bei einem Shop in Dänemark ordern können. Für mich lohnt sich das preisliche Upgrade, das man für so einen Craftvodka investieren muss, aber ganz sicher – das ist bei Wodka nicht anders als bei anderen Spirituosen. Den Schritt über die 5€-Discounterware spürt man hier jedenfalls so richtig dramatisch stark, das ist aber für den Purity 51 auch niemals der Vergleichswert: im Gegenteil, hier misst man sich mit höchstwertigen Bränden aus der ganzen Welt. Und steht am Ende, ehrlich, in einer glänzenden Position.

Fassfrisch gewählt – Mhoba Rum WR10 Select Single Cask for Kirsch Import

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve war eine der Spirituosen des Jahres 2020 für mich, da gab es keine Zweifel. Neulich erst hatte ich im Rahmen des VSGB-Projekts eine Kleinflasche des Mhoba 2017 FAQ Plastic Pure Single Rum probiert. Beide reiften in französischer Eiche, Ex-Rotweinfässer wurden genutzt. Für den nun zu besprechenden Mhoba Rum WR10 Select Single Cask for Kirsch Import hat man auf anderes Holz und eine andere Vorbelegung zurückgegriffen: das namensgebende Fass mit der Nummer WR10 bestand aus amerikanischer Eiche und enthielt zuvor Bourbon, genauer gesagt Woodford Reserve. 2019 wurde der fermentierte Zuckerrohrsaft der Sorte Nkomazi in einer Pot Still destilliert, 2023 dann das Fass von Kirsch Import selektiert und der Inhalt in 252 Flaschen abgefüllt. Unverdünnt, nicht gefärbt, gezuckert oder kühlfiltriert – da freut sich der Kenner, und ich bin schon gespannt, was der Rum zu mir im Glas sagen wird.

Mhoba Rum WR10 Select Single Cask for Kirsch Import

So ein frisches Fass aus amerikanischer Eiche gibt ordentlich Farbe ab, und auch wenn ein Großteil davon natürlich an die Vorbelegung des Bourbons ging, bleibt auch im Second-Fill noch genug Färbekraft übrig, was man an dem leuchtenden Terracotta sieht. Schwenkschwere erwarte ich bei einem Cask-Strength von 63,5% schon, und ich werde nicht enttäuscht, attraktiv viskos bewegt sich die Flüssigkeit im Glas.

Mhoba ist so ein Rum, den man durchaus wiedererkennt. Die Mischung aus quietschigen Estern, die reife Ananas, Mango und auch viel Zimt hervorbringen, und vanillig-cremiger Süße hat schon einen ganz eigenen Charakter. Auch wenn der Rum im „Agricole-Stil“ (so der Pressetext, hier hat jemand aufgepasst und die Wortwahl gut getroffen) gemacht ist, verwechselt man ihn eher nicht mit einem Agricole aus Martinique oder Guadeloupe, der Rum zeigt eher sensorische Verwandschaft mit Clairin aus Haiti. Frisch und rund zugleich, eine gewisse Portion Spearmint klingt mit, und eine winzige Spur tanninischer Lack, das hat was Erwachsenes, ohne wirklich bequem zu sein.

Am Gaumen und auf der Zunge liegt der Rum im Antrunk erstmal extrem weich und mild, richtig fettsüß und schwer, mit voller Textur, sehr überraschend für den hohen Alkoholgehalt, da wurde echt sauber gearbeitet. Ester blitzen kurz auf, das „quietschige“ Element, wie ich es gern nenne, das an getragene Sportschuhe erinnert, ist nur eine Sekunde da, macht dann Platz für viel tropische, reife Frucht. Würze kommt dazu, ein Anflug von Salzigkeit, durchaus schon maritim wirkend, und dann beginnt die Zunge sich zu wärmen, leicht zu prickeln, wie von ganz mildem schwarzem Pfeffer. Vanille und ein Hauch Zimt deuten auf das Bourbonfass hin. Lang, sehr mild und weich klingt der Rum dann aus, ohne uns je gepiekst zu haben, mit viel Tuttifrutti und süßem, karamellig-buttrigem Shortbread.

Sehr hübsch, unerwartet süßmild, dadurch aber auch extrem trinkig und schmeichelnd. Der Rum passt gut zu dem Woodford-Fass, muss ich sagen, und Kirsch hat ganze Arbeit bei der Auswahl geleistet, das ist wirklich ein rundes Produkt. Sehr empfehlenswert für Freunde starken Rums!

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Rums.

Subkultur und Gemeinwohl – Ambiq Bio Bitter Aperitif

„Unabhängige Spirituosen für eine freie Subkultur“ – ein Satz, den man erstmal verdauen muss. Was bedeutet das? Was ist eine unabhängige Spirituose, was eine freie Subkultur? Die Macher des Ambiq Bio Bitter Aperitif, auf dessen Rücketikett und den Pressetexten man diesen Satz findet, sparen nicht mit Erklärungen, wie sie es meinen. Nachhaltigkeit (kurze Lieferwege und Verzicht auf Unnötiges), soziale Verantwortung (Gemeinwohlökonomie, kooperatives und demokratisches Arbeiten) und Gerechtigkeit (selbstbestimmt und -organisiert, hierarchiefrei, Konsentverfahren bei Entscheidungen) sind nur ein paar der Schlagworte, die in einem manifestartigen Selbstbild zu finden sind. Aufklärung und Suchtprävention hat man sich darüber hinaus auf die Fahne geschrieben. Ein sympathisches, wenn auch auf den ersten Blick fast schon überfrachtet wirkendes Ensemble voller Ideen, deren reale Umsetzung die Welt aus meiner Sicht aber auch tatsächlich etwas besser machen könnten. Man braucht einfach Utopisten, müde Ironie und konservativer Pragmatismus werden nie etwas an der Situation ändern.

Eine Spirituose mit so einem Selbstbild bekommt bei mir schonmal etwas Vertrauensvorschuss, dennoch muss sie sich beweisen. Der Ambiq Bio Bitter Aperitif hat, neben den angesprochenen Metathemen, aber auch so eine interessante Grundstruktur zu bieten: Ein Basisdestillat aus Weizen wird mit sechs Botanicals, alle natürlich gemäß dem abgedruckten und im Namen enthaltenen Biosiegel biologisch zertifiziert gesourct, aromatisiert. Man findet hier Orange, Enzian, Chinin, Vanille, Wermut und Cassis. Das klingt für mich nach einer durchaus spannenden Mischung von erdigen, frischen, bitteren und süßen Aspekten. Probieren wir, ob sich das so im Glas auch bewahrheitet!

Ambiq Bio Bitter Aperitif

Farblich ist das sehr dramatisch eingestellt, tiefes, leuchtendes Rubinrot, dabei bleibt es kristallklar und durchsichtig. Im Glas bewegt sich der Aperitif leicht und geschmeidig, nicht wirklich offensichtlich ölig, aber mit einer erkennbaren Schwere.

In der Nase finde ich als allererstes einen sehr persönlichen Eindruck – schwarze Johannisbeeren und Holunderbeeren. Das erinnert mich gar nicht so entfernt an den Holundersaft, den meine Eltern früher eingekocht hatten. Danach kommt die Zeste einer Bitterorange, mit einem guten Anteil Albedo, und auch frischer Orangensaft klingt irgendwie mit. Natürlich wirkt das ingesamt bitter, so soll es auch sein, dabei aber fruchtiger als zum Beispiel Aperol oder Campari, zwei natürliche indirekte Konkurrenten in dieser Kategorie der Bitterspirituosen. Ganz milde und nur im Hauch vorhandene Anklänge von Lakritz und erdigem Enzian finde ich noch – ein insgesamt sehr ansprechendes und durchaus komplexes Geruchsbild soweit.

Ambiq Bio Bitter Aperitif Glas

Im Mund kommt das zunächst sehr mild an, angenehme Süße, kräftig ausgeprägt, aber nie pappig wirkend, definiert den ersten Eindruck. Dann spüre ich die schwarzen Johannisbeeren und den Holunder, sowohl von der Fruchtigkeit als auch von der diesen Beeren bereits inhärenten Bittere. Orange, vielleicht schon fast Bergamotte, erscheint aromatisch, mit dieser zestigen Seite. Leichte Gewürznoten spielen die Rolle des Komplexitätsgebers, nie wirklich klar definiert, einfach als zugrundeliegendes Bouquet. Spät bildet sich ein vorsichtiges Prickeln auf Zunge und Schleimhäuten, dem Alkoholgehalt angemessen, und dann erscheint auch eine gewisse Schärfe, mehr pikant und frisch, eine Mischung aus Minz- und Pfeffereffekt gewissermaßen, der dann den Abgang dominiert. Bittere, Süße und etwas Estragonfrische bilden den langen Nachklang.

Pur trinkt sich das sehr angenehm, viel weniger süß als die italienischen Produkte, dabei aromatisch voll und dennoch leicht, mit einer sehr hübschen herben Seite. Auf Eis, mit einer Zitronenscheibe, im Sommer würde das pur sicher richtig viel Spaß machen, darauf freue ich mich jetzt schon – der erste Sonnentag wird mit dem Ambiq Bio Bitter eingeleitet werden!


Neben dem Einsatz als herber Aperitif, wie der Name es ja schon vorschlägt, sehe ich den Ambiq durchaus auch als Variante auf bekannte Geschmäcker in Mixed Drinks. Wem zum Beispiel Campari zu bitter und Aperol zu süß ist, der findet hier eine Zutat, die in Rezepturen ähnlich verwendet werden kann und dem Gesamtbild dann einen neuen, interessanten Twist verleiht, sei es im Negroni, Jungle Bird oder dem Génération perdue, bei dem mit dem Ambiq alles passt.

Génération perdue Cocktail

Génération perdue
1oz / 30ml Dubonnet rouge
½oz / 15ml Cognac
½oz / 15ml Campari
Auf Eis rühren.

[Rezept nach unbekannt]


Die Literflasche mit Blechschraubverschluss ist einfach gehalten, hier zeigt sich, dass man sich wirklich daran hält, was man schreibt: der Verzicht auf unnötiges Chichi. Auch das Etikett ist ähnlich reduktionistisch. Über ein paar formulierte Gedanken hinaus, die auf dem Rücketikett zu finden sind, habe ich nicht das Gefühl, dass hier offensiv missioniert wird – gut gemacht, wenn das Produkt so wie hier überzeugt, findet die Ideenübertragung eh viel leichter über den Geschmack statt Laberei statt.

Mich haben sie jedenfalls überzeugt, und ich drücke der Firma Abyme alle Daumen, dass sich ihr Geschäftskonzept durchsetzt. Vielleicht steckt so eine Initiative auch andere an, statt dem großen Geld (das man als kleine Firma in der Spirituosenbranche eh nicht machen kann) etwas Nachhaltiges zu schaffen. Ich bin und bleibe Optimist, und würde es mir sehr wünschen, mehr Produkte dieser Art auf dem Markt zu finden.

Offenlegung: Ich danke Abyme für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Ambiq Bio Bitter Aperitif.

Bier am Freitag – Leûp Cherry Brune

Das Leûp Cherry Brune stammt aus der Brasserie Artisanale Fredeber im belgischen Stembert. Man versucht sich da an der Herstellung eines kriekähnlichen Getränks, ich sage kriekähnlich, weil keine frischen Früchte verwendet werden, nichteinmal frischer Saft, sondern ein Kirschsirup aus Konzentrat. Dazu kommt laut Zutatenliste das Süßungsmittel E411 (Tamarindenkernmehl), das als ernährungstechnisch zwar unverdächtig, aber für mich als Bierfreund dennoch unnötig ist. Das Basisbier ist obergärig, flaschengereift, und mit 7% Alkoholgehalt ganz ordentlich kräftig eingestellt für so ein Fruchtbier – rettet dieser Wumms das Bier?

Leûp Cherry Brune

Im Glas wirkt es optisch erstmal mäßig begeisternd, ein etwas schmutziges Haselnussbraun, mit leicht rötlichem Touch. Starktrüb, nahezu blickdicht, aber auch ohne Schaum – das wenige, was beim Eingießen da ist, ist nach Sekunden weg, und nach einer halben Minute ist überhaupt nichts mehr da. In der Nase ist der eingesetzte Kirschsirup direkt dominant, fruchtig, leicht säuerlich im Eindruck, nur minimal darunter die Gerstenbasis. Bei empfohlenen 6°C muss man auch nicht wirklich weitersuchen nach Aromen, da findet man schlicht nichts.

Im Mund wirkt das ganze dann aber viel interessanter, da ist viel Würze, Getreide, schwere Frucht aus der Kirsche – und das ganze mit knackiger, britzelnder Säure versehen, so dass man sich über Rezenz keine Sorgen machen muss; die Kühle und trotz des Mangels an Schaum spürbare Karbonisierung kümmern sich weiterhin darum. Und auch wenn der Abgang dann sehr kurz und belanglos ist, muss man sagen – wenn man das Leûp Cherry als Erfrischungsbier betrachtet, macht es seinen Job ganz hervorragend, gerade, weil am Schluss noch eine echt derbe, fast schon holzige Bittere dazukommt.

Das ist kein wirkliches Kriek, mehr ein leicht aromatisiertes Bier, ohne viel Anspruch, aber mit dem frechen Kick, den man in der Sommerhitze genießen kann.

Trauben von der Insel – Camus Île de Ré Fine Island Cognac

Eine Insel in der Sonne, gut gelaunte Menschen, die zu Musik tanzen und dabei Gläser voller Schnaps in der Hand halten – das ist so das Klischeewerbungsbild, das wir kennen. Inseln sind eigentlich marketingtechnisch voll in der Hand von Rum, die Karibik legt da natürlich vor, Südostasien und der indische Ozean ziehen nach. Doch manchmal, ganz selten, ist eine Insel auch die Heimat einer Spirituose, die man nicht direkt mit Inselflair verbindet: Cognac. Dazu kommt, dass etwas, das sich „Cognac“ nennen will, natürlich aus der Gegend um die Stadt Cognac in Südwestfrankreich stammen muss, und da denkt man sich, naja, das ist Festlandsfrankreich, wo soll da auch eine Insel herkommen. Auftritt: Camus Île de Ré Fine Island Cognac.

Die Île de Ré liegt vor La Rochelle an der französischen Atlantik-Westküste im Département Charente-Maritime, und auch wenn auf der Insel Austernzucht und Fischerei die wichtigsten Wirtschaftszweige sind, wird dort doch auch Wein angebaut, aus dem ein Weinbrand hergestellt werden kann. Auf 650ha Anbaugebiet findet man die Rebsorten Sauvignon Blanc, Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot – und auch Colombard und Ugni Blanc, zwei Rebsorten, die für die Cognacherstellung erlaubt sind. Man hat also beides: die passenden Trauben, und man liegt im Cognac-Gebiet, nämlich in den Bois Ordinaires, aus denen man eher selten einen Cognac sieht. Nichts steht dem feinen Inselcognac des Maisons Camus im Wege!

Camus Île de Ré Fine Island Cognac

Wenn man die Altersangabe auf dem Etikett suchen muss (und, wie hier, nicht erkennbar findet), kann man von einem jungen Destillat ausgehen, das nur die minimal geforderte Reifungsdauer, bei Cognac 2 Jahre, aufweist. Dementsprechend helles Bernstein findet man im Glas, dafür aber eine durchaus ansprechende Öligkeit, mit der sich die Flüssigkeit schwer schwenkt und die dicke Artefakte an der Glaswand hinterlässt.

Während man den Cognac schwenkt, kann man dem Geruch bereits nicht entgehen, er wabert vorsichtig über die Glaskante. Nicht wirklich aufdrängend, aber erkennbar. Da sind Rosinen und etwas Trester, im Sommer offen liegende rote Trauben. Direkt spürt man etwas Marzipan, ein Anflug Vanille, etwas Ananas und Pfirsich – angenehm, aber nicht wirklich exotisch und spannend, wie man das von einem Inselcognac vielleicht erwartet hätte. Ein bisschen Lack und Ethanol schimmert am Ende noch durch, auch hier fühlt man, dass der Camus nicht viel Fasslagerung gesehen hat. Im Endeffekt wirkt der Duft frisch und hell, und irgendwie mag ich ihn in seiner Dezenz.

Camus Île de Ré Fine Island Cognac Glas

Am Gaumen fällt zunächst die Textur auf, richtig weich und flauschig legt sich dieser Cognac in den Mund, breit und voll, mit ausgeprägter, aber natürlich wirkender Süße. Milde Fruchtaromen erscheinen, Pfirsich und Aprikose zunächst, später Rosinen und Datteln, wie auch schon in der Nase eher dezent, aber trotzdem wirksam. Später bildet sich dann eine freche Pfeffrigkeit heraus, die Zunge und Schleimhäute zum Kribbeln bringt, ohne dabei zu brennen, hier könnte man auch eine gewisse marine Mineralität herausschmecken, die sich mit einer ganz, ganz vorsichtigen iodischen Torfigkeit verbindet und dem Camus hier etwas Charakter verleiht, den man bisher vergeblich gesucht hatte. Gegen Ende blüht wirklich hübsche Floralität auf, mit richtig viel Jasmin und etwas Wintergrün, und diese liegt dann lange im Mund, minutenlang.

Beim Camus Île de Ré Fine Island Cognac finde ich genau diese Abwechslung, die ich an feinen Bränden mag, diese Ausgewogenheit zwischen Feinheit und Charakter. Natürlich könnte man noch ein paar mehr Aromen einfordern, doch irgendwie passt für mich persönlich hier schon sehr viel gut zusammen. Kein dramatischer Wuchtbrand, mehr was für die edlen, leichten Momente zwischendurch.


Der Antrim Cocktail, in der abgewandelten Rezeptur, die hier vorgestellt wird, ist nagelneu, fühlt sich dabei aber weiterhin sehr klassisch, durchaus präprohibitionsartig an, wie er ursprünglich auch von Charles H. Baker erfunden wurde. Getrieben ist er von Weinbrand und Portwein, das ist also definitiv etwas, in dem man sich auf wenige Basismaterialien konzentriert, das hat durchaus schon für sich einen intellektuellen Charme, aber ich bin auch ein verkopfter Cocktailnerd, was sowas angeht. Abseits dieses Aspekts schmeckt er aber einfach hervorragend, und der Cocktail von der Insel passt richtig gut in die Mixtur.

The Antrim Cocktail

The Antrim Cocktail
1oz / 30ml Tawny Port
1oz / 30ml Cognac
2 Spritzer Orange Bitters
1 Teelöffel Gomme-Sirup
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Selma Slabiak]


Die bauchige Flasche des Camus Île de Ré Fine Island Cognac liegt gut in der Hand, das Etikett ist üppig gestaltet mit sehr hübschen Illustrationen, die auch die scheinbar so paradoxe Situation gut darstellen – Weinreben und Sandstrand, das ist gut gemacht und erklärt vieles schneller als meine laberigen Einleitungsworte. Da kommt doch Feeling auf, muss ich sagen. Der Karton, in dem die Flasche geliefert wird, ist ähnlich attraktiv designt, das hat schon Geschenkpotenzial für den Weinbrandfreund, der sonst alles schon kennt.

Gerade jenem möchte ich diese Abfüllung auch empfehlen, das ist interessant und unterhaltsam, insbesondere weil man hier tatsächlich im Ansatz die in der sich doch etwas gesetzten Cognacwelt, die man mehr mit alten Herren assoziiert, oft vermisste Exotik findet. Aber auch, wer sich noch nie mit Cognac auseinandergesetzt hat und etwas Leichtes, oder einen wunderbar funktionellen Mix-Weinbrand für die exklusive Heimcocktailbar, sucht, macht bei einem Kauf nichts falsch!

Bier am Freitag – 7PK Blonde Tripel Haverbier

„7PK“ steht für 7 „paardenkracht“, also Pferdestärken, man greift damit das Bild von den in Limburg scheinbar weiterhin traditionell von Pferden an den Waldrand gezogenen Baumstämmen auf, mit denen man den Wald vor schweren Maschinen schützt. Ähnlich traditionell geht man in der Brouwerij Anders! in Halen, Belgien, an das Brauen des 7PK Blonde Tripel Haverbier heran, mit Aromahopfen und dem namensgebenden Zusatz von Hafer, das man dort für vzw De Winning Maatwerk herstellt. 7,0% Alkoholgehalt sind eben genau die 7PS, und wenn man auf dem Etikett nachliest, findet man noch „Karwij“ als Inhaltsstoff, also Kümmel. Das hört sich insgesamt nach einem starken Bier an!

7PK Blonde Tripel Haverbier

Terracotta, naturtrüb, wunderbar opalisierend. Sehr feines Mousseux, das man nur sieht, wenn man genau hinschaut. Der Schaum ist eierschalefarben, hauptsächlich sehr flaumig und fein, mit einzelnen Luftkammern dazwischen. Die Nase ist getreidelastig, malzig-weich und mit milden Tönen von Stroh und Cashewnüssen. Der Hafer ist nicht nur optisch erkennbar, auch im Geruch taucht er auf.

Im Mund fühlt sich das Bier an wie ein Marshmellow, so fett und fluffig, mit einer derart cremig-festen Textur, dass man das 7PK fast kauen kann, und dieses Gefühl steigert sich sogar im Verlauf. Aromatisch kommt hauptsächlich süßes, weiches Getreide vor, etwas Stroh, gegen Ende taucht noch ein bisschen Hopfenfrucht auf, ohne sich aber nach vorne zu drängen. Die Rezenz ist trotz des fetten Körpers klar gegeben, die Karbonisierung sorgt für ordentlich Aufstoßen. Der Abgang ist trocken und leicht säuerlich, mittellang, dann plötzlich vorbei und hinterlässt nur ein leichtes Belegungsgefühl auf der Zunge, mit einer Idee von Jasmin als Nachklang.

Das trinkt sich gut, unaufgeregt, und dieses kauige Gefühl hat schon was für sich. Mir gefällt das als Genussbier für Zwischendurch, man hat lange was daran, ohne sich gedanklich wirklich extrem daran aufhalten zu müssen. Ja, das ist ein Kompliment für jemanden, der Schwierigkeiten hat, sich von der Analyse lösen zu können beim Trinken!

Nullprozent Wildberry – Polly Alcohol-Free French Aperitif

Die moderne Gesellschaft ist zwiegespalten, in vielerlei Hinsicht. Auch beim Konsum von Genussmitteln zeigt sich das immer stärker. Tabak ist schon eine Weile ein Opfer dieses unaufhaltsamen Trends geworden, die schädlichen Aspekte von nicht unbedingt nötigen Dingen mehr zu berücksichtigen als die, wegen deren man überhaupt erst angefangen hat, sie zu sich zu nehmen; und das, obwohl es schon seit hundert Jahren oder mehr bekannt ist, was man sich mit Nikotin und Alkohol so antut. Bis vor ein paar Jahren war der Wunschasket allerdings in dem Dilemma, dass es keine Alternativen zum ungesunden Genuss gab, und so immer der Verzicht als einzige Lösung dieses Problems schien. Für Tabakfreunde ist es auch heute noch so, dass es nichts gibt, was das Erlebnis einer guten Zigarre oder sogar Zigarette (im Sinne des Genusses, nicht der Suchtbefriedigung) ersetzen könnte; beim Alkohol nähern wir uns dem dagegen schon langsam aber sicher an.

Bei Polly hat man inzwischen ein breites Portfolio an alkoholfreien Produkten entwickelt, das eben dieser Person, die auf schädlichen Alkohol verzichten will, dennoch aber dem Genuss nicht abgeneigt ist, einen Ausweg bieten soll. Der neueste Zugang ist hier der Polly Alcohol-Free French Aperitif, der, so vermute ich einfach mal frech, ein Ersatz für den weiterhin extrem beliebten Lillet Blanc darstellen soll. Ich dachte für diesen Fall einfach mal, dass ich für einen kleinen Abend unter Freunden, die gerne Lillet Wild Berry trinken, den French Aperitif mitbringe und ihn sozusagen in freier Wildbahn ausprobiere – es soll ja nicht nur der Gaumen des schon vorgeschulten Testers zu Wort kommen, sondern auch die tatsächliche Zielgruppe. Wie es ausging, erfahrt ihr am Ende des Artikels, erstmal will ich dann doch ein paar Notizen aus meinem Munde mitteilen.

Polly Alcohol-Free French Aperitif

Im Glas erkennt man, dass sich eine minimale Tönung zeigt, nichtmal strohig, eher crèmefarben. Die deutliche Viskosität, die sich beim Bewegen des Glases offenbart, weist für mich schonmal darauf hin, dass man hier nicht einfach nur aromatisiertes Wasser abgefüllt hat.

Die Nase gefällt mir auf eine verrückte Art und Weise sehr, auch wenn sie pur im Glas hart an der Grenze des Künstlichen liegt. Die Mischung aus Frucht, Gewürzen und Blumen erinnert schon sehr an Fruchtkaugummi. Dennoch ist da insbesondere diese an erdig-aromatische Parfüms erinnernde Gewürzkomponente, etwas Nelken, etwas Sternanis, etwas Muskat, dazu Zimt und Vanille, die mich wirklich sehr anspricht und alle Gedanken über Künstlichkeit wegwischt. Tatsächlich schnuppert sich der Polly French Aperitif für mich klar eher wie ein Parfüm als wie eine Spirituose – im positiven Sinne gesprochen. Sehr faszinierend!

Polly Alcohol-Free French Aperitif Glas

Wie bei allen Polly-Produkten ist der Purgenuss nicht Ziel der Übung, darüber macht einem der Hersteller nie Hoffnungen; ganz so weit sind wir mit alkoholfreien Spirituosenalternativen dann halt doch nicht. Dennoch probiere ich nun pur. Und, ich bin überrascht, das funktioniert beim French Aperitif im Gegensatz zum bereits probierten Mexican Classic auch so. Weiche und volle Textur, ausgeprägte Aromen von reifem Pfirsich und Kirschen, dazu Zwetschgen, schöne orangige Zestigkeit mit einer milden, aber effektiven Bittere, frische Blumigkeit von Rosen und Veilchen, und spät dann eben diese Gewürzaspekte, die ich bei der Nase schon angesprochen hatte – das geht richtig gut zusammen, eine tolle Kombination aus interessanten Aromen. Im Abgang klingt noch angenehm herbe Bittere nach, mit Eindrücken von Grapefruit und Zimt.

Na, was soll ich sagen, hier hat man einen echten Treffer gelandet. Das hat wirklich den Charakter eines milden, leichten Aperitifs, kräftige Aromen – und man hat dabei nie das Gefühl, als wäre da kein Alkohol drin, etwas, was mich wirklich überzeugt. Blind hätte ich das niemals als alkoholfreien Aperitif eingeordnet, low-abv sicher, aber komplett alkoholfrei? Irre, das ist wirklich gut gemacht.


Die „Milk Bar“ war einst in Saarbrücken eine Institution – nicht nur, weil ich dort zum ersten Mal einen El-Dorado-Rum getrunken hatte vor langer Zeit, und nicht nur, weil von dort ausgehend das am Sankt-Johanner-Markt jedes Jahr das Primeur-Fest mit Hektolitern des jungen Beaujolais auszuufern drohte, sondern einfach weil der Besitzer ein cooler Typ ist, der immer eine Drinkidee für einen hatte, entspannt war, wenn man das Essen in die Bar bestellte, und als einzigen Feind die Nachbarin im gleichen Haus hatte, die sich über den Lärm beschwerte; sogar im Fernsehen wurde das ausgetragen als Saarbrücken’s zeitweiser Claim to Fame, die Milk Bar bot alles. Auch diesen speziellen Drink: der La Perla wird meist mit anderen Rezepten angegeben, so wie unten steht wurde er dort serviert. Ein Low-ABV-Drink, mit dem French Aperitif als Ersatz für den Lillet Blanc noch ein bisschen leichter. Für die anderen Zutaten gibt es ja heutzutage auch Alternativen – wer es komplett alkoholfrei probiert, lasse mich bitte wissen, wie es lief!

La Perla "Milk Bar Style" Cocktail

La Perla „Milk Bar Style“
1oz / 30ml Martini Rosso
½oz / 15ml Lillet Blanc
¼oz / 7ml Lime Cordial
1 Spritzer Himbeerlikör
Auf Eis rühren. Aufgießen mit Crémant.

[Rezept nach der Milk Bar, Saarbrücken]


Die Flasche ist im bereits bekannten Polly-Format, das Etikettendesign orientiert sich auch hier am flächigen, holzschnittartigen Stil, der gefällt und nicht übertrieben wirkt. Ich habe ein Paket bekommen, in dem neben der French-Aperitif-Flasche noch zwei Kleinflaschen Schweppes Wild Berry, das als Filler für den empfohlenen Signature Drink dienen soll, und zwei Gläser enthalten waren, stilsicher hält man sich auch bei dem Karton an das Corporate Design. Da weiß jemand, was sie oder er tut.

Zurück zum Anfang – bei dem schönen Abend kam die Mischung aus Polly French Aperitif und Schweppes Wild Berry, mit ordentlich Eis und nur leicht umgerührt und etwas dekoriert, ausgesprochen gut an. Alle waren verblüfft, dass es sich um einen alkoholfreien Drink handelt, keiner vermisste irgendwas, und der Geschmack hat alle voll überzeugt, manche haben direkt ihr Smartphone gegriffen und nach einer Bezugsquelle gesucht. Ein größeres Kompliment kann man einem Produkt wohl kaum machen!

Offenlegung: Ich danke Polly für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Probierpakets mit dem French Aperitif.

Bier am Freitag – BRŁO Berliner Weisse

Ich mag Sauerbier, seitdem ich meinen (zugegebenermaßen für Biernerds sehr späten) Erstkontakt damit hatte, und freue mich immer wieder, wenn ich ein gut gemachtes Bier dieses besonderen Stils im Glas finde. Den meisten ist er wahrscheinlich nur über die traditionelle Berliner Weisse bekannt, und das, obwohl der Stil am Aussterben ist. Ein paar einzelne Brauer versuchen weiterhin, sie am Leben zu erhalten – dazu gehören auch die Craftbrauer von BRŁO, die mit ihrer BRŁO Weisse das Projekt Biererhaltung unterstützen. „Unsere Berliner Weisse trinkt man kalt und pur“ sagen die Brauer, das ist schon ein anderes Selbstverständnis als das der Brauer, die eigentlich ihre Weisse nur als Basis für grüne und rote Mischgetränke sehen.

BRLO Berliner Weisse

Ein sehr lautes Bier beim Eingießen, da zischt und faucht es lange, selbst nachdem sich der zunächst feinblasige Schaum zügig und knisternd komplett abgebaut hat, die sehr kräftige Perlage sorgt weiterhin für ordentlich Geräuschkulisse. Deutliche Trübung sieht man, wenn man sich vom ohrenbetäubenden Lärm loslöst, farblich in blassem Bernstein gehalten. Der süßsaure Geruch ist sehr typisch für den Stil. Ich rieche hier Milchsäure, wie bei Naturjoghurt, aber das BRŁO hat auch eine deutlich fruchtige Seite, Zitrone und Himbeere, vielleicht Stachelbeeren. Bereits in der Nase ist es also als Sauerbier erkennbar, da freue ich mich als Liebhaber dieser Art von Biere schon auf den ersten Schluck.

Kräftig sauer ist es dann auch, sogar mit leichtem Kratzen im Nachgeschmack. Angenehm rezent durch die Säure und aber auch den starken Kohlensäuregehalt, dennoch wirkt es irgendwie weich und dicht im Mundgefühl. Saure Beeren sind der dominante Eindruck, Johannisbeeren, noch nicht durchgereifte Brombeeren, Stachelbeeren, ein Tick Limette dazu, und eine den angegebenen 5 IBU angemessene Bittere, unterstützt vom Cascade-Aromahopfen. Begleitet wird das von einer unterschwelligen fruchtzuckerlastigen Süße. Der für Weisse üblich reduzierte Alkoholgehalt, hier 4%, ist unschmeckbar, sorgt aber für gute Süffigkeit. Wenig Körper. Milde Bierwürze. Abgang trocken und leicht würzig, aber vom aromatischen Gesichtspunkt aus praktisch nicht existent. Die Säure bleibt als bestimmendes Element noch etwas im Rachen.

Es ist Samstag im Juli 2023, die Sonne brennt unerbittlich heute. Ich kann mir kein besseres Bier für diese Situation vorstellen als das BRLO Berliner Weisse. Ehrlich, das ist leicht genug und aromatisch trotzdem unterhaltsam, und erfrischt wunderbar. Toll gemacht.