Die Zeit verfliegt. Mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen, als mein Artikel über regionale Spirituosen im Magazin BRANNT 2022 erschien; inzwischen kann man ihn hier online nochmal nachlesen, falls man es damals im Print verpasst hat. Dort hatte ich auch die Macher hinter dem Stork Club Straight Rye Whiskey der Spreewood Distillers in Schlepzig, den ich heute hier vorstellen will, interviewt, ein unterhaltsames Gespräch, in dem ich viel über die Sichtweise von Steffen Lohr, Sebastian Brack und Bastian Heuser, die die Brennerei 2015 übernommen und umgebaut haben, erfahren konnte. Nach dem Gespräch merkte ich, dass ein nicht unerheblicher Bestandteil aber noch fehlte, um wirklich zu begreifen, was dort gemacht wird: den Whiskey selbst zu probieren. Das hole ich nun zusammen mit meinen Lesern nach.
Der Grund, warum ich die Spreewood Distillers für meinen Artikel ausgesucht hatte, ist direkt erklärt: der Stork Club Straight Rye Whiskey basiert auf einer Mashbill aus 100% deutschem Roggen, sogar eigentlich extrem regional gesourcten Roggen von Bauern innerhalb eines Umkreises von 5km um die Brennerei. Näher geht kaum, und auch wenn ich bei Getreide vorsichtig bin, das Wort Terroir einzusetzen, passt es hier wahrscheinlich einfach gut, weil auch die anderen Begleitumstände so örtlich gebunden sind. Whisky selbst ist in den heutigen Zeiten ja auch bei weitem nicht mehr so als so exotisch empfunden, dass man sich ernsthaft die Frage „deutscher Whisky? Geht das überhaupt?“ stellen kann, viele Dutzend Brenner haben schon lange bewiesen, ja, das geht natürlich, gut sogar. Und der Stork Club Rye kann sogar als Beispiel dafür herhalten. Gießen wir uns ein Glas ein und verifzieren das.
Mir gefällt es, wenn das Design den Inhalt der Flasche aufnimmt – die vielen kupfernen Applikationen am Flaschenhals, dem Stöpsel und dem Etikett treffen zwar nicht hunderprozentig die Farbe der Flüssigkeit, nähern sich dem leuchtenden Gold im Glas aber doch an. Leichte Viskosität sieht man darüber hinaus, auch wenn das Glaswandverhalten eher unauffällig bleibt.
Geruchlich nehmen wir erstmal ganz gelassen den doch erkennbaren Unterschied zu einem klassischen amerikanischen Roggenwhiskey an. Da fühle ich eine sehr viel deutlichere Nähe zu einem gelagerten Korn als zu einem Bourbon, etwas, was aufgrund der Herkunft auch nicht verwundern sollte, im Gegenteil – ich finde es gut, dass man hier nicht schlicht die Aromatik kopiert, sondern sich zwar am Vorbild orientiert, aber etwas eigenes macht. Sehr getreidig, würzig und gewürzig, mit schöner, tiefer Fruchtnote, die etwas an reife Birne und Quitte erinnert. Deutlich erdig, meine ich sogar, was die minimale Ethanol- und Kleberkomponente gut auffängt.
Das Mundgefühl ist für die eingesetzten 45% Alkoholgehalt zunächst sehr weich und fast zart, mit filigraner Struktur, die den Gaumen für das Kommende vorbereitet. Eine schwere, aromatische Süße, erinnernd an Ahornsirup oder Kandiszucker, wird im Verlauf durch kräftig-würzige Pfeffrigkeit ersetzt, mit der auch etwas Trockenheit einhergeht, ohne dass wirkliche Astringenz aufkommt. Die Aromatik, die wir schon erschnuppert hatten, wird sehr sauber auch auf den Geschmack übertragen, das bildet sich fast 1:1 ab, eben mit der Getreidelastigkeit, der Erinnerung an Lagerkorn, und dem erdigen Späteindruck. Etwas Karotte erinnert dann doch an Bourbon, und eine klare Minzkomponente entsteht im Abgang, die die Zunge leicht anästhesiert und einen Frischehauch im Mund zurücklässt. Der Nachhall besteht dann wieder aus Getreide, und Holz, das mit etwas Vanille abgerundet ist.
Insgesamt mag ich diese Interpretation eines Roggenwhiskys, sie wirkt leichter und frischer, weniger schwer als das amerikanische Vorbild, bleibt aber dennoch aromatisch und dicht, mit schöner, runder Struktur. Handwerklich ohne Frage sehr sauber gebrannt ist der Stork Club Rye darüber hinaus, das liegt einfach gut im Mund und rutscht auch ohne Klemmen durch.
Die Idee von Steffen Lohr, Sebastian Brack und Bastian Heuser ist es, eine deutsche Alternative zum Überseewhiskey anzubieten, insbesondere auch für die Bar. Das gelingt ihnen ohne Frage, und man kann das selbst zuhause im Deckside Derby ausprobieren. Der Stork Club liefert die Basis, die anderen Zutaten ergänzen die bereits bestehende Aromatik weiter. Eine schöne Variante eines klassischen Whiskey Sours, mit mehr Varianz als das Original, wenn man mich fragt.
Deckside Derby
1½oz / 45ml Rye Whiskey
1oz / 30ml Grapefruitsaft
¾oz / 23ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Honigsirup
¼oz / 7ml Allspice Dram
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken, auf frisches Eis abseihen.
[Rezept nach Nobian Henan]
Zur Flasche und zur Präsentation habe ich ja oben schon etwas gesagt, ein gelungenes Design, wie ich finde, da passt schön alles ineinander, und die Flasche liegt auch gut in der Hand.
Für alle, denen Regionalität etwas bedeutet, und die trotzdem natürlich nicht auf internationale Qualitätsstandards verzichten wollen, ist der Stork Club Straight Rye Whiskey natürlich voll ans Herz zu legen. Für die Heimbar taugt er als Variabilitätsbringer für Cocktails, und ist auch pur sehr angenehm zu genießen. Man muss also nicht in die weit entfernten USA oder nach Kanada blicken, will man guten Roggenwhiskey haben – das geht auch im kleinen Schlepzig, wenn man gute Materialien und Leute dafür hat, wie das dort offensichtlich der Fall ist.


























