Rye wie er sein soll – Bulleit 95 Rye Frontier Whiskey

Deutlich ist schon an der Farbe, ein sattes, tiefes, rötliches Braun, zu erkennen, dass wir hier etwas kräftigeres vor uns haben. Im Vergleich zum preislich ähnlich gelagerten Jim Beam Rye (Yellow Label), bekommt man hier eben statt 51% ganze 95% Roggenanteil in der Maische. Das schmeckt man deutlich – eine sehr feine Würze durchzieht sowohl den Geruch als auch den Geschmack. Kräftig und voluminös, dabei aber auch sehr mild und kaum brennend im Geschmack, bietet der Bulleit Rye dann auch im Nachgang so einiges. Lange bleibt das Aroma insbesondere auf der Zungenspitze. Eine zarte Wucht, auch dank der 45% – Alkohol ist eben ein Geschmacksträger.

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Dieser Rye macht sich auch in einem Cocktail richtig gut, da müssen die anderen Zutaten ordentlich arbeiten, um gegen ihn anzukommen. Doch trotz des martialischen Namens spielt er gut und freundlich mit, z.B. in einem exquisiten The Billionaire.

The Billionaire


The Billionaire
2 oz Rye Whiskey (z.B. Bulleit 95 Rye)
1 oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
½ oz Granatapfelsirup
¼ oz Absinthe (z.B. La Pontissalienne)
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Dushan Zaric]


Mir gefallen die Bulleit-Flaschen sehr. Sowohl die Rye- als auch die Bourbon-Flasche sind optisch hervorragend, ansprechend designt.

bulleitrye2-borderViel offene Fläche dank der nur kleinen Etiketten, die stilistisch sehr rustikal wirken, also passend zum Getränk – so kann man den herrlich farbigen Inhalt bewundern; die eingegossene Marke macht echt was her; ein echter Korkstopfen zeigt, dass man keine massenproduzierte Ware (was amerikanische Maßstäbe angeht, natürlich!) vor sich hat.

Ein idealer Anfänger-Rye – und auch Kenner sollten mal einen Blick auf diese Brüder werfen, wenn sie die ganzen Rye-Wuchtbrummen mal satt haben und statt dessen von weicher Milde sanft gewiegt werden wollen.

Mal so am Rande – Salz- und Zuckerkrusten für Cocktails

Für Cocktailglas-Krusten habe ich ein tolles Werkzeug gefunden, das mir gut dabei hilft, Krusten schnell und mit wenig Aufwand herzustellen. Früher musste ich einen kleinen Teller finden, der vom Durchmesser her für das Zielglas passte, diesen Teller dann mit Zucker oder Salz bestreuen, und letzen Endes das Streugut nachher wegwerfen, weil ich es nicht vernünftig zurück in den Behälter bekommen habe.

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Mit dem Krustenmacher (in Ermangelung eines besseren Worts), zu finden auf Ebay oder Amazon, ist das viel leichter, und er ist für Salz und Zucker gleichzeitig nutzbar.

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Und wenn man seine Kruste schnell gemacht hat, klappt man das ganze Ding einfach zusammen und kann es platzsparend und abgedeckt verstauen. Es ist auch ein Schwamm für Zuckerwasser dabei, den ich aber nicht nutze – das bringt nur was, wenn man an einem Abend schnell mal 20, 30 Krusten machen muss. Sonst ist das eher eklig.

Wie macht man so eine Kruste? Eigentlich ganz einfach. Man nimmt das Glas und reibt den Rand etwas mit einer zuckerhaltigen Flüssigkeit ein. Ich finde eine Limettenhälfte, die man beim Cocktailmachen eh meist zur Hand hat, sehr gut geeignet. Genausogut funktioniert aber auch Zuckersirup. Wasser dagegen ist ungeeignet – es klebt den Zucker oder das Salz nicht fest.randmitlimette

Man muss darauf achten, wirklich nur sehr vorsichtig und wenig von der Klebeflüssigkeit an den Rand zu bringen. Ein leichtes Reiben, idealerweise mit umgedrehtem Glas auf der Limette und nicht umgekehrt, bringt den besten Effekt.

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Wenn man es übertreibt, oder das Glas nicht auf dem Kopf hält, führt das zu unschönen, übermäßigen, ungleichmäßigen Rändern, wie man auf dem Foto oben sieht.

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Richtig gemacht dagegen finde ich einen Salzrand an einem Cocktailglas sehr ansprechend. Er betont das Glas und gibt eine exotische Note. Man lässt die Klebeflüssigkeit nun also ein wenig antrocknen, so eine halbe Minute vielleicht, und stülpt das Glas dann in die Streugutfläche.

Etwas warten, bis der Rand klebt, dann das Glas abheben und leicht anrütteln, um den überflüssigen Krümelkram wegzubekommen. Das Ziel ist kein fetter, dicker Rand, sondern eine feine Linie, die nur oben auf dem Glasrand entlangschweift. Falls es nichts geworden ist, einfach das Glas kurz abspülen und wiederholen.

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Bei Zucker darfs bei mir meistens ein bisschen mehr sein als beim Salz – letztlich ist das aber eine persönliche Sache, und eine, wie der Cocktail, der nachher ins Glas soll, geartet ist: Ein starksaurer Cocktail kriegt einen mächtigeren Rand als einer, der eh schon süß ist.

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Salz für Krusten mag nicht jeder – doch zu manchen Cocktails, wie der klassischen Margarita, gehört einfach eine Salzkruste. Normales Jodsalz empfinde ich als zu scharf für Salzkrusten- sowohl vom Geschmack, als auch von der Struktur. Auf so ein Salzkorn zu beißen ist eher unangenehm. Persönlich mag ich daher Salzkrusten mit Himalajasalz sehr gern. Das Salz ist geschmacklich milder als das Kochsalz, das man zum Kochen verwendet, es hat eine unregelmäßige Struktur und ein spannendes Farbmuster.

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Beim Zucker gibt es für mich 3 Varianten: Beim normalen Kristallzucker habe ich ein bisschen Langeweile. Puderzucker ist dagegen etwas empfindlich. Er gibt sicherlich einen optisch sehr ansprechenden Effekt und ist auch beim Trinken kaum zu spüren, doch verwischt er auch schnell und zieht dann unschöne Schlieren am Rand entlang. Am liebsten verwende ich braunen Rohrzucker. Die sehr grobe Struktur ist hübsch anzuschauen, und knirscht etwas beim Trinken, im Gegensatz zum Kochsalz ist es aber gar nicht unangenehm, auf so ein Korn zu beissen.

Ein fertiges Beispiel – ein Cable Car Cocktail mit Zuckerkruste. Getränke mit Kruste serviere ich grundsätzlich ohne Strohhalm – das Lutschen an der Kruste gehört mit zum Gesamtgenuss.

Cable Car Cocktail

 


Cable Car
1½ oz Spiced Rum (z.B. Captain Morgan’s Spiced Gold)
¾ oz Orangenlikör
1 oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Zuckerrand servieren.
[Rezept nach Tony Abou-Ganim]


Wenn es mal was noch außergewöhnlicheres sein soll, kann man sich auch einen Drink mixen, der die Kruste schon im Namen trägt: den Brandy Crusta. Er steht in diesem Blogbeitrag stellvertretend für alle Crusta-Drinks, die man heutzutage in dieser Form leider kaum mehr in Cocktailbars serviert bekommt. Zu aufwändig ist vielen Bartendern die Herstellung. In der Heimbar sollte dieser zu Unrecht unbekannte Cocktail daher in Ehren und am Leben gehalten werden.

Brandy Crusta Cocktail


Brandy Crusta
2 oz / 60ml Brandy
½ oz / 10ml Zitronensaft
¼ oz / 5ml Triple Sec
¼ oz / 5ml Zuckersirup
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Zuckerkruste und einer großen Zitronenschale servieren.
[Rezept nach Joseph Santini]


Die Kruste ist hier zweiteilig: Erst eine normale Zuckerkruste am Glasrand, wie oben beschrieben; und schließlich eine große Zitronenzeste, ins Glas gerollt, so dass sie vom Rand über dem Drink gehalten wird.

Wie man sowas allerdings trinkt, überlasse ich jedem selbst. Ein Strohhalm würde, wie gesagt, den Sinn der Kruste ad absurdum führen; ich stupse die Zeste vor dem Trinken einfach runter ins Glas.

Wahrhaft kaiserlicher Biergenuss – Camba Bavaria Imperial IPA

Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Biersorten ich bisher verpasst habe. Nachdem ich nun IPAs und Stouts verkostet habe, tritt nun schon wieder ein neuer Spieler auf die Bühne: Das Imperial IPA. Von manchen Herstellern auch Double oder Extra IPA benannt, passt die Bezeichnung „Imperial“ eigentlich schon gut: Das ist die Kaiserkrone des Ales.

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Der Craft-Beer-Brauer Camba Bavaria aus Oberbayern hat mit dem Imperial IPA eine dieser Biersorte ausgesprochen würdige Marke hervorgebracht. Ein unglaublich aromatisch-fruchtiger Geruch nach Zitrusfrüchten hüpft aus dem Glas und kitzelt die Nase auf angenehme Weise. Die kräftige Kupferfarbe, gekrönt von nur dünnem Schaum, lässt schon ahnen, worauf wir uns da einlassen.

Und die Nase hat sich nicht getäuscht: Als würde man Grapefruitsaft pur trinken. Ein extrem knackiger Bums lässt mich staunen, da merkt man echt, dass man was im Mund hat. Wunderbar erfrischend, bei guter Kühlung, füllt das Bavaria Imperial IPA den Mund mit einem fruchtig-hopfigen Zitrusfrucht-Biergeschmack, den ich in dieser Intensität sonst noch nirgends schmecken durfte. Gerade die umwerfende Bitterkeit, selbst für ein IPA, ist ein Traum. Während andere Biersorten auch bitter sind, wird bei ihnen die Bitterkeit oft von Schärfe oder einer Kratzigkeit begleitet. Nicht so bei diesem Bayern: Mild, weich, rund. Keine Spur von Rachenkratzen. Und am Ende ein sehr langandauernder Nachgeschmack nach Grapefruit, ganz ohne Aromastoffe, rein natürlich aus dem Hopfen.

8,4% Alkohol und 19,9% Stammwürze gehen sogar über ein Doppelbock hinaus, und das sollte man beim Trinken berücksichtigen: Das Zeug steigt schnell zu Kopf, ohne dass man es gleich merkt. Der Drittelliter in der Standard-Bierflasche zum Mittagessen ist jedenfalls schon ausreichend, um mich schnell dazu zu bringen, mich zügig aufs Sofa zu einem Mittagsschläfchen zu legen.

Das Etikett ist, wie bei diesen modernen Sorten üblich, nicht mit der steifen Popanzetikettiererei der konventionellen Bierhersteller vergleichbar; der Hersteller nutzt die Farben, um die unterschiedlichen Biersorten auf den ersten Blick klarzustellen. Vielleicht ein bisschen zu übertrieben für meinen Geschmack ist das Design.

Ganz klar: Das Camba Bavaria Imperial IPA ist das beste IPA, das ich bisher verkostet habe. Ein Bier, das ich bedenkenlos weiterempfehlen kann, und das mit rund 2€ die Flasche noch nicht einmal übermäßig teuer ist. Man muss also nicht unbedingt in die USA, die Heimat des Imperial IPA, schauen, um sich einen herausragenden Vertreter dieser spannenden Biersorte in den Kühlschrank zu holen. Das Gute liegt oft näher, als man denkt!

Zigarre für Nichtraucher – Victor Sinclair Bohemian Bamboo

Bei manchen Zigarren muss man sich überwinden, sie an den Mund zu führen, so hässlich sind sie. Die Bohemian Bamboo des dominikanischen Herstellers Victor Sinclair dagegen verleitet einen geradezu: Selten habe ich eine optisch so schöne Zigarre gesehen.

bamboo1Ein wunderbar glattes, feinadriges Deckblatt in einem hellen Farbton (Connecticut) fühlt sich aber auch sehr gut an und ist weich beim Druck. Die hübsche, leicht verschieb- und abnehmbare Banderole zeigt ein Bambusfeld. Ein interessantes Detail ist das kleine „Schweineschwänzchen“ am Mundstück – handgemachte Zigarren können so einen Tabaksknoten bieten, ebenso das zugefaltete „rough-cut“-Endstück.

bamboo3Von der Größe her vermute ich (leider habe ich die Zigarre in einem Anflug von Stress gekauft, ohne die Details vom Verkäufer zu erfragen, der mich beriet – und die Homepage des Herstellers ist erwartungsgemäß unauskünftig), dass es sich um die Vesuvio-Version handelt. Circa 12cm rauchen sich in etwas über einer halben Stunde bequem runter.

bamboo2Der Kaltgeruch ist ein eher mittelmäßig begeisterndes Pferdestallaroma. Das Raucherlebnis war für mich, wie so oft, zweigeteilt – nur diesmal andersherum als erwartet.

Die erste Hälfte ließ mich etwas ratlos zurück: Ein hoher Zugwiderstand, gekoppelt mit unbefriedigend niedrigem Rauchvolumen. Entsprechend auch geschmacklich äußerst mild, mild bis zum Punkt der Aromalosigkeit. In der zweiten Rauchhälfte dann allerdings besser in allen Beziehungen: Der Zugwiderstand nimmt aufgrund der kürzeren Länge klarerweise etwas ab, dafür steigt das Rauchvolumen in angenehme Bereiche. Extrem mild bleibt sie trotzdem, das maximale, was man herausschmeckt, ist eine leicht Nussigkeit, etwas Holz, sonst aber wenig Aromen.

bamboo4Gerader Abbrand und feste Asche liebe ich an Zigarren; die Bohemian Bamboo überzeugt diesbezüglich voll.

Insgesamt eine Zigarre, die aufgrund ihrer Zurückhaltung auch für Zwischendurch mal geeignet ist; sie passt gut zu milden Getränken wie dem Gin Fizz auf dem Foto, ich würde sie nicht zu Stärkerem empfehlen, da kann man dann das Rauchen gleich ganz sein lassen.

Wer supermilde Zigarren mag, oder erste Schritte hin zum Genuss des Tabaks machen möchte, kann sich diese Zigarre gönnen; persönlich mag ich dann doch etwas aromatischere, stärkere, interessantere Zigarren.

In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Leckerei – The Bitter Truth Pimento Dram Allspice Liqueur

„Weihnachten“ ist in der Tat der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man diese Flasche öffnet. Nelken, Zimt und Lebkuchen und ähnliche Gerüche lassen einen erstmal an einen Süßigkeitenstand auf dem Weihnachtsmarkt denken; doch wenn man dann einen Schluck probiert, kommt ein vielschichtigerer Geschmack zustande – das ist durchaus Muskatnuss-würzig, pfeffrig, eine Spur scharf und dabei gleichzeitig süß.

The Bitter Truth Pimento Dram Allspice Liqueur

Allspice, der Begriff, der in vielen Cocktailbüchern für diese Zutat gebraucht wird, ist daher schon passend – der Jamaika-„Pfeffer“, der als Grundlage dient, ist an sich schon ein überraschendes Gewürz, das die Entdecker damals nicht einordnen konnten, und ihm daher einfach als Allgewürz bezeichneten.

Erneut, wie schon beim Veilchenlikör desselben Herstellers, eine Cocktailzutat, die man pur kaum trinken kann, weil sie dermaßen dicht, voluminös und überwältigend daherkommt. Die Konsistenz ist dick und klebrig, die Farbe tiefbraun, und man muss bei Cocktails aufpassen, denn Allspice macht schnell alles andere platt, was man an Zutaten in den Shaker gibt.

Dafür bekommt man eine unglaublich intensive Note in das Mischgetränk, unverkennbar und von jedem, dem Sie einen Cocktail damit vorsetzen, werden Sie ein überraschtes Gesicht und ein ebensolches „Ah!“ bekommen. Als Signaturcocktail empfehle ich den wirklich außergewöhnlichen The Ancient Mariner.

The Ancient Mariner


The Ancient Mariner
1 oz gereifter Rum (z.B. Pampero Aniversario)
1 oz Jamaikanischer Rum (z.B. Myers‘ Rum)
¾ oz Limettensaft
½ oz Grapefruitsaft
½ oz Zuckersirup
¼ oz Bitter Truth Pimento Dram
Auf Eis shaken und ungestraint ins Gästeglas geben.
[Rezept nach Jeff „Beachbum“ Berry]


Aus diesem Cocktail schmeckt man wirklich alle Zutaten heraus, die Bitterkeit der Grapefruit, die Süße des Rums und des Zuckers, den starken Eigengeschmack des Myers‘, und dann die Lebkuchennote des Allspice. Fantastisch.

Ergänzt wird das ganze durch die übliche, tolle The Bitter Truth-Präsentation mit dicker Flasche, gutem Schraubverschluss und tollem Etikett.

Bananensaft – Jack Daniel’s Old No. 7 Tennessee Sour Mash Whiskey

Immer wieder ernte ich verwirrte Blicke von Bekannten, die mich nach meiner Meinung über Jack Daniel’s Old No. 7 fragen. Doch ich kann nicht anders – bereits der Geruch des Old No. 7 ist für mich eindeutig, und klar erkennbar: Banane.

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Nach der Geruchsprobe, die für einen amerikanischen Whiskey recht eindimensional daherkommt, praktisch komplett ohne Eiche oder Würze, schließt sich die Geschmacksprobe dem an. Extrem mild, weich, rund, fast schon zart (das sprichwörtliche „mellow“) – dann im Abgang ein leichtes Brennen. Doch über allem liegt eine Kokosnote und vor allem dieser extreme Bananengeschmack, der sich nach der Nase nun auch am Gaumen zeigt.

Das ist per se für mich nicht schlecht. Natürlich ist Old No. 7 ein bisschen einfach und unspannend, da gibt es ganz andere Kaliber aus den USA. Doch gerade die Einfachheit, resultierend wahrscheinlich aus der 80% Mais/12% Gerste/8% Roggen-Mashbill, macht ihn wahrscheinlich zu einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“, der jedem schmecken kann – „easy sipping“ ohne Komplexität, die vielleicht verwirren könnte. Und die Marketingmaschinerie von Jack Daniel’s ist sensationell – kaum ein anderer Whiskey ist so bekannt, das zugegebenermaßen sehr ansprechende Flaschen- und Etikettendesign kennt praktisch jeder.

Was macht man mit so einem Whiskey? Für Cocktails ist er eigentlich ungeeignet, weil er zu schwachbrüstig vom Geschmack her ist: Old No. 7 hat keine Chance gegen eine anderen Zutat und würde daher untergehen. Im Longdrink allerdings, mit dem untrennbar mit diesem Whiskey verbundenen Cola, spielt er seine Weiche und Milde und zarte Fruchtnote voll aus. Und selbst pur genieße ich ihn gerne hin und wieder, wenn ich Lust auf etwas unverbindliches, leichtes habe. Daher steht immer eine Flasche in meinem Regal, doch eher bei den Likören als bei den Bourbons und Ryes.

Ein Versuch, die oft übrigbleibenden Reste an Wein noch zu verwerten, ergab den Pink Glow Cocktail, in der Hoffnung, dass trotz oben gesagtem der Whiskey noch rausschmeckbar ist. Und tatsächlich: Die weiche Eichennote und die süße Fruchtigkeit des Old No. 7 ergänzen sich ganz gut mit dem trockenen Beerenaroma des spanischen Rosados, den ich verwendet habe – ein knackig erfrischender Drink mit Hintersinn.pinkglow


Pink Glow
3½ oz Rosé-Wein (z.B. Viñas de Radiquero Rosado 2014)
1 oz Jack Daniel’s Old No. 7
½ oz Orangensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Preislich allerdings muss man vielleicht schon drüber nachdenken, ob einem das Preis-Leistungsverhältnis ausreicht. Denn für das Geld einer 0,7l-Flasche Old No. 7 bekommt man richtig gute Kentucky-Bourbons, die dem alten Jack aus Tennessee geschmacklich ordentlich den Hintern versohlen.

Eins habe ich noch entdeckt, um den Genuss zu komplettieren: Schokolade mit Old-No.-7-Füllung. Dabei handelt es sich um Schweizer Milchschokolade, die mit einem Sirup, der zu 8.5% aus Old No. 7 besteht, und einer Zuckerkruste gefüllt ist.

jackdaniels-schokoladeDie etwas schwächliche Natur dieses Whiskeys sieht man auch daran, dass er kaum eine Chance gegen die Schokolade hat. Man kennt ja vielleicht die Asbach-Weinbrandpralinen – bei diesen spürt man den Schnaps deutlich, und der Weinbrand kombiniert sich schön mit der Schokolade. In dieser Whiskeyschokolade dagegen kommt der Whiskey am Anfang kurz zum Vorschein, und ist dann direkt wieder weg. Bei 4€ pro 100g ist das ein bisschen ernüchternd. Was solls – für den Whiskeygenießer ein kleiner, feiner Snack für die Abendstunde. Man kann den Aromamangel ja auch mit einem Schluck des Füllmaterials aus der Flasche aufputschen.

Fruchtbombe – Calle 23 Reposado Tequila

Fruchtig und frisch, leicht metallisch, und mit einem extrem langen Abgang, den man Minuten später noch am Gaumen schmeckt – der Tequila Reposado von Calle 23 ist eine Geschmacksbombe. Alles, was Tequila ausmacht, schmeckt man hier heraus. Ich kann mir vorstellen, dass das manchen vielleicht schon zuweit geht; wer also lieber einen dezenten, milden Tequila schätzt, sollte sich anderswo umschauen. Das hier ist was für Aficionados, die mit der Agavenwucht umgehen können und wollen. Dabei ist er nie kratzig oder stechend, sondern überraschend weich am Gaumen, praktisch völlig ohne Schärfe oder Alkoholfusel-Geschmack.

Calle 23 Reposado Tequila

Dieser Tequila ist dermaßen aromatisch, dass er nur bedingt für Cocktails geeignet ist. In einer Margarita beispielsweise buttert er alle anderen Zutaten gnadenlos komplett unter. In einem Tequila Boulevardier dagegen ist er so perfekt, dass man sich beim Trinken wundert, wie wunderbar er dem Cocktail eine fruchtige, feine Note gibt.

Tequila Boulevardier


Tequila Boulevardier
1 oz Calle 23 Tequila Reposado
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1/2 oz Campari
1/2 oz Aperol
2 Spritzer Schokoladenbitter


Daher gehe ich davon aus, dass man ihn selbst in Cocktails noch gut rausschmeckt, die noch charakterstärkere Zutaten als Campari (gibts das?) verwenden, und das macht ihn gewiss interessant, denn sonst muss man oft nach Spirituosen suchen, die einen dermaßen klaren Eigengeschmack aufweisen. Für andere Cocktails muss man eventuell die Dosierung reduzieren. Purtrinker allerdings werden kaum einen intensiveren Tequila in diesem Preissegment finden können.

Sehr spannend, aber auch sehr eigen. Wer Tequila mag, kommt an diesem Reposado aus dem Hause Calle 23 nicht vorbei. Das Flaschendesign gefällt durch die aufgedruckte, angedeutete Agave anstelle eines Etiketts; die Flasche selbst ist etwas einfallslos, und der Schraubverschluss ungewöhnlich kurz. Doch das gehört alles zum Markenimage – Qualität ohne großes dümmliches Bohei wie Pistolenglasflaschen oder Sombreros auf der Flasche.

Captain Morgan’s Orange Gold – Pyrat XO Reserve Rum 375ml

Zum Genuss einer Spirituose gehört das Gesamtpaket, und damit meine ich natürlich primär den Inhalt, aber auch die Verpackung, das Design, die Haptik und auch die auditive Komponente. Was gibt es Schöneres in der Spirituosenwelt als das Klicken von Eiswürfeln, die in einem Glas eines Cocktails treiben? Oder das Geräusch, das ein Korken macht, wenn man ihn von einer guten Flasche Single Malt oder Rum zieht?

Nach dem „Popp!“ des Korken der Flasche des  Pyrat XO Reserve Rum springt einem auf jedenfall neben der Gänsehaut des Geräuschs auch ein sehr angenehmes Rum-Aroma in die Nase. Das ist schon sehr vielversprechend und lässt mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Leider bleibt von dieser Nase nicht viel im Glas: Das allesüberwältigende Orangen- und Zitrusaroma des Pyrat XO trumpft alles.

pyratGleichzeitig hat der Pyrat überraschend wenig Körper, da war ich schon mehr als ein bisschen enttäuscht. Im Vergleich zu anderen Rums ist er fast dünn und hat kein Volumen. Das merkt man dann auch am Gaumen – deutlichst spür- und schmeckbare Alkoholnoten, als wäre er grade frisch aus der Destille gelaufen und nur wenig gereift (bis zu 15 Jahre steht im Beipackzettel – wahrscheinlich liegt die Betonung ganz stark auf dem „bis zu“, der Löwenanteil wird eher maximal 2 Jahre alt sein). Für diesen Rum werden ca. 24g/l Zucker undeklariert beigemischt, also 9g pro kleinem Fläschchen.

Man hört darüber hinaus Gerüchte über den Einsatz von ehemaligen Orangenlikörfässern zur Reifung, was mich bei dem Geschmack nicht wundern würde; auch nicht, wenn herauskäme, dass statt solchen unkonventionellen, aber wahrscheinlich erlaubten Fässern nur zum Finish auch direkt einfach ein (dann schon die Schwelle zur Manipulation überschreitender) guter Schuss Orangenlikör zugesetzt würde, was auch den Zucker miterklären könnte.

pyratzuckerDennoch kann ich diesen Rum Genießern empfehlen, die gern zitruslastige Spirituosen mögen, und als Dessertrum oder Digestif mag er auch ganz gute Dienste leisten. Als „Sipper“ – na, ich weiß nicht, für mich ist er dazu zu frech und unausgereift, zu eindimensional. Ich kann ihn mit aber sehr gut als Ersatz für den Cointreau in einem Cointreauversial vorstellen. Da der Pyrat XO trotz all des Zuckers, den man beim Purtrinken schmeckt, doch noch weniger süß als ein Orangenlikör ist, sollte man, je nach Säuregrad des verwendeten Cranberrysafts, nach Laune vielleicht etwas Zuckersirup zugeben.

Pyratroversial


Pyratroversial
2 oz Pyrat XO
¾ oz Cranberrysaft
½ oz Zitronensaft
[Rezept nach schlimmerdurst.net]


Im Nachhinein bin ich froh, nur diese kleine, halbe Flasche mit 375ml gekauft zu haben, und eine Nachbestellung wirds, egal in welcher Größe, ganz sicherlich nicht geben – da hole ich mir dann lieber einen Clément Créole Shrubb, bei dem alles noch zitrusintensiver und vollmundiger ist, aber ohne das Kratzen, oder halt direkt einen echten Orangenlikör wie Grand Marnier Cordon Rouge, der nicht so tut, als wäre er ein Rum.

Die Flasche selbst hat aber schon was – gedrungen, mit Einsprengseln im Glas, einem echten Korken und schönen gelben Band (fast identisch also zur großen Flasche). Ein schönes Geschenk, als Mitbringsel mit Überraschungseffekt für den Gelegenheits-Likörnipper. Aber bitte nicht für echte Rumkenner – bei denen kriegt man als Gegenleistung für diesen seltsamen Halbrum höchstens ein müdes Lächeln.

Der Anfang meiner Rum-Liebesaffaire – El Dorado Finest Demerara 12 Year Old Rum

Es ist spannend zu sehen, dass man mit vergleichsweise geringem Geldeinsatz in die Spitze der Qualität bei Süßrum vorstoßen kann. Botucal, Zacapa und El Dorado sind alle für ~30€ zu haben, und stellen schon mit den Zenit des gesüßten Rums dar. Gewiss kann man qualitätsmäßig noch ein kleines bisschen draufsetzen, da schmilzt dann aber das Preisleistungsverhältnis sehr schnell ab und ist nur noch für absolute Rumkenner interessant.

eldoradoWer sich bisher nicht in diese Kenner-Kategorie einordnet und sich mit Havana Club 3/7, Old Pascas oder ähnlichem Rum zufrieden gegeben hat, wird vom ersten Glas dieses 12-jährigen El Dorados überwältigt sein – zumindest mir ging es damals so. Da ist kein bisschen Alkoholgeschmack, null Bitterkeit, kein Ansatz von Kratzen oder ähnlichem, was den Genießer abschrecken könnte – das ist pures Glück, reiner Genuss, das läuft runter wie Öl. Eine fantastische Süße, aber nicht klebrig, sondern eine klare, reine Süße, leitet ein Breitband an Aromen im Mund ein. Schon der Geruch aber – gäbe es Duftbäume mit diesem Geruch, ich würde ihn in mein Auto hängen.

Hier zeigt sich: Rum ist mehr als billiger Sprit, mehr als Backzutat oder Schuss im Grog oder Glühwein. Ab dieser Qualitätsklasse ist Rum eine der schmackhaftesten Spirituosen, die man sich vorstellen kann, und lässt sogar die von mir so geliebten Bourbons weit hinter sich – allerdings darf man Bourbons auch nicht nachträglich mit Zucker süßen, wie das mit den meisten El-Dorado-Produkten geschieht, daher ist der Vergleich ungerecht. In diesem Rum sind ~39g Zucker pro Liter, also ~27,3g Zucker pro Flasche, etwas über 5 Stück Würfelzucker, zugesetzt, was die überwältigende Süße etwas prosaisch, und das Erlebnis dämpfend, erklärt.

eldoradosugarUnd in einem Cocktail bringt der El Dorado 12 dann eine Tiefe, Wucht und ein Volumen in den Drink, dass man sich die Frage danach, ob man so eine teure Spirituose überhaupt vermixen darf, nicht mehr stellt – man gibt sich in Zukunft nicht mehr mit weniger im Cocktail zufrieden. Versuchen Sie mal einen Roosevelt Cocktail.

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Roosevelt Cocktail
1 3/4 oz El Dorado 12
1/2 oz Trockener Wermut (z.B. Martini Extra Dry)
1/4 oz Orangensaft
1/4 oz Zuckersirup


Eine sehr schöne, etwas gedrungene Flasche mit einem aufgeklebten Siegellack-Emblem, Korkstopfen und romantischem Etikett ergänzt die Präsentation. Die Schachtel ist dezent und elegant, dient bei mir nun als edle Dekoration.

Ein Spitzensüßrum, den man probiert haben muss, wenn man nachgesüßten Rum mag.

Tell me sweet little lies – Warum ist unser Rum so süß?

In einer meiner frühen Rumrezensionen schrieb ich, dass Rum, in guter Qualität, eine der schmackhaftesten Spirituosen ist. Tatsächlich geht es wohl nicht nur mir so: Süßrums, wie die von El Dorado, Zacapa, Botucal oder Plantation erhalten durchweg positive Bewertungen, gerade auch von Leuten, die sich sonst mit Spirituosen nicht wirklich anfreunden können – und auch von mir. So ein kleiner Tropfen El Dorado 12 nach dem Essen ist aber auch was feines, das ein Dessert ersetzen kann.

Kaum jemand stellt sich die Frage, wie diese Süße im Rum zustande kommt. Im Grunde ist das erst mal nicht groß anders als bei anderen Schnäpsen: Die Reifung in Holz bringt die Süße und Milde, bei Whiskey, Tequila und auch Rum.

Die Tatsache, dass Rum aus Zuckerrohr hergestellt wird, sei es Melasse oder das frische Rohr selbst, bringt keinen Vorteil in dieser Richtung: Der Zucker in der Rohmasse wird von Hefen in Alkohol umgesetzt und spätestens bei der Destillation schafft es der Zucker nicht in das Endprodukt. Frisch destillierter Rum ist nicht süßer als frisch destillierter Whiskey, obwohl der eine aus Zuckerrohr und der andere aus Getreide hergestellt wird.

Nun haben wir also den zum Beispiel 4 Jahre im Fass lagernden Rum. Er ist aromatisch, geschmacklich gut, doch irgendwas fehlt. Ein bisschen zu rau ist er noch, etwas kratzig, hat etwas wenig Körper, und ist nicht süß genug für die heutigen Ansprüche der Dessertrumliebhaber. Was tut man als Hersteller? Ein Straight-Bourbon-Produzent in dieser Lage würde seinen Bourbon entweder als Blendbourbon verscherbeln müssen, oder ihn wohl oder übel noch ein paar Jährchen im Fass lassen, denn Geschmacksverstärker oder -veränderer sind nach amerikanischem Recht verboten im Straight Bourbon. Ähnlich sieht es aus bei schottischem Whisky. Nicht so bei Rum. Da gibt es einen einfachen Ausweg aus der Misere: Ein bisschen Zucker in den Rum gekippt, und schon sieht alles ein bisschen anders aus.

Tatsächlich ist ein Hersteller von Rum frei, was er mit seinem Produkt tut; solange es aus Zuckerrohr oder Zuckerrohrprodukten hergestellt ist und die individuellen gesetzlichen Regelungen des Herstellungslands (und jedes Land hat wirklich eigene Regelungen) erfüllt, darf er das Wort „Rum“ aufs Etikett schreiben – und muss keine Zusatzstoffe deklarieren. Dass Zuckerkulör und Karamell zum Färben verwendet wird, ist wahrscheinlich noch das geringste der Übel, die daraus entstehen. Erst, wenn er dann das Produkt auf dem EU-Markt verkaufen will, muss er sich an EU-Regelungen halten (deren Einhaltung nur sehr lax geprüft wird).

Seit einigen Jahren messen skandinavische Behörden, in Schweden und Finnland hauptsächlich, nun den Anteil des nachträglich zugesetzten Zuckers in Spirituosen und geben diesen Anteil bei allen Produkten auf offiziellen Websites an. Dies hat zu einiger Verwirrung unter Rumkennern geführt, die, wie ich auch, immer der Meinung waren, die hochqualitativen Rums seien nur natürlich gealtert, gereift und dadurch süß. Ein Naturprodukt, sozusagen. Die Wahrheit sieht leider anders aus.

Viele Hersteller, darunter auch fast alle „großen Namen“ des Rumbusiness, setzen Zucker zu, um den Geschmack zu tunen, und deklarieren den Zucker nicht, wie man es von einem Geschmacksverstärker eigentlich erwarten müsste. Die Menge schwankt nach Produkt; in einigen Rums wurde nichts oder nur natürliche Mengen, die auch durch Fassreifung entstehen können, nachgewiesen, in anderen bis zu 60g Zucker pro Liter. Besonders beliebte Marken, die hauptsächlich aufgrund ihrer „Milde“, „Weichheit“ und „Süßigkeit“ geschätzt werden, erhalten zwischen 20 und 40 g Zucker pro Flasche. 20g Zucker sind in etwa 4 Stück Würfelzucker. Manchen kommt das als nicht viel vor – persönlich empfinde ich das als eine stupende Menge, vor allem, weil sie vor mir verborgen wird.

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Plantation XO: 20g Zucker pro 700ml-Flasche

Dabei geht es bei Zuckerzusätzen nicht nur um die vordergründige Süße eines Rums. Tatsächlich führen schon geringe Zuckerzugaben zu einem anderen Geschmackserlebnis was die empfundene Qualität der Spirituose angeht. Etwas Zucker in den Rumtank, und schon kommt selbst Verkostungsprofis der Rum deutlich reifer, älter, edler, körpervoller vor. Ein Großteil dessen, was die natürliche Fassreifung sonst über Jahre erledigen sollte, ist durch schnöde Rohrzuckerzugabe in Minuten erreicht. So kann man aus einem minderwertigen Rum ruckzuck ein Produkt herstellen, das höchsten Geschmacksbedingungen standhalten kann. Ein Versuch hat ergeben: bereits 5g Zuckerzusatz führen zu einem extrem verbesserten Geschmackserlebnis und machen aus einem Standardrum wie dem Havana Club Añejo Blanco einen Rum, den man für einen 5 Jahre im Fass gelagerten Spitzenrum halten würde.

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El Dorado 12: 28g Zucker pro 700ml-Flasche

Captain Jimbo’s Rum Project hat eine Liste mit über 550 Rumsorten und deren Zuckergehalt zusammengestellt. Dort kann man seinen Lieblingsrum nachschlagen. Die Liste ist etwas unübersichtlich, mit vielen Dubletten; bei 4finespirits findet man eine konsolidierte, aufgeräumte, deutsche Fassung davon. Ein interessanter Trend ist erkennbar: Jamaica scheint eine löbliche Ausnahme zu sein, was diese Praxis angeht; ein Großteil der Jamaica-Rums enthalten nur Zucker im Messschwankungsbereich. Andere dagegen, wie El Dorado, Botucal oder Plantation, setzen praktisch allen ihren Produkten Zucker in gar nicht unerheblichem Maße zu.

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Zacapa 23: 14g Zucker pro 700ml-Flasche

Die meisten Hersteller äußern sich nicht zu diesem Thema. Plantation geht das ganze inzwischen relativ offensiv an und offeriert eine These, die zumindest als Diskussionsgrundlage dienen kann. Sie bezeichnen den Zuckerzusatz als Dosage, in Anlehnung an die traditionelle Vorgehensweise bei Champagner. Der Zusatz von Zucker wird also als handwerklich korrekter Kniff deklariert, gegen den niemand was haben kann, der traditionell hergestellte Produkte haben möchte. Zucker im Rum ist wie das Salz beim Essen – man kann ohne, aber es schmeckt einfach besser mit.

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Botucal Reserva Exclusiva: 29g Zucker pro 700ml-Flasche

Dass es manchem gut schmeckt steht außer Frage. Das Hauptproblem, das ich mit dieser Argumentation habe, ist, dass bei Champagner die Dosage tatsächlich ohne Geheimnistuerei (außer was die Menge und Zusammensetzung der Dosage angeht) angewendet wird. Jeder, der sich auch nur ansatzweise informiert, weiß, dass in Champagner Zucker zugesetzt wird, um den bekannten Geschmack zu erreichen. Bei Rum ist das völlig anders – kein Mensch käme auf die Idee, in Rum nach einer Dosage zu fragen; und die Hersteller haben jahrzehntelang ihr bestes getan, diese scheinbar so selbstverständliche Dosage in Rum zu verbergen. Dass man sich da als Konsument etwas betrogen vorkommt, sollte die Hersteller nicht verwundern.

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Dos Maderas PX 5+5: 26g Zucker pro 700ml-Flasche

Was bedeutet dies alles für uns als Konsumenten, und insbesondere für uns als Freunde des hochqualitativen Genusses? Wir geben durchaus gern hohe Summen Geldes für Spitzenprodukte aus, und können uns nun bei Rum nicht mehr sicher sein, ob das, was man in der Flasche bekommt, tatsächlich den Preis wert ist, oder man einen eigentlich mittelmäßigen Rum, der mit Geschmacksverstärkern gepimpt ist, erhält. Letztlich könnte ich auch die Dosage selbst ausführen, und einfach einen Teelöffel Zucker in billigen Rum kippen – so habe ich das Aroma eines gealterten Rums für den Bruchteil des Preises. Entsetzlich, worüber ich da gerade nachdenke – und ich hoffe, dass nicht genau das hinter den Kulissen der großen Hersteller passiert, sondern es ihnen tatsächlich nur um den Feinschliff der Spirituose geht. Für mich sind Zweifel an den Motiven durchaus angebracht, wenn man die Menge des zugesetzten Zuckers betrachtet: „Fein“schliff mit teilweise Esslöffeln voll Zucker? Nunja.

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Pyrat XO: 17g Zucker pro 700ml-Flasche

Persönlich werde ich meine bereits im Regal stehenden Flaschen voller Rum der Hersteller, die Zucker zusetzen, noch austrinken, aber keine neuen mehr nachkaufen. So einige Produkte von Plantation und El Dorado fallen dieser neuen Politik im Hause schlimmerdurst zum Opfer. Stattdessen werde ich die Produkte austesten, die laut der oben gezeigten Rumliste keinen zuckrigen Geschmacksverstärker nutzen.

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Vizcaya VXOP: 19,6g pro 700ml-Flasche

Meine anfangs erwähnte Liebe zu Rum hat einen schlimmen Dämpfer erfahren, und ich konzentriere mich daher wieder auf andere Spirituosen, die ehrlicher mit den eingesetzten Zutaten und Herstellungsprozessen umgehen. Es wäre zu wünschen, dass die Rumhersteller sich zusammenreißen und erkennen, dass sie den Ruf und die Glaubwürdigkeit ihres Produkts zerstören, gerade in Zeiten, in denen Lebensmitteltransparenz so wichtig geworden ist. Ich hoffe, möglichst viele Konsumenten lassen sich von Verpackungs- und Werbungsopulenz nicht trotz des Wissens um den Zuckerzusatz dazu verleiten, weiterhin diese Produkte zu kaufen – zumindest solange, bis der Zucker ausgewiesen wird oder es eine Regelung gibt (siehe Nachtrag unten diesbezüglich).

Eventuell hat der eine oder andere Rumfreund daher sogar Lust, sich an der EU-Petition zur Deklarationspflicht von Zucker im Rum zu beteiligen.

…und, wenn jemand eine Flasche Rum zuhause hat, und deren Zuckergehalt messen will: ich habe eine Anleitung für einen leicht durchzuführenden Zuckertest zusammengestellt, der einem einen Anhaltspunkt gibt, ob man sich mit seinem neuentdeckten Rum in Zuckergebiet begibt oder nicht.

Nachtrag 2020: Natürlich bezieht sich die Süßung nicht ausschließlich auf raffinierten Zucker. Zuckersirups, Süßweine, „wet casks“, „vergessene Reste PX-Sherry“, Fruchtmischungen, Glycerin und Aromastoffe sind alle bereits fröhlich (und heimlich) eingesetzte Mittel, um das Endprodukt süßer zu machen.

Nachtrag 2021: Die neue EU-Spirituosenverordnung regelt nun tatsächlich, dass maximal 20g/L süßende Stoffe beigegeben werden dürfen. Das ist ein Schritt, wenn auch nicht der konsequente, den ich und viele andere Rumfreunde sich erhofft hatten. Immerhin – das Problem ist nun bekannt, und niemand kann sich mehr verstecken.