Es werde Schnaps – Amy Stewart’s „The Drunken Botanist“

Eines meiner Hasswörter in der Welt der Spirituosen ist das von Gin-Hipstern immer gern verwendete Wort „botanicals“ geworden, das zusammen mit der Ächtung der im deutschsprachigen Raum bis vor wenigen Jahren üblichen Wortkombination „Gin Tonic“ – wer nur ansatzweise etwas auf sich hält, bestellt heutzutage einen britisch-korrekten „Gin and Tonic“ – in die Bars Einzug gehalten hat. Was an dem kantig-klobigen Wort „Pflanzenextrakt“ die hippe Szene stört, ist klar, es ist nicht cool genug. Nun lasse ich sie das englische Wort im deutschen Satz gern gebrauchen – unter der Voraussetzung, dass sie wenigstens wissen, wovon sie reden. Mit dem Buch von Amy Stewart lässt sich ein gewisser Bildungsbedarf schnell, unterhaltsam und umfassend nachholen.

drunkenbotanistcover-borderThe Drunken Botanist: The Plants that Create the World’s Great Drinks ist eine Reiseerzählung, nicht durch die Länder der Welt, obwohl man in diesem Buch auch viel herumkommt, sondern durch die Welt der Pflanzen, die uns Freunden des hochgeistigen Genusses so viel Freude bereiten.

Wir verwenden Pflanzenextrakte in unseren Spirituosen und Cocktails in drei unterschiedlichen Varianten, die Stewart in den drei Teilen ihres Buchs auch so aufgreift: Die Pflanzen, die schon seit alters her fermentiert und destilliert werden, wie Zuckerrohr, Weizen, Roggen, Mais und Agave. Eine andere Art, Pflanzengeschmäcker in die Drinks zu bekommen, ist die Mazeration und Infusion – Nelken, Wacholderbeeren, Holunder oder Aprikosen können durch handwerkliche Prozesse dazu genötigt werden, ihre Aromen in eine bereits vorhandene Schnapsbasis abzugeben. Und zu guter letzt sehen wir als Cocktailfreunde auch gern das eine oder andere Pflanzenteil in natura in unserem Glas; Pfefferminzblätter, Kirschen oder Zitronenzesten lockern den Drink auf und geben den letzten, hocharomatisch-frischen Twist.

Von Pflanze zu Pflanze, und damit auch von aus dieser Pflanze typisch hergestellter Spirituose, hangelt sich Stewart so durch die Botanik, und lässt bei all den hochinteressanten Informationen die Unterhaltung nicht außen vor. Anekdoten, wie zum Beispiel zur wirklich spannenden Geschichte des Angostura-Bitters, und eine mit einem sehr wirksamen, aber zurückhaltenden Humor durchzogene Schreibe, machen das Buch zu einem unerwarteten Pageturner.

Spannend sind auch die eingestreuten Wissensbröckchen, wie der kleine Ausflug über Essigherstellung (ein echtes Bakterien-vs-Hefe-Deathmatch), oder wie der Vodka und die Kartoffel zusammenkamen. Und schließlich hat Stewart auch den einen oder anderen, äußerst klugen Ratschlag zum Konsum der beschriebenen pflanzenbasierten Spirituosen auf Lager.

Now carry your julep to the porch and remain there until bedtime; there will be nothing else to your day but the slow draining of the glass and the pleasant drone of the cicadas.

Genau das werde ich wahrscheinlich am Wochenende tun. Ein schöner Mint Julep, lange auf Eis gerührt, und mit viel hausgezogener Minze darin, auf dem Balkon im Liegestuhl. Das Leben kann so schön sein, wenn man die richtigen Lebensratgeber liest.

mintjulep

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