Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun ist auch das Brale – BraufactuM The Brale Brown Ale

Warum ich keinen Wein trinke, wurde ich neulich gefragt. Zwei Gründe konnte ich anführen – erstens, so banal sich das anhört, ich mag eigentlich keinen Wein, sei er rot, weiß oder dazwischen. Zweitens, selbst wenn ich mich für Wein geschmacklich begeistern könnte, ist das Feld völlig unübersichtlich. Kaum habe ich eine Flasche gefunden, die mir schmeckt, gibt es diese Marke beim nächsten Foire-aux-vins-Besuch nicht mehr. Und etwas finden, was ähnlich schmeckt? Praktisch unmöglich. Man muss sich durch Dutzende Flaschen Wein trinken, um wieder etwas zu finden, das meinem empfindlichen Gaumen mundet, nur um dann beim nächsten Besuch… ich denke, man ahnt, wo das hinführt.

Der Markt an Biersorten ist inzwischen nur unwesentlich kleiner als an Weinsorten, doch aus unerfindlichen Gründen finde ich mich darin besser zurecht. Eine grundlegende Stabilität, was das Markenangebot angeht, unterstützt mich aber auch darin; Bier ist einfach etwas weniger volatil von Saison zu Saison. Und neue Marken, die gerade wie Pilze aus dem Boden sprießen, orientieren sich an alten Geschmacksvorbildern. Wie das neue BraufactuM The Brale Brown Ale, das die alten, nordenglischen dunklen Ales wiederaufleben lässt.

thebrale-flascheIch liebe es, wenn das passiert: Der Kronkorken ploppt auf, und ein überwältigender Geruch nach Beeren und dunklem Obst strömt aus der Flasche. Direkt nach dem Eingießen wird das noch stärker. Geruchlich überzeugt dieses Brown Ale also schonmal auf ganzer Linie.

Und auch farblich macht es seiner Zugehörigkeit zu den Brown Ales alle Ehre: Ein dunkles, sattes Braun, fast in Richtung Siena gehend. Im Glas bleibt ein dünner Schaum lange erhalten. The Brale täuscht farblich ein malzig-süßes Bier vor, doch tatsächlich ist es eher sauer-bitter, fast komplett ohne süße Komponente. Statt dessen bezaubert es mit nussigem, würzigem Geschmack und einem extrem trockenen Abgang.

thebrale-farbeGut gehopft ist es, das erkennt man natürlich schon am anfangs angesprochenen Geruch. Schön, dass hier auch mal andere Hopfensorten als die „üblichen amerikanischen Verdächtigen“ wie Simcoe oder Cascade Einzug halten konnten: Mosaic, East Kent Golding, Hallertauer Mittelfrüh und Magnum bringen eine unerwartete Aromatik mit sich. Genau mein Geschmack. Ideal zum Essen, erfrischend, klar, trocken.

Eine gute Marke muss man schon von weitem ausmachen können – BraufactuM hat sich selbst ein gut wiedererkennbares Design mit Briefmarkenetikett und Pubtapetenhintergrund zugelegt, insgesamt sehr ansprechend.

braufactum-kuehlschrankUnd BraufactuM geht noch einen Schritt weiter und beginnt nun auch damit, die Produkte in Läden in dedizierten Kühlschränken auszurollen. In einem Blogartikel der Mixology wurde gefragt, ob Craft-Bier in Supermärkten eine Utopie ist – wie man an dem Foto aus dem Saarbrücker Karstadt erkennen kann, muss das nicht so weit entfernt sein. Erstklassige Biere bereits auf Betriebstemperatur gekühlt; besser gehts nicht. Ich hoffe, sowas macht Schule!

The Girl from Ipanema goes drinking – Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada

Brasilien liebe ich vor allem für zwei Dinge, die das Land der Welt gegeben hat: Bossa Nova und Cachaça. Leider sind beide von der modernen Gesellschaft etwas missbraucht worden; der herrliche Bossa-Song Garota de Ipanema wurde trotz der herrlichen englischsprachigen Interpretation der unglaublich wunderschönen Astrud Gilberto zur Fahrstuhlmusik degradiert, die Cachaça zur Zutat nur zu einem einzigen Cocktail.

Wenn ich den Aussagen von Kennern glauben darf, bekommt man in Europa praktisch keine nicht-industriell, handwerklich hergestellte Cachaça. Die Reise nach Brasilien ist relativ aufwändig; bis es mal soweit ist, greife ich erstmal zu verfügbaren Produkten, die mir zumindest den Eindruck von Qualität vermitteln: zum Beispiel zu Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada. Die Verwandschaft zu rhum agricole von den französischen Antillen ist schon in der Herstellungsart deutlich: Beide werden aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt.

Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada

Die Flasche ist unauffällig und vergleichsweise standardisiert, das Etikett in den Hauptfarben schwarzgold passt sich dem Inhalt der Flasche an. Wenn mir jemand erklären kann, wer der alte langbärtige Mann auf dem Etikett ist, würde ich mich über einen Kommentar diesbezüglich freuen. Leider enthält die Flasche auch einen dieser unsäglichen Nachfüllstops, die einem das Dosieren echt schwer machen.

Das erste, was mir beim Geruchstest nach dem Bewundern der strohgoldenen Farbe einfällt, ist Malz. Ich denke an Genever. Nur ein leichter Anflug von Alkohol, stattdessen eine Eukalyptusnote. Etwas holziges, grasiges deutet auf die Verwandschaft mit rhum agricole hin.

velhobarreiro-cachaca-etikettAuf der Zunge kommt erstmal die Süße deutlich in den Vordergrund. Je länger man den goldenen Velho Barreiro dann aber im Mund hat, umso mehr kommen die würzigen Komponenten zum Vorschein. Ganz klar Malz, eine leichte Salzigkeit, Pfefferminze. Im Abgang ist dann spannenderweise nichts mehr von der Süße da, hier schlägt die Fassreifung von ordentlichen 3 Jahren voll durch und präsentiert einem eine ganz andere Spirituose, als die, die man zuerst im Mund hatte. Sehr trocken, sehr würzig und bitter bleibt diese Cachaça für respektable Zeit am Gaumen. Es fehlt vielleicht etwas an Körper. Ganz spät am Ende dann wieder etwas Zucker, zu klebrig, den Gesamteindruck leicht störend.

Auf ein Wörtchen, das vielleicht in all dem brasilianisch-charmanten Vokalgewusel untergeht, möchte ich gesondert hinweisen: Es ist das unauffällige Wort „adoçada“, zu deutsch „gesüßt“. Für Cachaça sind die Regeln klar, sie darf gesüßt werden, dies muss dann aber ab 6g/L auf dem Etikett kundgetan werden. Das ist eine Vorgehensweise, die ich mir auch für Rum wünschen würde; viele Hersteller süßen ihren Rum, verstecken dies aber vor dem Verbraucher. Ich fordere kein Verbot der Süßung von Rum, sondern, dass dies klar auf dem Etikett angegeben wird, so dass man selbst entscheiden kann, ob man Rum oder eine gesüßte Spirituose auf Rumbasis trinken will.

Was Cocktails angeht ist Cachaça, wie schon in der Einleitung angesprochen, leider stark in eine Ecke gedrängt – jeder denkt sofort an die Caipirinha. Da diese Rezeptur so beliebt ist, vor allem auf Festen im Sommer, kriegt man unglaublich viele unglaublich schlechte Caipirinhas vorgesetzt. Ein Jammer. Richtig und gut gemacht ist dieser Drink wirklich wunderbar, und er ist flexibel: So sollte man neben dem Standardrezept auch mal kleine Variationen ausprobieren, wie zum Beispiel die Peach Caipirinha.

peachcaipirinha-cocktail


Peach Caipirinha
1 halben Pfirsich aus der Dose kleinschneiden und mit
¾ oz Limettensaft muddeln
1 Barlöffel Sirup aus der Dose dazugeben

2½ oz Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada
½ Limette, in 4 Stücke geschnitten
Auf Eis shaken und ungefiltert in ein Glas schütten


Im Originalrezept kommt noch Zucker dazu; da diese Cachaça aber gesüßt ist, und im Dosenpfirsich schon genug Zucker drin ist, lasse ich ihn mal weg. Er fehlt mir dann auch nicht.

Wer bisher Cachaça als reine Mixzutat kannte, könnte sich hier eines besseren belehren lassen: Die Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada kann man überraschend gut auch pur genießen. Wer rhum agricole mag, wird sich eh wie zu Hause fühlen, muss sich aber vielleicht an die leicht klebrige Zuckernote im Abgang gewöhnen. Wer nur die brasilianischen Feuerwässer wie Pitú kennt, sollte sich mal auch eine gereifte Cachaça zu Gemüte führen. Es gibt also für alle Voraussetzungen Gründe, zuzugreifen!

Der Don und der Stier – Die Medium Golden Sherrys von Sandeman und Osborne im Vergleich

Man hat das Bild im Kopf: Ein Butler auf Downton Abbey reicht dem Earl ein winziges Gläschen mit Sherry als Aperitif, bevor er den Gong zum Abendessen schlägt. Das ist in etwa das Image, das Sherry aktuell in Deutschland hat: Ein Relikt aus der Vergangenheit, mit dem die Jugendkultur nichts anfangen kann. Wie immer ist mein Bildungsauftrag als Schnapsblogger hier gefragt, denn wer Sherry nicht kennt, hat klar eine Bildungs- und Geschmackslücke, die es dringend auszufüllen gilt. Warum nicht mit einem einfachen Einsteigerprodukt anfangen, etwas süßlich-weichem, wie einem Golden Medium Sweet Sherry?

sherryvergleich-flascheEin Medium Sherry ist ein Mitglied der Sherry-Untergruppe der Vinos Generosos de Licor, also leicht gesüßter Sherrys, die zur Süßung mit anderen Weinen oder Mosten verschnitten werden. Zwei Exemplare aus dieser Gruppe habe ich mir herausgesucht, die beide leicht in Supermärkten zu erschwinglichen Preisen (um die 5€) erhältlich sind, oft eine Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt erstmal an etwas neues wagt. Auf der einen Seite haben wir also den Sandeman Medium Sweet Golden Sherry, und auf der anderen den Osborne Sherry Medium Golden.

Beide Etiketten sind über weltbekannte, traditionsreiche Silhoutten gekennzeichnet: Osbornes wilder Stier, der den Betrachter herausfordernd anschaut, und Sandemans geheimnisvoller Caballero, mit breitkrempigem Hut und weitem Mantel, der ein Glas Sherry prüfend vor die Nase hält.  Die Flasche von Sandeman weist einen Korken mit Plastikschrauber auf, die von Osborne einen Aluschraubverschluss. Insgesamt schenken die beiden Flaschenpräsentationen sich erstmal nichts, Osborne wirkt etwas lebhafter, Sandeman etwas edler.

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Zur Trinktemperatur: Osborne empfiehlt Raumtemperatur, Sandeman Kühlschranktemperatur, sogar Eis. Ich persönlich ziehe, wie bei den meisten Spirituosen, die ich pur trinke, Osbornes Handhabung vor – kalte Spirituosen sperren die Aromen ein.

Farblich unterscheiden sich die zwei Sherrykonkurrenten praktisch nicht. Sandemans Sherry riecht weinig, traubig, etwas herber, Osbornes Produkt dafür fruchtiger, dunkler, mit Anklängen von Whiskeyfasseiche.

Sandeman kommt mir geschmacklich heller und süß vor, mit einem bitteren Nachklang und leicht adstringierender Säure am Gaumen – feiner als sein Konkurrent. Osborne hat meines Erachtens dafür etwas weniger Alkoholnoten, ist fruchtiger mit weniger Bitterkeit und Säure, und von der Konsistenz etwas dicker, dafür etwas spannungsarm. Osborne gewinnt den Geschmackscontest nur im Fotofinish.

sherryvergleich-glasIch habe mir zwei Cocktails gemischt, von unterschiedlicher Natur, um zu prüfen, inwieweit die nur geringen sensorischen Unterschiede zwischen diesen beiden Medium Golden Sherrys sich auch als Cocktailzutat ähnlich ausdrücken. Beginnen wir mit einem Cocktail, der der dunklen Fruchtigkeit des Osborne Medium Golden Sherry sehr entgegenkommt, dem Butchertown Cocktail.

Butchertown Cocktail


Butchertown Cocktail
2 oz Rye (z.B. Knob Creek Straight Rye Whiskey)
¾ oz Sherry (z.B. Osborne Golden Medium)
¼ oz Cointreau
2 Spritzer Orange Bitters


Der etwas aggressive Rye Whiskey wird durch den süßen Sherry abgefedert und eingependelt, und ein schönes, samtiges Gesamtmundgefühl entsteht. Ein toller Cocktail, und der Osborne ist wunderbar darin.

Für den Sandeman habe ich mir eine leichtere Rezeptur ausgesucht, passend zum Traubenaroma dieses Sherrys, nämlich einen 30er-Jahre-Drink aus Ted Haighs Cocktailbuch, den Barbara West.

barbarawest-cocktail


Barbara West
2 oz Gin (z.B. Bombay Sapphire)
1 oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Golden)
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura


Die Kombination des weinartigen Dufts des Sandeman mit dem klaren Kräutercharakter des Gin ist sehr ansprechend; in so einer Mischung ist Sandeman ein perfekter Kompagnon für die restlichen Zutaten.

Um zurückzukommen auf den Sherry-trinkenden Earl in Downton Abbey: Sicherlich hat er etwas anderes getrunken als einen Medium. Diese Produkte sind von einfacher Art ohne große Rafinesse und eines Adeligen nicht würdig. Doch ich hoffe, mit diesem Vergleich dem einen oder anderen einen Anstoß gegeben zu haben, sich auch mal diese aktuell sehr vernachlässigte Spirituose anzuschauen; und wenn er oder sie dann vielleicht sogar mal zu einem feineren Oloroso, Amontillado oder Fino greift, wäre die Aufgabe für mich erfüllt.

Die Mischung machts – Private Barrel Whiskey Solera 2015

Drei Reihen von Fässern, übereinander gestapelt, in einem dunklen Keller. Der Kellermeister steigt mit seiner flackernden Kerze vorsichtig die steile Treppe hinab, und zapft sich im Kerzenschein aus der untersten Reihe aus einem Fass ein schönes Fläschchen Sherry. Er freut sich auf den feinen Tropfen, der bis zu 20 Jahre alten Sherry enthält, aus einer Quelle, die nie versiegt.

Nun ja, ganz so romantisch muss man das Solera-System heutzutage nicht mehr sehen. Es dient eigentlich dazu, einen Verschnitt aus mehreren Alterungsstufen einer Spirituose herzustellen, eben Sherry, Brandy, aber auch Rum und Whisky. Man sieht das häufig oft auf Rumflaschen, hispanisiert als „sistema solera“. Der Vorteil ist klar – man hat durch die Vermengung bereits gereiften Geists mit jüngerem, frischen Brand immer eine relativ gleichbleibende Qualität; der jüngere Brand wird durch den älteren gemäßigt, der ältere durch den jüngeren aufgefrischt.

soleraDas Solera-System wird gern dahingehend kritisiert, dass man eben keine Altersangabe machen kann, viele Hersteller es aber trotzdem tun. Sie schreiben dann beispielsweise beim Ron Zacapa 23 Sistema Solera-Rum eine fette „23“ aufs Etikett (früher sogar noch in der frechen Form „23 años“) und lassen den Zusatz weg, dass dies das Maximalalter ist, von dem wahrscheinlich nur noch wenige Tropfen in der Mischung enthalten sind, nicht das Minimalalter, wie es bei Cognac oder Scotch sein muss.

Dafür kann jedoch das Solera-System nichts, doch sollte man immer, wenn man diese Worte auf einem Flaschenetikett sieht, sich dessen bewusst sein. Solera-Spirituosen sind per se erstmal nicht schlechter als Brände, die jahrelang in einem einzigen Fass liegen, es hängt wie immer vom Können und Wohlwollen des Kellermeisters ab.

Wie komme ich zu diesem Sermon? Vor kurzem habe ich bei einem meiner Lieblings-Vlogger, Ralfy, einen tollen Bericht über ein Experiment gesehen, das er durchgeführt hat. Für ein kleines Heimbar-Solera-System braucht man nämlich nicht weitläufige Keller, viele gestapelte Fässer und tausende von Litern Destillat; es geht auch im kleinen, mit einer einzelnen Flasche – der Solera-Flasche.

Tatsächlich ist kaum ein Projekt einfacher durchzuführen als dieses. Man besorge sich einfach eine gefällige Glasflasche, fülle eine dezente Basisspirituose hinein, und lasse den Inhalt ein bisschen ruhen. Für jedes Dram, das man der eigenen Solera-Flasche entnimmt, gibt man ein Dram eines anderen Whiskeys wieder dazu. So entsteht über die Zeit eine ganz eigene, die persönliche Trinkhistorie wiederspiegelnde Mixtur, die man nirgends kaufen oder herstellen lassen kann. Wenn man pathetisch sein will: Diese Flasche könnte zum Familienerbstück werden, das von Generation zu Generation weitergereicht wird. In 100 Jahren freuen sie sich darüber, eine Flasche zu haben, in der zumindest anteilig 100 Jahre alter Whiskey enthalten ist.

Durch das Solera-System muss man auch nicht sonderlich auf einzelne Zugaben achten; der Verdünnungseffekt über die Zeit sorgt dafür, dass viele unerwartete Kombinationsaromen Stück für Stück aus der Flasche wieder verschwinden, und durch andere ersetzt werden. Kein Glas schmeckt wie das andere. Natürlich ist das keine echte Solera, dazu fehlt die Reifung, die in der Glasflasche nicht mehr stattfindet, und das stufenweise Vermengen in den criaderas, doch die Idee ist charmant und stilvoll.

whiskeysolera-flascheFür meine Zwecke, der eigenen kleinen Private Barrel Whiskey Solera 2015,  habe ich mit einem einfachen Bourbon, dem Four Roses Yellow Label, begonnen. In eine leere Glasflasche habe ich 400ml dieses Bourbons gegeben, dazu 50ml Ben Bracken 12 years Single Malt Scotch, und 50ml Old Grand-Dad Bourbon. Die erste Nachfüllung mit Rittenhouse Rye BiB ist auch schon erfolgt. Man sieht, man kann auch unterschiedliche Spirituosen, bei mir Scotch, Bourbon und Rye mischen, das macht die Solera nur noch interessanter und lehrreicher. Man sollte vielleicht höchstens stark torfig-rauchigen Scotch auslassen, der übernimmt schnell die ganze Aromatik.

Ich lasse das ganze mal eine Weile laufen. Wenn das Ergebnis überzeugt, werde ich vielleicht auch noch eine Rum-Solera beginnen, oder, wenn ich dann noch ganz abenteuerlustig werde, eine Gesamt-Solera, in die alles reinkommt, was da ist, von Rum über Tequila bis Whiskey. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Warum macht man sowas, fragt sich vielleicht so mancher Purtrink-Fetischist. Nun, ich verfolge mit meinem Blog auch das Ziel, die Leser dazu zu animieren, ihren Gaumen weiter zu schulen. Neues auszuprobieren, sich nicht auf „das macht man halt so“ zu verlassen und auch mal für konservative Augen seltsame, unkonventionelle Wege zu gehen. Und sich nicht von anderen sagen lassen, wie man den Schnaps, den man selbst gekauft und bezahlt hat, zu trinken hat. Und auch wenn diese Idee zur Whiskey-Solera nicht von mir stammt, so ist sie es doch auf jeden Fall wert, weiter in die Welt hinausgetragen zu werden.

Morgendlicher Blitzschlag – Crew Republic 7:45 Escalation Double IPA

Die Craft-Bier-Brauer von heute, sei es in den USA oder in Deutschland, geben sich nicht mehr mit halben Sachen zufrieden. Viel von allem, ohne Rücksicht auf Verluste: Aromahopfen ist die moderne Wunderwaffe im Kampf gegen die gepflegte Pilslangeweile. Und wenn man das ganze bis aufs Blut ausreizen will, landet man bei Bieren wie dem Crew Republic 7:45 Escalation Double IPA.

crewrepublicescalationipa-flascheDie modernen Interpretationen von IPAs, den Kronprinzen der Aromahopfung, lassen sich nicht bitten, wenn es um die Aromenverteilung nach dem Öffnen der Flasche geht. Da muss man nicht die Nase ins Glas halten, das kommt wie eine Backpfeife schon beim Eingießen ins Glas. Die Aromen explodieren dann in einer Kettenreaktion noch weiter: Himbeere, Johannisbeere, Brombeere. Da ist ein würziger Unterton, etwas nussig, vom Malz vielleicht? Ich muss gar nicht trinken, um mich zu erfrischen, es reicht, an diesem Bier zu riechen.

Im Mund erstmal, wie von einem stark gehopften IPA zu erwarten war, leichte Zitrusnoten, dann erscheint schnell wieder das beerige Fruchtbouquet. Eine sehr schöne Hopfenkomposition voller Beeren. Die überraschend sämige, fast ölige Mundkonsistenz, und die unglaublich effektive, aber nicht kratzige Bitterkeit mit 83 IBU gefällt mir extrem. Dazu kommt eine fast salzige Komponente, die die restlichen Rezeptoren auf der Zunge und dem Gaumen ansprechen.

crewrepublicescalationipa-glasMir gefallen unfiltrierte Biere, ich brauche keine Strahlegolde, die einen Teil des Geschmacks nur für äußerliche Durchsichtigkeit abgeben. Das 7:45 Escalation hat diese dadurch entstehende attraktive Trübung, eine schöne Schaummenge, und, wenn gekühlt, eine gute Frische mit viel Perlage.

Ein spektakulärer Effekt beim Schlucken: Das Bier ist so trocken-bitter, dass es einem dermaßen die Spucke wegzieht, dass man kaum merkt, dass etwas mit 8.2% durch die Kehle rinnt. Diese Trockenheit bleibt lange am Gaumen, zusammen mit den Hopfenaromen.

Laut der Homepage des Münchner Herstellers ist das 7:45 Escalation doppelt kaltgehopft, unter Verwendung der amerikanischen Aromahopfen Columbus, Simcoe, Amarillo und Chinook, und der Malzsorten Pilsener Malz und Karamellmalz.

crewrepublicescalationipa-geschmackshinweiseDie inzwischen gern bei Craft-Bieren eingesetzte Visualisierung der Biercharakteristika wird hier entsprechend dem hippen Image der Marke „Taste-O-Meter“ genannt und ist auf dem Flaschenhalsetikett untergebracht.

Ein perfektes und rundes IPA, zum Essen, zum Genießen. Aber keins, das ich entsprechend der Bierstory auf dem Etikett morgens um 7:45 serviert bekommen will. Eine derartige Aromenwucht zu so einer Uhrzeit nach einer wilden Nacht würde dann wirklich zur endgültigen Eskalation führen, wie Red Bull für jemand mit ADHS.

Pablo’s Echte – 1921 La Crema de México Tequila Cream Liqueur

Ich oute mich – einer der allerersten Cocktails, die ich wirklich schätzen lernte und dann öfters trank, war der Brandy Alexander. Ein schön sahniges Erlebnis, und mit dem Effekt der frisch geriebenen Muskatnuss etwas Besonderes, wenn man vorher mit dem Begriff „Cocktail“ eigentlich nur diese seltsamen Saftbomben ohne Alkoholgeschmack assoziierte.

Heutzutage trinke ich ihn leider eigentlich kaum noch, die halbflüssige Textur ist etwas, für das man bereit sein muss. Dennoch muss man hin und wieder so einen Cream-Cocktail schlürfen, aber die Möglichkeiten in diese Richtung schienen mir etwas begrenzt; als einschlägige Fertigprodukte erhält man eigentlich nur Irish Cream von allen möglichen Herstellern inzwischen selbst als Discounterhausmarke, doch seit ich mir an Baileys Mitte der 1990er Jahre auf einer Oberstufenparty den Ekel gesoffen hatte, halte ich mich davon fern. Bis ich entdeckte, dass auch meine neue Lieblingsspirituose, der Tequila, in Rahmform erhältlich ist. Bei solchen Entdeckungen hält mich dann meist nichts mehr, und bald hatte ich dann auch eine Flasche des Likörs mit dem etwas sperrigen Namen 1921 La Crema de México Tequila Cream Liqueur im Regal und deren Inhalt kurze Zeit später im Glas.

1921cremadetequila-flascheSehr cremiger Geruch, nach fetter Sahne, mit leichter Kaffeenote und einem Anflug von Muskat. Gebrannte Mandeln vielleicht? In weiter Ferne schimmert ganz leicht Tequila durch. Nach dem ersten Schluck riecht man erneut am Glas, und plötzlich wird der Tequila prominenter, und nach dem zweiten Schluck fragt man sich, wie man das nicht von Anfang an hat schmecken können. Eine spannende Entwicklung.

Sehr süß und vollcremig, weich und butterig, mild und zart. Da ist nichtmal ein Hauch von Kratzen. Werther’s Echte (die echten, nicht die kastrierten zuckerfreien), Karamell und Banane, natürlich Butterscotch. Etwas hintergründige Fruchtigkeit von reifen Pfirsichen, oder Aprikosen. Das liegt ziemlich bequem im Mund, das kann man gut hin- und herwälzen wie ein Sahnebonbon, und nachher von den Zähnen lutschen. Ein sehr angenehmes Getränk, ohne künstliche Süße oder Klebrigkeit. Ein feine Alkoholwärme breitet sich krönend im Abgang in der Kehle aus.

1921cremadetequila-glasEin sehr opulentes Getränk, das man gut als Nachtisch statt des ewigen Baileys Original Irish Cream servieren kann. Ich schlürfe es gern pur, aber es passt gewiss der eine oder andere Eiswürfel dazu ins Glas.

Vermutlich kann man diesen Sahnelikör in allen Rezepten verbauen, die nach  Baileys verlangen. Ich nehme eins davon her, den Midnight Mint, und modifiziere es leicht – so bekommt der Tequilageschmack mehr Gewicht und die Minze ist nur eine leichte Seitnote.

Medianoche Mentha


Medianoche Menta
1½ oz 1921 La Crema de México Tequila Cream Liqueur
¾ oz Crème de menthe (z.B. Olando Pfefferminz)
1 oz Tequila Blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)
Die Zitronenzeste über dem Glas ausdrücken und
etwas Muskatnuss frisch darauf reiben


15% der Mischung sind 1921 Tequila Blanco, der Rest eine Mixtur, über deren Zusammensetzung ich eigentlich am liebsten den Mantel des betretenen Schweigens breiten möchte. Der deutsche Importeur listet immerhin lobenswerterweise alles hinten auf der Flasche auf. „Natürlich“ sieht aber anders aus. Da darf man sich schon die Frage stellen, ob man sowas nicht lieber selbst herstellt, aus Sahne und Tequila mit ein paar Gewürzen.

1921cremadetequila-zutaten15% Alkohol in 70cl in einer sehr eigenen Flasche, leicht getönt im Vergleich zu den Flaschen, in die die Firma ihren großartigen Tequila abfüllt. Ein riesiger Stopfen, unter etwas schwer zu entfernendem Wachssiegel in der Farbe der Spirituose, wie das gesamte Design auf diese beige Cremefarbe abgestimmt ist. Geliefert wird in einem schönen Karton, für einen Preis von 22€.

Ich gebe zu, ich bin seit meinem ersten Versuch des 1921 Tequila Reposado in einem mexikanischen Restaurant in Saarbrücken ein Fan dieser Produktreihe, der 1921 Añejo ist auch schon in meinem Besitz. Für mich passt sich dieser Sahnetequilalikör gut in meine Heimbar ein, die eher arm an solch cremigen Produkten ist – und vielleicht ist das auch ein schöner erster Schritt für Tequilaverweigerer hin zu einer neuen Wertschätzung.

Roggenknäcke mit süßem Aufstrich – Knob Creek Straight Rye Whiskey

Roggenwhiskey ist so etwas wie der verlorene Sohn Amerikas. Einst der präferierte Brand der Amerikaner, wurde ihm durch die Prohibition mehr als allen anderen Spirituosen die Grundlage entzogen (statt ihn selbst herstellen zu dürfen, mussten sich die Amis mit Schmuggelware aus Kanada begnügen, und das langjährige Brachliegen der Produktionskapazitäten blieb dann auch nach der Prohibition nicht ohne Folgen), und er geriet über Jahrzehnte hinweg fast in Vergessenheit; Bourbon lief ihm den Rang als uramerikanische Spirituose ab, und Scotch und später Vodka warteten nur auf ihren Einsatz in Amerika.

Doch der amerikanische Sinn für Melodramatik kann so eine Geschichte nicht ruhen lassen. Im Zuge der fortschreitenden Ausbreitung und Beliebtheit von „small batch“-Produktionen und dem steigenden Qualitätsbewusstsein nicht nur der amerikanischen Konsumenten schielt der eine oder andere Destiller dann in die Vergangenheit, um alte Märkte wiederzubeleben. Und so legt der Roggenwhiskey, anglisiert als Rye Whiskey, nun einen ungeahnten Erfolgslauf hin, vor allem getrieben von der Suche der modernen Bartender nach originalen, ursprünglichen Cocktailzutaten: vom Millionär zum Tellerwäscher und wieder zum Millionär. The American Dream, gelebt von Spirituosen wie dem Knob Creek Straight Rye Whiskey.

knobcreekrye-flascheDer Geruch ist erstmal überraschend zurückhaltend, ganz anders, als es die kräftige, herrlich strahlende Farbe vermuten ließe. Leichte Vanille, ein bisschen reifer Apfel. Da hatte ich schon andere Kaliber im Glas. Doch die Nase ist ja nur ein, wenn auch für mich sehr wichtiger, Teil des Gesamterlebnisses. Daher gehe ich recht schnell zur Geschmacksprobe über.

Dieser hinterhältige Whiskey tarnt sich nur über die Aromensparsamkeit. Kaum hat man ihn im Mund, beginnt er, auf Touren zu kommen – schön cremig, erstmal viel Vanille, dann schnell aber deftige Holzwürze, ein Touch von salzigem Karamell, Tabak. Im zweiten Versuch kommt dann die pfeffrige Roggenfrische voll durch, mit fast eukalyptischen Noten, die ein minziges Gefühl auf der Zunge hinterlassen. Dabei immer wunderbar süß, und im Abgang sehr zart und weich und wärmend. Ich erkenne hier wie bei keinem anderen Whiskey sonst die Karottennote, die auf der Zunge lange verbleibt, zusammen mit einer angenehmen Kribbeligkeit des Roggen.

Der würzigste Rye, den ich bisher getrunken habe. Ein vielschichtiges, buntes Spektrum, nie langweilig. Die 50% merkt man zwar, aber das ist trotzdem ein Whiskey, den ich auch noch gerade so ohne Wasser trinken kann, wenn ich Lust auf was aromatisches habe. Ansonsten, wie immer bei fast allen Spirituosen – ein paar Tropfen Wasser helfen, die Kerkertüren der gefangenen Aromen aufzuschließen.

knobcreekrye-etikettDie schmale Flasche mit Plastikkorken, dieselbe, in die auch der Knob Creek Straight Kentucky Bourbon abgefüllt ist, gefällt mir sehr, sie erinnert in Kombination mit dem Etikettenstil an alte, handgemachte Schmuggelware aus der Prohibitionszeit. Auch dieser Whiskey ist inzwischen dazu übergegangen, als NAS verkauft zu werden, also ohne Altersangabe, stattdessen mit der recht unverbindlichen Aussage „patiently aged“. Da dieser Rye Whiskey den Namenszusatz „straight“ aufweist, ist er mindestens 4 Jahre alt; früher stand wohl etwas von 9 Jahren auf dem Etikett. Persönlich hänge ich nicht an Altersangaben, wenn das Produkt stimmig ist – und das ist der Knob Creek Straight Rye Whiskey auf jeden Fall.

Ein Cocktail, der die Stärken und Aromen des Knob Creek Rye wunderbar wiedergibt, ist der Greenpoint Cocktail, eine kleine, feine Variation auf den Manhattan. Greenpoint ist ein Stadtteil von Brooklyn, also fügt dieser Cocktail sich nahtlos in die Reihe der nach New Yorker Stadtteilen benannten Mixgetränke ein.

greenpoint-cocktail


Greenpoint
2 oz Knob Creek Straight Rye Whiskey
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Barlöffel Chartreuse Gelb
1 Spritzer Pfirsichbitter


40€ muss man aktuell auf den Tisch legen, um sich eine Flasche davon ins Regal stellen zu können. Ist dieser Whiskey diesen stolzen Preis wert? Auf jeden Fall. Es gibt natürlich günstigere Roggenwhiskeys, doch nur wenige, die einen derartigen Powerpunch abliefern können. Wie eigentlich alle „small batch“-Produktionen aus dem Hause Beam ein sehr empfehlenswertes Tröpfchen.

Wilde Parties und wilder Sprit – Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum (Overproof)

Es war die Party des Jahres. Die Mädels tanzten, die Jungs hingen cool ab. Ich rauchte eine Zigarre im zugigen Vorraum und genoss es, die Leute beim Rein- und Rausgehen zu beobachten. Der Gastgeber hatte schließlich ein besonderes Schmankerl auf der Getränkeliste – Rum mit Cola, aber nicht mit einem gewöhnlichen Rum, sondern dem Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum. Die Idee war wohl, durch die hohe Prozentzahl dieses Rums die Leute schnell auf Drehzahlen zu bringen. Einer der ganz mutigen probierte sogar einen Shot davon pur, und war begeistert, wenn ich seinen schiefen Gesichtsausdruck richtig deutete. Letztlich will ich aber gar nicht das Komatrinken dieser Party anpreisen, sondern prüfen, ob dieser Rum auch Qualitäten für Genießer aufweist.

Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum

Bei manchen Spirituosen muss man mühevoll nach Aromen suchen; beim Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum muss man eher vorsichtig ins Glas riechen. Die typischen jamaikanischen Estergerüche sind im Vordergrund, reife Banane, Butterscotch. Die Aromen strömen schnell aus dem Glas und verbreiten sich.

Ich riskiere es, einen Tropfen davon pur zu naschen, mit einem flauen Gefühl. Man wird dabei im Mund mit einem weichen, warmen, süßen Gefühl überflutet, und schmeckt nicht viel außer einer Toffee-Süße, denn der Alkohol betäubt und lässt dem Gourmet kaum eine Chance, sich Zeit zu lassen. Daher setze ich Wasser zu, und diesmal mehr als nur die üblichen paar Tropfen – hier ist 1:1 angesagt. Ein wirklich ausgesprochen vollmundiges, äußerst cremiges Mundgefühl, voller süßer Komponenten, die Banane und das Toffee sind stark dominierend. Leichte Röstgeschmäcker, ein bittersüßes Malz, dunkle Würze. Der Alkohol ist deutlich, aber gar nicht mal unangenehm, und hinterlässt eine tiefe, lange, befriedigende Wärme im Abgang, mit einer feinen Bitterkeit.

Diese Old Pascas-Abfüllung kann also mit eindeutigem Jamaica-Charakter punkten. Ihm fehlt etwas die Komplexität, die ich von Spitzenjamaikanern kenne, und auch deren charmante Trockenheit. Hier bekommt man nur die Süße; etwas zu einfach für mich. Ähnlich wie die anderen Abfüllungen dieses Herstellers, dem Old Pascas White Rum und dem Old Pascas Ron Negro, bekommt man aber vergleichsweise viel für sein Geld – einfache, bodenständige Rums ohne Zuckerzusatz.

Die Gestaltung der Flasche und Etiketten wurde vor kurzem geändert, modernisiert, ist nun deutlich verspielter und lebendiger. Mir gefällt sowohl das opulente Etikett als auch die sehr aufwändig designete und produzierte Flasche, mit Schriftzug und Schildkrötenlogo im Glas.

Ein Overproof-Rum wird gern als Floater in Tiki-Cocktails eingesetzt, wie zum Beispiel beim vielzutatigen Puka Punch. Man stellt dabei zuerst den Cocktail her, und schichtet (engl. „float“) dann eine feine Ebene des Overproof-Rums darauf, zum Beispiel indem man den Rum über die Rückseite eines Teelöffels langsam in den Cocktail gleiten lässt. Danach nicht mehr umrühren, die Schicht soll möglichst lang bestehen bleiben; sie dient demselben Zweck wie eine Glasur beim Kuchen.

Puka Punch


Puka Punch
2 oz Weißer Rum (z.B. El Dorado 3 Years)
1 oz Limettensaft
  ¾ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Myers’s Rum)
  ¾ oz Orangensaft
  ¾ oz Ananassaft
  ¾ oz Maracujasirup
2 Teelöffel Honig, in 2 Teelöffel heißem Wasser aufgelöst
  ¼ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
1 Spritzer Angostura

Mit 1 Glas Crushed Ice im Mixer oder mit dem Pürierstab blenden
… und am Ende vorsichtig ¾ oz Old Pascas 73% aufschichten


Eigentlich ist das ja kein Punch, denn ein Punch hat per Definition genau 5 Zutaten. Aber wahrscheinlich klang der Name einfach so gut, dass man darüber hinwegsah. Ich tue es gern bei so leckerem (und starkem) Tikiglück, das durch den Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum schön abgerundet und mit feinem Jamaica-Aroma perfektioniert wird.

Bei der Party, die ich im Vorspann ansprach, blieb ein Großteil dieses Rums übrig, den mir der Gastgeber dann freundlich, aber bestimmt, ein paar Tage später in die Hand drückte – kein Massenerfolg also, aber wie so oft gilt: Des einen Leid ist des andren Freud, und ich bin durchaus froh, diesen Rum für spezielle Zwecke in der Heimbar stehen zu haben.

Der Urlaub ist vorbei – Mythos Bier

Der eine oder andere kennt das. Im Urlaub entdeckt man eine Speise oder ein Getränk, das wunderbar schmeckt, und den Genießer begeistert. Man nimmt ein Exemplar davon mit, oder besorgt es sich zu Hause übers Internet, und ist dann irgendwie enttäuscht, weil es irgendwie anders schmeckt, meist eine nachteilige Änderung erfahren hat. Mir geht es beispielsweise so mit dem griechischen Lager Mythos.

mythos-bier-in-kretaIch habe das Bier in Griechenland immer sehr gern getrunken, frisch aus dem Kühlschrank, in gefrosteten Krügen. Ein wirklich tolles Erlebnis, das ich jedem empfehle. Zufällig habe ich dann vor kurzem im Bierregal eines Supermarkts ein paar Flaschen davon entdeckt, für den gemäßigten Preis von 1,40€. Habe ich damit ein Instant-Griechenland zu Hause auf dem Sofa?

mythos-flascheDie Verkostung beginnt schonmal sehr vielversprechend. Sehr kräftige Perlage beim Eingießen, schöne Schaumkrone, viel Kohlensäure. Schöne goldblonde Farbe, und ein Lager-typischer Geruch, hell und eher dünn, leicht hefig, etwas metallisch.

Der Geschmack kommt sehr leicht und ungehopft daher, überraschend leicht für 5% Alkohol, mit sehr milder Bitterkeit; minimale Säure ist erkennbar, dann aber vielleicht etwas dumpf im sehr kurzen Abgang. Keine Frage besteht über den Erfrischungsfaktor, der ausgezeichnet ist, was das Mythos zu einem idealen Begleiter zum Essen macht. Da es seine Perlage lange behält, ist es auch nicht zwischen den Bissen abgestanden.

Etikettenlesen gehört inzwischen zur Grundaufgabe eines Biergourmets, denn man findet immer wieder erschreckendes, so wie hier: Glukosesirup als Zutat. Tut das wirklich Not, Mythos? Ich bin beim besten Willen kein Freund eines Reinheitsgebots, doch solche Zusätze sind meist der industriellen Herstellung und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber dem Produkt geschuldet. Es ist halt einfacher (und vor allem billiger!), die Mängel im Bier mit Zucker auszugleichen, als sich bereits in der Produktion mehr Mühe zu geben.

Interessant: Ich habe eben gesehen, dass in der Zutatenliste beim Onlineversandhändler Amazon der Glukosesirup, der zugesetzt wird, ausgelassen, und statt dessen auf das angeblich eingehaltene deutsche Reinheitsgebot verwiesen wird – man muss dort scheinbar erst die Flasche kaufen, um in der Zutatenliste auf der Rückseite nachzulesen, dass das genauso ein Mythos ist wie der Name des Biers schon suggeriert. Vielleicht hat der Vertreiber zuviel von seinem eigenen Bier getrunken?

Mein Fazit: Ein sehr einfaches Bier mit nur wenig Aromen, mit Zusatzstoffen, die ich nicht schätze.

mythos-glasJa, das ist halt genau der Urlaubseffekt bei solchen Bierspezialitäten. Man trinkt sie in der kretischen Taverne mit Blick aufs Meer, an einem heißen Tag, wo einem die Zusatzstoffe egal sind und die Hitze die Aromen verstärkt. Im kühlen, nasskalten Deutschland ist der Charme eher begrenzt, und das Urlaubserlebnis zumindest hier nicht reproduzierbar – zu leicht und eindimensional ist das Mythos, es hat viel zu wenig Charakter. Meine Lehre: Griechisches Bier trinkt man in Griechenland, nicht hier, und freut sich stattdessen lieber auf den nächsten Aufenthalt dort.

J.F. Kennedy hatte Recht – Tequila San José Silver

Eigentlich wollte ich meine Zeit nicht mehr mit Reviewschreiben für minderwertige Spirituosen verschwenden. Doch dann dachte ich mir – Fusel muss auch diskutiert werden, vielleicht sogar noch mehr als Qualitätsschnaps, denn sonst kauft am Ende jemand noch so einen Stoff, weil es praktisch keine Besprechung als Warnung davor gibt, ist dann wegen des grausigen Geschmacks für immer vom Tequila abgestoßen und verpasst damit eine der wunderbarsten Spirituosen, die es auf der Welt gibt.

Bevor ich diese Tequila-Erleuchtung in Form des Probierens von 100%-Agave-Tequila hatte, hatte ich mir in meiner Unwissenheit eben genau so uninformiert neben dem Hut-Tequila auch noch einen anderen Mixto (also einen Tequila, der nur zu mindestens 51% aus Agavenzuckerferment destilliert wird) in einem französischen Supermarkt gekauft: Den Tequila San José Silver.

tequilasanjose-bottleMan kann es aber dann doch recht kurz machen: Mir kommt es so vor, als wäre das der selbe Brennspiritus, der auch in die Sierra-Flaschen abgefüllt wird. Extrem metallischer Geruch, keinerlei Agavenfruchtigkeit schmeck- oder riechbar, nichts, was guten Tequila ausmacht, ist entdeckbar. Man muss schon viel Limette und Salz dazu servieren, um den Sprit wenigstens in Shotgläsern halbwegs trinkbar zu machen, für die Wirkungstrinker, denen das „danach“ egal ist und die auch Bremsflüssigkeit trinken würden, um dicht zu werden. Dass der San José nur 35% Alkoholgehalt aufweist (das Minimum dafür, dass er sich noch „Tequila“ nennen darf), ist ein weiteres Zeichen für Billigstproduktion.

Das perfide an diesem Tequila ist, dass er in einer schönen, aufwändig gegossenen Flasche abgefüllt ist, die echt was hermacht. Da lässt sich bestimmt der eine oder andere zum Kauf verleiten. Leider. Denn jede Flasche, die von solchem Zeug verkauft wird, bestätigt die Industrie darin, dass es einen Markt für schlechte Qualität gibt, und verkleinert damit den Markt für hochqualitativen Tequila aus 100% Agave.

Also: Fragt nicht, was der Tequila für Euch tun kann, sondern, was Ihr für den Tequila tun könnt. Und das ist, solche Mixtos prinzipiell, egal zu welchem Zweck man einkauft, im Regal stehen zu lassen und ein Signal zu geben: Wir wollen guten Tequila!