Dieses Bier ist ein Mysterium. Die saarländische Brauerei Gebrüder Becker ist seit langer Zeit geschlossen, 1989 wurde sie zunächst von der Karlsberg Brauerei (die mit „K“, nicht der Konzern mit „C“!) übernommen, 1997 wurde die Produktion am Firmenstandort in St. Ingbert endgültig eingestellt. Bis heute allerdings findet sich fast ausschließlich in französischen Supermärkten in Grenznähe zum Saarland das Becker’s Pils in der markanten silbernen Dose, das bei Karlsberg weiterhin hergestellt wird, und sich bei lokalen Campern großer Beliebtheit erfreut, weil in Frankreich kein Pfand auf Dosen fällig wird – so kann man im Italienurlaub weiterhin saarländisches Pils trinken, muss aber nicht darauf achten, das Leergut wieder mit zurückzubringen. Das vorliegende Becker’s 9.0 Super Strong ist aber sogar erfahrenen Bierfreunden hierzulande unbekannt gewesen, man findet es leichter in italienischen und spanischen Onlineshops als im Saarland. Das ist einen Artikel wert, dachte ich mir!
Kristallklar, wie man es von einem saarländischen Pils erwartet – mit einem schönen, kupferfarbenen, dunklen Farbton. Der beim Eingießen entstehende Schaum ist nach wenigen Sekunden bis auf winzige Schauminseln und eine Glasrandküste verschwunden. In der Nase nimmt man milde, überreife Frucht wahr, und eine dumpfe Fleischigkeit, die ich schwer zuordnen kann. Leicht hopfig, aber sonst bleibt der Geruch vergleichsweise neutral.
Im Mund steht zunächst eine schwere Floralität da, nach Blüten und reifen Früchten. Das Bier wirkt sehr schwer und, unterstützt durch die recht künstlich wirkende Süße, auch stumpf und sehr oberflächlich. Der Hopfen zeigt sich nur in milder Bittere, die eine recht ungute Allianz mit der Süße eingeht – das passt irgendwie so gar nicht zusammen. „With selected ingredients“ steht auf dem Etikett, man findet auch Zutaten, die man in deutschem Bier eher weniger gern sieht – Glukosesirup zum Beispiel, der alles zuvor gesagte erklärt, und hier dient er garantiert nicht der Flaschenreifung, sondern einfach der Süßung und Aromatisierung. 9,0 namensgebende Volumenprozent Alkoholgehalt sind dazu mäßig, leicht kratzig eingebunden. Diese Fleischigkeit ist auch im Geschmack durchweg da, und für mich ein klarer Braufehler, oder zumindest eine schlechte Brauentscheidung. Im Nachklang findet sich dann wieder künstliche Blumigkeit, die wenigstens über den pappig-trocken-bitteren Abgang, der glücklicherweise nur kurz ist, hinwegtröstet.
Nein, das wundert mich nicht, dass das Bier schwer zu bekommen ist (wer will das schon ein zweites Mal kaufen, wenn man es einmal probiert hat), und niemand verpasst auch nur ansatzweise etwas, wenn man das nicht kennt. Ein langweiliges Bier, das auch noch stark gesüßt ist, und in keiner Form Spaß macht, außer für die, denen der Gagfaktor wichtiger ist als der Geschmack. Grausig und ein Zeichen der durch eine desinteressierte Großfirma zentralisierte saarländische Bierkultur, die gerade mühselig von kleinen, ambitionierten Brauern wieder interessant gemacht werden muss.
Die Personen hinter den Spirituosen, die ich auf meinem Blog vorstelle, kennenlernen zu können ist mir immer eine große Freude; man lernt viel über die Hintergründe, Motivationen und Anliegen, die in einem Brand stecken. In zweiter Generation führt aktuell Marc Darroze das Maison Darroze, und ihn zu treffen, war ein besonderes Vergnügen – mittags saßen wir beim Chez Léon in Brüssel nebeneinander beim Muschelessen, spätnachts packte er seine mitgebrachten Schätze aus, und wir konnten seine Vintage-Armagnacs von 1971 und 1982 probieren – die Flaschen waren schneller leer, als man denken konnte, und die Diskussionen darüber dauerten lange, er ist ein unterhaltsamer und fröhlicher Gesprächspartner. Das war nicht unser erstes Treffen, zwei Jahre zuvor hielt Marc darüber hinaus in China eine interessante Masterclass über Armagnac, und eine sehr spannende Vergleichsreihe zwischen unterschiedlichen Einzelrebsortendestillaten, über die ich damals schon berichtet hatte.
Man sieht, das Haus Darroze ist sehr interessiert daran, das Wissen über Armagnac weiterzuverbreiten, und in mir hat das jedenfalls das rege Interesse geweckt, auch mal ein „Standardprodukt“ des Maisons auszuprobieren: sehr bezahlbar und trotzdem edel wirkend bot sich dafür der Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge an, ein guter Mittelweg der Alterskategorien, die von der Brennerei zu bekommen sind. Marc Darroze zeichnet sich für diese Reihe selbst als Master Blender verantwortlich; die „Großen Blends“, so die für unsere Branche übliche denglische Übersetzung, ist eine Zusammenstellung verschiedener Destillate aus verschiedenen Rebsorten, von denen das jüngste eben, wie der Name schon sagt, 20 Jahre alt ist. Natürlich, wie es für Armagnac üblich ist, sind diese „nur“ einfach destilliert, und reiften in Eichenfässern mit 400 Litern Kapazität. Rein ins Glas damit!
Optisch gefällt der Darroze 20 schon mal: Klares, kräftiges Bernstein mit orangenen, stellenweise fast weißen Reflexen. Die Farbe ist komplett natürlichen Ursprungs, hier wird auch nicht nur zum Angleich an andere Chargen mit Farbstoff nachgeholfen. Gemächlich bewegt sich der Armagnac im Glas, hinterlässt dabei dicke, fette Tropfen an der Glaswand, die sich schnell zu Beinen vereinen und dann schnell ablaufen. Viele Artefakte davon bleiben am Glas hängen.
Die Nase beginnt fruchtig, nach Rosinen und dunklem Apfelmost, viel Vanille süßt den Eindruck. Angequetschte Datteln, getrocknete Feigen, reife Pflaumen und schon braun gewordene Birnen geben eine Erinnerung an Fruchtkuchen, insbesondere zusammen mit den Backgewürzen. Bei all dem bleibt der Darroze 20 vergleichsweise frisch und helltönig, ein Anflug von Süßholz unterstützt den durchaus derben, aber nicht wilden Charakter. Ein bisschen Leder, ein bisschen frisches Holz.
Im Mund führt sich das in einer logischen Kette fort – zunächst süß, voller Vanille und süßen, getrockneten Aprikosen und Feigen, mit einem fetten Mundgefühl und viel Breite, mit Nougat und Honig. Im Verlauf entwickelt sich ein kräftiges aromatisches Feuer, definitiv nicht den 43% Alkoholgehalt zuzuschreiben, zusammen mit dem Wandel von süß hin zu bittersauer. Die Frucht bleibt trotz der sich dann deutlich zeigenden Trockenheit immer erhalten, es entsteht eine minimale Salzigkeit, die die Spucke fließen lässt. Höchstens Anflüge von Rancio sind da, spät meine ich, eine leichte Nussigkeit zu entdecken. Ein leichter Körper passt zur helltönigen Nase, Vanille, Zimt und Streuselkuchen definieren schließlich den Schlussakkord. Sehr warm, lang und mit einem sehr prägnanten Blütencharakter klingt der Darroze 20 aus und hinterlässt andauernde Aromen und Effekte am gesamten Gaumen.
Ein sehr attraktiver Armagnac, zwar durchaus mild und weich, dabei aber sich nicht anbiedernd. Komplex und vielschichtig, mit toller Intensität und dabei hübscher Rundung, der am Ende sogar noch Charakter aufweist: Da ist von allem was für alle dabei. Das trinkt sich einfach toll. Eine Spirituose, über die man sinnieren kann, während man sie trinkt – es aber nicht muss, man kann sich auch einfach gehen lassen.
Der Claudine Cocktail nimmt von allen seinen Zutaten etwas mit – die herbalen Gewürztöne der zwei Wermuts, die Eigenheit des Quinquina, die Bitterkeit der Bitters, und schließlich die Fruchtigkeit, Wärme und Tiefe des Armagnacs. Ein eleganter, leichter, aber dennoch sehr aromatischer Drink, der nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern dem man sich wunderbar als Aperitif hingeben kann.
Claudine Cocktail 1⅓ oz Armagnac ⅓ oz trockener Wermut ⅓ oz süßer Wermut ⅓ oz Quinquina 1 Spritzer Orange Bitters Auf Eis rühren. [Rezept nach Matteo Malisan]
Sehr gefällt mir die reduktionistische Präsentation – schon der Karton in grauem, grobstrukturierten Karton weist als einzige Extravaganz den handschriftliche Namen des Hauses Darroze auf. Echtkorken erwarte ich heute auch bei höchstwertigen Spirituosen eigentlich nicht mehr, hier ist er noch vorhanden. Ähnlich dezent auch die Flasche selbst, und deren Etiketten. Die große 20 ist scheinbar alles, was man für diesen Brand wissen muss – und es wirkt, zumindest auf mich, auch wenn ich gern mehr Aufschlüsselung über Rebsortenanteile, Fassarten und ähnliches erfahren wollen würde; ein bisschen Optimierungspotenzial muss man einem für Armagnac-Verhältnisse noch jungen Maison ja auch zugestehen. Und wenn das sich hauptsächlich auf die Verpackung bezieht, nun, da gibt es andere Hersteller mit sehr viel größeren Baustellen. Ich glaube, die meisten wird es eh nicht interessieren, wenn das Endprodukt so gut schmeckt wie dieses hier.
Mitbringsel von Ausflügen haben den Charme, dass man beim Trinken nochmal die Erlebnisse etwas Revue passieren lassen kann. Aus Belgien bringe ich dazu gern Bier mit, vor allem Geuze, das ich als Sauerbierliebhaber sehr schätze. Manchmal sieht man für diese Bierspezialität auch die Schreibweise „Gueuze“, wahrscheinlich für die frankophonen Wallonen, die das initiale g ansonsten stimmhaft zu einem ʒ verweichen würden. Interessanterweise liest man auf dem Etikett des Oud Beersel Oude Geuze Vieille dann praktisch zwei Sprachen – „oude Geuze vieille“ scheint mir doppelt gemoppelt, aber das ist halt das Königreich Belgien, das eigentlich aus zwei Ländern (Flandern und der Wallonie) besteht, die sich nicht immer ganz grün sind.
Ein Geuze ist ein Blend aus mehreren fassgereiften, spontanvergorenen Lambics, das in Flaschengärung weiter reift. Letzteres spürt man deutlich, wenn man den von einem Drahtkorb gehaltenen Sektkorken aus der Flasche poppen lässt – das ist, wie wenn man einen Champagner öffnet. Farblich grenzt sich das Oud Beersel Oude Geuze Vieille aber von Schaumwein ab, es hat eine helle Kupferfarbe. Sehr starke Perlage sieht man, und einen sehr feinblasigen Schaum, der auf dem Bier eine ganze Weile erhalten bleibt. Ich mag den Geruch von Sauerbieren, hier ist das nicht anders. Apfelessig, grüne Äpfel, fast schon limettig und beerig, dabei aber begleitet von einer tiefen Würze, die noch nicht ganz ins Backgewürzige geht, Kardamom und Sternanis vielleicht. Wie bei vielen belgischen Bieren verhindert die niedrige empfohlene Trinktemperatur von 8-12°C, dass das Bier mehr Nuancen freigeben kann.
Im Mund bildet sich direkt eine spannende Süßsäure, wobei die initiale Süße im Verlauf sehr schnell durch die knackige Säure unterbuttert wird. Ein cremiges Mundgefühl wirkt dabei paradox, es funktioniert aber. Trockener Sekt, Apfelessig, Limette – das ist schon kantig sauer, die dazukommende ausgeprägte Bittere tut ihr übriges dazu, dass das kein Schmeichelbier ist. Fast schon radicchioartig bitter ist der Abgang, kurz und blumig, weiterhin sehr frisch und von sauerbitteren Aromen beherrscht. Grapefruitsaft, Orangenzeste, von vorne bis hinten sehr fruchtig herb. Die Rezenz ist dadurch, und durch die hohe Karbonisierung wegen der Flaschengärung, natürlich sehr gegeben und macht das Bier für mich ideal zu allerlei Essen. In Brüssel hatte ich zu einem Geuze die typischen frittierten Garnelenkroketten, das passt herrlich.
Das ist kein einfaches Bier, dem Einsteiger ins Sauerbier würde ich eher etwas mildere Vertreter empfehlen. Das Oud Beersel Oude Geuze Vieille ist eher was für den Bierfreund, der mit der wirklich harten Säure umgehen kann. Für diesen aber ist dieses Bier gewiss eine Entdeckung, an der man viel Freude haben kann: zum Beispiel auch als Aperitif statt einem Sekt!
„Ron do Brasil“ – diese Wortkombination findet man eher selten auf Etiketten. Zuckerrohrbrände aus Brasilien, da denkt man zunächst selbstverständlicherweise an Cachaça. Und ja, das ist etwas anderes als Rum. Recherchiert man ein wenig weiter ob dieser unerwarteten Auszeichnung, findet man Werbetexte in mehr oder weniger vertrauenswürdigen Internetshops, die den Rum César Ron do Brasil sogar als „holzgelagerten Rum Agricole“ bezeichnen. Was ist denn das für eine Verwirrung? Ein spontaner Erklärungsversuch – in den USA ist Cachaça inzwischen als Kategorie anerkannt (wenn auch meiner bescheidenen Meinung nach falsch als Subkategorie von Rum), in der europäischen Gesetzgebung aktuell weder als Kategorie noch als „geografische Angabe“, daher schreibt der eine oder andere Importeur einfach „Rum“ aufs Etikett, das versteht man, und muss nicht rumdiskutieren. Da die Herstellungskriterien für Cachaça allerdings in Brasilien enger definiert sind als die für Rum, kann es auch durchaus sein, dass hier tatsächlich schlicht ein Zuckerrohrbrand vorliegt, den man gemäß den brasilianischen Regeln nicht als Cachaça deklarieren darf.
Vor allem, wenn man zusätzlich sowohl die Triggerworte „Fair Trade“ und „Bio“ auf jenem mirakulösen Etikett findet. Hergestellt wird dieser Rum in der Kleinbrennerei Agroecológica Marumbi im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná, die das Zuckerrohr für den Rum in biologischer Weise anbaut. Das Produkt ist Fair-Trade-zertifiziert via Ecocert, und, so wie es für mich aussieht, in der Schweiz abgefüllt, letzteres ist allerdings mehr eine Vermutung aufgrund diverser Angaben aus allen möglichen Quellen. Man sieht, nichts genaues weiß man nicht, und gerade für ein Bioprodukt sollte Transparenz doch etwas größer geschrieben werden. Nun, das ist das Außenrum, trinken wir einfach mal ein paar Schlückchen dieses Brands.
Farblich ein leichtes Ocker, vielleicht ein Hinweis auf das Alter – ich würde unabhängig davon von der gesamten Sensorik her schätzen, dass er 2-3 Jahre alt ist, dazu passt auch die Farbe. Im Glas ist er erkennbar viskos, hat viele lang am Glas anhaftende Artefakte. Geruchlich kommen wir in die Bredouille – weder finde ich eine besonders starke Assoziation zu Rum Agricole, noch zu Cachaça, eigentlich rieche ich mehr einen Melasserum; vielleicht ist die Deklaration doch gar nicht so überraschend. Sehr süß, esterig, nach reifer Banane, Kakaopulver, Vanille. Ein paar Fehltöne in Richtung feuchter Karton, vielleicht auch Chlor. Dazu kommt eine durchaus starke alkoholische Note.
Die Kritikpunkte fallen beim Probieren dann aber schnell weg. Schmelzend weich im Mund, und supersüß im Antrunk, aber nicht künstlich pappig, und passend zu diesem sensorischen Eindruck ist der Rum César Ron do Brasil auch tatsächlich ungesüßt nach eigener Messung. Schokoladig, rosinig, pflaumig. Viel Körper, dicht, breit und rund. Im Verlauf entsteht eine sehr milde Ingwerschärfe, gewiss aromatischen Ursprungs und nicht den mäßigen 40% Alkoholgehalt zusprechbar. Mir fehlt nur etwas an Komplexität – das Ganze bleibt etwas oberflächlich.
Zum mittellangen, süß-trockenen Abgang, bei dem Vanille und Holz am Gaumen bleiben, kommt eine sehr prägnante mandelige Nussnote, die lange nachhallt. Warm und zart am Ende – ein leichtes Kribbeln verbleibt auf der Zunge.
Die Eigenschaften dieses Rums machen ihn sowohl zum puren Schlürfen, wenn man Lust auf was Süßes hat und trotzdem keinen pappigen Likör trinken will, sehr gut geeignet, als auch natürlich wie alle Spirituosen als Cocktailzutat. Rezepte für Rum nehmen ihn aufgrund der oben geschilderten Eindrücke sicherlich sehr gern auf. Der Eureka Punch ist ein süßschwerer Absacker, der jedenfalls mit dem Ron César ausgezeichnet funktioniert.
Eureka Punch 2 oz gereifter Rum
1 oz Limettensaft
¾ oz Chartreuse jaune
2 Esslöffel Honigsirup
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
2 oz Ginger Ale
[Rezept nach Martin Cate]
Leider konnte ich seit der ersten Flasche, die ich in einem lokalen Biomarkt in Saarbrücken gekauft hatte, keine weitere erwerben, einfach weil sie überall vergriffen ist. Es ist durchaus üblich, dass Importeure nur eine Charge eines Produkts kaufen, und kein dauerhaftes Verhältnis zum Hersteller aufrecht erhalten, gerade bei Kleinbrennern ist das wahrscheinlich einerseits wirtschaftlich verständlich, andererseits schade für uns Konsumenten und auch für den Brenner, der sich oft neue Abnehmer suchen muss. Schade insbesondere für mich, denn den Rum César Ron do Brasil habe ich nun, da ich die Flasche längst aufgebraucht habe, immer noch in guter Erinnerung. Wenn ich bei einem Besuch eines Biomarkts darüber stolpere, wird sie ganz sicher mit in meinem Einkaufskorb landen.
Ich habe es neulich beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection am eigenen Gaumen erfahren – Whisky ist längst nicht mehr eine Domäne von Schottland, Irland und den USA. Heutzutage wird in aller Welt Whisky hergestellt, Frankreich ist ein sehr prominenter Produzent geworden, ich habe zwei Whiskydestillerien in Belgien besichtigt, in Österreich und der Schweiz drängt jeder Brenner zum Whisky, und natürlich hat auch Deutschland seine Brenner, die ein ganz eigenes Produkt herstellen. Jede Region hat ihre Vorlieben – einer der bekanntesten deutschen Whiskies kommt vom Schliersee und heißt Slyrs. Was macht man als Brenner, wenn der Brand ausgereift ist, mit den Fässern? Man kann sie zum Beispiel Bierbrauern aus der Nähe geben, die dann ein Bockbier darin lagern. Und dann kommen limitierte Sonderauflagen heraus, wie das Maisel & Friends Slyrs Bock Barrel Aged 2020. „Mehrere Monate“ reifte das Bier, aber bei mir zuhause hatte es keine Chance, länger zu liegen: Es kam schnell ins Glas.
Die hellbraunrötliche Farbe mit fast orangefarbenen Reflexen zeigt sich beim Gegenlicht besonders, wo man auch die leichte Trübung erkennt. Feine Bläschen steigen unermüdlich auf, landen im Schaum, der an der Glaswand ein bisschen dicker, auf der Mitte der Bieroberfläche schnell Lücken aufweist und sich in großen Blasen sammelt. Die Nase ist tatsächlich stark vom Whiskyfass geprägt, direkt von Anfang an sind da Gerstenmalz, Vanille vom Holz, und leicht bananige Töne. Den Vormieter des Fasses kann man mehr als nur erahnen, milde scotch-ähnlicher Aromen kombinieren sich mit leicht fruchtigen Tönen aus dem Bier. Das erinnert etwas an Erdbeersahnejoghurt, und warmen, buttrigen Streuselkuchen – hübsch, ohne dass der Whisky untergeht oder komplett übernimmt.
Im Antrunk wirkt das Slyrs Bock frisch und hell, mit bereits dort deutlicher Säure, die die cremige Textur etwas einfängt, so dass das Bier nicht zu süß wirkt. Die Karbonisierung fällt auf, da prickelt es am Gaumen, gar nicht unangenehm. Aromatisch hat man Holz, leichte Whiskyaromen, eine fast schon weinartige Note kommt dazu. Pistazien schmeckt man, und ein buttriges Toffee, vielleicht weiße Schokolade, doch insgesamt ist das Bier eher über seine frische Struktur definiert als über überwältigende Aromatik. Der Abgang ist wieder pistaziennussig, frisch, pikant fast schon, insgesamt eher kurz, hinterlässt aber eine freche, eckige Bittere am Gaumen und insbesondere am Zäpfchen. Erinnerungen an Zuckerwatte und Butterstreusel hängen noch eine Weile nach. 10,5% Alkoholgehalt, das ist darüber hinaus schon eine Hausnummer, die ich zu schätzen weiß.
Sehr trinkbar, leicht und hell, mit sehr rezentem Charakter. Die Whiskyfassreifung kommt sehr deutlich durch, ist aber für mich irgendwie nicht wirklich der Hauptreiz des Bieres. Ich mag es als erfrischende Auflockerung eines warmen Sonntags, doch mir fehlt etwas die Komplexität und Spannung insbesondere im aromatisch minimal schwächelnden Abgang – wenn das zu negativ klingt, entschuldige ich mich, doch bei ambitionierten (und teuren!) Bieren darf man ruhig anspruchsvoll sein, finde ich. Unabhängig davon macht es Spaß und ich finde es schade, dass ich nicht mehr an eine zweite Flasche herankommen werde!
Ja, der hier vorgestellte Whisky nennt sich Writers‘ Tears, nicht Writer’s Tears oder gar Writers Tears, alternative aber falsche Schreibweisen, die man allüberall findet, wo es um diesen Whisky geht. Die Begründung lässt sich leicht auf der Homepage des Herstellers nachlesen – es ist eine Homage an die vielen irischen Schriftsteller (daher der Genitiv Plural im ersten Wort), die um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts Weltruhm errangen; dort werden George Bernard Shaw, Oscar Wilde, W.B. Yeats, Lady Gregory, James Joyce, Samuel Beckett und Bram Stoker genannt, das ist schon eine wirklich beachtliche Gruppe.
Und nein, bevor hier die herablassenden Kommentare einträufeln, ich schreibe absichtlich „Whisky“, denn mir ist das ganze Gehampele um das „e“ zuwider, es ist eine Lächerlichkeit der Spirituosengeschichte, dass soviel Aufhebens um die Schreibweise gemacht wird. Denkt Euch das „e“ dazu, wenn ihr nicht damit leben könnt. Viel wichtiger sind die produktionstechnischen Eckdaten: Schon im Namen erfahren wir, dass wir einen reinen Pot-Still-Whisky vor uns haben, nicht unbedingt die Gewohnheit in Irland. Dreifach destillierte Pot Still und Single Malt Whiskys werden hier verblendet, es kommt kein Grain Whisky dazu. Es handelt sich um gesourcten Whisky, das heißt, die Firma Walsh Whiskey, die auf dem Etikett angegeben ist, destilliert nicht selbst, sondern kauft den Whisky ein und vermarktet ihn weiter. Die Angabe „bottled in bond“ weist genau darauf hin, und bedeutet damit etwas völlig anderes als das, was der amerikanische Gesetzgeber mit einer wortgleichen Angabe für dortige Produkte vorschreibt.
Färbung ist bei irischem Whisky erlaubt, auf der Flasche findet sich aber kein Hinweis auf E150, wie man das in Deutschland beispielsweise bei Scotch gewohnt ist – daher gehen wir einfach mal von natürlicher Farbe aus, denn die nachgerösteten Ex-Bourbon-Fässer, die hier verwendet wurden, können solch ein klares, strahlendes Ocker ganz sicher verursachen. Der Writers‘ Tears ist leicht ölig, bewegt sich schwer im Glas. Viele dicke, langsam ablaufende Beine entstehen dabei.
Der Whisky ist in der Nase sehr fruchtig nach Williams-Christ-Birne, wenn man die initiale Ethanolnote überwunden hat, die auch mit Offenstehzeit etwas verfliegt. Dazu etwas reife Banane. Viel Vanille aus dem angesprochenen, frischgeflammten Holz. Ich erkenne eine sehr würzige Malzbasis, insgesamt wirkt der Ire aromatisch und dicht, dabei helltönig bleibend, vielleicht sogar leicht blumig.
Kommen wir zum Geschmack – dezent süß im Antrunk, sehr weich, rund und voll im Mundgefühl. Karamell und Honig, etwas buttrig. Süßes Popcorn drängt sich mir auf. Im Verlauf mildwürzig mit feinem Kribbeln auf der Zunge, minimal medizinisch, immer noch etwas fruchtig, erinnernd an einen jungen Cognac. Etwas mehr als die hier vorhandenen 40% Alkohol hätten dem Endeindruck wahrscheinlich doch sehr gut getan, in dieser Form fühlt er sich etwas schwachbrüstig an.
Der Abgang ist kurz, mild, unauffällig – tatsächlich etwas zu blass für meinen Geschmack, da hätte ich gern mehr gesehen, die schöne Aromatik länger genossen. Der Nachhall ist leicht metallisch, doch auch das verschwindet schnell – nur ein angenehm warmes Gefühl verbleibt in Speiseröhre und Magen.
Insgesamt ein recht zurückhaltender Ire, mit viel Potenzial, das nicht ganz ausgeschöpft wird. Ein bisschen mehr Länge, und ich würde mich begeistern; so bin ich „nur“ erfreut, was ja auch schon etwas ist. Wer einen milden Whisky sucht, schön ausgerundet, der ist hier richtig.
Die Fruchtigkeit lässt mich tatsächlich direkt daran denken, den Writers‘ Tears mit Cognac zu verbinden. Und nach kurzer Recherche findet sich auch ein Cocktail, der genau das bietet – im Parlez-vous Irish spielen wirklich viele meiner Lieblingszutaten in Drinks mit. Da vergesse ich schnell alle Kritikpunkte und lasse mich mit einem wirklich wundervollen, starken und aromatischen Cocktail treiben.
Parlez-vous Irish 1 oz Irish Whiskey
1 oz Cognac
½ oz Orangenlikör
½ oz Bénédictine
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Chris Strong]
Eine einfache, klassische Flasche mit einem sehr edel gestalteten Etikett erfreut das Auge, und der Karton, in dem sie erhältlich ist, sorgt für weitere optische Erbauung. Man gönne sich abends ein Glas, vor einem Kamin mit wärmendem Feuer oder wenigstens einer flackernden Kerze, und einem schauderlichen Buch von Lord Dunsany oder Le Fanu, vergieße dabei vielleicht sogar eine Träne für die Autoren, die in harten Zeiten Unterhaltung für uns heute schafften, und es bleibt einem nichts zu wünschen übrig.
Ende 2021 ist eine verrückte Zeit für Rumfreunde – hatte man vorher nach ungewöhnlichen Veröffentlichungen im Rumsektor eher suchen müssen, wurden Rumfreunde mit vielen Abfüllungen verwöhnt. Wenn man mit dem entsprechenden Portemonnaie ist, natürlich, so etwas wie der Flensburg Rum Company Guyana KFM Rum 1991-2021 kostet dann halt mal um die 300€. Um so erfreuter war ich, dass ich ein kleines Sample des Rums mit dem Mark KFM (zu den Marks und Demerara-Rum im Allgemeinen gibt es keine bessere Quelle als Marco Freyers Artikel darüber) aus der Versailles Still der ehemaligen Enmore Distillery in Guyana in der Post fand – ansonsten hätte ich darüber nichts schreiben können, derartige Produkte sprengen meine Mittel bei weitem. Pot Still (sogar eine aus Holz), 30 Jahre tropisch gereift, als Cask-Strength unverdünnt mit 51,9% Alkoholgehalt 2021 abgefüllt, entsprechend natürlich nur in wenigen Flaschen verfügbar – das relativiert den Preis etwas, aber ob man soviel Geld für eine Spirituose ausgibt, sollte jeder mit seinem Gewissen und seinem Bankkonto klären, ich gebe hier jetzt einfach mal wieder, wie das Zeug schmeckt, falls jemand noch ein exklusives Weihnachtsgeschenk sucht.
Schon beim Eingießen ins Verkostungsglas sieht man es: Die Textur ist dick und schwer, das dunkle Mahagoni betont das weiter. Entsprechend zaghaft bewegt sich die Flüssigkeit beim Schwenken. Fette Schlieren bilden sich an der Glaswand. Man ahnt schon, dass man hier kein Leichtgewicht vor sich hat.
Die Nase bestätigt das direkt – starke würzige Aromen, eine volle Breitseite schon bevor der Rum seine angemessene Zeit atmen durfte. Salzig-umamihafte Eindrücke kommen da vor, Backerbsen, milder gesalzener Trockenfisch, fettes Leder eines alten Mantels, der immer noch auf dem Speicher der Eltern hängt; zusammen mit Zedernholzschnitt und tiefdunklen Noten von Mokka, schwarzem Kakao und schließlich ganz prägnant Eukalyptus und Menthol. Erinnert mich, ehrlich gesagt, in der dunklen Frucht erstmal mehr an einen Armagnac oder einen ganz alten Rhum Agricole.
Aromen muss man erstmal Zeit lassen, zunächst ist da der Effekt am Gaumen: Lakritzebittere, Menthol ist direkt da, verstärkt sich sogar noch deutlich bis zum kalten Nachhall. Sehr bitter, trocken, unami und astringierend im Effekt, klar überholzt und überreift für meinen Geschmack. Dennoch deutliche fruchtige Süße im Geschmacksbild; auch hier: den kann man als Uboot in ein Weinbrandtasting einschleusen. Süßholz, Kardamom, Bitterorange, und eine Erinnerung an Wachsmalstifte.
Ein interessantes Erlebnis, ein schönes Beispiel, wie breit Rumprofile gestreut sein können. Das ist sicher nichts für jeden, da muss man offen sein und darf sich nicht von fehlender Anschmiegsamkeit abschrecken lassen – dann bekommt man etwas Besonderes.
Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples.
Er wird immer stärker – der Trend zu Niedrigprozentigen und sogar Nullprozentigen Genussgetränken. Ich sehe das sowohl an der immer größer werdenden Schar an erhältlichen Produkten, als auch daran, dass bei Spirituosenwettbewerben, an denen ich als Juror teilnehme, inzwischen eine „Non-Alcoholic Drink“-Kategorie vorhanden ist. Ich haben oben absichtlich „Genussgetränke“, und nicht „Spirituosen“ geschrieben, weil eine Spirituose definitionsbedingt Alkohol enthält, gesetzlich sogar einen Mindestalkoholgehalt, aber so langsam muss man sich Gedanken machen, wie man diese Art von Genussmitteln in Zukunft durchgängig benennen will.
Doch darüber müssen sich die als „Aperitive“ bezeichneten Root to Fruit Kalyx, Ricordino und Camela erstmal keine Gedanken machen – da ist man noch klar im Rahmen der Spirituosen, allerdings eben schon auf einer Ebene, die vor ein paar Jahren höchstselten und eigentlich eher Portwein, Sherry, leichten Likören und anderen klassischen Produkten vorbehalten war. Die drei Aperitifs haben, gemäß dem Firmennamen, darüberhinaus die aparte Idee, von Wurzel über Frucht und Blätter bis zur Blüte viele Komponenten in einem Drink abzubilden – und das (auch das ein klarer Unterschied zu der Zeit bis vor wenigen Jahren!) ohne künstliche Aromastoffe und nur mäßigem Zuckereinsatz, es sind eben absichtlich keine Liköre geworden. Kommt bei soviel Ambition auch was Süffiges raus?
Ich wage mal die Vermutung, dass die Aussage über den Nichteinsatz von Aromastoffen nicht auch auf Farbstoffe zutrifft, die drei kommen alle sehr bunt daher, insbesondere der CamelaAperitivo Amaro, der in kräftigem Rosenrot leuchtet, im Glas etwas weniger als in der Flasche, erreicht nicht ganz Campari-Niveau, erinnert aber daran. Die Nase gefällt mir schon sehr, man riecht schon direkt eine bunte Mischung aus Kräutern und Früchten – ich habe diverse Aperitifs dieser Art probiert, es geht hier gar nicht darum, dass sich Aromen aus der Herstellung ergeben, sondern um die Abbildung der eingesetzten Materialien. Bitterorange, Granatapfel, Safran, Wermutkraut, ja, das kann ich wirklich alles nachvollziehen in der Nase, das wirkt fruchtig, aber nicht zu süß, mehrdimensional und zum Design passend.
Im Mund kommen dann die Gewürze explosiv zur Geltung, Kardamom, Chili, Pfeffer, Ingwer, alles ist sehr plötzlich sehr präsent, ergibt im Gesamtbild ein stellenweise parfümiert wirkende, sehr exotische, geheimnisvolle Erinnerung an einen persischen Basar. Sehr würzig, vollaromatisch, mit einer interessanten Süßbitter-Balance, sich im Verlauf immer pfeffriger darstellend gefällt mir der Camela wirklich sehr. Der Nachklang ist mild chilischarf, hat immer noch Töne von Kardamom und Wermutkraut. Am Ende bleibt als einziger kleiner Fehler eine fast pappige Süße auf Lippen und Zunge übrig. Letzlich trinkt man das aber auch nicht in Zimmertemperatur pur, wie ich es gerade für die Verkostung getan habe, sondern entweder auf Eis oder im Mixdrink. Als Mysterious Coke – im Verhältnis 1:1 mit einer halbwegs aromatischen Cola gemischt, ich habe hier Jarritos verwendet – ist der Camela ein absoluter Traum, das ist für mich mit das beste Cola-Mischgetränk, das ich kenne. Sollte man unbedingt ausprobieren, die zwei Aromenspektren ergänzen sich unglaublich gut!
Da wurde ordentlich vorgelegt, ich wünsche dem Kalyx Elixir Vivant, dass es sich ähnlich gut schlägt. Die Farbe gibt schon vor, dass wir uns hier in eine andere aromatische Richtung bewegen – rosa, hier deutlich mehr an Blüten erinnernd als das kräftige Rot des Camela. Blumig ist entsprechend auch die Zusammenstellung: Rose, Hibiskus, Zitronenverbene, Veilchenwurzel, das klingt schon schön duftend. Und es klingt nicht nur so – bitterfloral, sehr apart und elegant, leicht, aber aromatisch. Hier passt es wirklich: Der Kalyx riecht nicht, er duftet. Sehr klug, wie die drei Aromen auch in einer Story verortet werden, Camela als orientalisch, Ricordino als italienisch, Kalyx als französisch; und, das ist die Bedingung für mich, solche Marketingtricks zu akzeptieren, es fühlt sich passend an.
Im Mund kommen die Bitteraromen deutlicher vor, in Kombination mit der ausgeprägten Frucht (Himbeere, Grapefruit und Orange werden verwendet) bietet sich ein ungewöhnliches Geschmacksbild an. Durch das Wermutkraut hat man eine gewisse aromatische Nähe zu Wermut, Kalyx ist aber doch deutlich etwas anderes. Ein sehr hübscher, herbfloraler Nachhall klingt noch einige Minuten nach, die Süße würde ich bei allen drei Produkten eigentlich gern weiter reduziert sehen, sie hängt als Effekt ähnlich nach. Auch hier suche ich, dem Produktdesign entsprechend, einen „einfachen“ Drink aus, schließlich holt man sich so einen Aperitif eben, weil man nicht mit vielen Zutaten herumbasteln will, sondern die Vielfalt schon vorgegeben hat. Zur herben Blütigkeit des Kalyx passt meines Erachtens ein halbtrockener Sekt wunderbar. Auch hier kann man sich das Mischverhältnis von 1:1 als Basis für eigene Experimente heranziehen. Der Kalyx Royal ist sicher für ein Essen in netter Gesellschaft eine unerwartete, viele Fragen nach sich ziehende Einleitung.
Kommen wir zum Dritten im Bunde, dem Ricordino L’Essenza della Dolce Vita. Leuchtendes, blasses Gelb sieht man schon in der Flasche, im Glas wirkt die Flüssigkeit fast schon grüngelb. Eine Mischung aus Zitrusfrucht und Kräutern erwartet die Nase – die klar kommunizierte, kurze Zutatenliste ist auch hier ohne viel Mühe erschnupperbar. Zitrone, Limette, Orangenblüte, Basilikum, Rosmarin, Thymian und Angelikawurzel, außer der Zitrone ist aber keine Komponente wirklich im Vordergrund. Ein schön mildes, frisches Bouquet, sehr angenehm zu riechen und gut zusammengestellt.
Im Mund bin ich dann etwas enttäuscht, neben der direkten Süße ist nur etwas recht generisches Zitrus vorhanden, gefolgt von milder Bittere und leichten Kräuteraromen. Ein aromatisches Leichtgewicht – das muss nicht zwingend schlecht sein, nach den zwei Vorgängern fällt es aber deutlich auf, dass der Ricordino etwas schwach auf der Brust ist. Ein kurzer Abgang wird gefolgt von einem Nachhall, in dem die Angelika sich noch etwas zeigt. Hm, ich bin gespannt, ob sich das in einem Mixdrink durchsetzen kann. Erneut: Ein ganz einfaches, Zweizutatenrezept, alles darüber hinaus würde den Ricordino erwürgen. Ingwer und Zitrus, das ist eine grundsätzlich gute Kombination (wie man hört, hilft das auch gegen Viren, ich will hier aber keine Gesundheits-, sondern Genusstips geben). Also, etwas Eis ins Longdrinkglas, einen guten Schuss Ricordino, und das ganze mit gut scharfem Ingwerbier aufgießen und die freche Frische genießen. Ich nenne das einfach mal Ricordino Ginger.
Ich habe hier einen klaren Favoriten – Camela ist mit Abstand der für mich interessanteste Vertreter dieses Trios. Kalyx hat seine sehr spannenden Momente, Ricordino finde ich für mich persönlich dagegen eher langweilig. Auch ist Camela der einzige der drei, der sich meiner Meinung nach in echten Cocktails interessant machen kann, und nicht „nur“ in Longdrinks. Für mich als eher seltenen Konsumenten von einfachen Mischdrinks mit Tonic Water, Ginger Beer oder Bitter Lemon gibt es da nur mäßig viele Anknüpfpunkte. Camela nehme ich, wie gesagt, ausdrücklich aus: Das ist ein aufregender, ungewöhnlicher und unterhaltsamer Aperitif, mit dem ich sicherlich viel anfangen werde (als ersten Versuch ein Spicy Negroni, zum Beispiel).
Ich bin aber auch nicht wirklich die Hauptzielgruppe, glaube ich. Wer schon eine Weile meinen Blog verfolgt, und gern seinen Gästen ähnlich aromatische Drinks servieren will, wie ich sie in meinen Artikeln oft zeige, aber an der Komplexität und dem Aufwand verzweifelt, ist bei diesen Aperitifs dagegen durchaus richtig: man muss keine 20 Zutaten bereit halten, keine komplizierten Mischverhältnisse beachten und viel Barwerkzeug griffbereit haben, sondern kann mit wenigen Handgriffen und simplen Rezepten sehr viel Ungewöhnliches, Überraschendes erreichen. Das ist, denke ich, das Ziel dieser Produkte – und das leisten sie wirklich gut.
Offenlegung: Ich danke RTF Distillers GmbH für die kosten- und bedingungslose, unaufgeforderte Zusendung der drei hier vorgestellten Produkte.
Exotische Biere, da mag man an Südamerika und Fernost denken, doch für mich viel exotischer als das ist ein Bier aus Russland. Von Mexiko über Argentinien bis China und Australien habe ich schon Gerstensaft im Glas gehabt, aber ein russisches Bier? Das ist mir bisher komplett entgangen. Das Zhiguli Barnoe Pshenichnoe (Жигули Барное Пшеничное) von der Moskovskaya Pivovarennaya Kompaniya (Moskauer Bierbrauerei), der laut eigener Aussage modernsten Bierbrauerei Russlands, soll diesen Mangel beheben. Es handelt sich dabei, wie der Name schon sagt, um ein obergäriges Weizenbier. Das Zhiguli scheint ein „legendäres“ Restaurant bzw. eine Bierhalle in Moskau zu sein – ich habe es durch Zufall auch hierzulande in Flaschen mit Drehverschluss gefunden, man kann sich also leicht davon überzeugen, ob sich ein Bierabstecher nach Russland lohnen könnte.
Optisch weiß es zu überzeugen – ein hübsches, volltrübes weil unfiltriertes Ocker sitzt im Glas, mit einem attraktiven Schaum, der aus sehr feinen Bläschen besteht, mit einzelnen sehr großen dazwischen. Nur vereinzelt sieht man Perlage aufsteigen. In der Nase wirkt das Bier sehr getreidig, mit einer seltsamen, leicht dumpfen Eiersalatnote, so seltsam es klingt. Durchaus ein Braufehler, finde ich, und ich bin sehr zaghaft, so etwas zu sagen. Hefe ist ebenso vorhanden.
Im Mund wirkt das Zhiguli Barnoe Pshenichnoe zunächst überraschend sauer, fast schon zitronig oder an Waldmeisterbrause erinnernd – jedenfalls ein sehr deutlicher Unterschied zu den Hefeweizen deutscher Brauart, die ich kenne. Diese Eiernote, die nun fast schon in Plastik übergeht, ist auch geschmacklich vorhanden, es ist irgendwie schwer definierbar, inzwischen bin ich sicher, dass das ein Mangel ist. Die Textur ist zwar fett, dennoch wirkt das Bier leichtkörperig und luftig, ist für ein Weizenbier vergleichsweise trocken und herb (11 IBU). Die ausgeprägte Säure und deutliche Karbonisierung sorgen für angenehme Rezenz, zusammen mit den 4,9% Alkoholgehalt ist das für mich ein sehr frisches Sommerbier. Der Abgang ist extrem blumig, voller Jasmin und dennoch zitrusfrisch wie zu Beginn. Sehr kurz, weiterhin getreidig und ohne viel Tiefe klingt das Bier aus.
Ungewöhnlich, aber, und das muss ich sagen – daran kann man sich gewöhnen, wenn dieser Eiersalat nicht wäre. Eine zweite Flasche, einen Monat später gekauft, hatte dasselbe Aroma, es ist also nicht nur eine Flasche, die mangelhaft gewesen wäre. Ich für meinen Teil werde die anderen Biersorten, die es in dem neuen russisch-slawischen Supermarkt, der bei mir um die Ecke geöffnet hat, dennoch sicherlich auch noch ausprobieren. Der Trockenfisch, den ich beim letzten Besuch mit dem Zhiguli Barnoe Pshenichnoe gekauft habe, war jedenfalls spitze, so dass ich sicher wieder dorthin kommen werde.
Auf meinem Blog hatte ich bisher so einige Leicht– (清香, qingxiang) und Starkaroma-Baijius (浓香, nongxiang) besprochen, die dritte große Kategorie, der Sauce-Aroma-Baijiu (酱香, jiangxiang) kam recht kurz. Das ändert sich heute, gleich zwei Exemplare des besonders in Südwestchina äußerst beliebten Stils der chinesischen Nationalspirituose will ich jetzt meinen Lesern vorstellen. Der Name der Provinz Guizhou, aus der der Löwenanteil des Soßenaromabaijius kommt, wird manchmal auch als „Kweichow“ latinisiert, die wahrscheinlich berühmteste Marke an Baijiu überhaupt ist hier im Westen dem einen oder anderen vielleicht darum als „Kweichow Moutai“ bekannt. Die Stadt Zunyi, in der die Destillerie Guizhou Yingbinjiu liegt, ist eines der Zentren der Herstellung dieser Art des Baijiu und liegt (für chinesische Verhältnisse) ganz in der Nähe der Stadt Maotai.
Mit der Phrase „7 mal gebrannt“ wirbt der deutsche Importeur des Guizhou Yingbin Drache Nr.6 (贵州迎宾酒 龙·6) und Guizhou Yingbin Drache Nr.9 (贵州迎宾酒 龙·9) – darunter versteht man bei der Herstellung von Sauce-Aroma-Baijiu etwas anderes als bei den meisten westlichen Spirituosen. Im Gegensatz zu letzteren, wo ein Destillat öfters durch die Destille läuft, wird bei Baijiu die einmal angesetzte Maische in einem daraus aufgeschütteten Hügel vorbereitet und dann immer wiederverwendet, mit neuer Hirse angereichert, weiter in Gruben fermentiert und schließlich ein Destillat aus ihr gezogen. So ein Zyklus dauert rund einen Monat, das ganze wird eben mehrfach mit derselben Maische gemacht (hier, wie beworben, 7 mal). Am Ende werden diese unterschiedlichen Destillate, die alle unterschiedliche Eigenschaften haben, in Tonkrügen gereift und am Ende zu einem Produkt verblendet. Das Ergebnis kommt jetzt hier ins Glas!
Trauen wir uns, dem ersten der beiden Drachen zu begegnen. Normalerweise trinkt man Baijiu nicht, wie ich das hier tue: Er wird zum Essen getrunken, oder als Shot, darum muss man auf andere Qualitäten achten, als man das bei den typischen, westlichen Spirituosen, die ich sonst hier bespreche, macht.
Im Glas ist der Guizhou Yingbin Drache Nr. 6 (贵州迎宾酒 龙·6) kristallklar und ohne Fehler. Man darf hier nicht den Fehlschluss tun, zu denken, „klar“ bedeute „ungereift“ – nein, im Namen steckt das schon, er ist 6 Jahre gereift, die Tonkrüge, die man in China dafür verwendet, geben einfach keine Farbe ab. Man sieht dicke Beine ablaufen, die schon auf den Alkoholgehalt von 53%, ein sehr typischer Wert für Sauce-Aroma-Baijiu, hinweisen.
Die Nase zeigt dann, woher der Name der Kategorie kommt. Neben erdiger Hirse findet sich eine deutliche, dunkle Sojasoßen-Note, würzig und karamellig zugleich, mit Anklängen schwarzer, kakaolastiger Schokolade. Ein minimaler Anflug von gereiftem Käse ist stiltypisch und gut eingebunden. Bei den ganzen schweren Tönen kommt eine leichte, grüne Frische gar nicht ungelegen, um das ganze aufzuhellen. Dreht man das Glas schnell, entweicht noch etwas Plastikkleber.
Im Mund hält man Baijiu normalerweise nicht lange, ich tue das hier nur, um Details zu erkennen. Kümmel schmecke ich, Getreide, erdige Töne. Eine sehr fette Textur kollidiert mit der bei Sauce-Aroma-Baijiu üblichen Trockenheit, eine ungewöhnliche Mischung für den Laien. Die Adstringenz nimmt im Verlauf zu, eine starke Säure entwickelt sich, ohne in unangenehme Bereiche zu kippen. Der Abgang ist mittellang, eukalyptuslastig und legt sich kühlend auf den Gaumen, schokoladige Töne klingen nach. Ein sehr frisches Mundgefühl bleibt – eine der herausragenden Eigenschaften eines guten Baijiu.
Der Drache Nr. 6 ist ein typischer, aber vergleichsweise milder Saucenaroma-Baijiu, unkompliziert und süffig, ohne die hochungewöhnlichen Aromen, die viele Baijiuanfänger abschrecken. Hier ist ein wirklich schöner, einfacher Einstieg in diese doch nicht ganz einfache Kategorie zu finden.
Prüfen wir direkt einfach mal, was 3 zusätzliche Jahre im Tonkrug mit dem Brand anstellen – ich finde derartige Vergleiche immer spannend, sie zeigen das Potenzial, das in einem Produkt steckt. In China hatte ich die Gelegenheit, bei einem Hersteller dasselbe Leichtaroma-Baijiu-Produkt frisch aus der Destille, nach 3 Jahren, 6 Jahren und 12 Jahren probieren zu können, und es ist hochinteressant, was so ein unscheinbarer Tonkrug leisten kann, und bin gespannt, wie sich das für Sauce-Aroma-Baijiu verhält.
Natürlich bleibt auch der Guizhou Yingbin Drache Nr. 9 (贵州迎宾酒 龙·9) transparent und ohne Färbung. 9 Jahre ist für einen Baijiu der gehobenen Qualität immer noch ein recht junges Alter, 20 und 30 Jahre sind hier keine Seltenheit.
Man erkennt aber im Vergleich schon recht deutlich Unterschiede – die Frische ist etwas zurückgenommen, die leicht käsig-würzigen Noten dringen nach vorne. Das Getreide ist fast vollständig verschwunden. Wir haben hier eine sehr erdig-dunkle Aromatik vor uns, noch deutlicher an Sojasoße erinnernd als der jüngere Drachenbruder. Gleichzeitig ist aber auch der Klebstoff nicht mehr da: Im Gegensatz zu einer Lagerung im Stahltank oder einem Glasballon sieht man daran, dass der Ton atmet und tatsächlich eine Reifung und Veränderung stattfindet.
Runder und feiner wirkt der Drache Nr. 9 auch im Mund, sehr elegant, die Trockenheit ist vorhanden, aber milder und feiner ausgeprägt. Textur und Mundgefühl sind wunderbar dagegen ausbalanciert, die würzigen Aromen von Getreide und salzigem Kakao liegen lange am Gaumen. Sojasoße, ganz milder Käse – die Typizität zeigt sich von ihrer besten Seite. Keinerlei Störaromen finden sich, nichteinmal der Alkoholgehalt von 53% ist spürbar. Dennoch klingt der Drache Nr. 9 sehr warm und lang aus, mit sich haltendem Geschmack und sehr anders als Drache Nr. 6. Leichte Mineralität findet sich im Nachhall, erinnert an feuchten Beton.
Ich fühle mich bei diesem Baijiu sehr wohl: Auch hier sind die Einzelkomponenten perfekt verbunden und für den westlichen Gaumen in sehr gelungenem Maße vorhanden. Rund und komplex, hocharomatisch, aber nicht überwältigend, und trotz der Stärke fein. Das trinkt sich echt gut.
Ich kann beide bedenkenlos empfehlen, und würde sie tatsächlich dem Einsteiger in diese Baijiukategorie sehr ans Herz legen – insbesondere, weil es in Deutschland bisher kaum Möglichkeiten gab, hochwertige und gleichzeitig finanzierbare Exemplare dieser Kategorie zu erwerben (der klassische Maotai kostet hierzulande auch schnell dreistellige Preise). Wer eher leichter, frischer unterwegs sein möchte, probiert den 6-Jährigen; wer mehr auf dunkle Eleganz steht, den 9-Jährigen.
Elixir of Life ist ein Drink des Baijiu-Cocktail-Vorreiters Paul Mathew aus London, gefunden in Derek Sandhaus‚ Buch „Drunk in China“. Paul machte schon mit Baijiu Cocktails, als ich noch nicht mal wusste, dass es Baijiu überhaupt gibt. Ich habe ihn kurz kennengelernt, ein stiller, vorsichtiger Mann, very british, aber sympathisch, und wer den süßschweren Drink mal probiert hat, sieht sofort, dass er daneben auch weiß, was er tut. Wenn jemand mal in The Hide vorbeischaut, sagt ihm einen Gruß von mir! Ich nehme den 9 Jahre alten Drachen hierfür; wer nicht zusätzlich noch einen Starkaroma-Baijiu zu Hause hat, hole diesen Einkauf bitte nach (z.B. Ming River), bis dahin könnte man einfach die doppelte Dosis des Drachen heranziehen.
Elixir of Life ⅔ oz / 20ml Sauce-Aroma-Baijiu ⅔ oz / 20ml Stark-Aroma-Baijiu ½ oz / 15ml süßer Wermut (Kakao-infused für die Profis) ½ oz / 15ml Galliano l’Autentico ½ oz / 15ml Aperol 1 Spritzer Walnuss-Bitters Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste absprühen. [Rezept nach Paul Mathew]
Die Präsentation muss natürlich angesprochen werden. Hier zeigt sich deutlichst der chinesische Hang zur Opulenz, der Materialeinsatz ist enorm. Die richtig schweren Kartons, hochwertig gestaltet, sind kein Vergleich zu den dünnen Pappkartons, in denen man manchen Whisky oder Rum bekommt; innen sind sie darüber hinaus noch ausgeschlagen mit Stoff. Die Flaschen der Guizhou Yingbin Drachen sind ähnlich hübsch, die Mischung aus Glas, Metall und Plastik wirkt hier nicht billig, allein der Nachfüllstop aus Plastik ist ein Hinweis auf die Gefahr der Produktpiraterie. Das Geschenkpotenzial ist toll, mit sowas kann man den sinophilen Bekannten wirklich vom Hocker hauen, oder ein Austellungsstück für die kleine aber feine Heimbar der Verwandten herbeizaubern, denn die Drachen aus China haben Aufbewahrungs- und Zeigecharakter.
Im Gesamtfazit: Toll, dass sich ein Importeur für diese Spirituosen gefunden hat. Ich drücke der jungen Firma, die sich ein mutiges Projekt ausgesucht hat, die Daumen, dass sich das am Ende rechnet. Die Situation von Baijiu war in Deutschland hauptsächlich deswegen kompliziert, weil die guten Produkte kaum erhältlich waren, und dies scheint sich, so mein Eindruck des letzten Jahres, langsam aber unaufhaltsam zu ändern. Gut so! Ganbei!
Offenlegung: Ich danke der Woltermann Import UG für die unaufgeforderte, kosten- und bedingungslose Zusendung je einer Flasche dieses Baijius.