Vietnam ist bisher auf meiner Spirituosenliste nicht aufgetaucht. Südostasien ist allerdings im Allgemeinen ein aufstrebendes Gebiet, was Zuckerrohrsaftrum angeht – insbesondere getrieben von Franzosen, die sich dort niedergelassen haben und eigene Brennereien aufmachen. Wie auch hier geschehen beim Sampan Rhum Vietnam. Die Distillerie d’Indochine fermentiert dort frischen Zuckerrohrsaft in Bio-Qualität, und brennt ihn dann in Kupfersäulen. Ungereift und ungesüßt kommt er in die Flasche, in zwei Varianten, die ich heute hier kurz und knapp vorstelle.
43%: Kristallklar, leicht ölig. Voll herbfruchtig, hocharomatisch, purer Zuckerrohrsaft mit deutlicher Gewürzkomponente. Sehr mineralisch. Weich am Gaumen, klar, sauber, milde reife exotische Frucht. Sehr angenehme, fast minzige Frische, kühlender Abgang. Grenzt sich aromatisch deutlich von rhums agricoles ab.
65% full proof: Fett und schwer im Glas. Nase wirkt dunkler, grasiger, erdiger. Sehr dicht am Gaumen, keinerlei alkoholisches Stechen. Erdig, mit deutlichen Stallaromen, Heu, gewendete Ackererde im Herbst. Würzig und pikant im Verlauf, mit sehr langem, kaltem Abgang.
Sehr spannende Zuckerrohrsaft-Rums für die Freunde des ungereiften Rums, die eine Abwechslung in der Aromatik suchen! Im Bali Rum Trader sorgt der Sampan Full Proof für echte Wucht und Dichte.
Bali Rum Trader 1⅔oz / 50ml ungereifter Rum 1oz / 30ml grüner Bananenlikör 1oz / 30ml Ananassaft Auf Eis shaken. [Rezept adaptiert nach Simon Difford]
Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.
Vor einer guten Woche war ich als Spirituosenjuror wieder mal unterwegs, die German Rum Awards 2022 in Berlin standen auf der Agenda. Im Vorhinein hatte ich mir natürlich angeschaut, wer da sonst am Jurytisch sitzen würde – es war mir eine wahre Freude, endlich Johnny Drejer persönlich kennenzulernen, dessen Arbeit einer der Hauptgründe ist, warum es diesen Blog überhaupt gibt, und ein paar andere Menschen, die mich sehr beeindruckt haben. Es war angedacht, dass auch Maria Gorbatschova als Jurymitglied teilnehmen würde; sie musste leider wegen Krankheit kurzfristig absagen, was ich sehr schade fand, denn ich wollte mit ihr über ein anderes Thema abseits des Rums reden, zu dem sie einiges zu sagen hat – Wodka. In der Augustausgabe der Fachzeitschrift Mixology leitete sie eine Runde über osteuropäischen Wodka, und so kann ich leider jetzt nur, statt sie persönlich interviewen zu können, ihren Text aus der Zeitschrift sprechen lassen.
„Es lässt sich schnell feststellen, dass Eastern Style Vodka alles andere als geschmacklos ist. Die Kategorie grenzt sich zu Western Style Vodka ab, indem ein Ausdruck des Rohstoffs und ein gewisses Maß an Aroma erwünscht sind. (…) Kann man Vodka also einfach Ost und West sortieren? Nein: Definitiv gibt es westliche Marken, die eher auf den aromatischen Stil setzen, gleichsam bringt auch Osteuropa teils sehr neutrale Produkte hervor.“
Maria Gorbatschova, Mixology 4/2022, S.54
Womit wir ganz ohne aufwändige Überleitung, nur durch eine unkomplizierte Abzweigung, beim Hauptteil unserer heutigen Betrachtung ankommen. Der Artikel in der Mixology konzentriert sich ab hier auf Osteuropa, wir schauen uns mit dem Mambulo Premium Rye Vodka dagegen ein Destillat an, das in einer österreichisch-deutschen Gemeinschaftsproduktion entsteht und, das nehme ich jetzt schon vorweg, trotzdem nicht so wirklich dem oben beschriebenen, neutral-orientierten Western Style Vodka entspricht. In der EU-Verordnung ist festgelegt, dass Wodka „so destilliert wird, dass die sensorischen Eigenschaften der verwendeten Ausgangsstoffe und die bei der Gärung anfallenden Nebenerzeugnisse selektiv abgeschwächt werden.“ Man schreibt hier also auch keine vollständige Neutralität vor, wie das in den USA geschieht, sondern eher eine Auswahl von Aromen. Bei einem Produkt, das in Handarbeit hergestellt wird, und man sich 34 Destillationsvorgänge Zeit nimmt, so eine Aromenselektion zu treffen, bleibt es interessant, wofür man sich beim Mambulo entschieden hat!
In der Flasche sieht man es sehr viel deutlicher als im Glas, da ist eine leichte, milchige Trübung, die ich erst dem Glas der Flasche zuschrieb. In der kleineren Menge im Verkostungsglas fällt es dann gar nicht mehr auf, bei einer hochdistillierten Spirituose frage ich mich aber schon, wo diese Trübung herkommt. Ansonsten bewegt sich der Mambulo hübsch, mit attraktiven Beinchen, und Lebendigkeit und leichter Viskosität zugleich.
In der Nase finde ich direkt leichte Zitrusnoten, Orangenzeste, Litschi und Kiwi. Dazu sehr grüne Banane, eine Geruchsnote, die fast schon in Plastik übergeht. Irgendwie hat der Wodka darüber hinaus noch etwas Florales von Lavendel und Zuckerwatte, man muss da erst durchstoßen, um auf die erdigen Roggentöne zu kommen und das Getreide zu finden, aus dem er gebrannt wird. Eine insgesamt leichte Aromatik, den Alkohol erkennt man, er stört aber nicht. Ungewöhnlich, und gar nicht unattraktiv, muss ich sagen – und definitiv weit davon entfernt, sich klaglos der Neutralität eines Western Style Vodka zu ergeben.
Am Gaumen ist zunächst deutliche Süße da, die sich mit der schon erschnupperten exotischen Fruchtseite kombiniert. Die Textur ist breit und rund, das legt sich weich auf den ganzen Gaumen, und erst im Verlauf wechselt die süße Milde mit leichtpfeffriger Würze. Letztere entwickelt sich weiter, wird zu einem warmen, immer noch sehr runden Mundgefühl angefeuert, das ebenso langsam, wie es entstanden ist, dann wieder abklingt – das gefällt mir sehr, ein wirklich hübscher Effektbogen im Mund, die 40% Alkoholgehalt sind auch sehr gut eingebunden. Milde Säure baut sich auf, die die Süße nicht Überhand nehmen lässt. Aromatisch bleibt die Spirituose doch lang bei uns, die Mischung aus Orangenschale und Banane klingt sehr lange nach.
Das trinkt sich easy, auch wenn man natürlich kategoriebedingt keine Aromenexplosion erwarten darf, hat der Mambulo doch genug Charakter, um sich bei der Auswahl einer Marke für die eigene Heimbar nach vorne drängeln zu können. Dazu muss man nicht mal unbedingt Wodka suchen – auch wer eine leichtaromatische, unkomplizierte Spirituose als Digestif anbieten will, könnte damit Freude haben.
Gerade, weil der Mambulo nicht komplett neutral ist, ist er für mich in Cocktails sehr viel nützlicher und verwendbarer als andere Wodkas. Man muss natürlich aufpassen, in manchen Rezepten würde die Geschmacksrichtung des Mambulo den Drink doch in eine unerwünschte Richtung drängen – beim The Great Gatsby dagegen ist diese Mischung aus den Aromen, die der Wodka mitbringt, Pink-Grapefruit-Saft und einem aromatisierten Wein echt ein Knüller. Wenn man noch statt Lillet dann soetwas wie den Midi Apéritifs Liquid Sunset einsetzt, ist alles perfekt an diesem Cocktail.
The Great Gatsby 1oz / 30ml Wodka 1oz / 30ml Lillet Blanc 2oz / 60ml Pink-Grapefruit-Saft Auf Eis shaken. Auf Eis servieren. [Rezept nach Matt Galpin]
Zur Flasche selbst gibt es nicht furchtbar viel zu sagen, eine relativ normale Standardflasche, mit einem Kunststoffkorken. Das Etikett ist dafür recht grell, mit bunten Farbmustern und einem Tier, das ich erst durch den beiliegenden Flyer identfizieren konnte: das Caypibara oder Wasserschwein, das sich die Position als Wappentier des Mambulo dadurch erarbeitet hat, dass es laut Aussagen des Herstellers des Wodkas ein extrem soziales Tier ist; man schließt sich durch den Kauf einer Flasche diesem sozialen Wesen automatisch an, denn lobenswerterweise werden 15% der Gewinne für soziale Projekte gespendet.
Die Marke inszeniert sich frech, was sich besonders in den Aufklebern zeigt, die ich mitgeschickt bekommen hatte – da wird klar gesagt, warum man eigentlich Wodka trinken sollte: alle anderen Spirituosengattungen taugen einfach nichts, um das Neudeutsch zu übersetzen. Damit machen sie sich sicherlich nicht nur Freunde, mir gefällt es, wenn Humor bei einem Produkt zu sehen ist. Auch wenn er dabei etwas Glas zerdeppert.
Offenlegung: Ich danke der Mambulo GmbH für die kostenlose, unaufgeforderte Zusendung einer Flasche ihres Wodkas.
Große Zahlen auf Etiketten – eine Sache, die bei Spirituosen immer so ein Geschmäckle hat, manch ein Hersteller versucht mit einer hübschen aufgedruckten „23“ den Eindruck zu erwecken, man habe hier eine Altersangabe vor sich, dabei ist es eine Fassnummer, ein Jubiläum oder einfach die Anzahl der Zähne des Meisterbrenners. Beim Oud Beersel Oude Geuze Vandervelden 135 Years könnte man natürlich auch auf die Idee kommen, ein 135 Jahre altes Bier vor sich zu haben, aber das wäre schon etwas außergewöhnlich besonderes, gemeint ist hier das Alter der Brauerei (bis 1954 hieß sie Vandervelden, danach erst Oud Beersel), zur Feier der Gründung wurde dieses Bier als Sonderedition veröffentlicht. Man kann sich das Gründungsdatum aus den Angaben des Etiketts errechnen: Mindestens haltbar ist es bis 14.02.2037, abgefüllt wurde es „20 Jahre vorher“, also im Februar 2017 – damit hat das Geuze, als ich es getrunken habe, knapp mehr als 5 Jahre Flaschenreifung auf dem Buckel, und die Brauerei gibt es seit 1882. Setzen, Kopfrechnen 1 mit Stern. Das Bier selbst ist ein Blend aus einem Lambic, das ein Jahr auf „foeders“ gereift wurde, die vorher Brunello di Montalcino, einen Rotwein, enthielten, und Lambic, das 3 Jahre in hauseigenen Bierfoeders gereift wurde. 6,5% Alkoholgehalt haben wir dabei erreicht, und die 37,5cl-Flasche ist zur Sicherheit mit einem Drahtkorb um den Sektkorken gesichert. Raus damit, ins Glas mit dem Bier!
Beim vorsichtigen Drehen, bevor ich den Korken ziehe, sieht man kleine Hefeflocken aufschwimmen. Leuchtendes Sonnenblumengelb landet dann im Glas, deutlich getrübt durch die Hefe. Sehr aktives Mousseux blubbert an die Oberfläche, die nur kurz von Schaum bedeckt ist, schnell bilden sich kleine Inseln, die immer kleiner werden, nur am Glas bleibt ein Kranz stehen.
Man muss gar nicht besonders tief ins Glas schnuppern, schon eine Fußlänge Abstand ist der Duft präsent – frisch geschnittene saure Äpfel, unreife Birnen, Sauerkirschen, die Frucht ist stark in diesem Bier. Klar ist die saure Komponente dominierend, ohne zu pieksen, ein bisschen Malz und die Reifungszeit in Holz gleichen aus.
Auch am Gaumen ist Säure von Anfang an kräftig am arbeiten, mehr noch als bei zum Beispiel Cidre, das geht schon in die Richtung von trockenem Sekt, mit einem Anteil Verjus. Apfel und Sauerkirsche, getoppt mit etwas Limettenzeste, Albedo von Amalfizitrone. Die gesichtete Hefe ist auch aromatisch erkennbar, kümmert sich dabei auch um eine astringierende Trockenheit, die im Verlauf kantiger wird, zusammen mit der Säure ergibt das ein sehr herbes Mundgefühl. Die gleichzeitige Spritzigkeit macht das Vandervelden 135 zu einem wunderbar erfrischenden Bier, das ich an Ostern auf der Terrasse im Sonnenschein genieße, der mittellange Abgang mit dezenter Blumigkeit lässt noch etwas Komplexität und Eleganz auftreten.
Ein sehr angenehmes Sauerbier, frisch und rund, frech, spritzig und in Ansätzen durch die 5 Jahre Flaschenreifung gezähmt. Ein unkompliziertes, aber typisches und charaktervolles Geuze, das ich insbesondere dem Einsteiger sehr, sehr nahe legen möchte.
Eine Altersangabe kann auf unterschiedliche Weise erfolgen, bei unterschiedlichen Spirituosengattungen hat man da verschiedene Gewohnheiten. Bei Cognac beispielsweise kann man Sterne vergeben, bei Scotch Whisky zählt man im Allgemeinen die Jahre auf, bei diversen insbesondere französischen Spirituosen verwendet man die Begriffe „VSOP“, „XO“ und so weiter. Meist ist das klar auf dem Etikett kommuniziert, schließlich ist das eines der wichtigsten Produktionskriterien (ich sage absichtlich nicht „Qualitätskriterien“) für gereifte Spirituosen, oft genug auch preisbestimmend. Ich drehe und wende die Flasche des Saint James Rhum Vieux Agricole, die ich hier vor mir habe, und lese das Etikett, suche nach der Altersangabe, doch finde sie nicht, keine in der Form, wie ich sie oben aufgezählt habe. Scheinbar.
Doch sie ist da, in einer weiteren möglichen Ausprägung, nämlich implizit und unausgesprochen, denn der Begriff „rhum vieux“ ist neben der normalsprachlichen Übersetzung („alter Rum“) als Altersangabe für AOC-Martinique-Rum klar definiert, auch wenn man das halt wissen muss. Um die Bezeichnung „rhum vieux“ führen zu dürfen, muss das Destillat mindestens 3 Jahre im Eichenfass ruhen. Dann dürfte es theoretisch zusätzlich das Prädikat „VO“ tragen, da dies aber eh die gesetzliche Mindeststufe ist, kann man es genausogut weglassen – was hier geschieht. Mindestens drei Jahre in kleinen Eichenfässern haben wir hier also vor uns, diese Angabe der Fassgröße ist dann auch ein weiterer Unterschied zur Kategorie „élevé sous bois / ambré“, bei der statt den kleinen Fässern riesige, mehrtausendliterfassende Holzgefäße genutzt werden. Man sieht, hier sind es die klaren AOC-Regelungen, die definieren, was wir altersmäßig in der Flasche finden, da braucht man deutlich weniger Etikettenplatz für Produktionsdetails. Genug geschwafelt und theoretisiert, rein ins Glas mit dem Brand.
Ein nahezu idealtypisches Terracottarotbraun steht im Glas, mit hellen, orangefarbenen Lichtreflexen. Leuchtend und strahlend, eine wirklich ansprechende Farbe. Attraktive Öligkeit kommt dazu, nicht zu schwer, aber beim Schwenken erkennbar, mit Beinen, die sich an der Glaswand bilden und einzeln sehr gemächlich ablaufen.
Das verleitet einen direkt, zu schnuppern. Die Nase ist vielschichtig, da verbinden sich von Anfang an milde Holznoten mit der typischen Grasigkeit eines rhum agricole, Honig mit Süßholz, eine hübsche Blumigkeit mit feiner Würze, leichte Töne von Nougat mit Aromen von getrockneten Aprikosen und Rosinen. Etwas malzig, minimalst erdig, Ideen von Kalkstein und Staub. Sehr aromatisch, aber trotzdem edel wirkend, sehr überraschend rund für einen vergleichsweise jungen Rum, ein Anflug von Lack ist das einzige Element, das auf Alkoholgehalt (42% ist die Abfüllstärke) hindeutet. Insgesamt eher herb, natürlich für die Kategorie, aber perfekt alle Komponenten miteinander verbindend. Wirklich etwas, an dem ich gerne lange rieche.
Im Antrunk zeigt sich dann aber doch zunächst eine deutliche Süße, natürlich und sauber wirkend, während sich der Brand allmählich im Mund ausbreitet. Eine leichtviskose Textur unterstützt diesen Vorgang, so dass es nicht zu schnell geht, der Rum fühlt sich dennoch frisch und hell an, nicht zu sirupartig. Rund und voll bleibt er dabei, auch, wenn sich im Verlauf dann eine feinherbe Bittere und sanfte Pfeffrigkeit aufbauen, und die Süße etwas zurückdrängen. Klare Zuckerrohrsaftaromen erscheinen nun, leicht mit Anis und Süßholz versetzt, von Vanille und Zimt unterstützt. Sehr deutliche beerige Eindrücke von Brombeeren, fast schon Brombeermarmelade. Gegen Ende spürt man deutliches Feuer, aber nichtmal einen Anflug von Kratzen oder Zwicken, grasig und holzig ist der Rum dann, und zeigt seine zwei Herstellungskomponenten: frischer Zuckerrohrsaft und Eichenholz. Der Abgang ist mittellang, zum Schluss erblüht noch etwas Jasmin, das den gleichfalls entstehenden Eisenton und die leichte Aquariumskiesnote etwas abmildert.
Das ist ein echter Easy-Drinking-Rum, gerade für Einsteiger in diese Kategorie ganz herausragend geeignet, er erhält seine Typizität und bindet aber alles in ein rundes, unkompliziertes und trotzdem ansprechend komplexes Gesamtbild ein. Ja, er könnte schon etwas stärker vom Alkoholgehalt her sein und dann mehr Kraft, Fülle und Charakter entwickeln, aber dennoch: Auch so macht mir der Saint James Rhum Vieux Agricole richtig viel Spaß, ein idealer Rum für jeden Tag.
Natürlich ist er damit auch eine nahezu ideale Cocktailzutat, mit der gleichen Einschränkung der Trinkstärke. Im Firelight ist er mit Abstand die größte Komponente, und hier fallen dann die Frucht- und Zuckerrohrnoten noch deutlicher auf, da die anderen, kantigeren Aspekte durch die anderen Zutaten etwas ausgeblendet werden. Wer an die etwas obskuren Essences of Cuba nicht herankommen kann, nimmt einfach einen Spritzer Kaffeelikör.
Firelight 2oz / 60ml Rhum Agricole Vieux ¼oz / 7ml süßer Wermut ¼oz / 7ml trockener Wermut 1 Spritzer Peach Bitters 1 Teelöffel Falernum 1 Spritzer The Bitter Truth Essences of Cuba: Coffee Auf Eis rühren. [Rezept nach unbekannt]
Das ist persönlicher Geschmack, ich weiß, aber mir gefällt die Flasche in ihrem Design grundsätzlich sehr gut, die quadratische Grundfläche, die schön im Glas eingelassenen Details, das edle Etikett mit Braun- und Goldtönen, die mit transparentem Hintergrund aufgebrachten Details. Das wirkt schon sehr hochwertig, auch auf den zweiten Blick – und bei einem „Gebrauchsrum“ wie diesem bin ich auch überhaupt nicht böse über den Blechschraubverschluss, im Gegenteil, das ist praktisch und unkompliziert.
Was soll ich sagen, ich habe 22€ für diese Flasche in einem kleinen Supermarkt in Frankreich auf den Tisch gelegt, und für dieses Geld liefert der Heilige Jakob mehr als zufriedenstellend ab – nein, das wird dem nicht gerecht, das ist ein absurd gutes Preisleistungsverhältnis, völlig irre sogar, wenn man bedenkt, was man sonst für dieses Geld bekommt im Spirituosensektor. Dieser Rum ist allein deswegen schon ein beständiger Gast in meiner Heimbar.
3 französische Weinbrände, 3 unterschiedliche Eindrücke. Séailles 1988 aus Armagnac-Ténarèze, Cutxan 2006 aus Bas-Armagnac, und der Cognac von Jean-Luc Pasquet. Alle in cask strength abgefüllt, von den Jungs von Grape of the Art, die aktuell den deutschen Markt mit höchstwertigen, limitierten Abfüllungen bereichern. Ich bin mir sicher, dass diese drei alle bereits ausverkauft sind, wenn ich das hier veröffentliche, aber sie sorgen regelmäßig für Nachschub!
Grape of the Art Cutxan 2006 Bas-Armagnac, 100% Ugni Blanc, 50,5% Cask Strength, 15 Jahre im feuchten Keller, 251 Flaschen. Duftende Nase voller Frucht und hauchiger Frische, Anflüge von ätherischen Kräutern, leicht aber voluminös, mit wunderbar langem, fast schon minzig frischem und dabei würzigem Nachhall. Ideal ausgebaut, das macht richtig Spaß, ohne kompliziert zu werden.
Grape of the Art Séailles 1988 Armagnac-Ténarèze, 100% Ugni Blanc, 50,00% Cask Strength, 32 Jahre im trockenen Keller, 203 Flaschen. Gelbe Früchte und Vanille, viel Finesse von Nase bis Gaumen, deutliche Trockenheit und tannische Gaumeneffekte, ohne die marmeladige Frucht je plattzumachen. Holz ist trotz 32 Jahren sehr gut eingebunden, und der Eiseshauch am Schluss kling endlos nach. Kein Standup-Comedian, sondern eine literarische Lesung.
Grape of the Art #3 Jean-Luc Pasquet Cognac, Lot 68-72, Cask 21, 66,6%. Auch in dieser Stärke trinkbar, er zeigt selbst hier keine Kanten und Ecken, aber einen herrlich vollen Körper und samtige Textur. Wunderbar rund, leicht nussig, sehr fruchtig. Wer Cognac für langweilig hält, wird hier eines besseren belehrt: Eleganz und Kraft schließen sich nicht aus. Mit etwas Wasser verdünnt fächert er sich noch etwas auf, was Frucht angeht.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Samples.
Viele wissen es bereits, ich habe es aber nie so richtig kommuniziert – ich mache diesen Blog eigentlich nur als Hobby. Ich bin im „echten Leben“ Softwareentwickler, habe also einen Großteil meines Alltags gar nichts mit Spirituosen zu tun. Das bedeutet nicht, dass meine Kollegen nicht mitbekommen, womit ich den allergrößten Teil meiner Freizeit verschwende, und manche davon haben inzwischen sogar verstanden, dass ich mich trotzdem nicht jeden Tag einfach mit billigem Sprit besaufe. Und so wurde mir neulich, zum Anlass meines 15-jährigen Firmenzugehörigkeitsjubiläum, auch etwas passendes geschenkt: ein üppiger Gutschein für die Winefactory in Saarbrücken. Ach, es ist schön, wenn die Vorgesetzten wissen und verstehen, wie man tickt, und man nicht einfach irgendein nutzloses Geschenk bekommt, mit dem man nichts so recht anfangen kann außer es dann irgendwann weiterzuverschenken.
Natürlich wird so ein Gutschein nicht schlecht bei mir, der wurde am selben Tag noch eingelöst. Den Löwenanteil habe ich in einen fünfzehnjährigen Armagnac (zur persönlichen Feier des fünfzehnjährigen Jubiläums wohl mehr als passend) und den DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange investiert, der in den mit spannenden Dingen vollgepackten Regalen der Winefactory fast etwas unterging; da ich aber gerade eine Obstbrand-Phase habe, war ich mir schnell sicher, dass sowas in den Warenkorb muss. Es handelt sich dabei um einen Geist (also stammt die Aromatik aus einer Mazeration der Frucht in Neutralalkohol, der dann erneut destilliert wird – nicht, wie bei einem Brand, aus einer Fermentation) aus der sizilianischen Tarocco-Blutorange, die sich mit besonderer Süße und starkem Geschmack für eine Vergeistung natürlich sehr anbietet – sowohl Saft als auch Schale werden bei diesem Destillatverwendet, um die ganze Komplexität der Frucht abbilden zu können. Die Brenner der Deutschen Spirituosen Manufaktur (DSM) in Berlin sind sehr stolz auf ihr Handwerk, verzichten entsprechend auf Zuckerbeigabe oder andere Zusätze, und achten beim Bezug der Rohmaterialien auf Qualität und Nachhaltigkeit. Eine gute Grundlage, mal schauen, was dabei herausgekommen ist!
Optisch ist der Blutorangengeist erwartungsgemäß erstmal klar, ohne Fehler oder Tönung. Er bewegt sich durchaus schwer im Glas, man muss ihn ordentlich in Rotation bringen, bevor er sich die Glaswand hochbequemt – dann bildet er eine hübsche Beinchenwand, die nach dem Ablaufen noch einzelne Tröpfchen zurücklässt.
Die Nase ist sehr expressiv, es kommen direkt und ohne Umschweife Aromen von frischer Zitrusfrucht hervor. Man erkennt klar die Blutorange, zunächst erst die Schale der Frucht, später auch den frischen, frechen Saft, mit seiner ausgeprägten Sonnensüße. Man ahnt schon hier leichte Bitterkeit, bekommt aber weder vom Alkoholgehalt noch von der zestigen Frucht in die Nasenschleimhaut gestochen, das ist beides gut integriert. Eine minimale Getreidenote liegt dem ganzen zugrunde, aber nie störend, höchstens dafür sorgend, dass die Frucht nicht allein da steht. Ein schönes Geruchsprofil, muss ich sagen, gleichzeitig frisch und herb, und süß und dunkelaromatisch.
Dieses Gefühl bleibt auch auf dem Gaumen erhalten, es schwankt immer zwischen der zestigen Kante und der fruchtigen Süße, eben beide Aspekte, die so eine Blutorange anzubieten hat. Schale und Fruchtfleisch schmeckt man, aromatisch voll und rund. Eine dicke, fette Textur trägt das ganze, zusätzlich unterstützt durch wuchtige, aber natürliche Süße. Im Verlauf entwickelt sich eine feurige, pikante Seite, hier kombinieren sich wirksam eingesetzer Alkohol (42%) und die Säure und Bittere der Orange, das brummt und klingelt im Mund, dass es eine Freude ist – ohne dabei zu übertreiben oder ins Wilde zu kippen. Der Abgang schließlich ist dann eher bitter, warm und lang, hinterlässt milde, zestengetriebene Astringenz auf der Zunge und dem Gaumen, die langsam abklingt, und ein warmes, sehr angenehmes Gefühl im Mund und im Rachen hinterlässt. Toll, ein klar und sauber gemachter Geist, linear und die Frucht wunderbar abbildend, der dabei aber nicht eindimensional oder dünn wirkt, sondern eine breite Spur aus Gaumenfreude erzeugt, die wunderbar erfrischt und gleichzeitig wärmt.
Bei manchen Geisten habe ich Sorgen, dass sie im Cocktail etwas untergehen, beim DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange denke ich nichtmal ansatzweise an solche Probleme – dieser Geist wird, egal in welcher Rezeptur, dominant durchscheinen und leuchten. Im Dopo Cena zum Beispiel, ein herrlicher Drink für den Sommer, vollaromatisch und komplex. Davon hab ich mir direkt zwei gemacht, an diesen heißen Tagen eine Wohltat.
Dopo Cena 1oz / 30ml Blutorangengeist 1oz / 30ml Amaretto ½oz / 15ml Maraschino-Likör 1oz / 30ml Zitronensaft 1 Teelöffel Zuckersirup 1 Eiweiß 1 Spritzer Angostura Auf Eis shaken. Mit Maraschino-Kirschen servieren. [Rezept nach Adrian Gomes]
Die kleine 350ml-Flasche im Apothekerstil ist hübsch mit Details versehen, um sie optisch attraktiv zu machen, ohne dabei auf grelle Gimmicks zurückzugreifen – was gelungen ist, finde ich. Das Etikett gefällt mit der Mischung aus Vordruck und handausgefüllten Informationen über die Fruchtsorte, den Jahrgang, die Flaschennummer und die Art der Herstellung. Ein echter Korken hat als einzige Dekoration einen rundköpfigen Nagel, das ist wirklich extravagant, soetwas sieht man selten, das Auge bleibt vielleicht gerade deswegen daran hängen.
Was bleibt am Ende? Natürlich eine tolle Spirituose, handwerklich ohne Zweifel gut gemacht, in einer schönen Präsentation. DSM Destillat No. 125 Sizilianische Tarocco Blutorange steht bei mir erst seit ein paar Wochen im Regal, ist aber schon halb leer – das ist für mich immer das Zeichen, dass es eine Spirituose ist, die ich gern mal schnell herausziehe, wenn ich Lust auf etwas zum langsamen Schlürfen habe und dabei nicht lang überlegen möchte, was ich trinken will (und ich hoffe, meine Leser:innen verstehen, dass das ein extrem großes Kompliment ist). Gerade bei den aktuellen Temperaturen im Jahrhundertsommer 2022 ist so ein frischer, leichter, und trotzdem hocharomatischer Geist aber auch ein No-Brainer, finde ich! Da vergisst man schnell Jenkins-Jobs, Maven-Abhängigkeiten, Github-Pullrequests, OWASP-Scans und JMeter-Tests, und lässt sich angenehm vom Genuss treiben, statt dauernd zu analysieren.
Man sieht es schon am Bild unten – das ist ein uralter Artikel, den ich vor Jahren vorbereitet hatte, und nie veröffentlicht. Ich habe keine Ahnung, ob das Hornbeer Black Magic Woman überhaupt noch erhältlich ist, ob es die Brauerei noch gibt, doch ich dachte, egal, das Bier hatte mir so gut geschmeckt, dass es wert ist, nun nochmal erwähnt zu werden. Ein Stout mit getorftem und birkenholzgeräuchertem Gerstenmalz (Pilsener, Carafa, Caramunich) aus Dänemark, mit Magnum und Centennial gehopft und auf üppige 10% Alkoholgehalt und grandiose 112 IBU eingestellt – sowas hat man schließlich wirklich nicht alle Tage im Glas.
Komplett schwarz und blickdicht steht es im Glas, keine Chance durchzuschauen, selbst wenn man es gegen helles Licht hält. Schwer, gluckernd und schwappend beim Eingießen, fast schon dickflüssig, da denkt man, man hat altes Motoröl vor sich. Dicker, sehr feinblasiger, langlebiger Schaum entsteht dabei. Trotz all der Malzräucherung ist es in der Nase dann eher mildrauchig, ganz klar aber sehr malzig mit richtig vielen Röstaromen – nur ein Hauch von Speck ist da, etwas, was bei vielen geräucherten Bieren mir persönlich den Spaß etwas einschränkt, das wird dann schnell arg schwer und dumpf.
Am Gaumen entwickelt sich das Black Magic Woman dann erwartungsgemäß sehr vollmundig, mit viel Wucht im Antrunk: cremig und schwer, dick und üppig. Die Röstaromen spielen die Hauptrolle, sie drängen nach vorne, ohne dabei aggressiv zu wirken. Süße und Säure sind sehr schön balanciert, ersteres hat ein bisschen die Überhand, eine ordentliche Salzigkeit kommt dazu. Insgesamt ein sehr rundes, weiches Bier mit ordentlich Wumms, ohne diesen vor sich her zu tragen. 10% Alkohol spürt man beim Trinken an keiner Stelle. Der Abgang ist lang, säuerlich, sehr trocken, etwas holzig, salzig und rauchig.
Toll komponiert, das ist ein kräftiges Stout nach meinem Geschmack, das nur bedingt Rücksicht nimmt auf den Trinker, der sonst lieber Helles zu sich nimmt. Nicht für jeden Tag, auf keinen Fall, aber für einen kühlen Sonntagnachmittag nach dem Sport ein perfekter Einklang für einen ruhigen Abend! (Auch hier sieht man, dass der Artikel alt ist, was ist Sport?)
Ein Termin wird in der Rumgemeinde weltweit immer mit viel Bohei gefeiert – der Black Tot Day, ich hatte schon vor einer Weile bei einem Bier erläutert, worum es dabei geht. Nun ist 1970 ja recht lange her, der normale Seemann, der den Daily Tot noch erlebt hatte, ist wahrscheinlich längst in Rente. Der, der heute diesen Tag feiert, sieht das ganze natürlich nur aus der Perspektive des Konsumenten, der nicht den harten Dienst auf einem Kriegsschiff mit in seine Sicht aufnimmt – die Hersteller berufen sich aber sehr gern auf die alte Sitte, und so findet man auch heute noch viel Navy Rums, die nun halt flaschenweise an den Rumgenießer auf der Couch zuhause geliefert werden statt fassweise an das Kriegsministerium in Großbritannien.
Den schwarzen Tag in der Seemannsgeschichte trägt der Black Tot Rum entsprechend trotzdem stolz im Namen, auch wenn es eigentlich nichts zu feiern gibt (außer, man ist Teetotaller). Die Rezeptur ist jedenfalls schonmal tatsächlich eine klassische für Navy Rums, die schon immer eine Mischung aus Rums aus den verschiedenen damaligen Kolonien des Weltreichs darstellten. Barbados, Jamaica und Guyana liefern aus ihren Pot und Column Stills die Bestandteile in diesem Fall nach Schottland, wo der Blend dann auf 46,2% eingestellt und abgefüllt wird. Ein Alter ist nicht angegeben, es wird nichteinmal angedeutet, was aber klar ist, ist, dass keine Süßung erfolgt, sei es durch direkte Beigabe von Süßmitteln oder einer Verwendung aromatisierter Fässer.
Da wir schon bei den technischen Herstellungsdetails sind – während auf dem Etikett zwar steht, dass der Rum nicht kaltfiltriert ist, fehlt die oft in diesem Umfeld gleichzeitig vorhandene Zusicherung, dass er nicht gefärbt ist. Gehen wir also von etwas E150 aus, während wir den leuchtende Bernstein im Glas begutachten. Durchaus ölig und schwer liegt er dort, und hinterlässt nach vorsichtigem Schwenken dicke, einzelne Beine, die unabhängig voneinander in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen. Dabei kann man schon beginnen, die Aromen zu beschnuppern, die dabei das Glas verlassen – für mich persönlich riecht das sehr nach Barbados, mit den für dorther stammende Rums typischen Würz- und Karamellnoten. Ein bisschen esterige Frucht, Bitterorange und Banane, ein leicht pikantwürziger Unterton in Richtung oxidiertes Kaffeepulver und eine schon zwickende Lacknote komplettieren das Bouquet.
Schon beim Antrunk merkt man, dass der Körper des Black Tot mittelschwer ist, die initiale Süße wird schnell eingeholt von kräftiger Pfeffrigkeit. Die Jamaica-Komponente wird hier nun sehr erkennbar, die bekannten Fruchtester überholen die immer noch vorhandene, aber zurückgedrängte schokoladigkaramellige Basis. Deutliche Bitterkeit ergänzt das Feuer, das nun am Gaumen und auf der Zunge entsteht, da ist viel Feuer, bei 46,2% Alkoholgehalt durchaus zumutbar und gut eingebettet. Gegen Ende gewinnt aber letztlich doch die Bitterschokolade und eine gewisse Nelkigkeit, und diese Eindrücke bleiben lange vorhanden.
Der Abgang ist mittellang, sehr effektvoll und warm, hinterlässt am Gaumen langanhaltende Adstringenz, die Bitterkeit bleibt ebenso erhalten wie die sehr prägnante Trockenheit, und mit einem etwas blutigem Eisenton klingt der Rum dann aus. Was ich wirklich schön finde, ist, dass man die unterschiedlichen Blendkomponenten wirklich herausschmecken kann, und sie nicht durch eine Süßung miteinander verkleistert wurden. So hat man einen Rum mit Ecken und Kanten, einer angemessenen Komplexität, der sich nicht anbiedert, sondern seinen Charakter und die der Herkunftsländer stolz vor sich herträgt.
Natürlich ist sowas ideal für die Verwendung in einem Cocktail, sowohl in Tiki-Drinks als auch in klassischen Rumrezepturen sehe ich den Black Tot Rum als geeignete Hauptspirituose. Im Sommer, in dem ich diesen Rum verkostet habe, ist mir immer sehr nach eislastigen Tikicocktails aus dem Mixer – ein kurzes Nachlesen in einem meiner vielen Rezeptbücher hat den Tutu Rum Punch der Tikiikone Trader Vic als Kandidaten hervorgebracht. Selbst gegen die gleiche Menge unterschiedlicher Säfte hält sich der Black Tot aromatisch und gibt seine ganze Power in den Drink.
Tutu Rum Punch 2 oz gereifter Rum ¾ oz Grapefruitsaft ¾ oz Ananassaft ½ oz Falernum ½ oz Zitronensaft Mit crushed ice im Mixer blenden. Mit Minze und Kandiszuckerstab dekorieren. [Rezept nach Trader Vic]
Bezüglich der Flasche bin ich sehr zufrieden – die Form an sich ist unspektakulär, ich mag aber diese Verdickungen am Flaschenhals. Der dekorative Deckel auf dem Naturkorken ist hübsch und hilft beim Öffnen der Flasche. Die Etiketten in den Hauptfarben Schwarz und Orange sind sehr verspielt, ohne kitschig zu werden, etwas, worunter viele Rums leider bis heute leiden. Es wird in den Texten auch nicht übermäßig auf mehr oder weniger historischen Geschichtchen herumgeritten, bei einem Rum dieses Datums wäre das auch, ehrlich gesagt, nicht angebracht. Es ist ein neues Produkt, und auch wenn man sich dem Blendrezept nach auf alte Traditionen berufen kann, so stammt es doch aus dem Jahr 2019 (neue Auflagen ändern sich wohl in 2022). So finde ich es gelungen und stilvoll. Entsprechend habe ich auch meinen Toast am Black Tot Day 2020 mit diesem Rum gemacht – wer ihn anschauen will, kann dies hier tun, und mit mir mit einem Glas dieses schönen Rums anstoßen; zumindest virtuell.
Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.
Viele Hersteller suchen sich eine Geschichte, um dem Käufer mit der alten Methode des Storytelling das Produkt schmackhaft zu machen. Die Brasserie Larché hat sich dafür in ihrer Heimatregion, der Bourgogne, bedient, und den Burgunderfürst Jean sans Peur (deutsch Johann Ohnefurcht) als Paten für ihre Biere ausgesucht. Tatsächlich ist dieser furchtlose Johann mit Hopfen geschichtlich verbunden, er regte den Anbau der Pflanze als Ausgleich für den Verlust des Tuchmacherrechts an. „Bière robuste française“ steht auf dem Etikett des Sans Peur Red Sour, Smoked Ale und Triple Oaked, da freut man sich als Bierverkoster ja schon – besonders, da meine Erfahrungen mit französischem Bier nicht übermäßig begeisternd verlaufen sind. Geben wir den Burgundern eine Chance, Wein können sie ja zumindest schonmal, vielleicht klappts auch mit dem Hopfen!
Vollkommen blickdicht ist das Sans Peur Red Sour nach dem Eingießen, durch die Hefe. Man sieht beim Eingießen auch kleine Hefeflocken. An der Glaswand erkennt man trotzdem die sehr starke Perlage, die den dicken Schaum speist, der eher großblasig und beigefarben auf dem haselnussfarbenen Bier liegt – also eher nussbraun als rot, aber das lassen wir mal beiseite. Die Nase hat eine interessante Mischung aus erschnupperbarer Säure und erdig-malziger Würze: Zitronenzeste und -saft, milder Essig und Joghurt trifft auf Brot, Blumenerde und Christstollen. Leichte Kirsch- und Aprikosenaromen ergänzen das. Gar nicht unkomplex, im Gegenteil, mir gefällt das schonmal soweit sehr.
Dass es ein Sauerbier ist bleibt dann bei der Geschmacksprobe ohne Zweifel. Limettige Säure, starksaurer grüner Apfel, etwas Sauerkirsche und auch milder Apfelessig sind da als erste Impressionen, unterfüttert mit gerstig-malzigem Körper. Erkennbar nussig, im Verlauf sogar als dominierenden Eindruck, wenn die Säure abgeklungen etwas ist, was doch lange dauert. Die Textur ist leicht, das Mundgefühl herb und trocken – kein Bier für den, der gern unanspruchsvolle Lagerbiere trinkt. Im langen Abgang klingt dann ganz stark Amontilladoartige Nussaromatik nach. Mit zunehmender Trinktemperatur kommt die Süße stärker zum Vorschein (Zucker als Inhaltsstoff ist angegeben), und eine fast radicchioartige Bittere – auch das finde ich gar nicht übel.
7% Alkoholgehalt machen sich auch gut, ich bin sehr positiv überrascht! Auch wenn es nicht unbedingt rot ist, ist das ein wuchtiges, charakterstarkes und komplexes Sauerbier, das wirklich überzeugt.
Da hat das Sans Peur Smoked Ale, als nächster Verkostungskandidat, direkt etwas Vertrauensvorsprung geschenkt bekommen. 8% Alkoholgehalt, mit geräuchertem Malz eingebraut, ich erwarte hier irgendwas zwischen einer Rauchbombe wie dem Bamberger Schlenkerla und einem nur sehr mildgeräuchten Maisel & Friends Smoky IPA. Vor dem Eingießen drehe ich die Flasche sanft, denn ich habe Hefeablagerungen gesehen, die sich etwas auflösen sollen. Dann landet ein volltrübes Bier im Glas, haselnussbraun, mit feinem Schaum, der sich auch etwas hält.
Geruchlich schwanke ich immer noch zwischen den Extremen, da ist wirklich etwas Räucherspeck, vielleicht sogar -fisch und kalte Holzkohle. Gelockert wird das durch eine zitronige Komponente, und etwas Orange, also durchaus etwas frisch. Im Mund kommt dann erstmal der Speck fett nach vorne, nicht extrem und überwältigend, aber klar das ganze Bier definierend, mehr noch als die eher mittel ausgeprägte Rauchigkeit. Die Zitrusfrucht ist ebenso da, mehr als kitzelnder, leicht astringierender Effekt, man spürt die Säure mehr, als dass man Zitronenaromen schmeckt. Sehr frisch und hell vom Eindruck, die Textur wirkt angenehm, aber nicht wirklich dick. Aromatisch ist neben dem Speck nur wenig da, nach der initialen Attacke kommt praktisch nichts mehr, und schnell löst sich auch jeder weitere Eindruck. Hier wird das Bier bitter und wirkt fast wässrig. Etwas Wintergrün bleibt am Ende noch, wenn die Rauchnoten verschwunden sind.
Hm, ja, das ist als Rauchbier interessant, weil die Rauchigkeit zunächst sehr elegant eingebunden wird; leider fehlt außer dem etwas, was den Gaumen danach noch beschäftigen könnte. Die Säure wirkt übertrieben, macht das ganze Bier doch sehr unrund und mäßig komponiert. Mit zunehmender Trinktemperatur wird das ganze noch schlimmer – ich mag das Bier dann leider überhaupt nicht mehr.
Auf dem Etikett findet sich kein Hinweis darauf, was die „Dreifacheichung“ des Sans Peur Triple Oaked genau bedeutet, ich konnte hier auch nur raten, dass drei Holzarten oder drei Reifungsperioden gemeint sind, irgendwie ist das nicht zufriedenstellend, insbesondere, wenn man dann nach Recherche herausfinden muss, dass es ein „Tripel“ ist (9% Alkoholgehalt passen dazu), das mit Holzchips veredelt wird. Also nix mit „Dreifacheiche“, semantisch ist das irgendwie grenzwertig für mich.
Kräftige Schaumentwicklung begrüßt uns beim Eingießen des Biers, das dann leicht getrübt mit leuchtendem Kupferton im Glas steht. Mousseux ist fein vorhanden, langsam steigen winzige Perlchen auf und füttern die gemischtblasige Blume. In der Nase finden sich zunächst klassische Biernoten eines Hellen – Hefe, Getreide, leichtes Metall. Anflüge von hopfiger Frucht kommen dazu, Grapefruit, Orangenzeste. Eine Idee von kaltem Rauch oder Holzkohle, aber wirklich nur eine Idee.
Geschmacklich entdecke ich eine Melange aus Pale Ale und Hellem, knackige Säure spielt von Beginn an mit und definiert das Bier immer mehr, besonders im Abgang, wo es fast schon limettig wirkt. Das Mundgefühl ist angenehm, nicht wirklich cremig, aber zumindest initial kurz davor. Im Vergleich zum Verkostungsvorgänger ist auch hier diese ungezähmte, wilde Säure da, ähnlich derb, insbesondere im Finish. Frisch und rezent, sehr als Essensbegleiter geeignet, denke ich – als Genussbier ist aber auch dieses zu unrund, viel zuviel ungebundene Säure, harte Bittere, zuviel Metall, ganz sicher viel zuwenig Komplexität für das Versprechen der Eichenholzreifung. Trinkbar und erfrischend, aber auch nicht mehr. Von diesem hatte ich mir am meisten erwartet, darum ist die Enttäuschung auch am größten.
Hatte ich beim Red Sour die Säure noch gelobt und für gut befunden, stelle ich fest, dass die Brauerei einfach diesen Aspekt nicht im Griff hat und sie auf alle Biere überträgt – egal, ob es passt, oder nicht. Für ein Sauerbier ist es in Ordnung, für die anderen Bierstile schlichtweg nicht, sie sind übersäuert und kantig. Darum bleibe ich beim Red Sour, auch wenn die Erfahrung mir zeigt, dass es selbst dort wahrscheinlich nicht die Handwerkskunst ist, sondern, ohne den Brauern allzusehr auf den Schlips treten zu wollen, banal ein durchgängiger Braufehler.
Er ist ein Hansdampf in allen Gassen. Als ich Ulric Nijs vor einigen Jahren kennenlernte, war er Brand Ambassador für eine auch in Deutschland bekannte Rummarke aus Mauritius und der Experte in Europa für Baijiu – dies war auch unser Anknüpfungspunkt, da ich damals verzweifelt nach Informationen und Samples für die chinesische Spirituose suchte. Seitdem haben wir uns, ich hoffe ich übertreibe hier nicht, zu echten Freunden entwickelt, und ich bin jedesmal baff, wenn ich weitere Details über seinen Werdegang erfahre. Als Bar-Consultant und aus einer Diplomatenfamilie stammend war er überall auf der Welt unterwegs, vom Libanon bis Japan und sonst überall, ist Fotograf, Zigarrenkenner, unglaublich engagierter alleinerziehender Vater und natürlich Juror bei diversen Spirituosenwettbewerben, und dort treffen wir uns auch regelmäßig.
Neulich, beim Juli-Tasting des Internationalen Spirituosenwettbewerbs (ISW) in Neustadt an der Weinstraße, hat er für mich offiziell das nächste Kapitel seines eh schon so langen Lebenslaufs aufgeschlagen – er ist nun Brand Ambassador für The Belgian Owl, der belgischen Whiskybrennerei in der Region Hesbaye, in der Nähe von Liège. Und er hatte in dieser Tätigkeit eine Flasche für mich im Reisegepäck, die er abends stolz auf den Tisch stellte – den Belgian Owl Single Cask Whisky Cask Strength (auch bekannt unter dem Codenamen „Intense“). Abgefüllt wird dieser ungetorfte Whisky mit 73,4%, so wie er aus dem First-fill-Bourbon-Fass kommt, in dem er 45 Monate reifte. Ungefärbt, nicht kaltgefiltert, das Handwerk und die Provenance wird hier durch nichts gestört.
Ein leicht blasses Bernstein ist im Glas zu sehen, wenn man die Flüssigkeit aus der beeindruckenden Flasche, deren Korken beim Ziehen ein sehr befriedigendes „plopp“ macht, ausgegossen hat. Eine ehrliche Farbe für das Alter und den Holzeinsatz, finde ich. Leichte Viskosität spürt man dazu beim Schwenken, die Beine sind überraschend dünn, laufen aber sehr langsam ab.
Riechen wir erstmal an der puren, unverdünnten Flüssigkeit, wie sie aus dem Fass kommt. Auch nach etwas Offenstehzeit ist da deutliches Pieksen in der Nase, man muss vorsichtig sein und den Riechkolben nicht zu tief ins Glas halten. Dann findet man schnell Fruchtnoten und Getreidecharakteristik, nicht überwältigend, eher dezent und elegant. Orangenzeste, Kandiszucker, Brioche und Honig schälen sich heraus, minimal Karamell und Vanille. Ich gebe eine halbe Pipette Wasser hinzu, und würzigere Noten entwickeln sich, Leder, milder, heller Tabak, und eine feine Zitronennote. Mit und ohne Wasser, der Duft ist sehr zurückhaltend und ätherisch.
Im Mund passiert dann etwas ganz anderes, der Whisky expandiert von der leichten Nase ausgehend ganz enorm, eine grandiose Textur legt sich auf den ganzen Gaumen und wärmt ihn vor für das, was kommt. Sowohl in Breite als auch Tiefe ausgeprägt, ein richtig schönes Volumen in allen Dimensionen, dazu initial süß und rund, aber schon hier mit Kraft. Im Verlauf dehnt sich der Belgian Owl dann immer weiter aus, in weichen Kurven, ohne jede Kante, über die man stolpern könnte, dazu die Würze, die sich langsam entwickelt, mit angebranntem Zucker, leicht gerösteten Mandeln, Ahornsirup, Apfelsaft und getrockneten Früchten. Dabei haben wir noch eine sehr attraktive, nie astringierende Trockenheit, die die Süße ausgleicht und zusammen mit feuriger Würze das Mundgefühl am Ende bestimmt – eine perfekte Süßtrocken-Balance. Sowohl von der Wärme als auch von den Aromen her bleibt der Whisky lange bei uns, ein leichtes, angenehmes Kribbeln ist noch Minuten später da, die fruchtig-süßen Geschmäcker klingen sehr langsam ab, ohne jeden Fehlton am Ende, mit minimalsten Kaffee- und Holztönen ganz am Ende.
Ein sehr beeindruckender Whisky, das muss ich sagen, der besonders durch die harte Diskrepanz zwischen Nase und Gaumen überrascht. Das mag nicht hundertprozentig linear balanciert sein, ja, doch der extrem lange Nachhall und das wunderbare Mundgefühl überzeugen mich völlig, insbesondere, wenn man die Reifedauer betrachtet, für so einen jungen Whisky ist das schon gefällig. Dennoch kein Whisky für den Schnupperer, sondern einer für den Lutscher.
Im The Hearing Trumpet geschieht etwas, was ich an gut rezeptierten Cocktails sehr schätze – die Zutaten gehen geschmacklich und strukturell ineinander über, alle sind noch irgendwie erkennbar, aber nicht mehr klar abgrenzbar. Ein schönes, rundes Gesamtbild entsteht. Der Belgian Owl Cask Strength tut wirklich gute Dienste dazu – mit ihm macht der Drink besonders Spaß, finde ich.
The Hearing Trumpet 1¼oz / 40ml Scotch Whisky ¾oz / 23ml Cardamaro ½oz / 15ml Swedish Punsch ½oz / 15ml Campari 2 Spritzer Mole Bitters Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen. Mit Orangenzeste dekorieren. [Rezept nach cocktailvirginslut]
Sowohl haptisch als auch optisch ist das neue Flaschendesign ein Knüller – die Flasche ist zwar nur 50cl groß (etwas, was ich sehr unterstütze, ich finde, der halbe Liter sollte überall der Standard für Spirituosenflaschen werden!), wirkt dafür aber extrem schwer und hochwertig. Das Gefieder der Eule als Maskottchen und Namensgeber ist im Glasmuster repräsentiert, und düster starrt sie den Betrachter auch auf dem wertigen Etikett an. Das angenehme Geräusch, das der Korken beim Heraus- und Hineindrehen macht, hatte ich ja schon erwähnt. Ein rundum gelungenes Reboot der Marke!
Der Belgian Owl ist vielleicht mit der schottischste Whisky, den man außerhalb Schottlands bekommen kann – kein Wunder, wenn man Etienne Bouillon und seine Brennerei kennt. Ich durfte ihn 2021 besuchen, mit Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles. Seitdem haben wir uns öfters gesehen und etwas kennengelernt, er ist ein zurückhaltender Mensch, eher einer, der die leisen Töne bevorzugt, aber klare Ideen hat und diese mit beeindruckender Konsequenz umsetzt. So hat er den Coup gelandet, die Brennblasen der stillgelegten schottischen Destillerie Caperdonich zu erwerben und nach Hesbaye bei Liège zu überführen, wo sie in einer malerisch gelegenen Landschaft, aus der auch die gesamten Basismaterialien für den Whisky herkommen, eine neue Heimat gefunden haben.
Doch hier wird nicht einfach ein erfolgreiches Geschäftsmodell kopiert – ein eigener Brunnen, eigene Ideen und faire Verträge mit den umliegenden Bauern für das nachhaltig angebaute Getreide machen den Belgian Owl zu einem wahrhaft lokalen Produkt mit sehr starkem regionalen Bezug, die schottischen Stills geben dabei eher die Stoßrichtung vor, welche Stilistik hier gepflegt werden soll. Kein Wunder, Bouillons Ausbildung zum Brenner fand bei Bruichladdich unter Jim McEwan statt, und ich finde, er führt dieses Erbe verantwortungsvoll und mit Vision fort. Ich freue mich schon jetzt sehr auf das nächste Treffen mit ihm und mit Ulric – ich empfinde es als absolute Bereicherung meines Lebens, diese beiden Personen zu kennen, und es lässt mich ihre Produkte noch mehr wertschätzen und verstehen. Spirituosen auf dieser Qualitätsebene sind mit den Menschen, die sie machen, engstens verbunden, und beim Belgian Owl spürt man das in jeder Sekunde.
Offenlegung: Ich danke Belgian Owl für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche dieses Whiskies.