Die Brauerei Strauss hat mir schon viel Spaß gemacht in den letzten Monaten, ich habe hier auf dem Blog schon deren Helles und die zwei Böcke, die es zur Weihnachtszeit gibt, über den grünen Klee gelobt. Neulich habe ich dann sogar noch eine dritte Variante, die dort gebraut wird, im Glas gehabt: Das Wettelsheimer Märzen. Ich mag den Märzen-Stil grundsätzlich sehr gern, und bei dieser Brauerei ist das für mich natürlich ein Genuss, von dem ich dann gern den halben Kasten, den mir mein Bruder geschenkt hat, mit nach Hause genommen und Fläschchen für Fläschchen mit viel Freude getrunken habe. Natürlich lasse ich meine Leser gern daran teilhaben, wenn ich schöne, regionale Biere entdecke!
Je nach Lichtverhältnissen wirkt das Bier eher rötlich oder eher bräunlich, ich würde es einfach mal in die Mitte zwischen den Farben als Kupfer einsortieren. Es ist sehr klar, mit nur einem kleinsten Hauch von Opalisierung. Mousseux sieht man mittelschnell aufsteigen, nicht genug, um den zunächst sehr hübschen Schaum auf Dauer in dieser Form zu halten.
Geruchlich ist da überraschend viel Frucht erstmal, Beeren und Aprikosen, ohne wirklich hopfenlastig zu werden, das Malz dominiert nach der initialen Fruchtattacke dann deutlich. Leicht metallisch, leicht holzig, dabei passt alles rund ineinander; alles ist leicht unterschwellig, kein Bier, das sich über die Nase aufdrängt.
Als erstes fällt am Gaumen die wunderbare Rezenz auf, da knistert es fast leicht, wenn man die ersten Schlucke nimmt. Leichtkörperig aber mit voller Textur, hellklingend aber malzaromatisch, ideal zusammenspielende Säure und Süße, würzige Bittere. 5,5% Alkoholgehalt passen zum Stil und sensorischen Eindruck. Die Frucht kommt kurz im Antrunk auf, dann übernimmt das Malz und bleibt dann lange am Gaumen, bevor es sich in eine leichte Blumigkeit wandelt, mit der das Märzen dann ganz gemächlich ausklingt.
Ein herrliches Erfrischungsbier mit Stil, das ist süffig ohne Ende und hat dennoch eine gewisse, vorsichtige Komplexität. Wirklich perfekt gemacht, da trinke ich gerne eine Flasche am Samstagnachmittag in der Sonne und lasse es mir ausgiebig schmecken.
„Destilado 100% Agave“. Das lese ich auf dem Etikett des Real Minero Largo Destilado 100% Agave. Und eine NOM-Angabe suche ich vergebens. Der Erklärungsbedarf ist durchaus gegeben, finde ich – warum steht da nicht einfach „Mezcal“? Da ein Mezcal per Definition immer vollständig aus Agave hergestellt werden muss, keine Alternativzucker erlaubt sind wie bei Tequila, würde das doch die Prozentangabe überflüssig machen, oder? Und hergestellt wird dieser Tropfen ja auch in einer Region, die in der Denominación de Origen beinhaltet ist, dem Ort Santa Catarina Minas im Bundesstaat Oaxaca, das wäre also auch kein Hinderungsgrund. Ist das etwa ein minderwertiges Produkt, da auch keine NOM-Nummer sichtbar ist? Nein. Die Hintergründe dafür sind so einfach wie tragisch: Die Bürokratiemaschine, die das CRM (Consejo Regulador del Mezcal) darstellt, ist für eine wachsende Anzahl von traditionell arbeitenden Mezcaleros nicht mehr tragbar. Zu stark sind die Versuche, kleinere Brenner einzuschüchtern und zu einer Zertifizierung zu drängen, zu willkürlich sind die aktuellen Regelungen zu den Traditionen, und was man als Mezcal bezeichnen darf und was nicht. Entsprechend verzichten Hersteller wie Real Minero und andere inzwischen breitflächig auf die Kategoriebezeichnung „Mezcal“, und nennen ihre Brände neutral „Destilado“, um sie ohne CRM-Zertifizierung vermarkten zu dürfen. Ein Beispiel dafür, wie kommerzielle Interessengruppen denen, die die Agavenbrände seit Jahrhunderten herstellen, die selbstverständlichsten Begrifflichkeiten stehlen. Aber es ist schön zu sehen, dass sich Widerstand regt, und man sich nicht auf die großteils seelenlos gewordene Industrie einlässt, wie das Tequila getan hat und es nun teilweise bereut.
„Porque sólo lo auténtico perdura“, nur das Echte wird überdauern, ist das Motto von Real Minero, und es passt zu dieser Einstellung. Natürlich ist es nicht nur auf Wortebene, auch in der Herstellung geht man bei Real Minero keine Kompromisse ein. Die wildwachsende Largo-Agave wird als Agave karwinskii sp. im Botanikersprech angegeben, Tobaziche ist in der Region wohl ein Alternativname dafür. Das „sp.“, species pluralis, steht dafür, dass man sich zwar über das botanische Genus klar ist, nicht aber über die genaue Spezies. Bei der unglaublichen Anzahl von vorhandenen Agavenspezies gerade in Oaxaca ist das teilweise nicht einmal für Wissenschaftler, geschweige denn Brenner, genetisch detailliert klärbar, man verlässt sich dann lieber auf die traditionell überlieferten Namen. Jedenfalls hat die Maguey Largo 14 Jahre auf dem Buckel, bevor sie geerntet und in einer Erdgrube mit Eichen- und Mezquiteholz gekocht wird. Eine Zerkleinerung mit einer elektrisch betriebenen Anlage geht der natürlichen Gärung mittels wilder Hefen in Sumpfzypressenfässern voraus. Schließlich wird zweifach in kleinen Keramik-Potstills im Filipino-Stil („ollas de barro“) gebrannt. Die kleine Gesamtproduktionsmenge, für die meisten Batches nur um die 100 Liter, ruht dann noch 4 Monate in Glasballons, bis sie mit 51,9% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen wird; „envasado de origen“, abgefüllt am Ort der Destillation, auch das ist ein finales Qualitätsmerkmal, das man nicht unterschätzen sollte. All das kann man auf dem Rücketikett nachlesen, was für mich eine Freude an Transparenz ist. Nun aber genug der technischen Details, es drängt mich sehr, diesen Vino de Mezcal zu probieren.
Die ersten Versuche, dieses Agavendestillat zu trinken, habe ich mit Stielglas gemacht, wie ich das immer für Spirituosen tue. Heute gieße ich mir einen Schluck in eins meiner neuen Veladora-Gläser ein, wir trinken jetzt mit Stil statt mit Stiel. Diese Gläser sind in Mexiko beliebt für Mezcal, waren ursprünglich Votivlichter, man kann auch heute noch ein Teelicht hineinstellen, auf das eingelassene Kreuz im Boden. Glasklar erkennt man trotzdem in ihnen die Flüssigkeit, die Kante, die sich oben an der Glaswand bildet, wenn man sie schwenkt, und das kleine Gläschen liegt einfach gut in der Hand.
Die Nase des Real Minero Largo ist für mich sofort eine Mischung aus getreidigen Noten, die fast schon roggige Würze bringen, grüner Mineralität aus der Pflanze selbst und einem Ticken Steinobst. Das geht sehr viel besser zusammen, als es auf den ersten Blick klingen mag. Das ganze wird abgerundet durch deutliche Kakaonoten, eher Bitter- als Milchschokolade, und aufgerauht durch eine sehr herbe, trockene Faserigkeit, die an trockene Kokosschale oder Sisal erinnert. Ein Ticken Rauch aus der Röstung der Agavenherzen ist vorhanden, aber nie speckig oder kaltholzkohlig, mehr eine Art Rauch, die schon ins Fruchtige übergeht. Eine gewisse ethanolische Schmutzigkeit kann man erahnen, macht das ganze noch etwas komplexer und kantiger – alles in einem sehr spannend, aber nicht schmusig!
Am Gaumen zeigt sich der Largo initial auch hier nicht eindeutig – er schwankt beständig zwischen dunkelherbem Kakao und grasiggrüner Vegetabilität. Da ist wahnsinnig viel Variabilität drin, es ist schwer, eindeutige Eindrücke zu greifen, weil sich alles so schnell wandelt. Rauch ist im Mund viel präsenter, aber weiterhin eher auf der Röstebene denn der Speckebene, und im Verlauf nach dem Antrunk dominiert er sogar kurz, zusammen mit der trockenen Schokoladigkeit. Kirsche und Aprikose melden sich ganz kurz, verklingen dann aber schnell, etwas Heu, ein bisschen Honig. Insgesamt ist die Struktur irgendwie an feuchten Ton erinnernd, mineralisch frisch und trotzdem schwer, jedenfalls hochkomplex und sehr vielschichtig, mit Erinnerungen an Tomatensalat und Gurkenrelish. Eine spannende Spirituose, die mit einem sehr langen, nun sehr grünen, stark agavenlastigen Finish endet, dabei leicht brummt und mit Eindrücken von Aquariumkies und dem Rauch einer eben ausgeblasenen Kerze noch nachhallt.
Irre, wieviel man in einem kleinen Schluck dieses Mezcals finden kann, das Zusammenspiel aus einem Basismaterial, das erstaunliche 14 Jahre reifen durfte (das gibt es in der Spirituosenwelt praktisch sonst nirgends, Zuckerrohr oder Getreide werden teilweise ja sogar mehrmals im Jahr geerntet!), einer fast ausschließlich händischen Herstellung ohne industrielle Einflüsse und viel Respekt gegenüber alledem ist zu schmecken und zu spüren. Ein hochkomplexer, hochspannender und dennoch sehr trinkiger Mezcal.
Der Drink, den ich für den Real Minero Largo ausgewählt habe, klingt erstmal wie ein Sour oder ein Daiquiri, doch, wie Robert Simonson in seinem Buch „Mezcal and Tequila Cocktails: Mixed Drinks for the Golden Age of Agave“ erklärt, ist der Trick beim Mezcal Fix, crushed ice zu verwenden, ein wesensverändernder. Gerade für den Sommer ist so ein Cocktail natürlich ideal, er verdeckt die mineralisch-kakaoige Natur des Mezcal nicht, und erfrischt trotzdem mit einer nahezu idealen Süßsauer-Balance.
Mezcal Fix 2oz / 60ml Mezcal ¾oz / 23ml Limettensaft ¾oz / 23ml Zuckersirup Trocken shaken. Auf frisches crushed ice abseihen. [Rezept nach unbekannt via Robert Simonson]
Zu Real Minero habe ich noch eine kleine persönliche Anekdote. Bei dem Cocktails & Dreams-Clubtreffen, das 2018 in Berlin stattfand, war Axel Huhn von mezcaleria.de für ein Tasting eingeladen, und er brachte Graciela Angeles Carreño mit. Sie führt das Unternehmen Real Minero, das seit 4 Generationen in der Familie ist. Besonders spannend – sie hatte neben ein paar Ensambles aus der Familienproduktion (die hier vorgestellte Largo-Agave hatte dabei einen wichtigen Anteil) noch handbeschriftete Plastikflaschen mit Teilzuständen des Destilliervorgangs dabei, den „puntas“ und „colas“, also den Vor- und Nachläufen, und auch gekochte Agavenfibern, es war faszinierend, solche Seitendetails der Mezcalherstellung mal direkt vor sich zu haben; und Graciela ist eine wunderbare Repräsentantin der modernen, sich auf Tradition berufenden Mezcalwelt.
Ich wusste es nicht wirklich zu würdigen, im Rückblick. Ich kam zu dem Tasting mit dem schlimmsten Kater, den ich erinnern kann, weil am Abend zuvor die Jungs und Mädels des Forums bis spät in die Nacht Drinks auftischten und ich, als Gast, natürlich alles probieren wollte. Die wenigen Stunden Schlaf, die ich bekam, halfen nicht, und Vomex habe ich erst später für mich entdeckt, zum Teil wegen dieses Erlebnisses. Es tut mir leid, Axel und Graciela, so ein spektakuläres Tasting würde ich heute ganz anders angehen. Aber immerhin ist man heute nicht darauf angewiesen, den Mezcal aus erster Hand kredenzt zu bekommen, sondern kann ihn dank großartiger Importeure wie Axel Huhn auch zuhause auf der Couch trinken. Wohin ich mich nun begebe, mit einem Veladora des Real Minero Largo. Verdammt, ist die Flasche schnell leer.
Brügge sehen und sterben, heißt ja ein Filmtitel, der immer gern zitiert wird, wenn jemand die belgische Stadt besucht. Ich war da im Frühjahr 2023 für einen kleinen Städtetrip mit Grachtenfahrt und anschließendem Tag am Strand in De Haan. Diverse Biere gabs da natürlich, belgische Kroketten in verschiedenen Varianten, Muscheln mit Pommes und was halt dazu gehört, wenn man als Touri in Belgien unterwegs ist. Ein paar Eindrücke dieser zwei Tage am Ende des Artikels, jetzt wollen wir erstmal zwei der Mitbringsel aus Brügge anschauen, echte Kinder der Stadt: die Brouwerij De Halve Maan Brugse Zot und Brugse Zot Dubbel.
Ocker, mit leichter Trübung, fast eher Opalisierung, durch die man die vom Glasboden des gebrandeten Glases, das ich auch natürlich mitgenommen hatte, aufsteigende Mousseux schön beobachten kann. Der Schaum ist sehr fein, ausdauernd und eine ideale Krönung des Biers.
In der Nase erkennt man eine mildfruchtige Note, die bestens mit den deutlichen Getreidetönen zusammenspielt, eine gut gewählte Hopfung ist das, die das Malz nicht komplett unterbuttert. Ein wirklich sehr typischer Biergeruch, dabei mild und rund, etwas, woran man nicht wirklich lange nach Aromen forschen, dafür ganz entspannt genüsslich schnuppern kann.
Am Gaumen bietet sich eine tolle Textur, sehr weich und voll, dabei aber nicht übermäßig kauig, da bleibt genug Raum für Frische und Körper zugleich. Auch Süße und Säure sind in perfekter Balance, dazu die wohlgestaltete Bittere: hier, das finde ich großartig, passt einfach ein Zahnrädchen ideal ins andere. Da sticht nichts hervor, da fällt nichts hinten herunter. Ja, es könnte natürlich ein bisschen mehr Komplexität vorhanden sein, und etwas mehr Länge, aber das sind Details.
Ach, was soll ich noch lange fabulieren. Ein wirklich richtig gutes Bier, supertrinkig, unkompliziert, unterhaltsam, und mit 6% Alkoholgehalt auch nicht zu schwach.
Ein bisschen Gushing tritt auf, wenn ich den Kronkorken ziehe, nicht extrem, aber ein bisschen Schaum läuft die Flasche hinunter. Danach ist auch ordentlich cremafarbener Schaum auf dem Bier, sehr großblasig, und dieser sackt dann in eine feinere Form ab und bleibt dann eine Weile auf dem espressofarbenen Bier sitzen. Volltrüb und mit wunderschönen rubinroten Reflexen im Gegenlicht – optisch schonmal ein Gewinner.
Malzig und metallisch ist der Duft, mit einer bereits hier erkennbaren, hellen Frische, die der dunklen Farbe widerspricht. Nicht ganz minzig, aber beinahe. Das schnuppert sich durchweg angenehm, die niedrige empfohlene Trinktemparatur verhindert dann aber halt doch, dass man mehr davon wahrnehmen kann.
Frisch, rezent und hell wirkt das Dubbel auch am Gaumen, die Malzigkeit kommt sehr prägnant hervor, besonders im Verlauf, wenn die erste Frische am Gaumen wieder abklingt. Dabei wirkt es nie übermäßig süß, sondern bindet Süße, Säure und Bittere nahezu perfekt aneinander, auch mithilfe der weichen, cremigen Textur, auf der man gut kauen kann. 7,5% Alkoholgehalt machen Freude. Minimalste Astringenz kommt gegen Ende auf, wenn auch die minzige Frische wieder erscheint.
Das Dubbel steht dem Blonden Brugse Zot in keiner Form nach, es hat einen malzigeren Charakter, aber all die Vorteile des Blonden finden sich auch hier. Beides sind wirklich ausgesprochen gut gemachte, durchtrinkbare Biere, bei denen ich mir wünschte, ich hätte sehr viel mehr als nur je zwei Flaschen aus Brügge mitgebracht. Selbst im eh schon hohen belgischen Bierstandard gehört das für mich zu den Top-5-Prozent dieses Landes.
Brügge ist ganz sicher einen Tagesausflug wert, es gibt viel zu sehen, alles ist fußläufig gut zu erreichen. Eine Grachtenfahrt macht Spaß, man sollte dafür aber früh da sein und/oder etwas Wartezeit mitbringen, vor allem an Tagen, in denen mit erhöhtem Touristenaufkommen zu rechnen ist. Muscheln und Pommes gehören natürlich zum Pflichtprogramm, und auch die belgische Waffel dort ist allein schon die Reise wert. Dass man Biere ohne Ende bekommt, ist für den Bierfreund toll – ich habe noch zwei weitere original Brügger Biere mitgenommen, die ich bald hier besprechen werde.
Keine Pestizide, keine Enzyme, kein Antischaum und keine Süßung. Das sind Aussagen, wie ich sie liebe – Spirituosen müssen nicht unbedingt mit hochindustrialisierten Methoden hergestellt werden, im Gegenteil, wie bei vielen Aspekten stiehlt man mit Industrialisierung die Seele. Ich will nicht kulturpessimistisch klingen, denn letztlich würde ich hier nicht schreiben und ein völlig anderes Leben führen, gäbe es die Industrialisierung nicht; doch in manchen Bereichen genieße ich es sehr, wenn erkannt wird, dass es auch einfacher, händischer, bodenständiger geht. Besonders spannend fand ich die Erwähnung von Antischaum, etwas, das ich selbst nachschlagen musste, und ein gutes Beispiel dafür ist. „Antischaum oder auch Schaumstopp genannt ist eine wesentliche Erleichterung beim Destillieren und Einmaischen“ schreibt man für bei destillatio.eu für ein solches Produkt, ich wäre interessiert, wenn ein Brenner, der dies hier liest, eine Meinung zu derartigen Hilfsmitteln abgeben könnte.
Gelesen habe ich diese Ausschlussliste auf dem Etikett des Mhoba 2017 FAQ Plastic Pure Single Rum. „Subtraction, not addition“ ist der Wahlspruch dieses Rums, was eben auf die Reduktion der eingesetzten Technologien anspielt. Hergestellt wird er aus dem frischen Saft des Nkomazi-Zuckerrohrs, das auf der hauseigenen Farm im Tal des Crocodile River bei Malelane, Südafrika, wächst. Destilliert wurde er, wie der Name schon sagt, 2017 von Robert Greaves, in einer selbstgebauten Potstill mit hohem Reflux. Danach kommt er für 4 Jahre in Ex-Rotwein-Fässer aus französischer Eiche, und wird dann mit 64,3% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen. Aus Jamaica hat man sich abgeschaut, die chemischen Daten mitauszuliefern, ich gebe die hier wieder, weil ich sowas spannend finde. An Congeners sind 590,9gr/hlpa enthalten, davon sind 344,6gr/hlpa Ester. Man kann sich also allein schon anhand dieser Zahlen vorstellen, dass wir hier keinen gemütlichen Neutralrum vor uns haben werden!
Die Farbe, die die Rotweinfässer abgegeben haben, ist beeindruckend – ein schönes, sattes Terracotta, mit gelbgoldenen Lichtreflexen. Die Viskosität, die sich beim Schwenken des Verkostungsglases zeigt, gefällt ebenso, da bleibt fett was am Glas hängen und dekoriert es für eine ganze Weile, bevor Beinchen langsam ablaufen.
In der Nase sind die Fässer ebenso erkennbar wie mit dem Auge, man riecht sehr deutliche mostige Frucht, frisch zerpresste ganze Trauben, und dazu eine recht präsente Schwefeligkeit. Besonders letzteres ist gefährlich für Rum, finde ich, da nähert man sich schon fast einem sensorischen Fehler an, wenn es übertrieben wird (auf Guadeloupe hatte ich bei Montebello einen weinfassgereiften Rum, der nur noch nach Streichhölzern roch); hier ist es an der Grenze, noch einigermaßen gut eingebunden. Die Kombination von Schwefel und Pattex ist aber nicht ganz einfach, vor allem weil noch so eine „quietschende“ Esternote dabei ist, die ich immer mit getragenen Turnschuhen und Schweiß assoziiere. Unter all den negativ klingenden Eindrücken – ich beschreibe nur, werte hier nicht – findet sich dann noch schokoladige Anflüge von Nougat und Türkischem Honig, und zu guter letzt sogar noch etwas Grüngemüsiges, Gurke und Edamame in etwa. Man sieht, nicht einfach, aber vielschichtig und interessant.
So einige Spirituosen würde ich bei 64,3% Alkoholgehalt nicht pur an meinen Gaumen lassen, bei vielen Rums ist das verrückterweise selten ein Problem. Der Mhoba 2017 zeigt sich diesbezüglich auch völlig ungefährlich, er hat viel Kraft und Wumms, brennt oder anästhesiert aber nicht. Initial ist das Mundgefühl weich und mild, das ist aber nur der Anfang, schnell wandelt sich das zu kraftvoller, schwarzpfeffriger Wärme. Die Rotweinfässer sind schließlich auch hier herauszuschmecken, mit dieser prägnanten Kombination aus Holz, Vanille, dunkler Frucht und Schwefel. Süß wirkt der Rum durchgängig, am Anfang sogar richtig schwer schokoladig, mit Nougat, Trüffelpralinen und Kaffeecrème. Im Mund ist er sehr viel runder und besser strukturiert als in der Nase, intial findet man noch eine Pattexnote, aber im feurigen, anhaltenden Abgang, in dem man den Brand vom Zäpfchen bis in den Magen klar verfolgen kann, verschleift sich alles zu einem sehr aromatischen, vollen, höchstaromatischen Finish, das mir extrem gut gefällt, und alles, was ich an Schwierigkeiten zuvor geäußert habe, wegwischt und mich mit einem satten Grinsen und vielen schokolierten, roten Tafeltrauben im Nachhall zurücklässt.
Beim Mhoba 2017 FAQ Plastic ist es wirklich spannend, diese Entwicklung vom Auge über die Nase zum Gaumen und schließlich zum Magen zu verfolgen. Ein Rum, der sich kontinuierlich steigert, immer runder wird. Allein so ein spannender Verlauf ist für mich eine Empfehlung wert; vielleicht nicht für jemanden, der eher süßmilde Spirituosen trinkt, sondern eher für die Frau und den Mann, die vollaromatische, schwere, starke und auch nicht unkomplizierte Destillate im Glas schätzen können und wollen – und für Freunde höheresterigen Jamaica-Rums sowieso.
Wenn wir schon über starke Frauen reden: Helena Tiare Olsen ist ein schwedisches Urgestein der Tiki-Szene. Durch eine Krankheit musste sie Cocktails und Alkohol aufgeben, man sieht ihre toll inszenierten Foodposts noch auf Instagram, für mich persönlich ist sie eine Inspiration, dass es, auch wenn es manchmal nicht danach aussieht und man etwas Liebgewonnenes, das man eigentlich auch wirklich gut kann, aufgeben muss, es danach doch weitergeht. Als Zeichen dieser Wertschätzung benutze ich den FAQ Plastic als Float in einem ihrer Rezepte – dem Guyana Banana Zombie. Und der Rum passt auch inhaltlich gut – trinkt man den Cocktail über die Strohhalme, kommt erst die frische Banane des Likörs, und geht dann dank der Rumester in überreife Banane über. Sehr unterhaltsam!
Guyana Banana Zombie 2oz / 60ml gereifter Rum ¼oz / 7ml Falernum 1oz / 30ml Bananenlikör ¾oz / 23ml Limettensaft ¾oz / 23ml Ananassaft 1 Spritzer Angostura Alle Zutaten auf Eis shaken. Dirty Dump, mit frischem crushed ice auffüllen. 1oz / 30ml würziger Rum floaten. [Rezept nach Helena Tiare Olsen]
Worauf ich wirklich gerne verzichtet hätte ist das Hartwachs über dem Stöpsel; dieses bröckelte schon, als ich die Flasche bekommen habe, und ist in seiner harten, glänzenden Konsistenz irgendwie genau dem Plastik vergleichbar, das man im Subtitel so verschmäht, da wäre diesbezüglich etwas mehr Konsequenz wünschenswert gewesen. Abgesehen davon, dass Wachs auf Flaschenhälsen für mich immer grundsätzlich ein lästiges Übel ist, das die Handhabung nur erschwert und im Gegenzug keinerlei Vorteile bringt.
Der Rest ist natürlich im inzwischen wohlbekannten, wohlgeschätzten VSGB-Stil gemacht, mit soviel Liebe zum Detail und einem Aufwand, den man sonst nirgends für derartige Kleinflaschen betreibt. Die Limitierung auf 1100 Fläschchen und die individuelle Flaschennummer ist, wie in der Vergangenheit, nur auf dem Karton als Kleberchen appliziert, da es erstaunlich wenige Vergehen gegen das „heilige Versprechen“, die VSGB-Produkte nur selbst zu konsumieren und nicht weiterzuvertreiben, gibt, reicht das wahrscheinlich auch aus. Ich selbst käme nie auf die Idee, die Einzelflaschen aus diesem wirklich tollen Projekt zu verscherbeln, und hoffe, dass Luca Gargano für VSGB noch viel, viel Atem und Ideen hat und es fortführt, so lange es geht.
Der konzentrische Kreis, den ich bezüglich Bieren um meinen Heimatort Neresheim aufbaue, wächst stetig. Da ich erst sehr spät mein Interesse für Bier und Alkoholika entdeckt hatte, sind viele Dinge, die einst eigentlich ganz nahe lagen, für mich komplettes Neuland, und so drehe ich wie ein Andenkondor Kreise über die Region, um „neue“ Biere zu finden. Manchmal hilft auch die Verwandschaft, die leckeres Zeug anschleppt, so wie heute, wenn ich das KronenBräu Hochdorfer Kellergold vorstelle. Es stammt aus Nagold-Hochdorf, also schon ein gutes Stück von der Ostalb entfernt, der Kreis wird daher erkennbar schon größer. Es ist CO2-neutral gebraut, durchaus ein Verkaufsargument in heutiger Zeit. Schmecken muss es aber trotzdem, darum ab ins Glas damit, um das zu prüfen.
Naturtrüb, weil unfiltriert, wie es sich für ein Kellerbier gehört, leicht opalisierend und mit einer sehr ansprechenden Ockergold versehen, gießt es sich leicht ins Glas und bildet dabei eine kräftig ausgeprägte Schaumkrone. Nach einer Weile sackt die etwas in sich zusammen, eine Schaumschicht aus gemischtgroßen Blasen bleibt aber lange erhalten, gespeist von ganz vorsichtiger Perlage.
Wie so oft bei klassischen, deutschtraditionellen Bierstilen muss man gar nicht groß versuchen, sich bei Geruchseindrücken viel zusammenzufantasieren. Da ist erkennbar Getreide, aus dem Pilsener- und Caramellmalz, und der Herkules-Bitterhopfen ergibt mit dem Tradition-Aromahopfen eine leicht grasig-blumige Note dazu, ohne sich irgendwie nach vorne zu drängen. Angenehm und passend für so ein Bier, wie auch die 5,2% Alkoholgehalt.
Die Textur im Mund ist dann sehr kauig, dicht und voll, mit ordentlicher Karbonisierung, die sich durch eine leichte Frischekante äußert. Unterstützt wird das durch ein gelungenes Süßsauerspiel, das den Gaumen nie belegt, sondern frei lässt für die nun doch sehr deutlich erscheinende Blumennote des Hopfens. Gut gebittert und mit edler Trockenheit versehen macht es wirklich Spaß, dieses Bier zu trinken, und es bietet sich mir geradezu ideal an zum kräftigen, bodenständigen schwäbischen Essen; dabei hat es genug Komplexität und Unterhaltungspotenzial, mir auch im Sommer auf der Terrasse ganz allein den Nachmittag zu versüßen.
Erneut wieder mal ein sehr gelungenes Bier aus Baden-Württemberg, und danke, Dietmar, dass Du es mir mitgebracht hast – sowas kannst Du ruhig öfters dabei haben.
Über Klarheit auf Etiketten muss man mit den Chinesen nochmal reden. Einerseits haben die Etiketten auf sehr vielen Baijius völlig transparente Herstellungsdetails, wie welche Basismaterialien verwendet wurden, welches Qu, Ortsangaben bis hin auf Dorfebene und sogar Blendbestandteile; davon könnte sich ein Großteil der Restweltspirituosen eine dicke Scheibe abschneiden. Andererseits muss man manchmal lange recherchieren, um trivialste Dinge herauszufinden, zum Beispiel wie der Baijiu überhaupt heißt, und was der Unterschied zwischen Importeursnamen und Herstellernamen ist. Viele Baijius gönnen sich den Luxus, sehr exotische Zeichen in ihren Namen zu verwenden, soweit, dass selbst Muttersprachler manchmal ein bisschen Zeit brauchen, sie zu entschlüsseln; dazu sind auf den wenigsten Flaschen zusätzlich latinisierte Versionen vorhanden, von englischsprachigen Übersetzungen gar nicht zu reden. Und wenn, dann sind sie manchmal widersprüchlich, wie beim Kuanglang Hauhan Chinese Baijiu (狂浪酱香白酒). Dort findet sich nämlich der Importeursname latinisiert und mit englischer Übersetzung der Kategorie („Hauhan Chinese Baijiu“), während der Markenname, „Kuanglang“, nur in chinesischen Schriftzeichen, dazu noch kalligraphisch verschnörkelt, zu erkennen ist.
Nun, dafür bin ich ja da, und nehme meinen Leser*innen die Mühe etwas ab. Wer sich schon den Aufwand zumutet, einen 酱香 (Sauce)-Aroma-Baijiu ins Haus zu holen oder sich für dessen Aromatik zu interessieren, hat es wohl verdient, wenigstens die Basisinformationen über dieses weiterhin sehr fremdartige Destillat aus China etwas mundgerechter serviert zu bekommen. Für den hier vorgestellten Baijiu ist das auch gar nicht kompliziert: Das „Kunsha“-Destillat, also der höchste Qualitätsstandard für Sorghum-Destillate, wird in Tonkrügen gereift, und dann mit einem Anteil von 2% eines 20 Jahre alten Brands „aromatisiert“. Damit haben wir hier sozusagen den kleineren Bruder des Kuanglang Shangjiang, den ich vor ein paar Wochen hier besprochen hatte – er wird ebenso in Yunlongjie bei Luzhou in Sichuan, also Südwestchina, hergestellt. Ich bin sehr gespannt auf die Verkostung, um insbesondere auch den Unterschied zwischen diesen beiden Blends erfahren zu können.
Es passiert durchaus, dass Baijiu durch Reifungsdauer eine leichte Tönung annimmt, hier haben wir den Beweis dafür. Es ist nur ein minimalster Crèmeton, weniger als manch ein Weißwein, man muss fast darauf achten. Der Baijiu schwenkt sich, während man darüber nachdenkt, sehr lebendig im Glas, mit wenig Öligkeit zunächst, diese zeigt sich erst in den Artefakten an der Glaswand, die langsam ablaufen.
Während man schwenkt, kann man auch schon die ersten Duftnoten abgreifen, die sich über den Glasrand hinaus schnell verbreiten, ohne einen aggressiv anzuspringen. Erstmal wirkt das schokoladig, schwersüß, dann aber auch mit einer leichten Essigkomponente, alter Balsamico eher als Apfelessig. Die Hirse spricht zu mir, mehr als in vielen anderen Baijius dieser Machart. Ein bisschen erdig, mit Erinnerungen an frisch gepflückte Pilze, und eine leicht grasige Mineralität erzeugen durchaus eine Menge an Komplexität – hier muss man eine ganze Weile schnuppern, um die wabernden Eindrücke einordnen zu können. Natürlich ist da auch der würzige Geruch von Sojasauce und Liebstöckel klar präsent, das ist stiltypisch und -bildend. Es macht Spaß, damit etwas zu verweilen.
Der Antrunk wirkt erstmal etwas säuerlich, ist dann schnell auch astringierend und trocken. Ein bisschen Lack schwingt hier mit, aber auch einiges an Getreide, ein Touch Roggen, etwas Hirse. Hier wird man nicht überfordert mit einem Sammelsurium an umami-Komponenten oder wilder Sojasauce, eine leichte Salzigkeit und ein Hauch von Lakritz ist alles, mit dem man zurecht kommen muss. Ansonsten zeigt sich dieser Baijiu sehr freundlich und rund, mit den kaum spürbaren 53% Alkoholgehalt, die herrlich eingebettet sind, und klarer, sehr verstehbarer Struktur. Der Abgang ist mittellang, sehr sauber, hier kommt wieder einmal, ich betone es gern öfters, der wahre Charme eines Baijiu zum Vorschein: erdig, würzig, schokoladig und trotzdem minzig frisch, ohne in die After-Eight-Falle zu tappen. Ein mineralischer Nachklang von feuchtem Beton hängt eine Weile mit dabei. Nicht aufdrängend, nicht aggressiv, und nach dem frechen Antrunk dann sehr weich und elegant am Gaumen bleibend.
Viele der Baijius, die ich bisher vorgestellt hatte, und die die Leser hier vielleicht kennen, wirken exotisch bis hin zum Fremdartigen, sind erklärungsbedürftig und nur mit Mühe verstehbar. Der Hauhan Chinese Baijiu dagegen ist diesbezüglich sehr unkompliziert: das versteht man auch im Westen ohne Mühe, und diese Zugänglichkeit schätze ich an ihm sehr, auch wenn er natürlich erkennbar weniger komplex ist als der oben schon erwähnte Shangjiang desselben Herstellers.
Da muss man dann auch nicht wirklich dramatisch anpassen, wenn man ihn in einem Cocktail verwenden will – hier kann man ruhig etwas entspannter rangehen. Es muss ja auch nicht immer superexotisch sein, wenn man Baijiu in Drinks einsetzen will, ein einfacher Mix geht manchmal besonders gut, wie hier beim Tropical Baijiu. Zusammen mit dem Ananassaft wird die Schokoladigkeit ganz besonders betont, da meint man fast, einen Schokolikör im Rezept zu haben.
Tropical Baijiu 1½oz / 45ml Sauce- oder Starkaroma-Baijiu 2oz / 60ml Ananassaft ¼oz / 7ml Zuckersirup Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen. [Rezept nach lovetoknow.com]
Die Flasche ist archetypisch für Soßenaroma-Baijius, und ich mag sie einfach – die liegt gut in der Hand, hat viel Platz für Etiketten, und ist nicht übermäßig overdesigned, auch der Karton bleibt im Vergleich zu vielen anderen Baijius zurückhaltend, aber effektiv. Das rote Bändchen ist ein nettes Element, der Nachfüllstopp im Flaschenhals ist für Baijius Standard und dient dem Schutz vor Produktpiraterie.
Man sieht, der Inverkehrbringer Hauhan hat sich hier ein Set aus Baijius zusammengestellt, das sowohl alleinstehend auch im Zusammenspiel mit dem Kuanglang Shangjiang gut funktioniert. Ich gehe davon aus, dass der hier vorgestellte Hauhan doch kostengünstiger zu haben sein wird als der Shangjiang, einfach weil er kürzere Reifungsdauern für den Blend gewählt hat, das ist eigentlich wie bei Whisky – ein 10-jähriger Scotch ist günstiger als ein 20-jähriger, aber hier wie da sagt das Alter grundsätzlich erstmal nichts über die Qualität aus. Beide kann ich dem interessierten Baijiu-Freund als sehr stabile Basisprodukte empfehlen, wenn sie mal in Deutschland dann auf dem Markt sind.
Offenlegung: Ich danke der Hauhan International Trading Co.,Ltd. für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Baijius.
Die belgische Brouwerij Van Steenberge taucht immer wieder in meiner Biergeschichte auf – dort werden viele unterschiedliche Marken gebraut, darunter welche, die ich zu meinen absoluten Favoriten der belgischen Bierkultur zähle. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich während der Verkostung eines Biers die Flasche hin und her drehe, um die Details auf dem Etikett und dem Rücketikett gemütlich zu lesen, und dann diesen Firmennamen finde. Wirklich aktiv, die Brauerei, und erst neulich ist sie mir wieder mal begegnet, beim Probieren des Monk’s Café Grand Cru Flemish Sour Ale. Dabei handelt es sich um einen Blend aus gereiften und frisch gebrauten Tripels, das hört sich allein schon spannend an. Ich versuche gar nicht erst, zu widerstehen.
Farblich ist die Assoziation zu einem Kaffee wirklich gar nicht fern, das hat eine espressofarbene, blickdichte Optik, bei der man im Gegenlicht dann aber doch rubinrötliche Reflexe sieht. Der Schaum ist flaumig und sehr feinblasig, und bleibt durch das starke, superfeine Mousseux auch lange fingerdick erhalten.
Die typischen Geruchskomponenten eines Sauerbiers sind direkt da, von mildem Essig über Apfelwein bis leicht laktischem Joghurt. Da die empfohlene Trinktemperatur wie bei belgischen Ales üblich sehr niedrig ist (hier immerhin 8°C), halten sich andere Düfte dann doch dezent zurück. Ein bisschen apfelige Frucht ist vielleicht noch da.
Geschmacklich erinnert mich das dann auch im Mund fast eher an Cidre als an Bier, sehr viel Apfel, sowohl dessen süßliche Fruchtnoten als auch säuerliche Spritzigkeit. Der Unterschied liegt deutlich aber im Mundgefühl, da ist viel Körper und Volumen, eine leichte Cremigkeit, die wunderbar gegen die Säure und Frische anspielt. Im Abgang wirkt das Monk’s Café im Rachen dann aber doch trocken und feinherb, mit einer schwer zu greifenden, würzigen Erdigkeit und einer Idee von Holz; aber auch hier bleibt fast essigsauer lange etwas am Zäpfchen hängen. 5,5% Alkoholgehalt sind gut gewählt für dieses Bier.
Der Blend funktioniert für meinen Geschmack wunderbar, da ist eine schöne Melange aus süßschwerem Tripel und frechsaurem Sauerbier gefunden worden, die beiden Eindrücken eine Bühne bietet. Gerade die, denen manche belgischen Geuzes zu säuerlich sind, aber trotzdem mal in die Kategorie schnuppern wollen, sind mit dem Monk’s Café bestens bedient.
Ich habe in letzter Zeit so einige Samples von Rum Artesanal zugesandt bekommen, und, ehrlich gesagt, ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich diese etwas stiefmütterlich behandelt habe und immer etwas anderes sich vor sie gedrängelt hat. Nun habe ich mir gedacht, da könnte man doch eine Story drumrumstricken, und das tue ich hiermit: Ich bitte meine Leser zu einer Rumreise durch die halbe Karibik, die wir gemütlich von zuhause aus machen können. Zusammen mit ein paar der Samples besuchen wir die Länder, in denen der enthaltene Rum hergestellt wurde.
Wir gönnen uns da wirklich was, denn alle sechs der hier vorgestellten Rums sind keine Pushovers oder Massenware, das sind respektable Single Casks mit einem klar definierten Brenn- und Abfülldatum, alle haben mindestens 54% Alkoholgehalt, alle sind ungefärbt, und entstammen der bewährten Fassauswahl der Heinz Eggert GmbH in Bad Bevensen. Im Gegensatz zu manch anderen Dingen, die ich hier sonst so bespreche, sind Vollflaschen von allen auch noch käuflich zu erwerben, zu vernünftigen Preisen. Nach meinen Erfahrungen mit Rum Artesanal und ihren Abfüllungen ist Top-Qualität eigentlich die Grundannahme und Erwartungshaltung, und ich freue mich darauf, das nun zu verifzieren.
Der Übersicht halber habe ich eine kleine Grafik angefertigt, die unsere Reise illustriert, wir beginnen in Südamerika mit Venezuela und Guyana, gehen über auf die kleinen Antillen nach Trinidad, hin zu den großen Antillen nach Haiti und Jamaica und enden auf Kuba. Damit decken wir natürlich nur einen kleinen Teil der rumproduzierenden Länder in dieser Region ab, doch für den Anfang ist es eine weite Reise! Auf gehts, Segel setzen, Rum ins Glas und los!
Wir fangen in Venezuela an, mit dem Rum Artesanal Venezuela CADC 17 Jahre Single Cask. Gebrannt im April 2005 und abgefüllt im Oktober 2022, eingestellt auf 57,8%. Ein attraktives Terracotta haben die Jahre erzeugt, nachdem der aus Melasse gebrannte Rum aus der Säule geflossen ist. Viskosität ist erkennbar, der Rum bleibt aber beim Schwenken lebendig und beweglich. Die Nase überrascht mich direkt – diese interessante Mischung aus frischer Frucht und Anis ist frech, hell und klar. Aprikosen und Pfirsich zusammen mit Fenchel, das kenne ich so noch nicht. Ein bisschen Traubenmost dazu, apfelige Säure, dazu ein gewisser Holzeinfluss. Ich bin sehr gespannt auf den ersten Schluck!
Und der überrascht mich dann tatsächlich nicht weniger. Hier ist Anis noch stärker ausgeprägt, im Antrunk hätte ich das nicht als Rum erkannt, mehr an einen fruchtigen, gesüßten Absinthe gedacht. Das affirmiert auch eine sehr kräftige Salznote, die mit der Basissüße kontrastiert. Rumcharakter entsteht im Verlauf dann aber doch, dunkle trockenfruchtige Komponenten versuchen, gegen Anis anzudrängen, schaffen es in der letzten Konsequenz aber nicht. Der Abgang ist lang und warm bis tief in die Speiseröhre, ohne wirklich feurig-scharf zu werden. Dann hallt Anis nach, zusammen mit einer aufblühenden Jasminfloralität, die sehr gut dazu passt – ein herrlicher Ausklang eines sehr ungewöhnlichen, sehr spannenden Rumerlebnisses!
Eine Reise in Südamerika, und wir landen in Guyana. Dort probieren wir den Rum Artesanal Enmore 1991 KFM. Enmore ist so ein Name, der bei mir immer direkt eine Gänsehaut auslöst, und ich bin gespannt, was der Rum aus der Versailles Single Vat Still, destilliert 06/1991 und abgefüllt 01/2022 mit seinen 54,5% so liefert. Farblich ist Pariser Rot mit leuchtenden orangefarbenen Lichtreflexen zu sehen, passend dazu bewegt sich die Flüssigkeit edel schwer im Glas.
Der Duft ist einfach besonders – hier kommen Aromen von Süßholz, Tabak, Leder und Holzfarbstiften zusammen. Zuckerrohrsüße scheint durch, getrocknete Früchte und braunes Karamell. Das ist sowas, woran ich gerne lange und ausführlich schnuppere. Im Mund beginnt der KFM sehr zurückhaltend, mit schwerer Süße und einer weichen Textur, hier bereits voll und dicht, mit zunächst den Trockenfruchtaspekten. Im Verlauf neigt sich das ganze langsam, aber unaufhaltsam zur Trockenheit, feuriger Würze und edler Bittere mit viel Eukalyptus und Malz. Hier kommen die Gewürze nach vorn, das Leder und das Süßholz, und auch Wachsbuntstifte bilden sich noch später heraus, die dann mit einer leichten kräuterigen Floralität am Ende sogar dominieren. Dabei bleibt das alles rund und elegant, wirkt aus einem Guss. Der Nachhall bleibt lange am Gaumen, mit feiner Wärme. Ein wunderbarer Rum, kräftig und stark. Die Typizität ist da, und nach jedem kleinen Schlückchen weiß ich und werde darin bestätigt, warum ich diese Art Rums aus Guyana so liebe.
Wir nehmen das Schiff zur Insel Trinidad, die vor der südamerikanischen Küste liegt. Dort gelandet, gießen wir uns den Rum Artesanal Trinidad Ten Cane Distillery 2008 ein, der zur Abwechslung in der Runde aus Zuckerrohrsaft gemacht ist – und im weiteren Unterschied zu dem bekanntesten Rum der Insel in einer Potstill gebrannt wurde. Die Marke ist aber, hier nähert man sich Caroni an, 2015 wieder aufgegeben worden, wir trinken also Rumgeschichte, die zwischen 05/2008 – 10/2022 entstanden ist und nun mit 58,2% vor uns in sehr hübscher hennaroter Farbe vor uns schwer im Verkostungsglas schwappt.
Die Nase ist auch nach Offenstehzeit deutlich vom Lack geprägt, man riecht darunter Gewürztöne von Muskatnuss und Sternanis, und auch etwas einzeln aufblitzende Trockenfruchtnoten. Holz ist dominierend, lässt kaum etwas anderem Raum. Im Mund kommt direkt die Waldfee, holla, das ist auch hier dermaßen holzgesteuert, dass vom Antrunk an astringierende Trockenheit, Bittere und würzige Schärfe losgehen. Ja, die Textur ist aber toll, richtig dicht und breit, das muss man kauen, und die wunderbare Zimtnote, die im Verlauf entsteht, entschädigt für die Mühe. Gegen Ende kommen Zuckerrohrsafteindrücke auf, schwere, reife Frucht, ohne je esterig zu werden. Süße und Säure sind dann in Balance, kalter Eukalyptushauch und -aroma bleiben lang am Gaumen, wenn grasige Komponenten endgültig auf die Herstellungsweise hindeuten. Ein Rum, dem man auch im Mund Zeit geben muss, erst dann erschließt er sich dem Genießer – komplex und charmant, aber nicht ganz einfach. Definitiv aber eine Alternative zum viel bekannteren Inselkollegen!
Es wird Zeit für einen großen Sprung über das karibische Meer, nach Haiti. Im Moment sind Clairins in aller Munde, doch die Brennerei Barbancourt lieferte schon lange, bevor wir diese Produkte kannten, Rum nach Europa. Der Rum Artesanal Haiti BC 2004 ist ebenso wie der Vorgänger hier aus Zuckerrohrsaft gemacht, reifte zwischen 06/2004 – 01/2022 also über 17 Jahre im Fass, und ist dann mit 58,3% abgefüllt. Für das Alter wirkt er hell mit seiner Safranfarbe, doch Farbe ist ja Schall und Rauch.
Geruchlich hält der Barbancourt sich aber auch erkennbar zurück, eine hübsche, dezente Mischung aus Fruchtigkeit und Floralität, mit schön sahniger Toffeenote als Basis. Leichte Ledertöne sind mit dabei, und eine gewisse kiesige Mineralität. Zurückhaltend, ja, aber gar nicht unkomplex, und irgendwie für mich persönlich sehr ansprechend. Geschmacklich wechselt der Eindruck dann erkennbar, denn während die grundsätzlich gerochenen Aromen auch am Gaumen präsent sind, kämpfen schon im Antrunk Süße und Säure miteinander, eine kantige Bittere ist als Dritter auch nicht so toll integriert, dazu am Schluss auch noch sehr pikante Schärfe und Salzigkeit. Hier haben wir den Fall, dass mir ein Rum sensorisch eigentlich gefällt, die Struktur und Textur aber sehr unrund und wenig balanciert zueinander sind, das ist in der Nase bezaubernd, im Mund aber Krieg zwischen den Komponenten. Die 17 Jahre haben nicht ausgereicht, all die Einzelteile, die gut sind, zu einem Ganzen zu vermählen. Rustikal.
Die nächste Insel, die wir besuchen, brachte den Rum Artesanal Jamaica Long Pond 2000 hervor, hergestellt im klassischen Jamaica-Stil, Melasse im Juni 2000 in einer Pot Still gebrannt, dann hopp ins Fass, und im März 2023 mit also 22 Jahren wieder rausgeholt dann mit 55,8% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen. Älter, aber nicht viel dunkler als der Haiti-Rum zuvor, sehr lebendig im Schwenkverhalten allerdings.
Marzipan, Butter, Sahnekaramell und esterige, vollreife tropische Frucht – da kommt richtig viel Typizität rüber, das ist ein Stil, den erkennt man selbst als Laie unter allen diesen Rums hier sehr deutlich heraus. Etwas Kokosfleisch, viel Vanille, weiße Schokolade kommen danach, und etwas fette Macadamia-Nuss. Insgesamt durchaus etwas von gemischtem Küchenkompost an einem heißen Tag, ohne das negativ zu sehen. Auch am Gaumen zeigt sich diese Mischung aus fett-buttriger Marzpanigkeit oder Nussbutter und überreifer Frucht, sehr viel milder in der Struktur allerdings, als ich das erwartet hätte. Man verstehe mich nicht falsch, gerade im Verlauf explodiert der Long Pond mit Würze, angenehmer Hitze und Dichte, doch das ist alles wohl integriert und zeigt eine nachvollziehbare Entwicklung von schokoladiger Süße und Textur im Antrunk über bananige Esterfrucht bis hin zu Thaichilibrummen am Ende, das lang anhält und die buttrigen Noten weit über das erwartete Maß hinaus am Leben hält. Hier spürt man die karibische Sonne in reiner Form. Charakterstark, singulär und doch typisch, ohne die Dinge, dich mich manchmal an Hochesterrums überfordern. Toll und sehr probierenswert.
Zu guter letzt setzen wir noch auf die Ruminsel schlechthin über, Kuba, mit dem Rum Artesanal Cuba Venezuela CADC Cask Finish – das sieht man nicht zu häufig, dass ein Rum ein Finish in einem anderen Rumfass bekommt, und wir greifen den Anfang des Artikels hier wieder auf. 7 Jahre alt ist er jedenfalls insgesamt, und wurde abgefüllt im Januar 2022 mit 59,6%. Ein für das Alter helles, aber ehrlich wirkendes Gelbgold gefällt schonmal. Die Viskosität, die sich beim Schwenken zeigt, legt sich auch direkt in richtig fetten Schlieren an die Glaswand.
Der Duft ist intensiv und verströmt sich schon beim Eingießen, mit einigem an prägnantem Kokosfleisch, das leicht mit tropischer, würziger Frucht wie Papaya und Guave unterfüttert ist. Rosinen, Datteln und Melasse kommen im Verlauf hervor, der Alkoholgehalt ist aber durchweg erkennbar, wenn auch eher als ethanolischer Hauch denn als Zwicken. Der allererste, kurze Eindruck ist schokoladige Süße, die aber praktisch im gleichen Moment durch unastringierende Trockenheit ersetzt wird. Heller Tabak, würziges Heu, durchaus schon salzig, mit einer Idee eines maritimen Einflusses. Die Textur ist voll und breit, wirkt richtig schwer, bewegt die ganze Aromatik ins Dunklere. Im Abgang entsteht Chilischärfe auf sehr angenehmem Niveau, die zusammen mit der Heukomponente lange am Gaumen bleibt. Insgesamt sehr ungewöhnlich und überraschend, doch mir gefällt das in toto ausgesprochen gut. Ich denke ernsthaft darüber nach, mir davon eine ganze Flasche zu holen, das ist extrem süffig.
Das ist eben das Schöne an Samples – man kann so eine Rundreise machen, ohne wirklich wahnsinnig viel Geld investieren zu müssen, oder nachher eine Flasche teuren Rums im Regal stehen zu haben, die man nicht wirklich mag und nicht gekauft hätte, hätte man vorher probiert. Oder umgekehrt, wie bei mir, die 60€ für den RA Cuba hätte ich wahrscheinlich nicht blind ausgegeben. Und es war ein lustiger Trip für mich, da war kein Ausreißer nach unten drin, alles Rums, von denen ich mich extrem freuen würde, eine ganze Flasche daheim zu haben. Der nächste Schritt: die ganzen Brennereien und Länder dann auch tatsächlich besuchen. Nun, man darf ja träumen.
Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Rumsamples, und für die Geduld, die es brauchte, bis ich sie verkostet habe.
Die saarländische Bierkultur nimmt, nach ein paar Jahrzehnten der totalen Stagnation und Brauereisterben, wieder erkennbar Fahrt auf, dank vieler kleinerer Brauer. Vielleicht der kleinste ist Bernd Pfeil mit Tiny Brew, der Name sagt es ja schon aus. Bei einem sommerlichen Genussfest am Saarbrücker Staden neulich hatte er einen Stand, und bot ein paar seiner Biere vom Fass und aus der Flasche an, und beim Tiny Brew Sparkling Grape Ale habe ich gerne zugeschlagen. Der Stil des Italian Grape Ale ist noch recht neu, eigentlich ein Bier-Wein-Hybrid, für das ein klassisches Weizenbier mit ein bisschen Extrahopfen (Magnum, Kazbek) versehen wird; nach der Biergärung wird die Hefe entfernt, eine Süßreserve zugegeben und dann mit Sekthefe weiter fermentiert. Fassreifung und Karbonisierung erfolgen, bevor eine Flaschenreifung den aufwändigen Herstellungsprozess komplettiert und man das Bier mit einem Endalkoholgehalt von 6,8% genießen kann – gebraut nach dem Natürlichkeitsgebot!
Sonnenblumengold opalisierend und mit nur leichter Trübe versehen bietet das Bliesgaubier einen schönen Kontrast zur feinen Schaumkrone. Letztere wird immer dünner, bleibt aber als feiner Flaum erhalten. Das Mousseux erinnert an Champagner, dezent aber sichtbar.
In der Nase wird schnell klar, warum der Bierstil so heißt: da findet sich eine interessante Kombination aus herbfruchtigen Trauben und einem auch fruchtigen Aromahopfen, die ungewöhnlich wirkt, mir aber in der leichten Bittere und fast schon tresterigen Mostigkeit sehr gut gefällt. Dezente Gewürznoten kommen noch dazu, komplettieren das wirklich elegante, spannende Geruchsbild.
Auch im Mund geht das ansatzlos weiter. Trocken und klar ist das Mundgefühl, vom Antrunk an, mit prägnanter Säure, ohne wirklich sauer zu werden. Die Gewürztöne sind hier nun noch stärker ausgeprägt, das geht fast in leichte Holzigkeit über. 12 IBU finden ihren Platz, gefühlt ist das Bier aber bitterer, eine fast schon honigartige, unterschwellige Süße gleicht den Eindruck aber aus. Im Verlauf entsteht kurz ein Schaumweingefühl, da denkt man ein paar Sekunden, man hätte einen halbtrockenen Sekt im Mund, bevor die Biertypizität wieder nach vorne kommt. Der Abgang ist kurz, frisch, rezent und leicht, ein bisschen floraler Jasmin klingt dann noch etwas nach.
Ein sehr hübsches Bier, süffig und rund, dabei frisch und ungewöhnlich genug, mir den Feiertag auf der Terrasse äußerst angenehm zu machen!
Für die Fizzz #7/2023 habe ich einen Blick auf aktuelle Trends und Entwicklungen im Tequila geworfen. Den Onlinefokus mit ein paar kleineren Randthemen wie ein Interview mit Michael Steiger von Aromas of Mexico, einem launigen Rundgang durch mexikanisch inspirierte Lokalitäten in Saarbrücken, Frankfurt und Berlin und ein paar Ideen, was sich trendig so entwickelt gerade, kann man auf den verlinkten Seiten direkt nachlesen, der Rest ist in der Printausgabe. Für den letzten Block des Onlinefokus, wie auch für den Printartikel, habe ich ein längeres Gespräch mit Tobias Bur, dem Markenbotschafter von Los Muertos Spirits, geführt, die gerade einen mexikanischen Gin und den Los Muertos Cristalino Tequila Reposado nach Deutschland gebracht haben. Ich habe viele interessante Anregungen erhalten, und im Nachgang sogar freundlicherweise eine Flasche dieses neuartigen Tequilastils, und will diesen darum nun hier noch als Ergänzung zu den Beiträgen bei Fizzz vorstellen.
Die Herstellung eines Cristalino beginnt wie bei jedem Tequila. Bei der Casa Tequilera de Arandas, S.A. de C.V. (NOM1499) in Jalisco wird aus 100% Agavenzucker ein Tequila gemacht, der dann durch die Lagerung in Fässern aus amerikanischer Eiche zu einem Reposado wird. Soweit, so bekannt; der für den Cristalino definierende, spannende Schritt ist, diesem Reposado durch ein spezielles Verfahren (letztlich eine Form der Filtrierung) die Farbe, die er bei der Fassreifung angenommen hatte, wieder zu entziehen, ohne dabei den Geschmack mit wegzufiltern. Gar nicht trivial, wenn man klarfiltrierte Spirituosen aus anderen Kategorien kennt: bei Rum beispielsweise bekommt man dann oft aromatisch recht unspannende Endprodukte, ich bin vorab schon extrem gespannt, wie das bei diesem Tequila geklappt hat. Abgefüllt wird der Los Muertos Cristalino dann mit 35% Alkoholgehalt, die Untergrenze dessen, was für Tequila erlaubt ist. Es ist der erste Tequila dieses Stils, den ich probiere – ich lasse mich jetzt einfach mal überraschen, was ich da im Glas vorfinde.
Die Filtrierung hat ganze Arbeit geleistet – da ist kein bisschen Farbe mehr vorhanden, nichtmal der Ansatz. Kristallklar macht der Los Muertos Cristalino diesbezüglich seinem Namen schon mal alle Ehre, beim Schwenken allerdings ist er sehr lebendig und gar nicht tot. Die Beinchen, die sich dabei bilden, laufen schnell in Stufen ab und hinterlassen mit den Tropfen, die ebenfalls haften bleiben, ein schönes Gittermuster.
Hält man den Cristalino mit der Erwartung eines Blanco an die Nase, wird man schwer überrascht, da findet sich kaum etwas von der Mineralität und Herbalität, die man von einem Agavenbrand erwartet. Nein, das riecht wie ein Toffeelikör, mit mehr als nur Anklängen an Werther’s-Echte-Karamellbonbons, etwas Türkischem Honig und einem Ticken Milchkaffee. Diese süßschokoladigen Eindrücke dominieren alles, erst, wenn man etwas tiefer schnuppert, kommt ganz dezent die Agave zum Vorschein, und mit ihr die etwas kiesig-krautige Note, die ich mit Tequila verbinde. Es wird inzwischen schon sehr klar, dass man sich hier bei einem neuen Stil befindet, der sich deutlich von allen anderen Expressionen des Tequilas löst.
Am Gaumen ist die Agave dann deutlicher erkennbar, einem Reposado angemessen; hier ist sie dann sogar zunächst der Haupteindruck. Schnell kommen dann aber die schokoladigen Noten und holen das auf, nicht mehr so kakaolikörig wie in der Nase allerdings, doch weiterhin mit klarer Erinnerung an Toffee und Sahnekaramell. Dazu kommt eine sehr weiche Textur, sehr voll und mundausfüllend, die erst im späten Verlauf eine mineralische Würze aufbaut, in der sich die Agave wieder zeigt; hier wird der Los Muertos Cristalino mildpfeffrig und prickelt im gesamten Mundraum, ohne dramatisch feurig zu sein, durch diese Würze fallen auch die eher niedrig angesetzten 35% Alkoholgehalt nicht negativ auf. Leichte Holztöne aus der Fassreifung sind hier erkennbar, dazu etwas Zimt; ein angenehmer, leichter Nachklang bleibt eine ganze Weile am Gaumen mit einem kühlenden Effekt.
Ich bin ja ein Skeptiker, der sich gern überzeugen lässt, darum finde ich, dass man hier ein sehr rundes, angenehmes Trinkerlebnis präsentiert bekommt; die Agave vermählt sich hier mit Kakao und zeigt, dass es durchaus berechtigt ist, dieser Art von Tequila einen neuen Ausbaunamen zu gönnen: das schmeckt deutlich anders als ein Blanco, hat aber auch irgendwie Unterschiede zum klassischen Reposado, abgesehen von der Farbe. Spannend, was da durch die Filtrierung passiert! Über Abocantes, also laut NOM zugelassene Zusatzstoffe, wird hier zwar nichts ausgesagt, ich vermute aber den Einsatz davon, einfach, weil die Aromatik sich doch von dem löst, was Tequila sonst so an Sensorik bietet.
Die Idee ist, eine klare Spirituose für die anzubieten, die einer braunen Spirituose skeptisch gegenüber stehen – laut Tobias Bur von Los Muertos sind das insbesondere Frauen in Mexiko. Die trinken das dann wahrscheinlich pur, doch auch im Mixed Drink kann so etwas gut funktionieren. Der Mayan nutzt die ausgeprägte Schokoladigkeit des Los Muertos Cristalino, verbindet sie mit Kaffeearomen und Ananasfruchtigkeit zu einem sehr, sehr, sehr süffigen Cocktail.
Mayan 1½ oz / 45ml Tequila cristalino ½ oz / 15ml Kaffeelikör 1½ oz / 45ml Ananassaft Auf Eis shaken. Auf frischem Eis servieren mit Kaffeebohnen. [Rezept nach unbekannt]
Sehr elegant wirkt aber auch schon die Flasche, mit dem Facettenschliff und der sehr schwungvollen Form, die trotzdem gut in der Hand liegt beim Ausgießen. Das Etikett ist ganz sicherlich auf die moderne Zielgruppe hin gestaltet, mit einer Mexikanerin mit Rose hinterm Ohr, für den Dia de los Muertos geschminkt, ein bisschen Emo wirkt das, passt aber zum Gesamtdesign mit dem nachtschwarzen Kunststoffkorken und dem ebenso gefärbten Holzaufsatz darauf.
Ich habe ja in der Einleitung bereits zugegeben, dass meine Erfahrung mit Cristalinos nicht so groß ist, dass ich den Los Muertos in eine Skala einordnen könnte. Insgesamt gibt es in Deutschland aber eh noch gar nicht so dramatisch viele Marken, die diesen Stil anbieten; ich gehe auch nicht davon aus, dass das sich in naher Zukunft großartig ändern wird, die Importeure, mit denen ich rede, sehen das auch eher als Nebeneffekt. Um so schöner, dass eine saarländische Firma sich dem Thema annimmt, für mich als Lokalpatriot eine schöne Sache, die ich gerne unterstütze.
Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche ihres Tequilas.