Die belgische Brouwerij Van Steenberge taucht immer wieder in meiner Biergeschichte auf – dort werden viele unterschiedliche Marken gebraut, darunter welche, die ich zu meinen absoluten Favoriten der belgischen Bierkultur zähle. Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich während der Verkostung eines Biers die Flasche hin und her drehe, um die Details auf dem Etikett und dem Rücketikett gemütlich zu lesen, und dann diesen Firmennamen finde. Wirklich aktiv, die Brauerei, und erst neulich ist sie mir wieder mal begegnet, beim Probieren des Monk’s Café Grand Cru Flemish Sour Ale. Dabei handelt es sich um einen Blend aus gereiften und frisch gebrauten Tripels, das hört sich allein schon spannend an. Ich versuche gar nicht erst, zu widerstehen.
Farblich ist die Assoziation zu einem Kaffee wirklich gar nicht fern, das hat eine espressofarbene, blickdichte Optik, bei der man im Gegenlicht dann aber doch rubinrötliche Reflexe sieht. Der Schaum ist flaumig und sehr feinblasig, und bleibt durch das starke, superfeine Mousseux auch lange fingerdick erhalten.
Die typischen Geruchskomponenten eines Sauerbiers sind direkt da, von mildem Essig über Apfelwein bis leicht laktischem Joghurt. Da die empfohlene Trinktemperatur wie bei belgischen Ales üblich sehr niedrig ist (hier immerhin 8°C), halten sich andere Düfte dann doch dezent zurück. Ein bisschen apfelige Frucht ist vielleicht noch da.
Geschmacklich erinnert mich das dann auch im Mund fast eher an Cidre als an Bier, sehr viel Apfel, sowohl dessen süßliche Fruchtnoten als auch säuerliche Spritzigkeit. Der Unterschied liegt deutlich aber im Mundgefühl, da ist viel Körper und Volumen, eine leichte Cremigkeit, die wunderbar gegen die Säure und Frische anspielt. Im Abgang wirkt das Monk’s Café im Rachen dann aber doch trocken und feinherb, mit einer schwer zu greifenden, würzigen Erdigkeit und einer Idee von Holz; aber auch hier bleibt fast essigsauer lange etwas am Zäpfchen hängen. 5,5% Alkoholgehalt sind gut gewählt für dieses Bier.
Der Blend funktioniert für meinen Geschmack wunderbar, da ist eine schöne Melange aus süßschwerem Tripel und frechsaurem Sauerbier gefunden worden, die beiden Eindrücken eine Bühne bietet. Gerade die, denen manche belgischen Geuzes zu säuerlich sind, aber trotzdem mal in die Kategorie schnuppern wollen, sind mit dem Monk’s Café bestens bedient.
Ich habe in letzter Zeit so einige Samples von Rum Artesanal zugesandt bekommen, und, ehrlich gesagt, ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich diese etwas stiefmütterlich behandelt habe und immer etwas anderes sich vor sie gedrängelt hat. Nun habe ich mir gedacht, da könnte man doch eine Story drumrumstricken, und das tue ich hiermit: Ich bitte meine Leser zu einer Rumreise durch die halbe Karibik, die wir gemütlich von zuhause aus machen können. Zusammen mit ein paar der Samples besuchen wir die Länder, in denen der enthaltene Rum hergestellt wurde.
Wir gönnen uns da wirklich was, denn alle sechs der hier vorgestellten Rums sind keine Pushovers oder Massenware, das sind respektable Single Casks mit einem klar definierten Brenn- und Abfülldatum, alle haben mindestens 54% Alkoholgehalt, alle sind ungefärbt, und entstammen der bewährten Fassauswahl der Heinz Eggert GmbH in Bad Bevensen. Im Gegensatz zu manch anderen Dingen, die ich hier sonst so bespreche, sind Vollflaschen von allen auch noch käuflich zu erwerben, zu vernünftigen Preisen. Nach meinen Erfahrungen mit Rum Artesanal und ihren Abfüllungen ist Top-Qualität eigentlich die Grundannahme und Erwartungshaltung, und ich freue mich darauf, das nun zu verifzieren.
Der Übersicht halber habe ich eine kleine Grafik angefertigt, die unsere Reise illustriert, wir beginnen in Südamerika mit Venezuela und Guyana, gehen über auf die kleinen Antillen nach Trinidad, hin zu den großen Antillen nach Haiti und Jamaica und enden auf Kuba. Damit decken wir natürlich nur einen kleinen Teil der rumproduzierenden Länder in dieser Region ab, doch für den Anfang ist es eine weite Reise! Auf gehts, Segel setzen, Rum ins Glas und los!
Wir fangen in Venezuela an, mit dem Rum Artesanal Venezuela CADC 17 Jahre Single Cask. Gebrannt im April 2005 und abgefüllt im Oktober 2022, eingestellt auf 57,8%. Ein attraktives Terracotta haben die Jahre erzeugt, nachdem der aus Melasse gebrannte Rum aus der Säule geflossen ist. Viskosität ist erkennbar, der Rum bleibt aber beim Schwenken lebendig und beweglich. Die Nase überrascht mich direkt – diese interessante Mischung aus frischer Frucht und Anis ist frech, hell und klar. Aprikosen und Pfirsich zusammen mit Fenchel, das kenne ich so noch nicht. Ein bisschen Traubenmost dazu, apfelige Säure, dazu ein gewisser Holzeinfluss. Ich bin sehr gespannt auf den ersten Schluck!
Und der überrascht mich dann tatsächlich nicht weniger. Hier ist Anis noch stärker ausgeprägt, im Antrunk hätte ich das nicht als Rum erkannt, mehr an einen fruchtigen, gesüßten Absinthe gedacht. Das affirmiert auch eine sehr kräftige Salznote, die mit der Basissüße kontrastiert. Rumcharakter entsteht im Verlauf dann aber doch, dunkle trockenfruchtige Komponenten versuchen, gegen Anis anzudrängen, schaffen es in der letzten Konsequenz aber nicht. Der Abgang ist lang und warm bis tief in die Speiseröhre, ohne wirklich feurig-scharf zu werden. Dann hallt Anis nach, zusammen mit einer aufblühenden Jasminfloralität, die sehr gut dazu passt – ein herrlicher Ausklang eines sehr ungewöhnlichen, sehr spannenden Rumerlebnisses!
Eine Reise in Südamerika, und wir landen in Guyana. Dort probieren wir den Rum Artesanal Enmore 1991 KFM. Enmore ist so ein Name, der bei mir immer direkt eine Gänsehaut auslöst, und ich bin gespannt, was der Rum aus der Versailles Single Vat Still, destilliert 06/1991 und abgefüllt 01/2022 mit seinen 54,5% so liefert. Farblich ist Pariser Rot mit leuchtenden orangefarbenen Lichtreflexen zu sehen, passend dazu bewegt sich die Flüssigkeit edel schwer im Glas.
Der Duft ist einfach besonders – hier kommen Aromen von Süßholz, Tabak, Leder und Holzfarbstiften zusammen. Zuckerrohrsüße scheint durch, getrocknete Früchte und braunes Karamell. Das ist sowas, woran ich gerne lange und ausführlich schnuppere. Im Mund beginnt der KFM sehr zurückhaltend, mit schwerer Süße und einer weichen Textur, hier bereits voll und dicht, mit zunächst den Trockenfruchtaspekten. Im Verlauf neigt sich das ganze langsam, aber unaufhaltsam zur Trockenheit, feuriger Würze und edler Bittere mit viel Eukalyptus und Malz. Hier kommen die Gewürze nach vorn, das Leder und das Süßholz, und auch Wachsbuntstifte bilden sich noch später heraus, die dann mit einer leichten kräuterigen Floralität am Ende sogar dominieren. Dabei bleibt das alles rund und elegant, wirkt aus einem Guss. Der Nachhall bleibt lange am Gaumen, mit feiner Wärme. Ein wunderbarer Rum, kräftig und stark. Die Typizität ist da, und nach jedem kleinen Schlückchen weiß ich und werde darin bestätigt, warum ich diese Art Rums aus Guyana so liebe.
Wir nehmen das Schiff zur Insel Trinidad, die vor der südamerikanischen Küste liegt. Dort gelandet, gießen wir uns den Rum Artesanal Trinidad Ten Cane Distillery 2008 ein, der zur Abwechslung in der Runde aus Zuckerrohrsaft gemacht ist – und im weiteren Unterschied zu dem bekanntesten Rum der Insel in einer Potstill gebrannt wurde. Die Marke ist aber, hier nähert man sich Caroni an, 2015 wieder aufgegeben worden, wir trinken also Rumgeschichte, die zwischen 05/2008 – 10/2022 entstanden ist und nun mit 58,2% vor uns in sehr hübscher hennaroter Farbe vor uns schwer im Verkostungsglas schwappt.
Die Nase ist auch nach Offenstehzeit deutlich vom Lack geprägt, man riecht darunter Gewürztöne von Muskatnuss und Sternanis, und auch etwas einzeln aufblitzende Trockenfruchtnoten. Holz ist dominierend, lässt kaum etwas anderem Raum. Im Mund kommt direkt die Waldfee, holla, das ist auch hier dermaßen holzgesteuert, dass vom Antrunk an astringierende Trockenheit, Bittere und würzige Schärfe losgehen. Ja, die Textur ist aber toll, richtig dicht und breit, das muss man kauen, und die wunderbare Zimtnote, die im Verlauf entsteht, entschädigt für die Mühe. Gegen Ende kommen Zuckerrohrsafteindrücke auf, schwere, reife Frucht, ohne je esterig zu werden. Süße und Säure sind dann in Balance, kalter Eukalyptushauch und -aroma bleiben lang am Gaumen, wenn grasige Komponenten endgültig auf die Herstellungsweise hindeuten. Ein Rum, dem man auch im Mund Zeit geben muss, erst dann erschließt er sich dem Genießer – komplex und charmant, aber nicht ganz einfach. Definitiv aber eine Alternative zum viel bekannteren Inselkollegen!
Es wird Zeit für einen großen Sprung über das karibische Meer, nach Haiti. Im Moment sind Clairins in aller Munde, doch die Brennerei Barbancourt lieferte schon lange, bevor wir diese Produkte kannten, Rum nach Europa. Der Rum Artesanal Haiti BC 2004 ist ebenso wie der Vorgänger hier aus Zuckerrohrsaft gemacht, reifte zwischen 06/2004 – 01/2022 also über 17 Jahre im Fass, und ist dann mit 58,3% abgefüllt. Für das Alter wirkt er hell mit seiner Safranfarbe, doch Farbe ist ja Schall und Rauch.
Geruchlich hält der Barbancourt sich aber auch erkennbar zurück, eine hübsche, dezente Mischung aus Fruchtigkeit und Floralität, mit schön sahniger Toffeenote als Basis. Leichte Ledertöne sind mit dabei, und eine gewisse kiesige Mineralität. Zurückhaltend, ja, aber gar nicht unkomplex, und irgendwie für mich persönlich sehr ansprechend. Geschmacklich wechselt der Eindruck dann erkennbar, denn während die grundsätzlich gerochenen Aromen auch am Gaumen präsent sind, kämpfen schon im Antrunk Süße und Säure miteinander, eine kantige Bittere ist als Dritter auch nicht so toll integriert, dazu am Schluss auch noch sehr pikante Schärfe und Salzigkeit. Hier haben wir den Fall, dass mir ein Rum sensorisch eigentlich gefällt, die Struktur und Textur aber sehr unrund und wenig balanciert zueinander sind, das ist in der Nase bezaubernd, im Mund aber Krieg zwischen den Komponenten. Die 17 Jahre haben nicht ausgereicht, all die Einzelteile, die gut sind, zu einem Ganzen zu vermählen. Rustikal.
Die nächste Insel, die wir besuchen, brachte den Rum Artesanal Jamaica Long Pond 2000 hervor, hergestellt im klassischen Jamaica-Stil, Melasse im Juni 2000 in einer Pot Still gebrannt, dann hopp ins Fass, und im März 2023 mit also 22 Jahren wieder rausgeholt dann mit 55,8% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen. Älter, aber nicht viel dunkler als der Haiti-Rum zuvor, sehr lebendig im Schwenkverhalten allerdings.
Marzipan, Butter, Sahnekaramell und esterige, vollreife tropische Frucht – da kommt richtig viel Typizität rüber, das ist ein Stil, den erkennt man selbst als Laie unter allen diesen Rums hier sehr deutlich heraus. Etwas Kokosfleisch, viel Vanille, weiße Schokolade kommen danach, und etwas fette Macadamia-Nuss. Insgesamt durchaus etwas von gemischtem Küchenkompost an einem heißen Tag, ohne das negativ zu sehen. Auch am Gaumen zeigt sich diese Mischung aus fett-buttriger Marzpanigkeit oder Nussbutter und überreifer Frucht, sehr viel milder in der Struktur allerdings, als ich das erwartet hätte. Man verstehe mich nicht falsch, gerade im Verlauf explodiert der Long Pond mit Würze, angenehmer Hitze und Dichte, doch das ist alles wohl integriert und zeigt eine nachvollziehbare Entwicklung von schokoladiger Süße und Textur im Antrunk über bananige Esterfrucht bis hin zu Thaichilibrummen am Ende, das lang anhält und die buttrigen Noten weit über das erwartete Maß hinaus am Leben hält. Hier spürt man die karibische Sonne in reiner Form. Charakterstark, singulär und doch typisch, ohne die Dinge, dich mich manchmal an Hochesterrums überfordern. Toll und sehr probierenswert.
Zu guter letzt setzen wir noch auf die Ruminsel schlechthin über, Kuba, mit dem Rum Artesanal Cuba Venezuela CADC Cask Finish – das sieht man nicht zu häufig, dass ein Rum ein Finish in einem anderen Rumfass bekommt, und wir greifen den Anfang des Artikels hier wieder auf. 7 Jahre alt ist er jedenfalls insgesamt, und wurde abgefüllt im Januar 2022 mit 59,6%. Ein für das Alter helles, aber ehrlich wirkendes Gelbgold gefällt schonmal. Die Viskosität, die sich beim Schwenken zeigt, legt sich auch direkt in richtig fetten Schlieren an die Glaswand.
Der Duft ist intensiv und verströmt sich schon beim Eingießen, mit einigem an prägnantem Kokosfleisch, das leicht mit tropischer, würziger Frucht wie Papaya und Guave unterfüttert ist. Rosinen, Datteln und Melasse kommen im Verlauf hervor, der Alkoholgehalt ist aber durchweg erkennbar, wenn auch eher als ethanolischer Hauch denn als Zwicken. Der allererste, kurze Eindruck ist schokoladige Süße, die aber praktisch im gleichen Moment durch unastringierende Trockenheit ersetzt wird. Heller Tabak, würziges Heu, durchaus schon salzig, mit einer Idee eines maritimen Einflusses. Die Textur ist voll und breit, wirkt richtig schwer, bewegt die ganze Aromatik ins Dunklere. Im Abgang entsteht Chilischärfe auf sehr angenehmem Niveau, die zusammen mit der Heukomponente lange am Gaumen bleibt. Insgesamt sehr ungewöhnlich und überraschend, doch mir gefällt das in toto ausgesprochen gut. Ich denke ernsthaft darüber nach, mir davon eine ganze Flasche zu holen, das ist extrem süffig.
Das ist eben das Schöne an Samples – man kann so eine Rundreise machen, ohne wirklich wahnsinnig viel Geld investieren zu müssen, oder nachher eine Flasche teuren Rums im Regal stehen zu haben, die man nicht wirklich mag und nicht gekauft hätte, hätte man vorher probiert. Oder umgekehrt, wie bei mir, die 60€ für den RA Cuba hätte ich wahrscheinlich nicht blind ausgegeben. Und es war ein lustiger Trip für mich, da war kein Ausreißer nach unten drin, alles Rums, von denen ich mich extrem freuen würde, eine ganze Flasche daheim zu haben. Der nächste Schritt: die ganzen Brennereien und Länder dann auch tatsächlich besuchen. Nun, man darf ja träumen.
Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Rumsamples, und für die Geduld, die es brauchte, bis ich sie verkostet habe.
Die saarländische Bierkultur nimmt, nach ein paar Jahrzehnten der totalen Stagnation und Brauereisterben, wieder erkennbar Fahrt auf, dank vieler kleinerer Brauer. Vielleicht der kleinste ist Bernd Pfeil mit Tiny Brew, der Name sagt es ja schon aus. Bei einem sommerlichen Genussfest am Saarbrücker Staden neulich hatte er einen Stand, und bot ein paar seiner Biere vom Fass und aus der Flasche an, und beim Tiny Brew Sparkling Grape Ale habe ich gerne zugeschlagen. Der Stil des Italian Grape Ale ist noch recht neu, eigentlich ein Bier-Wein-Hybrid, für das ein klassisches Weizenbier mit ein bisschen Extrahopfen (Magnum, Kazbek) versehen wird; nach der Biergärung wird die Hefe entfernt, eine Süßreserve zugegeben und dann mit Sekthefe weiter fermentiert. Fassreifung und Karbonisierung erfolgen, bevor eine Flaschenreifung den aufwändigen Herstellungsprozess komplettiert und man das Bier mit einem Endalkoholgehalt von 6,8% genießen kann – gebraut nach dem Natürlichkeitsgebot!
Sonnenblumengold opalisierend und mit nur leichter Trübe versehen bietet das Bliesgaubier einen schönen Kontrast zur feinen Schaumkrone. Letztere wird immer dünner, bleibt aber als feiner Flaum erhalten. Das Mousseux erinnert an Champagner, dezent aber sichtbar.
In der Nase wird schnell klar, warum der Bierstil so heißt: da findet sich eine interessante Kombination aus herbfruchtigen Trauben und einem auch fruchtigen Aromahopfen, die ungewöhnlich wirkt, mir aber in der leichten Bittere und fast schon tresterigen Mostigkeit sehr gut gefällt. Dezente Gewürznoten kommen noch dazu, komplettieren das wirklich elegante, spannende Geruchsbild.
Auch im Mund geht das ansatzlos weiter. Trocken und klar ist das Mundgefühl, vom Antrunk an, mit prägnanter Säure, ohne wirklich sauer zu werden. Die Gewürztöne sind hier nun noch stärker ausgeprägt, das geht fast in leichte Holzigkeit über. 12 IBU finden ihren Platz, gefühlt ist das Bier aber bitterer, eine fast schon honigartige, unterschwellige Süße gleicht den Eindruck aber aus. Im Verlauf entsteht kurz ein Schaumweingefühl, da denkt man ein paar Sekunden, man hätte einen halbtrockenen Sekt im Mund, bevor die Biertypizität wieder nach vorne kommt. Der Abgang ist kurz, frisch, rezent und leicht, ein bisschen floraler Jasmin klingt dann noch etwas nach.
Ein sehr hübsches Bier, süffig und rund, dabei frisch und ungewöhnlich genug, mir den Feiertag auf der Terrasse äußerst angenehm zu machen!
Für die Fizzz #7/2023 habe ich einen Blick auf aktuelle Trends und Entwicklungen im Tequila geworfen. Den Onlinefokus mit ein paar kleineren Randthemen wie ein Interview mit Michael Steiger von Aromas of Mexico, einem launigen Rundgang durch mexikanisch inspirierte Lokalitäten in Saarbrücken, Frankfurt und Berlin und ein paar Ideen, was sich trendig so entwickelt gerade, kann man auf den verlinkten Seiten direkt nachlesen, der Rest ist in der Printausgabe. Für den letzten Block des Onlinefokus, wie auch für den Printartikel, habe ich ein längeres Gespräch mit Tobias Bur, dem Markenbotschafter von Los Muertos Spirits, geführt, die gerade einen mexikanischen Gin und den Los Muertos Cristalino Tequila Reposado nach Deutschland gebracht haben. Ich habe viele interessante Anregungen erhalten, und im Nachgang sogar freundlicherweise eine Flasche dieses neuartigen Tequilastils, und will diesen darum nun hier noch als Ergänzung zu den Beiträgen bei Fizzz vorstellen.
Die Herstellung eines Cristalino beginnt wie bei jedem Tequila. Bei der Casa Tequilera de Arandas, S.A. de C.V. (NOM1499) in Jalisco wird aus 100% Agavenzucker ein Tequila gemacht, der dann durch die Lagerung in Fässern aus amerikanischer Eiche zu einem Reposado wird. Soweit, so bekannt; der für den Cristalino definierende, spannende Schritt ist, diesem Reposado durch ein spezielles Verfahren (letztlich eine Form der Filtrierung) die Farbe, die er bei der Fassreifung angenommen hatte, wieder zu entziehen, ohne dabei den Geschmack mit wegzufiltern. Gar nicht trivial, wenn man klarfiltrierte Spirituosen aus anderen Kategorien kennt: bei Rum beispielsweise bekommt man dann oft aromatisch recht unspannende Endprodukte, ich bin vorab schon extrem gespannt, wie das bei diesem Tequila geklappt hat. Abgefüllt wird der Los Muertos Cristalino dann mit 35% Alkoholgehalt, die Untergrenze dessen, was für Tequila erlaubt ist. Es ist der erste Tequila dieses Stils, den ich probiere – ich lasse mich jetzt einfach mal überraschen, was ich da im Glas vorfinde.
Die Filtrierung hat ganze Arbeit geleistet – da ist kein bisschen Farbe mehr vorhanden, nichtmal der Ansatz. Kristallklar macht der Los Muertos Cristalino diesbezüglich seinem Namen schon mal alle Ehre, beim Schwenken allerdings ist er sehr lebendig und gar nicht tot. Die Beinchen, die sich dabei bilden, laufen schnell in Stufen ab und hinterlassen mit den Tropfen, die ebenfalls haften bleiben, ein schönes Gittermuster.
Hält man den Cristalino mit der Erwartung eines Blanco an die Nase, wird man schwer überrascht, da findet sich kaum etwas von der Mineralität und Herbalität, die man von einem Agavenbrand erwartet. Nein, das riecht wie ein Toffeelikör, mit mehr als nur Anklängen an Werther’s-Echte-Karamellbonbons, etwas Türkischem Honig und einem Ticken Milchkaffee. Diese süßschokoladigen Eindrücke dominieren alles, erst, wenn man etwas tiefer schnuppert, kommt ganz dezent die Agave zum Vorschein, und mit ihr die etwas kiesig-krautige Note, die ich mit Tequila verbinde. Es wird inzwischen schon sehr klar, dass man sich hier bei einem neuen Stil befindet, der sich deutlich von allen anderen Expressionen des Tequilas löst.
Am Gaumen ist die Agave dann deutlicher erkennbar, einem Reposado angemessen; hier ist sie dann sogar zunächst der Haupteindruck. Schnell kommen dann aber die schokoladigen Noten und holen das auf, nicht mehr so kakaolikörig wie in der Nase allerdings, doch weiterhin mit klarer Erinnerung an Toffee und Sahnekaramell. Dazu kommt eine sehr weiche Textur, sehr voll und mundausfüllend, die erst im späten Verlauf eine mineralische Würze aufbaut, in der sich die Agave wieder zeigt; hier wird der Los Muertos Cristalino mildpfeffrig und prickelt im gesamten Mundraum, ohne dramatisch feurig zu sein, durch diese Würze fallen auch die eher niedrig angesetzten 35% Alkoholgehalt nicht negativ auf. Leichte Holztöne aus der Fassreifung sind hier erkennbar, dazu etwas Zimt; ein angenehmer, leichter Nachklang bleibt eine ganze Weile am Gaumen mit einem kühlenden Effekt.
Ich bin ja ein Skeptiker, der sich gern überzeugen lässt, darum finde ich, dass man hier ein sehr rundes, angenehmes Trinkerlebnis präsentiert bekommt; die Agave vermählt sich hier mit Kakao und zeigt, dass es durchaus berechtigt ist, dieser Art von Tequila einen neuen Ausbaunamen zu gönnen: das schmeckt deutlich anders als ein Blanco, hat aber auch irgendwie Unterschiede zum klassischen Reposado, abgesehen von der Farbe. Spannend, was da durch die Filtrierung passiert! Über Abocantes, also laut NOM zugelassene Zusatzstoffe, wird hier zwar nichts ausgesagt, ich vermute aber den Einsatz davon, einfach, weil die Aromatik sich doch von dem löst, was Tequila sonst so an Sensorik bietet.
Die Idee ist, eine klare Spirituose für die anzubieten, die einer braunen Spirituose skeptisch gegenüber stehen – laut Tobias Bur von Los Muertos sind das insbesondere Frauen in Mexiko. Die trinken das dann wahrscheinlich pur, doch auch im Mixed Drink kann so etwas gut funktionieren. Der Mayan nutzt die ausgeprägte Schokoladigkeit des Los Muertos Cristalino, verbindet sie mit Kaffeearomen und Ananasfruchtigkeit zu einem sehr, sehr, sehr süffigen Cocktail.
Mayan 1½ oz / 45ml Tequila cristalino ½ oz / 15ml Kaffeelikör 1½ oz / 45ml Ananassaft Auf Eis shaken. Auf frischem Eis servieren mit Kaffeebohnen. [Rezept nach unbekannt]
Sehr elegant wirkt aber auch schon die Flasche, mit dem Facettenschliff und der sehr schwungvollen Form, die trotzdem gut in der Hand liegt beim Ausgießen. Das Etikett ist ganz sicherlich auf die moderne Zielgruppe hin gestaltet, mit einer Mexikanerin mit Rose hinterm Ohr, für den Dia de los Muertos geschminkt, ein bisschen Emo wirkt das, passt aber zum Gesamtdesign mit dem nachtschwarzen Kunststoffkorken und dem ebenso gefärbten Holzaufsatz darauf.
Ich habe ja in der Einleitung bereits zugegeben, dass meine Erfahrung mit Cristalinos nicht so groß ist, dass ich den Los Muertos in eine Skala einordnen könnte. Insgesamt gibt es in Deutschland aber eh noch gar nicht so dramatisch viele Marken, die diesen Stil anbieten; ich gehe auch nicht davon aus, dass das sich in naher Zukunft großartig ändern wird, die Importeure, mit denen ich rede, sehen das auch eher als Nebeneffekt. Um so schöner, dass eine saarländische Firma sich dem Thema annimmt, für mich als Lokalpatriot eine schöne Sache, die ich gerne unterstütze.
Offenlegung: Ich danke Los Muertos Spirits für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche ihres Tequilas.
Eine Reise hat ein Ziel – und einen Anfang. Wir beschäftigen uns hier oft mit sehr alten Dingen, 30 Jahre altem Armagnac oder ähnlich uralten Rums, doch heute machen wir mal ein Bier auf, das einen ähnlichen Lebenszyklus hat, sich aber statt am Ende einfach mal am Anfang dieser Reise befindet. Im Oktober 2020 wurde mein Cantillon Gueuze 100% Lambic Bio abgefüllt, und laut Brauer soll man es innerhalb von 20 Jahren trinken; eine Geschmacksentwicklung findet über die Zeit statt. Warum ich es so früh trinke? Wenn man die Entwicklung kennen lernen will, muss man ja schlicht mit einem vergleichsweise jungen Bier anfangen, und knapp 3 Jahre schienen mir ein angemessener Grundreifezeitraum für den Startpunkt zu sein. Eine weitere Flasche liegt im Keller, und ich bin gespannt, ob ich 2040 hier noch Artikel schreibe, wenn ich sie dann aufmache.
Das Cantillon wurde komplett aus Lambics geblendet, die aus Bioweizen (35%) und gemälzter Gerste (65%) gebraut wurden, unter Einsatz von Trockenhopfen und mittels echter Spontanfermentation, wie es eben typisch für diesen Bierstil ist. Auf Zuckerbeigabe wurde verzichtet, und man hat sich sogar ein Biosiegel geleistet. Hat man den unter dem Kronkorken verstecken Echtkorken gezogen, spricht nichts dagegen, das Jungbier zu probieren!
Leicht trüb steht es dann da, mit Kupfer als Farbe. Beim Eingießen bildet sich ein paar Sekunden lang dünner Schaum, der aber schnell fast vollständig verschwindet und nur einen Rand an der Glaswand hinterlässt, eine einzelne feinstblasige Insel bleibt auf der Oberfläche. Perlage ist fast keine zu sehen. Roter Apfel, Grapefruit, milder Weinessig sind die ersten, typischen, sensorischen Eindrücke eines Geuze, danach ist da aber noch eine leicht holzige, fast schon erdige Würznote, die das ganze in ein tieferes Register verschiebt. Vielleicht stark oxidiertes Kaffeepulver, in diese Richtung, irgendwie schwer zu greifen.
Am Gaumen dann aber direkt starksauer und bitter, Zitronenzeste, Grapefruitsaft, beinahe schon limettig und essigsauer. Das kratzt dabei interessanterweise aber nicht, fühlt sich trotz der starken Säure weich und rund an, die Fruchtnoten sind milder, gehen von Apfel über Kirsche bis hin zu Pfirsich. Im Rachen wirkt das Cantillon sehr bitter, herb und trocken, doch auch hier scheint eine gewisse schwere Süße durch, die das alles etwas auffängt und rund macht. Die Textur wirkt dadurch weich, das Bier insgesamt körpervoll und dicht, ohne, dass die Rezenz darunter auch nur ansatzweise leidet. 5,5% Alkoholgehalt sind für belgisches Bier eher leicht, aber passend. Der Abgang ist lang, fruchtig, süßbitter, das Zäpfchen ist lange belegt mit Aromen und Effekten.
Ein volles, starkes Sauerbier, mit Charakter, das sich trotzdem von einer runden, weichen Seite zeigt, ohne dabei zart zu werden. Wunderbar gemacht! Ich bin sehr gespannt darauf, was in knapp zwei Jahrzehnten aus dem Bier geworden sein wird.
Ich hatte diese ungewöhnlichen karibischen Bitterspirituosen im Doppelpack gekauft – und über den Florita Amande-Pays Amer Traditionnel Haïtien wurde hier auf meinem Blog ja schon berichtet. Der Rumbrenner Berling, ansässig in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, hat unter dem Gruppenmarkennamen Florita aber noch dieses andere Produkt im Portfolio, das ich aus vielerlei Gründen direkt aufregend fand und haben musste, den Florita Pete Panno Amer Traditionnel Haïtien. Das erste, was jedem auffällt, ist natürlich der erstaunliche Alkoholgehalt von 94,2%, sowas findet man normalerweise eher in der Drogerie oder der Apotheke, weniger im Endverbraucherbereich eines Spirituosenladens. Doch es sind auch die Inhaltsstoffe, die mich allein vom Namen her schon bezaubert und mich in ein geheimnisvolles Reich aus Botanik, Pharmakologie und diesem manchmal unscharf abgrenzbaren Mischgebiet aus Wissenschaft und Religion versetzt hatten – als großem Anhänger der Psychedelischen Anthropologie (ich verlinke darum gern meinen Gastbeitrag zu einem Aspekt dieses Themas auf meinedrogenpolitik.wordpress.com) ist das ein gefundenes Fressen für mich.
Über die in diesem Kräuterbitter eingesetzten Kräuter muss man darum einfach berichten – drei davon sind höchst exotisch für uns Westeuropäer, und die Namen, die auf dem Rücketikett aufgezählt sind, erfordern eine kurze Erläuterung. Es wird von „Clitorria Virginniaca“ (sic!) berichtet, damit ist wahrscheinlich eine Unterart der Clitoria ternatea gemeint, die eine blaue Blüte hat, die… nun, wenn man das Bild von ihr sieht, weiß man, warum sie so heißt, und warum man ihr aphrodisierende Wirkung nachsagt. „Rynchosa Phaseolides“ (auch hier sic!) ist sicher auch betippfehlert und meint Rhynchosia phaseoloides, die in der Karibik wächst – hier vermutet man Alkaloidgehalte, was euphorisierend und aufputschend wirken kann; auf Haiti gilt sie auch als Potenzmittel, derartige Pflanzen fasst man lose unter dem Begriff bois bandé zusammen. Für den dritten im Bunde brauche ich kein sic, Tetragastis Balsamifera ist ein Baum, der ein sehr aromatisches, weißes Harz abgibt; in Mexiko wird er in der Volksmedizin eingesetzt, darüber hinaus sind in einer direkt verwandten Gattung ebenso Alkaloide identifiziert worden, was ja immer spannend ist für die Psychonauten unter uns, das Holz ist aber wohl auch schlicht ein guter Werkstoff für die, die praktischer veranlagt sind. Nach all dem bin ich jedenfalls, das kann man sich denken, höchstgespannt auf diesen Likör und auf die Auswirkungen!
Schauen wir erstmal, nachdem die Flasche selbst nichts über die Farbe der beinhalteten Flüssigkeit preisgibt, auf den optischen Eindruck im Glas: Ich sehe hier dann Safrangold, sehr leuchtend und mit orangenen Lichtreflexen. Dem Alkoholgehalt angemessen ist dieser Brand extrem viskos, bewegt sich fast schon sirupartig schwer, und lässt dabei einen sich kaum mehr von der Glaswand lösenden, durchgängigen Film.
Die Nase beurteilen wir zunächst mal unverdünnt, wie der Pete Panno aus der Flasche kommt. Da rieche ich direkt mal Anklänge von Backgewürzen, das hat fast schon Lebkuchen-Charakter, Nelken, Anis, sehr viel Zimt, etwas Piment. Kolanuss und Tonkabohne im Ansatz. Gleichzeitig ist das aber etwas heller im Eindruck, mit leicht floralen Noten von Kamille, und sicher auch Ideen von Honig, Wiesenkräutern und einem Ticken Shortbread. Gar nicht so exotisch, wie man es anhand der Zutatenliste vermuten könnte, aber wer weiß auch schon, wie eine Rynchosia riecht, das kann ich nur schwer beurteilen. Ein süßer Tropfen, mit Streuselkuchenaroma, sehr apart, und Ethanol ist zwar bei der tiefen Geruchsprobe erkennbar, aber nicht stechend oder störend, was an sich schon leicht überraschend für mich ist.
Den Gaumen werde ich aber ganz sicher nicht mit derartig Hochprozentigem abtöten, da wird verdünnt, und zwar ordentlich – ich setze das für mich mit Leitungswasser auf geschätzte 60% herab, das ist so die Grenze, die für mich noch vernünftig erscheint. Die Farbe wird dadurch erkennbar brasilholzrötlich, der Geruch schmaler, wermutkrautähnlich, herber und krautiger. Im Mund angekommen zeigt sich trotz der Verdünnung eine sehr weiche Textur, die sich zart und dennoch breit an den Gaumen legt, mit viel Volumen, ohne wirkliche Schwere zu präsentieren. Die Aromatik ist hier noch weniger exotisch, herbe Kräuter und eine mittlere Trockenheit ähneln einem klassischen deutschen Kräuterbitter, das geht dabei eher in Richtung Underberg als Jägermeister, deutlich gewürzlastig, nun eher Kardamom und Muskatnuss als Zimt und Vanille, auch wenn beide vielleicht erahnbar sind. Der Abgang ist weiterhin trocken, aber nicht astringierend, im Rachen deutlich bitter und das Zäpfchen kitzelnd. Zunge und Gaumendach sind lange betäubt, und mit einem eukalyptisch kühlen Hauch klingt das ganze aus.
Wirksam, würzigbitter, trocken – das Ding funktioniert, man merkt im Bauch, wie sich die Wärme langsam ausbreitet. Sicher spannend als Digestif auf Eis; ob aphrodisierende Effekte eintreten, prüfe ich noch eine Weile, außer, es kommen halluzinative Erscheinungen dazwischen: don’t hallucinate and write blogs, wie alle Schreiber wissen.
Für mich persönlich wird das Hauptgebiet dieser Spirituose sicherlich der Cocktail sein. Ich denke, das funktioniert gut in Drinks, die nach herbem Kräuterbitter verlangen; aber gerade die Lebkuchennase bringt mich dazu, das Spektrum auch auf andere, weichere Rollen auszuweiten. Ich ersetze zum Beispiel einfach im Café Colonial den Teelöffel Lebkuchenlikör durch eine doppelte Dosis des Pete Panno, und statt oberflächlicher Süße bekommt man dann wilde, haitianische Weihnachtszeitbackstubeneindrücke.
Café Colonial 1 Stück Würfelzucker mit… 5 Tropfen Schokoladenbitter und… ⅓oz / 20ml frischem Kaffee muddeln und verrühren 2oz / 60ml gereifter Rum 1 Teelöffel Lebkuchenlikör Auf Eis rühren. Auf Eis servieren. [Rezept adaptiert nach Alberto Martinez]
Erneut ist die Apothekerflasche und das Design einer der ursprünglichen Hauptgründe für mich gewesen, dieses Produkt zu erwerben; es ist einfach schön gestaltet und macht sich richtig gut in der Heimbar, eine passend exotische Verpackung für ein exotisches Produkt. Mir gefällt darüber hinaus das Etikett mit der Reproduktion eines unbenannten haitianischen Künstlers, etwas, worüber ich schon bei meiner Besprechung des Clairin Sonson berichtet hatte – ich finde es großartig, dass hier mit lokaler Kunst gearbeitet wird, und weiterhin wäre ich interessiert daran, die Namen der Maler zu erfahren, die diese eindrucksvollen, expressiven Motive kreiert haben.
Die Frage, die offen bleibt, ist, wer sich so etwas kauft. Das ist sicher eher was für die Nerds, die Hardcore-Bitterliebhaber, die neben den bekannten italoalpinen Amaros und den deutschen Halbbittern mal etwas aus einer völlig neuen Weltregion probieren wollen, und natürlich für die Mixologen, die auf der Suche nach verrückten Zutaten sind, mit denen man den eigenen Drink spektakulär signieren kann. Beide sind sehr gut bedient mit dem Pete Panno, meine ich.
Das 1. German Armagnac Festival war für mich persönlich ein voller Erfolg. Die Location in Stuttgart-Untertürkheim war gut gewählt, mit hübschem Blick auf die anliegenden Weinberge irgendwie besonders passend, ich freue mich besonders darüber, dass sich jemand auch mal mit solchen Veranstaltungen raustraut und es nicht einfach, wie scheinbar sonst jeder, in Berlin macht – die Anfahrt nach Stuttgart, für mich ungefähr drei Stunden, nehme ich da gern in Kauf, auch wenn es ein sehr heißer Tag war und die Klimaanlage in meinem Auto gestreikt hat. Bei den Ausstellern habe ich mich sehr gefreut, ein paar Bekannte wiederzutreffen: Hugues Amesland von Rounagle beispielsweise, den ich seit vielen Jahren als geschätzten Jurorkollegen bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles kenne und mit dem ich manch einen lustigen Abend in Chile und China verbracht habe; endlich konnte ich mal seine Armagnacs probieren, der 1962 Rounagle ist wirklich spannend geworden, mit vielen holzig-harzigen Pinientönen. Über mein Treffen mit Vincent Cornu von L’Encantada (auch einer, den ich von Spirituosenwettbewerben kenne!) und die von ihm zusammen mit Nicolas Kröger durchgeführte Masterclass werde ich bei einem anderen Bericht noch erzählen. Ansonsten gab es tolle Abfüllungen von Darroze, Danis, Castarède und vielen anderen zu probieren, auch Séailles war natürlich vor Ort, und damit leite ich geschickt über zu dem Armagnac, den ich heute hier vorstellen will.
Der Grape of the Art Séailles 2004 kommt aus der Armagnacregion Ténarèze, besteht rein aus der Rebsorte Ugni Blanc. 228 Flaschen in Cask Strength (hier 53,9%) entstanden aus dem von GotA ausgewählten Fass, und die Abfüllung trägt sogar ein Bio-Siegel. Je nach Lichteinfall wirkt der Séailles in meinem Glas eher kupferfarben oder hennarot. Man könnte sich darüber während des Schwenkens Gedanken machen, wäre da nicht diese wunderbare Öligkeit, die viel mehr Spaß macht – es bilden sich schwere Wellen, die die Oberfläche der Flüssigkeit schwungvoll aufrippeln, und am Glas findet sich eine Kante, die sehr lange stehen bleibt. Optisch ein Genuss.
Für die Nase ist es aber nicht weniger schön, diese würzige Mischung aus Lack, Holz und Frucht ist sehr attraktiv. Leichte Nussigkeit spielt mit rein, dunkle Trauben, PX-Sherry und Rosinen bilden die Fruchtbasis, das ist ein sehr weinbetonter Armagnac. Dunkel, reif, sehr aromatisch. Man spürt neben dem Lack auch den Alkohol, der ziept etwas im Riechkolben, wenn man ihn tief ins Glas hält, ein bisschen Offenstehzeit bändigt das aber. Man meint wirklich, ein feuchtes Fass und Keller zu riechen, das Holz ist sehr präsent, aber nicht auf eine unangenehme Weise, ich fühle mich ein ein Fasslager oder einen Weinkeller versetzt.
Dieser kurze Moment im Antrunk, in dem die Süße sich schnell erstmal ausbreitet, ist eigentlich eine Täuschung, die Ruhe vor dem Sturm, denn schon Sekundenbruchteile später detoniert der Séailles 2004 am Gaumen. Würze und Alkoholgehalt knallen rein, Trockenheit expandiert, Bittere drängt die Süße komplett zur Seite. Wild, ungezähmt, ohne jede Zurückhaltung erzählt dieser Brand dann eine Geschichte, die sicherlich nicht jugendfrei ist, Zimt, Chilischärfe, kräftige Holzigkeit, dunkler Wein – und er lässt sich Zeit damit, erst spät beginnt dann die Abkühlphase, die den gesamten Mundraum wie bei einem Eisbonbon zittern macht. Ein eiskalter Hauch, erneut mit Wein, Nuss und Holz, klingt dann extrem lange aus, ein Schluck reicht für 10 Minuten.
Holla, da hat man was im Mund, der Séailles 2004 ist sicher nichts für zarte Gemüter. Da knallt und brummt es, der hält sich nie zurück, ein Schrapnell von Armagnac. Das ist Glühmunition für den Abend vor dem Kamin. Richtig gut, aber nicht einfach. Ich liebe es jedenfalls.
Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
„The Tropical Dependent Bottler“ steht auf dem Etikett des Papalin Jamaica Original Vatted Rum 7 Years Old. Ich habe mich gefragt, was das bedeutet, und die Antwort nach kurzer Recherche in einem Interview gefunden, in dem Luca Gargano von Velier eben danach auch gefragt wurde. Kurz erklärt: es ist eine Wortkreation, die einen Gegensatz sowohl zu offiziellen Eigenabfüllungen der Brennereien, als auch zu einem „unabhängigen Abfüller“ aufbauen soll, denn Velier fühlt sich eng den Destillerien, deren Brände sie abfüllen, verbunden, mehr ein Freundeskreis als ein neutraler Geschäftspartner. „Co-Bottler“ ist laut Gargano ein passendes Synonym dafür.
Für diese Abfüllung hat er zwei Destillate aus Jamaica ausgewählt, die miteinander durchaus verwandt sind. Typische jamaikanische Herstellungsweise, traditionell gehandhabt, also beispielsweise rein in Potstills gebrannt und auf Zusätze jeder Art verzichtend: Worthy Park und Hampden sind inzwischen ja bekannt dafür, die Moderne und die Geschichte sehr effektiv miteinander zu verbinden. Diese beiden jamaikanischen Rums, beide komplett tropisch für mindestens 7 Jahre in ihren jeweiligen Destillerien gereift, wurden im Dezember 2021 in einem geheim bleibenden Verhältnis zueinander geblendet und abgefüllt, gemeinsam eingestellt auf die wunderbar krumme Zahl von 57,18% Alkoholgehalt. Kann dabei überhaupt etwas Schlechtes herauskommen? Ich kann es mir nicht vorstellen, aber verifizieren wir das einfach mal.
Klares, leicht blasses Gold sieht das erfreute Auge im Glas, das sich nicht ganz dem Metall entsprechend nur leicht viskos, eher sehr lebendig bewegt, setzt man es in Bewegung. Ein dünner Film entsteht an der Glaswand, der sich nur höchst widerstrebend in einzelne Bestandteile aufgliedert, stattdessen lieber en bloque abläuft, und sogar das nur langsam.
Der Duft von Jamaica liegt in der Luft, wenn man die Nase dazuzieht. Hier rieche ich die Worthy-Park-Komponente deutlicher als die von Hampden, dieses leicht Teigige, Mineralische, darunter erst tropische Frucht, vor allem überreife Mango, Banane und Ananas, mit etwas milderer Aprikose. Gewürze kommen deutlich vor, Nelken, Zimt, Vanille, etwas Muskatnuss sogar, die Mischung aus all dem Geschilderten ist höchst apart, charaktervoll, dabei rund und schwer – daran schnuppere ich gern und lang, ohne je einen echten Störfaktor zu entdecken; selbst das Ethanol, das man beim wirklich tiefen Riechen findet, äußert sich eher als helle Minznote denn als pieksende Chemie.
Der Gaumen orientiert sich daran, ist im initialen Antrunk schwersüß und gewürzlastig, wechselt dann aber zügig zum einem astringierenden, trockenen Eindruck, der sowohl die Spucke wegsaugt, als auch die Zunge ganz leicht zum Vibrieren bringt, ohne sie je zu reizen. Insgesamt ist das Mundgefühl sensationell weich, insbesondere für den hohen Alkoholgehalt, die Textur ist sowohl breit als auch tief, füllt den ganzen Mundraum mit einem flauschigen Wattebausch aus. Die tropischen Früchte sind ebenso rund abgebildet, eher reif als überreif, eher sauber als superesterig, und später tauchen Muskatnuss und Vanille aus dem Gemisch auf, sorgen für Spannung und Abwechslung, lassen nie zu, dass der Papalin zu gemütlich und anschmiegsam wird. Zum Schluss kommt dann doch noch ein bisschen Feuer auf, auch hier aber eingebunden und ohne echtes Brennen, mehr ein kaltes Eukalyptusfeuer, das mit einem Eiseshauch den extrem langen Abgang begleitet.
Das ist ein Rum voller Kraft und Wucht, der sich selbst aber voll im Griff hat – kein WWF-Wrestler oder Schulhofschläger, obwohl er es rein von den Anlagen her sein könnte, nein, mehr ein geschulter, stilistisch ausgebildeter Boxer, der genau weiß, wo er seine Punches setzen muss, und wo er es lässt. Henry Maske im Spirituosenglas, sozusagen.
Warum schlage ich hier nun ein scheinbar langweiliges, abgekochtes Rezept vor, einen Daiquiri muss man ja eigentlich nicht mehr empfehlen, jeder weiß, dass das einer der wichtigsten und besten Drinks ist, die es gibt? Nun, der Dry Daiquiri hier hat eben diese kleinen Twists, die den Cocktail so spannend machen, Campari und Passionsfrucht ändern die Aromatik mehr gefühlt, das ist fein und subtil. Und der Papalin ist ein Rum, der in Kombination mit genau solchen subtilen Änderungen hervorragend umgehen kann. Ein wahnsinnig gutes Team.
Dry Daiquiri 1½oz / 45ml leicht gereifter Rum ¼oz / 7ml Campari ½oz / 15ml Limettensaft ½oz / 15ml Zuckersirup 1 Spritzer Passionsfruchtsirup Auf Eis shaken. [Rezept nach Kevin Armstrong]
Wie man an den Fotos sieht, stammt meine Verkostungsprobe erneut, wie so oft, aus dem VSGB-Projekt, in dem Rumfreunde für vergleichsweise geringes Geld Rums ausprobieren können, an die man sonst nur schwer herankäme, sei es wegen der Seltenheit oder dem aufgerufenen Preis, oft sogar beidem. Die Aufmachung ist identisch zu den Großflaschen. Sicherlich ist dieser Papalin auch in der normalen Größe eine wertige Anschaffung für den Freund authentischen, ehrlichen Rums aus Jamaica.
Kurz vor Corona war ich auf einer kleinen Biertour unterwegs – ich habe meinen Freund Ulric Nijs in Bayreuth besucht, und wir haben die kleinen Brauereien in den noch kleineren Orten, die es dort in direkter Umgebung in erstaunlich großer Zahl weiterhin gibt, abgeklappert. Es war schönes Wetter, da setzt man sich gern vor den Brauerei Gasthof Reichold, und trinkt ein Reichold Hochstahl Dunkel in der Sonne. Und dann nimmt man ein auf Flasche gezogenes Exemplar natürlich als Andenken mit, um es daheim in aller Ruhe noch professionell zu verkosten. Nein, ich habe das Bier nicht bis heute aufbewahrt, die Tasting Notes stammen auch aus 2018; es ist aber hin und wieder einfach schön, diese uralten Dinger aus dem Archiv meines Blogs hervorzukramen und endlich dem Tageslicht auszusetzen.
Selbst für ein Dunkelbier ist das Hochstahl Dunkel sehr dunkel (nein, ich bin jetzt schlicht zu faul, künstliche Synonyme dafür zu suchen), beinahe blickdicht, mit portweinroten Reflexen im Gegenlicht. Schaum steht ausdauernd in heller Crema, grobblasig, durch eine starke Perlage gespeist.
Im Biergarten nimmt man sich selten die Muße dafür, im stillen Kämmerlein lasse ich die Nase gern ein bisschen Vorarbeit leisten. Das Bier ist erwartungsgemäß sehr malzig im Geruch, dabei aber mit einer herben Frische, tatsächlich erinnert mich das etwas an Altbier, einen Bierstil, den ich sehr mag. Milde Frucht kommt noch dazu. Süß und sehr cremig wirkt es dann im Antrunk, dort ist aber bereits die schön ausgearbeitete Rezenz erkennbar. Feinherb, dezente Bittere, gut eingebundene, aber knackige Säure und saubere 5,2% Alkoholgehalt: Trotz seiner dunklen Farbe ist das Hochstahl Dunkel ein Erfrischungsbier, kein Zweifel. Voluminös im Mund und leicht in der Kehle im Abgang. Dieser ist kurz, an der Zungenspitze adstringierend. Ein Bier, das ich täglich trinken könnte; perfekt zum Essen.
Von der Tour habe ich noch andere Biere mitgebracht, einen Teil davon habe ich hier auf dem Blog sogar schon besprochen, andere zumindest verkostet, die Rezensionen grabe ich dann auch mal aus, wenn mir danach ist, mich an diese schöne Gegend um Bayreuth mit ihrer so unglaublich lebendigen Bierkultur zu erinnern.
Beim Spirituosenwettbewerb ISW waren vor ein paar Wochen für mich als Juror Gins auf der Karte. Ein Haufen Gins. Ein richtiger Ozean an Gins. Vier Flights zu je mindestens 8 Gins, da hat man irgendwann einen gewissen Überlauf am Gaumen. Wundert mich die Menge? Nein. Weiterhin ist es halt einfach so, dass diese Spirituosenkategorie die mit Abstand beliebteste ist, der Hersteller produziert, der Kunde kauft, es kommen immer noch täglich neue Marken auf den Markt. Gin ist unkompliziert, trinkig und mixabel, und bietet in modernen Interpretationen immer neue Varianten, teilweise so frei gedacht, dass man sich fragt, ob man hier nicht doch einen Brombeerlikör im Glas hat. Nun, wohlfeile Kritik beiseite, wer heute als Brennerei keinen Gin im Portfolio hat, gehört wohl klar zu den Außenseitern und muss sich eher bezüglich dieses Fehlens erklären als einen Grund angeben, warum man auch einen Gin macht.
Auch die in der Steiermark beheimatete Distillery Krauss lässt sich da nicht lumpen, und macht ihren Gin. In zwei Varianten, um den bereits durch all die eben erwähnten Konkurrenzgins dem anspruchsvollen österreichischen Geschmackssinn etwas zu bieten, das auch eine gewisse Zeit erinnerbar bleibt: erstmal den mit exotischem Pfeffer und exklusiver Zitrusfrucht angereicherten Distillery Krauss London Dry Gin Bergamot Pepper, und im Anschluss einen fassgereiften Gin, gerade das ist auch heute noch, trotz des beschriebenen Gintsunamis, etwas besonderes, auf den Distillery Krauss Barrel Aged Dry Gin freue ich mich darum schon vorab besonders. Die Produktion eines solchen Fassgins treibt natürlich die Produktionskosten in die Höhe, etwas, das sich viele Massenginhersteller schlicht nicht zumuten wollen, um so gespannter bin ich, ob da was vernünftiges bei rüberkommt.
Aber erstmal das ganz Klare – der Distillery Krauss London Dry Gin Bergamot Pepper. Kristallklar, ohne Partikel, und mit einer beim Schwenken deutlich sichtbaren Viskosität beginnt die Verkostung. In ganz regelmäßig verteilten Beinchen läuft die Flüssigkeit ölig ab.
Meine Leser kennen mich als strengen Verfechter der wacholderlastigen Gins. Da hier aber schon auf dem Etikett zwei besondere Zutaten herausgehoben werden, ist sicherlich mehr Spielraum da, den Wacholder hinter die namensgebenden Zutaten zurückzustellen, was auch schon im Duft passiert: Hier startet die Nase direkt mit dem exotischen Andaliman- und Urwald-Pfeffer, das erinnert schon an frischen, zestigen, schwarzen Pfeffer mit etwas Piment. Lässt man den Gin etwas atmen, drängt sich die Bergamotte immer deutlicher nach vorne, das riecht sich dann fast wie ein Zitrusgeist. Wacholder, ja, den muss man etwas suchen, er ist im zugrundliegenden Basiskräuter-Bouquet etwas verdeckt durch die zwei sehr prominenten Botanicals.
Am Gaumen zeigt er sich sehr viel deutlicher und spontaner, ich würde sogar sagen, der erste kurze Eindruck ist Wacholder. Herb entwickeln sich dann weitere Kräuter, bauen auf einer sehr weichen Textur auf, die den Mundraum gut ausfüllt und sich breit zeigt. Eine natürliche Süße ist unverkennbar, doch sie drückt den Gin nicht in ein pastorales F-Dur, sondern lässt ihm ein jubilantes D-Dur. Die zwar zitrische, aber nicht freche Frische der Bergamotte passt sich hier nun sehr gut ein, mit viel Volumen, bevor der Pfeffer mit plötzlicher Würze übernimmt, und bis zum Abgang dann dominiert, sowohl von pikanten Effekten her, die die Zunge fast zum Glühen bringen, als auch den exotisch-gewürzigen Aromen. Der Nachklang bleibt sehr warm, mittellang und rund, ganz spät entsteht etwas zestige, ätherische Astringenz, und insbesondere die Zungenspitze braucht dann lange, sich davon wieder zu beruhigen.
Ein kraftvoller Gin, nicht unbedingt grazil und filigran, eher voll und drängend, mit breiter Struktur. Die zwei Hauptbotanicals sind klar definiert, und zeigen sich von ihrer jeweilig besten Seite – und das sage ich als jemand, der Bergamotte nicht unbedingt zu seinen Lieblingsfrüchten zählt; hier funktioniert das einfach. Ja, den Wacholder vermisse ich etwas, doch ich habe bei Dutzenden von Verkostungen bei Spirituosenwettbewerben mit hunderten und aberhunderten von Gins halt auch gelernt, dass im modernen New-Western-Style das nicht stilverfälschend ist.
Also, klassischen New-Western-Gin können die Brenner aus der Steiermark schonmal, ganz offensichtlich. Mit dem Distillery Krauss Barrel Aged Dry Gin probiert man dann noch etwas ungewöhnlicheres. Ein speziell auf Fassreifung ausgelegtes Gin-Rezept hat man da sich bei Krauss ausgedacht, eine sehr gute Idee, denn manche Kräuter gehen nach Holzkontakt entweder völlig unter, oder beissen sich mit den vanilligen Tanninen, die damit ins Destillat übergehen. Das Jahr, das der Gin dann im gebrauchten Holzfass verbrachte, ist in der Farbe erkennbar – helles, leicht blasses Gelbgold, ohne Farbstoffe, und auch ohne Rückstände, und das ohne Kältefiltrierung. Lebendig präsentiert sich die Flüssigkeit, mit einer für den Alkoholgehalt typischen Schlierenbildung.
Mandarine, Orangenzeste, vielleicht noch roter Apfel – das sind die ersten Eindrücke, die der Riechkolben aufsammelt, sehr fruchtig, zitruslastig, aber ohne die Spitzen der Limette oder Zitrone. Sehr angenehm passt dazu eine kräftige Zimtnote, und ausgeprägter Kardamom, das riecht irgendwie wie Advent, selbst im inzwischen aufkeimenden Frühling. Außer dem Zimt und einem minimalsten Anflug von Vanille halten sich die Holzaromen zurück, lassen der Mandarine freie Bahn, ich hätte das blind vielleicht für einen fassgereiften Mandarinengeist gehalten.
Auch am Gaumen präsentiert sich zunächst die Zitrusfrucht, mit der Süße des Safts und der leichten Bissigkeit der ätherischen Öle der Schale in Kombination. Kardamom kommt schön heraus, nimmt eine starke Position ein, die er auch nicht mehr aufgibt bis zum Schluss, und dabei mit herbem Wacholder konkurriert. Die Textur ist initial weich und voll, im Verlauf dreht sich das aber, mit ordentlicher Pikanz und geht dabei fast ins Mildtrockene über. Der Alkoholgehalt, immerhin 50%, zeigt sich in Wucht und Würze, ist aber richtig sauber eingebunden und tut seinen Dienst ohne Murren. Insgesamt wirkt das Bild rund und gelungen, im Abgang kribbelt das dann noch etwas kalt, wenn die freche Zestigkeit das Gefühl wiedergibt, als beiße man in eine ungeschälte Mandarine oder Saftorange, und dann sogar doch noch der Wacholder zurückschlägt.
Das ist ein Grenzgänger für mich, mit klassischem Gin hat das für mich nur bedingt noch etwas zu tun, doch es ist als Produkt für sich einfach großartig gemacht und schmeckt mir als Obstgeistliebhaber ausgesprochen gut, weil es ein komplexes, aber dennoch frisches Aromabouquet liefert, das sowohl Nase als auch Gaumen wirklich erfreut. Kurz: Klare Kaufempfehlung!
Ja, es gibt sie, gar nicht so wenige sogar – die Tiki-Drinks mit Gin als Hauptspirituose. Der Opaka Raka ist einer davon. Viele Quellen geben als zweite Zutat „Donn’s Spices #2“ an, wie das auch in Beachbum Berry’s Buch angeführt wird, doch bei Kindred Cocktail hat man beim Erfinder Brian Miller nachgefragt, und unten findet sich das originale, korrigierte Rezept mit Don’s Mix. Der fruchtigschwere Gin der Distillery Krauss zeigt sich in solchen Drinks natürlich besonders gut, und man erkennt sogar weiterhin die exotische Pfeffernote durch all die anderen Zutaten.
Opaka Raka 1½oz / 45ml Dry Gin 1½oz / 45ml Don’s Mix (2:1 Grapefruitsaft und Zimtsirup) ¾oz / 23ml Limettensaft ¼oz / 7ml Zuckersirup 1 Spritzer Bitters Auf Eis shaken. Mit Eis in einem Highball-Glas servieren. [Rezept nach Brian Miller]
Auch die Gins der Distillery Krauss sind im selben Format gestaltet wie schon die Rums, die ich neulich besprochen hatte; schöne Flaschenform, zurückhaltend und trotzdem elegant wirkende Etiketten im durchgängigen Design ohne Spielereien.
Für den Barrel Aged Dry Gin hatte ich, im Überschwang, oben ja schon die Kaufempfehlung ausgesprochen, das wiederhole ich einfach hier nochmal mit etwas Abstand – eine durch und durch tolle Spirituose für die, die etwas Ungewöhnliches im erweiterten Ginbereich suchen, wie auch für die, die Mandarine mögen. Den Bergamottenpfeffergin genieße ich ebenso, mit denselben Caveats für die Hardcore-Wacholderpuristen unter uns, denen ich aber auch sage, dass es nicht immer ausschließlich Wacholder sein muss, solange er erkennbar bleibt, bin ich zufrieden. Letztlich bin ich aber eh der Überzeugung, dass handwerkliche Qualität über mehr oder weniger willkürliche Regelung immer triumphiert, und hier schmeckt man ersteres einfach zu deutlich, als dass ich da das Haar in der Suppe suchen wollen würde.
Offenlegung: Ich danke der Distillery Krauss für die bedingungslose Zusendung je einer Flasche dieser Gins, und True Spirits für die Vermittlung.