Hochester-Experiment mit Rum

François-Xavier Sobczak hat sich nach unserer gemeinsamen Reise mit Spirits Selection by CMB nach China zu einem kreativen Versuch inspirieren lassen. Dafür fermentiert er reinen Zuckerrohrsaft über 8 bis 12 Monate. Gegen Ende kommt ein mikrobiologischer Fermentationsbeschleuniger zum Einsatz, eine Art Scoby wie bei Kombucha, Koji bei Sake oder Daqu bei Baijiu. Dann brennt er auf zwei Arten – DQ#1 wird in einer Charentais-Potstill gebrannt, DQ#2 in einer Double-Retort-Still, wobei eine Art Dunder aus der Fermentation mitgenutzt wird. Wir reden dabei am Ende über Estergrade von rund 3600g/hlpa! Ich durfte zwei der Ergebnisse probieren.

DQ#1 und DQ#2 Experimente Hochester-Rum

DQ#1 zeigt eine wirklich extreme Fruchtigkeit, voller Mango, Ananas, Erdbeere und Banane. In der Basis liegt voll und dicht das Zuckerrohr. Die Ester sind gar nicht quietschig oder kratzig, sondern richtig gut eingebunden, eine klare Struktur ist fühlbar. Geschmacklich bleibt es erkennbar als Rum, aber mit einem sehr spannenden Gewürztwist. Extrem ausdauernd, mit knackiger Säure.

Bei DQ#2 hat man dagegen eine fast schon mentholische Frische, mit der Frucht weniger differenziert in einer ausgesprochen bunten Tropifrutti-Mischung, und einer fleischigen, erdigen und gemüsigen Beinote. Im Mund, ja, da spürt man wirklich irgendwie ein Crossover aus Rum und Baijiu, die Ester sind kantig und wild, vergorene Pfirsiche und matschige Ananas. Eine wundervolle Floralität klingt nach!

DQ#1 und DQ#2 Experimente Hochester-Rum 2

Das ist sehr spannend und unterhaltsam, ein hochinteressantes Experiment! Hier hat man Extremester-Rum, der aber einen ganz eigenen Charakter hat und weder Jamaica-Continental-Flavour noch Grand-Arôme-Agricole kopiert, sondern etwas Runderes erschafft. Der ganze Raum duftet lang nach diesen extremaromatischen Bränden. Zur Zeit ist nicht geplant, diese verrückten Dinge kommerziell zu veröffentlichen, aber man kann sicher sein, dass in der Alchemisten-Werkstatt von François-Xavier weiterhin viel passiert!

Europäisches Zuckerrohr – Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50°

Der Begriff „agricole“ ist im Wirkbereich der EU-Spirituosenverordnung geschützt. Er darf nur von gewissen Regionen, die Zuckerrohrsaftrum herstellen, genutzt werden; es handelt sich dabei fast ausschließlich um französische Übersee-Territorien und -departements, wie Martinique, Guadeloupe und Réunion. Die einzelne, oft übersehene Ausnahme aus dem frankophonen Monopol ist die portugiesische autonome Region Madeira, auch hier darf offiziell der Zuckerrohrsaftrum mit dem Begriff „agricole“ gekennzeichnet werden, oder eben, in der Landessprache, „agrícola“, wie man es auf dem Etikett des Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° sehr prominent findet. Auf dem Rücketikett ist spiegelverkehrt das Wort „Aguardente“ aufgedruckt, das dann hübsch durchscheinend von vorne lesbar ist; hierbei handelt es sich um eine allgemeinere Klassifikation, die weniger klar definiert ist. Man bezeichnet im spanischsprachigen Umfeld, auch in Südamerika beispielsweise, gerne ungereifte Rums als „aguardiente“, um sie vom gereiften „Rum“ abzugrenzen, das ist aber mehr gefühlt gehandhabt als in harten Gesetzesbuchstaben.

Aber wem erzähle ich das, aufmerksame Leser meines Blogs haben das schon so oft wiedergekäut bekommen, dass sie das aus dem Stegreif berichten können, wenn man sie nachts um drei aufweckt. Gehen wir daher näher an die Praxis der Herstellung: rotes Zuckerrohr (man findet auf den einschlägigen Seiten der deutschen Importeure dieses Produkts ein paar Bilder, die klar machen, warum das Zuckerrohr so heißt, es ist aber auch nicht schwer selbst erschließbar) wird geerntet, dabei ist oft noch viel Handarbeit im Spiel, die manchmal schwierigen Anbaulagen des Zuckerrohrs auf Madeira, teilweise in 600m Höhenlage, erlauben zwar an manchen Orten Maschineneinsatz, doch das ist bei weitem nicht so industrialisiert in Verbreitung wie anderswo auf der Welt. Der Saft wird ausgepresst, in Tanks fermentiert und dann in einer Säule gebrannt. Ohne Zusätze kommt er dann in die Flasche, nur Wasser wird genutzt, um ihn auf die namensgebenden 50% Alkoholgehalt einzustellen.

Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira

Ungereift ist dieser Rum, darum muss man sich auch nicht groß über die Farbe unterhalten; dennoch ist der optische Eindruck für mich immer wichtig, ich betrachte gerne die Viskosität (hier klar vorhanden), und das Glaswandverhalten (hier mit vielen, breit verteilten Beinchen, die schnell ablaufen, dabei aber einen Film hinterlassen).

Besonders tief muss man die Nase nicht in das Verkostungsglas stecken, um die Charakteristik des Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° wahrnehmen zu können – sehr direkt riecht man da frischen Zuckerrohrsaft als primäres Aroma. Ein bisschen anders als der, den ich auf Guadeloupe in der Karibik kennengelernt habe, hier ist ein bisschen mehr Würze und ein Anflug von Anis vorhanden. Die fette Grasigkeit wird durch viel Fruchtbeigabe aufgelockert, das riecht nach vergorener Orange, reifer Ananas und weist sogar einen Touch von Vanille auf. Etwas mentholisches ist auch drin, ohne, dass es wirklich die Schleimhäute triggert. Sehr typisch für einen Agricole-style-Rum, aber mit einem gewissen Twist, der ihn von seinen karibischen Kollegen unterscheidet.

Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° Glas

Auch im Mund zeigt sich der Agrícola 50° deutlich selbstbewusst und abgegrenzt. Genau diese Anisnote und die feurige Würze machen ihn besonders, lassen das Zuckerrohr dabei aber nicht untergehen. Die Textur ist dicht und voll, getragen von den 50% Alkoholgehalt, die man deutlich spürt, ohne dass hier ein Kratzen oder Beißen mitkommen würde. Süße und Bittere ringen beständig miteinander, zu Beginn dominiert erstere, im Finish klar letztere. Die Frucht ist nun etwas zurückgenommen, dafür breitet sich eine sehr maritime Inselnote aus, die aus Mineralität, sehr prägnanter Salzigkeit und einem grünen Algenaroma besteht, das sich im Abgang immer deutlicher zeigt, wenn er dann doch ein bisschen im Hals kratzt. Im Abgang wirkt der Rum dafür sehr balsamisch, eukalyptische Noten und mentholische Effekte verleihen ihm einen frischen Hauch, der bis in die Bronchien dringt und den Gaumen kühlt.

Da ist Wucht und Kraft drin, das hat nichts mit einem eleganten Agricole von Martinique zu tun, oder einem verspielten von Guadeloupe – das ist wild, ungezähmt, schwer und dabei immer noch frisch und klar, sehr bedacht auf seine Zuckerrohrwurzeln, direkt und ohne jede Art von Spielerei. Da wird nicht gespaßt, der Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° macht Ernst, und daraus bezieht er seine Spannung – man fühlt fast den Schweiß der Arbeiter bei der Ernte.


Der madeiranische Nationalcocktail ist natürlich der Poncha. Wenn man sich darüber ein bisschen einliest, erfährt man, dass ihm auch lindernde Effekte nachgesagt werden, was Krankheiten angeht – als ich die Flasche zugeschickt bekam, ging bei mir gerade eine recht hart verlaufende HNO-Infektion zuende, und was kann man dem Körper besseres tun als eine Mischung aus Zitrusfruchtsaft (frisch gepresst ist hier wichtiger denn je), wohltuendem Honig und schlafförderndem Alkohol. Dass der Poncha auch wirklich gut schmeckt und erfrischt, ist da ein gern gesehener Seiteneffekt, wenn die Geschmackssinne langsam wieder zurückkehren.

Poncha Cocktail

Poncha
1 Esslöffel Honig in 40ml Zitronensaft auflösen
80ml Aguardente de cana dazugeben, gut verquirlen
40ml Orangensaft dazugeben, weiterquirlen

Ungekühlt servieren.
[Traditionelles Rezept]


Die Literflasche in Braunglas hat viele Details direkt auf die Flasche aufgedruckt, darunter die Hinweise auf den Poncha – Zitrusfrüchte, den traditionellen Quirl, Zuckerrohrstangen und ein passendes Glas. Das „Durchscheinen“ des Worts Aguardente habe ich ja schon erwähnt, und man muss natürlich den sehr kostensparenden Plastikverschluss ansprechen, das ist wirklich nur minimal abgedichtet – ein Hinweis darauf, dass so ein Getränk eher dem zügigen Verbrauch dient und weniger der jahrelangen Aufbewahrung zuhause.

Nicht, dass die Gefahr bestehen würde, dass so ein kraftvoll-aromatischer Brand bei mir lange rumstehen müsste; ich habe viele Cocktailrezepte im Sinn, bei denen er schnell geleert sein wird. Allein schon die vielen Ponchas, die ich mit ihm im hoffentlich nun nahenden Wärmewetter anrichten werde… nein, der Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° hat keine hohe Lebenserwartung im Hause schlimmerdurst.

Offenlegung: Ich danke FFL -Rum Brands- für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Bier am Freitag – Brauerei Fürstlich Drehna Odin-Trunk Honigbier

Wenn eine Brauerei schon so einen regalen Namen wie Brauerei Fürstlich Drehna in Brandenburg trägt, muss man mit Tradition rechnen. Fast 300 Jahre Brautradition ist aber auch wirklich etwas, worauf man stolz zurückblicken kann. Mich wundert bei so einem Betrieb dann eher, dass man sich auf etwas Alternatives einlässt statt einfach die alte Marke von Annodazumal weiterzubrauen. Honig ist dabei sicher kein moderner Hype, daraus hat man schon seit Urzeiten alkoholische Getränke gemacht, darum ist das Odin-Trunk Honigbier kein verrücktes Experiment. Brauwasser, Gerstenmalz, 2,5% Honig, und Hopfen, die Zutatenliste ist erfreulich kurz und natürlich, mit 5,4% Alkoholgehalt hat man auch was am Gaumen liegen. Wie schmeckt sowas? Ich bin gespannt.

Brauerei Fürstlich Drehna Odin-Trunk Honigbier

Kristallklar, wunderbar leuchtendes Kupfer, ein attraktive Perlage, bei der die Bläschen selbst glitzern, und dann einen sehr feinen, ausdauernden Schaum bilden – optisch ist der Trunk des Gottes schonmal ein Hit, das muss ich sagen.

Wer „Honig“ liest und deswegen damit rechnet, dass das Bier süß rieche, täuscht sich, für die Nase ist das schon eher gefühlt ein malzlastiges Bier, leichte Fruchtnoten, und ein bisschen so ein Stallgeruch, eher Pferde als Kühe, der mich anzieht, und diese Rostigkeit, die man bei Lagerbieren oft findet. Ansonsten, wie gesagt, Honig tu ich mich schwer wahrzunehmen, eher Malz und Erdigkeit. Was nicht schlecht ist, mir gefällt der Duft.

Auch im Antrunk ist erstmal eine übliche Mischung aus Bittere, Säure und Süße vorhanden, eine volle, breite Textur, die durch die Karbonisierung und das Volumen des Biers entsteht, schön kauig und trotzdem frisch und helltönig. Im Verlauf, ja, da kommt etwas Süße stärker hervor, und man meint auch die Honigaromen dann hier durchzufühlen. Diese Süßbittere unterscheidet das Honigbier dann vom klassischen Gerstenbier, das hat tatsächlich eigenen Charakter. Der Abgang ist aber dann sehr kurz, lässt hauptsächlich rostige Nägel und eine leicht unangenehme Süße im Rachen zurück.

Ich bin zwiegespalten, einerseits finde ich den Odin-Trunk echt süffig und trinkig, andererseits ist der Abgang nicht so schön, wie ich ihn mir dazu gewünscht hätte. Man trinke es kühl und ohne viel drüber nachzudenken, dann passt das schon und macht Spaß.

Mit der Eisenbahn unterwegs – Estación Ipiña Mezcal Blanco

San Luis Potosí, die Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaats, ist eine wirklich alte Stadt. Gegründet wurde sie 1592, die reichen Bodenschätze wussten schon die spanischen Kolonialherren zu schätzen. Später wurde sie zu einem wichtigen Knotenpunkt der Eisenbahn, die Strecken von den USA bis an den Golf von Mexiko bediente. Das koloniale Erbe und den Reichtum, den man der Erde damals entriss, sieht man heute noch deutlich im Stadtbild, das von alten Kirchen, Türmen und anderen sehr gut erhaltenen Gebäuden geprägt ist. Die Eisenbahn ist weiterhin sehr präsent dort, und sie bietet sich natürlich besonders an, als Pate für einen Mezcal aus der direkten Umgebung zu dienen. Normalerweise ist das Etikett des Estación Ipiña Mezcal Blanco, den ich von meinem Besuch im Zuge von México Selection by CMB 2024 mitgebracht habe, schwarz, mit einem imposanten Bild eines der typischen Züge des späten 19. Jahrhunderts, mit großem Rauchfang und dem auffälligen „cowcatcher“. Die Abfüllung, die ich mitgebracht habe, hat für eine limitierte Auflage ein pinkfarbenes Etikett. Mit jeder verkauften Flasche mit diesem Etikett trägt man zu „Cócteles con Causa“, einer Initiative zur Brustkrebsbekämpfung in Mexiko, bei.

Der Agavenbrand wird zu 100% aus der regional sehr beliebten, wild wachsenden Agave Salmiana, auch Maguey Verde genannt, gemacht. Es handelt sich hierbei um einen durchaus mit modernen Mitteln hergestellten Mezcal, kein Artesanal oder Ancestral, doch das muss nicht unbedingt eine Einbuße an Herstellungsqualität bedeuten: Ein Steinofen kommt beim Kochen zum Einsatz, eine Tahona zum Mahlen der gekochten Fibern. In Edelstahltanks wird fermentiert, und in einer Kupferpotstill destilliert, diese Herstellungsweise ist offensichtlich schon hochwertig. Und der Geschmack hält mit, was ich mit meinen nun folgenden Geschmacksnotizen zeigen werde.

Estación Ipiña Mezcal Blanco

So einen Mezcal trinke ich gerne aus einem Veladora-Glas, das gut in der Hand liegt und authentisch ist. Man sieht auch in so einem Glas die leichte Viskosität und den Rand, der sich beim Schwenken bildet, aus dem die Beine ablaufen. Glasklar ist die Flüssigkeit, natürlich, das erwähne ich nur am Rande.

Sie ist mir außerordentlich ans Herz gewachsen, die Agave Salmiana, weil sie eben diesen absolut eigenständigen Geruch und Geschmack hat, und sehr leicht aus allen anderen Agavenbränden herauszufinden ist. Sehr herbal, sehr grün, sehr originär-direkt an die Pflanze, aus der der Brand entstanden ist, angelehnt. Das könnte man leicht mit Plastik verwechseln, wäre da nicht die wunderbare Komplexität und aromatische Eleganz, die an Wüstenkräuter und frisch aufgeschnittene stachelige Kakteen erinnert. Ein Hauch Bitterschokolade, ein Anflug von Orangensaft und -albedo, beide halten sich im Hintergrund und bieten der Agave das volle Rampenlicht. Da sind viele unterschwellige Assoziationen, die aufkommen, ein bisschen fuseliges Maschinenöl, ein bisschen mineralisches Salz, etwas Floralität von Kaktusblüte, ein minimalster Anflug von Ethanol, der mich an aromatischen Wodka erinnert. Sehr unterhaltsam, sehr direkt, sehr pflanzlich.

Estación Ipiña Mezcal Blanco Glas

Im Mund wirkt der Estación Ipiña noch mineralischer, eine leichte und klare Textur legt sich angenehm an den Gaumen, ohne sich dabei anzuschmiegen. Frisch und mit fast schon eukalyptischen Noten erscheint er vom Antrunk an, mit einer angenehmen, ganz milden Salzigkeit. Die Agave kommt voll durch, geschmacklich noch mehr als geruchlich, man hat wirklich das Gefühl, in eine Grünpflanze zu beißen und den Saft zu lecken. Eine feine, edle Feurigkeit kommt im Verlauf auf, sie unterstützt mit ihrer sowohl vom Effekt als auch dem Geschmack pfeffrigen Seite. Spät erscheint deutlich eine schokoladige Seite, eher weiße als dunkelbraune Schokolade, und etwas leicht angekokeltes Holz. Im Abgang wirkt der Estación Ipiña etwas bitter, und wird hier leicht alkoholisch – leider fehlt es etwas an Körpertiefe, die so einen Eindruck auffangen würde, mit etwas mehr als den eingestellten 40% Alkoholgehalt könnte das meines Erachtens besser werden.

Der Abgang ist der einzige kleine Makel an diesem Mezcal, der offensichtlich eher auf einen Easy-Drinking- oder Foodpairing-Einsatz setzt. Solche Mezcals muss es auch geben, und man muss ihm trotzdem zugestehen, dass er das mit seinen Mitteln hervorragend macht. Kein wirklicher Genussdrink also, bei dem man minutenlang von einem Schluck zehrt, sondern eher was für den unterhaltsamen Abend mit Freunden.


Es ist ein Zufall – ich hatte vor einer ganzen Weile für eines der tollen Rezepte aus dem schwedischen Cocktailbuch „Vilda Drinkar“ einen Rosenblüten-Hibiskus-Sirup hergestellt, und auch noch getrockneten Hibiskus davon übrig. Dies ist eine der wichtigsten Zutaten des Mezcal de Jamaica, wobei man wissen muss, dass der Name nichts mit der karibischen Insel zu tun hat, sondern schlicht der spanische Name für Hibiskus ist. Oh, wie schön Hibiskus und Maguey Verde zusammenpassen! Ein wirklicher Traumdrink.

Mezcal de Jamaica Cocktail

Mezcal de Jamaica
45ml Hibiskussirup
45ml Mezcal blanco (Salmiana)
25ml Ananassaft
15ml Zitronensaft
Das Gästeglas mit einem Rand aus gemahlenen Hibiskusblüten versehen.
Auf Eis shaken, dirty dump. Mit einem Ananasblatt dekorieren.

[Rezept nach Grupo Estación Ipiña]


Zur Flasche an sich gibt es nicht viel zu sagen, außer dem Etikett, wie schon in der Einleitung erwähnt. Um so mehr allerdings zu der Region, aus der dieser Mezcal kommt; ich hatte ja die großartige Möglichkeit, während México Selection by CMB 2024 ein paar Tage in San Luis Potosí zu verbringen und die Stadt, die Menschen, und die Gewohnheiten ein bisschen kennenzulernen. In Bildern kann man die Intensität, die ich erleben durfte, nicht wiedergeben, ich versuche es trotzdem. Bei La Oruga y La Cebada setzten sich ein paar Leute und ich zusammen, bestellten eine Flasche Mezcal nach Empfehlung des Hauses, und es war dann zufällig eben genau der Estación Ipiña. Man lernt: in der Region wird Mezcal mit Limetten-, Zitronen- und Orangenschnitzen und einem orangeroten Würzsalz serviert, auch wenn sich dem Kenner dabei erstmal die Haare sträuben. Doch die Erfahrung ist wichtig: nicht alles, was man als Purist so denkt, wird von denen, die Mezcal herstellen und täglich trinken geteilt. Also entspannt man sich, genießt den Mezcal mit Salz, und passt sich den Menschen dort an. Ich werde für meinen Teil nicht mehr herablassend über diese Kombination reden!

Besonders in Erinnerung habe ich noch den Spaziergang am Tag der Ankunft, als ich noch allein in der Stadt unterwegs war. Diese superscharfe Mischung aus Mais, 4 verschiedenen Chilis und Sour Cream, die man in Pappbechern für ein paar Pesos bekommt, trieb mir so sehr die Tränen in die Augen, dass ich keuchend einen Ausgleich suchte, und ihn glücklicherweise in den hausgemachten Churros der noch sehr jungen Verkäufer fand – 20 Pesos, rund 80ct, kostet so eine Packung am Straßenrand. In einem Laden habe ich mir dann noch einen mexikanischen Cowboyhut gekauft, den ich im Sommer hier in Saarbrücken tragen werde – ich bin gespannt auf die Reaktionen, der Saarländer an sich ist eher konservativ. Zu guter letzt erwähne ich noch den tollen letzten Abend, den eine kleine Gruppe aus gastfreundlichen und gut gelaunten Mexikanern, einem gewitzten US-Amerikaner, einer äußerst attraktiven Kanadierin und einem strengen Portugiesen (und mit mir natürlich), zusammen verbrachte, zuerst im Callejón 7B, einer Brauerei mit großartigen Bieren und Snacks, und später im Rincón Huasteco, wo wir nochmal richtig bei den herausragenden Tacos, Enchiladas, Tamales, Enfrijoladas und Bocoles zuschlugen. San Luis Potosí ist eine wirklich unterhaltsame Stadt, die alles bietet, was der Tourist erleben will. Nunca nos vamos a ir, das war das Motto des Abends, und ich fühle und vermisse es heute noch.

Bier am Freitag – Greene King Double Hop Monster IPA

Von der englischen Ostküste stammt das Greene King Double Hop Monster IPA, das es neulich in meinen Bierkelch geschafft hat. Auch wenn der Stil des IPA natürlich aus England stammt, finde ich doch eher selten Brauprodukte von dort in den Märkten meines Vertrauens, um so mehr springt einen dann so ein Bier an, wenn man es mal sieht – was durchaus auch an dem witzig gestalteten Etikett mit dem doppelköpfigen Drachen liegt. Cascade, Chinook, Columbus, Styrian Golding, Willamette (den kannte ich tatsächlich bisher noch gar nicht), das sind die Hopfensorten, da hat man wirklich nicht gegeizt, und auch der Alkoholgehalt von 7,2% passt zum Stil.

Greene King Double Hop Monster IPA

Farblich gefällt mir das kraftvolle Kupfer und die schöne opalisierende Art. Von Anfang an findet man nur wenig Schaum, nur an der Glaswand, erkennbar gespeist durch die mittelstarke Perlage.

Geruchlich ist das Monster im Vergleich zu anderen IPAs sehr zurückhaltend, gar nicht passend zum Namen. Ich entdecke Kirsche, Beeren, Blutorange. Etwas Lakritze vielleicht noch… und auch geschmacklich bleibt es enttäuschend vorsichtig. Doch einiges von der errochenen Frucht kommt auch am Gaumen an, aber ähnlich angestrengt muss man danach suchen. Zitrusnoten liegen da im Raum, hopfentypische Aromen, die sich aber schnell auflösen und von einem wuchtigen Biergeschmack abgelöst werden – das geht dann plötzlich eindeutig schon mehr ins Pils als ins Ale. Eine kräftige Säure dominiert im Verlauf. Die Bitterkeit, die ich von einem IPA schon erwarte, wirkt hier aufgesetzt und ist nicht ins Gesamtbild eingebunden, kämpft gegen eine seltsam flache Cremigkeit. Der Abgang ist dann äußerst adstringierend, trocken und bitter, ohne jeglichen Charme, einfach nur kantig bitter und flach.

Insgesamt finde ich das Double Hop Monster IPA extrem unrund, nicht gut komponiert, zuviele unterschiedliche Einflüsse, die nicht zusammenspielen. Letztlich scheint es mir bei diesem Bier nur um einen Mitgliedsbeitrag der englischen Brauerei Greene King im Bitterwettbewerb zu sein – der Werbespruch „the wildest, hoppiest beer we’ve ever brewed“ deutet mir auch in diese Richtung. Muss ich aber nicht haben.

Dunkle Wortsphären – Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum

Bei manchen Flaschen geht mir, wie man im Saarland so schön sagt, direkt beim Anschauen schon das Messer im Sack auf. Man spürt, dass die Marketing-Abteilung manchmal mehr Budget zugewiesen bekommt als die Brenner oder Blender – und es gibt Firmen, bei denen das im Schnitt mir sehr viel häufiger so geht, als bei anderen. Ich habe persönlich schon immer ein etwas kontroverses Verhältnis zu Rums von Planteray (ehemals Plantation, ein Name, der in einer irgendwie sehr seltsam wirkenden und wenig überzeugenden Aktion abgelöst wurde, um Vorwürfen des Kolonialismus-Whitewashing aus dem Weg zu gehen), das ist nämlich genau so eine Augenwischerabfüllerei mit tollen Flaschen und Etiketten, während im Hintergrund das Basismaterial kein bisschen respektiert wird: man muss es ja in Frankreich erst verfeinern, bevor es genießbar ist, so die Einstellung der Firma. Nun, das ist ein persönliches Problem, das ich habe, ich will das nicht weiter auswalzen.

Mit Marketing-Buzzwörtern spart der Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum definitiv nicht. „Dark“-Rum, „Navy-Style“, „Artisanal“, „Traditional“, „Overproof“, da weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Die Abkürzung im Namen steht für „Old Fashioned Traditional Dark“, sozusagen die Essenz all dieser Buzzwords, einen richtigen handfesten Definitionscharakter hat aber praktisch kein einziges der Wörter in dieser Tagcloud, ich habe das Gefühl, da schmiert man dem neugierigen Anfänger einfach fett Wortgrütze ums Maul, um ihn zum Kauf zu verleiten. Ein paar Details, die im Gegensatz zum Rest wirklich wichtig sind, gehen darin fast unter: Es handelt sich um einen Blend aus Destillaten aus Guyana, Barbados und Jamaica, er wird mit 69% Alkoholgehalt abgefüllt, und, das ist für den Hersteller selten, er wird nicht gesüßt. Probieren wir ihn aber unvoreingenommen, soweit das geht.

Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum

„Dark“ ist zwar im Namen vorhanden, aber so richtig dunkel ist der Rum eigentlich nicht, da habe ich ganz andere Kaliber, was die Färbung angeht, im Regal. Tatsächlich ist das eine hübsche, leuchtende Terracotta-Farbe, mit orangenen und sogar goldenen Reflexen, dahingehend passt das irgendwie nicht, aber Farbe ist bei Spirituosen in den meisten Fällen eh nichts, worüber man zu lange nachdenken sollte. Die Viskosität ist dagegen nicht zu diskutieren, da schwappt es schwer im Glas, und an der Glaswand bleibt erstmal ein durchgängiger Film, der sich praktisch nicht in Beine aufteilt.

Mit der Geruchsprobe sei man etwas vorsichtig, die 69% Alkoholgehalt pieksen ganz schön in den Schleimhäuten. Und man muss die Nase trotzdem tief ins Glas halten, denn so richtig anspringen tut mich der O.F.T.D. geruchlich nicht. Da sind ein paar typische Jamaika- und Guyana-Noten, aber sonst? Ich rieche hellen Tabak, etwas Kokos, natürlich Trockenfrüchte, etwas reife Banane und eine ganz leichte Nussigkeit. Ein würziges, beinahe erdiges Geruchsbild insgesamt, dabei aber doch arg zurückhaltend. Und dann ist neben dem Stechen des Alkohols auch ein ethanolischer Hauch dabei, der mich nicht begeistert.

Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum Glas

Ein Schlückchen pur, das nehme ich auch bei knapp 70%, und es gibt da auch nicht viel zu fürchten; das fühlt sich warm an, aber nicht brennend, würzig, aber nicht beissend. Doch der grundsätzliche Eindruck geht auch im Mund weiter – besonders interessante Aromatik ist das nicht, die Dramatik der Präsentation ist am Gaumen nicht reproduzierbar. Hauptsächlich sind es milde Fruchttöne, Banane, etwas reife Ananas, dazu Marzipan und Kokos, doch all das wird vom schlecht eingebundenen Alkohol überrannt. Darum ist der Rum auch kurz und eher schmal, trotz der vollen Textur verfliegt alles sehr schnell und lässt nur ein mildes Effektbrummen zurück, kaum Aromen. Gegen Ende ist der O.F.T.D. dann, auch wenn nicht gesüßt, eher schwierig süßlich, beinahe pappig, und hinterlässt dann ein durchaus unangenehmes Mundgefühl zurück. Mit etwas Wasser wird das alles noch erkennbarer, hier lässt der Rum dann vollends die Hosen herunter und wird, klar gesprochen, völlig banal. Die auf der Flasche angegebenen, sich überschlagenden Tasting Notes kann ich in der Form überhaupt nicht nachvollziehen.

Ja, was soll ich sagen. Für den Purgenuss ist dieser Rum für mich persönlich viel zu langweilig, eindimensional und schlicht, da ist nichts da, was mein Interesse über mehr als ein paar Minuten aufrecht erhalten könnte. Wahrscheinlich ist das auch einfach nicht der Einsatzzweck dieses Produkts, das eher als Mixrum gestaltet wurde – hier erledigen sich manche der Kritikpunkte natürlich, dennoch verwende ich persönlich gerne in Drinks auch expressivere Rums.


Die meisten Rezeptvorschläge, die man zum O.F.T.D. finden wird, werden Tiki-Cocktails sein oder andere, in denen der Rum als Wummer dient, um Power in den Drink zu bringen, denn das kann er, dazu braucht man keine filigrane Komplexität. Das erkennt man in solchen Drinks wie dem Baby Darling. Mit dem O.F.T.D. wird allerdings kein zartes Baby aus dem Drink, sondern ein Monstertruck. Wer das nicht verkraften kann, reduziert den Rum um eine halbe Unze und fügt diese Menge an eiskaltem Wasser hinzu. Feigling.

Baby Darling Cocktail

Baby Darling
2oz / 60ml gereifter Rum
¾oz / 23ml süßer Wermut
½oz / 15ml Amaro
Auf Eis rühren. Mit Kirsche servieren.

[Rezept nach Gino de Martinis]


Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum Etikettendetail

Im Rückblick muss ich sagen: Das beste an diesem Rum ist die Flasche, aber das ist, wie eingangs gesagt, der Eindruck, den ich bei vielen Planteray/Plantation-Produkten habe, da ist so viel Augenwischerei dabei, dass es schmerzt. Positiv gesprochen: Das Design des O.F.T.D. ist grandios, sowohl von Flaschenform als auch Etikettengestaltung. Diverse alte Bekannte aus der Barwelt, wie David Wondrich, Martin Cate und Jeff Berry, werden auf dem Rücketikett gezeigt und in Form einer Schiffscrew erwähnt; dazu eine (pseudo-)lustige Story darüber, wie sie zusammengearbeitet haben. Von so etwas halte ich persönlich nichts, vor allem, weil der Platz besser mit echten Informationen über die enthaltenen Rums oder wenigstens Blendanteile genutzt werden könnte. Nun, so richtig schlecht will ich den Rum hier jetzt nicht reden, aber eine zweite Flasche wird es bei mir davon nicht geben, da kenne ich Blends, die sehr viel aromatischer sind, und das bei niedrigerem Alkoholgehalt. Fazit für den O.F.T.D.? Ein Blender, der mit großen Zahlen und bekannten Namen über die Mängel hinwegtäuscht.

Bier am Freitag – Brouwerij Van Steenberge Fourchette

Ich komme langsam ans Ende der Kiste der belgischen Biere, die mir mein alter Freund Dimitri vor zwei Jahren geschenkt hatte, weil er selbst kein Bier trinkt. Da waren tolle Sachen drin, muss ich sagen, und ich habe ihm mehrfach unter die Nase gerieben, dass er da was verpasst hat. Heute trinken wir eins der Biere, von dem sogar zwei Flaschen in der Kiste waren, das Brouwerij Van Steenberge Fourchette. Es ist laut Etikett ein „multigrain tripel“, was hier bedeutet, dass es aus Gerste, Weizen und Reis gebraut wird, auf belgisch-ordentliche 7,5% Alkoholgehalt hin. Mir gefällt schon die Flaschengestaltung sehr, reduktiv und edel zugleich mit der stilisierten Gabel (auf den Namen des Biers anspielend natürlich). Ich hoffe, der Flascheninhalt wird ähnlich gut.

Brouwerij Van Steenberge Fourchette

Volltrübes Eidottergelb sieht man im Glas, minimalste Partikel sinken schnell nach unten, und bilden den Ausgangspunkt für sehr leichtes Mousseux. Der Schaum ist grobblasig, eine feine Krone setzt sich darauf ab und zerfällt langsam.

Deutlich hopfig ist der Duft, erinnert an ein leichtes Pale Ale, mit Ideen von tropischen Fruchtnoten und etwas Grapefruit. Insgesamt springt es einen aber nicht an, bleibt dezent und leise in der Nase.

Im Mund bildet sich ein für mich nahezu ideales Gesamtbild heraus – perfekt balanciert zwischen Süße und Säure, erstere trägt die Fruchtaromen, letztere die Rezenz. Hier übernimmt dann das Getreide, wie es sein sollte, und sorgt mit ausgewogener Herbe für ein tolles Mundgefühl, mit schöner, leichter, prickelnder Textur und einem vollen Körper. Dabei bleibt das Bier leicht und frisch, kitzelt leicht am Gaumen, und geht dann im Abgang zügig weg, ohne lästig zu fallen.

Das ist ein ideales Bier zum Essen, bei mir gibt es Samstags immer Grillhähnchen, und dazu kenne ich kaum ein besseres Bier als das Fourchette mit seiner Frische und Helle. Zum Ruminieren nehme ich andere Biere, aber als leichten Gaumenerfrischer, der trotzdem Niveau hat, gefällt mir das herausragend gut.

1000 mal Schlimmerdurst – Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

10 Jahre sind eine lange Zeit. Vor rund 10 Jahren habe ich diesen Blog hier gestartet, ohne Ambitionen zu haben, ihn so lange zu betreiben; darum ist auch der Name, „schlimmerdurst.net“, so hemdsärmelig, rein in deutscher Sprache und wenig auf große Reichweite getrimmt, komplett anders halt, wie man das heute machen würde. Dies hier ist – Trommelwirbel – der 1000. Artikel auf meinem Blog, eine Zahl, die mich stolz macht, die mir aber auch etwas Sorgen macht, denn nach 1000 Buchbesprechungen auf goodreads.com habe ich dort den Stift fallen lassen und mich anderen Themen als Büchern zugewendet, dem Schnaps eben. Ich habe tatsächlich vor, ab demnächst etwas kürzer zu treten, was die Frequenz an Erscheinungen hier betrifft, dieser Artikel ist damit schon eine gewisse Zäsur – aber nur, was die Quantität angeht, bei der Qualität will ich dabei bleiben und gewissenhaft verfasste Tasting Notes für die Freunde des guten Genusses veröffentlichen. Weitere 200 Spirituosen- und Bierartikel sind in rudimentärstem Planungszustand noch vorhanden, ich habe aber die Vorstellung aufgegeben, alle mal zu veröffentlichen, es kommen ja weiterhin neue Produkte dazu.

Zum Jubiläum habe ich mir aus diesem großen Backlog einen Brand ausgesucht, der ebenfalls 10 Jahre auf dem Buckel hat. Der Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre war einer der inzwischen selten gewordenen Spontankäufe in einem Getränkemarkt, 2023 war das, denke ich. Natürlich hat erstmal die Präsentation (dazu am Ende mehr) dafür gesorgt, dass man zugreifen will, aber auch die Erläuterung des Inhalts. Im Schwarzwald gebrannt, zehn Jahre erst in Steingut gelagert und dann in Kastanienholzfässern gefinisht, wohl weitere zwei Jahre, die aber seltsamerweise dann nicht in der Altersangabe auftauchen. Ach, diese Details, die mich dann immer quälen, obwohl ich doch lieber einfach den Brand trinken sollte – ich versuche, das in Zukunft ein bisschen entspannter anzugehen. Jetzt aber erstmal den Kirschbrand ins Glas!

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

Kräftig, brilliant, und mit einer durchgehenden Kupferfarbe versehen gießt sich der Fies Kirschbrand ein, tolle orangefarbene Lichtreflexe in zwei Abstufungen sind im Glas zu sehen. Schwenkt man ihn darin, sieht man eine richtig ölige Struktur, schwer schwappt es, dicke Beine bilden sich, die noch zur optischen, ansprechenden Art beitragen.

Ähnlich wuchtig kommt auch die Nase an, ein volles Kirscharoma springt aus dem Glas. Ich imaginiere dazu so richtig dicke, pralle, eher schon schwarze als rote Kirschen, die beim Reinbeißen knacken. Ein Touch von dem Sirup, in dem Amarena-Kirschen eingelegt sind, kommt dazu, und eine assoziativ völlig losgelöste, aber perfekt integrierte Fleischigkeit, die schwer zu greifen oder beschreiben ist. Ein Hauch Lack, nur wirklich ein Hauch, der Alkoholgehalt von 50% ist nie wirklich spürbar, fügt die Komplexität dazu, zusammen mit einer tiefdunklen, bitterschokoladig-reinkakaoigen Erdigkeit. Ja, noch ein Anflug von Holz rundet das ganze ab, ein Brand, an dem ich wirklich gerne schnuppere.

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre Glas

Diese wunderbare gesichtete Öligkeit definiert auch erstmal den Antrunk, das fließt wie geschmolzene Butter über die Zunge, rund, breit, tief, in jeder Dimension ist da Volumen da. Süße und Bittere sind aufs edelste abgestimmt, die konkurrieren nicht, sondern ergänzen einander. Im Verlauf bilden sich die Kirscharomen heraus, nun doch eher kräftig und würzig, mit immer noch vorhandenem schwerem Fruchtfleisch und Sirup. Ein paar Momente zwischendurch wird es feurig, nur kurz aber, alles wird von der grandiosen Textur aufgesogen und rund gemacht. Gegen Ende kommen Zimt, Piment und Chili hervor, mit ein paar ganz milden Holznoten, all das bringt den Gaumen und die Zunge zum Brummen, bevor der Fies Momentum dann erst mit Kaffeearomen ganz hinten im Rachen und blumigen, leicht grünen sogar, im Zentrum ausklingt und ein wunderbares Mundgefühl und ein zartes Aromenklingen hinterlässt.

Wer das Vorurteil hatte, dass so eine üppige Verpackung nur dazu dienen könne, Mängel zu überschreiben, liegt falsch – das ist wirklich ein extrem schmackhafter, handwerklich toll gemachter gereifter Kirschbrand, bei dem jedes Detail einfach stimmt und sich herrlich zusammenfügt. Ich hätte mir keinen besseren Brand für mein 10jähriges aussuchen können.


Wenn man schon in nostalgischer Stimmung ist aus gegebenem Anlass, kann man sich auch eine alte Rezeptur zusammenmischen. Der Eider Duck wurde 1937 erstmals in einem Cocktailbuch erwähnt, das ist für mich Historie genug; mit einem gereiften Kirschbrand, wie dem von Fies, ensteht noch etwas mehr Tiefe als mit einem ungereiften. Er ist jedenfalls, mit seinen gleichwertig eingesetzten Zutaten, leicht zuhause zu machen, etwas, was ich mehr und mehr schätzen gelernt habe über die Zeit – aus dem Alter, in dem ich an einem Cocktail eine halbe Stunde gerührt und gemixt habe, bin ich nun doch raus.

Eider Duck Cocktail

Eider Duck
¾oz / 25ml Kirsch Eau-de-Vie
¾oz / 25ml Cognac
¾oz / 25ml Grand Marnier
¾oz / 25ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach C.A. Gadina via William James Tarling]


Wie es bei Spontankäufen halt so ist, war die Präsentation natürlich ein sehr gewichtiger Faktor, bei diesem Produkt mehr noch als bei den meisten anderen. Die Flasche ist schwer, sehr aufwändig gemacht mit vielen Facetten im Glas. Dazu kommt ein schwerer Stöpsel aus mehreren Materialien und beeindruckender Kupfermedaille oben drauf. Der Geschenkkarton ist offen und präsentiert die Flasche, ist selbst aber auch hübsch gemacht mit hochwertigen Materialien und goldfarbenem Druck. Und zu guter letzt findet man noch ein schönes Zertifikat, das ein paar handeingetragene Details zur Abfüllung enthält. Toll, und dem Inhalt der Flasche auch angemessen.

Alles in allem ein Ding, das rund in allem ist und sein Geld locker wert. Natürlich war die Flasche bereits im Familienkreis bei der üblichen Verkostung, und kam gut an, man muss also kein Profi sein, um den Fies Momentum 1726 genießen zu können. Die Flasche wird sicher nicht bis zum nächsten Jubiläum meines Blogs halten, ich denke, ich mache die jetzt zeitnah leer, um mein großes Ziel, die Anzahl der Flaschen in meiner Heimbar zu halbieren, auch irgendwie erreichen zu können. Klein aber fein, das ist meine Ambition, und nach 10 Jahren kann ich, glaube ich, inzwischen besser einschätzen, was bleiben darf und was schnell weg muss, als damals, 2015. Ein Weg, der sich gelohnt hat, zu gehen, auch wenn er steinig war zwischendurch; dieser Blog hat mein Leben bereichert, in vielerlei Hinsicht. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

Bier am Freitag – Brasserie de L’Apocalypse Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus

Noch eins von den Bieren, die mir meine liebe Kollegin Meike aus ihrem Normandie-Urlaub mitgebracht hatte: das Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus aus der dramatisch benannten Brasserie de L’Apocalypse, die in dem nicht weniger beeindruckend benamten Ort Bois-Jérôme-Saint-Ouen in der Normandie liegt. 6,7% Alkoholgehalt, Hibiskus für die Farbe, Zitrone für den Pepp, Zucker für die Süße und vielleicht sogar die Flaschengärung. Ein Bier, das ich aufgrund des Etiketts schon erstmal nicht so recht ernst genommen habe – doch ich wurde überrascht, soviel vorweg.

Brasserie de L'Apocalypse Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus

Nach dem Etikett zu urteilen, hätte ich eigentlich etwas rötlicheres im Glas erwartet; doch auf den zweiten Blick ist dieses etwas unansehnliche, blasse Kastanienbraun eigentlich eine ehrliche, natürliche Farbe, wenn man Hibiskus mit Bier vermischt. Volltrüb und blickdicht, mit erkennbaren Hefepartikeln, die man mit ins Glas gießt und die sich dort setzen. Der Schaum ist sehr fein und bleibt als dünne Deckschicht lange erhalten.

Ebenso natürlich wirkt die Nase auf mich, der Hibiskus ist deutlich erkennbar, aber nicht überfruchtig ausgeprägt, sondern passt sich gut in die Bierbasis ein. Leicht marmeladig, beerig, mit einem minimalen Hauch von Zitrus – ein aromatisiertes Bier, wie ich es mag, denn hier wird man nicht mit künstlichen Aromen überströmt, sondern spürt sofort, dass die Natur walten durfte.

Eine dichte Textur, fast schon kauig, zeigt sich sofort im Antrunk, in Zusammenspiel mit der schaumig-cremigen Karbonisierung macht sich das gut, der Alkoholgehalt ist ohne Makel eingebettet. Der Zucker ist nicht mehr spürbar, im Gegenteil, das Bier geht eher in die bitter-herbe Richtung, wirkt im Verlauf trocken und säuerlich. Die Fruchtaromen sind dezent platziert, Zitrone nun fast schon mehr als Hibiskus, der erst im Abgang nochmal aufblüht. Das Finish ist kurz, bitter, im Vergleich zum restlichen Verlauf fast ein bisschen kantig im Rachen.

Sehr interessant und unerwartet, ein Bier, auf das man sich vielleicht etwas einlassen muss, eine Geduld, die sich aber bezahlt macht. Spannend und handwerklich gut, ich muss vielleicht mal in die Normandie zum Biertrinken.

Süße Fläschchen – Liber&Co. Sirup

Eine Handvoll Wörter im Deutschen haben eine arabische Wurzel, und aus gegebenem Anlass zeige ich euch heute eins: „Sirup“. Der Ursprung ist شراب, latinisiert šarāb, mit der Bedeutung „Trank“. Für mich als studierten Linguisten sind die Sprachentwicklungen spannend, ich gebe mich aber keiner Illusion hin, dass Leser eines Spirituosenblogs sich dafür interessieren, darum bleiben wir beim Wort, wechseln aber den Kontext hin zu modernen Ausprägungen von dickflüssigen, konzentrierten Lösungen. Liber & Co. ist in Austin, Texas, beheimatet, dort wurde aus einem kleinen Startup seit 2011 ein nationales und später internationales Unternehmen, das sich auf besondere Craft-Sirups zum Einsatz in der Bar spezialisiert hat. Das Besondere an den Sirups ist eben, dass sie genau zugeschnitten sind auf die Bedürfnisse, die man als Cocktailfreund so hat, und die von den meisten kommerziellen Produkten nicht erfüllt werden, weil sie eher auf den Einsatz in Limonaden abzielen, und oft mit künstlichen und darum wenig spannenden Aromen arbeiten. Der Importeur Liquory bringt einen Teil deren Sortiments inzwischen nach Deutschland, und 5 Sirupe von Liber&Co. habe ich zugesandt bekommen, die ich hier nun vorstelle: Almond Orgeat Syrup, Caramelized Fig Syrup, Fiery Ginger Syrup, Demerara Gum Syrup und Real Grenadine.

Liber&Co. Sirup

Im Gegensatz zu meinen Spirituosenrezensionen mache ich für die Sirups keine detaillierten Tasting Notes, pur trinkt das eh niemand, darum ist das auch gar nicht interessant. Was macht man sonst damit? Natürlich ist bei mir der Hauptzweck der Einsatz in der Heimmixologie, entsprechend sind auch Rezepte auf der Rückseite der Flaschen angebracht. Für jeden Sirup habe ich aber einen zusätzlichen Cocktail ausgewählt, in dem der Sirup sich besonders präsentieren kann; dazu habe ich darauf geachtet, dass die Basissprituose für jeden Drink eine andere ist, um die Versatilität der Sirupe weiter zu betonen: Whisky, Rum, Cognac, Mezcal und Calvados sollen sozusagen als Leinwand dienen. Nicht immer muss der Sirup die Hauptrolle spielen; manchmal sind es die kleinen, spannenden Aromadetails, die er liefert, die einen Drink so speziell machen. Nun aber genug geredet, rein ins Mixen!


Orgeat ist eine beliebte Zutat insbesondere in Tiki-Drinks, der Mai Tai als herausragendes Beispiel. Doch auch in anderen Rezepten spielt Orgeat natürlich oft mit, wie im Bourbon Lift, einem Drink, bei dem man fast das Gefühl eines schönen Soufflé-Dessert hat. Für den Almond Orgeat Syrup werden Mandeln in Kalifornien zwischen August und Oktober maschinell vom Baum geschüttelt und auf dem Boden für 8-10 Tage sonnengetrocknet. Danach werden sie nach Bedarf geröstet und feingemahlen. Ganz stark nach Mandeln riecht der Sirup entsprechend, mit einem leichten Walnuss-Unterton. Und genau so kommt er auch am Gaumen an – Mandeln und Walnuss, dazu eine wirklich schöne Süßsauer-Balance, mehrdimensional und aromatisch sehr ansprechend.

Bourbon Lift Cocktail

Bourbon Lift
1½oz / 45ml Bourbon
½oz / 15ml Kaffeelikör
½oz / 15ml Sahne
½oz / 15ml Orgeat
Auf Eis shaken, dann mit Sprudel so aufgießen, dass sich eine Haube bildet. Mit Strohhalm servieren.

[Rezept nach Erik Adkins]


Feigensirup ist oft von eher rosaroter Farbe, die Karamellisierung hier macht den Sirup viel dunkler und brauner. Das stört mich nicht – selbst die kleine Menge des Sirups im Figgy Smalls macht ihn besonders. Zwei Sorten Feigen kommen für den Caramelized Fig Syrup zum Einsatz: Calimyrna und Black Mission heißen die Sorten, die in Kalifornien angebaut und dann handgeerntet werden; früh im Jahr von alten Zweigen, später im Jahr von jungen Zweigen. Der Duft erinnert wirklich stark an diese abgepackten, getrockneten Datteln, die man so kaufen kann, dazu eher im Untergrund halbgetrocknete Feigen. Im Geschmack überholen die Feigen dann die Datteln, schöne, kräftige Karamellnoten kommen dazu, die Fruchtigkeit wirkt trotz der Süße frisch und fein.

Figgy Smalls Cocktail

Figgy Smalls
2oz / 60ml Cognac
¾oz / 23ml Orangenlikör
½oz / 15ml Zitronensaft
½oz / 15ml Orangensaft
¼oz / 7ml Feigensirup
Auf Eis shaken, in ein Glas mit Vanillezucker-Rand abseihen und mit einem Salbeiblatt dekorieren.

[Rezept adaptiert nach Courtney Tietze]


Ingwersirup ist eine der Zutaten, die ich immer schon gern in Cocktails einsetze, ich mag Ingwer in jedem Zustand gern. Wenn er dann eine gleichberechtigte Rolle in einem Rezept spielt, wie im Mosquito, gefällt mir das um so mehr. Der Ingwer des Fiery Ginger Syrup weist Bioqualität auf und stammt aus Peru, wo er nachhaltig angebaut und von Hand geerntet wird. Und Ingwer springt einen geradezu an, wenn man die Sirupflasche öffnet, vollaromatisch und dicht; geschmacklich spürt man die krasse Wucht aus Ingwer, gepaart irgendwie verrückt mit einem Touch Eierlikör, und im Nachgang die namensgebende feurige Schärfe, nur leicht durch die Süße des Sirups eingebremst. Großartig!

Mosquito Cocktail

Mosquito
1oz / 30ml Mezcal
1oz / 30ml Campari
1oz / 30ml Ingwersirup
1o / 30mlz Zitronensaft

[Rezept nach The Venetian Resort]


Demerara-Sirup ist dunkler, kräftiger, aromatischer als normaler Zuckersirup, und die dunkle Farbe hat ihren eigenen Charme in Drinks. Im Queen’s Park Swizzle sorgt er genau für diese Charakteristiken. Die zwei wichtigen Bestandteile des Demerara Gum Syrup sind, wie im Namen schon erkennbar ist, Zuckerrohr aus Guyana und Gummi Arabicum von Akazien aus Ländern südlich der Sahara. Der Geruch ist erstmal fruchtig, schwersüße Früchte wie Datteln oder kandierte Feigen scheinen durch, und auch im Geschmack wirkt das extrem dicht, krasssüß und dennoch nicht neutral, angenehm trockenfruchtig, im Anflug melassig. Zuckersirup hier mal als nicht zu unterschätzende Aromakomponente!

Queen's Park Swizzle Cocktail

Queen’s Park Swizzle
2oz / 60ml gereifter Rum
1oz / 30ml Limettensaft
½oz / 15ml Demerara-Sirup
10 Blätter Minze
2 Spritzer Angostura Bitters
Minze mit Sirup und Saft im Shaker andrücken. Mit den restlichen Zutaten lange swizzlen. Mit Minze dekorieren.

[Rezept nach Queen’s Park Hotel]


Künstliche Grenadine ist knallrot, schmeckt überhaupt nicht mehr nach Granatapfel und ist oft eine der Zutaten, mit denen viel Schindluder getrieben wird. Nicht so bei dieser Grenadine, die natürliche Farbe und saubere Fruchtaromatik in den Pan American Clipper bringt. Die Granatäpfel für die Real Grenadine wachsen im San Joaquin Valley in Kalifornien, sie werden kalt verarbeitet, was wohl die Aromen und Farbe am besten bewahrt. In der Nase wirkt die Grenadine leicht laktisch, sehr fruchtig jedenfalls, was sich auch auf den Gaumen überträgt. Eine freche Säure spielt gegen die starke Sirupsüße an, hat aber nur kleine Chancen. Sauber und frisch, voluminös und dicht. Eine sehr schöne Grenadine.

Pan American Clipper Cocktail

Pan American Clipper
2oz / 60ml Calvados
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Grenadine
2 Spritzer Absinthe
Auf Eis shaken. Mit einem Limettenrad dekorieren.

[Rezept nach Charles H. Baker]


Ich mag die kleinen, knuffigen 0,28l-Flaschen mit Schraubverschluss und dezent gestaltetem Etikett, das ist praktisch und platzsparend, und trotzdem charmant. Das Paket, in dem ich die Flaschen von Liquory bekommen habe, ist toll gemacht und zeigt den Inhalt sehr vorteilhaft, wie man sieht.

Ein paar der Sorten sind bei deutschen Versandhändlern (wie dem Rum Depot in Berlin) direkt sofort bestellbar, und wenn man diese Produkte mag, gibt es weitere Sorten: Tropical Passionfruit, Toasted Coconut, Lemon Lavender, Marion Blackberry, Raspberry Gum und Yakima Valley Peach. Eine wirklich große Spannbreite an Aromen, die man da vermixen kann, da ist eigentlich alles abgedeckt, was sogar der ambitionierte Heimmixologe auch für obskurere Cocktails brauchen könnte. Für meinen Teil werde ich mir bestimmt den Lavendelsirup noch anschauen, bisher habe ich sowas bei mir zuhause selbst gemacht; und weitere Sorten, die aktuell noch nicht in Deutschland verfügbar sind, wie der Sugarcane Kola Syrup, klingen auch verführerisch…

Offenlegung: Ich danke Liquory für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Pakets mit den 5 Sirups.