Enmore! Das ist ein Name, bei dem für den Rumfreund immer etwas Gänsehaut mitschwingt. Die Brennerei ist seit langem geschlossen, die legendären Brennapparate von dort wurden aber gerettet und stehen nun bei DDL in Guyana und werden auch weiterhin eingesetzt. Ich liebe die Rums aus der hölzernen VSG-Potstill, das ist immer etwas Besonderes für mich; entsprechend konnte ich mich kaum halten, als ich ein Bier entdeckte, das in einem Ex-Enmore-Fass gelagert wurde. Für das Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask wird ein Coffee Dry Stout der Südtondern-Brauerei in ein frisch geleertes Fass gelegt, das vorher einen Enmore 27 Jahre Guyana MEC 1992 Single Cask Rum enthalten hatte. Das Basisbier ist obergärig, wird gebraut mit Kaffee aus Antigua, ist nicht pasteurisiert oder filtriert, und weist 5% Alkoholgehalt auf. Oh, was bin ich nach den guten Erfahrungen mit dem Schwesterbier, das in Hampden-Rum-Fässern gelagert worden war, gespannt!
Beim Öffnen der Flasche tritt starkes Gushing auf, bitte das Glas direkt bereithalten, dass man nicht zuviel Inhalt verliert. Hat es das Bier dann ins Glas geschafft, durchblickt man es nicht mehr, selbst bei Gegenlicht behält es seine völlig intransparente schwarze Farbe. Der Schaum ist eher grobblasig, aber aktiv, und gefällt in seiner dunklen Crema-Farbe.
Der Geruch ist zunächst stark vom Kaffee beherrscht. Schon leicht oxidiertes, gemahlenes Kaffeepulver, starker, abgestandener Filterkaffee, das sind die Richtungen. Schnell kommt aber eine sehr fruchtige Seite dazu, Orange, Litschi, Mango, das sind wahrscheinlich die Einflüsse des Rumfasses, auch wenn es nicht unbedingt Aromakomponenten sind, die ich mit Enmore-Rum in direkte Verbindung bringen würde in dieser Ausprägung. Die Mischung ist auf jeden Fall sehr apart, man schwankt immer zwischen dem Kaffee und der Frucht hin und her, darunter liegt eine stabile, aber unauffällige Malzbasis.
Der Antrunk des Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask ist erstmal überraschend sauer, nicht nur säuerlich, und bringt viel Frische mit. Die Fruchtaspekte dominieren erstmal den Gaumen, eben jene tropische Frucht, die ich oben schon gerochen hatte. Die Textur ist sehr leicht, die starke Karbonisierung macht das Bier dazu luftig und rezent. Es fehlt mir aber völlig an einem gewissen Körper, sowohl in Breite als auch in Tiefe ist da nicht besonders viel zu finden, und das macht das Erlebnis recht enttäuschend flach. Nach der initialen, sehr kurzen Kaffee- und Fruchtattacke neutralisiert sich das Bier beinahe vollständig innerhalb von Sekunden, und in Kombination mit dem dünnen Körper ist es so schnell vom Gaumen verschwunden, dass man überrascht ist und staunt; so extrem habe ich das noch nie bei einem Bier erlebt, erst recht nicht bei einem Stout, von dem ich deutlich mehr Volumen erwarten würde. Der Abgang ist nicht-existent, ebenso ist da keine Spur von Nachhall, das ist gefühlt nur noch Sprudel.
Ach! Das ist eine der größten Enttäuschungen, die ich im Craftbierleben bisher mitmachen musste, mir als Enmore-Fan steigen fast die Tränen in die Augen. Unglaublich, ich habe das Coastery Coffee Dry Stout Enmore Cask extra lange aufbewahrt, um noch mehr davon zu haben, und vielleicht war das ein Fehler – ich hätte es frisch direkt 2021 trinken sollen, und darum kreide ich es dem Bier nicht wirklich an, es war wahrscheinlich mein Fehler. Schade, sehr schade, sehr sehr schade.
Ich erinnere mich noch an die Zahl, und an die Aufregung, die sie in Whiskykreisen erregte. 97,5 Punkte in Jim Murrays Whiskybibel, Whisky-of-the-year-Titel dazu, als erster kanadischer Whisky wurde er damit ausgezeichnet. Nun, Jim Murray ist heutzutage nicht mehr der, den man als ersten nach einer Meinung fragt, nachdem er Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt wurde. Persönlich finde ich die ihm angekreideten Formulierungen nicht wirklich misogynistisch oder sexistisch, manchmal ein bisschen altherrenschmierig vielleicht, aber das muss jeder für sich entscheiden. Jedenfalls hat er viel für kanadischen Whisky getan, ohne Frage, und den Crown Royal Northern Harvest Rye Blended Canadian Whisky so gesondert hervorzuheben hat sicherlich mit dafür gesorgt, dass Kanada endlich wieder auch in der breiten Wahrnehmung auf die Liste der traditionellen Whiskyländer kam, auf die das Land mit großer Sicherheit gehört, sowohl von der Historie als auch von der Qualität her, und in Zeiten von Handelskriegen mit ehemaligen engsten Freunden schadet es nicht, wenn Kanadaliebhaber wie ich das weiterhin betonen.
Mit mehr Aufmerksamkeit kommen aber auch die seltsamen Probleme, die der globale Welthandel und alte Trade Agreements mit sich bringen – neulich erst war in den Nachrichten, dass deutsche Whiskys darauf verzichten müssen, die Wortkombination „Rye Whisky“ auf ihr Etikett zu schreiben, da dies laut einem alten Handelsvertrag mit Kanada nur für kanadische Whiskys erlaubt sein soll. Nicht, dass Kanada so eine eigentlich absurde Totschlagklausel durchzusetzen willens wäre, dazu sind sie viel zu höflich, aber rechtliche Dinge sind eben gefährlich für kleine deutsche Hersteller. Völlig weit hergeholt ist es jedenfalls aber nicht – Roggen ist nunmal das Getreide der Wahl für kanadischen Whisky, das war schon immer so, darauf ist man stolz und die riesigen Landwirtschaftsflächen in Alberta, Saskatchewan und Manitoba sind voll von Roggen, der nur darauf wartet, in einen Whisky zu münden. 90% der Mashbill für den Northern Harvest besteht aus Roggen, der Rest ist gemälzte Gerste und Mais. Er wird dann aus bis zu 50 Einzeldestillaten geblendet, ein aufwändiger Prozess. Aber nun genug Anekdoten und Theorie, auf zum Inhalt!
Sonnenblumengelb, ocker, so würde ich die Farbe beschreiben, leuchtend und ansprechend, mit bernsteinfarbenen Lichtreflexen. Der Whisky schwenkt sich ebenso hübsch, mit einer gewissen Öligkeit, die eine Linie an der Glaswand hinterlässt, aus der dicke Tropfen langsam ablaufen.
Man könnte den Northern Harvest blind durchaus erstmal für einen Bourbon halten, mit schöner fruchtiger Getreidenote, etwas feuchtem Holz (hier eher Zedern als Eiche), und ganz dezenten Anflügen von Vanille und Zimt. Man findet aber auch einen ungewöhnlichen, erdigen Unterton, mit ganz schwachen Erinnerungen an einen Pferdestall, und einen alten Ledersattel. Aufgehellt wird alles durch einen mentholischen Beiklang, nicht wirklich minzig, aber balsamisch und frisch, vielleicht stark verdünntes Teebaumöl, und schließlich eine etwas harzige Komponente. Einen Lackhauch darf man nicht verschweigen, nichts, was piekst, allerdings. Insgesamt schön und entspannt, nicht dramatisch komplex, aber auch ohne Störfaktor.
Die Textur gefällt mir sehr, das spiegelt am Gaumen das wieder, was das Auge an der Glaswand gesehen hat – rund, dicht, voll und breit legt sich das hin, breitet sich aus, ohne den Gaumen dabei zu beschweren, die frischen Komponenten verhindern das. Im Antrunk spürt man eine natürliche Süße, ideal balanciert mit der sich im Verlauf Schritt für Schritt herausbildenden Trockenheit, die völlig ohne Astringenz auskommt. Honig, türkischer Honig, Toffee, weiße Schokolade, das gleitet wirklich angenehm über die Zunge mit vielen süßen Anspielungen. Später kommt die pikante Würze dazu, warm und nicht heiß, prickelnd aber nicht scharf, schwarzpfeffrig und durch den vollen Körper elegant getragen. Ein wirklich ausgesprochen angenehmes Mundgefühl, saubere Aromen, klar vorgetragen ohne unnötige Koloraturen, eher eine Karen Anne Carpenter als eine Mariah Carey. Da wird nichts geschlampt, alles ist stringent und durchkomponiert. Der Abgang des Crown Royal Northern Harvest ist dann lang, leicht karottig, etwas zedernholzig und von einer wunderbaren Süßbittere mit Kitzeleffekten gesteuert.
Extrem süffig, dabei von einer wunderbaren, nicht überbordenden Komplexität, ein wahrer Spaß, das zu trinken. Höflich wie ein kanadischer Gentleman, aber selbstsicher und sich seiner Stärken bewusst wie ein Mountie. Wirklich ein Whisky für alle Gelegenheiten, der gefällt, aber sich nicht anbiedert.
So ein Whisky gehört natürlich in einen Manhattan, ich kann mir kaum einen besseren Whisky für so klassische, wenigzutatige und strenger komponierte Cocktails vorstellen. Aber da bin ich nicht allein, schon die frühen Barexperten wie Hugo Ensslin schätzten Roggenwhisky für ihre Kreationen – ein etwas exotischeres Beispiel ist der Deshler Cocktail. Als ungewohnte Herstellungsweise schüttelt man hier Zitruszesten mit, das extrahiert ein paar ätherische Öle aus der Zeste und macht den Drink etwas herber als man es vielleicht erwartet. Spannend auf jeden Fall!
Deshler Cocktail 1½oz / 45ml Rye Whiskey 1½oz / 45ml Dubonnet ½oz / 15ml Triple Sec 2 Spritzer Peychaud’s Bitters 2 Orangenzesten und 1 Zitronenzeste Alles auf Eis shaken. Mit einer Orangenzeste absprühen. [Rezept nach Hugo Ensslin]
Ich habe mich für die Variante entschieden, die ohne den lila oder beigen Samtbeutel auskommt, in dem er oft gekauft werden kann; für mich ist sowas zwar hübsch anzuschauen, aber gleichzeitig wie Kartons und Dosen etwas, was eigentlich nach der Abnutzung des optischen Effekts direkt entsorgt wird. Da verzichte ich inzwischen gern auf derartige Gimmicks, insbesondere, weil die Flasche an sich ja wirklich hübsch ist und nicht in einem Beutel versteckt werden muss. Ja, der Plastikschraubverschluss ist etwas billig, aber gut.
Ich hatte meinen letztjährigen Ausflug nach British Columbia genutzt, ein paar Whiskys von dort mitzubringen, über den Liberty Distillery Trust hatte ich ja bereits berichtet, und der Northern Harvest war auch einer davon, gekauft in einem BC Liquor Store im Hafengebiet an der Cordova Street in Vancouver, es gibt ja ein Alkoholmonopol in Kanada und man kann Schnaps nur in solchen spezialisierten, staatsbetriebenen Läden erwerben. Nun geht es für mich in kürzester Zeit nochmal nach Kanada, und ich freue mich schon extrem darauf, dieses tolle Land wiederzusehen, und ihre Biere und Whiskys vor Ort zu trinken, idealerweise zusammen mit einer Poutine und Blick auf den Pazifik oder später auf die Berge in den Rocky Mountains und den Nationalparks von Banff und Jasper. Dann schmeckt es nämlich gleich nochmal so gut.
Nicht nur die deutschen Supermärkte rüsten auf, was außerdeutsche und exotische Biere angeht, das passiert in den grenznah bei mir gelegenen französischen Märkten wie Auchan, Record oder Cora genau so. Dort findet sich immer etwas zum Mitnehmen für mich, neulich habe ich mir die Großflasche des Leffe Rituel 9° Bière Blonde Belge Forte gegriffen und für ein paar Euro in den Warenkorb gelegt, neben die Saucisse de Toulouse, ein paar Austern und das frische Baguette. Das belgische Bier wird mit Mais und Hopfenextrakt deklariert, da schwant mir schon etwas, aber ich gehe trotzdem unvoreingenommen an das später gut gekühlte Hopfengetränk heran!
Kristallklar und durchscheinend, dabei mit einer leuchtenden Farbe irgendwo zwischen Terracotta und Kastanie. Im Glas entsteht ein starkes Mousseux, die Perlen glitzernd. Der Schaum ist gemischtblasig, dadurch fallen die großen Blasen zusammen, es bleibt aber genug Schaum lange da, um den optischen Eindruck zu vervollständigen.
Geruchlich muss man sich nicht besonders anstrengen, da ist nicht viel zu finden. Sehr neutral ist das Leffe Rituel 9°, ein bisschen Getreide vielleicht, ein bisschen rostige Nägel, ja, aufregend ist das wirklich nicht.
Das Bier punktet mehr über die Textur, die stark karbonisiert am Gaumen prickelt und dadurch auch Volumen erzeugt. Weich und flauschig fast, dabei mit schöner Säure ausgestattet, die das ausgleicht und spannend hält. Im Rachen spürt man die Würze besonders stark, das nähert sich dem Kratzen an, ohne es wirklich zu erreichen. Die Aromatik ist eher vom Malz getrieben als vom Hopfen, man spürt letzteren aber über die knackige Bittere, die lange anhält – im Gegensatz zum aromatischen Abgang, der sehr kurz ist.
Man mag meinen, dass man hier ein besonderes Bier vor sich hat, wenn man die Flasche im Markt stehen sieht – tatsächlich ist es aber wenig aufregend, wenig inspirierend, wenig begeisternd. Stabil als belgisches Bier, sicher, und ohne Dinge, die mich stören, aber da ist halt auch nur wenig, was mich interessiert. Ein Bier für einen ruhigen Sonntag nachmittag, wenn man die Fenster geputzt und den Keller aufgeräumt hat, zur Entspannung.
Am 24. Mai 2025 findet die dritte Iteration des Armagnac Festival statt – eine Veranstaltung, die ich vollumfänglich unterstütze. Es ist begeisternd zu sehen, was ein paar Leute, die sich für Armagnac einsetzen, in drei Jahren auf dem deutschen Markt geleistet haben. Nicht nur sorgen sie für höchstwertiges Material, das vorher nur schwer verfügbar war, nein, sie machen Armagnac auch visibel und leisten Aufklärungsarbeit. Wer an diesem Wochenende Zeit und Lust hat, sollte in Stuttgart-Untertürkheim vorbeischauen, soviele tolle Weinbrände sieht man sonst nirgends auf einem Haufen in Deutschland! Ich würde mich jedenfalls freuen, den einen oder anderen Leser meines Blogs dort vielleicht zu treffen.
Unter den Ausstellern ist auch die Domaine Tariquet, und wer sich schonmal gedanklich darauf vorbereiten will, für den fische ich in meinem alten Backlog passend dazu einen Armagnac heraus, den ich schon vor mehr als 7 Jahren beschrieben hatte: den Château du Tariquet VSOP Armagnac. Tariquet ist auch heute noch voll aktuell, auch wenn auf heutigen Abfüllungen wohl eben eher „Domaine Tariquet“ steht; tatsächlich sind die Südwestfranzosen sogar ein Dauerbrenner für diese Kategorie, dazu ein Seriengoldmedaillengewinner beim Internationalen Spirituosenwettbewerb ISW, was erwartet man anders von einem Haus, das seit 1683 in der Region Bas-Armagnac in einem holzbefeuerten Armagnac-Alambik diesen älteren Cousin des Cognacs brennt. Für den VSOP-Blend werden die Rebsorten Ugni Blanc und Baco im groben Verhältnis von 3:2 genutzt. Zwischen 5 und 7 Jahren werden die Einzeldestillate in Eichenholzfässern gereift und dann sorgsam vermischt mit 40% abgefüllt.
Eine helle aber kräftige, orangene Farbe liegt sehr elegant im Glas – das Etikett legt Wert darauf, dass diese Farbe „naturelle“ ist. Die Flüssigkeit bewegt sich leicht und ohne Schwere, und Beine am Glasrand entsprechend schnell abwärts.
Der Geruch ist schon die ganze Zeit, während ich die Farbe beurteile und dabei das Glas bewege, präsent. Dunkle Frucht, Pflaumen, reife Pfirsiche, Ananas und grüne Bananen kombinieren sich mit einer hintergründigen Nussigkeit, einer gewissen Rotweinhaftigkeit und einem Anflug von Rancio. Etwas Ethanol liegt in der Luft.
Der erste Antrunk ist superweich und cremig, voll und breit. Die Balance zwischen initialer Süße und im Verlauf entstehender Würzigkeit gefällt mir. Die Banane-Pfirsich-Fruchtigkeit überträgt sich von der Nase in den Mund; eine pfeffrig-heiße Komponente entsteht dazu. Die gefühlte Breite überträgt sich nicht in eine entsprechende Tiefe, der Château de Tariquet VSOP spielt fast ausschließlich im oberen Klangregister. Es könnte stören, dass eine milde Seifigkeit über der Würze liegt, etwas, was ich bei vielen Weinbränden finde.
Der Abgang ist heiß und feurig, mit etwas Schwefel und gefühltem Brummen. Mittellang, die Fruchtnoten und eine sehr attraktive Blumigkeit hängen noch etwas nach. Insgesamt ein rundes Gefühl mit Charakter, etwas, das Armagnac vielen anderen Weinbränden für meinen persönlichen Geschmack voraus hat – hier ist neben der Abgerundetheit eben auch etwas Feuer und Wildheit, was ich sehr genieße.
Einen VSOP-Armagnac kann man wunderbar in Cocktails verbauen, die Kraft macht jeden Weinbrand-Drink direkt etwas aromatischer und wuchtiger, ohne die Eleganz dabei aufzugeben. Besichtigen kann man diesen Effekt im Champs-Élysées, normalerweise gemacht mit Cognac, aber Armagnac punktet hier einfach noch etwas mehr.
Champs-Élysées 60ml Armagnac VSOP 15ml Chartreuse Verte 20ml Zitronensaft 5ml Zuckersirup 1 Spritzer Angostura Auf Eis shaken. [Rezept nach Nina Toye & Arthur H. Adair]
Karton und Design wissen in ihrer Art sehr zu gefallen, man bekommt das Gefühl eines traditionellen Brandes, der nicht mit flashigem Blabla auf sich aufmerksam machen muss.
Wie gesagt, man muss nicht nur mir glauben, wenn man einen guten Armagnac zu einem guten Preis kaufen will. Ich zitiere nur ein paar Auszeichnungen beim ISW, bei dem ich auch 2025 just vor ein paar Tagen wieder Juror war, für andere Produkte dieser Domaine: „Spirituose des Jahres 2022 international“ (Domaine Tariquet Pure Folle Blanche 8 ans), „Bas-Armagnac des Jahres 2023“ (Domaine Tariquet Plant de Graisse 18 ans), „Bas-Armagnac des Jahres 2024“ (Domaine Tariquet Plant de Graisse 18 ans). Das Haus weiß offensichtlich, was es tut. Der VSOP ist ein toller, preislich total leistbarer Einstieg in eine großartige Kategorie.
Louis de Funès, in seiner wohl besten Rolle – „Brust oder Keule“, ein Film aus dem Jahr 1976, der heute noch so unterhaltsam und treffsicher satirisch wirkt wie damals. Der Komiker ist auf dem Etikett des Grape of the Art Domaine d’Espérance 2003 zu finden, leicht verändert nur im Vergleich zum Filmbild. Ich werde jetzt nicht anfangen, den Armagnac gegen das Licht zu halten und rein mit dem Auge beschreiben zu wollen, was ich da im Glas habe, für die Details sorgen wie immer vorbildlich für die gesamte Branche die Abfüller von Grape of the Art. Rein aus der Rebsorte Baco, einer der beliebtesten bei Armagnac, wird der Espérance in der Region Bas-Armagnac in der traditionellen Alambic Armagnacais gebrannt, lagert danach 19 Jahre in Fass #60 und kommt dann im März 2024 in Fassstärke (48,4%) in die 257 Flaschen, die es davon gibt.
Natürlich halte ich den Brand trotzdem kurz gegen das Licht, aber nur für die optischen Eindrücke; tolles Safran, mit diversen abgestuften Lichtreflexen bis zum polierten Gold, kombiniert mit einer wirklich hübsch anzuschauenden Öligkeit, die dauerhafte Artefakte am Glas hinterlässt.
Bourbon? Das ist mein erster Gedanke, als ich das Glas dann an die Nase führe. Nein, zu fruchtig dafür, aber die Assoziation bleibt bestehen, denn neben dem getrockneten Steinobst, den rotbackigen Äpfeln und dem saftigen, weichen Pfirsich ist da definitiv eine gewisse Karottennote. Das Holz integriert sich sehr angenehm, bietet zarte Anflüge einer Zigarrenkiste, ohne den frischen, leichten Charakter des Armagnacs in eine dunklere Ecke zu ziehen. Man spürt etwas Lack, etwas Latschenkiefer, ein Touch Anis.
Gerade letztere Noten sind am Gaumen initial noch präsenter, der Anis und etwas Estragon vielleicht, frisch angepresste Kardamomkapseln. Die Textur ist klar, streng, fühlt sich nicht ganz so viskos an, wie man das vom Schwenken vermutet hätte, dennoch voll und dicht. Im Verlauf entsteht eine trockene Bittere, die Früchte wirken wie knapp vor der Reife vom Baum gepflückt, Säure und Süße sind gut verbaut. Im Abgang wärmt der Espérance den Rachen und die Speiseröhre, während eine minimale Astringenz die Spucke im Mundraum anzieht, und ein sehr angenehmes Mundgefühl hinterlässt. Im sehr, sehr langen Nachklang taucht erneut die Karotte auf, etwas Orangenschale und Zitronenalbedo und ein leicht grünes, leicht florales Bild von Geranien und Jasmin.
Völlig unkompliziert, klar strukturiert und mit dennoch genug Spannung, um mich lange zu unterhalten. Das trinkt sich easy und süffig, man hat in jeder Phase trotzdem richtig viel zu entdecken und gerade der lange Nachklang beeindruckt mich enorm. Das ist so ein Brand, von dem man gerne eine Flasche zuhause hat, die man abends herausholt, wenn man einfach was gutes trinken will.
Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Armagnac-Samples.
Es gibt unterschiedliche Arten von Juroren bei Spirituosenwettbewerben. Da sind einerseits die Tiefenexperten, die von einer Kategorie wahnsinnig viel verstehen und langjährige Erfahrung damit haben. Andererseits gibt es die Breitenexperten, die nicht so tief in eine einzelne Kategorie eindringen, andererseits dafür in vielen Kategorien ein gewisses Wissen mitbringen. Ich persönlich zähle mich zu zweiterer Gruppe, umso erfreuter war ich, als ich die Einladung erhielt, für ein speziell dem deutschen Whisky gewidmetes Event als Juror zu begleiten: den German Whisky Award 2025, der in der Whiskywelt Burg Scharfenstein in Thüringen stattfand. Meine Gegenüber in meiner Jury, Peter „Pit“ Krause und Philipp Schwarz, werden sich wahrscheinlich selbst eher in die T-Experten einordnen, neben mir saß noch Ulric Nijs, der eher wie ich in der Breite verortet ist. Aber das finde ich gut: eine Mischung aus beiden Gruppen macht so eine Bewertung gleich viel spannender, kompatibler und relevanter für den Endkunden.
Nach der Arbeit, die wirklich anstrengend war (100 Whiskys in 2 Tagen bewerten und beschreiben!), gab es noch eine Führung durch die Whiskywelt und die Burg Scharfenstein, ein wirklich sehenswerter Ort; und dort konnte ich im angeschlossenen Shop nicht widerstehen, mir eine Flasche als Erinnerung mitzunehmen, natürlich von der hauseigenen Brennerei No. 9 Distillery, eine interessant klingende Abfüllung: The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask habe ich gewählt. Dabei handelt es sich um einen Whisky, vor Ort in Leinefelde-Worbis gebrannt, der dann für 6 Jahre ins Ex-Bourbon- und Ex-Bordeaux-Fass gelegt wurde und am Ende ein einjähriges Finish im Akazienholzfass erhielt, bevor er auf 48% eingestellt und abgefüllt wird. Akazie scheint ein Holz zu sein, dass die Struktur des Fassinhalts strafft und verlängert, sowohl würzige als auch süßliche Noten einfügt, für unterschiedliche Belegungen findet man unterschiedliche Beschreibungen, Weißwein wird bauchiger, Rotwein erhält ein klareres Tanningerüst, und was mit Whisky passiert, finden wir nun einfach gemeinsam heraus!
Man holt die Flasche aus dem Karton und ist erstmal leicht verzückt – farblich ist das ein durchgängiges Erlebnis. Karton, Etiketten, Korken und Flascheninhalt passen perfekt zusammen, das tut dem sonst oft geschundenen Ästhetenauge gut. Im Glas bleibt der Whisky ähnlich terracottafarben, mit Lichtreflexen zwischen orange und gelb. Die Konsistenz wirkt ölig aber lebendig, schwenkt sich sehr angenehm und es ist schön, diesen fetten Film an der Glaswand bei der vielgestaltigen Auflösung zu beobachten.
In der Nase bekommt man ein sehr mildes Initialbild präsentiert – leicht nussig, leicht weinig, süß mit viel Honig und Nougat. Man ahnt hier bereits die Interaktion der drei Fässer, die der Whisky durchlaufen hat. Vanillig und zimtig von der Bourbonbelegung, fruchtig und minimalst schweflig vom Bourdeaux, und vielleicht ist die Honignote von der Akazie. Dabei wirkt der Nine Springs nicht wirklich altersgemütlich, da sind würzige Nebentöne da, die mich etwas an Kardamom erinnern, eine gewisse Anis-Frische finde ich auch, die fast in Lakritz übergeht. Das Basismaterial aus Getreide ist spürbar, aber nicht dominant, wunderbar integriert mit dem Holz und seinen Vorbelegungen. Etwas Melone, etwas Aprikose, etwas Birne, noch mehr Banane – die Komplexität ist vorhanden, drängt sich aber nicht auf.
Ein sehr milder, feiner Antrunk beginnt das Gaumenerlebnis, die Textur ist leicht, angenehm breit, aber nicht wirklich tief, mit einer sehr sauberen und klaren Struktur, die ein durchgängiges Wohlfühlmundgefühl mit sich bringt. Initial kommen Honigmet, Vollmilch mit Kakaopulver und Oolongtee im zweiten Aufguss vor, bevor sich deutlich beerige Aromen nach vorne drängen, Holunderbeere und Brombeere, weiterhin süßlich veranlagt, ohne Säurespitzen. Eine wirklich elegante Wärme beginnt sich auszubreiten, nur ganz mild pikant, Rosenpaprikaschärfe vielleicht, zusammen mit einem vorsichtigen Brummen aus dem Holz. Im Abgang spürt man eine edle Bittere im Rachen, sich sorgsam aufbauende Trockenheit ohne Astringenz, und eine mentholische Kühle. Im Nachhall zeigt sich Getreide zusammen mit einer leisen Floralität, die mit etwas Grünschnitt einhergeht.
Pure Eleganz, Kraft ohne Protzerei, Feinheit ohne Schwäche, subtil und handwerklich perfekt gemacht. Der The Nine Springs Single Malt Whisky Acacia Cask ist ein Whisky auf Weltniveau, für jenen Genießer perfekt geeignet, der die Komplexität in der Sanftheit zu suchen und finden bereit ist.
Die Rezepte aus dem Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual sind oft hübsch zu lesen, aber nur schwer nachbaubar, wenn man nicht die Lust oder Möglichkeit hat, die vielen Zutaten selbst herzustellen. Beim Whisky Fix à la Stuart hält sich das vergleichsweise noch in Grenzen; um so spannender ist es dann für mich, statt dem Blended Scotch, den die beiden nutzen, einen deutschen Whisky heranzuziehen. Ein faszinierender, herbsaurer, sich entwickelnder Drink – zuerst schmeckt man Ananas, dann kommt der Whisky, und am Ende klingt der Aquavit nach.
Whisky Fix à la Stuart 1½oz / 45ml Scotch ¾oz / 23ml Fino Sherry ¾oz / 23ml Aquavit ½oz / 15ml Zitronensaft ¾oz / 23ml Ananas-Cordial 3 Spritzer Kamillentinktur Auf Eis shaken. In eine Schale mit einem Stück cracked ice abseihen und mit Muskatnuss bestreuen. [Rezept nach Jack McGarry]
Zur Flasche – eine heutzutage durchaus konventionelle Form, Halbliterformat, mit einem Echtkorken und elegant gestaltetem Etikett und einem in der Farbe passenden Geschenkkarton. Die Details darauf sind etwas schlecht lesbar, gold auf hellbraun ist keine sehr kontrastreiche Farbwahl, und die Schrift ist recht klein, das ist nichts für meine aufkommende Altersweitsicht, auch wenn die Farbe natürlich, wie oben geschrieben, gut passt.
Ich gebe hier nun noch ein paar Eindrücke von der Burg Scharfenstein, dem Event und dem großartigen Essen, das im angeschlossenen Hotel- und Restaurantbetrieb serviert wurde, wieder; wer mal ein entspanntes Wochenende mit Burgflair und trotzdem moderner Ausstattung erleben will, ist hier richtig, da kann man sich echt wohlfühlen: Bernd Ehbrecht und Martin Henning sind großartige Gastgeber, das Team funktioniert wie ein Uhrwerk.
Eine der Entdeckungen, die regionale Erfolgsmarke Neunspringe Cola, habe ich auch mitgebracht und schon getrunken, leider ist die für mich im Saarland nur über sehr teure Onlineshops verfügbar, sonst wäre das meine Hauscola geworden. Und ja, ein kleiner Schock für die Puristen am Schluss des Artikels, man kann sie extrem gut mit dem Nine Springs Single Malt und ein paar Eiswürfeln vermischen, wenn einem nach einem Longdrink mit Stil ist, da kommt Qualität auf beiden Ebenen zusammen. Muss man aber nicht, beides sind für sich tolle Genussmittel, die mir viel Spaß bereitet haben.
Inzwischen sind übrigens auch die Ergebnisse des Wettbewerbs bekannt, und tatsächlich hat ein Schwesterprodukt des hier besprochenen Whiskys, der The Nine Springs Peated Breeze Marsala Cask Strength, den Haupttitel gewonnen. Man sieht, die Juroren waren sich recht einig, dass hier bei The Nine Springs tolle Produkte entstehen. Der German Whisky Award 2025, auf jeder Ebene ein großer Erfolg!
François-Xavier Sobczak hat sich nach unserer gemeinsamen Reise mit Spirits Selection by CMB nach China zu einem kreativen Versuch inspirieren lassen. Dafür fermentiert er reinen Zuckerrohrsaft über 8 bis 12 Monate. Gegen Ende kommt ein mikrobiologischer Fermentationsbeschleuniger zum Einsatz, eine Art Scoby wie bei Kombucha, Koji bei Sake oder Daqu bei Baijiu. Dann brennt er auf zwei Arten – DQ#1 wird in einer Charentais-Potstill gebrannt, DQ#2 in einer Double-Retort-Still, wobei eine Art Dunder aus der Fermentation mitgenutzt wird. Wir reden dabei am Ende über Estergrade von rund 3600g/hlpa! Ich durfte zwei der Ergebnisse probieren.
DQ#1 zeigt eine wirklich extreme Fruchtigkeit, voller Mango, Ananas, Erdbeere und Banane. In der Basis liegt voll und dicht das Zuckerrohr. Die Ester sind gar nicht quietschig oder kratzig, sondern richtig gut eingebunden, eine klare Struktur ist fühlbar. Geschmacklich bleibt es erkennbar als Rum, aber mit einem sehr spannenden Gewürztwist. Extrem ausdauernd, mit knackiger Säure.
Bei DQ#2 hat man dagegen eine fast schon mentholische Frische, mit der Frucht weniger differenziert in einer ausgesprochen bunten Tropifrutti-Mischung, und einer fleischigen, erdigen und gemüsigen Beinote. Im Mund, ja, da spürt man wirklich irgendwie ein Crossover aus Rum und Baijiu, die Ester sind kantig und wild, vergorene Pfirsiche und matschige Ananas. Eine wundervolle Floralität klingt nach!
Das ist sehr spannend und unterhaltsam, ein hochinteressantes Experiment! Hier hat man Extremester-Rum, der aber einen ganz eigenen Charakter hat und weder Jamaica-Continental-Flavour noch Grand-Arôme-Agricole kopiert, sondern etwas Runderes erschafft. Der ganze Raum duftet lang nach diesen extremaromatischen Bränden. Zur Zeit ist nicht geplant, diese verrückten Dinge kommerziell zu veröffentlichen, aber man kann sicher sein, dass in der Alchemisten-Werkstatt von François-Xavier weiterhin viel passiert!
Der Begriff „agricole“ ist im Wirkbereich der EU-Spirituosenverordnung geschützt. Er darf nur von gewissen Regionen, die Zuckerrohrsaftrum herstellen, genutzt werden; es handelt sich dabei fast ausschließlich um französische Übersee-Territorien und -departements, wie Martinique, Guadeloupe und Réunion. Die einzelne, oft übersehene Ausnahme aus dem frankophonen Monopol ist die portugiesische autonome Region Madeira, auch hier darf offiziell der Zuckerrohrsaftrum mit dem Begriff „agricole“ gekennzeichnet werden, oder eben, in der Landessprache, „agrícola“, wie man es auf dem Etikett des Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° sehr prominent findet. Auf dem Rücketikett ist spiegelverkehrt das Wort „Aguardente“ aufgedruckt, das dann hübsch durchscheinend von vorne lesbar ist; hierbei handelt es sich um eine allgemeinere Klassifikation, die weniger klar definiert ist. Man bezeichnet im spanischsprachigen Umfeld, auch in Südamerika beispielsweise, gerne ungereifte Rums als „aguardiente“, um sie vom gereiften „Rum“ abzugrenzen, das ist aber mehr gefühlt gehandhabt als in harten Gesetzesbuchstaben.
Aber wem erzähle ich das, aufmerksame Leser meines Blogs haben das schon so oft wiedergekäut bekommen, dass sie das aus dem Stegreif berichten können, wenn man sie nachts um drei aufweckt. Gehen wir daher näher an die Praxis der Herstellung: rotes Zuckerrohr (man findet auf den einschlägigen Seiten der deutschen Importeure dieses Produkts ein paar Bilder, die klar machen, warum das Zuckerrohr so heißt, es ist aber auch nicht schwer selbst erschließbar) wird geerntet, dabei ist oft noch viel Handarbeit im Spiel, die manchmal schwierigen Anbaulagen des Zuckerrohrs auf Madeira, teilweise in 600m Höhenlage, erlauben zwar an manchen Orten Maschineneinsatz, doch das ist bei weitem nicht so industrialisiert in Verbreitung wie anderswo auf der Welt. Der Saft wird ausgepresst, in Tanks fermentiert und dann in einer Säule gebrannt. Ohne Zusätze kommt er dann in die Flasche, nur Wasser wird genutzt, um ihn auf die namensgebenden 50% Alkoholgehalt einzustellen.
Ungereift ist dieser Rum, darum muss man sich auch nicht groß über die Farbe unterhalten; dennoch ist der optische Eindruck für mich immer wichtig, ich betrachte gerne die Viskosität (hier klar vorhanden), und das Glaswandverhalten (hier mit vielen, breit verteilten Beinchen, die schnell ablaufen, dabei aber einen Film hinterlassen).
Besonders tief muss man die Nase nicht in das Verkostungsglas stecken, um die Charakteristik des Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° wahrnehmen zu können – sehr direkt riecht man da frischen Zuckerrohrsaft als primäres Aroma. Ein bisschen anders als der, den ich auf Guadeloupe in der Karibik kennengelernt habe, hier ist ein bisschen mehr Würze und ein Anflug von Anis vorhanden. Die fette Grasigkeit wird durch viel Fruchtbeigabe aufgelockert, das riecht nach vergorener Orange, reifer Ananas und weist sogar einen Touch von Vanille auf. Etwas mentholisches ist auch drin, ohne, dass es wirklich die Schleimhäute triggert. Sehr typisch für einen Agricole-style-Rum, aber mit einem gewissen Twist, der ihn von seinen karibischen Kollegen unterscheidet.
Auch im Mund zeigt sich der Agrícola 50° deutlich selbstbewusst und abgegrenzt. Genau diese Anisnote und die feurige Würze machen ihn besonders, lassen das Zuckerrohr dabei aber nicht untergehen. Die Textur ist dicht und voll, getragen von den 50% Alkoholgehalt, die man deutlich spürt, ohne dass hier ein Kratzen oder Beißen mitkommen würde. Süße und Bittere ringen beständig miteinander, zu Beginn dominiert erstere, im Finish klar letztere. Die Frucht ist nun etwas zurückgenommen, dafür breitet sich eine sehr maritime Inselnote aus, die aus Mineralität, sehr prägnanter Salzigkeit und einem grünen Algenaroma besteht, das sich im Abgang immer deutlicher zeigt, wenn er dann doch ein bisschen im Hals kratzt. Im Abgang wirkt der Rum dafür sehr balsamisch, eukalyptische Noten und mentholische Effekte verleihen ihm einen frischen Hauch, der bis in die Bronchien dringt und den Gaumen kühlt.
Da ist Wucht und Kraft drin, das hat nichts mit einem eleganten Agricole von Martinique zu tun, oder einem verspielten von Guadeloupe – das ist wild, ungezähmt, schwer und dabei immer noch frisch und klar, sehr bedacht auf seine Zuckerrohrwurzeln, direkt und ohne jede Art von Spielerei. Da wird nicht gespaßt, der Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° macht Ernst, und daraus bezieht er seine Spannung – man fühlt fast den Schweiß der Arbeiter bei der Ernte.
Der madeiranische Nationalcocktail ist natürlich der Poncha. Wenn man sich darüber ein bisschen einliest, erfährt man, dass ihm auch lindernde Effekte nachgesagt werden, was Krankheiten angeht – als ich die Flasche zugeschickt bekam, ging bei mir gerade eine recht hart verlaufende HNO-Infektion zuende, und was kann man dem Körper besseres tun als eine Mischung aus Zitrusfruchtsaft (frisch gepresst ist hier wichtiger denn je), wohltuendem Honig und schlafförderndem Alkohol. Dass der Poncha auch wirklich gut schmeckt und erfrischt, ist da ein gern gesehener Seiteneffekt, wenn die Geschmackssinne langsam wieder zurückkehren.
Poncha 1 Esslöffel Honig in 40ml Zitronensaft auflösen 80ml Aguardente de cana dazugeben, gut verquirlen 40ml Orangensaft dazugeben, weiterquirlen Ungekühlt servieren. [Traditionelles Rezept]
Die Literflasche in Braunglas hat viele Details direkt auf die Flasche aufgedruckt, darunter die Hinweise auf den Poncha – Zitrusfrüchte, den traditionellen Quirl, Zuckerrohrstangen und ein passendes Glas. Das „Durchscheinen“ des Worts Aguardente habe ich ja schon erwähnt, und man muss natürlich den sehr kostensparenden Plastikverschluss ansprechen, das ist wirklich nur minimal abgedichtet – ein Hinweis darauf, dass so ein Getränk eher dem zügigen Verbrauch dient und weniger der jahrelangen Aufbewahrung zuhause.
Nicht, dass die Gefahr bestehen würde, dass so ein kraftvoll-aromatischer Brand bei mir lange rumstehen müsste; ich habe viele Cocktailrezepte im Sinn, bei denen er schnell geleert sein wird. Allein schon die vielen Ponchas, die ich mit ihm im hoffentlich nun nahenden Wärmewetter anrichten werde… nein, der Engenho Novo Rum Agrícola da Madeira 50° hat keine hohe Lebenserwartung im Hause schlimmerdurst.
Offenlegung: Ich danke FFL -Rum Brands- für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.
Wenn eine Brauerei schon so einen regalen Namen wie Brauerei Fürstlich Drehna in Brandenburg trägt, muss man mit Tradition rechnen. Fast 300 Jahre Brautradition ist aber auch wirklich etwas, worauf man stolz zurückblicken kann. Mich wundert bei so einem Betrieb dann eher, dass man sich auf etwas Alternatives einlässt statt einfach die alte Marke von Annodazumal weiterzubrauen. Honig ist dabei sicher kein moderner Hype, daraus hat man schon seit Urzeiten alkoholische Getränke gemacht, darum ist das Odin-Trunk Honigbier kein verrücktes Experiment. Brauwasser, Gerstenmalz, 2,5% Honig, und Hopfen, die Zutatenliste ist erfreulich kurz und natürlich, mit 5,4% Alkoholgehalt hat man auch was am Gaumen liegen. Wie schmeckt sowas? Ich bin gespannt.
Kristallklar, wunderbar leuchtendes Kupfer, ein attraktive Perlage, bei der die Bläschen selbst glitzern, und dann einen sehr feinen, ausdauernden Schaum bilden – optisch ist der Trunk des Gottes schonmal ein Hit, das muss ich sagen.
Wer „Honig“ liest und deswegen damit rechnet, dass das Bier süß rieche, täuscht sich, für die Nase ist das schon eher gefühlt ein malzlastiges Bier, leichte Fruchtnoten, und ein bisschen so ein Stallgeruch, eher Pferde als Kühe, der mich anzieht, und diese Rostigkeit, die man bei Lagerbieren oft findet. Ansonsten, wie gesagt, Honig tu ich mich schwer wahrzunehmen, eher Malz und Erdigkeit. Was nicht schlecht ist, mir gefällt der Duft.
Auch im Antrunk ist erstmal eine übliche Mischung aus Bittere, Säure und Süße vorhanden, eine volle, breite Textur, die durch die Karbonisierung und das Volumen des Biers entsteht, schön kauig und trotzdem frisch und helltönig. Im Verlauf, ja, da kommt etwas Süße stärker hervor, und man meint auch die Honigaromen dann hier durchzufühlen. Diese Süßbittere unterscheidet das Honigbier dann vom klassischen Gerstenbier, das hat tatsächlich eigenen Charakter. Der Abgang ist aber dann sehr kurz, lässt hauptsächlich rostige Nägel und eine leicht unangenehme Süße im Rachen zurück.
Ich bin zwiegespalten, einerseits finde ich den Odin-Trunk echt süffig und trinkig, andererseits ist der Abgang nicht so schön, wie ich ihn mir dazu gewünscht hätte. Man trinke es kühl und ohne viel drüber nachzudenken, dann passt das schon und macht Spaß.
San Luis Potosí, die Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaats, ist eine wirklich alte Stadt. Gegründet wurde sie 1592, die reichen Bodenschätze wussten schon die spanischen Kolonialherren zu schätzen. Später wurde sie zu einem wichtigen Knotenpunkt der Eisenbahn, die Strecken von den USA bis an den Golf von Mexiko bediente. Das koloniale Erbe und den Reichtum, den man der Erde damals entriss, sieht man heute noch deutlich im Stadtbild, das von alten Kirchen, Türmen und anderen sehr gut erhaltenen Gebäuden geprägt ist. Die Eisenbahn ist weiterhin sehr präsent dort, und sie bietet sich natürlich besonders an, als Pate für einen Mezcal aus der direkten Umgebung zu dienen. Normalerweise ist das Etikett des Estación Ipiña Mezcal Blanco, den ich von meinem Besuch im Zuge von México Selection by CMB 2024 mitgebracht habe, schwarz, mit einem imposanten Bild eines der typischen Züge des späten 19. Jahrhunderts, mit großem Rauchfang und dem auffälligen „cowcatcher“. Die Abfüllung, die ich mitgebracht habe, hat für eine limitierte Auflage ein pinkfarbenes Etikett. Mit jeder verkauften Flasche mit diesem Etikett trägt man zu „Cócteles con Causa“, einer Initiative zur Brustkrebsbekämpfung in Mexiko, bei.
Der Agavenbrand wird zu 100% aus der regional sehr beliebten, wild wachsenden Agave Salmiana, auch Maguey Verde genannt, gemacht. Es handelt sich hierbei um einen durchaus mit modernen Mitteln hergestellten Mezcal, kein Artesanal oder Ancestral, doch das muss nicht unbedingt eine Einbuße an Herstellungsqualität bedeuten: Ein Steinofen kommt beim Kochen zum Einsatz, eine Tahona zum Mahlen der gekochten Fibern. In Edelstahltanks wird fermentiert, und in einer Kupferpotstill destilliert, diese Herstellungsweise ist offensichtlich schon hochwertig. Und der Geschmack hält mit, was ich mit meinen nun folgenden Geschmacksnotizen zeigen werde.
So einen Mezcal trinke ich gerne aus einem Veladora-Glas, das gut in der Hand liegt und authentisch ist. Man sieht auch in so einem Glas die leichte Viskosität und den Rand, der sich beim Schwenken bildet, aus dem die Beine ablaufen. Glasklar ist die Flüssigkeit, natürlich, das erwähne ich nur am Rande.
Sie ist mir außerordentlich ans Herz gewachsen, die Agave Salmiana, weil sie eben diesen absolut eigenständigen Geruch und Geschmack hat, und sehr leicht aus allen anderen Agavenbränden herauszufinden ist. Sehr herbal, sehr grün, sehr originär-direkt an die Pflanze, aus der der Brand entstanden ist, angelehnt. Das könnte man leicht mit Plastik verwechseln, wäre da nicht die wunderbare Komplexität und aromatische Eleganz, die an Wüstenkräuter und frisch aufgeschnittene stachelige Kakteen erinnert. Ein Hauch Bitterschokolade, ein Anflug von Orangensaft und -albedo, beide halten sich im Hintergrund und bieten der Agave das volle Rampenlicht. Da sind viele unterschwellige Assoziationen, die aufkommen, ein bisschen fuseliges Maschinenöl, ein bisschen mineralisches Salz, etwas Floralität von Kaktusblüte, ein minimalster Anflug von Ethanol, der mich an aromatischen Wodka erinnert. Sehr unterhaltsam, sehr direkt, sehr pflanzlich.
Im Mund wirkt der Estación Ipiña noch mineralischer, eine leichte und klare Textur legt sich angenehm an den Gaumen, ohne sich dabei anzuschmiegen. Frisch und mit fast schon eukalyptischen Noten erscheint er vom Antrunk an, mit einer angenehmen, ganz milden Salzigkeit. Die Agave kommt voll durch, geschmacklich noch mehr als geruchlich, man hat wirklich das Gefühl, in eine Grünpflanze zu beißen und den Saft zu lecken. Eine feine, edle Feurigkeit kommt im Verlauf auf, sie unterstützt mit ihrer sowohl vom Effekt als auch dem Geschmack pfeffrigen Seite. Spät erscheint deutlich eine schokoladige Seite, eher weiße als dunkelbraune Schokolade, und etwas leicht angekokeltes Holz. Im Abgang wirkt der Estación Ipiña etwas bitter, und wird hier leicht alkoholisch – leider fehlt es etwas an Körpertiefe, die so einen Eindruck auffangen würde, mit etwas mehr als den eingestellten 40% Alkoholgehalt könnte das meines Erachtens besser werden.
Der Abgang ist der einzige kleine Makel an diesem Mezcal, der offensichtlich eher auf einen Easy-Drinking- oder Foodpairing-Einsatz setzt. Solche Mezcals muss es auch geben, und man muss ihm trotzdem zugestehen, dass er das mit seinen Mitteln hervorragend macht. Kein wirklicher Genussdrink also, bei dem man minutenlang von einem Schluck zehrt, sondern eher was für den unterhaltsamen Abend mit Freunden.
Es ist ein Zufall – ich hatte vor einer ganzen Weile für eines der tollen Rezepte aus dem schwedischen Cocktailbuch „Vilda Drinkar“ einen Rosenblüten-Hibiskus-Sirup hergestellt, und auch noch getrockneten Hibiskus davon übrig. Dies ist eine der wichtigsten Zutaten des Mezcal de Jamaica, wobei man wissen muss, dass der Name nichts mit der karibischen Insel zu tun hat, sondern schlicht der spanische Name für Hibiskus ist. Oh, wie schön Hibiskus und Maguey Verde zusammenpassen! Ein wirklicher Traumdrink.
Mezcal de Jamaica 45ml Hibiskussirup 45ml Mezcal blanco (Salmiana) 25ml Ananassaft 15ml Zitronensaft Das Gästeglas mit einem Rand aus gemahlenen Hibiskusblüten versehen. Auf Eis shaken, dirty dump. Mit einem Ananasblatt dekorieren. [Rezept nach Grupo Estación Ipiña]
Zur Flasche an sich gibt es nicht viel zu sagen, außer dem Etikett, wie schon in der Einleitung erwähnt. Um so mehr allerdings zu der Region, aus der dieser Mezcal kommt; ich hatte ja die großartige Möglichkeit, während México Selection by CMB 2024 ein paar Tage in San Luis Potosí zu verbringen und die Stadt, die Menschen, und die Gewohnheiten ein bisschen kennenzulernen. In Bildern kann man die Intensität, die ich erleben durfte, nicht wiedergeben, ich versuche es trotzdem. Bei La Oruga y La Cebada setzten sich ein paar Leute und ich zusammen, bestellten eine Flasche Mezcal nach Empfehlung des Hauses, und es war dann zufällig eben genau der Estación Ipiña. Man lernt: in der Region wird Mezcal mit Limetten-, Zitronen- und Orangenschnitzen und einem orangeroten Würzsalz serviert, auch wenn sich dem Kenner dabei erstmal die Haare sträuben. Doch die Erfahrung ist wichtig: nicht alles, was man als Purist so denkt, wird von denen, die Mezcal herstellen und täglich trinken geteilt. Also entspannt man sich, genießt den Mezcal mit Salz, und passt sich den Menschen dort an. Ich werde für meinen Teil nicht mehr herablassend über diese Kombination reden!
Besonders in Erinnerung habe ich noch den Spaziergang am Tag der Ankunft, als ich noch allein in der Stadt unterwegs war. Diese superscharfe Mischung aus Mais, 4 verschiedenen Chilis und Sour Cream, die man in Pappbechern für ein paar Pesos bekommt, trieb mir so sehr die Tränen in die Augen, dass ich keuchend einen Ausgleich suchte, und ihn glücklicherweise in den hausgemachten Churros der noch sehr jungen Verkäufer fand – 20 Pesos, rund 80ct, kostet so eine Packung am Straßenrand. In einem Laden habe ich mir dann noch einen mexikanischen Cowboyhut gekauft, den ich im Sommer hier in Saarbrücken tragen werde – ich bin gespannt auf die Reaktionen, der Saarländer an sich ist eher konservativ. Zu guter letzt erwähne ich noch den tollen letzten Abend, den eine kleine Gruppe aus gastfreundlichen und gut gelaunten Mexikanern, einem gewitzten US-Amerikaner, einer äußerst attraktiven Kanadierin und einem strengen Portugiesen (und mit mir natürlich), zusammen verbrachte, zuerst im Callejón 7B, einer Brauerei mit großartigen Bieren und Snacks, und später im Rincón Huasteco, wo wir nochmal richtig bei den herausragenden Tacos, Enchiladas, Tamales, Enfrijoladas und Bocoles zuschlugen. San Luis Potosí ist eine wirklich unterhaltsame Stadt, die alles bietet, was der Tourist erleben will. Nunca nos vamos a ir, das war das Motto des Abends, und ich fühle und vermisse es heute noch.