Es wurde, wie üblich, mit großem Pomp bekannt gegeben, wer im Folgejahr Ausrichterland des Spirits Selection by CMB sein würde – und mich freut es sehr, dass erneut China Gastgeber für diesen besonderen Spirituosenwettbewerb im Jahr 2024 sein wird. Die Stadt Renhuai in der Provinz Guizhou wird Ort der Austragung sein, und da ist es wohl mehr als passend, wenn ich bereits jetzt in Vorbereitung darauf den einen oder anderen lokalen Sprit aus der Region vorstelle. Die Stadt ist eines der Zentren für die in Südwestchina besonders beliebte Teilkategorie des 酱香 jiangxiang-Aromas, außerhalb Chinas am besten bekannt unter dem Pseudonym „Sauce-Aroma“, wer hier auf dem Blog aufmerksam mitgelesen hat, hat gesehen, dass ich schon ein paar Produkte dieser Kategorie präsentiert hatte.
Heute möchte ich einen weiteren Baijiu zeigen, der von dort stammt. Der Guizhou Guotai Libin Baijiu (贵州国台礼宾白酒) ist herstellungstechnisch archetypisch für die Sauce-Aroma-Kategorie, was man in den detaillierten Angaben auf dem Rücketikett nachlesen kann (rudimentäre Chinesischkenntnisse vorausgesetzt, natürlich). Wasser, Hirse und Weizen werden als Zutaten angegeben, für die Region sehr übliche 53% als Alkoholgehalt. Wie genau so ein Baijiu hergestellt wird, werde ich, falls ich nächstes Jahr mit nach Renhuai reisen darf, dann mit Bildern aus erster Hand dokumentieren, bis dahin verweise ich, wie üblich, auf die Referenzmaterialien von Derek Sandhaus (insbesondere natürlich das weiterhin unverzichtbare „The Essential Guide to Chinese Spirits“) und die älteren Blogeinträge hier bei mir. Lesen ist das eine, probieren das andere und viel wichtigere, darum tue ich das nun für meine Leser*innen, in der traurigen Gewissheit, dass kaum jemand das nachvollziehen wird, aber vielleicht gewinne ich mit den Tasting Notes den einen oder anderen Experimentierfreudigen dazu, sich diese spannende Spirituosenkategorie trotzdem mal anzuschauen.
Die Öligkeit der Flüssigkeit ist beeindruckend, da schwappen träge Wellen beim Schwenken, dass es eine Freude ist. An der Glaswand bleibt dauerhaft ein Film zurück, und nur widerwillig läuft er dann in dicken Schlieren ab. Kristallklar und glitzernd, ein optischer Eindruck, der überzeugt.
Wer sich auch nur etwas mit den unterschiedlichen Stilen bei Baijiu auseinandersetzt, erkennt die hohe Typizität eines Sauce-Aroma-Baijiu sofort, beim Guotai Libin ist das nicht anders. Diese ungewohnte Mischung aus erdigen, würzigen und malzigen Aromen gefällt, weil hier auch kaum etwas nichts des durchaus oft anzutreffenden Nagellackentferners dabei ist – die Tonalität ist dunkel, süßlich und schwer, ganz ohne Ethanolspitzen, nur ein Hauch von Lack gibt eine minimalst frische Kante. Die Nase findet Brotteig, Sojasauce und ein Tick von frisch angeschnittenen Champignons, dazu durchaus ordentlich Sauce Béarnaise. Estragon und etwas Süßholz geben etwas Grüne dazu, ein Anflug von Apfelessig komplettiert ein wirklich komplexes und vielschichtiges Bouquet, an dem man gerne lange schnüffelt.
Initiale Süße bildet die Basis für Getreidearomen, Hirse, aber auch schon kuchenteigartige Eindrücke. Alles, was die Nase roch, ist da und wird sogar verstärkt – Lakritz ersetzt das Süßholz, Anis das Estragon. Die erdigen Töne gehen etwas in Kaffeepulver über. Es kommt nun der Lack stärker zum Vorschein, aber immer noch nicht störend. Das Mundgefühl des Guotai Libin ist, passend zum optischen Eindruck, dicht, schwer und voluminös, mit fast cremigem Touch. Das bleibt auch bis zum Schluss, wenn erst freche Essigsäure, dann langsam weißpfeffrige, aber eingegrenzte Pikanz dazukommt, die den Gaumen ganz mild und fein zum Glühen bringt, ohne ihn zu reizen. Der Abgang ist herrlich rund, mit Noten von feuchtem Beton, Getreide, etwas minimalst mentholischem Grünschnitt und nussigem Sesam, bleibt lange, aber nicht aufdringlich: ein Gast, der sich zum rechten Zeitpunkt nach einem schönen Abend verabschiedet.
Das liegt richtig gut im Mund, ganz ohne Aggressivität, aber dennoch viel Kraft und Dichte. Die Aromenkomplexität ist hoch, und punktet mit einem sehr angenehmen Spektrum. Ein wirklich schöner Baijiu, der mir keinen Wunsch offenlässt – genau so soll er schmecken und wirken. Hochgradig empfehlenswert!
Baijiu ist inzwischen dank der unermüdlichen Arbeit einiger weniger in der Barwelt durchaus angekommen, natürlich nicht überall, aber doch erkennbar. Entsprechend wächst auch die Liste der Rezepte, diese hauptsächlich aber für Starkaroma-Baijiu, bei Saucearoma-Baijiu ist das weiterhin dünn gesät. Hier probiere ich mal eine Variante auf einen Kimchi Gibson, bei dem der Baijiu eher als Aromat eingesetzt wird. Und was soll ich sagen? Der Saucy Gibson ist spannend, mich wundert nicht, dass der gesamte Trend der „savory/umami cocktails“ im Allgemeinen Fahrt aufnimmt.
Saucy Gibson
1oz / 30ml Dry Gin
1oz / 30ml Old Tom Gin
½oz / 15ml süßer, weißer Wermut, mit Dill infundiert
½oz / 15ml Sauce-Aroma Baijiu
Auf Eis rühren. Mit einem Radieschen servieren.
[Rezept nach Helmut Barro]
Wie üblich begeistert diese Abfüllung mit einem opulenten Design. Die Halbliter-Flasche des Guotai Libin ist mattiert und mit vielen goldenen Applikationen versehen. Im Gegensatz zu manchen anderen Produkten hält die Präsentation hier auch einem zweiten, genaueren Blick stand, da sind weder billiges Plastik noch Gussgratkanten erkennbar. Dazu kommt die sehr gelungene Box, haptisch hochwertig und optisch ein Genuss.


Ein rundum rundes Paket, würde ich sagen, das man mit dem Guizhou Guotai Libin Baijiu bekommt. Weiterhin gilt natürlich, dass die Kategorie insgesamt eine doch steile Lernkurve, was die Sensorik angeht, hat, doch meine Erfahrungen mit Neulingen (insbesondere beispielsweise mit erfahrenen Verkostern, die bei Spirits Selection by CMB zum ersten Mal in Kontakt mit hochwertigem Baijiu kommen) überzeugen mich davon, dass da ein gewisses Potenzial ist, das gehoben werden kann. Ich hoffe, einen kleinen Teil dazu beitragen zu können.
Offenlegung: Ich danke der Woltermann Import UG für die unaufgeforderte, kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Baijius.









































