Bier am Freitag – Szent András Magyar Vándor, Monarchista und Laza Morál

Vom letzten Ungarntrip habe ich natürlich ein paar Flaschen Pálinka mitgebracht, das stand außer Frage. Ich habe dort auch immer gern Bier getrunken, das klassische Dreher Gold, Soproni und Arany Aszok waren schon früher immer gern gesehene Essensbegleiter in Budapest. Doch nun fand ich auf den Speisekarten, den Kneipen und in den Supermärkten plötzlich soviele andere Biersorten, die mir trotz meiner vielen Aufenthalte dort völlig unbekannt waren, und so wurden diese ausgiebig probiert und mitgenommen. Stellvertretend dafür stelle ich heute drei Sorten der 30 Jahre alten, 2014 modernisierten Brauerei Szent András Sörfőzde vor: Szent András Magyar Vándor, Monarchista und Laza Morál.

Szent András Magyar Vándor, Monarchista und Laza Morál

Die erste der Flaschen, die wir nun öffnen, ist das Szent András Magyar Vándor, übersetzt „ungarischer Wanderer“, was wahrscheinlich auf den Hybridstil aus Lager und Ale hinweisen soll. Diverse Hopfensorten (Citra, Cascade, Aurora und Mittelfrüh) und Pilsner und Münchner Malz werden sowohl unter- als auch obergärig fermentiert. 5,6% Alkoholgehalt und 35 IBU sprechen eine deutliche Sprache.

Szent András Magyar Vándor

Klar, aber nicht kristalldurchsichtig, leicht opalisierend, mit heller Kupferfarbe. Leichte Perlage sieht man dazu, die die schmale Schaumschicht füttert, bestehend aus feinsten Bläschen. Die Nase geht mehr ins Ale als ins Lager, klar hopfendominiert, dabei aber mit erkennbarer Getreidigkeit. Fruchtmarmelade, Apfelkompott, reife Pflaumen – das ergänzt sich insgesamt zu einer sehr schwerfruchtigen, süßen Angelegenheit mit viel Charme, unkompliziert, nicht kratzig, sehr gefällig. Direkt setzt sich das im Mund fort, auch hier bleibt initial schöne Süßfrucht vorhanden, ordentliche Ale-Cremigkeit belegt den Gaumen, ein bisschen Hopfenbittere gleicht das alles aus. Im Verlauf drängt der Lagercharakter das Ale dann immer stärker nach hinten, Malzigkeit kommt stärker voran, Getreide und Bittere erzeugen eine leichtere, hellere Textur und ein frischeres Geschmacksbild. Der Abgang ist dann ausschließlich Lager, klar, sauber, leicht floral.

Sehr schön gemacht, gerade diese Hybridstellung ist klar sensorisch nachvollziehbar: das Beste aus zwei Welten. Aber zügig und kühl trinken, sonst wird es am Ende etwas schal.


Ein „Imperial Pilsner“ hatte ich, ehrlich gesagt, noch gar nie zuvor im Glas, umso gespannter bin ich dementsprechend auf das Szent András Monarchista, der imperiale Zusatz bezieht sich sicher auf den hohen Alkoholgehalt von 7% und die für ein Pils üppigen 30 IBU. Eine schöne, namensgebende Austrohungarische-Monarchie-Malzkombi hat man sich da ausgesucht, Pilsner, Wiener, Münchner, dazu noch Karamellmalz. Mit Spalter Select, Aurora und Magnum spart man auch nicht bei den Hopfensorten.

Szent András Monarchista

Der Schaum ist nach dem Eingießen sehr beeindruckend dick, und besteht nur aus feinsten Bläschen, richtig fluffig ist das. Nach ein paar Minuten ist noch ein fingerdicker Rest übrig, der weiterhin cremig das opalisierende Kupfer bedeckt. Bedeutend unauffälliger als dieser knallige optische Eindruck ist der Geruch, da muss man schon etwas Fantasie aufbringen, um wirklich aussagekräftiges zu finden. Etwas getreidiges Malz, etwas Bitterhopfen, nun, bei einem Pils suche ich in der Regel auch nicht oft nach einer expressiven Nase. Die Textur dagegen weiß genauso zu überzeugen wie der Anblick, das ist cremig, dicht, voll und schwer, fast schon kauig. Die Süßsauerbalance ist perfekt, ein Tick Salz ist da, zusammen mit den schweren Getreidenoten. Dabei sind keine unerwarteten Aspekte vorhanden, das trinkt sich klar und sauber, wie man es von einem Pils erwartet, die 30 IBU sind wunderbar eingebunden, wie auch der Alkoholgehalt. Der Abgang ist klar, kurz und knackig, mit leichter Astringenz endet das Bier zügig.

Das ist wirklich großartig, ein Bier, bei dem ich mir dringend noch ein paar Flaschen organisieren muss. Toll gemacht, stilistisch sicher, und mit viel Kraft und Verve. Eine der Entdeckungen, was ungarisches Bier angeht!


Zu guter letzt lassen wir jegliche Zwänge sausen und wenden uns dem Szent András Laza Morál zu. „Lockere Moral“ nennen die Brauer dieses leicht eingebraute Session IPA mit 4,6% Alkoholgehalt, auf Basis von Pale- und Münchner-Malzen sowie Citra- und Simcoe-Hopfen.

Szent András Laza Morál

Optisch spricht es mit einem leuchten, nur leicht trüben Kupferton zu uns, über die erkennbare Perlage speist sich dünner Schaum. Natürlich dominieren in der Nase sofort die zitruszestigen Hopfennoten, initial durchaus kantig und zwickend, erst aufs zweite Schnuppern hin mit fruchtmarmeladigen Seiten. Grapefruitzeste und Traubengelee ringen etwas miteinander, Litschi und Mango liefern Subtext. Die Textur weiß im Antrunk schonmal zu überzeugen, voll und cremig, aber ohne richtig kauig zu werden, mit guter Karbonisierung für die Auflockerung. Dann schlagen aber direkt die Hopfen zu, und zwar richtig prickelnd und im Verlauf sogar kräftig anästhesierend und kalt, da fehlt mir etwas die Basis, auf die soetwas besser aufbauen könnte, sowohl vom Alkoholgehalt als auch vom Malz – die Säure in diesem Bier ist zu stark geworden. 35 IBU spürt man sehr deutlich. Gegen Ende erwartet einen eine unerwartete Kaffeepulvernote, so einen Twist finde ich dann wiederum sehr spannend.

Session IPAs sind nicht so richtig mein Ding, glaube ich, für kräftige Bittere braucht man einfach kräftigen Körper, sonst kratzt es, und beim Laza Morál ist das dann sogar einigermaßen gelöst worden. Dennoch nichts, was ich öfters brauche, zu sauer, zu hopfenfrech für den leichten Körper für meinen Geschmack.


Ich erinnere mich an meine früheren Besuche in Ungarn, und vor beispielsweise 10 Jahren war Craftbier dort überhaupt kein Thema. Es ist schön zu sehen, dass sich auch dort viel bewegt, wie schon zu Beginn gesagt, in verschiedenen Läden habe ich Dutzende von lokalen Marken gesehen, sowohl von Neugründungen als auch von traditionellen Brauereien. Ungarn als Bierland muss man als Fan heute durchaus auf die Landkarte nehmen!

Mönche bei der Formel 1 – Elixir de Spa

Manch einer, der schon länger meinen Blog liest, bekommt vielleicht den Eindruck, dass ich Zucker hasse. Damit würde man mir schon etwas Unrecht tun, darum stelle ich das klar: ich mag es überhaupt nicht, wenn undeklarierter Zucker in einer Spirituose ist, insbesondere, wenn man es von der Gattung her eigentlich nicht erwarten muss. Rum, zum Beispiel. Der sollte ungesüßt sein, selbst wenn in der EU-Verordnung inzwischen 20g/L erlaubt sind, das ist einfach etwas, was kein Brenner, der etwas auf sich hält, tut. Ähnliches gilt für Obstbrand, auch hier sind gesetzlich gewisse Mengen erlaubt, doch wer das macht, beweist damit nur, dass sein Produkt auf sich gestellt nicht genug taugt, um dem Kunden zu gefallen. So. Damit beklage ich mich nicht über Spirituosen, bei denen per Definition Zucker enthalten ist (und sogar sein muss), wie Liköre. 100g/L sind die Mindestmenge, damit der Begriff „Likör“ für ein Produkt genutzt werden kann. Hier störe ich mich natürlich nicht am Zucker, das wäre ja absurd. Und ich zähle sogar diverse Liköre zu meinen Lieblingsspirituosen, also wehre ich mich entschieden gegen das Label „Zuckertaliban“, das mir schon angeheftet wurde in der Vergangenheit, und dass ich „moralisiere“.

Besonders gerne mag ich Liköre, die nach alten Rezepten entstehen und eine gewisse Tradition haben, der Kopf trinkt bei mir halt einfach mit. Dazu gehört zum Beispiel das Elixir de Spa von F.X. de Beukelaer. Es handelt sich dabei um einen Likör, abgeleitet aus einer Destillation von ausgewählten Kräutern, Schalen und Wurzeln, deren genaue Auswahl und Mengen, wie so oft, Betriebsgeheimnis bleiben. Der Likör wird dann in Eichenfässern gereift und mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt. Ursprünglich wurde er von Kapuzinermönchen in der belgischen Ortschaft Spa, heute hauptsächlich durch die Lieblings-Formel-1-Strecke von Michael Schumacher bekannt, manufakturiert, und in den Wirren des 19. Jahrhunderts wurde der Likör einerseits vom belgischen Königshaus für seine Qualität ausgezeichnet, andererseits gleichzeitig aber auch nur knapp vor dem Vergessen gerettet. Heute hat sich, wie gesagt, F.X. de Beukelaer in Antwerpen dem alten Mönchselixir angenommen, eine belgische Traditionsfirma, die durchaus viel Erfahrung mit Likören hat, was man beim neulich hier besprochenen Elixir d’Anvers aus demselben Haus schon sehen konnte. Probieren wir das Kapuzinergebräu!

Elixir de Spa

Minimalste Färbung ist bei genauem Hinsehen erkennbar, doch auffälliger ist die extrem viskose Konsistenz der Flüssigkeit, da muss man Schwung aufbringen, um diese überhaupt in Bewegung zu versetzen, und dann legt sie sich schnell wieder zur Ruhe. Natürlich bildet sich das auch in Artefakten an der Glaswand ab, dicke Beine bilden sich da.

In der Nase findet sich dann ein zweigeteiltes Bild: erstmal sind da Kopfnoten von Bergamotte, Bitterorange und Limette, frisch und hell, die eine doch etwas überraschende Spritzigkeit an die ölige Flüssigkeit vergeben. Darunter entdeckt man aber schnell auch eine dunklere, kräuterigere Schicht, mit klaren Erinnerungen an klassische Kräuterliköre wie Unicum oder Jägermeister. Gerade diese Spannung zwischen zwei eigentlich scheinbar widersprüchlichen Komponenten macht für mich den Reiz beim Elixir de Spa aus. Das geht hier sehr viel besser zusammen, als man sich das von der Beschreibung her vorstellen mag. Zusammengehalten wird das noch von Gewürzen wie Kardamom und Nelken, etwas Kamille und Anis. Sehr schön zu schnuppern!

Elixir de Spa Glas

Geschmacklich sind die Gewürze das erste, was auf die Rezeptoren des Gaumens trifft, da ist direkt Nelken, Zimt, Kardamom da, begleitet von einer sehr schweren Süße, die aber nicht klebrig ist, sondern für einen Likör sogar überraschend klar wirkt. Die gesehene Viskosität äußert sich auch in der Textur, schwer, voll, voluminös liegt das Elixir im Mund, kauig und dicht. Wermutkraut, Tonkabohne, Fenchel schmeckt man da, ein bisschen kribbelt Zunge und Zahnfleisch durch die Würze der Kräuter und der 40% Alkoholgehalt, letzteres ist hervorragend eingebunden: man spürt die Kraft, aber kein Brennen. Frische kontert das alles, sowohl in Richtung Minze als auch ätherischer Zestenöle, die dann auch lange nachwirken, Bitterorange und Bergamotte klingen im Nachhall lange mit.

Ein sehr wohlstrukturierter Likör, das muss ich sagen – natürlich ist das Elixir de Spa süß, aber irgendwie hat man nie den Eindruck, dass die Süße übernimmt, sie ist nur Träger der Kräuteraromen. Und die Zusammenstellung ist wirklich ausgesprochen gut gelungen, da passt einfach alles. Ein großartiger Likör, nicht so extrovertiert wie eine Chartreuse, nicht so schwermütig wie eine Bénédictine, sondern genau dazwischen.


Ein kleiner, aber sehr hübscher Seitenaspekt, wenn man den Fandango mit dem Elixir de Spa mixt, ist, dass er im Gegensatz zu den allermeisten anderen Kräuterlikören dann trotzdem klar bleibt – damit ist schonmal ein trickreiches Spiel mit dem optischen Eindruck möglich, auch bei anderen Drinks, die nach Kräuterlikör verlangen. Der Geschmack aus dem geeisten Glas punktet natürlich auch, doch darüber haben wir ja bereits geredet; manchmal darf auch das Auge sprechen und der Mund schweigen.

Fandango Cocktail

Fandango
¾oz / 23ml Dry Gin
¾oz / 23ml Wodka
¾oz / 23ml Kräuterlikör
Auf Eis rühren.
In einem gefrosteten Glas servieren.
[Rezept nach Georges Robineau]


Die Flasche – nun, ich liebe sie. Diese kugelige Form, mit dem schräg aufgeklebten Etikett, stilsicher designt, das ist halt einfach liebenswert in der voll durchgehaltenen Retro-Art. Sie liegt auch gut in der Hand beim Ausgießen und ist trotz der Zurückhaltung, was Gestaltung angeht, ein Hingucker in der Heimbar.

Beim Elixir de Spa ist F.X. de Beukelaer noch zurückhaltender mit Informationen, was die Produktion und Inhaltsstoffe angeht, als beim Hauptprodukt des Hauses. Ein paar kleine Zusatzdetails kann man aber dennoch in dem Buch über eben jenes Elixir d’Anvers nachlesen – das Buch empfehle ich einfach mal so grundsätzlich weiter, es ist voller hübscher Reproduktionen alter Werbetafeln und historischer Fotos, allein dafür lohnt es sich schon, finde ich.

Offenlegung: Ich danke F.X. de Beukelaer für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Likörs, und True Spirits für die Vermittlung.

Bier am Freitag – St. Feuillien Saison

Vor einer ganzen Weile hatte ich mich etwas über die Kategorie des modernen Saison-Stils mokiert – bei einem Bier mit 5,3% Alkoholgehalt, für mich war ein Saison-Bier eigentlich immer etwas mit niedrigem Alkoholgehalt. Nun haben wir hier ein Saison mit 6,5%, und ich fühle mich ein bisschen dämlich, dass ich das dem Hoppy Hell von Maisel & Friends damals angekreidet hatte, denn parallel habe ich mich noch über die offiziellen aktuellen Stilguidelines dieser Bierart informiert und entdeckt, dass der niedrige Alkoholgehalt vor 100 Jahren stilbildend war, aber schon nach dem Zweiten Weltkrieg schnell in die Höhe ging. Tja, da sieht man mal wieder, man lernt immer dazu und sollte sich immer hinterfragen, ob das eigene gedachte Wissen sich nicht als jammervolles Halbwissen entpuppt. Das St. Feuillien Saison wird jedenfalls dazu noch als Farmhouse Ale auf englisch klassifiziert, ist ungefiltert, „trocken“ gehopft und flaschengereift.

St. Feuillien Saison

Ich bitte um Vorsicht beim Eingießen, die Flaschengärung sorgt für ordentlich Schaum, der groß- und grobblasig ist, und sich doch etwas hält – es braucht eine ganze Weile, bis man das Bier vollständig im Glas hat. Farblich entsteht dann danach leuchtender Bernstein mit starker Trübung.

Die Nase ist zunächst vom Hopfen dominiert, leichte Zitrusnoten, etwas milder Essig. Eine gewisse Malzschwere schimmert durch; vergleicht man das mit den erwarteten Eigenschaften in den Guidelines, die ich oben angesprochen hatte, passt das eigentlich gut. Die Trockenhopfung sorgt dabei vielleicht sogar für eine noch etwas ausgeprägtere Hopfigkeit. Frisch und leicht im Mund, hier lässt sich vielleicht der Stil dann am besten erkennen – helltönig, leicht zitronig, aromatisch ingesamt zurückhaltend. Mildsüß zu Beginn, etwas blumig, im Verlauf würzig und leicht salzig werdend. Sehr süffig und rezent. Im Abgang kommt eine leichte Bittere dazu, der Abgang ist kurz und feinherb.

Man muss kein Feldarbeiter im Spätsommer sein, der während der staubig-anstrengenden Arbeit dringend Erfrischung braucht. Es ist auch für den Prokrastinierer geeignet, der zu der Zeit lieber daneben in der Sonne im Liegestuhl sitzt und genießt, andere beim Arbeiten zu beobachten und dabei von der herrlichen alten Zeit, in der alles besser war, schwärmt.

Die Sonne des Südpazifiks – Cargo Cult Banana Spiced Rum

Ein Spiced Rum ohne nachträglich zugesetzten Zucker. Klingt erstmal nach einer Utopie. Dabei ist das nichts komplett Neues, schon 2015 hatte ich Kontakt mit dem Meermaid Infused Rum, der eher auf einen starken, aromatischen Rum und kaltmazerierte Kräuter setzte und mich bis heute begeistert. Doch vor und nach diesem Positivbeispiel waren die Spiced Rums, die ich probierte, eigentlich fast alle pappsüß und fühlten sich eher wie Liköre an. Dabei muss man sich klar werden – Spiced Rum ist keine geschützte Bezeichnung, es gibt keine gesetzlichen Regelungen, wie der hergestellt und zusammengesetzt sein muss, da kann jeder machen, was er oder sie will. Und die meisten Hersteller denken wohl, dass den Konsumenten kindliche Süße wichtiger ist als ein erwachsenes, klareres Aroma; und die, die den modernen Trinker, der durchaus gerne gewürzte, aber nicht gesüßte Rums mal probieren würde, ernst nehmen, sind rar gesät.

Hier kommt dann die Firma Cargo Cult ins Spiel. Ihr Ansatzpunkt ist seit 2014 genau das – hochwertige Rumsorten aus Papua Neuguinea und Fiji, gebrannt aus Südpazifik-Zuckerrohr, gereift in den Tropen, geblendet und weiterverarbeitet in Australien. Echte Gewürze wie Ingwer, Kardamom und Nelken werden für ihren Dry Spiced Rum eingesetzt, aber kein zusätzlicher Zucker oder künstliche Aromen. Ein spannendes Erlebnis, muss ich sagen – doch man kann dem noch eins draufsetzen. Der Cargo Cult Banana Spiced Rum verwendet als Basis den eben erwähnten Dry Spiced Rum, und man legt dann darin Bananen aus North Queensland ein, auch hier also Zutaten aus der Südpazifik-Region. Erneut, keine Aromen oder so, sondern einfach nur Bananen. Das ganze erfolgt in kleinem Maßstab, und auch wenn „small batch“ heutzutage bei vielen Spirituosenkategorien wie Bourbon gar nichts mehr bedeutet, ist das für kleinere Produzenten wie Cargo Cult noch eine Phrase mit Aussage. Ich habe hier nun eine Flasche des Batch No. 3 vor mir stehen, es scheint also anzukommen bei den Genießern der Welt, dass ein dritter Lauf erfolgen konnte. Rein ins Glas damit.

Cargo Cult Banana Spiced Rum

Ein blasses Maisgold sieht man schon in der Flasche, im Glas wirkt es noch etwas blasser. Eine passende Farbe, die die Bananen wiederspiegelt, ohne künstliche Dramatisierung. Viskosität zeigt sich beim Drehen des Glases, mit sehr ordentlichen Resten, die dabei hängen bleiben und dann fett ablaufen.

Reife Bananen. Nun, was soll ich sonst sagen bei diesem Produkt, doch es ist sehr beeindruckend, wie konsequent das hier durchgezogen wird: eine sehr natürliche Bananigkeit, gar nicht künstlich, ich war vorhin im Supermarkt an einem Stand voller Bananen, und da hat es auch so gerochen. Etwas Vanille ist dabei, Orangenblütenwasser, und sogar etwas Marzipaniges, aber nur unterschwellig. Insgesamt hat das etwas sehr angenehm Parfümiertes an sich, nur im positiven Sinn gesprochen natürlich. Der Basisrum kommt, exploriert man etwas tiefer, dann zum Vorschein, mit einer ansprechenden Fiji-Typizität. Also, rein von der Nase her will ich eigentlich gar nicht aufhören, daran zu schnuppern, das macht so richtig Spaß.

Cargo Cult Banana Spiced Rum Glas

Irgendwann muss ich aber doch den ersten Schluck nehmen. Und man ist erstmal überrascht, dass es gar nicht so süß daher kommt, wie man vielleicht bei einem Spiced Rum vermuten würde. Natürlich ist da ordentlich schwere Bananensüße, die wirkt aber gut eingebettet und gar nicht aufgesetzt. Ziemlich zügig schmeckt man dann einen durchaus schon esterigen, recht würzigen Rum darunter, die zwei gehen echt gut zusammen, da passt kein Blatt dazwischen. Orangenblütenwasser, Kokosblütenzucker, Sternanis und etwas Süßholz geben eine völlig nicht zu erwartende Eleganz in diesen Rum, während er im Verlauf dann trockener und wärmer wird, mit feiner Bittere, die die Süße ausgleicht. Am Ende prickelt die Zunge etwas, der ganze Mundraum ist mit Banane und Vanille ausgefüllt, kein bisschen Zuckerklebrigkeit oder Alkoholizität (38% Alkoholgehalt sind wohl gewählt) stört den langen Nachhall.

Ist das die neue Generation von Spiced Rums, die nicht einfach erstmal ein Pfund Zucker in die Flasche kippen und das ganze dann mit künstlichen Aromen zukleistern? Mir kommt es so vor. Wer von Spiced Rum bisher Abstand genommen hat, weil er zu einfach strukturiert, süß und oberflächlich war, sollte hier nochmal seine Vorurteile überdenken: Der Cargo Cult Banana Spiced ist ein Beispiel dafür, wie gut gemacht diese Kategorie sein kann und alle Mängel der Vergangenheit ausgleicht.


Das Rezept des Banana Drama II, das mit Bananen aromatiertes Blue Curaçao verwendet, habe ich leicht abgewandelt und stattdessen den Cargo Cult Banana Spiced Rum eingesetzt. Klingt das Rezept meines Banana Drama III arg süß? Da täuscht man sich, denn es ist wunderbar ausbalanciert und neigt sogar eher zur Säure als zur Süße, während der Cargo Cult die Banane wirklich super rübertransportiert. Ein echt guter Drink!

Banana Drama III Cocktail

Banana Drama III
2oz / 60ml Bananen-Spiced-Rum
1oz / 30ml Zitronensaft
¾oz / 23ml Blue Curaçao
½oz / 15ml Apfellikör
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach speakeasieruk’s Banana Drama II]


Die Aufmachung der Flasche soll an Militärgüter des Zweiten Weltkriegs erinnern; von der Schablonenschrift über die grundsätzliche Farbwahl (gelb und dunkelgrün) bis hin zu den holzschnittartigen Illustrationen eines G.I.s auf dem Rücketikett und der Flaschenhalsbanderole. Durchgängig, cool, unterhaltsam, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Die Anspielung auf die speziellen religiösen Bewegungen in Melanesien, die den im Krieg über den Inseln breitflächig abgeworfenen Industriegütern der westlichen Nationen eine göttliche Herkunft nachsagten und sie als Künder einer millenaristischen, glückseligen Zukunft sahen, ist gelungen, man sieht ja den Fallschirm mit Kiste daran auf jedem Etikett der Reihe. Ich hoffe jetzt einfach mal, man hat auch die moderne Verwendung der Phrase „Cargokult“ mitberücksichtigt und diesen selbstironisch aufgenommen. Es würde die Marke nur noch sympathischer machen.

Cargo Cult Portfolio

Während meines letzten Aufenthalts als Juror für den Spirituosenwettbewerb ISW in Neustadt/Weinstraße hatte Solveig Gerz, die den Import für die Cargo-Cult-Produktreihe nach Deutschland übernimmt, die drei verfügbaren Rumsorten mitgebracht, und ich fand es toll, diese abends in lockerer Runde dann probieren zu dürfen: Neben dem hier vorgestellten Bananenrum auch noch den unaromatisierten Navy Strength Rum und den Dry Spiced Rum. Ich empfehle alle drei bedingungslos!

Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Mezcal am Freitag – Santo Pēcado Joven Bacanora Artesanal

Tequila hat in Deutschland einen guten Bekanntheitsgrad, auch Mezcal ist inzwischen soweit angekommen, dass man nicht mehr groß erklären muss, was das grundsätzlich ist, denke ich mal (wahrscheinlich denke ich falsch, außerhalb meiner Schnapsblase ist sicherlich weiterhin viel Erklärung nötig). Schwieriger wird es noch bei den anderen indigenen Bränden Mexikos, bei denen selbst Experten in definitorische Grenzbereiche kommen, wie zum Beispiel dem Bacanora, darum hole ich kurz aus. Bacanora ist eine Untergruppe des Mezcal (ich verwende hier den Begriff „Mezcal“ im generischen Sinne des „Vino de Mezcal“, nicht der willkürlichen gesetzgeberischen Einschränkung des CRM). Bacanora hat eine eigene geschützte geographische Angabe in Mexiko – nur Brände aus der nordmexikanischen Region Sonora dürfen diese Kategoriebezeichnung tragen, und der Brand wird dann immer aus der Maguey Pacifica hergestellt, auch bekannt als Angustifolia Haw, mit dem botanischen Namen agave angustifolia var. pacifica. Dies ist in der NOM 168-SCFI-2005 („La Norma Oficial Mexicana del Bacanora“) festgelegt.

Wir probieren heute als Beispiel den Santo Pēcado Joven Bacanora Artesanal von der Casa Santeros in Obrégon in der Sierra de Sonora. Er wird eben aus 100% Agave pacifica gemacht, die geernteten Agaven werden in einer Erdgrube mit Encino- und Mesquiteholz gekocht und dann mit Äxten und Macheten zerkleinert. Die Maische wird 6-12 Tage fermentiert und dann in Kupferpotstills doppelt gebrannt, und auf einen Zielalkoholgehalt von 45% eingestellt.

Santo Pēcado Joven Bacanora Artesanal

„Joven“ heißt ungereift, und so landet er dann glasklar in unserem Verkostungsglas. Schwer und dickflüssig liegt er dann da, mit fetten Beinen an der Glaswand. Ein richtig, richtig öliger Brand. Für die Nase hat er auch einiges zu bieten: eine dichte Mischung aus Grasigkeit, Heu und Gewürzen. Pfeffer, Kardamom, Nelken und Muskatnuss. Sehr deutlich wirken hier die Röstaromen, richtig deftig angebranntes, aber noch nicht verkohltes Holz riecht man da, dazu natürlich eine ordentliche Dosis gekochte Agave. Ein sehr würziges, schweres, hocharomatisches Geruchsbild, mit weiteren Subtönen von Leder, Kaffee und feuchtem Ton. Später entdeckt man sogar noch etwas Frucht, Aprikosen und Grapefruit, leicht zestig, ohne die Basislinie der grünen Agave zu stören.

Im Mund kommt dann auch direkt eine ganz eigene Charakteristik zum Vorschein, vom Antrunk an deutliche Salzigkeit mit sogar einem Ticken mundausfüllendem Umami, das die fette Textur sogar noch unterstützt. Eine interessante Zusammensetzung aus grünem Blattschnitt, einem Anflug von Rauch und sehr floralen, veilchenartigen Aromen, mit etwas Geranien und Jasmin, bildet sich schnell heraus. Säure ist erkennbar, sie hellt das Ganze noch etwas weiter auf, bevor im Nachklang eine sehr prägnante Mineralität die Blumigkeit unterstützt. Dann klingen Gaumeneffekte nach, ein würziges Brummen, ohne zu Pieksen, leicht warm nur, mit einer minimalen Anästhesierung der Zungenspitze. Insgesamt ist der Abgang mittellang bis kurz, hinterlässt ein minzigkühles Gefühl, leicht kiesig und pflanzlich bis zum Schluss.

Rein von den Herstellungsdaten her mag der Unterschied zwischen Mezcal und Bacanora kaum vorhanden sein, in dieser speziellen Ausprägung erkennt man aber klar, dass hier etwas eigenständiges vorliegt. Wer würzig-aromatische Spirituosen mag und eine Alternative zu einem Mezcal sucht, ist beim Santo Pēcado Joven Bacanora Artesanal gut aufgehoben – und die „heilige Sünde“ mag sicher vergeben werden, wenn etwas so spannend schmeckt.

Anfänge und Jubiläen – L’Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 Bas-Armagnac

Wir hatten uns bereits auf verschiedenen Reisen kennengelernt, als Juroren für den internationalen Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, und darum fand ich es sehr schön, Hugues Amesland von der Domaine Rounagle und Vincent Cornu des unabhängigen Abfüllers L’Encantada auf dem 1. German Armagnac Festival, das im Juni 2023 in Stuttgart stattfand, wiederzusehen (ich hatte hier kurz schon darüber erzählt). Ich genieße solche Treffen immer sehr, es ist einfach schön, diese sympathischen Menschen, die man so kennenlernt und die eine gemeinsame Leidenschaft teilen, so unerwartet mal wieder zu sehen und mit ihnen über alte Zeiten und neue Entwicklungen zu tratschen. Auch andere, mit denen ich mich sehr gern unterhalte, waren da, Sebastian Jäger von Kirsch Import zum Beispiel, Jürgen Deibel, und Nicolas Kröger, und natürlich noch die Jungs von Grape of the Art und armagnac.de, die die Veranstaltung ja auf die Beine gestellt hatten. Ich freue mich definitiv auf die zweite Iteration dieses Festivals!

Bei letzteren, armagnac.de, geleitet von Sascha Junkert (noch so einer, den ich schon vor vielen Jahren unter sehr besonderen Umständen kennengelernt hatte!), habe ich dann nach dem L’Encantada-Masterclass-Tasting, das auch an dem Tag stattfand – dazu weiter unten noch ein paar Worte und Bilder – direkt den Armagnac bestellt, der mich darin am meisten beeindruckt hatte: den L’Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 Bas-Armagnac. Wie der lange Name schon sagt, handelt es sich dabei um eine Sonderabfüllung zur Feier des zehnjährigen Jubiläums der Firma L’Encantada, und da will man sich nicht lumpen lassen, wir haben hier ein aus der Region Bas-Armagnac stammendes Destillat aus der Rebsorte Folle Blanche des Hauses Lous Pibous, in brut de fût, also Fassstärke, mit 57,4% garantiert ohne Wasserbeigabe, Zucker- oder Holzextraktzusatz in nur 726 Flaschen limitiert abgefüllt. Die Zahlen deuten schon auf Spannendes hin, trinken wir gemeinsam einen Schluck zur Feier!

L'Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 Bas-Armagnac

Man sieht es schon in der Flasche, noch besser aber in dem hübschen Verkostungsglas des Armagnac-Festivals, das ich dort habe mitgehen lassen. Hier kommt die Farbe, schwankend zwischen Haselnussbraun und Hennarot, noch besser zur Geltung, und der Armagnac schwappt hier schwer im bauchigen Glas. Dicke, nur teils voneinander abgegrenzte Beine laufen dann sehr gemütlich nach unten.

Ein kleines bisschen Offenstehzeit gönne man dem Lous Pibous, bevor man die Nase ins Glas steckt. Die hohe Typizität erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, das hätte ich nicht anders erwartet. Viel vergorene Frucht ist da, matschige Pfirsiche, ein Ticken Banane, überreife Trauben, das alles, ohne dramatisch ins Esterige überzugehen, das wirkt doch deutlich sauberer als manch ein Rum mit ähnlichem Hintergrund. Holz greift ordentlich in die Sensorik ein, in Form von herben Tanninen und kräftigem Lack, der die süßlichen Holztöne dominiert. Vanille und Karamell kommen ganz spät zum Vorschein, müssen sich aber ohne Pause von Würze und Frucht beherrschen lassen. Ja, es zwickt etwas, wenn man zu tief schnuppert, doch das gehört für mich zur rustikalen Grundausstattung eines Brut-de-Fût-Armagnacs.

L'Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 Bas-Armagnac Glas

Initial findet man eine charmante, natürliche Süße, nicht übertrieben oder pappig, sondern sehr angenehm am Gaumen. Das bleibt auch auf Dauer so, auch wenn im Verlauf gewiss eher eine Trockenheit einsetzt, beide Aspekte ergänzen sich hier, ohne dass Klebrigkeit einerseits oder Astringenz andererseits entsteht. Die Textur ist rund und voll, extrem weich, und selbst wenn es in der Nase gepiekst hat, zwickt da im Mund überhaupt nichts. Die Würze, die später aufkommt, ist zwar schon pfeffrig und prickelt ordentlich, das ist aber für die fast 60% Alkoholgehalt äußerst gut eingebettet und gehört auch hier, das wiederhole ich gern, zum Stil eines Fassstärke-Armagnacs. Im Abgang kühlt sich der Mundraum dann erkennbar ab, nicht wie bei einem Eisbonbon, aber doch mit mentholischen Anflügen, etwas Anisfrische und -geschmack begleitet das, das Holz klingt in einem angenehmen Maße durch, und zum Schluss blitzt noch etwas Floralität auf, auch hier, im gemeinsamen Zusammenspiel mit Frucht, Frische, Bittere, Süße und Holz.

Wen wundert es, dass mich dieser Brand auf dem Armagnac-Festival sofort in seinen Bann gezogen hatte. Da passt alles zusammen, Kraft und Rundheit sind in wunderbarer Balance, die Typizität ist groß und der eigenständige Charakter dennoch vorhanden. Der L’Encantada 10th Anniversary Edition Limitée Domaine Lous Pibous 2002 macht mir ohne Einschränkung viel Spaß, die Kategorie „Armagnac“ im Allgemeinen sowieso, insbesondere nach dem, was ich im letzten Jahr (auch durchaus dank der hervorragenden Arbeit von Grape of the Art!) über den französischen Weinbrand lernen konnte.


Natürlich kann man so einen Armagnac perfekt dort einsetzen, wo es nur nach kleinen Portionen verlangt; doch mir war nach etwas, worin der Lous Pibous so richtig leuchten kann. Der Fiac 74 ist einer der eher seltenen nur zweizutatigen Cocktails, und hier muss die Basisspirituose zeigen, was sie kann. Unterstützt wird sie von dem französischen Partner Bénédictine, und damit sind zwei meiner Lieblinge hier in einem Granatendrink miteinander vereint.

Fiac 74 Cocktail

Fiac 74
1½oz / 45ml Armagnac
1½oz / 45ml Bénédictine
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Thomas Girard]


Die Flasche selbst fällt kaum auf, die Form ist standardisiert und ohne große Mätzchen gemacht (bis auf das unsägliche Wachs, das ich grundsätzlich bei allen Abfüllungen aus tiefstem Herzen ablehne und nicht verstehe, wozu das gut sein soll), das Etikett in Farbzusammenstellung und Druckqualität ein bisschen suboptimal, da muss man teilweise schon die Augen etwas zusammenkneifen, um lesen zu können, was da steht. Der Karton dagegen weiß sehr zu gefallen, mit der Strukturprägung und edlem Design.

Hier nun noch ein paar kleine Eindrücke vom Masterclass-Tasting, das Vincent Cornu für 5 verschiedene L’Encantada-Abfüllungen abhielt. Sehr spannend, was er erzählte, wie der Herstellungsprozess abläuft, wie die Fassauswahl funktioniert, und ein paar Einblicke in in die Hintergründe, wie seine Firma diesbezüglich tickt. Übersetzt wurde der auf französisch gehaltene Vortrag simultan von Nicolas Kröger, und wer ihn kennt, weiß, dass er es nicht dabei belassen kann, einfach nur zu übersetzen – launig und lustig war das, mit viel Interaktion sowohl mit dem Vortragenden als auch dem Publikum, ich glaube, das ist ein tolles Team gewesen! Und wer nun Lust bekommen und das erste Event verpasst hat: Das zweite ist schon geplant, für den 13. April 2024. Gar nicht so lange hin!


Und, als ob dies alles nicht schon genug wäre, habe ich kurz nach dem Festival noch das Sample der Festivalabfüllung bekommen: da der Grape of the Art & L’Encantada Lous Pibous 1995 mit dem hier vorgestellten Brand natürlich eng verwandt ist, dachte ich mir, hänge ich ein paar Eindrücke dazu gleich mit an. Auch dieser ist in Fassstärke abgefüllt, hier sind es 54,7%. 352 Flaschen hat das ergeben, nach den 27 Jahren im Fass. Die Rebsorte ist 100% Folle Blanche.

Grape of the Art & L'Encantada Lous Pibous 1995

Farblich ist der Unterschied erstmal kaum erkennbar, vielleicht einen Ticken dunkler, das kann ich mir aber auch einbilden. Sanftes Schwenken versetzt die Flüssigkeit in träge Bewegung, die Glaswandartefakte sind stark und ausdauernd. Die Nase ist markant, sowohl in ihrer vollfruchtigen Art als auch in der guten Einbindung von Holzaromen. Gerne schnuppert man dran, da piekst nichts, im Vergleich zum jüngeren Bruder macht sich die zusätzliche Reifungszeit diesbezüglich bezahlt. Heller Tabak, ganz mildes Leder, so richtig gemütlich macht es sich dieser Lous Pibous 1995 aber trotzdem nicht. Schöne Würze belegt vom Antrunk an den Gaumen, die tiefliegende Süßbittere, die sich überhaupt nicht aufdrängt, gefällt mir, weil sie eine saubere Balance zur herben Trockenheit hält, ganz ohne Astringenz. Getrocknete Feigen, gebratener Apfel, ein bisschen Kirschkompott, ein sehr rundes Geschmacksbild mit vielen Estern. Gegen Ende kommt ein kühler Minzhauch auf, der sich dann aber nur im Effekt äußert, geschmacklich klingt lange ein ausgeprägter Jasminhauch nach. Ja, man erkennt die Verwandschaft, dennoch sind das zwei unterschiedliche Brände – es lohnt sich, beide für sich zu entdecken, finde ich. Lohnt sich auch das preisliche Upgrade? Ja, für den, der es etwas runder und edler mag ganz sicher, doch es ist keine Pflicht. Ich bin glücklich, beide kennen zu dürfen.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples des Lous Pibous 1995.

Bier am Freitag – Pax Bräu Jeanne Dark Dunkles Dubbel

Es ist inzwischen schon eine Weile her, dass ich ein Kontingent von Biersorten direkt bei Pax Bräu bestellt hatte; die Versandbedingungen damals waren strikt, da musste was zusammen kommen – was ich voll verstehe, für einen kleinen Brauer lohnt es sich schlicht nicht, Kleinstmengen oder gar einzelne Flaschen zu verschicken, und auch im Sinne der Umwelt muss man sich als Konsument überlegen, ob es wirklich sein muss, jedes USB-Kabel separat zu bestellen. Große Konzerne haben das gegenteilige Problem, was eigentlich nur zeigt, wie wenig nachhaltig deren gesamtes Versandkonzept ist, und dass man derartige Versandriesen, die lieber Waren vernichten als sie als Rückläufer erneut zu verkaufen, eigentlich nicht unterstützen sollte. Genug davon, trinken wir lieber einen Schluck des Pax Bräu Jeanne Dark Dunkles Dubbel, einem obergärigen Vollbier mit ordentlichen 6,5% Alkoholgehalt. Dieser wird durch die Zugabe von braunem Kandiszucker als zusätzliche Zuckerquelle für die Hefen erreicht, wie das belgische Biere auch oft tun. Und dann werden für die Reifung noch in Islay-Whisky getränkte Holzchips dazugegeben – ein aufwändiger Prozess also!

Pax Bräu Jeanne Dark Dunkles Dubbel

Farblich dunkelbraun, bei Gegenlicht wirkt es aber schon rubinrot; abgesehen von der dunklen Farbe ist es kristallklar. Der Schaum bildet sich nur kurz beim Eingießen, danach verschwindet er fast vollständig, lässt nur ein paar winzige, dünne Schauminseln zurück. Geruchlich nimmt man etwas Malziges wahr, vielleicht Anflüge von fruchtigen Noten, etwas erinnernd an Portwein oder Primitivo. Sonst, das muss man ehrlich sagen, bleibt das Bier in der Nase fast vollständig neutral.

Im Mund ist zunächst die Kombination aus Süße und Säure auffällig, zusammen mit einer mittelkräftigen Textur ein durchaus angenehmes Mundgefühl. Frische ist vorhanden, weniger durch die hier nun kaum wahrnehmbare Karbonisierung, sondern mehr durch Frucht und Säure. Leicht malzig, etwas an Cola erinnernd, im Verlauf dann trocken und mildherb, fast schon etwas bitter für ein Dubbel (28 BE immerhin!), doch die beständige Süße gleicht das gut aus. Rauchig, speckig, holzig – das erinnert mich dann plötzlich etwas an ein mildes Rauchbier, das könnte dann von den Lagavulin-Holzchips kommen. Der Abgang ist mittellang, leicht metallisch und getreidig, mit einem ganz dezenten Anflug von Floralität ganz zum Schluss.

Ein sehr trinkbares Bier, süffig, mit Charakter. Im Endeffekt bleibt als etwas unscharf greifbarer Kritikpunkt, dass das Ganze irgendwie unrund und kantig wirkt; manche der Pax-Bräu-Biere können bei mir hin und wieder nicht die großen Erwartungen, die die Produktionshinweise, Literflasche und Etiketten wecken, erfüllen, das ist aber mehr ein persönliches Problem meinerseits denn das des Bieres, glaube ich.

Irrungen und Wirrungen – J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge

Meine Leser sind es ja inzwischen gewohnt, dass ich ein paar kleine Anekdoten zur Einleitung erzähle, oder Details zur Geschichte oder Herstellung der vorgestellten Spirituose. Beim J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge habe ich versucht, etwas über die Brennerei, in der er hergestellt wird, herauszufinden, und das Ergebnis ist, zugegebenermaßen, etwas verwirrend. Die Marke hat eine wirklich bewegte Geschichte, wie man sie in dieser Form aber öfters bei karibischen Destillerien findet – gerade im späteren 20. Jahrhundert hat sich viel getan, was Besitzerwechsel, Schließungen, Herumbewegen von Destillierapparaten oder Austauschen des Brennorts angeht. Alle Jahreszahlen, die ich hier berichte, sind darüber hinaus mit etwas Vorsicht zu genießen, je nach Seite, auf der man recherchiert, landet man bei unterschiedlichen Zeitstrahlen. Ursprünglich wurde der Rum der Marke J. Bally in der Habitation Lajus in Le Carbet auf der Westseite der Insel gebrannt. 1976 endete das, man transportierte den Säulenbrennapparat hinüber zu Saint James, und setzte die Produktion dort fort. 1987/1989 wechselte man mit der Produktion (und der Säule) zur Destillerie Simon, und 1996/1997 (als der Konzern Remy Cointreau die Zügel übernahm) dann wieder zurück zu Saint James, dort gab man die Originalsäule auf und stellt nun seitdem die Marke dort her, zwar mit den Saint-James-Apparaten, aber dennoch weiterhin nach den Vorgaben des Gründers Jacques Bally. 250000 Liter werden nun pro Jahr vermarktet.

Man sieht, das ist kompliziert, und ich lege für keines der erwähnten Details meine Hand ins Feuer, da alles zu einer Zeit geschah, in der Rum noch eher wenig Dokumentationsinteresse erzeugte. Ist es relevant für unseren Geschmackstest? Glaubt man dem Terroir-Gedanken, ja, ein derartiger Wandel von Produktionsstätten, Personen und Brennapparaten verändert natürlich den Brand, und wenn wir ein Vergleichstasting von Bally-Rum aus, sagen wir, 1970, 1980, 1990 und 2000 machen würden, wäre das sicherlich spannend, um all die erzählten Wechsel sensorisch nachzuvollziehen. Das tun wir aber nicht, wir konzentrieren uns hier allein auf den J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge in der markanten Pyramidenflasche, abgefüllt mit 45% Alkoholgehalt.

J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d'Âge

Die Farbe würde ich als Kupfer bezeichnen, mit einem leichten Rotstich. Im Verkostungsglas schwenkt sich der Rum sehr ölig, da ist ordentlich Schwere drin, und es bilden sich dementsprechend dicke Artefakte an der Glaswand, die teils in Flächen, teils in Beinen ablaufen, beides aber gemächlich.

Rhum Agricole hat, wenn er typisch ist, einen sehr hohen Wiedererkennungswert, und das ist beim Bally 12 nicht anders. Ich würde den Duft, der dem Glas entströmt, sogar als archetypisch für Rum von Martinique bezeichnen. Diese Mischung aus Gras, Heu, frischem Zuckerrohrsaft und einmalig, hier sogar noch verbunden mit etwas Süßholz, Aprikose und Wassermelone. Mit Oxidationsdauer nimmt die Fruchtkomponente sogar weiter zu, geht dann fast ein bisschen ins Weinbrandartige über, erinnert an Armagnac. Dabei bleibt der Duft herb und frisch, mit Anklängen von Menthol und Eukalyptus.

J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge Glas

Eine sehr weiche, runde Textur ist das erste, was einem dann begegnet, wenn man einen Schluck des Rums nimmt. Voller Körper, getragen von einer tiefen Süße und wunderbar eingebundenen 45% Alkoholgehalt. Im Verlauf kommt Wärme auf, nicht kratzend, sondern nur ganz leicht am Gaumen und der Zunge prickelnd, im Abgang wird das für einen Moment sogar heiß und fast scharf, ein sehr schöner, ansteigender Bogen, der dann mit einem eukalyptisch kühlen Hauch ebenso langsam wieder verklingt. Neben diesen Effekten sind die Aromen für mich fast zweitrangig, aber dennoch vorhanden – leichte Heuigkeit, schwere Kandiszuckersüße, frisch gepresster Zuckerrohrsaft, ein Ticken Lakritz, Aprikosen und Pfirsiche, wunderbar ist darüber hinaus das Holz eingesetzt, gibt Würze, nur Anflüge von Vanille, übernimmt den Rum überhaupt nie.

Ein richtig erwachsener Brand, charaktervoll, rund, vollmundig und handwerklich herausragend gemacht. Da gibt es nichts, was ich auch nur im entfernten anmeckern würde, es passt alles, von der Aromatik über die Struktur bis hin zur Typizität. Was soll ich da noch sagen, jeder, der Zuckerrohrsaftrums mag, muss hier zugreifen, ebenso der, der ein höchstklassiges Exemplar zum Einstieg sucht.


Wie immer antworte ich dem, der mich ungläubig fragt, warum ich so einen teuren und hochwertigen Rum in einem Cocktail „vermixe“, mit der alten Adage: gute Zutaten machen einen guten Cocktail. Es gibt Ausnahmen, doch im Allgemeinen ist der Drink am Ende schlicht viel besser, wenn man nicht spart. Gerade, wenn eine Zutat das Rezept klar dominiert, wie beim Tahitian Gold. Hier darf man schlicht nicht sparen oder geizig sein mit dem guten Stoff. Und das Erlebnis belohnt einen dann dafür am Ende.

Tahitian Gold Cocktail

Tahitian Gold
1oz / 30ml gereifter Zuckerrohrsaftrum
½oz / 15ml Limettensaft
1 Teelöffel Puderzucker
1 Spritzer Maraschino
Auf Eis shaken. Auf frischem crushed ice servieren.
Mit einem Spritzer Pernod toppen.
[Rezept nach Trader Vic]


Natürlich muss man über die Flasche sprechen. Für viele ist sie ein Kaufanreiz, die Pyramidenform ist einzigartig und besonders. Nachdem man sich aber daran sattgesehen hat, merkt man schnell, dass dies auch seine Nachteile hat – sie nimmt in der Bar durch die große Grundfläche sehr viel Platz weg, ist auch unpraktisch in der Handhabung. Nun, nicht jeder hat so wenig Stellfläche wie ich und überlädt diese dann auch noch, so dass dies für den Rumfreund mit kleiner, aber feiner Bar wahrscheinlich kein echtes Problem darstellt. Jedenfalls ist in Zusammenspiel mit dem Geschenkkarton und dem sehr schön und dabei immer noch stilvoll gestalteten Etikett neben der unzweifelhaften Qualität des Brands selbst damit auch ein weiteres Kaufkriterium gegeben: Die Schenk- und Sammelbarkeit. Wobei es wirklich schade wäre, müsste man diesen herrlichen Rum in einem Regal versauern lassen, oder ihn irgendeinem Heiopei, der eh nicht zu schätzen weiß, was man ihm da überlässt, zu schenken. Ich für meinen Teil mache die Flasche auf, trinke immer wieder was für mich allein davon, und bin damit zufrieden, so ein herausragendes Exemplar der von mir eh schon so geliebten Kategorie der Rhums Agricoles Schlückchen für Schlückchen genießen zu dürfen.

Punch am Freitag – Poncha da Madeira Tradicional

Man findet sie eigentlich überall, wo traditionell auch Rum hergestellt wird: hausgemachte Punches, oft mit den ebenso lokal geernteten Früchten. Der harte Rum wird dadurch leichter konsumierbar, gerade in der Hitze des Nachmittags gönnt man sich sowas gerne. Der Poncha da Madeira Tradicional ist so ein Punch, der Name sagt es verportugiesischt ja schon aus. Hergestellt wird er bei Engenho Novo da Madeira, deren bekannteste Marke wahrscheinlich William Hinton ist. Früchte der autonomen Region Madeira, hier Zitronen und Orangen, werden mit Zucker und Honig vermischt und mit einem Madeira-Rum zu eben diesem traditionellen Getränk angerührt, 16% Alkoholgehalt hat man am Schluss. Mit einem kleinen Wermutstropfen muss man leben, wenn man so ein Mischgetränk, das sonst eigentlich frisch für den Konsum spontan zusammengerührt wird, auch außerhalb der Insel lager- und verkehrsfähig machen will: ein paar Antioxidantien sind drin (Ascorbinsäure und Zitronensäure, also nichts dramatisches), und die grelle Färbung ist aus meiner Sicht unnötig. Aber das soll uns keineswegs davon abhalten, uns für ein paar Minuten gedanklich nach Madeira in eine kleine Kneipe zu versetzen und den Sommer, der ja gerade wieder zurückkommt, voll zu genießen!

Poncha da Madeira Tradicional

Man trinkt das auf Madeira wohl einfach so, hausgemacht, gekühlt – die Trinkempfehlung auf dem Rücketikett der Flasche erlaubt aber auch Eis. Ich probiere einfach beides, erstmal so, wie es aus der Flasche kommt. Das liegt dann gut auf der Zunge, mit weicher und runder Textur, natürlich erstmal von der Süße dominiert. Leichte Fruchtaromen erkennt man, sowohl Zitrone als auch Orange, aber ohne die Säure dieser Früchte, eher die ätherische Zestigkeit, die sich insbesondere in einer überraschenden Anästhesierung der Zungenspitze am Ende äußert. Wie ich es erhofft habe, ist auch der Madeira-Rum sensorisch klar vorhanden, grasig, mit vielen Zuckerrohrsaft-Aromen, tatsächlich erinnert mich dieser Poncha so an die leichten Mixgetränke, die ich auf Guadeloupe aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft getrunken habe. Easy und unkompliziert, für meinen persönlichen Geschmack fast aber einen kleinen Ticken zu süß.

Ich gebe jetzt ordentlich Eis dazu, quirle das mit dem Barlöffel, bis das Glas außen beschlägt. Natürlich verdünnt man damit den Poncha noch etwas, doch insgesamt macht es für mich das eigentlich noch angenehmer zu trinken – die Süße wird etwas abgeschwächt, die Rum- und Fruchtaromen aufgewertet und besser ineinander verschliffen. Hier spürt man dann auch eine leichte Bittere, die ich sehr apart finde. So trinkt sich das wirklich sehr süffig, aromatisch, unterhaltsam, ohne, dass man groß drüber nachdenken muss, was man da im Glas hat. Der Nachklang dann ist sogar etwas würzig, sicher aus dem Rum und dem Honig stammende Töne von Zimt, Muskatnuss und etwas Sternanis erfreuen den Gaumen eine längere Zeit.

Poncha da Madeira Tradicional Glas

Was bekommt man hier? Einen leichten Sommerdrink, unkompliziert und ohne großen Anspruch, aber das ist ja auch genau der Punkt an so einem Poncha – das trinkt man nicht, weil man Komplexität explorieren will, sondern weil man Lust auf einfache Erfrischung und Aroma hat, wenn es draußen heiß ist. Wer Lust hat, gebe einfach noch einen Teelöffel Passionsfrucht-Fruchtfleisch oder einen Limettenschnitz dazu, dann wird das ganze noch bunter. Ich gebe mich gern an einem Tag auf der Terrasse, wenn die Sonne herunterbrüllt, ein paar Gläsern des eisgekühlten Poncha hin und genieße die Entspannung und den Traum davon, endlich mal nach Madeira zu kommen.

Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Ponchas.

Schwarz wie die Nacht – Brill Pálinkaház Feketeribizli Pálinka

Ich war oft in Ungarn, meist in Budapest, hin und wieder aber auch auf dem Lande, und damit meine ich winzige, abgelegene Dörfer, die heutzutage nur noch aus genau den 3 älteren Herrschaften bestehen, die man aus familiären Gründen besucht. In solchen Situationen merkt man erst, wie drastisch der Unterschied in Ungarn zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist, viel extremer, als das zum Beispiel in Deutschland oder Österreich der Fall wäre. Budapest und die zwei, drei anderen Großstädte sind ein Fremdkörper in Ungarn, das muss man so klar sagen, die Stadt ist pulsierend, dynamisch, vielgestaltig, multikulturell und wandelbar, das Land und auch die kleineren Städte sind das alles nicht, dort könnte man manchmal meinen, 50 Jahre in die Vergangenheit gerutscht zu sein, und die aktuelle politische Situation in Ungarn wundert mich darum nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin. Dennoch trifft man natürlich auch dort nette Menschen, die wissen, was Gastfreundschaft bedeutet, wahrscheinlich sogar im Endeffekt mehr als die kühlen, abgehärteten Städter, denen täglich patzige und sich einen Dreck um Nebensächlichkeiten wie Freundlichkeit oder Respekt scherende Touristengruppen über die Füße flatschen und die darum kaum einen Grund hätten, im Gegenzug warmherziger zu sein. Und zur Gastfreundschaft in Ungarn, auf dem Land wie in der Stadt, gehört Pálinka, da gibt es überhaupt keine zwei Meinungen darüber.

Pálinka ist eine streng geregelte Spirituose, selbst die selbstgebrannten Feuerwässerchen des lokalen Dorfs halten sich an die Regeln, die wichtigste dabei ist: es dürfen nur die Früchte, die in Ungarn wachsen, zu Pálinka gebrannt werden. Kein Getreide, kein Gemüse, keine ausländischen Importe, und auch keine Aromen oder Fremdzucker sind erlaubt. Damit bekommt man wirklich ein Abbild des ungarischen Bodens, der so reichhaltig ist und mehr als genug Früchte hervorbringt, dass es den Magyaren nicht bange wird, das Basismaterial könne knapp werden. Allein die überfließenden Marktstände an fetten Pfirsichen, leuchtenden Aprikosen, saftigen Pflaumen und glänzenden Kirschen sind wie Ölgemälde, die man stundenlang anschauen möchte. Und natürlich Beeren, wie die schwarze Johannisbeere, die im Brill Pálinkaház Feketeribizli Pálinka verarbeitet wird. Brill ist ein in Ungarn gerade unter Kennern sehr geschätztes Pálinkahaus bei Szekszárd im südwestlichen Ungarn. Seit 20 Jahren macht man dort Pálinka, und gewinnt damit regelmäßig landesweite Auszeichnungen, der hier vorliegende hat dementsprechend auch 2018 eine TOP Pálinka of Excellence-Medaille bekommen; ich hoffe nun, im Glas auch etwas Ausgezeichnetes vorzufinden, wenn ich mir, nach dem letzten Ausflug nach Ungarn wieder zuhause, einen Schluck dieses Johannisbeerbrands aus dem Jahrgang 2021 eingieße.

Brill Pálinkaház Feketerizibli Pálinka

Das erste, was auffällt, ist die deutliche pastellgoldene Farbe. Sie stammt, überraschenderweise, aus der Frucht allein. Da die Beerenmaische so viel Farbe abgibt, bleibt selbst nach der Destillation davon etwas erhalten, etwas, was man sehr selten erlebt. Da man auf Aktivkohlefilterung verzichten will bei Brill, ist das vielleicht erklärungsbedürftig – aber natürlich. Ergänzt wird die Tönung durch eine lebendige Beweglichkeit, die auch mit einer gewissen Öligkeit einhergeht – beide Aspekte sind vorhanden, optisch macht das was her.

Hält man das Glas an die Nase, wird man auch hier auf keine Weise enttäuscht. Erstmal springt einen die schwarze Johannisbeere geradezu an, frisch gepflückt, mit noch etwas Stiel und Blatt auf der Hand. Die erkennbar bittere Beerigkeit ist klar definiert und sauber, mit nur leichten Nebenaromen von Vogelbeere, Kirsche und roter Johannisbeere. Ein kühler, fast minziger Eindruck kommt dazu, aber ohne jede Schärfe. Das ganze fühlt sich durchaus grün an, klar und frisch, mit einer gewissen Obststeinnote, die jedoch nicht marzipanig wirkt. Etwas Harz, etwas grüne Olive, ganz dezent nur und ohne die Fruchtaspekte anzugreifen, geben zusätzliche Komplexität und Tiefe ins Aroma.

Brill Pálinkaház Feketerizibli Pálinka Glas

Am Gaumen findet man erstmal eine etwas neutralere Beerennote, bei der die schwarze Johannisbeere initial gar nicht mal so klar dominiert. Das geht irgendwo zwischen Brombeere und Stachelbeere durch erstmal, mit mehr als nur einem Touch Vogelbeere. Die Textur ist sehr weich und voll, richtig mundausfüllend, schön breit, süßbitter und sogar mit einem Touch von Salz. Im Verlauf bildet sich leicht pikante Würze heraus, die etwas prickelt, nie brennt, den 40% Alkoholgehalt angemessen. Ganz spät dann, wenn der Brand den Mund schon wieder verlassen hat, blendet die schwarze Johannisbeere plötzlich dramatisch auf, mit einem Riesenvolumen, das sich ganz hinten hinter den Backenzähnen am Zahnfleisch konzentriert, und hier ist der genaue Fruchtgeschmack dann nahezu perfekt abgebildet.

Was ein guter Brand macht, ist es halt, diesen Fruchtgeschmack zu konservieren und zu verlängern – isst man eine Frucht, ist der direkte Geschmack sehr intensiv, dann aber schnell verflogen. Bei einem Obstbrand kehrt sich das um, initial muss sich am Gaumen der Geschmack erst entwickeln, bleibt dafür dann aber auch sehr viel länger: beim Brill Feketeribizli hier ist auch nach einer Viertelstunde noch retronasal die Johannisbeere da. Sowas liebe ich ja, ein Schlückchen reicht für lange Zeit, davon muss man gar nicht viel trinken, um das volle Erlebnis zu haben.


Ein aromatischer Obstbrand ist in vielen Varianten einsetzbar. Wie schon von Ulric Nijs in meinem Artikel über Obstbrände in der Fizzz #4/2023 empfohlen, ist in einem Metropolitan der Ersatz des eigentlich geforderten Blackcurrant-Wodkas durch einen echten Brand aus der schwarzen Johannisbeere ein Game Changer – die Eindrücke sind viel intensiver, echter, länger. Darum trinke ich so einen Drink natürlich nur damit, und der Brill Feketeribizli ist hierfür wirklich wunderbar, man fühlt ihn selbst gegen die große Gegendosis Orangenlikör und Cranberrysaft deutlichst heraus.

Metropolitan Cocktail

Metropolitan
1oz / 30ml Schwarze-Johannisbeere-Brand
1oz / 30ml Orangenlikör
1½oz / 45ml Cranberry-Saft
½oz / 15ml Limettensaft
¼oz / 7ml Lime Cordial
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Chuck Coggins]


Der Stil der Flasche ist wohl überall in Europa gern für Obstbrände genutzt, ich sehe das oft so in Deutschland, Österreich und auch in Italien. Persönlich finde ich diese langgestreckte Form etwas unbequem, sowohl beim Eingießen als auch beim Aufbewahren im Regal, doch der repräsentative Effekt ist hier wohl wichtiger. Das Etikett ist klar designt und protzt nicht, hält sich aber auch etwas sehr zurück, was Details über den Brand selbst angeht, da fände ich etwas mehr gut.

Brill Pálinkaház Feketerizibli Pálinka und Sütőtök Párlat

Ich habe diese Flasche, wie gesagt, aus Budapest 2023 mitgebracht, und mit ihr gleich noch eine zweite Variante von Brill – dem Sütőtök Párlat, also einem Kürbisdestillat. Das darf – wer oben aufmerksam mitgelesen hat, weiß es bereits – natürlich nicht als „Pálinka“ verkauft werden, doch trotzdem ist das ein grandioser Tropfen, den ich hier auch noch besprechen werde. An solchen Destillaten erkennt man erst, dass die Leute bei Brill ihr Handwerk wahrlich verstehen – sonst könnte man denken, der Brill Pálinkaház Feketeribizli Pálinka wäre ein Glücksfall im Sortiment des Brenners. Nein, die machen einfach durchgängig guten Stoff, auch wenn der Johannisbeerbrand natürlich für mich, der diese Beere sehr liebt, etwas sehr besonderes bleibt.