Als ich vor fast 20 Jahren ins Saarland kam, gab es hier nur eine dramatisch eingeschränkte Bierszene. Eine Brauerei aus Homburg beherrschte alles, manche Saarländer wussten glaube ich gar nicht, dass es außer Urpils und Bitburger noch andere Biersorten gibt. Heute sieht das erfreulicherweise anders aus, vor allem kleinere Brauereien stehen aus den Ruinen wieder auf und Neugründungen erfolgen. Heute stelle ich ein sehr erfolgreiches Ergebnis dieser Entwicklung vor, das Bach’s Cosmic Lager der Neunkircher Brauwerke GmbH. Man braut dort in kleinen Chargen von maximal 30hl Kreativbiere, wie dieses Session Lager mit 4,7% Alkoholgehalt. Keine industriellen Hopfenextrakte, kein Mikroplastik (PVPP), keine künstliche Filtration oder Pasteurisation – das liest sich für mich als Natürlichkeitsfreund schonmal sehr gut. Dazu wird das Cosmic Lager mindestens 30 Tage gereift, sollte als Frischbier behandelt werden und darum zögere ich nicht, es zügig ins Glas zu gießen.
Opalisierend, mit leichter Trübe, aber kontrastreich dazu schöner Bernsteinfarbe. Der Schaum ist beim Eingießen üppig, sackt etwas zusammen, bleibt aber feinblasig und fluffig eine Weile erhalten. Perlage erkennt man deutlich und kräftig.
Die Nase ist beherrscht von ordentlich Aromahopfen, da hält man nicht hinter dem Berg – Grapefruit, Limette, Mango, das muss sich nicht hinter einem IPA verstecken. Das macht das Ganze auch frisch und frech, da schnuppert man einfach gerne eine ganze Weile daran; ohne, dass es „overdone“ wirkt. Für ein Lager schon ein Gedankensprung, aber noch im Rahmen.
Im Mund verwechselt man das dann nicht mehr mit einem IPA, hier wird das Bier gezähmt und zeigt sich viel stiltypischer als in der Nase. Es bleibt natürlich eine knackige Hopfenfrische und -frucht, und eine dazu passende Bittere, die auch die Zungenspitze deutlich anästhesiert. Die Getreidebasis scheint aber immer durch, ist im Verlauf sogar dominierend, bevor im Abgang die Zestigkeit des Hopfens wieder zuschlägt und für leichte Astringenz sorgt. Dann klingt noch eine ganze Weile florale Blumigkeit nach, mit einem kühlenden Effekt auf der Zunge.
Der Name passt schon, das muss man sagen – wer auf klassische Lager steht, die wenig auffallen wollen, ist hier falsch, das Ding hat ordentlich Hopfenwumms. Ich habe das gern als Essensbegleiter getrunken, zum Beispiel auch bei Hilde & Heinz in Saarbrücken, ein deftiges Brauhausessen passt einfach gut dazu. Ich bin sehr froh, dass im fast pilsexklusiven Saarland sowas angenommen wird, und hoffe auf mehr.
Es ist seit langem geschätzte Tradition und Praxis, Spirituosenabfüllungen einen klingenden Codenamen zu geben, statt sie mit einfachen technischen Details zu überfrachten; gerade zum Beispiel Foursquare hat dies nochmal für Rum auf ein neues Niveau gehoben. Da bekommen die Batches dann Namen wie Criterion, Tryptich, Shibboleth oder Isonomy, bei denen man oft erstmal nachschlagen muss, was die Vokabel überhaupt bedeutet. Andere Hersteller nutzen diesen Mechanismus ganz selbstverständlich ebenso, wie beim Mauricia L’Intendance Pure Cane Rum von Grays Distilling auf Mauritius. Die namensgebende „Intendance“ ist der französische Name für den Ficus microcarpa, hierzulande bekannt als Chinesische Feige und in sehr viel kleinerer Form eine gern gesehene, mit ihren dicken Wurzeln jeder Wohnung ein exotisches Flair gebende Dekopflanze – auf Mauritius mit seinem tropischen Klima im indischen Ozean wächst diese zu gigantischen Ausmaßen heran und dient mit ihrer breiten Baumkrone gerne als Schattenspender auf den diversen Domaines der Insel.
Herstellungsdetails sind in dem kleinen Hänger um den Flaschenhals erläutert, auf englisch und französisch. Ich gebe das mal knapp wieder: Zuckerrohrsaft wird für 32 bis 36 Stunden fermentiert. Dann wurde im April 2019 in drei Schritten in einer Kupferpotstill destilliert und geblendet. Nach diesem Prozess hat man einen Rum mit 69,6% Alkoholgehalt, der sich dann 30 Monate in einem Edelstahltank setzen darf und am Ende auf die hier präsentierte Stärke von runden 60% eingestellt und auf 740 Flaschen gezogen wird. Klingt alles schonmal gut und durchaus exklusiv; 2022 bekam der Rum beim internationalen Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles dann noch die höchste Auszeichnung, die Grand Médaille d’or – da kann die nun folgende Verkostung ja nur gut verlaufen.
Vollständig transparent und ohne Partikel jeder Art finden wir den L’Intendance dann endlich im Glas. Bewegungsfreudig und schwungvoll wirkt er da, ein flächiger, strukturierter Teppich an Resten bleibt an der Glaswand haften und macht das Glas für eine ganze Weile schlierig.
Bereits beim Eingießen macht der Rum sich breit, weit über das Glas hinaus, und man muss sich mit der Nase nur auf 30cm nähern, um schon eine volle Breitseite von Zuckerrohrsaftaromen, grasig-grünen Eindrücken und sehr schwerfloralen tropischen Blüten nach einem kurzen Regen abzubekommen. Gerade letzteres ist sehr frappant, und macht den Rum einerseits elegant, andererseits aber überhaupt nicht parfümiert-fragil dabei, sondern gibt ihm einen tiefen, dichten Körper. Frisch vom Baum gefallene Mango, mittelreife Guave und etwas grüne Banane machen den Tropenmix vollständig, das ist wirklich ausgesprochen bezaubernd, wie sehr mich das auf eine Insel mitten im Ozean versetzt. Ein Rum, bei dem ich sehr zufrieden damit bin, einfach nur die 416 g/hlpa an Congenern zu riechen und zu genießen. Grandios!
Im Mund wandelt sich der Eindruck, hier ist zunächst erstmal ein wuchtiger, salzig-maritimer Antrunk vorhanden, der dank des hohen Alkoholgehalts ein bisschen Druck auf die Ohren bringt. Würzig und süß zugleich, voller Vanille, Sternanis, Zimt und Ahornsirup, und das ohne Holzreifungseffekte. Frucht kommt dann danach, Johannisbeere, Kirsche, Vogelbeere, das geht hier für ein paar Momente fast ins Obstwasser über, vielschichtig dabei, und immer mit dieser schweren, leicht bitteren Süße. Im Abgang kommt die grüne Komponente hervor, frischer Blattschnitt, Zuckerrohr, beinahe ins Kräuterige abschweifend, Agave und Olive als Beiklang, großartige Komplexität. Die Textur ist fett und superölig, und trotz des Alkoholgehalts extrem weich und zart, nicht mal ein Anflug von Brennen oder Zwicken ist da, das fließt wie Honig über die Zunge und den Gaumen. Die Floralität kommt im Nachklang nochmal vor, zusammen mit der Kirsche und der schwarzen Johannisbeere, und hallt mit abwechselnd warmen und kalten Effekten und schöner Mineralität sehr lange nach.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich anderweitig schonmal einen so einerseits aromatisch vollwuchtigen und andererseits gleichzeitig so zartflauschigen Rum im Glas hatte. Kaum zu glauben, wie gut diese zwei Aspekte zusammenspielen. Mir gehen langsam die Worte aus, ohne in überschwängliche Superlative abzugleiten – darum belasse ich es nun dabei. Ein perfekter Rum in jeder Beziehung, mit das beste, was ich bisher in dieser Kategorie getrunken habe – ich unterstütze die Großgoldmedaille bei Spirits Selection mit ganzem Herzen.
Im Cherrycalypto betont man mit dem L’Intendance genau die Aspekte, die ich persönlich an ihm mag – Frucht und Schwere. Und er sorgt im Gegenzug dafür, dass in diesen Drink ein Wumms kommt, der mit einem leichteren Rum nicht erzielbar ist. So wird aus einem bereits so schon sehr guten Kirschdaiquiri eine aromatische Bombe, bei der die Komplexität nicht vergessen wird.
Cherrycalypto 8 frische Kirschen entkernen und muddeln 2oz / 60ml ungereifter Rhum Agricole 1oz / 30ml Kirschlikör ¾oz / 23ml Limettensaft 1 Teelöffel Eukalyptussirup Auf Eis shaken. [Rezept nach BeautyBalance]
Ein schöner Rum darf ruhig in einer schönen Flasche serviert werden – hier tut man das ohne Scheu. Die vielfacettige Flasche hat Schwung, sieht einfach großartig aus und liegt dazu noch auch gut in der Hand beim Eingießen. Der Holzstöpsel auf dem Korken passt zum Gesamtdesign, wie auch der in erdig-grünen Tönen gehaltene Anhänger und Geschenkkarton, dessen Illustrationen die namensgebende Pflanze nochmal aufnimmt.
Wer denkt, dass weißer Rum zum Purgenuss nicht taugt und eigentlich nur Mixzutat ist, dass nur fassgelagerte Spirituosen die Reife aufweisen können, die es erlauben, ein Glas davon abends gemütlich am Kamin langsam zu schlürfen, der wird beim Mauricia L’Intendance eines besseren belehrt werden. Ich habe es irgendwie aufgegeben, eine Liste meiner persönlichen besten Spirituosen eines Jahres zusammenzustellen, doch dieser Rum wäre zu hundert Prozent in den Top 3.
Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.
Koriander und Orangenschale sind natürliche Zutaten, die gerade in belgischen Bieren sehr gerne eingesetzt werden. Ich kenne genug Reinheitsgebotsanhänger, die sich wegen derartiger Zutaten echauffieren, die hochindustrialisierten Beigaben in vielen deutschen Bieren, die nach Reinheitsgebot gebraut sind, aber geflissentlich ignorieren. Jeder, der sich hier angesprochen fühlt, sollte sich fragen, ob es nicht besser ist, mehr Zutaten zu erlauben, die dann aber natürlich sind, und stattdessen die ganzen Industriehilfsmittel zu verbieten, wenn man schon die Verbotsschiene fahren muss. Zumindest den falschen Mythos des RHGs sollte heutzutage aber niemand mehr glauben, das ist reines Produktmarketing ohne Hintergrund. Um zu prüfen, dass Bier auch mit Koriander und Orangenschalen toll schmecken kann, stelle ich heute das Binchoise Artisanal Belgian Ale aus der gleichnamigen Brasserie La Binchoise vor.
Ich habe den Kronkorken gelöst, und mir kam fast die halbe Flasche des Biers im Strahl entgegen – das war das krasseste Gushing, das ich bisher erlebt habe, also Vorsicht! Mit im Glas ist dann auch ziemlich viel bröckelige Hefe gelandet (das Bier ist unfiltriert). Das trübt das Bier im Wortsinn ein, das Kupfer bleibt dennoch ansatzweise durchscheinend, und der Schaum ist sehr fein (der, der auf der Küchenzeile gelandet ist, war das übrigens auch).
Der Geruch ist getreidig, mit leicht zitrusfrischen Spitzen, ohne wirklich fruchtig zu wirken. Ein leicht metallischer Ton ist dabei, und die Hefe nimmt man auch wahr. Ansonsten bleibt das Binchoise unauffällig für die Nase, weder Orangenschale noch Koriander kann ich erschnuppern.
Im Mund hat man dann die typische, schöne Textur eines belgischen Dubbels, mit viel Cremigkeit und weichen Rundungen, die durch rezente Frische aufgeleichtert wird. Gute Bittere zeigt sich dazu ziemlich schnell, im Verlauf zunehmend, bis sie im Abgang fast etwas im Rachen kratzt. Leichte Gewürznoten nach Nelken und Muskatnuss schmeckt man, doch Getreide ist klar dominant, selten erlebe ich das in dieser Konsequenz, und die Hefe steht dem kaum in etwas nach – das fühlt sich im Mund fast wie Brotteig an. 6,2% Alkoholgehalt sind typisch und geschmacklich nicht störend erkennbar. Der Abgang ist mittellang und weiterhin von diesen letzten Eindrücken getragen. Auch hier: Koriander und Orangenschale ist kaum wahrnehmbar für mich, zweiteres höchstens durch die zestige Bittere.
Ein süffiges Bier, wie gesagt deutlich vom Basismaterial getragen, etwas, was ich durchaus zu schätzen weiß. Nichts dramatisches, außer dem Gushing natürlich, aber sehr angenehm zu schlürfen – bei der nächsten Flasche passe ich mehr auf, dann hab ich auch mehr im Glas nachher.
Man hat es nicht allzu oft in der Spirituosenbranche – man ist sich recht einig darüber, dass ein Produkt wirklich gut ist und jeden Ansprüchen genügt, egal, aus welcher Geschmacksecke man kommt. Der Elijah Craig 12 Years Kentucky Straight Bourbon Whiskey gehört, so glaube ich, dazu; es gibt kaum einen, der diesen Bourbon nicht mag, und ich sehe kaum negative Kommentare. Ich persönlich habe mich bei meiner Besprechung damals vor mittlerweile mehr als 6 Jahren förmlich überschlagen, und auch rückblickend will ich eigentlich nichts schlechtes über ihn sagen.
Um so erfreulicher ist dann, dass man mit dem Elijah Craig Barrel Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey nun noch einen Schritt weiter hin zum Bourbonnirvana tun kann. Unverdünnt wird das 12 Jahre gereifte Destillat dreimal pro Jahr abgefüllt, in einzelnen Batches, deren Stärke dann natürlich variiert. Mein vorliegender Batch ist B516, das ist ein Code dafür, dass er im Mai 2016 mit 139,4 proof (also 69,7%) Alkoholgehalt als zweite Abfüllung des Jahres in die Flasche kam. Da wartete er nun eine Weile, wird also Zeit, dass er wieder raus darf aus dem Gefängnis – allerdings nur von einem Glasbehältnis (der Flasche) in ein anderes (mein Glas).
Die Flasche verbirgt schonmal nichts – die Farbe ist fast so dunkel wie das Etikett. Gebrannte Siena nennt mein Farbenrad diesen Ton; und da bei Straight Bourbon, wie schon oft erwähnt, keine Färbung erlaubt ist (und auch gar nicht nötig, da die frischen Eichenfässer immer ohne Schwierigkeiten genug davon abgeben), können wir uns im guten Gefühl der Reinheit baden, während wir dem langsamen, schweren Schwappen der Flüssigkeit im Glas zusehen. Ein dicker Film liegt am Glas, der nur schwer in einzelne Beine aufzuteilen ist.
Schnuppern tun wir erstmal ohne Wasserbeigabe, etwas, was unweigerlich folgen wird. Ich kriege eine volle Breitseite an Vanille, Pfirsich, Karotte, Aprikosen, reifer Banane, Butterscotch und ähnlichen süßschweren Eindrücken ab, das ist Bourbon, wie ich ihn liebe, in Reinkultur. Natürlich riecht man wegen der umwerfenden 69,7% Alkoholgehalt auch etwas Klebstoff und Lack, aber das ist erstaunlich zurückgenommen, da hatte ich schon ganz andere Stinker im Glas, mit deutlich weniger Prozenten.
Traue ich mich, davon einen Schluck zu nehmen? Aus Pflichtgefühl für meine Leser, ja. Eine dichte, dicke Süße legt sich im Mund an, nur milde Schärfe, typische Bourbonaromen, aber insgesamt enttäuschend. Ich habe das Experiment schonmal gemacht, darum weiß ich – knapp 70% sind einfach für zumindest meine Geschmacksknospen zuviel, da schmecke ich gar nix mehr. Dafür ist mir dieser Bourbon zu schade, und ich bin ja kein Angeber, der damit prahlen will, wie starkes Zeug er schlabbert, drum kommt Wasser dazu, ein paar Tropfen, ich schätze, ich kriege ihn so auf um die 50% runter, das ist schon eher ein akzeptabler Wert.
Die Nase wird direkt würziger, holziger, aber insgesamt aromatischer und weniger zum Süßen neigend. Und im Mund zeigt sich, dass ich Recht hatte – jetzt explodiert der Elijah Craig geradezu mit würzigen, fruchtigen und mildscharfen Aromen. Immer noch viel Vanille und Karotte, meine zwei Bourbonaromen, die ihn für mich definieren, aber Kardamom, Ingwer, Zimt, eine leichte Nussigkeit spielt auch mit. Salzige und mildsaure Eindrücke wechseln ab, eine volle, cremige Buttrigkeit sorgt für ein tolles Mundgefühl. Aprikose, Pfirsich, Birne – da ist alles drin, was man sich wünschen kann.
Er ist nun gut heiß und kitzelt am Gaumen und der Zunge, was den Abgang einleitet: man kann ihn nachverfolgen, wie er runterrutscht und unten liegenbleibt. Der Nachhall von Karotte und Vanille klingt lange nach, ohne wirklich aufdringlich zu sein, eine leichte Adstringenz saugt mir die Spucke aus dem Mund. Ein großartiger Bourbon, mit Kraft, Wucht und einer unglaublich guten Balance.
Der Cocktail The Tootsie verlangt normalerweise nach gleichen Anteilen Bourbon und Rye. Ich habe einfach die Anteile etwas verschoben, um dem Elijah Craig etwas mehr Prominenz zu verleihen. Wie so oft bei Rezepten außerhalb des Backens muss man nicht alles, was vorgeschrieben wird, auf die Goldwaage legen; oft sind es die kleinen Verschiebungen, die die Individualität eines jeden Drinks dann ausmachen, und kaputt macht man in den allerseltensten Fällen irgendwas. Wer will schon immer das Identische trinken. Ich jedenfalls nicht.
The Tootsie 1 oz kräftiger Bourbon ½ oz Rye Whiskey ½ oz Spiced Rum ½ oz Aprikosenlikör ½ oz Ananassaft ¼ oz Zuckersirup 1 Spritzer Schokoladenbitter Auf Eis shaken. Auf einem großen Eiswürfel abseihen. 1 Teelöffel Chartreuse darauf floaten. [Rezept adaptiert nach Kenneth McCoy]
Wie gesagt, meine Flasche stammt aus dem Jahr 2016, damals war die Flasche noch die gleiche, in der man den normalen Elijah Craig damals bekam, auch der große Plastikdeckel auf dem echten Korken war identisch. Heute ist die Flasche einer Verjüngungskur unterzogen worden, das ist dann Geschmackssache, mir gefiel das alte Design eigentlich immer sehr gut.
Das allerbeste am Barrel Proof heute wie gestern ist aber geblieben, nämlich dass man lange an dieser Flasche hat – mit der leichten Verdünnung, die ich angeboten hatte, kriegt man locker einen Liter aus der Dreiviertelliterflasche; alternativ hat man Cocktails mit echtem Bumms. Ich habe mir, als es diesen Bourbon im Angebot in einem lokalen Supermarkt gab (ich war selbst extrem überrascht, sowas dort überhaupt zu finden!), gleich drei Flaschen geholt. Die sollten mir eine Weile aushelfen, wenn die Lust auf starken, wuchtigen Bourbon groß wird.
Vor kurzem hatte ich eine eher unbekanntere Agavenbrand-Varietät aus Mexiko vorgestellt, einen Bacanora. Damit erschöpft sich der Pool an in Mexiko geschützten Spirituosen allerdings noch nicht, es gibt noch eine weitere: den Raicilla. Die „denominación de origen“ ist für Raicilla ähnlich strukturiert wie für Mezcal, Bacanora, Sotol und Charanda, da hangelt man sich an den üblichen Parametern entlang, die Hauptpunkte sind hier: Raicilla darf nur in den Bundesstaaten Jalisco und Nayarit hergestellt werden, und es gibt eine Liste von erlaubten Agavensorten. Diese ist nicht abgeschlossen wie bei anderen Agavenbränden Mexikos, im offiziellen Dokument liest man: „Materia prima: Agaves silvestres o cultivados; Agave Maximiliana Baker, Agave Inaequidens Koch, Agave Valenciana, Agave Angustifolia Haw y Agave Rhodacantha entre otros, con la excepción del Agave Tequilana Weber Azul“. Das „entre otros“ lässt die Liste offen, und man schließt dafür die blaue Weberagave explizit aus, wahrscheinlich, um keine Konflikte zur DO von Tequila aufkommen zu lassen; man grenzt noch zwischen Raicilla de la Costa und Raicilla de la Sierra ab, hauptsächlich über die Agavensorten.
Für das Beispiel heute, den La Venenosa Raicilla Sierra del Tigre, einem, wie der Name schon andeutet, Raicilla de la Sierra, kommt die in der Liste vorhandene, wild gewachsene Agave inaequidens zum Einsatz; im Dorf Manzanilla de la Paz auf 2000m Höhenlage, wo der Raicilla herkommt, kennt man sie umgangssprachlich als Bruto. Geröstet wird auf Holzkohlen in einem Erdofen, und die Brennanlage ist eine keramische Filipino-Potstill, in der bei diesem Batch ein Alkoholgehalt von 45,5% erzielt wird. 700 Liter entstehen nur pro Jahr unter dem wachsamen Auge des Brenners Don Luis Contreras, und ein paar Schlückchen davon können wir heute gemeinsam im Glas probieren.
Die extreme Öligkeit fällt einem sofort auf, wenn man die kristallklare Flüssigkeit langsam im Verkostungsglas schwenkt, das schwappt fast wie Sirup hin und her. Großzügige Reste bleiben an der Glaswand haften, laufen spät in fetten Beinen ab.
Ich fühle mich sofort an Erdbeerjoghurt erinnert, wenn ich das Glas dann an die Nase halte. Eine milchig-joghurtige Note ist der erste Eindruck, nicht wirklich säuerlich werdend, Schmand oder Crème Fraiche vielleicht als äußerstes. Darin liegen dann verschiedene Obstsorten, Kirschen, Erdbeeren eben, milde, nicht ganz reife Aprikosen. Erst danach kann man langsam die Agave entdecken, in ihrer grünen Mineralität, mit Blattschnitt und einem Gartenteich im Frühling, und fermentierten Gurken. Auch wenn es seltsam klingt, diese Kombination ist angenehm zu schnuppern.
Am Gaumen merkt man auch noch den Joghurt, eine deutlich säuerliche Note entsteht schon zu Beginn und verstärkt sich sogar noch bis zum Schluss. In dem Joghurt ist weißer Pfeffer, sowohl aromatisch, als auch vom Effekt, ein kaltes Kribbeln involviert insbesondere die Zunge. Kirschen und Erdbeeren streiten sich um die Hauptrolle in der Fruchtkomponente. Die Textur ist nicht ganz einfach, die optische Öligkeit spiegelt sich nicht am Gaumen wieder, hier ist der Brand eher klar und leicht, durchaus auch etwas salzig. Gegen Ende dreht die Agavenseite auf, verdrängt den Rest, und im Nachhall ist dann nur noch leicht säuerliche Agave vorhanden, mineralisch, kiesig, grün und etwas erdig, mit einem Touch der Brühe eingelegter Gurken.
Ein ungewöhnlicher und wahrscheinlich auch polarisierender Agavenbrand aus Mexiko, da mache ich mir keine Illusionen: den La Venenosa Raicilla Sierra del Tigre wird nicht jeder mögen, insbesondere der milchsaure Aspekt muss verstanden werden, bevor er genossen werden kann. Zumindest ich für meinen Teil kann soetwas vom Kopf her auf analytischer Ebene mögen, vom Bauch her brauche ich noch etwas Zeit und Erfahrung mit Raicilla, das gebe ich unumwunden gerne zu.
Manchmal ergeben sich Zufälle, mit denen man nicht rechnet. Neulich erst hatte ich meine Heimbar etwas umorganisiert, und dabei die Flasche Savanna Lontan, die zum 60. Jubiläum des französischen Händlers La Maison du Whisky herausgegeben wurde, wiederentdeckt, die ich vor inzwischen schon 7 Jahren erworben hatte. „Darüber solltest du doch auch mal schreiben“, dachte ich mir, und Minuten später war der Gedanke schon wieder vergessen und die Flasche wieder hinten im Regal gelandet. Umstrukturierungsmaßnahmen sind selten wirklich erfolgreich. Doch diesmal bekam ich einen zusätzlichen Schubs, in der Form von Samples, die mir Kirsch Import, der wahrscheinlich der erfolgreichste deutsche Importeur, was exotischen Rum angeht, recht unerwartet ein paar Wochen später zukommen ließ. Solche Synergieeffekte lasse ich dann auch bei der mir inhärenten Trägheit nicht verstreichen, und hier stelle ich nun eine Menge Rums von der kleinen Insel Île de la Réunion im Indischen Ozean, einem französischen Département d’outre-mer, vor: die Rums von Savanna Réunion Island Rum, wie die Marke der Destillerie Savanna seit kurzem wohl offiziell angliziert heißt. Seit 1870 gibt es die Zuckerfabrik mit angegliederter kleiner Brennerei dieses Namens, danach erfolgten in den 40ern und 90ern umfangreiche Umbauten der gesamten Zucker- und Ruminfrastruktur der Insel, der Name Émile Hugot ist damit eng verbunden.
Bei Savanna stellt man drei Sorten Rum her: Rhum Agricole (also aus Zuckerrohrsaft entstanden), Rhum Traditionnel (also aus Melasse gebrannter Rum), und Rhum Grand Arôme, der auch aus Melasse hergestellt wird, aber deutlich längere Fermentationszeiten nutzt und dadurch intensivere Aromen hervorbringen kann. Dafür hat man auch unterschiedliche Brennapparate, eine Pot Still, eine klassische Säule und dazu noch eine Savalle-Kolonne, man ahnt schon, dass hier eine Vielzahl von unterschiedlichst parametrisierten Rums gestaltet werden kann. Zusätze oder Kaltfiltrierung gibt es allerdings bei keinem, sehr lobenswert. Gehen wir einfach mal einen Teil des Portfolios der Brennerei zusammen durch!
Fangen wir bei dem glasklaren Savanna Intense 41,3 Rhum Traditionnel de La Réunion an. Viskosität sieht man hier, und hübsche Schlierenbildung, insgesamt aber unauffällig. In der Nase erkennt man sofort, dass man keinen Zuckerrohrsaftrum vor sich hat, sondern einen aus Melasse gebrannten. Süßlich, erdig, dezente Aromen von Guave, Litschi und Banane, dazu etwas Kokosnuss. Man muss tief schnuppern, und bekommt dann auch eine kleine Dosis Ethanol mit, bei den namensgebenden 41,3% Alkoholgehalt müsste das so nicht sein. Im Mund setzt sich das so fort, mit einer etwas helleren Komponente aus Vanille und gerösteten Mandeln. Insgesamt bleibt der Rum süß und mildfruchtig, er strahlt im Verlauf einen warmen Hauch aus, der sich am Gaumen ausbreitet. Die Textur ist dicht und rund, das passt gut zur kräftigen Bananen- und Kokossüße. Ja, das fühlt sich tropisch an, und ganz anders als ein Rhum Agricole. Das passt ziemlich sicher wunderbar in Cocktails, bei denen man eine dichte, süße Rumbasis braucht, die aromatisch aber nicht zu sehr heraussticht.
Ein bisschen strohige Farbe gewonnen hat der Savanna Métis Rhum Traditionnel Brun de La Réunion, denn bei ihm handelt es sich um einen Blend aus Rums, die in Fässern und Vats aus französischer Eiche bis zu 4 Jahre gereift und auf 40% Alkoholgehalt eingestellt wurden. Die geruchliche Verwandschaft ist erkennbar, doch hier wirkt alles viel dunkler, als die Farbe es andeutet. Erdig, nasser Waldboden, feuchtes Holz, Champignons und ähnliche Eindrücke verschieben die Aromen etwas, Banane, Litschi und Kokos bleiben jedoch erhalten, das Ethanol dagegen ist verschwunden. Am Gaumen fällt zunächst die schwere Konsistenz auf, die sich fast wie Sirup an Zunge und Zähne legt. Erkennbar bildet sich dann daraus Würze heraus, das Holz ist nun erkennbar, ohne wirklich dominant gegen die Kokosbanane anzutreten, mehr, sie klarer herauszuschälen. Angenehme Säure sorgt für Balance, besonders im mildtrockenen Abgang, bei dem Zimtschärfe eine ganze Weile nachklingt. Süffig und sehr rund, das kann man pur trinken, oder für einen Cocktail einsetzen, der von der zusätzlichen Würze profitieren kann.
Nicht „bis zu“, sondern mindestens 5 Jahre Reifungsdauer benötigt der Savanna 5 ans d’âge Rhum Traditionnel Vieux de La Réunion. Da geht die Farbe natürlich schon ins Ocker über, ohne künstlich gefärbt zu wirken. Das Schwenkverhalten ist auch gemütlicher geworden, an der Glaswand bleibt eher eine ölige Fläche denn komplexe Beinbilder. Man bewegt sich sensorisch nun schon etwas weg von den Vorgängern, das Holz löst die tropische Frucht spürbar als Hauptaromengeber ab. Eher Trockenfrüchte findet man nun, Datteln und Feigen statt frischer Banane und Litschi. Ich gebe zu, das ist weniger interessant in der Nase als zuvor. Die weiche Textur ist dagegen voll erhalten geblieben, im Antrunk ist das sogar sehr flauschig. Erst im Verlauf kommt dann immer trockener werdende, sich sogar feurig präsentierende Würze auf, die auf die schwere Süße von Honig, Heu und Karamell aufbaut und die 43% Alkoholgehalt gut setzt. Ein ganz klassischer Rum, würde ich sagen, hier sieht man halt ein bisschen, wie durch Holzlagerung territoriale und sensorische Eigenheiten etwas unterdrückt werden zugunsten einer gewissen Generizität. Wenn es am Ende so angenehm zu trinken ist wie hier, stört mich das aber weniger als bei vielen anderen Produkten.
Noch etwas älter werden wir beim Savanna Le Must Rhum Traditionnel Très Vieux de La Réunion – bis zu 9 Jahre alt sind die Rums dieses Blends, und man hat hier dann sogar auch Grand-Arôme-Rums dazugegeben, am Ende erreicht man damit 45% Alkoholgehalt. Klar ockerfarben ist der Blend nun, richtig ölig im Glas und die Beinchen kann man inzwischen zählen. Die Nase ist äußerst attraktiv geworden, man trifft auf eine exquisite Mischung von fruchtigen Estern und holzigen Tanninen – beide Seiten sind in toller Balance zueinander. Ein bisschen staubig wirkt der Rum, erinnernd an einen feuchten Keller. Am Gaumen wirkt der Le Must dagegen noch frisch und jung, mit vielen fruchtigen Aromen, dazu deutlichem Eindruck von Kirsche und Quitte, unterstützt von Backgewürzen. Bittere und Süße haben beide ihre Berechtigung, die Textur ist weich, aber nicht schwer. Gegen Ende zeigt sich die würzige, pikante Seite des Le Must, mit kaltem Feuer glüht er lange vor sich hin, ohne zu zwicken, und bleibt auch aromatisch sehr lange bei uns, ohne sich dabei wild aufzudrängen. Dieser Blend ist wirklich herrlich gelungen, mit viel Typizität und Charakter, und dennoch erfrischendem Charme.
Der Grund, die Samples zugeschickt bekommen zu haben, ist natürlich die Veröffentlichung des Savanna Unshared Cask #25 Rhum Traditionnel Vieux de La Réunion. Kirsch Import hat sich das für uns deutschlandexklusiv gesichert. Es handelt sich um einen Single Cask, der nach 6 Jahren tropischer Reifung aus Fass #25, das vorher Cognac enthielt, mit 59,5% Alkoholgehalt auf nur 768 Flaschen gezogen wurde. Eingelagert wurde in das Fass ein Blend aus Rhum Traditionnel und HERR-Grand-Arôme-Rum, ähnlich wie schon beim Le Must. Farblich ist im Vergleich aber schon noch mindestens eine Farbstufe dazugekommen, zwischen Safran und Kupfer liegt er im Glas, und bewegt sich viskos, aber lebendig. Den HERR im Blend riecht man hier nun sehr deutlich, starke Ester definieren die Nase, mit etwas Fruchtkaugummi, Zuckerwatte und einer orthogonal dazu verlaufenden Erdigkeit. Ungewöhnlich und besonders, das muss man sagen. Das Gefühl führt der Gaumen fort, mit viel Wucht schlägt der Unshared Cask #25 hier auf, und bringt volle, dichte Eindrücke von Kirsche, Beeren, unreifer Ananas und Litschi. Brauner Kandiszucker steuert vom Antrunk an Würze bei, ein bisschen Anis und Estragon tauchen auf, Kardamomkälte gleicht die alkoholische Wärme aus. Deutlich trockener als alle Vorgänger ist dieser Rum am Gaumen, zeigt milde Astringenz dabei. Der Abgang ist sehr lang, fruchtbetont, hier kommen Holzaromen langsam hervor und lassen den Rum weniger wild als zu Beginn ausklingen. Wirklich hervorragend, dieser Abgang, er komplettiert einen sehr erwachsenen, grandios strukturierten Rum.
Zu guter Letzt wenden wir uns noch dem wahrscheinlich besondersten Produkt der Destillerie zu, dem Rhum Grande Arôme, der schon mehrfach erwähnt wurde. Zwei Ausprägungen gibt es davon, den HERR und den Lontan. Wir sprechen nun über den Savanna Lontan Rhum Traditionnel Grand Arôme, entstanden aus der oben angesprochenen Savalle Column Still. Meine Flasche ist Flasche 70 von 1000 aus einer Sonderabfüllung zur Feier des 60. Jubiläums von LMDW, mit einem Alkoholgehalt von 57% (der Standard-Lontan hat heutzutage 57,5%). Schon beim Eingießen ins Glas schwappt der Lontan schwer, und er schwenkt sich zäh, geht gern wieder in Ruhe über. Kristallklar ist er, auch wenn man durch die braunen Etiketten zunächst vom Flascheineindruck dachte, er hätte eine Tönung. Die Nase ist extrem, voller dramatischer Ester, weniger fruchtig, mehr quietschend schweißig, getragene Turnschuhe, Tennissocken nach dem Sport, die Umkleide im Gymnasium. Linoleum, Teer, eine alte Werkstatt mit geölten Werkzeugen. Plastik und leichte Floralität, am Ende dann doch noch Bergamotte, Stachelbeeren und grüne Banane. Man sieht, hochkomplex, wenn auch nicht besonders schmeichelnd, die rund 580g/hlpa an Estern muss man verkraften können. Im Mund ist der Lontan dann viel fruchtiger, mit schwarzen Johannisbeeren, Kirsche, etwas Birne; und hier wirkt er auch viel angenehmer, die ganzen Schweißnoten sind verschwunden. Schwere Süße definiert die Textur, der Alkoholgehalt ist kaum spürbar, erst im Magen merkt man, was man getrunken hat. Der Abgang ist entsprechend lang und wirksam, leicht grünlich und vegetal, deutlicher erdig, mit einem Touch von Pinienharz und Fichtennadeln. Höchstaromatisch macht der Lontan seiner Kategoriebezeichnung wirklich alle Ehre, und gefällt mir persönlich besser als viele der Estermonster aus Jamaica.
Hochesterrums können Cocktails leicht komplett übernehmen und sie eindimensional machen, das habe ich oft erlebt. Beim Golden Barnacle passiert das überhaupt nicht – es ist ganz erstaunlich, welche Komplexität in diesem Tikidrink zu finden ist, von Gewürzen über Obst bis hin zu Blüten ist alles da, was man von der Südsee erträumen könnte. Besonders der lange, hocharomatische und spannende Abgang macht diesen Cocktail zu etwas wirklich besonderem, wenn man einen Grande Arôme wie den Savanna Lontan dafür nutzt.
Golden Barnacle 1oz / 30ml ungereifter Rhum Agricole ½oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum ½oz / 15ml Allspice Dram 1oz / 30ml Don’s Mix(2:1 Grapefruitsaft – Zimtsirup) ½oz / 15ml Limettensaft Auf Eis blenden. In einen Tumbler mit Eis abseihen. [Rezept nach Shannon Mustipher]
Wir haben hier eine weite Bandbreite von Rums probiert. Der Rhum Traditionnel von Savanna alleinstehend überzeugt mich nicht so unglaublich, das gebe ich zu, das fühlt sich für mich wie der übliche Melasserum aus Mittelamerika oder der Karibik an (was es eigentlich ja auch ist). Der Kniff ist auf La Réunion wirklich der Grand Arôme, sei es alleinstehend wie im Lontan, oder als Würzzutat im Unshared Cask #25 oder dem Le Must. Wer wissen will, was die Besonderheit der Insel im indischen Ozean ist, sollte einen von diesen drei probieren. Für den gemütlichen Trinker empfehle ich den Le Must, für den, der exotische Dramatik spüren will, den Lontan, und für alle anderen, die gern den Mittelweg des besten aus beiden Welten gehen wollen, den Unshared Cask.
Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.
Vom letzten Ungarntrip habe ich natürlich ein paar Flaschen Pálinka mitgebracht, das stand außer Frage. Ich habe dort auch immer gern Bier getrunken, das klassische DreherGold, Soproni und Arany Aszok waren schon früher immer gern gesehene Essensbegleiter in Budapest. Doch nun fand ich auf den Speisekarten, den Kneipen und in den Supermärkten plötzlich soviele andere Biersorten, die mir trotz meiner vielen Aufenthalte dort völlig unbekannt waren, und so wurden diese ausgiebig probiert und mitgenommen. Stellvertretend dafür stelle ich heute drei Sorten der 30 Jahre alten, 2014 modernisierten Brauerei Szent András Sörfőzde vor: Szent András Magyar Vándor, Monarchista und Laza Morál.
Die erste der Flaschen, die wir nun öffnen, ist das Szent András Magyar Vándor, übersetzt „ungarischer Wanderer“, was wahrscheinlich auf den Hybridstil aus Lager und Ale hinweisen soll. Diverse Hopfensorten (Citra, Cascade, Aurora und Mittelfrüh) und Pilsner und Münchner Malz werden sowohl unter- als auch obergärig fermentiert. 5,6% Alkoholgehalt und 35 IBU sprechen eine deutliche Sprache.
Klar, aber nicht kristalldurchsichtig, leicht opalisierend, mit heller Kupferfarbe. Leichte Perlage sieht man dazu, die die schmale Schaumschicht füttert, bestehend aus feinsten Bläschen. Die Nase geht mehr ins Ale als ins Lager, klar hopfendominiert, dabei aber mit erkennbarer Getreidigkeit. Fruchtmarmelade, Apfelkompott, reife Pflaumen – das ergänzt sich insgesamt zu einer sehr schwerfruchtigen, süßen Angelegenheit mit viel Charme, unkompliziert, nicht kratzig, sehr gefällig. Direkt setzt sich das im Mund fort, auch hier bleibt initial schöne Süßfrucht vorhanden, ordentliche Ale-Cremigkeit belegt den Gaumen, ein bisschen Hopfenbittere gleicht das alles aus. Im Verlauf drängt der Lagercharakter das Ale dann immer stärker nach hinten, Malzigkeit kommt stärker voran, Getreide und Bittere erzeugen eine leichtere, hellere Textur und ein frischeres Geschmacksbild. Der Abgang ist dann ausschließlich Lager, klar, sauber, leicht floral.
Sehr schön gemacht, gerade diese Hybridstellung ist klar sensorisch nachvollziehbar: das Beste aus zwei Welten. Aber zügig und kühl trinken, sonst wird es am Ende etwas schal.
Ein „Imperial Pilsner“ hatte ich, ehrlich gesagt, noch gar nie zuvor im Glas, umso gespannter bin ich dementsprechend auf das Szent András Monarchista, der imperiale Zusatz bezieht sich sicher auf den hohen Alkoholgehalt von 7% und die für ein Pils üppigen 30 IBU. Eine schöne, namensgebende Austrohungarische-Monarchie-Malzkombi hat man sich da ausgesucht, Pilsner, Wiener, Münchner, dazu noch Karamellmalz. Mit Spalter Select, Aurora und Magnum spart man auch nicht bei den Hopfensorten.
Der Schaum ist nach dem Eingießen sehr beeindruckend dick, und besteht nur aus feinsten Bläschen, richtig fluffig ist das. Nach ein paar Minuten ist noch ein fingerdicker Rest übrig, der weiterhin cremig das opalisierende Kupfer bedeckt. Bedeutend unauffälliger als dieser knallige optische Eindruck ist der Geruch, da muss man schon etwas Fantasie aufbringen, um wirklich aussagekräftiges zu finden. Etwas getreidiges Malz, etwas Bitterhopfen, nun, bei einem Pils suche ich in der Regel auch nicht oft nach einer expressiven Nase. Die Textur dagegen weiß genauso zu überzeugen wie der Anblick, das ist cremig, dicht, voll und schwer, fast schon kauig. Die Süßsauerbalance ist perfekt, ein Tick Salz ist da, zusammen mit den schweren Getreidenoten. Dabei sind keine unerwarteten Aspekte vorhanden, das trinkt sich klar und sauber, wie man es von einem Pils erwartet, die 30 IBU sind wunderbar eingebunden, wie auch der Alkoholgehalt. Der Abgang ist klar, kurz und knackig, mit leichter Astringenz endet das Bier zügig.
Das ist wirklich großartig, ein Bier, bei dem ich mir dringend noch ein paar Flaschen organisieren muss. Toll gemacht, stilistisch sicher, und mit viel Kraft und Verve. Eine der Entdeckungen, was ungarisches Bier angeht!
Zu guter letzt lassen wir jegliche Zwänge sausen und wenden uns dem Szent András Laza Morál zu. „Lockere Moral“ nennen die Brauer dieses leicht eingebraute Session IPA mit 4,6% Alkoholgehalt, auf Basis von Pale- und Münchner-Malzen sowie Citra- und Simcoe-Hopfen.
Optisch spricht es mit einem leuchten, nur leicht trüben Kupferton zu uns, über die erkennbare Perlage speist sich dünner Schaum. Natürlich dominieren in der Nase sofort die zitruszestigen Hopfennoten, initial durchaus kantig und zwickend, erst aufs zweite Schnuppern hin mit fruchtmarmeladigen Seiten. Grapefruitzeste und Traubengelee ringen etwas miteinander, Litschi und Mango liefern Subtext. Die Textur weiß im Antrunk schonmal zu überzeugen, voll und cremig, aber ohne richtig kauig zu werden, mit guter Karbonisierung für die Auflockerung. Dann schlagen aber direkt die Hopfen zu, und zwar richtig prickelnd und im Verlauf sogar kräftig anästhesierend und kalt, da fehlt mir etwas die Basis, auf die soetwas besser aufbauen könnte, sowohl vom Alkoholgehalt als auch vom Malz – die Säure in diesem Bier ist zu stark geworden. 35 IBU spürt man sehr deutlich. Gegen Ende erwartet einen eine unerwartete Kaffeepulvernote, so einen Twist finde ich dann wiederum sehr spannend.
Session IPAs sind nicht so richtig mein Ding, glaube ich, für kräftige Bittere braucht man einfach kräftigen Körper, sonst kratzt es, und beim Laza Morál ist das dann sogar einigermaßen gelöst worden. Dennoch nichts, was ich öfters brauche, zu sauer, zu hopfenfrech für den leichten Körper für meinen Geschmack.
Ich erinnere mich an meine früheren Besuche in Ungarn, und vor beispielsweise 10 Jahren war Craftbier dort überhaupt kein Thema. Es ist schön zu sehen, dass sich auch dort viel bewegt, wie schon zu Beginn gesagt, in verschiedenen Läden habe ich Dutzende von lokalen Marken gesehen, sowohl von Neugründungen als auch von traditionellen Brauereien. Ungarn als Bierland muss man als Fan heute durchaus auf die Landkarte nehmen!
Manch einer, der schon länger meinen Blog liest, bekommt vielleicht den Eindruck, dass ich Zucker hasse. Damit würde man mir schon etwas Unrecht tun, darum stelle ich das klar: ich mag es überhaupt nicht, wenn undeklarierter Zucker in einer Spirituose ist, insbesondere, wenn man es von der Gattung her eigentlich nicht erwarten muss. Rum, zum Beispiel. Der sollte ungesüßt sein, selbst wenn in der EU-Verordnung inzwischen 20g/L erlaubt sind, das ist einfach etwas, was kein Brenner, der etwas auf sich hält, tut. Ähnliches gilt für Obstbrand, auch hier sind gesetzlich gewisse Mengen erlaubt, doch wer das macht, beweist damit nur, dass sein Produkt auf sich gestellt nicht genug taugt, um dem Kunden zu gefallen. So. Damit beklage ich mich nicht über Spirituosen, bei denen per Definition Zucker enthalten ist (und sogar sein muss), wie Liköre. 100g/L sind die Mindestmenge, damit der Begriff „Likör“ für ein Produkt genutzt werden kann. Hier störe ich mich natürlich nicht am Zucker, das wäre ja absurd. Und ich zähle sogar diverse Liköre zu meinen Lieblingsspirituosen, also wehre ich mich entschieden gegen das Label „Zuckertaliban“, das mir schon angeheftet wurde in der Vergangenheit, und dass ich „moralisiere“.
Besonders gerne mag ich Liköre, die nach alten Rezepten entstehen und eine gewisse Tradition haben, der Kopf trinkt bei mir halt einfach mit. Dazu gehört zum Beispiel das Elixir de Spa von F.X. de Beukelaer. Es handelt sich dabei um einen Likör, abgeleitet aus einer Destillation von ausgewählten Kräutern, Schalen und Wurzeln, deren genaue Auswahl und Mengen, wie so oft, Betriebsgeheimnis bleiben. Der Likör wird dann in Eichenfässern gereift und mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt. Ursprünglich wurde er von Kapuzinermönchen in der belgischen Ortschaft Spa, heute hauptsächlich durch die Lieblings-Formel-1-Strecke von Michael Schumacher bekannt, manufakturiert, und in den Wirren des 19. Jahrhunderts wurde der Likör einerseits vom belgischen Königshaus für seine Qualität ausgezeichnet, andererseits gleichzeitig aber auch nur knapp vor dem Vergessen gerettet. Heute hat sich, wie gesagt, F.X. de Beukelaer in Antwerpen dem alten Mönchselixir angenommen, eine belgische Traditionsfirma, die durchaus viel Erfahrung mit Likören hat, was man beim neulich hier besprochenen Elixir d’Anvers aus demselben Haus schon sehen konnte. Probieren wir das Kapuzinergebräu!
Minimalste Färbung ist bei genauem Hinsehen erkennbar, doch auffälliger ist die extrem viskose Konsistenz der Flüssigkeit, da muss man Schwung aufbringen, um diese überhaupt in Bewegung zu versetzen, und dann legt sie sich schnell wieder zur Ruhe. Natürlich bildet sich das auch in Artefakten an der Glaswand ab, dicke Beine bilden sich da.
In der Nase findet sich dann ein zweigeteiltes Bild: erstmal sind da Kopfnoten von Bergamotte, Bitterorange und Limette, frisch und hell, die eine doch etwas überraschende Spritzigkeit an die ölige Flüssigkeit vergeben. Darunter entdeckt man aber schnell auch eine dunklere, kräuterigere Schicht, mit klaren Erinnerungen an klassische Kräuterliköre wie Unicum oder Jägermeister. Gerade diese Spannung zwischen zwei eigentlich scheinbar widersprüchlichen Komponenten macht für mich den Reiz beim Elixir de Spa aus. Das geht hier sehr viel besser zusammen, als man sich das von der Beschreibung her vorstellen mag. Zusammengehalten wird das noch von Gewürzen wie Kardamom und Nelken, etwas Kamille und Anis. Sehr schön zu schnuppern!
Geschmacklich sind die Gewürze das erste, was auf die Rezeptoren des Gaumens trifft, da ist direkt Nelken, Zimt, Kardamom da, begleitet von einer sehr schweren Süße, die aber nicht klebrig ist, sondern für einen Likör sogar überraschend klar wirkt. Die gesehene Viskosität äußert sich auch in der Textur, schwer, voll, voluminös liegt das Elixir im Mund, kauig und dicht. Wermutkraut, Tonkabohne, Fenchel schmeckt man da, ein bisschen kribbelt Zunge und Zahnfleisch durch die Würze der Kräuter und der 40% Alkoholgehalt, letzteres ist hervorragend eingebunden: man spürt die Kraft, aber kein Brennen. Frische kontert das alles, sowohl in Richtung Minze als auch ätherischer Zestenöle, die dann auch lange nachwirken, Bitterorange und Bergamotte klingen im Nachhall lange mit.
Ein sehr wohlstrukturierter Likör, das muss ich sagen – natürlich ist das Elixir de Spa süß, aber irgendwie hat man nie den Eindruck, dass die Süße übernimmt, sie ist nur Träger der Kräuteraromen. Und die Zusammenstellung ist wirklich ausgesprochen gut gelungen, da passt einfach alles. Ein großartiger Likör, nicht so extrovertiert wie eine Chartreuse, nicht so schwermütig wie eine Bénédictine, sondern genau dazwischen.
Ein kleiner, aber sehr hübscher Seitenaspekt, wenn man den Fandango mit dem Elixir de Spa mixt, ist, dass er im Gegensatz zu den allermeisten anderen Kräuterlikören dann trotzdem klar bleibt – damit ist schonmal ein trickreiches Spiel mit dem optischen Eindruck möglich, auch bei anderen Drinks, die nach Kräuterlikör verlangen. Der Geschmack aus dem geeisten Glas punktet natürlich auch, doch darüber haben wir ja bereits geredet; manchmal darf auch das Auge sprechen und der Mund schweigen.
Fandango ¾oz / 23ml Dry Gin ¾oz / 23ml Wodka ¾oz / 23ml Kräuterlikör Auf Eis rühren.In einem gefrosteten Glas servieren. [Rezept nach Georges Robineau]
Die Flasche – nun, ich liebe sie. Diese kugelige Form, mit dem schräg aufgeklebten Etikett, stilsicher designt, das ist halt einfach liebenswert in der voll durchgehaltenen Retro-Art. Sie liegt auch gut in der Hand beim Ausgießen und ist trotz der Zurückhaltung, was Gestaltung angeht, ein Hingucker in der Heimbar.
Beim Elixir de Spa ist F.X. de Beukelaer noch zurückhaltender mit Informationen, was die Produktion und Inhaltsstoffe angeht, als beim Hauptprodukt des Hauses. Ein paar kleine Zusatzdetails kann man aber dennoch in dem Buch über eben jenes Elixir d’Anvers nachlesen – das Buch empfehle ich einfach mal so grundsätzlich weiter, es ist voller hübscher Reproduktionen alter Werbetafeln und historischer Fotos, allein dafür lohnt es sich schon, finde ich.
Offenlegung: Ich danke F.X. de Beukelaer für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Likörs,und True Spirits für die Vermittlung.
Vor einer ganzen Weile hatte ich mich etwas über die Kategorie des modernen Saison-Stils mokiert – bei einem Bier mit 5,3% Alkoholgehalt, für mich war ein Saison-Bier eigentlich immer etwas mit niedrigem Alkoholgehalt. Nun haben wir hier ein Saison mit 6,5%, und ich fühle mich ein bisschen dämlich, dass ich das dem Hoppy Hell von Maisel & Friends damals angekreidet hatte, denn parallel habe ich mich noch über die offiziellen aktuellen Stilguidelines dieser Bierart informiert und entdeckt, dass der niedrige Alkoholgehalt vor 100 Jahren stilbildend war, aber schon nach dem Zweiten Weltkrieg schnell in die Höhe ging. Tja, da sieht man mal wieder, man lernt immer dazu und sollte sich immer hinterfragen, ob das eigene gedachte Wissen sich nicht als jammervolles Halbwissen entpuppt. Das St. Feuillien Saison wird jedenfalls dazu noch als Farmhouse Ale auf englisch klassifiziert, ist ungefiltert, „trocken“ gehopft und flaschengereift.
Ich bitte um Vorsicht beim Eingießen, die Flaschengärung sorgt für ordentlich Schaum, der groß- und grobblasig ist, und sich doch etwas hält – es braucht eine ganze Weile, bis man das Bier vollständig im Glas hat. Farblich entsteht dann danach leuchtender Bernstein mit starker Trübung.
Die Nase ist zunächst vom Hopfen dominiert, leichte Zitrusnoten, etwas milder Essig. Eine gewisse Malzschwere schimmert durch; vergleicht man das mit den erwarteten Eigenschaften in den Guidelines, die ich oben angesprochen hatte, passt das eigentlich gut. Die Trockenhopfung sorgt dabei vielleicht sogar für eine noch etwas ausgeprägtere Hopfigkeit. Frisch und leicht im Mund, hier lässt sich vielleicht der Stil dann am besten erkennen – helltönig, leicht zitronig, aromatisch ingesamt zurückhaltend. Mildsüß zu Beginn, etwas blumig, im Verlauf würzig und leicht salzig werdend. Sehr süffig und rezent. Im Abgang kommt eine leichte Bittere dazu, der Abgang ist kurz und feinherb.
Man muss kein Feldarbeiter im Spätsommer sein, der während der staubig-anstrengenden Arbeit dringend Erfrischung braucht. Es ist auch für den Prokrastinierer geeignet, der zu der Zeit lieber daneben in der Sonne im Liegestuhl sitzt und genießt, andere beim Arbeiten zu beobachten und dabei von der herrlichen alten Zeit, in der alles besser war, schwärmt.
Ein Spiced Rum ohne nachträglich zugesetzten Zucker. Klingt erstmal nach einer Utopie. Dabei ist das nichts komplett Neues, schon 2015 hatte ich Kontakt mit dem Meermaid Infused Rum, der eher auf einen starken, aromatischen Rum und kaltmazerierte Kräuter setzte und mich bis heute begeistert. Doch vor und nach diesem Positivbeispiel waren die Spiced Rums, die ich probierte, eigentlich fast alle pappsüß und fühlten sich eher wie Liköre an. Dabei muss man sich klar werden – Spiced Rum ist keine geschützte Bezeichnung, es gibt keine gesetzlichen Regelungen, wie der hergestellt und zusammengesetzt sein muss, da kann jeder machen, was er oder sie will. Und die meisten Hersteller denken wohl, dass den Konsumenten kindliche Süße wichtiger ist als ein erwachsenes, klareres Aroma; und die, die den modernen Trinker, der durchaus gerne gewürzte, aber nicht gesüßte Rums mal probieren würde, ernst nehmen, sind rar gesät.
Hier kommt dann die Firma Cargo Cult ins Spiel. Ihr Ansatzpunkt ist seit 2014 genau das – hochwertige Rumsorten aus Papua Neuguinea und Fiji, gebrannt aus Südpazifik-Zuckerrohr, gereift in den Tropen, geblendet und weiterverarbeitet in Australien. Echte Gewürze wie Ingwer, Kardamom und Nelken werden für ihren Dry Spiced Rum eingesetzt, aber kein zusätzlicher Zucker oder künstliche Aromen. Ein spannendes Erlebnis, muss ich sagen – doch man kann dem noch eins draufsetzen. Der Cargo Cult Banana Spiced Rum verwendet als Basis den eben erwähnten Dry Spiced Rum, und man legt dann darin Bananen aus North Queensland ein, auch hier also Zutaten aus der Südpazifik-Region. Erneut, keine Aromen oder so, sondern einfach nur Bananen. Das ganze erfolgt in kleinem Maßstab, und auch wenn „small batch“ heutzutage bei vielen Spirituosenkategorien wie Bourbon gar nichts mehr bedeutet, ist das für kleinere Produzenten wie Cargo Cult noch eine Phrase mit Aussage. Ich habe hier nun eine Flasche des Batch No. 3 vor mir stehen, es scheint also anzukommen bei den Genießern der Welt, dass ein dritter Lauf erfolgen konnte. Rein ins Glas damit.
Ein blasses Maisgold sieht man schon in der Flasche, im Glas wirkt es noch etwas blasser. Eine passende Farbe, die die Bananen wiederspiegelt, ohne künstliche Dramatisierung. Viskosität zeigt sich beim Drehen des Glases, mit sehr ordentlichen Resten, die dabei hängen bleiben und dann fett ablaufen.
Reife Bananen. Nun, was soll ich sonst sagen bei diesem Produkt, doch es ist sehr beeindruckend, wie konsequent das hier durchgezogen wird: eine sehr natürliche Bananigkeit, gar nicht künstlich, ich war vorhin im Supermarkt an einem Stand voller Bananen, und da hat es auch so gerochen. Etwas Vanille ist dabei, Orangenblütenwasser, und sogar etwas Marzipaniges, aber nur unterschwellig. Insgesamt hat das etwas sehr angenehm Parfümiertes an sich, nur im positiven Sinn gesprochen natürlich. Der Basisrum kommt, exploriert man etwas tiefer, dann zum Vorschein, mit einer ansprechenden Fiji-Typizität. Also, rein von der Nase her will ich eigentlich gar nicht aufhören, daran zu schnuppern, das macht so richtig Spaß.
Irgendwann muss ich aber doch den ersten Schluck nehmen. Und man ist erstmal überrascht, dass es gar nicht so süß daher kommt, wie man vielleicht bei einem Spiced Rum vermuten würde. Natürlich ist da ordentlich schwere Bananensüße, die wirkt aber gut eingebettet und gar nicht aufgesetzt. Ziemlich zügig schmeckt man dann einen durchaus schon esterigen, recht würzigen Rum darunter, die zwei gehen echt gut zusammen, da passt kein Blatt dazwischen. Orangenblütenwasser, Kokosblütenzucker, Sternanis und etwas Süßholz geben eine völlig nicht zu erwartende Eleganz in diesen Rum, während er im Verlauf dann trockener und wärmer wird, mit feiner Bittere, die die Süße ausgleicht. Am Ende prickelt die Zunge etwas, der ganze Mundraum ist mit Banane und Vanille ausgefüllt, kein bisschen Zuckerklebrigkeit oder Alkoholizität (38% Alkoholgehalt sind wohl gewählt) stört den langen Nachhall.
Ist das die neue Generation von Spiced Rums, die nicht einfach erstmal ein Pfund Zucker in die Flasche kippen und das ganze dann mit künstlichen Aromen zukleistern? Mir kommt es so vor. Wer von Spiced Rum bisher Abstand genommen hat, weil er zu einfach strukturiert, süß und oberflächlich war, sollte hier nochmal seine Vorurteile überdenken: Der Cargo Cult Banana Spiced ist ein Beispiel dafür, wie gut gemacht diese Kategorie sein kann und alle Mängel der Vergangenheit ausgleicht.
Das Rezept des Banana Drama II, das mit Bananen aromatiertes Blue Curaçao verwendet, habe ich leicht abgewandelt und stattdessen den Cargo Cult Banana Spiced Rum eingesetzt. Klingt das Rezept meines Banana Drama III arg süß? Da täuscht man sich, denn es ist wunderbar ausbalanciert und neigt sogar eher zur Säure als zur Süße, während der Cargo Cult die Banane wirklich super rübertransportiert. Ein echt guter Drink!
Banana Drama III 2oz / 60ml Bananen-Spiced-Rum 1oz / 30ml Zitronensaft ¾oz / 23ml Blue Curaçao ½oz / 15ml Apfellikör 1 Eiweiß Auf Eis shaken. [Rezept adaptiert nach speakeasieruk’s Banana Drama II]
Die Aufmachung der Flasche soll an Militärgüter des Zweiten Weltkriegs erinnern; von der Schablonenschrift über die grundsätzliche Farbwahl (gelb und dunkelgrün) bis hin zu den holzschnittartigen Illustrationen eines G.I.s auf dem Rücketikett und der Flaschenhalsbanderole. Durchgängig, cool, unterhaltsam, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Die Anspielung auf die speziellen religiösen Bewegungen in Melanesien, die den im Krieg über den Inseln breitflächig abgeworfenen Industriegütern der westlichen Nationen eine göttliche Herkunft nachsagten und sie als Künder einer millenaristischen, glückseligen Zukunft sahen, ist gelungen, man sieht ja den Fallschirm mit Kiste daran auf jedem Etikett der Reihe. Ich hoffe jetzt einfach mal, man hat auch die moderne Verwendung der Phrase „Cargokult“ mitberücksichtigt und diesen selbstironisch aufgenommen. Es würde die Marke nur noch sympathischer machen.
Während meines letzten Aufenthalts als Juror für den Spirituosenwettbewerb ISW in Neustadt/Weinstraße hatte Solveig Gerz, die den Import für die Cargo-Cult-Produktreihe nach Deutschland übernimmt, die drei verfügbaren Rumsorten mitgebracht, und ich fand es toll, diese abends in lockerer Runde dann probieren zu dürfen: Neben dem hier vorgestellten Bananenrum auch noch den unaromatisierten Navy Strength Rum und den Dry Spiced Rum. Ich empfehle alle drei bedingungslos!
Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.