Bier am Freitag – Pax Bräu Jeanne Dark Dunkles Dubbel

Es ist inzwischen schon eine Weile her, dass ich ein Kontingent von Biersorten direkt bei Pax Bräu bestellt hatte; die Versandbedingungen damals waren strikt, da musste was zusammen kommen – was ich voll verstehe, für einen kleinen Brauer lohnt es sich schlicht nicht, Kleinstmengen oder gar einzelne Flaschen zu verschicken, und auch im Sinne der Umwelt muss man sich als Konsument überlegen, ob es wirklich sein muss, jedes USB-Kabel separat zu bestellen. Große Konzerne haben das gegenteilige Problem, was eigentlich nur zeigt, wie wenig nachhaltig deren gesamtes Versandkonzept ist, und dass man derartige Versandriesen, die lieber Waren vernichten als sie als Rückläufer erneut zu verkaufen, eigentlich nicht unterstützen sollte. Genug davon, trinken wir lieber einen Schluck des Pax Bräu Jeanne Dark Dunkles Dubbel, einem obergärigen Vollbier mit ordentlichen 6,5% Alkoholgehalt. Dieser wird durch die Zugabe von braunem Kandiszucker als zusätzliche Zuckerquelle für die Hefen erreicht, wie das belgische Biere auch oft tun. Und dann werden für die Reifung noch in Islay-Whisky getränkte Holzchips dazugegeben – ein aufwändiger Prozess also!

Pax Bräu Jeanne Dark Dunkles Dubbel

Farblich dunkelbraun, bei Gegenlicht wirkt es aber schon rubinrot; abgesehen von der dunklen Farbe ist es kristallklar. Der Schaum bildet sich nur kurz beim Eingießen, danach verschwindet er fast vollständig, lässt nur ein paar winzige, dünne Schauminseln zurück. Geruchlich nimmt man etwas Malziges wahr, vielleicht Anflüge von fruchtigen Noten, etwas erinnernd an Portwein oder Primitivo. Sonst, das muss man ehrlich sagen, bleibt das Bier in der Nase fast vollständig neutral.

Im Mund ist zunächst die Kombination aus Süße und Säure auffällig, zusammen mit einer mittelkräftigen Textur ein durchaus angenehmes Mundgefühl. Frische ist vorhanden, weniger durch die hier nun kaum wahrnehmbare Karbonisierung, sondern mehr durch Frucht und Säure. Leicht malzig, etwas an Cola erinnernd, im Verlauf dann trocken und mildherb, fast schon etwas bitter für ein Dubbel (28 BE immerhin!), doch die beständige Süße gleicht das gut aus. Rauchig, speckig, holzig – das erinnert mich dann plötzlich etwas an ein mildes Rauchbier, das könnte dann von den Lagavulin-Holzchips kommen. Der Abgang ist mittellang, leicht metallisch und getreidig, mit einem ganz dezenten Anflug von Floralität ganz zum Schluss.

Ein sehr trinkbares Bier, süffig, mit Charakter. Im Endeffekt bleibt als etwas unscharf greifbarer Kritikpunkt, dass das Ganze irgendwie unrund und kantig wirkt; manche der Pax-Bräu-Biere können bei mir hin und wieder nicht die großen Erwartungen, die die Produktionshinweise, Literflasche und Etiketten wecken, erfüllen, das ist aber mehr ein persönliches Problem meinerseits denn das des Bieres, glaube ich.

Irrungen und Wirrungen – J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge

Meine Leser sind es ja inzwischen gewohnt, dass ich ein paar kleine Anekdoten zur Einleitung erzähle, oder Details zur Geschichte oder Herstellung der vorgestellten Spirituose. Beim J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge habe ich versucht, etwas über die Brennerei, in der er hergestellt wird, herauszufinden, und das Ergebnis ist, zugegebenermaßen, etwas verwirrend. Die Marke hat eine wirklich bewegte Geschichte, wie man sie in dieser Form aber öfters bei karibischen Destillerien findet – gerade im späteren 20. Jahrhundert hat sich viel getan, was Besitzerwechsel, Schließungen, Herumbewegen von Destillierapparaten oder Austauschen des Brennorts angeht. Alle Jahreszahlen, die ich hier berichte, sind darüber hinaus mit etwas Vorsicht zu genießen, je nach Seite, auf der man recherchiert, landet man bei unterschiedlichen Zeitstrahlen. Ursprünglich wurde der Rum der Marke J. Bally in der Habitation Lajus in Le Carbet auf der Westseite der Insel gebrannt. 1976 endete das, man transportierte den Säulenbrennapparat hinüber zu Saint James, und setzte die Produktion dort fort. 1987/1989 wechselte man mit der Produktion (und der Säule) zur Destillerie Simon, und 1996/1997 (als der Konzern Remy Cointreau die Zügel übernahm) dann wieder zurück zu Saint James, dort gab man die Originalsäule auf und stellt nun seitdem die Marke dort her, zwar mit den Saint-James-Apparaten, aber dennoch weiterhin nach den Vorgaben des Gründers Jacques Bally. 250000 Liter werden nun pro Jahr vermarktet.

Man sieht, das ist kompliziert, und ich lege für keines der erwähnten Details meine Hand ins Feuer, da alles zu einer Zeit geschah, in der Rum noch eher wenig Dokumentationsinteresse erzeugte. Ist es relevant für unseren Geschmackstest? Glaubt man dem Terroir-Gedanken, ja, ein derartiger Wandel von Produktionsstätten, Personen und Brennapparaten verändert natürlich den Brand, und wenn wir ein Vergleichstasting von Bally-Rum aus, sagen wir, 1970, 1980, 1990 und 2000 machen würden, wäre das sicherlich spannend, um all die erzählten Wechsel sensorisch nachzuvollziehen. Das tun wir aber nicht, wir konzentrieren uns hier allein auf den J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge in der markanten Pyramidenflasche, abgefüllt mit 45% Alkoholgehalt.

J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d'Âge

Die Farbe würde ich als Kupfer bezeichnen, mit einem leichten Rotstich. Im Verkostungsglas schwenkt sich der Rum sehr ölig, da ist ordentlich Schwere drin, und es bilden sich dementsprechend dicke Artefakte an der Glaswand, die teils in Flächen, teils in Beinen ablaufen, beides aber gemächlich.

Rhum Agricole hat, wenn er typisch ist, einen sehr hohen Wiedererkennungswert, und das ist beim Bally 12 nicht anders. Ich würde den Duft, der dem Glas entströmt, sogar als archetypisch für Rum von Martinique bezeichnen. Diese Mischung aus Gras, Heu, frischem Zuckerrohrsaft und einmalig, hier sogar noch verbunden mit etwas Süßholz, Aprikose und Wassermelone. Mit Oxidationsdauer nimmt die Fruchtkomponente sogar weiter zu, geht dann fast ein bisschen ins Weinbrandartige über, erinnert an Armagnac. Dabei bleibt der Duft herb und frisch, mit Anklängen von Menthol und Eukalyptus.

J. Bally Rhum Vieux Agricole 12 Ans d’Âge Glas

Eine sehr weiche, runde Textur ist das erste, was einem dann begegnet, wenn man einen Schluck des Rums nimmt. Voller Körper, getragen von einer tiefen Süße und wunderbar eingebundenen 45% Alkoholgehalt. Im Verlauf kommt Wärme auf, nicht kratzend, sondern nur ganz leicht am Gaumen und der Zunge prickelnd, im Abgang wird das für einen Moment sogar heiß und fast scharf, ein sehr schöner, ansteigender Bogen, der dann mit einem eukalyptisch kühlen Hauch ebenso langsam wieder verklingt. Neben diesen Effekten sind die Aromen für mich fast zweitrangig, aber dennoch vorhanden – leichte Heuigkeit, schwere Kandiszuckersüße, frisch gepresster Zuckerrohrsaft, ein Ticken Lakritz, Aprikosen und Pfirsiche, wunderbar ist darüber hinaus das Holz eingesetzt, gibt Würze, nur Anflüge von Vanille, übernimmt den Rum überhaupt nie.

Ein richtig erwachsener Brand, charaktervoll, rund, vollmundig und handwerklich herausragend gemacht. Da gibt es nichts, was ich auch nur im entfernten anmeckern würde, es passt alles, von der Aromatik über die Struktur bis hin zur Typizität. Was soll ich da noch sagen, jeder, der Zuckerrohrsaftrums mag, muss hier zugreifen, ebenso der, der ein höchstklassiges Exemplar zum Einstieg sucht.


Wie immer antworte ich dem, der mich ungläubig fragt, warum ich so einen teuren und hochwertigen Rum in einem Cocktail „vermixe“, mit der alten Adage: gute Zutaten machen einen guten Cocktail. Es gibt Ausnahmen, doch im Allgemeinen ist der Drink am Ende schlicht viel besser, wenn man nicht spart. Gerade, wenn eine Zutat das Rezept klar dominiert, wie beim Tahitian Gold. Hier darf man schlicht nicht sparen oder geizig sein mit dem guten Stoff. Und das Erlebnis belohnt einen dann dafür am Ende.

Tahitian Gold Cocktail

Tahitian Gold
1oz / 30ml gereifter Zuckerrohrsaftrum
½oz / 15ml Limettensaft
1 Teelöffel Puderzucker
1 Spritzer Maraschino
Auf Eis shaken. Auf frischem crushed ice servieren.
Mit einem Spritzer Pernod toppen.
[Rezept nach Trader Vic]


Natürlich muss man über die Flasche sprechen. Für viele ist sie ein Kaufanreiz, die Pyramidenform ist einzigartig und besonders. Nachdem man sich aber daran sattgesehen hat, merkt man schnell, dass dies auch seine Nachteile hat – sie nimmt in der Bar durch die große Grundfläche sehr viel Platz weg, ist auch unpraktisch in der Handhabung. Nun, nicht jeder hat so wenig Stellfläche wie ich und überlädt diese dann auch noch, so dass dies für den Rumfreund mit kleiner, aber feiner Bar wahrscheinlich kein echtes Problem darstellt. Jedenfalls ist in Zusammenspiel mit dem Geschenkkarton und dem sehr schön und dabei immer noch stilvoll gestalteten Etikett neben der unzweifelhaften Qualität des Brands selbst damit auch ein weiteres Kaufkriterium gegeben: Die Schenk- und Sammelbarkeit. Wobei es wirklich schade wäre, müsste man diesen herrlichen Rum in einem Regal versauern lassen, oder ihn irgendeinem Heiopei, der eh nicht zu schätzen weiß, was man ihm da überlässt, zu schenken. Ich für meinen Teil mache die Flasche auf, trinke immer wieder was für mich allein davon, und bin damit zufrieden, so ein herausragendes Exemplar der von mir eh schon so geliebten Kategorie der Rhums Agricoles Schlückchen für Schlückchen genießen zu dürfen.

Punch am Freitag – Poncha da Madeira Tradicional

Man findet sie eigentlich überall, wo traditionell auch Rum hergestellt wird: hausgemachte Punches, oft mit den ebenso lokal geernteten Früchten. Der harte Rum wird dadurch leichter konsumierbar, gerade in der Hitze des Nachmittags gönnt man sich sowas gerne. Der Poncha da Madeira Tradicional ist so ein Punch, der Name sagt es verportugiesischt ja schon aus. Hergestellt wird er bei Engenho Novo da Madeira, deren bekannteste Marke wahrscheinlich William Hinton ist. Früchte der autonomen Region Madeira, hier Zitronen und Orangen, werden mit Zucker und Honig vermischt und mit einem Madeira-Rum zu eben diesem traditionellen Getränk angerührt, 16% Alkoholgehalt hat man am Schluss. Mit einem kleinen Wermutstropfen muss man leben, wenn man so ein Mischgetränk, das sonst eigentlich frisch für den Konsum spontan zusammengerührt wird, auch außerhalb der Insel lager- und verkehrsfähig machen will: ein paar Antioxidantien sind drin (Ascorbinsäure und Zitronensäure, also nichts dramatisches), und die grelle Färbung ist aus meiner Sicht unnötig. Aber das soll uns keineswegs davon abhalten, uns für ein paar Minuten gedanklich nach Madeira in eine kleine Kneipe zu versetzen und den Sommer, der ja gerade wieder zurückkommt, voll zu genießen!

Poncha da Madeira Tradicional

Man trinkt das auf Madeira wohl einfach so, hausgemacht, gekühlt – die Trinkempfehlung auf dem Rücketikett der Flasche erlaubt aber auch Eis. Ich probiere einfach beides, erstmal so, wie es aus der Flasche kommt. Das liegt dann gut auf der Zunge, mit weicher und runder Textur, natürlich erstmal von der Süße dominiert. Leichte Fruchtaromen erkennt man, sowohl Zitrone als auch Orange, aber ohne die Säure dieser Früchte, eher die ätherische Zestigkeit, die sich insbesondere in einer überraschenden Anästhesierung der Zungenspitze am Ende äußert. Wie ich es erhofft habe, ist auch der Madeira-Rum sensorisch klar vorhanden, grasig, mit vielen Zuckerrohrsaft-Aromen, tatsächlich erinnert mich dieser Poncha so an die leichten Mixgetränke, die ich auf Guadeloupe aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft getrunken habe. Easy und unkompliziert, für meinen persönlichen Geschmack fast aber einen kleinen Ticken zu süß.

Ich gebe jetzt ordentlich Eis dazu, quirle das mit dem Barlöffel, bis das Glas außen beschlägt. Natürlich verdünnt man damit den Poncha noch etwas, doch insgesamt macht es für mich das eigentlich noch angenehmer zu trinken – die Süße wird etwas abgeschwächt, die Rum- und Fruchtaromen aufgewertet und besser ineinander verschliffen. Hier spürt man dann auch eine leichte Bittere, die ich sehr apart finde. So trinkt sich das wirklich sehr süffig, aromatisch, unterhaltsam, ohne, dass man groß drüber nachdenken muss, was man da im Glas hat. Der Nachklang dann ist sogar etwas würzig, sicher aus dem Rum und dem Honig stammende Töne von Zimt, Muskatnuss und etwas Sternanis erfreuen den Gaumen eine längere Zeit.

Poncha da Madeira Tradicional Glas

Was bekommt man hier? Einen leichten Sommerdrink, unkompliziert und ohne großen Anspruch, aber das ist ja auch genau der Punkt an so einem Poncha – das trinkt man nicht, weil man Komplexität explorieren will, sondern weil man Lust auf einfache Erfrischung und Aroma hat, wenn es draußen heiß ist. Wer Lust hat, gebe einfach noch einen Teelöffel Passionsfrucht-Fruchtfleisch oder einen Limettenschnitz dazu, dann wird das ganze noch bunter. Ich gebe mich gern an einem Tag auf der Terrasse, wenn die Sonne herunterbrüllt, ein paar Gläsern des eisgekühlten Poncha hin und genieße die Entspannung und den Traum davon, endlich mal nach Madeira zu kommen.

Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Ponchas.

Schwarz wie die Nacht – Brill Pálinkaház Feketeribizli Pálinka

Ich war oft in Ungarn, meist in Budapest, hin und wieder aber auch auf dem Lande, und damit meine ich winzige, abgelegene Dörfer, die heutzutage nur noch aus genau den 3 älteren Herrschaften bestehen, die man aus familiären Gründen besucht. In solchen Situationen merkt man erst, wie drastisch der Unterschied in Ungarn zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist, viel extremer, als das zum Beispiel in Deutschland oder Österreich der Fall wäre. Budapest und die zwei, drei anderen Großstädte sind ein Fremdkörper in Ungarn, das muss man so klar sagen, die Stadt ist pulsierend, dynamisch, vielgestaltig, multikulturell und wandelbar, das Land und auch die kleineren Städte sind das alles nicht, dort könnte man manchmal meinen, 50 Jahre in die Vergangenheit gerutscht zu sein, und die aktuelle politische Situation in Ungarn wundert mich darum nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin. Dennoch trifft man natürlich auch dort nette Menschen, die wissen, was Gastfreundschaft bedeutet, wahrscheinlich sogar im Endeffekt mehr als die kühlen, abgehärteten Städter, denen täglich patzige und sich einen Dreck um Nebensächlichkeiten wie Freundlichkeit oder Respekt scherende Touristengruppen über die Füße flatschen und die darum kaum einen Grund hätten, im Gegenzug warmherziger zu sein. Und zur Gastfreundschaft in Ungarn, auf dem Land wie in der Stadt, gehört Pálinka, da gibt es überhaupt keine zwei Meinungen darüber.

Pálinka ist eine streng geregelte Spirituose, selbst die selbstgebrannten Feuerwässerchen des lokalen Dorfs halten sich an die Regeln, die wichtigste dabei ist: es dürfen nur die Früchte, die in Ungarn wachsen, zu Pálinka gebrannt werden. Kein Getreide, kein Gemüse, keine ausländischen Importe, und auch keine Aromen oder Fremdzucker sind erlaubt. Damit bekommt man wirklich ein Abbild des ungarischen Bodens, der so reichhaltig ist und mehr als genug Früchte hervorbringt, dass es den Magyaren nicht bange wird, das Basismaterial könne knapp werden. Allein die überfließenden Marktstände an fetten Pfirsichen, leuchtenden Aprikosen, saftigen Pflaumen und glänzenden Kirschen sind wie Ölgemälde, die man stundenlang anschauen möchte. Und natürlich Beeren, wie die schwarze Johannisbeere, die im Brill Pálinkaház Feketeribizli Pálinka verarbeitet wird. Brill ist ein in Ungarn gerade unter Kennern sehr geschätztes Pálinkahaus bei Szekszárd im südwestlichen Ungarn. Seit 20 Jahren macht man dort Pálinka, und gewinnt damit regelmäßig landesweite Auszeichnungen, der hier vorliegende hat dementsprechend auch 2018 eine TOP Pálinka of Excellence-Medaille bekommen; ich hoffe nun, im Glas auch etwas Ausgezeichnetes vorzufinden, wenn ich mir, nach dem letzten Ausflug nach Ungarn wieder zuhause, einen Schluck dieses Johannisbeerbrands aus dem Jahrgang 2021 eingieße.

Brill Pálinkaház Feketerizibli Pálinka

Das erste, was auffällt, ist die deutliche pastellgoldene Farbe. Sie stammt, überraschenderweise, aus der Frucht allein. Da die Beerenmaische so viel Farbe abgibt, bleibt selbst nach der Destillation davon etwas erhalten, etwas, was man sehr selten erlebt. Da man auf Aktivkohlefilterung verzichten will bei Brill, ist das vielleicht erklärungsbedürftig – aber natürlich. Ergänzt wird die Tönung durch eine lebendige Beweglichkeit, die auch mit einer gewissen Öligkeit einhergeht – beide Aspekte sind vorhanden, optisch macht das was her.

Hält man das Glas an die Nase, wird man auch hier auf keine Weise enttäuscht. Erstmal springt einen die schwarze Johannisbeere geradezu an, frisch gepflückt, mit noch etwas Stiel und Blatt auf der Hand. Die erkennbar bittere Beerigkeit ist klar definiert und sauber, mit nur leichten Nebenaromen von Vogelbeere, Kirsche und roter Johannisbeere. Ein kühler, fast minziger Eindruck kommt dazu, aber ohne jede Schärfe. Das ganze fühlt sich durchaus grün an, klar und frisch, mit einer gewissen Obststeinnote, die jedoch nicht marzipanig wirkt. Etwas Harz, etwas grüne Olive, ganz dezent nur und ohne die Fruchtaspekte anzugreifen, geben zusätzliche Komplexität und Tiefe ins Aroma.

Brill Pálinkaház Feketerizibli Pálinka Glas

Am Gaumen findet man erstmal eine etwas neutralere Beerennote, bei der die schwarze Johannisbeere initial gar nicht mal so klar dominiert. Das geht irgendwo zwischen Brombeere und Stachelbeere durch erstmal, mit mehr als nur einem Touch Vogelbeere. Die Textur ist sehr weich und voll, richtig mundausfüllend, schön breit, süßbitter und sogar mit einem Touch von Salz. Im Verlauf bildet sich leicht pikante Würze heraus, die etwas prickelt, nie brennt, den 40% Alkoholgehalt angemessen. Ganz spät dann, wenn der Brand den Mund schon wieder verlassen hat, blendet die schwarze Johannisbeere plötzlich dramatisch auf, mit einem Riesenvolumen, das sich ganz hinten hinter den Backenzähnen am Zahnfleisch konzentriert, und hier ist der genaue Fruchtgeschmack dann nahezu perfekt abgebildet.

Was ein guter Brand macht, ist es halt, diesen Fruchtgeschmack zu konservieren und zu verlängern – isst man eine Frucht, ist der direkte Geschmack sehr intensiv, dann aber schnell verflogen. Bei einem Obstbrand kehrt sich das um, initial muss sich am Gaumen der Geschmack erst entwickeln, bleibt dafür dann aber auch sehr viel länger: beim Brill Feketeribizli hier ist auch nach einer Viertelstunde noch retronasal die Johannisbeere da. Sowas liebe ich ja, ein Schlückchen reicht für lange Zeit, davon muss man gar nicht viel trinken, um das volle Erlebnis zu haben.


Ein aromatischer Obstbrand ist in vielen Varianten einsetzbar. Wie schon von Ulric Nijs in meinem Artikel über Obstbrände in der Fizzz #4/2023 empfohlen, ist in einem Metropolitan der Ersatz des eigentlich geforderten Blackcurrant-Wodkas durch einen echten Brand aus der schwarzen Johannisbeere ein Game Changer – die Eindrücke sind viel intensiver, echter, länger. Darum trinke ich so einen Drink natürlich nur damit, und der Brill Feketeribizli ist hierfür wirklich wunderbar, man fühlt ihn selbst gegen die große Gegendosis Orangenlikör und Cranberrysaft deutlichst heraus.

Metropolitan Cocktail

Metropolitan
1oz / 30ml Schwarze-Johannisbeere-Brand
1oz / 30ml Orangenlikör
1½oz / 45ml Cranberry-Saft
½oz / 15ml Limettensaft
¼oz / 7ml Lime Cordial
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Chuck Coggins]


Der Stil der Flasche ist wohl überall in Europa gern für Obstbrände genutzt, ich sehe das oft so in Deutschland, Österreich und auch in Italien. Persönlich finde ich diese langgestreckte Form etwas unbequem, sowohl beim Eingießen als auch beim Aufbewahren im Regal, doch der repräsentative Effekt ist hier wohl wichtiger. Das Etikett ist klar designt und protzt nicht, hält sich aber auch etwas sehr zurück, was Details über den Brand selbst angeht, da fände ich etwas mehr gut.

Brill Pálinkaház Feketerizibli Pálinka und Sütőtök Párlat

Ich habe diese Flasche, wie gesagt, aus Budapest 2023 mitgebracht, und mit ihr gleich noch eine zweite Variante von Brill – dem Sütőtök Párlat, also einem Kürbisdestillat. Das darf – wer oben aufmerksam mitgelesen hat, weiß es bereits – natürlich nicht als „Pálinka“ verkauft werden, doch trotzdem ist das ein grandioser Tropfen, den ich hier auch noch besprechen werde. An solchen Destillaten erkennt man erst, dass die Leute bei Brill ihr Handwerk wahrlich verstehen – sonst könnte man denken, der Brill Pálinkaház Feketeribizli Pálinka wäre ein Glücksfall im Sortiment des Brenners. Nein, die machen einfach durchgängig guten Stoff, auch wenn der Johannisbeerbrand natürlich für mich, der diese Beere sehr liebt, etwas sehr besonderes bleibt.

Bier am Freitag – Brauerei Strauss Wettelsheimer Märzen

Die Brauerei Strauss hat mir schon viel Spaß gemacht in den letzten Monaten, ich habe hier auf dem Blog schon deren Helles und die zwei Böcke, die es zur Weihnachtszeit gibt, über den grünen Klee gelobt. Neulich habe ich dann sogar noch eine dritte Variante, die dort gebraut wird, im Glas gehabt: Das Wettelsheimer Märzen. Ich mag den Märzen-Stil grundsätzlich sehr gern, und bei dieser Brauerei ist das für mich natürlich ein Genuss, von dem ich dann gern den halben Kasten, den mir mein Bruder geschenkt hat, mit nach Hause genommen und Fläschchen für Fläschchen mit viel Freude getrunken habe. Natürlich lasse ich meine Leser gern daran teilhaben, wenn ich schöne, regionale Biere entdecke!

Brauerei Strauss Wettelsheimer Märzen

Je nach Lichtverhältnissen wirkt das Bier eher rötlich oder eher bräunlich, ich würde es einfach mal in die Mitte zwischen den Farben als Kupfer einsortieren. Es ist sehr klar, mit nur einem kleinsten Hauch von Opalisierung. Mousseux sieht man mittelschnell aufsteigen, nicht genug, um den zunächst sehr hübschen Schaum auf Dauer in dieser Form zu halten.

Geruchlich ist da überraschend viel Frucht erstmal, Beeren und Aprikosen, ohne wirklich hopfenlastig zu werden, das Malz dominiert nach der initialen Fruchtattacke dann deutlich. Leicht metallisch, leicht holzig, dabei passt alles rund ineinander; alles ist leicht unterschwellig, kein Bier, das sich über die Nase aufdrängt.

Als erstes fällt am Gaumen die wunderbare Rezenz auf, da knistert es fast leicht, wenn man die ersten Schlucke nimmt. Leichtkörperig aber mit voller Textur, hellklingend aber malzaromatisch, ideal zusammenspielende Säure und Süße, würzige Bittere. 5,5% Alkoholgehalt passen zum Stil und sensorischen Eindruck. Die Frucht kommt kurz im Antrunk auf, dann übernimmt das Malz und bleibt dann lange am Gaumen, bevor es sich in eine leichte Blumigkeit wandelt, mit der das Märzen dann ganz gemächlich ausklingt.

Ein herrliches Erfrischungsbier mit Stil, das ist süffig ohne Ende und hat dennoch eine gewisse, vorsichtige Komplexität. Wirklich perfekt gemacht, da trinke ich gerne eine Flasche am Samstagnachmittag in der Sonne und lasse es mir ausgiebig schmecken.

Regeln und Genetik – Real Minero Largo Destilado 100% Agave

„Destilado 100% Agave“. Das lese ich auf dem Etikett des Real Minero Largo Destilado 100% Agave. Und eine NOM-Angabe suche ich vergebens. Der Erklärungsbedarf ist durchaus gegeben, finde ich – warum steht da nicht einfach „Mezcal“? Da ein Mezcal per Definition immer vollständig aus Agave hergestellt werden muss, keine Alternativzucker erlaubt sind wie bei Tequila, würde das doch die Prozentangabe überflüssig machen, oder? Und hergestellt wird dieser Tropfen ja auch in einer Region, die in der Denominación de Origen beinhaltet ist, dem Ort Santa Catarina Minas im Bundesstaat Oaxaca, das wäre also auch kein Hinderungsgrund. Ist das etwa ein minderwertiges Produkt, da auch keine NOM-Nummer sichtbar ist? Nein. Die Hintergründe dafür sind so einfach wie tragisch: Die Bürokratiemaschine, die das CRM (Consejo Regulador del Mezcal) darstellt, ist für eine wachsende Anzahl von traditionell arbeitenden Mezcaleros nicht mehr tragbar. Zu stark sind die Versuche, kleinere Brenner einzuschüchtern und zu einer Zertifizierung zu drängen, zu willkürlich sind die aktuellen Regelungen zu den Traditionen, und was man als Mezcal bezeichnen darf und was nicht. Entsprechend verzichten Hersteller wie Real Minero und andere inzwischen breitflächig auf die Kategoriebezeichnung „Mezcal“, und nennen ihre Brände neutral „Destilado“, um sie ohne CRM-Zertifizierung vermarkten zu dürfen. Ein Beispiel dafür, wie kommerzielle Interessengruppen denen, die die Agavenbrände seit Jahrhunderten herstellen, die selbstverständlichsten Begrifflichkeiten stehlen. Aber es ist schön zu sehen, dass sich Widerstand regt, und man sich nicht auf die großteils seelenlos gewordene Industrie einlässt, wie das Tequila getan hat und es nun teilweise bereut.

„Porque sólo lo auténtico perdura“, nur das Echte wird überdauern, ist das Motto von Real Minero, und es passt zu dieser Einstellung. Natürlich ist es nicht nur auf Wortebene, auch in der Herstellung geht man bei Real Minero keine Kompromisse ein. Die wildwachsende Largo-Agave wird als Agave karwinskii sp. im Botanikersprech angegeben, Tobaziche ist in der Region wohl ein Alternativname dafür. Das „sp.“, species pluralis, steht dafür, dass man sich zwar über das botanische Genus klar ist, nicht aber über die genaue Spezies. Bei der unglaublichen Anzahl von vorhandenen Agavenspezies gerade in Oaxaca ist das teilweise nicht einmal für Wissenschaftler, geschweige denn Brenner, genetisch detailliert klärbar, man verlässt sich dann lieber auf die traditionell überlieferten Namen. Jedenfalls hat die Maguey Largo 14 Jahre auf dem Buckel, bevor sie geerntet und in einer Erdgrube mit Eichen- und Mezquiteholz gekocht wird. Eine Zerkleinerung mit einer elektrisch betriebenen Anlage geht der natürlichen Gärung mittels wilder Hefen in Sumpfzypressenfässern voraus. Schließlich wird zweifach in kleinen Keramik-Potstills im Filipino-Stil („ollas de barro“) gebrannt. Die kleine Gesamtproduktionsmenge, für die meisten Batches nur um die 100 Liter, ruht dann noch 4 Monate in Glasballons, bis sie mit 51,9% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen wird; „envasado de origen“, abgefüllt am Ort der Destillation, auch das ist ein finales Qualitätsmerkmal, das man nicht unterschätzen sollte. All das kann man auf dem Rücketikett nachlesen, was für mich eine Freude an Transparenz ist. Nun aber genug der technischen Details, es drängt mich sehr, diesen Vino de Mezcal zu probieren.

Real Minero Largo Destilado 100% Agave

Die ersten Versuche, dieses Agavendestillat zu trinken, habe ich mit Stielglas gemacht, wie ich das immer für Spirituosen tue. Heute gieße ich mir einen Schluck in eins meiner neuen Veladora-Gläser ein, wir trinken jetzt mit Stil statt mit Stiel. Diese Gläser sind in Mexiko beliebt für Mezcal, waren ursprünglich Votivlichter, man kann auch heute noch ein Teelicht hineinstellen, auf das eingelassene Kreuz im Boden. Glasklar erkennt man trotzdem in ihnen die Flüssigkeit, die Kante, die sich oben an der Glaswand bildet, wenn man sie schwenkt, und das kleine Gläschen liegt einfach gut in der Hand.

Die Nase des Real Minero Largo ist für mich sofort eine Mischung aus getreidigen Noten, die fast schon roggige Würze bringen, grüner Mineralität aus der Pflanze selbst und einem Ticken Steinobst. Das geht sehr viel besser zusammen, als es auf den ersten Blick klingen mag. Das ganze wird abgerundet durch deutliche Kakaonoten, eher Bitter- als Milchschokolade, und aufgerauht durch eine sehr herbe, trockene Faserigkeit, die an trockene Kokosschale oder Sisal erinnert. Ein Ticken Rauch aus der Röstung der Agavenherzen ist vorhanden, aber nie speckig oder kaltholzkohlig, mehr eine Art Rauch, die schon ins Fruchtige übergeht. Eine gewisse ethanolische Schmutzigkeit kann man erahnen, macht das ganze noch etwas komplexer und kantiger – alles in einem sehr spannend, aber nicht schmusig!

Real Minero Largo Destilado 100% Agave Glas

Am Gaumen zeigt sich der Largo initial auch hier nicht eindeutig – er schwankt beständig zwischen dunkelherbem Kakao und grasiggrüner Vegetabilität. Da ist wahnsinnig viel Variabilität drin, es ist schwer, eindeutige Eindrücke zu greifen, weil sich alles so schnell wandelt. Rauch ist im Mund viel präsenter, aber weiterhin eher auf der Röstebene denn der Speckebene, und im Verlauf nach dem Antrunk dominiert er sogar kurz, zusammen mit der trockenen Schokoladigkeit. Kirsche und Aprikose melden sich ganz kurz, verklingen dann aber schnell, etwas Heu, ein bisschen Honig. Insgesamt ist die Struktur irgendwie an feuchten Ton erinnernd, mineralisch frisch und trotzdem schwer, jedenfalls hochkomplex und sehr vielschichtig, mit Erinnerungen an Tomatensalat und Gurkenrelish. Eine spannende Spirituose, die mit einem sehr langen, nun sehr grünen, stark agavenlastigen Finish endet, dabei leicht brummt und mit Eindrücken von Aquariumkies und dem Rauch einer eben ausgeblasenen Kerze noch nachhallt.

Irre, wieviel man in einem kleinen Schluck dieses Mezcals finden kann, das Zusammenspiel aus einem Basismaterial, das erstaunliche 14 Jahre reifen durfte (das gibt es in der Spirituosenwelt praktisch sonst nirgends, Zuckerrohr oder Getreide werden teilweise ja sogar mehrmals im Jahr geerntet!), einer fast ausschließlich händischen Herstellung ohne industrielle Einflüsse und viel Respekt gegenüber alledem ist zu schmecken und zu spüren. Ein hochkomplexer, hochspannender und dennoch sehr trinkiger Mezcal.


Der Drink, den ich für den Real Minero Largo ausgewählt habe, klingt erstmal wie ein Sour oder ein Daiquiri, doch, wie Robert Simonson in seinem Buch „Mezcal and Tequila Cocktails: Mixed Drinks for the Golden Age of Agave“ erklärt, ist der Trick beim Mezcal Fix, crushed ice zu verwenden, ein wesensverändernder. Gerade für den Sommer ist so ein Cocktail natürlich ideal, er verdeckt die mineralisch-kakaoige Natur des Mezcal nicht, und erfrischt trotzdem mit einer nahezu idealen Süßsauer-Balance.

Mezcal Fix Cocktail

Mezcal Fix
2oz / 60ml Mezcal
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Zuckersirup
Trocken shaken. Auf frisches crushed ice abseihen.

[Rezept nach unbekannt via Robert Simonson]


Zu Real Minero habe ich noch eine kleine persönliche Anekdote. Bei dem Cocktails & Dreams-Clubtreffen, das 2018 in Berlin stattfand, war Axel Huhn von mezcaleria.de für ein Tasting eingeladen, und er brachte Graciela Angeles Carreño mit. Sie führt das Unternehmen Real Minero, das seit 4 Generationen in der Familie ist. Besonders spannend – sie hatte neben ein paar Ensambles aus der Familienproduktion (die hier vorgestellte Largo-Agave hatte dabei einen wichtigen Anteil) noch handbeschriftete Plastikflaschen mit Teilzuständen des Destilliervorgangs dabei, den „puntas“ und „colas“, also den Vor- und Nachläufen, und auch gekochte Agavenfibern, es war faszinierend, solche Seitendetails der Mezcalherstellung mal direkt vor sich zu haben; und Graciela ist eine wunderbare Repräsentantin der modernen, sich auf Tradition berufenden Mezcalwelt.

Ich wusste es nicht wirklich zu würdigen, im Rückblick. Ich kam zu dem Tasting mit dem schlimmsten Kater, den ich erinnern kann, weil am Abend zuvor die Jungs und Mädels des Forums bis spät in die Nacht Drinks auftischten und ich, als Gast, natürlich alles probieren wollte. Die wenigen Stunden Schlaf, die ich bekam, halfen nicht, und Vomex habe ich erst später für mich entdeckt, zum Teil wegen dieses Erlebnisses. Es tut mir leid, Axel und Graciela, so ein spektakuläres Tasting würde ich heute ganz anders angehen. Aber immerhin ist man heute nicht darauf angewiesen, den Mezcal aus erster Hand kredenzt zu bekommen, sondern kann ihn dank großartiger Importeure wie Axel Huhn auch zuhause auf der Couch trinken. Wohin ich mich nun begebe, mit einem Veladora des Real Minero Largo. Verdammt, ist die Flasche schnell leer.

Bier am Freitag – Brouwerij De Halve Maan Brugse Zot und Brugse Zot Dubbel

Brügge sehen und sterben, heißt ja ein Filmtitel, der immer gern zitiert wird, wenn jemand die belgische Stadt besucht. Ich war da im Frühjahr 2023 für einen kleinen Städtetrip mit Grachtenfahrt und anschließendem Tag am Strand in De Haan. Diverse Biere gabs da natürlich, belgische Kroketten in verschiedenen Varianten, Muscheln mit Pommes und was halt dazu gehört, wenn man als Touri in Belgien unterwegs ist. Ein paar Eindrücke dieser zwei Tage am Ende des Artikels, jetzt wollen wir erstmal zwei der Mitbringsel aus Brügge anschauen, echte Kinder der Stadt: die Brouwerij De Halve Maan Brugse Zot und Brugse Zot Dubbel.

Brouwerij De Halve Maan Brugse Zot und Brugse Zot Dubbel

Ocker, mit leichter Trübung, fast eher Opalisierung, durch die man die vom Glasboden des gebrandeten Glases, das ich auch natürlich mitgenommen hatte, aufsteigende Mousseux schön beobachten kann. Der Schaum ist sehr fein, ausdauernd und eine ideale Krönung des Biers.

Brugse Zot

In der Nase erkennt man eine mildfruchtige Note, die bestens mit den deutlichen Getreidetönen zusammenspielt, eine gut gewählte Hopfung ist das, die das Malz nicht komplett unterbuttert. Ein wirklich sehr typischer Biergeruch, dabei mild und rund, etwas, woran man nicht wirklich lange nach Aromen forschen, dafür ganz entspannt genüsslich schnuppern kann.

Am Gaumen bietet sich eine tolle Textur, sehr weich und voll, dabei aber nicht übermäßig kauig, da bleibt genug Raum für Frische und Körper zugleich. Auch Süße und Säure sind in perfekter Balance, dazu die wohlgestaltete Bittere: hier, das finde ich großartig, passt einfach ein Zahnrädchen ideal ins andere. Da sticht nichts hervor, da fällt nichts hinten herunter. Ja, es könnte natürlich ein bisschen mehr Komplexität vorhanden sein, und etwas mehr Länge, aber das sind Details.

Ach, was soll ich noch lange fabulieren. Ein wirklich richtig gutes Bier, supertrinkig, unkompliziert, unterhaltsam, und mit 6% Alkoholgehalt auch nicht zu schwach.


Ein bisschen Gushing tritt auf, wenn ich den Kronkorken ziehe, nicht extrem, aber ein bisschen Schaum läuft die Flasche hinunter. Danach ist auch ordentlich cremafarbener Schaum auf dem Bier, sehr großblasig, und dieser sackt dann in eine feinere Form ab und bleibt dann eine Weile auf dem espressofarbenen Bier sitzen. Volltrüb und mit wunderschönen rubinroten Reflexen im Gegenlicht – optisch schonmal ein Gewinner.

Brugse Zot Dubbel

Malzig und metallisch ist der Duft, mit einer bereits hier erkennbaren, hellen Frische, die der dunklen Farbe widerspricht. Nicht ganz minzig, aber beinahe. Das schnuppert sich durchweg angenehm, die niedrige empfohlene Trinktemparatur verhindert dann aber halt doch, dass man mehr davon wahrnehmen kann.

Frisch, rezent und hell wirkt das Dubbel auch am Gaumen, die Malzigkeit kommt sehr prägnant hervor, besonders im Verlauf, wenn die erste Frische am Gaumen wieder abklingt. Dabei wirkt es nie übermäßig süß, sondern bindet Süße, Säure und Bittere nahezu perfekt aneinander, auch mithilfe der weichen, cremigen Textur, auf der man gut kauen kann. 7,5% Alkoholgehalt machen Freude. Minimalste Astringenz kommt gegen Ende auf, wenn auch die minzige Frische wieder erscheint.


Das Dubbel steht dem Blonden Brugse Zot in keiner Form nach, es hat einen malzigeren Charakter, aber all die Vorteile des Blonden finden sich auch hier. Beides sind wirklich ausgesprochen gut gemachte, durchtrinkbare Biere, bei denen ich mir wünschte, ich hätte sehr viel mehr als nur je zwei Flaschen aus Brügge mitgebracht. Selbst im eh schon hohen belgischen Bierstandard gehört das für mich zu den Top-5-Prozent dieses Landes.


Brügge ist ganz sicher einen Tagesausflug wert, es gibt viel zu sehen, alles ist fußläufig gut zu erreichen. Eine Grachtenfahrt macht Spaß, man sollte dafür aber früh da sein und/oder etwas Wartezeit mitbringen, vor allem an Tagen, in denen mit erhöhtem Touristenaufkommen zu rechnen ist. Muscheln und Pommes gehören natürlich zum Pflichtprogramm, und auch die belgische Waffel dort ist allein schon die Reise wert. Dass man Biere ohne Ende bekommt, ist für den Bierfreund toll – ich habe noch zwei weitere original Brügger Biere mitgenommen, die ich bald hier besprechen werde.

Basismathematik – Mhoba 2017 FAQ Plastic Pure Single Rum

Keine Pestizide, keine Enzyme, kein Antischaum und keine Süßung. Das sind Aussagen, wie ich sie liebe – Spirituosen müssen nicht unbedingt mit hochindustrialisierten Methoden hergestellt werden, im Gegenteil, wie bei vielen Aspekten stiehlt man mit Industrialisierung die Seele. Ich will nicht kulturpessimistisch klingen, denn letztlich würde ich hier nicht schreiben und ein völlig anderes Leben führen, gäbe es die Industrialisierung nicht; doch in manchen Bereichen genieße ich es sehr, wenn erkannt wird, dass es auch einfacher, händischer, bodenständiger geht. Besonders spannend fand ich die Erwähnung von Antischaum, etwas, das ich selbst nachschlagen musste, und ein gutes Beispiel dafür ist. „Antischaum oder auch Schaumstopp genannt ist eine wesentliche Erleichterung beim Destillieren und Einmaischen“ schreibt man für bei destillatio.eu für ein solches Produkt, ich wäre interessiert, wenn ein Brenner, der dies hier liest, eine Meinung zu derartigen Hilfsmitteln abgeben könnte.

Gelesen habe ich diese Ausschlussliste auf dem Etikett des Mhoba 2017 FAQ Plastic Pure Single Rum. „Subtraction, not addition“ ist der Wahlspruch dieses Rums, was eben auf die Reduktion der eingesetzten Technologien anspielt. Hergestellt wird er aus dem frischen Saft des Nkomazi-Zuckerrohrs, das auf der hauseigenen Farm im Tal des Crocodile River bei Malelane, Südafrika, wächst. Destilliert wurde er, wie der Name schon sagt, 2017 von Robert Greaves, in einer selbstgebauten Potstill mit hohem Reflux. Danach kommt er für 4 Jahre in Ex-Rotwein-Fässer aus französischer Eiche, und wird dann mit 64,3% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen. Aus Jamaica hat man sich abgeschaut, die chemischen Daten mitauszuliefern, ich gebe die hier wieder, weil ich sowas spannend finde. An Congeners sind 590,9gr/hlpa enthalten, davon sind 344,6gr/hlpa Ester. Man kann sich also allein schon anhand dieser Zahlen vorstellen, dass wir hier keinen gemütlichen Neutralrum vor uns haben werden!

Mhoba 2017 FAQ Plastic Pure Single Rum

Die Farbe, die die Rotweinfässer abgegeben haben, ist beeindruckend – ein schönes, sattes Terracotta, mit gelbgoldenen Lichtreflexen. Die Viskosität, die sich beim Schwenken des Verkostungsglases zeigt, gefällt ebenso, da bleibt fett was am Glas hängen und dekoriert es für eine ganze Weile, bevor Beinchen langsam ablaufen.

In der Nase sind die Fässer ebenso erkennbar wie mit dem Auge, man riecht sehr deutliche mostige Frucht, frisch zerpresste ganze Trauben, und dazu eine recht präsente Schwefeligkeit. Besonders letzteres ist gefährlich für Rum, finde ich, da nähert man sich schon fast einem sensorischen Fehler an, wenn es übertrieben wird (auf Guadeloupe hatte ich bei Montebello einen weinfassgereiften Rum, der nur noch nach Streichhölzern roch); hier ist es an der Grenze, noch einigermaßen gut eingebunden. Die Kombination von Schwefel und Pattex ist aber nicht ganz einfach, vor allem weil noch so eine „quietschende“ Esternote dabei ist, die ich immer mit getragenen Turnschuhen und Schweiß assoziiere. Unter all den negativ klingenden Eindrücken – ich beschreibe nur, werte hier nicht – findet sich dann noch schokoladige Anflüge von Nougat und Türkischem Honig, und zu guter letzt sogar noch etwas Grüngemüsiges, Gurke und Edamame in etwa. Man sieht, nicht einfach, aber vielschichtig und interessant.

Mhoba 2017 FAQ Plastic Pure Single Rum Glas

So einige Spirituosen würde ich bei 64,3% Alkoholgehalt nicht pur an meinen Gaumen lassen, bei vielen Rums ist das verrückterweise selten ein Problem. Der Mhoba 2017 zeigt sich diesbezüglich auch völlig ungefährlich, er hat viel Kraft und Wumms, brennt oder anästhesiert aber nicht. Initial ist das Mundgefühl weich und mild, das ist aber nur der Anfang, schnell wandelt sich das zu kraftvoller, schwarzpfeffriger Wärme. Die Rotweinfässer sind schließlich auch hier herauszuschmecken, mit dieser prägnanten Kombination aus Holz, Vanille, dunkler Frucht und Schwefel. Süß wirkt der Rum durchgängig, am Anfang sogar richtig schwer schokoladig, mit Nougat, Trüffelpralinen und Kaffeecrème. Im Mund ist er sehr viel runder und besser strukturiert als in der Nase, intial findet man noch eine Pattexnote, aber im feurigen, anhaltenden Abgang, in dem man den Brand vom Zäpfchen bis in den Magen klar verfolgen kann, verschleift sich alles zu einem sehr aromatischen, vollen, höchstaromatischen Finish, das mir extrem gut gefällt, und alles, was ich an Schwierigkeiten zuvor geäußert habe, wegwischt und mich mit einem satten Grinsen und vielen schokolierten, roten Tafeltrauben im Nachhall zurücklässt.

Beim Mhoba 2017 FAQ Plastic ist es wirklich spannend, diese Entwicklung vom Auge über die Nase zum Gaumen und schließlich zum Magen zu verfolgen. Ein Rum, der sich kontinuierlich steigert, immer runder wird. Allein so ein spannender Verlauf ist für mich eine Empfehlung wert; vielleicht nicht für jemanden, der eher süßmilde Spirituosen trinkt, sondern eher für die Frau und den Mann, die vollaromatische, schwere, starke und auch nicht unkomplizierte Destillate im Glas schätzen können und wollen – und für Freunde höheresterigen Jamaica-Rums sowieso.


Wenn wir schon über starke Frauen reden: Helena Tiare Olsen ist ein schwedisches Urgestein der Tiki-Szene. Durch eine Krankheit musste sie Cocktails und Alkohol aufgeben, man sieht ihre toll inszenierten Foodposts noch auf Instagram, für mich persönlich ist sie eine Inspiration, dass es, auch wenn es manchmal nicht danach aussieht und man etwas Liebgewonnenes, das man eigentlich auch wirklich gut kann, aufgeben muss, es danach doch weitergeht. Als Zeichen dieser Wertschätzung benutze ich den FAQ Plastic als Float in einem ihrer Rezepte – dem Guyana Banana Zombie. Und der Rum passt auch inhaltlich gut – trinkt man den Cocktail über die Strohhalme, kommt erst die frische Banane des Likörs, und geht dann dank der Rumester in überreife Banane über. Sehr unterhaltsam!

Guyana Banana Zombie Cocktail

Guyana Banana Zombie
2oz / 60ml gereifter Rum
¼oz / 7ml Falernum
1oz / 30ml Bananenlikör
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Ananassaft
1 Spritzer Angostura
Alle Zutaten auf Eis shaken. Dirty Dump, mit frischem crushed ice auffüllen.
1oz / 30ml würziger Rum floaten.

[Rezept nach Helena Tiare Olsen]


Worauf ich wirklich gerne verzichtet hätte ist das Hartwachs über dem Stöpsel; dieses bröckelte schon, als ich die Flasche bekommen habe, und ist in seiner harten, glänzenden Konsistenz irgendwie genau dem Plastik vergleichbar, das man im Subtitel so verschmäht, da wäre diesbezüglich etwas mehr Konsequenz wünschenswert gewesen. Abgesehen davon, dass Wachs auf Flaschenhälsen für mich immer grundsätzlich ein lästiges Übel ist, das die Handhabung nur erschwert und im Gegenzug keinerlei Vorteile bringt.

Der Rest ist natürlich im inzwischen wohlbekannten, wohlgeschätzten VSGB-Stil gemacht, mit soviel Liebe zum Detail und einem Aufwand, den man sonst nirgends für derartige Kleinflaschen betreibt. Die Limitierung auf 1100 Fläschchen und die individuelle Flaschennummer ist, wie in der Vergangenheit, nur auf dem Karton als Kleberchen appliziert, da es erstaunlich wenige Vergehen gegen das „heilige Versprechen“, die VSGB-Produkte nur selbst zu konsumieren und nicht weiterzuvertreiben, gibt, reicht das wahrscheinlich auch aus. Ich selbst käme nie auf die Idee, die Einzelflaschen aus diesem wirklich tollen Projekt zu verscherbeln, und hoffe, dass Luca Gargano für VSGB noch viel, viel Atem und Ideen hat und es fortführt, so lange es geht.

Bier am Freitag – KronenBräu Hochdorfer Kellergold

Der konzentrische Kreis, den ich bezüglich Bieren um meinen Heimatort Neresheim aufbaue, wächst stetig. Da ich erst sehr spät mein Interesse für Bier und Alkoholika entdeckt hatte, sind viele Dinge, die einst eigentlich ganz nahe lagen, für mich komplettes Neuland, und so drehe ich wie ein Andenkondor Kreise über die Region, um „neue“ Biere zu finden. Manchmal hilft auch die Verwandschaft, die leckeres Zeug anschleppt, so wie heute, wenn ich das KronenBräu Hochdorfer Kellergold vorstelle. Es stammt aus Nagold-Hochdorf, also schon ein gutes Stück von der Ostalb entfernt, der Kreis wird daher erkennbar schon größer. Es ist CO2-neutral gebraut, durchaus ein Verkaufsargument in heutiger Zeit. Schmecken muss es aber trotzdem, darum ab ins Glas damit, um das zu prüfen.

KronenBräu Hochdorfer Kellergold

Naturtrüb, weil unfiltriert, wie es sich für ein Kellerbier gehört, leicht opalisierend und mit einer sehr ansprechenden Ockergold versehen, gießt es sich leicht ins Glas und bildet dabei eine kräftig ausgeprägte Schaumkrone. Nach einer Weile sackt die etwas in sich zusammen, eine Schaumschicht aus gemischtgroßen Blasen bleibt aber lange erhalten, gespeist von ganz vorsichtiger Perlage.

Wie so oft bei klassischen, deutschtraditionellen Bierstilen muss man gar nicht groß versuchen, sich bei Geruchseindrücken viel zusammenzufantasieren. Da ist erkennbar Getreide, aus dem Pilsener- und Caramellmalz, und der Herkules-Bitterhopfen ergibt mit dem Tradition-Aromahopfen eine leicht grasig-blumige Note dazu, ohne sich irgendwie nach vorne zu drängen. Angenehm und passend für so ein Bier, wie auch die 5,2% Alkoholgehalt.

Die Textur im Mund ist dann sehr kauig, dicht und voll, mit ordentlicher Karbonisierung, die sich durch eine leichte Frischekante äußert. Unterstützt wird das durch ein gelungenes Süßsauerspiel, das den Gaumen nie belegt, sondern frei lässt für die nun doch sehr deutlich erscheinende Blumennote des Hopfens. Gut gebittert und mit edler Trockenheit versehen macht es wirklich Spaß, dieses Bier zu trinken, und es bietet sich mir geradezu ideal an zum kräftigen, bodenständigen schwäbischen Essen; dabei hat es genug Komplexität und Unterhaltungspotenzial, mir auch im Sommer auf der Terrasse ganz allein den Nachmittag zu versüßen.

Erneut wieder mal ein sehr gelungenes Bier aus Baden-Württemberg, und danke, Dietmar, dass Du es mir mitgebracht hast – sowas kannst Du ruhig öfters dabei haben.

Der kleine Bruder – Kuanglang Hauhan Chinese Baijiu (狂浪酱香白酒)

Über Klarheit auf Etiketten muss man mit den Chinesen nochmal reden. Einerseits haben die Etiketten auf sehr vielen Baijius völlig transparente Herstellungsdetails, wie welche Basismaterialien verwendet wurden, welches Qu, Ortsangaben bis hin auf Dorfebene und sogar Blendbestandteile; davon könnte sich ein Großteil der Restweltspirituosen eine dicke Scheibe abschneiden. Andererseits muss man manchmal lange recherchieren, um trivialste Dinge herauszufinden, zum Beispiel wie der Baijiu überhaupt heißt, und was der Unterschied zwischen Importeursnamen und Herstellernamen ist. Viele Baijius gönnen sich den Luxus, sehr exotische Zeichen in ihren Namen zu verwenden, soweit, dass selbst Muttersprachler manchmal ein bisschen Zeit brauchen, sie zu entschlüsseln; dazu sind auf den wenigsten Flaschen zusätzlich latinisierte Versionen vorhanden, von englischsprachigen Übersetzungen gar nicht zu reden. Und wenn, dann sind sie manchmal widersprüchlich, wie beim Kuanglang Hauhan Chinese Baijiu (狂浪酱香白酒). Dort findet sich nämlich der Importeursname latinisiert und mit englischer Übersetzung der Kategorie („Hauhan Chinese Baijiu“), während der Markenname, „Kuanglang“, nur in chinesischen Schriftzeichen, dazu noch kalligraphisch verschnörkelt, zu erkennen ist.

Nun, dafür bin ich ja da, und nehme meinen Leser*innen die Mühe etwas ab. Wer sich schon den Aufwand zumutet, einen 酱香 (Sauce)-Aroma-Baijiu ins Haus zu holen oder sich für dessen Aromatik zu interessieren, hat es wohl verdient, wenigstens die Basisinformationen über dieses weiterhin sehr fremdartige Destillat aus China etwas mundgerechter serviert zu bekommen. Für den hier vorgestellten Baijiu ist das auch gar nicht kompliziert: Das „Kunsha“-Destillat, also der höchste Qualitätsstandard für Sorghum-Destillate, wird in Tonkrügen gereift, und dann mit einem Anteil von 2% eines 20 Jahre alten Brands „aromatisiert“. Damit haben wir hier sozusagen den kleineren Bruder des Kuanglang Shangjiang, den ich vor ein paar Wochen hier besprochen hatte – er wird ebenso in Yunlongjie bei Luzhou in Sichuan, also Südwestchina, hergestellt. Ich bin sehr gespannt auf die Verkostung, um insbesondere auch den Unterschied zwischen diesen beiden Blends erfahren zu können.

Hauhan Chinese Baijiu

Es passiert durchaus, dass Baijiu durch Reifungsdauer eine leichte Tönung annimmt, hier haben wir den Beweis dafür. Es ist nur ein minimalster Crèmeton, weniger als manch ein Weißwein, man muss fast darauf achten. Der Baijiu schwenkt sich, während man darüber nachdenkt, sehr lebendig im Glas, mit wenig Öligkeit zunächst, diese zeigt sich erst in den Artefakten an der Glaswand, die langsam ablaufen.

Während man schwenkt, kann man auch schon die ersten Duftnoten abgreifen, die sich über den Glasrand hinaus schnell verbreiten, ohne einen aggressiv anzuspringen. Erstmal wirkt das schokoladig, schwersüß, dann aber auch mit einer leichten Essigkomponente, alter Balsamico eher als Apfelessig. Die Hirse spricht zu mir, mehr als in vielen anderen Baijius dieser Machart. Ein bisschen erdig, mit Erinnerungen an frisch gepflückte Pilze, und eine leicht grasige Mineralität erzeugen durchaus eine Menge an Komplexität – hier muss man eine ganze Weile schnuppern, um die wabernden Eindrücke einordnen zu können. Natürlich ist da auch der würzige Geruch von Sojasauce und Liebstöckel klar präsent, das ist stiltypisch und -bildend. Es macht Spaß, damit etwas zu verweilen.

Hauhan Chinese Baijiu Glas

Der Antrunk wirkt erstmal etwas säuerlich, ist dann schnell auch astringierend und trocken. Ein bisschen Lack schwingt hier mit, aber auch einiges an Getreide, ein Touch Roggen, etwas Hirse. Hier wird man nicht überfordert mit einem Sammelsurium an umami-Komponenten oder wilder Sojasauce, eine leichte Salzigkeit und ein Hauch von Lakritz ist alles, mit dem man zurecht kommen muss. Ansonsten zeigt sich dieser Baijiu sehr freundlich und rund, mit den kaum spürbaren 53% Alkoholgehalt, die herrlich eingebettet sind, und klarer, sehr verstehbarer Struktur. Der Abgang ist mittellang, sehr sauber, hier kommt wieder einmal, ich betone es gern öfters, der wahre Charme eines Baijiu zum Vorschein: erdig, würzig, schokoladig und trotzdem minzig frisch, ohne in die After-Eight-Falle zu tappen. Ein mineralischer Nachklang von feuchtem Beton hängt eine Weile mit dabei. Nicht aufdrängend, nicht aggressiv, und nach dem frechen Antrunk dann sehr weich und elegant am Gaumen bleibend.

Viele der Baijius, die ich bisher vorgestellt hatte, und die die Leser hier vielleicht kennen, wirken exotisch bis hin zum Fremdartigen, sind erklärungsbedürftig und nur mit Mühe verstehbar. Der Hauhan Chinese Baijiu dagegen ist diesbezüglich sehr unkompliziert: das versteht man auch im Westen ohne Mühe, und diese Zugänglichkeit schätze ich an ihm sehr, auch wenn er natürlich erkennbar weniger komplex ist als der oben schon erwähnte Shangjiang desselben Herstellers.


Da muss man dann auch nicht wirklich dramatisch anpassen, wenn man ihn in einem Cocktail verwenden will – hier kann man ruhig etwas entspannter rangehen. Es muss ja auch nicht immer superexotisch sein, wenn man Baijiu in Drinks einsetzen will, ein einfacher Mix geht manchmal besonders gut, wie hier beim Tropical Baijiu. Zusammen mit dem Ananassaft wird die Schokoladigkeit ganz besonders betont, da meint man fast, einen Schokolikör im Rezept zu haben.

Tropical Baijiu Cocktail

Tropical Baijiu
1½oz / 45ml Sauce- oder Starkaroma-Baijiu
2oz / 60ml Ananassaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.

[Rezept nach lovetoknow.com]


Die Flasche ist archetypisch für Soßenaroma-Baijius, und ich mag sie einfach – die liegt gut in der Hand, hat viel Platz für Etiketten, und ist nicht übermäßig overdesigned, auch der Karton bleibt im Vergleich zu vielen anderen Baijius zurückhaltend, aber effektiv. Das rote Bändchen ist ein nettes Element, der Nachfüllstopp im Flaschenhals ist für Baijius Standard und dient dem Schutz vor Produktpiraterie.

Man sieht, der Inverkehrbringer Hauhan hat sich hier ein Set aus Baijius zusammengestellt, das sowohl alleinstehend auch im Zusammenspiel mit dem Kuanglang Shangjiang gut funktioniert. Ich gehe davon aus, dass der hier vorgestellte Hauhan doch kostengünstiger zu haben sein wird als der Shangjiang, einfach weil er kürzere Reifungsdauern für den Blend gewählt hat, das ist eigentlich wie bei Whisky – ein 10-jähriger Scotch ist günstiger als ein 20-jähriger, aber hier wie da sagt das Alter grundsätzlich erstmal nichts über die Qualität aus. Beide kann ich dem interessierten Baijiu-Freund als sehr stabile Basisprodukte empfehlen, wenn sie mal in Deutschland dann auf dem Markt sind.

Offenlegung: Ich danke der Hauhan International Trading Co.,Ltd. für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung dieses Baijius.