Geschichten aus 1001 karibischer Nacht – Foursquare Raconteur Single Blended Rum

„Did you know? [The word] Raconteur has old French roots.“ Ach! Das Wörterbuch von Merriam-Webster ist hier vielleicht ein bisschen platt direkt, aber wenigstens machen einem solche Wörter, die tatsächlich zur englischen Sprache gehören, etwas klarer, was das moderne Englisch ist: eine wilde Mixtur aus britonischen, germanischen und französischen Bestandteilen, mit etwas Latein angereichert, erklärt natürlich durch die bewegte Eroberungsgeschichte der britischen Inseln. Insbesondere die historischen Verbindungen zwischen England und Frankreich haben dafür gesorgt, dass es dermaßen viele französische Lehnwörter im Englischen gibt, dass man ohne sie praktisch keinen Satz schreiben kann – das läuft aber unter dem Radar, und kaum ein native speaker ist sich dessen bewusst. So musste ich neulich lachen, als eine Petition für die „Reinheit der englischen Sprache“ veröffentlicht wurde, in deren Text ein humorvoller Kommentator jedes zweite Wort als Lehnwort markiert hatte; solche Dinge zeigen einem die Futilität jeder präskriptiven Sprachpolizei. Pardon my French.

Die Wortgeschichte ist aber hier nur von untergeordneter Bedeutung, man hat sich bei Foursquare schon vor ein paar Jahren entschieden, seltsame Wörter für ihre Abfüllungen zu verwenden, mit mehr oder weniger Sinn dahinter. Die „Geschichtenerzähler“, so die Übersetzung des Worts, die man mit dem Foursquare Raconteur Single Blended Rum ehren möchte, sind Luca Gargano und Stephen Remsberg, zwei wohlbekannte Namen in der Rumwelt. Entsprechend hat man hier zwei Rums verblendet, die beide für sich schon ein Blend sind: aus einem Destillat der typischen Foursquare-Kombination von Double Retort Pot Still und traditioneller Coffey-Doppelsäule hat man einen Teil 17 Jahre in Ex-Bourbon-Fässer gelegt, und einen zweiten Teil erst für 5 Jahre in ähnliche Ex-Bourbon-Fässer, danach weitere 12 Jahre in Ex-Sherry-Oloroso-Fässer. Kompliziert und verschachtelt wie die Geschichten aus 1001 Nacht, so eine Mixtur hätte man auch „Sheherazade“ nennen können! Am Ende steht jedenfalls das älteste Endprodukt, das Foursquare bisher mit Velier abgefüllt hat. Genug Geschichten erzählt, ab ins Geschmacksprofil.

Foursquare Raconteur Single Blended Rum

Ich bin zu voreilig – wir schauen uns einen solchen Brand ja immer erstmal rein optisch an. Hier würde ich farblich ein Terracotta zuordnen, mit hellorangenen Lichtreflexen, die fast ins Weiße übergehen. Im Schwenkverhalten gefällt mir die Schwere, mit der sich die Flüssigkeit bewegt, die kleinen Strudel, die sich dabei bilden, und der Flocatiteppichrand, den man danach an der oberen Glaswand findet; er bleibt lange so stehen.

Barbados-Rum hat, wenn tatsächlich rein auf Barbados hergestellt, gereift und abgefüllt (nein, das ist nicht so selbstverständlich, insbesondere die letzten zwei Punkte sind durch gewisse Abfüller leider stark aufgeweicht), eine extrem hohe Typizität in der Nase. Raconteur bildet das wirklich extrem gut ab: Ein mildes Fruchtkompott aus Orange, ältere Mandarinenschale und einem Tick Litschi bildet die Basis, darüber kommt ordentlich Kokosfleisch aus einer frisch geöffneten Nuss, Macadamia-Nüsse und etwas buttriges Shortbread. Voll und weich, nur ein minimalster Lackanflug ist vorhanden, ohne wirklich sich aktiv zu melden. Ganz sanft blitzt im Detail ein bisschen schwere Lilie auf, bei der die Blütenblätter schon abfallen. Ausgesprochen angenehm.

Foursquare Raconteur Single Blended Rum Glas

Wer mag, füge gern ein paar Tropfen Wasser hinzu, bei einer Alkoholstärke von 61% nehme ich das niemand krumm – brauchen tut es der Rumfreund allerdings nicht. Wie schon optisch beobachtet legt sich der Raconteur richtig breit in den Mund, vom Antrunk an spürt man die Dichte und Schwere dieses Rums, die Textur ist fett und ölig. Starksüß, natürlich wirkend in dieser Beziehung, mit Eindrücken von Honig, etwas warmem Vanillepudding, ganz dezent Zimt und Krokant, fast wie eine Praline wirkt das in manchen Momenten auf mich. Pistazien, vielleicht sogar leicht gesalzene, brauner Kandis und etwas Karamell geben weiterhin Süße und gleichzeitig Würze. Heller Tabak, Kokosnussschale, ein Hauch Estragon, ein noch kleinerer Hauch Nelke und dann noch gebrannte Mandeln – die Balance zwischen Salz und Süß ist wirklich hervorragend getroffen, erinnert mich fast etwas an Salted Caramel, mit all den Suchtfaktoren, die diese Süßigkeit für mich so unwiderstehlich macht. Dabei gibts aber auch kräftige Wärme, das ist kein Spiel, dieser Rum, der hat Power, die man lange am Gaumen mit viel Kribbeln und gegen Ende guter, nicht überhand nehmender Trockenheit, spürt, und tief im Rachen. Zum Schluss kommt eine gewisse Grünheit dazu, Geranien vielleicht, und der Ausklang ist lang, effektvoll und ausdauernd.

Ein Rum, der einen zum Verweilen einlädt. Nicht, weil er irrsinnig komplex wäre, sondern einfach weil er einfach alle Aspekte perfekt in sich integriert. Hier kann selbst der Analyst, wie ich einer bin, für ein paar Minuten das Hirn abschalten und dieses großartige Mundgefühl in Kombination mit breiter Aromatik genießen. Das geschieht mir selten genug, umso dankbarer bin ich dem Raconteur dafür.


So ein Rum macht sich natürlich in jedem Cocktail gut, der eine gute Rumbasis braucht, ohne wirklich mit extremen Aromen alles zu übernehmen. Der La Luna baut auf so eine Basis, ergänzt noch leicht mit Kräuterlikör und Sherry, die hier nur bereits grundsätzlich vorhandene Eindrücke verstärken, und etwas Armagnac, der wirklich gut zum Raconteur passt. Ein wirklich dickes Ding, sowohl vom Aroma als auch der Stärke her, ein richtig guter Absacker nach einem harten Tag.

La Luna Cocktail

La Luna
1½oz / 45ml gereifter Rum
½oz / 15ml Armagnac
½oz / 15ml PX Sherry
⅓oz / 10ml Bénédictine
1 Spritzer Salzlösung
Auf Eis rühren. In ein mit Absinthe ausgesprühtes Glas abseihen.

[Rezept nach Nicklas Jørgensen]


Die liebevolle Gestaltung der Miniaturflaschen des VSGB-Projekts erwähne ich einfach immer wieder bei Rezensionen dieses tollen Projekts, weil ich es unglaublich schätze, wieviel Aufwand da offensichtlich reingeht. Auch hier findet man eine exakte Replikation der Vollflasche, mit allem was dazugehört, vom fühlbar strukturierten Etikett bis zum Karton, der weiterhin natürlich nummeriert ist und die Limitierung der VSGB-Flaschen klar macht.

Ich sage es mal so: die Aromatik ist klar ähnlich der, die man zum Beispiel im Doorly’s XO findet; nur eben hundertmal runder, dichter und feiner. Da besteht gar keine Konkurrenz, die zwei spielen in unterschiedlichen Ligen. Wer sich also schonmal mit so einem Rum aus Barbados (tatsächlich rein von dort!) beschäftigt und die Erfahrung genossen hat, der kann mit dem Foursquare Raconteur dieses Erlebnis vielfach verstärkt wiederholen. Dem Geschichtenerzähler zuzuhören macht Spaß, versprochen, und lohnt jeden Aufpreis.

Bier am Freitag – Jungle Joy Passion & Mango Ale

Das Brussels Beer Project bringt immer wieder mal überraschende Dinge hervor, die ich als bekennender Belgienbierfan sehr gerne im Glas sehe; dazu gehört auch das Jungle Joy Passion & Mango Ale. Der Name ist Programm – auf Basis eines Ales, das mit erstaunlichen 5 Malzsorten angelegt ist (ich zitiere das Rücketikett: „Pale, Munich I, Pilsner, Vienner, Caramunich“) und dazu mit 3 Hopfensorten (auch hier: „Hersbrucker, Magnum, Mosaic“), was schon für sich ein üppiges Genussbier ergeben könnte, verwenden die Brüsseler noch tropische Früchte. Passionsfrüchte und Mangos werden mitgebraut, tatsächliche Früchte, man besteht darauf, weder Aromastoffe noch Zucker beizugeben, und damit gewinnt man mich bereits. Ein Fruchtbier mit 5,9% Alkoholgehalt ist dazu schon kraftvoll, oder? Schauen wir es uns an.

Jungle Joy Passion & Mango Ale

Zwischen Kupfer und Terracotta steht das Bier volltrüb im Glas, komplett blickdicht, selbst bei Gegenlicht sind nur die Glasränder minimalst durchscheinend. Der Schaum entsteht üppig, bleibt einige Minuten streichholzschachteldick da, fällt dann in einen großblasigen Zentimeter etwas zusammen.

In der Nase erkennt man bereits das Fruchtbier, das ist klar mehr als Hopfenfrucht, die man da riecht – die Passionsfrucht vielleicht einen Ticken mehr als die Mango. Beides wird dann aber doch von frisch-leichtem Hopfen unterstützt und aufgehellt, während die Getreidebasis immer noch erkennbar bleibt und Würze dazu beisteuert. Insgesamt frisch und angenehm.

Auch am Gaumen bleibt die Rezenz der erste Eindruck, frisch, hell, klar zum Säuerlichen hin tendierend, mit Zitrone und etwas Essig als Treiber dafür. Direkt kommt eine überraschende florale Note dazu, die dann in die Passionsfrucht übergeht. Mango ist eher unterschwellig als Idee da, vor allem ist nichts der Süße, die man von dieser Tropenfrucht erwarten mag, vorhanden – das Bier ist trocken, herb, sauer und dabei sogar etwas astringierend und kantig im Rachen, was man im Abgang dann deutlich spürt. Der Nachhall ist sehr kurz, leicht fruchtig.

Ein interessant gemachtes Fruchtbier, das nicht auf vordergründige Fruchtaromen setzt, sondern diese in ein Sauerbier einbettet und die Geschmäcker nur dezent wirken lässt. Das meine ich durchaus als Kompliment für das Jungle Joy Passion & Mango Ale, das ist kein Radler oder Aromabier, sondern ein erwachsenes, starkes Ding!

Fernsehen bildet – Wild Turkey 101 Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Ich hasse es, wenn das passiert – als angeblicher Spirituosenkenner stolpert man bei seiner Lieblingssendung über eine Frage, die sich um dieses Thema dreht. Schnell ist man ratlos und wird auf seine eigene Unwissenheit gestoßen. Allerdings muss man schon zugeben, dass es eine sehr spezielle Frage war, die bei „Wer weiß denn sowas?“ gestellt wurde. Ich nehme es Elton nicht krumm, dass er es nicht wusste, ich bezweifle sogar, dass viele Experten es richtig beantworten hätten können (außer durch Raten, natürlich) – alle Antworten sind für mich gleichermaßen plausibel.

Wer weiß denn sowas - Whiskeyfrage

Scheinbar haben amerikanische Forscher wirklich herausgefunden, dass, wenn ein Bourbon verdunstet, dessen Mizellen platzen und dadurch die Schwebstoffe, die an ihnen gefangen waren, freisetzen. Diese Schwebstoffe setzen sich auf einer Petrischale ab und erzeugen ein eindeutiges Muster, aus dem man ablesen kann, welcher Bourbon es war, der hier verdunstet ist. Spannend, was man im Fernsehen lernen kann, auch im Schnapsbereich, da zahlt man doch gern seine GEZ-Gebühren.

Wie das Verdunstungsmuster des Wild Turkey 101 Kentucky Straight Bourbon Whiskey aussieht, kann ich hier leider nicht wiedergeben. Wir haben ja zum Glück eine ganze Flasche mit Etikett und allem, was dazugehört, so dass wir keine obskuren chemischen Experimente brauchen, um zu identifizieren, dass wir hier einen Bourbon mit High-Rye-Mashbill vor uns haben, der „up to 6 to 8 years“ in neuen Eichenfässern gelagert wurde, die mit der Stufe „deepest char“ ausgebrannt wurden. Das sollte viel Farbe, viel karamellisiertes Holz und Vanillin und ähnliche Effekte erzeugen – probieren wir es mal aus.

Wild Turkey 101 Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Straight Bourbon darf nicht gefärbt werden, daher ist das tolle, leuchtende Orange mit leichter Tendenz zu Terracotta natürlich aus Fassholz entstanden – für mich ist so etwas dann immer doppelt attraktiv. Gemächlich und schwer bewegt sich der Whisky im Glas, hinterlässt dabei fette, dicke, ölige Schlieren. Geruchlich finde ich den Wild Turkey 101 holzig, leicht fruchtig, es gibt doch erkennbar viel Plastikkleber, was man von einigen guten Bourbons kennt. Wie oben schon vermutet riecht man viel Vanille, ein Anflug von feuchtem Stein. Karotte. Honig.

Superweich im Antrunk, „smooth“ ist ein verbotenes Wort, ich gebrauche es hier trotzdem. Cremig, voll, fett und breit, von Anfang bis Ende. Richtig schwere Süße, nach Honig und Agavendicksaft, dann Frucht, ein bunter Korb tropischer Früchte, schließlich viel Vanille und süße, buttrige Weißschokolade, dann Kaffee. Gegen Ende entsteht ein mildes, auf der Zunge kribbelndes Feuer, das rein durch Roggenwürze gespeist wird, und nie durch die nirgends spürbaren 50,5% Alkoholgehalt, die als 101 Proof dem Wild Turkey 101 den Namen gegeben haben.

Wild Turkey 101 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Glas

Der Abgang ist lang, sehr warm, sehr hauchig, mit etwas an Karotte, Plastikkleber und Eisen im Nachhall. Im Mund verbleiben die Aromen, hauptsächlich Vanille und Schokolade, lange, kaum Astringenzeffekte, ein wirklich rundes Bild findet seinen passenden Ausklang mit viel natürlicher, schwerer Süße. Nicht übermäßig komplex, dafür aber wuchtig und charakterstark.

Der starke Puter kann völlig überzeugen – ein richtiges Vanilleschokoladenbonbon mit Kraft und Power. Ein Bourbon, den man wunderbar sowohl pur genießen kann, der aber auch im Cocktail seinen Mann steht. Dazu das großartige Preisleistungsverhältnis – ich bin ein Fan.


Der Left Hand Cocktail ist ein Twist auf einen meiner absoluten Lieblingscocktails, den Boulevardier. Die veränderten Mengenverhältnisse, plus die Verwendung der sehr expressiven und wirklich aktiv den Drinkcharakter ändernden Xocolatl Mole Bitters erlauben es, dem Cocktail einen neuen Namen zu geben – auch wenn ich kein Fan davon bin, mit dem Namen kreativ zu werden, wenn das Rezept selbst gar nicht so übermäßig kreativ ist.

Left Hand Cocktail


Left Hand Cocktail
1½ oz Bourbon
¾ oz roter Wermut
¾ oz Campari
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren. Mit Cocktailkirschen servieren.

[Rezept nach Sam Ross]


Dieser Brand zeigt mir einfach wieder, dass Bourbon selbst im günstigen Preissegment einfach eine sehr hochwertige Spirituosenkategorie ist. Die staatliche Kontrolle und die strikten Regeln zahlen sich erkennbar aus – für um die 20€ bekommt man eine Top-Qualität, von welcher anderen Kategorie kann man das schon sagen. Da verzeiht man den Verzicht auf Schnickschnack gern, eine einfache Flasche, ein vernünftig aufwändig gestaltetes Etikett, das passt. Wer es etwas aufregender will, kann den wilderen Verwandten dieses Bourbons, den Wild Turkey Rare Breed, ausprobieren, da ist dann auch die Verpackung geschenktauglicher. Dennoch – wem es nur um den Geschmack geht, der ist beim Wild Turkey 101 bestens aufgehoben.

Bier am Freitag – Stanley Park Brewing Trail Hopper IPA

In Kanada, zumindest aber British Columbia, ist Alkohol strengst reguliert. Man kann ihn nur in Liquor Stores kaufen, so wie das zum Beispiel in Schweden ja auch ist. Dazu gehört auch Bier, das ist für den deutschen Besucher, der sich noch schnell ein Abendbierchen auf dem Hotelzimmer gönnen möchte, manchmal ein kleines Problem. Und sogar in den den Brauereien angegegliederten Shops, bei denen man das lokale Bier mitnehmen kann, ist es manchmal so, dass die Lizenz nur gilt, wenn auch etwas zu Essen mitgekauft wird, und so musste ich beim Shop von Stanley Park Brewing tatsächlich noch eine Tüte Chips miterwerben, um das Bier überhaupt mitnehmen zu dürfen. Andere Länder, andere Sitten! Doch auch so ungewohnte (und, wie man sieht, absurd leicht umgehbare) Regelungen hielten mich natürlich nicht davon ab, eine Dose des Stanley Park Brewing Trail Hopper IPA als Urlaubssouvenir mitzubringen, nachdem ich die schönen Biere dort in einem netten Flight probiert hatte. Das Trail Hopper IPA ist mit stiltreuen 6,8% Alkoholgehalt abgefüllt, und aus Gerste und Weizen gebraut.

Stanley Park Brewing Trail Hopper IPA

Klar, mit einer erkennbaren Tendenz zum Opalisieren, in leuchtendem Sonnengelb – so sieht das Bier aus, und so habe ich den Tag im Stanley Park in Erinnerung, eine tolle Remineszenz für mich. Der Schaum ist mittelgroßblasig, zunächst fingerdick, danach sich auf eine feine Schaumschicht reduzierend.

Ein IPA muss man riechen können, aber selbst für diese Vorgaben wirkt das Trail Hopper auf mich extrafruchtig. Fetter Pfirsich, reife Aprikosen, etwas Ananas und viel Mango, und richtig deutliche Passionsfrucht – hier haben die Brauer ihren Aromahopfenbestand wohl vollends geplündert. Darunter findet sich eine Schicht Hefe, die das ganze etwas zum Bitteren hin tendieren lässt, und ein Hauch von Getreide sorgt dafür, dass man es noch als Bier erkennt, wenn man es geschafft hat, die Fruchtwolke zu durchdringen.

Am Gaumen zeigt es sich zunächst rezent und frisch, mit runder Ale-Textur, die viel Volumen aufweist; im Verlauf kippt es dann Schritt für Schritt zur brutalen, das Zäpfchen kitzelnden 65-IBU-Bittere, die einem die Spucke aus dem Mund zieht. Leicht astringierend wirkt es dabei dazu noch. Dennoch bleibt das Trail Hopper durchaus süffig, denn die Bittere zieht schnell wieder ab wie eine Regenwolke über dem sonnigen Stanley Park, und lässt dann eine edle, feine Herbe am Gaumen zurück, mit viel Jasmin und Blütigkeit, die aus der weiterhin bestehenden Gerstenwürze wie Kornblumen erblüht.

Das ist wirklich ein trotz der Zahlen leichtes Erfrischungsbier, ohne jeden Zweifel, nichts für den Genießer, der nach komplexen Strukturen sucht. Dennoch ist es nach einer Wanderung über 25km durch den Stanley Park, zu den Totempfählen, dem Beaver Lake, dem Squirrel Trail und am Ende über die English Bay blickend am Third Beach sich sonnend, ein ideales Getränk für die Umgebung, aus der es stammt. Das sollte man erlebt haben.

Zimtzauber – Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás

Das schöne an Samples ist, dass man sich erstmal einen Überblick über eine Spirituose verschaffen kann, und nicht direkt in die Investition in eine ganze Flasche gehen muss. Allerdings kann das Problem entstehen, dass sich Samples zuhause anstauen – ich zum Beispiel habe aktuell drei bis vier Dutzend unberührte kleine Fläschchen rumstehen, die mir entweder zugeschickt wurden oder die ich von diversen Quellen angefordert hatte, weil mich der jeweilige Schnaps interessierte. Und kaum hat man es daheim, wechselt die Spannung zu etwas anderem hin, und der arme Brand rutscht im Regal nach hinten. Jeder, der sich mit Spirituosen über Samples beschäftigt, kennt die Situation, da muss ich nicht weiter reden.

Wenn es dann ein Sample doch mal nach (wie hier) jahrelanger Wartezeit in mein Verkostungsglas schafft, frage ich mich oft, warum ich das so lange habe rumstehen lassen. Das Cachaça-Tastingset, das ich neulich hier vorgestellt hatte, ist das beste Beispiel dafür – und in dem Set fand ich eine Spirituose, die mich in wenigen Schlucken so begeistert hatte, dass ich dann doch die ganze Flasche davon haben musste; und dementsprechend stelle ich heute die Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás vor. Sie wurde in der Destillerie Weber Haus in Ivoti, das liegt im südlichsten brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul, gebrannt, und das besondere ist die Reifung für ein Jahr in einem Fass („envelhecida“), das aus dem Holz des Baums Canella Sassafrás (Ocotea odorifera) hergestellt wurde. Es handelt sich dabei um eine bedrohte Spezies, etwas, worüber man sich beim Kauf einer in nativem brasilianischem Holz gereiften Cachaça immer mit Gedanken machen sollte – Weber Haus ist biozertifiziert, das bezieht sich erstmal hauptsächlich auf den Anbau des Zuckerrohrs, doch ich habe damit schon ein gewisses Vertrauen, dass auch das Sourcing des Holzes für die Fässer mit einer diesbezüglich angemessenen Vorsicht und Nachhaltigkeit geschieht. Jedenfalls sieht man wirklich nicht viele Cachaças, die in dieser Holzart gereift wurden, um so besonderer ist dieses Produkt, das nehme ich schonmal vorweg, und wer meine Rezension zu oben erwähntem Tasting-Set gelesen hat, weiß ja schon, dass ich hier etwas zur Begeisterung neigen werde.

Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás

Farblich schlägt hier das Fass voll zu, irgendwie passend zu dem Namen des Holzes, das an Zimt erinnert, ist auch die Färbung nun deutlich, ein richtig kräftiges orange-braun, das man schon in der Flasche gut sieht, im Glas beim Schwenken noch mehr. Das gefällt dem Auge, wie auch die Viskosität, bei der sich hübsch anzusehende Schlieren bilden.

Hält man das Glas dann an die Nase, ist man direkt irgendwie entrückt – der Duft ist durchaus erstaunlich, da ist viel Honig, Zimt, schwersüße Tropenfrucht, vielleicht sehr reife Sternfrucht, aber auch eine erdig-holzige Seite, die ein bisschen an Grappa erinnert. Darüber liegt ein parfümartiger Geruch, etwas Moschus, etwas Zedernholz, Zypresse, und ein Hauch schwerer Lilienduft. Unglaublich komplex und interessant, was zum lange dran schnüffeln, wenn man zwischendurch kurze Pausen einlegt, ist der Überraschungseffekt jedesmal neu da. Man spürt inzwischen, man hat hier eine durchaus besondere Spirituose im Glas, einfach, weil es wirklich „etwas anderes“ ist, das man so nicht schon hundertmal gerochen hat.

Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás Glas

Im Mund ist das auch schwer greifbar, sehr holzig, fast an Latschenkiefer-Saunaaufguss erinnernd, Zypressenholz und Eukalyptusblätter. Dann richtig deutlich Zimt, mit einer klaren Anisunternote, Leder, Tonkabohne, Kokosnussschale, heller Tabak und Geranie. Auch hier ultrakomplex, ich könnte noch ein Dutzend Impressionen aufzählen, das würde aber schon fast albern wirken im Text hier, ich garantiere aber, dass es nicht fantasiert wäre. Leichte Textur, schmaler Körper, frisch, mit klarem, grünen Nachhall, und deutlicher Bitterkomponente im Rachen; ein Brand, der einen ständig zwingt, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Unglaublich, atemberaubend! Man vermisst auch kaum einen höheren Alkoholgehalt als die vorhandenen 38%, für Cachaça ist das manchmal völlig ausreichend, die Direktheit, mit der sie hergestellt wird, liefert genug Aromen – allein der Körper würde dadurch vielleicht etwas gewinnen. Das ist aber nun wirklich meckern auf höchstem Niveau!


In letzter Zeit hatte ich nicht viel Glück mit Floats, oft rutschte die Wunschschicht einfach durch bis auf den Boden; natürlich weiß ich, dass das mit den relativen Dichten zusammenhängt, ich habe aber noch nicht eruieren können, dieses Verhalten wirklich vorherzusagen bei unterschiedlichen Mixturen. Nun, beim Red-Head Saint hat es jedenfalls offensichtlich geklappt – die Peychaud’s Bitters schwimmen schön obenauf und geben dem Drink natürlich ihren Namen. Auch geschmacklich fühlt es dieser Cocktail irgendwie „rot“ an, vielleicht wegen dem Zimtholz in der Hauptspirituose. Wer weiß.

Red-head Saint Cocktail

Red-Head Saint
2oz / 60ml gereifte Cachaça
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Agavendicksaft
¼oz / 7ml Chartreuse jaune
4 Spritzer Bitters
Auf Eis shaken. Im Glas voll Eis servieren. Mit 4 Spritzern Peychaud’s Bitters toppen.

[Rezept nach David Slope]


Die Flasche ist von der Form her unauffällig, leicht amphorenförmig, jedenfalls aber gut in der Hand liegend. Das Etikett ist transparent gedruckt und lässt viel von der rötlichen Flüssigkeit durchscheinen, sowas finde ich immer sehr apart. Und ich hoffe, man bemerkt den „Spirits Selection by CMB“-Aufkleber; zu dem Zeitpunkt, als diese Cachaça diese Goldmedaille gewann, war ich noch nicht Juror dort, bin also unvoreingenommen – aber ich nehme es durchaus als Bestätigung für die Qualität, denn ich weiß, wie dieser Wettbewerb läuft.

Natürlich gilt, dass die Weber Haus Cachaça Envelhecida em Canela Sassafrás kein absolut typisches Beispiel für ihre Kategorie ist, wer sich also erstmal in den brasilianischen Zuckerrohrbrand eintrinken will, sollte definitiv zunächst ein paar andere Produkte probieren, um eine stabile Baseline zu bekommen. Danach aber lege ich jedem diese ganz besondere Variante ans Herz, um zu erkennen, wie faszinierend so eine spezielle Holzart auf ein Destillat einwirken kann und die Kombination einen Zauber entfaltet, dem man sich nur schwer widersetzen kann – oder will.

Bier am Freitag – Wasseralfinger Bock

Wieder mal ein Bier aus einer Brauerei, die ich sehr schätzen gelernt habe – das Wasseralfinger Bock aus der alten Heimat, dem Härtsfeld, von dem ich nun doch schon so einige schöne Biere in die Welt hinausgetragen habe. Die schönen kleinen schnuckeligen Fläschchen sind üppig gestaltet, mit dem ganzen Gold und folienbestückten Flaschenhals; das Bier selbst ist auch mit 7,5% Alkoholgehalt gar nicht so leicht, wie man es auf den äußeren Eindruck hin vermuten möchte. Ein heller Bock ist durchaus ein Genuss, den ich mir gerne gönne, mal schauen, ob dieser hier sich in die Riege sehr guter Bockbiere einreihen kann, die ich dieses Jahr schon getrunken habe.

Wasseralfinger Bock

Ockerfarbene Kristallklarheit mit nur wenig Schaum beim Eingießen, und nach einer Minute ist auch der fast vollständig verschwunden, nur dünne Inseln bleiben. Langsame, ausdauernde Perlage ist erkennbar. Metallisch, leicht hopfig, minimalst fruchtig – sonst ist das Bier praktisch neutral in der Nase

Diese letzte fruchtige Note, die die Nase wahrgenommen hat, erscheint als erstes am Gaumen. Ein bisschen Ananas, ein bisschen Pfirsich, ein bisschen Aprikose, alles nur dezent angedeutet. Danach kommt getreidige Würze und deutlich Hopfenbittere, die das Bier sehr klar dominiert. Der metallische Aspekt ist auch im Mund deutlich vorhanden. Klare, stringente Struktur lässt nur wenig Raum für Spielereien; die Textur ist frisch und kantig. Erst im Nachhall findet sich ein Anflug von Jasminblüte.

Das ist ein sehr reduktionistisch gestaltetes Bier. Ich mag gerade meine Böcke eigentlich ein bisschen lebendiger, expressiver, voluminöser; hier muss man nach allem eher suchen. Dennoch bleibt es süffig und trinkig: ein strukturgetriebenes Bier, das deutlich von mehr Aromatik profitieren würde.

Die schwedische Marine ruft – Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin

Für einen anderen Artikel hatte ich es kurz angesprochen – die Definition der so einfach klingenden Wortkombination „Navy Strength“ ist ein Thema, bei dem man sich ganz schön in die Nesseln setzen kann. Die verschiedenen Definitionen von Alkoholstärke sind abhängig von der Zeit, vom Ort, vom Kontext; damals, als die Festlegung gemacht wurde, waren andere Maßeinheiten und Richtwerte üblich als heute, und die Royal Navy machte es anders als viele andere. Doch eigentlich ist es für die Zwecke, die uns als Schnapskonsumenten angehen, trotzdem ganz einfach. Ich lasse hier einfach mal eine Autorität, Richard Seale von der Foursquare Rum Distillery auf Barbados, zu Wort kommen: „‘Navy strength’ means 100 (UK) proof which was defined as 57.15% abv. That is all there is to it. There is no official definition of the term but there was an official definition of 100 Proof and its choice was linked to the minimum strength to prove the black powder which was used in naval guns. Hence the historic link of 100 Proof and the Navy. This explains the common use of ‘navy strength’ as nothing more than a euphemism for 100 proof. The first brand to use the term ‘navy strength’ was Plymouth Gin back in the 90s. It meant 100 proof. (…) The term ‘navy strength’ has nothing, zip, nada, zilch to do with the strength of rum issued to sailors. Which explains why the term ‘navy strength’ appears on so many gin brands (where it naturally refers to 100 proof).“ (Quelle: 01.03.2024 auf seinem Facebook-Account)

Mit diesem Schluss leitet Seale nahezu ideal weiter zum tatsächlichen Thema dieses Artikels, dem Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin, denn in der Tat ist dieser Gin einer derjenigen, die diesen Namenszusatz tragen und damit den Alkoholgehalt von 57,1% referenzieren, ohne wirklich etwas mit der britischen Marine zu tun zu haben. Da wir schon bei Zahlen sind, erkläre ich noch geschwind die „34“ im Namen: hier bezieht man sich auf die Anzahl der Plattendurchläufe, die das Destillat während des Brennens erhält. Eine Säule bei Purity hat 8 Platten, in zwei Säulen wird gebrannt, davor findet ein Brennvorgänge in einer Potstill statt, der Prozess wird zweimal wiederholt, macht summa summarum 34. Auch hier keine Zahlenmagie oder alchemistische Numerologie – aber auch kein reines Marketing, wie man es bei derartigen Beschreibungen sonst ständig findet. Das „Nordic“ im Untertitel spielt nicht nur auf den Produktionsort in Südschweden an, sondern auch auf die Auswahl der Botanicals: Wacholder gehört grundsätzlich natürlich dazu, und Koriander, Lavendel, und andere sind nicht ungewöhnlich; spätestens bei Kardamom, Preiselbeere und Blaubeere betritt man aber den Grund urschwedischer Zutaten. Als Schwedenfreund (mein letzter Ausflug nach Stockholm begeistert mich bis heute) braucht es da keine weitere Überzeugungsarbeit!

Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin

Ein kleiner, witziger Effekt entstand, als ich mir das Glas für das Präsentationsfoto eingegossen hatte. Da blieb es eben ein paar Minuten stehen, bis ich dazu kam, die Optik zu beschreiben – und es hatte sich ein kleines Muster aus winzigen Tröpfchen am oberen Rand des Glases gebildet, das wie ein Mosaik aus kleinen Steinchen aussah. Sehr hübsch, und es betont die angenehmen Schwenkeigenschaften des Gins noch dazu.

Die Nase findet erstmal Wacholder. Und viel Wacholder. So richtig viel. Das mag vielleicht langweilig und gewöhnlich klingen, doch ich betone hier einfach nochmal gern: So muss ein Gin eigentlich riechen, ganz klassisch, von der rechtlichen Seite will ich gar nicht anfangen. Darunter findet man sehr grüne und weiterhin klassische Botanicals, man riecht neben dem Koriander die Erdigkeit der Angelikawurzel, die Frische des Kardamoms, Basilikums und des Thymians, ganz leicht schwingt die Frucht der Preisel- und Blaubeeren mit, und ein Hauch von Lavendelblumigkeit gibt dem ganzen noch eine aromatische Kopfnote. Alles ist dabei irgendwie klar abgrenzbar erschnupperbar, wenn man danach sucht, und es bildet dennoch ein rundes Geruchsbild, würzig und dicht, dabei, wie gesagt, nicht ins exotische abdriftend. Frisch, klar, sauber, nordisch.

Purity Navy Strength 34 Nordic Organic Gin Glas

Am Gaumen beginnt der Gin erstmal weich und sehr mild, das Basisdestillat scheint durch, überraschend zart für den hohen Alkoholgehalt. Dann jedoch öffnet er sich schnell, sowohl sehr feine Alkoholwärme als auch kräftige, fast schon wilde Würze belegen den ganzen Mundraum, dieser Verlauf ist herrlich und gefällt mir sehr. Aus der grundliegenden Süße blühen Weißpfeffrigkeit und Chilischärfe auf, prickeln am Gaumen und auf der Zunge, ohne sie dabei zu anästhesieren. Die krautigen Botanicals kommen voll zum Zug, der Gin wirkt erwachsen und stark, stringent und charaktervoll. Die Textur bleibt durchgängig fett, aber nicht schwer. Eine wirklich stark ausgeprägte Salzigkeit gibt etwas Maritimes mit, sie steuert die Herbe, mit der der Purity 34 Gin langsam ausklingt, mit nun klarer werdender Trockenheit auf der Zunge, die minimalst astringierend wirkt. Der Nachhall ist lang, zunächst vom Effekt getrieben, der den Gaumen lang kaltheiß beschäftigt, dann aber auch mit einem bunten Set der Botanicalsaromen, das vorhält.

Ja, ich kann diesen Gin mit dem Schlüsselwort „nordisch“ in Verbindung bringen, aber auch unabhängig davon hat der Purity 34 eine Wirkmacht im Glas, die mir gefällt. Ich sage ja jedem, der es hören will, dass Gin immer mindestens 47% haben sollte, wenn man auf Geschmack setzen will; mit 57%, wie hier, klappt das halt einfach noch besser mit mehr Volumen und Körper, und im Mixgetränk zeigen sich diese Extraprozente sowieso immer aufs Beste.


Was passt besser zu einem schwedischen Gin als ein schwedischer Cocktail? Den Vasaloppet habe ich einem ganz hervorragenden, spannenden Cocktailbuch aus Schweden entnommen, Vilda Drinkar. Darin stellt Autorin Bella Porcile Rezepturen vor, die mit regionalen schwedischen, insbesondere saisonalen Zutaten gemacht werden. Die Rezepte selbst sind meist einfach, die Vorbereitung für die einzelnen Zutaten dagegen sehr aufwändig (der hier verwendete hausgemachte Blaubeersirup ist noch eine der einfachsten Aufgaben) – man sollte Zeit einplanen. Und den Google-Übersetzer nebenbei laufen lassen, denn das Buch gibt es aktuell leider nur auf schwedisch.

Vasaloppet Cocktail


Vasaloppet
1⅔oz / 50ml Dry Gin
¾oz / 25ml Blaubeersirup
1oz / 30ml Zitronensaft
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Auf einen großen Eiswürfel abseihen.

[Rezept nach Bella Porcile]


Bezüglich der Flasche gilt alles, was ich schon über diese Form in meiner Besprechung des Purity 54 Vodka gesagt hatte; das betrachtet sich einfach gut und liegt auch gut in der Hand.

Wenn ich recht sehe, ist er aktuell zu einem Spottpreis zu haben; ich kann meinen Augen kaum trauen, für unter 25€ bekommt man hier einen richtig tollen, wuchtigen, aromatischen Gin, der viele andere größere Marken locker in den Schatten stellt. Spätestens jetzt ist der Purity 34 Navy Strength Gin zum perfekten Beispiel eines no-brainers geworden. Wer den nicht schnell bestellt, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Offenlegung: Ich danke dem Purity Brand Ambassador Ulric Nijs für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Gins.

Bier am Freitag – Tofino Brewing Company Kelp Stout

Lokale besondere Zutaten im Bier, sowas finde ich immer sehr apart. In Deutschland sieht man das manchmal anders, ich weiß, und meine Meinung ist, dass man sich durch diese seltsame Anhänglichkeit an ein Lebensmittelgesetz viele Möglichkeiten, kreatives Bier zu brauen, verbaut. Nicht, dass das RHG jemals ein Bierschutzgesetz gewesen wäre oder es im Moment ist. In Kanada haben sie damit weniger Probleme, im Gegenteil, es lebt dort eine großartige Craftbierkultur mit Variantenreichtum und Expressivität – als Beispiel stelle ich heute das von meinem Urlaub mitgebrachte Tofino Brewing Company Kelp Stout vor. Es stammt aus einer Microbrewery in Tofino, einem etwas abgelegenen 3000-Einwohner-Dorf auf der Westseite von Vancouver Island, das hauptsächlich als Surfer-Geheimtip gilt. Der Name sagt es schon: lokaler, nachhaltig geernteter Seetang wird in dem sonst klassisch gestalteten Stout mitgebraut; das cool gestaltete Etikett gibt das auch wunderbar wieder. Ordentliche 6.0% Alkoholgehalt weist das Bier auf, da sollte man nicht mehr als eins trinken, wenn man noch vorhat, am Long Beach in die Wellen zu springen.

Tofino Brewing Company Kelp Stout

Extrem dunkles Mahagoni, fast schon schwarz, so wie man es von einem Stout erwartet. Blickdicht, im Gegenlicht sieht man aber ganz leichte, rubinrote Lichtreflexe. Der Schaum ist kontrastreich in hellem Beige, sehr fein, für ein paar Minuten fingerdick, danach noch als deckende Crema aus feinsten Bläschen erhalten. In der Nase findet man ein paar malzige, röstige Aromen, einen Ticken Espresso, Bitterschokolade und Karamell, aber insgesamt sehr zurückhaltend, nur im Anflug ist alles erkennbar, und man muss die Nase deutlich ans Bier halten.

Der Antrunk ist sofort sehr rezent und erfrischend, mit prickelnder Karbonisierung und heller Säure, die wunderbar die dicke, viskose Textur kontert und aufklärt. Ein wirklich großartiges Mundgefühl, das dabei entsteht, hier steht alles in wunderbarer Balance zueinander. Eine sehr angenehme Würzigkeit geht Hand in Hand mit leichter Salzigkeit, man meint wirklich, die Pazifikküste zu schmecken, mit einem fühlbar maritimen Touch. Die Aromen lassen sich dafür etwas Zeit, die natürlich für den Stil dominierende Malzigkeit drängt sich nicht auf, bleibt im Untergrund, lässt sogar etwas Platz für spät auftauchende Zitrone. Von vorne bis hinten wirkt das Bier blumig, Jasmin ist spontan da und bleibt bis zum Schluss. Ist da wirklich Seetang drin? Aromatisch kann man es sich vorstellen, insbesondere im Abgang, wenn die Bittereinheiten voll zuschlagen und im Rachen eine Trockenheit erzeugen, die wirklich seegrasig salzig wirkt.

Ein wirklich hervorragendes Bier, das voll einhält, was es verspricht, extrem süffig und trinkig, erfrischend und vollmundig zugleich. Handwerklich top, ohne jeden Fehler, und kreativ gemacht, und ein Bier, das auch zuhause noch genauso gut schmeckt wie im Urlaub (das ist ja nicht immer so gegeben). Insbesondere das Mundgefühl weckt in mir die Erinnerung an einen Abend auf dem Balkon des Tofino Motel Harborview, mit Blick auf den Pazifik und die angelegten Fischerboote und Wasserflugzeuge im Hafen.

Und ich bin etwas traurig, dass ich nur eine Dose davon mitgenommen habe, denn ob ich je wieder nach Tofino komme, ist fraglich, so eine weite Reise macht man nicht einfach so. Aber in Gedanken bin ich irgendwo schon weiterhin dort.

Gutes aus der Traube – Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka

Neulich erst hatte ich bei einem Brand den Unterschied zwischen einem Weinbrand und einem Traubenbrand diskutiert, mit dem Seitenhinweis, dass man echte Traubenbrände nicht so häufig finden kann wie Wein- oder Tresterbrände. Dabei, so habe ich festgestellt, mag ich die starken Aromen eines solchen Volltraubenbrands durchaus sehr, er geht im Vergleich zu den anderen beiden Kategorien deutlich mehr in die Obstbrandrichtung, und ein guter Obstbrand, naja, was soll ich da noch sagen, das ist wahrscheinlich die tollste Spirituose, die es auf der Welt gibt. Nun, ein paar Wochen später stehe ich hier und stelle wieder mal einen Traubenbrand vor – den Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka, den ich von meinem letzten Ungarnurlaub mitgebracht hatte. Schlüsseln wir erstmal den fremdartigen Namen auf.

Panyolai ist der Name der Brennerei, Elixír nennen sie ihren Feinbrand. Szőlő heißt letztlich einfach „Traube“, und Irsai Olivér ist die Rebsorte (da die Ungarn Vor- und Nachnamen auch umgekehrt notieren, kennt man sie in Deutschland vielleicht eher unter der Bezeichnung Oliver Irsay). Die weiße Rebsorte mit leichtem Muskataroma ist eine ungarische Kreuzung und in den Regionen der ehemaligen Habsburgmonarchie beliebt – und so findet sich natürlich schnell ein Brenner in Ungarn, der diese Trauben zu einem Pálinka verarbeitet. Bei Panyolai Szilvórium, so der vollständige Firmenname, machen sie seit 2002 Pálinkas, und die erkennbare Flaschenform findet man in vielen Sorten überall in den Läden in Budapest. Der hier vorgestellte Brand ist mit 43% Alkoholgehalt abgefüllt.

Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka

Die kristallklare Erscheinung und die deutliche Öligkeit habe ich so erwartet, das entspricht der Typizität eines Pálinka. In einem Verkostungsglas schwenkt sich das sehr angenehm, man betrachtet gern den dicken, schlierigen Film, der sich über die ganze Glaswand bildet, bevor er sich aufspaltet und gemächlich abläuft.

Währenddessen hat man schonmal die Gelegenheit, die Nase ins Glas zu halten. Da kommt einem eine vollfruchtige Attacke entgegen, richtig kräftig traubig, da bin ich nun aber doch überrascht worden. Grün, leicht malzig, leicht hefig, ein bisschen tresterig – aber die Traubenfrucht dominiert doch am Ende voll, und auch der Muskatduft kommt erkennbar durch. Frisch und doch auf seine eigene Art schwerduftend, mit einem winzigen Anteil von Ethanol, wenn man ganz tief schnuppert. Doch jener zwickt nicht, sondern gehört mit zum runden Bouquet, das mir sehr gefällt und in seiner Expressivität beeindruckt.

Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka Glas

Zunächst spürt man am Gaumen eine dichte Textur, weich, voll und kräftig strukturiert. Das wirkt hier gar nicht mehr so grün und frisch, sondern mehr würzig und starksüß, mit einem krassen Volumen, das sich über den ganzen Mundraum ausbreitet. Die Süße ist wirklich heftig, wirkt dabei aber natürlich und fruchtig, überhaupt nicht pappig, und wird durch einen kleinen Säureanteil etwas abgefedert. Im Verlauf kommt insbesondere die Würze immer stärker zum Tragen, das geht fast ins Gewürzige über, mit Eindrücken von geröstetem Karamell, Zimt und etwas Kokosnussschale, sowie Muskat. Weiterhin bleibt aber die Traubigkeit schön im Vordergrund, sehr aromatisch und vollmundig, mit einem Alkoholgehalt, der das ideal unterfeuert und den Mund leicht aufwärmt. Der Abgang ist sehr lang, getragen von der feinen, eleganten Wärme, die die Schwere mildert; eine wirklich spannende, angenehme, aber durchaus wuchtige Struktur, die am Ende in Aromen von Rose, Pfingstrose, Hagebutte und etwas Zitronengras mündet.

Bei Pálinka ist normal die klare, manchmal etwas harte Linie ein bestimmendes Element, hier geht man eher auf in Dichte und Trinkigkeit. Ein wirklich sehr spannender Brand, voller Kraft im Gesamtkörper, dabei immer noch auf eine paradoxe Art feingliedrig in den Details. Sehr hübsch, das trinkt sich wirklich gut und gefällt, wenn man sich darauf einlässt, und wenn man Brände wie Pisco mag, wird man den Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő ebenso fest ins Herz schließen können, da bin ich mir sicher.


Die eben angesprochene aromatische Verwandheit zu Pisco machte es mir doch einfacher, ein Rezept zu finden, das zu diesem Brand richtig gut passt. Man ersetze einfach im The Artist’s Muse den Pisco durch die gleiche Menge an Panyolai Elixír Irsai Olivér Szőlő Pálinka. Wunderbar spielt die erhöhte, direktere Traubigkeit in die Hände der Pfirsichfrucht und der Bittere des Enzians – hier ergänzen sich die Zutaten wirklich spektakulär.

The Artist's Muse Cocktail

The Artist’s Muse
1oz / 30ml Pisco
1oz / 30ml Enzianlikör
½oz / 15ml Pfirsichlikör
¾oz / 23ml Zitronensaft
⅓oz / 10ml Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Maggie Eckl]


Die Halbliterflasche hat Wiedererkennungswert, das hatte ich zu Beginn ja schon angesprochen – sie steht in der Tradition der hohen, sehr schlanken Flaschen, die überall auf der Welt scheinbar für Obstbrand gesetzt sind, hat aber doch ein bisschen Schwung bekommen. Edel und angenehm zurückhaltend zeigt sich das Etikett, das auch als kleinen Kniff auf der Rückseite einen ungarischen Sinnspruch zeigt. Der Plastikkorken zieht sich leicht und verbirgt dabei sogar eine gut funktionierende Ausgießhilfe.

Da es demnächst wieder einen kleinen Ausflug nach Ungarn geben wird, bin ich mir sicher, dass ich noch eine Flasche dieses Brenners mitbringen werde. In Ungarn ist Pálinka gar nicht mal teuer, auch der sehr hochwertige, insbesondere, wenn man das Preisleistungsverhältnis betrachtet – vielleicht springen also sogar zwei Flaschen raus.

Bier am Freitag – Kehrwieder South Islay Barrel Aged Imperial Stout

Ein Knall bewegte vor ein paar Wochen die Craftbeerwelt – Gründer Oliver Wesseloh gibt einen Teil der Verantwortung für die Kehrwieder Kreativbrauerei ab (Details bei Hopfenhelden). Neue Ziele sucht er, ich wünsche ihm dafür alles Gute, und verstehe ihn; manchmal muss man Neues wagen, und das Alte hinter sich lassen. Eine Bemerkung aus dem Hopfenhelden-Interview ist mir aber wichtig: sein „geliebtes Barrel Ageing Programm“ will er weiterhin begleiten. Das ist bei allem Wandel eine großartige Neuigkeit für alle Bierfreunde, und darum stelle ich heute auch ganz ohne Bauchschmerzen eines der Biere aus dieser Reihe vor: das Kehrwieder South Islay Barrel Aged Imperial Stout. Es handelt sich dabei um ein Russian Imperial Stout, 2020 gebraut nach dem Natürlichkeitsgebot aus Röstgerste. Fette 11,8% Alkoholgehalt weist es auf, und der ganz besondere Kniff ist natürlich die Reifung im Ex-Laphroaig-Fass. Es wird, wie für die Reihe üblich, nicht filtriert oder pasteurisiert und ist limitiert auf 2100 Flaschen (ich habe mir Flasche 645 zugelegt).

Kehrwieder South Islay Barrel Aged Imperial Stout

Schwarz wie Tinte, wie so ein Imperial Stout sein soll, dabei völlig blickdicht. Man sieht beim Eingießen eine gewisse fette Viskosität, es zischt aber gleichzeitig, was schon darauf hindeutet, dass wir zwei unterschiedliche Aspekte zu probieren bekommen werden. Ein haselnussfarbener, feiner Schaum entsteht, bleibt aber gerade solange, dass ich ein Foto machen kann, danach verzieht er sich und nur eine kleine Tonsur an der Glaswand bleibt bestehen.

Die Nase muss man gar nicht so tief ins Glas halten, man riecht den Torf sofort. Nun, eigentlich ist es mehr torfiger Scotch, denn zu dem iodischen, phenolyischen kommen durchaus fruchtigsüße Komponenten, die mich schon an das bekannteste Produkt der Insel Islay erinnern. Rauch, ja, ein kleines bisschen, aber eher kaltrauchig, keine Spur von Speck, das unterscheidet das durchaus deutlich von einem Bamberger Rauchbier, beispielsweise. Malz findet sich ganz unten, würzig und kräftig. Ein Bier, an dem man richtig lange schnüffeln kann.

Die gesehene Viskosität spürt auch der Gaumen, die Textur ist dick, fett, schwer und extrem voll, das kann man fast kauen. Wie schon angekündigt kann man zwei Seiten wunderbar parallel verfolgen, einerseits die dicke, wuchtige Süße, die dem Malz entspringt, andererseits eine frische, prickelnde Rezenz, zum Teil mindestens aus der starken Säure, das geht auch besser zusammen, als es sich vielleicht anhört. Die fruchtige Seite mit viel Scotcharoma dominiert das Geschmacksbild klar, schnell findet sich aber auch Espresso und Bitterschokolade, dazu kommt deutliche Salzigkeit, starkes Umami mit Anklängen von Sojasauce. Der Abgang ist krassbitter, ohne dabei kratzig zu sein, man spürt aber insbesondere im Rachen, wieviel Bittere sich da bildet. Im Nachhall klingt dann der Scotch nochmal auf, richtig schön angenehm aromatisch und sauber abgebildet.

Ein tolles Bier, bei dem man die knapp 12 Volumenprozent nur über die Dichte und die Kraft spürt. Wuchtig, stark und voluminös – daran kann man eine ganze Weile nuckeln und es genießen. Handwerklich ohne jeden Makel, spannend und unterhaltsam, so mag ich diese Art des Biers.