Bier am Freitag – Zum WØL BrauArt Du Geila! New England IPA

Seit 2021 in der Mainzer Straße in Saarbrücken? Ich musste wirklich grübeln, wieso eine Brauerei in Saarbrücken komplett unter meinem Radar fliegen konnte, noch dazu an einem Ort, an dem ich nun wirklich oft vorbeikomme. Doch Martin Rolshausen, ein alter Bier-Freund, hat mir dann mit seinem Interview bei hopfenhelden.de tatsächlich die Details geliefert, die mir gefehlt haben – ich käue das nun hier nicht wieder, sondern verweise einfach auf den Artikel dort. Wie auch immer: wir reden heute über das Zum WØL BrauArt Du Geila! New England IPA. Der Name spielt auf einen mundartlichen Spruch an, mit dem man sich hier selbst (mehr oder weniger ironisch gemeint) auf den Rücken klopft, „Saarbrigge, du geila!“. Die Gestaltung des Etiketts zeigt unter anderem die Alte Brücke, die Schloss und Staatstheater heute als Fußgängerbrücke über die Saar verbindet, in einem sympathischen Grafitti-Stil. Das Bier selbst ist ein NEIPA, klassisch mit Hafer hazy gemacht, dazu die Hopfensorten Sabro, Simcoe, Citra, Bru-1 und Idaho 7.

Zum WØL BrauArt Du Geila! New England IPA

Beim Eingießen entsteht durch die Hefe ein sehr hübsch anzusehender, opalisierender Effekt mit leichter Schlierenbildung, der sich durch die Volltrübe und die kräftige Safranfarbe deutlich abzeichnet. Der Schaum ist stark, großblasig und bleibt eine ganze Weile erhalten.

Sehr fruchtig ist der erste Schnuppereindruck, extrem sogar, würde ich sagen, voller Aromen von Guave, Zuckerrohrsaft, Granatapfel und Grapefruit, und auch milderen Anflügen von Litschi, Pfirsich und Mango. Selten hatte ich bisher ein Bier, an dem ich so lange und gerne rieche, wirklich wunderbar.

Die Textur des Zum WØL BrauArt Du Geila! ist spannend, trifft genau einen guten Punkt zwischen Kauigkeit und rezenter Frische, man meint fast, auf einer Blubberansammlung herumzulutschen. Das prickelt angenehm, hat aber dennoch genug Breite und Tiefe, um nicht kantig zu werden. Die Aromen transportieren sich gut von der Nase an den Gaumen, natürlich viel herber und säuerlicher, aber nicht weniger angenehm. 6,0% Alkoholgehalt passen gut rein, geben auch etwas Kraft und Volumen. Der Abgang ist lang, fast schon minzig frisch, schon deutlich bitter, wie es vom Stil her sein soll. Der Nachhall klingt lange mit fruchtig-Blumen Noten nach, hinterlässt am Ende ein sauberes Mundgefühl.

Ich muss sagen, ich bin kein Extremfan des NEIPA als Stil, aber beim Zum WØL BrauArt Du Geila! gefällt mir das sehr. Sauber, rund, hocharomatisch, knackig und frisch, aber gut integriert und handwerklich top gemacht. Mehr davon, bitte!

Kräuter, Kaffee und Pflaume – Zwack Unicum, Unicum Szilva und Unicum Barista

Wenn man durch Budapest schlendert, findet sich an jeder Ecke irgendwie ein Hinweis auf den Kräuterlikör, der schon seit 230 Jahren in der Stadt gemacht und geschätzt wird – Zwack Unicum. Auch weit über die Stadt hinaus findet der besondere Likör seine Liebhaber, gerade in Deutschland ist er heutzutage eigentlich in jedem Markt mit etwas größerer Spirituosenauswahl zu finden. Vor ein paar Jahren hat Zwack sein Portfolio etwas erweitert, um zwei besonders aromatisierte Ausprägungen, die ich nun heute vorstellen will: Zwack Unicum, Unicum Szilva und Unicum Barista.

Zwack Unicum, Unicum Szilva und Unicum Barista

Der Likör wird auf Basis von 40 Kräutern hergestellt, natürlich nach geheimem Rezept, wie das so üblich ist in der Branche. 6 Monate wird er in Eichenfässern gereift, nachdem er zusammengestellt ist, und dann in die sehr auffälligen Kugelflaschen mit dem goldenen Kreuz auf rotem Grund abgefüllt. Davon gibt es auch kleinere Varianten, und diese hatte ich mir bei meinem letzten Budapesttrip mitgenommen.


Natürlich stelle ich erstmal die Eindrücke für das Basisprodukt vor, auch wenn das wahrscheinlich etwas ist, was viele bereits seit langem kennen. Farblich bietet das Zwack Unicum jedenfalls eine zunächst ein dunkelbraunes Mahagoni, fast schon Ebenholz, das beim Gegenlicht aber schöne rubinrote Lichtspiele bietet. Schöne Beine bilden sich beim Drehen des Glases.

Zwack Unicum Glas

Der typische Kräuterlikör-Geruch begrüßt uns dann, schon in der Nase herb und bitter, mit einer schwer festzumachenden Aromenzusammenstellung; kein Wunder, es sind doch wirklich viele Kräuter drin, siehe dazu ein paar Sätze und Bilder am Ende des Artikels. Ich rieche oberflächlich jedenfalls Süßholz und Enzian, Orangenzeste und etwas Anis, auf einem runden, schweren Frucht- und Kakaobett mit leichten Anklängen von geröstetem Kaffee und einem Anflug von Floralität. Eigentlich von allem etwas, und das ganze gut vermählt.

Die Textur wirkt zunächst weich und rund, schwer und dicht, präsentiert aber einen spannenden Verlauf am Gaumen hin zu würzig, säuerlich und mit leichter Schärfe, die die Zungenspitze kitzelt. Natürlich dominieren die herbvegetabilen Kräuteraromen, wurzelig-erdige Töne und dazu die bittere Zestigkeit. Man fühlt sich in ein Zwischending aus italienischem Amaro und einem deutschen Magenbitter versetzt, ich denke, das trifft den Eindruck am besten; die Süße, die alles begleitet, fällt überraschenderweise gar nicht so sehr auf. Der Abgang ist weiterhin knackig bitter und herb, mit leichter Astringenz, und einem chilihaften Feuer, das lange bleibt und den gesamten Mundraum angenehm wärmt.

Mir liegt das Unicum sehr, eben weil die Süße von anderen Faktoren mehr als aufgefangen wird und sich ein wirklich buntes Aromen- und Geschmacksspiel bietet. Das ist ein idealer Absacker nach dem Essen, oder ein toller Drink für Zwischendurch.


Eine Variante, die erst vor vergleichsweise kurzer Zeit auf den Markt gekommen ist, ist das Unicum Szilva. „Szilva“ ist das ungarische Wort für „Pflaume“, und das erklärt sich schnell, wenn man erfährt, dass ein Kräuterlikör hier die oben erwähnten 6 Monate in Eichenfässern zusammen mit getrockneten Pflaumen gelagert wurde. Farblich macht das jedenfalls keinen Unterschied, zumindest keinen, den ich erkennen könnte – sogar die rubinroten Lichtreflexe sind erhalten.

Zwack Unicum Szilva Glas

Die Nase dagegen ist doch etwas modifiziert, neben der schwerkräuterigen Amaro-Typizität findet sich hier tatsächlich etwas mehr dunklere Frucht, sehr reife Pflaumen eben, aber auch viel süße, vor Naturzucker klebrige Datteln. Brauner Kandiszucker kommt dazu, und ein Tick Toffee. Ja, insgesamt wirkt der Unicum Szilva sehr viel schwerer und süßer, soweit das die Nase eben wahrnehmen kann.

Aber auch im Mund merkt man den Unterschied. Im Antrunk ist erstmal wirklich die Süße da, sehr viel präsenter als beim Normalprodukt, und auch die Pflaumen und Datteln erscheinen direkt und ohne Umschweife. Deutlicher kommt auch interessanterweise die Bittere hervor, zusammen mit einem Anflug von Salzigkeit. Die Textur wirkt trotz der stärkeren Süße schmaler, und trotz des niedrigeren Alkoholgehalts von 34,5% scheint das Unicum Szilva etwas ethanolischer daherzukommen, was sich insbesondere im späteren Verlauf zeigt. Der Abgang ist dann kurz, bitter, mit einer hier nun schon fast pappig wirkenden Süße, die sich auf die Lippen legt, und einem oberflächlichen Feuer.

Aromatisch ist das durchaus unterhaltsam, die Struktur kann aber nicht mehr mithalten, was meines Erachtens am reduzierten Alkoholgehalt liegt, und der etwas überbordenden Süßbittere, die die Kräuteraromatik in den Hintergrund drängt. Schade; nett, aber nicht ans Original heranreichend.


Ein Blend aus Unicum und einem Extrakt aus 100%-Arabica-Kaffee, das ist Unicum Barista. Ein Teil des Kaffees stammt aus einer Plantage in Costa Rica, die von einem ungarischen Jungunternehmerteam geführt wird. Auch hier ist der Alkoholgehalt etwas reduziert auf 34,5%, und Unterschiede in Farbe oder Viskosität zum Original sind allerhöchstens Nuancen.

Zwack Unicum Barista

Sehr angenehm kommt direkt der milde aber expressive Kaffeeduft zum Vorschein, eher ganze geröstete Bohnen als gebrühter Kaffee, mit leichten Röstaromen und einem Anflug von Rauch. Das geht geruchlich wunderbar zusammen mit dem Kräuterbeet des Unicum, sehr erwachsen und ausgereift und etwas, an dem man eine Weile schnuppern kann.

Im Geschmack ist der Kaffee zunächst zurückgenommen, der Kräuterlikör lässt ihm erstmal wenig Raum, mit all den Eigenschaften, die oben bereits beschrieben wurden. Seine Besonderheit entwickelt sich beim Barista im Verlauf, wenn die gerösteten Bohnen sich langsam nach vorne arbeiten, deutlich würzig und sogar mit milder Chilischärfe. Die Textur bleibt weich, deutlich weniger süß als der Szilva, was ich sehr angenehm empfinde. Der Nachklang ist noch pikanter, hier schon recht scharf, im Zusammenspiel mit der Kaffeewürze hat man da ein ordentlich heißes Paket im Mund – die Vermählung klappt aber dennoch echt gut. Das trinkt sich angenehm, man muss aber mit der Kraft umgehen können. Gefällt mir!


Für Cocktails eignet sich das Unicum natürlich extrem, in vielerlei Form. Wer wirklich Spaß haben will, probiert eine ganz einfache Mixtur aus Unicum und Tonic, auf Eis, das erfrischt herrlich. Ein bisschen komplexer und schwerer wird es im Sneaky Pete #1, einem meiner absoluten Lieblingscocktails. Ich habe hier als Amaro Fernet Branca eingesetzt, und den Adriatico Amaretto, dazu den Unicum Barista – diese Kombination ist eine echte Wucht, das ist wie eine Faust ins Gesicht. Auf diese verrückte angenehme Weise.

Sneaky Pete #1 Cocktail

Sneaky Pete #1
¾oz / 23ml Zwack Unicum
¾oz / 23ml Amaro
¾oz / 23ml Amaretto
Auf Eis shaken, und in ein mit Eis gefülltes Glas abseihen.

Aufgießen mit Coca Cola.
[Rezept nach Chris Neustadt]


Die Flaschen sind natürlich toll gestaltet, mit dieser Kugelform sind sowohl die große Variante als auch die Kleinflasche ein Augenfänger. Es gibt sie auch in einem ungewöhnlichen Plastikgebinde, ein Foto ist im Folgenden zu sehen; erstmal gebe ich hier ein paar Bilder aus dem Unicum Ház wieder, das in Budapest steht. Es ist gleichzeitig Produktionsort des Likörs als auch ein Museum, und offen für Besucher. Ein schöner Besuch, wenn man eh mal in dieser besonderen Stadt ist!

In dem Museum gibt es auch einen Schaubereich, in dem ein Großteil der Kräuter, Gewürze und Wurzeln zu finde ist, die im Unicum eingesetzt werden. Zum Anfassen, Beschnuppern und Schmecken. Natürlich verlieren sie in dieser offenen Ausstellung deutlich an Aroma durch die lange Offenstehzeit, aber man bekommt doch einen Eindruck, was in dem Likör alles drin ist, und welche Zutat für welchen Aspekt verantwortlich ist. Sehr spannend und gut gemacht!

Unicum bleibt im Fazit für mich ein sehr schöner Kräuterlikör, der genug Eigenstellungsmerkmale hat, um einen Platz in einer Heimbar zu finden; der Barista hat darüber hinaus auch genug Spannung, um separat davon Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wer die Heimatstadt des Likörs besucht, findet auch außerhalb der rein sensorischen Betrachtungsweise genug Motivation, ihn zu sich nach hause zu holen, da bin ich mir sicher.

Armagnac am Donnerstag – Grape of the Art Pellehaut 1988 Armagnac

1988, das war ein Jahr! Verbleites Normalbenzin wird in Deutschland verboten, Ayrton Senna wird das erste Mal Formel-1-Weltmeister, die Ausstrahlung von Alf beginnt im deutschen Fernsehen. Und in der Region Armagnac Ténarèze wird von Patrick Michalouski im Oktober der heute unter dem Namen Grape of the Art Pellehaut 1988 bekannte Armagnac gebrannt, rein aus der Rebsorte Ugni Blanc, und landet dann für 35 Jahre im feuchten Keller. Alf war nach 4 Staffeln zuende, Alain Prost löste Senna nach einem Jahr ab, selbst das unverbleite Normalbenzin mit 91 Oktan heutzutage ist nicht mehr erhältlich. Aber der Pellehaut von Patrick Michalouski ist nun immer noch da, abgefüllt in Cask Strength von 49,7% Alkoholgehalt im September 2024 in nur 230 Flaschen. Ein bisschen Kontext macht klar, dass wir hier schon ein Stück Geschichte trinken!

Grape of the Art Pellehaut 1988 Armagnac

Der optische Eindruck bietet tatsächlich eindrucksvolles, leuchtendes dunkles Terracotta, mit orangenen Lichtreflexen. Lebendig bewegt sich die Flüssigkeit beim Schwenken, hinterlässt dabei kleine Tropfen, die schnell ablaufen.

Ein feiner Duft bietet sich der Nase, eine attraktive Mischung aus traubigen Weinnoten und sauber platzierten Gewürzen. Die 35 Jahre im Holz haben es nicht geschafft, die Fruchtigkeit des Pellehaut 1988 einzuschränken, im Gegenteil, hier bilden sie ein stabiles Basisfundament, auf dem die edlen Tannine ihre beste Seite zeigen können und Anflüge von Vanille und Zimt ins Destillat abgeben. Eine leichte Floralität, mit einer gewissen Seifigkeit, macht das Gesamtbild noch milder und runder. Insgesamt bleibt der Duft aber zart und fein, völlig ohne Alkoholpieksen, und ohne die Wucht manch anderer Armagnacs.

Das transportiert sich auch gut auf den Gaumen, der Antrunk ist wirklich süß und voll, mit viel Cremigkeit und Anflügen von vanilligem Streuselkuchen. Die Textur ist dabei sehr weich und breit, passt hervorragend zu den Geschmackseindrücken. Im Verlauf baut sich doch noch Kraft auf, viel weißer Pfeffer und deutlich spürbares Menthol kühlt die gesamte Zunge runter. Hier entsteht auch trockene aber nicht astringierende Bittere, ohne die Süße je zu verdrängen, sondern sie um Komplexität zu ergänzen. Der Abgang ist mittellang, weiterhin eiskalt auf der Zunge, warm im Rachen, und mit einer schönen Kombination aus Traubenfrucht und Blumigkeit, mit einem Touch von grünen Aspekten und etwas feuchtem Holz.

Der Pellehaut 1988 ist ein faszinierender Armagnac, dezent und zurückhaltend in seiner initialen Art, mit einem in seiner Eiseskälte dann doch überraschenden Finish. Sauber gemacht, und man muss es erstmal hinbekommen, dass nach 35 Jahren das Holz nicht deutlicher übernimmt. Eine schöne Ergänzung für das eh schon sehr abwechslungsreiche Portfolio bei Grape of the Art.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Geschichte wiederholt sich – Black Tot Historic Solera Rum

Ich erinnere mich noch genau, vor ein paar Jahren hatte ich an einem kleinen Wettbewerb teilgenommen, in dem der beste Toast für den Black Tot Day prämiert werden sollte; meine Einreichung, gedreht irgendwann im Spätsommer 2020 am Saarbrücker Osthafen, hat es nicht in die Endrunde geschafft, Spaß gemacht hat es trotzdem. Die Flasche des Black Tot Rums, den ich natürlich dafür nutzte, ist seit langem schon aufgebraucht und nur noch in Erinnerungen vorhanden, um so interessierter war ich, als Kirsch Import nun dem deutschen Publikum eine neue Variante dieses Rums präsentierte und ich die Möglichkeit nutzen konnte, diese alten Erinnerungen wiederaufzufrischen. Der Unterschied der Eindrücke ist aber, da nehme ich etwas der Geschmacksverkostung vorweg, durchaus dramatisch, das war mir selbst nach der langen vierjährigen Überbrückungsperiode sofort klar, nachdem ich die Flasche geöffnet hatte.

Das wundert dann aber außer mir auch sonst keinen, wenn man den Namen des neuen Produkts sieht, und wie es hergestellt wird. Der Black Tot Historic Solera Rum nutzt zumindest ähnliche Basisdestillate wie das Original, Rums unterschiedlicher Alter, destilliert und gereift in der Karibik in Barbados, Guyana und Jamaica, wie man das von einem Rum, der sich im Namen auf die Geschichte der britischen Marine beruft, auch irgendwie erwartet. Nach dem Blending der in Ex-Bourbon- und Ex-Sherry-Fässern durchgereiften Grundzutaten kommt der besondere Schritt: ein Durchlaufen einer historischen, echten, dreistufigen Solera, bestehend aus Fässern, die zuvor für Oloroso– und Pedro-Ximénez-Sherry in Jerez im Einsatz waren und nun in Schottland bei Elixir Distillers eine neue Heimat gefunden haben. Dieses Verfahren hat durch viele schlechte Nachahmer keinen guten Ruf im Rumbereich, da wurde der Begriff einfach auf mehr oder weniger aufwändige Alternativverfahren draufgeklebt. Über Solera-Systeme im Nicht-Sherry-Einsatz habe ich hier vor Urzeiten schonmal etwas geschrieben (den Artikel würde ich so heute nicht mehr veröffentlichen, da war ich noch naiv), und bin nun gespannt, was die Schotten aus dem System herausholen.

Black Tot Historic Solera Rum

Herbstliches Kastanienbraun glänzt im Glas, und auch wenn die Flüssigkeit komplett klar ist, wirkt sie durch die dunkle Tönung fast opak. Terracottafarbene Lichtreflexe mit gelben Spitzen glitzern. Beim Schwenken zeigt sich deutliche Viskosität, die Glaswandartefakte, die sich dabei bilden, laufen langsam ab.

Der Sherry ist der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man das Glas an die Nase führt. Sehr nussig, sehr trockenfruchtig, mit sogar einem Touch Rancio. Letzteres wird durch eine buttrige Seite des Rums unterstützt, mit hellem Karamell, würzigem Kandiszucker, etwas Marzipan und etwas Shortbread. Dabei kommt eine süßliche Zuckerrohrsaftnote nicht zu kurz, sie sorgt für eine saftige Frischfruchtnote, so dass die Trockenfrucht des Sherrys nicht allein dasteht. Das klärt das Erlebnis etwas auf, Töne von Pfirsich und Mango klingen so mit. Das Holz ist natürlich sehr präsent, mit sowohl herben, gewürzigen Tanninen, als auch grünfeuchten, mineralischen Aspekten. Ein erkennbarer Alkoholhauch aus den 46,2% Alkoholgehalt versteckt sich nicht.

Black Tot Historic Solera Rum Glas

Im Antrunk zeigt sich eine extrem weiche, fast schon zarte Textur, schwersüß, dunkeltönig, fett und breit, die sich über den Gaumen legt. Im Verlauf dehnt sich das Volumen des Black Tot Historic Solera sogar noch aus, expandiert effektvoll mit nun gut strukturierter Herbe, Säure und Bittere, die die Süße kontern, ohne astringierend oder kantig zu werden, die Rundheit bleibt durchgängig bestehen. Dabei blühen die würzigen Aspekte immer weiter auf, leichter schwarzer Pfeffer, ganz mildes Chili, holzigherb und warm. Der Sherry ist nun deutlich weniger dominant, der Rum zeigt sich klarer und weniger beeinflusst; erst im Abgang geht die Nussigkeit nochmal voll auf, der Oloroso macht sich aromatisch bemerkbarer als der Pedro Ximénez, letzterer sorgt eher für diese dichte Süße, die dann mentholisch frisch auf der Zunge liegen bleibt, während leichte florale Nachklänge das Erlebnis abschließen.

Ein wuchtiger Rum, schwer und dicht, dabei aber nicht pappig oder langweilig. Das Zusammenspiel des Basisrums und der Sherry-Solera funktioniert sehr gut und macht Spaß beim Genießen. Das trinkt sich echt gut, ein geschmeidiger Drink für den gemütlichen Abend, das Sobriquet „decadent marriage“, das man auf dem Etikett findet, ist nicht übertrieben.


Das Rezept, das ich für diesen Rum ausgewählt habe, ist der Prinsessan Rosenkind. Ich hatte diesen Cocktail in einem schwedischen Cocktailbuch, Vilda Drinkar, gefunden und mich sofort in ihn verliebt. Er ist absolut nicht trivial herzustellen, weil er viele hausgemachte Zutaten erfordert; schwedische Hagebuttensuppe zum Beispiel, oder ein Hibiskus-Rosen-Sirup. Der Aufwand ist es wert, versprochen – allein, den warmen, kräftigen Cocktail dann nach all der Arbeit gemütlich zu genießen, ist schon toll. Und der Black Tot Historic Solera passt richtig gut rein.

Prinsessan Rosenkind Cocktail

Prinsessan Rosenkind
1⅔oz / 50ml gereifter Rum
1⅓oz / 40ml Nyponsoppa (schwedische Hagebuttensuppe)
⅔oz / 20ml Rosenblüten-Hibiskus-Sirup (2:1 Rosenblätter zu Hibiskusblüten, Wasser und Blütenhonig)
Das Gästeglas mit heißem Wasser anwärmen. Die Zutaten erwärmen und dann ins Glas geben und mit geschlagener Sahne toppen. Mit einem Mandelbiskuit servieren.

[Rezept nach Bella Porcile]


Die mattierte Braunglasflasche gefällt vom Design her (es ist die gleiche, in der auch der „normale“ Black Tot abgefüllt ist, nur eben mattiert), mit den kleinen Einlassungen im Glas, ohne zu protzig zu werden. Dazu passt das bordeaux-gold-farben gestaltete Etikett und der Echtkorken mit Holzverkleidung; eine Produktpräsentation, die in einer Heimbar auffällt, und auch durchaus dem Inhalt gerecht wird. Auch, dass man ein paar Informationen über den Rum in der Flasche auf dem Etikett findet, ist immer gern gesehen.

Tatsächlich wird der Black Tot Historic Solera seine Liebhaber vielleicht sogar eher außerhalb des klassischen Rumbereichs finden, denn in ihm gehen viele Eindrücke auf. Bourbon-Trinker werden die reife Struktur mögen, Weinbrand-Trinker die fast schon traubige Fruchtigkeit. Sherryfreunde können explorieren, was das Solera-System mit Rum macht. Aber wer einfach hin und wieder einen fetten, angenehmen Rum trinkt, darf sich natürlich gern zu den anderen gesellen, da gibt es genug Gesprächsstoff für langen Austausch. Oder man schlürft den Stoff einfach gemütlich für sich selbst, übelnehmen würde ich das niemand.

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Bier am Freitag – Thirsty Fox Indian Ocean Pale Ale

Neulich erst fand ich eine spannende Diskussion darüber, ob man das „I“ im Bierstil IPA nicht uminterpretieren sollte – es kann durchaus als eine Art koloniale Last gesehen werden, denn ein IPA wurde ja tatsächlich ursprünglich nicht für Inder oder in Indien gebraut, sondern um dem britischen Besatzer ein bisschen Heimat nahezubringen in dem fremden Land. In eine ähnliche Richtung geht auch die Bezeichnung „Indian Ocean Pale Ale“, die man beim Thirsty Fox Indian Ocean Pale Ale der Oxenham Craft Brewery auf Mauritius gewählt hat. Selbstbewusstsein und lokaler Stolz, das ist durchaus eine Initiative, die ich gerne unterstütze. Das Motto „Made in Moris“, auf dem Rücketikett zitiert, passt gut dazu. Ich hatte ja dank meiner Freundin Solveig Gertz, die Rums von der Insel nach Deutschland importiert, bereits Biere von der Brauerei im Indischen Ozean besprochen, und das Indian Ocean Pale Ale geselle ich gerne dazu – auch dieses hat sie unter viel Mühen extra für mich von ihrer letzten Reise mitgebracht. Da schmeckt das Bier sicher doppelt gut!

Thirsty Fox Indian Ocean Pale Ale

Leicht opalisierend, leicht trüb, in einem leuchtenden, hellen Kupfer, das passt zur exotischen Stimmung, die das Etikett mit dem bunten Fisch (ist das ein Red Snapper?) schon eh erweckt – sehr witzig, wie der Fischschwanz über das Etikett hinausragt. Der fingerdicke, feinblasige Schaum, der beim Eingießen dazu entsteht, und auch nach ein paar Minuten noch gut da ist, ergänzt einen sehr gelungenen optischen Ersteindruck.

Ich habe nicht erwartet, dass sich die Exotik auch in den Geruch transportiert, und das passiert auch nicht – man erhält einen stabilen, stiltypischen Hopfenduft. Der Hopfenwurde in Zusammenarbeit mit Africa Hops ausgewählt, auch hier sieht man den regionalen Bezug. Mildfruchtig, mit schöner Mischung aus zestiger Zitrusfrucht, die Frische und Frechheit erzeugt, und milder, rotbeeriger Marmeladigkeit, welche für eine süße, dichte Basis sorgt. Ein bisschen schimmert noch die Gerste durch, immer schön, wenn mehr als nur Hopfen in einem IPA zu erschnuppern ist.

Das geht ansatzlos an den Gaumen über, die Bitterkeit von 28 IBU ist gut gewählt und eingesetzt, die Bittere des Hopfens ist sehr hübsch eingebunden in den vollen, dicht texturierten Körper, ausgeglichen von der natürlichen Süße. Ein volles Mundgefühl, das aber nicht schwer wirkt durch die üppige Karbonisierung, entsteht. Frucht ist zurückgenommen, nun deutlich eher zestig und zugegebenermaßen im Rachen ein bisschen herbtrocken, doch die Rezenz, die in Kombination all dieser Faktoren entsteht, ist für ein Inselparadies sicher perfekt geeignet, wie auch die Leichtigkeit mit 4,8% Alkoholgehalt. Der Abgang ist dann gefühlt wirklich etwas maritim, mit ganz vorsichtiger Salzigkeit und einem Touch von Algen im Nachhall, sehr apart finde ich das.

Handwerklich makellos, interessant und sogar mit etwas Lokalkolorit. Es ist schade, dass es für meine Leser schwer wird, dieses Bier selbst ins Glas zu bekommen; aber vielleicht kann Solveig anfangen, neben Rum auch Bier durchgängig von Mauritius nach Deutschland zu schaffen. Ich rede mal mit ihr!

Sympathische Pfalz – Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc

Seit 2021 bin ich stolzer Juror beim Internationalen Spirituosen-Wettbewerb ISW des Meininger-Verlags. Der Wettbewerb findet seit der Pandemie in drei Veranstaltungen statt, normalerweise im Januar, April und Juni, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, was die verkosteten Spirituosen angeht. Also war ich die letzte Zeit oft in Neustadt, mehrmals im Jahr, und war meistens im Hotel Palatina untergebracht, das hat inzwischen Tradition. Ich muss dieses Hotel und die Crew dahinter einfach loben, denn hier treffen Freundlichkeit und Professionalität aufeinander. Alles ist immer reibungslos organisiert, die Zimmer sind angenehm, der Gewölbekeller grandios, der Wellnessbereich mit Sauna sehr modern und hübsch gestaltet, die Belegschaft sympathisch und bereit, selbst über die gewöhnliche Arbeitszeit hinaus zur Verfügung zu stehen.

Bei einem der längeren Abende, die sich bei so einem Spirituosentreffen immer ergeben, entspannte sich dann auch eine kleine Diskussion zwischen der Chefin des Hauses, Sara Wiedemann, und mir, bezüglich Lieblingsgetränken. Einer gestandenen Pfälzerin muss man natürlich mit nichts anderem als gutem Wein kommen, und so schenkte sie mir dann ganz unerwartet eine Flasche ihres Lieblingsweines. Diesen habe ich bei mir ein bisschen ruhen lassen, und stelle ihn nun heute vor: Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc ist ein Süßwein aus spätgelesenen, sehr reifen Sauvignon-Blanc-Trauben, natürlich direkt aus Neustadt an der Weinstraße, mit 7,5% Alkoholgehalt. Ich schreibe sehr selten Notizen über Wein, man vergebe mir, wenn ich meinen diesbezüglich ungeschulten Gaumen und das Vokabular, das ich von Spirituosen kenne, dafür nutze.

Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc

Klares Pastellgold, schimmernd und leuchtend. Schöne Schwere beim Schwenken im Glas. Die Nase ist frisch und sehr fruchtig, insbesondere Honigmelone, Kiwi, und ein Hauch von Grapefruitzeste. Feine Herbe ist schon schnell erriechbar, mit einem Touch von Wermutkraut. Ein Anflug von Hefe gibt weitere Komplexität. Ein sehr angenehmer Duft, der Lust auf mehr macht.

Ganz kurz blitzt in den ersten Mikrosekunden des Antrunks frische Säure auf, die aber schnell von der Spätlese-Süße abgedrängt und überholt wird. Hier kommen dann schwersüße, sehr reife gelbe Früchte dazu, Nektarine und vielleicht sogar etwas Mango, ein bisschen Mandarine. Ein leichtes Prickeln entsteht auf der Zunge, während sich der Restzucker auf dem Gaumen breit macht und ihn etwas belegt. Die fette Textur unterstützt das natürlich. Gegen Ende entsteht ein ganz dezentes Gefühl von Pfeffrigkeit mit leichtem Kribbeln im Rachen, und die Säure erkämpft sich einen angenehmen Platz. Im Nachklang kehrt die Spucke erkennbar in den Mund zurück, man genießt noch die süße Frucht, die sogar etwas an den Lippen hängen bleibt.

Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc Glas

Mir gefällt der Sweetheart sehr, gerade als gemütlicher Drink an einem sonnigen Herbstsonntagnachmittag. Die offizielle Empfehlung geht klassisch natürlich in die Dessertbegleitung und als Aperitif, persönlich bin ich aber nicht von den Gewohnheiten der Weinwelt so beeinflusst, dass ich mich sklavisch daran halten würde. Ein sehr süffiger Süßwein, der einfach unkompliziert Spaß macht und unangestrengt unterhält, gerade, weil er diese feine Pikanz und freche Frische trotz der Süße zeigt.


Er gibt diese Eigenschaften auch gerne in einem Cocktail weiter; im Paradise Burning sorgt der Oliver Zeter Sweetheart 2022 Sauvignon Blanc neben all den süßen und aromatischen Zutaten für etwas Frische. Man lasse sich nicht von dem Vollei abschrecken, das klingt erstmal seltsam, doch wie man auf dem Bild sieht, erzeugt das neben der cremigen Textur auch eine hübsche Farbe. Es gilt allerdings, Qualität zu verwenden, ein frisches Bioei sollte einem das schon wert sein!

Paradise Burning Cocktail

Paradise Burning
1¼oz / 35ml rauchig-torfiger Scotch
⅔oz / 23ml gereifter Jamaica-Rum
⅓oz / 10ml Brandy
⅓oz / 10ml Süßwein
1 ganzes Ei
1 Teelöffel Zuckersirup
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Vanillezuckerrand servieren.

[Rezept adaptiert nach Sepo Galumbi]


Ich freue mich darauf, bald wieder in Neustadt sein zu dürfen; die Gastfreundschaft und Professionalität sowohl des Meininger-Verlags als auch des Hotels Palatina sind einfach zu angenehm, als dass ich darauf verzichten wollen würde, und von Wein verstehen sie offensichtlich auch was. Der ISW weiß ganz genau, warum er sich und uns dort schon seit Urzeiten einquartiert!

Bier am Freitag – Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA

„Family owned, operated & argued over“, das ist das Motto, das auf dem oberen Rand der Dose des Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA zu lesen ist. Sympathisch, finde ich, sowohl die Ausdauer, das Unternehmen in Familienbesitz zu halten, als auch die Selbstironie, zuzugeben, dass sowas dann seine ganz besonderen Probleme mit sich bringt, die man als kleiner Bestandteil in einem Großkonzern nicht hätte. Als Familienunternehmen darf man auch mal besondere Biere hervorbringen, die neben üppigen 8% Alkoholgehalt auch Hafer in der Maische einsetzen; mit dieser Getreidesorte mache ich eigentlich durchweg recht gute Biererfahrungen. Das Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA hat damit also mehrfach gute Voraussetzungen, bei mir gut abzuschneiden, in der Theorie.

Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA

Schönes Safrangold, mit leichter Trübung, in der man das sehr starke Mousseux aus winzigsten Perlchen sieht, besonders in meinem speziellen IPA-Glas. Diese Bläschen speisen den üppigen, grobblasigen Schaum, der sich für ein Ale überraschend lange fingerdick auf der Bieroberfläche hält.

Die Nase erreicht ein typischer IPA-Duft, die starke Aromahopfung äußert sich in herben Zitrusnoten, Grapefruitschale, Orangenschale, milder Naturjoghurt dazu, der schon eine gewisse Säure andeutet. Nicht so aggressiv wie viele andere Double IPAs, bei denen es schon beim Schnuppern kratzt – das wirkt rund und gediegen.

Auch im Antrunk setzt sich dieser Eindruck fort, milde Süße, Hopfenfrucht, nur sich andeutende Herbe. Das entwickelt sich aber schnell hin zu knackiger Bittere, sich anpassender Säure. Im Verlauf wird klar, warum der Name „Hopfenpatrone“ gar nicht schlecht gewählt ist, hier explodiert der Hopfen geradezu im Mund und verdrängt alles andere mit wuchtigen Orangenschalenaromen, starke Adstringenz kommt dazu, und freche Säure, die die Zunge betäubt. Starke Karbonisierung sorgt mit empfohlener kühler Trinktemperatur für sehr wirksame Rezenz, die dem sehr vollen Mundgefühl trotzt.

Der Abgang ist dann extrem blumig, mit vielen Jasminnoten, und gegen Ende dann fast ausschließlich vom Effekt im gesamten Mund- und Rachenraum beherrscht. 8% Alkoholgehalt fallen da fast nicht auf, man merkt sie aber am Ende doch irgendwie. Irgendwie insgesamt ein grenzwertiges Bier, man muss Hopfen schon echt mögen dafür. Mich wundert bei der beruhigenden Wirkung von Hopfen und hohem Alkoholgehalt aber doch, dass in der Familie soviel gestritten wird.

Bier am Freitag – Brouwerij Kazematten Grotten Santé

Das „Grottenbier“ wurde um die Jahrtausendwende von Pierre Celis, dem bekannten Brauer bei Hoegaarden, erfunden. Der Name ist leicht erklärt, das Bier lagert 2 Monate bei konstant kühlen 11°C in den Höhlen zwischen Belgien und den Niederlanden. Nach der Übernahme der Biermarke zuerst durch St. Bernardus, dann später durch die Brouwerij Kazematten, die es heute noch nach dem gleichen Rezept in Ypres in Westflandern herstellt, bekam es seinen neuen Namen: das Brouwerij Kazematten Grotten Santé ist ein dunkles Ale („bruin“ steht auf dem Etikett), das mit Gewürzen eingebraut wird. Es hat schließlich 6,5% Alkoholgehalt. Höhlenreifung kenne ich ja bereits von Spirituosen, zum Beispiel dem DeCavo-Whisky von meinem Freund Klaus Wurm bei der Märkischen Spezialitätenbrennerei, darüber habe ich mal im BRANNT-Magazin vor ein paar Jahren einen Artikel geschrieben. Da bin ich gespannt, wie sich sowas auf Bier auswirkt!

Brouwerij Kazematten Grotten Santé

Komplett blickdicht und lichtundurchlässig in einem sehr dunklen Espressobraun. Schaum zerfällt innerhalb einer Minute komplett, es bleiben nur kleine Einzelbläschen, die aus der Perlage stammen, kurz auf der Bieroberfläche erhalten.

Der Duft ist eine Mischung aus exotischer Frucht und laktischen Noten. Da kommt etwas Kiwi, Litschi und unreife Ananas vor, geht aber fast ins Grünliche über. Zitrustöne wechseln sich ab mit Sauermilch und mildem Apfelessig; man ahnt schon in der Nase, dass wir hier ein säuerlicheres Bier vor uns haben.

Und das bestätigt sich dann im Mund, das ist noch kein Sauerbier, aber ein Dubbel, das klar von der Säure und der Rezenz getrieben wird. Ein trockenes Mundgefühl kommt dazu, wird aber von einer feinen Süße etwas aufgefangen. Aromatisch geht es dann ein bisschen doch ins Malzige, mit Röstnoten und etwas der Farbe angemessenen Nuancen, vielleicht Ideen von Kaffee. Knackig bitter wird es gegen Ende, das frischt den Gaumen auf und hinterlässt einen kühlenden Hauch.

Sowas gefällt mir, das ist komplex aber süffig, und die wirklich erfrischende Rezenz aus Säure und Karbonisierung macht Spaß. Ein wunderbares Genussbier für den Sommer, oder als unaufgeregter Essensbegleiter, das funktioniert hier beides. Sehr schön!

Verhältnisse umgekehrt – Darboussier Rhum Vieux 6 Ans

Mein Erstkontakt mit dem heute vorgestellten Produkt ist wieder einmal sehr anekdotenbehaftet, etwas, was mir eine Spirituose ja immer nahe ans Herz legt. Wir waren als Juroren eingeladen, bei Spirits Selection by CMB 2022, das auf der Karibikinsel Guadeloupe stattfand, an einem lauen Abend im Freien den ersten Tag der Verkostungen hinter uns zu lassen. Dazu war geplant, ein bisschen Fingerfood zu servieren – aber irgendwie war den Organisatoren an dem Abend nicht klar gewesen, dass da eine Meute von 120 hungrigen, leicht angeheiterten Spirituosenfreunden auf das kleine Buffet zustürmen und es innerhalb von Minuten leerräumen würden. Keine guten Anzeichen, mag man denken, doch einer der Organisatoren war sehr pragmatisch und lief los, um uns von der lokalen Niederlassung der Fastfoodkette KFC ein paar Buckets voll mit fritierten Hühnchenteilen zu bringen. Zack, der Abend war gerettet, und zum folgenden fettigen Hühnermassaker passte der ebenso großzügig ausgeschenkte Rum der Insel natürlich bestens.

Einer dieser Rums, die ich dort zum erstenmal serviert bekam, war dann eben der Darboussier Rhum Vieux 6 Ans. Er ist dahingehend etwas ungewöhnliches, da es sich nicht um den sonst auf der Insel produzierten Rhum Agricole aus Zuckerrohrsaft handelt, sondern um einen Rhum Traditionnel, der aus Melasse hergestellt wird. Ja, das gibt es auf den französischen Antillen natürlich weiterhin, auch wenn ihr Saftrum natürlich gefühlt (nur gefühlt!) den Löwenanteil in der Herstellung einnimmt. Man nennt diese Art Rum manchmal auch Rhum Industriel, nicht etwa, weil er industrieller hergestellt wird als der „landwirtschaftliche“ Rum, sondern weil er mit Nebenprodukten der Zuckerindustrie, Melasse eben, entsteht – wie rund 95% der Weltrumproduktion. Ein bisschen verrückt, dass diese Art Rum auf den Inseln heutzutage die Ausnahme ist, das kehrt das Verhältnis einfach um. Auch sensorisch muss man sich darauf vorbereiten, dass so ein Rhum Traditionnel von Guadeloupe sehr anders schmeckt als die meisten anderen Rums, die man von dort kennt – um so spannender ist es natürlich, so eine Flasche zu öffnen.

Darboussier Rhum Vieux 6 Ans

Die Farbe ist herbstbraun, mit einem leichten Touch ins Orange, insbesondere im Gegenlicht. Dabei kann man dann auch die schönen, fetten Beine betrachten, wie sich nach dem Schwenken bilden und dann langsam ablaufen. Insgesamt wirkt die Spirituose dick und schwer.

Der Geruch ist typisch für diesen Stil – schwer, dunkelfruchtig mit viel Anklang an Erdbeere, Kirsche und Pflaume. Man erkennt weiterhin das Zuckerrohr heraus, bei Rhum Traditionnel für mich jedenfalls immer mehr als bei den meisten anderen Melasserums, und der Darboussier macht da keine Ausnahme. Die expressive, fast schon marmeladige Frucht wird unterstützt von einem Hauch von Grasigkeit, die weiterhin an Saftrum erinnert, ganz gibt man seine Provenance dann doch nicht auf. Eine gewisse Frische, nicht ganz minzig, aber zumindest vielleicht mentholig, klärt die Schwere der Aromatik etwas auf.

Darboussier Rhum Vieux 6 Ans Glas

Die Textur ist, wie schon vom optischen Betrachten her erwartet, durchaus viskos, wenn auch hier dann nicht wirklich fett. Sie legt sich dennoch schön breit auf den Gaumen, man kann das Ausbreiten nachfühlen. Eine initiale, sehr angenehme und vollkommen natürlich wirkende Süße startet den Antrunk, direkt hat man Assoziationen von Waldhonig, Ahornsirup und mildem Karamell. Vanille zeigt sich im Verbund mit der reifen Pflaume, Zimt zusammen mit reifen Feigen, und Datteln und vielleicht sogar Rosinen bilden den Untergrund, auf dem der Rest aufbaut. Im Verlauf kommt ordentlich Würze zustande, schwarzpfeffrig kribbelt das am Gaumen und auf der Zunge, und ein warmes Brummen entsteht im Rachen, das dann bis zu den Zähnen vorwärtsglüht, ohne dabei unangenehm zu brennen. Der Abgang ist sehr süß und fruchtig, erinnert mich hier nun eher schon an einen Likör, doch leichte Astringenz entsteht an der Innenseite der Backen. Der Nachhall ist lang und herb, deutlich klingt das Zuckerrohr nach.

Ich mag diese Art Rum einfach, das trinkt sich angenehm, mit viel Charakter und dabei schmeichelnden Aromen. Rhum Traditionnel fühlt sich für mich wie ein Grenzgänger an, er unterscheidet sich sowohl vom klassischen Melasserum, wie aber auch vom Saftrum, bietet aber interessante Aspekte aus beiden Kategorien, ohne einen wirklichen Mangel aufzunehmen. Der Darboussier Vieux hat dazu deutlich mehr Persönlichkeit und Erfahrung als zum Beispiel der Negrita, den ich vor einiger Zeit hier besprochen hatte.


Natürlich muss man für diese Art Rum eine andere Cocktailrichtung einschlagen als für einen Saftrum, das ist klar. Aber auch der klassische Melasserumcocktail ist vielleicht nicht der perfekte Einsatzzweck, außer, man will seinem wohlbekannten Lieblingsrumdrink einen neuen Twist geben. Im Kaiteur Swizzle jedenfalls schmeckt mir der Darboussier Vieux ganz hervorragend, mit seinem eigenen Charakter macht er außerdem den Drink noch besonderer, als er eh schon ist.

Kaiteur Swizzle Cocktail

Kaiteur Swizzle
2oz / 60ml gereifter Rum
½oz / 15ml Falernum
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Ahornsirup
2 Spritzer Angostura
Auf crushed ice swizzeln.

[Rezept nach Martin Cate]


Die Flasche selbst ist unauffällig, eine einfache Form, mit silberschwarzen Etiketten, die sowohl auf Kitsch als auch auf Charme verzichten. Man muss ja nicht immer exotisch an das Thema herangehen.

Die Flasche hatte ich bei diesem in der Einleitung geschilderten besonderen Abend mitgenommen, ebenso wie den kleinen Schwenker mit dem Markenlogo darauf. Ich bedanke mich im Nachhinein dafür, aber nachdem ich einen Schluck des Darboussier probiert hatte, wusste ich sofort, dass ich das mitnehmen und einen Artikel hier auf meinem Blog darüber schreiben will. Was hiermit geschehen ist. Ich hoffe, ich kann den einen oder anderen Rumfreund davon überzeugen, dass es sich durchaus lohnt, so eine ungewöhnliche Spirituose zu probieren – damit wäre meine Schuld für die kostenlose Flasche beglichen, denke ich, also ran an Buddel!

Bier am Freitag – Maierbier Helles Hefeweizen und Helles Kellerbier

„Klassische Bottichgärung“ steht auf dem Etikett einer der beiden Flaschen, die ich heute präsentiere; oft liest man das nicht wirklich, oder ich war zu blind, es zu sehen. Da man ja immer dazulernt, habe ich mir einen guten Artikel dazu vom Fachblog GradPlato durchgelesen, und einen schönen Satz gefunden: „Da das Werben mit technischen Produktionsdetails beim Laien eher wenig zielführend ist, kommt es vermehrt darauf an, mit emotionalen Bildern der Herstellung und gleichwohl faktenbasierten Vorteilen der Biere zu werben. Hierfür ist die Bottichgärung geradezu ideal geeignet.“ Diesbezüglich macht man bei Maierbier in Nördlingen im Ries, der Stadt, in der ich geboren wurde, ja schonmal alles richtig, aber eine zusätzliche emotionale Bindung hätte ich gar nicht gebraucht. Jedenfalls hat das Maierbier Helles Hefeweizen und transitiv damit auch das Maierbier Helles Kellerbier („hausgebraut und naturbelassen“!) einen Vertrauensvorschuss auf mehreren Ebenen. Sowas muss ich allerdings leider immer verifizieren, da bin ich eigen. Was ich hiermit tun will.

Maierbier Helles Hefeweizen und Helles Kellerbier

Also, die Bottichgärung des Maierbier Helles Hefeweizen ist laut den Profis durchaus als beabsichtigtes Qualitätsmerkmal zu nennen. Es kommt mit 5,2% Alkoholgehalt daher und macht angenehm laut „Plopp!“, wenn man den Bügelverschluss öffnet.

Maierbier Helles Hefeweizen

Klassisch wirkt an diesem Hefeweizen alles, von der schönen Safranfarbe über die kleine Schaumkrone bis hin zur deutlichen Trübung (den Bodensatz in der Flasche kann man leicht aufschwenken, um die volle Hefeladung ins Glas zu bekommen). Das Bier wirkt in der Nase dann aber untypisch säuerlich, da ist einiges an Limette und ganz mildem Essig drin. Dazu findet man viel Frucht, aber weder die vielleicht erwartete Banane oder Nelke. Die Säure kommt auch am Gaumen an, nicht so stark, wie erwartet allerdings. Sowohl vom Effekt einer leichten Astringenz als auch vom Geschmack von Limette ist sie definitiv aber das zunächst dominierende Element. Darunter entdeckt man richtig kräftige Getreidewürze, eine ganz milde Salzigkeit, und eine trockene, fast schon kantige Textur. Der Abgang ist kurz, nun vom Getreide getragen. Ein recht ungewöhnliches Hefeweizen, aber eins mit Charakter – das ist frisch und hell, und wirkt sehr erwachsen und bietet mir mehr zum Nachdenken als viele Standardweizen. Interessant!


„Hausgebraut und naturbelassen“ hat sich dagegen das Maierbier Helles Kellerbier aufs Etikett schreiben lassen; zwei Wörter, die gut zu meiner modernen Einstellung zu Bier passen. Auch hier haben wir 5,2% Alkoholgehalt vor uns.

Maierbier Helles Kellerbier

Auf den ersten Blick scheint das Kellerbier opalisierend trüb zu sein, doch schaut man bei Gegenlicht genauer hin, sieht man, dass der Effekt durch die vielen kleinen Partikel entsteht, die sichtbar in der Flüssigkeit schwimmen; das macht das Bier etwas unansehnlich; eine selbstverständliche Folge der Naturbelassenheit, man muss sich halt für eines entscheiden. Immerhin, der feine Schaum hilft darüber hinweg. Mit der Nase findet man nicht wirklich viel interessantes; eine Mischung aus rostigen Stahl und Hefe bildet das Getreide einigermaßen ab, bringt mich aber, wie schon beim Auge, nicht wirklich in Verzückung. Im Mund mache ich dann aber doch noch meinen Frieden mit dem Kellerbier, hier zeigt es sich texturell angenehm cremig, fast schon kauig, und hat dennoch direkt mit ordentlicher Säure und guter Karbonisierung eine Rezenz, die wirklich schön erfrischt. Hübsch auch die Blumigkeit, mit der es aufwartet, unerwartet, aber etwas, das ich sehr genieße bei einem Bier. Der Abgang ist kurz und knackig, es bleibt kaum ein Nachhall, nur leichte Malzwürze klingt nach. Ein stabiles Bier, ohne echte Höhepunkte, das trinkt man und vergisst es dann.


Manchmal denke ich mir, dass ich inzwischen einfach zuviel von einem Bier erwarte, wenn ich es genießen will, und dass ich dadurch gerade den neueren Einträgen in meine Trinkliste immer ungerechter entgegen komme. Letztlich haben wir hier aber trotz allem zwei sehr unterhaltsame Biere, denen ich aufgrund der angesprochenen emotionalen Nähe vielleicht zuviel abverlange, aber das ist halt eine schwäbische Eigenschaft, die ich nicht so recht loswerden kann. Ich arbeite an mir!