Bier am Freitag – Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA

„Family owned, operated & argued over“, das ist das Motto, das auf dem oberen Rand der Dose des Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA zu lesen ist. Sympathisch, finde ich, sowohl die Ausdauer, das Unternehmen in Familienbesitz zu halten, als auch die Selbstironie, zuzugeben, dass sowas dann seine ganz besonderen Probleme mit sich bringt, die man als kleiner Bestandteil in einem Großkonzern nicht hätte. Als Familienunternehmen darf man auch mal besondere Biere hervorbringen, die neben üppigen 8% Alkoholgehalt auch Hafer in der Maische einsetzen; mit dieser Getreidesorte mache ich eigentlich durchweg recht gute Biererfahrungen. Das Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA hat damit also mehrfach gute Voraussetzungen, bei mir gut abzuschneiden, in der Theorie.

Sierra Nevada Hop Bullet Double IPA

Schönes Safrangold, mit leichter Trübung, in der man das sehr starke Mousseux aus winzigsten Perlchen sieht, besonders in meinem speziellen IPA-Glas. Diese Bläschen speisen den üppigen, grobblasigen Schaum, der sich für ein Ale überraschend lange fingerdick auf der Bieroberfläche hält.

Die Nase erreicht ein typischer IPA-Duft, die starke Aromahopfung äußert sich in herben Zitrusnoten, Grapefruitschale, Orangenschale, milder Naturjoghurt dazu, der schon eine gewisse Säure andeutet. Nicht so aggressiv wie viele andere Double IPAs, bei denen es schon beim Schnuppern kratzt – das wirkt rund und gediegen.

Auch im Antrunk setzt sich dieser Eindruck fort, milde Süße, Hopfenfrucht, nur sich andeutende Herbe. Das entwickelt sich aber schnell hin zu knackiger Bittere, sich anpassender Säure. Im Verlauf wird klar, warum der Name „Hopfenpatrone“ gar nicht schlecht gewählt ist, hier explodiert der Hopfen geradezu im Mund und verdrängt alles andere mit wuchtigen Orangenschalenaromen, starke Adstringenz kommt dazu, und freche Säure, die die Zunge betäubt. Starke Karbonisierung sorgt mit empfohlener kühler Trinktemperatur für sehr wirksame Rezenz, die dem sehr vollen Mundgefühl trotzt.

Der Abgang ist dann extrem blumig, mit vielen Jasminnoten, und gegen Ende dann fast ausschließlich vom Effekt im gesamten Mund- und Rachenraum beherrscht. 8% Alkoholgehalt fallen da fast nicht auf, man merkt sie aber am Ende doch irgendwie. Irgendwie insgesamt ein grenzwertiges Bier, man muss Hopfen schon echt mögen dafür. Mich wundert bei der beruhigenden Wirkung von Hopfen und hohem Alkoholgehalt aber doch, dass in der Familie soviel gestritten wird.

Bier am Freitag – Brouwerij Kazematten Grotten Santé

Das „Grottenbier“ wurde um die Jahrtausendwende von Pierre Celis, dem bekannten Brauer bei Hoegaarden, erfunden. Der Name ist leicht erklärt, das Bier lagert 2 Monate bei konstant kühlen 11°C in den Höhlen zwischen Belgien und den Niederlanden. Nach der Übernahme der Biermarke zuerst durch St. Bernardus, dann später durch die Brouwerij Kazematten, die es heute noch nach dem gleichen Rezept in Ypres in Westflandern herstellt, bekam es seinen neuen Namen: das Brouwerij Kazematten Grotten Santé ist ein dunkles Ale („bruin“ steht auf dem Etikett), das mit Gewürzen eingebraut wird. Es hat schließlich 6,5% Alkoholgehalt. Höhlenreifung kenne ich ja bereits von Spirituosen, zum Beispiel dem DeCavo-Whisky von meinem Freund Klaus Wurm bei der Märkischen Spezialitätenbrennerei, darüber habe ich mal im BRANNT-Magazin vor ein paar Jahren einen Artikel geschrieben. Da bin ich gespannt, wie sich sowas auf Bier auswirkt!

Brouwerij Kazematten Grotten Santé

Komplett blickdicht und lichtundurchlässig in einem sehr dunklen Espressobraun. Schaum zerfällt innerhalb einer Minute komplett, es bleiben nur kleine Einzelbläschen, die aus der Perlage stammen, kurz auf der Bieroberfläche erhalten.

Der Duft ist eine Mischung aus exotischer Frucht und laktischen Noten. Da kommt etwas Kiwi, Litschi und unreife Ananas vor, geht aber fast ins Grünliche über. Zitrustöne wechseln sich ab mit Sauermilch und mildem Apfelessig; man ahnt schon in der Nase, dass wir hier ein säuerlicheres Bier vor uns haben.

Und das bestätigt sich dann im Mund, das ist noch kein Sauerbier, aber ein Dubbel, das klar von der Säure und der Rezenz getrieben wird. Ein trockenes Mundgefühl kommt dazu, wird aber von einer feinen Süße etwas aufgefangen. Aromatisch geht es dann ein bisschen doch ins Malzige, mit Röstnoten und etwas der Farbe angemessenen Nuancen, vielleicht Ideen von Kaffee. Knackig bitter wird es gegen Ende, das frischt den Gaumen auf und hinterlässt einen kühlenden Hauch.

Sowas gefällt mir, das ist komplex aber süffig, und die wirklich erfrischende Rezenz aus Säure und Karbonisierung macht Spaß. Ein wunderbares Genussbier für den Sommer, oder als unaufgeregter Essensbegleiter, das funktioniert hier beides. Sehr schön!

Verhältnisse umgekehrt – Darboussier Rhum Vieux 6 Ans

Mein Erstkontakt mit dem heute vorgestellten Produkt ist wieder einmal sehr anekdotenbehaftet, etwas, was mir eine Spirituose ja immer nahe ans Herz legt. Wir waren als Juroren eingeladen, bei Spirits Selection by CMB 2022, das auf der Karibikinsel Guadeloupe stattfand, an einem lauen Abend im Freien den ersten Tag der Verkostungen hinter uns zu lassen. Dazu war geplant, ein bisschen Fingerfood zu servieren – aber irgendwie war den Organisatoren an dem Abend nicht klar gewesen, dass da eine Meute von 120 hungrigen, leicht angeheiterten Spirituosenfreunden auf das kleine Buffet zustürmen und es innerhalb von Minuten leerräumen würden. Keine guten Anzeichen, mag man denken, doch einer der Organisatoren war sehr pragmatisch und lief los, um uns von der lokalen Niederlassung der Fastfoodkette KFC ein paar Buckets voll mit fritierten Hühnchenteilen zu bringen. Zack, der Abend war gerettet, und zum folgenden fettigen Hühnermassaker passte der ebenso großzügig ausgeschenkte Rum der Insel natürlich bestens.

Einer dieser Rums, die ich dort zum erstenmal serviert bekam, war dann eben der Darboussier Rhum Vieux 6 Ans. Er ist dahingehend etwas ungewöhnliches, da es sich nicht um den sonst auf der Insel produzierten Rhum Agricole aus Zuckerrohrsaft handelt, sondern um einen Rhum Traditionnel, der aus Melasse hergestellt wird. Ja, das gibt es auf den französischen Antillen natürlich weiterhin, auch wenn ihr Saftrum natürlich gefühlt (nur gefühlt!) den Löwenanteil in der Herstellung einnimmt. Man nennt diese Art Rum manchmal auch Rhum Industriel, nicht etwa, weil er industrieller hergestellt wird als der „landwirtschaftliche“ Rum, sondern weil er mit Nebenprodukten der Zuckerindustrie, Melasse eben, entsteht – wie rund 95% der Weltrumproduktion. Ein bisschen verrückt, dass diese Art Rum auf den Inseln heutzutage die Ausnahme ist, das kehrt das Verhältnis einfach um. Auch sensorisch muss man sich darauf vorbereiten, dass so ein Rhum Traditionnel von Guadeloupe sehr anders schmeckt als die meisten anderen Rums, die man von dort kennt – um so spannender ist es natürlich, so eine Flasche zu öffnen.

Darboussier Rhum Vieux 6 Ans

Die Farbe ist herbstbraun, mit einem leichten Touch ins Orange, insbesondere im Gegenlicht. Dabei kann man dann auch die schönen, fetten Beine betrachten, wie sich nach dem Schwenken bilden und dann langsam ablaufen. Insgesamt wirkt die Spirituose dick und schwer.

Der Geruch ist typisch für diesen Stil – schwer, dunkelfruchtig mit viel Anklang an Erdbeere, Kirsche und Pflaume. Man erkennt weiterhin das Zuckerrohr heraus, bei Rhum Traditionnel für mich jedenfalls immer mehr als bei den meisten anderen Melasserums, und der Darboussier macht da keine Ausnahme. Die expressive, fast schon marmeladige Frucht wird unterstützt von einem Hauch von Grasigkeit, die weiterhin an Saftrum erinnert, ganz gibt man seine Provenance dann doch nicht auf. Eine gewisse Frische, nicht ganz minzig, aber zumindest vielleicht mentholig, klärt die Schwere der Aromatik etwas auf.

Darboussier Rhum Vieux 6 Ans Glas

Die Textur ist, wie schon vom optischen Betrachten her erwartet, durchaus viskos, wenn auch hier dann nicht wirklich fett. Sie legt sich dennoch schön breit auf den Gaumen, man kann das Ausbreiten nachfühlen. Eine initiale, sehr angenehme und vollkommen natürlich wirkende Süße startet den Antrunk, direkt hat man Assoziationen von Waldhonig, Ahornsirup und mildem Karamell. Vanille zeigt sich im Verbund mit der reifen Pflaume, Zimt zusammen mit reifen Feigen, und Datteln und vielleicht sogar Rosinen bilden den Untergrund, auf dem der Rest aufbaut. Im Verlauf kommt ordentlich Würze zustande, schwarzpfeffrig kribbelt das am Gaumen und auf der Zunge, und ein warmes Brummen entsteht im Rachen, das dann bis zu den Zähnen vorwärtsglüht, ohne dabei unangenehm zu brennen. Der Abgang ist sehr süß und fruchtig, erinnert mich hier nun eher schon an einen Likör, doch leichte Astringenz entsteht an der Innenseite der Backen. Der Nachhall ist lang und herb, deutlich klingt das Zuckerrohr nach.

Ich mag diese Art Rum einfach, das trinkt sich angenehm, mit viel Charakter und dabei schmeichelnden Aromen. Rhum Traditionnel fühlt sich für mich wie ein Grenzgänger an, er unterscheidet sich sowohl vom klassischen Melasserum, wie aber auch vom Saftrum, bietet aber interessante Aspekte aus beiden Kategorien, ohne einen wirklichen Mangel aufzunehmen. Der Darboussier Vieux hat dazu deutlich mehr Persönlichkeit und Erfahrung als zum Beispiel der Negrita, den ich vor einiger Zeit hier besprochen hatte.


Natürlich muss man für diese Art Rum eine andere Cocktailrichtung einschlagen als für einen Saftrum, das ist klar. Aber auch der klassische Melasserumcocktail ist vielleicht nicht der perfekte Einsatzzweck, außer, man will seinem wohlbekannten Lieblingsrumdrink einen neuen Twist geben. Im Kaiteur Swizzle jedenfalls schmeckt mir der Darboussier Vieux ganz hervorragend, mit seinem eigenen Charakter macht er außerdem den Drink noch besonderer, als er eh schon ist.

Kaiteur Swizzle Cocktail

Kaiteur Swizzle
2oz / 60ml gereifter Rum
½oz / 15ml Falernum
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Ahornsirup
2 Spritzer Angostura
Auf crushed ice swizzeln.

[Rezept nach Martin Cate]


Die Flasche selbst ist unauffällig, eine einfache Form, mit silberschwarzen Etiketten, die sowohl auf Kitsch als auch auf Charme verzichten. Man muss ja nicht immer exotisch an das Thema herangehen.

Die Flasche hatte ich bei diesem in der Einleitung geschilderten besonderen Abend mitgenommen, ebenso wie den kleinen Schwenker mit dem Markenlogo darauf. Ich bedanke mich im Nachhinein dafür, aber nachdem ich einen Schluck des Darboussier probiert hatte, wusste ich sofort, dass ich das mitnehmen und einen Artikel hier auf meinem Blog darüber schreiben will. Was hiermit geschehen ist. Ich hoffe, ich kann den einen oder anderen Rumfreund davon überzeugen, dass es sich durchaus lohnt, so eine ungewöhnliche Spirituose zu probieren – damit wäre meine Schuld für die kostenlose Flasche beglichen, denke ich, also ran an Buddel!

Bier am Freitag – Maierbier Helles Hefeweizen und Helles Kellerbier

„Klassische Bottichgärung“ steht auf dem Etikett einer der beiden Flaschen, die ich heute präsentiere; oft liest man das nicht wirklich, oder ich war zu blind, es zu sehen. Da man ja immer dazulernt, habe ich mir einen guten Artikel dazu vom Fachblog GradPlato durchgelesen, und einen schönen Satz gefunden: „Da das Werben mit technischen Produktionsdetails beim Laien eher wenig zielführend ist, kommt es vermehrt darauf an, mit emotionalen Bildern der Herstellung und gleichwohl faktenbasierten Vorteilen der Biere zu werben. Hierfür ist die Bottichgärung geradezu ideal geeignet.“ Diesbezüglich macht man bei Maierbier in Nördlingen im Ries, der Stadt, in der ich geboren wurde, ja schonmal alles richtig, aber eine zusätzliche emotionale Bindung hätte ich gar nicht gebraucht. Jedenfalls hat das Maierbier Helles Hefeweizen und transitiv damit auch das Maierbier Helles Kellerbier („hausgebraut und naturbelassen“!) einen Vertrauensvorschuss auf mehreren Ebenen. Sowas muss ich allerdings leider immer verifizieren, da bin ich eigen. Was ich hiermit tun will.

Maierbier Helles Hefeweizen und Helles Kellerbier

Also, die Bottichgärung des Maierbier Helles Hefeweizen ist laut den Profis durchaus als beabsichtigtes Qualitätsmerkmal zu nennen. Es kommt mit 5,2% Alkoholgehalt daher und macht angenehm laut „Plopp!“, wenn man den Bügelverschluss öffnet.

Maierbier Helles Hefeweizen

Klassisch wirkt an diesem Hefeweizen alles, von der schönen Safranfarbe über die kleine Schaumkrone bis hin zur deutlichen Trübung (den Bodensatz in der Flasche kann man leicht aufschwenken, um die volle Hefeladung ins Glas zu bekommen). Das Bier wirkt in der Nase dann aber untypisch säuerlich, da ist einiges an Limette und ganz mildem Essig drin. Dazu findet man viel Frucht, aber weder die vielleicht erwartete Banane oder Nelke. Die Säure kommt auch am Gaumen an, nicht so stark, wie erwartet allerdings. Sowohl vom Effekt einer leichten Astringenz als auch vom Geschmack von Limette ist sie definitiv aber das zunächst dominierende Element. Darunter entdeckt man richtig kräftige Getreidewürze, eine ganz milde Salzigkeit, und eine trockene, fast schon kantige Textur. Der Abgang ist kurz, nun vom Getreide getragen. Ein recht ungewöhnliches Hefeweizen, aber eins mit Charakter – das ist frisch und hell, und wirkt sehr erwachsen und bietet mir mehr zum Nachdenken als viele Standardweizen. Interessant!


„Hausgebraut und naturbelassen“ hat sich dagegen das Maierbier Helles Kellerbier aufs Etikett schreiben lassen; zwei Wörter, die gut zu meiner modernen Einstellung zu Bier passen. Auch hier haben wir 5,2% Alkoholgehalt vor uns.

Maierbier Helles Kellerbier

Auf den ersten Blick scheint das Kellerbier opalisierend trüb zu sein, doch schaut man bei Gegenlicht genauer hin, sieht man, dass der Effekt durch die vielen kleinen Partikel entsteht, die sichtbar in der Flüssigkeit schwimmen; das macht das Bier etwas unansehnlich; eine selbstverständliche Folge der Naturbelassenheit, man muss sich halt für eines entscheiden. Immerhin, der feine Schaum hilft darüber hinweg. Mit der Nase findet man nicht wirklich viel interessantes; eine Mischung aus rostigen Stahl und Hefe bildet das Getreide einigermaßen ab, bringt mich aber, wie schon beim Auge, nicht wirklich in Verzückung. Im Mund mache ich dann aber doch noch meinen Frieden mit dem Kellerbier, hier zeigt es sich texturell angenehm cremig, fast schon kauig, und hat dennoch direkt mit ordentlicher Säure und guter Karbonisierung eine Rezenz, die wirklich schön erfrischt. Hübsch auch die Blumigkeit, mit der es aufwartet, unerwartet, aber etwas, das ich sehr genieße bei einem Bier. Der Abgang ist kurz und knackig, es bleibt kaum ein Nachhall, nur leichte Malzwürze klingt nach. Ein stabiles Bier, ohne echte Höhepunkte, das trinkt man und vergisst es dann.


Manchmal denke ich mir, dass ich inzwischen einfach zuviel von einem Bier erwarte, wenn ich es genießen will, und dass ich dadurch gerade den neueren Einträgen in meine Trinkliste immer ungerechter entgegen komme. Letztlich haben wir hier aber trotz allem zwei sehr unterhaltsame Biere, denen ich aufgrund der angesprochenen emotionalen Nähe vielleicht zuviel abverlange, aber das ist halt eine schwäbische Eigenschaft, die ich nicht so recht loswerden kann. Ich arbeite an mir!

Moderne Antiquität – Pierre Ferrand 1840 Original Formula Cognac

Man hat sich heute bei Cognac an die Buchstabengruppen gewöhnt, die das Alter grob angeben. VS, VSOP, XO – das kennt man. Es gibt jedoch auch andere Systeme, die Reifung zu beschreiben. Das technischste und dafür genaueste ist das der comptes, also vollständigen Jahren in Bezug auf das Referenzdatum 01. April. Das ist nicht ganz einfach zu verstehen, ich versuche hier gar nicht erst, die Details aufzudröseln. Wichtig ist: man benötigt ein Mindestalter von compte 2 (grob zwei Jahre und ein paar Monate), um ein Produkt „Cognac“ nennen zu dürfen. Das entspricht dem, was üblicherweise dann als VS gekennzeichnet wird – oder eben 3 Sterne, eine weitere Alterskategorie, die beim hier vorgestellten Pierre Ferrand 1840 Original Formula Cognac sehr präsent auf der Flasche zu finden ist. Interessanterweise ist „3 Sterne“ ebenso wie „VS“ eigentlich eine recht redundante und inhaltsfreie Angabe, die man genausogut weglassen könnte (weil, wie gesagt, jünger gar nicht erlaubt ist) – wahrscheinlich will man einfach diese niedrigste mögliche Alterskategorie etwas aufwerten durch eine eigene Bezeichnung. Natürlich ist, wie bei sehr vielen Cognacs, das auf der Flasche angegebene Alter nur ein Platzhalter – die Assemblage eines Cognacs beinhaltet in der Regel einen großen Anteil älterer, und einen gewissen Anteil sehr viel älterer Destillate.

Die Verwendung der 3 Sterne ist heute eher selten, man verlässt sich mehr auf das VS/VSOP/XO-System – hier dient es meines Erachtens hauptsächlich als Remineszenz an die alten Zeiten, als das Sternesystem das einzige war. In eine ähnliche Kerbe schlägt die Erwähnung einer „1840 Formula“ – David Wondrich, der an der Entwicklung dieses Produkts beteiligt war, ist ja bekannt dafür, dass er ein Faible für historische Cocktails und auch Zutaten hat. Die Idee ist, die Rezeptur einer alten Flasche Pinet Castillon als Vorbild heranzuziehen, und auch bei der Herstellung die Methoden des 19. Jahrhunderts nachzuahmen. Kein typischer Standardcognac also, in mehrerer Hinsicht, sondern ein Experiment und eine Art Zeitreise. Wagen wir uns mit unserem modernen Gaumen an diese Antiquität.

Pierre Ferrand 1840 Original Formula Cognac

Cognac erlaubt eine gewisse Menge an Zusätzen, dazu gehört beispielsweise Farbe. Auch wenn dieser Cognac gefärbt ist, so wirkt die Farbe dennoch nicht künstlich – ein sehr attraktives Rotgold glänzt sowohl in der Flasche als auch im Glas, wo er nach dem Schwenken in sehr breiten, fetten Beinen langsam abläuft.

Der Geruch verströmt sich nach dem Eingießen weit über das Glas hinaus. Sehr tropenfruchtig, süßliche Mango, reife Banane, überreife Ananas, Aprikosen. Vanille, Honig und ein Anflug von Harz, und ein Anflug von Veilchen – Weinbrand im Generellen hat oft eine traumhafte Nase, und der Pierre Ferrand 1840 ist hier keine Ausnahme. Da schnuppert man einfach gern dran, und findet auch immer wieder was neues; ich empfinde es auch als angenehm, dass hier nicht alle jungen Aromen durch generisches Holz erschlagen werden.

Pierre Ferrand 1840 Original Formula Cognac Glas

Im Antrunk erinnert er mich zunächst mal sehr stark an einen milden Highland Scotch, die Aromatik ist sehr ähnlich und im ersten Anflug etwas seifig und medizinal. Erst im Verlauf entwickelt sich der Cognac woanders hin, ist dann deutlich fruchtiger, mit viel reifen Früchten wie Pfirsich, Aprikosen und auch Ingwer und Honig. Eine kräftige, natürliche Süße gibt dem Destillat sehr viel Körper und Breite, da hat man echt was im Mund, woran man lutschen kann, ohne zu süß zu werden – die Süßsauerbalance ist gut getroffen. Gegen Ende kommt dann noch Würzigkeit und eine erkennbare Ingwerschärfe dazu; 45% Alkoholgehalt unterstützen diese Kraft.

Der Abgang geht wiederum in eine andere Richtung: hier kommt die Blumigkeit, die ich an Weinbränden liebe, voll zur Geltung. Veilchen und Jasmin blühen geradezu auf, lassen den Abgang lang und prägnant werden, mit zusätzlichen Eindrücken von Kandiszucker, Süßholz, Ingwer und Kakao. Dieser Blumengarten am Ende hallt entsprechend sehr lange nach, und eine milde Salzigkeit belegt in dieser Zeit den Gaumen. Ein toller Cognac, kraftvoll, sehr aromatisch, lang und voll – vielen Weinbränden geht nach der Nase die Luft etwas aus, hier bleibt der Brand aktiv bis zum letzten Schluss.


Die Vorgabe war, hier einen Cocktailcognac zu schaffen, wie ihn die Epigonen wie Jerry Thomas und andere aus dem 19. Jahrhundert eingesetzt hatten. Für diese Zwecke ist er wirklich nahezu perfekt, in jeder Hinsicht. Natürlich zeigt er sein volles Potenzial in Drinks wie dem The Ray Long Cocktail, wo er die erste Geige spielt; aber auch in Rezepten, wo nur halbunzenweise Cognac benötigt wird, ist der Pierre Ferrand 1840 durch seine Power und Aromengewalt ganz ausgezeichnet einsetzbar.

The Ray Long Cocktail


The Ray Long Cocktail
2oz / 60ml Brandy
1oz / 30ml süßer Wermut
4 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Angostura
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche ist elegant, groß und schwer mit dickem Boden, vielen Ornamenten und geschickt eingesetzten Etiketten. Das macht echt was her im Regal, und fühlt sich auch gut an, wenn man die Flasche aus demselben herausholt.

Meine Flasche war sehr viel schneller leer, als ich das gedacht hätte – man bekommt bei so einem tollen Produkt einfach Lust, es in Drinks einzusetzen, und ich habe in der Zeit dadurch viele bereits bekannte Cognacrezepte neu ausprobieren wollen. Ein größeres Kompliment kann man einem Brand wohl kaum machen. Darum wird dieser Cognac mein go-to-Cognac auf absehbare Zeit sein, unter anderem durchaus auch, weil er ein bombenmäßiges Preisleistungsverhältnis hat.

Bier am Freitag – Brouwerij Fisser Ne Flierefluiter Super Tripel Whisky Infused & Oaked

Whisky und Bier sind natürliche Gefährten. Die Basismaterialien sind zumindest direkt verwandt, und letztlich sind viele Whiskys ja eigentlich nur destillierte Biere, im angloamerikanischen Raum spricht man ja sogar ab und zu vom „beer“ als alternatives Wort für „wash“ im Whiskybereich, wenn man über die Maische spricht. Darum liegt es ja auch nahe, ein Bier in einem Ex-Whiskyfass nachzureifen; oder sogar, wie hier beim Brouwerij Fisser Ne Flierefluiter Super Tripel Whisky Infused & Oaked, das Bier mit Whisky zu infundieren und/oder mit Eichenholzstücken zu „eichen“. Welcher Whisky für die Infusion genutzt wurde, ist leider erstmal nicht direkt herauszufinden, ein Single Malt scheint es aber grob zu sein. Am 21.04.2022 wurde meine Flasche abgefüllt, 21.04.2025 ist das „best before“-Datum, ich habe es dennoch jetzt schon geöffnet und probiert.

Brouwerij Fisser Ne Flierefluiter Super Tripel Whisky Infused & Oaked

Ein blondes Bier, sicherlich, im Vergleich zu vielen anderen Bieren, die Eichenholzkontakt hatten. Hier ist die Farbe Safrangelb geblieben, naturtrüb natürlich, und mit ein paar dunklen Partikeln, die beim Eingießen mit ins Glas kommen, die aber wohl eher Hefe sind als Holzreste. Der Schaum ist flauschig und fein und bleibt eine ganze Weile auf dem Bier stehen.

8°C ist die empfohlene Trinktemperatur, und da brauchen wir dann gar nicht großartig nach komplexen Duftstoffen zu suchen. Getreide ist deutlich da, ein paar frische Fruchtnoten, ohne wirklich aromahopfig zu sein. Ein bisschen Holzreste riecht man, nasses Fassholz, aber keinen Whisky.

Im Mund ist er dann ein bisschen, aber nur ein bisschen, erkennbarer. Das Bier an sich ist unerwartig würzig und kräftig, geht deutlich ins Salzige über, mit einer spürbaren Umami-Seite. Die Textur ist fett und sehr breit, das Bier muss man kauen, die Karbonisierung ist sehr fein, was sich ja schon im Schaum geäußert hatte. Dennoch wirkt es rezent und frisch, der Whisky kommt mir persönlich eher wie Bourbon vor denn Scotch – beides ist aber versteckt und für mich nicht sehr deutlich ausgeprägt. Im Verlauf wird das Bier trocken, gegen Ende ein bisschen adstringierend, hier kommt dann holzige Bittere auf, die die Süße ausgleicht. Der Abgang ist kantig und erkennbar alkoholisch, 10% spürt und schmeckt man.

Das trinkt sich gut, aber nicht easy, der Alkoholgehalt ist dafür nicht gut genug eingebettet. Die Würze macht das alles noch etwas komplizierter. Für mich wirkt alles ein kleines bisschen unrund und nicht ausgeglichen, ohne dass ich wirklich viel zu meckern hätte. Dennoch: Stabil gemacht, einen Versuch wert für Freunde belgischen Starkbiers, danach suchen muss man aber nicht wirklich.

Bosnische Zwetschgen – Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovica

Pflaume und Zwetschge sind mit die beliebtesten Früchte für Obstbrand in vielen Ländern auf dem Balkan. Ein spannender Vortrag von Svetlin Mirchev, Milan Zarić und Ivan Urošević während der Fortbildung der Juroren bei Spirits Selection by CMB 2024 in Renhuai/China machte dies nocheinmal deutlich. Neben den theoretischen Grundlagen für die Herstellung von Rakija, wie Obstbrand in der Region allgemein genannt wird, erzählten die drei Vortragenden mit viel Verve auf eine unterhaltsame Weise viele spannende Details, mit einem Knüllergag, der den ganzen Raum zum Lachen brachte – „Kommen wir nun zu den rechtlichen Grundlagen – die sind bedeutungslos.“ Gerade in einem Raum voller AOC– und ggA-affiner Hersteller war das der Punkt, der das Eis endgültig brach. Am Abend brachte dann die serbisch-bosnisch-kroatisch-bulgarische Jurorengruppe noch ein paar kleine Schmankerl mit in die Hotellobby, wo wir uns regelmäßig trafen, um den Tag mit ein paar besonderen Schnäpsen aus aller Welt ausklingen zu lassen.

Einer aus dieser Gruppe war auch Branko Drljača, den ich schon vom ISW seit einer Weile kenne, und der mir schon vor einiger Zeit mal mit seinem Brand aus der Schwarzbirne vollständig den Kopf verdreht hatte. An diesem besagten Abend packte Branko ein „work-in-progress“ aus seiner Brennerei aus, von dem er (und nach dem Probieren auch wir!) sich viel für die Zukunft versprach, in einer gesunden Mischung aus Selbstsicherheit und Bescheidenheit. Doch reden wir nicht über die Zukunft, sondern die Gegenwart. Vor kurzem habe ich von ihm eine der wenigen verfügbaren Flaschen seines Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovica abgeluchst, so selten, dass sie nichtmal das vollständige Etikett hat. Doch man darf sich nicht täuschen, das Produkt in der Flasche hat alles, was man sich von einem guten gereiften, aus 5 unterschiedlichen Basisdestillaten nach 7 Jahren Reifezeit zusammengeblendeten Zwetschgenbrand erwarten kann – doch ich greife vor!

Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovic

Farblich finden wir einen ganz klassischen Bernstein vor, leuchtend, und kristallklar. Das Schwenkverhalten ist schwer und viskos, und die Beine, die sich dabei bilden, laufen träge ab. Optisch gibt es da nichts zu verbessern. Da bekommt man Lust, die Nase ins Glas zu halten!

Wenn ich das tue, bildet sich direkt ein kleines Lächeln in meinem Gesicht. Ein schwerer Zwetschgenduft begrüßt mich, vollfruchtig, reif, dabei klar und sauber, nichts überreifes-esteriges ist da, und keinerlei pieksenden Ethanolnoten. Vanille und ganz vorsichtig Zimt ergänzen die Aromatik, auch hier bleibt der Slivovitz sehr klassisch. Die Fässer aus serbischer und slawonischer Limousineiche (500l bzw. 225l-Barrique) mit leichtem und mittlerem Toasting geben eine angenehme Note mit, die die Frucht des Destillats nur unterfüttert und nicht überwältigt. Leichte Beitöne von Birne, Quitte und vielleicht sogar Sauerkirsche, und ein winziger Hauch von Steinaroma, machen den Brand komplex und spannend, ohne sich von der Typizität zu lösen, die man von einem Slivovitz erwartet.

Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovic Glas

Dieser Eindruck bleibt auch am Gaumen erhalten – das ist extrem trinkig, richtig rund und schwer, mit einem initial sehr weichen Mundgefühl. Die Textur ist ölig und dicht, breitet sich gemächlich im Mundraum aus, legt sich zunächst sanft auf die Schleimhäute. Aus ihr baut sich dann im Verlauf die Aromatik auf, wird immer fruchtiger und zwetschiger, dabei gleichzeitig immer würziger, spät dann sogar frech-pikant mit leichten weißpfeffrigen Effekten. Die schwere Süße des Antrunks dreht sich ganz langsam hin zum Edelherben, Mildbitteren, mit einer sehr feinen Trockenheit, die nicht astringiert. Der Abgang ist lang, fruchtig, und hier nun besonders gewürzig, mit Sternanis, Kardamom, Nelken und Zimt, das fühlt sich fast weihnachtlich an. Mit einem sehr frischen Moment klingt der Slivovitz dann aus, kühlt den Gaumen, leicht blüht etwas Jasmin und Grünschnitt auf, während weiterhin die Zwetschge erhalten bleibt.

Ein erwachsener, äußerst trinkiger Brand, vielschichtig und fein, dabei nie verkopft oder kompliziert. Das trinkt sowohl der Kenner, der analytisch herangeht, als auch der Laie, der einfach einen guten Digestif nach dem Essen haben will, ohne groß drüber nachdenken zu müssen. Ich persönlich habe Einsatzzwecke für beide Szenarien schon mit ein paar Leuten probiert, ich verspreche, das funktioniert.


Und ich habe auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, den Aqua Ardens in Cocktails einzusetzen. Die Dichte und klare Aromatik machen das auch wirklich nicht schwer, da braucht man keine Ausgleichsaromen suchen oder Unterstützer finden; im St. Rita bildet sich ein wirklich breites Bouquet heraus, ein toller Drink, bei dem trotz all der Zutaten der Slivovitz die Hauptrolle behält, und von dem man gerne zwei trinkt.

St. Rita Cocktail

St. Rita
1½oz / 45ml Pflaumenbrand
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Kräuterlikör
½oz / 15ml Honigsirup
Auf Eis shaken. Mit 2oz / 60ml Champagner aufgießen und einen Spritzer Lavendelessenz dazugeben.
Mit einer Blüte dekorieren.

[Rezept nach Jim Meehan]


Die Zwetschgen, die Branko für seine Brände verwendet, sind autochthone Sorten wie Požegača, Turgulja und Nebožica, und dazu Sorten, die beim Institut für Landwirtschaft in Čačak (Serbien) entstanden sind, insbesondere Čačanska Rodna und Čačanska Lepotica. Weder werden für das Obst Pestizide, Herbizide oder auch nur Mineraldünger verwendet, noch werden Maschinen, selbst keine Traktoren, eingesetzt. Schafe sind das Mittel der Wahl für die Pflege und Düngung der Umgebung, der natürliche Edaphon wird nicht gestört. Viel Aufwand steckt Branko auch in die Fermentation, bei der er sowohl Verfahren aus der Spontanvergärung als auch selektive Hefestämme nutzt. Wie schon in der Einleitung angedeutet: am Ende hat er praktisch 5 unterschiedliche Zwetschgenbrände, die als Blend nach 7 Jahren Fassreifung hier bei mir landen. Und, das ist hoffentlich deutlich geworden, diesen Aufwand und die Sensibilität der Herstellung spürt man im Endprodukt in der Komplexität der Sensorik.

Slap Spirits Aqua Ardens Šljivovic und Schwarzbirne

Ich hatte ja schon die Schwarzbirne besprochen, ein wirklich großartiges Produkt. Bei allem, was ich von Slap Spirits aus Bosnien nun bisher im Glas hatte, war mir klar, dass hier jemand am Werk ist, der weiß, was er tut, und Leidenschaft zeigt. Bei unserer gemeinsamen Reise in China und der Jurortätigkeit in Neustadt beim ISW habe ich Branko Drljača aber auch als sehr unterhaltsamen Gesprächspartner kennen und schätzen gelernt. Ich freue mich extrem darauf, ihn wieder einmal in Zukunft zu treffen, und auf alles, was seiner Brennerei entfließt.

Apfelschaumwein am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Natur Cider

Was ist das Markenzeichen der Rügener Insel-Brauerei? Oberflächliche Gesellen werden sagen, die Papierumhüllung der Flasche. Ja, das mag so sein auf den ersten Blick, ist aber, wie gesagt, nur die oberste Oberfläche. Für mich ist es der Einsatz der traditionellen Flaschenreifung, das ist in Deutschland durchaus etwas Besonderes und Lobenswertes, eine intrinsische Qualität, nicht der Augenzucker mit dem Papier. Das Konzept setzen sie konsequent und logisch fort: Ihr Rügener Insel-Brauerei Natur Cider wird mit Secco-Hefe vergoren und flaschengereift mit Insel-Hefe auf Rügen. Meersalz und Kräuterextrakt finde ich gut als Beigabe, den Verzicht auf Zuckerzusatz und Konservierungsstoffe hervorragend, warum man bei dem Qualitätsanspruch und Bereitschaft zum Aufwand bei der Insel-Brauerei dann aber auf Apfelsaft aus Konzentrat und sogar natürliches Aroma setzt statt auf reine Natürlichkeit bleibt mir ein großes Rätsel und ein deutlicher Kritikpunkt. Vielleicht gibt es da Verbesserung in der Zukunft? Beschäftigen wir uns erstmal mit der 5,6%igen Gegenwart im Glas.

Rügener Insel-Brauerei Natur Cider

Klar und golden leuchtend, mit prickelnder Perlage, die zwar keinen Schaum beisteuert, aber doch für ein optisches Erlebnis sorgt – das erinnert etwas an Prosecco, nur eben farblich deutlich dunkler.

Der Duft lässt diese Erinnerung gar nicht so fern erscheinen, ich finde eine aparte Mischung aus kräftigem Apfelsaft und herbem Schaumwein, nun, das ist es ja letztlich auch grundsätzlich. Leichte Orangenzeste, etwas Rosmarin, ein Ticken Litschi, das riecht sich sehr angenehm und mit einer aufreizenden, dezenten Komplexität, die vielen anderen, schlichter hergestellten Cidern fehlt.

Süßsauer kommt er im Mund an, er schwankt zwischen diesen beiden Eindrücken – beides ist ordentlich vorhanden, da ist ein Moment, in dem die Süße sehr stark wirkt, nur nach ein paar Sekunden von der herben Säure aufgefangen zu werden und umgekehrt: spielerisch und frech, das gefällt. Rezenz ist klar, 8°C Trinktemperaturempfehlung machen das nur noch besser. Um es klar zu sagen, man hat hier keinen Apfelsaft mit Prickeln, das ist sensorisch näher am Cidre oder sogar am Prosecco als am Apfelsaft, die erwachsene Hefestruktur macht den Natur Cider zu einer unerwarteten und gerade deswegen sicher gut ankommenden Alternative zum üblichen Prickelwasser, auch für gehobene Anlässe!

Sonnenkraft – Zeng’s Traditioneller Chishui-Sonnenessig (4 Jahre) 赤水曾氏晒醋四年

Bei Spirits Selection by CMB erlebt man immer etwas außerhalb der Verkostungsarbeit. Man besucht Brennereien und Sehenswürdigkeiten der Region, in der der Wettbewerb gerade stattfindet, und manchmal sind es auch ungewöhnliche Dinge: 2024 besichtigten wir in Zunyi die Essigmanufaktur von Zeng Quanlin, die inzwischen zum nationalen Kulturerbe Chinas gehört. Seit 121 Jahren macht die Familie Zeng über nun 5 Generationen den berühmten Traditionellen Chishui-Sonnenessig. Er wird aus Weizenkleie, Weizen, Reis und Klebreis hergestellt, die mit einem speziellen Qu (wie in der Baijiu-Herstellung!) fermentiert werden. Dann, daher kommt der Name, wird der Essig für mindestens 3 Jahre in Tonkrügen in der prallen Sonne stehend gelagert, wobei er dabei ganz natürlich und ohne sonstige Eingriffe einkocht, konzentriert und sämig wird. Der Prozess besteht aus 12 Stufen und ist extrem aufwändig: Die Getreide werden erst gedämpft, ein Brauprozess findet dann statt, mit der Qu-Fermentierung und der Beigabe von über 100 chinesischen Medizinkräutern. 5000 Tonnen dieses Essigs in unterschiedlichen Alterungs- und Qualitätsstufen stellen die Zengs pro Jahr her, da fällt einem die Bezeichnung „Manufaktur“ schon schwer, doch der Großteil des Prozesses ist eben die namensgebende Lagerung, und maschinell passiert da in kaum einem Schritt etwas, da wird tatsächlich hart von Hand gearbeitet. In der brüllenden Hitze des ausgehenden Sommers in Guizhou mit an diesem Tag 38°C konnten wir dem Essig gut nachfühlen, wie es sich für ihn in einem Tontopf anfühlt, langsam ausgetrocknet zu werden – Bilder folgen am Ende des Artikels. Das Ergebnis der (für diese Variante 4 Jahre) Wartezeit? Probieren wir es.

Zeng's Traditioneller Chishui-Sonnenessig (4 Jahre) 赤水曾氏晒醋四年

Der Essig ist tiefmokkabraun, völlig blickdicht auch bei Gegenlicht und hinterlässt beim sanften Drehen an der Glaswand einen rostbraunen, ausdauernd haftend bleibenden Ölfilm. Die Viskosität ist hoch, aber nicht sirupartig.

Für die Nase ist Herr Zengs Sonnenessig spannend – man spürt die Säure, sie piekst aber nicht in der Nase. Schwere, dunkle Essigtöne dominieren, mit erkennbarer Würze, ordentlich Liebstöckel, etwas Koriander, Teriyaki-Sauce, ein Hauch von Katsuoboshi. Weiter unten findet man esterige Trockenfrucht, getrocknete Pflaume, fette Melasse, ein Anflug von ganz milder Frische. Im Gegensatz zum neulich erst von mir besprochenen Black Mirin, dem der Sonnenessig naturgemäß schon etwas ähnelt, wirkt das weniger exotisch und ist näher dem, was wir Westler unter einem dunklen Balsamico-Essig verstehen, wenn auch weiterhin würziger.

Zeng's Traditioneller Chishui-Sonnenessig Glas

Im Mund ähnelt der Chishui-Sonnenessig dann aber weder dem italienischen noch dem japanischen Verwandten – die Säure ist sehr ausgeprägt, nur leichte, dann recht malzige Süße unterschmeichelt das ganze. Klar ein Essig, ohne Frage! Sehr angenehm legt sich, während man etwas mit der limettig-harschen Säure ringt, diese Fermentationswürze voller Eindrücke von Soja- und Teriyaki-Sauce, unscharfer Hoisin und Katsuoboshi, an Gaumen und Zunge. Schön ist die wirklich milde, dabei hocheffektive Salzigkeit. Und die starke Umami-Komponente schließlich rundet das Mundgefühl, das durch die ölige Textur voll gemacht wird. Der Abgang ist aromatisch mittellang, kleine Salz- und Umamiinseln bleiben auf den Lippen haften und liefern noch etwas Aroma nach. Die Säure ist bis zum Schluss stark und wirkt noch etwas im Rachen, aber ohne dabei zu kratzen.

Es ist für mich kein Wunder, dass manche so einen Essig auch pur trinken, in China natürlich, wie bei so vielem, aus Gesundheitsgründen. Letztere sind sicher eher da als bei Baijiu, wo uns die Lebensverlängerung und Organheilung beim Genuss auch dauernd verkauft werden wollte, doch man kann sich manchmal auch schlicht erlauben, das zu genießen, weil es schmeckt.


Die Hauptverwendung für dunklen Essig dieser Art ist selbstverständlich in der Küche, da erzähle ich hier nichts wahnsinnig überraschendes. Kann man mit soetwas aber auch in der Mixologie etwas anfangen? Aber gewiss. Meistens verwendet man, braucht man Säure im Drink, Zitrusfruchtsaft. Eine Weile sehr „in“ war Verjus, das findet man heute wieder seltener. Die Säure von Herrn Zengs Sonnenessig ist effektiv und dabei fein abgestimmt, dazu sehr aromatisch – sie macht sich hervorragend zusammen mit Erdbeeren, zu beobachten im Strawberry on Acid.

Strawberry on Acid Cocktail

Strawberry on Acid
3 reife Erdbeeren muddeln
1½oz / 45ml Wodka
¾oz / 23ml Erdbeerlikör
1/6oz / 5ml Balsamico-Essig
1 Prise frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
Auf Eis shaken, doppelt abseihen.
Aufgießen mit 2½oz / 75ml Champagner.

Mit einer in Essig getauchten Erdbeere dekorieren.
[Rezept nach Simon Difford]


Zwei Flaschen in einer sehr attraktiven Außenverpackung mit Karton, dazu der oben mit Schnur auf die Flasche gebundene Papierteil – optisch hat mich dieser Essig in dem der Manufaktur angeschlossenen Shop sofort begeistert. 98¥ habe ich dafür bezahlt, das waren rund 13€ umgerechnet, ein echtes Schnäppchen, das sowohl als kulinarische Delikatesse als auch als Souvenir funktioniert.


Der Schaugarten, den die Firma 2019 eröffnet hat, ist extrem spannend und dabei auch richtig schön zu besichtigen. Seit der Eröffnung hat man mehr als 100000 Besucher gezählt, und das in einer eher abgelegenen Region Chinas. Der allergrößte Anteil dabei ist natürlich Inlandstourismus, ich denke, als wir von Spirits Selection by CMB mit 100 Personen aus aller Welt dort aufkreuzten, haben wir den Ausländeranteil dramatisch explodieren lassen.

Der Besuch in der Sonnenessig-Manufaktur war für mich ganz sicher eines der größten Highlights einer Reise, die nun wirklich nicht an Highlights sparte. Ich liebe solche Besuche, sie erweitern den Horizont und zeigen Dinge auf, auf die man selbst nie gekommen wäre. Auf jeden Fall gilt: wenn meine Leserschaft mal nach Chishui kommen sollte, ist es schlicht Pflicht, sich die Essigproduktion dort anzuschauen. Ein Erlebnis für alle Sinne, das man nicht vergessen wird.

Raus aus dem Regal – The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years

Ich schaue mich gerade in meinem Spirituosenregal um und versuche zumindest, es ein bisschen auszumisten. Dabei fallen mir immer wieder Flaschen in die Hand, die ich wirklich seit Jahren komplett vergessen hatte – oft sind es Dinge, die ich zu Beginn meiner Faszination für Schnaps gekauft habe, und die dann durch den Nachschub, der eine zeitlang wirklich dramatische Ausmaße angenommen hatte, sowohl im Regal als auch im Kopf verdrängt wurden. Man kann ja auch nicht alles trinken, was man so kauft, das ist wie früher bei Büchern bei mir: die aktuelle Lust und die Disziplin auf Dauer, das sind einfach zwei unterschiedliche Stiefel. Die Bücher, von denen ich eh weiß, dass ich sie nicht mehr lesen werde, habe ich vor langer Zeit schon entsorgt, nur ein paar einzelne aufbewahrt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass die Flaschen dran sein könnten.

Und so stelle ich heute einen der Rums vor, die ich vor sehr langer Zeit gekauft und, wie man auf dem Bild sieht, auch schon halb leergetrunken habe: den The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years. Ich erinnere mich dunkel, das war so die Zeit, in der exotische Regionen so auf den Schirm der etwas breiteren Öffentlichkeit traten. Der unabhängige Abfüller The Rum Cask sitzt gar nicht so weit von mir entfernt, in Pirmasens in Rheinland-Pfalz, und hat immer wieder kleine Schmankerln im Portfolio, die oft meinen Nerv treffen. Bei diesem Rum sagt erfreulicherweise Name und Etikett vieles aus, was man vorher wissen sollte: in einer Potstill bei den South Pacific Distilleries auf Fiji gebrannt, mit 59,3% Fassstärke als Single-Cask-Abfüllung in Flaschen gezogen, nachdem das Destillat zwischen 2001 und 2016 fassruhen konnte. Damit ist auch klar, wann ich die Flasche gekauft hatte. Heute will ich sie endlich zu den Besprechungsehren kommen lassen, die sie verdient.

The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years

Wenn ich je ein Sonnenblumengelb im Glas gesehen habe, dann ist es das hier. Leuchtend, strahlend, mit orangefarbenen und strohigen Lichtreflexen. Dazu kommt eine schwere Öligkeit beim Schwenken, bei der sich die Flüssigkeit nur zäh bewegt und schnell in den Ruhezustand zurückgeht. Optisch sicher bereits hier ein Gewinner.

Der Rum hält sich auch nicht zurück, wenn man ihm mit der Nase begegnet. Das wirkt fuselig und dreckig, im positiven Sinne, mit einer guten Mischung aus duftendem Asphalt, hefiger Brotigkeit und tropischer Frucht. Klingt verrückt, klappt aber sehr gut. Eine sehr aparte Kombination aus hellen Aprikosen und Pfirsichen und süßen, vanilligen Tönen erzeugt eine für die Provenance sehr typische Aromatik. Ein Hauch Lack, der durchaus in der Nase pieksen kann, wenn man zu tief schnüffelt, gibt noch erwachsene Komplexität dazu. Honig, mildes Karamell, ein bisschen Heidekraut, und streuseliger Kuchen, man sieht, man findet auch nach ein paar Versuchen interessante Assoziationen; für mich das Kennzeichen von Qualität.

The Rum Cask Fiji Single Cask Rum Aged 15 Years Glas

So einen Rum kann man auch in Fassstärke ohne Probleme ohne Wasserbeigabe trinken. Hier zeigt er dann noch viel mehr Charakter; initial süß und schwer, klart er im Verlauf auf, entwickelt sehr herbe Trockenheit und ordentlich Bittere, die gegen die die Süße nur mäßig Chancen hat. Ein leichtes elektrisches Prickeln bildet sich, mit ausgeprägt holzig-würzigen Eindrücken ergibt das ein wildes, feuriges und dabei sehr volles Mundgefühl. Die Textur passt mit ihrer Viskosität wunderbar dazu und rundet alles trotz der vielen gewollten Spitzen und Kanten ab. Gewürze, insbesondere Kardamom und Estragon, die Frische liefern, und Vanille und heißer Zimt, die für die Tiefe zuständig sind. Ein Tick Lakritz, ein Tick Sternanis, ein Tick Asphalt, ein Tick Bratapfel – wir finden einen sehr komplexen und aufregenden Rum, der viel zu bieten hat. Im heißen und paradox eukalyptisch kalten Nachhall finden wir Latschenkiefer, Blei- und Wachsmalstifte und helle Tabakblätter. Eine Idee von Echt Kölnisch Wasser klingt am Ende in der milden Astringenz mit, während ganz am Ende richtig ölig geröstete Kaffeebohnen und hochkakaoige Bitterschokolade übrig bleiben.

Ein atemberaubendes Grunddestillat, in Stil gealtert. Ich glaube, ich könnte hier noch eine Weile weiterfabulieren, und ich hätte kein schlechtes Gewissen dabei – wer mir nicht glaubt und mich für einen Laberer hält, muss es selbst probieren und mit offenem Mindset an so einen Rum herangehen. Der The Rum Cask Fiji 15 ist sicher etwas besonderes und extrem spannendes, ein Rum, der hart an der Krone meines Lieblingsrums kratzt. Eins ist sicher – dieser Rum wird nicht nochmal nach hinten rutschen im Regal. Die Flasche wird jetzt leergemacht. Es gibt schlimmere Schicksale.


Sicherlich mag mancher sich auch nach viel Überzeugungsarbeit meinerseits immer noch damit schwer tun, so ein feines Destillat in einem Cocktail einzusetzen. Ich gebe aber nicht auf, mein Credo weiterzugeben: Ein guter Cocktail wird durch gute Materialien hervorragend. Da zögere ich dann auch nicht, viereinhalb Zentiliter aus der Flasche des The Rum Cask Fiji 15 Years Aged in einem Vampire’s Fang einzubringen. Der Genuss eines solchen Drinks macht mir zumindest dann doppelt Spaß, wenn ich weiß, dass hier Qualität drin ist.

Vampire's Fang Cocktail

Vampire’s Fang
1½oz / 45ml gereifter Rum
¼oz / 7ml Allspice Dram
¾oz / 23ml Grapefruitsaft
½oz / 15ml Limettensaft
½oz / 15ml Grenadine
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken. Dirty Dump und mit crushed ice auffüllen.

[Rezept nach Andrew Boimila]


Die Flasche ist bei The Rum Cask standardisiert, für das Etikett hat man auch einen einprägsamen und attraktiven Stil gefunden, der die Daten wie oben erwähnt wiedergibt und trotzdem ein bisschen Fremdwehcharme hat, ohne ins Kitschige überzugehen. Die 50€ pro halbem Liter, die ich damals wohl bezahlt hatte, sind heute wohl kein realistischer Preis mehr, die Abfüllung ist aber eh längst vergriffen und nur noch mit etwas Glück auf dem Zweitmarkt verfügbar. Heute gibt es aber deutlich mehr Angebote aus dieser Weltregion, da ist es vielleicht nicht mehr unbedingt nötig, hinter so einer Flasche herzurennen: es würde sich aber sicher lohnen für den, der einfach guten Rum trinken will. Ansonsten kann ich den grundsätzlichen Stil, der hinter diesem Rum steht, jedem nahelegen.