Bier am Freitag – Brouwerij Van Steenberge Fourchette

Ich komme langsam ans Ende der Kiste der belgischen Biere, die mir mein alter Freund Dimitri vor zwei Jahren geschenkt hatte, weil er selbst kein Bier trinkt. Da waren tolle Sachen drin, muss ich sagen, und ich habe ihm mehrfach unter die Nase gerieben, dass er da was verpasst hat. Heute trinken wir eins der Biere, von dem sogar zwei Flaschen in der Kiste waren, das Brouwerij Van Steenberge Fourchette. Es ist laut Etikett ein „multigrain tripel“, was hier bedeutet, dass es aus Gerste, Weizen und Reis gebraut wird, auf belgisch-ordentliche 7,5% Alkoholgehalt hin. Mir gefällt schon die Flaschengestaltung sehr, reduktiv und edel zugleich mit der stilisierten Gabel (auf den Namen des Biers anspielend natürlich). Ich hoffe, der Flascheninhalt wird ähnlich gut.

Brouwerij Van Steenberge Fourchette

Volltrübes Eidottergelb sieht man im Glas, minimalste Partikel sinken schnell nach unten, und bilden den Ausgangspunkt für sehr leichtes Mousseux. Der Schaum ist grobblasig, eine feine Krone setzt sich darauf ab und zerfällt langsam.

Deutlich hopfig ist der Duft, erinnert an ein leichtes Pale Ale, mit Ideen von tropischen Fruchtnoten und etwas Grapefruit. Insgesamt springt es einen aber nicht an, bleibt dezent und leise in der Nase.

Im Mund bildet sich ein für mich nahezu ideales Gesamtbild heraus – perfekt balanciert zwischen Süße und Säure, erstere trägt die Fruchtaromen, letztere die Rezenz. Hier übernimmt dann das Getreide, wie es sein sollte, und sorgt mit ausgewogener Herbe für ein tolles Mundgefühl, mit schöner, leichter, prickelnder Textur und einem vollen Körper. Dabei bleibt das Bier leicht und frisch, kitzelt leicht am Gaumen, und geht dann im Abgang zügig weg, ohne lästig zu fallen.

Das ist ein ideales Bier zum Essen, bei mir gibt es Samstags immer Grillhähnchen, und dazu kenne ich kaum ein besseres Bier als das Fourchette mit seiner Frische und Helle. Zum Ruminieren nehme ich andere Biere, aber als leichten Gaumenerfrischer, der trotzdem Niveau hat, gefällt mir das herausragend gut.

1000 mal Schlimmerdurst – Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

10 Jahre sind eine lange Zeit. Vor rund 10 Jahren habe ich diesen Blog hier gestartet, ohne Ambitionen zu haben, ihn so lange zu betreiben; darum ist auch der Name, „schlimmerdurst.net“, so hemdsärmelig, rein in deutscher Sprache und wenig auf große Reichweite getrimmt, komplett anders halt, wie man das heute machen würde. Dies hier ist – Trommelwirbel – der 1000. Artikel auf meinem Blog, eine Zahl, die mich stolz macht, die mir aber auch etwas Sorgen macht, denn nach 1000 Buchbesprechungen auf goodreads.com habe ich dort den Stift fallen lassen und mich anderen Themen als Büchern zugewendet, dem Schnaps eben. Ich habe tatsächlich vor, ab demnächst etwas kürzer zu treten, was die Frequenz an Erscheinungen hier betrifft, dieser Artikel ist damit schon eine gewisse Zäsur – aber nur, was die Quantität angeht, bei der Qualität will ich dabei bleiben und gewissenhaft verfasste Tasting Notes für die Freunde des guten Genusses veröffentlichen. Weitere 200 Spirituosen- und Bierartikel sind in rudimentärstem Planungszustand noch vorhanden, ich habe aber die Vorstellung aufgegeben, alle mal zu veröffentlichen, es kommen ja weiterhin neue Produkte dazu.

Zum Jubiläum habe ich mir aus diesem großen Backlog einen Brand ausgesucht, der ebenfalls 10 Jahre auf dem Buckel hat. Der Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre war einer der inzwischen selten gewordenen Spontankäufe in einem Getränkemarkt, 2023 war das, denke ich. Natürlich hat erstmal die Präsentation (dazu am Ende mehr) dafür gesorgt, dass man zugreifen will, aber auch die Erläuterung des Inhalts. Im Schwarzwald gebrannt, zehn Jahre erst in Steingut gelagert und dann in Kastanienholzfässern gefinisht, wohl weitere zwei Jahre, die aber seltsamerweise dann nicht in der Altersangabe auftauchen. Ach, diese Details, die mich dann immer quälen, obwohl ich doch lieber einfach den Brand trinken sollte – ich versuche, das in Zukunft ein bisschen entspannter anzugehen. Jetzt aber erstmal den Kirschbrand ins Glas!

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre

Kräftig, brilliant, und mit einer durchgehenden Kupferfarbe versehen gießt sich der Fies Kirschbrand ein, tolle orangefarbene Lichtreflexe in zwei Abstufungen sind im Glas zu sehen. Schwenkt man ihn darin, sieht man eine richtig ölige Struktur, schwer schwappt es, dicke Beine bilden sich, die noch zur optischen, ansprechenden Art beitragen.

Ähnlich wuchtig kommt auch die Nase an, ein volles Kirscharoma springt aus dem Glas. Ich imaginiere dazu so richtig dicke, pralle, eher schon schwarze als rote Kirschen, die beim Reinbeißen knacken. Ein Touch von dem Sirup, in dem Amarena-Kirschen eingelegt sind, kommt dazu, und eine assoziativ völlig losgelöste, aber perfekt integrierte Fleischigkeit, die schwer zu greifen oder beschreiben ist. Ein Hauch Lack, nur wirklich ein Hauch, der Alkoholgehalt von 50% ist nie wirklich spürbar, fügt die Komplexität dazu, zusammen mit einer tiefdunklen, bitterschokoladig-reinkakaoigen Erdigkeit. Ja, noch ein Anflug von Holz rundet das ganze ab, ein Brand, an dem ich wirklich gerne schnuppere.

Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre Glas

Diese wunderbare gesichtete Öligkeit definiert auch erstmal den Antrunk, das fließt wie geschmolzene Butter über die Zunge, rund, breit, tief, in jeder Dimension ist da Volumen da. Süße und Bittere sind aufs edelste abgestimmt, die konkurrieren nicht, sondern ergänzen einander. Im Verlauf bilden sich die Kirscharomen heraus, nun doch eher kräftig und würzig, mit immer noch vorhandenem schwerem Fruchtfleisch und Sirup. Ein paar Momente zwischendurch wird es feurig, nur kurz aber, alles wird von der grandiosen Textur aufgesogen und rund gemacht. Gegen Ende kommen Zimt, Piment und Chili hervor, mit ein paar ganz milden Holznoten, all das bringt den Gaumen und die Zunge zum Brummen, bevor der Fies Momentum dann erst mit Kaffeearomen ganz hinten im Rachen und blumigen, leicht grünen sogar, im Zentrum ausklingt und ein wunderbares Mundgefühl und ein zartes Aromenklingen hinterlässt.

Wer das Vorurteil hatte, dass so eine üppige Verpackung nur dazu dienen könne, Mängel zu überschreiben, liegt falsch – das ist wirklich ein extrem schmackhafter, handwerklich toll gemachter gereifter Kirschbrand, bei dem jedes Detail einfach stimmt und sich herrlich zusammenfügt. Ich hätte mir keinen besseren Brand für mein 10jähriges aussuchen können.


Wenn man schon in nostalgischer Stimmung ist aus gegebenem Anlass, kann man sich auch eine alte Rezeptur zusammenmischen. Der Eider Duck wurde 1937 erstmals in einem Cocktailbuch erwähnt, das ist für mich Historie genug; mit einem gereiften Kirschbrand, wie dem von Fies, ensteht noch etwas mehr Tiefe als mit einem ungereiften. Er ist jedenfalls, mit seinen gleichwertig eingesetzten Zutaten, leicht zuhause zu machen, etwas, was ich mehr und mehr schätzen gelernt habe über die Zeit – aus dem Alter, in dem ich an einem Cocktail eine halbe Stunde gerührt und gemixt habe, bin ich nun doch raus.

Eider Duck Cocktail

Eider Duck
¾oz / 25ml Kirsch Eau-de-Vie
¾oz / 25ml Cognac
¾oz / 25ml Grand Marnier
¾oz / 25ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach C.A. Gadina via William James Tarling]


Wie es bei Spontankäufen halt so ist, war die Präsentation natürlich ein sehr gewichtiger Faktor, bei diesem Produkt mehr noch als bei den meisten anderen. Die Flasche ist schwer, sehr aufwändig gemacht mit vielen Facetten im Glas. Dazu kommt ein schwerer Stöpsel aus mehreren Materialien und beeindruckender Kupfermedaille oben drauf. Der Geschenkkarton ist offen und präsentiert die Flasche, ist selbst aber auch hübsch gemacht mit hochwertigen Materialien und goldfarbenem Druck. Und zu guter letzt findet man noch ein schönes Zertifikat, das ein paar handeingetragene Details zur Abfüllung enthält. Toll, und dem Inhalt der Flasche auch angemessen.

Alles in allem ein Ding, das rund in allem ist und sein Geld locker wert. Natürlich war die Flasche bereits im Familienkreis bei der üblichen Verkostung, und kam gut an, man muss also kein Profi sein, um den Fies Momentum 1726 genießen zu können. Die Flasche wird sicher nicht bis zum nächsten Jubiläum meines Blogs halten, ich denke, ich mache die jetzt zeitnah leer, um mein großes Ziel, die Anzahl der Flaschen in meiner Heimbar zu halbieren, auch irgendwie erreichen zu können. Klein aber fein, das ist meine Ambition, und nach 10 Jahren kann ich, glaube ich, inzwischen besser einschätzen, was bleiben darf und was schnell weg muss, als damals, 2015. Ein Weg, der sich gelohnt hat, zu gehen, auch wenn er steinig war zwischendurch; dieser Blog hat mein Leben bereichert, in vielerlei Hinsicht. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

Bier am Freitag – Brasserie de L’Apocalypse Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus

Noch eins von den Bieren, die mir meine liebe Kollegin Meike aus ihrem Normandie-Urlaub mitgebracht hatte: das Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus aus der dramatisch benannten Brasserie de L’Apocalypse, die in dem nicht weniger beeindruckend benamten Ort Bois-Jérôme-Saint-Ouen in der Normandie liegt. 6,7% Alkoholgehalt, Hibiskus für die Farbe, Zitrone für den Pepp, Zucker für die Süße und vielleicht sogar die Flaschengärung. Ein Bier, das ich aufgrund des Etiketts schon erstmal nicht so recht ernst genommen habe – doch ich wurde überrascht, soviel vorweg.

Brasserie de L'Apocalypse Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus

Nach dem Etikett zu urteilen, hätte ich eigentlich etwas rötlicheres im Glas erwartet; doch auf den zweiten Blick ist dieses etwas unansehnliche, blasse Kastanienbraun eigentlich eine ehrliche, natürliche Farbe, wenn man Hibiskus mit Bier vermischt. Volltrüb und blickdicht, mit erkennbaren Hefepartikeln, die man mit ins Glas gießt und die sich dort setzen. Der Schaum ist sehr fein und bleibt als dünne Deckschicht lange erhalten.

Ebenso natürlich wirkt die Nase auf mich, der Hibiskus ist deutlich erkennbar, aber nicht überfruchtig ausgeprägt, sondern passt sich gut in die Bierbasis ein. Leicht marmeladig, beerig, mit einem minimalen Hauch von Zitrus – ein aromatisiertes Bier, wie ich es mag, denn hier wird man nicht mit künstlichen Aromen überströmt, sondern spürt sofort, dass die Natur walten durfte.

Eine dichte Textur, fast schon kauig, zeigt sich sofort im Antrunk, in Zusammenspiel mit der schaumig-cremigen Karbonisierung macht sich das gut, der Alkoholgehalt ist ohne Makel eingebettet. Der Zucker ist nicht mehr spürbar, im Gegenteil, das Bier geht eher in die bitter-herbe Richtung, wirkt im Verlauf trocken und säuerlich. Die Fruchtaromen sind dezent platziert, Zitrone nun fast schon mehr als Hibiskus, der erst im Abgang nochmal aufblüht. Das Finish ist kurz, bitter, im Vergleich zum restlichen Verlauf fast ein bisschen kantig im Rachen.

Sehr interessant und unerwartet, ein Bier, auf das man sich vielleicht etwas einlassen muss, eine Geduld, die sich aber bezahlt macht. Spannend und handwerklich gut, ich muss vielleicht mal in die Normandie zum Biertrinken.

Süße Fläschchen – Liber&Co. Sirup

Eine Handvoll Wörter im Deutschen haben eine arabische Wurzel, und aus gegebenem Anlass zeige ich euch heute eins: „Sirup“. Der Ursprung ist شراب, latinisiert šarāb, mit der Bedeutung „Trank“. Für mich als studierten Linguisten sind die Sprachentwicklungen spannend, ich gebe mich aber keiner Illusion hin, dass Leser eines Spirituosenblogs sich dafür interessieren, darum bleiben wir beim Wort, wechseln aber den Kontext hin zu modernen Ausprägungen von dickflüssigen, konzentrierten Lösungen. Liber & Co. ist in Austin, Texas, beheimatet, dort wurde aus einem kleinen Startup seit 2011 ein nationales und später internationales Unternehmen, das sich auf besondere Craft-Sirups zum Einsatz in der Bar spezialisiert hat. Das Besondere an den Sirups ist eben, dass sie genau zugeschnitten sind auf die Bedürfnisse, die man als Cocktailfreund so hat, und die von den meisten kommerziellen Produkten nicht erfüllt werden, weil sie eher auf den Einsatz in Limonaden abzielen, und oft mit künstlichen und darum wenig spannenden Aromen arbeiten. Der Importeur Liquory bringt einen Teil deren Sortiments inzwischen nach Deutschland, und 5 Sirupe von Liber&Co. habe ich zugesandt bekommen, die ich hier nun vorstelle: Almond Orgeat Syrup, Caramelized Fig Syrup, Fiery Ginger Syrup, Demerara Gum Syrup und Real Grenadine.

Liber&Co. Sirup

Im Gegensatz zu meinen Spirituosenrezensionen mache ich für die Sirups keine detaillierten Tasting Notes, pur trinkt das eh niemand, darum ist das auch gar nicht interessant. Was macht man sonst damit? Natürlich ist bei mir der Hauptzweck der Einsatz in der Heimmixologie, entsprechend sind auch Rezepte auf der Rückseite der Flaschen angebracht. Für jeden Sirup habe ich aber einen zusätzlichen Cocktail ausgewählt, in dem der Sirup sich besonders präsentieren kann; dazu habe ich darauf geachtet, dass die Basissprituose für jeden Drink eine andere ist, um die Versatilität der Sirupe weiter zu betonen: Whisky, Rum, Cognac, Mezcal und Calvados sollen sozusagen als Leinwand dienen. Nicht immer muss der Sirup die Hauptrolle spielen; manchmal sind es die kleinen, spannenden Aromadetails, die er liefert, die einen Drink so speziell machen. Nun aber genug geredet, rein ins Mixen!


Orgeat ist eine beliebte Zutat insbesondere in Tiki-Drinks, der Mai Tai als herausragendes Beispiel. Doch auch in anderen Rezepten spielt Orgeat natürlich oft mit, wie im Bourbon Lift, einem Drink, bei dem man fast das Gefühl eines schönen Soufflé-Dessert hat. Für den Almond Orgeat Syrup werden Mandeln in Kalifornien zwischen August und Oktober maschinell vom Baum geschüttelt und auf dem Boden für 8-10 Tage sonnengetrocknet. Danach werden sie nach Bedarf geröstet und feingemahlen. Ganz stark nach Mandeln riecht der Sirup entsprechend, mit einem leichten Walnuss-Unterton. Und genau so kommt er auch am Gaumen an – Mandeln und Walnuss, dazu eine wirklich schöne Süßsauer-Balance, mehrdimensional und aromatisch sehr ansprechend.

Bourbon Lift Cocktail

Bourbon Lift
1½oz / 45ml Bourbon
½oz / 15ml Kaffeelikör
½oz / 15ml Sahne
½oz / 15ml Orgeat
Auf Eis shaken, dann mit Sprudel so aufgießen, dass sich eine Haube bildet. Mit Strohhalm servieren.

[Rezept nach Erik Adkins]


Feigensirup ist oft von eher rosaroter Farbe, die Karamellisierung hier macht den Sirup viel dunkler und brauner. Das stört mich nicht – selbst die kleine Menge des Sirups im Figgy Smalls macht ihn besonders. Zwei Sorten Feigen kommen für den Caramelized Fig Syrup zum Einsatz: Calimyrna und Black Mission heißen die Sorten, die in Kalifornien angebaut und dann handgeerntet werden; früh im Jahr von alten Zweigen, später im Jahr von jungen Zweigen. Der Duft erinnert wirklich stark an diese abgepackten, getrockneten Datteln, die man so kaufen kann, dazu eher im Untergrund halbgetrocknete Feigen. Im Geschmack überholen die Feigen dann die Datteln, schöne, kräftige Karamellnoten kommen dazu, die Fruchtigkeit wirkt trotz der Süße frisch und fein.

Figgy Smalls Cocktail

Figgy Smalls
2oz / 60ml Cognac
¾oz / 23ml Orangenlikör
½oz / 15ml Zitronensaft
½oz / 15ml Orangensaft
¼oz / 7ml Feigensirup
Auf Eis shaken, in ein Glas mit Vanillezucker-Rand abseihen und mit einem Salbeiblatt dekorieren.

[Rezept adaptiert nach Courtney Tietze]


Ingwersirup ist eine der Zutaten, die ich immer schon gern in Cocktails einsetze, ich mag Ingwer in jedem Zustand gern. Wenn er dann eine gleichberechtigte Rolle in einem Rezept spielt, wie im Mosquito, gefällt mir das um so mehr. Der Ingwer des Fiery Ginger Syrup weist Bioqualität auf und stammt aus Peru, wo er nachhaltig angebaut und von Hand geerntet wird. Und Ingwer springt einen geradezu an, wenn man die Sirupflasche öffnet, vollaromatisch und dicht; geschmacklich spürt man die krasse Wucht aus Ingwer, gepaart irgendwie verrückt mit einem Touch Eierlikör, und im Nachgang die namensgebende feurige Schärfe, nur leicht durch die Süße des Sirups eingebremst. Großartig!

Mosquito Cocktail

Mosquito
1oz / 30ml Mezcal
1oz / 30ml Campari
1oz / 30ml Ingwersirup
1o / 30mlz Zitronensaft

[Rezept nach The Venetian Resort]


Demerara-Sirup ist dunkler, kräftiger, aromatischer als normaler Zuckersirup, und die dunkle Farbe hat ihren eigenen Charme in Drinks. Im Queen’s Park Swizzle sorgt er genau für diese Charakteristiken. Die zwei wichtigen Bestandteile des Demerara Gum Syrup sind, wie im Namen schon erkennbar ist, Zuckerrohr aus Guyana und Gummi Arabicum von Akazien aus Ländern südlich der Sahara. Der Geruch ist erstmal fruchtig, schwersüße Früchte wie Datteln oder kandierte Feigen scheinen durch, und auch im Geschmack wirkt das extrem dicht, krasssüß und dennoch nicht neutral, angenehm trockenfruchtig, im Anflug melassig. Zuckersirup hier mal als nicht zu unterschätzende Aromakomponente!

Queen's Park Swizzle Cocktail

Queen’s Park Swizzle
2oz / 60ml gereifter Rum
1oz / 30ml Limettensaft
½oz / 15ml Demerara-Sirup
10 Blätter Minze
2 Spritzer Angostura Bitters
Minze mit Sirup und Saft im Shaker andrücken. Mit den restlichen Zutaten lange swizzlen. Mit Minze dekorieren.

[Rezept nach Queen’s Park Hotel]


Künstliche Grenadine ist knallrot, schmeckt überhaupt nicht mehr nach Granatapfel und ist oft eine der Zutaten, mit denen viel Schindluder getrieben wird. Nicht so bei dieser Grenadine, die natürliche Farbe und saubere Fruchtaromatik in den Pan American Clipper bringt. Die Granatäpfel für die Real Grenadine wachsen im San Joaquin Valley in Kalifornien, sie werden kalt verarbeitet, was wohl die Aromen und Farbe am besten bewahrt. In der Nase wirkt die Grenadine leicht laktisch, sehr fruchtig jedenfalls, was sich auch auf den Gaumen überträgt. Eine freche Säure spielt gegen die starke Sirupsüße an, hat aber nur kleine Chancen. Sauber und frisch, voluminös und dicht. Eine sehr schöne Grenadine.

Pan American Clipper Cocktail

Pan American Clipper
2oz / 60ml Calvados
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Grenadine
2 Spritzer Absinthe
Auf Eis shaken. Mit einem Limettenrad dekorieren.

[Rezept nach Charles H. Baker]


Ich mag die kleinen, knuffigen 0,28l-Flaschen mit Schraubverschluss und dezent gestaltetem Etikett, das ist praktisch und platzsparend, und trotzdem charmant. Das Paket, in dem ich die Flaschen von Liquory bekommen habe, ist toll gemacht und zeigt den Inhalt sehr vorteilhaft, wie man sieht.

Ein paar der Sorten sind bei deutschen Versandhändlern (wie dem Rum Depot in Berlin) direkt sofort bestellbar, und wenn man diese Produkte mag, gibt es weitere Sorten: Tropical Passionfruit, Toasted Coconut, Lemon Lavender, Marion Blackberry, Raspberry Gum und Yakima Valley Peach. Eine wirklich große Spannbreite an Aromen, die man da vermixen kann, da ist eigentlich alles abgedeckt, was sogar der ambitionierte Heimmixologe auch für obskurere Cocktails brauchen könnte. Für meinen Teil werde ich mir bestimmt den Lavendelsirup noch anschauen, bisher habe ich sowas bei mir zuhause selbst gemacht; und weitere Sorten, die aktuell noch nicht in Deutschland verfügbar sind, wie der Sugarcane Kola Syrup, klingen auch verführerisch…

Offenlegung: Ich danke Liquory für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Pakets mit den 5 Sirups.

Deutscher Whisky in Kleinstmengen – Blood Moon Single Rye Whisky

Ich bereite mich gedanklich gerade darauf vor, am Wochenende als Juror bei den German Whisky Awards 2025 teilzunehmen. Die Prüfung der eingereichten, ausschließlich aus deutschen Landen stammenden Whiskys findet Ende März in der Whiskywelt Burg Scharfenstein statt, in Thüringen. Ich freue mich erstens auf die Produkte, und bin gespannt, was mir da im Glas serviert wird, aber zweitens auch darauf, ein paar Bekannte wiederzutreffen, die man nur hin und wieder sieht. Die Ergebnisse des Wettbewerbs teile ich euch garantiert auch mit, deutscher Whisky hat ja durchaus genug Eigenständigkeit in Bezug auf die Aromatik, dass sich das für jeden lohnt – in Bezug auf Qualität muss sich Deutschland natürlich längst nicht mehr hinter den klassischen Whiskyländern wie Schottland, den USA oder Japan verstecken.

Gedanklich muss man sich auf so besondere Events natürlich schon vorbereiten, ich kombiniere das aber auch damit, meinen Gaumen ein bisschen zu üben mit einem sehr spannenden Exempel, was Whisky in Deutschland heutzutage bedeuten kann: dem Blood Moon Finest German Single Rye Whisky. Er wird aus gemälztem Roggen gebrannt, und erfährt dann eine Nachbehandlung vom Feinsten – eine „double maturation“, zuerst 5 Jahre im Ex-Amarone-Rotweinfass, danach noch ein zusätzliches Jahr im Ex-Cabernet-Sauvignon-Rotweinfass, also die volle Rotweindosis für den Whisky. Das erfolgt im Single-Cask-Verfahren, und zwar im echten Wortsinn. Nicht nur, dass es sich dabei also nicht um einen Blend handelt, hat Sebastian Büssing, der unter dem Firmennamen The Spirits Alchemist diese Abfüllung verantwortet, wirklich nur ein einzelnes Fass benutzt. Entsprechend gibt es nur 51 Flaschen davon, Nummer 20 habe ich zuhause. Natürlich wird so ein Whisky nicht kaltfiltriert oder gefärbt, insbesondere letzteres ist auch gar nicht nötig, wie wir gleich sehen werden.

Blood Moon Single Rye Whisky

Ich sehe ein dunkles, kräftiges, leuchtendes Haselnussbraun, mit einem leicht rötlichen Einstich. Das Eingießen macht schon Lust, da spürt man, wie die Flüssigkeit viskos aus der Flasche ins Glas schwappt; und wenn man dieses dann dreht, bildet sich ein fetter Beinteppich.

Der erste Geruchseindruck ist erstmal Lack und Klebstoff, nicht auf eine unangenehme Weise, sondern spannend, weil er nicht sticht oder kratzt. Sofort darunter kommt feuchtes Holz, kombiniert mit einer milden Nussigkeit, die mich mehr an aufgeknackte Bucheckern erinnert als an klassische Nüsse. Eine schwere Getreidenote findet sich, die die Basis unter all dem bildet. Ein wirklich interessantes Geruchsbild, ungewohnt, aber sehr unterhaltsam.

Blood Moon Single Rye Whisky Glas

Die Öligkeit, die man gesehen hatte, spürt man dann in der Textur am Gaumen, fett und dicht, voluminös expandierend, das liegt fast wie Sirup im Mund. Direkt im Antrunk wirkt der Whisky süß, auf eine sehr natürliche Weise, doch im Verlauf bilden sich Gegengewichte heraus, die die Verkostung dann übernehmen: pikante Würze, schwarzpfeffrig, die eine kardamomähnliche Kühle mitbringt; das Holz, das sich zusammen mit der Rotweinvorbelegung sehr bemerkbar macht und gleichzeitig nichtastringierende Trockenheit beisteuert; und dann sehr aparte, wuchtige und ausgeprägte Gewürznoten aus Nelken, Piment und Muskatnuss. Den Roggen muss man separat erwähnen, er definiert das Bild von vorne bis hinten, beeindruckend und kraftvoll. Der Alkohol ist perfekt eingebettet, er gibt zusätzliche Stärke und steuert die Länge, an einem Schluck hat man durchaus lange was. Im Nachhall kommt noch ganz vorsichtig Jasmin dazu, die Gewürze und das Holz bleiben aber dominant.

Ein starker, aromatischer, unterhaltsamer Whisky, der sich nicht versteckt. Handwerklich top gemacht, rund und sauber, und trotzdem spürt man die unterschiedlichen Einflüsse des Roggen, des Holzes, und des Rotweins. Das trinkt sich zugegebenermaßen nicht einfach, aber hin und wieder will man auch was, was nicht easy drinking ist!


Der Blood Moon tut entsprechend auch einem Cocktail gut, schon allein die Struktur wird über ihn verbessert, der Geschmack weiterhin. Man beobachte dies im The Slope: Amaro und Aprikose geben noch ihre jeweiligen Stärken dazu, das Ergebnis ist ein starker Drink, der einem so einiges zu denken gibt.

The Slope Cocktail

The Slope
2½oz / 75ml Rye Whiskey
¾oz / 23ml Amaro
¼oz / 7ml Aprikosenlikör
1 Spritzer Angostura
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Julie Reiner]


Die kleine, bauchige Apothekerflasche, in der der Blood Moon Rye abgefüllt wird, liegt gut in der Hand, punktet natürlich hauptsächlich über das vieldetaillierte Etikett. Neben der ansprechenden Illustration vergisst man die Informationen nicht, die teilweise handschriftlich in vorgesehene Lücken eingetragen sind, das ist ja immer sehr charmant und beweist mit, dass hier keine Massenproduktion am Laufen ist, sondern jede Flasche mal in einer Hand lag.

Sebastian Büssing macht immer wieder mal solche winzigen Auflagen, bei denen man wirklich besondere Abfüllungen erhält, die nur wenige Menschen auf der Welt probieren können, zu vernünftigen Preisen. Ich finde das toll, das Engagement ist hier aber auch gepaart mit offensichtlichem Können, und da beides vorhanden ist, empfehle ich bedingungslos, sich die Abfüllungen von The Spirits Alchemist anzuschauen und zuzulegen. Ich hoffe, er hat auch ein paar Flaschen seiner besonderen Produkte bei den diesjährigen German Whisky Awards eingereicht, ich würde mich freuen, die dort probieren zu dürfen.

Bier am Freitag – Spirit of Rum 9. Rumclub Beer Selection

Die Spirit of Rum 9. Rumclub Private Selection präsentiert etwas wirklich sehr Besonderes: das Basisbier, eine Lemke Luise Königliche Weisse (spannend schon für sich allein betrachtet!), wird für 2 Wochen in einem Rumfass gelagert, das zuvor mit einem Rum aus Guadeloupe belegt war, und zwar einem Gardel 1983. Das Spannende daran ist, dass Gardel seine Brennerei 1992 stillgelegt hat und die Brennapparate abgebaut wurden, man also seitdem keinen neuen Rum von dort bekommen kann. Wer etwas darüber nachlesen will, findet hier gute Informationen darüber; der Autor des verlinkten Blogs und ich haben kein gutes Verhältnis gehabt in der Vergangenheit, das soll mich aber nicht daran hindern, diesen gut recherchierten Artikel mit allen relevanten Information zur „Lost Distillery“ Gardel zu empfehlen. Weg vom Rum, hin zum Bier!

Spirit of Rum 9. Rumclub Beer Selection

Sonnenblumengelb, volltrüb, blickdicht. Schaum entwickelt sich ganz kurz beim Eingießen, verschwindet aber praktisch sofort und vollständig, nur einzelne Bläschen sieht man an der Glaswand, die die aufsteigende Perlage aufsammeln, das ist fast wie ein Perlenspiel.

Der Duft gibt vom ersten Moment an beide Welten wieder – einerseits die frische, freche Säure der Berliner Weisse, andererseits das Melasserumfass. Ein komplexer, dabei angenehmer Geruch! Leichter Essig und frischer Federweißer konkurrieren nicht mit der pflaumigen Melasse, die Tiefe dazugibt, und den erkennbaren Holztönen, nein, das verbindet sich in ein vielgestaltiges Bouquet, das wirklich Lust macht, den ersten Schluck zu nehmen.

Natürlich hat eine Berliner Weisse am Gaumen erstmal die Überhand, die richtig knackige Säure, die klar eher Richtung Essig als Richtung Crémant geht, knallt erstmal eine harte Säuberungswelle vor den Bug, die dann mit milderen milch- und fruchtsauren Tönen aus Limette, Granny Smith und Johannisbeere nachgespült wird. Die dunkleren Noten erzeugen zusammen mit dem schönen Alkoholgehalt von 6,5% Körper und Volumen, Feigen, Pflaume, und auch eine Spur des gereiften Rums ist klar erkennbar. Das Holz spielt zwar mit, lässt aber den anderen Komponenten den Vorrang, sich auszutoben, was diese gern annehmen. Der Abgang ist natürlich immer noch von Säure geprägt, ein bisschen kratzt das im Hals, erfrischt aber auch herrlich und hinterlässt kleine Töne von Rum und Zitrone.

Das ist schon echt gut gemacht, der Rum ist wirklich ideal gewählt für das Basisbier, und es ist dabei stark genug, sich nicht unterbuttern zu lassen – im Gegenteil, das ist klar eine Berliner Weisse, die kleine Zusatznoten durch Fassreifung erhalten hat, und nicht umgekehrt. Ein echter Genuss!

Das Ginpendel schwingt zurück – Bobby’s Schiedam Dry Gin

Jugendliche Trinken anders heute. „Ein neuer Trend zur Nüchternheit“ wird da beschworen, „die Vermeidung von Kontrollverlust“ ist den modernen Jugendlichen wichtig – und es gibt neuen Peer Pressure, sich in Zeiten von Social Media nicht unselbstoptimiert zu zeigen. Sehr schön finde ich den smarten Vergleich von Effekten von Alkohol und Photoshop-Filtern, ja, das „Schöntrinken“ geht heute eben auch anders. 2023 erschien dieser Artikel, der auch heute noch lesenswert und wohl aktuell ist. Ich unterstütze diesen Trend, denn ich war schon immer und bin weiterhin ein strenger Verfechter des „trinke gut und wenig statt schlecht und viel“, ich hoffe, das ist bei meinen Blogeinträgen erkennbar.

Ich selbst bin ja ein absoluter Späteinsteiger, was Alkohol allgemein angeht, habe als Jugendlicher nichts getrunken, nichtmal Bier. Umso spannender für mich ist das Produkt, das wir heute betrachten: den Bobby’s Schiedam Dry Gin. Er ist einer der ganz frühen Brände, mit denen meine Spirituosenreise angefangen hat, einer der ersten Gins in meiner Heimbar überhaupt. Er ist dann irgendwie ganz nach hinten in meiner Bar gerutscht, verdrängt in der Sturm-und-Drang-Phase, in der ich so viele Flaschen jeder Art gekauft hatte, und hat dort ordentlich Staub aufgesammelt. Ich grabe ihn nun aus, re-aktiviere die alten Tasting Notes von damals, und ergänze sie mit neuen Eindrücken.

Bobby’s Schiedam Dry Gin

Klar und ohne jede Färbung oder Trübung. Vergleichsweise ölig im Glas, dichter, schnell ablaufender Beinteppich. Die Nase ist sehr fruchtig, erinnernd an bittere, englische Orangenmarmelade, Zitronengras, und frisch geriebenen Ingwer. Etwas Florales kommt dazu, nach Rosenblüten und, das ist bei mir so eine Kindheitsreflexerinnerung, Kölnisch Wasser; spät auch eine leichte glasreinigerähnliche Note, man sieht, ich habe hier sehr unterschiedliche Assoziationen. Nur ein Hauch von Wacholder, das erwarte ich bei diesem Gin auch nicht, er ist für mich der Archetyp der Pseudokategorie „New Western Style“. Er wirkt insgesamt jedenfalls sehr exotisch.

Weich und cremig kommt der Bobby’s im Antrunk an. Weiterhin blumig, aber hier nur noch sehr dezent fruchtig, die Hauptbotanicals übernehmen hier – neben Zitronengras auch Ingwer, wie ich meine, und Zitronenschale. 42% Alkoholgehalt machen sich in einer gewissen Breite und Kraft des Gins erkennbar, das vorsichtige Feuer, das im Verlauf entsteht, ist eher Würzigkeit. Der Abgang ist sehr bitter, kribbelig im ganzen Mundraum und sehr trocken. Von der Länge her mittellang, am Ende bleibt ein Eisenton im Mund, dazu ein Anästhesieeffekt auf der Zungenspitze. Einige kräuterige Zitronengras- und Ingwernoten hängen noch etwas nach.

Bobby’s Schiedam Dry Gin Glas

Ein moderner Gin, der nicht mehr viel mit klassischem Wacholdergin zu tun hat – schade, dass das heutzutage kein Oxymoron mehr ist, sondern dass man erwähnen muss, wenn ein neuer Gin eine dominierende Wacholderkomponente hat. Mir gefällt er als Mixgetränk, allerdings nicht in klassischen Rezepturen. Pur ist er angenehm zu trinken, und durch seine Exotik spannend.


Nun ist der Bobby’s für mich persönlich der Traumgin in einem exotischen Gin & Tonic. Im Zusammenspiel mit viel Eis und einem guten Schuss Fever Tree Mediterranean Tonic ergibt sich der perfekte fruchtig-frische, dabei angenehm süßliche Sommerdrink. Dennoch will ich hier kein Gin & Tonic-Rezept vorschlagen, das wäre zu einfach für meinen Geschmack. Durch seine eigene Aromatik gibt er dem uralten Klassiker Monkey Gland einen leichten Twist, den man mit Standardgin nicht bekäme. Aber Vorsicht – nach ein paar davon kommt man auf verrückte Ideen, wie sich Affenhoden implantieren zu lassen. In einer guten Bar wird man diesen Wunsch aber so oder so nicht erfüllen.

Monkey Gland Cocktail

Monkey Gland
1½oz / 45ml London Dry Gin
1½oz / 45ml Orangensaft
1 Teelöffel Grenadine
1 Teelöffel Zuckersirup

1 Teelöffel Absinthe
Auf Eis shaken.
[Rezept leicht adaptiert nach Harry MacElhone]


Die Flasche ist in einem schönen Grünbraun gehalten, hoch und besonders in der Form. Das Design, das in weiß direkt auf die Flasche gedruckt ist, soll wohl an die Zusammenstellung des Gins erinnern, die ja niederländisch-ostindisch inspiriert ist, die alten Kolonien der Niederlande in Indonesien, insbesondere der Insel Java, liefern ja genau die Zutaten, die beim Bobby’s Gin im Vordergrund stehen.

Dieser Gin war, wie gesagt, einer der Vorreiter für die Abwendung vom klassischen, wacholderdefinierten Gins, eine Zeit, in der jeder aromatisierte Wodka als Gin vermarktet wurde und man zuschauen konnte, wie die Kategorie sich selbst auflöste; das Pendel ist inzwischen wieder zurückgeschwungen. Der aktuelle Gin (im Sinne der Kategorie) ist im Allgemeinen wieder deutlicher vom Wacholder dominiert, wie es das EU-Gesetz auch vorschreibt; sicher ein Teil dieser Bewegung stammt auch von Spirituosenwettbewerben wie dem ISW in Deutschland oder Spirits Selection by CMB international, die den Juroren nun ans Herz legen, diese Kategorien enger zu bewerten und einen Gin durchaus auch abzuwerten, wenn er zuwenig Wacholder zeigt. Eine gute Sache, finde ich.

Bier am Freitag – Nyéki Meggyes Sör

Fruchtbiere sind genau mein Ding – wenn gut gemacht, leider gibt es genug, auf die das Kriterium nicht zutrifft. Scheinbar mögen viele Konsumenten aber einfach den künstlichen Kirsch- oder Beerengeschmack, der in so manchen Produkten drin ist, sonst gäbe es nicht so viele davon. Schade, denn ein gut gemachtes Fruchtbier ist einfach ein tolles Getränk. Heute haben wir das aus Ungarn stammende Nyéki Meggyes Sör zum Probieren vor uns, „meggyes“ ist einfach ungarisch für „Kirsche“, „sör“ heißt Bier, also erwarten wir ein Kirschbier. 4,5% Alkoholgehalt weist es auf, und ist gebraut aus den Zutaten Pilsener Malz, Pale Ale Malz, Hopfen (Magnum), Kirschsaftkonzentrat und Zucker. Man geht also schon eher in die vernünftige Richtung, nicht in die künstliche. Ich bin gespannt!

Nyéki Meggyes Sör

Dunkles Kirschrot, in etwa wie die Farbe der Schrift auf dem Etikett. Volltrüb und blickdicht, mit einem schönen rosafarbenen Schaum, der ausdauernd bestehen bleibt.

Der Geruch des Nyéki Meggyes Sör ist dominiert von Sauerkirschen, frisch und natürlich, eingelegt in ihrem eigenen Saft. Darunter findet sich eine malzige Basis, die aber höchstens den Kirschgeschmack mit etwas herbem Volumen unterfüttert. Insgesamt angenehm, erkennbar säuerlich und vollfruchtig.

Die Textur ist im initialen Antrunk weich, wird aber schnell durch effektive Säure und Bittere aufgebrochen; dadurch wirkt das Bier auch schnell rezent und frisch mit angenehmem Kribbeln auf der Zunge. Die Kirschen wirken nie aufgesetzt, sondern sind Hauptbestandteil dieses Biers, wunderbar integriert in den Bierkörper. Eine spannende Komponente kommt wahrscheinlich vom Hopfen, der alternative Fruchtelemente aus Johannisbeere und Himbeere und eine knackige Bittere bringt: so entsteht ein durchaus komplexes und interessantes Fruchtbier, überhaupt nicht süß, sondern reif und rund. Der Abgang ist lang, beständig vom Kirscharoma getrieben, mit leichter Astringenz und Kribbeln aus der Säure.

Faszinierend! Bei Kirschbier bin ich immer erstmal skeptisch, zuviele Produkte wirken, wie gesagt, nur künstlich oder übermäßig süß. Nicht hier beim Nyéki Meggyes Sör!

Großer Rum in kleiner Flasche – Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB)

Der aufwändige, gerundete, mit einem Aufklappmechanismus versehene Karton des Appleton Joy, den ich damals, als er erschien, zu Hause als Dekorationsobjekt aufgestellt hatte, ist weiterhin ein kleiner Blickfang in meiner Wohnung. Ich habe nur noch einen kleinen Schluck in der Flasche, die darin enthalten ist, das hebe ich mir immer für besondere Anlässe auf. Der Mark, der hauptsächlich im Joy aufgegangen ist, wurde von Joy Spence, der Master Blenderin von Appleton Estate und natürlich auch Namensgeberin des Rums, persönlich als eine ihrer ersten Amtshandlungen ausgewählt, als sie die Arbeit dort aufnahm – daher liegt er ihr wohl, nach eigener Aussage, besonders am Herzen.

Er erlebt nun einen zweiten Frühling, denn ein Rum, der just diesen Mark eng nachbildet, hat seinen Weg in den Appleton Estate 1998 Hearts Collection gefunden. 19 Fässer mit den Nummern #417649 sowie #422371 bis #422388 sind hier in einem Blend vereint, nach 25 Jahren tropischer Lagerung. 995 gr/hlpa wird als Gesamt-Congener-Zahl auf dem Etikett angegeben, das ist natürlich etwas, womit nur der Rumnerd etwas anfangen kann; für den Laien kann man grob sagen, dass es sich laut dieser Zahl um einen im gehobenen Mittelfeld liegenden Jamaica-Rum handelt, was diesen Wert angeht (die Esterzahl, die heutzutage oft beschworen wird, ist eine Teilmenge der Congener-Zahl, der Esterwert liegt also darunter, wahrscheinlich an der Grenze dessen, was man als „Continental Flavor“ bezeichnet). Ich schreibe hier aber jetzt für den Genießer, der sich tatsächlich sowas eingießt ohne Tag und Nacht damit verschwendet, solche Zahlen zu vergleichen und organische Chemie zu verstehen, und der bekommt, da nehme ich das Fazit schon vorweg, eine echte Aromabombe ins Glas.

Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB)

Farblich liegt der Rum zwischen Haselnuss und Hennarot, eine leuchtende Farbe, mit orangenen Lichtreflexen. Viskosität ist erkennbar, eine Filmfläche bildet sich an der Glaswand, die adrig abläuft.

Der Geruch ist vergleichbar kräftig, eine runde Mischung aus tropischer Frucht, nussigen Eindrücken, marzipanigen Tönen und ein bisschen Karotte. Datteln, Melasse, Holz, ein Hauch grüner Blattschnitt und krass dazu kontrastierend krümelige Erdigkeit, ein bisschen Lack, wirklich wunderbar integriert alles, das Basisdestillat und die Fässer passen nahezu perfekt zusammen. Ein Hauch Rotwein, mit minimalstem Schwefel, ein Anflug von Rauchigkeit, beides nur ganz unterschwellig, fügen Komplexität hinzu. Trotz der Stärke und Wucht des Appleton Estate 1998 Hearts Collection hat er damit eine gewisse Subtilität, eine Kombination, die man selten so perfektioniert findet. Alkohol spürt man in der Nase, aber er piekst nicht einmal.

Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB) Glas

Im Mund zeigt er sich deutlicher, von Antrunk bis Abgang merkt man, dass man ein ordentliches Pfund vor sich hat; 63% Fassstärke gehen nicht spurlos an einem vorüber. Doch es wirkt passend, die volle Textur fängt die Kanten wunderbar auf, die natürliche Süße die Spitzen. Schwer ist auch die Aromatik, dunkle, reife Früchte, Banane und ein bisschen Vanille passen wie Zahnräder ineinander, die regelrecht aufblühende Floralität im Abgang bleibt sehr lange hängen und klingt kräftig nach. Der Abgang ist lackig und frech, trocken, leicht astringierend, heiß und feurig, mit ein bisschen Weißpfefferschärfe, doch auch hier gilt, dass das alles irgendwie zueinander passt.

Es gehört Handwerk und Kunst dazu, einen Rum zu kreieren, der so gegensätzliche Eigenschaften so perfekt zusammenführt: Wucht und Eleganz. Man schwankt in der Verkostung des Appleton Estate 1998 Hearts Collection immer wieder zwischen diesen Polen hin und her, und genießt diese Vielschichtigkeit. Natürlich muss man die Fassstärke aushalten können, doch hier geht es besser als bei vielen anderen Produkten dieser Kategorie. Ein perfekter Rum für mich, der hat alles, was ich suche, und bietet sogar Dinge, die mich überraschen. Ein Schluck reicht für viele, viele Minuten, ein Glas für den ganzen Abend.


Bei einem Rum wie diesem muss man entsprechend eigentlich kein Cocktailrezept angeben, er ist komplex genug, um alleinstehend all die Facetten auszustrahlen, die man sonst von einem guten Cocktail erwartet. Im Bikini Atol ist der Rum der klare Hauptdarsteller, er wird nur von kleinen Mengen ergänzender Aromen aus Ananasschalen und Bittern weiter veredelt; das fühlt sich sehr unterhaltsam an, mehr würde ich persönlich aber auch nicht zusetzen.

Bikini Atol Cocktail

Bikini Atol
2½oz / 75ml gereifter Rum
1 Teelöffel Ananasschalensirup
2 Spritzer Angostura
Im Glas anrühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach Food52]


Natürlich kennen meine Leser inzwischen die VSGB-Initiative und die damit verbundenen, liebevoll gestalteten Kleinflaschen. Diese hier hat mich rund 60€ gekostet, man kann sich also denken, wie eine Großflasche davon zum Ausgabezeitpunkt bepreist war, gar nicht zu reden vom Sekundärmarkt, auf dem dieser Rum nun wahrscheinlich nur noch verfügbar ist. Ja, das ist für mich die absolute Obergrenze, die ich gerade noch bereit bin, für diese Menge zu bezahlen, aber tatsächlich bekommt man eine Gegenleistung, die dem gerecht wird.

Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB) Onlinetasting

Zusätzlich zum Rum bekommt man bei VSGB auch hin und wieder die Möglichkeit, an Online-Tastings teilzunehmen, bei denen dann auch echte Größen mitspielen, wie hier Dr. Joy Spence und Luca Gargano persönlich. Ich finde solche Events toll, weil man die Menschen hinter den Flaschen auch mal kennenlernen kann. Mit solchen Erinnerungen kann man den Rum auch lange danach noch mehr genießen, das vergisst man nicht.

Bier am Freitag – Monopolio Lager Clara

Wieder mal stelle ich hier etwas Exotisches aus entfernten Ländern vor – heute ist es Mexiko, mit dem Monopolio Lager Clara. Die Cervecería de San Luis, bei der es gebraut wird, wurde schon 1882 in San Luis Potosí, Mexiko, gegründet, wir reden hier also über ein durchaus geschichtsträchtiges Produkt. Es wird mit 5% Alkoholgehalt abgefüllt, in wirklich hübsch etikettierte Flaschen. Es fällt mir nach dem Ausgießen immer etwas schwer, diese Art von Mitbringseln aus fernen Ländern dann schnöde zu entsorgen, aber immerhin konnte ich einen Automaten in einem nichtgenannten Supermarkt überraschenderweise dazu bringen, mir noch 8ct Pfand für sie rückzuerstatten.

Monopolio Lager Clara

Trotz des Namenszusatzes „clara“ wirkt das Bier im Glas leicht trüb, einen Hauch opalisierend, mit einer Farbe zwischen Mais und Gelbgold. Perlage sieht man kaum, dafür einen schönen feinblasigen Schaum, der sich kurz hält, sich dann aber auf Bedeckung der Bieroberfläche zurückzieht.

In der Nase findet man erstmal eine aparte Zitruskomponente, die das Getreide, das die Basiseindrücke dominiert, aufhellt. Ein gewisser blumiger Touch ist da, wenn man ganz tief schnuppert, nach Rosenblättern, das gefällt mir sehr, vor allem weil es wirklich nur eine minimale Kopfnote bildet.

Die Textur findet den idealen Zwischenstand von voll und frisch, die Karbonisierung gibt ein schönes, dichtes Mundgefühl, während sie gleichzeitig für herbe Rezenz sorgt, das liegt gut im Mund und ist trotzdem sehr süffig. Zitrus und hopfige Aspekte kommen auch im Geschmack vor, ein bisschen Gerstenmaische, aber ich will mir hier nichts hineinfantasieren – aromatisch ist das Monopolio nicht, darum geht es bei diesem Bier aber auch nicht. Entsprechend kurz ist der Abgang, hinterlässt ein frisches, sauberes Restgefühl mit feiner Herbe.

„Fabricación especial para climas calidos“, extra für heiße Klimabedingungen hergestellt, ja, das glaube ich sofort. Zuhause im Winter kommt das Monopolio entsprechend nicht so perfekt erfrischend rüber wie im sehr warmen mexikanischen Hochland, aber es macht Spaß und ist ein idealer Essensbegleiter für pikantes, reichhaltiges Essen.

Ich habe eine Flasche des Monopolio, wie erzählt, aus Mexiko mitgebracht, dort war das die erste Erfrischung, die man nach der Arbeit im Tastingraum von México Selection by CMB 2024 bekam – ein wunderbarer Gaumenklärer. Insgesamt habe ich viele Biere in Mexiko probiert, leider war das Gepäck mit 22,9kg schon so punktgenau für den Rückflug beladen, dass ich nicht weitere Sorten mitführen konnte. Von der nächsten Reise wird es hoffentlich mehr!