Früchte der eisigen Insel – 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur

Eine kurze Reise nach Island, und das mitten im Winter? Ja, manchmal macht man komische Sachen. Nach Island zu kommen ist vergleichsweise günstig, sich dort aufzuhalten dann aber überhaupt nicht mehr, das Preisgefüge kommt einem manchmal absurd vor und man sollte ein paar Extraeuro (in Isländische Kronen zu wechseln lohnt sich nicht, das Land ist durchdigitalisiert und nicht wie Deutschland noch im Neuland gefangen) immer dabei haben. Insbesondere Alkohol ist sowohl extrem teuer als auch streng reglementiert, stärker noch als in Schweden, das ich vor zwei Jahren besucht hatte und dies schon berichtete; die absolute Prohibition, die dort 1915 eingeführt wurde, wurde erst 1989 auch für Bier aufgehoben. Entsprechend legt man gerne mal 12-15€ für ein Glas Bier auf den Tisch, oder mal 6€ für ein Niedrigalkoholbier – diese können die Isländer richtig gut, ich empfehle, mal ein Ægir Ale mit nur 2,25% zu probieren, das schmeckt einfach gut trotz der Leichtigkeit.

Wenn man im Winter in Island ist und ein paar Touren durch die Landschaft macht, zum Beispiel die berühmte Golden Circle Tour, meint man nicht, dass dort viele Früchte wachsen, die es zu ernten lohnt. Im Sommer dagegen soll die Krähenbeere, lokal Krækiberja oder englisch Crowberry genannt, dort weit verbreitet sein, und eine sehr beliebte Zutat bei Desserts, im Frühstück oder in Trinkform als Krähenbeeren-Saft. Von diesem habe ich beim letzten Schritt des Skjól-Rituals in der Sky Lagoon in Reykjavik (ein Besuch lohnt sich, das ist schon sehr beeindruckend gemacht) ein frisches Gläschen bekommen, und das hat mir geschmacklich sehr gefallen, und als ich dann den 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur im Duty-Free-Shop sah, habe ich auf der Rückreise noch schnell zugegriffen. Ohne Aromastoffe, ohne Farbstoffe, ohne Konservierungsstoffe. Nur Alkohol, Krähenbeeren und Zucker – reiner kann man einen Likör nicht gestalten, das passt zur kargen und stillen Kultur der eisigen Insel.

64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur

Die Krähenbeeren geben eine wirklich außerordentlich kräftige, tiefrubinrote Farbe ab, das muss man sagen – wie gesagt, ungefärbt ist der Likör. Dreht man das Glas mit der dicken, viskosen Flüssigkeit, sieht man, dass sich ein dauerhafter Farbfilm an der Glaswand bildet, ich hoffe, man erkennt das auf dem Foto des Glases. Der Likör selbst lässt sich nur bei starkem Gegenlicht durchblicken, die rubinroten Lichtreflexe bleiben eher am Rand.

Die Basisspirituose ist wohl irgendetwas zwischen Wodka und Aquavit, man hat diese Getreidigkeit eines nicht ganz neutralen Wodkas als erstes in der Nase, die 21% Alkoholgehalt spürt man aber nie. Danach kommen, ganz dezent aber nur, beerigfruchtige Noten zum Vorschein, die Krähenbeere erinnert hier etwas an Brombeere oder vielleicht Cranberry, aber noch schwerer und schwarzer. Das springt einen nicht an, sondern bleibt zurückhaltend und vergleichsweise still, wirkt dadurch aber natürlicher als viele andere Fruchtliköre.

64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur Glas

Die Viskosität spürt man auch beim ersten Schluck, die Textur ist dick, aber nicht fett, legt sich fein auf den Gaumen, ohne ihn mit extremer Süße zu überfallen. Auch hier merkt man, dass man bei der Gestaltung der Spirituose eher auf Natürlichkeit setzt, die effektive Süße kommt einem wirklich aus Fruchtsaft stammend vor, nicht künstlich. Mild erscheint die Frucht, dunkel, beerig, eine Mischung aus Cranberry, Preiselbeere und Brombeere, vielleicht ein Touch Cassis, ohne dessen Präsenz zu erreichen. Wie sieht es aus mit der Eingangsfrage bezüglich der Nähe zum puren Saft? Ja, das ist deutlich erkennbar, im Verlauf, wenn die Süße abklingt, sogar immer mehr: dann eine interessante Mischung aus Litschi und Zuckerrohrsaft, würde ich sagen. Der Abgang ist kurz, angenehm weich, nie pappig, und lässt nur einen Hauch von Beeren-Aromen zurück.

Der 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur ist ein sehr sanfter Vertreter seiner Kategorie, da muss man schon offen sein für die feineren, subtileren Aromen und Eindrücke. Gerne hätte ich da etwas mehr erlebt, doch es bleibt das angenehme Gefühl, einen natürlichen, authentischen Eindruck dieser isländischen Beere im Mund zu haben, ohne Verstärkung durch moderne Chemie.


Im Original des Rezepts, das ich für den Crowberry Liqueur ausgewählt habe, nimmt man Holunderblütensirup statt des Likörs, und entsprechend heißt er dort auf schwedisch Fläderbärsglögg (das Rezept stammt aus „Vilda Drinkar“, einem schwedischen, sehr empfehlenswerten Cocktailbuch). Durch den Austausch habe ich den Namen geändert, zum Glück heißt Glögg sowohl auf schwedisch als auch auf isländisch Glühwein: der Krækiberjaglögg ist stärker als seine Inspiration, und noch etwas intensiver.

Krækiberjaglögg

Krækiberjaglögg
2⅔oz / 80ml Krähenbeerenlikör
⅔oz / 20ml roter Wermut
1⅔oz / 50ml warmes Wasser
1oz / 30ml Orangensaft
Vermischen und erwärmen.
Nach Wunsch mit Zimtstange, Sternanis und Ingwer würzen.
[Rezept adaptiert nach Bella Porcile]


Die Flasche, die ich erworben hatte, fasst 200ml, es gibt sie auch in größeren Größen. Egal wie groß, sie ist unauffällig, weist ein stilsicher gestaltetes Etikett mit wenig Sperenzchen und einen praktischen Plastik-Schraubverschluss auf.

Ein nettes Detail – die Brennerei hatte diesen Likör scheinbar 2011 beim ISW eingereicht, bei dem ich erst vor kurzem als Juror beiwohnen durfte – 2011 war ich natürlich noch nicht dabei, aber ich kenne ein paar Kollegen, die wahrscheinlich dafür mitverantwortlich sind, dass der 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur dort eine Silbermedaille bekam, mit der die Brennerei noch heute wirbt. Da sieht man mal, wie sich alles zu einem runden Kreis formt, ich genieße die Perfektion, in der die Geschichte manchmal arbeitet. Und den Likör dazu natürlich auch, die Flasche ist bereits leer.

Bier am Freitag – Saison Dupont

Zu Beginn meiner Bierverkosterkarriere machte ich mir eine Liste von Bieren, die ich unbedingt mal probieren wollte, und die damals nicht superleicht zu bekommen waren. Ein Ausflug nach Bayreuth, zum ersten Hobbybrauerfestival bei Maisels, wo ich als Bierjuror wohl keinen besonderen Eindruck hinterließ, ermöglichte mir zumindest, im angelagerten Shop eine Flasche des Saison Dupont zu erwerben, um einen der Einträge von dieser initialen Liste streichen zu können. Es ist wirklich ein Klassiker, ein Archetyp für den Stil des modernen Saison-Biers, das eben nicht mehr leichtalkoholisch als Erfrischung für die Feldarbeiter dienen muss, sondern kräftig, vollkörperig und trotzdem noch irgendwie leicht den ebenso nach Erfrischung suchenden Büroknecht (also zum Beispiel mich) erfreuen soll. Seit 1759 gibt es die belgische Brauerei Dupont schon, und man macht seitdem eigentlich diesen Bierstil. Also, führen wir uns mal diesen stildefinitorischen Genuss zu Gemüte!

Saison Dupont

Naturtrüb bis zur Blickdichte mit sehr vielen Schwebepartikeln, wenn man die Flasche ganz eingießt. Fahles Gold, mit langlebigem, gemischtblasigem Schaum, der mich wirklich begeistert. Säuerlich, Apfelessig, Hefe, Zitrone – da ist eine wirklich attraktive Mischung aus verschiedenen Aromen zu entdecken, alles eher auf der frischen Seite verortet, keine Störfaktoren, aber auch nichts überkompliziertes, etwas zum Schnuppern und trotzdem klar als Gebrauchsbier gestaltet. Das ist wirklich gut gemacht.

Am Gaumen wirkt es entsprechend nicht so sauer wie von der Nase her vielleicht erwartet, mild, leicht, elegant. Schön balanciert, sehr rezent und durch die Flaschengärung karbonisiert. 6,5% Alkoholgehalt sind perfekt eingebunden. Dezente Kandiszuckersüße, die sich nicht in den Abgang transportiert – dort ist das Bier recht trocken, feinherb mit runder Bittere, die angepeilten 30 IBU wirken nie kratzig, lang im Abgang mit etwas an Frucht.

Hm, ich glaube, ich habe gerade das ideale Bier gefunden. Zum Essen, zur Erfrischung, einfach so zwischendurch – für jeden Zweck ein perfekter Begleiter. Ich hätte mehr als 2 Flaschen aus dem Shop in der Maisel Bier-Erlebnis-Welt mitnehmen sollen. Aber heutzutage ist es in Onlineshops eigentlich unproblematisch zu finden, ich würde es jedem gern ans Herz legen.

Schwarzblau ist der Mais – Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey

Die Inspiration, welche Spirituose man sich zulegt, kommt von unterschiedlichsten Quellen. Mal kauft man spontan was in einem Laden, ohne irgendwas drüber zu wissen; gerne nehme ich was aus Destillerien direkt mit, als Kombination aus Souvenir und Genussmittel; und ab und zu bekommt man was mehr oder weniger aggressiv aus Onlineforen, Chats oder Magazinen nahegelegt, und will überprüfen, ob der Lärm gerechtfertigt ist. Auf den Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey bin ich durch Robin Robinsons Buch „The Complete Whiskey Course: A Comprehensive Tasting School in Ten Classes“ gestoßen; ich schätze sowohl den Autor als auch sein Buch sehr hoch, wer sich für diese Art Spirituose interessiert, sollte sich das Buch definitiv vormerken. Ich bin sehr stolz, dass Robin Robinson mir das Buch bei einem unserer Treffen signiert hat.

Für jede Unterkategorie von Whisky gibt es in dem Buch „Drink This!“-Hinweise, und bei amerikanischem Whiskey fand ich recht prominent eben den True Blue. Die Kommentare dazu waren spannend, ich finde Corn Whiskey eh persönlich sehr interessant und schmackhaft, zum Beispiel den Mellow Corn; darum war das gar keine große Diskussion, er musste her. Dieser Whiskey wird aus „Blue Corn“, das ist eine besondere Maissorte aus dem Südwesten der USA (angebaut für Balcones in New Mexico), hergestellt – wenn man mal nach einem Bild googelt, weiß man sofort, warum dieser Mais so heißt, und man ist gespannt, wie sich diese besondere Farbe im Geschmack äußert. Der Alkoholgehalt wird für diese Abfüllung auf 50% eingestellt, man bekommt den Maisbrand von Balcones aber auch in Cask Strength.

Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey

Ungefärbt ist der True Blue (bei „Straight Corn Whiskey“ wäre das auch nicht erlaubt), dazu ungefiltert, und präsentiert dabei ein schönes Terracotta, leuchtend und strahlend. Die Öligkeit zeigt sich beim Schwenken des Glases, mit fetten Artefakten, die schlierig und langsam ablaufen.

In der Nase kommen erstmal viele weiche Holznoten an, Karotte, Vanille, leicht buttrig. Karamell zieht nach, und deutlich viel Ahornsirup. Toffee ergänzt im tieferen Register, ein Hauch von Rosmarin im oberen Register. Ein wirklich attraktiver Duft, schokoladig und mit Anklängen von Popcorn, wie man es von so einem Brand erwartet; dabei nicht oberflächlich süßlich, sondern man ahnt schon eine kräftige herbe Seite. Die Verwandschaft zu Bourbon ist klar erkennbar, viele Bourbons bestehen ja zu einem Großteil auch aus Mais.

Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey Glas

Im Mund ist der True Blue dann aber noch einen Ticken süßer als ein Bourbon, immer noch klar verwandt, aber ein bisschen einfacher gestrickt. Das heißt nicht, dass der Brand langweilig ist, im Gegenteil – da geht vom Antrunk an ordentlich was ab am Gaumen. Kraftvoll, wuchtig, wild, mit einem Punch, der einem kurz den Atem nimmt. Kurz nach dem süßmilden Antrunk kracht es, Feuer expandiert dramatisch, eine harte Schärfe bringt Gaumen und Zunge zum Brennen, eine Mischung aus dem Alkoholgehalt und einer holzigen Würze. Es fehlt etwas an Tiefe, um das sauber auszugleichen, da muss man schon etwas leiden, dafür ist angenehme Breite da, die im Nachklang immer noch sehr chili-pikant dominiert, während gemächlich eine leicht mentholische Frische aufkommt. Leicht grünlich und vegetal fühlt sich das am Ende an, während die Wärme langsam nachlässt.

Nun, das kann ich nicht reines Gewissens jedem empfehlen, doch für die, die eine gewisse Härte in Spirituosen vertragen und vielleicht sogar mögen, wie ich, ist der True Blue sicher ein Drink, dem man respektvoll gegenübertritt und der einem dann viel bietet, wenn man hinter die grobe Fassade blickt, vielleicht ein Texaner, wie man ihn aus Western erwartet. Definitiv kein easy drinking jedenfalls, mehr was für den Tag, der am Abend eine Lockerung braucht, während man einen Film wie „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ oder „Die Glorreichen Sieben“ schaut.


Im Sunray wird normalerweise Bourbon eingesetzt, doch diese alte Vorkriegsrezeptur kann ruhig einen Schuss des sonnigen Texas in Form eines Corn Whiskys vertragen. Lustig finde ich auch, dass ausschließlich gelbe Zutaten (beim Whisky bin ich da etwas großzügig) eingesetzt werden; ein echter schwersüßer, aromatischer Sonnenstrahl an einem Herbsttag.

Sunray Cocktail

Sunray
¾ oz Bourbon
¾ oz Orange curaçao
¾ oz Cocchi Americano
¾ oz Orangensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach J.W. Tarling]


Die unauffällige Flasche wird von einem Echtkorken unter einem Plastikstöpsel verschlossen. Charmant finde ich immer, wenn wie hier Batchnummer und Abfülldatum angegeben sind. Das Etikett kommt einem in seiner blauen Farbe entgegen, ist aber sonst zurückhaltend gestaltet, mit einer dunkelblauen Maisstaude, die auf das Basismaterial verweist.

Ich war neulich für ein paar Stunden in Texas unterwegs, als ich auf der Reise nach San Luis Potosí eine Nacht Aufenthalt in Houston hatte. Auf der Hinreise war das Mitnehmen einer Flasche texanischen Sprits eher unpraktisch, und auf der Rückreise konnte ich im ganzen Flughafen keine einzige echt texanische Spirituose in den Shops finden, nur allgemein amerikanischen Whiskey. Schade, wenn ich was aus Texas hätte mitbringen können, hätte ich das nach dieser doch positiven Erfahrung mit Balcones sicher gemacht.

Bier am Freitag – Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge

Einer der ganz frühen Cocktails, die ich hier auf meinem Blog gesammelt hatte, verlangte nach einem Fruchtbier als Zutat. Damals stand das Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge in meinem Kühlschrank und wartete auf eine Verkostung, und die Synergie war gelungen. Seitdem ist viel Wasser den Fluss hinabgeflossen, und viel Bier meine Kehle; Zeit, die alte Verkostungsnotiz von damals etwas auf Vordermann zu bringen und das Bier hier endlich zu besprechen. Es handelt sich hierbei um ein Gemisch aus dem Kasteel Donker, einem malzbetonten belgischen Quadrupel, und einem Kirschlikör. Es wird noch laut Zutatenliste mit Kirschen und Gewürzen versetzt; die weitere Zutatenliste liest sich nicht so berauschend und begeisternd: Zucker und Süßstoff (Stevia), Kirscharomen. Da erwarte ich dann entsprechend Süße und überdeutlich ausgeprägte, oberflächliche Fruchtaromen – nun, ich will mein Urteil nicht präjudizieren, wie schon Indiana Jones so schön im Palast von Pankot sagte.

Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge

Fast blickdicht, die tiefrubinroten Reflexe sieht man auf dem Foto leider nicht so gut. Ich habe aus verschiedenen Perspektiven geknipst, aber es klappte nicht so gut, vielleicht kann man es erahnen. Der Schaum hat eine leicht rötlich-braune Färbung. Der Geruch orientiert sich, neben Kirschen, fast ausschließlich an Beeren: Himbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren. Dazu riecht es auch schon süß, vielleicht etwas nach Honig.

Am Gaumen wird es dann ausgesprochen rezent, mit schöner Säure, im Untergrund aber fast schon paradox klebrig süß. Auch hier: Ausschließlich Fruchtaromen. Nicht einmal ein Anklang an „typisches“ Bier, erinnert mehr an Wein oder gespritztes Fruchtschorle. Sehr körpervoll, kein Wunder bei 8% Alkoholgehalt, und sehr beerig. Der Abgang ist lang und, wie soll man es anders erwarten, fruchtig, dazu leicht säuerlich.

Nun ja, es steht zwar das Wort „Bier“ auf der Flasche, aber man muss sich einfach klar darüber sein, dass es sich hier um ein Biermischgetränk handelt, nichtmal ein Fruchtbier, mehr etwas mit viel Laborerfahrung zusammengestelltes. Das muss per se nicht schlecht sein, und das Kasteel Rouge trinkt sich ja auch nicht schlecht, aber irgendwie wirkt es halt künstlich.

Bier am Freitag – Maisel’s Bajuwarus Weizenbock

Es ist jetzt schon zweieinhalb Jahre her, dass ich den Maisel & Friends Bajuwarus Aquavit Barrel Aged 2021 besprochen habe. Ich musste selbst staunen, mir kam das viel näher vor; die letzten Jahre sind einfach wie im Flug vergangen. Nun, damals war bei mir eigentlich schon die Idee da, auch mal die normale Variante des Biers zu probieren, ohne dass es in einem Fass nachgereift wird. Und als ich neulich durch meinen Supermarkt vor Ort schlenderte, stand er plötzlich im Blickfeld, der Maisel’s Bajuwarus Weizenbock. Da erinnerte ich mich an die Idee und holte mir ein paar Flaschen und probierte das direkt aus.

Maisel’s Bajuwarus Weizenbock

Kastanienbraun, volltrüb bis fast zur Blickdichte. Eine gemischtblasiger Schaumkrone in einer leichten Cremafarbe bleibt auf dem Bier und hält es bedeckt. Ganz leicht erkennt man ein Hauch von Mousseux.

Die Nase des Bajuwarus ist erstmal etwas hefig, gefolgt von milden Nelken- und Bananentönen, letzteres vielleicht einen Tick stärker als ersteres. Herbes Getreide findet sich darunter, zusammen mit einem leichten Rostton. Insgesamt eher vorsichtig, aber assertiv; ein schöner Duft, der sich nicht aufdrängt.

Die Textur ist voll und sehr cremig, mit idealer Karbonisierung versetzt, das füllt den Gaumen voll und breit aus. Aus der initialen Süße bildet sich im Verlauf eine angenehme Herbe und dezente Salzigkeit heraus, mit milden Hopfenaromen und einer gründlichen Weizenmalzigkeit, die alles trägt. Im Abschluss entdeckt man eine leicht vegetale, mineralische Note, die Komplexität erzeugt; gerade diese ist es, die für die Aquavitfassreifung eine ideale Basis bildet, finde ich. Der Abgang ist mittellang, sehr frisch und fast zestig, leicht astringierend und im Rachen kribbelnd, hier spürt man auch den erhöhten Alkoholgehalt von 7,5% etwas deutlicher.

Weizenbock ist bei mir in der Erfahrung oft „hit-or-miss“, dazwischen liegt selten etwas; der Bajuwarus ist ein „hit“ für mich. Ein starkes Weizen, ohne Fehler; das trinkt sich so einfach sehr gut. Und eine gute Wahl, es in ein vorbelegtes Fass zu legen, ohne Frage, hier ist genug Charakter da, um sich mit vielen Zusatzaromen vermählen zu lassen.

Die Kultur von Barbados – John D. Taylor’s Velvet Falernum Liqueur

Ich erinnere mich noch an meine Anfangszeit, als ich mich für Cocktails zu interessieren begann und mir langsam meine eigene Hausbar aufbaute. Ted Haighs „Vintage Spirits and Forgotten Cocktails“ war das erste wichtige Buch, das mir dabei half, einen Geschmack für die damals vergessenen Klassiker zu bilden. Es zeigte mir, dass da eine ganze Welt an unbekannten Drinks auf mich wartete, wenn man bereit war, etwas Zeit und Geld in die Suche nach obskuren Zutaten zu investieren. Heute kaum vorstellbar, doch eine davon war damals Falernum.

Schnell stellte sich heraus, dass die, die schon weiter waren in Bezug auf diese Art von Cocktails, immer wieder zu John D. Taylor’s Velvet Falernum Liqueur rieten; einerseits wegen der Aromatik, sicher, doch eigentlich, wenn man ehrlich sein will, hauptsächlich weil es praktisch das einzige Falernum war, das kommerziell erhältlich war. Die Zeiten haben sich geändert, ich habe inzwischen vier Falernums in meiner Bar, eins davon sogar in Deutschland hergestellt. Ein guter Zeitpunkt, auf das Original zurückzublicken und den klassischen barbadianischen Likör aus Rum, Limetten, Ingwer, Mandeln und Nelken, nochmals im Glas zu betrachten.

ohn D. Taylor’s Velvet Falernum Liqueur

Farblich sehen wir Pastellgold, vielleicht sogar eher nur Stroh – eine recht natürlich wirkende Farbe für einen nur mit hellen Zutaten mazerierten Likör. Allzu schwerfällig verhält er sich dann auch passend dazu nicht im Glas. Die Glaswand dagegen ist ein einziger Ölfilm, der sich nur widerwillig in einzelne Beine zerlegt.

In dieser Konsequenz hat man das nicht allzu oft: man kann die angegeben Zutaten ohne Mühe einzeln herausriechen. Zunächst ist die Mandel sehr präsent, danach folgt aber direkt die Limette. Ingwer und Nelke bilden eher das Grundgerüst, auf dem die beiden anderen aufbauen. Eine leichte Spülmittelnote, die in Ethanol übergeht, wenn man ganz tief schnuppert (verrückt eigentlich, bei nur 11% Alkoholgehalt). Dennoch im Gesamtbild sehr attraktiv, das macht Lust aufs Kommende.

John D. Taylor's Velvet Falernum Liqueur Glas

Der Antrunk ist supersüß, das bleibt auch wirklich bis zum Ende die dominierende Komponente, eine vorsichtige Zitrusnote versucht, das auszugleichen, gibt etwas Säure. Noch weniger Chance hat der Ingwer, auch hier ist es mehr eine Idee als ein echter Geschmackseindruck. Die Nelken bauen, wie schon in der Nase, dazu etwas Komplexität auf; insgesamt beherrscht jedoch sensorisch Mandelsüße das Bild von vorne bis hinten.

Der Abgang wird für mich beherrscht von Kokosfleisch, auch wenn das nicht als Zutat enthalten ist – es entsteht wohl aus der Mischung der Mandel- und Gewürzeindrücke. Sehr süß bleibt das Falernum, ist auf Gaumen, Zunge und Lippen für eine Weile da und erzeugt etwas Adstringenz. Leichte Blumigkeit gibt es noch als Nachhall, doch dann ist der Likör auch recht schnell wieder aus dem Mund verschwunden.


Nun, zum Purtrinken reizt mich das Velvet Falernum nicht, dazu ist es zu eindimensional (vielleicht wäre „subtil“ das passendere Wort) und pappsüß, da gibt es sehr viel spannendere Liköre. Es läuft darauf hinaus, dass es eine traditionelle Zutat für Mixed Drinks ist, und da weiß es dann in seiner Puristik doch wieder zu gefallen – es ist kein Sammelsurium an Eindrücken, das den Drink stark verändert, sondern ein milder Mandellimettenlikör, der eher Mitspieler ist denn Hauptdarsteller. Der absolute Klassiker, bei dem man diesen Effekt wunderbar beobachten kann, ist natürlich der Corn ’n Oil.

Corn 'n Oil


Corn ’n Oil
2oz / 60ml Barbados Rum
½oz / 15ml Falernum
2 Spritzer Bitters
Alle Zutaten in einem Tumbler mit Eis bauen.
[Rezept nach unbekannt]


Zum Ausklang möchte ich hier etwas wiedergeben, das Richard Seale, seines Zeichens Inhaber der Foursquare-Destillerie auf Barbados und Hersteller des Velvet Falernum, bei Facebook vor einer sehr langen Weile gepostet hatte, unter der Überschrift „A subject dear to me“. Ich finde es sehr spannend, darum zitiere ich ihn hier einfach im genauen Wortlaut. Es erklärt viele Produktentscheidungen, die rein vom Probieren her nicht ersichtlich sind, und lassen manches in anderem Licht erscheinen.

All rum brands in Barbados did a Falernum. John D Taylor did rum and Falernum. The rum is long lost but luckily not their uniquely Barbadian liqueur. There were dozens of brands, now sadly there are just TWO genuine authentic falernums. Taylors has survived because it was the most famous and most awarded when we used to have those „exhibitions“ back in the day. The attached ad is from the 1950s. Four digits covered all the telephones ! Roebuck Street was home of all the rum brands.

JDT Velvet is not a „commercial version“. It IS Falernum. There was no such thing as „homemade Falernum“ thus commercialised. It was developed by the rum blenders. The idea that in a poor third world colonial country, people spent their money on a commercial version of something they could make at home is so laughably stupid. But not so long ago, Barbadians did not get their chicken from the supermarket, it came „fresh“ from the back yard.

I suspect the cult of making „homemade falernum“ started because the Tiki recipes called for Falernum and it was not available in the US for decades. Recipes of Falernum were simply guessed at. Today I see things labeled Falernum but they do not taste like any authentic Falernum I recall. And a Falernum without rum? please ! That is NOT Falernum!!!! Recipes were closely guarded secrets of the blenders. Not even written down. They are now mostly lost.

Every attempt at non Barbadian authentic „Falernum“ usually overdoes everything. They have no idea that this was a liqueur made in a poor country for very poor people to buy. High abv? what a joke. Only enough rum to preserve was added. Excess imported spices? Laughable. This is not a Falernum. Maybe a fantastic lime liqueur, but not Falernum.

Now if you do not like Falernum, that is cool. If you make a superior lime based liqueur, that is cool too. You probably can because real Falernum was made by people with very limited resources to sell at a very modest price. Just do not call yours Falernum. It is the classic case of cultural appropriation. Barbados is/was too small to protect Falernum in the same way as say Cognac or Bourbon. The practical reality is that today’s „falernum“ brands do not relate to the myriad of Falernum brands of the 1950s, 60s or 70s in Barbados. For us, this hurts.

And if your „corn n oil“ does not use Barbados rum or authentic Falernum, please do not call it corn n oil. If you think there is a way better version with other rums and other lime liqueurs, no problem at all. But if you want to taste what Barbadians actually drank in their veranda in the evening before dinner, then you need Barbados rum and real Barbados Falernum. Only then can you mimic the experience. If you feel you can improve on it, no objections. Just do not take our names. They still mean something. Well to us anyway.

Ich denke, das ist ein typischer Kommentar von Richard Seale, und einer, den ich gut verstehe.

Bier am Freitag – Jintaishan Bier

Am letzten Abend von Spirits Selection by CMB 2024, das in Guizhou in China stattfand, dachte man sich, komm, laden wir die 100 Langnasen aus aller Welt noch schnell in einer Shopping Mall ab. Das war ein Erlebnis! Weniger für uns allerdings als für die großen Gruppen von Chinesen, die diese Gelegenheit nutzten, mal ein paar Ausländer aus nächster Nähe sehen zu können. Da wurden auf der Straße Freundschaften geschlossen, gemeinsame Fotos geschossen, einem Kinder dafür auf den Arm gedrückt und man angeschaut, als ob man vom Mars käme. So oft sieht man als Einwohner von Guizhou offenbar nicht Fremde, und man hat viel weniger natürliche Scheu als in Europa, diesen Mangel für sich zu beheben. Das klingt wie ein abgedroschener Quatsch, in der globalisierten Welt von 2024, doch die Wahrheit, das erfahre ich oft auf Reisen in abgelegenere Weltregionen, sieht tatsächlich so aus. In China kann man das noch erleben, doch wohl fühlt man sich als vorgeführtes Zootier nicht. Nun, in der Shopping Mall sollten wir einfach nur die Gelegenheit haben, ein paar Souvenirs zu kaufen; ich habe mir eine auffällige Dose Bier geholt, weil mir das Design so gefallen hat. Nun probieren wir es, das Jintaishan aus Weifang (Shandong), das aus Gersten- und Weizenmalz, Hopfen und Rohweizen hergestellt wird und 4,3% Alkoholgehalt aufweist.

Jintaishan Bier

Das Öffnen der Dose ist schon an sich ein Trip in die Vergangenheit – der Abreißverschluss der großen 1-Liter-Dose wirkt inzwischen sehr ungewohnt. Danach gießt man ein, das Bier wirkt in seinem Ockerton deutlich trüb, baut praktisch nie wirklich Schaum auf, Perlage ist passend dazu nur in kleinen Mengen vorhanden.

Geruchlich gibt es nur Anflüge zu entdecken, ein bisschen Malz, ein bisschen Gerste, ein bisschen Grapefruit, ein bisschen Metall. Aber, wie gesagt, alles nur in homöopathischen Dosen, da braucht man etwas Fantasie und Erfahrung mit so leichten Bieren, um das wirklich wahrzunehmen.

Die Textur ist weich, deutlich voller als erwartet, mit einem angenehmen, milden und runden Mundgefühl, das Süße und Säure schön gegeneinander aufwiegt, mit leichter Tendenz zum ersteren, und auch trotz des optischen Eindrucks schon frische Rezenz aufweist. Das liegt gut im Mund, ja, aromatisch hat das Jintaishan aber am Gaumen ebensowenig zu bieten wie in der Nase oder fürs Auge. Irgendwo zwischen einem Hellen und einem Weizenbier würde ich das verorten, aber definitiv bei beiden eher eine unspannende Variante. Der sehr kurze, mildbittere Abgang fügt sich in dieses Gesamtbild ein.

Ich in chinesischem Supermarkt

Nun, ich habe es natürlich, wie gesagt, wegen der Dosengestaltung als Erinnerung an einen faszinierenden Ausflug in die chinesische Supermarktwelt gekauft. Und dafür taugt es wirklich gut. Niemand muss mich allerdings um das Bier selbst beneiden!

Mexikanische Wahlen – Júrame Mezcal Artesanal Joven

Sie kam plötzlich und unerwartet, die Einladung zu México Selection by CMB 2024 in San Luis Potosí, aber so etwas schlägt man natürlich niemals aus. México Selection by CMB ist eine Hybridveranstaltung, bei der ausschließlich mexikanische alkoholische Produkte verkostet und bewertet werden; Wein ist der Hauptfokus, doch viele Spirituosen sind natürlich in Mexiko beheimatet und werden hier behandelt. Für mich bedeutete das, an drei Tagen jeweils rund 30 Spirituosen zu verkosten, beschreiben und zu bewerten; ein ähnlicher Aufwand, wie es bei anderen Wettbewerben der Fall ist. Natürlich genoss ich es sehr, eigentlich ausschließlich Spirituosen vor mir zu haben, die ich vom Stil her grundsätzlich mag: Mezcal war der Löwenanteil, gefolgt von Tequila, Sotol, Bacanora, Raicilla und Destilado de Pulque. Hidromel (also Met) war dabei, und viele „destilado con“, also mit zusätzlichen Zutaten destillierten Agavebränden, das bekannteste davon ist wahrscheinlich Pechuga. Ich wäre ein Idiot, würde ich mich beklagen, die paar Gins und Wodkas, die dabei waren, waren auch von hoher Qualität.

Der Júrame Mezcal Artesanal Joven hat, wie schon öfters zuvor, bei der Veranstaltung eine Goldmedaille gewonnen. Da die Verkostungen natürlich blind erfolgen, habe ich keine Ahnung, ob ich ihn vor mir im Glas hatte, und wenn ja, wie ich ihn bewertet hatte; im Nachhinein bin ich mir aber fast sicher, dass es nur gut sein konnte. Ich habe eine Flasche vom Besuch der Taberna dort mitgebracht, und zuhause die Verkostung wiederholt und mir ein paar Tasting Notes, wie immer, niedergeschrieben. Er ist aktuell nicht leicht in Deutschland zu bekommen, doch jeder Aufwand, den man betreibt, ihn zu sich nach Hause zu holen, ist es sicher wert, da nehme ich nichts vorweg. Wie er hergestellt wird, beschreibe ich am Ende des Artikels, das konnte ich direkt und live miterleben, großartige, unvergessliche Eindrücke. Genug geschwärmt, ab ins Glas damit.

Júrame Mezcal Artesanal

Normalerweise benutze ich für meine Tasting Notes ein Nosing-Glas, das ist klar. In diesem Fall habe ich mich aber dafür entschieden, die kleine Schale, die wir als Gastgeschenk vor Ort bekommen haben, einzusetzen. Man sieht auch darin, dass die Flüssigkeit klar und transparent ist, Beine kann ich so nicht direkt beurteilen, doch eine vorsichtige Viskosität schon.

Die Typizität der Salmiana-Agave springt einen aus der Schale dafür umso deutlicher an. Wer das einmal gerochen hat, erkennt es sofort; kaum eine andere Agavenart hat eine so prägnante Note mit extrem hohem Wiedererkennungswert. Eine Mischung aus ausgeprägter, milder tropischer Frucht, zusammengesetzt aus unreifer Ananas, überreifer Mango und Litschi, dazu eine gewisse, überhaupt nicht unangenehme Gumminote, viel Harz (das geht fast in die Richtung von Mastiha), Tannennadeln und verharztes Pinienholz, und schließlich eine volle Blütigkeit, die an Hyazinthen und Veilchen erinnert, und etwas Frangipani. Sehr vegetal, sehr grün, mit mineralischen Aspekten, ein wirklich besonderer Duft, und innerhalb der Agavenbrände klar ausmachbar. Rauch ist nur als eine Idee von Kaltrauch vorhanden, ganz zart, wenn man danach sucht. Insgesamt sind diese Komponenten perfekt ineinander integriert, da schnuppert man gern und lange dran.

Júrame Mezcal Artesanal Joven Glas

Im Mund denkt man initial, dass man einen Kirsch- oder vielleicht Vogelbeerbrand vor sich hat, wirklich extrem weich und zart, dabei aber aromatisch schwer und dicht. Die Textur nimmt sich Zeit, sich über den Gaumen zu legen, rund und voll, dabei nicht beschwerend, eher leicht. Ja, das erinnert verdammt an Vogelbeere. Süß ist der Antrunk, trockener wird es im Verlauf, der Júrame bleibt aber weich, zeigt keine Spur von Astringenz. Die 37% Alkoholgehalt mögen dem Nerd theoretisch zu niedrig erscheinen, im Mund sind sie für mich perfekt gewählt und bringen nur ein leichtes Kribbeln auf die Zunge und angenehme Wärme an Gaumen und Rachen. Leichte Pfeffrigkeit entsteht später, wenn die Agave ihre volle Aromatik ausspielt, mit angenehmer Grüne aus Blattschnitt, aber auch einer sich braun anfühlenden, erdigen Würze, die gerade im Schluss dunkle Kakaonoten, Kokosnussschale und Tabak mit sich bringt. Komplex und schillernd, angenehm zu trinken, im Finish frisch mit leichten Mentholaspekten und edler Bittere.

Das ist einfach wunderbar. Vielleicht bin ich beeinflusst, weil ich die Herstellung vor Ort miterlebt habe, doch ich glaube, dass das jedem gefällt, der Agavenbrände gern trinkt. Mild und trotzdem vollaromatisch, rund und trotzdem mit Spannung, ein wirklich herausragend gut gemachter Brand. Die mehrfach wiederholten Prämierungen für Júrame bei México Selection by CMB wie auch bei Spirits Selection by CMB sind kein Fake, mich wundert das kein bisschen.


Ein Eisbär in Mexiko? Das ist schon ein gewisser Kontrast, und gerade sowas spricht mich an. Dieser Riff auf einen Stinger braucht einen starken Mezcal als Hauptzutat, und alle Eigenschaften eines Salmiana-Mezcals drängen mich, diesen in so einer Rezeptur einzusetzen, und das klappt hervorragend, erst schmeckt man die Salmiana, die dann sehr rund in Minze übergeht. Im November war es nicht so heiß in San Luis Potosí, dass man eine wirkliche Erfrischung gebraucht hätte, aber ich kann mir vorstellen, dass ein Drink wie der Polar Bear im Sommer dort gut ankommen könnte.

Polar Bear Cocktail

Polar Bear
1½oz / 45ml Mezcal joven
¾oz / 23ml weißer Wermut
½oz / 15ml Crème de menthe
6 Tropfen Angelika-Tinktur (oder Celery Bitters)
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Josh Harris]


Im folgenden zeige ich ein paar der hunderten von Bildern, die ich beim Besuch der Taberna (so nennt man in der Region San Luis Potosí eine Mezcal-Brennerei, nicht Palenque, wie weiter im Süden Mexikos) geschossen habe. Sie sollen einen groben Blick ermöglichen, wie so ein Artesanal-Mezcal hergestellt wird. Man wird schnell erkennen, dass die Kriterien des CRM, der offiziellen Regulierungsbehörde für Mezcal, hier leicht eingehalten werden: kein Autoklav beim Kochen, ausschließlich Agavenzucker und keine Fremdzucker, diese werden durch wilde Hefen fermentiert, und schließlich das Destillieren mittels einer Kupferbrennblase.

Der erste Schritt, die Ernte der Agaven, war natürlich schon erfolgt, als wir vor Ort waren. Man sieht die Agavenherzen, piñas genannt, die bereits von den spitzen, dornigen Blättern getrennt wurden. Meine Hand diene als Größenvergleich. Es handelt sich bei Júrame rein um die Art Agave salmiana subsp. crassispina, vor Ort oft auch einfach „Agave verde“ betitelt, historisch wird diese Art schon seit langer Zeit in der Region von San Luis Potosí verwendet.

Diese Agavenherzen müssen nun gekocht werden. Bei Júrame verwendet man dafür einen Steinofen („horno“). Er besteht aus einem gemauerten Raum, der mit Feuer beheizt wird. Die Befüllung des Ofens erfolgt von oben herab, denn so kann man den Raum besser nutzen. Mit Brettern wird der Ausgang geschlossen, aus diesem Ausgang werden die gekochten Agaven später herausgeholt.

Die Farbe ändert sich durch das Kochen von weißgrün nach braungelb. Mit Schubkarren werden die Herzen nun zur ersten Zerkleinerung transportiert. Für uns wurde eine herausgeholt und in kleinen Häppchen zum Probieren angeboten; man merkt, wie die Zucker in der Agave nun karamellisiert sind. Supersüß und aromatisch, die ausgekauten und ausgelutschten Fibern kann man ausspucken.

Die erste Zerkleinerung findet mit einem Doppelmühlstein statt, der maschinell angetrieben wird. Die Agavenherzen werden dabei zerdrückt und in kleinere Brocken aufgespalten. Man hilft mit Äxten aus, die Hauptarbeit der Arbeiter hier besteht darin, die Teile immer wieder unter die Mühlsteine zu platzieren, mit Mistgabeln und Harken, eine anstrengende Tätigkeit.

Den Saft der Agave extrahiert man dann in der zweiten Pressung. Die bereits zerkleinerten Stücke werden zum zweiten Mühlstein transportiert, und dort solange zermahlen, bis der Saft mehr als knöchelhoch steht. Der Mühlstein wird bei Júrame von einem Traktor bewegt, weiterhin gilt es, die Agavenstücke mit einer Mistgabel so zu schichten, dass der Mühlstein was zu mahlen hat.

Was geschieht mit den ausgepressten, vom Saft befreiten Fibern? Sie haben immer einen Einsatzzweck, sei es als Ausgangsmaterial für Stoff, als Zunder oder Brennmaterial, oder, wie bei Júrame, als beliebtes Futter für die Schweine, die hinter der Brennerei leben. Da immer noch genug Süße vorhanden ist, sind die Schweine ganz verrückt danach und schon als Frischling genießen sie diese nahrhafte und gesunde Speise.

Der Saft dagegen ist das wahre flüssige Gold. Er geht in die Fermentation, mit wilden Hefen, die die offenen Tanks einfach so inokulieren. Der Schaum ist dick auf dem breiten Tank, man sieht aus einem der runden, hohen Tanks noch den Dampf aufsteigen, der andeutet, wie warm die Fermentation abläuft. Hier endet die Produktionstour für uns, den Destilliervorgang konnten wir leider nicht sehen, doch da muss man auch nichts Ungewöhnliches erwarten – eine kleine Kupfer- und eine Edelstahlbrennblase mit refrescadera sind im Einsatz.

Im Gastraum, der außergewöhnlich hübsch gestaltet ist, bekommt man neben dem Mezcal selbst auch noch ein paar kleine Häppchen, toller regionaler authentischer Fingerfood. Im Nebenraum sieht man die kleinen Barriques, die hier für die Reifung genutzt werden; ein Reposado ist von Júrame im Portfolio. Für mich eine nette Ergänzung, aber die wahre Schönheit eines Mezcals sollte meines persönlichen Erachtens nicht durch generische Holzung gemindert werden.

Der Empfang war sehr herzlich und aufwändig; der Besitzer der Taberna, José Eduardo Lomelí Robles, führte uns persönlich herum und erklärte alles. Das Anstoßen am Ende der Tour war selbstverständlich.

Eine sehr schöne Seite des Besuchs waren sicher auch die mit bunten Kostümen ausgestatteten Folklore-Tanzgruppen, die zu traditioneller, sehr rhythmuslastiger Musik die charmante Begleitung unserer Gruppe vornahmen. Diese Gruppen werden von der Brennerei unterstützt, es ist ein Teil des „Zurückgebens“ an die Gemeinschaft, ein Thema, das dem Besitzer sehr wichtig ist.

Wenn ich mir selbst die Bilder anschaue, kommen die Eindrücke sofort zurück; die laute, klappernde Musik, die angenehme Wärme des ausgehenden mexikanischen Novembers, die leicht staubige Luft, der Geschmack der frisch karamelisierten Agaven, der Geruch der Kräuter… und natürlich die unvergleichliche Gastfreundschaft der Mexikaner, die mich wie einen der ihren aufgenommen haben. „Nunca nos vamos a ir“, den Trinkspruch habe ich immer noch im Ohr, und ich merke, dass ich mich in das Land, seine Landschaft, seine Leute und sein Flair schockverliebt habe. Ich werde dorthin nochmal zurückkehren, das ist nur eine Frage der Zeit.

Cognac am Freitag – Grape of the Art Vaudon Lot 75/78/80 Cognac

Cognac ist in den meisten Fällen ein Blend, darüber haben wir schon oft gesprochen. Selten ist es möglich, Details über die Blendbestandteile zu erfahren, das ist sicherlich eine Mischung aus Geheimniskrämerei der Hersteller und Mangelinteresse an solchen nerdigen Zusatzinformationen von Konsumentenseite, wie so oft. Im Zuge des Abbaus beider Aspekte findet man heutzutage aber immer mehr Produkte, bei denen man sogar ohne dedizierte Nachfrage mehr und mehr solche Informationen bekommt und damit das Endprodukt doch besser verstehen kann und erkennt, dass hier manchmal ganz spannende Sachen passieren. So ist der Cognac, den ich heute vorstelle, ein gutes Beispiel dafür. Gebrannt 1975, 1978 und 1980 aus Ugni-Blanc-Trauben aus den Fins Bois, dann in Fass 757880-1 eingelegt und dort für 43 Jahre in einem feuchten Lagerhaus vergessen, bevor er im Mai 2024 dann in Fassstärke mit 48,1% Alkoholgehalt abgefüllt wurde. 298 Flaschen gab das Fass her, und wir probieren ihn nun, den Grape of the Art Vaudon Lot 75/78/80 Cognac.

Grape of the Art Vaudon Lot 75-78-80 Cognac

Zwischen Terracotta und Hennarot liegt die Farbe, die sich im Glas leuchtend und strahlend präsentiert. Eine elegante Öligkeit kommt dazu, mit hübschen, langen, dünnen Beinen, die sich bilden und ablaufen.

Vollfruchtig geht es in der Nase weiter, mit schönem floralen Seitenaspekt, ein bisschen seifig vielleicht, aber in keiner störenden Weise. Rote, sehr reife Trauben, Aprikose, ein Hauch Schwarzkirsche, ein bisschen Pflaume; Veilchen und Löwenzahnblüten, sehr sanft integriert darin. Zimt scheint durch, ein minimalster Touch Anis und Lakritz, nur soviel, um Spannung in die Fruchtbombe einzubringen. Leicht, luftig, spielerisch, ein angenehmer Duft!

Am Gaumen findet man erstmal die fast schon sirupartige Textur, die sich im Antrunk anschmiegt. Aus ihr baut sich eine interessante Struktur auf, im Verlauf immer mehr zum Trockenen hin tendierend, warm und kalt im Wechsel, mit aus der Süße hier nun sehr viel deutlicher aufsteigendem Anis, Muskatnuss und Zimt. Eine feine Ledrigkeit kommt dazu, wenn ein ganz sanftes Astringieren einsetzt. Dieses leitet ins Finish über, warm, blumig mit viel Jasmin im Nachklang, effektvoll am Gaumen bleibend, hell und klar.

Rund und sanft, aber mit einem wirklich spannenden Finish, das mich voll überzeugt und sicherlich das Highlight des Vaudon 75/78/80 ist. Der Blend funktioniert hervorragend in seiner Gesamtheit, da gibt es absolut nichts zu meckern. Nach vielen Minuten hat man immer noch Teile der Aromen im Mund, und ich höre jetzt auf zu schreiben und lutsche diese genüsslich vor mich hin.

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Meisterlich – Rügener Insel-Brauerei European Championshops Beer Styles (Auswahl)

Zur Fußball-Europameisterschaft 2024 ließ sich die immer rührige Rügener Insel-Brauerei etwas unterhaltsames einfallen – neben den Fußballern konnten durch sie die Nationen auch im Bierbereich miteinander in Wettbewerb treten. Diverse Länder wurden ausgewählt, und extra für sie ein Bier gebraut, in einem Stil, der irgendwie mit dem Land in Verbindung gebracht werden kann. 10 Biere gab es, und man konnte online mitabstimmen, wer der Europameister werden würde. Ich habe mir einfach 4 davon ausgesucht, die ich besonders spannend fand, und stelle sie hier nun vor: das Dutch Wit für die Niederlande, das English Special Bitter für England, das Spanish Lemon Lager für Spanien und das French Season für Frankreich. Wie immer üblich bei der Insel-Brauerei werden sie in traditioneller Flaschenreifung hergestellt, und alle haben zwecks Chancengleichheit 5,6% Alkoholgehalt.

Rügener Insel-Brauerei European Championshops Beer Styles Auswahl

Gehen wir von links nach rechts durch und starten also mit dem Dutch Wit, das als besondere Zutat etwas generisch „Gewürz“ aufweist; bei einem Wit hat man ja recht klare Vorstellungen, was sich dahinter normalerweise verbirgt. Volltrüb ist es jedenfalls, bei Gegenlicht sieht man gerade noch so Lichtspiele hinter dem safranfarbenen Bier. Ein sehr attraktiver, sehr feinblasiger Schaum bildet sich auf der Oberfläche.

Rügener Insel-Brauerei Dutch Wit

Ich finde den Duft sehr typisch für den Stil, mildgetreidig aus der Basis, leichtaromahopfig mit Tönen von Aprikose und Mango, und vor allem schön mit ganz dezenten Tönen von Orangenschale und Koriander versehen. Das schnuppert sich jedenfalls richtig toll, ein Duft zum Genießen. Auch am Gaumen setzt sich die Rundheit fort, da passt alles ineinander wie Rädchen im Uhrwerk – die Textur ist superweich und fett, ohne schwer zu werden, bietet dank sauberer Säure und fein ausgeprägter Karbonisierung ein echt schönes Mundgefühl. Die Aromatik bleibt dezent, aber erkennbar, milde Aromahopfentöne gehen Hand in Hand mit der vegetabilen Seite des Korianders und einer zestigen Herbe. Ganz vorsichtig klingt im Abgang ein pfeffriger Aspekt, sowohl vom Effekt als auch vom Geschmack her, nach, wenn das Bier feinherb und leicht trocken ausschwingt. Nichts zu kritisieren, schlicht ein großartiges Bier.


Am meisten gespannt war ich auf das English Special Bitter. Es wird mit Gerste- und Weizenmalz gebraut, hat sonst nur noch den Traubenzucker für die Flaschenreifung als Zutat und wird zu Beef Wellington empfohlen – ich probiere es alleinstehend. Deutlich trübes Senfgelb in Kombination mit sehr feinblasigem Schaum, auf dem einzelne Großblasen wie Inseln schwimmen, machen das Bier jedenfalls zu einem Eyecatcher. Der Geruch ist dagegen eher zurückhaltend, erinnernd an ein klassisches Helles, getreidelastig, ohne, dass irgendetwas sich in den Vordergrund drängt. Ein Hauch von Blumigkeit vielleicht, durchaus angenehm.

Rügener Insel-Brauerei English Bitter

Am Gaumen merkt man schon beim Antrunk, warum das Bier so heißt, die Bittere ist klar vorhanden, und steigert sich im Verlauf weiterhin, bis sie im Abgang am Zäpfchen dann richtig kribbelt und grapefruitig wirkt – ohne, dass man den Eindruck bekommt, ein IPA oder Pale Ale vor sich zu haben, das ist schon eigenständig. Natürlich dominiert der Hopfen hier, geschmacklich wird es aber nicht aromahopfig fruchtig, sondern eher bitterhopfig, mit ordentlicher Trockenheit. Aufgefangen durch eine runde Struktur und kauige Textur hat man hier ein Bier, das als Essensbegleiter ganz sicher hervorragend funktioniert, und für den Liebhaber herber Biere sicher auch alleinstehend.


Etwas Besonderes ist ohne Frage das Spanish Lemon Lager – ich habe noch nie von so einem Stil gehört, es wird als „New Style Lager“ deklariert. Mais, Gewürz und Meersalz kommen zu den gewohnten Zutaten. Blasses Zitronengelb ergibt das, leicht trüb, mit einem eher grobblasigen Schaum, der einen halben Zentimeter eine Weile erhalten bleibt.

Rügener Insel-Brauerei Spanish Lemon Lager

Neben der Farbe ist auch der Geruch mit für den Namen verantwortlich – zu der klassischen Lagercharakteristik, die stark auf Getreide setzt, kommt ein Touch, aber nur ein Touch von Zitronenschale. Spanische Biere sind oft aromatisch eher schwachbrüstig, hier findet die Nase was zu tun, ohne den erwarteten Stil zu verletzen. Sehr vollmundig, rund und sehr voll, beinahe schon kauig, das Lemon Lager liegt echt fett im Mund, das überrascht zunächst. Die Textur ist dicht, ohne das Bier schwer zu machen, es bleibt ein wolkiges, frisches Lager, rezent und leicht, mit klar stringentem Getreidegeschmack, bei dem die Zusatzzutaten nur noch winzige Details steuern. Großartig, trinkig, mit viel Sommerpotenzial!


Zum Schluss gönnen wir uns noch das French Season, das neben Gersten- und Weizenmalz auch die heute hier schon gehörte Zutat „Gewürz“ listet. Da wünsche ich mir für die Zukunft etwas mehr Transparenz, dahinter kann sich ja alles mögliche verbergen. Der optische Eindruck ist definitiv schonmal spicy – opalisierend und leicht trüb, mit kräftiger Safranfarbe und einem lebendigen, mittelgroßblasigen Schaum, dazu sehr starke und feine Perlage.

Rügener Insel-Brauerei French Season

Frische und leicht blumige Nase, mit einer deutlichen Erinnerung an Witbier und einem gewissen Zitrusfruchttouch. Das Getreide scheint auf sehr angenehme Art und Weise durch, ein Bier, bei dem man sofort Lust auf einen Schluck bekommt. Da wird man dann auch nicht enttäuscht, der Körper ist doch voller und texturierter als bei einem Wit, mit einem klassischen Weizenbier-Mundgefühl. Auch aromatisch ist es ähnlich dicht, bleibt dabei durchgängig leicht und frisch, klar und sauber. Sehr angenehm in der Rezenz, ohne säuerlich zu werden, erst im Abgang zeigt sich herbe Bittere und das Gewürz. Großartig, süffig, geschmackvoll. Das muss ich definitiv öfters haben.


Die wissen bei der Rügener Insel-Brauerei einfach, was sie machen. Diese Bier sind besonders, im besten Wortsinn, und nicht nur exotisch oder auf den Gag der Meisterschaften hin gemacht; ich würde alle vier, die ich heute hier vorgestellt habe, echt gern in einem Dauersortiment sehen. Aber die Alternative, immer wieder mit etwas Neuem von der Ostsee positiv überrascht zu werden, hat natürlich auch ihren Charme. Ich bin mit beidem zufrieden, und würde mir echt schwertun, aus diesen vier hier einen eindeutigen Gewinner auszuwählen, zum Glück muss ich das nicht sondern genieße alle für sich mit ihren Qualitäten.

Leider hat keines davon den Wettbewerb gewonnen, sondern das Czech Lager, gefolgt vom Austrian Märzen. Nun, ich hatte eh vor, mir die anderen Mitbewerber auch noch zu gönnen.