Krautiges von der Insel – William Hinton Moot Vermute Meio-Doce

Meine Schwägerin Judith macht selbst Wermut, und versorgt mich regelmäßig mit ihren hausgemachten Produkten. Seitdem habe ich nur selten kommerziellen Wermut gekauft, der selbstgemachte ist so aromatisch und besonders, dabei ganz klassisch und wirklich kräuterlastig, dass es die oft eher milden italienischen und französischen Wermuts etwas schwer haben; insbesondere, wenn es um den Einsatz in wuchtigen, kräftigen Cocktails geht. Ich würde ihr ja empfehlen, diese tollen alkoholischen Produkte zu vermarkten, ich denke, ich wäre sicher nicht der einzige, der so etwas zu schätzen weiß. Bis es soweit ist hat der geneigte Wermutfreund ja trotzdem eine große Auswahl, und dank der sehr rührig arbeitenden Solveig Gerz-Stamenkovic finden wir hierzulande auch in dieser Kategorie inzwischen exotischere Produkte, wie den William Hinton Moot Vermute Meio-Doce.

Für diesen halbtrockenen, roten Wermut, der als der erste authentische Wermut von der autonomen Region Madeira, zugehörig zu Portugal, beworben wird, werden aromatische Kräuter von der Insel und Gewürze gereiftem Madeira-Wein beigefügt, also wirklich im wahrsten Sinne ein Kind der Insel. Er stammt von Engenho Novo da Madeira, die der geneigte Rumfreund ja bereits kennt (oder kennen sollte). 14,5% Alkoholgehalt weist er auf, und ich bin immer gespannt, neue Ausprägungen eigentlich ganz traditioneller Kategorien ausprobieren zu dürfen; man findet oft überraschende Besonderheiten in ihnen. Vielleicht hat der William Hinton Moot auch so eine in Petto?

William Hinton Moot Vermute Meio-Doce

Gebrannte Siena sehen wir im Glas nach dem Einschenken, mit leicht rubinrötlichen Lichtreflexen, wenn man das Glas ins Gegenlicht hält. Beim Schwenken entstehen direkt fette Schlieren an der Glaswand, die Flüssigkeit schwappt schwer und sehr ölig, das beeindruckt schon beim Zuschauen.

Apart ist aber auch die Nase – zunächst gefällt eine sehr angenehme, ausgeprägte und trotzdem nicht überschwängliche Fruchtigkeit, rote reife Trauben, milde Grapefruit, gekochte Ananas und Brombeerkompott. Weich, rund, voll. Darunter findet man aber schnell die Komplexität von edler Nussigkeit, viele Walnüsse und ein paar Mandeln eingestreut. Leichte Sandelholztöne kommen dazu, in toto ergibt das ein wirklich schönes, rundes Aromabouqet, an dem man gerne und lange verweilt.

William Hinton Moot Vermute Meio-Doce Glas

Hauptsächlich die Frucht transferiert dann auf den Gaumen, deutlich säuerlicher als die Nase ankündigte, die Beeren, die Grapefruit und die Trauben wirken dennoch voll. Die Textur zeigt sich weiterhin fett und expansiv, sie sorgt dafür, dass die Säure sich nicht zu dominierend verhält. Im Verlauf bringen erdige und holzige Töne Abwechslung, die Walnuss kommt zum Zuge, und insgesamt dreht sich der Eindruck mehr ins Trockene, erinnert im Nachhall fast an einen ganz milden Amontillado, wenn die fruchtigen Obertöne verklungen sind. Sanfte Astringenz zieht einem etwas die Spucke weg, und eine durchaus maritime Salzigkeit erscheint ganz spät und komplettiert ein vielschichtiges und unterhaltsames Bild.

Komplex, vollaromatisch und sauber strukturiert, was will man mehr von einem halbtrockenen Wermut. Die Kräuter, die ich normalerweise stärker erwarten würde, gehen vielleicht stellenweise etwas unter gegen die Frucht, doch es fühlt sich nie falsch an, was man da trinkt, sondern stark, kräftig, und dennoch eher ein Rapierfechter denn ein Säbelschwinger.


Die Trinkempfehlung auf der Rückseite der Flasche geht hin zum Purgenuss, auf Eis und mit einer Orangenzeste. Das funktioniert sicher, wer etwas mehr Aufwand betreiben möchte, kann sich die Kreation von Kai Dietrich aus dem La Boutique Trinkkultur Café & Bar in Neustadt an der Weinstraße ansehen; Kai kombiniert hier einen Zuckerrohrsaftrum aus Madeira mit diesem Wermut und Pampelle Ruby, einem Grapefruit-Bitter. Der Madeironi ist auf dem Papier klar als Negroni-Twist erkennbar, zeigt sich im Geschmack aber klar unabhängig von seinem Vorbild.


Madeironi
60ml Rum Agricola da Madeira
60ml Moot Vermute
40ml Pampelle Ruby
Auf Eis rühren. In ein gefrostetes Glas mit einem großen Eiswürfel abseihen.
Mit einer Orangenzeste servieren.

[Rezept nach Kai Dietrich]


Die Braunglasflasche fasst die leicht ungewöhnlichen 750ml, und ist mit einem Echtkorken versehen. Die Gestaltung hält sich sehr zurück, rein buchstabengeführt, direkt auf die Flasche aufgedruckt.

Madeira hat offensichtlich viel zu bieten, nachdem ich schon diverse Rums von dort probieren konnte (und hier besprochen natürlich, man suche einfach nach dem Schlagwort „Madeira“), und auch einen Premix-Poncha, fehlt für mich nur eins: Ein Besuch der Insel. Dies steht natürlich auf meiner Bucket List, und ich hoffe ehrlich, irgendwann mal dort hinkommen zu können, idealerweise in angenehmer Gesellschaft und mit Besichtigung der Brennereien. Bis dahin trinke ich aber sicher noch den einen oder anderen Madeironi.

Offenlegung: Ich danke Solveig Gerz von FFL – Spirit Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Wermuts.

Bier am Freitag – Bourgogne des Flandres Bruinen Os

Mein Kurzausflug nach Brügge ist nun schon eine ganze Weile her, die Erinnerungen beginnen zu verblassen. Was tut man dagegen? Man holt sich eins der mitgebrachten Souvenirs aus dem Keller und frischt die Erinnerung auf. Bei Bier ist das ganz einfach, Geschmäcker sind schließlich ein Schlüssel für im Gehirn irgendwo vergrabene Eindrücke. Funktioniert das auch mit dem Bourgogne des Flandres Bruinen Os, einem Blend aus obergärigem Braunbier und spontanvergorenem Lambic, hergestellt in gemischter Fermentation und eingestellt auf 5% Alkoholgehalt? Die blonde Schwester, das Bourgogne des Flandres Blonden Os, hatte ich ja bereits vorgestellt, mal schauen, was die Brünette so kann.

Bourgogne des Flandres Bruinen Os

Dunkles Teakholz, beinahe schon espressofarben, man kann Lichtschein durch das Bier sehen, wenn man es im Gegenlicht betrachtet, aber nur ansatzsweise. Der Schaum ist dünn, aber ausdauernd, sehr feinblasig, und weist eine hellbeige Farbe auf.

Die Nase ist malzig und fruchtig, hat aber zunächst einem Anflug von Joghurt, noch nicht so stark, dass ich das als fehlerhaft bezeichnen würde. Beeren und Kirschen, ein bisschen Aprikose, alles in sehr unterdrücktem Maße; der Haupteindruck ist, wie gesagt, Erdbeerjoghurt.

Im Mund startet volle Säure, zitronig und apfelig, dabei nicht beißend. Kräftige Bittere kommt dazu, das ist kein gemütliches Bier, sondern zeigt von Anfang an Zähne. Der Joghurtaspekt ist auch hier vorhanden, die Frucht wird dagegen deutlich zurückgenommen, lässt dem Malz viel mehr Raum. Die Textur ist voll und dicht, dennoch eher zum Leichten hin tendierend, wahrscheinlich durch die Säure und Rezenz verursacht. Der Abgang ist sehr kurz, knackig bitter, und bringt ganz vorsichtigen Jasmin hervor, der kurz nachhallt.

Das ist ein Erfrischungsbier für den Sommer, das mit seiner Frische seiner Farbe spottet. Wahrscheinlich nichts für Einsteiger, die sich mit Lambic oder Sauerbier noch nicht bereits angefreundet haben; aber auch mir persönlich als fortgeschrittenem User fehlt hier doch so einiges, um mich in Begeisterung zu versetzen. Ich trinke lieber das Blonde.

Apfel und Buch – Le Calvados Pays d’Auge de Christian Drouin XO

Ein äußerst angenehmer Nebeneffekt der Tätigkeit als Spirituosenjuror ist es, die Hersteller großartiger Brände persönlich kennenzulernen. Man kann über mehrere Tage immer wieder lockere Gespräche führen, herausfinden, wie die Person tickt, und damit die Produkte besser verstehen. Hin und wieder schreibt so einer dann auch ein Buch, und gibt damit viel seines Wissens an die Community weiter, gerade bei eher nischigen Dingen ist das unermesslich viel wert für den interessierten Schnapsnerd. Calvados ist zwar weltbekannt, aber dennoch gibt es mehr darüber zu lernen, als man denkt. „Le livre des Calvados: Des racines normandes, Une ambition mondiale“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, ein toll aufgemachtes Buch, in dem Christian Drouin, seines Zeichens sicher einer der wichtigsten modernen Calvadosbrenner, etwas über seine Profession und Leidenschaft erzählt.

Ich bin natürlich froh, das Buch bei einem unserer gemeinsamen Spirituosenwettbewerbe signiert bekommen zu haben, das war während der Coronapandemie bei Spirits Selection 2021 in Brüssel, ein unter sehr komplizierten Bedingungen stattfindendes Event, umso besser hat man sich da kennengelernt, und besonders stolz bin ich natürlich auf diese persönliche Widmung des Autors.

Das Buch legt die Theorie fest, selbstverständlich muss diese dann auch in die Praxis überführt werden. Dazu nehmen wir einfach ein bewährtes Getränk aus dem Hause des Autors heran, den Le Calvados Pays d’Auge de Christian Drouin XO. Er wird hergestellt aus einer Mischung von Apfelsorten, die geschmacklich zwischen bitter, süß und scharf variieren, und, wie es für die Calvados aus der Region Pays d’Auge erlaubt ist (sowas lernt man zum Beispiel aus dem Buch!), einer kleinen Beigabe von Birnen. Die doppelte Destillation erzeugt einen Brand, der für den XO in kleinen vorbenutzten Fässern gelagert wird, die teilweise mit Wein, teilweise fortiziertem Wein, teilweise Brandy vorbelegt waren. Eingestellt auf klassische 40% landet es in der Flasche, und dann bei mir im Glas.

Le Calvados Pays d'Auge de Christian Drouin XO

Zwischen Gelbgold und Senfgelb verorte ich die Farbe des Apfelbirnenbrands, man spürt schon beim Eingießen ins Glas eine gewisse Viskosität. Diese bestätigt sich beim Drehen des Glases dann, weiße Lichtreflexe entstehen, und ein fetter Film an der Glaswand, der sich dann in regelmäßige Beinchen aufteilt und abläuft.

Natürlich dominieren Apfelaromen die Nase, dabei wirkt es nicht so linear wie ein klassisches Apfel-Eau-de-Vie aus einer speziellen Varietät Äpfeln. Da findet man entsprechend ein buntes Potpourri aus süßen, herben und fruchtigfrischen Eindrücken; frisch aufgeschnittener Granny Smith ist dabei, Viez aus meiner Region, kräftiger Apfelsaft, gekochtes Apfelmus, und schließlich sogar etwas Bratapfel. Letzterer kommt über eine gewisse Gewürznote dazu, vielleicht aus dem Fassensemble, bestehend aus Zimt, Nelken und etwas Vanille. Ahornsirup könnte man finden, Honig und sogar etwas Kokos, man sieht, da ist viel Varianz und Komplexität drin, die mir viel Spaß bereitet.

Le Calvados Pays d’Auge de Christian Drouin XO Glas

Das Wasser läuft einem wirklich schon beim Schnuppern im Mund zusammen, da bekommt man Lust auf den ersten Schluck. Der Antrunk zeigt erstmal eine optisch ja schon gesehene, dicke Textur, wirklich dicht und fett, mit fast schon sirupartigem Ersteindruck. Aus dieser vollen Basis entstehen die Geschmackseindrücke, deutlich eher in die Richtung von verarbeitetem Apfel als von frischer Frucht, Pürree, Mus, Kompott, so etwas. Die kräftige Süße wird im Verlauf sowohl von angenehm herben Bitternoten als auch von würzigen, eigentlich schon eher pikanten Aufhellern aufgefangen, das wirkt erwachsen und reif, man spürt kaum den Alkohol, und im Abgang bilden sehr prägnante Kokosfleisch-Noten und feine Backapfeltöne einen langanhaltenden, warmen und dabei immer vollgerundeten Nachhall.

Ein Brand, der sich zum langsamen, gemütlichen Genießen ebenso eignet wie als Zwischentrunk im Sinne eines Trou Normand, oder vielleicht als Digestif zu Crêpes. Ja, das kann ich mir richtig gut gerade vorstellen, und lässt mir noch mehr Wasser ins Maul laufen. Wunderbar gemacht, komplex und süffig, unkompliziert und schlicht toll.


Das Rezept zum The Big Apple habe ich aus Drouins Buch, natürlich, es enthält eine durchaus lange Liste von Cocktailrezepten auf Calvadosbasis, mit mehr oder weniger kreativem Charakter, für Cocktailfreunde sicherlich ein zusätzlicher Grund, sich das Buch zuzulegen. Dieser hier ist jedenfalls ein wunderbar fruchtiger Drink, der von einem so üppigen Calvados wie dem Drouin XO extrem profitiert.

The Big Apple Cocktail


The Big Apple
1oz/ 30ml Calvados
1oz / 30ml Pfirsichlikör
1oz / 30ml trockener Wermut
Auf Eis rühren, auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach Jean-Paul Thomine]


Man bekommt in dem edlen Geschenkkarton eine schöne, unaufgeregte, aber schwungvolle Flasche, ein Synthetikkorken schützt den Inhalt praktisch. Hübsch gestaltete Etiketten mit einem Wachssiegelimitat an der Front machen den Calvados zu einem edlen Mitglied der Heimbar, kein flashiger Protzer, mehr ein Gentleman. Das passt zu Christian Drouin selbst, und es freut mich, dass der Hersteller ein höchstsympathischer Mensch ist, ein Gentleman alter Machart, der aber immer und laut lacht. Ich kenne ihn, wie gesagt, inzwischen seit mehr als 7 Jahren als Mitjuror beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by CMB, und freue mich immer wieder, ihn zu treffen, das erhöht den Genuss seiner Calvados für mich noch weiter. Man kann und sollte sie aber auch trinken, ohne ihn zu kennen, denn sie stehen für sich auf höchster Stufe der Kategorie, ohne Frage. Aufforderung zum Schluss: Buch kaufen, lesen und lernen, Flasche kaufen, trinken und lernen!

Bier am Freitag – Duckstein Weizen

Ich räume weiterhin die rund 250 teilvorbereiteten Artikel auf meinem Blog auf, und versuche, die alten Dinger langsam aber sicher online zu stellen. Da ich aktuell weiterhin versuche, pro Woche einen Spirituosen- und einen Bierartikel zu veröffentlichen, ist das eigentlich auch nicht schwer – im Gegenteil, ich genieße diese Art von Aufräumarbeiten eigentlich sehr, und auch für mich sind solche Artikel dann Erinnerungen an alte Bierzeiten, die ich sonst schon vergessen hätte; und das war ja eigentlich der Hauptgrund für mich, überhaupt einen Blog zu machen. Darum hier nun das Duckstein Weizen, getrunken vor bestimmt 4 Jahren.

Duckstein Weizen

Farblich ein klassisches, kräftiges Hefeweizen – recht dunkel, naturtrüb und mit starker Perlage. Der großblasige Schaum ist zunächst üppig da, baut sich schnell auf eine feine Decke ab. Das Duckstein Weizen gehört mehr in die Kategorie der bananigen Weizen, ist geruchlich mild und fruchtig. Die Bananennote ist wirklich sehr stark und schön ausgeprägt, ich rieche das gern.

Im Mundgefühl ist es sehr cremig und zart, der erste Antrunk bringt dann die andere Komponente, die Weizenbier gern aufweist, die Nelke, deutlichst mit sich; es überrascht mich, dass sich diese zwei Aromen so drastisch abwechseln. Nicht, dass es mir nicht gefallen würde, im Gegenteil, so etwas schätze ich an Bier. Der Abgang ist mittellang, trocken, herb und mit einer leichten Süße versehen. Es wirkt nur mittelleicht rezent, die Süße wird durch eine milde Karbonisierung aufgefrischt und die 5,7% Alkoholgehalt sind perfekt eingebunden. Insgesamt wirkt das Bier, entgegen den Angaben auf dem Etikett, eher schwer – persönlich mag ich diese Art.

Ein wuchtiges, aromatisches Hefeweizen, das mir den Glauben an Duckstein zurückgibt, der durch die Pilsner und Zwickel stark erschüttert wurde. Dieses Bier schließt an die Qualität des rotblonden Originals nahtlos an. Zum Glück habe ich dem Bier diese Chance eingeräumt!

Ein moderner Likör – FRC Jürgen’s Falernum

Es ist der 60. Geburtstag meines großen Bruders, er lädt ein und man trinkt und speist auf seine Kosten, Geschenke sind unerwünscht – eine gute Kombination, aber irgendwie hat man ein schlechtes Gewissen. Zu derartigen Familienfesten hat sich darum eingebürgert, dass ich ein paar alkoholische Köstlichkeiten mitbringe, die man sonst nicht so probiert, und mit denen man die langen Abende ein bisschen feuchtfröhlich gestalten kann. Diesmal war es ein Eau-de-Vie aus Hagebutten aus dem Oberelsass, ein Chinarinden-Kräuterlikör aus Mallorca, und zu guter letzt etwas, was ich eher als spannendes Experiment mitbrachte: FRC Jürgen’s Falernum. Was soll ich sagen, der Ingwer-Mandel-Limettenlikör entwickelte sich zum Star des Abends, und meine Schwägerin besitzt nun die Flasche, weil sie sich nicht davon trennen wollte.

Zum Glück habe ich vorher die Tasting Notes geschrieben, sonst würde ich jetzt dumm dastehen. Erst vor sehr kurzem habe ich den Standard, gegen den sich Jürgen Wieses Falernum behaupten muss, hier auf meinem Blog besprochen; das John D. Taylor’s Velvet Falernum ist auch heute noch der klassische Vertreter dieser Likörgattung. Dazu steht bei mir in der Heimbar auch noch das Heinr. von Have The Amber Falernum, und ich habe eins von Revolte, das ich noch nicht vorgestellt hatte. Man sieht, der Markt verträgt und verlangt nach einer Ausdehnung des Angebots, da kommt das Falernum von FRC, das blasphemisch auf einem Jamaica-Rum-Blend basiert, gerade recht, finde ich. Meine Schwägerin hat sicher einen Favoriten zuhause, ich beschreibe jetzt einfach mal, was ich im Glas gefunden habe, als ich meine Verkostung noch machen konnte.

FRC Jürgen's Falernum

Schwer schwappt das Falernum aus der Flasche ins Glas, fast sirupartig kommt es einem da vor; passend dazu ist auch die sehr starke Viskosität im Glaswandverhalten, da bleiben Vorhänge von Flüssigkeit hängen, die lange bestehen bleiben. Trübe ist es, das darf man einem Falernum natürlich nicht ankreiden, ist eher ein Zeichen, dass natürliche Zutaten eingesetzt wurden.

Wenn einem die Optik etwas träge vorkam, springt einen die Nase um so aktiver an. Da ist dramatisch viel Ingwer sofort präsent, geweicht durch schöne, prägnante Mandel, und eine zestig-bittere Frische von Limettenschale. Klassische Zutaten, würde ich sagen, aber so viel deutlicher ausgeprägt als in einem traditionellen Falernum: ich kenne Jürgen Wiese ja, und es hätte mich gewundert, wenn so ein extrovertierter Typ ein dezentes Falernum kreiert hätte. Da geht richtig viel ab, ohne dass eine Zutat überwiegt, sauber gerundet und ineinander vermählt.

FRC Jürgen's Falernum Glas

Auch im Mund bleiben wir extrem – zunächst bedrängt einen die heftige Süße, das ist fast drüber für mich, richtig klebrig und fett, und sie ist auch ausdauernd. Erst kommt Limettenzeste auf, die mit bittere Frische versucht, die Süße zu bekämpfen, allein gelingt es ihr aber nicht. Milde Gewürztöne, vielleicht Nelken, gesellen sich dazu, nun wird das Bild langsam mehrdimensionaler. Orange, milder Zimt, man findet mehr und mehr, bis der Ingwer spät sowohl aromatisch als auch in seiner natürlichen Schärfe die Süße besiegt; hier legt sich eine deutliche Pikanz auf den hinteren Gaumen, das kribbelt bis an Uvula und Mandeln. Der Abgang ist ingwerscharf, aromatisch zusammengesetzt aus den beschriebenen Eindrücken, und lang, durch die wohlgewählten 16,6% Alkoholgehalt auch voluminös und voll; ganz zum Schluss entsteht eine Astringenz, entstehend aus dem Kampf der Schleimhäute gegen die Süße, das hat man auch nicht wirklich oft, ich finde es spannend.


Pur trinkt man Falernum eigentlich seltener, vor allem nicht in so einer extremen Ausprägung. Das kommt in einen Cocktail, ganz klassisch einen Corn’n Oil, mit einem guten Barbados-Rum. Vielleicht riskiert man Jürgen’s Falernum auch straight on the rocks, wirklich gut gekühlt, wenn man Lust auf was Süßes hat – egal wie, man hat wirklich was im Mund und es besteht niemals die Gefahr, dass dabei Langeweile aufkommt, im Gegenteil. Oder, wenn man wirklich mutig ist und den Rest des Tages nichts vorhat, macht man sich damit einen White Zombie.

White Zombie Cocktail

White Zombie
1½oz / 45ml Pisco
1½oz / 45ml leicht gereifter Rum
1oz / 30ml Dry Gin
¾oz / 23ml Falernum
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Don’s Mix (Grapefruitsaft und Zimtsirup)
¼oz / 7ml Zuckersirup
¼oz / 7ml Passionsfruchtsirup
1 Teelöffel Absinthe
1 Teelöffel Maraschino-Likör
Auf Eis shaken, mit crushed ice toppen.

[Rezept nach Zac Overman]


Die Flasche ist sehr schwungvoll, schwarz gehalten, eine modernklassische Rumflasche, wie wir sie inzwischen kennen und schätzen gelernt haben. Das Etikett zeigt den Schöpfer in guter Laune, hält sich mit irgendwelchen Details aber etwas zu sehr zurück, vielleicht wird später ja noch ein Rücketikett mit ein paar Infos zum Inhalt draufgepappt.

Eine schöne Ergänzung des inzwischen durchaus großen Falernum-Pantheons; im Gegensatz zu mir, der vor ein paar Jahren eigentlich nur ein Produkt zur Auswahl hatte, kann sich der moderne Falernumfreund aus unterschiedlichen Ausprägungen das zu seinem Geschmack passende aussuchen. Jürgen’s Falernum kann ich aber jedem ohne jeden Gewissensbiss empfehlen – es wird wohl in ein paar Wochen auf dem Markt erscheinen!

Offenlegung: Ich danke Jürgen Wiese für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Flasche dieses Falernums.

Bier am Freitag – Wettelsheimer Pils

Wir kommen heute zum (vorerst) letzten Vertreter der von mir sehr geschätzten Brauerei Strauss, dazu einem Bierstil, den ich weniger mag, als fast alle anderen Stile: dem Wettelsheimer Pils. Dennoch lasse ich nach meinen positiven Erfahrungen mit dem Märzen, dem Hell, und dem hellen und dunklen Bock dieser Brauerei natürlich diese kleine persönliche Macke nicht ein möglicherweise gutes Erlebnis miesmachen. Es wird erwartungsgemäß sowieso besser werden als die wirklich für mich nicht spasshaft trinkbaren Pilsner aus dem Saarland, darum gehe ich gehobenen Mutes in die Verkostung des Biers, das mit 5,0% Alkoholgehalt abgefüllt ist.

Wettelsheimer Pils

Kristallklar und in schönem senfgelb gehalten, so gefällt mir das Pils schonmal. Ja, der Schaum könnte hier durchaus etwas ausdauernder sein, doch er ist knisternd und man hört ihn lange. Die Perlage zieht sich als lange Perlenschnur vom Boden des Glases.

Gerstig und hefig riecht das Bier, mit leichten Bitterhopfennoten, insgesamt aber sehr klar und sauber. Man muss sich hier nichts zusammenfantasieren, da gibt es prakisch keine Nebennoten, eine sehr aufs Basismaterial fokussierte Nase.

Ich mag das Mundgefühl, viele Pilsner sind streng und trocken, hier hat man von Anfang an etwas weiche Textur und eine Grundsüße, die erlaubt, dass sich stiltypische Bitternoten langsam entwickeln können, und nicht direkt knallen müssen. Leichte Fruchtigkeit ist da, dazu etwas Blumigkeit, da drängt sich aber nichts nach vorn, wir bleiben aromatisch eher auf der dünnen Schiene. Im Verlauf wird das Bier würziger, herber, dann auch trockener, hier wird der Stil klarer erkennbar, bevor es dann mit ordentlicher Bittere, die den hinteren Mundraum etwas astringiert, und schöner Gerstigkeit langsam ausklingt, während die gute Rezenz noch etwas Gas in den Magen bringt.

Auch mir als keinem ausgesprochenen Pilsfan mundet dieses Bier, hauptsächlich wegen der Textur und dem voluminösen Körper. Wer ein Pils sucht, das neben Bittere auch eine schöne Struktur bietet, ist beim Wettelsheimer richtig.

Früchte der eisigen Insel – 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur

Eine kurze Reise nach Island, und das mitten im Winter? Ja, manchmal macht man komische Sachen. Nach Island zu kommen ist vergleichsweise günstig, sich dort aufzuhalten dann aber überhaupt nicht mehr, das Preisgefüge kommt einem manchmal absurd vor und man sollte ein paar Extraeuro (in Isländische Kronen zu wechseln lohnt sich nicht, das Land ist durchdigitalisiert und nicht wie Deutschland noch im Neuland gefangen) immer dabei haben. Insbesondere Alkohol ist sowohl extrem teuer als auch streng reglementiert, stärker noch als in Schweden, das ich vor zwei Jahren besucht hatte und dies schon berichtete; die absolute Prohibition, die dort 1915 eingeführt wurde, wurde erst 1989 auch für Bier aufgehoben. Entsprechend legt man gerne mal 12-15€ für ein Glas Bier auf den Tisch, oder mal 6€ für ein Niedrigalkoholbier – diese können die Isländer richtig gut, ich empfehle, mal ein Ægir Ale mit nur 2,25% zu probieren, das schmeckt einfach gut trotz der Leichtigkeit.

Wenn man im Winter in Island ist und ein paar Touren durch die Landschaft macht, zum Beispiel die berühmte Golden Circle Tour, meint man nicht, dass dort viele Früchte wachsen, die es zu ernten lohnt. Im Sommer dagegen soll die Krähenbeere, lokal Krækiberja oder englisch Crowberry genannt, dort weit verbreitet sein, und eine sehr beliebte Zutat bei Desserts, im Frühstück oder in Trinkform als Krähenbeeren-Saft. Von diesem habe ich beim letzten Schritt des Skjól-Rituals in der Sky Lagoon in Reykjavik (ein Besuch lohnt sich, das ist schon sehr beeindruckend gemacht) ein frisches Gläschen bekommen, und das hat mir geschmacklich sehr gefallen, und als ich dann den 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur im Duty-Free-Shop sah, habe ich auf der Rückreise noch schnell zugegriffen. Ohne Aromastoffe, ohne Farbstoffe, ohne Konservierungsstoffe. Nur Alkohol, Krähenbeeren und Zucker – reiner kann man einen Likör nicht gestalten, das passt zur kargen und stillen Kultur der eisigen Insel.

64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur

Die Krähenbeeren geben eine wirklich außerordentlich kräftige, tiefrubinrote Farbe ab, das muss man sagen – wie gesagt, ungefärbt ist der Likör. Dreht man das Glas mit der dicken, viskosen Flüssigkeit, sieht man, dass sich ein dauerhafter Farbfilm an der Glaswand bildet, ich hoffe, man erkennt das auf dem Foto des Glases. Der Likör selbst lässt sich nur bei starkem Gegenlicht durchblicken, die rubinroten Lichtreflexe bleiben eher am Rand.

Die Basisspirituose ist wohl irgendetwas zwischen Wodka und Aquavit, man hat diese Getreidigkeit eines nicht ganz neutralen Wodkas als erstes in der Nase, die 21% Alkoholgehalt spürt man aber nie. Danach kommen, ganz dezent aber nur, beerigfruchtige Noten zum Vorschein, die Krähenbeere erinnert hier etwas an Brombeere oder vielleicht Cranberry, aber noch schwerer und schwarzer. Das springt einen nicht an, sondern bleibt zurückhaltend und vergleichsweise still, wirkt dadurch aber natürlicher als viele andere Fruchtliköre.

64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur Glas

Die Viskosität spürt man auch beim ersten Schluck, die Textur ist dick, aber nicht fett, legt sich fein auf den Gaumen, ohne ihn mit extremer Süße zu überfallen. Auch hier merkt man, dass man bei der Gestaltung der Spirituose eher auf Natürlichkeit setzt, die effektive Süße kommt einem wirklich aus Fruchtsaft stammend vor, nicht künstlich. Mild erscheint die Frucht, dunkel, beerig, eine Mischung aus Cranberry, Preiselbeere und Brombeere, vielleicht ein Touch Cassis, ohne dessen Präsenz zu erreichen. Wie sieht es aus mit der Eingangsfrage bezüglich der Nähe zum puren Saft? Ja, das ist deutlich erkennbar, im Verlauf, wenn die Süße abklingt, sogar immer mehr: dann eine interessante Mischung aus Litschi und Zuckerrohrsaft, würde ich sagen. Der Abgang ist kurz, angenehm weich, nie pappig, und lässt nur einen Hauch von Beeren-Aromen zurück.

Der 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur ist ein sehr sanfter Vertreter seiner Kategorie, da muss man schon offen sein für die feineren, subtileren Aromen und Eindrücke. Gerne hätte ich da etwas mehr erlebt, doch es bleibt das angenehme Gefühl, einen natürlichen, authentischen Eindruck dieser isländischen Beere im Mund zu haben, ohne Verstärkung durch moderne Chemie.


Im Original des Rezepts, das ich für den Crowberry Liqueur ausgewählt habe, nimmt man Holunderblütensirup statt des Likörs, und entsprechend heißt er dort auf schwedisch Fläderbärsglögg (das Rezept stammt aus „Vilda Drinkar“, einem schwedischen, sehr empfehlenswerten Cocktailbuch). Durch den Austausch habe ich den Namen geändert, zum Glück heißt Glögg sowohl auf schwedisch als auch auf isländisch Glühwein: der Krækiberjaglögg ist stärker als seine Inspiration, und noch etwas intensiver.

Krækiberjaglögg

Krækiberjaglögg
2⅔oz / 80ml Krähenbeerenlikör
⅔oz / 20ml roter Wermut
1⅔oz / 50ml warmes Wasser
1oz / 30ml Orangensaft
Vermischen und erwärmen.
Nach Wunsch mit Zimtstange, Sternanis und Ingwer würzen.
[Rezept adaptiert nach Bella Porcile]


Die Flasche, die ich erworben hatte, fasst 200ml, es gibt sie auch in größeren Größen. Egal wie groß, sie ist unauffällig, weist ein stilsicher gestaltetes Etikett mit wenig Sperenzchen und einen praktischen Plastik-Schraubverschluss auf.

Ein nettes Detail – die Brennerei hatte diesen Likör scheinbar 2011 beim ISW eingereicht, bei dem ich erst vor kurzem als Juror beiwohnen durfte – 2011 war ich natürlich noch nicht dabei, aber ich kenne ein paar Kollegen, die wahrscheinlich dafür mitverantwortlich sind, dass der 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur dort eine Silbermedaille bekam, mit der die Brennerei noch heute wirbt. Da sieht man mal, wie sich alles zu einem runden Kreis formt, ich genieße die Perfektion, in der die Geschichte manchmal arbeitet. Und den Likör dazu natürlich auch, die Flasche ist bereits leer.

Bier am Freitag – Saison Dupont

Zu Beginn meiner Bierverkosterkarriere machte ich mir eine Liste von Bieren, die ich unbedingt mal probieren wollte, und die damals nicht superleicht zu bekommen waren. Ein Ausflug nach Bayreuth, zum ersten Hobbybrauerfestival bei Maisels, wo ich als Bierjuror wohl keinen besonderen Eindruck hinterließ, ermöglichte mir zumindest, im angelagerten Shop eine Flasche des Saison Dupont zu erwerben, um einen der Einträge von dieser initialen Liste streichen zu können. Es ist wirklich ein Klassiker, ein Archetyp für den Stil des modernen Saison-Biers, das eben nicht mehr leichtalkoholisch als Erfrischung für die Feldarbeiter dienen muss, sondern kräftig, vollkörperig und trotzdem noch irgendwie leicht den ebenso nach Erfrischung suchenden Büroknecht (also zum Beispiel mich) erfreuen soll. Seit 1759 gibt es die belgische Brauerei Dupont schon, und man macht seitdem eigentlich diesen Bierstil. Also, führen wir uns mal diesen stildefinitorischen Genuss zu Gemüte!

Saison Dupont

Naturtrüb bis zur Blickdichte mit sehr vielen Schwebepartikeln, wenn man die Flasche ganz eingießt. Fahles Gold, mit langlebigem, gemischtblasigem Schaum, der mich wirklich begeistert. Säuerlich, Apfelessig, Hefe, Zitrone – da ist eine wirklich attraktive Mischung aus verschiedenen Aromen zu entdecken, alles eher auf der frischen Seite verortet, keine Störfaktoren, aber auch nichts überkompliziertes, etwas zum Schnuppern und trotzdem klar als Gebrauchsbier gestaltet. Das ist wirklich gut gemacht.

Am Gaumen wirkt es entsprechend nicht so sauer wie von der Nase her vielleicht erwartet, mild, leicht, elegant. Schön balanciert, sehr rezent und durch die Flaschengärung karbonisiert. 6,5% Alkoholgehalt sind perfekt eingebunden. Dezente Kandiszuckersüße, die sich nicht in den Abgang transportiert – dort ist das Bier recht trocken, feinherb mit runder Bittere, die angepeilten 30 IBU wirken nie kratzig, lang im Abgang mit etwas an Frucht.

Hm, ich glaube, ich habe gerade das ideale Bier gefunden. Zum Essen, zur Erfrischung, einfach so zwischendurch – für jeden Zweck ein perfekter Begleiter. Ich hätte mehr als 2 Flaschen aus dem Shop in der Maisel Bier-Erlebnis-Welt mitnehmen sollen. Aber heutzutage ist es in Onlineshops eigentlich unproblematisch zu finden, ich würde es jedem gern ans Herz legen.

Schwarzblau ist der Mais – Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey

Die Inspiration, welche Spirituose man sich zulegt, kommt von unterschiedlichsten Quellen. Mal kauft man spontan was in einem Laden, ohne irgendwas drüber zu wissen; gerne nehme ich was aus Destillerien direkt mit, als Kombination aus Souvenir und Genussmittel; und ab und zu bekommt man was mehr oder weniger aggressiv aus Onlineforen, Chats oder Magazinen nahegelegt, und will überprüfen, ob der Lärm gerechtfertigt ist. Auf den Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey bin ich durch Robin Robinsons Buch „The Complete Whiskey Course: A Comprehensive Tasting School in Ten Classes“ gestoßen; ich schätze sowohl den Autor als auch sein Buch sehr hoch, wer sich für diese Art Spirituose interessiert, sollte sich das Buch definitiv vormerken. Ich bin sehr stolz, dass Robin Robinson mir das Buch bei einem unserer Treffen signiert hat.

Für jede Unterkategorie von Whisky gibt es in dem Buch „Drink This!“-Hinweise, und bei amerikanischem Whiskey fand ich recht prominent eben den True Blue. Die Kommentare dazu waren spannend, ich finde Corn Whiskey eh persönlich sehr interessant und schmackhaft, zum Beispiel den Mellow Corn; darum war das gar keine große Diskussion, er musste her. Dieser Whiskey wird aus „Blue Corn“, das ist eine besondere Maissorte aus dem Südwesten der USA (angebaut für Balcones in New Mexico), hergestellt – wenn man mal nach einem Bild googelt, weiß man sofort, warum dieser Mais so heißt, und man ist gespannt, wie sich diese besondere Farbe im Geschmack äußert. Der Alkoholgehalt wird für diese Abfüllung auf 50% eingestellt, man bekommt den Maisbrand von Balcones aber auch in Cask Strength.

Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey

Ungefärbt ist der True Blue (bei „Straight Corn Whiskey“ wäre das auch nicht erlaubt), dazu ungefiltert, und präsentiert dabei ein schönes Terracotta, leuchtend und strahlend. Die Öligkeit zeigt sich beim Schwenken des Glases, mit fetten Artefakten, die schlierig und langsam ablaufen.

In der Nase kommen erstmal viele weiche Holznoten an, Karotte, Vanille, leicht buttrig. Karamell zieht nach, und deutlich viel Ahornsirup. Toffee ergänzt im tieferen Register, ein Hauch von Rosmarin im oberen Register. Ein wirklich attraktiver Duft, schokoladig und mit Anklängen von Popcorn, wie man es von so einem Brand erwartet; dabei nicht oberflächlich süßlich, sondern man ahnt schon eine kräftige herbe Seite. Die Verwandschaft zu Bourbon ist klar erkennbar, viele Bourbons bestehen ja zu einem Großteil auch aus Mais.

Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey Glas

Im Mund ist der True Blue dann aber noch einen Ticken süßer als ein Bourbon, immer noch klar verwandt, aber ein bisschen einfacher gestrickt. Das heißt nicht, dass der Brand langweilig ist, im Gegenteil – da geht vom Antrunk an ordentlich was ab am Gaumen. Kraftvoll, wuchtig, wild, mit einem Punch, der einem kurz den Atem nimmt. Kurz nach dem süßmilden Antrunk kracht es, Feuer expandiert dramatisch, eine harte Schärfe bringt Gaumen und Zunge zum Brennen, eine Mischung aus dem Alkoholgehalt und einer holzigen Würze. Es fehlt etwas an Tiefe, um das sauber auszugleichen, da muss man schon etwas leiden, dafür ist angenehme Breite da, die im Nachklang immer noch sehr chili-pikant dominiert, während gemächlich eine leicht mentholische Frische aufkommt. Leicht grünlich und vegetal fühlt sich das am Ende an, während die Wärme langsam nachlässt.

Nun, das kann ich nicht reines Gewissens jedem empfehlen, doch für die, die eine gewisse Härte in Spirituosen vertragen und vielleicht sogar mögen, wie ich, ist der True Blue sicher ein Drink, dem man respektvoll gegenübertritt und der einem dann viel bietet, wenn man hinter die grobe Fassade blickt, vielleicht ein Texaner, wie man ihn aus Western erwartet. Definitiv kein easy drinking jedenfalls, mehr was für den Tag, der am Abend eine Lockerung braucht, während man einen Film wie „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ oder „Die Glorreichen Sieben“ schaut.


Im Sunray wird normalerweise Bourbon eingesetzt, doch diese alte Vorkriegsrezeptur kann ruhig einen Schuss des sonnigen Texas in Form eines Corn Whiskys vertragen. Lustig finde ich auch, dass ausschließlich gelbe Zutaten (beim Whisky bin ich da etwas großzügig) eingesetzt werden; ein echter schwersüßer, aromatischer Sonnenstrahl an einem Herbsttag.

Sunray Cocktail

Sunray
¾ oz Bourbon
¾ oz Orange curaçao
¾ oz Cocchi Americano
¾ oz Orangensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach J.W. Tarling]


Die unauffällige Flasche wird von einem Echtkorken unter einem Plastikstöpsel verschlossen. Charmant finde ich immer, wenn wie hier Batchnummer und Abfülldatum angegeben sind. Das Etikett kommt einem in seiner blauen Farbe entgegen, ist aber sonst zurückhaltend gestaltet, mit einer dunkelblauen Maisstaude, die auf das Basismaterial verweist.

Ich war neulich für ein paar Stunden in Texas unterwegs, als ich auf der Reise nach San Luis Potosí eine Nacht Aufenthalt in Houston hatte. Auf der Hinreise war das Mitnehmen einer Flasche texanischen Sprits eher unpraktisch, und auf der Rückreise konnte ich im ganzen Flughafen keine einzige echt texanische Spirituose in den Shops finden, nur allgemein amerikanischen Whiskey. Schade, wenn ich was aus Texas hätte mitbringen können, hätte ich das nach dieser doch positiven Erfahrung mit Balcones sicher gemacht.

Bier am Freitag – Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge

Einer der ganz frühen Cocktails, die ich hier auf meinem Blog gesammelt hatte, verlangte nach einem Fruchtbier als Zutat. Damals stand das Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge in meinem Kühlschrank und wartete auf eine Verkostung, und die Synergie war gelungen. Seitdem ist viel Wasser den Fluss hinabgeflossen, und viel Bier meine Kehle; Zeit, die alte Verkostungsnotiz von damals etwas auf Vordermann zu bringen und das Bier hier endlich zu besprechen. Es handelt sich hierbei um ein Gemisch aus dem Kasteel Donker, einem malzbetonten belgischen Quadrupel, und einem Kirschlikör. Es wird noch laut Zutatenliste mit Kirschen und Gewürzen versetzt; die weitere Zutatenliste liest sich nicht so berauschend und begeisternd: Zucker und Süßstoff (Stevia), Kirscharomen. Da erwarte ich dann entsprechend Süße und überdeutlich ausgeprägte, oberflächliche Fruchtaromen – nun, ich will mein Urteil nicht präjudizieren, wie schon Indiana Jones so schön im Palast von Pankot sagte.

Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge

Fast blickdicht, die tiefrubinroten Reflexe sieht man auf dem Foto leider nicht so gut. Ich habe aus verschiedenen Perspektiven geknipst, aber es klappte nicht so gut, vielleicht kann man es erahnen. Der Schaum hat eine leicht rötlich-braune Färbung. Der Geruch orientiert sich, neben Kirschen, fast ausschließlich an Beeren: Himbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren. Dazu riecht es auch schon süß, vielleicht etwas nach Honig.

Am Gaumen wird es dann ausgesprochen rezent, mit schöner Säure, im Untergrund aber fast schon paradox klebrig süß. Auch hier: Ausschließlich Fruchtaromen. Nicht einmal ein Anklang an „typisches“ Bier, erinnert mehr an Wein oder gespritztes Fruchtschorle. Sehr körpervoll, kein Wunder bei 8% Alkoholgehalt, und sehr beerig. Der Abgang ist lang und, wie soll man es anders erwarten, fruchtig, dazu leicht säuerlich.

Nun ja, es steht zwar das Wort „Bier“ auf der Flasche, aber man muss sich einfach klar darüber sein, dass es sich hier um ein Biermischgetränk handelt, nichtmal ein Fruchtbier, mehr etwas mit viel Laborerfahrung zusammengestelltes. Das muss per se nicht schlecht sein, und das Kasteel Rouge trinkt sich ja auch nicht schlecht, aber irgendwie wirkt es halt künstlich.