Deutscher Whisky in Kleinstmengen – Blood Moon Single Rye Whisky

Ich bereite mich gedanklich gerade darauf vor, am Wochenende als Juror bei den German Whisky Awards 2025 teilzunehmen. Die Prüfung der eingereichten, ausschließlich aus deutschen Landen stammenden Whiskys findet Ende März in der Whiskywelt Burg Scharfenstein statt, in Thüringen. Ich freue mich erstens auf die Produkte, und bin gespannt, was mir da im Glas serviert wird, aber zweitens auch darauf, ein paar Bekannte wiederzutreffen, die man nur hin und wieder sieht. Die Ergebnisse des Wettbewerbs teile ich euch garantiert auch mit, deutscher Whisky hat ja durchaus genug Eigenständigkeit in Bezug auf die Aromatik, dass sich das für jeden lohnt – in Bezug auf Qualität muss sich Deutschland natürlich längst nicht mehr hinter den klassischen Whiskyländern wie Schottland, den USA oder Japan verstecken.

Gedanklich muss man sich auf so besondere Events natürlich schon vorbereiten, ich kombiniere das aber auch damit, meinen Gaumen ein bisschen zu üben mit einem sehr spannenden Exempel, was Whisky in Deutschland heutzutage bedeuten kann: dem Blood Moon Finest German Single Rye Whisky. Er wird aus gemälztem Roggen gebrannt, und erfährt dann eine Nachbehandlung vom Feinsten – eine „double maturation“, zuerst 5 Jahre im Ex-Amarone-Rotweinfass, danach noch ein zusätzliches Jahr im Ex-Cabernet-Sauvignon-Rotweinfass, also die volle Rotweindosis für den Whisky. Das erfolgt im Single-Cask-Verfahren, und zwar im echten Wortsinn. Nicht nur, dass es sich dabei also nicht um einen Blend handelt, hat Sebastian Büssing, der unter dem Firmennamen The Spirits Alchemist diese Abfüllung verantwortet, wirklich nur ein einzelnes Fass benutzt. Entsprechend gibt es nur 51 Flaschen davon, Nummer 20 habe ich zuhause. Natürlich wird so ein Whisky nicht kaltfiltriert oder gefärbt, insbesondere letzteres ist auch gar nicht nötig, wie wir gleich sehen werden.

Blood Moon Single Rye Whisky

Ich sehe ein dunkles, kräftiges, leuchtendes Haselnussbraun, mit einem leicht rötlichen Einstich. Das Eingießen macht schon Lust, da spürt man, wie die Flüssigkeit viskos aus der Flasche ins Glas schwappt; und wenn man dieses dann dreht, bildet sich ein fetter Beinteppich.

Der erste Geruchseindruck ist erstmal Lack und Klebstoff, nicht auf eine unangenehme Weise, sondern spannend, weil er nicht sticht oder kratzt. Sofort darunter kommt feuchtes Holz, kombiniert mit einer milden Nussigkeit, die mich mehr an aufgeknackte Bucheckern erinnert als an klassische Nüsse. Eine schwere Getreidenote findet sich, die die Basis unter all dem bildet. Ein wirklich interessantes Geruchsbild, ungewohnt, aber sehr unterhaltsam.

Blood Moon Single Rye Whisky Glas

Die Öligkeit, die man gesehen hatte, spürt man dann in der Textur am Gaumen, fett und dicht, voluminös expandierend, das liegt fast wie Sirup im Mund. Direkt im Antrunk wirkt der Whisky süß, auf eine sehr natürliche Weise, doch im Verlauf bilden sich Gegengewichte heraus, die die Verkostung dann übernehmen: pikante Würze, schwarzpfeffrig, die eine kardamomähnliche Kühle mitbringt; das Holz, das sich zusammen mit der Rotweinvorbelegung sehr bemerkbar macht und gleichzeitig nichtastringierende Trockenheit beisteuert; und dann sehr aparte, wuchtige und ausgeprägte Gewürznoten aus Nelken, Piment und Muskatnuss. Den Roggen muss man separat erwähnen, er definiert das Bild von vorne bis hinten, beeindruckend und kraftvoll. Der Alkohol ist perfekt eingebettet, er gibt zusätzliche Stärke und steuert die Länge, an einem Schluck hat man durchaus lange was. Im Nachhall kommt noch ganz vorsichtig Jasmin dazu, die Gewürze und das Holz bleiben aber dominant.

Ein starker, aromatischer, unterhaltsamer Whisky, der sich nicht versteckt. Handwerklich top gemacht, rund und sauber, und trotzdem spürt man die unterschiedlichen Einflüsse des Roggen, des Holzes, und des Rotweins. Das trinkt sich zugegebenermaßen nicht einfach, aber hin und wieder will man auch was, was nicht easy drinking ist!


Der Blood Moon tut entsprechend auch einem Cocktail gut, schon allein die Struktur wird über ihn verbessert, der Geschmack weiterhin. Man beobachte dies im The Slope: Amaro und Aprikose geben noch ihre jeweiligen Stärken dazu, das Ergebnis ist ein starker Drink, der einem so einiges zu denken gibt.

The Slope Cocktail

The Slope
2½oz / 75ml Rye Whiskey
¾oz / 23ml Amaro
¼oz / 7ml Aprikosenlikör
1 Spritzer Angostura
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Julie Reiner]


Die kleine, bauchige Apothekerflasche, in der der Blood Moon Rye abgefüllt wird, liegt gut in der Hand, punktet natürlich hauptsächlich über das vieldetaillierte Etikett. Neben der ansprechenden Illustration vergisst man die Informationen nicht, die teilweise handschriftlich in vorgesehene Lücken eingetragen sind, das ist ja immer sehr charmant und beweist mit, dass hier keine Massenproduktion am Laufen ist, sondern jede Flasche mal in einer Hand lag.

Sebastian Büssing macht immer wieder mal solche winzigen Auflagen, bei denen man wirklich besondere Abfüllungen erhält, die nur wenige Menschen auf der Welt probieren können, zu vernünftigen Preisen. Ich finde das toll, das Engagement ist hier aber auch gepaart mit offensichtlichem Können, und da beides vorhanden ist, empfehle ich bedingungslos, sich die Abfüllungen von The Spirits Alchemist anzuschauen und zuzulegen. Ich hoffe, er hat auch ein paar Flaschen seiner besonderen Produkte bei den diesjährigen German Whisky Awards eingereicht, ich würde mich freuen, die dort probieren zu dürfen.

Bier am Freitag – Spirit of Rum 9. Rumclub Beer Selection

Die Spirit of Rum 9. Rumclub Private Selection präsentiert etwas wirklich sehr Besonderes: das Basisbier, eine Lemke Luise Königliche Weisse (spannend schon für sich allein betrachtet!), wird für 2 Wochen in einem Rumfass gelagert, das zuvor mit einem Rum aus Guadeloupe belegt war, und zwar einem Gardel 1983. Das Spannende daran ist, dass Gardel seine Brennerei 1992 stillgelegt hat und die Brennapparate abgebaut wurden, man also seitdem keinen neuen Rum von dort bekommen kann. Wer etwas darüber nachlesen will, findet hier gute Informationen darüber; der Autor des verlinkten Blogs und ich haben kein gutes Verhältnis gehabt in der Vergangenheit, das soll mich aber nicht daran hindern, diesen gut recherchierten Artikel mit allen relevanten Information zur „Lost Distillery“ Gardel zu empfehlen. Weg vom Rum, hin zum Bier!

Spirit of Rum 9. Rumclub Beer Selection

Sonnenblumengelb, volltrüb, blickdicht. Schaum entwickelt sich ganz kurz beim Eingießen, verschwindet aber praktisch sofort und vollständig, nur einzelne Bläschen sieht man an der Glaswand, die die aufsteigende Perlage aufsammeln, das ist fast wie ein Perlenspiel.

Der Duft gibt vom ersten Moment an beide Welten wieder – einerseits die frische, freche Säure der Berliner Weisse, andererseits das Melasserumfass. Ein komplexer, dabei angenehmer Geruch! Leichter Essig und frischer Federweißer konkurrieren nicht mit der pflaumigen Melasse, die Tiefe dazugibt, und den erkennbaren Holztönen, nein, das verbindet sich in ein vielgestaltiges Bouquet, das wirklich Lust macht, den ersten Schluck zu nehmen.

Natürlich hat eine Berliner Weisse am Gaumen erstmal die Überhand, die richtig knackige Säure, die klar eher Richtung Essig als Richtung Crémant geht, knallt erstmal eine harte Säuberungswelle vor den Bug, die dann mit milderen milch- und fruchtsauren Tönen aus Limette, Granny Smith und Johannisbeere nachgespült wird. Die dunkleren Noten erzeugen zusammen mit dem schönen Alkoholgehalt von 6,5% Körper und Volumen, Feigen, Pflaume, und auch eine Spur des gereiften Rums ist klar erkennbar. Das Holz spielt zwar mit, lässt aber den anderen Komponenten den Vorrang, sich auszutoben, was diese gern annehmen. Der Abgang ist natürlich immer noch von Säure geprägt, ein bisschen kratzt das im Hals, erfrischt aber auch herrlich und hinterlässt kleine Töne von Rum und Zitrone.

Das ist schon echt gut gemacht, der Rum ist wirklich ideal gewählt für das Basisbier, und es ist dabei stark genug, sich nicht unterbuttern zu lassen – im Gegenteil, das ist klar eine Berliner Weisse, die kleine Zusatznoten durch Fassreifung erhalten hat, und nicht umgekehrt. Ein echter Genuss!

Das Ginpendel schwingt zurück – Bobby’s Schiedam Dry Gin

Jugendliche Trinken anders heute. „Ein neuer Trend zur Nüchternheit“ wird da beschworen, „die Vermeidung von Kontrollverlust“ ist den modernen Jugendlichen wichtig – und es gibt neuen Peer Pressure, sich in Zeiten von Social Media nicht unselbstoptimiert zu zeigen. Sehr schön finde ich den smarten Vergleich von Effekten von Alkohol und Photoshop-Filtern, ja, das „Schöntrinken“ geht heute eben auch anders. 2023 erschien dieser Artikel, der auch heute noch lesenswert und wohl aktuell ist. Ich unterstütze diesen Trend, denn ich war schon immer und bin weiterhin ein strenger Verfechter des „trinke gut und wenig statt schlecht und viel“, ich hoffe, das ist bei meinen Blogeinträgen erkennbar.

Ich selbst bin ja ein absoluter Späteinsteiger, was Alkohol allgemein angeht, habe als Jugendlicher nichts getrunken, nichtmal Bier. Umso spannender für mich ist das Produkt, das wir heute betrachten: den Bobby’s Schiedam Dry Gin. Er ist einer der ganz frühen Brände, mit denen meine Spirituosenreise angefangen hat, einer der ersten Gins in meiner Heimbar überhaupt. Er ist dann irgendwie ganz nach hinten in meiner Bar gerutscht, verdrängt in der Sturm-und-Drang-Phase, in der ich so viele Flaschen jeder Art gekauft hatte, und hat dort ordentlich Staub aufgesammelt. Ich grabe ihn nun aus, re-aktiviere die alten Tasting Notes von damals, und ergänze sie mit neuen Eindrücken.

Bobby’s Schiedam Dry Gin

Klar und ohne jede Färbung oder Trübung. Vergleichsweise ölig im Glas, dichter, schnell ablaufender Beinteppich. Die Nase ist sehr fruchtig, erinnernd an bittere, englische Orangenmarmelade, Zitronengras, und frisch geriebenen Ingwer. Etwas Florales kommt dazu, nach Rosenblüten und, das ist bei mir so eine Kindheitsreflexerinnerung, Kölnisch Wasser; spät auch eine leichte glasreinigerähnliche Note, man sieht, ich habe hier sehr unterschiedliche Assoziationen. Nur ein Hauch von Wacholder, das erwarte ich bei diesem Gin auch nicht, er ist für mich der Archetyp der Pseudokategorie „New Western Style“. Er wirkt insgesamt jedenfalls sehr exotisch.

Weich und cremig kommt der Bobby’s im Antrunk an. Weiterhin blumig, aber hier nur noch sehr dezent fruchtig, die Hauptbotanicals übernehmen hier – neben Zitronengras auch Ingwer, wie ich meine, und Zitronenschale. 42% Alkoholgehalt machen sich in einer gewissen Breite und Kraft des Gins erkennbar, das vorsichtige Feuer, das im Verlauf entsteht, ist eher Würzigkeit. Der Abgang ist sehr bitter, kribbelig im ganzen Mundraum und sehr trocken. Von der Länge her mittellang, am Ende bleibt ein Eisenton im Mund, dazu ein Anästhesieeffekt auf der Zungenspitze. Einige kräuterige Zitronengras- und Ingwernoten hängen noch etwas nach.

Bobby’s Schiedam Dry Gin Glas

Ein moderner Gin, der nicht mehr viel mit klassischem Wacholdergin zu tun hat – schade, dass das heutzutage kein Oxymoron mehr ist, sondern dass man erwähnen muss, wenn ein neuer Gin eine dominierende Wacholderkomponente hat. Mir gefällt er als Mixgetränk, allerdings nicht in klassischen Rezepturen. Pur ist er angenehm zu trinken, und durch seine Exotik spannend.


Nun ist der Bobby’s für mich persönlich der Traumgin in einem exotischen Gin & Tonic. Im Zusammenspiel mit viel Eis und einem guten Schuss Fever Tree Mediterranean Tonic ergibt sich der perfekte fruchtig-frische, dabei angenehm süßliche Sommerdrink. Dennoch will ich hier kein Gin & Tonic-Rezept vorschlagen, das wäre zu einfach für meinen Geschmack. Durch seine eigene Aromatik gibt er dem uralten Klassiker Monkey Gland einen leichten Twist, den man mit Standardgin nicht bekäme. Aber Vorsicht – nach ein paar davon kommt man auf verrückte Ideen, wie sich Affenhoden implantieren zu lassen. In einer guten Bar wird man diesen Wunsch aber so oder so nicht erfüllen.

Monkey Gland Cocktail

Monkey Gland
1½oz / 45ml London Dry Gin
1½oz / 45ml Orangensaft
1 Teelöffel Grenadine
1 Teelöffel Zuckersirup

1 Teelöffel Absinthe
Auf Eis shaken.
[Rezept leicht adaptiert nach Harry MacElhone]


Die Flasche ist in einem schönen Grünbraun gehalten, hoch und besonders in der Form. Das Design, das in weiß direkt auf die Flasche gedruckt ist, soll wohl an die Zusammenstellung des Gins erinnern, die ja niederländisch-ostindisch inspiriert ist, die alten Kolonien der Niederlande in Indonesien, insbesondere der Insel Java, liefern ja genau die Zutaten, die beim Bobby’s Gin im Vordergrund stehen.

Dieser Gin war, wie gesagt, einer der Vorreiter für die Abwendung vom klassischen, wacholderdefinierten Gins, eine Zeit, in der jeder aromatisierte Wodka als Gin vermarktet wurde und man zuschauen konnte, wie die Kategorie sich selbst auflöste; das Pendel ist inzwischen wieder zurückgeschwungen. Der aktuelle Gin (im Sinne der Kategorie) ist im Allgemeinen wieder deutlicher vom Wacholder dominiert, wie es das EU-Gesetz auch vorschreibt; sicher ein Teil dieser Bewegung stammt auch von Spirituosenwettbewerben wie dem ISW in Deutschland oder Spirits Selection by CMB international, die den Juroren nun ans Herz legen, diese Kategorien enger zu bewerten und einen Gin durchaus auch abzuwerten, wenn er zuwenig Wacholder zeigt. Eine gute Sache, finde ich.

Bier am Freitag – Nyéki Meggyes Sör

Fruchtbiere sind genau mein Ding – wenn gut gemacht, leider gibt es genug, auf die das Kriterium nicht zutrifft. Scheinbar mögen viele Konsumenten aber einfach den künstlichen Kirsch- oder Beerengeschmack, der in so manchen Produkten drin ist, sonst gäbe es nicht so viele davon. Schade, denn ein gut gemachtes Fruchtbier ist einfach ein tolles Getränk. Heute haben wir das aus Ungarn stammende Nyéki Meggyes Sör zum Probieren vor uns, „meggyes“ ist einfach ungarisch für „Kirsche“, „sör“ heißt Bier, also erwarten wir ein Kirschbier. 4,5% Alkoholgehalt weist es auf, und ist gebraut aus den Zutaten Pilsener Malz, Pale Ale Malz, Hopfen (Magnum), Kirschsaftkonzentrat und Zucker. Man geht also schon eher in die vernünftige Richtung, nicht in die künstliche. Ich bin gespannt!

Nyéki Meggyes Sör

Dunkles Kirschrot, in etwa wie die Farbe der Schrift auf dem Etikett. Volltrüb und blickdicht, mit einem schönen rosafarbenen Schaum, der ausdauernd bestehen bleibt.

Der Geruch des Nyéki Meggyes Sör ist dominiert von Sauerkirschen, frisch und natürlich, eingelegt in ihrem eigenen Saft. Darunter findet sich eine malzige Basis, die aber höchstens den Kirschgeschmack mit etwas herbem Volumen unterfüttert. Insgesamt angenehm, erkennbar säuerlich und vollfruchtig.

Die Textur ist im initialen Antrunk weich, wird aber schnell durch effektive Säure und Bittere aufgebrochen; dadurch wirkt das Bier auch schnell rezent und frisch mit angenehmem Kribbeln auf der Zunge. Die Kirschen wirken nie aufgesetzt, sondern sind Hauptbestandteil dieses Biers, wunderbar integriert in den Bierkörper. Eine spannende Komponente kommt wahrscheinlich vom Hopfen, der alternative Fruchtelemente aus Johannisbeere und Himbeere und eine knackige Bittere bringt: so entsteht ein durchaus komplexes und interessantes Fruchtbier, überhaupt nicht süß, sondern reif und rund. Der Abgang ist lang, beständig vom Kirscharoma getrieben, mit leichter Astringenz und Kribbeln aus der Säure.

Faszinierend! Bei Kirschbier bin ich immer erstmal skeptisch, zuviele Produkte wirken, wie gesagt, nur künstlich oder übermäßig süß. Nicht hier beim Nyéki Meggyes Sör!

Großer Rum in kleiner Flasche – Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB)

Der aufwändige, gerundete, mit einem Aufklappmechanismus versehene Karton des Appleton Joy, den ich damals, als er erschien, zu Hause als Dekorationsobjekt aufgestellt hatte, ist weiterhin ein kleiner Blickfang in meiner Wohnung. Ich habe nur noch einen kleinen Schluck in der Flasche, die darin enthalten ist, das hebe ich mir immer für besondere Anlässe auf. Der Mark, der hauptsächlich im Joy aufgegangen ist, wurde von Joy Spence, der Master Blenderin von Appleton Estate und natürlich auch Namensgeberin des Rums, persönlich als eine ihrer ersten Amtshandlungen ausgewählt, als sie die Arbeit dort aufnahm – daher liegt er ihr wohl, nach eigener Aussage, besonders am Herzen.

Er erlebt nun einen zweiten Frühling, denn ein Rum, der just diesen Mark eng nachbildet, hat seinen Weg in den Appleton Estate 1998 Hearts Collection gefunden. 19 Fässer mit den Nummern #417649 sowie #422371 bis #422388 sind hier in einem Blend vereint, nach 25 Jahren tropischer Lagerung. 995 gr/hlpa wird als Gesamt-Congener-Zahl auf dem Etikett angegeben, das ist natürlich etwas, womit nur der Rumnerd etwas anfangen kann; für den Laien kann man grob sagen, dass es sich laut dieser Zahl um einen im gehobenen Mittelfeld liegenden Jamaica-Rum handelt, was diesen Wert angeht (die Esterzahl, die heutzutage oft beschworen wird, ist eine Teilmenge der Congener-Zahl, der Esterwert liegt also darunter, wahrscheinlich an der Grenze dessen, was man als „Continental Flavor“ bezeichnet). Ich schreibe hier aber jetzt für den Genießer, der sich tatsächlich sowas eingießt ohne Tag und Nacht damit verschwendet, solche Zahlen zu vergleichen und organische Chemie zu verstehen, und der bekommt, da nehme ich das Fazit schon vorweg, eine echte Aromabombe ins Glas.

Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB)

Farblich liegt der Rum zwischen Haselnuss und Hennarot, eine leuchtende Farbe, mit orangenen Lichtreflexen. Viskosität ist erkennbar, eine Filmfläche bildet sich an der Glaswand, die adrig abläuft.

Der Geruch ist vergleichbar kräftig, eine runde Mischung aus tropischer Frucht, nussigen Eindrücken, marzipanigen Tönen und ein bisschen Karotte. Datteln, Melasse, Holz, ein Hauch grüner Blattschnitt und krass dazu kontrastierend krümelige Erdigkeit, ein bisschen Lack, wirklich wunderbar integriert alles, das Basisdestillat und die Fässer passen nahezu perfekt zusammen. Ein Hauch Rotwein, mit minimalstem Schwefel, ein Anflug von Rauchigkeit, beides nur ganz unterschwellig, fügen Komplexität hinzu. Trotz der Stärke und Wucht des Appleton Estate 1998 Hearts Collection hat er damit eine gewisse Subtilität, eine Kombination, die man selten so perfektioniert findet. Alkohol spürt man in der Nase, aber er piekst nicht einmal.

Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB) Glas

Im Mund zeigt er sich deutlicher, von Antrunk bis Abgang merkt man, dass man ein ordentliches Pfund vor sich hat; 63% Fassstärke gehen nicht spurlos an einem vorüber. Doch es wirkt passend, die volle Textur fängt die Kanten wunderbar auf, die natürliche Süße die Spitzen. Schwer ist auch die Aromatik, dunkle, reife Früchte, Banane und ein bisschen Vanille passen wie Zahnräder ineinander, die regelrecht aufblühende Floralität im Abgang bleibt sehr lange hängen und klingt kräftig nach. Der Abgang ist lackig und frech, trocken, leicht astringierend, heiß und feurig, mit ein bisschen Weißpfefferschärfe, doch auch hier gilt, dass das alles irgendwie zueinander passt.

Es gehört Handwerk und Kunst dazu, einen Rum zu kreieren, der so gegensätzliche Eigenschaften so perfekt zusammenführt: Wucht und Eleganz. Man schwankt in der Verkostung des Appleton Estate 1998 Hearts Collection immer wieder zwischen diesen Polen hin und her, und genießt diese Vielschichtigkeit. Natürlich muss man die Fassstärke aushalten können, doch hier geht es besser als bei vielen anderen Produkten dieser Kategorie. Ein perfekter Rum für mich, der hat alles, was ich suche, und bietet sogar Dinge, die mich überraschen. Ein Schluck reicht für viele, viele Minuten, ein Glas für den ganzen Abend.


Bei einem Rum wie diesem muss man entsprechend eigentlich kein Cocktailrezept angeben, er ist komplex genug, um alleinstehend all die Facetten auszustrahlen, die man sonst von einem guten Cocktail erwartet. Im Bikini Atol ist der Rum der klare Hauptdarsteller, er wird nur von kleinen Mengen ergänzender Aromen aus Ananasschalen und Bittern weiter veredelt; das fühlt sich sehr unterhaltsam an, mehr würde ich persönlich aber auch nicht zusetzen.

Bikini Atol Cocktail

Bikini Atol
2½oz / 75ml gereifter Rum
1 Teelöffel Ananasschalensirup
2 Spritzer Angostura
Im Glas anrühren. Auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach Food52]


Natürlich kennen meine Leser inzwischen die VSGB-Initiative und die damit verbundenen, liebevoll gestalteten Kleinflaschen. Diese hier hat mich rund 60€ gekostet, man kann sich also denken, wie eine Großflasche davon zum Ausgabezeitpunkt bepreist war, gar nicht zu reden vom Sekundärmarkt, auf dem dieser Rum nun wahrscheinlich nur noch verfügbar ist. Ja, das ist für mich die absolute Obergrenze, die ich gerade noch bereit bin, für diese Menge zu bezahlen, aber tatsächlich bekommt man eine Gegenleistung, die dem gerecht wird.

Appleton Estate 1998 Hearts Collection (VSGB) Onlinetasting

Zusätzlich zum Rum bekommt man bei VSGB auch hin und wieder die Möglichkeit, an Online-Tastings teilzunehmen, bei denen dann auch echte Größen mitspielen, wie hier Dr. Joy Spence und Luca Gargano persönlich. Ich finde solche Events toll, weil man die Menschen hinter den Flaschen auch mal kennenlernen kann. Mit solchen Erinnerungen kann man den Rum auch lange danach noch mehr genießen, das vergisst man nicht.

Bier am Freitag – Monopolio Lager Clara

Wieder mal stelle ich hier etwas Exotisches aus entfernten Ländern vor – heute ist es Mexiko, mit dem Monopolio Lager Clara. Die Cervecería de San Luis, bei der es gebraut wird, wurde schon 1882 in San Luis Potosí, Mexiko, gegründet, wir reden hier also über ein durchaus geschichtsträchtiges Produkt. Es wird mit 5% Alkoholgehalt abgefüllt, in wirklich hübsch etikettierte Flaschen. Es fällt mir nach dem Ausgießen immer etwas schwer, diese Art von Mitbringseln aus fernen Ländern dann schnöde zu entsorgen, aber immerhin konnte ich einen Automaten in einem nichtgenannten Supermarkt überraschenderweise dazu bringen, mir noch 8ct Pfand für sie rückzuerstatten.

Monopolio Lager Clara

Trotz des Namenszusatzes „clara“ wirkt das Bier im Glas leicht trüb, einen Hauch opalisierend, mit einer Farbe zwischen Mais und Gelbgold. Perlage sieht man kaum, dafür einen schönen feinblasigen Schaum, der sich kurz hält, sich dann aber auf Bedeckung der Bieroberfläche zurückzieht.

In der Nase findet man erstmal eine aparte Zitruskomponente, die das Getreide, das die Basiseindrücke dominiert, aufhellt. Ein gewisser blumiger Touch ist da, wenn man ganz tief schnuppert, nach Rosenblättern, das gefällt mir sehr, vor allem weil es wirklich nur eine minimale Kopfnote bildet.

Die Textur findet den idealen Zwischenstand von voll und frisch, die Karbonisierung gibt ein schönes, dichtes Mundgefühl, während sie gleichzeitig für herbe Rezenz sorgt, das liegt gut im Mund und ist trotzdem sehr süffig. Zitrus und hopfige Aspekte kommen auch im Geschmack vor, ein bisschen Gerstenmaische, aber ich will mir hier nichts hineinfantasieren – aromatisch ist das Monopolio nicht, darum geht es bei diesem Bier aber auch nicht. Entsprechend kurz ist der Abgang, hinterlässt ein frisches, sauberes Restgefühl mit feiner Herbe.

„Fabricación especial para climas calidos“, extra für heiße Klimabedingungen hergestellt, ja, das glaube ich sofort. Zuhause im Winter kommt das Monopolio entsprechend nicht so perfekt erfrischend rüber wie im sehr warmen mexikanischen Hochland, aber es macht Spaß und ist ein idealer Essensbegleiter für pikantes, reichhaltiges Essen.

Ich habe eine Flasche des Monopolio, wie erzählt, aus Mexiko mitgebracht, dort war das die erste Erfrischung, die man nach der Arbeit im Tastingraum von México Selection by CMB 2024 bekam – ein wunderbarer Gaumenklärer. Insgesamt habe ich viele Biere in Mexiko probiert, leider war das Gepäck mit 22,9kg schon so punktgenau für den Rückflug beladen, dass ich nicht weitere Sorten mitführen konnte. Von der nächsten Reise wird es hoffentlich mehr!

Weiß und braun ergänzen rot – Mayaciel Tequila Blanco und Reposado

Bei Tequila muss man sich an eine Besonderheit gewöhnen, die man bei anderen Spirituosen nicht so oft sieht. Die Zuordnung von „Marke“ zu „Brennerei“ ist sehr oft nicht 1:1, es gibt viele Destillerien für Tequila in Mexiko, die im Kundenauftrag diverse Marken herstellen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein Beispiel dafür ist die Hacienda de Oro in Amatitán, Jalisco (NOM 1522), eine Brennerei, bei der schon mehrere Dutzend Brands hergestellt wurden und weiterhin werden – die sechste Generation der Familienbesitzer spielt schon auf den Fässern im Fasslager. Entsprechend groß ist das Equipment, das dort vor Ort genutzt werden kann; es gibt unterschiedliche Sets an Extraktions-, Koch- und Destillationsapparaten, die der Kunde kombinieren kann für sein Wunschprofil bei einer Marke.

Mayaciel Tequila wird bei der Hacienda de Oro hergestellt, und man hat sich für folgende Kombination entschieden: Hochdruck-Autoklave zum Kochen der Agavenherzen, eine Rollmühle zur Extraktion des Safts aus den Fibern, offene Edelstahltanks zur Fermentation mit wilden Hefen, sowie zum Schluss eine Edelstahlpotstill zur Destillation. Eine eher moderne Auswahl also, die aber definitiv noch nicht als industrialisiert zu bezeichnen wäre. Daraus entsteht ein Blanco, ich habe Batch LMYC03/4761, abgefüllt am 19.07.2021, zuhause. In Ex-Rum-Fässern reift man den Reposado (unterjährig, wie es sich für einen Reposado gehört). Davon steht bei mir gerade Batch LMYC04/0012, abgefüllt am 12.09.2022, vor mir, beide sind nun bereit für die Verkostung.

Mayaciel Tequila Blanco und Reposado

Beginnen wir mit dem Mayaciel Tequila Blanco. Klar und transparent, ohne jeden Fehler. Beim Drehen des Glases erkennt man sofort eine ordentliche Schwere, die sich auch als Beinartefakte auf die Glaswand legt. Die Flüssigkeit geht schnell wieder in den Ruhezustand über.

Eine würzige Agavennote initiiert die erste Geruchsprobe, begleitet von deutlich ausgeprägter Vanille. Ein Tick Apfelessig liegt im Untergrund, steuert etwas Frucht bei. Niemals zwickt etwas, sogar bei sehr tiefem Schnuppern, bei jenem findet man noch eine schöne, dezente Floralität. Ein bisschen grün wirkt das Gesamtbild, wie es sein soll, mit einem Hauch Mineralität aus Algen.

Schwer und voll, die Textur weiß schon im Antrunk zu überzeugen. Da ist auch noch eine effektive Süße, die aber sehr schnell im Verlauf durch pikante Würze, viel Mineralität und grüne Herbalität im oberen Register ersetzt wird. Kakaonoten bilden dagegen ein dunkles Tiefenregister, zusammen mit etwas schokolierten Rosinen und Datteln. Der Abgang wird trocken, ein bisschen scharf im Rachen, und hinterlässt ein freches Glühen auf der Zunge und ein erkennbares Kratzen im Hals; aromatisch ist er leider sehr kurz.

Ein sauber gemachter Tequila, ohne Frage, mit viel Kraft; irgendwie fehlt es mir aber an der Eleganz eines Spitzenklasseblancos, und vor allem an Länge, hier ist man ein bisschen schnell fertig, und im Nachgang zeigt er sich dazu etwas kantig.


Nun zum Mayaciel Tequila Reposado. Eine helle Maisfarbe hat die Ruhezeit in Ex-Rum-Fässern erzeugt, die Schwere des Basisdestillats ist dabei erhalten geblieben. Das schwenkt sich hübsch und ansprechend, weiße Lichtreflexe enstehen.

Der Blanco hatte schon von sich aus etwas Vanille, beim Reposado ist das noch viel deutlicher, auf eine immer noch angenehme und natürliche Art und Weise. Zimt kommt dazu, ganz vorsichtige Holztöne, dafür deutlich Erdnuss. Dieser Tequila springt einen immer noch nicht an, man muss schon aktiv schnuppern, aber dafür zeigt er eine feine Art, zurückhaltend und dennoch aromatisch.

Die Erdnuss taucht auch im Mund als erstes auf, zusammen mit einer vanilligen, süßen Seite, vielleicht etwas Toffee, oder Shortbread. Im Verlauf kommt ordentlich Säure auf, die die Süße kontert, und in die pikante, würzige und trockene zweite Halbzeit überleitet. Hier findet man die Agave, gut eingebettet in die holzigen Aspekte, und im Nachhall gewinnt sie sogar noch und lässt eine wirklich schön mineralische, vegetabile und ausgeprägte Agave am Gaumen zurück.

Ich bin normalerweise ein großer Blanco-Fan, bei diesen beiden Tequilas von Mayaciel gebe ich aber ganz klar dem Reposado den Vorzug; er wirkt elegant aber kräftig, aromatisch aber nicht überwältigend, mit wunderbarem Ausklang. Eine sehr gelungene Fassreifung, die das Basisdestillat noch aufwertet, das muss man sagen!


Es ist jetzt ja immer noch Winter, und da darf man weiterhin winterliche Cocktails trinken, wenn man etwas mit Tequila im Glas haben möchte. Der Jack Frost ist aber so unterhaltsam, sowohl in seinem optischen als auch geschmacklichen Eindruck, dass er etwas ist, was man auch im Hochsommer servieren kann. Man muss dann ja kein Schneemann-Glas verwenden, der Drink bringts auch in einem Tiki-Becher, da bin ich mir sicher, und der Blanco von Mayaciel hat die Kraft, sich auch gegen die anderen Zutaten nicht unterbuttern zu lassen.

Jack Frost Cocktail

Jack Frost
1½oz / 45ml Tequila blanco
⅔oz / 20ml Blue Curaçao
⅔oz / 20ml Kokosnusssirup
⅔oz / 20ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Auf pebbled ice servieren.

[Rezept nach speakeasieruk]


Die Flaschen sind die gleichen für alle drei Sorten, die Mayaciel im Moment anbietet, und die liegen gut in der Hand. Mir gefällt das Design sehr, es wirkt modern, hat aber Stil, und die ausgewählten Etikettenfarben greifen sehr hübsch die Reifungsart des Inhalts auf.

Mayaciel Tequila Flaschen

Drei Sorten? Ja, den dritten im Bunde, den Mayaciel Rosa, hatte ich ja schon vor einiger Zeit besprochen. Für mich persönlich ist dieser Rosa der Gewinner des Terzetts, er spielt die Fassreifung am besten aus, und ist der spannendste; von den beiden hier vorgestellten würde ich dem geneigten Genießer den Reposado ans Herz legen wollen. Das Set zeigt aber insgesamt, wie unterschiedlich sich Tequila in unterschiedlichen Reifungsstufen und -arten entwickeln kann, so etwas ist immer spannend zu beobachten.

Offenlegung: Ich danke Mayaciel für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Tequilas.

Bier am Freitag – Zipfer Meisterwerke Weizen, Urtyp, Märzen

Bier aus dem Urlaub mitbringen, das ist eine langgepflegte Tradition bei mir. Selbst bei interkontinentalen Flugreisen versuche ich immer, eine Flasche des lokalen Gerstensafts zu importieren, sei es neulich erst aus Mexiko, China und Kanada. Doch aus aus dem direkten Nachbarland, das ich extrem gerne besuche, sind verschiedenste Biere immer mit im Gepäck, und so brachte ich vor einiger Zeit aus Österreich die Zipfer Meisterwerke Weizen, Urtyp, und Märzen mit. Charmant finde ich dabei die Flaschenform, die hübsch anzusehen ist und gut in der Hand liegt bei den witzigen kleinen Gebindegrößen, und den Kronkorken-Drehverschluss, den ich mir auch gerne in Deutschland öfter wünschen würde.

Zipfer Meisterwerke Weizen, Urtyp, Märzen


Zipfer Meisterwerke Weizen

Beginnen wir mit dem Zipfer Meisterwerke Weizen. Im Glas verhält es sich zunächst sehr typisch, eine volltrübe, safranfarbige Fülle mit dickem, gemischtblasigem Schaum. Der erste Unterschied zum Feld-Wald-und-Wiesen-Weizen kommt allerdings direkt, wenn man die Nase ans Glas hält – dieses Bier ist mit Citra aromagehopft. Entsprechend bekommt man leichte Zitrusnoten, etwas Tropenfrucht, aber nicht so, dass es überhand nimmt, eine weizentypische Süße ist immer noch vorhanden. Auch im Mund ist der Spagat zwischen Aromahopfung und Weizenklassik gut gelungen, beide Eindrücke harmonieren schön miteinander, die fruchtigen passen wunderbar zu den nelkigen Noten. Ein volles Mundgefühl, passend gewählte 5,3% Alkoholgehalt und eine tolle Rezenz führen zum würzigen, zwar kurzen, aber recht vollen Abgang. Ein abziehbares Rücketikett mit einigen weiteren Hinweisen und der Angabe, dass wir 14 IBU vorliegen haben sorgt auch noch für die informative Grundlage – das Zipfer Meisterwerke Weizen macht seinem Namen wirklich alle Ehre.


Zipfer Urtyp

Kristallklar, ocker, mit leichter Perlage, dazu etwas Schaum, der eher kurzlebig ist – so beginnt das Zipfer Urtyp. Metallisch-getreidig in der Nase, hefig. Ein Anflug von Frucht. Sehr getreidig im Antrunk, das schmeckt fast wie Maische. Im Verlauf kommt die metallische Komponente immer stärker nach vorn, im Abgang ist fast nichts anderes mehr da. Aromatisch ein recht neutrales Lagerbier, kann es wenigstens über die kantig-sprudelige Rezenz punkten, und ein angenehmes Süßsauerspiel, das in einem feinherben Schluss mündet. 5,4% Alkoholgehalt sind gut eingebunden. Das Urtyp ist laut eigener Aussage auf dem Rücketikett die Spitzensorte der Brauerei – nun, die Ansprüche sind offenbar nicht besonders groß.


Zipfer Märzen

Weiß das Zipfer Märzen eher zu überzeugen? Golden, kristallklar, dadurch sieht man die in der Mitte des Glases ausdauernd und kräftig aufsteigende Perlage. Es bleibt kaum Schaum da, auch nicht nach dem Eingießen. Der Geruch ist bitterhopfig, sehr würzig, mildhefig, mit einem leichten Rostton. Ist der Antrunk noch hopfig-würzig (die Betonung des Etiketts, dass dieses Bier „nur mit Naturhopfen“ gebraut wird, sagt viel über die Massenbierkultur des deutschsprachigen Raums aus), kommt schnell eine starke, fast schon überhand nehmende Süße dazu, bis zum Abgang, der mir persönlich schon pappig vorkommt. In der Aromatik bleibt das Bier unauffällig, der errochene Rostton dominiert, die klebrige Süße nimmt leider viel Rezenz weg – das ist ein Bier, das man kalt und schnell trinken muss (bei 5% Alkoholgehalt geht das ja gut), und das danach nur kurz am Gaumen bleibt.


Im Fazit lege ich von dieser Auswahl der Brauerei eigentlich nur das Zipfer Meisterwerke Weizen dem Leser nahe, den Rest trinkt man dann lieber einfach nach einer anstrengenden Wandertour auf einer Alm als Durstlöscher, ohne viel drüber nachzusinnen. Jedes Bier hat so seinen Zweck.

Krautiges von der Insel – William Hinton Moot Vermute Meio-Doce

Meine Schwägerin Judith macht selbst Wermut, und versorgt mich regelmäßig mit ihren hausgemachten Produkten. Seitdem habe ich nur selten kommerziellen Wermut gekauft, der selbstgemachte ist so aromatisch und besonders, dabei ganz klassisch und wirklich kräuterlastig, dass es die oft eher milden italienischen und französischen Wermuts etwas schwer haben; insbesondere, wenn es um den Einsatz in wuchtigen, kräftigen Cocktails geht. Ich würde ihr ja empfehlen, diese tollen alkoholischen Produkte zu vermarkten, ich denke, ich wäre sicher nicht der einzige, der so etwas zu schätzen weiß. Bis es soweit ist hat der geneigte Wermutfreund ja trotzdem eine große Auswahl, und dank der sehr rührig arbeitenden Solveig Gerz-Stamenkovic finden wir hierzulande auch in dieser Kategorie inzwischen exotischere Produkte, wie den William Hinton Moot Vermute Meio-Doce.

Für diesen halbtrockenen, roten Wermut, der als der erste authentische Wermut von der autonomen Region Madeira, zugehörig zu Portugal, beworben wird, werden aromatische Kräuter von der Insel und Gewürze gereiftem Madeira-Wein beigefügt, also wirklich im wahrsten Sinne ein Kind der Insel. Er stammt von Engenho Novo da Madeira, die der geneigte Rumfreund ja bereits kennt (oder kennen sollte). 14,5% Alkoholgehalt weist er auf, und ich bin immer gespannt, neue Ausprägungen eigentlich ganz traditioneller Kategorien ausprobieren zu dürfen; man findet oft überraschende Besonderheiten in ihnen. Vielleicht hat der William Hinton Moot auch so eine in Petto?

William Hinton Moot Vermute Meio-Doce

Gebrannte Siena sehen wir im Glas nach dem Einschenken, mit leicht rubinrötlichen Lichtreflexen, wenn man das Glas ins Gegenlicht hält. Beim Schwenken entstehen direkt fette Schlieren an der Glaswand, die Flüssigkeit schwappt schwer und sehr ölig, das beeindruckt schon beim Zuschauen.

Apart ist aber auch die Nase – zunächst gefällt eine sehr angenehme, ausgeprägte und trotzdem nicht überschwängliche Fruchtigkeit, rote reife Trauben, milde Grapefruit, gekochte Ananas und Brombeerkompott. Weich, rund, voll. Darunter findet man aber schnell die Komplexität von edler Nussigkeit, viele Walnüsse und ein paar Mandeln eingestreut. Leichte Sandelholztöne kommen dazu, in toto ergibt das ein wirklich schönes, rundes Aromabouqet, an dem man gerne und lange verweilt.

William Hinton Moot Vermute Meio-Doce Glas

Hauptsächlich die Frucht transferiert dann auf den Gaumen, deutlich säuerlicher als die Nase ankündigte, die Beeren, die Grapefruit und die Trauben wirken dennoch voll. Die Textur zeigt sich weiterhin fett und expansiv, sie sorgt dafür, dass die Säure sich nicht zu dominierend verhält. Im Verlauf bringen erdige und holzige Töne Abwechslung, die Walnuss kommt zum Zuge, und insgesamt dreht sich der Eindruck mehr ins Trockene, erinnert im Nachhall fast an einen ganz milden Amontillado, wenn die fruchtigen Obertöne verklungen sind. Sanfte Astringenz zieht einem etwas die Spucke weg, und eine durchaus maritime Salzigkeit erscheint ganz spät und komplettiert ein vielschichtiges und unterhaltsames Bild.

Komplex, vollaromatisch und sauber strukturiert, was will man mehr von einem halbtrockenen Wermut. Die Kräuter, die ich normalerweise stärker erwarten würde, gehen vielleicht stellenweise etwas unter gegen die Frucht, doch es fühlt sich nie falsch an, was man da trinkt, sondern stark, kräftig, und dennoch eher ein Rapierfechter denn ein Säbelschwinger.


Die Trinkempfehlung auf der Rückseite der Flasche geht hin zum Purgenuss, auf Eis und mit einer Orangenzeste. Das funktioniert sicher, wer etwas mehr Aufwand betreiben möchte, kann sich die Kreation von Kai Dietrich aus dem La Boutique Trinkkultur Café & Bar in Neustadt an der Weinstraße ansehen; Kai kombiniert hier einen Zuckerrohrsaftrum aus Madeira mit diesem Wermut und Pampelle Ruby, einem Grapefruit-Bitter. Der Madeironi ist auf dem Papier klar als Negroni-Twist erkennbar, zeigt sich im Geschmack aber klar unabhängig von seinem Vorbild.


Madeironi
60ml Rum Agricola da Madeira
60ml Moot Vermute
40ml Pampelle Ruby
Auf Eis rühren. In ein gefrostetes Glas mit einem großen Eiswürfel abseihen.
Mit einer Orangenzeste servieren.

[Rezept nach Kai Dietrich]


Die Braunglasflasche fasst die leicht ungewöhnlichen 750ml, und ist mit einem Echtkorken versehen. Die Gestaltung hält sich sehr zurück, rein buchstabengeführt, direkt auf die Flasche aufgedruckt.

Madeira hat offensichtlich viel zu bieten, nachdem ich schon diverse Rums von dort probieren konnte (und hier besprochen natürlich, man suche einfach nach dem Schlagwort „Madeira“), und auch einen Premix-Poncha, fehlt für mich nur eins: Ein Besuch der Insel. Dies steht natürlich auf meiner Bucket List, und ich hoffe ehrlich, irgendwann mal dort hinkommen zu können, idealerweise in angenehmer Gesellschaft und mit Besichtigung der Brennereien. Bis dahin trinke ich aber sicher noch den einen oder anderen Madeironi.

Offenlegung: Ich danke Solveig Gerz von FFL – Spirit Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Wermuts.

Bier am Freitag – Bourgogne des Flandres Bruinen Os

Mein Kurzausflug nach Brügge ist nun schon eine ganze Weile her, die Erinnerungen beginnen zu verblassen. Was tut man dagegen? Man holt sich eins der mitgebrachten Souvenirs aus dem Keller und frischt die Erinnerung auf. Bei Bier ist das ganz einfach, Geschmäcker sind schließlich ein Schlüssel für im Gehirn irgendwo vergrabene Eindrücke. Funktioniert das auch mit dem Bourgogne des Flandres Bruinen Os, einem Blend aus obergärigem Braunbier und spontanvergorenem Lambic, hergestellt in gemischter Fermentation und eingestellt auf 5% Alkoholgehalt? Die blonde Schwester, das Bourgogne des Flandres Blonden Os, hatte ich ja bereits vorgestellt, mal schauen, was die Brünette so kann.

Bourgogne des Flandres Bruinen Os

Dunkles Teakholz, beinahe schon espressofarben, man kann Lichtschein durch das Bier sehen, wenn man es im Gegenlicht betrachtet, aber nur ansatzsweise. Der Schaum ist dünn, aber ausdauernd, sehr feinblasig, und weist eine hellbeige Farbe auf.

Die Nase ist malzig und fruchtig, hat aber zunächst einem Anflug von Joghurt, noch nicht so stark, dass ich das als fehlerhaft bezeichnen würde. Beeren und Kirschen, ein bisschen Aprikose, alles in sehr unterdrücktem Maße; der Haupteindruck ist, wie gesagt, Erdbeerjoghurt.

Im Mund startet volle Säure, zitronig und apfelig, dabei nicht beißend. Kräftige Bittere kommt dazu, das ist kein gemütliches Bier, sondern zeigt von Anfang an Zähne. Der Joghurtaspekt ist auch hier vorhanden, die Frucht wird dagegen deutlich zurückgenommen, lässt dem Malz viel mehr Raum. Die Textur ist voll und dicht, dennoch eher zum Leichten hin tendierend, wahrscheinlich durch die Säure und Rezenz verursacht. Der Abgang ist sehr kurz, knackig bitter, und bringt ganz vorsichtigen Jasmin hervor, der kurz nachhallt.

Das ist ein Erfrischungsbier für den Sommer, das mit seiner Frische seiner Farbe spottet. Wahrscheinlich nichts für Einsteiger, die sich mit Lambic oder Sauerbier noch nicht bereits angefreundet haben; aber auch mir persönlich als fortgeschrittenem User fehlt hier doch so einiges, um mich in Begeisterung zu versetzen. Ich trinke lieber das Blonde.