Von der englischen Ostküste stammt das Greene King Double Hop Monster IPA, das es neulich in meinen Bierkelch geschafft hat. Auch wenn der Stil des IPA natürlich aus England stammt, finde ich doch eher selten Brauprodukte von dort in den Märkten meines Vertrauens, um so mehr springt einen dann so ein Bier an, wenn man es mal sieht – was durchaus auch an dem witzig gestalteten Etikett mit dem doppelköpfigen Drachen liegt. Cascade, Chinook, Columbus, Styrian Golding, Willamette (den kannte ich tatsächlich bisher noch gar nicht), das sind die Hopfensorten, da hat man wirklich nicht gegeizt, und auch der Alkoholgehalt von 7,2% passt zum Stil.
Farblich gefällt mir das kraftvolle Kupfer und die schöne opalisierende Art. Von Anfang an findet man nur wenig Schaum, nur an der Glaswand, erkennbar gespeist durch die mittelstarke Perlage.
Geruchlich ist das Monster im Vergleich zu anderen IPAs sehr zurückhaltend, gar nicht passend zum Namen. Ich entdecke Kirsche, Beeren, Blutorange. Etwas Lakritze vielleicht noch… und auch geschmacklich bleibt es enttäuschend vorsichtig. Doch einiges von der errochenen Frucht kommt auch am Gaumen an, aber ähnlich angestrengt muss man danach suchen. Zitrusnoten liegen da im Raum, hopfentypische Aromen, die sich aber schnell auflösen und von einem wuchtigen Biergeschmack abgelöst werden – das geht dann plötzlich eindeutig schon mehr ins Pils als ins Ale. Eine kräftige Säure dominiert im Verlauf. Die Bitterkeit, die ich von einem IPA schon erwarte, wirkt hier aufgesetzt und ist nicht ins Gesamtbild eingebunden, kämpft gegen eine seltsam flache Cremigkeit. Der Abgang ist dann äußerst adstringierend, trocken und bitter, ohne jeglichen Charme, einfach nur kantig bitter und flach.
Insgesamt finde ich das Double Hop Monster IPA extrem unrund, nicht gut komponiert, zuviele unterschiedliche Einflüsse, die nicht zusammenspielen. Letztlich scheint es mir bei diesem Bier nur um einen Mitgliedsbeitrag der englischen Brauerei Greene King im Bitterwettbewerb zu sein – der Werbespruch „the wildest, hoppiest beer we’ve ever brewed“ deutet mir auch in diese Richtung. Muss ich aber nicht haben.
Bei manchen Flaschen geht mir, wie man im Saarland so schön sagt, direkt beim Anschauen schon das Messer im Sack auf. Man spürt, dass die Marketing-Abteilung manchmal mehr Budget zugewiesen bekommt als die Brenner oder Blender – und es gibt Firmen, bei denen das im Schnitt mir sehr viel häufiger so geht, als bei anderen. Ich habe persönlich schon immer ein etwas kontroverses Verhältnis zu Rums von Planteray (ehemals Plantation, ein Name, der in einer irgendwie sehr seltsam wirkenden und wenig überzeugenden Aktion abgelöst wurde, um Vorwürfen des Kolonialismus-Whitewashing aus dem Weg zu gehen), das ist nämlich genau so eine Augenwischerabfüllerei mit tollen Flaschen und Etiketten, während im Hintergrund das Basismaterial kein bisschen respektiert wird: man muss es ja in Frankreich erst verfeinern, bevor es genießbar ist, so die Einstellung der Firma. Nun, das ist ein persönliches Problem, das ich habe, ich will das nicht weiter auswalzen.
Mit Marketing-Buzzwörtern spart der Plantation O.F.T.D. Overproof Artisanal Rum definitiv nicht. „Dark“-Rum, „Navy-Style“, „Artisanal“, „Traditional“, „Overproof“, da weiß man gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Die Abkürzung im Namen steht für „Old Fashioned Traditional Dark“, sozusagen die Essenz all dieser Buzzwords, einen richtigen handfesten Definitionscharakter hat aber praktisch kein einziges der Wörter in dieser Tagcloud, ich habe das Gefühl, da schmiert man dem neugierigen Anfänger einfach fett Wortgrütze ums Maul, um ihn zum Kauf zu verleiten. Ein paar Details, die im Gegensatz zum Rest wirklich wichtig sind, gehen darin fast unter: Es handelt sich um einen Blend aus Destillaten aus Guyana, Barbados und Jamaica, er wird mit 69% Alkoholgehalt abgefüllt, und, das ist für den Hersteller selten, er wird nicht gesüßt. Probieren wir ihn aber unvoreingenommen, soweit das geht.
„Dark“ ist zwar im Namen vorhanden, aber so richtig dunkel ist der Rum eigentlich nicht, da habe ich ganz andere Kaliber, was die Färbung angeht, im Regal. Tatsächlich ist das eine hübsche, leuchtende Terracotta-Farbe, mit orangenen und sogar goldenen Reflexen, dahingehend passt das irgendwie nicht, aber Farbe ist bei Spirituosen in den meisten Fällen eh nichts, worüber man zu lange nachdenken sollte. Die Viskosität ist dagegen nicht zu diskutieren, da schwappt es schwer im Glas, und an der Glaswand bleibt erstmal ein durchgängiger Film, der sich praktisch nicht in Beine aufteilt.
Mit der Geruchsprobe sei man etwas vorsichtig, die 69% Alkoholgehalt pieksen ganz schön in den Schleimhäuten. Und man muss die Nase trotzdem tief ins Glas halten, denn so richtig anspringen tut mich der O.F.T.D. geruchlich nicht. Da sind ein paar typische Jamaika- und Guyana-Noten, aber sonst? Ich rieche hellen Tabak, etwas Kokos, natürlich Trockenfrüchte, etwas reife Banane und eine ganz leichte Nussigkeit. Ein würziges, beinahe erdiges Geruchsbild insgesamt, dabei aber doch arg zurückhaltend. Und dann ist neben dem Stechen des Alkohols auch ein ethanolischer Hauch dabei, der mich nicht begeistert.
Ein Schlückchen pur, das nehme ich auch bei knapp 70%, und es gibt da auch nicht viel zu fürchten; das fühlt sich warm an, aber nicht brennend, würzig, aber nicht beissend. Doch der grundsätzliche Eindruck geht auch im Mund weiter – besonders interessante Aromatik ist das nicht, die Dramatik der Präsentation ist am Gaumen nicht reproduzierbar. Hauptsächlich sind es milde Fruchttöne, Banane, etwas reife Ananas, dazu Marzipan und Kokos, doch all das wird vom schlecht eingebundenen Alkohol überrannt. Darum ist der Rum auch kurz und eher schmal, trotz der vollen Textur verfliegt alles sehr schnell und lässt nur ein mildes Effektbrummen zurück, kaum Aromen. Gegen Ende ist der O.F.T.D. dann, auch wenn nicht gesüßt, eher schwierig süßlich, beinahe pappig, und hinterlässt dann ein durchaus unangenehmes Mundgefühl zurück. Mit etwas Wasser wird das alles noch erkennbarer, hier lässt der Rum dann vollends die Hosen herunter und wird, klar gesprochen, völlig banal. Die auf der Flasche angegebenen, sich überschlagenden Tasting Notes kann ich in der Form überhaupt nicht nachvollziehen.
Ja, was soll ich sagen. Für den Purgenuss ist dieser Rum für mich persönlich viel zu langweilig, eindimensional und schlicht, da ist nichts da, was mein Interesse über mehr als ein paar Minuten aufrecht erhalten könnte. Wahrscheinlich ist das auch einfach nicht der Einsatzzweck dieses Produkts, das eher als Mixrum gestaltet wurde – hier erledigen sich manche der Kritikpunkte natürlich, dennoch verwende ich persönlich gerne in Drinks auch expressivere Rums.
Die meisten Rezeptvorschläge, die man zum O.F.T.D. finden wird, werden Tiki-Cocktails sein oder andere, in denen der Rum als Wummer dient, um Power in den Drink zu bringen, denn das kann er, dazu braucht man keine filigrane Komplexität. Das erkennt man in solchen Drinks wie dem Baby Darling. Mit dem O.F.T.D. wird allerdings kein zartes Baby aus dem Drink, sondern ein Monstertruck. Wer das nicht verkraften kann, reduziert den Rum um eine halbe Unze und fügt diese Menge an eiskaltem Wasser hinzu. Feigling.
Baby Darling 2oz / 60ml gereifter Rum ¾oz / 23ml süßer Wermut ½oz / 15ml Amaro Auf Eis rühren. Mit Kirsche servieren. [Rezept nach Gino de Martinis]
Im Rückblick muss ich sagen: Das beste an diesem Rum ist die Flasche, aber das ist, wie eingangs gesagt, der Eindruck, den ich bei vielen Planteray/Plantation-Produkten habe, da ist so viel Augenwischerei dabei, dass es schmerzt. Positiv gesprochen: Das Design des O.F.T.D. ist grandios, sowohl von Flaschenform als auch Etikettengestaltung. Diverse alte Bekannte aus der Barwelt, wie David Wondrich, Martin Cate und Jeff Berry, werden auf dem Rücketikett gezeigt und in Form einer Schiffscrew erwähnt; dazu eine (pseudo-)lustige Story darüber, wie sie zusammengearbeitet haben. Von so etwas halte ich persönlich nichts, vor allem, weil der Platz besser mit echten Informationen über die enthaltenen Rums oder wenigstens Blendanteile genutzt werden könnte. Nun, so richtig schlecht will ich den Rum hier jetzt nicht reden, aber eine zweite Flasche wird es bei mir davon nicht geben, da kenne ich Blends, die sehr viel aromatischer sind, und das bei niedrigerem Alkoholgehalt. Fazit für den O.F.T.D.? Ein Blender, der mit großen Zahlen und bekannten Namen über die Mängel hinwegtäuscht.
Ich komme langsam ans Ende der Kiste der belgischen Biere, die mir mein alter Freund Dimitri vor zwei Jahren geschenkt hatte, weil er selbst kein Bier trinkt. Da waren tolle Sachen drin, muss ich sagen, und ich habe ihm mehrfach unter die Nase gerieben, dass er da was verpasst hat. Heute trinken wir eins der Biere, von dem sogar zwei Flaschen in der Kiste waren, das Brouwerij Van Steenberge Fourchette. Es ist laut Etikett ein „multigrain tripel“, was hier bedeutet, dass es aus Gerste, Weizen und Reis gebraut wird, auf belgisch-ordentliche 7,5% Alkoholgehalt hin. Mir gefällt schon die Flaschengestaltung sehr, reduktiv und edel zugleich mit der stilisierten Gabel (auf den Namen des Biers anspielend natürlich). Ich hoffe, der Flascheninhalt wird ähnlich gut.
Volltrübes Eidottergelb sieht man im Glas, minimalste Partikel sinken schnell nach unten, und bilden den Ausgangspunkt für sehr leichtes Mousseux. Der Schaum ist grobblasig, eine feine Krone setzt sich darauf ab und zerfällt langsam.
Deutlich hopfig ist der Duft, erinnert an ein leichtes Pale Ale, mit Ideen von tropischen Fruchtnoten und etwas Grapefruit. Insgesamt springt es einen aber nicht an, bleibt dezent und leise in der Nase.
Im Mund bildet sich ein für mich nahezu ideales Gesamtbild heraus – perfekt balanciert zwischen Süße und Säure, erstere trägt die Fruchtaromen, letztere die Rezenz. Hier übernimmt dann das Getreide, wie es sein sollte, und sorgt mit ausgewogener Herbe für ein tolles Mundgefühl, mit schöner, leichter, prickelnder Textur und einem vollen Körper. Dabei bleibt das Bier leicht und frisch, kitzelt leicht am Gaumen, und geht dann im Abgang zügig weg, ohne lästig zu fallen.
Das ist ein ideales Bier zum Essen, bei mir gibt es Samstags immer Grillhähnchen, und dazu kenne ich kaum ein besseres Bier als das Fourchette mit seiner Frische und Helle. Zum Ruminieren nehme ich andere Biere, aber als leichten Gaumenerfrischer, der trotzdem Niveau hat, gefällt mir das herausragend gut.
10 Jahre sind eine lange Zeit. Vor rund 10 Jahren habe ich diesen Blog hier gestartet, ohne Ambitionen zu haben, ihn so lange zu betreiben; darum ist auch der Name, „schlimmerdurst.net“, so hemdsärmelig, rein in deutscher Sprache und wenig auf große Reichweite getrimmt, komplett anders halt, wie man das heute machen würde. Dies hier ist – Trommelwirbel – der 1000. Artikel auf meinem Blog, eine Zahl, die mich stolz macht, die mir aber auch etwas Sorgen macht, denn nach 1000 Buchbesprechungen auf goodreads.com habe ich dort den Stift fallen lassen und mich anderen Themen als Büchern zugewendet, dem Schnaps eben. Ich habe tatsächlich vor, ab demnächst etwas kürzer zu treten, was die Frequenz an Erscheinungen hier betrifft, dieser Artikel ist damit schon eine gewisse Zäsur – aber nur, was die Quantität angeht, bei der Qualität will ich dabei bleiben und gewissenhaft verfasste Tasting Notes für die Freunde des guten Genusses veröffentlichen. Weitere 200 Spirituosen- und Bierartikel sind in rudimentärstem Planungszustand noch vorhanden, ich habe aber die Vorstellung aufgegeben, alle mal zu veröffentlichen, es kommen ja weiterhin neue Produkte dazu.
Zum Jubiläum habe ich mir aus diesem großen Backlog einen Brand ausgesucht, der ebenfalls 10 Jahre auf dem Buckel hat. Der Fies Momentum Kirschbrand 1726 10 Jahre war einer der inzwischen selten gewordenen Spontankäufe in einem Getränkemarkt, 2023 war das, denke ich. Natürlich hat erstmal die Präsentation (dazu am Ende mehr) dafür gesorgt, dass man zugreifen will, aber auch die Erläuterung des Inhalts. Im Schwarzwald gebrannt, zehn Jahre erst in Steingut gelagert und dann in Kastanienholzfässern gefinisht, wohl weitere zwei Jahre, die aber seltsamerweise dann nicht in der Altersangabe auftauchen. Ach, diese Details, die mich dann immer quälen, obwohl ich doch lieber einfach den Brand trinken sollte – ich versuche, das in Zukunft ein bisschen entspannter anzugehen. Jetzt aber erstmal den Kirschbrand ins Glas!
Kräftig, brilliant, und mit einer durchgehenden Kupferfarbe versehen gießt sich der Fies Kirschbrand ein, tolle orangefarbene Lichtreflexe in zwei Abstufungen sind im Glas zu sehen. Schwenkt man ihn darin, sieht man eine richtig ölige Struktur, schwer schwappt es, dicke Beine bilden sich, die noch zur optischen, ansprechenden Art beitragen.
Ähnlich wuchtig kommt auch die Nase an, ein volles Kirscharoma springt aus dem Glas. Ich imaginiere dazu so richtig dicke, pralle, eher schon schwarze als rote Kirschen, die beim Reinbeißen knacken. Ein Touch von dem Sirup, in dem Amarena-Kirschen eingelegt sind, kommt dazu, und eine assoziativ völlig losgelöste, aber perfekt integrierte Fleischigkeit, die schwer zu greifen oder beschreiben ist. Ein Hauch Lack, nur wirklich ein Hauch, der Alkoholgehalt von 50% ist nie wirklich spürbar, fügt die Komplexität dazu, zusammen mit einer tiefdunklen, bitterschokoladig-reinkakaoigen Erdigkeit. Ja, noch ein Anflug von Holz rundet das ganze ab, ein Brand, an dem ich wirklich gerne schnuppere.
Diese wunderbare gesichtete Öligkeit definiert auch erstmal den Antrunk, das fließt wie geschmolzene Butter über die Zunge, rund, breit, tief, in jeder Dimension ist da Volumen da. Süße und Bittere sind aufs edelste abgestimmt, die konkurrieren nicht, sondern ergänzen einander. Im Verlauf bilden sich die Kirscharomen heraus, nun doch eher kräftig und würzig, mit immer noch vorhandenem schwerem Fruchtfleisch und Sirup. Ein paar Momente zwischendurch wird es feurig, nur kurz aber, alles wird von der grandiosen Textur aufgesogen und rund gemacht. Gegen Ende kommen Zimt, Piment und Chili hervor, mit ein paar ganz milden Holznoten, all das bringt den Gaumen und die Zunge zum Brummen, bevor der Fies Momentum dann erst mit Kaffeearomen ganz hinten im Rachen und blumigen, leicht grünen sogar, im Zentrum ausklingt und ein wunderbares Mundgefühl und ein zartes Aromenklingen hinterlässt.
Wer das Vorurteil hatte, dass so eine üppige Verpackung nur dazu dienen könne, Mängel zu überschreiben, liegt falsch – das ist wirklich ein extrem schmackhafter, handwerklich toll gemachter gereifter Kirschbrand, bei dem jedes Detail einfach stimmt und sich herrlich zusammenfügt. Ich hätte mir keinen besseren Brand für mein 10jähriges aussuchen können.
Wenn man schon in nostalgischer Stimmung ist aus gegebenem Anlass, kann man sich auch eine alte Rezeptur zusammenmischen. Der Eider Duck wurde 1937 erstmals in einem Cocktailbuch erwähnt, das ist für mich Historie genug; mit einem gereiften Kirschbrand, wie dem von Fies, ensteht noch etwas mehr Tiefe als mit einem ungereiften. Er ist jedenfalls, mit seinen gleichwertig eingesetzten Zutaten, leicht zuhause zu machen, etwas, was ich mehr und mehr schätzen gelernt habe über die Zeit – aus dem Alter, in dem ich an einem Cocktail eine halbe Stunde gerührt und gemixt habe, bin ich nun doch raus.
Eider Duck ¾oz / 25ml Kirsch Eau-de-Vie ¾oz / 25ml Cognac ¾oz / 25ml Grand Marnier ¾oz / 25ml Zitronensaft Auf Eis shaken. [Rezept nach C.A. Gadina via William James Tarling]
Wie es bei Spontankäufen halt so ist, war die Präsentation natürlich ein sehr gewichtiger Faktor, bei diesem Produkt mehr noch als bei den meisten anderen. Die Flasche ist schwer, sehr aufwändig gemacht mit vielen Facetten im Glas. Dazu kommt ein schwerer Stöpsel aus mehreren Materialien und beeindruckender Kupfermedaille oben drauf. Der Geschenkkarton ist offen und präsentiert die Flasche, ist selbst aber auch hübsch gemacht mit hochwertigen Materialien und goldfarbenem Druck. Und zu guter letzt findet man noch ein schönes Zertifikat, das ein paar handeingetragene Details zur Abfüllung enthält. Toll, und dem Inhalt der Flasche auch angemessen.
Alles in allem ein Ding, das rund in allem ist und sein Geld locker wert. Natürlich war die Flasche bereits im Familienkreis bei der üblichen Verkostung, und kam gut an, man muss also kein Profi sein, um den Fies Momentum1726 genießen zu können. Die Flasche wird sicher nicht bis zum nächsten Jubiläum meines Blogs halten, ich denke, ich mache die jetzt zeitnah leer, um mein großes Ziel, die Anzahl der Flaschen in meiner Heimbar zu halbieren, auch irgendwie erreichen zu können. Klein aber fein, das ist meine Ambition, und nach 10 Jahren kann ich, glaube ich, inzwischen besser einschätzen, was bleiben darf und was schnell weg muss, als damals, 2015. Ein Weg, der sich gelohnt hat, zu gehen, auch wenn er steinig war zwischendurch; dieser Blog hat mein Leben bereichert, in vielerlei Hinsicht. Mal schauen, was die Zukunft bringt.
Noch eins von den Bieren, die mir meine liebe Kollegin Meike aus ihrem Normandie-Urlaub mitgebracht hatte: das Cernunnos Bière Blonde Aromatisée Citron Hibiscus aus der dramatisch benannten Brasserie de L’Apocalypse, die in dem nicht weniger beeindruckend benamten Ort Bois-Jérôme-Saint-Ouen in der Normandie liegt. 6,7% Alkoholgehalt, Hibiskus für die Farbe, Zitrone für den Pepp, Zucker für die Süße und vielleicht sogar die Flaschengärung. Ein Bier, das ich aufgrund des Etiketts schon erstmal nicht so recht ernst genommen habe – doch ich wurde überrascht, soviel vorweg.
Nach dem Etikett zu urteilen, hätte ich eigentlich etwas rötlicheres im Glas erwartet; doch auf den zweiten Blick ist dieses etwas unansehnliche, blasse Kastanienbraun eigentlich eine ehrliche, natürliche Farbe, wenn man Hibiskus mit Bier vermischt. Volltrüb und blickdicht, mit erkennbaren Hefepartikeln, die man mit ins Glas gießt und die sich dort setzen. Der Schaum ist sehr fein und bleibt als dünne Deckschicht lange erhalten.
Ebenso natürlich wirkt die Nase auf mich, der Hibiskus ist deutlich erkennbar, aber nicht überfruchtig ausgeprägt, sondern passt sich gut in die Bierbasis ein. Leicht marmeladig, beerig, mit einem minimalen Hauch von Zitrus – ein aromatisiertes Bier, wie ich es mag, denn hier wird man nicht mit künstlichen Aromen überströmt, sondern spürt sofort, dass die Natur walten durfte.
Eine dichte Textur, fast schon kauig, zeigt sich sofort im Antrunk, in Zusammenspiel mit der schaumig-cremigen Karbonisierung macht sich das gut, der Alkoholgehalt ist ohne Makel eingebettet. Der Zucker ist nicht mehr spürbar, im Gegenteil, das Bier geht eher in die bitter-herbe Richtung, wirkt im Verlauf trocken und säuerlich. Die Fruchtaromen sind dezent platziert, Zitrone nun fast schon mehr als Hibiskus, der erst im Abgang nochmal aufblüht. Das Finish ist kurz, bitter, im Vergleich zum restlichen Verlauf fast ein bisschen kantig im Rachen.
Sehr interessant und unerwartet, ein Bier, auf das man sich vielleicht etwas einlassen muss, eine Geduld, die sich aber bezahlt macht. Spannend und handwerklich gut, ich muss vielleicht mal in die Normandie zum Biertrinken.
Eine Handvoll Wörter im Deutschen haben eine arabische Wurzel, und aus gegebenem Anlass zeige ich euch heute eins: „Sirup“. Der Ursprung ist شراب, latinisiert šarāb, mit der Bedeutung „Trank“. Für mich als studierten Linguisten sind die Sprachentwicklungen spannend, ich gebe mich aber keiner Illusion hin, dass Leser eines Spirituosenblogs sich dafür interessieren, darum bleiben wir beim Wort, wechseln aber den Kontext hin zu modernen Ausprägungen von dickflüssigen, konzentrierten Lösungen. Liber & Co. ist in Austin, Texas, beheimatet, dort wurde aus einem kleinen Startup seit 2011 ein nationales und später internationales Unternehmen, das sich auf besondere Craft-Sirups zum Einsatz in der Bar spezialisiert hat. Das Besondere an den Sirups ist eben, dass sie genau zugeschnitten sind auf die Bedürfnisse, die man als Cocktailfreund so hat, und die von den meisten kommerziellen Produkten nicht erfüllt werden, weil sie eher auf den Einsatz in Limonaden abzielen, und oft mit künstlichen und darum wenig spannenden Aromen arbeiten. Der Importeur Liquorybringt einen Teil deren Sortiments inzwischen nach Deutschland, und 5 Sirupe von Liber&Co. habe ich zugesandt bekommen, die ich hier nun vorstelle: Almond Orgeat Syrup, Caramelized Fig Syrup, Fiery Ginger Syrup, Demerara Gum Syrup und Real Grenadine.
Im Gegensatz zu meinen Spirituosenrezensionen mache ich für die Sirups keine detaillierten Tasting Notes, pur trinkt das eh niemand, darum ist das auch gar nicht interessant. Was macht man sonst damit? Natürlich ist bei mir der Hauptzweck der Einsatz in der Heimmixologie, entsprechend sind auch Rezepte auf der Rückseite der Flaschen angebracht. Für jeden Sirup habe ich aber einen zusätzlichen Cocktail ausgewählt, in dem der Sirup sich besonders präsentieren kann; dazu habe ich darauf geachtet, dass die Basissprituose für jeden Drink eine andere ist, um die Versatilität der Sirupe weiter zu betonen: Whisky, Rum, Cognac, Mezcal und Calvados sollen sozusagen als Leinwand dienen. Nicht immer muss der Sirup die Hauptrolle spielen; manchmal sind es die kleinen, spannenden Aromadetails, die er liefert, die einen Drink so speziell machen. Nun aber genug geredet, rein ins Mixen!
Orgeat ist eine beliebte Zutat insbesondere in Tiki-Drinks, der Mai Tai als herausragendes Beispiel. Doch auch in anderen Rezepten spielt Orgeat natürlich oft mit, wie im Bourbon Lift, einem Drink, bei dem man fast das Gefühl eines schönen Soufflé-Dessert hat. Für den Almond Orgeat Syrup werden Mandeln in Kalifornien zwischen August und Oktober maschinell vom Baum geschüttelt und auf dem Boden für 8-10 Tage sonnengetrocknet. Danach werden sie nach Bedarf geröstet und feingemahlen. Ganz stark nach Mandeln riecht der Sirup entsprechend, mit einem leichten Walnuss-Unterton. Und genau so kommt er auch am Gaumen an – Mandeln und Walnuss, dazu eine wirklich schöne Süßsauer-Balance, mehrdimensional und aromatisch sehr ansprechend.
Bourbon Lift 1½oz / 45ml Bourbon ½oz / 15ml Kaffeelikör ½oz / 15ml Sahne ½oz / 15ml Orgeat Auf Eis shaken, dann mit Sprudel so aufgießen, dass sich eine Haube bildet. Mit Strohhalm servieren. [Rezept nach Erik Adkins]
Feigensirup ist oft von eher rosaroter Farbe, die Karamellisierung hier macht den Sirup viel dunkler und brauner. Das stört mich nicht – selbst die kleine Menge des Sirups im Figgy Smalls macht ihn besonders. Zwei Sorten Feigen kommen für den Caramelized Fig Syrup zum Einsatz: Calimyrna und Black Mission heißen die Sorten, die in Kalifornien angebaut und dann handgeerntet werden; früh im Jahr von alten Zweigen, später im Jahr von jungen Zweigen. Der Duft erinnert wirklich stark an diese abgepackten, getrockneten Datteln, die man so kaufen kann, dazu eher im Untergrund halbgetrocknete Feigen. Im Geschmack überholen die Feigen dann die Datteln, schöne, kräftige Karamellnoten kommen dazu, die Fruchtigkeit wirkt trotz der Süße frisch und fein.
Figgy Smalls 2oz / 60ml Cognac ¾oz / 23ml Orangenlikör ½oz / 15ml Zitronensaft ½oz / 15ml Orangensaft ¼oz / 7ml Feigensirup Auf Eis shaken, in ein Glas mit Vanillezucker-Rand abseihen und mit einem Salbeiblatt dekorieren. [Rezept adaptiert nach Courtney Tietze]
Ingwersirup ist eine der Zutaten, die ich immer schon gern in Cocktails einsetze, ich mag Ingwer in jedem Zustand gern. Wenn er dann eine gleichberechtigte Rolle in einem Rezept spielt, wie im Mosquito, gefällt mir das um so mehr. Der Ingwer des Fiery Ginger Syrup weist Bioqualität auf und stammt aus Peru, wo er nachhaltig angebaut und von Hand geerntet wird. Und Ingwer springt einen geradezu an, wenn man die Sirupflasche öffnet, vollaromatisch und dicht; geschmacklich spürt man die krasse Wucht aus Ingwer, gepaart irgendwie verrückt mit einem Touch Eierlikör, und im Nachgang die namensgebende feurige Schärfe, nur leicht durch die Süße des Sirups eingebremst. Großartig!
Demerara-Sirup ist dunkler, kräftiger, aromatischer als normaler Zuckersirup, und die dunkle Farbe hat ihren eigenen Charme in Drinks. Im Queen’s Park Swizzle sorgt er genau für diese Charakteristiken. Die zwei wichtigen Bestandteile des Demerara Gum Syrup sind, wie im Namen schon erkennbar ist, Zuckerrohr aus Guyana und Gummi Arabicum von Akazien aus Ländern südlich der Sahara. Der Geruch ist erstmal fruchtig, schwersüße Früchte wie Datteln oder kandierte Feigen scheinen durch, und auch im Geschmack wirkt das extrem dicht, krasssüß und dennoch nicht neutral, angenehm trockenfruchtig, im Anflug melassig. Zuckersirup hier mal als nicht zu unterschätzende Aromakomponente!
Queen’s Park Swizzle 2oz / 60ml gereifter Rum 1oz / 30ml Limettensaft ½oz / 15ml Demerara-Sirup 10 Blätter Minze 2 Spritzer Angostura Bitters Minze mit Sirup und Saft im Shaker andrücken. Mit den restlichen Zutaten lange swizzlen. Mit Minze dekorieren. [Rezept nach Queen’s Park Hotel]
Künstliche Grenadine ist knallrot, schmeckt überhaupt nicht mehr nach Granatapfel und ist oft eine der Zutaten, mit denen viel Schindluder getrieben wird. Nicht so bei dieser Grenadine, die natürliche Farbe und saubere Fruchtaromatik in den Pan American Clipper bringt. Die Granatäpfel für die Real Grenadine wachsen im San Joaquin Valley in Kalifornien, sie werden kalt verarbeitet, was wohl die Aromen und Farbe am besten bewahrt. In der Nase wirkt die Grenadine leicht laktisch, sehr fruchtig jedenfalls, was sich auch auf den Gaumen überträgt. Eine freche Säure spielt gegen die starke Sirupsüße an, hat aber nur kleine Chancen. Sauber und frisch, voluminös und dicht. Eine sehr schöne Grenadine.
Pan American Clipper 2oz / 60ml Calvados ¾oz / 23ml Limettensaft ½oz / 15ml Grenadine 2 Spritzer Absinthe Auf Eis shaken. Mit einem Limettenrad dekorieren. [Rezept nach Charles H. Baker]
Ich mag die kleinen, knuffigen 0,28l-Flaschen mit Schraubverschluss und dezent gestaltetem Etikett, das ist praktisch und platzsparend, und trotzdem charmant. Das Paket, in dem ich die Flaschen von Liquory bekommen habe, ist toll gemacht und zeigt den Inhalt sehr vorteilhaft, wie man sieht.
Ein paar der Sorten sind bei deutschen Versandhändlern (wie dem Rum Depot in Berlin) direkt sofort bestellbar, und wenn man diese Produkte mag, gibt es weitere Sorten: Tropical Passionfruit, Toasted Coconut, Lemon Lavender, Marion Blackberry, Raspberry Gum und Yakima Valley Peach. Eine wirklich große Spannbreite an Aromen, die man da vermixen kann, da ist eigentlich alles abgedeckt, was sogar der ambitionierte Heimmixologe auch für obskurere Cocktails brauchen könnte. Für meinen Teil werde ich mir bestimmt den Lavendelsirup noch anschauen, bisher habe ich sowas bei mir zuhause selbst gemacht; und weitere Sorten, die aktuell noch nicht in Deutschland verfügbar sind, wie der Sugarcane Kola Syrup, klingen auch verführerisch…
Offenlegung: Ich danke Liquory für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Pakets mit den 5 Sirups.
Ich bereite mich gedanklich gerade darauf vor, am Wochenende als Juror bei den German Whisky Awards 2025 teilzunehmen. Die Prüfung der eingereichten, ausschließlich aus deutschen Landen stammenden Whiskys findet Ende März in der Whiskywelt Burg Scharfenstein statt, in Thüringen. Ich freue mich erstens auf die Produkte, und bin gespannt, was mir da im Glas serviert wird, aber zweitens auch darauf, ein paar Bekannte wiederzutreffen, die man nur hin und wieder sieht. Die Ergebnisse des Wettbewerbs teile ich euch garantiert auch mit, deutscher Whisky hat ja durchaus genug Eigenständigkeit in Bezug auf die Aromatik, dass sich das für jeden lohnt – in Bezug auf Qualität muss sich Deutschland natürlich längst nicht mehr hinter den klassischen Whiskyländern wie Schottland, den USA oder Japan verstecken.
Gedanklich muss man sich auf so besondere Events natürlich schon vorbereiten, ich kombiniere das aber auch damit, meinen Gaumen ein bisschen zu üben mit einem sehr spannenden Exempel, was Whisky in Deutschland heutzutage bedeuten kann: dem Blood Moon Finest German Single Rye Whisky. Er wird aus gemälztem Roggen gebrannt, und erfährt dann eine Nachbehandlung vom Feinsten – eine „double maturation“, zuerst 5 Jahre im Ex-Amarone-Rotweinfass, danach noch ein zusätzliches Jahr im Ex-Cabernet-Sauvignon-Rotweinfass, also die volle Rotweindosis für den Whisky. Das erfolgt im Single-Cask-Verfahren, und zwar im echten Wortsinn. Nicht nur, dass es sich dabei also nicht um einen Blend handelt, hat Sebastian Büssing, der unter dem Firmennamen The Spirits Alchemist diese Abfüllung verantwortet, wirklich nur ein einzelnes Fass benutzt. Entsprechend gibt es nur 51 Flaschen davon, Nummer 20 habe ich zuhause. Natürlich wird so ein Whisky nicht kaltfiltriert oder gefärbt, insbesondere letzteres ist auch gar nicht nötig, wie wir gleich sehen werden.
Ich sehe ein dunkles, kräftiges, leuchtendes Haselnussbraun, mit einem leicht rötlichen Einstich. Das Eingießen macht schon Lust, da spürt man, wie die Flüssigkeit viskos aus der Flasche ins Glas schwappt; und wenn man dieses dann dreht, bildet sich ein fetter Beinteppich.
Der erste Geruchseindruck ist erstmal Lack und Klebstoff, nicht auf eine unangenehme Weise, sondern spannend, weil er nicht sticht oder kratzt. Sofort darunter kommt feuchtes Holz, kombiniert mit einer milden Nussigkeit, die mich mehr an aufgeknackte Bucheckern erinnert als an klassische Nüsse. Eine schwere Getreidenote findet sich, die die Basis unter all dem bildet. Ein wirklich interessantes Geruchsbild, ungewohnt, aber sehr unterhaltsam.
Die Öligkeit, die man gesehen hatte, spürt man dann in der Textur am Gaumen, fett und dicht, voluminös expandierend, das liegt fast wie Sirup im Mund. Direkt im Antrunk wirkt der Whisky süß, auf eine sehr natürliche Weise, doch im Verlauf bilden sich Gegengewichte heraus, die die Verkostung dann übernehmen: pikante Würze, schwarzpfeffrig, die eine kardamomähnliche Kühle mitbringt; das Holz, das sich zusammen mit der Rotweinvorbelegung sehr bemerkbar macht und gleichzeitig nichtastringierende Trockenheit beisteuert; und dann sehr aparte, wuchtige und ausgeprägte Gewürznoten aus Nelken, Piment und Muskatnuss. Den Roggen muss man separat erwähnen, er definiert das Bild von vorne bis hinten, beeindruckend und kraftvoll. Der Alkohol ist perfekt eingebettet, er gibt zusätzliche Stärke und steuert die Länge, an einem Schluck hat man durchaus lange was. Im Nachhall kommt noch ganz vorsichtig Jasmin dazu, die Gewürze und das Holz bleiben aber dominant.
Ein starker, aromatischer, unterhaltsamer Whisky, der sich nicht versteckt. Handwerklich top gemacht, rund und sauber, und trotzdem spürt man die unterschiedlichen Einflüsse des Roggen, des Holzes, und des Rotweins. Das trinkt sich zugegebenermaßen nicht einfach, aber hin und wieder will man auch was, was nicht easy drinking ist!
Der Blood Moon tut entsprechend auch einem Cocktail gut, schon allein die Struktur wird über ihn verbessert, der Geschmack weiterhin. Man beobachte dies im The Slope: Amaro und Aprikose geben noch ihre jeweiligen Stärken dazu, das Ergebnis ist ein starker Drink, der einem so einiges zu denken gibt.
The Slope 2½oz / 75ml Rye Whiskey ¾oz / 23ml Amaro ¼oz / 7ml Aprikosenlikör 1 Spritzer Angostura Auf Eis rühren. [Rezept nach Julie Reiner]
Die kleine, bauchige Apothekerflasche, in der der Blood Moon Rye abgefüllt wird, liegt gut in der Hand, punktet natürlich hauptsächlich über das vieldetaillierte Etikett. Neben der ansprechenden Illustration vergisst man die Informationen nicht, die teilweise handschriftlich in vorgesehene Lücken eingetragen sind, das ist ja immer sehr charmant und beweist mit, dass hier keine Massenproduktion am Laufen ist, sondern jede Flasche mal in einer Hand lag.
Sebastian Büssing macht immer wieder mal solche winzigen Auflagen, bei denen man wirklich besondere Abfüllungen erhält, die nur wenige Menschen auf der Welt probieren können, zu vernünftigen Preisen. Ich finde das toll, das Engagement ist hier aber auch gepaart mit offensichtlichem Können, und da beides vorhanden ist, empfehle ich bedingungslos, sich die Abfüllungen von The Spirits Alchemist anzuschauen und zuzulegen. Ich hoffe, er hat auch ein paar Flaschen seiner besonderen Produkte bei den diesjährigen German Whisky Awards eingereicht, ich würde mich freuen, die dort probieren zu dürfen.
Die Spirit of Rum 9. Rumclub Private Selection präsentiert etwas wirklich sehr Besonderes: das Basisbier, eine Lemke Luise Königliche Weisse (spannend schon für sich allein betrachtet!), wird für 2 Wochen in einem Rumfass gelagert, das zuvor mit einem Rum aus Guadeloupe belegt war, und zwar einem Gardel 1983. Das Spannende daran ist, dass Gardel seine Brennerei 1992 stillgelegt hat und die Brennapparate abgebaut wurden, man also seitdem keinen neuen Rum von dort bekommen kann. Wer etwas darüber nachlesen will, findet hier gute Informationen darüber; der Autor des verlinkten Blogs und ich haben kein gutes Verhältnis gehabt in der Vergangenheit, das soll mich aber nicht daran hindern, diesen gut recherchierten Artikel mit allen relevanten Information zur „Lost Distillery“ Gardel zu empfehlen. Weg vom Rum, hin zum Bier!
Sonnenblumengelb, volltrüb, blickdicht. Schaum entwickelt sich ganz kurz beim Eingießen, verschwindet aber praktisch sofort und vollständig, nur einzelne Bläschen sieht man an der Glaswand, die die aufsteigende Perlage aufsammeln, das ist fast wie ein Perlenspiel.
Der Duft gibt vom ersten Moment an beide Welten wieder – einerseits die frische, freche Säure der Berliner Weisse, andererseits das Melasserumfass. Ein komplexer, dabei angenehmer Geruch! Leichter Essig und frischer Federweißer konkurrieren nicht mit der pflaumigen Melasse, die Tiefe dazugibt, und den erkennbaren Holztönen, nein, das verbindet sich in ein vielgestaltiges Bouquet, das wirklich Lust macht, den ersten Schluck zu nehmen.
Natürlich hat eine Berliner Weisse am Gaumen erstmal die Überhand, die richtig knackige Säure, die klar eher Richtung Essig als Richtung Crémant geht, knallt erstmal eine harte Säuberungswelle vor den Bug, die dann mit milderen milch- und fruchtsauren Tönen aus Limette, Granny Smith und Johannisbeere nachgespült wird. Die dunkleren Noten erzeugen zusammen mit dem schönen Alkoholgehalt von 6,5% Körper und Volumen, Feigen, Pflaume, und auch eine Spur des gereiften Rums ist klar erkennbar. Das Holz spielt zwar mit, lässt aber den anderen Komponenten den Vorrang, sich auszutoben, was diese gern annehmen. Der Abgang ist natürlich immer noch von Säure geprägt, ein bisschen kratzt das im Hals, erfrischt aber auch herrlich und hinterlässt kleine Töne von Rum und Zitrone.
Das ist schon echt gut gemacht, der Rum ist wirklich ideal gewählt für das Basisbier, und es ist dabei stark genug, sich nicht unterbuttern zu lassen – im Gegenteil, das ist klar eine Berliner Weisse, die kleine Zusatznoten durch Fassreifung erhalten hat, und nicht umgekehrt. Ein echter Genuss!
Jugendliche Trinken anders heute. „Ein neuer Trend zur Nüchternheit“ wird da beschworen, „die Vermeidung von Kontrollverlust“ ist den modernen Jugendlichen wichtig – und es gibt neuen Peer Pressure, sich in Zeiten von Social Media nicht unselbstoptimiert zu zeigen. Sehr schön finde ich den smarten Vergleich von Effekten von Alkohol und Photoshop-Filtern, ja, das „Schöntrinken“ geht heute eben auch anders. 2023 erschien dieser Artikel, der auch heute noch lesenswert und wohl aktuell ist. Ich unterstütze diesen Trend, denn ich war schon immer und bin weiterhin ein strenger Verfechter des „trinke gut und wenig statt schlecht und viel“, ich hoffe, das ist bei meinen Blogeinträgen erkennbar.
Ich selbst bin ja ein absoluter Späteinsteiger, was Alkohol allgemein angeht, habe als Jugendlicher nichts getrunken, nichtmal Bier. Umso spannender für mich ist das Produkt, das wir heute betrachten: den Bobby’s Schiedam Dry Gin. Er ist einer der ganz frühen Brände, mit denen meine Spirituosenreise angefangen hat, einer der ersten Gins in meiner Heimbar überhaupt. Er ist dann irgendwie ganz nach hinten in meiner Bar gerutscht, verdrängt in der Sturm-und-Drang-Phase, in der ich so viele Flaschen jeder Art gekauft hatte, und hat dort ordentlich Staub aufgesammelt. Ich grabe ihn nun aus, re-aktiviere die alten Tasting Notes von damals, und ergänze sie mit neuen Eindrücken.
Klar und ohne jede Färbung oder Trübung. Vergleichsweise ölig im Glas, dichter, schnell ablaufender Beinteppich. Die Nase ist sehr fruchtig, erinnernd an bittere, englische Orangenmarmelade, Zitronengras, und frisch geriebenen Ingwer. Etwas Florales kommt dazu, nach Rosenblüten und, das ist bei mir so eine Kindheitsreflexerinnerung, Kölnisch Wasser; spät auch eine leichte glasreinigerähnliche Note, man sieht, ich habe hier sehr unterschiedliche Assoziationen. Nur ein Hauch von Wacholder, das erwarte ich bei diesem Gin auch nicht, er ist für mich der Archetyp der Pseudokategorie „New Western Style“. Er wirkt insgesamt jedenfalls sehr exotisch.
Weich und cremig kommt der Bobby’s im Antrunk an. Weiterhin blumig, aber hier nur noch sehr dezent fruchtig, die Hauptbotanicals übernehmen hier – neben Zitronengras auch Ingwer, wie ich meine, und Zitronenschale. 42% Alkoholgehalt machen sich in einer gewissen Breite und Kraft des Gins erkennbar, das vorsichtige Feuer, das im Verlauf entsteht, ist eher Würzigkeit. Der Abgang ist sehr bitter, kribbelig im ganzen Mundraum und sehr trocken. Von der Länge her mittellang, am Ende bleibt ein Eisenton im Mund, dazu ein Anästhesieeffekt auf der Zungenspitze. Einige kräuterige Zitronengras- und Ingwernoten hängen noch etwas nach.
Ein moderner Gin, der nicht mehr viel mit klassischem Wacholdergin zu tun hat – schade, dass das heutzutage kein Oxymoron mehr ist, sondern dass man erwähnen muss, wenn ein neuer Gin eine dominierende Wacholderkomponente hat. Mir gefällt er als Mixgetränk, allerdings nicht in klassischen Rezepturen. Pur ist er angenehm zu trinken, und durch seine Exotik spannend.
Nun ist der Bobby’s für mich persönlich der Traumgin in einem exotischen Gin & Tonic. Im Zusammenspiel mit viel Eis und einem guten Schuss Fever Tree Mediterranean Tonic ergibt sich der perfekte fruchtig-frische, dabei angenehm süßliche Sommerdrink. Dennoch will ich hier kein Gin & Tonic-Rezept vorschlagen, das wäre zu einfach für meinen Geschmack. Durch seine eigene Aromatik gibt er dem uralten Klassiker Monkey Gland einen leichten Twist, den man mit Standardgin nicht bekäme. Aber Vorsicht – nach ein paar davon kommt man auf verrückte Ideen, wie sich Affenhoden implantieren zu lassen. In einer guten Bar wird man diesen Wunsch aber so oder so nicht erfüllen.
Monkey Gland 1½oz / 45ml London Dry Gin 1½oz / 45ml Orangensaft 1 Teelöffel Grenadine 1 Teelöffel Zuckersirup 1 Teelöffel Absinthe Auf Eis shaken. [Rezept leicht adaptiert nach Harry MacElhone]
Die Flasche ist in einem schönen Grünbraun gehalten, hoch und besonders in der Form. Das Design, das in weiß direkt auf die Flasche gedruckt ist, soll wohl an die Zusammenstellung des Gins erinnern, die ja niederländisch-ostindisch inspiriert ist, die alten Kolonien der Niederlande in Indonesien, insbesondere der Insel Java, liefern ja genau die Zutaten, die beim Bobby’s Gin im Vordergrund stehen.
Dieser Gin war, wie gesagt, einer der Vorreiter für die Abwendung vom klassischen, wacholderdefinierten Gins, eine Zeit, in der jeder aromatisierte Wodka als Gin vermarktet wurde und man zuschauen konnte, wie die Kategorie sich selbst auflöste; das Pendel ist inzwischen wieder zurückgeschwungen. Der aktuelle Gin (im Sinne der Kategorie) ist im Allgemeinen wieder deutlicher vom Wacholder dominiert, wie es das EU-Gesetz auch vorschreibt; sicher ein Teil dieser Bewegung stammt auch von Spirituosenwettbewerben wie dem ISW in Deutschland oder Spirits Selection by CMB international, die den Juroren nun ans Herz legen, diese Kategorien enger zu bewerten und einen Gin durchaus auch abzuwerten, wenn er zuwenig Wacholder zeigt. Eine gute Sache, finde ich.
Fruchtbiere sind genau mein Ding – wenn gut gemacht, leider gibt es genug, auf die das Kriterium nicht zutrifft. Scheinbar mögen viele Konsumenten aber einfach den künstlichen Kirsch- oder Beerengeschmack, der in so manchen Produkten drin ist, sonst gäbe es nicht so viele davon. Schade, denn ein gut gemachtes Fruchtbier ist einfach ein tolles Getränk. Heute haben wir das aus Ungarn stammende Nyéki Meggyes Sör zum Probieren vor uns, „meggyes“ ist einfach ungarisch für „Kirsche“, „sör“ heißt Bier, also erwarten wir ein Kirschbier. 4,5% Alkoholgehalt weist es auf, und ist gebraut aus den Zutaten Pilsener Malz, Pale Ale Malz, Hopfen (Magnum), Kirschsaftkonzentrat und Zucker. Man geht also schon eher in die vernünftige Richtung, nicht in die künstliche. Ich bin gespannt!
Dunkles Kirschrot, in etwa wie die Farbe der Schrift auf dem Etikett. Volltrüb und blickdicht, mit einem schönen rosafarbenen Schaum, der ausdauernd bestehen bleibt.
Der Geruch des Nyéki Meggyes Sör ist dominiert von Sauerkirschen, frisch und natürlich, eingelegt in ihrem eigenen Saft. Darunter findet sich eine malzige Basis, die aber höchstens den Kirschgeschmack mit etwas herbem Volumen unterfüttert. Insgesamt angenehm, erkennbar säuerlich und vollfruchtig.
Die Textur ist im initialen Antrunk weich, wird aber schnell durch effektive Säure und Bittere aufgebrochen; dadurch wirkt das Bier auch schnell rezent und frisch mit angenehmem Kribbeln auf der Zunge. Die Kirschen wirken nie aufgesetzt, sondern sind Hauptbestandteil dieses Biers, wunderbar integriert in den Bierkörper. Eine spannende Komponente kommt wahrscheinlich vom Hopfen, der alternative Fruchtelemente aus Johannisbeere und Himbeere und eine knackige Bittere bringt: so entsteht ein durchaus komplexes und interessantes Fruchtbier, überhaupt nicht süß, sondern reif und rund. Der Abgang ist lang, beständig vom Kirscharoma getrieben, mit leichter Astringenz und Kribbeln aus der Säure.
Faszinierend! Bei Kirschbier bin ich immer erstmal skeptisch, zuviele Produkte wirken, wie gesagt, nur künstlich oder übermäßig süß. Nicht hier beim Nyéki Meggyes Sör!