Drei Hähne und kleine Wurzeln – Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra

Raicilla, die „kleine Wurzel“, darf man in Deutschland durchaus als obskure Spirituose bezeichnen. Eigentlich nur der, der sich schon etwas ausgedehnter mit mexikanischen Agavenbränden auseinandergesetzt hat, kennt ihn hierzulande, probiert haben ihn tatsächlich wahrscheinlich noch weniger. Raicilla ist eine der vielen Herkunftsbezeichnungen, mit denen Mexiko seine traditionellen Produkte schützt, auf einer Stufe mit Tequila, Mezcal, Bacanora, Sotol und Charanda bei den Spirituosen, aber auch Habaneros, Kaffee und Kakao aus bestimmten Regionen bei Genussmitteln. Zwei Stile gibt es – Raicilla de la Costa, und Raicilla de la Sierra, im Namen sagen sie schon, dass sie in unterschiedlichen Gebieten hergestellt werden, ersterer in den wärmeren, feuchteren Regionen an der Pazifikküste, letzterer in den trockenen, hochgelegenen Bergen der Sierra Madre, und sie unterscheiden sich wegen dieser dramatisch verschiedenen Klimazonen, unterschiedlicher verwendeter Agavenspezies und Herstellungsmethoden doch recht deutlich in der Sensorik. Die Hersteller eines solchen Raicilla de la Sierra habe ich während meines Mexiko-Aufenthalts 2025 für Spirits Selection by CMB besucht, und natürlich eine Flasche davon mit nach Hause gebracht.

Um die Taberna Tres Gallos zu finden, fährt man in Jalisco von Guadalajara 150km westwärts in Richtung Mascota die schmale, sehr holprige und sich windende Ruta 70 hoch in die Sierra Madre Occidental, muss ein paar Berge überqueren, an denen sich Nebel sammelt. Am Rande des Nirgendwo auf 1400m Höhe findet man dann die Hacienda de Ahuacatepec, die dort seit 360 Jahren steht, und auf deren Gelände die Taberna Tres Gallos – „Taberna“ ist der Name für eine Brennerei in dieser Region Mexikos. Der Löwenanteil des dort, wie auch anderswo, hergestellten Raicilla ist ungereift, darum fand ich den Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra besonders spannend: er wird nach der Destillation für die für die Altersangabe „añejo“ nötige Mindestdauer von 1 bis 3 Jahren in Fässer aus amerikanischer Weißeiche gelegt. Die Marke Asil ist für Raicilla die erste, die den vollständigen Holzreifungsprozess mit eigenen Destillaten versucht hat, schon vor der Festlegung der DO für Raicilla im Jahr 2019; man hat also durchaus Erfahrung damit gesammelt. Meine Flasche stammt aus Fass #19, hat die handeingetragene Flaschennummer 1709. Die Agave Maximiliana dafür stammt vom Feld mit dem Namen „Salitre“, sie wurde im Jahr 2021 nach 7 Jahren Wachstum geerntet. Der Alkoholgehalt beträgt 45%, ist damit im mittleren Bereich der erlaubten Werte. Natürlich stelle ich nach den Tasting Notes auch den Produktionsprozess und die Pflanze, auf der der Raicilla beruht, vor. Jetzt aber erstmal ans Glas!

Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra

Man ahnt es schon von der Flasche her, aber im Glas wird es richtig deutlich – die Farbe ist ungewöhnlich. Es ist eine Art grünbraun, der grüne Einschlag ist dabei noch stärker als der braune. Selten hat man eine Spirituose, die nicht künstlich gefärbt ist, in diesem Ton vor sich. Die Viskosität ist ansprechend, es entstehen dickköpfige Beine an der Glaswand, dennoch wirkt der Raicilla beim Schwenken lebendig.

Nicht, dass es in der Nase wirklich weniger ungewöhnlich weitergehen würde. Man erschnuppert eine erstmal eine kräftige Note der gekochten Agave, sowohl süßlich und leicht karamellig, als auch vegetabil grün, sehr pflanzlich, mit einer Erinnerung an einen Tequila. Vanille und Cremepudding bilden einen Unterbau darunter, sie stammen sicherlich aus der Fassreifung, sind in angenehmen Maße vorhanden und erdrücken die Agave nicht. Bis hierher mag man denken, ja, das klingt bekannt, vielleicht ein Reposado – doch da täuscht man sich, eine sehr laktische Note ist im zweiten Ansatz des Asil Añejo erkennbar, eine Art cremiger Joghurt, verbunden mit einem durchaus säuerlich-herben Touch, der an Balsamico-Essig erinnert. Spannend ist, dass diese laktische Seite nicht beständig da ist, sie wabert immer wieder auf, taucht dann ab, kommt wieder hervor. Ein Hauch von Erdbeere schwingt dabei auch mit. Etwas, auf das man sich einlassen kann und vielleicht auch muss.

Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra Glas

Am Gaumen spielt sich diese ungewöhnliche, variable Art ganz genauso ab. Vom süßlich-pflanzlichen Antrunk an bildet sich die runde, erwachsene Textur sowohl in Breite als auch Tiefe ab, ohne wirklich je Schwere oder Cremigkeit aufzubauen, das legt sich trotzdem weich an die Schleimhäute. Im Verlauf trocknet der Asil Añejo deutlich aus, wird herber, frischer, klarer, und auch durchaus pikant – man findet aber dennoch keine unangenehme Astringenz oder störende Hitze. Die laktischen Aspekte sind zu Beginn stärker da, verlieren sich im Verlauf, werden durch tannische Bittere, pflanzliche Herbe und gewürziges Prickeln ersetzt, und dann nimmt auch die Agave erkennbar immer mehr Fahrt auf und drängelt sich in den Vordergrund. Der Abgang ist wunderbar sanft, aber weiterhin nicht gelangweilt, und im Nachhall kombinieren sich Agave, Vanille, Cremejoghurt und ein paar schokoladige Noten einem sehr komplexen, ausdauernd anhaltenden Endbild, das wirklich ausgesprochen schön wirkt.

Besonders hebe ich hervor, dass die ursprüngliche Typizität eines Raicilla nicht durch die Fassreifung zerstört wurde, man beweist hier, dass ein bisschen Holzeinfluss dem Destillat gar nicht schadet. Der Asil Añejo ist ein gelungener Versuch, die Spannbreite von Raicilla zu erweitern, und sich dennoch nicht wirklich vom Ursprung zu entfernen. Ein komplexes Ergebnis, mit viel Spannung in der Sensorik, und ein wunderbares Spielfeld für alle Spirituosenfreunde, die sich offen für besondere Eindrücke zeigen.


Sucht man im Internet nach „raicilla cocktail“, um sich Inspiration zu holen, ist der erste Treffer direkt der Murder by Numbers. Man mag mir jetzt Oberflächlichkeit vorwerfen, wenn ich den hier als Beispiel zitiere, denn es gibt doch eine überraschend erkleckliche Anzahl an Rezepten, die Raicilla als Basisspirituose heranziehen (man sieht, ich habe nach dem ersten Treffer noch weiterrecherchiert). Ich nehme den hier einfach, weil er sich bei meinen Versuchen als wirklich ausgesprochen schmackhafter Drink herausgestellt hat, und man ja irgendwo anfangen muss. Also ist die Rezeptempfehlung nicht wirklich inspiriert, aber ehrlich! Ich bringe noch zwei aus Mexiko mitgebrachte Details an, einen halben Rand aus Skorpionsalz, und zwei bunte Totopos, Chips aus Maismehl.

Murder by Numbers Cocktail

Murder by Numbers
1¼oz / 37ml Raicilla
¾oz / 23ml Granatapfelsaft
¾oz / 23ml Zitronen-/Limettensaftmix
½oz / 15ml Kaffeelikör
¼oz / 7ml Granatapfellikör
1 Tropfen Angostura Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Noah Small]


Die Wachsschicht um den Flaschenkopf ist etwas, worauf ich sehr gerne verzichten würde; hier ist es zumindest benutzerfreundlich so gestaltet, dass ein schwarzes Klebeband die Flaschenlippe schützt und so, wenn man es abzieht, keine Wachskrümel in die Flasche fallen. Ansonsten ist die Flasche sehr schwer, das quadratische Format macht was her, die Etiketten sind stilsicher gestaltet, aber dennoch passend zum rustikalen Inhalt, vor allem, sie enthalten handfeste Informationen über Herstellung und Hintergrund des Brands.

Wie Raicilla hergestellt wird, will ich gar nicht theoretisch erläutern, denn ein paar Bilder sprechen eben immer mehr als tausend Worte. Der Besuch der Taberna 3 Gallos war wieder mal ein besonderes Erlebnis, es ist immer wieder begeisternd, tatsächlich selbst zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken, dadurch entwickelt sich eine besondere Beziehung zu einer Spirituose, und Fausto Romero zeigte uns alles im Detail. Der Steinofen, „horno“, dient dazu, die Agavenherzen zu kochen, dadurch karamellisieren die Zucker und bilden den „aguamiel“. Die Agave wird dadurch ganz braun und schmeckt sehr süß, dabei auch würzig, erinnert an Honig. Man sieht in der gekochten Agave noch die Fasern der Pflanze. Aus diesen Stücken wird mit einer Presse der Saft ausgepresst und anschließend in Edelstahltanks fermentiert, mit wilden Hefen der Umgebung – sehr unterhaltsam ist die Tatsache, dass bei Laboruntersuchungen auch die Laktobazillen der nahegelegenen Käsemanufaktur gefunden wurden, die zum einmaligen Charakter dieses Raicillas beitragen. Nach dem doppelten Brennen in einer Edelstahl-Brennanlage ruht der Brand etwas und wird dann entweder in Flaschen abgefüllt oder in Fässer aus Eiche eingelagert, geschätzt zwei Dutzend davon liegen im Reifekeller der Taberna, und eine Flasche daraus habe ich oben ja eben vorgestellt.

Natürlich muss ich auch die Pflanze zeigen, die die Basis für dies alles ist. Zum Löwenanteil wird Raicilla de la Sierra aus der Agave Maximiliana gemacht, andere Agavenspezies wie Inaequidens, Valenciana und Angustifolia sind in Verwendung, aber deutlich seltener. Die Fotos zeigen zu Beginn die ausgewachsene, erntebereite Pflanze, sie benötigt mindestens 7 Jahre, um in diesen Zustand zu kommen. Die Stacheln sind scharf und gefährlich, es braucht einen erfahrenen Jimador, um so eine wehrhafte Agave zu verarbeiten. Die Blätter werden abgetrennt und nicht für den Raicilla verwendet, ihre Innenstruktur weist aber auch erkennbar Fasern auf, aus denen früher manchmal Stoffe gewonnen wurden. Die Agave Maximiliana pflanzt sich über Samen fort, ist diesbezüglich anders als andere Agavenspezies; sie sind in diesem kontrastreichen schwarzweiß gehalten und wachsen an dem „Quijote“ genannten Stengel, der nur einmal im Leben einer Agave wächst und mehrere Meter hoch werden kann. Aus den Samen wird in langdauernder Arbeit über ein Jahr eine kleine Pflanze gezüchtet, und diese wird sorgsam auf die Felder verbracht und wächst dort über mindestens 7 Jahre. Wie bei Tequila und Mezcal wird nur die Piña, das Herzstück, fürs Destillieren verwendet, es ist viele Kilogramm schwer und weist auch ohne Blätter viele winzige, haarähnliche Stacheln auf, die Brennen auf der Haut verursachen. Auf dem Feld der Taberna wächst die Maximiliana nicht wie die blaue Weberagave in Tequila in Reih und Glied, sondern eher in einer bunten Mischpflanzung, an Hängen, auf Ebenen, mit Steinen, Sträuchern und Bäumen zusammen, eine Kulturlandschaft, die sehr ansprechend ist.

Die Taberna Tres Gallos ist der größte Produzent von Raicilla de la Sierra überhaupt, und man sieht schon, dass alles (bis auf die Anbaufläche der Agave selbst, natürlich) auf einem sehr kleinen Areal stattfindet, die Produktionsmittel sehr überschaubar sind. Daraus lässt sich ableiten, dass die meisten anderen Brenner mit noch sehr viel rudimentäreren und eingeschränkteren Mitteln arbeiten; einer der Racillieros, mit dem ich dort sprechen konnte, macht nur 5000 Liter im Jahr. Man hat den Eindruck, dass alle Brenner dort durchaus Interesse an Expansion und Export ins Ausland haben; das Produkt ist erklärungsbedürftig und nicht einfach, und so eine Idee kann nur funktionieren, wenn die Agavennerds zusammenarbeiten und das Wissen über so traditionelle Destillate verbreiten. Einerseits wünsche ich den Raicilleros den ökonomischen Erfolg, andererseits hoffe ich für sie, dass sie sich dabei selbst und ihrem Raicilla gegenüber treu bleiben können und ihn nicht so kommerzialisieren, wie das Tequila getan hat. Im Moment haben derartige Brände eine Chance auf dem Weltmarkt, auch wenn diese Chance sich natürlich in einer winzigen Nische abspielt – vielleicht habe ich mit diesem Artikel ein paar Leute geködert, mit in eine besonderen Welt abzutauchen, die noch Handwerk, Tradition und eine gewisse Mystizität am Leben erhält, statt nur reine Konsumprodukte herzustellen.

Der erste seiner Art – Hernö Juniper Cask Gin

Für die BRANNT 2025 des Meininger Verlags hatte ich einen kleinen Artikel geschrieben, in dem ich auf interessante Alternativen zur gewöhnlichen Eiche eingehe, was die Auswahl von Hölzern für Fassreifung angeht. Das Magazin ist gerade erschienen, ich würde mich freuen, wenn viele Leser hier auf meinem Blog auch mal in das Printmagazin reinschauen. Während der Recherche für diesen Artikel habe ich mich entsprechend mit ungewöhnlich gereiften Spirituosen beschäftigt; da kamen Eschen- und Robinienfässer in die Auswahl, Kiri und bosnische Eiche, und zu guter letzt etwas, was wirklich rar ist: Wacholder. Ja, das Holz der Pflanze im Einsatz in der Küferei, nicht die Beeren, die ja jeder kennt. Nur eine winzige Menge an Spirituosen werden in Wacholderholz gereift, und ich kann ja keinen Artikel darüber schreiben, wenn ich nicht probiere, wie sowas schmeckt. Darum habe ich mir eine Flasche des Hernö Juniper Cask Gin organisiert, und will meine Erfahrungen nun detailliert mit meinen Lesern teilen.

Ein Gin ist in der EU und vielen anderen Regionen dahingehend reguliert, dass Wacholder das dominante Aroma sein muss, das wissen wir alle, und die Hersteller beginnen, sich wieder daran zu halten, nach einer ganzen Weile des New-Western-Gin, das sich für mich wie eine Wildwest-Show darstellte, in der alles erlaubt war und jeder aromatisierte Wodka plötzlich als Gin bezeichnet wurde. Bei Hernö in Schweden ist das Basisdestillat natürlich ein echter Dry Gin, botanikalisiert mit Wacholder, Koriandersamen, schwarzem Pfeffer, Cassiazimt, Vanille, Preiselbeeren, Mädesüß und Zitronenschale, also bunt, aber nicht übertrieben, und alle Zutaten sind in Bioqualität eingekauft, wenn auch ohne Zertifikat. Dieser Dry Gin kommt dann in die Wacholderfässer – selbstgemacht in der Destillierie, mit 40l Fassungsvermögen. Nur 30 Tage, das soll reichen, um die Eigenheiten des Holzes an den Gin zu übertragen. Am Ende wird er auf 47% Alkoholgehalt eingestellt. Er ist der erste seiner Art – umso spannender ist die Verkostung!

Hernö Juniper Cask Gin

Farblich hat sich nichts nennenswertes wirklich aus dem Fass heraus ergeben – die Flüssigkeit ist kristallklar, man könnte sich einen minimalsten Anflug von Färbung einbilden, wenn, dann aber nur eine winzige Idee, die man nur sieht, wenn man das Glas gegen reinweißen Hintergrund hält. Ein wenig Viskosität nimmt man dagegen leichter wahr, ebenso die vielen Beinchen und Tröpfchen, die sich am Glas bilden.

Der Geruch ist schon da, wenn die Flasche noch zu ist und man die Bienenwachsschicht vom Stöpsel schnitzt. Wacholder in voller Ausprägung, das dominiert völlig, und erst im Nachgang findet man die etwas weicheren Botanicals, die zartfruchtige und mildkräuterige Seitenaspekte anlegen. Preiselbeeren, ja, und vielleicht milde Orangenzeste. Gerade die feine Zestigkeit und dezente Harzigkeit spielt dem Wacholder gut in die Hand. Das riecht im Gesamtbild sehr frisch und klar, stringent, und vielleicht ist es das Wacholderholz, das die Komponenten so sauber zusammenhält, ohne dass sich die Botanicals weit vom Wacholder entfernen können. Mit etwas Offenstehzeit kommen sehr feine, blumigkräuterige Noten zum Vorschein.

Hernö Juniper Cask Gin Glas

Erstmal fällt einem die fette Textur auf, wenn man sich dann einen Schluck auf die Zunge legt. Richtig dick und breit, süß und schwer. Danach kommen holzig-erdige Töne auf, vielleicht aus dem Zimt, dem Pfeffer, und natürlich dem Wacholder. Ordentlich Feuer bildet sich im Verlauf, pfeffriges, eukalyptuskaltes Kribbeln auf der Zunge. Würze und Alkohol sind gut eingestellt, im späteren Verlauf kommen die Fruchtaspekte etwas deutlicher hervor, ohne die grundsätzliche Herbe und freche Kräuterigkeit einzuschränken, höchstens zu ergänzen, gerade die Preiselbeere wirkt wunderbar natürlich. Bittere aus Holz und Harz ist unterschwellig immer da, der lange und ausdauernde, ganz vorsichtig salzige Abgang lässt dem Wacholder viel Raum, sich mit Vanille und einer Kräuterwiese zu einem sehr prägnanten Nachhall zu kombinieren.

Ich glaube, sogar ohne das Wacholderfassfinish wäre das ein großartiger, wacholderlastiger Gin, wie ich ihn sehr mag – mit dem Holzeinfluss, der wirklich dezent und trotzdem irgendwie spürbar ist, wird daraus eine krasse Wacholderbombe, die dem wahren Ginfreund sehr viel Spaß bereitet. Ungewöhnlich und trotzdem ohne plärrende Exotik, das ist feines Handwerk aus Schweden.


Die subtilen Wacholderholznoten und die gut platzierten Botanicals lassen diesen Gin auch in jedem bekannten Gindrink brillieren, doch so richtig cool wirkt er dann halt in Rezepturen, bei denen er seine Besonderheit auch ein bisschen zeigen darf, ohne von starken anderen Zutaten überdeckt zu werden. Der Pintxotini ist praktisch ein Wet Dirty Martini, der Gilda-Spieß aus Kapernäpfeln oder Oliven, Sardellen und Chilis bringt weitere Salzigkeit dazu. Eine ideale Spielwiese für den Hernö Juniper Cask Gin!

Pintxotini Cocktail

Pintxotini
2oz / 60ml Dry Gin
1oz / 30ml trockener, weißer Wermut
¼oz / 7ml Olivenlake
Auf Eis rühren. Mit einem Gilda-Spieß servieren.

[Rezept nach Sarah Morrissey]


An der Flasche findet sich wenig aufregendes, das Design hat sogar wirklich etwas sehr Reduktionistisches bis hin zum Amateurhaften, aber die Nordeuropäer mögen es ja so, das fühlt sich durchaus IKEA-ähnlich an. Das vierfach handgetauchte Bienenwachs über dem Stöpsel ist so eine Sache, die ich bei keiner Spirituose wirklich mag, das ist meines Erachtens nur lästig und hat keinen Vorteil – wenn es wenigstens nach Bienenwachs riechen würde, könnte ich dem vielleicht etwas abgewinnen.

Ein sehr unterhaltsames und spannendes Experiment, das die Schweden da gemacht haben. Wir werden nie viele derartige Spirituosen sehen, das Holz des Wacholders ist einfach zu schwer zu nutzen, einerseits wegen des Schutzstatus in vielen Ländern, so dass der Strauch gar nicht erst geschlagen werden darf und die Ausbeute für ein Fass darum nur schwer zu erreichen ist; andererseits ist das Holz auch mühselig für den Küfer zu bearbeiten, weil es harzig und widerspenstig ist. Gerade darum finde ich den Hernö Juniper Cask Gin so besonders – kreativ und ungewöhnlich. Sieht man wirklich nicht alle Tage!

Alt und Frisch – Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO

Ein paar mal haben wir in der Vergangenheit schon über Fermentation gesprochen, und als ich vor ein paar Tagen in Mexiko unterwegs war, war das natürlich auch immer ein Thema. 48 Stunden, manchmal 72 Stunden, das war für viele Tequilas schon eine lange Zeit. Die Rumkenner unter uns halten das natürlich für nicht besonders lange, wir sind da ganz andere Zeiten gewohnt – zum Beispiel 8 bis 14 Tage, die man für einen Zuckerrohrsaftrum wie den Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO bei der Oxenham Craft Distillery auf Mauritius im Indischen Ozean aufwendet. Es handelt sich dabei um eine kalte Fermentation bei 18° – 20°, dies ist nicht trivial zu machen, da bei der Gärung ganz selbstverständlich schnell Wärme entsteht, die man unter Kontrolle halten muss.

Die restlichen Daten sind in üppigem Ausmaß ohne große Recherchearbeit verfügbar, etwas, was ich immer sehr schätze an hochprozentigen Produkten. Das verwendete Basismaterial ist der Saft aus einer Mischung aus rotem und gelbem Hybridzuckerrohr, nach der oben beschriebenen Langfermentation wird in Kupferbrennapparaten batch-distilliert, und schließlich kommt das Destillat für mindestens 6 Jahre in Eichenfässer, die vorher mit Süßwein, Bourbon und Cognac vorbelegt waren, sowie auch neue Fässer. Batch #001 wird dann auf 43% Alkoholgehalt eingestellt, nicht kaltfiltriert, und kommt so in die Flasche, die den langen Weg von Mauritius ins Saarland angetreten hat und bei mir kaum ankam, als der Korken schon gezogen wurde.

Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO

Heller, klarer Bernstein entstand aus der Mischfassreifung, schöne orangefarbene und goldgelbe Lichtreflexe zeigen sich beim Drehen des Glases im Gegenlicht. Dabei erahnt man auch eine gewisse Viskosität, ohne dass der Brand dabei wirklich ölig oder schwer wirkt, der Oaks & Âmes XO zeigt sich lebendig und hinterlässt trotzdem Beinchen am Glas, die zügig ablaufen.

Ein sehr angenehmer Duft ist wahrnehmbar, wenn man die Nase ins Glas hält. Er wirkt herb und holzig, hat sofort Anklänge von Zedernholz, hellem Tabak und Haselnussschalen. Die Zuckerrohrsaftbasis unterstützt das mit ihrer pflanzlichen, aber nur noch im Ansatz grünen Seite. Deutliche Trockenfrucht kommt vielleicht aus den Süßwein- und Cognacvorbelegungen der Fässer, und auch eine gewisse, ganz dezente Nussigkeit, die mich an Sherry erinnert, ohne sich aufzudrängen. Süßliche Kakaonoten erzeugen noch eine höhere Dichte, grüne Banane und etwas Vanille ergänzen diesen Aspekt unterschwellig.

Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO Glas

Im Antrunk wirkt der Oaks & Âmes XO dann doch sehr viel öliger, als man das vom Anblick hätte erwarten können, er legt sich voll, breit und tief an den Gaumen, initial mit deutlicher, aber natürlicher Süße, später mit pikanter Würze. Karamell, Nougat, Honig und Ahornsirup erscheinen, lassen die holzigen Aromen, die man zunächst erschnuppert hatte, fast vergessen. Sie blitzen im Nachgang im Rachen auf, wenn der Rum trocken und herb wird, und sich deutlich im Eindruck dreht, ohne die Voreindrücke jeweils aufzugeben. Der Nachhall ist dann wieder vom fruchtig vorbelegten Holz bestimmt, balsamisch und hauchig, mit Ideen von Eukalyptus und sogar leicht mentholisch, Ansätzen von schwerer, weißer, exotischer Blütigkeit, und ganz spät dreht sogar der Zuckerrohrsaft nochmal eine Ehrenrunde, und komplettiert damit ein sehr unterhaltsames, abwechslungsreiches und dennoch im Gesamtbild sehr rundes Erlebnis.

Man merkt schon, da hat man viel zu explorieren bei diesem Rum, und das ist eine Qualität, die ich sehr schätze. Ich nehme auch mit, dass im Oaks & Âmes XO kein gemütlicher Schlürfrum seine Rente präsentiert, nein, das ist aktiv, lebendig, frisch und eher etwas für einen warmen Abend auf der Terrasse mit Freunden und einer Zigarre als für den einsamen Absacker vor dem Kamin im Winter; da versteckt er seine Herkunft aus dem Indischen Ozean nicht.


Die Kombination mit Sherry und einem Schuss Kräuterlikör, die das ausgewählte Cocktailrezept vorschlägt, bringt die Fruchtigkeit noch etwas mehr heraus, und in einem Cocktail wie dem Franz I. kann sich der Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO natürlich in voller Pracht zeigen. Ein sehr süffiger Drink, als Digestif macht der wirklich was her, vielleicht nach einem würzigen, exotischen Essen, wenn man den Mundapparat in eine frischere, aber weiterhin anhaltend aromatische Richtung drehen will.

Franz I. Cocktail

Franz I.
2oz / 60ml gereifter Rhum agricole
½oz / 15ml Sherry Amontillado
1 Teelöffel Chartreuse jaune
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Armin Zimmermann]


Das Etikett hat Stil, weiße Schrift auf grünem Untergrund mit goldenen Details, und der Karton als Geschenkverpackung macht was her. Der einzige kleine Kritikpunkt, der mir einfällt, ist die Flaschenform – mit rund oben und oval unten werde ich nicht so recht warm, das sieht irgendwie verdreht aus. Doch wenn solche Oberflächlichkeiten schon die negativen Punkte ausmachen, weiß man, dass man mit diesem Rum sich was wirklich Ordentliches ins Haus holt.

Ein Alleskönner, mit dem jeder Rumfreund zufrieden sein wird, sei es ein Geschenk für einen Anfänger, oder der Kauf für die eigene Hausbar des bereits Fortgeschrittenen, der die Welt des Rums außerhalb der absolut ausgetretenen Pfade verfolgen will. Mauritius hat soviel Potenzial, das es weiterhin zu heben gilt!

Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Flasche.

Exotisches Unterfranken – Edelbrennerei Dirker Geist von der Drachenkopfblume

Es kommen immer wieder mal völlig exotische Spirituosen zu mir, die ich noch nie probiert habe, und bei denen ich mir nicht mal aus einer Beschreibung heraus vorstellen kann, wie sie schmecken. Vor ganz kurzem erst ein Maniok-Destillat aus Paraguay zum Beispiel, oder ein philippinischer Lambanog, oder Cashew-Feni und Mahua aus Indien. Ich finde es toll, dass nach über 10 Jahren extensiver Beschäftigung mit Spirituosen es sich trotzdem immer etwas Neues finden lässt, das einem die Geschmacksknospen nochmal anregt und den Horizont erweitert, denn zu solchen raren Spezereien kommen natürlich immer die Hintergrundinformationen und oft auch kulturelle Eigenheiten, die es zu erfahren gilt. Hin und wieder muss man dafür nichtmal nach Paraguay oder die Philippinen fliegen, sondern findet das Geheimnisvolle, Exotische sogar an Orten wie dem unterfränkischen Mömbris.

Von dort stammt nämlich der Geist von der Drachenkopfblume der Edelbrennerei Dirker. Ganz ehrlich – wer von meinen Lesern kann sich vorstellen, wie so etwas schmeckt? Die Drachenkopfblume (auch moldawische Melisse oder türkischer Drachenkopf genannt) ist ein gehaltvoller Lieferant für ätherische Öle, und Arno Dirker machte im Jahr 2022 aus selbstangepflanzter Drachenkopfblume entsprechend diesen Geist. 14 Tage wurden 20kg der geernteten Blumen in Neutralalkohol mazeriert, und anschließend über 12 Stunden in einem Rosenhut-Kessel, der mit Holz befeuert wird, destilliert. Eine gewisse Ruhezeit braucht er, dann kommt er in die Flasche – und schließlich zu mir, der beim Stöbern im umfangreichen Schnapsportfolio der Edelbrennerei Dirker sofort darüber gestolpert war und ihn haben musste. Selten war ich so gespannt, wie sich so ein Destillat sensorisch präsentiert!

Edelbrennerei Dirker Geist von der Drachenkopfblume

Komplett klar, ohne Partikel oder Trübung, mit ausgeprägten silberfarbenen Lichtreflexen. Deutlich viskos im Glas, mit schwerem Schwenkverhalten, das eine fransige Linie erzeugt, aus der sich dicke Tropfen bilden, die dann in Beinen ablaufen.

Ein betörender Duft entströmt dem Glas – selten genug passiert es mir, dass ich verblüfft die Augen aufreiße, weil ich etwas rieche, was ich so nicht kenne oder erwarte. Entsprechend schwer fällt mir, das zu beschreiben; da ist jedenfalls Melisse, Zitronengras und Bergamotte als erste Attacke, darunter etwas Heu und Vogelbeere, also etwas herbere Komponenten, und dann eine kompottige, exotische Fruchtmischung aus Mango und unreifer Guave, aber auch altbekannte Erdbeere, Holunderbeere und Mandarinenschale. Frisch und klar wirkt das trotz all der unterschiedlichen Fruchteindrücke, eine ganz milde, grüne Pflanzlichkeit und die Heuaromen deuten auf das Basismaterial hin. Ein Hauch von Menthol schwingt mit, ohne dass es sich aufdrängt, und ein winziges Element von Süßholz. Unglaublich spannend, erfrischend, ungewöhnlich und etwas, woran man wirklich lange schnuppern kann und man immer neue kleine Details findet.

Edelbrennerei Dirker Geist von der Drachenkopfblume Glas

Am Gaumen präsentiert sich zunächst eine ansprechende Textur, voll und rund, durchaus mit leichter Öligkeit versehen, ohne schwer zu wirken. Natürliche Süße breitet sich schnell aus, sie macht die prägnanten Zitrusnoten weich und abgerundet statt spitz. Malzig und heuig entsteht ein Eindruck eines Hustenbonbons mit Zitronengeschmack, im Verlauf wird der Geist herber, trockener und immer mehr ins Kräuterige gehend. Bergamotte blüht auf, Mandarine und Bitterorange. Gegen Ende wird der Geist leicht floral, erkennbar bitter, leicht astringierend im hinteren Rachenbereich, Spucke fließt üppig nach. Zestig wirkt das, Grapefruit vielleicht, und ganz spät dann auch grün und vegetabil, erinnert dann an Blattschnitt und Fichtensprossen. Der Nachhall ist lang und frisch, kombiniert nochmal all die Aromen von Zitrus, Heu, Malz und Geranien.

Eine ausgesprochen überraschende Spirituose, komplex und vielgestaltig, dabei sehr trinkig und unkompliziert. Da fragt man sich, warum so ein hervorragendes Geschmacksbild nicht viel öfter den Weg in Kräuter- und Obstbrände findet, aber Arno Dirker ist diesbezüglich eben der Künstler, der nicht nur mit den üblichen Farben malt, sondern sich in der Natur umschaut und auch den unausgetretenen Pfaden folgt.


Es gibt Drinks, bei denen man denkt, ja, das ist schon gut, aber irgendwie fehlt etwas an Komplexität, um das Bild wirklich unterhaltsam zu machen. Mir ging es so beim Summer Fling – der Zitronenwodka ist einfach nicht so wahnsinnig interessant als Basisspirituose, auch wenn er seine Dienste tut. Ersetzt man ihn aber durch den Geist von der Drachenkopfblume… ach, das macht dann richtig viel Spaß.

Summer Fling Cocktail

Summer Fling
45ml Zitronenwodka
15ml Passionsfruchtlikör
20ml Zitronensaft
10ml Zuckersirup
Auf Eis shaken, auf Eis abseihen, und mit einem Schuss Soda toppen.

[Rezept nach The Mill at Fountain Inn]


Die Edelbrennerei Dirker hat ihre eigenen Flaschen mit ins Glas eingelassenen Details, in zwei Größen, aber in der gleichen Form – die sind hübsch, sehr eigen, wie auch der Inhaber, und fühlen sich gut in der Hand an. Plastikstöpsel verschließen sie.

Es hat sich ja so eine Attitüde herausgebildet, da sind die alten, elitären und traditionellen Obstbrenner in Deutschland, und die jungen, hippen, kreativen Newcomer, die den Markt aufmischen und dem langweiligen Obstbrand neues Leben einhauchen. Das stimmt natürlich so nicht. Wie ordnet man die Edelbrennerei Dirker aber trotzdem auf diesem breiten Spektrum ein? Sie ist kein Betrieb, der schon seit dem 18. Jahrhundert existiert, aber doch schon länger, als manche meiner Leser leben; ich empfinde Arno Dirker als das Bindeglied zwischen diesen Extremen. Er arbeitet sehr traditionell, gleichzeitig aber auch sehr kreativ. Respekt für das Basismaterial, Respekt für das Handwerk, Respekt für Umwelt und Umgebung. So will ich meine Obstbrände trinken.

Vorbereitung für den Ernstfall – Tequila Cascahuín

In wenigen Tagen geht es los – ich reise zum zweiten Mal nach Mexiko. Vor fast einem Jahr war ich für México Selection by CMB in San Luis Potosí, dieses Jahr geht es mit Spirits Selection by CMB ins Herz der Tequilaproduktion nach Jalisco. Guadalajara und Puerto Vallarta werden die Aufenthaltsorte sein, und ich hoffe, wieder ähnlich viel zu erleben, denn Mexiko hat unglaublich viel zu bieten – die herausragende Gastfreundschaft, die lebendige und spannende Kultur, die beste Küche der Welt; und natürlich Tequila. Zur Vorbereitung trinke ich mich mit ein paar Samples ein, die schon viel zu lange bei mir herumstehen, die ich von Alex Huhn von der Mezcaleria Berlin als freundliche Beigabe bei einem Kauf erhalten habe. Es handelt sich um eine Produktreihe, die ich eh schon lange probieren wollte, nämlich Tequila Cascahuín Blanco, Blanco Tahona, Plata 48, Reposado und Extra Añejo.

Für alle fünf gilt, und das ist mir wichtig: Sie sind zertifiziert additiv-frei, garantiert durch die entsprechende Initiative von Tequila Matchmaker, auch wenn es diese aus Gründen (ich verweise hier gerne auf meinen neulich erschienenen Tequila-Artikel im Magazin Fizzz) inzwischen nicht mehr gibt. Aber auch darüber hinaus setzt man auf Qualität: Die Agaven werden erst nach frühestens 5 Jahren Aufwachszeit geerntet, und dann für ungefähr 25 Stunden in einem langsamen und schonenden Verfahren in Steinöfen gekocht, und ruhen schließlich einen Tag, um den gebildeten Agavenhonig ziehen zu lassen, bevor sie zerkleinert und gemahlen werden, in unterschiedlichen Verfahren. Die Fermentation erfolgt in offenen Tanks, ebenso in unterschiedlichen Verfahren, rein mit wilden Hefen der Umgebung. Einzelne Herstellungsdetails für die spezifischen Ausprägungen erwähne ich dann im Kontext. Und nun ran an die Fläschchen!

Tequila Cascahuín

Besonders interessiert bin ich an den Unterschieden zwischen den drei ungereiften Varianten, die sich rein oberflächlich erstmal hauptsächlich über den Alkoholgehalt voneinander abgrenzen. Der Blanco ist auf 40% eingestellt, der Blanco Tahona auf 42%, und der Plata 48 auf 48%. Wir fangen mit dem Cascahuín Blanco an. Für ihn werden die Weber-Agavenherzen in einem Steinofen gekocht, mit einer Rollmühle zerkleinert, und in einem Verhältnis von 70:30 in Edelstahl- bzw. Zementtanks fermentiert. Der erste Destillationsvorgang („ordinario“) erfolgt in einer Edelstahlbrennblase mit Kupferschwanenhals, der zweite für den Feinbrand mit Abgrenzung von Vorlauf, Herz und Nachlauf in einer Brennblase vollständig aus Kupfer.

Tequila Cascahuín Blanco

Klar, fehlerfrei und mit einer wirklich ordentlichen Viskosität versehen ist der optische Eindruck. Die Glaswand ist fett mit Artefakten versehen. Der Duft ist hochtypisch, man nimmt direkt die gekochte Agave wahr, sie dominiert alles. Direkt in Bezug aufs Basismaterial, mineralisch und mit leicht steinigen Aspekten, etwas vegetabil sogar mit viel Grünschnitt und einem Touch von Dill und grünem Tee. Darunter baut sich eine Basis aus Gewürzen auf, schwarzer Pfeffer, Kardamom, ein Anflug von Nelke. Sehr komplex, aber nicht wahllos, sondern klar auf die Agave zielgeführt.

Salzig und trocken vom Antrunk an, beide verstärken sich sogar im Verlauf. Eine subtile, sehr natürliche Süße gleicht einiges aus. Tabak und Tee sind die Geschmackseindrücke, herb und frisch, mit Anflügen von Minze und Lavendel, und einer Kopfnote von Grapefruitzeste. Die Textur ist voll, aber nicht schwer. Im Abgang wird der Cascahuín Blanco knochentrocken, mit leichter Astringenz, und einem warmen, pfeffrigen Kribbeln auf der Zunge, im Nachhall klingt die pure Agave lange und direkt nach.

Ein wirklich sauber strukturierter Tequila, direkt, mit Kraft und ein paar Kanten, die ihn aus der Easy-Drinking- in die Langsam-Genießen-Ecke schieben. Großartig, erwachsen, handwerklich makellos. So muss ein Blanco schmecken.


Die Unterschiede zwischen dem Blanco und dem Cascahuín Blanco Tahona sind subtil, aber vorhanden: erstens wird für die Zerkleinerung eben statt einer Stahlmühle die namensgebende Tahona verwendet; zweitens erfolgt die Fermentation vollständig in Zementgruben, und für die Fermentation wird die Bagasse, also die Fibern, mitverwendet. Auch der Blanco Tahona zeigt sich kristallklar und fehlerlos, das Schwenkverhalten ist ähnlich ansprechend mit erkennbarer Öligkeit und hübschen Beinen an der Glaswand.

Tequila Cascahuín Blanco Tahona

Ich bilde mir ein, in der Nase eine frischere Variante zu finden als beim Blanco. Hier ist der Gewürzaspekt auch etwas mehr herausgearbeitet, man entdeckt Kardamomkapseln, Koriander und schwere Spearmint, Anflüge von Thymian und Rosmarin. Natürlich sind das Nebeneffekte, auch hier ist die Agave die klare Herrscherin der Aromen, sie wirkt aber edler eingebettet in ein Kräuterbett. Genauso geht es mir am Gaumen – die Aromen und die Textur wirken einen Hauch feiner im Antrunk, leichter und frischer; im Verlauf zeigt sich aber auch, dass der Blanco Tahona trotz der feineren Aromen auch mehr Pfeffrigkeit und Wucht am Gaumen herausbildet. Das wirkt frischscharf, minzig, mit milden Poblano-Chilis als Unterbau, vom Geschmack und dem Effekt her. Salzig und trocken ist er weiterhin, und im Abgang dann noch trockener als der Blanco, das muss man schon mögen, wenn einem die Spucke weggesaugt wird. Der Nachhall zeigt dann Kirsche und Pfirsich, ganz hintergründig nur.

Der Unterschied ist erkennbar, und der Blanco Tahona wirkt frischer und frecher als der im Vergleich nun fast gemütlich erscheinende Blanco. Beide bleiben dem Basismaterial sehr treu und interpretieren es nur leicht anders.


Auch für den Cascahuín Plata 48 gibt es Details zu berichten: Das Besondere hier ist die Destillation zur Abfüllstärke, und das Auslassen jeder Art von Filtration, ansonsten hält man sich an die Stahlmühle und eine Mischung aus Stahl- und Zementbehältnissen für die Fermentation, teilweise mit Fibern. Die Produktionsmenge ist auf 2500 Liter pro Batch begrenzt. Über das Aussehen des Plata 48 gibt es dagegen wenig neues zu erzählen, auch hier ist die erwartete Kristallklarheit vorhanden, und die Flüssigkeit schwappt schwer hin und her; die sich bildenden dickköpfigen Tropfen laufen langsam ab.

Tequila Cascahuín Plata 48

In der Nase kommt er aber überraschend anders an als seine beiden Vorgänger; hier ist alles viel weicher, dumpfer, runder, und ich meine, hier nun erstmal bananige Noten vorzufinden. Weiße Schokolade vielleicht, Nelken, und etwas dunklerer Tabak als zuvor. Die Agave ist weiterhin prägnant, aber viel weicher, tiefer, schwerer. Kokosfleisch finde ich, und etwas weniger mineralische Aspekte.

Die Textur wirkt viel milder, runder, voller, der Antrunk ist von Süße und Agave getrieben, mit feinen Fruchttönen und einem sehr kräuterigen Subtext. Jener verstärkt sich im Verlauf, zusammen mit einer sehr effektiven Schärfe, nun eher Jalapeño als Poblano. Die Trockenheit ist deutlich zurückgenommen, die Zunge kribbelt warm und ausgesprochen angenehm. Im Nachhall klingt das grüne Chili voll nach, in einem wirklich herrlichen Zusammenspiel mit der Agave, minimalster Floralität und in beeindruckender Länge und Breite.


Ah, ich kann mich nicht entscheiden, das sind alle drei herausragend gute Tequilas, die je einen anderen Aspekt betonen und darin wirklich das Beste zeigen, was diese Kategorie zu bieten hat. Wer die volle, reine Agave will, trinkt den Blanco; wer mehr auf edle Frische steht, den Blanco Tahona; und wer es mehr mild und perfekt integriert mag, den Plata 48. Wie gesagt, ich kann und will keine Entscheidung treffen. Egal, welchen man sich zulegt, man kauft die Crème-de-la-Crème des Tequila.


Wenden wir uns nun den holzgereiften Varianten zu – für mich gilt weiterhin, dass der ungereifte Tequila der König dieser Kategorie ist, aber gut gemachter Holzinteraktion bin ich auch hier nicht vollständig abgeneigt. Übersichtliche 6 bis 8 Monate reposiert der Tequila Cascahuín Reposado in Weißeichenfässern, die vorher schon 20 Jahre und mehr für Tequilareifung benutzt worden waren, da ist also keine erkennbare Fremdbelegung mehr vorhanden; ein Tequilafass, wie es sein soll.

Tequila Cascahuín Reposado

Leichtes Stroh hat das Holz verursacht, eine dezente Tönung nur. Und auch in der Nase erkennt man sofort, dass hier behutsam vorgegangen wurde – der Tequila klingt weiterhin sehr direkt und voll nach der Weberagave, immer noch grünlich und vegetabil, nur die Mineralität ist etwas abgeschwächt, aber sogar das im für mich voll vertretbaren Maß. Dazu kommt nur wenig, und das schätze ich – eine leichte Vanillenote, ein bisschen Zuckerwatte, beides aber nicht künstlich wirkend.

Am Gaumen erlebt man eine sehr runde Dichtheit, klar texturiert, mit sehr angenehmer Viskosität. Das Holz präsentiert sich hier eher süßherb, nicht so süßgewürzig wie bei vielen anderen Fassreifungen, sondern eher ledrig und mit Anklängen von hellem Tabak. Ich entdecke Piment und Schwarzpfeffer, vielleicht etwas Sternanis, im späteren Verlauf feurigen Zimt. Die Struktur ist trocken, am Ende mildpfeffrig warm, kribbelnd und sehr lang, gegen Ende klingen noch gemüsige Erbsen, Mais, grüne Bohnen, Koriander und ein salzkaramelliges Erdnussgefühl nach.

Mit so einem Ausbau macht man sogar mich zum Fan eines Reposado, das muss ich sagen. Toll, mit Fingerspitzengefühl und Respekt der Agave gegenüber gemacht, wirklich grandios. Ich bin begeistert.


Ein Tequila, der sich die relativ neue Bezeichnung der längsten Alterungsstufe zulegen will, muss laut NOM 3 Jahre in Holz liegen; beim Tequila Cascahuín Extra Añejo legt man noch ein zusätzliches Jahr drauf; und 4 weitere Jahre wird es in alten „pipones“, also Bottichen, weiter stabilisiert.

Farblich hat sich im Vergleich zum Reposado nur unwesentlich etwas getan, ein helles Maisgelb ist entstanden, immer noch ehrlich und Zeuge des lange gebrauchten Holzes. Der Geruch hat sich dagegen deutlich entwickelt, klassischere Holzaromen wie Vanille, Zimt und Karotte sind nun erkennbar, aber auch hier weiterhin nicht alles andere übertünchend. Die Agave geht sicher nun in den Hintergrund, bleibt erkennbar. Insgesamt ist die Nase deutlich zurückgenommen in allen Aspekten, man sieht hier einfach, wie flüchtig die Agave sich im Holz verhält. Das ganze wirkt generischer, weniger expressiv.

Tequila Cascahuín Extra Añejo

Auch im Mund merkt man, dass die Kategorie sich selbst keinen Gefallen tut, einen so filigranen Brand wie Tequila so lange zu lagern. Süß und mildholzig, viel Honig, Zuckermelone, Nelken und Pfirsich beherrschen nun das Geschmacksbild, die Mineralität und Vegetabilität ist fast ganz weg. Immerhin bleibt die klare Struktur erhalten, auch wenn sie durch Süße nun schon etwas aufgeweicht ist. Gegen Ende kommt tanninige, sehr ausgeprägte Bittere in Kombination mit Trockenheit heraus, leicht kantig und aber auch spannend kontrastreich aufgesetzt im Vergleich zum Antrunk, sehr karottig dann, mit feiner zimtiger Würze und warmen Nachglühen.

Das ist natürlich immer noch als Tequila erkennbar, vor allem im Nachhall, wo sich die Agave nochmal streckt und dehnt; dennoch für mich schon an der Grenze dessen, was ich in dieser Kategorie mag. Doch, so klar muss ich das sagen – das ist mit Abstand der ehrlichste und beste Extra Añejo, den ich bisher im Glas hatte, da bleibt sich Cascahuín treu.


Das Eintrinken für die Arbeit als Juror bei Spirits Selection by CMB ist hiermit erfolgreich beendet; die Gefahr bei dieser Samplereihe besteht natürlich, dass man sich den Gaumen verdirbt, weil man sich an so herausragend gute Qualitäten nicht unbedingt gewöhnen sollte, um den schwächeren Tequilas noch eine ehrliche Chance zu lassen. Nun, das Risiko gehe ich gerne ein, ich reise jedenfalls mit einem guten Mundgefühl und schönen Agavenaromen nach Mexiko!

Offenlegung: Ich danke Mezcaleria Berlin für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples dieser Tequilas.

Bier am Freitag – Whitetooth Brewing Dogtooth Rover Red Lager

Die kanadischen Berge sind eine spektakuläre Landschaft. Man muss dort gar kein Ziel haben, sondern jeder Meter, den man fährt und geht, ist ein Erlebnis für sich. Weite Wälder, harsche Hochebenen mit besonderen Bergen, schlängelnde Straßen und atemberaubende Aussichtspunkte, ich möchte diese Gegend jedem ans Herz legen, der gerne unberührte Natur erleben will. In British Columbia, zwischen den Rocky Mountains und der Purcell Range, am Zusammenfluss der Flüsse Kicking Horse River und Columbia, liegt die Stadt Golden. Dort steht seit 2016 die Brauerei Whitetooth Brewing Company, und sie machen moderne Biere wie das Dogtooth Rover Red Lager. Es ist mit 5,3% Alkoholgehalt und 27 IBU als limitierte Auflage in Dosen abgefüllt.

Whitetooth Brewing Dogtooth Rover Red Lager

Die Farbe des Biers ist fast identisch zu der des Dosenetiketts, solche Details mag ich einfach. Es ist leicht opalisierend, die kastanienbraune Farbe leuchtet sehr attraktiv besonders im Gegenlicht mit rubinroten Lichtreflexen. Der Schaum ist leicht beige, bleibt als bedeckendes Element lange auf dem Bier. Am Rand des Schaums sieht man eine sehr feinblasige, ausdauernde Perlage.

Für die Nase gibt es etwas weniger zu berichten, sie wirkt malzig, aber dennoch sehr frisch, leicht nussig vielleicht, mit Erinnerungen an saftige, frisch geschälte Maronen. Etwas rostig und ganz dezent grünholzig vielleicht; das Dogtooth Rover drängt sich definitiv nicht auf, ist aber dabei keineswegs neutral.

Das Mundgefühl dagegen weiß direkt zu überzeugen, das ist fett, cremig, kauig und voluminös, macht richtig Spaß, es im Mund zu halten. Der Antrunk ist frisch und klar, mit sehr ansprechender und balancierter Säure, und der sich wunderbar einpassenden Karbonisierung. Trotz der dunklen Farbe ist das Bier helltönig, prickelnd, mit fast einer ganz, ganz dezenten Minzigkeit im Finish, die sich kühlend lange auf die Zunge legt.

Das Bier macht richtig Spaß, hier passt alles ineinander und ist toll abgestimmt.

Ich habe es bei leicht kühleren Temperaturen in den Rocky Mountains getrunken, und bei einem der heißesten Tage des Jahres im Saarland; bei beiden funktioniert es großartig. Ich hatte ein Fourpack gekauft, zwei der Dosen haben es bis nach Deutschland geschafft, und ich bin glücklich darüber – es versetzt mich direkt zurück nach Golden, und erinnert mich an einen fantastischen Roadtrip durch British Columbia. Mehr kann ein Urlaubsmitbringsel nicht leisten.

Saftige Aprikosen – Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka

Ein kurzer Trip nach Ungarn, zwei Tage Balaton, zwei Tage Budapest, ein Tag Györ – da kriegt man wieder etwas zu sehen von diesem wirklich schönen Land, mit seinen naturbelassenen Landschaften und beeindruckenden Gebäuden aus alten Zeiten. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wohin das Land gerade steuert; ich dachte, die Ungarn würden die Einschusslöcher an den Wänden in den Gebäuden gegenüber des Parlaments, die noch vom blutig niedergeschlagenen Aufstand 1956 herrühren, erinnern und sich nicht von einem russlandfreundlichen, rückwärtsgewandten und homophoben Autokraten belabern lassen, doch das passiert nun. Es wundert mich nicht so sehr, wenn man die wirtschaftliche Lage berücksichtigt, unter der viele Ungarn leiden – Preise auf deutschem Niveau sind mit einem gleichzeitig nur ein Zehntel betragenden Einkommen schwer bezahlbar, und die Unterschiede zwischen dem sehr einfach gebliebenen Land und der hyperlebendigen Hauptstadt sind in Ungarn noch krasser ausgeprägt als in vielen anderen Ländern.

Auf dem Land, mitten in der ungarischen Ebene, findet sich die Stadt Békéscsaba, und von dort stammt der Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka. Der Name der Spirituose ist also mehr eine Homage an die Stadt als ein Produkt aus ihr; dennoch ist das natürlich ein augenfängerisches Fläschlein, mit hohem Souvenirpotenzial für den Gast in der Metropole. Pálinka ist strengreguliert, es dürfen nur Früchte verwendet werden, die in Ungarn angebaut worden sind, es sind keinerlei Zusätze erlaubt, da ist man strenger als die EU-Spirituosenverordnung. Wer einmal auf einem ungarischen Markt die Stände mit frischem Obst gesehen hat und ein paar der Pfirsiche oder Aprikosen probiert hat, wundert sich darüber nicht mehr, das Obst hat Aromen, von denen man hierzulande meist nur träumen kann, das ist fast eine religiöse Offenbarung, so saftig und lecker ist das Steinobst. Die Aprikose wurde hier vermaischt, gebrannt und mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, und ich erwarte ehrlich gesagt sehr viel, wenn ich mir nun ein Glas dieses Obstbrands eingieße.

Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka

Brilliant und glasklar, ohne Fehler, ohne Einschluss, so wie eine ungereifte Spirituose aussehen muss. Im Glas schwenkt sie sich ölig, aber mit gleichzeitiger Lebendigkeit, hinterlässt dabei Tropfen an der Glaswand, die sich zu Beinen formen und langsam ablaufen.

Für die Nase präsentiert sich der Barack Pálinka vollfruchtig, die Aprikose ist in aller Schönheit voll abgebildet. Eine vollreife Frucht ist das, glänzend, man ahnt schon die Saftigkeit, die leichte Nachgiebigkeit beim Drücken, den sanften Flaum. Der süßsäuerliche Saft, der üppig austritt, beißt man hinein, die leichte Herbe, die man fühlt, wenn man an den Stein stößt. Frisch und hell, mit einem feinen Beiton von Vanille, vielleicht sogar Milchschokolade, aber nur in homöopathischen Dosen, so dass die linear gezeigte Frucht nicht durch Ablenkung gestört wird. Tiefes Schnuppern bringt einen Hauch von Lack, und minimalste Floralität. Insgesamt ein wirklich zum langen Verweilen einladender Duft, der schon das Wasser im Mund laufen lässt.

Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka Glas

Am Gaumen kommt der Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka texturell viskos und sehr dicht an, mit schwerer Süße, ein sehr breites Mundgefühl, das sehr lange erhalten bleibt. Direkt im Antrunk blüht die Aprikose auf, erneut saftig und vollreif, aromatisch rund und charmant, herrlich sich mit der Textur vermählend, es fühlt sich stellenweise nach Fruchtsirup an, den man trinkt, wäre da nicht die klare Struktur mit frischer Helligkeit und einem gewissen, ganz dezenten und perfekt eingebetteten medizinischen Beiklang, der für Eleganz und Komplexität sorgt. Im würzigen, prickelnden Nachhall geht dann wie im Antrunk die Aprikose nochmal so richtig schön auf, diesmal milder, aber dafür noch ausgeprägter, mit einem wunderschönen floralen Oberton. Das bleibt lange im Mund, verklingt nur ganz langsam und entspannt mit viel Geduld. Ein großartiger Abgang, der die Verkostung krönt.

Völlig unkompliziert, dicht und vollaromatisch, mit feiner Eleganz und sauberer Struktur – das ist Handwerk vom Feinsten. Die Aprikose ist eine der Herzensfrüchte der Ungarn, und hier hat sich ein Meister gefunden, der das Beste aus ihr herausgeholt und in flüssige Form gebracht hat.


Diese Aprikose muss nicht Hauptdarsteller in einem Cocktail sein, sie zeigt ihre Stärken auch dann, wenn sie die zweite Geige spielt. Im Gin Blossom Martini wird man sich schwer tun, einen besseren Aprikosenbrand zum Einsatz zu finden, die Textur und die starke, ausdauernde Aromatik machen den Arpád Budapest Prémium Barack Pálinka hier zum idealen Mixkandidaten.

Gin Blossom Martini Cocktail

Gin Blossom Martini
45ml Dry Gin
45ml süßer weißer Wermut
23ml Aprikosenbrand
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren. Mit Zitronenzeste absprühen und dekorieren.

[Rezept nach Julie Reiner]


Sehr cool ist natürlich die Flasche an sich. Ich mag dieses quaderförmige Design, das passt sich gut in die Heimbar ein, da findet sich immer ein Plätzchen. Der Plastikschraubverschluss ist qualitativ gut und funktional. Das Highlight ist der Druck auf die Flasche, die die Kettenbrücke in Budapest zeigt, mit dem Burgpalast auf der Rückseite, so entsteht ein dreidimensionaler Effekt, der mir gefällt, der Pálinka in der Flasche symbolisiert so die fließende Donau. Dazu ein hübsches Etikett mit handschriftlich eingetragener Unterschrift des Meisterbrenners und einem aufgestempelten Abfülldatum. Was will man mehr.

Demnächst geht es nochmal für ein paar Tage nach Ungarn, und ich werde wieder die eine oder andere Flasche Pálinka mitbringen. Wenn die auch nur ansatzweise an diesen hier herankommen, werde ich sehr zufrieden sein.

Das Herz des Safts – Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe

Dass die Farbe einer Spirituose eigentlich nichts über ihre Herstellung und ihre Qualität aussagt, sollte inzwischen bei meinen Lesern eine bekannte Tatsache sein, darüber habe ich schon oft geschrieben. Es ist aber weiterhin schwer, die Begriffe „weiß“ und „braun“ komplett zu ignorieren, vor allem, wenn die Hersteller sie weiterhin auf die Flaschen schreiben, manchmal auch als „gold“ oder „dark“. Ich verstehe das natürlich, in manchen Szenarien ist das Wort „ungereift“ einfach zu holprig, und manchmal ist ein „weißer“ Rum auch gar nicht ungereift, sondern nur gefiltert, man sieht, es ist weiterhin Mitdenken gefordert, wenn man Schnaps kauft. Wie komme ich zu diesem Thema? Im Namen des Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe findet man so ein Wort prominent im Namen, natürlich französisch, und auf dem Flaschenhals auch in englischer Form.

Es ist aber ehrlich gesagt noch das am wenigsten erklärungsbedürftige bei der Flasche, aber dazu bin ich ja da. Mit „coeur de chauffe“ bezeichnet man in französischen eigentlich das „Herzstück“ der Destillation, in Abgrenzung zu Vor- und Nachläufen; bei Rum ist es oft so, dass mit diesen eigentlich unerwünschten Destillationsteilen durchaus großzügiger umgegangen wird, hier schränkt man sich diesbezüglich also explizit ein. Die Wortkombination ist ein geläufiger Begriff, der frankophil veranlagte Rumgenießer wird sie auch anderweitig bei Rums aus entsprechenden Weltregionen gelesen haben. Auf dem Rücketikett wird es dann spannend, denn dort liest man, dass es sich hier um einen „rhum agricole“ handelt, diese Bezeichnung ist aber in Anführungszeichen gesetzt, denn Mauritius ist nicht in der kleinen Liste der Gebiete, die diese Bezeichnung für Zuckerrohrsaftrum im Gültigkeitsbereich der EU-Spirituosenverordnung verwenden darf – schließlich ist Mauritius kein französisches Überseedépartement, auch wenn man das aufgrund der Sprache dort vielleicht vermuten mag. Hergestellt wird er jedenfalls trotzdem natürlich ähnlich, der frische Saft wird vergoren und dann in einer Potstill gebrannt und kommt schließlich mit 50% Alkoholgehalt in die Flasche.

Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe

Ungereift, ungefärbt, wie er aus der Destille läuft – so ein Rum hat eine besondere optische Qualität, das wirkt irgendwie sogar klarer als Wasser. Dazu kommt aber diese schwere Öligkeit, mit der er im Glas hin- und herschwappt, hohe Wellen wirft und dann schnell aber wieder in den Ruhezustand zurückgeht und die herablaufenden Beinchen aufnimmt.

Eine intensive Nase begrüßt uns, mit wuchtigen Zuckerrohrsaft-Aromen, ungefiltert und ohne Zurückhaltung. Da gibt es nicht viele Nebentöne, hier kriegt man die geballte Dichte des frisch gepressten Safts in seiner konzentrierten Form. Das wirkt natürlich erkennbar pflanzlich, mit Komponenten von grünem Blattschnitt, feuchtem Heu und ein paar Noten von weißen Blüten, hat dazu auch unterschwellige Gewürze in sich gefangen, Kardamom, Süßholz und etwas von Kampot-Pfeffer. Insgesamt bleibt der Duft aber klar und hell, sehr aufs Zuckerrohr fokussiert, frisch und trotzdem mit viel Volumen versehen.

Saint Aubin 1819 Rhum Blanc Coeur de Chauffe Glas

Die Textur spiegelt am Gaumen, was das Auge schon gesehen hat, eine kräftige Viskosität, die sich gemächlich über den ganzen Mundraum ausbreitet, man kann mitfühlen, wie das langsam passiert. Eine natürliche, dichte Süße begleitet das vom Antrunk an, sie ist erkennbar aromatisch noch vom Zuckerrohrsaft beeinflusst mit all seinen bereits erwähnten, grünlich-pflanzlich-gewürzlichen Aspekten. Der Alkoholgehalt von 50% ist in keiner Phase negativ spürbar, im Gegenteil, durch ihn entwickelt der Saint Aubin Coeur de Chauffe viel Kraft und Dichte und trägt damit die Aromen. Im Verlauf wird er leicht pikant, in einer Mischung aus weißem Pfeffer und ganz sanftem Chili, bleibt dabei aber rund und ohne Pieksen. Etwas Aquariumalgen und -kies findet sich, eine durchaus ausgeprägte mineralische Seite entsteht, danach kommen balsamische Noten von Eukalyptus und Sandelholz zum Vorschein, die ein heißkaltes Gefühl am Gaumen entstehen lassen, das lange anhält. Im Nachklang ist der Rum effektvoll, brummend, ausdauernd und lässt ein warmes, würziges Gefühl zurück.

Das funktioniert wirklich gut, der Rum fühlt sich für mich wie eine Kreuzung aus einer frischen Cachaça und einem schweren Agricole an, jedenfalls ist es toll, wie wunderbar der Alkohol hier eingebettet ist und auf ihm die Aromen aufbauen. Purtrinken ohne Frage möglich, im Cocktail natürlich eine Granate.


Das Ding hat Gewicht, und kann sich darum sehr gut in Rezepturen wiederfinden, die eine gewisse Aktivität ihrer Basiszutaten vertragen können. Ein Beispiel dafür ist sicher der Song of the Siren, bei dem sich die Zuckerrohraromen mit Agave und Frucht kombinieren sollen. Man verzeihe mir die Wahl des Trinkgefäßes, aber irgendwie finde ich solche Dinge sehr anziehend, und es macht Spaß, die Gäste zu sehen, wenn man einen Cocktail in so etwas serviert.

Song of the Siren Cocktail

Song of the Siren
1oz / 30ml ungereifter Rhum agricole
½oz / 15ml Mezcal
½oz / 15ml Crème de Cacao
½oz / 15ml Ananassaft
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Dirty dump in eine Tiki Mug. Mit pebbled ice toppen, und…
¼oz / 7ml Amaro
floaten. Mit geriebener Muskatnuss servieren.

[Rezept nach Shannon Mustipher]


Die Flasche passt zum Inhalt, da sind keine Schnörkel oder verspielte Details zu finden, ein klare Form, mit einem Plastikkorken und Holzstöpsel darauf, und leicht elegante Etiketten, die dem Auge gefallen.

Ich habe zuhause schon seit ewigen Zeiten eine Flasche des Saint Aubin History Collection stehen, die ich nun vielleicht zeitnah noch öffnen sollte, um eine gereifte Variante des Rumbrenners aus dem indischen Ozean zum Vergleich heranzuziehen. Der „weiße“ ist jedenfalls so charaktervoll, dass eine Fassreifung aus ihm sicherlich etwas spannendes und unterhaltsames erzeugen wird; jedenfalls nichts, was man einfach so nebenbei trinkt, da bin ich mir jetzt schon sicher. Die neue leichte Verfügbarkeit von Rums aus Mauritius ist jedenfalls ein Segen für die deutsche Rumlandschaft, es wird Zeit, dass die kleine Insel hierzulande diesbezüglich bekannter wird, und nicht nur als Urlaubstraumziel.

Offenlegung: Ich danke FFL -RUM Brands- für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Alte Drachentattoos – Old Dragon Spiced Banana Rum

Bei meinem Stammtattoo-Studio hier in Saarbrücken weiß man inzwischen, welche Art von Tattoos ich bevorzuge. Bunt, mit vielen Blumen, exotisch. Das neueste war von meiner Reise nach Mexiko letztes Jahr inspiriert, irgendwie gehört es bei einem Tattoo für mich dazu, dass es durch eine besondere Begebenheit oder einen Umstand inspiriert ist; das Wort „Sinn“ nehme ich nicht in den Mund, denn einen Sinn muss ein Tattoo natürlich nicht haben, es ist Körperdekoration, die nur mir persönlich gefallen muss, und keinen tieferliegenden, weltbewegenden Anspruch haben. Insbesondere meine älteren Tattoos beweisen das – darunter ist ein großer Wasserdrache auf der Brust, der einfach dazu dient, ein älteres, furchtbar verschwommen und unscharf gewordenes Alttattoo zu überdecken. Drachen sind bis heute beliebte Motive, wenn ich mir so die Vorlagen anschaue, die in Tattoostudios ausliegen, und da wundert es nicht, wenn Dimi von 2Brothers Ink in Dinkelsbühl seine individuelle Spirituose dann auch in diese Richtung benennt.

Beim Old Dragon Spiced Banana Rum handelt es sich um ein erstmal verrückt klingendes Gebräu – Melasserum aus Venezuela und Jamaica wird mit Bananendestillat versetzt, es kommen Vanilleschoten aus Madagaskar dazu, und etwas Zucker, aber keine Aromastoffe. Gut gemachte Spiced Rums haben durchaus ihren Charme, finde ich, das negative Image, das noch oft herumgeistert, stammt meist aus der Zeit, als alle möglichen Hersteller ihre Produkte mit viel Schindluder versetzten, und dann einfach „Premium Rum“ auf die Etiketten schrieben. Gegen sowas habe ich immer noch was, es ist aber durch die neue, viel drängender geschriebene Neufassung der Spirituosenverordnung deutlich besser geworden; der Old Dragon ist aber schon im Namen diesbezüglich transparent, und dann ist das in Ordnung für mich. Er wird mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, und steht nun bei mir im Glas zur Verkostung bereit.

Old Dragon Spiced Banana Rum

Die Farbe passt zu den goldenen Applikationen auf dem Etikett, es ist ein poliertes Gelbgold, kräftig und leuchtend. Im Glas zeigt es sich auch wirklich schwer und viskos, sich windend wie der namensgebende Drachenwurm, einen fetten Film an der Glaswand hinterlassend, der träge abläuft.

Die Nase ist erstmal sehr klar von der reifen, dunkelgelben, fast schon braunen Banane dominiert, sehr fruchtig, dabei natürlich wirkend und mit viel Tiefe. Man kann darunter die Rumbasis herausschnuppern, sie tut sich aber schon schwer gegen die volle Bananen- und Karamellbreitseite, gibt aber erkennbar weiteres Volumen und Gewürznoten dazu, die verhindern, dass die Bananigkeit alles beherrscht. Würzig, süß, mit Anklängen von Piment, Muskatnuss und Sternanis, würde ich sagen, dazu Vanille, die sich aber nicht so platt aufdrängt, wie das bei vielen anderen Spiced Rums passiert. Nach etwas Offenstehzeit bildet sich eine milde, leicht alkoholische Spitze heraus. Insgesamt ein durchaus ansprechendes und vollaromatisches Geruchsbild.

Old Dragon Spiced Banana Rum Glas

Man spürt im Antrunk weiterhin diese fette Öligkeit, die Textur ist breit, wenn auch nicht ganz so tief, wie man es vielleicht erhofft. Die Süße ist initial sehr schwer, sehr wuchtig, fast ein bisschen überwältigend, da sie sich aus den Komponenten des zuckrigen Karamells und der Bananenfruchtigkeit zusammensetzt und damit schon recht üppig wird. Im Verlauf setzt sich das aber sehr angenehm, und auch wenn der Spiced Rum nie trocken wird, entsteht doch eine mildfeurige Würze, die auf der Zunge prickelt, und ein kühler Hauch, der den Gaumen auffrischt. Natürlich ist weiterhin die Banane Herrscherin des Geschehens, aber insbesondere im Abgang zeigen sich dezente aber fein ausgebaute Rumnoten, die dem ganzen einen erwachsenen und soliden Touch geben, den ich bei anderen Spiced Rums selten finde. Der Nachklang ist lang, bananig, mildwürzig, gewürzig und bleibt wirklich ausdauernd vorhanden.

Spiced Rums haben so ihren Ruf beim Kenner, aber der Old Dragon Spiced Banana Rum macht seinem Namen auf jeden Fall Ehre – da bekommt man genau, was man erwartet. Die Banane ist natürlich, kräftig, und setzt auf einer soliden Rumbasis auf. Ich trinke Spiced Rums höchstselten pur, bei dem hier mach ich das ohne drüber nachdenken zu müssen, wenn ich Lust auf was Fruchtigsüßes habe.


Für den The Banana Life braucht man eigentlich nur einen kleinen Schuss Bananenlikör, der einem Rum einen gewissen Twist gibt. Aber wenn ein Cocktail schon so heißt, warum soll man dann nicht „all-in“ gehen und den normalen Rum und Likör einfach durch eine gemeinsame Dosis des Old Dragon ersetzen? Insgesamt ist es ein schwierigeres Rezept für den fortgeschrittenen Tikisten, aber gerade die Breite, die der Old Dragon mitbringt, sorgt für ordentlich spaßiges Volumen in einem Drink für alle, die Bananen egal in welcher Form mögen.

The Banana Life Cocktail

The Banana Life
2oz / 60ml ungereifter Rum
¼oz / 7ml Bananenlikör
¾oz / 23ml Ananassaft
¾oz / 23ml Grapefruitsaft
¼oz / 7ml Limettensaft
½oz / 15ml Fassionola
Mit Eis blenden, mit crushed ice auffüllen.

[Rezept nach Pagan Idol / San Francisco]


Die Flasche ist neutral geformt, mit einem Plastikkorken mit Holzstöpsel versehen; das Etikett passt zu einem Tattoo-Studio, hat einen gewissen asiatischen Touch.

Natürlich muss man hier schon eher auf likörige Spirituosen stehen, um das wertschätzen zu können; dennoch finde ich das Produkt gut zusammengestellt. Persönlich fände ich es extrem spannend, wenn man für einen zweiten Batch vielleicht sogar den Zucker ganz weglassen könnte, um den Rum, das Bananendestillat und die Gewürze noch deutlicher in natürlicher Form wirken lassen zu können. Vielleicht nimmt Dimi das als Anregung auf. Bis dahin ist der Old Dragon ein angenehmes Getränk, auf Eis geschlürft, oder als unterhaltsame Cocktailzutat. Auf jeden Fall sticht er aus der Masse der leider ja oft so belanglosen Spiced Rums heraus und ist für Anhänger des süßen Nippens definitiv einen Blick wert; man muss keinen Drachen auf der Brust tätowiert haben, um sich damit anfreunden zu können.

Offenlegung: Ich danke Dimi Zaharcenko von 2Brothers Ink/Airbrush Studios SK-Brush für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Flasche dieses Spiced Rums.

Kretischer Trester – Aoraki, Rakaki und Lyraki Tsikoudía

Irgendwie muss man das Backlog auch bei einer Heimbar pflegen, insbesondere, wenn sich Dinge schon Jahre darin aufhalten und irgendwann auch mal zu ihrem Recht kommen sollen. Aus diversen Kreta-Urlauben hatte ich mir immer ein paar Kleinflaschen der lokalen hochprozentigen Produkte mitgebracht, und neulich entdeckt, dass die eigentlich noch nie besprochen worden waren. Und so kommt heute mal wieder eine Gruppenbesprechung hier – die Gemeinsamkeit, die ich für soetwas voraussetze, ist die Spirituosenkategorie; bei den drei Bränden, die ich heute vorstelle, handelt es sich um Tresterbrand. Der offizielle griechische Name für diesen kretischen Tresterbrand ist Tsikoudía (eine Unterform des Gesamtgriechischen Tsipouro), auf Kreta sagt man in der Regel Raki dazu, wer schonmal dort war, kennt das selbstverständlich, denn Raki gehört auf Kreta mit zur unwegdenkbaren Lebenskultur, gefühlt jeder brennt auch seinen eigenen Hausraki. Ich habe vor einer Weile schonmal was über Raki geschrieben, und ergänze diese Eindrücke nun mit folgenden Produkten.

Aoraki, Rakaki und Lyraki Tsikoudía

Drei Marken biete ich heute an: Aoraki, Rakaki und Lyraki, die klingen schon ähnlich, da ist man gespannt auf die Unterschiede. Alle drei sind „pur“, also nicht mit Anis aromatisiert, und auf Kreta in kleinen Supermärkten gekauft, dort bekommt man sie in diversen Größen für sehr erschwingliche Preise (man sollte sie jedenfalls nicht in den Touristen-Souvenir-Läden holen, da ist direkt ein enormer Preisaufschlag im Vergleich zu den Supermärkten da).


Wir beginnen mit Aoraki Cretan Tsikoudía, wie er angliziert auf dem Etikett genannt wird. Er weist 38% Alkoholgehalt auf, und als einzige Herstellungsinformation bekommt man den sehr generischen Hinweis, dass „grape varieties of Cretan vineyards“ benutzt werden.

Aoraki Tsikoudía

Kristallklar, ohne Einschlüsse, mit einer sehr beeindruckenden Viskosität beim Drehen des Glases. Ein Film bildet sich dabei.

In der Nase erhält man ohne Umschweife die hohe Typizität eines Tresterbrands, dazu aber schon gleich schöne bunte Fruchtigkeit, da sind ein paar Sauerkirschen und Mandarinen drin, und ausgeprägte Muskat-Traubigkeit. Eine ganz milde Grüne findet sich, die sich mit der Erdigkeit paradox kombiniert. Frisch, klar strukturiert, keine nennenswerten Seitennoten, vielleicht etwas Gewürz und schwarzer Pfeffer.

Am Gaumen spürt man erstmal eine milde, weiche Rundheit, gepaart mit starker Süße. Es fühlt sich breit an, hat aber nur sehr wenig Tiefe, und es fehlt direkt an Spannung und Struktur. Die Aromen, direkt im Antrunk noch fruchtig und blumig, sind schnell flacher als in der Nase, im Verlauf sogar abbauend, wenn sich generische Pfefferwürze zeigt. Der Abgang ist kurz und wenig aufregend, dumpf und stumpf, ein wenig Geranien zeigen sich im Nachhall.

Sicherlich kein Brand, der einen vom Hocker reißt. Undefiniert, flach, zu schwachbrüstig und dafür dann zu süß, ohne klare Linie. Man vermisst nichts, wenn man ihn in Deutschland aktuell nur schwer bekommen kann, und auch von Kreta muss man nicht unbedingt eine Flasche davon mitnehmen.


Macht es der Rakaki Tsikoudia besser? Er hat immerhin schonmal 40% Alkoholgehalt, doch auch hier findet man keine Details zu Rebsorten oder Herstellung, was ich sehr schade finde.

Rakaki Tsikoudía

Klar, sauber, fehlerfrei. Leichte Öligkeit, Beinchen bilden sich an der Glaswand.

Die Nase ist frisch und sehr würzig, aromatische Trauben, klassische erdige Tresterrestaromen, dazu grüne Blätter, frische Blüten, leichte Zitrusaspekte, Lemongrass, unspezifizierte Kräuter; bunt, aber nicht stark ausgeprägt. Eine gewisse Alkoholizität erkennt man.

Im Mund ist außer einer sehr allgemeinen Gewürzseite kaum etwas übrig. Die Erdigkeit ist dumpf, die Frucht stumpf und wirkt fast schon verrottet. Keinerlei Charme ist da, die Frische ist verschwunden. Dazu kommt ein schmaler Körper mit wenig Struktur und Linie, und eine wenig spannende Süße. Der Abgang ist kurz, leicht balsamisch, mit ein wenig schwerer Floralität als Nachklang

Das macht nicht wirklich viel Spaß. Vielleicht eisgekühlt, als Digestif, im kretischen Klima nach einem würzigen Essen. Und man trinkt ihn dort, und lässt ihn dann auch dort.


Bisher wurden wir nicht außergewöhnlich verwöhnt mit kretischer Lebensart, das muss man schon sagen. Ein dritter Versuch erfolgt nun mit dem Lyraki Cretan Tsikoudia, der auch mit 40% Alkoholgehalt in die kleine Flasche kommt, die sogar in einer kleinen Dose verpackt ist.

Lyraki Tsikoudía

Klar und fehlerfrei, mit ansprechender Öligkeit, die sich hübsch schwenkt. Eine Filmkante bildet sich, aus der dicke Tropfen ablaufen.

Im Geruch wirkt der Lyraki sehr frisch und kräuterig, mit Eindrücken von Heu, getrocknetem Getreide und etwas Hirse. Die typischen Tresternoten liegen darunter, erscheinen beim zweiten Schnuppern. Eine spannende Ledrigkeit findet sich, und esterige Fruchtigkeit.

Auch am Gaumen wirkt es klarer, heller und strukturierter als seine zwei Vorgänger, doch die Aromen wirken nicht unbedingt ansprechend. Sehr heuig und grasig, quietschende Ester, milde Schokoladentöne, vorsichtige Steinfrucht. Gegen Ende kommt nun aber diese feine, brummende Würze auf, die sich plötzlich mit den Aromen gut kombiniert und ein sehr rundes, warmes Mundgefühl hinterlässt, bei dem noch schwere Blumigkeit mitklingt.

Der Abgang ist toll, das muss ich sagen – schade, dass der Weg dorthin etwas beschwerlich ist. Sicherlich ist der Lyraki aber der unterhaltsamste der drei Kreter, und vielleicht ein vernünftiger Einstieg in die Kategorie, die viel mehr als diese drei zu bieten hat.


Ich habe mit den Resten der drei Brände, die nach der Verkostung übrig geblieben sind, einfach einen Cocktail zusammengeschüttelt. Und, was soll ich sagen, der Etesian Wind ist so ein Beispiel eines Drinks, bei dem man all die Mängel, die eine Basisspirituose vielleicht haben mag, plötzlich gar nicht mehr spürt, im Gegenteil. Hier gleicht sich alles aus, die vereinzelten Stärken der Tsikoudias bleiben aber erhalten. So macht das ganze dann Spaß!

Etesian Wind Cocktail

Etesian Wind
50ml Tsipouro
25ml Mastiha
25ml Orgeat
30ml Zitronensaft
1 Spritzer Rosenwasser
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Zafiris Dimitris Skandaliaris]


So richtig empfehlen kann ich aber leider keines dieser drei Produkte, selten genug, dass mir das bei einer Verkostungsreihe passiert. Sie punkten alle drei ganz sicher über ihren schönen Duft, der wirklich angenehm ist, danach kommt aber meist nicht mehr so viel unterhaltsames. Da hatte ich gefühlt sehr viel besseres im Glas, als ich auf Kreta war, insbesondere die „hausgemachten“ Brände haben viel mehr Charakter und Charme als diese professionell abgefüllten Produkte. Nun, vielleicht muss ich doch nochmal zurück auf die Insel der Träume, um das zu verifizieren. Es gibt ganz sicher schlimmere Orte, um ein paar Tage für eine Bildungsreise zu verbringen!