Das letzte Bier, das mir Meike aus der Normandie mitgebracht hatte, wird heute geöffnet und probiert. Das Les Deux Amants Régis Blonde American Pale Ale stammt aus Val de Reuil, weist ein Biosiegel auf und hat entsprechend auch in der Zutatenliste ausschließlich diesbezüglich deklarierte Inhaltsstoffe. Bio-Gerste, Bio-Weizen, Bio-Hopfen (die Sorte bleibt aber unbenannt), und schließlich Bio-Rübenzucker, etwas, das ich noch nie in einem Bier gesehen habe. Zucker kann in Bieren ja verschiedene Funktionen haben, darum ist so eine Angabe erstmal nicht direkt zu verdammen, hier dient er als Speise für die Hefen während der Flaschengärung. Das Bier ist weder pasteurisiert noch gefiltert, und auf 6% Alkoholgehalt gebraut.
Stark hefetrüb und safranfarben, zusammen mit dem ausdauernden, gemischtblasigen Schaum macht das Bier optisch schonmal was her. Leichte Hefereste setzen sich im Glas unten ab, die feine Perlage sieht man nur im starken Gegenlicht.
Der starkfruchtige Hopfenduft begrüßt einen, stiltypisch natürlich, vielleicht sogar ein bisschen mehr, als man erwartet. Litschi, Mango, Grapefruitzeste, eine schöne Mischung aus süßfruchtigen und zestigherben Aromen.
Vollcremig und kauig in der Textur, das breitet sich schnell und fett aus im Mund, die starke Karbonisierung bläst ordentlich Volumen rein. Der Körper wirkt dagegen etwas arg leicht und irgendwie zu süßlich, das fühlt sich nicht ideal integriert an; vor allem, weil die Süße und die Bittere kollidieren statt zusammenzuarbeiten. Schön dagegen transferieren die Geschmackseindrücke von der Nase an den Gaumen, bleiben auch im Abgang sehr lange erhalten, mit einem aufblühenden floralen Nachklang, der neben den Blumen noch die Litschi betont.
Frisch und sauber zu trinken, aber nicht so ganz rund, wie man es sich wünschen würde. Ein leichtes Bier für einen heißen Sommertag, da zieht sich das sicher gut weg, aber mir insgesamt etwas zu schmal gestaltet.
Die Elsbeere war eine neue Entdeckung für mich. Mein guter Freund Branko machte mich darauf aufmerksam, als wir über besondere Obstdestillate sprachen, und ich meine große Liebe zur Vogelbeere kundtat. Einen Baum dieser Art in meiner Region zu finden ist erstmal gar nicht so einfach, darum konzentriere ich mich direkt auf ein Produkt, das aus der Elsbeere entsteht, einen Edelbrand natürlich, was erwartet man anders als das auf diesem Blog. Soviele Brenner machen ihn gar nicht, und Branko hatte natürlich auch diesbezüglich eine Empfehlung in der Hinterhand – den Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand, mich wundert das nicht, ich habe eigentlich nur sehr positive Erfahrungen mit Arnos Bränden gemacht, da ist es eigentlich eher seltsam, dass ich nicht von allein auf ihn gekommen bin.
Die Hälfte der Elsbeeren in Deutschland wächst tatsächlich in Franken, das passt natürlich zur Heimat von Arno Dirker – schon seit der Römerzeit werden die Früchte und das Holz der Elsbeere geschätzt, die Früchte haben einen extrem hohen Vitamin-C-Gehalt, und das Holz beanspruchbar, hübsch und besonders für Musikinstrumente geeignet. Dirker macht aus den Elsbeeren bei sich nicht nur ein Destillat, sondern auch eine Konfitüre, der magenheilende und verdauungsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Es wundert einen nicht, wenn man etwas nach einem Elsbeerenbrand suchen muss, wenn man erfährt, dass für rund 5 Flaschen mehr als 100kg Beereneinsatz benötigt werden, eine wirklich schmale Ausbeute. Dafür ist der Elsbeerenbrand aus dem Hause Dirker noch wirklich bezahlbar, er will offensichtlich nicht reich werden an diesen ganzen besonderen Spezialitäten, die er in seinem riesigen Portfolio fast dauerhaft anbietet. Eine der kleinen Flaschen mit 44% Alkoholgehalt steht nun bei mir auf dem Tisch, dazu ein Verkostungsglas, und ich freue mich auf diese Probe mehr als auf viele andere, die ich in diesem Jahr gemacht habe.
Der Brand ist klar, perfekt kristallen und weist eine schöne Öligkeit auf, die sich beim Schwenken besonders zeigt, in schweren Wellen schwappt er, und geht gemächlich wieder in Ruhelage zurück. Viele Beine bilden sich dabei, und diese laufen zügig ab.
Der Duft des Elsbeerbrands ist natürlich sehr verwandt mit dem eines Vogelbeerbrands, das könnte man blind leicht verwechseln. Es sind die Details, die den Unterschied ausmachen – die marzipanigen Aromen wirken runder und milder, die Frucht selbst etwas grüner und balsamischer, der ganze Brand einen Ticken mehr heuig. Jenes Heu ist versetzt mit Kornblumenblütenduft, ein bisschen kandiert vielleicht, wie ein Bonbon, und es erinnert mich leicht an den Heulikör aus Südtirol, den ich vor einer Weile vorgestellt hatte. Da ist ein bisschen Zitrus drin, eher Zitronengras als Zitrone, und ein winziger Hauch von Anisfrische. Koriander und Kardamom finde ich in der Kopfnote, und Kaffee und Petrichor im Unterbau. Eukalyptus klingt beim tieferen Schnuppern durch, zusammen mit einer angenehmen Alkoholizität, die das ganze aus der Frucht erhebt. Ich liebe diesen Duft in seiner komplexen Gesamtheit.
Vom Antrunk an ist der Elsbeerenbrand trocken und erkennbar bitter, letzteres verstärkt sich sogar im Verlauf und wird im Abgang knackig und fast schon kantig, bevor es langsam im Nachhall nachlässt, ohne je ganz zu verschwinden. Die viskose Textur verhindert, dass dies je unangenehm wird, zusammen mit einer gewissen Grundsüße fängt sie die Bittere gekonnt auf. Eine deftige, leicht salzige Würze entwickelt sich, pikant und feurig, weißpfeffrig und paradox kühlend auf dem Gaumen. Die Frucht und das Marzipan dominieren den Geschmack, es macht Spaß, das eine und das andere zu verfolgen, und sie auf der Zunge wechseln zu lassen. Jasmin und Geranie, also eher blütige und eher grüne Pflanzenkomponenten, dominieren den Abgang, der auch noch eine gewisse Säure mitbringt. Lang und ausdauernd, voll und breit ist das, aber gleichzeitig mit einer eingebauten, harten Linie, die den Brand definiert.
Ich als Vogelbeerbrandliebhaber genieße diesen Elsbeerenbrand sehr, wegen der Ähnlichkeit, aber gleichzeitig wegen den Unterschieden. Es ist jedenfalls etwas, wofür man sich Zeit nehmen sollte, und ein Brand, der zum Explorieren einlädt, weil er soviel bietet. Als Digestif ist er meines Erachtens herausragend geeignet, mit seinen klärenden Eigenschaften und seiner wunderschönen, elaborierten Bittere.
Es ist für mich manchmal schwer erträglich, wieviel Energie und Pseudokreativität darin verschwendet wird, einen Namen für einen Cocktail zu finden. Es hat sich etabliert, man macht das, seit es Cocktails gibt, doch für mich persönlich ist da die Luft raus. Umso charmanter ist die Benennung des Campari-Vogelbeer-Cocktail, da weiß man, was man bekommt (das Originalrezept findet sich auf meiner Rezepteseite). Und wenn man den benötigten Sirup selbst macht, was gar nicht schwer ist, identifziert man sich mit so einem Drink gleich viel mehr. Leider habe ich keine Els- oder Vogelbeeren in der Nähe, aber Weiß- und Feuerdorn in rauen Mengen, daraus habe ich mir geschwind einen Sirup gekocht, und den Brand tausche ich natürlich auch aus. Und ich nenne ihn dann einfach Campari-Elsbeer-Cocktail.
Campari-Elsbeer-Cocktail 10ml Elsbeerenbrand 10ml Campari 40ml Weißdornsirup 40ml Zitronensaft Auf Eis shaken. [Rezept adaptiert nach Difan Xu’s „Campari-Vogelbeer-Cocktail“]
Für die Flasche gilt weiterhin das, was ich bei den vorherigen Besprechungen der Brände der Edelbrennerei Dirker gesagt habe – eine individuelle Form, schön bauchig mit schmalem Hals, ins Glas eingelassene Details, offensichtlich handgestaltete Etiketten.
Als es darum ging, lieben Bekannten in Mexiko im Zuge von México Selection by CMB vor ein paar Tagen eine kleine Aufmerksamkeit aus Deutschland mitzubringen, war es keine große Überlegung – mein Koffer war voll gepackt mit Destillaten aus dem Hause Dirker. Sein Kümmel ging mit Jimmy Sauza nach Guadalajara, die Kugelbirne zu Jannet Ochoa nach Chihuahua, der Blaufichtenzapfengeist mit Carlota Montoya nach Mexico City, und seine Schlehe über Umwege mit Evan Goldstein nach San Francisco. Schnaps nach Mexiko zu bringen ist in etwa so, wie die sprichwörtlichen Eulen nach Athen zu tragen, doch ich bin mir sicher, dass auch die sehr detailverliebten und traditionellen Spirituosenkenner dort die handwerklichen Qualitäten zu schätzen wissen, die Arno Dirker so besonders machen. Und der Elsbeerenbrand ist selbst in dieser hohen Liga nochmal etwas Spezielles.
Ich werde langsam alt, und besonders spüre ich das daran, dass ich großen Gefallen gefunden habe, diese Bergpolizei-Serien auf ARD und ZDF zu schauen, von Hubert und Staller über Watzmann ermittelt bis zu den Rosenheim-Cops (obwohl letzteres zu einer Art Kleiderständer-Sprechzimmer geworden ist, aufs Schauspielern wird da inzwischen komplett verzichtet). Unkomplizierte und oberflächliche Fernsehunterhaltung, bei der am Ende der Gute gewinnt und der Böse bestraft wird, mit dem Charme der Berge unterlegt; in Zeiten, in denen man beim Schauen der Nachrichten Magengeschwüre und Frustschreierei bekommt, ist das für mich tatsächlich ein bisschen Erholung. In Folge 7 der ersten Staffel von Watzmann ermittelt kann man tatsächlich darüber hinaus etwas lernen, was uns den Hauptthemen dieses Blogs wieder etwas näher bringt – dort wird nämlich gezeigt, wie in kleinem Maßstab ein Enzianbrenner arbeitet. Die Wurzel wird kleingehackt und angesetzt, dann in Kupfer gebrannt. Man soll nie sagen, Fernsehen würde nicht bilden! Man muss nur aufpassen, wo man hinschaut. Hier dient tatsächlich die EnzianbrennereiGrassl als Set und als Inspiration, damit hat man jedenfalls ernsthaft was zu besichtigen in der Folge der Serie.
Bei Grassl, der ältesten Bergbrennerei Deutschlands, geht das natürlich in einem anderen Maßstab vonstatten, als bei der Hüttenbrennerei, bei der man den Bergbrenner bei der Arbeit sieht. Für das Sammeln und Verarbeiten der Wurzeln des violetten und gelben Enzians, die in Deutschland eigentlich unter Naturschutz stehen, braucht man eine gesonderte Erlaubnis. Doch auch dort wird die Wurzel kleingehackt und mit Wasser und Hefe vergoren, 6 Wochen gibt man der Maische dort, einfach auch, weil die Wurzel natürlich wenig Zucker als Nahrung für die Hefen hergibt. Danach brennt man den Gebirgsenzian doppelt, und das Destillat wandert für mindestens 3 Jahre in Eschenholzfässer im Felsenkeller unter Berchtesgaden – für das Eschenholz hat man sich entschieden, da dieses nur wenig der für dieses Produkt unerwünschten Farb- und Geschmackseinflüsse bringt; die Fasslagerung dient für den Gebirgsenzian mehr der Beruhigung des Destillats. Von da kommt es dann in die Flasche, und dann ins Glas des interessierten Konsumenten!
Durch die Filtration, die vor der Abfüllung erfolgt, ist keinerlei Rest eines eventuell die Destillation überlebt habenden Partikels zu sehen, die Flüssigkeit ist kristallklar und mit schöner Viskosität versehen. Langsam laufen die Tropfen an der Glaswand ab.
Die Nase ist natürlich sehr prägnant für diese Art Spirituose – man riecht sofort die extrem erdige Wurzel, die als Basismaterial dient. Wie eine frisch ausgegrabene Pflanze, feuchte Erde, Anklänge von Karotte und Kartoffel, feuchter Keller, nasses, pilziges Holz, ein bisschen gewässerter Beton. Ganz mild scheint sogar etwas Floralität durch, als würde der Enzianwurz ein bisschen seiner Blüte mitbringen, dazu ein Hauch Lavendel. Wirklich besonders und speziell, aber in keiner Form unangenehm.
Die Viskosität zeigt sich dann auch am Gaumen, dick und cremig liegt der Gebirgsenzian im Mund, schön breit und mit durchdringender, natürlicher Süße. Schnell spürt man auch im Geschmack dann aber die Erdigkeit, die Wurzeligkeit, die Staubigkeit und die Kelleraspekte, die man schon gerochen hatte, das bildet sich sehr gut von der Nase auf die Zunge ab. Leichte Würze, die an schwarzen Pfeffer erinnert, vielleicht etwas Piment, leitet dann in ein warmes Brummen über, das die Schleimhäute kitzelt, ohne wirklich zu brennen, der Alkohol fühlt sich gut eingebettet an. Gegen Ende geht die Süße in wurzeligerdige Trockenheit über, ohne jede Astringenz, und dieser staubige Eindruck dominiert den Nachhall, wenn sich zusätzlich ein kühler Hauch im Mund breitmacht und einen unterhaltsamen Meerrettich-Ton hinterlässt.
Hier spürt man die Enzianwurz wirklich wunderbar, und sie ist in ein rundes Gesamtbild eingebettet. Man meint, die Herstellung sehen zu können beim Trinken. Ich denke, der Gebirgsenzian von Grassl ist ein richtig schöner Digestif, oder, wie das bei Watzmann ermittelt gezeigt wird, ein perfekter Gipfeltrunk.
Veröffentlichte Cocktailrezepte zu Enzian zu finden, ist eine schwierige Aufgabe – die meisten, die man findet, beziehen sich eher auf einen Enzianlikör wie Suze. Ein ähnliches Problem hatten wohl Torben und Matthias, als sie sich auf trinklaune.de überlegten, wie sie einen Enzian in einem Cocktail einsetzen, und haben in ihrer Genialität einfach selbst einen kreiert. Der All Your Favourite Bands ist ein toller, erdig-wurzeliger Wet-Martini-Twist, ich zolle den beiden hiermit die Ehre, die sie verdienen.
All Your Favourite Bands 40ml Dry Gin 20ml Enzian 25ml trockener Wermut 10ml Orangenlikör Auf Eis rühren. Mit einer Zitronenzeste absprühen. [Rezept nach Torben Börnhoft und Matthias Friedlein]
Den Gebirgsenzian kann man im gut sortierten Einzelhandel kaufen, in unterschiedlichen Flaschengrößen; die 350ml-Flasche ist für mich und meine Hausbar praktisch. Etikett und Design deuten auf die Tradition hin, sind dabei aber nicht kitschig. Und das kleine Stofftuch, das über den Drehverschluss gespannt wird, ist ein kleines, aber unterhaltsames Detail, das die Flasche aus der Masse hervorhebt.
Ich will jetzt nicht spoilern, aber am Ende der Folge von Watzmann ermittelt kommt es zu spannenden Verwicklungen bezüglich Brennern, alten Rezepten und Liebesaffären, da hatten die Leute bei Grassl sicherlich viel Spaß bei den Dreharbeiten. Bei einem Enzian muss man sich um Rezepturen nicht so viel Sorgen machen wie beim Kreuzian der Serie, der für soviel Ärger verantwortlich war – das ist ein Brand, der klar und ohne jede Geheimnistuerei oder Tricksereien abliefert. So stell ich mir das vor und wünsche mir es, in den Bergen.
Ich trinke gerne das Blanche de Namur, und dachte, als ich neulich in einem französischen Supermarkt ein anderes Bier aus derselben Brauerei fand, dass hier vielleicht etwas ähnlich unterhaltsames gemacht wird. Das Brasserie du Bocq Gauloise Fruits Rouge ist mit Weizen- und Gerstenmalz gebraut und mit 8,2% Alkoholgehalt überraschend stark für ein Fruchtbier, normalerweise sind die deutlich milder, ich bin gespannt, was das in der Sensorik ausmacht. Erstmal muss ich aber über die Zutatenliste hinwegkommen – „mit natürlichen Aromen roter Früchte“, ein erster Stolperstein ist natürlich immer, wenn Aromen statt echten Fruchtzutaten eingesetzt werden. Zucker und Süßungsmittel sind beide gelistet, das zweite Problem. Immerhin ist auch echter Saft drin, mindestens 5,9% Holundersaftkonzentrat. Trotzdem gehe ich skeptisch in die Verkostung, würde mich gerne positiv überraschen lassen!
Rote Früchte, das glaubt man direkt, wenn man sich das Bier eingießt. Ein wunderbares, opalisierendes Rubinrot findet sich im Glas, mit einem schön dazu passenden roséfarbenem Schaum, der zunächst sehr dick, später weiterhin ausdauernd und dann sehr feinfluffig stehen bleibt.
Von der Nase eines Fruchtbiers erwarte ich das, was ich hier beim Bocq Gauloise Fruits Rouge finde – kräftige Aromen roter Früchte, Beeren natürlich zuvorderst, der Holundersaft dominiert dabei gewiss, aber ich meine auch Himbeeren und Johannisbeeren herauszuriechen, einfach als Seitennoten. Eine leichte Herbe deutet auf das Basisbier hin, aber das ist wirklich nur eine Idee.
Im Mund kommt dann erste Ernüchterung auf, da ist die Natürlichkeit irgendwie dahin: die Frucht schmeckt künstlicher, als man das vom Geruch her vermutet hätte, auch sehr viel eindimensionaler und oberflächlicher. Dazu kommt die starke Süßung, die die Komplexität zusätzlich plattmacht. Weiß die Textur initial noch zu gefallen mit einer schönen Cremigkeit, gliedert sich dies zusammen mit der Pappsüße dann auch in ein eher klebrig-langweiliges Gesamtbild ein. Ja, der Beerensaft liefert noch etwas Säure, durchaus, und auch das Bier ein bisschen Würze, aber der übermäßige Zucker überdeckt am Ende alles, was an Spannung dagewesen sein könnte. Der extrem kurze, völlig belanglose Abgang bestätigt diese Eindrücke.
Ja, so ein Beispiel dafür, dass man Fruchtbier auch können muss. Das Bocq Gauloise Fruits Rouge reiht sich eher in die Sektion der Fruchtbiere ein, bei denen man einfach merkt, dass Natürlichkeit der zentrale Qualitätspunkt eines solchen Stils ist – und hier verliert das Gauloise auf aller Linie. Schade drum, vom Geruch her hatte ich mir viel mehr versprochen.
Sie ist meines Wissens die jüngste der Brennereien auf der Insel Guadeloupe, und sie war der letzte Abstecher, den wir damals 2022 im Zuge von Spirits Selection by CMB gemacht haben, als wir alle großen Brennereien auf der Hauptinsel und auf Marie-Galante besichtigten. Wir waren schon müde, das war ein anstrengender Trip, das Klima war heiß und feucht, man kam morgens nass aus der Dusche und blieb dann bis abends in diesem Zustand. Mit dem Bus wurden wir von Damoiseau nach Reimonenq, von Bologne nach Longeteau transportiert, besuchten Montebello und Karukera, wurden mit dem Katamaran und dann wieder mit dem Bus von Bielle nach Père Labat und Bellevue gefahren, da blieb kein Straßenkilometer auf der Insel ungenutzt. Wie gesagt, Papa Rouyo kam zum Schluss, sozusagen als kleines Sahnehäubchen auf die Rumtorte – erst ein Jahr zuvor hatte die Produktion begonnen, wir waren also bei einem ganz frischen Unternehmen, das sich deutlich versuchte, mit einem modernen, jungen Anstrich von der traditionellen Konkurrenz auf der Insel abzugrenzen.
Joris Galli, Mitgründer und Präsident von Papa Rouyo, saß während des Wettbewerbs mit an meinem Jurorentisch, berichtete immer wieder ein paar kleine Details über die Mikrodestillerie in Goyave auf Basse-Terre. Der Rum, den ich von dort mitgebracht hatte, war der Papa Rouyo Le Rejeton Blanc Pure Single Agricole Rhum, eines der ersten Projekte, die dort gemacht wurden – und wir konnten eine Variante davon direkt aus der Destille laufend probieren. Er wird doppelt destilliert aus reinem Zuckerrohrsaft der sehr technisch klingenden Sorten R579, B69.566 & B80.689, alle werden in der Gegend von Le Moule, wo die Brennerei steht, angebaut, auf Boden, der stark von Ton und Kalkstein geprägt ist, was für den Rum Frische und Struktur verspricht. Natürlich gibt es keine Zusatzstoffe im Endprodukt, der Alkoholgehalt ist auf für die Insel sehr typischen 56% eingestellt. Zurück im dann schon herbstlichen Deutschland machte ich die Flasche schnell auf, und stelle sie nun mit etwas Verspätung hier vor.
Natürlich ist so ein Rum völlig klar, ohne jeden Einschluss, ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber. Was durchaus erwähnenswert ist, ist aber die extreme Öligkeit, mit der der Rum im Glas schwappt, das fühlt sich fast wie Sirup an, und entsprechende fett ist der Film, der sich am Glas bildet und träge abläuft.
Für die Nase verschwimmt beim Le Rejeton die Grenze zwischen Rhum Agricole und Cachaça, mehr als bei vielen anderen Zuckerrohrrums. Sehr grasig und grün, mit der vollen Kraft des Zuckerrohrsafts. Pur, natürlich, eine wunderbare Abbildung. Dabei schwingt eine unterschwellige Würze mit, ganz dezenter Zimt, etwas Muskatnuss, etwas Kardamom, aber nur in feinsten Ausprägungen. Dazu kommt diese maritime Mineralität, man riecht das Meer und die Hitze auf dem Zuckerrohrfeld gleichzeitig, salzige Steine, guadeloupische Bananen (die, wie ich herausgefunden habe, sehr anders schmecken als das, was man bei uns so bekommt) und auch etwas vom Teer der Straße, auf der man die Insel überquert. Sehr aromatisch, sehr komplex, sehr dicht.
Gerade die Mineralität spürt man schon im Antrunk. Süße und Salzigkeit sind beide dominant von Anfang bis Schluss, ein echter Inselcharakter voller Wucht und Dramatik. Sehr ölig ist die Textur auch am Gaumen, wie schon gesehen, fett und breit legt sich das auf die Schleimhäute und triggert sie mit einem wilden, aktiven Feuer. Man schmeckt die Bananen, ein bisschen Guave, aber vor allem das pure Zuckerrohr, wie es aus der Presse läuft. Im Abgang wird es bitter, herb, bleibt dabei vegetabil und grünlich, beginnt balsamisch zu klingen mit fast dunklen Tönen von Kakao, Datteln und einem Hauch von frisch gerösteten Kaffeebohnen. Im Rachen verbleibt die Bittere, die Hitze wird ersetzt durch einen kühlen Hauch, dann ist der Rum zeitig auch wieder verklungen.
Das ist eine Wuchtbrumme, die nur ansatzweise versucht, die Gewalt einzufangen, ihr eher freien Lauf lässt. So einen Rum muss man pur vertragen können, das ist sicher nichts für jeden, wer aber auf dichte, brummende und wilde Aromen steht, und auch den Alkoholgehalt aushält, bekommt ein direktes Erlebnis der Insel Guadeloupe in konzentrierter, destillierter Form.
Natürlich trinke ich das im Ti’Punch, ohne Frage, gerade aktuell, als ich diesen Artikel schreibe, wo es 35°C in Saarbrücken hat – da fühlt man sich doppelt nach Guadeloupe zurückversetzt. Es geht aber auch elaborierter, im Necromancer. Der Le Rejeton lässt sich auch von den anderen Zutaten nicht den Mund verbieten und bleibt dominant, gibt aber der Gesellschaft die Möglichkeit, sich auch einzugliedern in ein sehr buntes Gesamtbild.
Necromancer 1½oz / 45ml ungereifter Rhum agricole ¾oz / 23ml Grapefruitsaft ¾oz / 23ml Cocchi Americano ½oz / 15ml Falernum 1 Spritzer Absinthe Auf Eis shaken. [Rezept nach Vince Bright]
Zur Flasche gibt es nicht besonders viel zu erzählen, sie ist eine typische Rumflasche mit dem leicht bauchigen Hals, klares Glas, sehr zurückhaltend gestaltete Etiketten mit sehr elegant wirkendem Gold auf sauberem Weiß.
Etwas mehr dagegen gibt es von der Brennerei zu berichten, die ich im Sommer 2022 besucht hatte. Sie und eine Craftbier-Brauerei („Lékouz“) teilen sich die Örtlichkeit in Goyave, wenige Meter vom Meer: ein Gebäude, das fast komplett mit Graffiti dekoriert ist, und auch innen mit regionaler Kunst versehen. Die zwei Brennapparate stehen zentral, moderne Technik, wie man sehen kann.
Ein bisschen frischer Zuckerrohrsaft wurde für uns ausgepresst, sowas nehme ich natürlich immer gerne mit – die Kombination aus Rum und Bier und karibischer Atmosphäre und warmem Wetter ist natürlich gefährlich, es ergab sich ein wunderbar entspannter Abend bei Papa Rouyo und Lékouz, an dessen Ende ich mich nicht mehr erinnere. Was kann man besseres über einen Brennereibesuch sagen!
Die Berliner Brauerei Lemke hat inzwischen schon eine traditionelle Zusammenarbeit mit dem ebenso in Berlin ansässigen Firma Spirit of Rum, ich habe schon diverse Biere besprochen, die aus dieser Kooperation enstanden sind, besprochen – da war keins dabei, das ich ablehnen müsste, im Gegenteil, es kommen immer spannende Abfüllungen mit rumfassgereiften Bieren von dort, die tolle Qualitäten aufweisen. Beim Spirit of Rum 11. Rumclub Beer Selection Imperial Fiji IPA wurde als Basisbier ein Lemke Imperial IPA mit 11% Alkoholgehalt ausgewählt, und dies dann nachgereift in einem Rumfass, das vorher einen Rum aus Fiji enthielt, ich gehe davon aus, dass es sich um Rumclub Fiji 2009 Ed.33 FSPD 2022 handelt. Ich mag ein gutes IPA, ich liebe Rum aus Fiji, die Kombination kann ja eigentlich nur gut sein, oder?
Das Bier ist volltrüb, wenn man den Hefesatz, der sich durch die Lagerung gebildet hat, voll miteinschenkt. So entsteht auch die kräftige Terracotta-Farbe, die schön mit dem weißen Schaum kontrastiert. Jener ist zu Beginn schon eher fein, bleibt aber als Randkrone erhalten, zusammen mit einem feinen Flaum auf der Bieroberfläche.
Der Geruch des Imperial Fiji IPA ist Litschi en masse, selten habe ich das so konkret ausgeprägt erlebt (außer bei der Frucht selbst natürlich). Dazu kommt etwas Erdbeer und Kirschkompott, man merkt, das wirkt extrem süßfruchtig, marmeladig schon fast. Rund, voll, aromatisch, gar nicht kratzig und man findet auch wenig von den herb-zestigen Hopfenfruchtnoten, die mancher Aromahopfen mitbringt; das ist eine erfreuliche Abwechslung zu den vielen kantigen Imperial IPAs, die man sonst so findet.
Im Mund wird es vom Antrunk an dann aber erkennbar deftiger, da geht es direkt zur Sache. Zunächst kommt die schwere Frucht, für ein paar Sekunden, dann überrascht aber eine dunkle, wilde, salzige Würze, die den ganzen Gaumen zum Brummen bringt. Umami-Noten helfen, die dicke Textur zu betonen, der Alkohol ist spürbar, aber nicht störend, und tut sein Übriges dazu. Die nun doch harte Bittere des Imperial Fiji IPA sorgt mit guter Karbonisierung für tolle Frische. Die Zunge liegt etwas betäubt im späten Verlauf, im Rachen kribbelt es beim Schlucken. Der Nachklang ist lang, hier kommt dann wieder wunderbar die Litschi auf und greift den Beginn der Verkostung auf, ein bisschen Jasmin blüht dazu mit.
Ein starkes, charaktervolles Bier, das wirklich wunderbar komponiert ist und durch die Fassreifung eine Komplexität erreicht, die man nur selten in Bieren findet. Ich finde keinen Makel, bin nur etwas traurig, dass ich nur eine Flasche davon erworben hatte. Das Spirit of Rum 11. Rumclub Beer Selection Imperial Fiji IPA ist ein Bier für einen Festtag!
Jede Spirituose schmeckt einfach besser, wenn man sich durch Souvenirs an die Situation erinnert, in der man so direkt vor Ort war und alles live erlebte, wie mir das im September 2025 im Zuge von Spirits Selection by CMB Jalisco in Mexiko erging. Die tolle Agavenskulptur aus Stahl auf Holz, die man auf dem Bild unten sieht, stammt von El Refugio de San Antonio, einem Geschäft in Tonalá bei Guadalajara, das als Aussteller bei meinem Besuch im Tequila Lab mehrere dieser wunderbaren Kunstwerke zeigte, und ich musste es für mein eh schon an solchen Devotionalien überquellendes Wohnzimmer zuhause kaufen, da führte kein Weg daran vorbei. Normalerweise gehört in die kleine Aussparung, in der die kleine Miniatur des El Tequileño Platinum Tequila Blanco 100% de Agave steht, ein Shotglas, doch die Kombination mit der Miniatur ist einfach wunderbar, finde ich.
Bei dem Tequila handelt es sich um einen Blanco, der rein aus Agaven hergestellt wird, die auf dem Anwesen der Brennerei wachsen. Hergestellt wird er ganz klassisch (davon sieht man am Ende dieses Artikels ein paar Bilder, die ich vor Ort für meine Leser hier geschossen habe), doch ein kleiner Twist kommt dazu – nach der Destillation kommt er für nur 14 Tage in Fässer aus amerikanischer Eiche. Nicht, um dem Destillat Farbe oder Geschmack zu verleihen, sondern rein, um eine Art Kantenabschleifung zu erreichen, das Fass ist hier also nur ein Weichmacher. Man verzichtet dafür auch auf jede Art von Zusätzen, selbst die erlaubten. Das klingt spannend – funktioniert dieses Vorgehen beim El Tequileño Platinum, ohne dass die Blanco-Typizität, die ich ja so liebe an Tequila, verloren geht?
Klar, sauber, fehlerfrei – wie man es von einem Blanco erwartet; die 14 Tage im Holzfass haben keine optischen Spuren hinterlassen. In meinem neuen Kristalov-Verkostungsglas, das ich ebenso wie den Tequila aus Mexiko mitgebracht habe, bleiben fette Artefakte an der Wand hängen, die ein ausdauerndes Gitter aus Beinen bilden, die Viskosität ist ansprechend.
Eine sehr mineralisch-säuerliche Note springt mir aus dem Glas entgegen. Die Agave ist dabei voll präsent und liefert diese grün-vegetabile Grundsubstanz, die ich an Tequila so liebe, ohne jedes Zögern ab. Unterbaut wird das mit einem sehr erdigen, fast schon wurzelig wirkenden Aspekt, Topinambur oder ungeschälter Ingwer vielleicht, und einer Erinnerung an einen feuchten Keller. Ein sanftes Gewürzbouquet spielt mit, Kampot-Pfeffer und Kardamom, und dazu eine kräuterige Frische von Koriander. Tiefer im El Tequileño Platinum findet man einen leicht alkoholischen Hauch, der noch zusätzliche Varianz ins Spiel bringt. Sehr unterhaltsam, das Wasser läuft mir im Munde zusammen.
Da muss man natürlich einen Schluck nehmen. Die Textur am Gaumen ist extrem rund, sehr mild und wirklich die Definition von „smooth“, wie es nicht jede Spirituose liefern kann. Breit und dicht, auf einer natürlichen Süße aufbauend. Im Antrunk hält sie sich noch etwas zurück, im Verlauf baut sich die Agavenaromatik auf, ohne wirklich extrem mineralisch oder grün anzukommen; dies zeigt sich erst im mittellangen Nachhall, wenn noch eine feine aber effektive Schwarzpfeffrigkeit dazu kommt, die ein leichtes Kribbeln im Mundraum erzeugt, das lange anhält und mit einem fast mentholischen Kühleffekt und einer angenehmen Bittere verbunden ist. Als Beiklang findet man erkennbare Teenoten, etwas Heu, vielleicht eine Spur Malz, die Aromatik ist dadurch mehrdimensional und vielleicht durch die kurze Zeit im Fass beeinflusst, aber ohne echte Holztöne einzubinden.
Ein extrem süffiger Tequila, der die Agave voll präsentiert, aber mit interessanten Nebenaromen eine Komplexität aufbaut, die sich nicht aufdrängt. Mundgefühl und Spannung machen Spaß und zeigen hervorragende Handwerkskunst – der El Tequileño Platinum ist ein perfektes Beispiel dafür, wie aufregend die Agave als Basismaterial ist, und wieviel Entwicklung in die Kategorie Tequila über die Zeit geflossen ist.
Ein Schlürfer, ohne jede Frage, aber durch die aromatische und strukturelle Dichte auch ein idealer Cocktailtequila. Aus Robert Simonsons Buch „Mezcal + Tequila Cocktails“ stammt der Red Grasshopper, der den El Tequileño Platinum perfekt in Szene setzt und zeigt, dass das Daiquiri-Template in viele Richtungen abwandelbar ist. Ein nettes Detail ist die Verwendung von geräuchtertem Paprikapulver, davon hatte ich vor einer Weile etwas aus Ungarn mitgebracht, die wissen dort einfach, wie man mit Paprika umgehen muss und zeigt, dass Cocktails manchmal einfach Kulturen verbinden – Tequila und Honig aus Mexiko, Biolimetten aus Brasilien, Paprikapulver aus Ungarn, ein Rezept von einem Australier in einem US-amerikanischen Buch, gemixt von einem Deutschen.
Red Grasshopper 2oz / 60ml Tequila blanco 1oz / 30ml Limettensaft ¾oz / 23ml Honigsirup Auf Eis shaken. Mit geräuchter Paprika dekorieren. [Rezept nach Michael Madrusan]
Die kleine Flasche habe ich bei meinem Besuch der Brennerei mitgenommen – es ist immer wieder toll, solche Orte persönlich zu sehen, zu riechen, zu fühlen, auch wenn man bei Agaven vorsichtig sein muss, denn selbst in entblättertem Zustand haben sie winzige Haarnadeln, die Juckreiz verursachen können, wenn man sie zu bedenkenlos mit der Haut in Kontakt kommen lässt. Die Bilder sind in Verarbeitungsreihenfolge – erst kommt der LKW mit den geernteten Agavenherzen an der Brennerei an, dann werden sie im Hof weiter zerkleinert. Nachdem sie in den Autoklaven gekocht wurden, sieht man die braune Farbe und schmeckt den saftig-karamelligen Geschmack. In Betongruben findet bei El Tequileño die Fermentation statt, offen natürlich. Der letzte Schritt ist die Destillation in den kleinen Kupfer-Potstills.
Mit Gina Castillo konnten wir direkt in der Produktionshalle den frisch aus diesen Brennapparaten gelaufenen Tequila probieren, noch in Destillationsstärke und ohne jeden zwischenliegenden Verarbeitungsschritt, toll, das so erleben zu dürfen. El Tequileño ist tatsächlich in Deutschland erhältlich, und ich finde, das ist ein großartiger Tequila, der jedem gefallen müsste, der sich mit mexikanischen Spirituosen anfreundet, und wenn man dann vielleicht sogar selbst mal nach Tequila kommt, sollte man sich diese hübsche, moderne Brennerei anschauen.
Nach viel Tequila und anderen mexikanischen Spirituosen die letzten Wochen wende ich mich gerne auch mal wieder dem Weinbrand zu, in spezieller Form dem Armagnac, mit dem mich inzwischen sehr enge Gefühlsbande verbinden. Ich öffne das Sample des Grape of the Art Laubade 2001 Armagnac aus der Region Bas-Armagnac, und gemacht rein aus der Rebsorte Baco. Gebrannt wurde er im November 2001, und abgefüllt dann 23 Jahre später im April 2025 in Fassstärke mit 50,7% Alkoholgehalt, die Zwischenzeit hat er in Fass #70 in einem halbfeuchten Keller verbracht. Wie üblich bei Grape of the Art macht man nur kleine Auflagen, 251 Flaschen sind das in diesem Fall, und da freut man sich um so mehr, wenn man immer wieder so kleine Raritäten probieren darf.
Klarer Bernstein, leuchtend und brilliant. Sehr hübsch anzusehendes Schwenkverhalten mit hoher Viskosität. Die sich bildenden Beinchen laufen langsam ab.
Der Duft ist sehr trockenfruchtig, voller heller Rosinen, Dörrpflaumen und getrockneter Aprikosen, bleibt aber dabei hell und frisch, ein guter Anteil an Weinbergpfirsich und Quitte sorgt dafür. Ein Hauch Anis findet sich, wie so oft bei hochwertigem Armagnac, ein winziger Touch von Süßholz, ein kleiner Anflug von frischem Zuckerrohrsaft. Insgesamt apart, das Holz ist höchstens im Detail erkennbar und perfekt angegliedert an die klar dominierende Frucht.
Die Viskosität zeigt sich auch am Gaumen, vom Antrunk an wirkt der Armagnac dicht, voll und breit, und er bleibt das auch bis zum Abgang, auch wenn man keinen großen Körper vor sich hat. Initial findet man eine ganz milde aber effektive Süße, sie wird schnell durch eine wunderbar gesteuerte Bittere abgelöst, mit Anklängen von Zestigkeit, Ingwerschale und geradeso reifen Aprikosen, ohne dass die Rosinen je verschwinden würden. Eiskalt liegt der Laubade am Gaumen, sehr frisch und hauchig, richtig viel Menthol kommt da mit, das geht durchaus stellenweise in Krauseminze über, ohne scharf zu sein. Der Abgang ist durchaus scharf und trocken im Rachen, aber auf eine kontrollierte Art und Weise, die Fassstärke spürt man hier deutlich, wenn man dann die gelbe Blumigkeit verklingen lässt, mit der der Nachhall vonstatten geht.
Easy und fruchtig, man sieht am Grape of the Art Laubade 2001 Armagnac, dass lange Lagerung nicht immer ein holzigherbes Ergebnis erbringen, sondern manchmal einfach für tolle Durchrundung und Konzentration der Aromen sorgen kann. Ein sehr trinkiger Armagnac, der richtig gut im Mund liegt!
Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Armagnac-Samples.
Einen Whisky wollte ich noch mitbringen von meinem letzten Kanada-Aufenthalt, idealerweise einen, bei dem ich die Brennerei besichtigen konnte. Doch der Reiseplan war mit der heißen Nadel gestrickt, 3600km wollten mit dem Mietwagen abgefahren werden, vom Westzipfel von Vancouver Island bis an die Grenze nach Alberta in den Rocky Mountains. Da muss man die Destillieriebesuche eher mitnehmen, wenn es sich ergibt, statt die Route danach zu planen, und so verpasste ich alle Möglichkeiten dafür – zwei der Brennereien waren zum Zeitpunkt meines Vorbeikommens geschlossen, und die Shelter Point Distillery bei Campell River habe ich schlicht und ergreifend übersehen. Darum habe ich wenigstens am Flughafen in Vancouver noch zugeschlagen und mir den Shelter Point Distillery 7 Year Old Classic Single Malt im Duty-Free-Shop mitgenommen.
Die Shelter Point Distillery wurde 2011 gegründet, und man stellt dort Whisky in kleinen Auflagen her, mit traditionellen Methoden – 2 Forsyth Potstills stehen dort, in denen der Whisky doppelt gebrannt wird, nach einer langen Fermentationszeit. Die Gerste wird in Blickweite der Brennerei angebaut, das Wasser kommt aus dem Grundwasserleiter unter der Brennerei, und man schaut aufs Meer, während man den Whisky herstellt. Der Classic Malt ist ein Blend, bei dem die Einzelteile separat in unterschiedlichsten Fässern gereift wird, Bourbon, aber auch Wein, Sherry und Port waren die Vorbelegungen, ein Teil wird auch in neuen Fässern gelagert. Ein großes „continous vatting“-System kommt für die Mischung zum Einsatz, der Whisky wird nicht kaltgefiltert oder gefärbt. Es ist immer etwas besonderes, wenn man eine Spirituose aus einer Region trinkt, die man schon besucht hat, und ich bin extrem gespannt, ob ich diese Verknüpfung bei der nun folgenden Verkostung tatsächlich nachvollziehen kann.
Eine ehrliche, ungefärbte Tönung für einen Siebenjährigen, finde ich, ein feines Gelbgold, dabei eher leuchtend als blass, mit rieslingfarbenen Lichtreflexen. Sehr hübsch ist das Schwenkverhalten, mit leichter Viskosität und dicken Venen, die sich an der Wand des Glases bilden.
In der Nase spürt man erstmal die Gerste, die Getreidenote ist sehr dominant. Haferflocken kommen passend dazu, und dann eine volle, säuerlichsüße Fruchtseite, die mich an roten Apfel, Quitte und etwas Litschi erinnert. Honig ist da, und ganz unten auch eine balsamische Note, die Anflüge von Süßholz, Eukalyptus und Zedernholz zeigt. Man spürt hier bereits, dass man einen noch jungen Whisky vor sich hat, der Körper wirkt leicht und schmal, hat aber durchaus interessante Ansätze, was die Aromatik angeht.
Am Gaumen präsentiert der Shelter Point Classic sich aber schon durchaus rund und voll, mit einer wirklich cremigen Textur im Antrunk. Süß, mit angenehm ausgeprägem Getreide, ohne zu gerstig zu werden, und einer Mischung aus mildem Karamell, hellem Nougat und Honig als Basis. Im Verlauf nimmt er Fahrt auf, trocknet merklich ab, wird befeuert durch kräftige, weißpfeffrige Würze und 46% Alkoholgehalt. Dieses Feuer bleibt bis zum Schluss bei uns, besonders auf der Zungenspitze, und einem warmen Rinnen durch die Speiseröhre; Zwicken oder wirklich unangenehmes Brennen ist ihm dabei aber fremd. Ganz klar spürt man von vorne bis hinten diese maritime, deutlich salzige und leicht algig-iodische Seite an ihm, weniger aromatisch, aber vom Mundgefühl und vom generellen Eindruck. Der Abgang des Shelter Point Classic ist lang, würzig, im Rachen leicht kratzig, und etwas astringierend, hier könnte eine längere Lagerung viel Potenzial heben. Der Nachhall ist warm, mit mildem Jasmin und einem leicht salzigen Eindruck am Gaumen.
Man spürt bei diesem Whisky wirklich das Terroir, aus dem er stammt. Da ist diese Mineralität und Salzigkeit, die ich in Campbell River selbst in der Luft geschmeckt habe, abgebildet, und so etwas finde ich persönlich grandios. Ein Küstenwhisky, der sicher mit etwas mehr Reifung zur Vollendung gebracht werden kann, aber auch so schon ein toller Repräsentant der Stadt, aus der er stammt.
Was würde hier besser passen als ein Cocktail, der entsprechend auch das Meer im Namen trägt. Der Ocean Cable gibt noch etwas Atlantikküste in Form eines Cognacs zum Pazifik des Shelter Points, man darf hier ruhig auch etwas Maritimeres verwenden, um sich in diese ganze Thematik zu lehnen. Jedenfalls ein sehr angenehmer Drink, der von einem Charakter wie dem des Shelter Point Classic profitiert.
Ocean Cable 1½oz / 45ml Kanadischer Whisky 1oz / 30ml Lillet Blanc ½oz / 15ml Cognac 1 Spritzer Angostura Bitters Auf Eis rühren. [Rezept nach A.G. Scott]
Die Flasche ist insgesamt konventionell für diese Art Spirituose, hat als einzige Extravaganz die Schriftzüge „Uniquely Shelter Point“ vorne und „Distinctly Vancouver Island“ auf der Rückseite, sowie oben drei Gerstenähren ins Glas eingegossen. Ein Echtkorken mit Holzstöpsel und ein sauber und klar gestaltetes Etikett runden die Präsentation ab.
Anbei nun noch ein paar Bilder, die ich während meines Aufenthalts in Campbell River im Mai 2025 geschossen habe. Die Stadt war der Anlaufpunkt für weitere Ausflüge auf Vancouver Island, über den Millennium Trail und der Hängebrücke an den Elk Falls bis hoch in den Norden nach Port Hardy, das wunderschöne Telegraph Cove und eine unterhaltsame, kurze Fährfahrt nach dem der Stadt vorgelagerten Quadra Island.
Auf der Insel sollte man definitiv mal die frittierten Austern bei der Coveside Seafood Eatery probieren, mit Blick auf die Discovery Passage, und auch das eine oder andere Bier bei Beach Fire Brewing probieren, für die ich ja vor einer Weile ein Bier schon hier besprochen hatte. Das Bier, die Austern, der Whisky – eine tolle Kombination, und das einzige, was ich etwas bereue, ist, dass wir nicht die Brennerei von Shelter Point besichtigen konnten. Aber ich werde ein drittes Mal nach Vancouver Island zurückkehren, ganz sicher, und dann steht das auf der Liste.
Wir hatten das vor einer Weile schonmal – die leichte Unschärfe, was den Namensbestandteil „Tripel“ bei belgischen Bieren angeht. Auch beim Tripel Karmeliet vom Karmeliter-Kloster Termonde in Dendermonds haben wir diesen Fall – 3 Getreide, namentlich Weizen, Gerste, Hafer sind im Einsatz. Bezeichnet der Wortbestandteil „Tripel“ also hier nicht den Bierstil, sondern die Tatsache, dass 3 Getreidesorten eingesetzt werden? Im klassischen belgischen Tripel nutzt der traditionsbewusste Brauer eigentlich fast ausschließlich Pilsner Malz, also gemälzte Gerste. Wie man später sehen wird, passt allerdings die sensorische Beschreibung zum Stil, und auch der Alkoholgehalt von 8,4% ist im Rahmen dessen, was für ein Tripel erwartet wird. Ich denke, hier kommen beide Komponenten irgendwie zusammen. Lasst uns das mal versuchen, um die Theorie zu prüfen.
Naturtrüb, in hübschem, getreidig wirkendem Ocker, durch das man die sprudelnde, ausdauernde Perlage gut sieht. Schaum ist gemischtblasig beim Eingießen, da muss man etwas aufpassen, die Flaschengärung hat bei meiner Flasche für leichtes Gushing gesorgt. Nach einer Weile ist der Schaum etwas gesetzt, aber immer noch einen Daumenbreit, und dann eher feinblasig.
Geruchlich ist das Bier sehr floral, eine wahre Blumenwiese eher aus sommerlichen Kornblumen mit Getreide- und Heueinfluss, nicht wie Rosen oder exotische Blumen. Milde Frucht liegt darunter, leicht säuerlich, würzig, und auch bei einer kühleren Trinktemperatur aromatisch.
Im Mund entsteht eine interessante Mischung aus Süße und Salzigkeit, etwas ungewohnt zunächst, aber gefällig. Eine dicke Textur ist sehr angenehm im Mundgefühl, ein Bier zum Lutschen. Leichte Säure kommt später dazu, die für etwas Astringenz im hinteren Mundbereich sorgt, und mit der üppigen Karbonisierung dann auch für Rezenz. Hier kommen neben den Noten von getrocknetem Heu und Kornspreu die Blüten dann wieder zum Vorschein, diesmal klar ergänzt um Eindrücke von Wintergrün und sehr viel Jasmin. Im Nachhall übernimmt das Jasmin schließlich vollständig, hier wird das Bier schon etwas eindimensional.
Süffig, gut trinkbar, sehr angenehm – ein bisschen fehlt mir die Spannung, das ist ein rundes, gemächliches Bier, ideal für den Sonntagnachmittag im Frühling auf der Terrasse.