Es ist die besinnliche Zeit vor Weihnachten, die Supermärkte sind voll von Menschen, die sich mit Waren eindecken, da bekommt man einen Eindruck davon, wie sich die Höhlenmenschen früher noch schnell ein Mammut geschlachtet und es zur Festtagswurst zerkleinert haben, damit man zum Fest nicht mehr vor die Tür muss. Mir geht das alles furchtbar auf die Nerven, ich hasse Weihnachten, ich gebe es gern zu, und bin immer froh, wenn Januar ist und das ganze kommerzielle, hektische, stressige, oberflächliche und pseudofröhliche Treiben rum ist. Was nicht heißt, dass ich nicht ein paar der Festtagsprodukte, die zum Beispiel Brauereien herausbringen, doch mitnehme – neulich erst zum Beispiel das Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen. Weltenburger mag ich seit sehr langer Zeit, ich habe über deren Biere schonmal einen Sammelartikel geschrieben, und das untergärige, mit Spezialmalzen (Helles Gerstenmalz, dunkles Gerstenmalz) und 3 Hopfensorten (Herkules, Perle, Tradition) eingebraute Bier mit 5,4% Alkoholgehalt war da schon sehr knapp angesprochen – nun bekommt es einen Sonderplatz hier. Es wird jährlich ab August gebraut und ist dann im Herbst verfügbar, schon vor dem Winter offensichtlich. Bei mir ist es nun im Glas!
Das Bier ist kristallklar, mit einer schönen, kräftigen Bernsteinfarbe, durch die man die vielen winzigen aufsteigenden Perlchen des Mousseux erkennen kann. Sie füttern den Schaum, der sehr feinblasig auf dem Bier steht, ausdauernd, dicht und cremig.
Die Nase nimmt sofort die starke Malzigkeit wahr, leicht nussig, die mich an ein Altbier erinnert. Getreidenoten werden durch eine leichte Rostigkeit ergänzt, und der eingesetzte Bitterhopfen macht das ganze komplett. Ein sehr angenehmer Duft, das Winter-Traum ist sicherlich ein Bier, an dem man schnuppern kann, ohne dass hier wirklich viel Komplexität vorhanden wäre; es fühlt sich einfach rund und gut an, Malz und Hopfen sind echt gut verbunden. Ein Hauch von Kaffeepulver, minimalste Röstnoten, und ganz im Hintergrund auch noch etwas getrocknete Frucht, vielleicht Pflaumen, ohne dass die Frische des Biers beeinträchtigt wird.
Auch die Textur gefällt ähnlich: Das fühlt sich cremig an, ohne schwer zu wirken, ist deutlich malzbetont, ohne zu süß zu sein, und leicht hopfigherb, ohne sich durch Aromahopfen aufzudrängen. Es passt einfach ineinander. Ja, ein bisschen mehr Körper könnte ich mir wünschen, und vielleicht ein bisschen mehr Variabilität in den vorhandenen Geschmäckern, doch das Winter-Traum liefert in anderen Aspekten dafür ab. Der Abgang ist mittellang, mildherb im Rachen, und hinterlässt ein angenehmes Mundgefühl.
Ein Bier, das weniger über Komplexität punktet, dafür über eine enorme Drinkability, das läuft echt rund durch den Mund und macht richtig Spaß dabei. Ich stelle mir vor, dass das Winter-Traum zu einem üppigen Essen, gerade zu Weihnachten, ein idealer Begleiter ist und den Aromen der Speisenfolge eine gute Leinwand bietet. Ein paar Flaschen davon sind bei mir bereits im Kühlschrank!
Ein schöner Urlaub, mit guten Freunden, tollen Erlebnissen und gutem Whisky, das ist etwas, das jeder gerne mit einem Souvenir untermauert, damit man später an weniger schönen Tagen noch was davon hat. Ich bringe oft eine Flasche Schnaps mit, ein Kleidungsstück, oder ein kleines Kunstwerk, alles regional verankert, um diese Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Andere gehen da einen Schritt weiter: sie tun sich zusammen und kaufen ein ganzes Fass Whisky. So taten das Carsten Hellwig, Lutz Frischmann und Simon Weiß, letzteren kenne ich inzwischen ganz gut und kann mir perfekt vorstellen, dass sowas auf seinem Mist gewachsen ist. Insbesondere, wenn es dann darum geht, aus dem privaten Fass etwas für die Allgemeinheit zu machen, und den Whisky auf Flaschen zu ziehen, zu etikettieren, unter dem Namen Three Knots Single Malt Scotch Whisky auf den Markt zu bringen und sogar in einem Spirituosenwettbewerb einzureichen – und dann, um die ganze Geschichte endgültig zu krönen, eine Goldmedaille beim Internationalen SpirituosenwettbewerbISW zu gewinnen. Etwas, worauf man sehr stolz sein kann, in der Tat!
Der Whisky selbst ist ein in der Destillerie Lochranza auf der Isle of Arran gebrannter Scotch, destilliert am 27.08.2013 und nach 10 Jahren abgefüllt am 31.08.2023. Cask-Strength mit 59% Alkoholgehalt ist für Simons Ansprüche selbstverständlich, keine Spielereien macht der, und natürlich ungefärbt und nicht kaltgefiltert, wie jede Spirituose sein sollte. 348 Flaschen haben die drei aus dem first-fill Sherry Hogshead geholt, das mit der Kennnummer 13/1718 identifiziert wird, und ich habe Flasche Nummer 109 zuhause, freundlicherweise von Simon als Geschenk gestellt, ich habe keine Ahnung, womit ich diese Ehre verdient habe. Mit diesem Artikel zolle ich Simon meinen Respekt, sowohl als Freund als auch als offensichtlich hervorragend arbeitender unabhängiger Abfüller. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Whisky im Glas präsentiert!
Sowohl in der Flasche wie auch im Glas wirkt der Three Knots dunkelleuchtend, mit einer kräftigen Kastanienfarbe, die überraschend helle Lichtreflexe im Gegenlicht zeigt. Die Flüssigkeit schwenkt sich viskos, nicht schwer, aber mit ordentlich Glaswandartefakten.
Die Nase schwankt wie ein Schiff im Sturm zwischen würzigem Holz, frisch und staubig gesägt, und überreifer, aber noch nicht getrockneter Frucht, das ist vielleicht Pflaume oder Pfirsich, definitiv angereichert mit viel gelbbrauner Banane. Dazu kommen süßer Honig, ein bisschen im Vergleich dazu herberer Ahornsirup, und schon länger auf der Weide liegendes Heu. Heller Sumatra-Tabak ist ein weiterer würziger Kopfton, und ein minimalster Hauch von Bergamotte erzeugt gegen all die Würze sogar noch etwas fruchtige, nie spitzige Frische. Etwas Lack ist durchaus gern gesehen, piekst vielleicht ganz zart in der Nase, wenn man zu tief schnuppert.
Die Textur ist vom Antrunk an fett, dicht, schwer, legt sich mit initialer Süße breit auf den ganzen Mundraum, verteilt sich expansiv, aber unaggressiv. Honig, Ahornsirup, viel Malz und hier nun doch getrocknete Pflaume dominieren zunächst, frische Melasse und etwas Zuckerrohrsaft geben fast exotische Noten dazu im Detail. Ein Hauch von Medizinalität macht das ganze noch komplexer, während ausgeprägt mineralische Aspekte, zusammen mit einer hübschen, wunderbar eingebundenen Salzigkeit, die Meernähe zeigen; dazu passt ein sehr attraktives umami. Im Verlauf bildet sich die Süße ausgleichende Säure, der Whisky wird sehr trocken, ohne astringierend zu sein, und parallel dazu nimmt der Würzemotor Fahrt auf und lässt alles im Mund warm bis heiß brummen, ohne zu Zwicken oder unangenehm dabei zu sein. Der Abgang ist holzig, mit Karottentönen und einem gewissen Gefühl der Grüne; der Nachhall ist sehr lang, aromatisch, effektvoll und erwachsen.
Das ist einerseits extrem trinkig, hat keine unschönen Kanten oder Ecken, die einem hübschen Schluck im Wege stehen würden; andererseits hat man beständig das Gefühl von Kraft, Spannung und Komplexität, so dass nie Langeweile oder Müdigkeit entsteht. Eine gefährlich gute Kombination, ein herausragend guter Whisky im Gesamtbild.
Welchen anderen Cocktail hätte ich hier vorschlagen können als den Port in a Storm. Der Name deutet sozusagen den Hafen für den seetauglichen Whisky an, aber das Rezept hat genau die Komponenten, die ihm darüber hinaus eine attraktive Bühne bieten, ein bisschen Portwein ergänzt den Körper und bringt zusätzlich Volumen, der Cognac unterfüttert die Fruchtaspekte. Ein idealer Drink für den Spätherbst, wenn es draußen eklig wird.
Port in a Storm 1oz / 30ml Scotch Whisky 1oz / 30ml Port ½oz / 15ml Cognac Auf Eis rühren. [Rezept nach unbekannt]
Die Flasche selbst hält sich mit verrückten Ideen zurück, ist standardisiert und ohne Gimmicks gestaltet, bis hin zum sehr bodenständigen Etikett, bei dem man merkt, dass hier keine Marketingprofis die Leitung inne hatten und stattdessen alles an Liebe und Energie in den Inhalt geflossen ist – ohne, dass es wirklich amateurhaft wirkt. Sauber gemacht.
Ein letztes Wort noch zu Simon, einem der drei Freunde, die sich hier für die Abfüllung zusammengetan haben. Ich habe ihn über einige Jahre nun, glaube ich, gut kennengelernt, wir haben zusammen wilde Zeiten auf der ganzen Welt erlebt, von der Karibik über Neustadt/Weinstraße bis China, und der Mann weiß meistens, was er tut, außer in der Phase, wenn er sich diese Marathons und ähnliches zumutet. Ich hoffe, Dich bald mal wiederzutreffen, Simon, und danke für diesen großartigen Whisky!
Samples haben ein schwieriges Leben bei mir. Sie sammeln sich an, und stehen oft genug viel zu lange herum, weil ich sie nicht „einfach so“ trinken will, sondern auch für sie vernünftige Tasting Notes niederschreiben will; ganze Flaschen haben dabei aber Priorität, und ich komme da schon kaum hinterher. Aber nachdem ich so positive Erfahrungen mit Rum von der Insel Madeira gemacht habe, und doch ein paar Samples von dort bei mir warten, dachte ich, es wird Zeit, ihnen die Ehre zukommen zu lassen, die sie verdienen. Beginnen wir mit einem kleinen Fläschchen des Rum Artesanal Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition #230 2015-2022, das ich von dem bekannten deutschen Abfüller erhalten hatte. 7 Jahre ist er entsprechend den Destillations- und Bottlingdaten alt, und er stammt aus Fass 230, das tatsächlich nur 152,6l beinhaltete, ergab 218 Flaschen in Cask Strength (was hier 50,8% entspricht). Der Rum wird nicht kühlfiltriert oder gefärbt.
Haselnussbraun, leuchtend mit terracottafarbenen Lichtreflexen, eine wirklich ansprechende Farbe hat der Rum. Dazu kommt eine tolle, fette Öligkeit, die den Brand schwer schwenkbar macht, und die einen dicken Film an der Glaswand hinterlässt.
Für die Nase ist der 970 Single Cask #230 nicht weniger unterhaltsam, da kommen sehr erwachsene, aber nicht übertriebene Holznoten vor, die die dunkle Trockenfruchtseite unterstützen. Gedörrte Pflaumen, Rosinen, reife Feigen und braungelbe Ananas, das geht gut mit dem Holz zusammen. Leichte Pekannusstöne finden sich, und ein Anflug von Heu. Stark eingedickter Zuckerrohrsaft gibt eine Süßwürze dazu, ohne sich wie bei einem Agricole französischen Stils prägnant in den Vordergrund zu stellen. Eine Idee von Anis frischt das eher dunkel gelagerte Gesamtbild etwas auf.
Im Mund macht der 970 Single Cask #230 keine Kompromisse, vom Antrunk an merkt man die grasige Bittere, die mit dem Einfluss des Holzes ein trockenherbes Mundgefühl erzeugen. Die schon gesehene Viskosität spiegelt sich in der am Gaumen gefühlten Textur sehr deutlich wieder, das breitet sich angenehm fett und breit aus und bleibt lange haften. Hier wird das Zuckerrohr nun sehr viel präsenter, weniger in einer Süße (auch wenn ganz tief der Brand durchaus süßlich wirkt), als in der leicht kräuterigen, wuchtigen Aromatik, die sich über den Verlauf sogar immer mehr verstärkt. Anis, Eukalyptus, Kümmel und Kardamom untermalen es mit viel Kraft, ein bisschen Lack fügt weitere Komplexität hinzu. Der Abgang ist lang, sehr würzig und kribbelt hinten am Zäpfchen, die Zunge wird warm und etwas anästhesiert, und im Nachhall erscheint dann warm und kalt gleichzeitig, wie ein Sonnenaufgang, das volle, nun schon buttrige Zuckerrohr, verfeinert mit etwas Guave.
Ein durchweg kraftvolles, hocharomatisches und dabei trotzdem elegantes Erlebnis, bei dem man toll verfolgen kann, wie unterschiedlich der Rum von Madeira von allen seinen Verwandten auf der Welt ist. Hervorragend gereift ist er dazu, das Holz ist perfekt eingebunden und lässt den Rum besonders glühen. Wunderbar!
Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
Sotol ist eine der mexikanischen traditionellen Spirituosen, die eine geschützte geografische Angabe aufweisen. Sie wird aus Dasylirion hergestellt, einer optisch der Agave ähnelnden Pflanze, die aber eigentlich mehr dem Spargel verwandt ist, in der Region nennt man sie auch „Wüstenlöffel“, im Allgemeinen aber einfach Sotol, wie die Spirituose selbst. Nur die Bundesstaaten Chihuahua, Coahuila und Durango dürfen ihn in Mexiko herstellen, allerdings gibt es auch in den USA Hersteller, die ihre Produkte meist „Texas Sotol“ nennen. Während México Selection 2025 in Chihuahua habe ich den Gründer der Marke Los Magos, Juan Pablo Carvajal, persönlich kennengelernt und viel mit ihm geredet. Er hat das Talent, Sotol charismatisch und trotzdem sehr bodenständig zu repräsentieren, in klarer Sprache die relevanten Punkte offenzulegen und ganz ohne Marketing oder Überschwang über Sotol und die Region, aus der er stammt, zu sprechen. Sehr sympathisch, muss ich sagen! Entsprechend stelle ich heute mit viel Freude seinen Los Magos Artesanal Ensamble de Sotoles vor.
Im Gegensatz zur Agave, die nach der Ernte tot ist, lassen die Tumbadores, die die unkultivierten, wild wachsenden Dasylirion-Wheeleri-Pflanzen ernten, Wurzeln und Blätter zurück, und die Pflanze kann sich daraus regenerieren. Wie bei Agaven werden die Blätter entfernt, und die piñas in Erdgruben, die mit Holz befeuert werden, 36 bis 48 Stunden geröstet und danach von Hand zerkleinert. Bis zu 20 Tage dauert die Fermentation in offenen Holzbottichen, rein mit wilden Hefen, es kommen keine genetisch veränderten Organismen zum Einsatz. Schließlich wird dreifach in Kupferbrennapparaten destilliert, mit mineralreichem Wasser erfolgt die Einstellung auf die Trinkstärke von 38%. Man sieht, der Prozess tut der Kennzeichnung „Artesanal“ alle Ehre. Keine Zusätze kommen dazu. Man versucht, die kommerziellen Fallstricke zu vermeiden, die aus so traditionellen Produkten oft schnell genug reine Konsumware machen, die den Bodenhalt verliert. Die Herstellung ist biologisch (wenn auch nicht zertifiziert), und statt auf Konflikt zu setzen, arbeitet man grenzüberschreitend zwischen Mexiko und den USA, die ja die Kulturlandschaft und die Sotolpflanze beide teilen. Ein Teil der Einnahmen gehen auch in die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Farmer und ihrer Familien. Eine spannende Geschichte, die nicht nur erzählt, sondern genau so gelebt wird – und nun probieren wir den Brand einfach mal.
Klar und brilliant findet sich der Brand dann im Glas, mit einer sehr ansprechenden Viskosität, die einen deutlichen Film an der Glaswand hinterlässt, der sich dann in schlanke Beine aufteilt und abläuft.
Die Nase des Los Magos ist von Anfang an komplex und sehr vielschichtig. Da sind mindestens zwei grundlegende Aspekte, die gleichberechtigt auftreten und sich wabernd ineinander verschlingen, ein Gesamtbild erzeugen, sich aber auch unabhängig erkennen lassen. Erstmal ist da eine kräuterige, helle Frische, die fast an einen Gin erinnert, mit Thymian, Salbei und einem Tick Estragon; dabei ist auch eine herbe Zitrusschalennote, allerdings nicht spitzig, sondern ätherisch und aromatisch. Die nächste Schicht ist kontrastierend dazu vorsichtig rauchig und laktisch, beides in einem sehr gut kontrollierten Ausmaß, aber effektiv, der Rauch ist leicht speckig, mit ganz milden Fleischnoten, die laktische Seite erinnert an einen ganz jungen Camembert, der noch nicht seine Reife erreicht hat. Ein bisschen Ethanol scheint durch, ein bisschen grüner Tee, vielleicht etwas trockenes Heu. Man sieht, ein wirklich buntes Bild an Eindrücken, Dinge, die man gar nicht zusammen verorten würde, passen sich rund ein.
Das Mundgefühl des Los Magos ist zu Beginn sehr leicht und weich, wirklich zart und mit einer deutlichen natürlichen Süße versehen, das legt sich fein auf den Gaumen. Denkt man zunächst noch, ja, ein bisschen mehr Wumms könnte dem nicht schaden, verfliegt dieser Wunsch schnell, denn im Verlauf bildet sich eine leicht pikante, warmpfeffrige Würze heraus, mit schwarzem Pfeffer, Rosenpaprika und leichtem Ingwer, insgesamt ohne jedes Brennen oder scharfe Hitze. Die Kräuteraspekte sind nun betont, viel Salbei und Kerbel erscheinen, und im Nachhall auch eine sehr grünfleischige, vegetabile Seite, die an Agave, grünen Spargel, Algen und Aloe erinnert. Der Abgang ist mittellang, würzig und deutlich salzig, angenehm astringierend und trocken, ohne wirklich hart dabei zu werden, mit einer sehr eleganten Bittere im hinteren Rachen und der Zungenseite, und nun kommt noch aromatische Weihnachtsräucherware zum Vorschein, ein Hauch Patschuli und noch mehr Algen. Der Los Magos hinterlässt ein sehr feines Mundgefühl, elegant und voller Sotol-Resteindrücke.
Im Gegensatz zu vielen anderen mexikanischen Spirituosen ist Sotol im Allgemeinen sehr leicht zugänglich und gar nicht kompliziert, und der Los Magos ist dabei keine Ausnahme. Wer Schwierigkeiten mit den starkrauchigen, extremlaktischen oder aromatisch überwältigenden Mezcals aus dem Süden Mexikos hat, ist mit einem Sotol wie dem Los Magos vielleicht als erstem Schritt besser bedient, ohne dass man auch nur ein bisschen von Traditionalität und Produkttiefe aufgibt; das Preisleistungsverhältnis ist darüber hinaus sehr gut. Ich wüsste keinen Grund, hier nicht sofort zuzugreifen!
Den Sotol Pineapple Sour habe ich auf dem Eröffnungsempfang von México Selection getrunken, dort wurde er ohne Namen oder Rezeptangabe serviert. Das Rezept habe ich mir zuhause nachgebastelt und ein bisschen herumexperimentiert, um das Geschmackserlebnis von damals einigermaßen nachzubilden. Ich weiß nicht, ob es genau dasselbe ist – jedenfalls ist der Cocktail ein toller, erfrischender und aromatischer Mix aus der Komplexität des Los Magos und der Fruchtsüßsäure der Ananas.
Sotol Pineapple Sour 2oz / 60ml Sotol blanco 1½oz / 45ml Ananassaft ¾oz / 23ml Zitronensaft ½oz / 10ml Zuckersirup Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen. [Rezept nach Helmut Barro]
Passend zur nachhaltigen Einstellung bei Los Magos ist die Flasche aus recycletem Glas gemacht, mit recht individueller Form und dem Markenlogo unscharf ins Glas eingelassen. Über Wachs auf einer Flasche habe ich öfters schon gesagt, dass ich es ablehne – zumindest ist hier der Zugstreifen sehr gut gelungen, und man kann die Flasche leicht öffnen, ohne dass Wachsreste in die Flasche fallen oder krümeln. Ein Echtkorken verbirgt sich darunter. Das Etikett ist stilsicher in dunklem grün mit Kupferdetails gehalten, eine schöne und ungewöhnliche Farbkombination, die am Flaschenhals mit dem Wachs und der Kupferabgrenzung wiederaufgenommen wird.
Ein paar Bilder aus der Region, aus der dieser Sotol stammt, sollen verdeutlichen, welches Klima und welche Kultur dort vorherrschen. Ich war Ende November dort, da ist es tagsüber immer noch sehr angenehm warm mit oft blauem Himmel und strahlender Sonne, die die staubige, steinige und flachbebuschte, karge Wüstenlandschaft in bestem Licht präsentiert. Und ein Bild einer Sotol-Pflanze ist auch dabei.
Es ist doch eine ganz erkleckliche Zahl von Sotols in Deutschland erhältlich, persönlich überrascht mich das, auf eine positive Art und Weise. Der Los Magos ist erst seit kurzem dabei, man kann ihn zu einem sehr vernünftigen Preis bei Mex-Al erwerben; Juan Pablo Carvajal hatte im persönlichen Gespräch mit mir erwähnt, dass er damit seinen ersten Schritt nach Europa getan hat (man erkennt es auch daran, dass die Füllgehalt-Angabe auf der Flasche noch recht rudimentär mit einem Aufkleber von den in Mexiko üblichen 750ml auf europäische 0,7l angepasst wird).
Wie man sieht, hat der Sotol auch bei México Selection 2025 eine Goldmedaille gewonnen – das habe ich eben noch erfahren, und ich glaube, das ist ehrlich und wahrhaftig verdient. Wer diese Art von Spirituose und aufstrebende Unternehmer unterstützen, und einen richtig guten klaren Brand zuhause haben will, den nicht jeder schon kennt, sollte dort zugreifen. Oder einfach mal selbst nach Chihuahua fahren und die dort sehr lebendige Sotolkultur am eigenen Leib erfahren, das wäre noch besser und unterhaltsamer!
Das letzte Bier, das mir Meike aus der Normandie mitgebracht hatte, wird heute geöffnet und probiert. Das Les Deux Amants Régis Blonde American Pale Ale stammt aus Val de Reuil, weist ein Biosiegel auf und hat entsprechend auch in der Zutatenliste ausschließlich diesbezüglich deklarierte Inhaltsstoffe. Bio-Gerste, Bio-Weizen, Bio-Hopfen (die Sorte bleibt aber unbenannt), und schließlich Bio-Rübenzucker, etwas, das ich noch nie in einem Bier gesehen habe. Zucker kann in Bieren ja verschiedene Funktionen haben, darum ist so eine Angabe erstmal nicht direkt zu verdammen, hier dient er als Speise für die Hefen während der Flaschengärung. Das Bier ist weder pasteurisiert noch gefiltert, und auf 6% Alkoholgehalt gebraut.
Stark hefetrüb und safranfarben, zusammen mit dem ausdauernden, gemischtblasigen Schaum macht das Bier optisch schonmal was her. Leichte Hefereste setzen sich im Glas unten ab, die feine Perlage sieht man nur im starken Gegenlicht.
Der starkfruchtige Hopfenduft begrüßt einen, stiltypisch natürlich, vielleicht sogar ein bisschen mehr, als man erwartet. Litschi, Mango, Grapefruitzeste, eine schöne Mischung aus süßfruchtigen und zestigherben Aromen.
Vollcremig und kauig in der Textur, das breitet sich schnell und fett aus im Mund, die starke Karbonisierung bläst ordentlich Volumen rein. Der Körper wirkt dagegen etwas arg leicht und irgendwie zu süßlich, das fühlt sich nicht ideal integriert an; vor allem, weil die Süße und die Bittere kollidieren statt zusammenzuarbeiten. Schön dagegen transferieren die Geschmackseindrücke von der Nase an den Gaumen, bleiben auch im Abgang sehr lange erhalten, mit einem aufblühenden floralen Nachklang, der neben den Blumen noch die Litschi betont.
Frisch und sauber zu trinken, aber nicht so ganz rund, wie man es sich wünschen würde. Ein leichtes Bier für einen heißen Sommertag, da zieht sich das sicher gut weg, aber mir insgesamt etwas zu schmal gestaltet.
Die Elsbeere war eine neue Entdeckung für mich. Mein guter Freund Branko machte mich darauf aufmerksam, als wir über besondere Obstdestillate sprachen, und ich meine große Liebe zur Vogelbeere kundtat. Einen Baum dieser Art in meiner Region zu finden ist erstmal gar nicht so einfach, darum konzentriere ich mich direkt auf ein Produkt, das aus der Elsbeere entsteht, einen Edelbrand natürlich, was erwartet man anders als das auf diesem Blog. Soviele Brenner machen ihn gar nicht, und Branko hatte natürlich auch diesbezüglich eine Empfehlung in der Hinterhand – den Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand, mich wundert das nicht, ich habe eigentlich nur sehr positive Erfahrungen mit Arnos Bränden gemacht, da ist es eigentlich eher seltsam, dass ich nicht von allein auf ihn gekommen bin.
Die Hälfte der Elsbeeren in Deutschland wächst tatsächlich in Franken, das passt natürlich zur Heimat von Arno Dirker – schon seit der Römerzeit werden die Früchte und das Holz der Elsbeere geschätzt, die Früchte haben einen extrem hohen Vitamin-C-Gehalt, und das Holz beanspruchbar, hübsch und besonders für Musikinstrumente geeignet. Dirker macht aus den Elsbeeren bei sich nicht nur ein Destillat, sondern auch eine Konfitüre, der magenheilende und verdauungsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Es wundert einen nicht, wenn man etwas nach einem Elsbeerenbrand suchen muss, wenn man erfährt, dass für rund 5 Flaschen mehr als 100kg Beereneinsatz benötigt werden, eine wirklich schmale Ausbeute. Dafür ist der Elsbeerenbrand aus dem Hause Dirker noch wirklich bezahlbar, er will offensichtlich nicht reich werden an diesen ganzen besonderen Spezialitäten, die er in seinem riesigen Portfolio fast dauerhaft anbietet. Eine der kleinen Flaschen mit 44% Alkoholgehalt steht nun bei mir auf dem Tisch, dazu ein Verkostungsglas, und ich freue mich auf diese Probe mehr als auf viele andere, die ich in diesem Jahr gemacht habe.
Der Brand ist klar, perfekt kristallen und weist eine schöne Öligkeit auf, die sich beim Schwenken besonders zeigt, in schweren Wellen schwappt er, und geht gemächlich wieder in Ruhelage zurück. Viele Beine bilden sich dabei, und diese laufen zügig ab.
Der Duft des Elsbeerbrands ist natürlich sehr verwandt mit dem eines Vogelbeerbrands, das könnte man blind leicht verwechseln. Es sind die Details, die den Unterschied ausmachen – die marzipanigen Aromen wirken runder und milder, die Frucht selbst etwas grüner und balsamischer, der ganze Brand einen Ticken mehr heuig. Jenes Heu ist versetzt mit Kornblumenblütenduft, ein bisschen kandiert vielleicht, wie ein Bonbon, und es erinnert mich leicht an den Heulikör aus Südtirol, den ich vor einer Weile vorgestellt hatte. Da ist ein bisschen Zitrus drin, eher Zitronengras als Zitrone, und ein winziger Hauch von Anisfrische. Koriander und Kardamom finde ich in der Kopfnote, und Kaffee und Petrichor im Unterbau. Eukalyptus klingt beim tieferen Schnuppern durch, zusammen mit einer angenehmen Alkoholizität, die das ganze aus der Frucht erhebt. Ich liebe diesen Duft in seiner komplexen Gesamtheit.
Vom Antrunk an ist der Elsbeerenbrand trocken und erkennbar bitter, letzteres verstärkt sich sogar im Verlauf und wird im Abgang knackig und fast schon kantig, bevor es langsam im Nachhall nachlässt, ohne je ganz zu verschwinden. Die viskose Textur verhindert, dass dies je unangenehm wird, zusammen mit einer gewissen Grundsüße fängt sie die Bittere gekonnt auf. Eine deftige, leicht salzige Würze entwickelt sich, pikant und feurig, weißpfeffrig und paradox kühlend auf dem Gaumen. Die Frucht und das Marzipan dominieren den Geschmack, es macht Spaß, das eine und das andere zu verfolgen, und sie auf der Zunge wechseln zu lassen. Jasmin und Geranie, also eher blütige und eher grüne Pflanzenkomponenten, dominieren den Abgang, der auch noch eine gewisse Säure mitbringt. Lang und ausdauernd, voll und breit ist das, aber gleichzeitig mit einer eingebauten, harten Linie, die den Brand definiert.
Ich als Vogelbeerbrandliebhaber genieße diesen Elsbeerenbrand sehr, wegen der Ähnlichkeit, aber gleichzeitig wegen den Unterschieden. Es ist jedenfalls etwas, wofür man sich Zeit nehmen sollte, und ein Brand, der zum Explorieren einlädt, weil er soviel bietet. Als Digestif ist er meines Erachtens herausragend geeignet, mit seinen klärenden Eigenschaften und seiner wunderschönen, elaborierten Bittere.
Es ist für mich manchmal schwer erträglich, wieviel Energie und Pseudokreativität darin verschwendet wird, einen Namen für einen Cocktail zu finden. Es hat sich etabliert, man macht das, seit es Cocktails gibt, doch für mich persönlich ist da die Luft raus. Umso charmanter ist die Benennung des Campari-Vogelbeer-Cocktail, da weiß man, was man bekommt (das Originalrezept findet sich auf meiner Rezepteseite). Und wenn man den benötigten Sirup selbst macht, was gar nicht schwer ist, identifziert man sich mit so einem Drink gleich viel mehr. Leider habe ich keine Els- oder Vogelbeeren in der Nähe, aber Weiß- und Feuerdorn in rauen Mengen, daraus habe ich mir geschwind einen Sirup gekocht, und den Brand tausche ich natürlich auch aus. Und ich nenne ihn dann einfach Campari-Elsbeer-Cocktail.
Campari-Elsbeer-Cocktail 10ml Elsbeerenbrand 10ml Campari 40ml Weißdornsirup 40ml Zitronensaft Auf Eis shaken. [Rezept adaptiert nach Difan Xu’s „Campari-Vogelbeer-Cocktail“]
Für die Flasche gilt weiterhin das, was ich bei den vorherigen Besprechungen der Brände der Edelbrennerei Dirker gesagt habe – eine individuelle Form, schön bauchig mit schmalem Hals, ins Glas eingelassene Details, offensichtlich handgestaltete Etiketten.
Als es darum ging, lieben Bekannten in Mexiko im Zuge von México Selection by CMB vor ein paar Tagen eine kleine Aufmerksamkeit aus Deutschland mitzubringen, war es keine große Überlegung – mein Koffer war voll gepackt mit Destillaten aus dem Hause Dirker. Sein Kümmel ging mit Jimmy Sauza nach Guadalajara, die Kugelbirne zu Jannet Ochoa nach Chihuahua, der Blaufichtenzapfengeist mit Carlota Montoya nach Mexico City, und seine Schlehe über Umwege mit Evan Goldstein nach San Francisco. Schnaps nach Mexiko zu bringen ist in etwa so, wie die sprichwörtlichen Eulen nach Athen zu tragen, doch ich bin mir sicher, dass auch die sehr detailverliebten und traditionellen Spirituosenkenner dort die handwerklichen Qualitäten zu schätzen wissen, die Arno Dirker so besonders machen. Und der Elsbeerenbrand ist selbst in dieser hohen Liga nochmal etwas Spezielles.
Ich werde langsam alt, und besonders spüre ich das daran, dass ich großen Gefallen gefunden habe, diese Bergpolizei-Serien auf ARD und ZDF zu schauen, von Hubert und Staller über Watzmann ermittelt bis zu den Rosenheim-Cops (obwohl letzteres zu einer Art Kleiderständer-Sprechzimmer geworden ist, aufs Schauspielern wird da inzwischen komplett verzichtet). Unkomplizierte und oberflächliche Fernsehunterhaltung, bei der am Ende der Gute gewinnt und der Böse bestraft wird, mit dem Charme der Berge unterlegt; in Zeiten, in denen man beim Schauen der Nachrichten Magengeschwüre und Frustschreierei bekommt, ist das für mich tatsächlich ein bisschen Erholung. In Folge 7 der ersten Staffel von Watzmann ermittelt kann man tatsächlich darüber hinaus etwas lernen, was uns den Hauptthemen dieses Blogs wieder etwas näher bringt – dort wird nämlich gezeigt, wie in kleinem Maßstab ein Enzianbrenner arbeitet. Die Wurzel wird kleingehackt und angesetzt, dann in Kupfer gebrannt. Man soll nie sagen, Fernsehen würde nicht bilden! Man muss nur aufpassen, wo man hinschaut. Hier dient tatsächlich die EnzianbrennereiGrassl als Set und als Inspiration, damit hat man jedenfalls ernsthaft was zu besichtigen in der Folge der Serie.
Bei Grassl, der ältesten Bergbrennerei Deutschlands, geht das natürlich in einem anderen Maßstab vonstatten, als bei der Hüttenbrennerei, bei der man den Bergbrenner bei der Arbeit sieht. Für das Sammeln und Verarbeiten der Wurzeln des violetten und gelben Enzians, die in Deutschland eigentlich unter Naturschutz stehen, braucht man eine gesonderte Erlaubnis. Doch auch dort wird die Wurzel kleingehackt und mit Wasser und Hefe vergoren, 6 Wochen gibt man der Maische dort, einfach auch, weil die Wurzel natürlich wenig Zucker als Nahrung für die Hefen hergibt. Danach brennt man den Gebirgsenzian doppelt, und das Destillat wandert für mindestens 3 Jahre in Eschenholzfässer im Felsenkeller unter Berchtesgaden – für das Eschenholz hat man sich entschieden, da dieses nur wenig der für dieses Produkt unerwünschten Farb- und Geschmackseinflüsse bringt; die Fasslagerung dient für den Gebirgsenzian mehr der Beruhigung des Destillats. Von da kommt es dann in die Flasche, und dann ins Glas des interessierten Konsumenten!
Durch die Filtration, die vor der Abfüllung erfolgt, ist keinerlei Rest eines eventuell die Destillation überlebt habenden Partikels zu sehen, die Flüssigkeit ist kristallklar und mit schöner Viskosität versehen. Langsam laufen die Tropfen an der Glaswand ab.
Die Nase ist natürlich sehr prägnant für diese Art Spirituose – man riecht sofort die extrem erdige Wurzel, die als Basismaterial dient. Wie eine frisch ausgegrabene Pflanze, feuchte Erde, Anklänge von Karotte und Kartoffel, feuchter Keller, nasses, pilziges Holz, ein bisschen gewässerter Beton. Ganz mild scheint sogar etwas Floralität durch, als würde der Enzianwurz ein bisschen seiner Blüte mitbringen, dazu ein Hauch Lavendel. Wirklich besonders und speziell, aber in keiner Form unangenehm.
Die Viskosität zeigt sich dann auch am Gaumen, dick und cremig liegt der Gebirgsenzian im Mund, schön breit und mit durchdringender, natürlicher Süße. Schnell spürt man auch im Geschmack dann aber die Erdigkeit, die Wurzeligkeit, die Staubigkeit und die Kelleraspekte, die man schon gerochen hatte, das bildet sich sehr gut von der Nase auf die Zunge ab. Leichte Würze, die an schwarzen Pfeffer erinnert, vielleicht etwas Piment, leitet dann in ein warmes Brummen über, das die Schleimhäute kitzelt, ohne wirklich zu brennen, der Alkohol fühlt sich gut eingebettet an. Gegen Ende geht die Süße in wurzeligerdige Trockenheit über, ohne jede Astringenz, und dieser staubige Eindruck dominiert den Nachhall, wenn sich zusätzlich ein kühler Hauch im Mund breitmacht und einen unterhaltsamen Meerrettich-Ton hinterlässt.
Hier spürt man die Enzianwurz wirklich wunderbar, und sie ist in ein rundes Gesamtbild eingebettet. Man meint, die Herstellung sehen zu können beim Trinken. Ich denke, der Gebirgsenzian von Grassl ist ein richtig schöner Digestif, oder, wie das bei Watzmann ermittelt gezeigt wird, ein perfekter Gipfeltrunk.
Veröffentlichte Cocktailrezepte zu Enzian zu finden, ist eine schwierige Aufgabe – die meisten, die man findet, beziehen sich eher auf einen Enzianlikör wie Suze. Ein ähnliches Problem hatten wohl Torben und Matthias, als sie sich auf trinklaune.de überlegten, wie sie einen Enzian in einem Cocktail einsetzen, und haben in ihrer Genialität einfach selbst einen kreiert. Der All Your Favourite Bands ist ein toller, erdig-wurzeliger Wet-Martini-Twist, ich zolle den beiden hiermit die Ehre, die sie verdienen.
All Your Favourite Bands 40ml Dry Gin 20ml Enzian 25ml trockener Wermut 10ml Orangenlikör Auf Eis rühren. Mit einer Zitronenzeste absprühen. [Rezept nach Torben Börnhoft und Matthias Friedlein]
Den Gebirgsenzian kann man im gut sortierten Einzelhandel kaufen, in unterschiedlichen Flaschengrößen; die 350ml-Flasche ist für mich und meine Hausbar praktisch. Etikett und Design deuten auf die Tradition hin, sind dabei aber nicht kitschig. Und das kleine Stofftuch, das über den Drehverschluss gespannt wird, ist ein kleines, aber unterhaltsames Detail, das die Flasche aus der Masse hervorhebt.
Ich will jetzt nicht spoilern, aber am Ende der Folge von Watzmann ermittelt kommt es zu spannenden Verwicklungen bezüglich Brennern, alten Rezepten und Liebesaffären, da hatten die Leute bei Grassl sicherlich viel Spaß bei den Dreharbeiten. Bei einem Enzian muss man sich um Rezepturen nicht so viel Sorgen machen wie beim Kreuzian der Serie, der für soviel Ärger verantwortlich war – das ist ein Brand, der klar und ohne jede Geheimnistuerei oder Tricksereien abliefert. So stell ich mir das vor und wünsche mir es, in den Bergen.
Ich trinke gerne das Blanche de Namur, und dachte, als ich neulich in einem französischen Supermarkt ein anderes Bier aus derselben Brauerei fand, dass hier vielleicht etwas ähnlich unterhaltsames gemacht wird. Das Brasserie du Bocq Gauloise Fruits Rouge ist mit Weizen- und Gerstenmalz gebraut und mit 8,2% Alkoholgehalt überraschend stark für ein Fruchtbier, normalerweise sind die deutlich milder, ich bin gespannt, was das in der Sensorik ausmacht. Erstmal muss ich aber über die Zutatenliste hinwegkommen – „mit natürlichen Aromen roter Früchte“, ein erster Stolperstein ist natürlich immer, wenn Aromen statt echten Fruchtzutaten eingesetzt werden. Zucker und Süßungsmittel sind beide gelistet, das zweite Problem. Immerhin ist auch echter Saft drin, mindestens 5,9% Holundersaftkonzentrat. Trotzdem gehe ich skeptisch in die Verkostung, würde mich gerne positiv überraschen lassen!
Rote Früchte, das glaubt man direkt, wenn man sich das Bier eingießt. Ein wunderbares, opalisierendes Rubinrot findet sich im Glas, mit einem schön dazu passenden roséfarbenem Schaum, der zunächst sehr dick, später weiterhin ausdauernd und dann sehr feinfluffig stehen bleibt.
Von der Nase eines Fruchtbiers erwarte ich das, was ich hier beim Bocq Gauloise Fruits Rouge finde – kräftige Aromen roter Früchte, Beeren natürlich zuvorderst, der Holundersaft dominiert dabei gewiss, aber ich meine auch Himbeeren und Johannisbeeren herauszuriechen, einfach als Seitennoten. Eine leichte Herbe deutet auf das Basisbier hin, aber das ist wirklich nur eine Idee.
Im Mund kommt dann erste Ernüchterung auf, da ist die Natürlichkeit irgendwie dahin: die Frucht schmeckt künstlicher, als man das vom Geruch her vermutet hätte, auch sehr viel eindimensionaler und oberflächlicher. Dazu kommt die starke Süßung, die die Komplexität zusätzlich plattmacht. Weiß die Textur initial noch zu gefallen mit einer schönen Cremigkeit, gliedert sich dies zusammen mit der Pappsüße dann auch in ein eher klebrig-langweiliges Gesamtbild ein. Ja, der Beerensaft liefert noch etwas Säure, durchaus, und auch das Bier ein bisschen Würze, aber der übermäßige Zucker überdeckt am Ende alles, was an Spannung dagewesen sein könnte. Der extrem kurze, völlig belanglose Abgang bestätigt diese Eindrücke.
Ja, so ein Beispiel dafür, dass man Fruchtbier auch können muss. Das Bocq Gauloise Fruits Rouge reiht sich eher in die Sektion der Fruchtbiere ein, bei denen man einfach merkt, dass Natürlichkeit der zentrale Qualitätspunkt eines solchen Stils ist – und hier verliert das Gauloise auf aller Linie. Schade drum, vom Geruch her hatte ich mir viel mehr versprochen.
Sie ist meines Wissens die jüngste der Brennereien auf der Insel Guadeloupe, und sie war der letzte Abstecher, den wir damals 2022 im Zuge von Spirits Selection by CMB gemacht haben, als wir alle großen Brennereien auf der Hauptinsel und auf Marie-Galante besichtigten. Wir waren schon müde, das war ein anstrengender Trip, das Klima war heiß und feucht, man kam morgens nass aus der Dusche und blieb dann bis abends in diesem Zustand. Mit dem Bus wurden wir von Damoiseau nach Reimonenq, von Bologne nach Longeteau transportiert, besuchten Montebello und Karukera, wurden mit dem Katamaran und dann wieder mit dem Bus von Bielle nach Père Labat und Bellevue gefahren, da blieb kein Straßenkilometer auf der Insel ungenutzt. Wie gesagt, Papa Rouyo kam zum Schluss, sozusagen als kleines Sahnehäubchen auf die Rumtorte – erst ein Jahr zuvor hatte die Produktion begonnen, wir waren also bei einem ganz frischen Unternehmen, das sich deutlich versuchte, mit einem modernen, jungen Anstrich von der traditionellen Konkurrenz auf der Insel abzugrenzen.
Joris Galli, Mitgründer und Präsident von Papa Rouyo, saß während des Wettbewerbs mit an meinem Jurorentisch, berichtete immer wieder ein paar kleine Details über die Mikrodestillerie in Goyave auf Basse-Terre. Der Rum, den ich von dort mitgebracht hatte, war der Papa Rouyo Le Rejeton Blanc Pure Single Agricole Rhum, eines der ersten Projekte, die dort gemacht wurden – und wir konnten eine Variante davon direkt aus der Destille laufend probieren. Er wird doppelt destilliert aus reinem Zuckerrohrsaft der sehr technisch klingenden Sorten R579, B69.566 & B80.689, alle werden in der Gegend von Le Moule, wo die Brennerei steht, angebaut, auf Boden, der stark von Ton und Kalkstein geprägt ist, was für den Rum Frische und Struktur verspricht. Natürlich gibt es keine Zusatzstoffe im Endprodukt, der Alkoholgehalt ist auf für die Insel sehr typischen 56% eingestellt. Zurück im dann schon herbstlichen Deutschland machte ich die Flasche schnell auf, und stelle sie nun mit etwas Verspätung hier vor.
Natürlich ist so ein Rum völlig klar, ohne jeden Einschluss, ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber. Was durchaus erwähnenswert ist, ist aber die extreme Öligkeit, mit der der Rum im Glas schwappt, das fühlt sich fast wie Sirup an, und entsprechende fett ist der Film, der sich am Glas bildet und träge abläuft.
Für die Nase verschwimmt beim Le Rejeton die Grenze zwischen Rhum Agricole und Cachaça, mehr als bei vielen anderen Zuckerrohrrums. Sehr grasig und grün, mit der vollen Kraft des Zuckerrohrsafts. Pur, natürlich, eine wunderbare Abbildung. Dabei schwingt eine unterschwellige Würze mit, ganz dezenter Zimt, etwas Muskatnuss, etwas Kardamom, aber nur in feinsten Ausprägungen. Dazu kommt diese maritime Mineralität, man riecht das Meer und die Hitze auf dem Zuckerrohrfeld gleichzeitig, salzige Steine, guadeloupische Bananen (die, wie ich herausgefunden habe, sehr anders schmecken als das, was man bei uns so bekommt) und auch etwas vom Teer der Straße, auf der man die Insel überquert. Sehr aromatisch, sehr komplex, sehr dicht.
Gerade die Mineralität spürt man schon im Antrunk. Süße und Salzigkeit sind beide dominant von Anfang bis Schluss, ein echter Inselcharakter voller Wucht und Dramatik. Sehr ölig ist die Textur auch am Gaumen, wie schon gesehen, fett und breit legt sich das auf die Schleimhäute und triggert sie mit einem wilden, aktiven Feuer. Man schmeckt die Bananen, ein bisschen Guave, aber vor allem das pure Zuckerrohr, wie es aus der Presse läuft. Im Abgang wird es bitter, herb, bleibt dabei vegetabil und grünlich, beginnt balsamisch zu klingen mit fast dunklen Tönen von Kakao, Datteln und einem Hauch von frisch gerösteten Kaffeebohnen. Im Rachen verbleibt die Bittere, die Hitze wird ersetzt durch einen kühlen Hauch, dann ist der Rum zeitig auch wieder verklungen.
Das ist eine Wuchtbrumme, die nur ansatzweise versucht, die Gewalt einzufangen, ihr eher freien Lauf lässt. So einen Rum muss man pur vertragen können, das ist sicher nichts für jeden, wer aber auf dichte, brummende und wilde Aromen steht, und auch den Alkoholgehalt aushält, bekommt ein direktes Erlebnis der Insel Guadeloupe in konzentrierter, destillierter Form.
Natürlich trinke ich das im Ti’Punch, ohne Frage, gerade aktuell, als ich diesen Artikel schreibe, wo es 35°C in Saarbrücken hat – da fühlt man sich doppelt nach Guadeloupe zurückversetzt. Es geht aber auch elaborierter, im Necromancer. Der Le Rejeton lässt sich auch von den anderen Zutaten nicht den Mund verbieten und bleibt dominant, gibt aber der Gesellschaft die Möglichkeit, sich auch einzugliedern in ein sehr buntes Gesamtbild.
Necromancer 1½oz / 45ml ungereifter Rhum agricole ¾oz / 23ml Grapefruitsaft ¾oz / 23ml Cocchi Americano ½oz / 15ml Falernum 1 Spritzer Absinthe Auf Eis shaken. [Rezept nach Vince Bright]
Zur Flasche gibt es nicht besonders viel zu erzählen, sie ist eine typische Rumflasche mit dem leicht bauchigen Hals, klares Glas, sehr zurückhaltend gestaltete Etiketten mit sehr elegant wirkendem Gold auf sauberem Weiß.
Etwas mehr dagegen gibt es von der Brennerei zu berichten, die ich im Sommer 2022 besucht hatte. Sie und eine Craftbier-Brauerei („Lékouz“) teilen sich die Örtlichkeit in Goyave, wenige Meter vom Meer: ein Gebäude, das fast komplett mit Graffiti dekoriert ist, und auch innen mit regionaler Kunst versehen. Die zwei Brennapparate stehen zentral, moderne Technik, wie man sehen kann.
Ein bisschen frischer Zuckerrohrsaft wurde für uns ausgepresst, sowas nehme ich natürlich immer gerne mit – die Kombination aus Rum und Bier und karibischer Atmosphäre und warmem Wetter ist natürlich gefährlich, es ergab sich ein wunderbar entspannter Abend bei Papa Rouyo und Lékouz, an dessen Ende ich mich nicht mehr erinnere. Was kann man besseres über einen Brennereibesuch sagen!
Die Berliner Brauerei Lemke hat inzwischen schon eine traditionelle Zusammenarbeit mit dem ebenso in Berlin ansässigen Firma Spirit of Rum, ich habe schon diverse Biere besprochen, die aus dieser Kooperation enstanden sind, besprochen – da war keins dabei, das ich ablehnen müsste, im Gegenteil, es kommen immer spannende Abfüllungen mit rumfassgereiften Bieren von dort, die tolle Qualitäten aufweisen. Beim Spirit of Rum 11. Rumclub Beer Selection Imperial Fiji IPA wurde als Basisbier ein Lemke Imperial IPA mit 11% Alkoholgehalt ausgewählt, und dies dann nachgereift in einem Rumfass, das vorher einen Rum aus Fiji enthielt, ich gehe davon aus, dass es sich um Rumclub Fiji 2009 Ed.33 FSPD 2022 handelt. Ich mag ein gutes IPA, ich liebe Rum aus Fiji, die Kombination kann ja eigentlich nur gut sein, oder?
Das Bier ist volltrüb, wenn man den Hefesatz, der sich durch die Lagerung gebildet hat, voll miteinschenkt. So entsteht auch die kräftige Terracotta-Farbe, die schön mit dem weißen Schaum kontrastiert. Jener ist zu Beginn schon eher fein, bleibt aber als Randkrone erhalten, zusammen mit einem feinen Flaum auf der Bieroberfläche.
Der Geruch des Imperial Fiji IPA ist Litschi en masse, selten habe ich das so konkret ausgeprägt erlebt (außer bei der Frucht selbst natürlich). Dazu kommt etwas Erdbeer und Kirschkompott, man merkt, das wirkt extrem süßfruchtig, marmeladig schon fast. Rund, voll, aromatisch, gar nicht kratzig und man findet auch wenig von den herb-zestigen Hopfenfruchtnoten, die mancher Aromahopfen mitbringt; das ist eine erfreuliche Abwechslung zu den vielen kantigen Imperial IPAs, die man sonst so findet.
Im Mund wird es vom Antrunk an dann aber erkennbar deftiger, da geht es direkt zur Sache. Zunächst kommt die schwere Frucht, für ein paar Sekunden, dann überrascht aber eine dunkle, wilde, salzige Würze, die den ganzen Gaumen zum Brummen bringt. Umami-Noten helfen, die dicke Textur zu betonen, der Alkohol ist spürbar, aber nicht störend, und tut sein Übriges dazu. Die nun doch harte Bittere des Imperial Fiji IPA sorgt mit guter Karbonisierung für tolle Frische. Die Zunge liegt etwas betäubt im späten Verlauf, im Rachen kribbelt es beim Schlucken. Der Nachklang ist lang, hier kommt dann wieder wunderbar die Litschi auf und greift den Beginn der Verkostung auf, ein bisschen Jasmin blüht dazu mit.
Ein starkes, charaktervolles Bier, das wirklich wunderbar komponiert ist und durch die Fassreifung eine Komplexität erreicht, die man nur selten in Bieren findet. Ich finde keinen Makel, bin nur etwas traurig, dass ich nur eine Flasche davon erworben hatte. Das Spirit of Rum 11. Rumclub Beer Selection Imperial Fiji IPA ist ein Bier für einen Festtag!