Kanadischer Inselwhisky – Shelter Point Distillery 7 Year Old Classic Single Malt

Einen Whisky wollte ich noch mitbringen von meinem letzten Kanada-Aufenthalt, idealerweise einen, bei dem ich die Brennerei besichtigen konnte. Doch der Reiseplan war mit der heißen Nadel gestrickt, 3600km wollten mit dem Mietwagen abgefahren werden, vom Westzipfel von Vancouver Island bis an die Grenze nach Alberta in den Rocky Mountains. Da muss man die Destillieriebesuche eher mitnehmen, wenn es sich ergibt, statt die Route danach zu planen, und so verpasste ich alle Möglichkeiten dafür – zwei der Brennereien waren zum Zeitpunkt meines Vorbeikommens geschlossen, und die Shelter Point Distillery bei Campell River habe ich schlicht und ergreifend übersehen. Darum habe ich wenigstens am Flughafen in Vancouver noch zugeschlagen und mir den Shelter Point Distillery 7 Year Old Classic Single Malt im Duty-Free-Shop mitgenommen.

Die Shelter Point Distillery wurde 2011 gegründet, und man stellt dort Whisky in kleinen Auflagen her, mit traditionellen Methoden – 2 Forsyth Potstills stehen dort, in denen der Whisky doppelt gebrannt wird, nach einer langen Fermentationszeit. Die Gerste wird in Blickweite der Brennerei angebaut, das Wasser kommt aus dem Grundwasserleiter unter der Brennerei, und man schaut aufs Meer, während man den Whisky herstellt. Der Classic Malt ist ein Blend, bei dem die Einzelteile separat in unterschiedlichsten Fässern gereift wird, Bourbon, aber auch Wein, Sherry und Port waren die Vorbelegungen, ein Teil wird auch in neuen Fässern gelagert. Ein großes „continous vatting“-System kommt für die Mischung zum Einsatz, der Whisky wird nicht kaltgefiltert oder gefärbt. Es ist immer etwas besonderes, wenn man eine Spirituose aus einer Region trinkt, die man schon besucht hat, und ich bin extrem gespannt, ob ich diese Verknüpfung bei der nun folgenden Verkostung tatsächlich nachvollziehen kann.

Shelter Point Distillery 7 Year Old Classic Single Malt

Eine ehrliche, ungefärbte Tönung für einen Siebenjährigen, finde ich, ein feines Gelbgold, dabei eher leuchtend als blass, mit rieslingfarbenen Lichtreflexen. Sehr hübsch ist das Schwenkverhalten, mit leichter Viskosität und dicken Venen, die sich an der Wand des Glases bilden.

In der Nase spürt man erstmal die Gerste, die Getreidenote ist sehr dominant. Haferflocken kommen passend dazu, und dann eine volle, säuerlichsüße Fruchtseite, die mich an roten Apfel, Quitte und etwas Litschi erinnert. Honig ist da, und ganz unten auch eine balsamische Note, die Anflüge von Süßholz, Eukalyptus und Zedernholz zeigt. Man spürt hier bereits, dass man einen noch jungen Whisky vor sich hat, der Körper wirkt leicht und schmal, hat aber durchaus interessante Ansätze, was die Aromatik angeht.

Shelter Point Distillery 7 Year Old Classic Single Malt Glas

Am Gaumen präsentiert der Shelter Point Classic sich aber schon durchaus rund und voll, mit einer wirklich cremigen Textur im Antrunk. Süß, mit angenehm ausgeprägem Getreide, ohne zu gerstig zu werden, und einer Mischung aus mildem Karamell, hellem Nougat und Honig als Basis. Im Verlauf nimmt er Fahrt auf, trocknet merklich ab, wird befeuert durch kräftige, weißpfeffrige Würze und 46% Alkoholgehalt. Dieses Feuer bleibt bis zum Schluss bei uns, besonders auf der Zungenspitze, und einem warmen Rinnen durch die Speiseröhre; Zwicken oder wirklich unangenehmes Brennen ist ihm dabei aber fremd. Ganz klar spürt man von vorne bis hinten diese maritime, deutlich salzige und leicht algig-iodische Seite an ihm, weniger aromatisch, aber vom Mundgefühl und vom generellen Eindruck. Der Abgang des Shelter Point Classic ist lang, würzig, im Rachen leicht kratzig, und etwas astringierend, hier könnte eine längere Lagerung viel Potenzial heben. Der Nachhall ist warm, mit mildem Jasmin und einem leicht salzigen Eindruck am Gaumen.

Man spürt bei diesem Whisky wirklich das Terroir, aus dem er stammt. Da ist diese Mineralität und Salzigkeit, die ich in Campbell River selbst in der Luft geschmeckt habe, abgebildet, und so etwas finde ich persönlich grandios. Ein Küstenwhisky, der sicher mit etwas mehr Reifung zur Vollendung gebracht werden kann, aber auch so schon ein toller Repräsentant der Stadt, aus der er stammt.


Was würde hier besser passen als ein Cocktail, der entsprechend auch das Meer im Namen trägt. Der Ocean Cable gibt noch etwas Atlantikküste in Form eines Cognacs zum Pazifik des Shelter Points, man darf hier ruhig auch etwas Maritimeres verwenden, um sich in diese ganze Thematik zu lehnen. Jedenfalls ein sehr angenehmer Drink, der von einem Charakter wie dem des Shelter Point Classic profitiert.

Ocean Cable Cocktail

Ocean Cable
1½oz / 45ml Kanadischer Whisky
1oz / 30ml Lillet Blanc
½oz / 15ml Cognac
1 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach A.G. Scott]


Die Flasche ist insgesamt konventionell für diese Art Spirituose, hat als einzige Extravaganz die Schriftzüge „Uniquely Shelter Point“ vorne und „Distinctly Vancouver Island“ auf der Rückseite, sowie oben drei Gerstenähren ins Glas eingegossen. Ein Echtkorken mit Holzstöpsel und ein sauber und klar gestaltetes Etikett runden die Präsentation ab.

Anbei nun noch ein paar Bilder, die ich während meines Aufenthalts in Campbell River im Mai 2025 geschossen habe. Die Stadt war der Anlaufpunkt für weitere Ausflüge auf Vancouver Island, über den Millennium Trail und der Hängebrücke an den Elk Falls bis hoch in den Norden nach Port Hardy, das wunderschöne Telegraph Cove und eine unterhaltsame, kurze Fährfahrt nach dem der Stadt vorgelagerten Quadra Island.

Auf der Insel sollte man definitiv mal die frittierten Austern bei der Coveside Seafood Eatery probieren, mit Blick auf die Discovery Passage, und auch das eine oder andere Bier bei Beach Fire Brewing probieren, für die ich ja vor einer Weile ein Bier schon hier besprochen hatte. Das Bier, die Austern, der Whisky – eine tolle Kombination, und das einzige, was ich etwas bereue, ist, dass wir nicht die Brennerei von Shelter Point besichtigen konnten. Aber ich werde ein drittes Mal nach Vancouver Island zurückkehren, ganz sicher, und dann steht das auf der Liste.

Bier am Freitag – Tripel Karmeliet

Wir hatten das vor einer Weile schonmal – die leichte Unschärfe, was den Namensbestandteil „Tripel“ bei belgischen Bieren angeht. Auch beim Tripel Karmeliet vom Karmeliter-Kloster Termonde in Dendermonds haben wir diesen Fall – 3 Getreide, namentlich Weizen, Gerste, Hafer sind im Einsatz. Bezeichnet der Wortbestandteil „Tripel“ also hier nicht den Bierstil, sondern die Tatsache, dass 3 Getreidesorten eingesetzt werden? Im klassischen belgischen Tripel nutzt der traditionsbewusste Brauer eigentlich fast ausschließlich Pilsner Malz, also gemälzte Gerste. Wie man später sehen wird, passt allerdings die sensorische Beschreibung zum Stil, und auch der Alkoholgehalt von 8,4% ist im Rahmen dessen, was für ein Tripel erwartet wird. Ich denke, hier kommen beide Komponenten irgendwie zusammen. Lasst uns das mal versuchen, um die Theorie zu prüfen.

Tripel Karmeliet

Naturtrüb, in hübschem, getreidig wirkendem Ocker, durch das man die sprudelnde, ausdauernde Perlage gut sieht. Schaum ist gemischtblasig beim Eingießen, da muss man etwas aufpassen, die Flaschengärung hat bei meiner Flasche für leichtes Gushing gesorgt. Nach einer Weile ist der Schaum etwas gesetzt, aber immer noch einen Daumenbreit, und dann eher feinblasig.

Geruchlich ist das Bier sehr floral, eine wahre Blumenwiese eher aus sommerlichen Kornblumen mit Getreide- und Heueinfluss, nicht wie Rosen oder exotische Blumen. Milde Frucht liegt darunter, leicht säuerlich, würzig, und auch bei einer kühleren Trinktemperatur aromatisch.

Im Mund entsteht eine interessante Mischung aus Süße und Salzigkeit, etwas ungewohnt zunächst, aber gefällig. Eine dicke Textur ist sehr angenehm im Mundgefühl, ein Bier zum Lutschen. Leichte Säure kommt später dazu, die für etwas Astringenz im hinteren Mundbereich sorgt, und mit der üppigen Karbonisierung dann auch für Rezenz. Hier kommen neben den Noten von getrocknetem Heu und Kornspreu die Blüten dann wieder zum Vorschein, diesmal klar ergänzt um Eindrücke von Wintergrün und sehr viel Jasmin. Im Nachhall übernimmt das Jasmin schließlich vollständig, hier wird das Bier schon etwas eindimensional.

Süffig, gut trinkbar, sehr angenehm – ein bisschen fehlt mir die Spannung, das ist ein rundes, gemächliches Bier, ideal für den Sonntagnachmittag im Frühling auf der Terrasse.

Wiederaufblühende Tradition – Six Brothers Mahura

Kolonialisten haben überall auf der Welt versucht, traditionelle Lebensarten der eroberten Gebiete zu verbieten und zu unterdrücken, um Widerstand klein zu halten, die lokale Wirtschaft auszubeuten, und gleichzeitig einen neuen Markt für die eigenen Produkte zu schaffen. Der Bombay Abkari Act von 1878 im Bereich des Britischen Raj schob dabei noch ein Schutzbedürfnis für die sich sonst scheinbar dauernd zu Tode saufende Bevölkerung vor, im Mhowra Act 1892 war spätestens klar, dass ganz banal und egoistisch regionale indische Spirituosen zugunsten der von den Briten importierten Alternativen verboten werden sollten. In letzterem ging es ganz speziell um den traditionellen Mahua, der seit Urzeiten aus den Blüten des Madhuca-longifolia-Baums gemacht wurde. Dieser, wie auch seine weißen Blüten, werden je nach Region Mahua oder Mahura genannt, manchmal auch kolloquial Wishing Tree, der Brand heißt also wie das Basismaterial, in etwa so wie unser „Kirsch“ oder „Williams“.

Auf dem Etikett des Six Brothers Mahura findet sich die Schreibweise, die im Bundesstaat Maharashtra, direkt an der Küste in der Stadt Mumbai, üblich ist; hergestellt wird er bei South Seas Distilleries, die die ältesten Kupfer-Potstills in Indien beherbergen. In ihnen wird der Mahua doppelt gebrannt und anschließend auf Platin gefiltert. Kleine Batches macht man nur, und ist besonders stolz darauf, die alte Tradition, die beinahe durch den Kolonialismus und die darauf folgende indische Prohibition zerstört war, wieder aufleben zu lassen. Die sechs Brüder, die dem vorliegenden Brand als Namensgeber dienen, sind Khurshedji, Faramroze, Rustomji, Kuvarji, Nanabhoy und Jehangirji, ihre Geschichte geht zurück bis 1885, seit 1922 wurde in ihrem Namen Mahua kommerziell hergestellt, bis die eben genannte Prohibition im nun unabhängigen Indien zuschlug und nach dem britischen Kahlschlag erneut alles verloren schien; und gute hundert Jahre später greift man die Tradition wieder auf, zum dritten Versuch, diese traditionelle Spirituose für den breiteren Markt verfügbar zu halten. Mahua trinkt man üblicherweise pur, vielleicht leicht verdünnt, gerne zusammen mit würzigscharfen Snacks, und aus Trinkgefäßen aus Ton, besonders bei festlichen Gelegenheiten. Ich gieße mir erstmal ein paar Schlucke in ein normales Verkostungsglas ein, bevor ich mich an die traditionelle Konsumweise wage.

Six Brothers Mahura

Der Mahua ist ungereift und ungefärbt, hat eine kristallklare Transparenz und keine optischen Fehler. Man sieht beim Drehen des Glases eine gewisse Öligkeit, aber keine Schwere; es bilden sich vereinzelt fette, wenig abgegrenzte Beinchen, die eine Weile am Glas haften bleiben.

Für die Nase kommt es durchaus exotisch, aber auf eine unerwartete Weise. Zunächst erhält man eine volle Dosis erdiger Wurzeligkeit, dazu frisch abgeschälte Kartoffelschalen – diesen Aspekt hätte ich bei einem Blütendestillat nicht als erstes erwartet. Danach findet eine tropische Fruchtigkeit den Weg nach vorn, Litschi und Guave, und etwas grüne Ananas. Das passt insgesamt besser zueinander, als es vom Wortlaut her klingen mag, und baut eine angenehme Spannung auf. Recht grün im Eindruck, würde ich sagen, unreife Früchte, ein bisschen frisch geschnittenes Gras, noch mit etwas Erde dran, und mit etwas noch mehligem Weißdorn und herber Vogelbeere. Ingwerschale und Topinambur könnte man auch noch erkennen. Man merkt, da ist viel zu entdecken, ohne dass der Brand sich wirklich aromatisch dramatisch zeigt, eine recht klare Struktur transportiert dies alles.

Six Brothers Mahura Glas

Ein süßer, sehr leichter und texturell dennoch weichrunder Antrunk startet den Geschmackseindruck, das liegt sehr angenehm im Mund, mit der fortgesetzten Klarheit in der Struktur, ein wirklich feines, elegantes Mundgefühl. Die Aromatik zeigt sich dabei ähnlich zusammengesetzt wie schon gerochen, eine gut funktionierende Mischung aus Erde, Wurzel, tropischer Frucht, herber Beere und einem grünen Aspekt. Die Exportvariante, die ich vor mir habe, weist 40% Alkoholgehalt auf, diese sind hervorragend eingebunden und bringen nur ein leichtes, mildes Prickeln im späten Verlauf hervor, wenn sich zur Grundsüße auch eine ausgleichende Säure dazugesellt. Im Abgang wirkt der Six Brothers Mahura minimalst astringierend, wird hier herber mit ganz dezenter Bittere, aus der dann endlich auch die Floralität erblüht, die ich vom Basismaterial irgendwie die ganze Zeit erwartet hatte. Weiße Blüten, dann mehr als nur ein Touch Lilie und Geranie, dominieren den Nachhall dann für eine ausdauernd lange Zeit, während auf der Zunge ein bisschen Salzigkeit und weißer Pfeffer liegt.

Eine besondere Spirituose, die für mich insbesondere in dieser wirklich besonders eleganten Struktur und dem aromatisch äußerst unterhaltsamen Abgang und Nachklang zeigt, was sie kann. Vielleicht liegt sie jemandem, der mit deutschen Kräuter- und Pflanzenbränden verbunden ist, näher, als die weite Entfernung zwischen den Ländern es vermuten lässt; wer die (wahrscheinlich aktuell sehr kleine) Chance nutzen kann, so etwas wie den Six Brothers Mahura zu probieren, darf sie jedenfalls sicher nicht ungenutzt verstreichen lassen.


Natürlich ist die Anzahl an Cocktailrezepten, die spezifisch nach Mahua als Hauptspirituose verlangen, sehr übersichtlich. Auf der Homepage von Six Brothers werden verschiedene Rezepte vorgestellt, vom einfachen Long Drink bis zum elaborierten Vielzutater. Mich hat direkt der Jade Goddess angesprochen, neben dem schon seltenen Mahua muss man sich auch noch Gurkensaft machen (eine Gurke hat zwar gefühlt viel Wasser, sie gibt es aber nur wiederwillig her, wie ich beim Entsaften feststellen musste). Natürlich muss man Koriander mögen, ich liebe ihn, darum finde ich diesen Drink einfach großartig.

Jade Goddess Cocktail

Jade Goddess
3 Zweige Koriander und einen Limettenschnitz im Shaker muddeln
2oz / 60ml Mahua
2oz / 60ml Gurkensaft
½oz / 15ml Zuckersirup
⅓oz / 10ml Limettensaft
5 Tropfen Tabasco
Auf Eis shaken. Doppelt auf einen großen Eiswürfel abseihen.
Dekorieren mit einer Gurkenrinde, Koriander und einer Blüte.

[Rezept nach Six Brothers]


Sehr hübsch ist die Flasche gestaltet, mit vielen im Glas eingelassenen Details und einer Form, die dem Anspruch, eine hochwertige, traditionelle Spirituose zu beinhalten, sehr gerecht wird. Der Kunststoffkorken wird von einem schönen Holzdeckel gekrönt; die Etiketten sind ausgesprochen ansprechend in ihrem blauweißgoldenen Design, sie machen klar, dass wir hier eine besondere Flüssigkeit vor uns haben.

Ich bin ja auf dem theoretischen Wege zu Mahua gekommen – die Beschreibung, die Rojita Tiwari und Ulric Nijs für die aktuellen Spirits Guidelines, dem offiziellen Handbuch für Juroren bei Spirits Selection by CMB, formuliert hatten, hat mich sofort fasziniert; das tatsächliche Selbstprobieren kam erst später; und inzwischen habe ich erfahren, dass bei der letzten Ausgabe des Spirituosenwettbewerbs in Mexiko der Six Brothers Mahura auch eine Silbermedaille erhalten hat. Das muss man einordnen, es ist kein einfach zu bewertendes Destillat, das mit Erklärung ganz sicher noch besser funktioniert als blind, und umso wertvoller ist so eine Silbermedaille zu sehen. Extrem erfreut war ich, dass Rojita ein Flasche davon für die traditionell gewordene Privatverkostung besonderer Spirituosen am Abend mitgebracht hatte, die ich mir, nachdem die Juroren ein bisschen davon probiert hatten, gemopst und mit nach Deutschland gebracht habe. Ein so tolles Netzwerk hilft also enorm bei der Jagd nach dem verlorenen Traditionsbrand!

Bier am Freitag – Herz & Heimat Niko’s Pils

Das Saarland hat eine lange Brautradition, die in den 90ern, 00ern und 10ern stark gelitten hat, wie ich schon oft berichtet hatte. Doch die letzten Jahre haben jungen Kreativbrauereien viel Aufschwung beschert, auch im Saarland – eine davon ist die Bierbrüder Braumanufaktur in Rohrbach, einem Ort ungefähr 10km vor Saarbrücken. Von dort stammt die Marke Herz & Heimat, unter der zum Beispiel das Niko’s abgefüllt wird, ein „Craft Beer Saar“, wie der Untertitel auf dem Etikett anpreist, stilistisch gesehen ist es ein Pils, das mit den Aromahopfen Taurus, Citra, Saazer, Saphir und Perle eingebraut ist und somit dem Pilstrinkerland Saarland sehr entgegen kommt – wenn sich auch die klassischen Urpilstrinker an eine doch andere Aromatik gewöhnen müssen.

Herz & Heimat Niko's Pils

Ein sehr dunkles Süßsenfgelb präsentiert sich im Glas, mit einer beinahe vollständigen Durchtrübung, die nur einzelne Lichtreflexe durchstoßen können und einen leicht opalisierenden Effekt erzeugen. Der Schaum ist dick und kräftig, ausdauernd, und wird durch starke Perlage gespeist.

Ein feiner Aromahopfenduft liegt über dem Bier, kombiniert sich mit dem Bitterhopfen, und kreiert so eine mildfruchtige Frische, die noch stiltypisch für ein Pils ist, aber durchaus einen Twist darauf zeigt. Litschi, Orangenzeste, aber auch ein bisschen Fichtennadel und Harz, mir gefällt das sehr.

Das Mundgefühl ist cremig und voll, dicht, hält aber eine klare Kante aufrecht, und kombiniert eine ganz dezente Süße mit aktiver Herbheit und knackiger Säure. 40 IBU sind angegeben, die spürt man auch, insbesondere im bittertrockenen Abgang, wenn sich das Niko’s rauh in den Rachen legt. Die Fruchtaromen sind im Antrunk da, geben aber im Verlauf deutlich dem Hopfen den ersten Platz in der Sensorik ab, hier dominiert dann auch eine ganz mildsalzige Würze, die den Gaumen aktiviert und zum Prickeln bringt; die Rezenz fühlt sich hervorragend an, ein wirklich frisches Pils mit grandioser Spannung, und das sage ich als bekennender Pilsskeptiker.


Die Flasche habe ich von dem Biertasting mitgenommen, das ich im April 2025 dort mitgemacht hatte. Ein paar Eindrücke in Bildform sollen das Event beschreiben.

5 Biere haben wir direkt in der Produktionshalle bei Herz und Heimat probiert, vom Hellen über ein Weizen und ein Pale Ale bis zum Dunklen – und das Niko’s Pils natürlich auch, ein herzhaftes Essen aus Weißwürsten mit Brezeln und später auch noch frisch gebackener Fleischkäse (im Saarland braucht man ordentlich Essen bei so einem Event!) Ein sehr gut gelaunter Brauer erklärte die Historie dieser kleinen Brauerei, und dann auch die technischen Schritte, die fürs Bierbrauen nötig sind. Ein Bier direkt aus dem Zwickelhahn krönte die Begehung der Brauerei in St. Ingbert. Ich empfehle dieses Tasting jedem, der Spaß an gutem Bier hat, und die Biere von Herz und Heimat sowieso!

Drei Hähne und kleine Wurzeln – Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra

Raicilla, die „kleine Wurzel“, darf man in Deutschland durchaus als obskure Spirituose bezeichnen. Eigentlich nur der, der sich schon etwas ausgedehnter mit mexikanischen Agavenbränden auseinandergesetzt hat, kennt ihn hierzulande, probiert haben ihn tatsächlich wahrscheinlich noch weniger. Raicilla ist eine der vielen Herkunftsbezeichnungen, mit denen Mexiko seine traditionellen Produkte schützt, auf einer Stufe mit Tequila, Mezcal, Bacanora, Sotol und Charanda bei den Spirituosen, aber auch Habaneros, Kaffee und Kakao aus bestimmten Regionen bei Genussmitteln. Zwei Stile gibt es – Raicilla de la Costa, und Raicilla de la Sierra, im Namen sagen sie schon, dass sie in unterschiedlichen Gebieten hergestellt werden, ersterer in den wärmeren, feuchteren Regionen an der Pazifikküste, letzterer in den trockenen, hochgelegenen Bergen der Sierra Madre, und sie unterscheiden sich wegen dieser dramatisch verschiedenen Klimazonen, unterschiedlicher verwendeter Agavenspezies und Herstellungsmethoden doch recht deutlich in der Sensorik. Die Hersteller eines solchen Raicilla de la Sierra habe ich während meines Mexiko-Aufenthalts 2025 für Spirits Selection by CMB besucht, und natürlich eine Flasche davon mit nach Hause gebracht.

Um die Taberna Tres Gallos zu finden, fährt man in Jalisco von Guadalajara 150km westwärts in Richtung Mascota die schmale, sehr holprige und sich windende Ruta 70 hoch in die Sierra Madre Occidental, muss ein paar Berge überqueren, an denen sich Nebel sammelt. Am Rande des Nirgendwo auf 1400m Höhe findet man dann die Hacienda de Ahuacatepec, die dort seit 360 Jahren steht, und auf deren Gelände die Taberna Tres Gallos – „Taberna“ ist der Name für eine Brennerei in dieser Region Mexikos. Der Löwenanteil des dort, wie auch anderswo, hergestellten Raicilla ist ungereift, darum fand ich den Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra besonders spannend: er wird nach der Destillation für die für die Altersangabe „añejo“ nötige Mindestdauer von 1 bis 3 Jahren in Fässer aus amerikanischer Weißeiche gelegt. Die Marke Asil ist für Raicilla die erste, die den vollständigen Holzreifungsprozess mit eigenen Destillaten versucht hat, schon vor der Festlegung der DO für Raicilla im Jahr 2019; man hat also durchaus Erfahrung damit gesammelt. Meine Flasche stammt aus Fass #19, hat die handeingetragene Flaschennummer 1709. Die Agave Maximiliana dafür stammt vom Feld mit dem Namen „Salitre“, sie wurde im Jahr 2021 nach 7 Jahren Wachstum geerntet. Der Alkoholgehalt beträgt 45%, ist damit im mittleren Bereich der erlaubten Werte. Natürlich stelle ich nach den Tasting Notes auch den Produktionsprozess und die Pflanze, auf der der Raicilla beruht, vor. Jetzt aber erstmal ans Glas!

Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra

Man ahnt es schon von der Flasche her, aber im Glas wird es richtig deutlich – die Farbe ist ungewöhnlich. Es ist eine Art grünbraun, der grüne Einschlag ist dabei noch stärker als der braune. Selten hat man eine Spirituose, die nicht künstlich gefärbt ist, in diesem Ton vor sich. Die Viskosität ist ansprechend, es entstehen dickköpfige Beine an der Glaswand, dennoch wirkt der Raicilla beim Schwenken lebendig.

Nicht, dass es in der Nase wirklich weniger ungewöhnlich weitergehen würde. Man erschnuppert eine erstmal eine kräftige Note der gekochten Agave, sowohl süßlich und leicht karamellig, als auch vegetabil grün, sehr pflanzlich, mit einer Erinnerung an einen Tequila. Vanille und Cremepudding bilden einen Unterbau darunter, sie stammen sicherlich aus der Fassreifung, sind in angenehmen Maße vorhanden und erdrücken die Agave nicht. Bis hierher mag man denken, ja, das klingt bekannt, vielleicht ein Reposado – doch da täuscht man sich, eine sehr laktische Note ist im zweiten Ansatz des Asil Añejo erkennbar, eine Art cremiger Joghurt, verbunden mit einem durchaus säuerlich-herben Touch, der an Balsamico-Essig erinnert. Spannend ist, dass diese laktische Seite nicht beständig da ist, sie wabert immer wieder auf, taucht dann ab, kommt wieder hervor. Ein Hauch von Erdbeere schwingt dabei auch mit. Etwas, auf das man sich einlassen kann und vielleicht auch muss.

Taberna 3 Gallos Asil Añejo Raicilla de la Sierra Glas

Am Gaumen spielt sich diese ungewöhnliche, variable Art ganz genauso ab. Vom süßlich-pflanzlichen Antrunk an bildet sich die runde, erwachsene Textur sowohl in Breite als auch Tiefe ab, ohne wirklich je Schwere oder Cremigkeit aufzubauen, das legt sich trotzdem weich an die Schleimhäute. Im Verlauf trocknet der Asil Añejo deutlich aus, wird herber, frischer, klarer, und auch durchaus pikant – man findet aber dennoch keine unangenehme Astringenz oder störende Hitze. Die laktischen Aspekte sind zu Beginn stärker da, verlieren sich im Verlauf, werden durch tannische Bittere, pflanzliche Herbe und gewürziges Prickeln ersetzt, und dann nimmt auch die Agave erkennbar immer mehr Fahrt auf und drängelt sich in den Vordergrund. Der Abgang ist wunderbar sanft, aber weiterhin nicht gelangweilt, und im Nachhall kombinieren sich Agave, Vanille, Cremejoghurt und ein paar schokoladige Noten einem sehr komplexen, ausdauernd anhaltenden Endbild, das wirklich ausgesprochen schön wirkt.

Besonders hebe ich hervor, dass die ursprüngliche Typizität eines Raicilla nicht durch die Fassreifung zerstört wurde, man beweist hier, dass ein bisschen Holzeinfluss dem Destillat gar nicht schadet. Der Asil Añejo ist ein gelungener Versuch, die Spannbreite von Raicilla zu erweitern, und sich dennoch nicht wirklich vom Ursprung zu entfernen. Ein komplexes Ergebnis, mit viel Spannung in der Sensorik, und ein wunderbares Spielfeld für alle Spirituosenfreunde, die sich offen für besondere Eindrücke zeigen.


Sucht man im Internet nach „raicilla cocktail“, um sich Inspiration zu holen, ist der erste Treffer direkt der Murder by Numbers. Man mag mir jetzt Oberflächlichkeit vorwerfen, wenn ich den hier als Beispiel zitiere, denn es gibt doch eine überraschend erkleckliche Anzahl an Rezepten, die Raicilla als Basisspirituose heranziehen (man sieht, ich habe nach dem ersten Treffer noch weiterrecherchiert). Ich nehme den hier einfach, weil er sich bei meinen Versuchen als wirklich ausgesprochen schmackhafter Drink herausgestellt hat, und man ja irgendwo anfangen muss. Also ist die Rezeptempfehlung nicht wirklich inspiriert, aber ehrlich! Ich bringe noch zwei aus Mexiko mitgebrachte Details an, einen halben Rand aus Skorpionsalz, und zwei bunte Totopos, Chips aus Maismehl.

Murder by Numbers Cocktail

Murder by Numbers
1¼oz / 37ml Raicilla
¾oz / 23ml Granatapfelsaft
¾oz / 23ml Zitronen-/Limettensaftmix
½oz / 15ml Kaffeelikör
¼oz / 7ml Granatapfellikör
1 Tropfen Angostura Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Noah Small]


Die Wachsschicht um den Flaschenkopf ist etwas, worauf ich sehr gerne verzichten würde; hier ist es zumindest benutzerfreundlich so gestaltet, dass ein schwarzes Klebeband die Flaschenlippe schützt und so, wenn man es abzieht, keine Wachskrümel in die Flasche fallen. Ansonsten ist die Flasche sehr schwer, das quadratische Format macht was her, die Etiketten sind stilsicher gestaltet, aber dennoch passend zum rustikalen Inhalt, vor allem, sie enthalten handfeste Informationen über Herstellung und Hintergrund des Brands.

Wie Raicilla hergestellt wird, will ich gar nicht theoretisch erläutern, denn ein paar Bilder sprechen eben immer mehr als tausend Worte. Der Besuch der Taberna 3 Gallos war wieder mal ein besonderes Erlebnis, es ist immer wieder begeisternd, tatsächlich selbst zu sehen, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken, dadurch entwickelt sich eine besondere Beziehung zu einer Spirituose, und Fausto Romero zeigte uns alles im Detail. Der Steinofen, „horno“, dient dazu, die Agavenherzen zu kochen, dadurch karamellisieren die Zucker und bilden den „aguamiel“. Die Agave wird dadurch ganz braun und schmeckt sehr süß, dabei auch würzig, erinnert an Honig. Man sieht in der gekochten Agave noch die Fasern der Pflanze. Aus diesen Stücken wird mit einer Presse der Saft ausgepresst und anschließend in Edelstahltanks fermentiert, mit wilden Hefen der Umgebung – sehr unterhaltsam ist die Tatsache, dass bei Laboruntersuchungen auch die Laktobazillen der nahegelegenen Käsemanufaktur gefunden wurden, die zum einmaligen Charakter dieses Raicillas beitragen. Nach dem doppelten Brennen in einer Edelstahl-Brennanlage ruht der Brand etwas und wird dann entweder in Flaschen abgefüllt oder in Fässer aus Eiche eingelagert, geschätzt zwei Dutzend davon liegen im Reifekeller der Taberna, und eine Flasche daraus habe ich oben ja eben vorgestellt.

Natürlich muss ich auch die Pflanze zeigen, die die Basis für dies alles ist. Zum Löwenanteil wird Raicilla de la Sierra aus der Agave Maximiliana gemacht, andere Agavenspezies wie Inaequidens, Valenciana und Angustifolia sind in Verwendung, aber deutlich seltener. Die Fotos zeigen zu Beginn die ausgewachsene, erntebereite Pflanze, sie benötigt mindestens 7 Jahre, um in diesen Zustand zu kommen. Die Stacheln sind scharf und gefährlich, es braucht einen erfahrenen Jimador, um so eine wehrhafte Agave zu verarbeiten. Die Blätter werden abgetrennt und nicht für den Raicilla verwendet, ihre Innenstruktur weist aber auch erkennbar Fasern auf, aus denen früher manchmal Stoffe gewonnen wurden. Die Agave Maximiliana pflanzt sich über Samen fort, ist diesbezüglich anders als andere Agavenspezies; sie sind in diesem kontrastreichen schwarzweiß gehalten und wachsen an dem „Quijote“ genannten Stengel, der nur einmal im Leben einer Agave wächst und mehrere Meter hoch werden kann. Aus den Samen wird in langdauernder Arbeit über ein Jahr eine kleine Pflanze gezüchtet, und diese wird sorgsam auf die Felder verbracht und wächst dort über mindestens 7 Jahre. Wie bei Tequila und Mezcal wird nur die Piña, das Herzstück, fürs Destillieren verwendet, es ist viele Kilogramm schwer und weist auch ohne Blätter viele winzige, haarähnliche Stacheln auf, die Brennen auf der Haut verursachen. Auf dem Feld der Taberna wächst die Maximiliana nicht wie die blaue Weberagave in Tequila in Reih und Glied, sondern eher in einer bunten Mischpflanzung, an Hängen, auf Ebenen, mit Steinen, Sträuchern und Bäumen zusammen, eine Kulturlandschaft, die sehr ansprechend ist.

Die Taberna Tres Gallos ist der größte Produzent von Raicilla de la Sierra überhaupt, und man sieht schon, dass alles (bis auf die Anbaufläche der Agave selbst, natürlich) auf einem sehr kleinen Areal stattfindet, die Produktionsmittel sehr überschaubar sind. Daraus lässt sich ableiten, dass die meisten anderen Brenner mit noch sehr viel rudimentäreren und eingeschränkteren Mitteln arbeiten; einer der Racillieros, mit dem ich dort sprechen konnte, macht nur 5000 Liter im Jahr. Man hat den Eindruck, dass alle Brenner dort durchaus Interesse an Expansion und Export ins Ausland haben; das Produkt ist erklärungsbedürftig und nicht einfach, und so eine Idee kann nur funktionieren, wenn die Agavennerds zusammenarbeiten und das Wissen über so traditionelle Destillate verbreiten. Einerseits wünsche ich den Raicilleros den ökonomischen Erfolg, andererseits hoffe ich für sie, dass sie sich dabei selbst und ihrem Raicilla gegenüber treu bleiben können und ihn nicht so kommerzialisieren, wie das Tequila getan hat. Im Moment haben derartige Brände eine Chance auf dem Weltmarkt, auch wenn diese Chance sich natürlich in einer winzigen Nische abspielt – vielleicht habe ich mit diesem Artikel ein paar Leute geködert, mit in eine besonderen Welt abzutauchen, die noch Handwerk, Tradition und eine gewisse Mystizität am Leben erhält, statt nur reine Konsumprodukte herzustellen.

Der erste seiner Art – Hernö Juniper Cask Gin

Für die BRANNT 2025 des Meininger Verlags hatte ich einen kleinen Artikel geschrieben, in dem ich auf interessante Alternativen zur gewöhnlichen Eiche eingehe, was die Auswahl von Hölzern für Fassreifung angeht. Das Magazin ist gerade erschienen, ich würde mich freuen, wenn viele Leser hier auf meinem Blog auch mal in das Printmagazin reinschauen. Während der Recherche für diesen Artikel habe ich mich entsprechend mit ungewöhnlich gereiften Spirituosen beschäftigt; da kamen Eschen- und Robinienfässer in die Auswahl, Kiri und bosnische Eiche, und zu guter letzt etwas, was wirklich rar ist: Wacholder. Ja, das Holz der Pflanze im Einsatz in der Küferei, nicht die Beeren, die ja jeder kennt. Nur eine winzige Menge an Spirituosen werden in Wacholderholz gereift, und ich kann ja keinen Artikel darüber schreiben, wenn ich nicht probiere, wie sowas schmeckt. Darum habe ich mir eine Flasche des Hernö Juniper Cask Gin organisiert, und will meine Erfahrungen nun detailliert mit meinen Lesern teilen.

Ein Gin ist in der EU und vielen anderen Regionen dahingehend reguliert, dass Wacholder das dominante Aroma sein muss, das wissen wir alle, und die Hersteller beginnen, sich wieder daran zu halten, nach einer ganzen Weile des New-Western-Gin, das sich für mich wie eine Wildwest-Show darstellte, in der alles erlaubt war und jeder aromatisierte Wodka plötzlich als Gin bezeichnet wurde. Bei Hernö in Schweden ist das Basisdestillat natürlich ein echter Dry Gin, botanikalisiert mit Wacholder, Koriandersamen, schwarzem Pfeffer, Cassiazimt, Vanille, Preiselbeeren, Mädesüß und Zitronenschale, also bunt, aber nicht übertrieben, und alle Zutaten sind in Bioqualität eingekauft, wenn auch ohne Zertifikat. Dieser Dry Gin kommt dann in die Wacholderfässer – selbstgemacht in der Destillierie, mit 40l Fassungsvermögen. Nur 30 Tage, das soll reichen, um die Eigenheiten des Holzes an den Gin zu übertragen. Am Ende wird er auf 47% Alkoholgehalt eingestellt. Er ist der erste seiner Art – umso spannender ist die Verkostung!

Hernö Juniper Cask Gin

Farblich hat sich nichts nennenswertes wirklich aus dem Fass heraus ergeben – die Flüssigkeit ist kristallklar, man könnte sich einen minimalsten Anflug von Färbung einbilden, wenn, dann aber nur eine winzige Idee, die man nur sieht, wenn man das Glas gegen reinweißen Hintergrund hält. Ein wenig Viskosität nimmt man dagegen leichter wahr, ebenso die vielen Beinchen und Tröpfchen, die sich am Glas bilden.

Der Geruch ist schon da, wenn die Flasche noch zu ist und man die Bienenwachsschicht vom Stöpsel schnitzt. Wacholder in voller Ausprägung, das dominiert völlig, und erst im Nachgang findet man die etwas weicheren Botanicals, die zartfruchtige und mildkräuterige Seitenaspekte anlegen. Preiselbeeren, ja, und vielleicht milde Orangenzeste. Gerade die feine Zestigkeit und dezente Harzigkeit spielt dem Wacholder gut in die Hand. Das riecht im Gesamtbild sehr frisch und klar, stringent, und vielleicht ist es das Wacholderholz, das die Komponenten so sauber zusammenhält, ohne dass sich die Botanicals weit vom Wacholder entfernen können. Mit etwas Offenstehzeit kommen sehr feine, blumigkräuterige Noten zum Vorschein.

Hernö Juniper Cask Gin Glas

Erstmal fällt einem die fette Textur auf, wenn man sich dann einen Schluck auf die Zunge legt. Richtig dick und breit, süß und schwer. Danach kommen holzig-erdige Töne auf, vielleicht aus dem Zimt, dem Pfeffer, und natürlich dem Wacholder. Ordentlich Feuer bildet sich im Verlauf, pfeffriges, eukalyptuskaltes Kribbeln auf der Zunge. Würze und Alkohol sind gut eingestellt, im späteren Verlauf kommen die Fruchtaspekte etwas deutlicher hervor, ohne die grundsätzliche Herbe und freche Kräuterigkeit einzuschränken, höchstens zu ergänzen, gerade die Preiselbeere wirkt wunderbar natürlich. Bittere aus Holz und Harz ist unterschwellig immer da, der lange und ausdauernde, ganz vorsichtig salzige Abgang lässt dem Wacholder viel Raum, sich mit Vanille und einer Kräuterwiese zu einem sehr prägnanten Nachhall zu kombinieren.

Ich glaube, sogar ohne das Wacholderfassfinish wäre das ein großartiger, wacholderlastiger Gin, wie ich ihn sehr mag – mit dem Holzeinfluss, der wirklich dezent und trotzdem irgendwie spürbar ist, wird daraus eine krasse Wacholderbombe, die dem wahren Ginfreund sehr viel Spaß bereitet. Ungewöhnlich und trotzdem ohne plärrende Exotik, das ist feines Handwerk aus Schweden.


Die subtilen Wacholderholznoten und die gut platzierten Botanicals lassen diesen Gin auch in jedem bekannten Gindrink brillieren, doch so richtig cool wirkt er dann halt in Rezepturen, bei denen er seine Besonderheit auch ein bisschen zeigen darf, ohne von starken anderen Zutaten überdeckt zu werden. Der Pintxotini ist praktisch ein Wet Dirty Martini, der Gilda-Spieß aus Kapernäpfeln oder Oliven, Sardellen und Chilis bringt weitere Salzigkeit dazu. Eine ideale Spielwiese für den Hernö Juniper Cask Gin!

Pintxotini Cocktail

Pintxotini
2oz / 60ml Dry Gin
1oz / 30ml trockener, weißer Wermut
¼oz / 7ml Olivenlake
Auf Eis rühren. Mit einem Gilda-Spieß servieren.

[Rezept nach Sarah Morrissey]


An der Flasche findet sich wenig aufregendes, das Design hat sogar wirklich etwas sehr Reduktionistisches bis hin zum Amateurhaften, aber die Nordeuropäer mögen es ja so, das fühlt sich durchaus IKEA-ähnlich an. Das vierfach handgetauchte Bienenwachs über dem Stöpsel ist so eine Sache, die ich bei keiner Spirituose wirklich mag, das ist meines Erachtens nur lästig und hat keinen Vorteil – wenn es wenigstens nach Bienenwachs riechen würde, könnte ich dem vielleicht etwas abgewinnen.

Ein sehr unterhaltsames und spannendes Experiment, das die Schweden da gemacht haben. Wir werden nie viele derartige Spirituosen sehen, das Holz des Wacholders ist einfach zu schwer zu nutzen, einerseits wegen des Schutzstatus in vielen Ländern, so dass der Strauch gar nicht erst geschlagen werden darf und die Ausbeute für ein Fass darum nur schwer zu erreichen ist; andererseits ist das Holz auch mühselig für den Küfer zu bearbeiten, weil es harzig und widerspenstig ist. Gerade darum finde ich den Hernö Juniper Cask Gin so besonders – kreativ und ungewöhnlich. Sieht man wirklich nicht alle Tage!

Alt und Frisch – Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO

Ein paar mal haben wir in der Vergangenheit schon über Fermentation gesprochen, und als ich vor ein paar Tagen in Mexiko unterwegs war, war das natürlich auch immer ein Thema. 48 Stunden, manchmal 72 Stunden, das war für viele Tequilas schon eine lange Zeit. Die Rumkenner unter uns halten das natürlich für nicht besonders lange, wir sind da ganz andere Zeiten gewohnt – zum Beispiel 8 bis 14 Tage, die man für einen Zuckerrohrsaftrum wie den Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO bei der Oxenham Craft Distillery auf Mauritius im Indischen Ozean aufwendet. Es handelt sich dabei um eine kalte Fermentation bei 18° – 20°, dies ist nicht trivial zu machen, da bei der Gärung ganz selbstverständlich schnell Wärme entsteht, die man unter Kontrolle halten muss.

Die restlichen Daten sind in üppigem Ausmaß ohne große Recherchearbeit verfügbar, etwas, was ich immer sehr schätze an hochprozentigen Produkten. Das verwendete Basismaterial ist der Saft aus einer Mischung aus rotem und gelbem Hybridzuckerrohr, nach der oben beschriebenen Langfermentation wird in Kupferbrennapparaten batch-distilliert, und schließlich kommt das Destillat für mindestens 6 Jahre in Eichenfässer, die vorher mit Süßwein, Bourbon und Cognac vorbelegt waren, sowie auch neue Fässer. Batch #001 wird dann auf 43% Alkoholgehalt eingestellt, nicht kaltfiltriert, und kommt so in die Flasche, die den langen Weg von Mauritius ins Saarland angetreten hat und bei mir kaum ankam, als der Korken schon gezogen wurde.

Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO

Heller, klarer Bernstein entstand aus der Mischfassreifung, schöne orangefarbene und goldgelbe Lichtreflexe zeigen sich beim Drehen des Glases im Gegenlicht. Dabei erahnt man auch eine gewisse Viskosität, ohne dass der Brand dabei wirklich ölig oder schwer wirkt, der Oaks & Âmes XO zeigt sich lebendig und hinterlässt trotzdem Beinchen am Glas, die zügig ablaufen.

Ein sehr angenehmer Duft ist wahrnehmbar, wenn man die Nase ins Glas hält. Er wirkt herb und holzig, hat sofort Anklänge von Zedernholz, hellem Tabak und Haselnussschalen. Die Zuckerrohrsaftbasis unterstützt das mit ihrer pflanzlichen, aber nur noch im Ansatz grünen Seite. Deutliche Trockenfrucht kommt vielleicht aus den Süßwein- und Cognacvorbelegungen der Fässer, und auch eine gewisse, ganz dezente Nussigkeit, die mich an Sherry erinnert, ohne sich aufzudrängen. Süßliche Kakaonoten erzeugen noch eine höhere Dichte, grüne Banane und etwas Vanille ergänzen diesen Aspekt unterschwellig.

Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO Glas

Im Antrunk wirkt der Oaks & Âmes XO dann doch sehr viel öliger, als man das vom Anblick hätte erwarten können, er legt sich voll, breit und tief an den Gaumen, initial mit deutlicher, aber natürlicher Süße, später mit pikanter Würze. Karamell, Nougat, Honig und Ahornsirup erscheinen, lassen die holzigen Aromen, die man zunächst erschnuppert hatte, fast vergessen. Sie blitzen im Nachgang im Rachen auf, wenn der Rum trocken und herb wird, und sich deutlich im Eindruck dreht, ohne die Voreindrücke jeweils aufzugeben. Der Nachhall ist dann wieder vom fruchtig vorbelegten Holz bestimmt, balsamisch und hauchig, mit Ideen von Eukalyptus und sogar leicht mentholisch, Ansätzen von schwerer, weißer, exotischer Blütigkeit, und ganz spät dreht sogar der Zuckerrohrsaft nochmal eine Ehrenrunde, und komplettiert damit ein sehr unterhaltsames, abwechslungsreiches und dennoch im Gesamtbild sehr rundes Erlebnis.

Man merkt schon, da hat man viel zu explorieren bei diesem Rum, und das ist eine Qualität, die ich sehr schätze. Ich nehme auch mit, dass im Oaks & Âmes XO kein gemütlicher Schlürfrum seine Rente präsentiert, nein, das ist aktiv, lebendig, frisch und eher etwas für einen warmen Abend auf der Terrasse mit Freunden und einer Zigarre als für den einsamen Absacker vor dem Kamin im Winter; da versteckt er seine Herkunft aus dem Indischen Ozean nicht.


Die Kombination mit Sherry und einem Schuss Kräuterlikör, die das ausgewählte Cocktailrezept vorschlägt, bringt die Fruchtigkeit noch etwas mehr heraus, und in einem Cocktail wie dem Franz I. kann sich der Oaks & Âmes Mauritius Pure Single Rum XO natürlich in voller Pracht zeigen. Ein sehr süffiger Drink, als Digestif macht der wirklich was her, vielleicht nach einem würzigen, exotischen Essen, wenn man den Mundapparat in eine frischere, aber weiterhin anhaltend aromatische Richtung drehen will.

Franz I. Cocktail

Franz I.
2oz / 60ml gereifter Rhum agricole
½oz / 15ml Sherry Amontillado
1 Teelöffel Chartreuse jaune
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Armin Zimmermann]


Das Etikett hat Stil, weiße Schrift auf grünem Untergrund mit goldenen Details, und der Karton als Geschenkverpackung macht was her. Der einzige kleine Kritikpunkt, der mir einfällt, ist die Flaschenform – mit rund oben und oval unten werde ich nicht so recht warm, das sieht irgendwie verdreht aus. Doch wenn solche Oberflächlichkeiten schon die negativen Punkte ausmachen, weiß man, dass man mit diesem Rum sich was wirklich Ordentliches ins Haus holt.

Ein Alleskönner, mit dem jeder Rumfreund zufrieden sein wird, sei es ein Geschenk für einen Anfänger, oder der Kauf für die eigene Hausbar des bereits Fortgeschrittenen, der die Welt des Rums außerhalb der absolut ausgetretenen Pfade verfolgen will. Mauritius hat soviel Potenzial, das es weiterhin zu heben gilt!

Offenlegung: Ich danke FFL Rum Brands für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Flasche.

Exotisches Unterfranken – Edelbrennerei Dirker Geist von der Drachenkopfblume

Es kommen immer wieder mal völlig exotische Spirituosen zu mir, die ich noch nie probiert habe, und bei denen ich mir nicht mal aus einer Beschreibung heraus vorstellen kann, wie sie schmecken. Vor ganz kurzem erst ein Maniok-Destillat aus Paraguay zum Beispiel, oder ein philippinischer Lambanog, oder Cashew-Feni und Mahua aus Indien. Ich finde es toll, dass nach über 10 Jahren extensiver Beschäftigung mit Spirituosen es sich trotzdem immer etwas Neues finden lässt, das einem die Geschmacksknospen nochmal anregt und den Horizont erweitert, denn zu solchen raren Spezereien kommen natürlich immer die Hintergrundinformationen und oft auch kulturelle Eigenheiten, die es zu erfahren gilt. Hin und wieder muss man dafür nichtmal nach Paraguay oder die Philippinen fliegen, sondern findet das Geheimnisvolle, Exotische sogar an Orten wie dem unterfränkischen Mömbris.

Von dort stammt nämlich der Geist von der Drachenkopfblume der Edelbrennerei Dirker. Ganz ehrlich – wer von meinen Lesern kann sich vorstellen, wie so etwas schmeckt? Die Drachenkopfblume (auch moldawische Melisse oder türkischer Drachenkopf genannt) ist ein gehaltvoller Lieferant für ätherische Öle, und Arno Dirker machte im Jahr 2022 aus selbstangepflanzter Drachenkopfblume entsprechend diesen Geist. 14 Tage wurden 20kg der geernteten Blumen in Neutralalkohol mazeriert, und anschließend über 12 Stunden in einem Rosenhut-Kessel, der mit Holz befeuert wird, destilliert. Eine gewisse Ruhezeit braucht er, dann kommt er in die Flasche – und schließlich zu mir, der beim Stöbern im umfangreichen Schnapsportfolio der Edelbrennerei Dirker sofort darüber gestolpert war und ihn haben musste. Selten war ich so gespannt, wie sich so ein Destillat sensorisch präsentiert!

Edelbrennerei Dirker Geist von der Drachenkopfblume

Komplett klar, ohne Partikel oder Trübung, mit ausgeprägten silberfarbenen Lichtreflexen. Deutlich viskos im Glas, mit schwerem Schwenkverhalten, das eine fransige Linie erzeugt, aus der sich dicke Tropfen bilden, die dann in Beinen ablaufen.

Ein betörender Duft entströmt dem Glas – selten genug passiert es mir, dass ich verblüfft die Augen aufreiße, weil ich etwas rieche, was ich so nicht kenne oder erwarte. Entsprechend schwer fällt mir, das zu beschreiben; da ist jedenfalls Melisse, Zitronengras und Bergamotte als erste Attacke, darunter etwas Heu und Vogelbeere, also etwas herbere Komponenten, und dann eine kompottige, exotische Fruchtmischung aus Mango und unreifer Guave, aber auch altbekannte Erdbeere, Holunderbeere und Mandarinenschale. Frisch und klar wirkt das trotz all der unterschiedlichen Fruchteindrücke, eine ganz milde, grüne Pflanzlichkeit und die Heuaromen deuten auf das Basismaterial hin. Ein Hauch von Menthol schwingt mit, ohne dass es sich aufdrängt, und ein winziges Element von Süßholz. Unglaublich spannend, erfrischend, ungewöhnlich und etwas, woran man wirklich lange schnuppern kann und man immer neue kleine Details findet.

Edelbrennerei Dirker Geist von der Drachenkopfblume Glas

Am Gaumen präsentiert sich zunächst eine ansprechende Textur, voll und rund, durchaus mit leichter Öligkeit versehen, ohne schwer zu wirken. Natürliche Süße breitet sich schnell aus, sie macht die prägnanten Zitrusnoten weich und abgerundet statt spitz. Malzig und heuig entsteht ein Eindruck eines Hustenbonbons mit Zitronengeschmack, im Verlauf wird der Geist herber, trockener und immer mehr ins Kräuterige gehend. Bergamotte blüht auf, Mandarine und Bitterorange. Gegen Ende wird der Geist leicht floral, erkennbar bitter, leicht astringierend im hinteren Rachenbereich, Spucke fließt üppig nach. Zestig wirkt das, Grapefruit vielleicht, und ganz spät dann auch grün und vegetabil, erinnert dann an Blattschnitt und Fichtensprossen. Der Nachhall ist lang und frisch, kombiniert nochmal all die Aromen von Zitrus, Heu, Malz und Geranien.

Eine ausgesprochen überraschende Spirituose, komplex und vielgestaltig, dabei sehr trinkig und unkompliziert. Da fragt man sich, warum so ein hervorragendes Geschmacksbild nicht viel öfter den Weg in Kräuter- und Obstbrände findet, aber Arno Dirker ist diesbezüglich eben der Künstler, der nicht nur mit den üblichen Farben malt, sondern sich in der Natur umschaut und auch den unausgetretenen Pfaden folgt.


Es gibt Drinks, bei denen man denkt, ja, das ist schon gut, aber irgendwie fehlt etwas an Komplexität, um das Bild wirklich unterhaltsam zu machen. Mir ging es so beim Summer Fling – der Zitronenwodka ist einfach nicht so wahnsinnig interessant als Basisspirituose, auch wenn er seine Dienste tut. Ersetzt man ihn aber durch den Geist von der Drachenkopfblume… ach, das macht dann richtig viel Spaß.

Summer Fling Cocktail

Summer Fling
45ml Zitronenwodka
15ml Passionsfruchtlikör
20ml Zitronensaft
10ml Zuckersirup
Auf Eis shaken, auf Eis abseihen, und mit einem Schuss Soda toppen.

[Rezept nach The Mill at Fountain Inn]


Die Edelbrennerei Dirker hat ihre eigenen Flaschen mit ins Glas eingelassenen Details, in zwei Größen, aber in der gleichen Form – die sind hübsch, sehr eigen, wie auch der Inhaber, und fühlen sich gut in der Hand an. Plastikstöpsel verschließen sie.

Es hat sich ja so eine Attitüde herausgebildet, da sind die alten, elitären und traditionellen Obstbrenner in Deutschland, und die jungen, hippen, kreativen Newcomer, die den Markt aufmischen und dem langweiligen Obstbrand neues Leben einhauchen. Das stimmt natürlich so nicht. Wie ordnet man die Edelbrennerei Dirker aber trotzdem auf diesem breiten Spektrum ein? Sie ist kein Betrieb, der schon seit dem 18. Jahrhundert existiert, aber doch schon länger, als manche meiner Leser leben; ich empfinde Arno Dirker als das Bindeglied zwischen diesen Extremen. Er arbeitet sehr traditionell, gleichzeitig aber auch sehr kreativ. Respekt für das Basismaterial, Respekt für das Handwerk, Respekt für Umwelt und Umgebung. So will ich meine Obstbrände trinken.

Vorbereitung für den Ernstfall – Tequila Cascahuín

In wenigen Tagen geht es los – ich reise zum zweiten Mal nach Mexiko. Vor fast einem Jahr war ich für México Selection by CMB in San Luis Potosí, dieses Jahr geht es mit Spirits Selection by CMB ins Herz der Tequilaproduktion nach Jalisco. Guadalajara und Puerto Vallarta werden die Aufenthaltsorte sein, und ich hoffe, wieder ähnlich viel zu erleben, denn Mexiko hat unglaublich viel zu bieten – die herausragende Gastfreundschaft, die lebendige und spannende Kultur, die beste Küche der Welt; und natürlich Tequila. Zur Vorbereitung trinke ich mich mit ein paar Samples ein, die schon viel zu lange bei mir herumstehen, die ich von Alex Huhn von der Mezcaleria Berlin als freundliche Beigabe bei einem Kauf erhalten habe. Es handelt sich um eine Produktreihe, die ich eh schon lange probieren wollte, nämlich Tequila Cascahuín Blanco, Blanco Tahona, Plata 48, Reposado und Extra Añejo.

Für alle fünf gilt, und das ist mir wichtig: Sie sind zertifiziert additiv-frei, garantiert durch die entsprechende Initiative von Tequila Matchmaker, auch wenn es diese aus Gründen (ich verweise hier gerne auf meinen neulich erschienenen Tequila-Artikel im Magazin Fizzz) inzwischen nicht mehr gibt. Aber auch darüber hinaus setzt man auf Qualität: Die Agaven werden erst nach frühestens 5 Jahren Aufwachszeit geerntet, und dann für ungefähr 25 Stunden in einem langsamen und schonenden Verfahren in Steinöfen gekocht, und ruhen schließlich einen Tag, um den gebildeten Agavenhonig ziehen zu lassen, bevor sie zerkleinert und gemahlen werden, in unterschiedlichen Verfahren. Die Fermentation erfolgt in offenen Tanks, ebenso in unterschiedlichen Verfahren, rein mit wilden Hefen der Umgebung. Einzelne Herstellungsdetails für die spezifischen Ausprägungen erwähne ich dann im Kontext. Und nun ran an die Fläschchen!

Tequila Cascahuín

Besonders interessiert bin ich an den Unterschieden zwischen den drei ungereiften Varianten, die sich rein oberflächlich erstmal hauptsächlich über den Alkoholgehalt voneinander abgrenzen. Der Blanco ist auf 40% eingestellt, der Blanco Tahona auf 42%, und der Plata 48 auf 48%. Wir fangen mit dem Cascahuín Blanco an. Für ihn werden die Weber-Agavenherzen in einem Steinofen gekocht, mit einer Rollmühle zerkleinert, und in einem Verhältnis von 70:30 in Edelstahl- bzw. Zementtanks fermentiert. Der erste Destillationsvorgang („ordinario“) erfolgt in einer Edelstahlbrennblase mit Kupferschwanenhals, der zweite für den Feinbrand mit Abgrenzung von Vorlauf, Herz und Nachlauf in einer Brennblase vollständig aus Kupfer.

Tequila Cascahuín Blanco

Klar, fehlerfrei und mit einer wirklich ordentlichen Viskosität versehen ist der optische Eindruck. Die Glaswand ist fett mit Artefakten versehen. Der Duft ist hochtypisch, man nimmt direkt die gekochte Agave wahr, sie dominiert alles. Direkt in Bezug aufs Basismaterial, mineralisch und mit leicht steinigen Aspekten, etwas vegetabil sogar mit viel Grünschnitt und einem Touch von Dill und grünem Tee. Darunter baut sich eine Basis aus Gewürzen auf, schwarzer Pfeffer, Kardamom, ein Anflug von Nelke. Sehr komplex, aber nicht wahllos, sondern klar auf die Agave zielgeführt.

Salzig und trocken vom Antrunk an, beide verstärken sich sogar im Verlauf. Eine subtile, sehr natürliche Süße gleicht einiges aus. Tabak und Tee sind die Geschmackseindrücke, herb und frisch, mit Anflügen von Minze und Lavendel, und einer Kopfnote von Grapefruitzeste. Die Textur ist voll, aber nicht schwer. Im Abgang wird der Cascahuín Blanco knochentrocken, mit leichter Astringenz, und einem warmen, pfeffrigen Kribbeln auf der Zunge, im Nachhall klingt die pure Agave lange und direkt nach.

Ein wirklich sauber strukturierter Tequila, direkt, mit Kraft und ein paar Kanten, die ihn aus der Easy-Drinking- in die Langsam-Genießen-Ecke schieben. Großartig, erwachsen, handwerklich makellos. So muss ein Blanco schmecken.


Die Unterschiede zwischen dem Blanco und dem Cascahuín Blanco Tahona sind subtil, aber vorhanden: erstens wird für die Zerkleinerung eben statt einer Stahlmühle die namensgebende Tahona verwendet; zweitens erfolgt die Fermentation vollständig in Zementgruben, und für die Fermentation wird die Bagasse, also die Fibern, mitverwendet. Auch der Blanco Tahona zeigt sich kristallklar und fehlerlos, das Schwenkverhalten ist ähnlich ansprechend mit erkennbarer Öligkeit und hübschen Beinen an der Glaswand.

Tequila Cascahuín Blanco Tahona

Ich bilde mir ein, in der Nase eine frischere Variante zu finden als beim Blanco. Hier ist der Gewürzaspekt auch etwas mehr herausgearbeitet, man entdeckt Kardamomkapseln, Koriander und schwere Spearmint, Anflüge von Thymian und Rosmarin. Natürlich sind das Nebeneffekte, auch hier ist die Agave die klare Herrscherin der Aromen, sie wirkt aber edler eingebettet in ein Kräuterbett. Genauso geht es mir am Gaumen – die Aromen und die Textur wirken einen Hauch feiner im Antrunk, leichter und frischer; im Verlauf zeigt sich aber auch, dass der Blanco Tahona trotz der feineren Aromen auch mehr Pfeffrigkeit und Wucht am Gaumen herausbildet. Das wirkt frischscharf, minzig, mit milden Poblano-Chilis als Unterbau, vom Geschmack und dem Effekt her. Salzig und trocken ist er weiterhin, und im Abgang dann noch trockener als der Blanco, das muss man schon mögen, wenn einem die Spucke weggesaugt wird. Der Nachhall zeigt dann Kirsche und Pfirsich, ganz hintergründig nur.

Der Unterschied ist erkennbar, und der Blanco Tahona wirkt frischer und frecher als der im Vergleich nun fast gemütlich erscheinende Blanco. Beide bleiben dem Basismaterial sehr treu und interpretieren es nur leicht anders.


Auch für den Cascahuín Plata 48 gibt es Details zu berichten: Das Besondere hier ist die Destillation zur Abfüllstärke, und das Auslassen jeder Art von Filtration, ansonsten hält man sich an die Stahlmühle und eine Mischung aus Stahl- und Zementbehältnissen für die Fermentation, teilweise mit Fibern. Die Produktionsmenge ist auf 2500 Liter pro Batch begrenzt. Über das Aussehen des Plata 48 gibt es dagegen wenig neues zu erzählen, auch hier ist die erwartete Kristallklarheit vorhanden, und die Flüssigkeit schwappt schwer hin und her; die sich bildenden dickköpfigen Tropfen laufen langsam ab.

Tequila Cascahuín Plata 48

In der Nase kommt er aber überraschend anders an als seine beiden Vorgänger; hier ist alles viel weicher, dumpfer, runder, und ich meine, hier nun erstmal bananige Noten vorzufinden. Weiße Schokolade vielleicht, Nelken, und etwas dunklerer Tabak als zuvor. Die Agave ist weiterhin prägnant, aber viel weicher, tiefer, schwerer. Kokosfleisch finde ich, und etwas weniger mineralische Aspekte.

Die Textur wirkt viel milder, runder, voller, der Antrunk ist von Süße und Agave getrieben, mit feinen Fruchttönen und einem sehr kräuterigen Subtext. Jener verstärkt sich im Verlauf, zusammen mit einer sehr effektiven Schärfe, nun eher Jalapeño als Poblano. Die Trockenheit ist deutlich zurückgenommen, die Zunge kribbelt warm und ausgesprochen angenehm. Im Nachhall klingt das grüne Chili voll nach, in einem wirklich herrlichen Zusammenspiel mit der Agave, minimalster Floralität und in beeindruckender Länge und Breite.


Ah, ich kann mich nicht entscheiden, das sind alle drei herausragend gute Tequilas, die je einen anderen Aspekt betonen und darin wirklich das Beste zeigen, was diese Kategorie zu bieten hat. Wer die volle, reine Agave will, trinkt den Blanco; wer mehr auf edle Frische steht, den Blanco Tahona; und wer es mehr mild und perfekt integriert mag, den Plata 48. Wie gesagt, ich kann und will keine Entscheidung treffen. Egal, welchen man sich zulegt, man kauft die Crème-de-la-Crème des Tequila.


Wenden wir uns nun den holzgereiften Varianten zu – für mich gilt weiterhin, dass der ungereifte Tequila der König dieser Kategorie ist, aber gut gemachter Holzinteraktion bin ich auch hier nicht vollständig abgeneigt. Übersichtliche 6 bis 8 Monate reposiert der Tequila Cascahuín Reposado in Weißeichenfässern, die vorher schon 20 Jahre und mehr für Tequilareifung benutzt worden waren, da ist also keine erkennbare Fremdbelegung mehr vorhanden; ein Tequilafass, wie es sein soll.

Tequila Cascahuín Reposado

Leichtes Stroh hat das Holz verursacht, eine dezente Tönung nur. Und auch in der Nase erkennt man sofort, dass hier behutsam vorgegangen wurde – der Tequila klingt weiterhin sehr direkt und voll nach der Weberagave, immer noch grünlich und vegetabil, nur die Mineralität ist etwas abgeschwächt, aber sogar das im für mich voll vertretbaren Maß. Dazu kommt nur wenig, und das schätze ich – eine leichte Vanillenote, ein bisschen Zuckerwatte, beides aber nicht künstlich wirkend.

Am Gaumen erlebt man eine sehr runde Dichtheit, klar texturiert, mit sehr angenehmer Viskosität. Das Holz präsentiert sich hier eher süßherb, nicht so süßgewürzig wie bei vielen anderen Fassreifungen, sondern eher ledrig und mit Anklängen von hellem Tabak. Ich entdecke Piment und Schwarzpfeffer, vielleicht etwas Sternanis, im späteren Verlauf feurigen Zimt. Die Struktur ist trocken, am Ende mildpfeffrig warm, kribbelnd und sehr lang, gegen Ende klingen noch gemüsige Erbsen, Mais, grüne Bohnen, Koriander und ein salzkaramelliges Erdnussgefühl nach.

Mit so einem Ausbau macht man sogar mich zum Fan eines Reposado, das muss ich sagen. Toll, mit Fingerspitzengefühl und Respekt der Agave gegenüber gemacht, wirklich grandios. Ich bin begeistert.


Ein Tequila, der sich die relativ neue Bezeichnung der längsten Alterungsstufe zulegen will, muss laut NOM 3 Jahre in Holz liegen; beim Tequila Cascahuín Extra Añejo legt man noch ein zusätzliches Jahr drauf; und 4 weitere Jahre wird es in alten „pipones“, also Bottichen, weiter stabilisiert.

Farblich hat sich im Vergleich zum Reposado nur unwesentlich etwas getan, ein helles Maisgelb ist entstanden, immer noch ehrlich und Zeuge des lange gebrauchten Holzes. Der Geruch hat sich dagegen deutlich entwickelt, klassischere Holzaromen wie Vanille, Zimt und Karotte sind nun erkennbar, aber auch hier weiterhin nicht alles andere übertünchend. Die Agave geht sicher nun in den Hintergrund, bleibt erkennbar. Insgesamt ist die Nase deutlich zurückgenommen in allen Aspekten, man sieht hier einfach, wie flüchtig die Agave sich im Holz verhält. Das ganze wirkt generischer, weniger expressiv.

Tequila Cascahuín Extra Añejo

Auch im Mund merkt man, dass die Kategorie sich selbst keinen Gefallen tut, einen so filigranen Brand wie Tequila so lange zu lagern. Süß und mildholzig, viel Honig, Zuckermelone, Nelken und Pfirsich beherrschen nun das Geschmacksbild, die Mineralität und Vegetabilität ist fast ganz weg. Immerhin bleibt die klare Struktur erhalten, auch wenn sie durch Süße nun schon etwas aufgeweicht ist. Gegen Ende kommt tanninige, sehr ausgeprägte Bittere in Kombination mit Trockenheit heraus, leicht kantig und aber auch spannend kontrastreich aufgesetzt im Vergleich zum Antrunk, sehr karottig dann, mit feiner zimtiger Würze und warmen Nachglühen.

Das ist natürlich immer noch als Tequila erkennbar, vor allem im Nachhall, wo sich die Agave nochmal streckt und dehnt; dennoch für mich schon an der Grenze dessen, was ich in dieser Kategorie mag. Doch, so klar muss ich das sagen – das ist mit Abstand der ehrlichste und beste Extra Añejo, den ich bisher im Glas hatte, da bleibt sich Cascahuín treu.


Das Eintrinken für die Arbeit als Juror bei Spirits Selection by CMB ist hiermit erfolgreich beendet; die Gefahr bei dieser Samplereihe besteht natürlich, dass man sich den Gaumen verdirbt, weil man sich an so herausragend gute Qualitäten nicht unbedingt gewöhnen sollte, um den schwächeren Tequilas noch eine ehrliche Chance zu lassen. Nun, das Risiko gehe ich gerne ein, ich reise jedenfalls mit einem guten Mundgefühl und schönen Agavenaromen nach Mexiko!

Offenlegung: Ich danke Mezcaleria Berlin für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples dieser Tequilas.

Bier am Freitag – Whitetooth Brewing Dogtooth Rover Red Lager

Die kanadischen Berge sind eine spektakuläre Landschaft. Man muss dort gar kein Ziel haben, sondern jeder Meter, den man fährt und geht, ist ein Erlebnis für sich. Weite Wälder, harsche Hochebenen mit besonderen Bergen, schlängelnde Straßen und atemberaubende Aussichtspunkte, ich möchte diese Gegend jedem ans Herz legen, der gerne unberührte Natur erleben will. In British Columbia, zwischen den Rocky Mountains und der Purcell Range, am Zusammenfluss der Flüsse Kicking Horse River und Columbia, liegt die Stadt Golden. Dort steht seit 2016 die Brauerei Whitetooth Brewing Company, und sie machen moderne Biere wie das Dogtooth Rover Red Lager. Es ist mit 5,3% Alkoholgehalt und 27 IBU als limitierte Auflage in Dosen abgefüllt.

Whitetooth Brewing Dogtooth Rover Red Lager

Die Farbe des Biers ist fast identisch zu der des Dosenetiketts, solche Details mag ich einfach. Es ist leicht opalisierend, die kastanienbraune Farbe leuchtet sehr attraktiv besonders im Gegenlicht mit rubinroten Lichtreflexen. Der Schaum ist leicht beige, bleibt als bedeckendes Element lange auf dem Bier. Am Rand des Schaums sieht man eine sehr feinblasige, ausdauernde Perlage.

Für die Nase gibt es etwas weniger zu berichten, sie wirkt malzig, aber dennoch sehr frisch, leicht nussig vielleicht, mit Erinnerungen an saftige, frisch geschälte Maronen. Etwas rostig und ganz dezent grünholzig vielleicht; das Dogtooth Rover drängt sich definitiv nicht auf, ist aber dabei keineswegs neutral.

Das Mundgefühl dagegen weiß direkt zu überzeugen, das ist fett, cremig, kauig und voluminös, macht richtig Spaß, es im Mund zu halten. Der Antrunk ist frisch und klar, mit sehr ansprechender und balancierter Säure, und der sich wunderbar einpassenden Karbonisierung. Trotz der dunklen Farbe ist das Bier helltönig, prickelnd, mit fast einer ganz, ganz dezenten Minzigkeit im Finish, die sich kühlend lange auf die Zunge legt.

Das Bier macht richtig Spaß, hier passt alles ineinander und ist toll abgestimmt.

Ich habe es bei leicht kühleren Temperaturen in den Rocky Mountains getrunken, und bei einem der heißesten Tage des Jahres im Saarland; bei beiden funktioniert es großartig. Ich hatte ein Fourpack gekauft, zwei der Dosen haben es bis nach Deutschland geschafft, und ich bin glücklich darüber – es versetzt mich direkt zurück nach Golden, und erinnert mich an einen fantastischen Roadtrip durch British Columbia. Mehr kann ein Urlaubsmitbringsel nicht leisten.