O’er the Land of the Free and the Home of the Cocktail – Imbibe Magazine’s The American Cocktail

Ich finde bei Cocktailbüchern den Ansatz, die Rezepte über eine Story miteinander zu verbinden, immer gut – einfache Rezeptbücher sind recht langweilig und enden schnell als Staubfänger im Bücherregal. Die Idee hinter diesem Buch des  amerikanischen Cocktail-Magazins Imbibe ist eine Reise durch die USA, der Heimat des Cocktails und der Mixologie.

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From sea to shining sea werden also in The American Cocktail: 50 Recipes That Celebrate the Craft of Mixing Drinks from Coast to Coast die Hauptregionen der USA bewandert und Cocktails vorgestellt, die mit typischen Zutaten der jeweiligen Staaten hergestellt werden; Kentucky-Erdbeeren, Cheerwine aus North Carolina, Blueberries aus Maine, Äpfel aus Vermont, Walnüsse aus Minnesota, Cranberries aus Wisconsin, Chillis aus New Mexico, Loquats aus Texas, Haselnüsse aus Kalifornien. Auch die regionalen Vorlieben für Spirituosen sind dabei reflektiert: Die Ostküsten-Rezepte bevorzugen Applejack, Bourbon und Rye Whiskey; im Südwesten ist Tequila der Schnaps der Wahl; für Kalifornien enthält das Buch Rezepte mit Napa-Valley-Wein und Sake. Ein wirklich schöner Querschnitt durch die Trinkkulturen dieses weiten Landes.

Es gibt durchaus ein paar spannende Rezepte darin, die ich sicherlich nachbauen werde, wie den California Bubble Bath mit Bourbon, Cynar und Lavendelsirup; den Eva Perón, mit Fernet, Wermut und Ingwerlikör; oder den El Colibrí, mit Tequila, Honigsirup und Crème de Cassis, bei dem ich das schon getan habe.

El Colibrí Cocktail


El Colibrí­
2 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Tequila Reposado)
¾ oz Honigsirup
1½ oz Limettensaft
½ oz Crème de Cassis
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Vince Lund]


Die Idee des Buchs ist toll, aber die Umsetzung ist nicht hundertprozentig optimal. Gerne hätte ich deutlich mehr Fotos der Cocktails, der Zutaten oder besuchten Landschaften gesehen; auch sind die zu den Rezepten hinführenden Stories immer etwas im Kolumnen-Stil gehalten, wie man sie auch auf der Webseite des Herausgebers findet. Es fehlt eine gewisse Gemeinsamkeit, die Schnur sozusagen, auf die die Perlen aufgereiht werden. Stellenweise liest sich dieses Buch mehr wie eine einfache lose Zusammenstellung von bereits bestehenden Texten.

Die Cocktailzubehör-Einführung wirkt seltsam deplaziert in einem Buch, das sich vom Schwierigkeitsgrad der Rezepte und dem Spezialitätencharakter klar an erfahrene Barfreunde richtet; die Liste von Destillerien am Ende des Buchs hätte man sich auch sparen können, sowas finde ich in Neulandzeiten in Papierform nutzlos.

Dennoch liefert das Buch eine schöne Begründung für uns Schnapsgourmets, warum wir genau dieses Hobby haben.

From Mardi Gras to the Kentucky Derby to lounging on a porch swing on a sweltering summer day, drinking is a sign of hospitality, celebration, and day-to-day enjoyment (…).

Schöner könnte ich es nicht formulieren. Und wenn das Buch dazu beiträgt, dass man einen schönen Abend mit einem guten, außergewöhnlichen Drink aus der amerikanischen Cocktailheimat verbringt, vielleicht in netter Gesellschaft und in guter Stimmung, hat es trotz seiner Mängel seinen Zweck erfüllt.

Schokolierte Traubenreste – Nardini Grappa Riserva 40

Ich sagte über mich immer, dass ich kein Grappa-Freund bin. Wie üblich entstand diese Selbsteinschätzung aus Unwissen heraus. Den einzigen Grappa, den ich getrunken hatte, war der „aufs Haus“ beim Italiener – entsprechend dem kostenlosen Angebot war wahrscheinlich auch die Qualität. Scharf, brennend, wenig aromatisch, dafür deutlich alkoholisch. Ein Rachenputzer nach langem Essen, ohne Anspruch, zum Runterkippen. Dementsprechend hatte ich mich eigentlich von Grappa ferngehalten. Bis der Vlogger Ralfy, den ich für seine Bodenständigkeit sehr schätze, fast in extatische Verzückung ausbrach, als er Grappa verkostete.

Was Ralfy schmeckt, kann nicht schlecht sein, dachte ich mir, und kaufte mir flugs eine Flasche Nardini Grappa Riserva 40 für rund 20€ im örtlichen Globus-Markt – den im Video angepriesenen Riserva 15 anni, für fast den doppelten Preis für die halbe Menge, stelle ich erstmal zurück, bis ich weiß, ob mir gealterter Grappa dann doch überhaupt schmeckt.

Der Standardgrappa ist ungereift und wird kurz nach der Destillation in die Flasche gefüllt. Wie man schon an der Farbe dieses Produkts erkennen kann, einem hellen Strohgelb, haben wir hier ein gereiftes Destillat vor uns: 3 Jahre im Eichenfass verbrachte dieser Grappa. Fassreifung sorgt bei Spirituosen neben der Farbänderung für eine Milderung der Ecken und Kanten, für eine Neigung zur Süße und erhöhter Komplexität, weil die Holzaromen zur Aromatik dazukommen.

nardinigrappariserva40-flascheIch, der ich wie gesagt nur das italienische Feuerwasser gewohnt war, bin vom Geruch dann erstmal überrascht. Dumpf, Pferdestall, verbrannter Toast sind meine ersten Eindrücke; dann nussig und schokoladig, schwer, erst auf den zweiten Gedanken hin traubig.

Wie schmeckt ein Schnaps mit so ungewöhnlichem Aromabild? Im ersten Eindruck frisch und hell, dabei aber auch weich, später dann ausgesprochen schokoladig, dunkler, voluminöser, am Ende sehr trocken und leicht bitter. Ich kenne keine andere Spirituose, bei der Farbe und Geschmack dermaßen auseinandergehen. Bei verbundenen Augen hätte ich gesagt, das ist eine tiefdunkle, braune Spirituose, vielleicht ein gezuckerter Rum oder ein Nusslikör. 40% Alkohol sind kaum zu schmecken. Ich bin nur unwesentlich weniger begeistert als Ralfy.

Grappa ist nicht besonders bekannt dafür, in Cocktails verwendet zu werden. Der Hersteller bietet daher auf seiner Seite freundlicherweise einige Rezepte zum Ausprobieren an; eins davon hat mir sehr gefallen, und ich empfehle den Cherac daher gern weiter.

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Cherac
1 Stück Würfelzucker mit
3 Tropfen The Bitter Truth Lemon Bitters tränken
1 oz Nardini Grappa Riserva 40
½ oz Limettensaft
½ oz Kirschlikör
½ oz Sprudel
Mit 2 Maraschino-, Brandy- oder Rumkirschen dekorieren


Tatsächlich habe ich meine Meinung über Grappa, die ich anfangs geäußert hatte, komplett ins Gegenteil gedreht – vergessen Sie daher alles, was ich je über Grappa gesagt habe, ich behaupte nun das Gegenteil. Diese wunderbare, überraschende und hochinteressante Spirituose verdient es ganz gewiss, dass ich mir noch die eine oder andere Flasche davon ins Haus hole.

Drogeninduzierte Lyrik – Das Vokabular des Spirituosentesters

Holunder, Toffee, Zitronengras. Thymian, geröstete Mandel, Jasmin. Leder, Tabak, Sojasoße.

Manchmal ist man als Leser von Spirituosenrezensionen schon geschlagen. Das Sammelsurium an obskuren Geschmackseindrücken, die vom Schnapssommelier geschildert werden, wird oft entweder als völlig abgehoben – drogeninduzierte Lyrik halt – oder als unfreiwillig komisch empfunden. Viele Leser halten die Aufzählung von floralen, erdigen oder mineralischen Vergleichsbegriffen für pure Fantasie, aus den Fingern gesogen, prätenziös und ein bisschen spinnert. Ich selbst verwende oft gern solche Vergleiche – verkaufe ich meine Blogleser für dumm damit?

Tatsächlich hielt ich diese Art von Beschreibungen lange Zeit selbst für Spinnerei. Doch seit ich mit intensiver mit Spirituosen und deren Gerüchen und Geschmäckern auseinandersetze, stelle ich fest, dass da doch etwas dran ist. Wie so oft schlägt auch hier der Dunning-Kruger-Effekt zu: Man neigt dazu, das, wovon man nichts versteht, als Quatsch abzutun. Das einzige, was dagegen hilft: Sich selbst zu schulen und zu trainieren.

Wo aber damit beginnen? Ein guter Verkoster braucht zunächst mal gutes Arbeitsmaterial: Ein vernünftiges Verkostungsglas, zum Beispiel ein Glencairn-Glas, ist wichtig, weil es durch seine Kaminform hilft, die Aromen zu konzentrieren. Aus einem Tumbler entfleuchen die volatilen Duftstoffe zu schnell.

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Ein guter Ansatz für den Anfang ist nun zum Beispiel, sich eine Spirituose, die man gut kennt, in ein solches Verkostungsglas zu geben, und sich dann im Internet Tasting Notes eines Profis dazu zu suchen. Und dann schnuppert man, was das Zeug hält – und versucht, die geschilderten Aromen zu finden. So eine Geruchsprobe kann durchaus eine halbe Stunde dauern – ich rieche normalerweise im Schnitt um die 10 Minuten an einer Spirituose, bevor ich sie in den Mund lasse. Geschmacklich macht man das dann genauso.

Es geht für die ersten Schritte zunächst also darum, nachzuvollziehen, was ein anderer riecht oder schmeckt, der bereits Erfahrung in solchen Dingen hat. Der nächste Schritt ist dann, die eigenen olfaktorischen Erfahrungen in Worte zu fassen. Für offensichtliche, fruchtige, alltägliche Eindrücke ist das meist einfach – Apfel, Banane oder Schokolade entdeckt man schnell. Die Spannung liegt dann darin, Verfeinerungen zu explorieren: reife Banane, grüner Apfel und Bitterschokolade.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass man nur Geschmäcker und Gerüche beschreiben kann, wenn man eine entsprechende Vergleichsmenge zur Verfügung hat. Wer nicht weiß, wie Artischocken schmecken, kann sie auch nicht in einem Geschmackstest finden. Wer noch nie an einer Zigarette oder Zigarre geschnuppert hat, kann Tabakgeruch nicht identifizieren. Wem der Geruch von Heidekraut unbekannt ist, wird sich in seiner Unwissenheit blamabel amüsieren über den Whiskykenner, der dieses Aroma in einem Whisky beschreibt. Daher gilt: das Training für die Geschmackserkennung bei Spirituosen beginnt beim täglichen Erriechen eines Pools von Aromen, denn die Nase bestimmt den Geschmack zu einem Großteil mit – jeder, der schonmal Schnupfen hatte und das dadurch fehlende Geschmacksempfinden beklagte, weiß das. Je mehr man das trainiert, um so größer die Chance, auch plötzlich exotische Dinge in einem Schnaps zu finden.

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Ein interessanter Punkt dabei ist, dass wir bei diesem Vorgehen eigentlich nicht üben, neue Aromeneindrücke  wahrnehmen zu können, das tun wir so oder so. Wir üben, den wahrgenommenen Gerüchen und Geschmäckern Namen zu geben, sie zuordnen zu können und mit nützlichen, auch für andere verständlichen Begriffen über sie reden zu können.

Auch darf man sich nicht schonen: Seife, Rauch, Reinigungsmittel, Fisch oder Schwefel gehören mit ins Repertoire des Sommeliers. Wir als Genießer sind über das kindliche Stadium, in dem alles fruchtig-süß schmecken oder riechen muss, hinaus. Hilfestellung in Form von geeigneten Wörtern, und Beziehungen zwischen Aromen, findet man zum Beispiel in Geschmacks- und Geruchsrädern.

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Warum macht man so etwas hauptsächlich mit Spirituosen, Wein und Bier? Der reine Alkohol des Destillats an sich ist doch schließlich sensorisch eigentlich neutral! Nun, wenn man sich die Produktionskette einer Qualitätsspirituose anschaut, gibt es viele Schritte, die ihr ganz eigenes Aroma in das Endprodukt abgeben:

  • Das Quellmaterial (Gerste/Mais/Trauben/Trester/Agave/Zuckerrohr…) liefert schonmal unterschiedliche Basisgeschmäcker
  • die Vorbereitung dieses Materials (z.B. das Mälzen von Gerste oder Trocknen mit Torfrauch, das Kochen von Agavenherzen in Erdhöhlen)
  • die Art und Weise der Fermentation und welche Hefen dabei eingesetzt werden
  • die Art und Weise der Destillation (column vs. pot still, wie oft destilliert wird, welcher Zielalkoholgehalt angestrebt wird…)
  • die Nachbearbeitung (Zusatz von Aromen, Mazeration, Infusion…)
  • und schließlich die Reifung (Stahltank oder Holzfass, Holzart, Länge der Reifedauer, Klima im Reifegebiet…)

Man sieht, Spirituosen sind durch den aufwändigen, komplexen Herstellungsprozess schon prädestiniert dafür, viele unterschiedliche Aromen in sich zu tragen, die wir oft mit blumigen Worten beschreiben müssen. Aber auch der Verkostungsprozess an sich enthält viele Variablen, die das persönliche Geschmackserlebnis beeinflussen:

  • Die Umgebung beeinflusst die Wahrnehmung, von der Raumtemperatur über die Sauberkeit der Luft bis hin zum Lärmpegel
  • Die Einstellung zur Spirituose – ein Blindtest läuft völlig anders ab als ein Test, bei dem man die Spirituose kennt, denn die Geschmackseindrücke können von Erwartungen beeinflusst werden
  • Die individuelle Offenheit für neue Eindrücke
  • Die verfügbare Zeit, in der Assoziationen entstehen und springen können.

Qualitätsspirituosen haben oft mehr Komplexität und bieten eine bessere Leinwand für Verkostungen. Man kann auch mit einem Jim Beam White Label oder einem Sierra Tequila ein Tasting machen – viel finden wird man da aber nicht, das ist dann schon mehr Masochismus. Funktioniert das ganze auch mit Bier? Selbstverständlich, das wussten schon die alten Gallier.

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Astérix: Le Devin. © Hachette

Nicht alle haben die Zeit oder die Lust, sich auf dieses Abenteuer unserer olfaktorischen Sinne einzulassen. Man kann eine gute Spirituose auch genießen, ohne sich damit so extensiv auseinanderzusetzen. Doch meine Erfahrung ist: Es erhöht den Genuss ungemein, wenn man versucht, die Eindrücke, die man beim Genießen sammelt, in Worte zu fassen und zu kategorisieren. Viel Spaß dabei, sich auch mal selbst der drogeninduzierten Lyrik hinzugeben!

Revolutionärer Geist – 1776 Straight Rye Whiskey

Manchmal ist es schon seltsam. Bei vielen bebilderten Rezensionen zum 1776 Straight Rye Whiskey findet man auf dem Etikett über der großen Jahreszahl noch die schwungvolle Unterschrift von James E. Pepper, der für diese neue Interpretation eines Rye in altem Gewand Pate stand. Auf meinem Exemplar fehlt diese Signatur. Man meint, es müsste leicht herauszufinden sein, warum auf manchen Etiketten die Unterschrift weggelassen wurde. Ich habe mich nun an die Herstellerfirma gewendet, um Licht ins Dunkel des Labelling zu bringen. Schnell bekam ich eine Antwort: Für den Export haben sie dieses vereinfachte Etikett entworfen, um von vornherein auszuschließen, dass sie, als kleine Firma in irgendwelche Rechteprobleme mit dem Namen laufen. Ich vermute, sie wollten genau das vermeiden, was Ron Diplomático/Botucal passiert ist. Sie garantieren aber, dass bis auf das Exportlabel alles sonst identisch zum US-Produkt ist. Nun, dann gieße ich mir mal beruhigt ein Gläschen des Whiskeys ein.

1776rye-flascheOcker ist die Farbe im Glas. Zumindest mein Korken ist scheinbar etwas bröselig, ich habe immer beim Öffnen kleine weiße Krumen auf der Flaschenöffnung, die hin und wieder mit ins Glas wandern und dann darin schweben.

Sehr vanillig ist der Geruch zunächst, einen Hauch Minze vom Roggen, da denke ich mir, ah, das wird ein feiner, zarter Rye sein. Entsprechend lege ich mir schonmal im Geiste die Vokabeln zurecht. Zart, weich, blumig – alles Begriffe, die ich schon für Whiskey benutzt habe. All das ist der 1776 Straight Rye Whiskey, nach der Geschmacksprobe, dann aber nicht. Im Gegenteil: Wie ein Bulldozer greift dieser Roggenwhiskey mit gesenkter Schaufel an. Ein ausgesprochen brutaler Antritt, ultraaggressiv, schwer und scharf. 100 proof, also 50%, das spürt man. Etwas Wasser schadet nicht, um das schlimmste Feuer herauszunehmen.

Entsprechend sind auch die Eindrücke: Pfeffer, Eukalyptus, brennend. Auf jeden Fall muss man sich nicht beklagen, dass man nach Aromen suchen muss: ausladend macht sich der Whiskey im Mund breit. Hat man sich an die Wucht etwas akklimatisiert, zeigt der 1776 Rye aber doch auch eine ganz umgängliche Seite. Sehr starke Vanille, die man ja schon gerochen hat, weitere süße Aromen, wie Ahornsirup und Karamell sowie etwas Aprikose, gesellen sich dazu.

Leider ist der Abgang dann etwas kurz, die Gewalt, mit der dieser Whiskey angefangen hat, ist auch schwer über mehr als wenige Minuten aufrechterhaltbar. Ein echter Bankräuber: Schnell rein, schnell raus. Mir fehlt auch etwas Körper – sehr tief unter die Oberfläche geht der 1776 Rye nicht. Dennoch: Ein Rye, der einem zeigt, wo der Hammer hängt. Und zwar der Presslufthammer. Ein bisschen weniger Aggro hätte nicht geschadet.

Passend zum namensgebenden Datum und zum unwirtlichen Wetter draußen mache ich mir heute mal einen engen Verwandten des Hot Toddy, einem uralten Rezept gegen Erkältung oder sonstige Unbill: einen Whiskey Skin. Laut Cocktailhistoriker David Wondrich machte man ihn eigentlich ohne Zucker, und mit Scotch oder höchstens irischem Whiskey; doch selbst Wondrich gibt zu, dass Zucker diesem Herz-, Bauch- und Seelenwärmer gut ansteht. Und der 1776 Rye dann sowieso.

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Whiskey Skin
Eine Tasse anwärmen und halbvoll mit kochendem Wasser füllen
1-
2 Teelöffel braunen Zucker darin auflösen
Ein großes Stück unbehandelte Zitronenschale mit 4 Nelken spicken und dazugeben sowie
2 oz 1776 Straight Rye Whiskey


 Ausgesprochen lecker. Alles, was ich über den kräftigen Antritt und die starke Vanille des 1776 Rye sagte, passt wie die Faust aufs Auge für diesen Cocktail. Und es hilft auch noch – kurz nach dem Konsum fühlte ich mich entspannt und habe ein kleines Nickerchen gehalten, was der aufziehenden Erkältung direkt den Wind aus den Segeln nahm. A whiskey a day keeps the doctor away, in der Tat. Was großartig anderes als Alkohol und Zucker ist in den ganzen Nachtschlaf-Medizin-Tinkturen auch nicht drin – dann wenigstens einen Schnaps, der schmeckt.

Schokofondue mit Früchten – Ron Botucal Reserva Exclusiva

Es folgt nun aus gegebenem Anlass eine kleine Lehrstunde in Sachen Markenschutz. Es genügt heutzutage nicht, sich eine Marke schützen zu lassen; man muss sie auch verteidigen, denn schnell kann ein Mitbewerber, der einen ähnlichen Namen verwendet, sich diese ebenfalls schützen lassen. Und dann, wenn der Markeninhaber mit älterem Recht die Frist zum Einspruch verpasst, muss er damit leben, dass seine Marke nicht mehr viel wert ist, weil die Kunden den Unterschied nicht mehr deutlich erkennen.

Ein Beispiel? Im Discounter Aldi Süd kann man, meist relativ nah am Eingang, einen Weinbrand erwerben. Diplomat heißt er, und ist eine seit vielen Jahren geschützte Aldi-Hausmarke. Als nun ein venezuelanischer Rumhersteller in Deutschland sein Produkt anbot, das Ron Diplomático hieß, wurde Aldi hellhörig – der Name ist ähnlich, die Produktkategorie ähnlich.

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Letztlich befürchtete bei Aldi wahrscheinlich niemand, dass Kunden den Aldi-Billigweinbrand mit dem fünfmal so teuren Premium-Rum verwechseln könnten, doch darum geht es, wie erzählt, nicht. Um die eigene Diplomat-Marke zu verteidigen, musste Aldi gegen den Namensvettern vorgehen. Für den Laien hört sich das albern an; doch schnell kann ein dadurch eventuell entstehender Rechtsstreit sehr teuer und langwierig werden.

Das Ergebnis sehen wir hier: Der Rumhersteller aus Venezuela musste klein beigeben, und, obwohl sein Produkt überall auf der Welt als Ron Diplomático bekannt und geschätzt ist, es für den deutschen Markt umbenennen. Darum finden wir die höchste Kategorie von Rum dieses Herstellers im deutschen Spirituosenregal als Ron Botucal Reserva Exclusiva.

botucalreservaexclusiva-flascheEine unglaublich schöne Farbe, ein dunkles orange-braun, fast wie ein Whiskey. Schon in der Nase sticht dann das hervor, was für mich das definierende Kriterium dieses Rums ausmacht – Obst in Hülle und Fülle. Als hätte man einen exotischen Fruchtkorb vor sich: Orangen, Aprikosen und Maracuja. In dieser extremen Form habe ich das noch nie bei einem Rum erlebt. Die Klebstoffnote, die man bei vielen guten Rums findet, ist hier völlig abwesend, nur minimal riecht man den Alkohol.

Im Mund dann mild, aber mit schwach erkennbarem, leichtem Brennen. Vanille, Karamell, Schokolade. Das Obst ist immer noch vorhanden, aber schwächer – die dunkle Schokolade überwiegt nun, eine entsprechend leichte Bitterkeit dann im Abgang. Ich mag so einen trockenen, leicht bitteren Rachengeschmack sehr. Insgesamt ein schon eher süßer Rum, aber nicht so süß und vergleichsweise eindimensional wie ein Vizcaya oder Zacapa. Der Hauptunterschied ist die Fruchtigkeit – für einen Rum finde ich den Geschmack wirklich, wie gesagt, überragend bunt, und der Trumpf ist dann die ganz klar erkennbare, kräftige Bitterschokoladennote. Ehrlich gesagt, ich bin überrascht, wie gut und gleichzeitig vielschichtig dieser Rum ist: Da ist was für jeden Geschmack dabei.

Die Flasche, mit ihrer mattierten Oberfläche und dem sehr edel gestalteten Etikett in Briefmarkenmanier, ist natürlich eine Sensation für sich. Selbst ohne Geschenkdose ein Geschenk, über das sich jeder Rumkenner, aber auch jeder Rumanfänger, sehr freuen wird.

So ein Rum macht sich extrem gut in einem Chocolate Martica, in dem er alle seine Stärken voll ausspielen kann und die anderen Zutaten nach besten Kräften unterstützt.

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Chocolate Martica
1 oz Botucal Reserva Exclusiva
1 oz Brandy (z.B. Carlos I Brandy de Jerez)
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1/6 oz Kirschlikör
2 Spritzer Schokoladenbitter (z.B. The Bitter Truth Xocolatl Mole Bitters)


Eines muss man dann aber doch ansprechen – woher zumindest ein Großteil der Süße, der Komplexität und des Qualitätsempfinden dieses Rums kommt. Er wird mit Zucker nachträglich gesüßt, und zwar in einem nicht unbeträchtlichen Maße. 29g Zucker pro Flasche, das entspricht etwa 5½ Stück Würfelzucker, ist schon eine Hausnummer, die nur von sehr wenigen anderen Rums übertroffen wird. Es sind wohl auch noch andere Geschmacks- und Aromastoffe enthalten, früher wurde dies vom Hersteller sogar beworben. Leider ist heute nichts davon auf dem Etikett vermerkt.

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Viele Premium-Rums machen das, wenn auch oft nicht ganz so extrem wie der Botucal. Persönlich ziehe ich daraus meine Konsequenzen – und die bestehen hauptsächlich darin, dass die Flasche, aktuell noch halbvoll, nicht mehr ersetzt wird, wenn sie denn dann leer ist. Andere Rums, die ein faszinierendes Geschmackserlebnis auch ohne heimliche Nachsüßung und Kundentäuschung bieten, bekommen dafür eine Chance.

Meine Einstellung zum heimlichen Nachsüßen, und dass ich sie auch offensiv und laut vertrete, hat bereits zu Irritationen geführt – „es kommt doch drauf an, wie es schmeckt, egal, wie es hergestellt wird“ ist dabei das am häufigsten angeführte Gegenargument. Dass so eine Einstellung für Genusstrinker, die sich mit dem, was sie zu sich nehmen, auch auf Produktions- und Vertriebsebene auseinandersetzen, statt blind zu konsumieren, keinerlei Gewicht hat, wird dann nicht mehr wahrgenommen. Man fragt sich, ob diese Leute dann auch Käfighaltungseier, Kinderspielzeug mit Weichmacher und Bleifarbe oder Cornflakes, die nur aus Zucker bestehen, kaufen, oder sich nicht beschweren, wenn sich das teuer bezahlte Restaurantessen als Tütenprodukt herausstellt, oder ob das selektive Wahrnehmung beim Rum ist. Gerade, wer sich als Rumfreund bezeichnet, sollte mehr Interesse an der Art der Herstellung seiner Lieblingsspirituose zeigen.

Der Spirituosenblogger Arctic Wolf denkt, dass das mit dem Zucker und den Geschmacksstoffen schon OK ist, weil man es angeblich schon immer so gemacht hat, und er den Herstellern nicht vorschreiben will, wie sie ihren Rum zu machen haben. Das mag schon sein, bei kleinen Mengen bin ich sogar geneigt, ihm zuzustimmen (mit dem caveat im folgenden Absatz). Doch wenn fast 5% des Rums in meiner Flasche aus Zucker besteht, und sich der Rum damit hinterlistig ein Geschmacksprofil aneignet, gegen das Produkte ohne Trickserei und das sensorische Wundermittel Zucker konkurrieren müssen, finde ich das schon schal. Man stelle sich vor, Puddingproduzenten in Deutschland müssten Zucker nicht mehr deklarieren, weil Pudding ja schon immer mit Zucker hergestellt wird, und man als Verbraucher das zu akzeptieren hat. Es gibt schon zuviel Produkte mit verstecktem Zuckerzusatz, der nirgends aufgeschlüsselt wird.

Wie ich schon anderweitig sagte: Von mir aus können die Hersteller gern Zucker in den Rum tun, solange sie dann ihre Spirituose nicht mehr „Rum“, sondern „Spirituose auf Rumbasis“ oder ähnlich nennen, wie das Captain Morgan für manche seiner Produkte tut. Eventuell würde es auch schon reichen, wenn die EU endlich ihre eigenen Vorgaben für Rum konsequent durchsetzen würde – die sagt nämlich, dass Zucker nur „zur Geschmacksabrundung“ eingesetzt werden darf (und das ist bei 40g/L sicher nicht mehr gegeben). Daher: Stimmt mit ab für die entsprechende EU-Petition!

Bienenstich im Glas – Jack Daniel’s Tennessee Honey Whiskey Liqueur

Es begann alles mit aromatisiertem Vodka und Rum. Bei Rum war Vanille sehr beliebt, Captain Morgan mischte die Bude auf. Absolut produziert heute gefühlte 200 Vodka-Variationen, von ebenfalls Vanille über Himbeer bis hin zum Pfeffer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Whiskey sich dem Drang der Kunden zu Spirituosengetränken, die nicht nach der Spirituose schmecken, aus der sie bestehen, nicht mehr entziehen konnte. Aktuell ist der zimtige Fireball der Liebling der whiskeybasierten Getränkefreunde, vor ihm war der Honig der Geschmack der Wahl, so dass fast jeder größere Hersteller von Whiskey einen solchen im Angebot hatte – auch Jack Daniel’s zog mit, und präsentierte seinen Jack Daniel’s Tennessee Honey Whiskey Liqueur.

Jack Daniel's Tennessee Honey Whiskey Liqueur

Natürlich ist dies kein Whiskey mehr, sondern ein Likör; im Gegensatz zu vielen anderen dieser aromatisierten Whiskey-Likör-Marken empfinde ich aber sowohl Konsistenz als auch Geschmack als sehr angenehm.

Der Tennessee Honey ist nicht klebrig und dickflüssig oder übermäßig zuckrig (wie es der Jim Beam Red Stag ist, den man kaum pur trinken kann). Ich empfinde ihn tatsächlich mehr wie einen Whiskey mit Honigaroma, nicht andersherum. Old No. 7 ist an sich schon sehr süß und fruchtig, und dies wird durch das Honigaroma noch unterstützt, und Tennessee Honey bietet damit auch deutlich erkennbare Whiskeynoten zusätzlich zur Süße des Honigs, ohne dass sich eins davon streng in den Vordergrund drängen würde. Ich hätte gesagt, dass hier wilder Honig als Pate für die Aromatisierung diente, ein Anflug von dunkler Rauchigkeit hängt über allem, was genau die Rafinesse dieses Likörs ausmacht.

jackdanielstennesseehoney-farbeEin sehr angenehmes Getränk, sowohl handwarm als auch mit Eis sehr gut trinkbar, und ich glaube, dass man damit sogar Whiskeyhasser überzeugen kann, denn alles, was viele jener Gruppe an Whiskey unangenehm finden, wurde aus dieser Mischung getilgt. Ich konnte mir allerdings lange nur schwer vorstellen, dass man Tennessee Honey auch in einem Mischgetränk unterbringt – bis ich den Northern American für mich entdeckte.

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North American
2 oz Jack Daniel’s Tennessee Honey Whiskey Liqueur
1 oz of Ahornsirup
1 oz Zitronensaft


Was das Getränk selbst mit erwachsenen Menschen anstellen kann, sieht man in der Diskussion zwischen Doug und Don von Common Man Cocktails.

Die Flasche ist dieselbe, in die auch der bekannte Old No. 7 abgefüllt wird; auch das Etikettendesign orientiert sich an dieser Hauptmarke der Firma Jack Daniel’s. Ein rundum gelungenes Produkt. Die Flasche ist inzwischen fast leer – ich bin am überlegen, ob ich sie direkt ersetzen oder lieber ein anderes der Honig-Whiskey-Mischgetränke versuchen soll, wie den Wild Turkey American Honey, oder den Jim Beam Honey. Wahrscheinlich gebe ich dem wilden Honigtruthahn eine Chance.

Vom Fass ins Glas – Wajos Dark Whisky Orange Chocolate Likör

Die Wajos Genussmanufaktur ist eine dieser Franchises mit kleinen Läden, oft in großen Shopping-Malls, wie der Europagalerie in Saarbrücken, in denen man sich Spirituosen direkt aus der Blase in ein selbstgewähltes Fläschchen abfüllen lassen kann. Ein recht breit gefächertes Sortiment an allerlei schnapslichen Gaumenfreuden ist dadurch auch in Probegröße erhältlich. Einer der angebotenen Likörgenüsse ist der zumindest schon mal opulent betitelte Wajos Dark Whisky Orange Chocolate Likör, den ich als Geschenk erhalten hatte (das ist mal ein Geschenk, mit dem ich was anfangen kann!).
Wajos Dark Whisky Orange Chocolate

Die Farbe ist schonmal vielversprechend – dunkel, orange-braun mit schönen Reflexen. Ich rieche süße, dunkle Töne, deutliche Orange, eindeutig erinnernd an Cointreau. Auch im Mund ist zunächst die Süße einer Orange im Vordergrund, man meint dann aber doch, einen Whisky herauszuschmecken. Kein torfig-rauchiger Islay natürlich, mehr ein dezent-milder Speyside. Insgesamt ist aber der Whisky die schwächste der titelgebenden Noten, man muss schon wissen, wonach man zu suchen hat.

Die Schokolade kommt erst im Abgang zum Vorschein, dann aber mit Schwung – dunkle Schokolade, nur leicht bitter, etwas trocken. Ein wirklich sehr ansprechender Abgang, der Lust auf mehr macht. Alkoholisch schmeckt der Wajos Dark Whisky Orange Chocolate Likör nur ganz leicht, das ist mehr ein milder, weicher Likör. Letztlich würde ich sagen, dass es  Cointreau (oder Triple Sec) mit Schokoladenlikör vermischt ist. Der Whisky ist wahrscheinlich nur tropfenweise zugesetzt.

Sicherlich ein feines kleines Getränk mit Schlürfpotenzial abends vor dem Fernseher. Natürlich kann so ein Hybridgetränk dann auch für Cocktails herangezogen werden, wie in dem nach dem Cocktailhistoriker David Wondrich benannten U.S.S. Wondrich. Vorsicht – dieser Drink, stammend aus der Drinkschmiede von Jeff „Beachbum“ Berry, hat Suchtpotenzial.

usswondrich

U.S.S. Wondrich
1 12 oz. Süßer Sherry (z.B. Osborne Golden Sherry)
34 oz Wajos Dark Whisky Orange Chocolate Likör
34 oz Ananassaft
34 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Spritzer Angostura


Der Vorteil des Geschäftsmodells der Wajos Genussmanufaktur ist, dass man schon sieht, und auch probieren kann, was man erwirbt; der Nachteil ist, dass viele Produkte keinen „Namen“ tragen – man kauft halt statt einem Marken-Single-Malt dann einen Noname-Single-Malt, und das zu einem dahingehend doch recht üppigen Preis.

wajo-containerDieser unbenannte Alkohol muss nicht unbedingt schlecht sein; doch stelle ich mir die Frage, warum jemand so etwas tut, wenn er für den gleichen Preis, teilweise wahrscheinlich sogar billiger, einen benamten Scotch in Herstellerflasche bekommen kann. Hauptsächlich lebt der Laden wahrscheinlich von der Idee, eine kleine, relativ individuelle Abfüllung von Öl, Essig oder Spirituosen als Präsent anzubieten.

Wie man an diesem Whiskyschokoladenorangenlikör sehen kann, bietet die Wajos Genussmanufaktur, auch wenn ich persönlich mit dem Geschäftsmodell nicht viel anfangen kann, doch Qualität auf hohem Niveau – wer also mal ein Geschenk für einen Spirituosenfreund sucht, und sich nicht mit dem Markenwirrwarr auseinandersetzen will, wird dort bestimmt fündig.

…denn gespannte Erwartung wird selten befriedigt – Riegele Amaris 50

Schon Goethe war sich in den Unterhaltungen Deutscher Ausgewanderter der oft unmöglichen Erfüllung einer übersteigerten Erwartungshaltung bewusst. Wenn ein Bier dann noch damit spielt, und sich selbst den Untertitel „Feinherbe Vorfreude“ gibt, ist der Konflikt vorprogrammiert, vor allem, da die anderen Biere, die ich von Hersteller Riegele getrunken habe, die Latte recht hoch gelegt hatten. Kann das Riegele Amaris 50 sich diesem Spannungsfeld entziehen und Goethes gespannte Erwartung befriedigen?

riegeleamaris50-flascheIm Glas steigert sich die Vorfreude dann ins unermessliche: Eine ganz herrliche senfgoldene Farbe, mit leichter Trübung. Eine tolle, fluffige Schaumkrone, die sich zwar abbaut, aber etwas Schaum kräuselt sich auch nach einer halben Stunde auf der Oberfläche. Im Geruch erinnert mich das Amaris 50 etwas an Cidre. Natürlich ist Hopfen erkennbar, aber nicht so aggressiv wie bei vielen amerikanischen Kalthopfungen. Im Mund erscheint es dann bitter, bei den namensgebenden 50 IBU kein Wunder; doch die Hopfung konzentriert sich auf die Bittere, ich erkenne nur minimal fruchtigen Hopfen.

Und das wars geschmacklich dann aber schon. Ich bin überrascht – eigentlich ist das Bier nur bitter und schmeckt nach sonst nicht viel. Gern hätte ich bei diesem Bier auch nach den verschiedensten Aromen und Geschmäckern gesucht, wie ich es bei anderen Bieren gern tue. Doch hier ist das vergebene Liebesmüh.

riegeleamaris50-glasEs liegt vielleicht daran, dass statt den aktuell sehr beliebten amerikanischen Aromahopfen die deutschen Hopfensorten Hallertauer Perle, Opal, Hersbrucker und Tettnanger Mittelfrüh eingesetzt wurden. Pilsner Malz und Steffi dienen als Malzgrund. Wie bei vielen der Riegele-Abfüllungen bekommt man auch beim Amaris 50 den Inhalt in einer ungewöhnlichen Zweidrittelliterflasche – für mich bedeutet das: zwei Portionen. Äußerst lobenswert ist das ausführliche, informative Rücketikett, das einem eigentlich schon vor dem Kauf alles sagt, was man über das Bier wissen muss.

riegeleamaris50-rücketikettGewiss ist das ein sehr erfrischendes, leichtes Bier, mit angenehmer herber Bitterkeit, ideal für den Biergarten oder die Grillparty. Aber im stillen Kämmerlein, auf der Suche nach neuen Bierwelten, ist das Amaris 50 eine mittlere Enttäuschung. Kein Genießerbier, aber nicht alles, was eine Brauerei hervorbringt, muss auch immer gleich ein Produkt für Gourmets sein – manchmal ist halt selbst grundsolide Ware, wenn man mehr erwartet, und das tue ich bei Riegele immer, nicht genug für den verwöhnten Gaumen.

Nur noch ein Minztröpfchen… Branca Menta

Pfefferminz ist ein beliebtes Aroma in Kaugummis, Zahnpasta, Brusteinreibemitteln bei Erkältung und Mundwasser. Es erfrischt den Atem, belebt und befreit. Liegt es daran, dass wir dieses Minzgefühl so sehr mit Hygiene identifizieren, dass viele den Geschmack von Minze im Essen und Trinken dann nicht mehr ganz so schätzen? Dass ein unglaublich leckeres Gericht wie Wildschwein in Minzsoße zu einem running gag in einem Comic degradiert ist?

sanglierausaucementhePfefferminzlikör gibt es dennoch in verschiedenen Ausprägungen. Vom giftgrün gefärbten und transparenten Crème de Menthe bis hin zum dunkelbraunen italienischen Amaro, der neben anderen Zutaten auch einen guten Minzbums aufweisen kann: dem Cousin des als Digestif sehr beliebten Fernet Branca, dem Branca Menta.

Branca Menta

Farblich sehen wir ein tiefes Rostbraun im Glas, mit rötlichen Reflexen. Die hohe Viskosität lässt beim Schwenken keine „Beine“, sondern mehr eine schlierige Fläche zurück. Zunächst ist der typische Kräutergeruch eines italienischen Amaro im Vordergrund. Orange und Nelken bestimmen das Geruchsbild. Nur ein Hauch von Pfefferminz, mehr ein erfrischendes Gefühl als ein echter Geruchseindruck, ist vorhanden.

Im Mund dann ganz anders. Die mentholige Minze lässt einen erstmal überrascht nach Luft holen. Ganz klar dominiert sie alles andere, und drängt die anderen Kräuter des Amaro in den Hintergrund. Auch die leichte Schärfe, die man von Minze erwartet, fehlt nicht. Eine äußerst starke Süße ist der zweite Haupteindruck, klebrig, dicht, der Branca Menta ist mir pur getrunken dann auch fast schon etwas zu süß. Die Bitterkeit, die ein Amaro schon im Namen trägt (amaro ist das italienische Wort für bitter), und die auch deutlich vorhanden ist, wird durch diese Süße ausgeglichen.

brancamenta-glasAm Ende bleibt nach ein paar Schlucken ein erfrischtes Mundgefühl fast wie nach dem Zähneputzen zurück, das doch sehr lange anhält, zusammen mit der Bitterkeit, die durch den ganzen Zucker im Likör leider aber dann ebenso lang am Gaumen klebt. Genau diese interessante geschmackliche Aufspannung von frisch-hell nach süß-dunkel macht den Branca Menta jedoch so spannend.

Die Eigenschaften des Branca Menta sind verblüffend, und ähnlich faszinierend wirken sie dann auch in einem Cocktail. Man muss vorsichtig dosieren, denn schnell reißt der Minzamaro alles an sich – bereits eine Viertelunze, wie beim Tiger Balm #2, sorgt dafür, dass eine tiefe, dunkle Minzigkeit den Drink durchdringt und ihn in Kombination mit der Fruchtigkeit der Maracuja wirklich unwiderstehlich macht.

Tiger Balm #2 Cocktail


Tiger Balm #2
1½ oz ungereifter Rum (z.B. Brugal Titanium)
¾ oz Limettensaft
¾ oz Maracuja-Sirup
¼ oz Branca Menta
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Ich empfehle Branca Menta als einen Digestif nach dem Essen. Der überraschende, kühlende Erfrischungseffekt ist es wert. Aber auch die Superkräfte dieses Amaros in Cocktails, die durch kaum etwas anderes zu reproduzieren sind, machen ihn für die Heimbar unverzichtbar. Letztlich wird die 700ml-Flasche, zu erwerben für rund 12€, aber auch ewig halten (mehr als ein winziges Gläschen davon kann man kaum am Stück trinken), daher ist der Kauf auch als langfristige Investition in minzsüße Spitzenqualität zu sehen.