Ein Herbstspaziergang – Nardini Grappa Riserva 15 Anni

Wir Spirituosenmissionare müssen zusammenhalten. Wir lassen uns daher auch gern von einem Kollegen inspirieren, etwas auszuprobieren, wozu wir selbst erstmal nicht direkt einen Bezug haben. Die Welt der Brände und Liköre ist einfach viel zu riesig, als dass man als Einzelner irgendwie eine Chance hätte, alles direkt überblicken und einordnen zu können, und sie entwickelt sich täglich weiter. Daher freue ich mich immer sehr, wenn ich beim Spicken bei den Kollegen etwas entdecke, was mein Interesse reizt. So ging es mir mit dem Nardini Grappa Riserva 15 Anni, den der hochgeschätzte Vlogger Ralphy in einem seiner Videoblogs in höchsten Tönen lobte. Persönlich habe ich eine Schwäche für Grappe (dem italienischen Plural für Grappa, nur mal so klugscheißerisch angemerkt), daher kam ich nicht umher, mir eine Flasche davon zu besorgen.

Nicht ganz billig, und auch nicht überall erhältlich ist dieser Tresterbrand, der 15 Jahre in slawonischer Eiche reifen konnte. Traubenreste aus den nordostitalienischen Gebieten Venetien und dem Friaul werden doppelt mittels der für Grappa vorgeschriebenen Dampfdestillation gebrannt – Dampfdestillation deshalb, weil sie der einzige Weg ist, die toxischen Stoffe, die Traubenkerne und -stiele abgeben würden, brännte man sie auf konventionelle Weise, aus dem Destillat herauszuhalten. Das Verfahren wird zum Beispiel auch bei chinesischem Baijiu eingesetzt. Es wird in einem Folgeartikel über einen anderen Grappa auf meinem Blog etwas näher erläutert werden. Nun wollen wir uns aber zunächst den Nardini Grappa Riserva 15 Anni mal im Glas anschauen.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Flasche

Farblich sieht man, dass 15 Jahre Reifung nicht unbedingt zu einer schwarzbraunen Brühe führen müssen. Dieser Grappa ist klar, strohgolden, dabei aber strahlend. Im Glas kaum viskos. Man kann sich allerdings kaum auf die Farbe konzentrieren, denn man stürzt geradezu in das überwältigende Aroma, das aus dem Glas verströmt: Dunkle Schokolade, getrocknetes Heu, Kandis… ich versuche eigentlich, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn ich Tasting Notes schreibe, aber hier fühle ich mich einfach wie auf einem Herbstspaziergang über abgeerntete Getreidefelder.

Nach dem ausgedehnten Schnupperspaziergang muss der Nardini Riserva nun zeigen, ob er im Geschmack ähnlich verzaubern kann. Er ist zu Beginn sehr süß, wirkt zunächst etwas staubig, dabei wird ein weites Panorama an Geschmackskomponenten aufgefächert: Kakao, Heu, Oolong-Tee, Tabak, reifer Pfirsich, Datteln, Rosmarin und Mandeln. Eine volle Breitseite an Eindrücken, die Liste könnte ich mit jedem Schluck fortsetzen. Im Abgang wird er schließlich feurig-heiß; ein wirklich extrem langer Abgang komplettiert das durchweg positive Bild, voller Charakter, mit starken Kakao- und Teenoten und einem minzigen Finish.

Man erahnt, dass mein Gesamtfazit nicht wirklich negativ ausfallen kann. Der Nardini Riserva ist unglaublich vielschichtig und bunt, dabei höchstkomplex. Eine herrliche Spirituose, etwas, wovon ich nachts träume.

Grappa ist eher selten in Cocktailrezepten zu finden – seltsam eigentlich, denn die Aromatik ist spannend und kräftig, sowas sucht man normalerweise händeringend. Ungereifter Grappa macht sich hervorragend als Ginersatz in vielen Drinks, gereifter Grappa kann in zum Süßen tendierenden Cocktails den Twist geben, den ein gemütlicher Bourbon nicht liefern kann. Der Principino ist ein herrlicher Dessert-Drink, der dem wahren Genießer statt dem üblichen „Aufs Haus“ beim Italiener den Magen schließen könnte – er vereint Süßes, Kaffee und Grappa, also alles, was man sonst so nach dem Essen zu sich nimmt.

Principino


Principino
1½ oz Grappa (z.B. Nardini Grappa Riserva 15 Anni)
¾ oz weißer Pfefferminzlikör (z.B. Berliner Luft)
¾ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
¾ oz Maraschino-Likör (z.B. Bols Maraschino)
Alle Zutaten auf Eis shaken. Im Glas dann mit etwas aufgeschlagener Sahne toppen.
Mit Minzblatt und Kakaopulver dekorieren.
[Rezept nach Renato Cumerlato]


Die kleine „halbe“ Flasche mit 35cl Fassungsvermögen wird in einem schönen, stabilen Klappkarton mit Plastikeinlage für die Flasche selbst vertrieben – dieser macht echt was her, ebenso wie die zurückhaltend gestaltete Etikettierung. Das macht das Gesamtpaket zu einem idealen Geschenk für jeden echten Spirituosenfreund.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Geschenkkarton

Eine wirklich schöne Entdeckung, und ich bin dem oben erwähnten Ralphy sehr dankbar, dass er mich darauf hingewiesen hat. Er selbst pflegt einen ähnlichen Stil wie ich, was die Auswahl von Rezensionsprodukten angeht – grundsätzlich bespricht er eigentlich Whiskys, blickt dabei aber gern über den Tellerrand und holt sich auch ab und an Rums oder anderes ins Boot. Einfach, weil man die Präferenzspirituose selbst viel besser würdigen, schätzen und einordnen kann, wenn man auch außerhalb von ihr hin und wieder mal etwas probiert. Ich empfehle das auch allen Lesern meines Blogs, die einen Lieblingsschnaps haben und sich nicht vorstellen können, dass sich das je ändern könnte: Ausprobieren! Nicht immer, aber immer öfter wird man extrem positiv überrascht werden.

Kurz und bündig – IMBC / Buxton Brewery / Magic Rock / North Brewing Co. / Stone Fellow-Sip IPA

Ich hatte mich neulich über einen etwas unhandlichen Titel eines Biers beschwert. Nun, das war gestern, heute heißt ein Bier IMBC / Buxton Brewery/ Magic Rock / North Brewing Co. / Stone Fellow-Sip IPA. Ich frage mich, ob das wirklich noch in meine Kategorie „Kurz und bündig“ passt – damit ich die Wortgrenze nicht sprenge, nenne ich das Bier im folgenden nur noch Fellow-Sip. Es handelt sich dabei um das 4. Uniqcan-Release aus dem Hause Stone Brewing. Der Anlass, sich mit 3 britischen Brauereien zusammenzutun, ist die IMBC (Independent Manchester Beer Convention, „Indy Man Beer Con“), die Anfang Oktober 2018 stattfand.

IMBC - Buxton Brewery - Magic Rock - North Brewing Co. - Stone Fellow-Sip IPA

Die Farbe ist golden, naturtrüb. Die Schaumentwicklung ist kräftig, eine sehr starke Perlage sorgt dafür, dass dieser Schaum auch lange erhalten bleibt. Nachdem ich in letzter Zeit häufiger Biere im Glas hatte, die sich geruchlich eher zurückhielten, ist dieses Bier eine andere Welt – beim Eingießen riecht man schon, dass die Nase hier was zu tun bekommt. Die zu erwartende Bitterkeit ist riechbar, Grapefruit, Limette, Harz, Aromahopfen in voller Wucht und ohne Gnade, etwas Frucht schimmert durch.

Im Mund beginnt das Fellow-Sip schon sehr trocken und man merkt die 65 IBU vom ersten Tropfen, der auf die Zunge fällt – da ist eine sehr harte Grapefruitkante drin, Limettenschale, ein harzig-holziger Eindruck; es geht fast schon in Richtung Radicchio, weil da auch eine gewisse Kräuterigkeit da ist. 7% Alkoholgehalt bleiben dennoch unspürbar am Gaumen. Der Abgang ist sehr lang, bitter bis zur Eckigkeit, harsch und trocken. Der Hopfen lässt dem Malz keinerlei Chance, so etwas wie Tiefe aufzubauen. Insgesamt empfinde ich das Bier aromatisch auch als dumpf und etwas stumpf, die Rezenz fehlt.

Persönlich hat mir das nun, nachdem ich immer die Stone-Bittere gelobt und gefordert hatte, die Grenze des Angenehmen überschritten. Das Fellow-Sip ist kein Bier mehr, das ich mir mal so eingießen würde, sondern ein Demonstrationsobjekt für derbe Biere, die mir nur noch bedingt Spaß machen. Wer allerdings die knarrende IBU-Härte haben will, nun, der ist hier definitiv richtig.

Die Zusammenarbeit besteht hauptsächlich darin, dass die Zutaten von den 4 Brauereien aus ihren beliebtesten Produkten in den Braukesseln von Stone in Berlin zusammengeführt wurden – die „ikonischen“ Hopfen- und Malzsorten der wichtigen Biere der teilnehmenden Brauereien. Dabei handelt es sich um die Malze Pilsener Malz, Gerstenmalz, Weizenmalz, gesäuertes Malz und Golden Promise, sowie die Hopfen Citra, Mosaic und Ariana. Über die Dosen selbst habe ich in meinen Blogartikeln über die 3 Uniqcan-Vorgänger genug gesagt – das Konzept ist schlüssig und stringent ausgeführt. Das Label ist schön bunt und passt dazu, und stellt die Zusammenarbeit gelungen in den Vordergrund.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung zweier Dosen des Fellow-Sip IPAs.

Sweet little lies 2018 – Ein Update auf die Manipulationsdebatte

Es war der Grund, warum ich einen Spirituosenblog gestartet habe. Zuvor hatte ich mehr oder weniger regelmäßig hier und dort über Spirituosen geschrieben, doch ein Thema, das mich zwickte wie kaum ein anderes war an diesen Stellen nicht vernünftig einpackbar. Ich begann also einen Blog, stolperte mich durch die Schwierigkeiten, die ein Hobbyblogger zu Beginn eben hat, und veröffentlichte dann irgendwann den Artikel, der mir bis heute sehr am Herzen liegt: Tell me sweet little lies – Warum ist unser Rum so süß?

Damals, Mitte 2015, war das Thema in kleinen Fachkreisen bereits bekannt, Anfang der 2010er Jahre wurde es leise losgetreten. Doch es dauerte, bis es weitere Kreise zog, und insbesondere in  Deutschland ankam. Ich bin stolz darauf, dass mein Artikel vielleicht einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, das Wissen über Süßung im Rum zu verbreiten.

Statistik Tell me sweet little lies

Nun haben wir 2018, und das Thema ist in der Mitte der Konsumgesellschaft angekommen. Nicht nur extreme Fachidioten (den Begriff „Profis“ will ich hier aus gegebenem Anlass nicht verwenden) wie ich, sondern selbst der nur halbwegs an Rum Interessierte hat davon gehört. Zeit für ein Update auf die Situation, denn auch wenn sich viel getan hat, so richtig beliebt ist das Thema immer noch nicht – aus anderen Gründen.

Durch die inzwischen weitgestreuten und leicht selbst nachstellbaren Beweise für Rummanipulation wurde vielen Leugnern und heimlich agierenden Herstellern die Argumentationsgrundlage entzogen. Sie müssen eingestehen, dass Rum gezielt gesüßt und aromatisiert wird – und suchen eine neue Basis für ihre Ablehnung einer Transparenzbewegung. Ich höre jeden Tag eine neue Variante dafür, warum Transparenz unnötig ist, Süßung toll oder Kritik grundsätzlich blöd – hier sind nun ein paar meiner liebsten davon gesammelt.


Vanillin in WhiskyEinen wahren Aufschwung hat Whataboutism 2017 erlebt und ist in Fachkreisen inzwischen sehr beliebt. Man leitet die Kritik einfach auf die andere Verdächtige um – ja, Rum wird manipuliert (zähneknirsch), aber, was ist mit Vodka? Und Whisky? Die sind doch genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer! Warum hackt man trotzdem immer ausgerechnet auf Rum herum? Rum ist so vielfältig, das ist doch das schöne dran, warum sollte man ihn einschränken?


Lexikon der Verschwörungstheorien

Eine immer noch gern genommene, weitverbreitete Taktik ist, Kritiker als Truther hinzustellen, sie als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, und sich über sie lustig zu machen. „Taliban“, „Sugar Police“ und „Hater“ sind beliebte Begriffe, mit denen wir belegt werden. In diese Schiene schlägt auch der Vorwurf, eine „Spaßbremse“ zu sein, und sich dem wahren Geiste des Rums zu verwehren, der ja ein Piratengetränk ist und sich nicht um Regeln scheren sollte – Piraten, Palmen, Papageien.


Mauscheln

Manche Hersteller bekommen von vielen Bloggern aktuell einen Freifahrtschein, weil sie in Privatgesprächen zwischen Markenbotschafter und Blogger die Süßung zugeben. Aufs Etikett schafft der Zucker es aber dennoch nicht, und auch nirgends auf den Hersteller-Internetseiten ist ein Hinweis darauf zu finden: eine geschickte Strategie. So sichert man sich das Wohlwollen der Kenner mit Pseudotransparenz, während man gleichzeitig den Verkaufszahlen nicht schadet, weil man die Masse der uninformierten Laien im Dunkeln lässt.


Krümelmonster
Cookie Monster Clipart

Das älteste Argument, „Hauptsache, es schmeckt, es interessiert mich nicht, wie es hergestellt wird!“ greift tatsächlich auch heute noch gut, insbesondere in Kreisen, die Rum als Partygetränk oder Unterhaltungsdrink sehen. Jeder soll doch trinken, was ihm/ihr schmeckt, wieso willst Du mir vorschreiben, was ich zu trinken habe? Du Snob! „Die Leute wollen Süßes“, das höre ich oft und bestreite es ja auch gar nicht, aber da es auch sehr natursüße Rums gibt, die einer künstlichen Nachsüßung gar nicht bedürfen, um zu schmeicheln, fällt auch diese Konstruktion in sich zusammen.


Rafael Arroyo

Die Süßung und Aromatisierung sei eine traditionelle Herstellungsweise, die man nicht zu kritisieren hat, wird einem aus herstellernahen Quellen oft vorgehalten – oft mit einem herablassenden Lächeln über die Banausen, die noch nicht genügend Einblick in die Rumgeschichte haben, denn „es wird ja immer schon so gemacht“ (was nicht stimmt, in den Vierzigerjahren hat Raffael Arroyo diese damals neue Praxis kritisiert).


Rum Labels

Wie verzweifelt manche sind, erkennt man an dem folgenden Punkt, den ich allen Ernstes schon mehrfach gehört habe: Angaben auf dem Etikett würden die hübschen Rumetiketten verunstalten, Verbraucher würden verwirrt durch die Angaben oder sie erst gar nicht verstehen, das bringt doch alles eh nichts und sorgt nur für Chaos. Lasst das Volk dumm sterben, Bildung hält sie nur vom Malochen ab und sorgt für unangenehme Ansprüche. Dass es anders geht, zeigen beispielsweise sehr neutral und sachlich gehaltene Labels von Velier und Foursquare.


Ungesundes EssenIn Zeiten, in denen die Gesundheit so wichtig ist, dass man als Genießer sich rechtfertigen muss, wenn man überhaupt außer Körnern und stillem Wasser etwas zu sich nimmt, wird es leicht, eine Nebelkerze zu zünden und die Manipulationdiskussion auf einen kleinen Teilaspekt umzuleiten: Alkohol ist eh schon ungesund, was macht da der Zucker noch aus. Wer eine Nährwerttabelle auf Spirituosen braucht ist offensichtlich ein Alkoholiker, denn man trinkt ja nur winzige Mengen. Und die Kalorienzahl von Alkohol ist so hoch, da soll man sich wegen der Zuckerkalorien nicht so anstellen. Dass die Süßung ganz andere, viel gewichtigere Probleme mit sich bringt als Kalorien, wird dabei bewusst oder unbewusst unterschlagen.


Zucker

Über stolz vorgetragene Unwissenheit („Rum wird doch aus Zucker hergestellt!“ oder „Der Zucker kommt aus dem Fass!“) muss ich heute nur noch lächeln, denn meist steckt hier gar kein böser Wille dahinter, sondern nur genau das – Unwissenheit. Je weniger man über etwas weiß, desto sicherer ist man sich, dass man alles darüber weiß – das gilt in allen Lebensbereichen.


Ron Mulata Aräometermessung

Die Messungen sind ungenau und können nicht so funktionieren. Natürlich haben wir Hobbymesser kein professionelles Labor zuhause, mit dem wir aufs Mikrogramm genau feststellen können, was in der Flasche drin ist außer Rum. Dennoch haben Vergleiche gezeigt, dass die Hydrometer-Methode, die jeder zuhause mit wenig Aufwand durchführen kann, erstaunlich genau arbeitet. Immer wieder gilt zu betonen – es geht mehr darum, herauszufinden, ob nun 5 oder 20 Gramm pro Liter drin sind, nicht, ob es 33 oder 35 sind.


Mixology on rum

Zu guter letzt muss ich auch manche Rumfreunde hinterfragen, die sich gut auskennen, und aber desillusioniert sind, um ihre Pfründe fürchten, oder desinteressiert an Anfängern sind – sollen die Neulinge doch weiterhin Zacapa 23 trinken, so bleibt mehr für mich von den Single Casks übrig, die würden sonst noch teurer werden! Ja, das stimmt wahrscheinlich. Es wird sich aber eh nicht verhindern lassen, dass Whisky-Verhältnisse bald bei Rum einziehen, dazu ist Rum inzwischen zu beliebt. Und was ist das für eine Community, die die Anfänger mit dem schwachen Zeug abspeisen will, nur weil man selbst gezwungenermaßen früher mit Zuckerbomben eingestiegen ist?


Man sieht, da ist genug Material da, mit dem man als aufgeklärter Rumfreund zu kämpfen hat. Ich wünsche mir wirklich, dass das nächste Update in 3 Jahren sehr viel kürzer ausfällt, oder gar nicht mehr nötig ist. Allerdings bezweifle ich leider, dass mir die Gegnerschaft ausgeht – dazu sind zuviele materielle, finanzielle und reputative Partikularinteressen im Spiel.

Kurz und bündig – Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira

Meine Reise durch die Rumwelt Madeiras geht weiter – nach einem ungereiften Zuckerrohrsaftbrand kommt nun ein gereifter Rum der Insel ins Glas: der Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira wurde 2009 destilliert, ruhte dann bis zur Abfüllung in einem Ex-Madeira-Fass. 570 Flaschen ergab das ganze am Ende zu 52% Alkoholgehalt. Laut einer Messung von thefatrumpirate enthält dieser Rum 10g/L Zusätze, ich teile seine Vermutung, dass dies Reste aus den verwendeten, nicht ganz sauber geleerten Madeira-Fässern sind.

Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira

Direkt nach dem Eingießen nehme ich eine starke Klebstoffnote wahr, die schnell verfliegt. Danach bleibt etwas Lack, Vanille, grünes Holz, Haselnuss, eine durchaus kräftige Essignote, dazu Schwefel. Mich erinnert der Geruch an eine Mischung aus rhum agricole und Brandy de Jerez. Jedenfalls spannend!

Im Mund – ui, ist der sauer. Die Essigkomponente bestätigt sich sehr deutlich, auch der Schwefel. Eine milde Schärfe (schwarzer Pfeffer?) ist von Anfang an da, verstärkt sich zum Ende. Insgesamt ist der Rum richtig trocken, saugt einem die Spucke vom Gaumen; man sieht, die Zusätze müssen nicht unbedingt geschmacklich in Form von Süße erkennbar sein. Er ist sehr nussig, dunkelfruchtig, hat fast schon etwas von einem Sherry. Etwas später: Vanille, Vanille, Vanille – opulent, muss man sagen.

Der Abgang ist höchstens mittellang, heiß, metallisch und adstringierend. Eine leichte Betäubung setzt an der Zungenspitze ein. Die Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge und im Rachen, ein Nachklang von Sahnetorte überrascht etwas, und die scheinbar supertypische Brombeernote, dich ich in allen Rums aus Madeira entdecke, komplettiert das ganze.

Hm, ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits mag ich Rums, die mich überraschen und etwas aus dem Raster fallen; andererseits wirkt dieser Madeiraner doch im Gesamtbild sehr unrund, springend, unstet – da ist keine Linie erkennbar. Die Säure ist für meinen Geschmack darüberhinaus bereits übertrieben, die Vanilleopulenz dagegen betört. Ich bleibe ratlos zurück.

Offenlegung: Ich danke Rum Nation für die kostenlose Zusendung dieses Samples.

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 12 – Ming River Sichuan Baijiu

Es ist nun schon eine gewisse Weile her, dass ich einen Baijiu besprochen habe. Meine Artikelreihe Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, die als Miniserie gedacht war, weist zwar schon 11 Einträge auf, mit einem breiten Sortiment an Leicht-, Stark- und Saucearoma-Baijius, doch insgesamt krankte es wohl an einem Detail: Die meisten der von mir besprochenen Baijius sind exklusive Produkte, in China für den chinesischen Markt hergestellt, in Deutschland praktisch nicht erhältlich und werden es wohl auch in mittelfristiger Zukunft nicht sein. So kann der Leser zwar versuchen, mein Interesse für diese Spirituosenkategorie auf einer abstrakten Ebene nachzuvollziehen, doch so richtig begreifen tut man es halt erst, wenn man so einen Tropfen auch mal selbst im Glas hat.

Dies kann sich nun ändern. Der Ming River Sichuan Baijiu ist endlich ein hochqualitativer Baijiu, der offensiv auf dem europäischen Markt angeboten wird. Das spannende an dieser Herangehensweise ist, dass westliche Spirituosenexperten schon bei der Auswahl und Herstellung eines Produkts mit ins Boot geholt werden; das Ziel ist, die zwar nicht wirklich enge, aber doch eingegrenzte Perspektive des chinesischen Markts sprengen zu können. Zugegebenermaßen muss bei vielen Produkten eine nichtchinesische Zielgruppe bereits früh mitberücksichtigt werden, um die gröbsten Kanten, die Chinesen lieben, Westler aber abstoßen, auszugleichen. Ähnlich wie beim Red Star Nuwa, der von Christian Vergier mitgestaltet wurde, ist hier jemand gefunden worden, der sich in der Welt des chinesischen Klaren auskennt wie kaum ein zweiter außerhalb Chinas – Derek Sandhaus, Autor des aktuell einzigen vernünftigen Buchs über Baijiu. Der Nuwa war nun ein Leichtaroma-Baijiu, der Ming River ist dagegen der erste für deutsche Konsumenten gut verfügbare Starkaroma-Baijiu; die Kaufbarkeit ist aber nur ein Teil der Frage, viel wichtiger ist – taugt er was, kann man sich damit an die Kategorie herantasten?

Ming River Sichuan Baijiu

Bei Baijiu gibt es nicht viel über die Farbe zu sagen – klar und ohne Einschlüsse. Er bewegt sich lebendig und flüssig im Glas, es ist kaum Öligkeit erkennbar. Das typische Starkaroma-Baijiu-Aroma ist geruchlich direkt präsent. Fermentierte Pfirsiche, weiße Gummibärchen, überreife Ananas, verrottete Bananen. Dazu kommt eine dezente Teernote, etwas Plastik, Apfelessig und ein Hauch von Lakritze. Insgesamt wirkt der Ming River hell und trotz der vielen Ester leicht, insbesondere im Vergleich zu vielen seiner Kategoriekollegen.

Kommen wir zum Geschmackseindruck: Sehr süß im Antrunk, mit Klängen von Kandiszucker, viel Frucht, Pfirsich und ganz besonders Ananas. Die Fruchtester übertreffen die von Hochesterrum bei weitem in Weiche und Anzahl. Sehr dicht und fett, dabei aber mild – 45% Alkohol sind gut gewählt und sehr rund eingebunden. Kleine Spitzen von Teer und Plastik tauchen im Verlauf auf, wirken aber nicht störend. Später kommen dunkle Schokoladenaromen und Karamell, Bananigkeit und Datteln zum Vorschein, ohne dabei übermäßig süß zu werden – ein sehr interessanter Geschmacksbogen, der ständig etwas Neues zu bieten hat.

Ming River Sichuan Baijiu Glas

Der mittellange Abgang ist sehr anislastig, lakritzig, süßholzig. Sehr warm und mit einem seidigen, schokoladigen Finish. Das Süßholz hängt noch eine Weile nach, ohne dabei zu sehr zu klammern; ein Baijiu, der einen auch wieder loslässt, das weiß man zu schätzen, wenn man welche probiert hat, die einen noch Stunden später beschäftigen.

Das ist eine hochkomplexe Fruchtbombe, die diesbezüglich jedem Hochesterrum die Show stiehlt, dabei aber nicht überwältigt oder zu kompliziert wird, nie kratzt oder beißt, und in ihrer Rundheit und Kantenlosigkeit begeistert.

Gerade die ausgeprägte Fruchtigkeit macht den Ming River zum interessanten Spieler in diesbezüglich eh schon orientierten Cocktails. Kaum ein zweiter hat sich um Baijiu in Drinks ähnlich verdient gemacht wie Ulric Nijs – aus seiner Feder stammt auch der Berry Baijiu Sour, der dies demonstriert.

Berry Baijiu Sour


Berry Baijiu Sour
1 oz Starkaroma-Baijiu
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Himbeerlikör
¼ oz Galliano L’Authentico
1 Eiweiß
Dry shake, dann auf Eis shaken.

[Rezept nach Ulric Nijs]


Die Flasche ist in Anlehnung an eine chinesische Laterne gestaltet; extravagante Formen sind bei Baijiu-Flaschen eher die Regel denn die Ausnahme, das hatte ich bei einem anderen Artikel schonmal angesprochen. Das Etikett hält sich dagegen etwas zurück, ist mit der recht abstrakten Schwarzweißillustration zufrieden. Ich habe diese Flasche von Derek Sandhaus persönlich erhalten, während unseres gemeinsamen Aufenthalts in Plovdiv während des Concours Mondial de Bruxelles.

Derek Sandhaus und Ming River Sichuan Baijiu

Ich bitte darum, sich auf einen Versuch einzulassen. Man braucht eine gewisse Lernphase, ohne Zweifel, hat man sie aber durchschritten, liegt eine komplett exotische, fremde Aromenwelt vor einem, die keine andere Spirituose der Welt in dieser Konsequenz bieten kann, die man erforschen und voller Sense of Wonder kennenlernen kann. Und ich garantiere, wenn man genug Energie investiert, wird man das, was man zu Beginn nie gedacht hat mögen zu können, lieben voller Inbrunst. Der Ming River Sichuan Baijiu ist dabei sowohl für Einsteiger als auch für Profis ein perfektes Beispiel dafür, was hochqualitatitver Baijiu kann.

Maisel & Friends Craft Brauer Festival 2018 und Maisel & Schanzenbräu Gestopfter Bär

Die Einladung kam überraschend, das gebe ich zu. Mitglied in der Jury eines Brauerwettbewerbs! Natürlich bin ich für derlei Dinge immer zu haben, besonders, wenn sie im Rahmen eines Festivals stattfinden, und von einem illustren Brauer wie Maisel & Friends organisiert werden. Der Hobbybrauer-Wettbewerb war also einer der Bausteine des Maisel & Friends Craft Brauer Festival 2018, das Anfang September in Bayreuth stattfand. Für mich als echten Bierfreund stand eine Reise nach Oberfranken, einem Zentrum der globalen Bierkultur, eh schon lange auf der Liste.

Am ersten Tag des Festivals war das Wetter noch etwas verhalten, und so war der Garten der Maisel’s Bier-Erlebnis-Welt mittags, als ich dort ankam, noch nicht überlaufen. Das Gebäude, das auch das Liebesbier beherbergt, ist eine tolle Location, modern aber nicht überkandidelt, mit viel Charme.

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 01 - Von außen

Gegen Spätnachmittag füllte sich das Gelände, erste Veranstaltungen fanden statt, die Stände der diversen Craftbierbrauer, die am Festival teilnahmen, öffneten und man konnte beginnen, sich durch deren Biere zu trinken. Atelier-der-Braukünste, Birrificio San Giovanni, Brauerei Flügge, BRLO, BroBier GbR, Craftwerk Brewing, HBH Braumeister Edition Fulda, In-Ale,  Tanker Brewery, Únětický pivovar und natürlich die Hausherrn sowie deren besonderer Gast, Schanzenbräu, waren mit Flaschen- und Fassbier vor Ort. Besonderer Gast deswegen, weil auf dem Festival auch die neue Zusammenarbeit zwischen der Schanzenbräu und Maisel & Friends vorgestellt wurde, die ich im Foto hier bereits im Glas halte und am Feuer genieße. Dazu später mehr.

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 02 - Gestopfter Bär im Freien

Am zweiten Tag des Festivals begann dann, während im Hof bei bestem Feierwetter mit blauem Himmel und strahlender Sonne die Kapazität des Gartens durch die enorm große Gästezahl strapaziert wurde, die harte Arbeit des Bierverkostens für mich und die anderen Mitglieder der Jury des Hobbybrauerwettbewerbs. Im ersten Stock der Maisel Bier-Erlebnis-Welt war ein Raum reserviert, in dem wir ohne Ablenkung die Proben, die Hobbybrauer zur Verfügung gestellt hatten, verkosten konnten.

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 03 - Verkostungsraum

Das Thema des Wettbewerbs war „Weißbier“ – und ich war überrascht ob der schieren Bandbreite der Biere, die die Hobbybrauer zu Hause hergestellt hatten. Da war alles vom dunklen Weizenbock bis zum strohigen, leichten, fast schon sauren hellen Weißbier, die Geschmackseindrücke variierten von klassisch bis völlig unerwartet (sowohl, das muss man sagen, auf positive als auch auf negative Weise) – ein Beweis dafür, wie flexibel die Kategorie ist. Das Prozedere war ein Blind Tasting, 25 Proben aufgeteilt auf 5 Flights, ein Bewertungsbogen, in dem für die üblichen Kategorien von Sinneseindrücken ein Wert vergeben wurde. Bei einigen der Samples wurde schnell klar, dass sie kein Gewinner sein würden – bei anderen würde ich nicht meckern, wenn ich sie als Flasche im Markt kaufen würde, so gut war teilweise die Qualität der Erzeugnisse der Hobbybrauer. Der Gewinner war schließlich ein Weizendoppelbock, die Jury war sich überraschend einig.

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 05 - Verkostung

Die Expertenjury des Hobbybrauerwettbewerbs bestand aus geballter Fachkompetenz einerseits und mir andererseits, der ich mich praktisch als blutiger Anfänger fühlte gegenüber diesen Kennern – Christof Habel (Redakteur BRAUWELT und GradPlato), Mareike Hasenbeck (Journalistin und Biersommelière), Markus Raupach (Journalist, BierAkademie und Biersommelier), Andrea Kalrait (Veranstaltungsleiterin BrauBeviale und Biersommelière), Michael König (Biersommelier Maisel & Friends), Gracia Sacher (Bierbloggerin „Hopfenmädchen„) und André Brunnsberg (Vorsitzender der finnischen Hobbybrauervereinigung, Delegierter der European Beer Consumers Union).

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 06 - Jury

Nach den doch recht anstrengenden 2 Stunden des Verkostens konnte ich dann den Rest des Festivals genießen. Das eine oder andere Bier der geschilderten Brauer landete in meinem Glas, und besonders gefielen mir die Sandwiches, die angeboten wurden – spannend und lecker in einem, nicht der typische Festivalfood. Es war laut und lärmig, das ist eigentlich nicht wirklich was für mich, und so war mir der Rest des Rahmenprogramms kaum zu würdigen; dennoch habe ich wirklich viel mitgenommen von diesem Ausflug nach Bayreuth. Im Nachgang habe ich mit Bekannten noch eine Tour durch die oberfränkische Bierwelt abseits von Maisel unternommen. Ein entsprechender Artikel folgt auf diesem Kanal.

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 07 - Food

Von all den Bieren, die ich an diesen zwei Tagen probieren durfte, bleibt allerdings eines besonders im Gedächtnis, und das nicht, weil es vom Gastgeber stammt. Der oben schon erwähnte Collab-Brew war der absolute Gewinner für mich persönlich – der Maisel & Schanzenbräu Gestopfter Bär, ein roter hopfengestopfter Bock mit 50 IBU und 7,3% Alkoholgehalt.

Als erstes fällt die ungewöhnlich schöne, rote, strahlende Farbe auf, die leicht opalisierend im Glas leuchtet. Eine dünne Schaumkrone mit Crema, dazu leichtes Mousseux. Geruchlich dominiert erstmal eine malzige Basis, dazu kommen hübsch fruchtige Obertöne, ohne dass eine Komponente die andere überdeckt; Grapefruit, Zitrone. Frisch und ansprechend.

Auch im Geschmack sind Malz und Hopfen wohl ausgeglichen. Der malzige Bock sorgt für Süße und fettes Volumen, die Hopfenstopfung für Frische und eine edle Bittere, 50 IBU sind super eingebunden. Eine wunderbar gelungene Rezenz mit idealer Karbonisierung gefällt mir sehr, ebenso wie der feinherbe Abgang mit einer hübschen Kombination aus dezenter Trockenheit und zurückhaltender Süße.

Maisel & Schanzenbräu Gestopfter Bär

Da sind zwei aufeinandergetroffen, die ihr Handwerk verstehen, und das Ergebnis ist eines der schönsten Biere, die ich seit langer Zeit getrunken habe. Es ist ein Jammer, dass das ein einmaliges Erlebnis sein wird, das sollte im Dauerprogramm der beiden Brauereien geführt werden.

Nun, vielleicht gibt es nächstes Jahr ein ähnliches Event, und ein ähnlich gelungenes Collab-Brew. Es hat mir Spaß gemacht, Teil des Festivals zu sein, viele neue Leute kennenzulernen und die Atmosphäre Bayreuths und die dortige, alles durchdringende Bierkultur am eigenen Leib zu erfahren. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich die Maisel Bier-Erlebnis-Welt definitiv mal anschauen!

Kurz und bündig – Stone Brewing CoCo-POW! Porter

Uniqcan, inzwischen schon die dritte – Stone Brewing legt ein hohes Tempo vor mit seinen Limited Releases. Dieses Mal haben wir ein besonderes Schmankerl in der Dose, einen von mir sehr geliebten Bierstil: Ein Porter, aber eins mit einem Twist.  Eingebraut wurde das Stone Brewing CoCo-POW! Porter nämlich mit gerösteten Kokosflocken und Kaffeebohnen (zusammen insgesamt 1,6% Anteil). Wenn ich sowas lese, bin ich immer zwiegespalten – das kann leicht in die Hose gehen mit „bierfremden“ Aromen. Schauen wir mal, was rausgekommen ist.

Stone CoCo-Pow! Porter

Für ein Porter sehe ich einen überraschend schönen Crema-Schaum, üppig und voll, dabei gemischtblasig und vergleichsweise langlebig, gespeist durch eine feine, sichtbare Perlage. Der Rest ist dann wieder stiltypisch: blickdicht, dunkelbraun bis schwarz.

Ist ein normales Porter schon aromatisch nahe an Kaffee, so hat das CoCo-POW! Porter noch eins draufgesetzt: Die Nase nimmt klare, deutlichste Kaffeeröstaromen wahr. Frisch gemahlenes Kaffeepulver dominiert die Aromatik, da kommt kaum etwas anderes vor.

Auch im Antrunk ist Kaffeepulver stark präsent, wird dann durch mildere Malznoten eingebremst und durch eine dezente Hopfenfrucht aufgefrischt. Das Bier ist trotz der angenehmen Cremigkeit sehr rezent, überraschend leicht und bei entsprechender Kühlung sehr erfrischend. Leichte Gewürznoten sorgen für den Unterbau, 7,3% Alkoholgehalt für Volumen und Bums.

Erst im Abgang kommt die zweite namensgebende Sonderzutat zum Zuge – eine leichte, milde Kokosnote, wirklich nur ein Hauch, bei weitem nicht so stark wie beispielsweise beim Kona Brewing Coco Porter – mit zunehmender Trinktemperatur nimmt sie größeren Raum ein. Zusammen mit ihr tritt eine zurückhaltende Süße ein, die mit der wirklich toll gestalteten Herbe (etwas, was ich bei Stone immer erwarte – 25 IBU) um die letzten Eindrücke beim Ausklang kämpft.

Mir gefällt die Art, wie dieses Bier komponiert wurde – das ist geschmacklich ein sehr gelungenes Porter, das mit Kaffee und Kokos nur hintergründig angereichert ist und dadurch eine wirklich tolle Komplexität erhält, die dabei aber nie die Drinkability verdrängt. Es bestätigt sich für mich persönlich – Stone hat zur Zeit einfach einen Lauf. Alles, was die gerade in dieser Uniqcan-Reihe neu rausbringen, ist spannend und interessant.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung zweier Dosen des CoCo-POW! Porter.

Fass(ungs)los – Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Es ist eine große Investition in die Zukunft, die man als Hersteller von braunen Spirituosen tätigen muss. Gebrannt ist schnell, wenn man das Equipment und Knowhow mal hat, doch die Kehlen der Kunden verlangen eher selten nach frisch aus der Destille gelaufenem, weißen, klaren Sprit; sie wollen dunkle, braune Flüssigkeiten, die nach Vanille und Karamell schmecken. Der Zufall, der einst die frühen Brenner dazu brachte, ihre Destillate in Holzfässern zu lagern, die dann den Geschmack entscheidend beeinflussten, ist heute ganz selbstverständliche Praxis geworden. Doch diese jahrelange Ruheperiode ist halt eben eine Investition – man kann in vielen Spirituosenkategorien seinen Stoff erst 10, 12 oder 20 Jahre später vernünftig verkaufen.

Das muss doch auch anders gehen, denken sich findige Geister. Man fährt ja heutzutage auch nicht mehr in Pferdekutschen oder surft mit einem langsamen Quietschmodem, dieser Prozess der Reifung muss doch zu beschleunigen sein. Und so haben wir heute das Highspeed-LTE-Äquivalent der Rumwelt im Glas, den Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum. Dieser Rum ist, wie man auf dem Foto erkennen und aus dem Namen ablesen kann, von brauner Farbe, und hat dabei aber in seiner kurzen Reifezeit von „wenigen Wochen“ (eigene Aussage auf der Webseite des Herstellers) nie ein Fass von innen gesehen. 10 Jahre Fassreifung sollen durch das neue Hightech-Verfahren eingespart werden können, und der Geschmack dabei gleich sein. Ich bin extrem skeptisch, was solche Aussagen angeht, musste aber aus rein professionellem Interesse dann den Versuch wagen. Haben wir hier die Zukunft des Rums vor uns?

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Die Farbe ist tatsächlich der vergleichbar, die ich bei einem natürlich gereiften, ungefärbten 10 Jahre alten Rum erwarten würde. Eine leichte Trübung stört den Eindruck und deutet eventuell auf die Art des Verfahrens hin, das eingesetzt wurde – da keine Details darüber veröffentlicht werden, gehe ich einfach mal von einer Druck-Hitze-Intensivkur mit Holzchips aus. Der Boilerrum bewegt sich wie Wasser im Glas, keine Form von Öligkeit oder Schwere ist erkennbar.

Im Geruch erkenne ich zunächst Getreide. Da ist eine gewisse Vanillekomponente, etwas Kirsche und Aprikose, vielleicht aber eher Hubbabubba-Kaugummi; ja, das ist es – Kaugummi. Ein mehr geahnter als tatsächlicher Hauch von Rauch. Doch insgesamt, um ehrlich zu sein: Es riecht wie Vodka, der künstlich aromatisiert wurde, nicht wie Rum. Bei „achtfacher“ Destillation ist es auch kein Wunder, wo soll da noch Rumaroma übrig geblieben sein.

Der Geschmack ist leicht, typisch für einen hochdestillierten Multi-Column-Still-Rum. Wenig Körper. Sehr süß, viel Vanille, viel Hubbabubba. Diese Rauchkomponente ist auch geschmacklich vorhanden, das spannendste an diesem Rum. Er wirkt oberflächlich, klar, ohne Breite, sehr künstlich. Die auf der Webseite angepriesene Mildheit finde ich nicht, da ist viel Alkoholhauch  und -feuer und Pfeffer, insbesondere im aromatisch extrem kurzen Abgang. Der Nachhall ist dezent rauchig, erinnert mich mit meiner überbordenden Fantasie entfernt an Mezcal.

Als Vergleich für die Alterseinordnung dienen mir hier ein 3-bis-5-jähriger karibischer Blend (Compagnie des Indes Caraïbes), ein gesüßter Column-Still-Dominikaner ohne Altersangabe (Atlántico Gran Reserva) und ein tatsächlich echte 7Jahre alter Kubaner (Havana Club 7). Keine unfairen Bedingungen, wie man sieht, leichte Rums allesamt, keine superaromatischen Single-Cask-Abfüllungen, und recht unterschiedliche Stile, denn es geht nun ja nicht um den tatsächlichen Geschmack, sondern mehr um den Eindruck des Alters, der sich auch unabhängig vom Geschmack äußert. Der Boilerrum wirkt gegen alle  extrem dünn, jung, unrund, aromenarm und alkoholisch, das ist gar kein echter Wettbewerb. Die Konkurrenten schlagen ihn ohne jede Mühe und Aufwand. Ich habe, so hart es klingt, diverse ungereifte, weiße Rums in meiner Heimbar, die den Boilerrum deklassieren in Bezug auf Reife und Rundheit.

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum Glas

Man kann diesen Rum wenigstens als schönes Beispiel dafür hernehmen, was Fassreifung alles mit einem Destillat anstellt. Es geht halt eben nicht nur um Farbe und Aromenübergang, sondern auch um das Atmen über Jahre durch den Filter des Fassholzes, das sich Setzen des Destillats, die Interaktion mit der Umgebung. „Reifung“, das Wort allein drückt es eigentlich schon aus: Per Definition gehört Zeit dazu. Man kippt nicht Enzym XYZ in den Tank und bekommt damit ein gereiftes Produkt, höchstens eins, das einem Reifung vortäuscht. Ist es das, was wir wollen? Es dem Hersteller möglichst einfach zu machen, uns etwas zu verkaufen, das dem, was wir eigentlich wollen, ähnelt, ein Rumersatzprodukt? Nichts anderes ist der Boilerrum, in der gleichen Kategorie wie Analogkäse und Formfleisch.

Mit Holz aromatisierter Vodka, das ist der Eindruck, den der Boilerrum hinterlässt. Butter bei die Fische – das Reifungsverfahren kann im Endeffekt so gut sein wie es will, wenn das eingesetzte Destillat nichts taugt, wird es nichts bringen – es kann ja keinen Zuckerrohrvodka in Rum verwandeln.

Fürs reine Genießen halte ich diesen Rum in dieser Form also für ungeeignet, sowohl von der physischen Aromatik als auch von der psychischen Genusskomponente her. Wer mich kennt, weiß, dass ich derartig klassifizierte Spirituosen auch ungern in Cocktails einsetze – wozu auch, man braucht gute Zutaten für einen guten Drink. Letztlich landen solche Produkte dann in Rezepturen, in denen sie nicht der Hauptdarsteller sind, sondern mehr eine unterstützende Rolle spielen. Im Kerala Cocktail braucht man einen leichten Rum, da kann der Boilerrum seine Dienste mehr oder weniger zufriedenstellend tun, die Aromen liefern andere Zutaten, und er muss so nicht gegen seine eigenen Marketingfuzzis kämpfen, die ihm ein Image aufzwingen, das er nicht ausfüllen kann.

Kerala


Kerala Cocktail
5 Kardamom-Schoten im Mixglas andrücken
1 oz leichter Rum
1 oz Bourbon
½ oz Ananassaft
½ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
[Rezept adaptiert nach Joaquín Simó]


Letztlich missfällt mir fast alles an diesem Produkt, vom Geschmack mal ganz abgesehen. Die Wortwahl „bionaturally designed rum“ widerspricht allem, was ich in einer Spirituose sehen will, ich brauche keine Designer für einen guten Rum. Was an dem Verfahren mehr „bionatural“ sein soll als eine einfache Fassreifung ist mir auch unklar – wahrscheinlich soll damit der Verzicht auf unnötige Zusatzstoffe verklärt werden, etwas, was ich als Grundlage jeder gut gemachten Spirituose aber sowieso erwarte. Das großmäulige Versprechen, den Effekt von 10 Jahren Fassreifung in wenigen Wochen zu erreichen, das in keiner Form eingehalten werden kann, kommt dazu. Die süffisante Herablassung über karibische Herstellung in Kombination mit dem Stolzsein auf achtfache Destillation (!) zeugt davon, dass man keinerlei Interesse an Rum an sich hat. Und schließlich das Gerede übers Klonen auf dem Rücketikett und das Klonschaf Dolly als Wahrzeichen – wow, die haben echt den Knall nicht gehört oder auf die Kundschaft, die Natürlichkeit fordert, und nicht Laborprodukte.

Holzfassexperten, wie die Leute von der Independent Stave Company, mit denen ich in einer Masterclass-Veranstaltung bei meiner Reise zum Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Plovdiv (Bulgarien) im August 2018 reden konnte, bestätigen, dass derartige Verfahren auch von den Holzprofis erforscht und mit wachem Auge verfolgt werden – für sie ist es aber in weiter Ferne, dass ein traditionelles Holzfass durch technische Verfahren bei der Reifung von Spirituosen ersetzt werden könnte. Ich stimme ihnen zu, nachdem ich den Boilerrum probiert habe. Reden wir in 10 Jahren nochmal, mit verbesserter Technik und einem sehr viel besseren Basisdestillat – in dieser Form ist das Müll und keine Werbung für das Verfahren.

Kurz und bündig – El Tesoro de Don Felipe Añejo

Ich schreibe wirklich viel über Rum, habe dort wahrscheinlich auch von allen Spirituosenkategorien, die ich bespreche, den tiefsten Einblick in allerlei Details der Geschichte und Herstellung bekommen. Meine geheime Liebe galt aber immer schon, seit ich reinagavige Tequilas kenne, dem Agavenbrand aus Mexiko. Daran hat sich nichts geändert, und tatsächlich wird es aktuell deutlich leichter, auch an höchstwertige Produkte heranzukommen.

Der El Tesoro de Don Felipe Añejo gehört, wenn man die Produktionsschritte anschaut, durchaus mit in diese Qualitätsstufe. Hergestellt im südlichen Hochland (NOM-1139), werden die dort geernteten Agavenherzen in einem Steinofen gebacken und anschließend mit einer Tahona (Mühlstein) gemahlen. Allein das ist schon eine Verkostung wert, nicht allzuviele Hersteller halten sich an einen solch traditionellen Prozess.

El Tesoro de Don Felipe Tequila Añejo

Farblich blass, wenn man ihn mit anderen Spirituosen in der zweithöchsten jeweiligen Alterskategorie vergleicht – man muss bei Tequila natürlich darauf achten, dass diese hohe Kategorie immer noch „nur“ 3 Jahre bedeuten. Daher ist die Farbe ehrlich. Eine leichte Viskosität ist beim Schwenken erkennbar, gemächlich ablaufende Beine sorgen für einen schönen optischen Eindruck.

Die Nase wird direkt mit sehr typischen Agavennoten erfreut. Diese sind sehr präsent, das gefällt mir – daneben bilden Lavendel, Honigmelone und Bitterschokolade ein hochattraktives Gesamtbild, das mich etwas an Weinbrandbohnen oder ähnliche Pralinen erinnert. Dieser Geruch, das ist das, was ich an gereiftem Tequila liebe, und der El Tesoro de Don Felipe liefert ihn perfekt ab.

Extrem süß im Antrunk, das ist heftig. Nicht klebrig oder pappig, sondern einfach nur honigsüß, natürlich wirkend. Für manche ist das aber vielleicht schon zu viel des Guten, das gestehe ich ein. Im Verlauf bleibt er süß, dreht aber hin zum Trockenen. Gleichzeitig ist da ein Waschmittelaroma, das mich etwas stört, das nach Sekunden verfliegt. Der Tequila ist dann kräuterig, blumig, und weist eine milde aber prägnante Würze auf, ohne scharf zu werden, im Gegenteil, das cremige Mundgefühl schleift viel ab. 40% Alkoholgehalt ahnt man, sie drängen sich aber nicht auf. Im Abgang ensteht ein ganz starker Eindruck von Wintergrünöl. Aromatisch ist der Agavenbrand im direkten Abgang eher kurz, dafür aber effektvoll mit leichtem Kitzeln auf der Zungenspitze. Der Nachhall am Ende ist dann dafür wiederum sehr lang, mit vielen Agavenaromen.

Ehrlich, dieses Waschmittel im Antrunk ist schon so störend für mich, dass ich es als subjektiven Fehlton bezeichnen würde. Es trübt für mich persönlich den Gesamteindruck etwas, weil ich den Geschmack nicht mag – für andere kann dies anders ausgehen. Dennoch ein attraktiver Tequila mit herrlicher Nase, die für mich viel ausgleicht. Und je mehr ich davon trinke, um so mehr gefällt der Schatz des Don Felipe mir.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2018 – Plovdiv (Bulgarien)

Es war eine Riesenfreude für mich, gepaart mit sehr viel Stolz, als ich im Mai dieses Jahres die Einladung erhielt, am internationalen reisenden Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2018, stattfindend in Plovidv (Bulgarien), teilzunehmen. Bis heute erinnere mich äußerst gern an das Abenteuer, das die Teilnahme in Chile letztes Jahr für mich bedeutete – die Frage, ob ich die Einladung annehmen soll, stellte sich mir daher gar nicht. Die Vorfreude darauf, alte Bekannte wiederzutreffen, neue Gesichter kennenzulernen und neue Spirituosen verkosten zu dürfen, ließ mich bis Ende August fiebern. Endlich konnte es losgehen.

Die Anreise, innerhalb Europas und sogar der EU natürlich weit weniger kompliziert und aufregend als die ins südliche Südamerika, führte mich von Saarbrücken über Frankfurt/Main nach Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, und von dort zum Austragungsort Plovdiv, der, je nach Aussage, zweit- bis drittgrößten Stadt Bulgariens. 2019 wird Plovdiv Kulturhauptstadt Europas sein; es versprach also nicht nur spiritistisch, sondern auch kulturell eine anregende Reise zu werden.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 00 - Reiseroute

Der erste volle Tag in Plovdiv war reserviert für eine ganze Reihe von Masterclasses. Begonnen wurde mit einem wirklich spannenden Experiment, in dem 12 französische Weinbrände vorgeführt wurden, von denen jeder einen speziellen sensorischen Mangel aufwies. Olivier Chapt und Jean-Luc Braud erklärten, wodurch so ein Mangel entsteht und wie/ob er vom Brenner behoben werden kann. Alexandra Le Floch und Emmanuel Boudaric von der Independent Stave Company zeigten die aktuellen Entwicklungen auf, was Fassmanagement und -konstruktion angeht – die Gestaltungsfreiheit, die ein Fasskäufer heute hat, ist wirklich erstaunlich. Nikolay Bakalov und Nikolay Stoyanov führten in die Geschichte und Herstellungsprozesse der bulgarischen Nationalspirituose Rakiya ein. Danach zeigte Svetlin Mirchev von RakiaShop mittels einer Food-Pairing-Demonstration, dass Rakiya ein idealer Essensbegleiter ist. Darko Angeleski, Barmann der 5L Speakeasy Bar in Sofia, komplettierte diese Trilogie über Rakiya mit einem live gemixten Cocktail. Am Ende wechselten wir zu Whisky – Cyrille Mald, Autor des Buchs „Iconic Whiskies“, stellte neue, interessante Whiskyveröffentlichungen aus Schottland, Frankreich und Belgien vor. Ein langer Tag voll hochkonzentrierter Information, ich habe unglaublich viel gelernt.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 01 - Masterclasses

Es ist Tradition bei Spirits Selection, dass einer der ersten Abende aus einem Zusammentreffen der Juroren mit diversen Herstellern lokaler Spirituosen besteht. So kann man sich ein Bild machen, welche Breite und Tiefe an Produkten in der Region vorhanden ist, und Kontakte knüpfen. Besonders auffällig waren an diesem Abend die Stände von Ракия Исперих / Rakia Isperih, wo Master Distiller Barash Musa persönlich seine erstaunliche Fruchtrakiyapalette vorstellte – die Highlights darunter für mich ein wirklich leckerer Quittenbrand, ein hochinteressanter Feigenbrand sowie ein Kürbisbrand; und von Черноморско Злато / Black Sea Gold, die mit dem feinduftenden Аламбик (Alambic) und ihren langjährig gereiften Weinbränden die andere Seite des breiten Spektrums der bulgarischen Spirituosentrinkkultur abbildeten. Ausführliches Probieren und Diskutieren in einer attraktiven Umgebung, bei angenehmen Temperaturen: Sehr schön organisiert vom Spirits-Selection-Team in Zusammenarbeit mit den lokalen Organisatoren und Produzenten.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 02 - Präsentation der Hersteller im Hotel

Das Hotel Imperial Plovdiv Hotel & Spa, wo diese Veranstaltung abends im Hof stattfand, war dann auch der Ort, wo die tatsächliche Arbeitsstätte für uns Taster lag. Im neunten Stock wurde der Tagungsraum von den 12 Tischen, an denen die Jurymitglieder in Gruppen die 3 Tage des offiziellen Wettbewerbs aufgeteilt saßen, voll ausgefüllt. Mir ist dieses Szenario noch vom letzten Jahr bekannt gewesen, und tatsächlich ist das zweite Mal, wenn man an so etwas teilnimmt, deutlich einfacher als das erste Mal. Ich bin dennoch wieder fasziniert gewesen von der Fokussierung, die die Tester zeigen, sobald sie ihre Samplegläser vor sich auf dem Tisch haben – trotz insgesamt fast 100 Leuten im Raum herrscht dann eine konzentrierte Stille, die nur vom hin und wieder auftretenden Klimpern sich berührender Gläser und dem einen oder anderen Ausruf, wenn ein Glas aus Versehen umkippt, durchbrochen wird. Alles Profis, man spürt das direkt.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 03 - Tastingraum Hotel

Das Vorgehen hatte ich bereits in meinem Artikel für Spirits Selection 2017 beschrieben – es hat sich nichts grundlegendes geändert. Pro Tag waren erneut zwischen 4 und 6 Flights vorgesehen, die jeweils zu einer Spirituosenkategorie gehören. Nur mit einer Reihenfolgennummer versehen werden die Samplegläser vor dem Taster auf dem Tisch aufgebaut, und es erfolgt eine Bewertung hinsichtlich Optik, Aroma und Geschmack, sowie einer Gesamtbetrachtung. Meine Flights dieses Jahr bestanden aus Vodka, jungem Tresterbrand, Rhum agricole VO und XO, sauce-aroma Baijiu, strong-aroma Baijiu, peruanischem Pisco, gereiftem Grappa, diversen Weinbränden, Bacanora, Rhum arrangé und Fruchtwein. Eine sehr schöne Zusammenstellung, die mir und meinen Interessen gut entgegen kam. Insbesondere der Bacanora-Flight war spannend, denn diese mexikanische Agavenspirituose aus der Sonora-Wüste kannte ich bisher noch gar nicht. Auch meine ich, nach 2 Jahren Einarbeitung nun endlich Baijiu wirklich verstehen zu können. Der Wermutstropfen insgesamt an diesem sehr diskreten Verfahren liegt für mich persönlich darin, dass ich nie erfahre, welche Spirituosenmarken genau ich auf dem Tisch hatte – die eine oder andere hätte sicher einen Weg in meine Heimbar gefunden. So muss ich mich gedulden, bis die Endergebnisse vorliegen, um dann anhand der Medaillen zu raten, welche es gewesen sein könnte.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 04 - Tasting Gläser

Natürlich benutzt man einen Cuspidor (Spucknapf) für derartige Tastings, anders wäre das gar nicht möglich bei um die 100 Samples über 3 Tage. Der geneigte Spirituosenfreund ist damit natürlich nicht zufriedenzustellen, darum bestanden die Abende dann oft darin, dass man sich in kleinen Grüppchen auf der Terasse des Hotels oder in der angeschlossenen Whiskylibrary traf, um dort die Arbeit des Tastings hinter sich zu lassen und auf den Genuss umzuschwenken. Das Hotel Imperial in Plovdiv hat eine wirklich schön gestaltete und sehr gut ausgestatte Bar, mit Single Malt Scotch für jeden Geschmack. Wer mehr auf andere Spirituosengattungen steht, fand immer eine Gruppe, in der verschiedene Rakiyas, Mezcals, Cachaças, Bourbons oder Weinbrände, von den Teilnehmern selbst aus ihren Heimatländern mitgebracht, bereit standen. Man sieht daran, dass für alle Teilnehmer Spirituosen nicht nur ein Beruf oder Arbeit sind, sondern eine Leidenschaft – gute Laune und viel Lachen gehörte bei diesen Abendrunden immer dazu, dazu ein babylonisches Sprachgewirr, bei einem Wechsel des Tischs änderte sich oft auch die Sprache, von Englisch auf Französisch auf Spanisch auf Deutsch und wieder zurück. Völkerverständigung par excellence.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 05 - Whiskylounge Hotel

Etwas, was ich an der Teilnahme an Spirits Selection unglaublich schätze, ist, dass wir als Juroren sehr stark ins Gastland miteingebunden werden. Nach den Tastings gibt es immer ein ausgedehntes Besichtigungsprogramm, in dem einem Land und Leute nähergebracht werden. Natürlich dreht sich auch dabei ein Großteil um Spirituosen, passend für die Zielgruppe. Zwei Besuche bei Herstellern nahmen dabei den Löwenanteil ein – einerseits die Ethanolfabrik von VP Brands in Katunitsa, mit beigelagerter Visite der Abfüllanlage und dem Fasslager in Peshtera; andererseits das Weingut Via Vinera bei Karabunar, das neben Wein auch Rakiya produziert. Der Unterschied dieser beiden Hersteller könnte größer kaum sein. Man erkennt auf den untenstehenden Bildern die Säulendestillation von VP Brands, die neben Getreidespirituosen damit auch Ethanol für technische Zwecke mit einem Reinheitsgrad von 99,6% herstellen; eine bestimmt 30 Meter hohe Säule, aus der am Tag 120000 Liter fließen. Gegenüber steht der Alambik von Via Vinera, in dem im Batch-Verfahren vergleichsweise verschwindend geringe Mengen gewonnen werden. Auch die Rohstofflagerung ist unterschiedlich, links unten mag man anhand der Größenverhältnisse der behelmten Besucher in roten Warnwesten die Größe der Getreidesilos von VP Brands einschätzen, aus deren vieltausendtonnigem Inhalt der Sprit produziert wird. Rechts daneben die kleinen Edelstahltanks, in denen Via Vinera seinen Wein fermentiert.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 06 - Vergleich VP Brands - Via Vinera

Von der Besucheranlage bei VP Brands erspare ich dem geneigten Leser die Fotos, da gibt es nichts zu sehen. Das Weingut Via Vinera dagegen hat auch optisch so einiges zu bieten; sehr neu, erst 2007 eröffnet, in einer herrlichen Lage inmitten von Weinbergen gelegen. Vor allem die typisch bulgarischen Rebsorten Dimyat und Misket werden hier angebaut, Weiß- und Rotwein daraus gewonnen und auch die Rakiyas, die unter dem Label Културна (Kulturna) vertrieben werden. Ich schätze die totale Transparenz, mit der wir durch die Produktionsanlagen geführt wurden, und uns alles bis ins kleinste Detail erläutert wurde – erneut eine frappierende Diskrepanz zum Besuch bei VP Brands, in dem Fotos eigentlich verboten wurden, und wir zu Beginn eine DIN-A4-Seite voll Regeln vorgelesen bekamen, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass bei vermuteten Spionageaktivitäten (!) die Besichtigung sofort abgebrochen und rechtliche Schritte eingeleitet werden. Nun, vielleicht ist das notwendig bei einem derart großen Hersteller mit viel technischen Betriebsgeheimnissen, es wirkte nur seltsam sowjetisch absurd. Nicht, dass die Besichtigungsführer unfreundlich gewesen wären, keineswegs – dennoch lobe ich mir dagegen die Offenheit, Ruhe und Gelassenheit des Weinguts.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 07 - Besuch Via Vinera

Für Laien immer besonders beeindruckend sind die Fasslager. Ich gebe zu, für mich persönlich reicht es aus, kurz durchzulaufen – ein paar interessante Details, der Rest ist halt ein Lagerhaus, das in den meisten Betrieben doch sehr ähnlich ist. Sowohl bei Via Vinera als auch bei VP Brands besichtigten wir deren jeweilige Fasslager. VP Brands wartet mit 6fach gestapelten Fässern auf, tief in den Raum hinein: 12000 Fässer, hauptsächlich aus bulgarischer Eiche in unterschiedlicher Größe. Bei Via Vinera ist der Keller des Haupthauses voll mit Holzfässern, ein Großteil davon enthält allerdings Wein.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 08 - Fässer

Neben den Besuchen bei lokalen Herstellern gehört auch ein eher touristisches Besichtigungsprogramm zu den Annehmlichkeiten, die Spirits Selection dem Juror bietet. Eine Führung durch den alten Stadtkern Plovdivs war hierbei besonders hervorzuheben – es ist gut zu sehen, dass die Stadt versucht, diese alten, traditionellen Gebäude und ihre Inneneinrichtung zu schützen. Beeindruckend war gegen Ende der Führung der Ausblick von der alten Festung, die in Ruinen liegt und von der man nur noch die Grundmauern erkennen kann, über den modernen Rest Plovdivs: Alt und neu einträchtig vereint. Ich mag derartige Spannungsfelder sehr, auch wenn, ehrlich gesagt, die etwas in die Jahre gekommene Architektur des modernen Plovdiv schon deutlichen Renovierungsbedarf aufweist.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 09 - Besuch Plovdiv

Das absolute Highlight des kulturellen Teils des Programms war die Vorstellung, die die Folkloregruppe Plovdivs für uns bereit hielt. Organisiert speziell für die Teilnehmer von Spirits Selection, war die Tanz- und Gesangsdarbietung offen für jeden Bürger Plovdivs, und entsprechend brechend voll war das antike Amphitheater. Ein grandioser Anblick, und ein atemberaubendes Spektakel. Eine gute Stunde dauerte die Darbietung aus traditionellen bulgarischen Gesängen und den Choreographien, die mich in ihrer verblüffenden Komplexität und technischen Ausführung sprachlos mit offenem Mund dasitzen ließen. Das war keine pseudofolkloristische Touristenpräsentation, sondern höchstwertige Unterhaltung. Allein diese Vorstellung war die Reise vielfach wert – sollte ein Leser jemals die Chance haben, bei einem Besuch in Bulgarien so etwas zu besuchen, ich rate dazu, alles andere dafür zurückzustellen. Es war ein berauschendes Erlebnis und hohe Kunst.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 10 - Besuch Amphitheater Plovdiv

Ein weiterer fester Agendapunkt ist die Übergabe der Verantwortung vom aktuellen Gastgeber des Concours an den des nächsten Jahres. Es wird auch vor den Teilnehmern zunächst geheim gehalten, wohin die Reise des Folgejahres gehen wird – 2019 reist Spirits Selection nach China. Die Stadt Lüliang in der nordchinesischen Provinz Shanxi übernimmt den Staffelstab von Plovdiv. Ein Galadiner, organisiert von der chinesischen Delegation im Hotel St. Petersburg, sollte uns darauf schon einmal etwas einstellen – die Tische waren voll mit Baijiu-Flaschen, ein Geschenkset mit chinesischem Porzellan wurde jedem Anwesenden überreicht, und Ulric Njis präsentierte Cocktails, deren Hauptzutat der chinesische klare Hirseschnaps Baijiu war (ich versuche, die Rezepte zu ergattern, denn es waren wahre Köstlichkeiten, die ich gern an die Leser meines Blogs weitergeben würde). Von Tisch zu Tisch schallten die Ganbei!-Rufe, mit denen jedes Zuprosten eingeleitet wurde. Nachdem jeder Teilnehmer sich noch auf der großen Leinwand per Unterschrift verewigt hatte, ging das Dinner mit 5 Gängen bulgarischer Spezialitäten langsam zu Ende; und damit auch die gesamte Woche des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2018 in Bulgarien.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 11 - Übergabe Bulgarien - China

Natürlich konnte ich nicht widerstehen, neben den Präsenten der Hersteller noch ein paar zusätzliche Schmankerl für die heimische Hausbar mit einzupacken (wohl dem, der daran denkt, genug Luftpolsterfolie auf so eine Reise mitzunehmen!). Black Ram ist ein beliebter Whisky in Bulgarien, Пещерска Отлежала ein Rakiya, wie der Whisky aus dem Hause VP Brands. Der Rakiya Културна Отлежала stammt vom Weingut Via Vinera, wie oben gesehen. Troyanska Slivovitz Special Reserve ist ein 25 Jahre gereifter bulgarischer Pflaumenrakiya; Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija ein herrlicher Himbeerrakiya aus Serbien. Da Spirits Selection immer ein besonderes Augenmerk auf Baijiu legt, kamen natürlich auch Exemplare des chinesischen Klaren mit ins Gepäck – Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20, ein Präsent des nächstjährigen Gastgebers, sowie Ming River Sichuan Baijiu, den ich großartigerweise von Derek Sandhaus, dem Autor von Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits, der auch als Juror anwesend war, persönlich bekommen habe. Ein Koffer voll gutem Stoff also, an dem ich viel Freude haben werde. Natürlich folgt für die meisten dieser Brände auch irgendwann ein entsprechender Verkostungsartikel hier auf meinem Blog.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 12 - Mitbringsel

5 Tage mit sehr wenig Schlaf und einem riesigen Informationsoverload vergingen praktisch im Flug – wie schon letztes Jahr war es ein fantastisches Erlebnis, mit sovielen Experten auf so engem Raum soviel Zeit zu verbringen. Nach nur zwei Teilnahmen an Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles fühle ich mich bereits in eine Familie eingebunden, die unendlich lehrreich und gleichzeitig voller Spaß ist; besonders großartig war das Wiedertreffen mit den Leuten, die ich im letzten Jahr gut kennengelernt hatte – inzwischen sind es Freunde. Bulgarien, insbesondere Plovdiv, sorgte für die lebhafte Kulisse. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich all die Erfahrungen verarbeitet habe. Ich danke den Organisatoren für die diesjährige Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Lüliang 2019. Bis dahin trinke ich den einen oder anderen Rakiya und stoße an: Наздраве!