Kurz und bündig – Labieratorium Rot

Ich habe schon ein paar der Biere des brandenburgischen Brauers Labieratorium probiert (Artikel folgt), und keins darunter gefunden, das mir missfallen hätte, im Gegenteil. Entsprechend war ich Feuer und Flamme, als ich bei einem Biertasting der Saarbrücker Beer Society darauf hingewiesen wurde, dass sie jetzt auch ein Rotbier führen. Dass dieses Rotbier, das Labieratorium Rot, auch noch eine Medaille in einem Bierwettbewerb gewonnen hatte (Meininger Craft Beer Award Gold Lager 2018) macht das ganze nicht uninteressanter. Also, keine große Diskussion, zwei Flaschen ins Tragerl gestellt und nach dem Tasting vorsichtig nach Hause geschwankt.

Labieratorium Rot

Wie gesagt, es handelt sich um ein unfiltriertes Rotbier, und entsprechend leuchtet nicht nur das Etikett, sondern auch das Bier im Glas in einem feschen rötlichen Haselnussbraun, mit noch sehr viel klarerem Rottouch, wenn man es gegen das Licht hält. Grober Schaum entsteht beim Eingießen, dieser ist schnell weg, trotz der erkennbaren Perlage.

Das Bier ist mit Hallertauer Tradition und Spalt Spalter gehopft, dies ist aber kein Bier, das sich dadurch definiert. Statt dessen ist es sehr malzig im Geruch, süßlich, fruchtig wie Rotwein, insgesamt dabei aber zurückhaltend, nicht übermächtig.  Da die Trinkempfehlung auf 5-7°C festgelegt ist, sollte man auch nicht zuviel erwarten – kühles Bier riecht einfach nicht so stark wie wärmeres.

Das Bier ist in der Oberkategorie „Lager“ verortet, und so schmeckt es auch. Frisch schon im Antrunk, hat einen leichten Körper, ist dabei zitronig, hell, und gleichzeitig malzig. Es bleibt nur mäßig rezent, obwohl es sehr kohlensäurehaltig und luftig gestaltet ist. Hefig ist ein Eindruck, den ich habe, sonst entdecke ich kaum andere Aromen. 5,0% Alkoholgehalt sind gut eingebunden. Der Abgang ist eher schal und flach, kurz; etwas adstringierend.

Ein schönes Bier, das für Lagerfreunde eine schöne Abwechslung sein kann, und als Bier für Zwischendurch sehr süffig und angenehm zu trinken ist. Ich mag es, wie die meisten Biere von Labieratorium.

Schaumschläger – Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer

Schaum im Drink, das ist für mich die Krönung eines Rezepts. Erreichen kann man ihn auf unterschiedliche Weise – Eiweiß ist sicher das bekannteste Mittel dafür, dahinter lauert Ananassaft, der auch eine gewisse Schaumkraft hat. Das meist eingesetzte Eiweiß schafft für mich persönlich aber leider nicht immer genau den Effekt, den ich haben will. Das Ei ist halt ein natürliches Produkt, mit Schwankungen in der Schaumfähigkeit. Qualität, Alter, Kühlung, Handhabung – all das spielt mit hinein. Ich hatte schon Drinks mit hervorragendem Schaum, aber auch welche, in denen das Eiklar ausflockte und den Drink damit ruinierte. Es ist ein Vabanque-Spiel, wenn man mit natürlichem Eiweiß nur hin und wieder arbeitet. Für die, die wie ich ungern Glücksspiel betreiben, gibt es nun ein Wundermittel: Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer! Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen – diese Zutat ist für mich aus meiner Heimbar nicht mehr wegzudenken.

Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer

Um die erstaunlichen Effekte des Miraculous Foamers zu zeigen, habe ich einen Vergleich gemacht und hier dokumentiert. Auf der linken Seite ein Cocktail mit Eiweiß, klassisch mit Dry Shake und Wet Shake; auf der rechten Seite ein Cocktail mit dem Wunderschäumer, mit einfachem Shake. Ich habe den Miraculous Foamer bereits oft eingesetzt, dies waren aber meist vollmundige Drinks mit viel Charakter und dichten Inhaltsstoffen. Um mal ins Detail zu schauen, habe ich mir einen Cocktail ausgesucht, der eher auf der trockenen, dünnen, strengen, klaren Seite steht – den Chanticleer. Für diesen habe ich zwei identische Mixturen hergestellt aus dem untenstehenden Rezept – und dann einen mit Eiklar, den anderen mit Miraculous Foamer geshaked.

Das optische Ergebnis war für diesen Fall klar – der Miraculous Foamer gewinnt ohne Gegenwehr, denn ausgerechnet bei diesem Versuch ist genau das oben angesprochene passiert: Das Eiklar hat sich nicht gut eingebunden und nur wenig Schaum produziert. Dieser war dann auch großblasig und dünn, hat den Drink selbst etwas eingetrübt. Der Miraculous Foamer sorgte direkt für eine harte Sichtlinie der Trennung im Cocktail, war perfekt und voluminös.

Miraculous Foamer Schaumvergleich vorher

Chanticleer
1 oz Dry Gin
1½ oz trockener Wermut
½ oz Triple Sec
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.

[Rezept nach A.S. Crockett]


Wie gesagt, der Eischaum ist variabel – der Schaum des Miraculous Foamer ist dagegen immer gleich. Er ist durch einfache Zugabe des Miraculous Foamers zu bekommen, ohne besondere Handhabung – nicht mal der Dry Shake ist erforderlich. Der Schaum ist üppig, voll und schnell getrennt vom Rest des Drinks. Feinblasig, cremig und weiß – eben genau das, was man von einem Schaum auf dem Drink erwartet. Besonders nach dem Trinken sind die Reste im Glas erstaunlich; links erneut der Eiweiß-, rechts der Miraculous Foamer-Drink.

Miraculous Foamer Schaumvergleich danach

Geschmacklich habe ich bei den erwähnten fetten, wuchtigen Drinks kaum einen Unterschied festgestellt. Der Miraculous Foamer sorgt für Cremigkeit, ein volles, breites, dickes Mundgefühl und fällt im Vergleich zum Eiweiß durch eine rundere, sämigere Konsistenz auf; im Ei findet man immer wieder mal ein Eiklarfädchen oder ähnliches. Geschmacklich stelle ich im Chanticleer mit seiner klaren Strenge einen strukturellen Unterschied fest – das Eiweiß verhält sich gefühlt einen Hauch angenehmer: es bindet die Zutaten besser zusammen.

Der Miraculous Foamer zeigt in diesem Beispiel außerdem, dass er doch aromatisch eingreift. Eine leichte Bittere, deutliche Adstringenz und etwas kräuterige Würze kommen dazu, die in der Eiweißversion nicht vorhanden waren. Der ganze Drink wirkt noch strenger, eckiger, als er eh schon ist.

Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer Pipette

Wie kommt die Schaumkraft zustande? Die Rezeptur dieser Cocktailzutat ist ein Geheimnis, allerdings wurde mir auf Nachfrage versichert, dass nur natürliche Zutaten verwendet werden, keine chemischen Labortricks stehen dahinter. Ich muss dem so erstmal vertrauen und hoffe auf das Beste.

Fazit – für Cocktails, die mit starken, aromatischen, süß-schweren Zutaten aufwarten, ist Ms. Better’s Bitters  Miraculous Foamer meine erste Wahl, wenn es um Schaumerzeugung geht, ohne jeden zweiten Gedanken. Die extrem viel einfachere Handhabung ist mir viel wert, und man hat nicht die Verschwendung des (ehrlicherweise meist entsorgten) Eigelbs. In einem trocken-strengen Cocktail dagegen würde ich das Eiweiß bervorzugen, selbst, wenn es optisch dann nicht so viel hermacht; die geschmackliche Komponente tritt hier stärker in den Vordergrund. Schön, dass man nun die Wahl hat.

Nachtrag 26.05.2023: Inzwischen verkauft der deutsche Importeur des Foamers auch an Endkunden. Wer bei Barrel Brothers etwas bestellt, sollte drüber nachdenken, auch vielleicht eine Flasche des grandiosen Fortaleza-Tequilas mitzubestellen!

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hoppy Amber Mosaic

Zusammen mit der Craftbierwende vor einigen Jahren kam auch eine Sache auf den deutschen Biermarkt, was es vorher in der Breite nicht gab – limitierte Sondersude von Bieren. In begrenzter Auflage können heute Biere verkauft werden, und das gibt den Brauern ganz neue Freiheiten, Dinge auszuprobieren. Auch wir Konsumenten haben was davon, wer will schon immer nur das gleiche Bier trinken (nun, da gibt es genug, aber der echte Genießer will Abwechslung). Maisel & Friends hat schon so einige Sondersude herausgebracht, die ich hier auf meinem Blog besprochen habe – das neueste ist das just erschienene Maisel & Friends Hoppy Amber Mosaic. Mit 8,5% Alkoholgehalt darf es sich ruhig den kaiserlichen Titel „Imperial Amber Ale“ geben. Ab ins Glas damit!

Maisel & Friends Hoppy Amber Mosaic

„Amber“ ist schon im Namen, da muss das Bier natürlich liefern – und tut es auch. Ein leuchtendes Bernstein, nur leicht opalisierend. Aletypischer Schaum, gemischtblasig, bleibt nur als feine Decke über dem Bier, das säuerlich im Geruch ist, viel Limette und etwas Grapefruitschale kommt drin vor. Auch im Unterbau ist Frucht – der Mosaic-Hopfen, mit dem das Bier kaltgestopft wurde, schlägt voll durch und bereitet dem Hophead viel geruchliche Freude.

Und das geht im Mund weiter. Schon im Antrunk taucht Hopfenkräuterigkeit auf, diese Würze setzt sich ununterbrochen bis zum Abgang fort. Wie bei fast allen Maisel & Friends-Bieren schätze ich, dass der Geschmacksbogen durchdacht ist (selbst wenn das Bier laut eigener Aussage eigentlich ein Unfall war). Die Cremigkeit, die Hopfenblumigkeit, die fast in Richtung Lavendel und Rosmarin geht, die schöne Rezenz, die aus der Kombination von Karbonisierung und Säure entsteht – ein sehr ansprechendes Bier.

Das Ende ist allerdings schon etwas fruchtkaugummiartig, Hubba Bubba, sehr ausgeprägt, in dieser Konsequenz dann aber wieder interessant. Trocken und sehr herb (50 IBU spürt und schmeckt man und zweifelt nicht am Wert) endet das Bier erst nach sehr langer Zeit – der Nachhall des Hopfen liegt ausgesprochen ausdauernd im Mundraum, das beeindruckt sehr. Wer sehr deutliche Hopfenausprägung in Bieren mag, sollte das Hoppy Amber Mosaic definitiv mal probieren

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Hoppy Amber Mosaic.

Ein Schiff wird kommen – Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen kubanischen Rum im Glas hatte. Das Land hat in der Allgemeinheit einen guten Ruf, was Rum angeht; für die Kenner unter uns ist das Bild meist weniger rosig. Kuba hat sich früh von Pot-Still-Rum verabschiedet und sich voll auf Säulendestillation geworfen – das heißt erstmal nichts grundsätzlich schlechtes, doch der kubanische Stil hat sich dadurch im Laufe der Jahrzehnte sehr verändert. Heute bin ich den alkoholischen Produkten Kubas eher skeptisch eingestellt, ich sehe eigentlich ausschließlich leichte Rums ohne großen Charakter, meist sind sie darüber hinaus leicht bis mittelstark gesüßt. Man kann das alles sicher trinken, aber umhauen tut mich nichts von der Insel. Was aber nicht heißen darf, dass man neue Produkte, die man noch nicht kennt, nicht unvoreingenommen und erstmal freudig willkommen heißen sollte – so wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años.

Der Begriff des „doble añejamiento“, der sich auf dem Etikett findet, ist ein guter Aufhänger, um ein paar der Regelungen, die für kubanischen Rum gelten, kurz zu erläutern. Laut den Denominación de Origen Protegida-Regeln des Landes muss ein kubanischer Rum mindestens zweimal gealtert sein – die erste Phase besteht darin, das Destillat für mindestens zwei Jahre in gebrauchte Eichenfässer einzulagern und dann zu filtrieren. Erst danach darf es sich „Rum“ nennen – vorher ist es ein Aguardiente. Die Zählung des Alters beginnt auch an diesem Zeitpunkt; die 7 Jahre des Etiketts des vorliegenden Rums sind also eigentlich 9 Jahre, wenn man reine Fasslagerungszeit betrachten will. Der frischgebackene Rum wird dann mit anderen hochprozentigen Destillaten verblendet und dann für die „tatsächliche“ Reifung in Fässer eingelagert. Werfen wir einen Blick auf das Ergebnis dieses Vorgangs.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Die Farbe ist ein dunkles Kupfer, bei 7+ Jahren Fassreifung kann so eine Farbe durchaus entstehen. Im Glas bewegt der Rum sich schwer und gemächlich, recht langsam ablaufende Beinchen wissen optisch zu gefallen.

In der Nase kommt mir als erstes eine Süßweinnote entgegen. Etwas Port, etwas Madeira. Es folgt eine prägnante Gewürzkomponente, Nelken, Kardamom. Orangenschale und Rosinen bringen etwas bittere, dunkle Frucht dazu. Im Untergrund lauert dann genau das, was ich oben angesprochen hatte – eine milde, aber erkennbare Alkoholnote, die ich oft bei Column-Still-Rums finde.

Der Geschmack dreht diese sensorischen Eindrücke dann aber spannenderweise um – erstmal ist der typische alkoholisch-schale Geschmack eines Säulendestillats da. Im Mundgefühl beginnt der Kubaner aber trotzdem mild und weich, im Verlauf kommt ein zartes Feuer auf, das sich bis zum Abgang steigert, ohne aber je wirklich unangenehm zu werden. Insgesamt ist der Eindruck sehr süß, mit vielen Süßweinimpressionen, etwas Gewürz und dunkler Frucht, analog zu dem, was die Nase schon fand. 40,3% Alkoholgehalt sind trotz der angesprochenen Ethanolnote im Gesamtbild gut eingebunden. Es ist nur knapp unter dem in Kuba eigentlich maximal erlaubten Bottling Proof von 41% (eine spannende Sache für sich, übrigens).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años Glas

Der Abgang ist heiß, etwas pfeffrig, mittellang und charakterstark. Eine gewisse Schaligkeit im Nachhall ist dann wieder recht typisch für leichte Rums. Eine hausgemachte Zuckermessung ergibt grob 5g/L, das ist so an der Grenze dessen, was zwischen Messungenauigkeit und leichter Süßung schwebt. Für meine Zwecke kategorisiere ich ihn als „gesüßt“, einfach weil der Wert bereits zu groß ist, um ohne Absicht entstanden zu sein.

Die unterschwellige Würze dieses Rums hat mich dazu verleitet, ihn in einem Cocktail einzusetzen, der auch sonst nicht mit Aromen geizt. Im City of Spice wird so einiges an Gewürzen präsentiert, und daher schadet es nicht, wenn ein Rum eingesetzt wird, der sich dessen zu erwehren weiß und selbst etwas zu diesem Gesamtbild beisteuern kann. Vorsicht, dieser Drink hat Suchtpotenzial.

City of Spice


City of Spice
1¾ oz gereifter Rum
½ oz Pimento Dram
½ oz Zuckersirup
¾ oz Limettensaft
¾ oz Maracujasirup
1 Eiweiß
1 kleines Stück Chili
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Hervorheben will ich die Gestaltung – wir haben hier eine sehr schön gestaltete Flasche mit tollen Rundungen, im Glas eingelassener Schrift und einem floralen, aber nicht übermäßig protzenden Etikett. Ein geformter Echtkorken ohne Dekoration komplettiert die sehr attraktive Präsentation. Der Name des Rums ist auf ein altes spanisches Schiff zurückzuführen – es ist also keine Firma oder Abfüller, sondern ein Fantasiename, den sich Hersteller Tecnoazúcar de Cuba y Destilerías MG S.L. ausgedacht hat.

Neben dem Siebenjährigen hat der Hersteller auch einen Rum mit 15 Jahren im Portfolio. Dieser wird in naher Zukunft auch noch auf meinem Blog besprochen werden – ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass ich jenen auch recht interessant finde.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Das Fazit fällt eigentlich recht positiv aus. Das ist ein Rum mit großer Drinkability, der eine schöne Spannung zwischen Süße und Würze aufbaut. Wäre der Abgang etwas komplexer und länger, könnte man sich mit einem Glas davon durchaus lange beschäftigen – so bleibt der siebenjährige Ron Santisima Trinidad dennoch ein interessantes und sehr gelungenes Produkt, das meine Meinung über kubanische Rums wieder hebt. Mehr kann man kaum wollen.

Kurz und bündig – Craftwerk Brewing Grünhopfen-Bier Wet Hop Session Lager

Craftbier ist inzwischen mehr als ein Trend. Das „neue Bier“ ist in der Breite der Bierinteressierten zumindest angekommen (wenn auch noch nicht voll akzeptiert), die großen Bierkonzerne sehen das Potenzial und wollen auch eine Scheibe dieses Kuchens abhaben. Craftwerk Brewing ist eine Tochter der Bitburger Braugruppe, einem der Teufel des Biers, wenn man so manchem Craftfanatiker zuhört. Doch immerhin schon seit 2009 wird dort Bier in einer kleineren Anlage hergestellt. Selbst bin ich kein Fernsehschnarchlangweiligpilstrinker, darum war mir Bitburger immer recht egal – werfen wir einen Blick auf ein Bier der Tochter, vielleicht kann die ja das, was die Eltern nicht können (interessante Biere herzustellen, meine ich damit); das Craftwerk Brewing Grünhopfen-Bier Wet Hop Session Lager ist dabei allerdings nicht mein erster Versuch eines Produkts dieses Brauers.

Craftwerk Brewing Grünhopfen-Bier Wet Hop Session Lager

Der optische Eindruck gefällt mir mal ganz hervorragend: Opalisierend, hellgolden, leuchtend im Glas. Ein grobblasiger Schaum bleibt lange erhalten, dazu kommt starke Perlage. Leicht säuerlich im Geruch, nach grünem Apfel und hellem Essig. Etwas kräuterig – ist das der „wet hop“?

Im Geschmack ist das Grünhopfen-Bier erwartungsgemäß hopfenbetont, leicht zitrussig, der Nase folgend auch mildsauer. Im Antrunk ist es dennoch weich im Mundgefühl, im Verlauf kommt aber eine deutliche Bittere dazu, die 30 IBUs sind spürbar. Stark karbonisiert und durch die Kombination mit der Leichte, Bittere und Säure sehr rezent. Dafür allerdings kaum Tiefe oder Aromenvielfalt, ein recht eindimensionales Bier, das nicht einmal besonders viel aus dem „frisch gepflückten“ Cascade herausholt. Der Abgang ist sehr kurz, mildherb, etwas fruchtig, frisch und leicht.

Ein sehr leichtes Bier, mit 4,1% passend als „Session Lager“ gekennzeichnet; diesem Auftrag wird es absolut gerecht, es ist sehr erfrischend und unkompliziert, dabei aber auch unkomplex und deshalb leider etwas unspannend. Etwas für Zwischendurch, zum Essen oder als leichtes Bier fürs Bier-um-Vier im Büro.

Offenlegung: Ich danke Craftwerk Brewing für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Grünhopfen-Bier Wet Hop Session Lager.

Der weite Weg vom Erntefeld – Rumult Bavarian Rum 2018

Die sogenannte Gargano-Klassifikation ist ein Versuch, etwas fachliche Struktur in die recht willkürlichen gewohnte Gruppierungen bei Rum zu bringen. Statt völlig nichtssagenden Kriterien wie der Farbe („brauner“ und „weißer“ Rum) oder groben Länderstilen („spanischer“ oder „britischer“ Stil), die letztlich mehr verwischen als sie aufklären, sollen hier herstellungsbedingte, objektive Faktoren Einzug in die Etiketten halten – so wie es bei schottischem oder amerikanischem Whisky schon selbstverständliche Praxis ist; wer würde sich schon mit einem „braunem Whisky nach schottischem Stil“ zufrieden geben statt einem „Single Malt Scotch“?

Es ist ein gutes, aber erstmal freiwilliges Kategorisierungsverfahren, und darum ist es schön, wenn man Produkte sieht, die sich dieser Initiative anschließen. „Pure Single Agricole Rum“ liest man zum Beispiel auf dem Etikett des Rumult Bavarian Rum 2018. Nun muss man sich trotz der Freude über diese Anwendung der Gargano-Klassifikation schon fragen – „Agricole“? Aus Bayern?

Rumult Bavarian Rum Etikett

Wer sich mit diesem Rumstil auskennt, stellt sich zunächst die Frage nach der Produktion. Agricole-Rum wird aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt, und dieser Saft ist nur extrem begrenzt haltbar; die Hersteller auf den französischen Antillen prägten den Spruch „mit dem Fuß im Boden, mit dem Kopf in der Mühle“, was aufzeigen soll, wie schnell das Zuckerrohr verarbeitet werden muss, um gute Qualität zu erreichen. Meines Wissens ist der Klimawandel noch nicht weit genug fortgeschritten, um bayerisches Zuckerrohr kultivieren zu können, also wie kommt das Basismaterial für den Rum nach Bayern? Die Hersteller importieren nach eigener Aussage das Rohmaterial aus Mauritius. Zuckerrohr selbst zu importieren und zu mahlen ist wohl nicht das Mittel der Wahl, weil zu aufwändig, und den Saft kann man schlicht nicht importieren, weil er auf der langen Reise von Mauritius, wenn man ihn nicht direkt von der Ernte einfliegen lässt, schlecht wird. Bleibt also nur die Möglichkeit des Eindickens des Saft, so dass er länger haltbar wird. Das wird von einigen Rumherstellern gemacht, das nennt sich dann aber halt Zuckerrohrsirup und nicht -saft. Für mich ist also rein produktionstechnisch der Rumult kein „Agricole“-Rum.

Es gibt aber noch eine zweite Falle, in die Hersteller Lantenhammer getappt ist. Der Begriff „Agricole“ ist nämlich in der EU geschützt, und darf nur für Produkte aus den französischen Überseedépartements und der autonomen Region Madeira verwendet werden (siehe EU-Verordnung 11/2008). Der aktuelle Gesetzestext ist etwas schwammig formuliert, doch es gibt zwei Fakten, die mich darin bestätigen, dass ich den Text richtig lese: Erstens ein persönliches Gespräch mit Marc Sassier, dem Präsidenten der AOC Martinique, das ich beim Frühstück in einem Hotel in Bulgarien hielt, der dies ebenso versteht; zweitens ein Gesetzesvorschlag bei der EU, der die Lesart aufklären soll, und meine Lesart ganz eindeutig macht. Siehe dazu aber auch den unten angehängten Hinweis.

Nach der Problematik des Basismaterials und vor der Problematik des Etiketts steht allerdings eine weitere Baustelle: Der Geschmack. Dieser ist dann doch eher ein subjektives Kriterium – werfen wir einen Blick darauf.

Rumult Bavarian Rum 2018

Der Rumult ist laut Hersteller ein Blend aus in 4 unterschiedlichen Fasssorten (Ex-Bourbon, Ex-Cognac, Ex-Sherry sowie Ex-Madeira) gereiften Destillaten. Jene Destillate wurden in „Pot Stills“ gebrannt, es ist bei Lantenhammer wohl davon auszugehen, dass es sich um ehemalige Obstbrennapparate handelt (das ist keineswegs wertend gemeint – derartige Apparate erzeugen einen eigenen Charakter, das mag ich eigentlich). Es ist keine Altersangabe vorhanden.

Farblich sehen wir ein schönes Ocker, mit strohigen Reflexen. In meinem Nosingglas bewegt er sich sehr gediegen, mit einer gewissen Schwere. Bei einem als „Agricole“ betitelten Rum erwartet man eine gewisse Typizität, die sich oft stark in der Nase äußert. Diese Erwartung wird beim Rumult direkt enttäuscht – da ist nicht mal der Ansatz einer Grasigkeit, Zuckerrohrsaftfrische oder ähnlichem. Eigentlich rieche ich fast nur Vanille, die wohl aus dem Bourbonfass stammt. Eine starke Ethanolnote ist die zweite Komponente. Erst, wenn man viel Geduld aufbringt, kommt in der Tiefe eine gewisse karamellige Würze und eine Erinnerung an Zuckerwatte auf; doch auch hier sind das eher Holz-, und keine Zuckerrohrnoten.

Auch die Geschmacksknospen fragen sich – wo bitte soll das hier ein Agricole-Rum sein? Sehr süß und im Antrunk (aber nur dort) angenehm breit, jedoch ohne große Tiefe. Alkoholfeurig im Verlauf und praktisch ausschließlich Holzaromen wie Vanille, Karamell, Reste von Süßwein. Das wars, ich will mir hier nichts aus den Fingern saugen, was nicht da ist. Der Abgang ist heiß, sehr alkoholisch (43% Alkohol sind praktisch nicht eingebunden, da bin ich am Keuchen nach dem Schlucken), aromatisch sehr kurz und besteht selbst in dieser Kürze fast nur aus Betäubungseffekten. Ein Eisenton und eine gewisse Pappigkeit klingen nach.

Wer trinkt das? Niemand, der sich für einen auch nur ansatzweise typischen Geschmack dessen interessiert, was man sonst als „rhum agricole“ bezeichnet. Niemand, der unabhängig davon an einem weichen, feinen Rum interessiert ist. Höchstens jemand, der einen gewissen Lokalpatriotismus zu Deutschland und/oder Bayern hat und dem dies wichtiger ist als alles, was ich in diesem Artikel ankreide. Man treffe seine eigene Entscheidung.

Später hinzugefügter Hinweis (aus gegebenem Anlass): Natürlich spreche ich, was die Gesetzgebung angeht, nur für die Produkte, die in der EU vermarktet werden wollen. Wenn irgendwo auf der Welt sich jemand entscheidet, seinen Zuckerrohrsaftrum „Agricole“ benennen zu wollen, dann darf er das natürlich – erst die gewünschte Vermarktung in Europa zwingt einen Hersteller, sich an EU-Vorgaben zu halten. Die EU-Gesetzgebung ist darüberhinaus scheinbar aktuell noch so schwammig, dass laut eigenen Aussagen Lantenhammer dieses Produkt als „Agricole“ vermarkten darf. Ich hoffe auf Besserung in der Klarheit der Gesetzgebung – mal schauen, was die neue, geplante EU-Spirituosenverordnung bringen wird.

Kurz und bündig – Stone Hazy, with a Chance of Blueberries

Der Unterschied zwischen einem aromatisierten Biergetränk und einem mit natürlichen Zutaten, die nicht in der populären Auslegung des Reinheitsgebots zu finden sind, ist immer wieder Grund für Diskussion – so neulich wieder in einer Craftbier-Facebookgruppe. Dass man als echter Bierfreund das eine energetisch ablehnen und gleichzeitig das andere sehr schätzen kann versteht der eine oder andere offensichtlich nicht und macht sich in seiner Unwissenheit darüber lustig. Dabei ist es doch total einfach: Natürliche Zutaten kompetent eingesetzt, ja, gerne. Künstliche Aromen, nein, danke. Das Stone Hazy, with a Chance of Blueberries ist ein Beispiel für ersteres, denn es wurde während der Gärung Heidelbeerpürée zugesetzt, „erntefrisch“, wie der Pressetext uns mitteilt.

Stone Hazy with a Chance of Blue Berries Wheat Ale

Heidelbeeren sind ja nur nach außen blau, daher ist die rostrote Farbe keine Überraschung. Die 13% Heidelbeerpürée sorgen für zusätzliche Trübung, das Weizenbier wird dadurch beinahe blickdicht. Auch der feine, dicke Schaum ist leicht rötlich. In der Nase riecht man Hefe, Malz und eine leicht medizinische Note, die mich verrückterweise an Pflaster und Verbandsmaterial erinnert. Etwas dunkle Frucht schimmert durch.

Der Geschmack ist mildfruchtig, die Heidelbeeren ergänzen einen eher ins Nelkige als ins Bananige gehenden Weizenbiergeschmack. Das Mundgefühl ist im Antrunk recht süß und cremig, im Verlauf wird es immer trockener, bitterer. 35 IBU sind für ein Weizenbier schon kantig, diese spürt man besonders gegen Ende deutlich – im Gegensatz zu den 6,7% Alkoholgehalt, das als „Wheat Ale“ deklarierte Bier ist daher eigentlich schon ein Weizenbock. Im kurzen, sehr trockenen Abgang kommt dann die Frucht vollends zum Vorschein, die Heidelbeeren klingen eine Weile nach, zusammen mit einer kräftigen Säure. Ein leicht metallischer Geschmack beendet das Ganze.

Man muss klar sagen – das ist kein Fruchtbier (wie ein Kriek oder ähnliches), dazu ist es bei weitem nicht fruchtlastig genug; die Hauptaromatik ist die eines Weizenbocks. Die Beerenzugabe sorgt aber erkennbar für eine zusätzliche Aromenschicht und Komplexität im Bier, die ich als durchaus angenehm empfinde. Ein schönes Herbstbier mit einem kleinen Twist.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die Zusendung zweier Dosen des Stone Hazy, with a Chance of Blueberries.

Ein Herbstspaziergang – Nardini Grappa Riserva 15 Anni

Wir Spirituosenmissionare müssen zusammenhalten. Wir lassen uns daher auch gern von einem Kollegen inspirieren, etwas auszuprobieren, wozu wir selbst erstmal nicht direkt einen Bezug haben. Die Welt der Brände und Liköre ist einfach viel zu riesig, als dass man als Einzelner irgendwie eine Chance hätte, alles direkt überblicken und einordnen zu können, und sie entwickelt sich täglich weiter. Daher freue ich mich immer sehr, wenn ich beim Spicken bei den Kollegen etwas entdecke, was mein Interesse reizt. So ging es mir mit dem Nardini Grappa Riserva 15 Anni, den der hochgeschätzte Vlogger Ralphy in einem seiner Videoblogs in höchsten Tönen lobte. Persönlich habe ich eine Schwäche für Grappe (dem italienischen Plural für Grappa, nur mal so klugscheißerisch angemerkt), daher kam ich nicht umher, mir eine Flasche davon zu besorgen.

Nicht ganz billig, und auch nicht überall erhältlich ist dieser Tresterbrand, der 15 Jahre in slawonischer Eiche reifen konnte. Traubenreste aus den nordostitalienischen Gebieten Venetien und dem Friaul werden doppelt mittels der für Grappa vorgeschriebenen Dampfdestillation gebrannt – Dampfdestillation deshalb, weil sie der einzige Weg ist, die toxischen Stoffe, die Traubenkerne und -stiele abgeben würden, brännte man sie auf konventionelle Weise, aus dem Destillat herauszuhalten. Das Verfahren wird zum Beispiel auch bei chinesischem Baijiu eingesetzt. Es wird in einem Folgeartikel über einen anderen Grappa auf meinem Blog etwas näher erläutert werden. Nun wollen wir uns aber zunächst den Nardini Grappa Riserva 15 Anni mal im Glas anschauen.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Flasche

Farblich sieht man, dass 15 Jahre Reifung nicht unbedingt zu einer schwarzbraunen Brühe führen müssen. Dieser Grappa ist klar, strohgolden, dabei aber strahlend. Im Glas kaum viskos. Man kann sich allerdings kaum auf die Farbe konzentrieren, denn man stürzt geradezu in das überwältigende Aroma, das aus dem Glas verströmt: Dunkle Schokolade, getrocknetes Heu, Kandis… ich versuche eigentlich, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn ich Tasting Notes schreibe, aber hier fühle ich mich einfach wie auf einem Herbstspaziergang über abgeerntete Getreidefelder.

Nach dem ausgedehnten Schnupperspaziergang muss der Nardini Riserva nun zeigen, ob er im Geschmack ähnlich verzaubern kann. Er ist zu Beginn sehr süß, wirkt zunächst etwas staubig, dabei wird ein weites Panorama an Geschmackskomponenten aufgefächert: Kakao, Heu, Oolong-Tee, Tabak, reifer Pfirsich, Datteln, Rosmarin und Mandeln. Eine volle Breitseite an Eindrücken, die Liste könnte ich mit jedem Schluck fortsetzen. Im Abgang wird er schließlich feurig-heiß; ein wirklich extrem langer Abgang komplettiert das durchweg positive Bild, voller Charakter, mit starken Kakao- und Teenoten und einem minzigen Finish.

Man erahnt, dass mein Gesamtfazit nicht wirklich negativ ausfallen kann. Der Nardini Riserva ist unglaublich vielschichtig und bunt, dabei höchstkomplex. Eine herrliche Spirituose, etwas, wovon ich nachts träume.

Grappa ist eher selten in Cocktailrezepten zu finden – seltsam eigentlich, denn die Aromatik ist spannend und kräftig, sowas sucht man normalerweise händeringend. Ungereifter Grappa macht sich hervorragend als Ginersatz in vielen Drinks, gereifter Grappa kann in zum Süßen tendierenden Cocktails den Twist geben, den ein gemütlicher Bourbon nicht liefern kann. Der Principino ist ein herrlicher Dessert-Drink, der dem wahren Genießer statt dem üblichen „Aufs Haus“ beim Italiener den Magen schließen könnte – er vereint Süßes, Kaffee und Grappa, also alles, was man sonst so nach dem Essen zu sich nimmt.

Principino


Principino
1½ oz Grappa (z.B. Nardini Grappa Riserva 15 Anni)
¾ oz weißer Pfefferminzlikör (z.B. Berliner Luft)
¾ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
¾ oz Maraschino-Likör (z.B. Bols Maraschino)
Alle Zutaten auf Eis shaken. Im Glas dann mit etwas aufgeschlagener Sahne toppen.
Mit Minzblatt und Kakaopulver dekorieren.
[Rezept nach Renato Cumerlato]


Die kleine „halbe“ Flasche mit 35cl Fassungsvermögen wird in einem schönen, stabilen Klappkarton mit Plastikeinlage für die Flasche selbst vertrieben – dieser macht echt was her, ebenso wie die zurückhaltend gestaltete Etikettierung. Das macht das Gesamtpaket zu einem idealen Geschenk für jeden echten Spirituosenfreund.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Geschenkkarton

Eine wirklich schöne Entdeckung, und ich bin dem oben erwähnten Ralphy sehr dankbar, dass er mich darauf hingewiesen hat. Er selbst pflegt einen ähnlichen Stil wie ich, was die Auswahl von Rezensionsprodukten angeht – grundsätzlich bespricht er eigentlich Whiskys, blickt dabei aber gern über den Tellerrand und holt sich auch ab und an Rums oder anderes ins Boot. Einfach, weil man die Präferenzspirituose selbst viel besser würdigen, schätzen und einordnen kann, wenn man auch außerhalb von ihr hin und wieder mal etwas probiert. Ich empfehle das auch allen Lesern meines Blogs, die einen Lieblingsschnaps haben und sich nicht vorstellen können, dass sich das je ändern könnte: Ausprobieren! Nicht immer, aber immer öfter wird man extrem positiv überrascht werden.

Kurz und bündig – IMBC / Buxton Brewery / Magic Rock / North Brewing Co. / Stone Fellow-Sip IPA

Ich hatte mich neulich über einen etwas unhandlichen Titel eines Biers beschwert. Nun, das war gestern, heute heißt ein Bier IMBC / Buxton Brewery/ Magic Rock / North Brewing Co. / Stone Fellow-Sip IPA. Ich frage mich, ob das wirklich noch in meine Kategorie „Kurz und bündig“ passt – damit ich die Wortgrenze nicht sprenge, nenne ich das Bier im folgenden nur noch Fellow-Sip. Es handelt sich dabei um das 4. Uniqcan-Release aus dem Hause Stone Brewing. Der Anlass, sich mit 3 britischen Brauereien zusammenzutun, ist die IMBC (Independent Manchester Beer Convention, „Indy Man Beer Con“), die Anfang Oktober 2018 stattfand.

IMBC - Buxton Brewery - Magic Rock - North Brewing Co. - Stone Fellow-Sip IPA

Die Farbe ist golden, naturtrüb. Die Schaumentwicklung ist kräftig, eine sehr starke Perlage sorgt dafür, dass dieser Schaum auch lange erhalten bleibt. Nachdem ich in letzter Zeit häufiger Biere im Glas hatte, die sich geruchlich eher zurückhielten, ist dieses Bier eine andere Welt – beim Eingießen riecht man schon, dass die Nase hier was zu tun bekommt. Die zu erwartende Bitterkeit ist riechbar, Grapefruit, Limette, Harz, Aromahopfen in voller Wucht und ohne Gnade, etwas Frucht schimmert durch.

Im Mund beginnt das Fellow-Sip schon sehr trocken und man merkt die 65 IBU vom ersten Tropfen, der auf die Zunge fällt – da ist eine sehr harte Grapefruitkante drin, Limettenschale, ein harzig-holziger Eindruck; es geht fast schon in Richtung Radicchio, weil da auch eine gewisse Kräuterigkeit da ist. 7% Alkoholgehalt bleiben dennoch unspürbar am Gaumen. Der Abgang ist sehr lang, bitter bis zur Eckigkeit, harsch und trocken. Der Hopfen lässt dem Malz keinerlei Chance, so etwas wie Tiefe aufzubauen. Insgesamt empfinde ich das Bier aromatisch auch als dumpf und etwas stumpf, die Rezenz fehlt.

Persönlich hat mir das nun, nachdem ich immer die Stone-Bittere gelobt und gefordert hatte, die Grenze des Angenehmen überschritten. Das Fellow-Sip ist kein Bier mehr, das ich mir mal so eingießen würde, sondern ein Demonstrationsobjekt für derbe Biere, die mir nur noch bedingt Spaß machen. Wer allerdings die knarrende IBU-Härte haben will, nun, der ist hier definitiv richtig.

Die Zusammenarbeit besteht hauptsächlich darin, dass die Zutaten von den 4 Brauereien aus ihren beliebtesten Produkten in den Braukesseln von Stone in Berlin zusammengeführt wurden – die „ikonischen“ Hopfen- und Malzsorten der wichtigen Biere der teilnehmenden Brauereien. Dabei handelt es sich um die Malze Pilsener Malz, Gerstenmalz, Weizenmalz, gesäuertes Malz und Golden Promise, sowie die Hopfen Citra, Mosaic und Ariana. Über die Dosen selbst habe ich in meinen Blogartikeln über die 3 Uniqcan-Vorgänger genug gesagt – das Konzept ist schlüssig und stringent ausgeführt. Das Label ist schön bunt und passt dazu, und stellt die Zusammenarbeit gelungen in den Vordergrund.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung zweier Dosen des Fellow-Sip IPAs.

Sweet little lies 2018 – Ein Update auf die Manipulationsdebatte

Es war der Grund, warum ich einen Spirituosenblog gestartet habe. Zuvor hatte ich mehr oder weniger regelmäßig hier und dort über Spirituosen geschrieben, doch ein Thema, das mich zwickte wie kaum ein anderes war an diesen Stellen nicht vernünftig einpackbar. Ich begann also einen Blog, stolperte mich durch die Schwierigkeiten, die ein Hobbyblogger zu Beginn eben hat, und veröffentlichte dann irgendwann den Artikel, der mir bis heute sehr am Herzen liegt: Tell me sweet little lies – Warum ist unser Rum so süß?

Damals, Mitte 2015, war das Thema in kleinen Fachkreisen bereits bekannt, Anfang der 2010er Jahre wurde es leise losgetreten. Doch es dauerte, bis es weitere Kreise zog, und insbesondere in  Deutschland ankam. Ich bin stolz darauf, dass mein Artikel vielleicht einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, das Wissen über Süßung im Rum zu verbreiten.

Statistik Tell me sweet little lies

Nun haben wir 2018, und das Thema ist in der Mitte der Konsumgesellschaft angekommen. Nicht nur extreme Fachidioten (den Begriff „Profis“ will ich hier aus gegebenem Anlass nicht verwenden) wie ich, sondern selbst der nur halbwegs an Rum Interessierte hat davon gehört. Zeit für ein Update auf die Situation, denn auch wenn sich viel getan hat, so richtig beliebt ist das Thema immer noch nicht – aus anderen Gründen.

Durch die inzwischen weitgestreuten und leicht selbst nachstellbaren Beweise für Rummanipulation wurde vielen Leugnern und heimlich agierenden Herstellern die Argumentationsgrundlage entzogen. Sie müssen eingestehen, dass Rum gezielt gesüßt und aromatisiert wird – und suchen eine neue Basis für ihre Ablehnung einer Transparenzbewegung. Ich höre jeden Tag eine neue Variante dafür, warum Transparenz unnötig ist, Süßung toll oder Kritik grundsätzlich blöd – hier sind nun ein paar meiner liebsten davon gesammelt.


Vanillin in WhiskyEinen wahren Aufschwung hat Whataboutism 2017 erlebt und ist in Fachkreisen inzwischen sehr beliebt. Man leitet die Kritik einfach auf die andere Verdächtige um – ja, Rum wird manipuliert (zähneknirsch), aber, was ist mit Vodka? Und Whisky? Die sind doch genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer! Warum hackt man trotzdem immer ausgerechnet auf Rum herum? Rum ist so vielfältig, das ist doch das schöne dran, warum sollte man ihn einschränken?


Lexikon der Verschwörungstheorien

Eine immer noch gern genommene, weitverbreitete Taktik ist, Kritiker als Truther hinzustellen, sie als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, und sich über sie lustig zu machen. „Taliban“, „Sugar Police“ und „Hater“ sind beliebte Begriffe, mit denen wir belegt werden. In diese Schiene schlägt auch der Vorwurf, eine „Spaßbremse“ zu sein, und sich dem wahren Geiste des Rums zu verwehren, der ja ein Piratengetränk ist und sich nicht um Regeln scheren sollte – Piraten, Palmen, Papageien.


Mauscheln

Manche Hersteller bekommen von vielen Bloggern aktuell einen Freifahrtschein, weil sie in Privatgesprächen zwischen Markenbotschafter und Blogger die Süßung zugeben. Aufs Etikett schafft der Zucker es aber dennoch nicht, und auch nirgends auf den Hersteller-Internetseiten ist ein Hinweis darauf zu finden: eine geschickte Strategie. So sichert man sich das Wohlwollen der Kenner mit Pseudotransparenz, während man gleichzeitig den Verkaufszahlen nicht schadet, weil man die Masse der uninformierten Laien im Dunkeln lässt.


Krümelmonster
Cookie Monster Clipart

Das älteste Argument, „Hauptsache, es schmeckt, es interessiert mich nicht, wie es hergestellt wird!“ greift tatsächlich auch heute noch gut, insbesondere in Kreisen, die Rum als Partygetränk oder Unterhaltungsdrink sehen. Jeder soll doch trinken, was ihm/ihr schmeckt, wieso willst Du mir vorschreiben, was ich zu trinken habe? Du Snob! „Die Leute wollen Süßes“, das höre ich oft und bestreite es ja auch gar nicht, aber da es auch sehr natursüße Rums gibt, die einer künstlichen Nachsüßung gar nicht bedürfen, um zu schmeicheln, fällt auch diese Konstruktion in sich zusammen.


Rafael Arroyo

Die Süßung und Aromatisierung sei eine traditionelle Herstellungsweise, die man nicht zu kritisieren hat, wird einem aus herstellernahen Quellen oft vorgehalten – oft mit einem herablassenden Lächeln über die Banausen, die noch nicht genügend Einblick in die Rumgeschichte haben, denn „es wird ja immer schon so gemacht“ (was nicht stimmt, in den Vierzigerjahren hat Raffael Arroyo diese damals neue Praxis kritisiert).


Rum Labels

Wie verzweifelt manche sind, erkennt man an dem folgenden Punkt, den ich allen Ernstes schon mehrfach gehört habe: Angaben auf dem Etikett würden die hübschen Rumetiketten verunstalten, Verbraucher würden verwirrt durch die Angaben oder sie erst gar nicht verstehen, das bringt doch alles eh nichts und sorgt nur für Chaos. Lasst das Volk dumm sterben, Bildung hält sie nur vom Malochen ab und sorgt für unangenehme Ansprüche. Dass es anders geht, zeigen beispielsweise sehr neutral und sachlich gehaltene Labels von Velier und Foursquare.


Ungesundes EssenIn Zeiten, in denen die Gesundheit so wichtig ist, dass man als Genießer sich rechtfertigen muss, wenn man überhaupt außer Körnern und stillem Wasser etwas zu sich nimmt, wird es leicht, eine Nebelkerze zu zünden und die Manipulationdiskussion auf einen kleinen Teilaspekt umzuleiten: Alkohol ist eh schon ungesund, was macht da der Zucker noch aus. Wer eine Nährwerttabelle auf Spirituosen braucht ist offensichtlich ein Alkoholiker, denn man trinkt ja nur winzige Mengen. Und die Kalorienzahl von Alkohol ist so hoch, da soll man sich wegen der Zuckerkalorien nicht so anstellen. Dass die Süßung ganz andere, viel gewichtigere Probleme mit sich bringt als Kalorien, wird dabei bewusst oder unbewusst unterschlagen.


Zucker

Über stolz vorgetragene Unwissenheit („Rum wird doch aus Zucker hergestellt!“ oder „Der Zucker kommt aus dem Fass!“) muss ich heute nur noch lächeln, denn meist steckt hier gar kein böser Wille dahinter, sondern nur genau das – Unwissenheit. Je weniger man über etwas weiß, desto sicherer ist man sich, dass man alles darüber weiß – das gilt in allen Lebensbereichen.


Ron Mulata Aräometermessung

Die Messungen sind ungenau und können nicht so funktionieren. Natürlich haben wir Hobbymesser kein professionelles Labor zuhause, mit dem wir aufs Mikrogramm genau feststellen können, was in der Flasche drin ist außer Rum. Dennoch haben Vergleiche gezeigt, dass die Hydrometer-Methode, die jeder zuhause mit wenig Aufwand durchführen kann, erstaunlich genau arbeitet. Immer wieder gilt zu betonen – es geht mehr darum, herauszufinden, ob nun 5 oder 20 Gramm pro Liter drin sind, nicht, ob es 33 oder 35 sind.


Mixology on rum

Zu guter letzt muss ich auch manche Rumfreunde hinterfragen, die sich gut auskennen, und aber desillusioniert sind, um ihre Pfründe fürchten, oder desinteressiert an Anfängern sind – sollen die Neulinge doch weiterhin Zacapa 23 trinken, so bleibt mehr für mich von den Single Casks übrig, die würden sonst noch teurer werden! Ja, das stimmt wahrscheinlich. Es wird sich aber eh nicht verhindern lassen, dass Whisky-Verhältnisse bald bei Rum einziehen, dazu ist Rum inzwischen zu beliebt. Und was ist das für eine Community, die die Anfänger mit dem schwachen Zeug abspeisen will, nur weil man selbst gezwungenermaßen früher mit Zuckerbomben eingestiegen ist?


Man sieht, da ist genug Material da, mit dem man als aufgeklärter Rumfreund zu kämpfen hat. Ich wünsche mir wirklich, dass das nächste Update in 3 Jahren sehr viel kürzer ausfällt, oder gar nicht mehr nötig ist. Allerdings bezweifle ich leider, dass mir die Gegnerschaft ausgeht – dazu sind zuviele materielle, finanzielle und reputative Partikularinteressen im Spiel.