Wer trinkt eigentlich Ginger Ale? Ich probiere zwischendurch immer wieder mal Dinge, die ich vor zig Jahren das letzte mal getrunken hatte, und suche so nach spannenden Getränken aus alter Zeit, die man schlicht nur vergessen hatte. Doch bei den klassischen Ginger Ales der großen Hersteller frage ich mich schon – dieses pappsüße, klebrige, künstlich schmeckende Zeug ist doch nun wirklich aus der Zeit gefallen, sogar als Filler in einem Longdrink würde ich das ungern einsetzen. Bei der Auswahl der Probierprodukte fiel mir dann ein Produkt in die Hände, das mit der Limonade gar nichts zu tun hat, sondern ein „echtes Ginger Ale“ ist: das Hitachino Nest Real Ginger Ale, das in Japan von der Kiuchi Brewery hergestellt wird. Es wird als Bier gebraut, beim Brauen wird Ingwer eingesetzt, zusammen mit den Malzen Pale, Munich, Crystal und Chocolate, und den Hopfen Perle, Styrian Golding und Chinook. Bei üppigen 8% Alkoholgehalt sollte man es wirklich nicht mit einer Kinderlimo verwechseln, auch wenn das Etikett das Potenzial dazu bietet!
Im Glas ist die Verwechselungsgefahr dann schnell gebannt, denn statt dem blassgelben Ton eines Ginger Ales findet man hier eine sehr dunkle Färbung, naturtrüb, mit deutlich sichtbaren Partikeln – vielleicht vom Einsatz des Ingwers. Die leichte, aktive Perlage schafft es nicht, Schaum auf Dauer zu erzeugen.
Der Geruch ist leicht säuerlich, man hat Anklänge von Honig, ansonst bleibt es aber, ehrlich gesagt, fast neutral für die Nase. Am Gaumen kommen dann doch irgendwie vorsichtige Limoreminiszenzen auf, süß ist das Hitachino Nest jedenfalls im gesamten Verlauf, mit Honigaromen zu Beginn und einem begleitenden sehr cremigen Mundgefühl. Ein bisschen Colageschmack ist präsenter als sehr dezente Hopfen- und Malzaromen, ein durchaus eher schwerer Gesamteindruck – es fühlt sich an wie ein aromatisch leichter Doppelbock, würde ich sagen. Über einen Mangel an Rezenz und Frische braucht man sich aber sicher nicht beklagen. Im Abgang taucht dann endlich der Ingwer auf, sowohl geschmacklich als auf vom Effekt her – sehr milde Schärfe ist angenehm, am eher kurzen Ende kippt das Bier dann aber wieder leicht ins Pappige.
Ein nettes Bierchen für Zwischendurch, die Rezenz rettet es vor der frappanten Aromenärme. Immerhin, es ist durchaus etwas Exotisches, und unterhält damit schon eine Weile. Auf die Dauer braucht man es aber sicher nicht.
In der Fizzz #5/2023 kann man wieder einen Artikel von mir lesen – ich freue mich ehrlich sehr, wenn es scheinbar auch bei Printmagazinlesern ankommt, was ich schreibe. Dieses mal geht es um Eindrücke, die ich gesammelt habe, als ich mit verschiedenen Leuten gesprochen hatte, denen Obstbrand wichtig ist, von Brennern bis Mixologen. Während der Recherche für diesen Artikel habe ich ein längeres Gespräch mit Johannes Kolonko geführt, in dem er mir viel mehr nahegebracht hat als einfache Informationen oder Fakten – wenn man mit ihm redet, spürt man regelrecht, dass er völlig aufgeht in dem, was er tut. Als Einmannbetrieb macht er alles selbst, von Ernte über Vorbereitung der Frucht und dem Maischen und Brennen bis hin zum Abfüllen, Etikettieren und Vermarkten. Was am Ende herauskommen soll sind Obstbrände auch höchstem Niveau, die Kolonkos eigenem Anspruch gerecht werden können, und der ist, das hört man in der Diskussion mit ihm sofort heraus, hoch. Ein Obstbrand ist ein „harmonisches Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur“, wie Kolonko selbst betont.
Und nun steht sie vor mir, die Flasche des Destillerie Kolonko Mirabelle Brand, und fordert mich dazu heraus, zu überprüfen, was Johannes Kolonko mir berichtet hat. Es handelt sich dabei, leiten wir mal ganz offensichtlich ein, natürlich um einen Edelbrand aus Mirabellen, die 2019 von Kolonko eigenhändig in Südbaden von Streuobstwiesen geerntet wurden. Es wird darauf geachtet, dass dort keine Pestizide oder auch nur Dünger eingesetzt wurden. Fermentiert wird über natürliche wilde Hefen, in einer Kupferbrennblase wird dann gebrannt und das Destillat schließlich, nach einer Ruhephase in Glasballons, mit Quellwasser auf Trinkstärke herabgesetzt; wie gesagt, jeder einzelne Schritt vom Brenner selbst eigenhändig und ohne Pumpen, Filter oder andere verzichtbare Technik ausgeführt. Kann man schmecken, wieviel Arbeit in eine Spirituose geht? Riecht man, wie gut das Basismaterial behandelt wurde? Fühlt man im Brand, welche emotionale Energie hineingesteckt wird? Ich bin sehr gespannt.
Der Brand ist erwartungsgemäß kristallklar, ohne Fehler oder Einschlüsse oder Tönung. Deutliche Öligkeit sieht man beim leichten Drehen und Kippen des Verkostungsglases, das schwappt träge hin und her, nach einer Weile bilden sich gemächlich Beine heraus, die sich richtig viel Zeit lassen, nach unten wieder abzulaufen.
Auf Empfehlung des Brenners selbst habe ich das Glas etwas offen stehen lassen, bevor ich mich ihm mit der Nase genähert habe. Dann konnte ich es doch nicht mehr erwarten – und finde dort erstmal eine schwere, tiefe Steinfruchtsüße vor, ganz klar reife Mirabelle und Zwetschge, vielleicht etwas mandelige Aprikose als Unterlage. Es wirkt sehr klar und sauber, was man da riecht, außer der Frucht finden sich kaum Seitenaromen, die von der Mirabelle ablenken würden. Auch andere Störfaktoren, die man manchmal in Obstbränden findet, wie pieksendes Ethanol, eckige Spitzen oder gar stumpfe Flachheit, sind diesem Destillat völlig fremd, das riecht sich frisch, lebendig und aromatisch, ohne die runde Weichheit aufzugeben, oder dabei langweilig zu werden – 44% Alkoholgehalt sind angenehm gewählt. Es drängt sich aber auch nicht auf, überwältigt nicht, sondern bleibt vornehm zurückhaltend.
Im Mund breitet sich der Brand dann sehr viel weniger zurückhaltend aus als in der Nase, da ist direkt der ganze Gaumen mit einer weichen, warmen, fetten Schicht belegt. Aus dieser speist sich dann erst langsam, aber schnell Fahrt aufnehmend, die höchstdichte Aromatik von zuvorderst Mirabelle und folgend verwandtem Steinobst, schön balanciert zwischen mildherber Bittere und fast schon zitrusfrischer Fruchtsüße. Im Verlauf entsteht dann pikante Würze, Gaumen und Zunge kitzelnd und deutlich erhitzend, ohne sie zu verbrennen oder anästhesieren. Die Textur ist fett und voll, sowohl tief als auch breit, man kann die Flüssigkeit im Mund fast kauen oder lutschen. Der Nachhall ist extrem lang, voller anhaltender Frucht und einer dazukommenden Veilchen- und Rosenfloralität, die als Kopfnote den gesamten Eindruck komplettiert. Kein Witz – 2 Stunden später, nach einer Quiche Lorraine mit Krautsalat und einer Tasse Kaffee, habe ich die Mirabelle immer noch retronasal vorhanden. So eine Ausdauer ist extremst beeindruckend.
Bei all der Spannung, die dieser Brand aufbaut, ist er gleichzeitig nicht kompliziert – er liefert schnurgerade ab, woraus und wie er gebrannt wurde, da sind keine Umleitungen, Tunnels, Überführungen oder Kreisverkehre im Weg. Auch wenn ich es sehr mag, die vielen verschiedenen Aromen eines alten Rums zu explorieren, so wertschätze ich mindestens ebenso die lineare Art, mit der Johannes Kolonko es schafft, die Mirabelle zu verflüssigen und damit auf eine neue Stufe zu heben.
Dementsprechend braucht es auch gar nicht viel eines solchen Destillats, um in einem Cocktail sofort eine Duftspur zu hinterlassen. Im Crillon ist weißer Wermut (hier empfehle ich einen aromatischen, spannenden, zum Beispiel den Dry Riesling Vermouth oder den Saar White Vermouth von Ferdinand’s) die Hauptzutat, und die Kolonko Mirabelle sorgt sowohl für Volumen als auch diese so herrlich beharrende Assiduität, die mir so außerordentlich gefällt an ihr. Ein klarer, leichter, feiner Drink, trocken und herb, ein Aperitif für Genießer.
Crillon 1⅓oz / 40ml weißer Wermut ½oz / 15ml Mirabellenbrand ½oz / 15ml Campari Auf Eis shaken. [Rezept nach unbekannt]
Ich erinnere mich noch gut an die ersten Exemplare dieser Glasstöpsel, die auf den Markt kamen – da waren sie noch schwer handzuhaben, das Öffnen erforderte eine gewisse Technik und auch Kraft. Heute hat sich das eingespielt, und der Glasstöpsel, der mit der Flasche hier mitgeliefert wird, funktioniert wunderbar. Es ist ja schon eine tolle Sache, dass man eine Alternative für den Echtkorken, mit dem die Flasche im Auslieferzustand verschlossen ist, an die Hand bekommt, eine schöne Geste. Das Etikett ist mit einer fast expressionistischen Darstellung der Frucht gestaltet, enthält kleine Informationen, ohne sich damit zu überladen. Die kleinen Auflagen, die Johannes Kolonko macht, zeigen sich in den wenigen 128 Flaschen aus der Mirabellenernte 2018, ich habe Nummer 71 davon.
Den rosa Elefanten im Raum muss man natürlich erwähnen – bei einem Literpreis von 700€ ist das eine sehr exklusive Spirituose. Liest man aber den Abschnitt über die Destillerie Kolonko in dem in der Einleitung angesprochenen Artikel über Obstbrände, wird einem schon klar, warum das kaum anders bepreisbar ist. Die Art, wie Johannes Kolonko Material aussucht und verarbeitet, ist monetär grundsätzlich nur schwer einzufangen, das Herzblut und die Philosophie dahinter gar nicht. Rein vom Geschmack her ist es das Geld jedenfalls wert, darüber müssen wir gar nicht erst zu diskutieren anfangen. Statt über schnöde Penunzen rede ich mit Johannes viel lieber über die Haptik reifer Pflaumen und den Geruch frischer Mirabellen.
Offenlegung: Ich danke Johannes Kolonko für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche seines Mirabellenbrands.
Es gibt ja die Kenner, die einzelne Spirituosen so gut kennen, dass sie unterschiedliche Jahrgänge untereinander vergleichen – da bekommt man dann hin und wieder Aussagen wie „du hast Jahrgang 54 probiert? Jahrgang 55 ist aber so viel besser!“ Ich bin nicht der Typ, der sich so allzu gern äußert, das klingt manchmal etwas patronisierend, ich versuche, jede Spirituose für sich zu betrachten statt im Kontrast zu anderen. Stefan Glück von der Old Fashioned Bar in Heilbronn hat mich nun dazu gebracht, einen solchen Vergleich zumindest indirekt zu machen, indem er mir ein Sample des Jean-Luc Pasquet Cognac Grande Champagne Lot 84 for The Bottle Shop zukommen ließ. Vor einer Weile hatte ich ja bereits den Jean-Luc Pasquet Lot 79 und auch den Pasquet Lot 68-72 besprochen – dennoch will ich auch hier keine Kontrastreview machen, sondern die Heilbronner Abfüllung für sich sprechen lassen. Abgefüllt ist sie als Single Cask in Fassstärke mit 53,4% und limitiert auf 258 Flaschen.
Kupfer, Terracotta, so in diesem Bereich schätze ich die Farbe dieses Cognacs ein. Eine strahlende, kräftige, lebendige Farbe, mit vielen orangenen und teils sogar weißen Lichtreflexen, die auch beim Schwenken für ein paar Sekundenbruchteile an der Glaswand haften bleibt. Durch die Viskosität läuft alles dann nur langsam von dort ab.
Man bekommt Lust, die Nase ins Glas zu halten, und wird dort dann nicht enttäuscht: sehr viel Frucht erwartet einen da, so in der Mitte zwischen noch recht frischen Rosinen und überreifen Trauben frisch vom Rebstock. Passend zur Farbe ist auch im Duft viel Lebendigkeit und Jugendlichkeit drin, hellklingend und leicht, aber ohne jede Frechheit oder Kante, die bei jüngeren Bränden dann oft auch mitschwingt. Gleichzeitig ist aber trotz der 39 Jahre keine Überalterung erkennbar, die Fässer haben viel Vanille, Honig und süße Zuckerwatte mitgegeben, aber keine harten Tannine oder Holzigkeit.
Am Gaumen spürt man dann, nachdem die initiale Freundlichkeitsoffensive leicht abgeklungen ist, das Alter doch – hier ist Trockenheit und Holzeinfluss klarer. Das fällt deutlicher auf, weil zu Beginn eine fruchtige Süße den Antrunk definiert, mit Ideen von Aprikosen und Birne. Der Wechsel ist dabei rund und nicht abrupt, ein bisschen Feuer blitzt dabei auf, das aber fast so schnell, wie es kommt, wieder abklingt und Platz für eine klare Aromatik macht. Im Abgang wird der Cognac gewürzig, Kardamom, Sternanis, Zimt – das geht fast in die Weihnachtsbäckerei über, bleibt dabei aber sehr frisch, mit Anklängen von Anis und Süßholz, die diese beinahe minzige Frische sogar noch betonen. Danach klingt er ganz langsam mit Impressionen von Zuckerrohr und mildbitterem Malz aus.
Dieser 84er Jean-Luc Pasquet trinkt sich sehr erwachsen, dabei unkompliziert – hier gehen Komplexität und Trinkigkeit sehr fein ineinander über. Kein Schmeichler, kein Prügler, einfach ein toll gemachter Cognac mit viel Charme für den Genießer, der zu schätzen weiß, wie schwierig es ist, diesen schmalen Grat ohne Taumeln beschreiten zu können.
Offenlegung: Ich danke The Bottle Shop für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.
Für den Brand, den ich heute vorstellen will, gibt es zwei voneinander unabhängige, aber trotzdem interessante, kleine Details zu berichten. Beginnen wir mit der Deklaration des Pisco Control Gran Pisco. „Gran Pisco“ ist eine geregelte Kategorie innerhalb des chilenischen Piscos – für die man allerdings keine seitenlangen AOCs oder ggAs durchwälzen muss, im Gegensatz zu vielen überregelten, mit Sonderbehandlungen gespickten Spirituosenkategorien, für die man studiert haben muss, um sie zu verstehen. „Gran Pisco“ bedeutet einfach, dass der Brand mit mindestens 43% Alkoholgehalt (und höchstens 50%) abgefüllt ist. Punkt. Ach, manchmal kann die Welt doch auch einfach sein. „Überwiegend Muskateller“ wird als Rebsorte auf diversen Seiten angegeben, ich würde sogar behaupten, dass hier, wie bei den allermeisten Piscos aus Chile, ausschließlich Trauben der Muscat-Rebsorten verwendet werden, auch wenn noch wenige andere erlaubt sind.
Der Control stammt, und damit kommen wir zum zweiten Detail, aus der Compañía Pisquera de Chile S.A., La Serena – wie viele Produktionsstätten in Chile ist dies eine Kooperative, in der viele Weinbauern ihre Trauben anliefern und damit sozusagen einen Gemeinschaftsbrand erzeugen. So eine Genossenschaft ist eigentlich eine wunderbare Einrichtung, insbesondere, wenn das Volumen der eigenen Produktion für einen Bauern sich nicht für Marktreife eignet, oder die finanziellen oder anderen Mittel dafür fehlen. Diese spezielle Kooperative ist darüber hinaus die größte in Chile, mit über 700 Lieferanten für Weintrauben, von denen 90% Kleinbauern sind und eine Fläche von über 2000 Hektar bearbeiten. Also, über die Region verliere ich am Ende des Artikels noch ein paar Worte, ich kann aber jetzt schon sagen, dass ich vielleicht eine gewisse Schwäche für Pisco (und Chile) habe.
Im Gegensatz zum peruanischen Pisco darf chilenischer Pisco fassgereift werden, darum erwähne ich, dass der Control klar und farblos ist. In dem Pisco-Verkostungsglas, das ich von ProChile als Geschenk erhalten hatte und mit etwas Glück unzerbrochen nach Deutschland transportieren konnte, zeigt sich auch ordentlich Viskosität und ein beim Schwenken entstehender, dickadriger Film an der Glaswand.
Bei Pisco spreche ich gern vom Duft anstatt vom Geruch – der südamerikanische Weinbrand, egal ob aus Chile oder Peru, ist grundsätzlich sehr floral angelegt und je nach eingesetzter Rebsorte auch recht fruchtig. Beim Control finden wir Veilchen, Nelken (die Blumen, nicht das Gewürz) und Rosenblüten, dazu ein Anflug von Jasmin. Diese frische, fast parfümige Kopfnote wird unterfüttert durch leichtes Steinobst, wie Kirschen oder Aprikosen, beide gerade so reif, und vielleicht etwas Mirabelle; man könnte das durchaus auch für einen klassischen deutschen Obstler halten, der ein bisschen ins Blumige geht. Die erkennbare Ethanolnote, die man beim tieferen Schnuppern findet, will ich allerdings nicht verschweigen – sie trübt das Gesamtbild etwas.
Das Mundgefühl ist initial sehr weich, leicht, dabei rund und breit, ohne große Tiefe zu entwickeln, was eigentlich gut zum Geruchseindruck passt. Hell, frisch, dabei dennoch mit feiner Süße ausgestattet, zeigen sich die Muskatellertrauben von ihrer besten Seite, mit edler Aromatik, keinerlei Plumpheit oder Schwere ist spürbar, selbst wenn die Frucht etwas dunklere Komponenten dazubringt, die Struktur funktioniert wunderbar. Im Verlauf bildet sich erkennbar wärmende Würze heraus, die sich schwarzpfeffrig zum Abgang hin entwickelt, und dann Zunge wie Gaumen leicht zum prickeln bringt – die 43% Alkoholgehalt, die ein Gran Pisco zu haben hat, sind dabei sehr gut eingebunden und scheinen, im Gegensatz zur Nase, hier nie negativ durch. Der Abgang selbst ist lang, weiterhin klar vom Jasminblumigen getrieben, mit wirksamer Mirabelle und Aprikose im Nachhall, die lange verweilen.
Ich mag Pisco einfach, für mich ist das ein herrlicher Brand, und der Pisco Control verortet sich vielleicht nicht in der Spitzengruppe, aber sicher am oberen Band dessen, worüber ich mich freue, es im Glas zu finden. Besonders der Nachklang weiß sehr zu gefallen, mit erkennbarer, aber nicht überwältigender Komplexität – und wenn man das Preisleistungsverhältnis mit berücksichtigt, ist es geradezu ein Träumchen, was man da für kleines Geld sowohl als Purgetränk als auch als Cocktailzutat bekommen kann.
Ich gebe es zu, ich habe genau wegen letzterem die Flasche in einem Rewe-Markt gekauft. Selbst ich, der ich gerne auch extremst rare und teure Zutaten in einem Drink vermische, habe manchmal ein gewisses Zögern, die höchstwertigen Piscos, die ich sonst noch zuhause habe, in einen Cocktail zu kippen. Für einen Mixed Drink ist der Pisco Control nahezu ideal, mit seiner starken und dennoch filigranen Aromatik und dem gleichzeitig kräftigen Alkoholgehalt. Im 1931 zeigt sich dies aufs Beste.
Die sprachliche Verwirrung auf dem Etikett finde ich fast lustig, da findet sich Spanisch, Englisch und Deutsch bunt gemischt; ansonsten ist die Präsentation eher unspektakulär, eine einfache Flasche mit Blechdrehverschluss und ein hauptsächlich neutral gehaltenes Etikett machen diesen Pisco sicher nicht oft zu einem Spontankauf im Supermarkt, was schade ist, da kann man für die rund 15€ auch sehr viel schlechtere Warenkorbinhalte haben.
Wie in der Einleitung angesprochen, stammt dieser Pisco aus der Stadt La Serena in Chile und dem naheliegenden Valle del Elqui. Ich habe eine besondere Beziehung zu dieser Stadt, denn 2017 war ich im Zuge meiner ersten Jurortätigkeit für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles dort, und habe die südamerikanische Gastfreundschaft sehr genossen. Ein spektakuläres Land, voller Gegensätze, das ich nie vergessen werde – ich hoffe, irgendwann nochmal dorthin zu kommen. Hier erstmal ein paar Eindrücke von La Serena und der direkten Umgebung; ich wünschte, ich hätte damals eine bessere Kamera gehabt und Bilder geschossen, die dem grandiosen Pazifik mehr gerecht werden als meine.
Ich war damals wirklich schwer stolz und überrascht, als eine lokale Zeitung darüber hinaus mich als Bild für einen Artikel über den Wettbewerb auswählte; sowas ist ja schon was Feines. Ach, wenn ich darüber schreibe und die Bilder sehe, fühle ich mich direkt wieder nach Chile versetzt. Ich muss dieses außergewöhnliche Land nochmal besuchen, das steht fest.
Kennt eigentlich jemand meiner Leser hier eine Person, die einen Flachmann nutzt? Ich persönlich nicht. Wenn man aber schaut, was die Spirituosenindustrie so als Giveaways entweder direkt in einem Set mit einer Flasche Schnaps verschenkt, oder in einem Shop für wenig Geld als Accessoire anbietet, dann ist da in den allermeisten Fällen ein Flachmann dabei. Neulich habe ich sogar gesehen, dass ein Obstbrandhersteller eine offizielle Abfüllung in einer Design-Taschenflasche mit einem Etikett anbietet, ganz hübsch gemacht eigentlich. Dennoch frage ich mich – benutzt das tatsächlich jemand? Meine kleine Flachmannsammlung ist jedenfalls eher dekorativ als funktional. Da die jüngere Generation, glaubt man den Aussagen der Nachrichtenagenturen, dem Alkoholkonsum eh grundsätzlich schon skeptisch gegenübersteht, gibt es zumindest für die schonmal keinen Grund, Schnaps beständig und irgendwie heimlich mitzuführen – ist das dann das endgültige Ende für den Flachmann? Ich weiß es nicht.
Ein noch recht neuer Zugang in meiner angesprochenen Kollektion besonderer Taschenflaschen ist jedenfalls der Damoiseau Cuvée Millénaire 2000 Rhum Vieux Agricole. Warum ich ihn in einem Metallfläschchen habe, statt in einer Glasflasche? Dazu am Ende des Artikels mehr. Jedenfalls ist es ungewöhnlich, finde ich, und natürlich gieße ich mir den Rum, wenn ich einen Schluck davon haben will, in ein vernünftiges Glas und nuckle nicht am Flachmann. Während des Eingießens schaue ich mir aber gern den hochglanzpolierten Stahl an, mit der großflächigen Gravur, die den Inhalt beschreibt, und dazu die Mühle zeigt, die auf dem Gelände der Destillerie Damoiseau steht. Der Name ist beachtenswert – der frühere Name des Geländes war „Bellevue au Moule“, nicht zu verwechseln mit der Destillerie Bellevue auf der nahegelegenen Schwesterinsel Marie-Galante. „Schöner Ausblick“ ist aber auch ein naheliegender Name für viele Teile Guadeloupes, das muss ich sagen, der Name ist dort wirklich oft Programm. Den Zusatz „Anno 2000“ sieht man noch in der Gravur, daher gehe ich davon aus, dass es sich um den Jahrgangsrum von 2000 handelt, der 8 Jahre reifen durfte. Er musste nun viel zu lange im Edelstahlsarg liegen, holen wir ihn uns ins Glas zum Probieren.
Die Farbe erinnert mich an das leichte Grüngelb, das frisch gepresster Zuckerrohrsaft hat; irgendwo zwischen Weißwein und Senf vielleicht, aber definitiv mit einem Touch von grün. Die Flüssigkeit schwenkt sich lebendig und leicht, da sieht man kaum Viskosität, außer natürlich an der Glaswand, wo sich ein Film bildet, der sich in Beinchen aufteilt und dann schnell abläuft.
Hält man die Nase ins Glas, nimmt man sofort diesen Guadeloupe-typischen Duft wahr – da kommt direkt viel Zuckerrohrsaft nach vorne, diese süßlichen Fruchtnoten, die man sofort erkennt, wenn man ausgepresstes Rohr mal gerochen hat. Sehr viel Kirsche, Aprikose und Honigmelone gesellen sich als zusätzliche Frucht dazu. Das ganze wird mit ordentlich Vanille, richtig viel davon, unterfüttert, was den starksüßen Geruch noch weiter verstärkt. Da ist kaum Holz, kaum Herbe, kaum Würze in der Nase, das riecht sich wie ein Likör oder Sirup eher als ein klassischer Rum.
Im Mund geht das ansatzlos so weiter. Starksüß, dazu in einem flachen Register, kaum helle oder frische Töne, die die Süße auflockern würden, sogar die Textur ist superweich. Eine aktive Bittere erscheint, die sich gut daran anpasst, sich etwas grün anfühlend, weniger wie Gras, eher wie in Olivenöl eingelegte Weinblätter. Es ist faszinierend, ich habe selten eine so völlig klar zuckerrohraromatische Spirituose getrunken – das ist wirklich wie ein aufgespriteter Zuckerrohrsaft. Erst ganz spät erkennt man, dass hier überhaupt Alkohol enthalten ist (42% sind dann fast überraschend), und auch Würzigkeit oder Wärme entsteht erst im Abgang. Hier blühen dann plötzlich wunderbar ein paar tropische Früchte und auch Blumen auf, da entsteht erstmals etwas Spannung und Komplexität, die beide vorher fast völlig fehlten, und das bleibt eine ganze Weile am Gaumen, ein sehr angenehmes Mundgefühl und richtig schokoladige Nachklänge gefallen mir extrem.
Ein sehr interessantes Erlebnis. Wer einen klassischen Rhum Agricole sucht, ist hier nicht an der richtigen Adresse; wer wissen will, wie nahe man mit einem Destillat an die Sensorik des Basismaterials „Zuckerrohr“ herankommen kann, der sollte definitiv mal einen Blick riskieren. Darüberhinaus weist der Damoiseau Cuvée Millénaire 2000 auch eine hohe Guadeloupe-Typizität auf, man macht also sicher nichts falsch, wenn man die Charakteristiken der Agricoleinseln zueinander vergleichen will.
Das ist ein Rum, der gute, kräftige Gesellschaft in einem Mixed Drink gebrauchen kann, um ihn zu unterstützen. Nicht aromatisch, eher von der Struktur her – und da kommen ein kräftiger Apfelbrand und Chartreuse natürlich gerade recht im Nth Degree. Das alles kombiniert sich richtig gut, und während dieser Cocktail mit einem Martinique-Agricole knackig-würzig wird, entsteht durch den Damoiseau hier ein eher weicheres, süßeres Gesamtbild; ich finde es faszinierend, wie stark ein Drink sich verändern kann.
Nth Degree 1oz / 30ml gereifter Rhum Agricole 1oz / 30ml Calvados ½oz / 15ml Chartreuse Verte 1 Teelöffel Zuckersirup 2 Spritzer Aromatic Bitters Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen. [Rezept nach Nate Dumas]
Zurück zum Behältnis. Gewiss gibt es diesen Brand auch in einer normalen Glasflasche – ich habe diesen charmanten, gravierten Flachmann als Geschenk beim Besuch der Destillerie erhalten, als ich zusammen mit Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles auf der Insel war. Damoiseau war die erste der 9 Brennereien, die wir dort besichtigt haben, über Reimonenq hatte ich ja schon berichtet. Anbei ein paar Impressionen; wenn ich die Bilder selbst anschaue, bekomme ich direkt ein schlimmes Fernweh. Eines der Highlights dort war natürlich, wie Hervé Damoiseau persönlich uns mit karibischem Essen und Ti’Punches ohne Ende bewirtete, und uns sogar seinen Privatpool benutzen ließ; ich erinnere mich gern daran, wie Jürgen Schmücking sich da nicht zweimal bitten ließ und kurzerhand ins kühle Nass hineinsprang.
Ich kann gar nicht beschreiben, wie so eine Brennerei riecht und sich anfühlt – das muss man erlebt haben. Für Kenner, die mit europäischen Hygienestandards hierher kommen, ist das sicherlich ein dramatischer Schock, da landet schon mal die eine oder andere Zigarettenkippe oder Fliege im Sud, und das angelieferte Zuckerrohr liegt auf staubigem Beton und in uralten Transportcontainern. Doch das macht mit den Charme und den Geschmack des Endprodukts aus, finde ich. Ein großartiges Erlebnis, das ich nie missen möchte.
Bier in Fässern zu lagern ist eigentlich ja eine höchsttraditionelle und biergerechte Haltung, auch wenn heute die Fässer eher aus Metall sind als aus Holz. Manchmal gehen Brauer aber auch den Schritt ganz zurück, es ist inzwischen durchaus Trend, Bier in Spirituosenfässern zu finishen – gerne nimmt man dafür Whiskyfässer, oder eben Rumfässer. Spirit of Rum aus Berlin macht öfters eigene, exklusive Abfüllungen unter dem Label „Rumclub Private Selection“, und tut sich dann mit Brauereien zusammen, um die geleerten Fässer einem zweiten Zweck zuzuführen, zum Beispiel mit der Brauerei Lemke Berlin GmbH für das Spirit of Rum HD Cask Finish. Sowas gönne ich mir sehr gern hin und wieder.
Als Basislinie habe ich mir dazu das Lemke Original Dunkles Lager geholt, einfach um zu schauen, was die Brauerei so als Grundeinstellung bieten kann. Es ist mit 5,4% Alkoholgehalt in einer Drittelliterflasche erhältlich. Beim Ziehen des Kronkorkens gibt es ein leichtes Gushing, beim Eingießen zischt es laut – da ist ordentlich Gas im Bier. Optisch gefällt es mir außerordentlich gut, eine sehr attraktive rotbraune Flüssigkeit ist da im Glas, wunderbar opalisierend, leicht trüb, mit rubinroten Lichtreflexen im Gegenlicht. Die Crema auf dem Bier ist zunächst grobblasig und kurzlebig, nach ein paar Minuten ist noch ein Schaumrand und ein großer Schaumkontinent erhalten.
Die Nase ist sehr metallisch und getreidelastig, deutlichst eher malzig als hopfig, wie das Auge das irgendwie schon angedeutet hatte. Bei diesen Malzen hat man sich für Pilsner, Wiener, Karamell und Chocolate entschieden, seit 1999 wird das Bier unverändert so gebraut. Man ahnt aber schon im Geruch, dass hier trotzdem viel helltönige Frische drin sein wird.
Und genauso kommt es: klar dominieren aromatisch die Malze, leicht röstig, etwas nussig, getreidig und metallisch. Dennoch wirkt das Bier frisch, klar und sauber. Sowohl die Karbonisierung als auch eine milde Säure tragen dazu bei, der Körper ist höchstens mittelschwer, wirkt jedenfalls trocken und findet eine schöne Balance, was die Textur angeht. Der Abgang ist dann sehr leicht, weiterhin zestig säuerlich, was von der Röststruktur aufgefangen wird, kurz und erfrischend. Ein sehr süffiges Bier, das sauber komponiert und strukturiert ist, und frech mit der Malzigkeit spielt. Das hole ich mir nochmal, ohne Frage!
Dann also weiter zum eigentlich Grund dieses Artikels, dem Spirit of Rum Rumclub Private Selection HD Cask Finish. Es ist, wie gesagt, nicht die erste Zusammenarbeit zwischen den beiden Firmen, das Etikett erzählt von der „5. Rumclub Beer Selection“. Man deklariert sich auch als „Single Cask Craft Beer“, die Bedeutung ist mir nicht hundertprozentig klar. Als Grundbier dient nicht das oben besprochene Dunkle Lager, sondern das Lemke Original Wiener Lager, das mit 6,0% Alkoholgehalt für 5 Wochen in einem Rumfass gelagert wird, das vorher ein Destillat der jamaikanischen Hampden-Destillerie („HD 2000“) beherbergte.
Farblich ähnelt es trotzdem dem dunklen Lager, ist aber erkennbar trüber, weniger opalisierend. Die Farbe der Flüssigkeit ist haselnussbraun, die der langlebigen Schaumkrone ein helles Beige. Auch hier ist beim Öffnen des Kronkorkens dezente Vorsicht geboten! Der Geruch überrascht mich direkt: da klingt etwas Sauerbier mit, finde ich. Apfelessig, Verjus, deutlich bittere Joghurtnoten. Danach finde ich, hampdentypisch, schon leicht verrottende tropische Frucht, säuerliche Ananas, vergorene Mango.
Am Gaumen zeigt sich das aber viel zahmer, als die Nase das erwarten ließ, da ist deutlich weniger Säure da, eher ein tiefer Körper mit einer vorsichtigen, natürlichen Süße, gespeist aus Malzigkeit. Dabei bleibt das Bier sehr frisch und rezent, man ahnte das ja schon vom Gushing. Die Textur ist weich und cremig und kauig, hat aber eine gewisse bittersaure Kante, die das ganze noch weiter aufhellt. Aromatisch herrscht das Malz, es klingen aber schon fruchtige Noten durch, die teilweise auch ins Esterige gehen, bei der Hampdenvorbelegung des Fasses kein Wunder. Nur in Anklängen scheint Holz durch, insbesondere im Abgang, wo eine trockenholzige Komponente etwas die Spucke ansaugt, bevor das Bier kurz, minimalst rauchig, kaffeepulverhaft und effektvoll mit dann etwas Zitruszeste ausklingt. Ja, das macht Spaß, gerade weil das Rumfass hier nicht alles umkrempelt und einen Rumsprudel aus dem Bier macht, sondern nur Charakter und Seitennoten zufügt und das Bier weiterhin ein Bier sein lässt. Handwerklich toll gemacht!
Beide Biere gefallen mir, wie man wohl gemerkt hat, sehr gut, auf ihre eigene Art und Weise. Dass sich das Basisbier nicht verbiegen lässt, mag ich besonders, das ist vielleicht so eine Eigenart der Berliner Brauerei und passt zum Wesen Berlins, wie ich es leider bisher nur kurz kennengelernt habe. Ganz sicher schaue ich mal, ob ich noch an andere Fasskooperationen von Lemke und Spirit of Rum herankomme, und auch das Wiener Lager ohne Fassfinish steht auf meiner Wunschliste.
Nein, es geht hier nicht um Sherry. „Sherry“ ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung für Weine der Region Jerez-Xérés-Sherry in der Provinz Cádiz. Die Region Montilla-Moriles, ungefähr 150km nördlich davon, bei Córdoba, macht schon seit Jahrhunderten einen sehr ähnlichen Stil von fortifizierten Weinen, die man dort allgemeiner „vinos generosos“ nennt, um den geschützten Begriff „Sherry“ zu vermeiden; Weine und Moste aus Montilla werden dabei auch in Großmengen nach Jerez geliefert, um dort daraus dann Sherry zu machen. Der Hauptunterschied zwischen den Weinen dieser andalusischen Regionen ist die Rebsorte – während man in Jerez zu 90% Moscatel und Palomino Fino anbaut, ist Pedro Ximénez die Traube der Wahl für alle fortifizierten Weine der Region Montilla. Sie liebt die trockene, fast aride Umgebung, und dort entwickelt sie genug Zucker, um in einem Wein bis zu 15% Alkoholgehalt entstehen zu lassen – das heißt, man muss sie vor der Abfüllung der unterschiedlichen Ausbaustufen oft überhaupt nicht fortifizieren (mit Neutralalkohol, um den Alkoholgehalt zu erreichen), sondern rein mit dem natürlichen Alkohol belassen.
Ich hatte ein sehr unterhaltsames Gespräch mit Tracy Basset und María Rivero von Montesoro, einer Firma aus der Region Montilla, die mit fortifizierten Weinen und den Fässern, die dafür benutzt wurden, handelt. Sie haben mir freundlicherweise ein Set an Produktsamples zur Verfügung gestellt, die die Region repräsentieren: die Montesoro Tesoros de Montilla. Dazu gehören ein Fino, Amontillado und Oloroso, sowie ein Vino Joven und ein PX. Ich freue mich sehr, diese heute hier vorstellen zu dürfen!
Erstmal aber ein paar Verständnishilfen zu dem Thema. Bei den vinos generosos teilt man in „trockenen“ und „süßen“ Ausbau auf. Der trockene Ausbau entspricht den Stufen Vino de tinaja, Fino, Amontillado und Oloroso; der süße Ausbau endet im PX. Vino de tinaja ist praktisch der Wein, bevor er in den Ausbau geht, er gilt als einfacher Schoppenwein, für den täglichen Gebrauch. Für Fino werden einzelne Moste anhand ihrer Qualität ausgewählt, sie sollten gute Struktur, mit niedrigen Säuregehalten und Tanninen, aufweisen. Diese Moste werden dann unter Schutz vor Oxidation (dazu kommt die Florhefe zum Einsatz) im traditionellen „criadera y solera“-System über Zeit ausgebaut, über das ich hier auf dem Blog schon ein paar mal berichtet hatte. Amontillados sind letztlich Finos, die nach dem Absterben der Florhefe noch oxidativ weitergereift werden. Olorosos werden von Anfang an schon ohne die Decke der Florhefe rein oxidativ gereift. Für den süßen Ausbau des PX werden die Trauben in der Sonne getrocknet, und dann erst ausgepresst. Man kann diesen Wein nach der Fermentation direkt konsumieren, als vino joven der Saison, oder ihn dann noch in Fässern weiterreifen. Vor der Abfüllung wird, wenn nötig, etwas neutraler Branntwein zugegeben, um den Zielalkoholgehalt von 15% zu erreichen. Das war jetzt ein oberflächlicher Schweinsgalopp durch die rudimentärste Theorie – gehen wir zur Praxis über, mit der wir uns etwas mehr Zeit lassen werden. Fangen wir mit den trockenen Varietäten an, und gehen dann zum Süßen über.
Ein bisschen maisgoldene Farbe hat der Montesoro Fino 15 años. Er wirkt im Glas recht lebendig und beweglich, hat nur wenig Viskosität und beim Schwenken kaum Glaswandartefakte. Geruchlich ist der Fino schon deutlich nussig, würzig, mit klaren, aber milden Essigkomponenten und Anklängen von Apfelmost. Verbranntes Fleisch vom Grill, Estragon, Tabak – ein ungewöhnliches, aber spannendes Set an Aromen findet man beim ausgedehnteren Schnuppern. Am Gaumen zeigt sich der Fino initial überraschend umami, was später sogar in deutliche Salzigkeit übergeht. Die Textur bleibt dabei trotz ausgeprägter Säure weich und rund, hier wirkt er viel dunkler als in der Nase. Heu, feuchte Erde, nasses Holz, das sich im Verlauf in Walnuss wandelt, mit einem Anflug von pikantem, schwarzem Pfeffer und etwas Omelette. Der Nachklang ist lang, wieder weiniger, deutlich trocken und herb, mildbitter und astringierend. Ein sehr unterschiedliches Erlebnis zu anderen Finos, die ich bisher probiert hatte, ohne Frage!
Der Montesoro Amontillado 25 años hat im Vergleich zum Fino schon sehr viel mehr Farbe, klares, leuchtendes Kupfer, und auch eine gewisse Schwere beim Schwenken. Die Reste am Glas laufen recht schnell ab, es bleiben einzeln stehende Tropfen zurück wie die Flecken bei einem Leoparden. Die Nussigkeit, die man oft mit Sherry verbindet, ist hier das allererste, was der Nase auffällt, richtig viel Wal- und Macadamianuss, vielleicht sogar ein Ticken Erdnuss und Mandeln, ohne dass es ins Marzipanige übergeht. Dieses letztere wird durch die ausgeprägte Frucht verhindert, Datteln riecht man da, Feigen, überreife Pfirsiche, und diese Überreife geht fast in die Richtung von Banane, eine Esterigkeit, die man sonst eher von Rum und Baijiu kennt. Am Gaumen ist sie auch direkt stark ausgeprägt, so richtig deftig, während sich eine wilde Säure dazugesellt, die zwischen Essig und Apfelwein pendelt. Ein sehr breites Spektrum von leicht salzig über fruchtigsauer bis hin zu erdig und nussigsüß bildet sich da am Gaumen ab, hochkomplex und spannend zu trinken. Im Abgang verrundet sich das ganze noch mehr, die Nüsse blenden nochmal auf, die Säure piekst kurz, bevor ein sehr angenehmes, trockenes Mundgefühl lange nachhallt. Ein kräftiger Amontillado, stark und wild und frech, definitiv kein Altherrengetränk!
Und noch ein bisschen dunkler wird die Flüssigkeit beim Montesoro Oloroso 25 años, das ist klar erkennbar, das stufe ich als Terracotta ein. Dreht man das Glas, bilden sich hier nun echte Schlieren, die ausdauernd am Glas haften und nur extrem langsam ablaufen. In der Nase wird jedem verständlich, warum man diesen Stil Oloroso, also „duftend“, nennt – Milde Nuss und dunkle, schwere Trockenfrucht gehen hier eine wahrhaft duftende Kombination ein. Rosinen, Feigen, ein bisschen Toffee, ein bisschen pflaumige Melasse, und das ganze tief und rund verbunden, das schnuppert sich schon wirklich angenehm. Dennoch ist der Oloroso frisch am Gaumen, die Säure ist deutlich, aber nicht pieksend, die Frucht geschmacklich heller als gerochen. Walnuss und Erdnuss verdrängen die schokoladigen Noten schnell, bleiben dann bis zum Schluss bei uns. Die Textur ist weich, gut rund, ohne wirklich anschmiegsam zu werden, dazu ist er zu sauertrocken, ein Anflug von weißpfeffriger Würze bildet sich im Verlauf heraus, bevor im Abgang auch noch eine ganz elegante, feine Floralität aufbricht, die wunderbar in alles eingebettet ist und die Trockenheit kontert. Ein herrliches Getränk, edel, elegant, dabei voll genug, um noch Kraft durchscheinen zu lassen, ohne sie protzig werden zu lassen. Davon kann ich kaum genug bekommen.
Etwas Neues für mich ist vino joven. Hierbei handelt es sich um „frischen“ Wein, der noch nicht durch die Sherry-Verarbeitung gegangen ist, und man kann hier wunderbar den Weg verfolgen, wie ein PX entsteht – und bereits klar erkennen, dass seine Aromatik und Charakteristik schon früh im noch jungen Wein angelegt ist. Ich betrachte mal den Montesoro Vino Joven cosecha Pedro Ximénez zu diesem Zweck und sehe helles, aber nicht unbedingt blasses Pastellgold mit einer durchaus schweren Viskosität und dicken Schlieren an der Glaswand. Die Nase zieht ähnlich kräftig nach, mit schwerer Traubenfrucht, erdigen, fast schon pferdestalligen Noten, überreifem Pfirsich und Aprikosen; so ganz ohne Helltönigkeit oder Frische, ein tiefer, dunkler Wein, trotz der hellen Farbe. Im Mund kommt zu der Aromatik deutliche Säure, die das Geschmacksbild dann leichter macht, doch es bleibt ein eher schwerer Gesamteindruck, mit milder Trockenheit gegen Ende, wenn auch reife Früchte nochmal aufblenden. Durchaus würzig, lang und mit kräftigem Charakter. Unglaublich spannend und lehrreich!
Der Unterschied zu den vorigen vinos generosos könnte kaum drastischer sein – ich dachte zunächst, die Sampleflasche sei schwarz ausgekleidet, doch es ist wirklich nur der Montesoro PX cosecha Pedro Ximénez darin. Auch beim Schwenken im Glas bildet sich direkt ein dunkelbrauner Film, und selbst beim Gegenlicht bleibt der Körper blickdicht und zeigt nur rotbraune Reflexe am Rand. Der Duft passt dann dazu – das sind pure verflüssigte Rosinen, dazu kommen reife Pflaumen und Melasse, mit Anflügen von Bitterschokolade und Nougat. Bei all den schweren Noten findet sich dann aber auch gleichzeitig eine paradoxe Frische, die das ganze aufhellt. Die Textur ist unglaublich fett, vom Antrunk an legt sich das genauso an den Gaumen wie zuvor im Glas an die Glaswand, und bleibt dann auch eine Ewigkeit so. Der PX ist dann auch so süß, dass es fast unangenehm wird, zwar nicht klebrig, aber doch überwältigend – und trotzdem natürlich wirkend, da sieht man einfach, was die Rebsorte leisten kann, über 400g/L Zucker sind keine Seltenheit bei derartigen Weinen. Rosinen sind der bei weitem alles andere dominierende Geschmackseindruck bis zum Schluss. Das zirpt dann am Ende sogar auf der Zunge, es bleibt unklar, ob das aus der Zuckerwucht oder einer Würze kommt. Der Abgang ist lang, süß, rosinig, und bleibt auch auf den Lippen erhalten, die man aktiv sauberlecken muss.
PX Sherry ist in vielen Cocktailrezepten ein gern gesehener Süßer; sowohl Amontillado als auch Oloroso sind klassische Zutaten, seit es Cocktails gibt, und PX sowieso. Mit Fino ist man auf etwas dünnerem Eis unterwegs, was die Verbreitung in Rezepturen angeht; der Jungle profitiert jedenfalls ganz enorm von einem Fino, der Charakter hat – mit dem von Tesoros de Montilla Montesoro ist er sogar die dominierende Zutat, die Gin und Wermut klar in den Hintergrund schiebt!
Jungle 1oz / 30ml Fino Sherry 1oz / 30ml Dry Gin 1oz / 30ml süßer Wermut Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste und Thymianzweig servieren. [Rezept nach Chantal Tseng]
Die Sherrys von Montesoro sind üblicherweise nicht in Flaschen erhältlich, sondern in größeren Gebinden von mindestens 20 Litern, oder ganze Fässer. Das kommt daher, dass Montesoro aktuell nur Großkunden beliefert, die weniger Wert auf eine Glasflasche mit Etikett legen, die man ins Backboard einer Bar oder ins Regal der Heimbar stellen kann – sie sind Zwischenhändler, die auf Anfrage hin auf viele Bedürfnisse maßgeschneidert ein Angebot erstellen können. Insgesamt exportieren nicht viele Weinbauern ihre Weine aus der Region Montilla, man muss also vielleicht etwas suchen, um entsprechende, zu meinen hier vorgestellten Tasting Notes passende Produkte hierzulande zu finden. Doch was nicht ist, kann noch werden – ich für meinen Teil würde mich freuen, diese Schätze von Montilla häufiger hierzulande zu sehen, als echte Alternative zu den Sherrys aus Jerez.
Offenlegung: Ich danke Montesoro für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Sherry-Samples, und True Spirits für die Vermittlung.
Es ist irgendwie immer noch eine Art Ritterschlag, wenn man als kleiner Blogger dazu eingeladen wird, für ein echtes Fachmagazin zu schreiben. Für die Fizzz #11/2022 aus dem Verlagshaus Meininger habe ich ein paar Gedanken über aktuelle Trends in der Spirituosenkategorie der Kräuterbitter und -liköre niedergeschrieben, die dann tatsächlich gedruckt wurden. Es fühlt sich anders an, wenn man seine Texte in Print auf echtem Papier liest, als wenn man sie „nur“ elektronisch auf einem Bildschirm sieht, das merke ich deutlich. Es macht mich durchaus stolz, dass sich das alles so entwickelt, und ich danke hier auch ausdrücklich meinen Lesern, dass sie mich unterstützen, sei es auf Papier in Fizzz oder Brannt, oder hier auf dem Blog, der natürlich weiterhin mein Hauptkanal bleiben wird.
Was nun kommt, mag wie ein krasser Themenwechsel klingen, doch man habe ein paar Sätze Geduld, der Zusammenhang wird direkt erläutert werden. Da war also dieser Tagesausflug nach Monschau, einem hübschen Örtchen nahe der belgischen Grenze, das mit einem historischen Stadtkern die Touristen aus aller Welt anlockt. Mich hat neben der örtlichen Kaffeerösterei, aus der ich ein schönes Kaffeebier mitnahm, vor allem die am Stadtrand liegende Historische Senfmühle begeistert – von dort stammt der Senfmüller-Els Alt Montjoie’r Art Kräuterbitter, den ich heute vorstelle (da ist er, der Zusammenhang); ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass sich meine Äußerung im Fizzz-Artikel, dass die Kräuterbitter-Kategorie eine extrem weitgefächerte ist, bei der Verkostung dieses Produkts nur weiter bewahrheiten wird.
Die Farbe ist einerseits dunkel, Pariser Rot, mit rostroten Lichtreflexen; andererseits ist das hell für die Kategorie der Kräuterliköre. Egal, die Farbe passt, und ist sogar hübsch anzuschauen in ihrer glasklaren Transparenz. Viskosität ist vorhanden, ohne, dass sich die Flüssigkeit wirklich schwer im Glas bewegt.
Ganz stark im Vordergrund finde ich beim Schnuppern erstmal Nelken, dann folgen deutliche Gewürze wie Sternanis, Kardamom und Zimt. Eine leichte Nase, aber würzig, und sie hat vor allem diese typische Magenbitter-Aromatik, die man in Deutschland so schätzt für einen Digestif. Es könnte ruhig etwas kräftiger sein im Geruch, aber, wie sich zeigen wird, gehört die Leichtigkeit zum Stil dieses Kräuterbitters.
Insgesamt wirkt der Bitter entsprechend dann auch etwas wässrig und dünn im Mund, da könnte viel mehr Körper rein, wenn man mich fragt, auch wenn man dann schon fast in Richtung Amaro gehen würde – oder alternativ etwas mehr Alkoholgehalt, die 30,5% sind für eine effektvolle Gaumenreinigung und Magenklärung nach einem Essen für mich persönlich deutlich zu wenig. Auch die Süße wirkt dem Effekt etwas entgegen, legt sich aber bequem auf den Gaumen. Die Nelken drängen sich zunächst nach vorn, im Abgang wird dann die Bittere des Kräuterbitters endlich klar, Kardamom rutscht als dominante Aromatik über die Nelken hinweg, und mit mildem, sehr attraktivem Feuerchen und leichten Süßholz- und Minzaromen klingt der Bitter am Ende doch mit einem sehr positiven Fazit aus – vielleicht gerade wegen der Leichtigkeit ein unkomplizierter Digestif.
Der Trinidad Sour ist so ein Drink, den ich dann natürlich auch für den diesbezüglichen Online-Schwerpunkt des Fizzz-Magazins vorgeschlagen hatte, das ist ein Cocktail, an dem man einfach nicht vorbeikommt, wenn man mit Kräuterbittern experimentieren will. Er funktioniert mit allen der unterschiedlichen Ausprägungen von Kräuterspirituosen, von Angostura über Underberg und Fernet Branca bis hin zum Senfmüller-Els Alt Montjoie’r Art, und zeigt sich dabei immer leicht anders, immer aber höchstaromatisch und dicht.
Trinidad Sour 1oz / 30ml Kräuterbitter 1oz / 30ml Orgeat ½oz / 15ml Rye Whiskey ¾oz / 23ml Zitronensaft Auf Eis shaken. [Rezept nach Giuseppe Gonzalez]
Steingutkrügen stehe ich immer etwas zwiespältig gegenüber. Sie haben gewiss ihren Charme, sehen toll aus in einer kleinen Heimbar. Doch ihre Umweltbilanz ist schon schlechter als die von Glasflaschen, insbesondere, weil sie nicht wirklich recyclet werden können und auch nicht in einem Altglascontainer landen sollten, wenn sie geleert sind. Nun, immerhin ist der Krug hübsch geformt, mit einem netten Etikett versehen.
Im Laden, der der Senfmühle angegliedert ist, bekommt man diesen Kräuterbitter in vielen verschiedenen Größen. Ich habe ihn mir in einer kleineren Abfüllmenge geholt, es ist immer lobenswert, wenn ein Abfüller das anbietet. Dazu musste der Biersenf noch mit in den Korb, ein großartiges Produkt, sehr aromatisch, würzig, bierig. Wer sich nach Monschau verläuft, sollte sich die Produkte der historischen Senfmühle dort gewiss anschauen – ein ideales Mitbringsel.
„Best before end 2023“ steht auf dem Etikett des Fuller’s Imperial Stout Limited Edition, das schon seit Urzeiten bei mir auf dem Regal stand, und das ich deswegen beinahe vergessen hätte. Zum Glück habe ich neulich eine Art Inventur dieser Biere, die ich lange lagere, gemacht und es noch rechtzeitig entdeckt. Fuller sagt, dass man 10 Jahre Haltbarkeit plant, also gehört meine Flasche zu denen, die 2013 gebraut und abgefüllt wurden, und da eine Flaschenreifung vorgesehen ist, ist der Zeitpunkt nun wohl ideal, das Bier einfach aufzumachen. 10,7% Alkoholgehalt sind schon ordentlich, aber nicht ungewöhnlich für ein Imperial Stout, dass Centennial als Hopfen genutzt wird, auch nicht, aber eine Aromatisierung mit Rosenblüten dagegen schon! Ich bin gespannt, wie sich sowas äußert.
Farblich ist das ein tiefstdunkles Ebenholz, mit leicht rubinroten Reflexen an den Rändern. Keinerlei Durchsicht ist möglich, das ist eine völlig blickdichte Wand, auf die man da schaut, selbst bei Gegenlicht. Ganz kurz entsteht eine Schaumfläche beim Eingießen, die ist wenige Sekunden später völlig verschwunden und lässt nur einen dünnen Faden cremafarbigen Schaum an der Glaswand zurück. Dreht man das Glas, bilden sich kleine Schaumfleckchen am Glas, mit einer braunen Unterlage.
Die Nase ist intensiv, sehr rostig-metallisch zunächst, was dann schnell von dichten Röstnoten eingeholt wird. Leicht speckig, deutlich rauchig, wie eine Räucherkammer, die eine Weile zum Lüften aufstand. Kohle, verbranntes Karamell, Rauchfleisch – die Richtung, in die das geht, wird wohl klar. Dabei findet sich eine leichte Orangenzestigkeit, die das etwas aufhellt, und eine gewisse Frische dazugibt.
Die Textur ist fett, schwer, dramatisch dicht, ohne pappig zu werden. Die tiefe, dunkle Süße kombiniert sich mit schwarzröstigen Aromen. Im Verlauf entsteht die harte Bittere, die für den Stil typisch ist, baut sich auf, nimmt ab da nicht mehr ab, bis sie erst im Abgang die Zunge langsam loslässt. Feigen und Pflaumen, fast schon Melasse, eine dunkle Fruchtnote kommt dazu, und auch auf der Zunge nimmt man ätherische Zestenastringenz wahr. Raddicchio mit Balsamicodressing assoziiere ich, deutliche Salzigkeit, kräftige Säure, sogar etwas Sojasaucenumami. Der Abgang ist lang, weiterhin von Bittere und Süße geprägt, Kohle und Rosenblüte (zuguterletzt!) konkurrieren hier um die letzten Noten des Nachhalls.
Ein charaktervolles, schweres, vielgestaltiges Bier, dabei aber nicht wild oder ausufernd, sondern immer noch britisch kontrolliert, seine Wucht ist etwas gezähmt und im Rahmen gehalten, vielleicht durch die lange Lagerung. Wunderbar gemacht, nichts für Zwischendurch, sondern für den langen, kontemplativen Genuss am Sonntagmittag: so etwas trinkt man eher wie eine Flasche Wein als ein Bier aus dem Kasten. Bierkunst!
Skepsis ist das erste, was mich befiel, als ich zum ersten Mal über einen neuen Trend bei Tequila las – „rosa“. Abgesehen davon, dass die Farbe einer Spirituose ein nicht besonders zuverlässiger Gradmesser für egal was ist, habe ich einfach schon zuviele grellgelbe, neongrüne und babyblaue Mittel- bis Hochprozenter gesehen, die sich rein über die Farbe definieren und mehr der unanständig anspruchslosen Partygesöffszene zuzuordnen sind, als dass ich das wirklich auf meinen so viel elitäreren Schnapsradar nehmen würde. Nachdem ich aber den Mayaciel Rosa Tequila Blanco probiert habe, und mich mit den Machern hinter dem Agavenbrand ein bisschen freundlich unterhalten habe, bin ich zumindest für diesen Fall sicher – das ist eben kein Gimmickgetränk, sondern ein neuer Stil, den wir in Zukunft häufiger sehen werden.
Was ist ein Tequila Rosa nun? Es gibt aktuell noch keine CRT-Regelung dafür, daher kann das jeder Hersteller letztlich für sich entscheiden. Wer es gut machen will, wie Mayaciel, der setzt natürlich keine Farbstoffe ein, um die namensgebende Wunschfarbe hervorzubringen. Für den zugrundeliegenden Blanco nimmt man hauseigene Agaven der Hacienda de Oro (NOM 1522) mit gutem Reifegrad und nicht monokulturell angebaut, führt nach dem Kochen und Zerkleinern eine wilde Fermentation mit lokalen, freien Hefen aus der Umgebung durch, und brennt das dann in einer Edelstahlpotstill zweimal. Abgeschaut von österreichischen Obstbrennern hat man sich das Nachreifen in Edelstahltanks; die 3-4 Monate sollen dem Destillat etwas Ruhe und Integration verschaffen, aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das kein Marketinggelaber ist. Man traute sich, einen für Tequila vergleichsweise hohen Alkoholgehalt von 44% einzustellen, mit Wasser aus dem eigenen Brunnen. Im Anschluss kommt dann die Besonderheit des Mayaciel Rosa: eine Einlagerung in frische Ex-Malbec-Fässer, und nach maximal 4-6 Wochen hat die Rotweinvorbelegung erreicht, was man sich erhofft hat, eine natürliche Färbung und, das wollen wir jetzt direkt gemeinsam ausprobieren, idealerweise natürlich auch unter der Oberflächlichkeit der Farbe auch eine eigene Aromatik!
In der Flasche sieht der Tequila eher rötlich aus, im Glas dagegen hat er schon einen Farbton, den man auch mit Roséwein verbindet, irgendwo zwischen hellem rotbraun und, nun, rosa eben, eine natürliche und aus dem Herstellungsprozess verstehbare Farbe, nicht so offensichtlich künstlich, wie manche rosafarbenen Spirituosen sind. Lebendig wirkt er beim schwenken, etwas Viskosität ist sichtbar, vor allem am gittrigen Muster, das danach an der Glaswand verbleibt.
Ich hatte keine Vorstellung, wie so ein Tequila riecht, und bin unvoreingenommen mit der Nase ins Glas gegangen. Von Anfang an entdeckt man dabei eine Melange aus Agave und Rotwein, wobei keines das andere überwältigt, die Eindrücke wechseln von Sekunde zu Sekunde zwischen vegetal-mineralischer Agave, fruchtig-schwefeligem Rotwein und vanillig-süßem Holz. Dabei bleibt der Mayaciel Rosa hell und frisch, ich würde sogar sagen leicht und elegant, mit angemessener Komplexität, einer eigenen Identität und dennoch erkennbarer Typizität.
Im Mund ist dann erstmal gewohnter Blanco-Tequila-Geschmack dominierend, mit schöner, schwerer Agavensüße und -würze, klar mineralischer Helligkeit, und einem sauberen Geschmacksbild, aber angenehmer Algigkeit und kiesigen Eindrücken. Die Textur ist weich und voll, die für einen Tequila durchaus gehobenen 44% Alkoholgehalt sind initial darin wunderbar verpackt, zeigen sich im Verlauf dann durch leichtes Prickeln im gesamten Mundraum, ohne scharf zu brennen. Hier spürt man dann auch das Rotweinfass, sowohl von der weinig-traubigen Aromatik, ganz dezent nur, als auch von den Holzeinflüssen, mit etwas Vanille. Im Abgang blüht der Rotwein kurz deutlich auf, übernimmt für ein paar Sekundenbruchteile vollständig, und zerfließt dann wieder in die Agave, während kräftige Trockenheit und milde Bittere den Nachklang effektvoll bestimmen, der mit einer ganz vorsichtigen Schwarzpfeffrigkeit eine ganze Weile anhält.
Ich habe ja oben schon indirekt zugegeben, dass ich hatte das neue Konzept eines Tequila Rosa zunächst für ein Gimmick gehalten hatte, mit dem man einfach eine oberflächliche neue Idee pushen will. Beim Mayaciel Rosa verliere ich dieses Vorurteil sofort, denn hier ist die Farbe nur Ausdruck der Identität dieses Produkts, die viel tiefer liegt. Gelungenes Handwerk, würde ich sagen, Innovation, ohne billig zu werden. Hier kann auch der Tequilafreund, der Qualität über Spaßfaktor stellt, ohne Bedenken mal reinschnuppern!
Wenn man so drüber nachdenkt, ist es eigentlich völlig offensichtlich, den Mayaciel Rosa in einem Cocktail unterzubringen, der Pinky Gonzales heißt. Man würde ihn wahrscheinlich normalerweise mit einem klassischen Blanco mixen, doch die zusätzliche Farbe, die der Mayaciel hier mitbringt, macht dem Namen des Drinks natürlich alle Ehre. Und es ist ein klassischer Cocktail aus der Tikischmiede von Trader Vic, womit man zeigen kann, dass auch Tequila seinen kleinen aber feinen Platz in dieser Alternativrealität hat.
Pinky Gonzales 2oz / 60ml Tequila (idealerweise Rosa!) ½oz / 15ml Limettensaft ½oz / 15ml Orange Curaçao ¼oz / 7ml Zuckersirup ¼oz / 7ml Orgeat Auf crushed Eis shaken. Unabgeseiht im Glas servieren. [Rezept nach Trader Vic]
Die Flaschenform kenne ich, sie ist eine gute Mischung aus funktionaler Handhabbarkeit und optischer Gefälligkeit; mit einem Plastikkorken hat man eine zukunftsfähige, moderne Wahl getroffen, das Holz oben auf dem Stöpsel bietet etwas angenehme Haptik zum Ausgleich. Modern ist das Etikett ganz sicher, mit hübschen Glanzeffekten, passend zum Inhalt der Flasche, ich freue mich immer, wenn Spirituosen diese allzu häufige Kitschigkeit ablegen und zeigen, dass sowohl Produzenten als auch Konsumenten sich weiterentwickelt haben. Von Hand aufgetragene Batchnummern und Abfülldaten, wie man sie hier findet, sind darüber hinaus immer gern gesehen. Eine Massenproduktion findet nicht statt, die Gründer Christoph und Jonas halten sich unabhängig und ohne reinredende Investoren; angefangen haben sie mit 1000 Flaschen finanziert aus Privatkapital, und man kommt trotzdem so langsam im Markt an.
Wie man sieht, sind die anderen zwei Produkte im Mayaciel-Portfolio in analogem Design gehalten, durchgängig und klar über Farbensprache gesteuert: ein Blanco steht ebenso bereit wie ein Reposado, um die Klammer um den Rosa zu bilden. Beide werde ich sicherlich auch noch besprechen, in naher Zukunft, und ich freue mich schon darauf – Tequila ist für mich einfach der König der Spirituosenwelt.
Offenlegung: Ich danke Mayaciel für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche ihres Tequilas, und für die freundlichen Gespräche!