Apfel und Buch – Le Calvados Pays d’Auge de Christian Drouin XO

Ein äußerst angenehmer Nebeneffekt der Tätigkeit als Spirituosenjuror ist es, die Hersteller großartiger Brände persönlich kennenzulernen. Man kann über mehrere Tage immer wieder lockere Gespräche führen, herausfinden, wie die Person tickt, und damit die Produkte besser verstehen. Hin und wieder schreibt so einer dann auch ein Buch, und gibt damit viel seines Wissens an die Community weiter, gerade bei eher nischigen Dingen ist das unermesslich viel wert für den interessierten Schnapsnerd. Calvados ist zwar weltbekannt, aber dennoch gibt es mehr darüber zu lernen, als man denkt. „Le livre des Calvados: Des racines normandes, Une ambition mondiale“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, ein toll aufgemachtes Buch, in dem Christian Drouin, seines Zeichens sicher einer der wichtigsten modernen Calvadosbrenner, etwas über seine Profession und Leidenschaft erzählt.

Ich bin natürlich froh, das Buch bei einem unserer gemeinsamen Spirituosenwettbewerbe signiert bekommen zu haben, das war während der Coronapandemie bei Spirits Selection 2021 in Brüssel, ein unter sehr komplizierten Bedingungen stattfindendes Event, umso besser hat man sich da kennengelernt, und besonders stolz bin ich natürlich auf diese persönliche Widmung des Autors.

Das Buch legt die Theorie fest, selbstverständlich muss diese dann auch in die Praxis überführt werden. Dazu nehmen wir einfach ein bewährtes Getränk aus dem Hause des Autors heran, den Le Calvados Pays d’Auge de Christian Drouin XO. Er wird hergestellt aus einer Mischung von Apfelsorten, die geschmacklich zwischen bitter, süß und scharf variieren, und, wie es für die Calvados aus der Region Pays d’Auge erlaubt ist (sowas lernt man zum Beispiel aus dem Buch!), einer kleinen Beigabe von Birnen. Die doppelte Destillation erzeugt einen Brand, der für den XO in kleinen vorbenutzten Fässern gelagert wird, die teilweise mit Wein, teilweise fortiziertem Wein, teilweise Brandy vorbelegt waren. Eingestellt auf klassische 40% landet es in der Flasche, und dann bei mir im Glas.

Le Calvados Pays d'Auge de Christian Drouin XO

Zwischen Gelbgold und Senfgelb verorte ich die Farbe des Apfelbirnenbrands, man spürt schon beim Eingießen ins Glas eine gewisse Viskosität. Diese bestätigt sich beim Drehen des Glases dann, weiße Lichtreflexe entstehen, und ein fetter Film an der Glaswand, der sich dann in regelmäßige Beinchen aufteilt und abläuft.

Natürlich dominieren Apfelaromen die Nase, dabei wirkt es nicht so linear wie ein klassisches Apfel-Eau-de-Vie aus einer speziellen Varietät Äpfeln. Da findet man entsprechend ein buntes Potpourri aus süßen, herben und fruchtigfrischen Eindrücken; frisch aufgeschnittener Granny Smith ist dabei, Viez aus meiner Region, kräftiger Apfelsaft, gekochtes Apfelmus, und schließlich sogar etwas Bratapfel. Letzterer kommt über eine gewisse Gewürznote dazu, vielleicht aus dem Fassensemble, bestehend aus Zimt, Nelken und etwas Vanille. Ahornsirup könnte man finden, Honig und sogar etwas Kokos, man sieht, da ist viel Varianz und Komplexität drin, die mir viel Spaß bereitet.

Le Calvados Pays d’Auge de Christian Drouin XO Glas

Das Wasser läuft einem wirklich schon beim Schnuppern im Mund zusammen, da bekommt man Lust auf den ersten Schluck. Der Antrunk zeigt erstmal eine optisch ja schon gesehene, dicke Textur, wirklich dicht und fett, mit fast schon sirupartigem Ersteindruck. Aus dieser vollen Basis entstehen die Geschmackseindrücke, deutlich eher in die Richtung von verarbeitetem Apfel als von frischer Frucht, Pürree, Mus, Kompott, so etwas. Die kräftige Süße wird im Verlauf sowohl von angenehm herben Bitternoten als auch von würzigen, eigentlich schon eher pikanten Aufhellern aufgefangen, das wirkt erwachsen und reif, man spürt kaum den Alkohol, und im Abgang bilden sehr prägnante Kokosfleisch-Noten und feine Backapfeltöne einen langanhaltenden, warmen und dabei immer vollgerundeten Nachhall.

Ein Brand, der sich zum langsamen, gemütlichen Genießen ebenso eignet wie als Zwischentrunk im Sinne eines Trou Normand, oder vielleicht als Digestif zu Crêpes. Ja, das kann ich mir richtig gut gerade vorstellen, und lässt mir noch mehr Wasser ins Maul laufen. Wunderbar gemacht, komplex und süffig, unkompliziert und schlicht toll.


Das Rezept zum The Big Apple habe ich aus Drouins Buch, natürlich, es enthält eine durchaus lange Liste von Cocktailrezepten auf Calvadosbasis, mit mehr oder weniger kreativem Charakter, für Cocktailfreunde sicherlich ein zusätzlicher Grund, sich das Buch zuzulegen. Dieser hier ist jedenfalls ein wunderbar fruchtiger Drink, der von einem so üppigen Calvados wie dem Drouin XO extrem profitiert.

The Big Apple Cocktail


The Big Apple
1oz/ 30ml Calvados
1oz / 30ml Pfirsichlikör
1oz / 30ml trockener Wermut
Auf Eis rühren, auf einem großen Eiswürfel servieren.

[Rezept nach Jean-Paul Thomine]


Man bekommt in dem edlen Geschenkkarton eine schöne, unaufgeregte, aber schwungvolle Flasche, ein Synthetikkorken schützt den Inhalt praktisch. Hübsch gestaltete Etiketten mit einem Wachssiegelimitat an der Front machen den Calvados zu einem edlen Mitglied der Heimbar, kein flashiger Protzer, mehr ein Gentleman. Das passt zu Christian Drouin selbst, und es freut mich, dass der Hersteller ein höchstsympathischer Mensch ist, ein Gentleman alter Machart, der aber immer und laut lacht. Ich kenne ihn, wie gesagt, inzwischen seit mehr als 7 Jahren als Mitjuror beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by CMB, und freue mich immer wieder, ihn zu treffen, das erhöht den Genuss seiner Calvados für mich noch weiter. Man kann und sollte sie aber auch trinken, ohne ihn zu kennen, denn sie stehen für sich auf höchster Stufe der Kategorie, ohne Frage. Aufforderung zum Schluss: Buch kaufen, lesen und lernen, Flasche kaufen, trinken und lernen!

Bier am Freitag – Duckstein Weizen

Ich räume weiterhin die rund 250 teilvorbereiteten Artikel auf meinem Blog auf, und versuche, die alten Dinger langsam aber sicher online zu stellen. Da ich aktuell weiterhin versuche, pro Woche einen Spirituosen- und einen Bierartikel zu veröffentlichen, ist das eigentlich auch nicht schwer – im Gegenteil, ich genieße diese Art von Aufräumarbeiten eigentlich sehr, und auch für mich sind solche Artikel dann Erinnerungen an alte Bierzeiten, die ich sonst schon vergessen hätte; und das war ja eigentlich der Hauptgrund für mich, überhaupt einen Blog zu machen. Darum hier nun das Duckstein Weizen, getrunken vor bestimmt 4 Jahren.

Duckstein Weizen

Farblich ein klassisches, kräftiges Hefeweizen – recht dunkel, naturtrüb und mit starker Perlage. Der großblasige Schaum ist zunächst üppig da, baut sich schnell auf eine feine Decke ab. Das Duckstein Weizen gehört mehr in die Kategorie der bananigen Weizen, ist geruchlich mild und fruchtig. Die Bananennote ist wirklich sehr stark und schön ausgeprägt, ich rieche das gern.

Im Mundgefühl ist es sehr cremig und zart, der erste Antrunk bringt dann die andere Komponente, die Weizenbier gern aufweist, die Nelke, deutlichst mit sich; es überrascht mich, dass sich diese zwei Aromen so drastisch abwechseln. Nicht, dass es mir nicht gefallen würde, im Gegenteil, so etwas schätze ich an Bier. Der Abgang ist mittellang, trocken, herb und mit einer leichten Süße versehen. Es wirkt nur mittelleicht rezent, die Süße wird durch eine milde Karbonisierung aufgefrischt und die 5,7% Alkoholgehalt sind perfekt eingebunden. Insgesamt wirkt das Bier, entgegen den Angaben auf dem Etikett, eher schwer – persönlich mag ich diese Art.

Ein wuchtiges, aromatisches Hefeweizen, das mir den Glauben an Duckstein zurückgibt, der durch die Pilsner und Zwickel stark erschüttert wurde. Dieses Bier schließt an die Qualität des rotblonden Originals nahtlos an. Zum Glück habe ich dem Bier diese Chance eingeräumt!

Ein moderner Likör – FRC Jürgen’s Falernum

Es ist der 60. Geburtstag meines großen Bruders, er lädt ein und man trinkt und speist auf seine Kosten, Geschenke sind unerwünscht – eine gute Kombination, aber irgendwie hat man ein schlechtes Gewissen. Zu derartigen Familienfesten hat sich darum eingebürgert, dass ich ein paar alkoholische Köstlichkeiten mitbringe, die man sonst nicht so probiert, und mit denen man die langen Abende ein bisschen feuchtfröhlich gestalten kann. Diesmal war es ein Eau-de-Vie aus Hagebutten aus dem Oberelsass, ein Chinarinden-Kräuterlikör aus Mallorca, und zu guter letzt etwas, was ich eher als spannendes Experiment mitbrachte: FRC Jürgen’s Falernum. Was soll ich sagen, der Ingwer-Mandel-Limettenlikör entwickelte sich zum Star des Abends, und meine Schwägerin besitzt nun die Flasche, weil sie sich nicht davon trennen wollte.

Zum Glück habe ich vorher die Tasting Notes geschrieben, sonst würde ich jetzt dumm dastehen. Erst vor sehr kurzem habe ich den Standard, gegen den sich Jürgen Wieses Falernum behaupten muss, hier auf meinem Blog besprochen; das John D. Taylor’s Velvet Falernum ist auch heute noch der klassische Vertreter dieser Likörgattung. Dazu steht bei mir in der Heimbar auch noch das Heinr. von Have The Amber Falernum, und ich habe eins von Revolte, das ich noch nicht vorgestellt hatte. Man sieht, der Markt verträgt und verlangt nach einer Ausdehnung des Angebots, da kommt das Falernum von FRC, das blasphemisch auf einem Jamaica-Rum-Blend basiert, gerade recht, finde ich. Meine Schwägerin hat sicher einen Favoriten zuhause, ich beschreibe jetzt einfach mal, was ich im Glas gefunden habe, als ich meine Verkostung noch machen konnte.

FRC Jürgen's Falernum

Schwer schwappt das Falernum aus der Flasche ins Glas, fast sirupartig kommt es einem da vor; passend dazu ist auch die sehr starke Viskosität im Glaswandverhalten, da bleiben Vorhänge von Flüssigkeit hängen, die lange bestehen bleiben. Trübe ist es, das darf man einem Falernum natürlich nicht ankreiden, ist eher ein Zeichen, dass natürliche Zutaten eingesetzt wurden.

Wenn einem die Optik etwas träge vorkam, springt einen die Nase um so aktiver an. Da ist dramatisch viel Ingwer sofort präsent, geweicht durch schöne, prägnante Mandel, und eine zestig-bittere Frische von Limettenschale. Klassische Zutaten, würde ich sagen, aber so viel deutlicher ausgeprägt als in einem traditionellen Falernum: ich kenne Jürgen Wiese ja, und es hätte mich gewundert, wenn so ein extrovertierter Typ ein dezentes Falernum kreiert hätte. Da geht richtig viel ab, ohne dass eine Zutat überwiegt, sauber gerundet und ineinander vermählt.

FRC Jürgen's Falernum Glas

Auch im Mund bleiben wir extrem – zunächst bedrängt einen die heftige Süße, das ist fast drüber für mich, richtig klebrig und fett, und sie ist auch ausdauernd. Erst kommt Limettenzeste auf, die mit bittere Frische versucht, die Süße zu bekämpfen, allein gelingt es ihr aber nicht. Milde Gewürztöne, vielleicht Nelken, gesellen sich dazu, nun wird das Bild langsam mehrdimensionaler. Orange, milder Zimt, man findet mehr und mehr, bis der Ingwer spät sowohl aromatisch als auch in seiner natürlichen Schärfe die Süße besiegt; hier legt sich eine deutliche Pikanz auf den hinteren Gaumen, das kribbelt bis an Uvula und Mandeln. Der Abgang ist ingwerscharf, aromatisch zusammengesetzt aus den beschriebenen Eindrücken, und lang, durch die wohlgewählten 16,6% Alkoholgehalt auch voluminös und voll; ganz zum Schluss entsteht eine Astringenz, entstehend aus dem Kampf der Schleimhäute gegen die Süße, das hat man auch nicht wirklich oft, ich finde es spannend.


Pur trinkt man Falernum eigentlich seltener, vor allem nicht in so einer extremen Ausprägung. Das kommt in einen Cocktail, ganz klassisch einen Corn’n Oil, mit einem guten Barbados-Rum. Vielleicht riskiert man Jürgen’s Falernum auch straight on the rocks, wirklich gut gekühlt, wenn man Lust auf was Süßes hat – egal wie, man hat wirklich was im Mund und es besteht niemals die Gefahr, dass dabei Langeweile aufkommt, im Gegenteil. Oder, wenn man wirklich mutig ist und den Rest des Tages nichts vorhat, macht man sich damit einen White Zombie.

White Zombie Cocktail

White Zombie
1½oz / 45ml Pisco
1½oz / 45ml leicht gereifter Rum
1oz / 30ml Dry Gin
¾oz / 23ml Falernum
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Don’s Mix (Grapefruitsaft und Zimtsirup)
¼oz / 7ml Zuckersirup
¼oz / 7ml Passionsfruchtsirup
1 Teelöffel Absinthe
1 Teelöffel Maraschino-Likör
Auf Eis shaken, mit crushed ice toppen.

[Rezept nach Zac Overman]


Die Flasche ist sehr schwungvoll, schwarz gehalten, eine modernklassische Rumflasche, wie wir sie inzwischen kennen und schätzen gelernt haben. Das Etikett zeigt den Schöpfer in guter Laune, hält sich mit irgendwelchen Details aber etwas zu sehr zurück, vielleicht wird später ja noch ein Rücketikett mit ein paar Infos zum Inhalt draufgepappt.

Eine schöne Ergänzung des inzwischen durchaus großen Falernum-Pantheons; im Gegensatz zu mir, der vor ein paar Jahren eigentlich nur ein Produkt zur Auswahl hatte, kann sich der moderne Falernumfreund aus unterschiedlichen Ausprägungen das zu seinem Geschmack passende aussuchen. Jürgen’s Falernum kann ich aber jedem ohne jeden Gewissensbiss empfehlen – es wird wohl in ein paar Wochen auf dem Markt erscheinen!

Offenlegung: Ich danke Jürgen Wiese für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Flasche dieses Falernums.

Bier am Freitag – Wettelsheimer Pils

Wir kommen heute zum (vorerst) letzten Vertreter der von mir sehr geschätzten Brauerei Strauss, dazu einem Bierstil, den ich weniger mag, als fast alle anderen Stile: dem Wettelsheimer Pils. Dennoch lasse ich nach meinen positiven Erfahrungen mit dem Märzen, dem Hell, und dem hellen und dunklen Bock dieser Brauerei natürlich diese kleine persönliche Macke nicht ein möglicherweise gutes Erlebnis miesmachen. Es wird erwartungsgemäß sowieso besser werden als die wirklich für mich nicht spasshaft trinkbaren Pilsner aus dem Saarland, darum gehe ich gehobenen Mutes in die Verkostung des Biers, das mit 5,0% Alkoholgehalt abgefüllt ist.

Wettelsheimer Pils

Kristallklar und in schönem senfgelb gehalten, so gefällt mir das Pils schonmal. Ja, der Schaum könnte hier durchaus etwas ausdauernder sein, doch er ist knisternd und man hört ihn lange. Die Perlage zieht sich als lange Perlenschnur vom Boden des Glases.

Gerstig und hefig riecht das Bier, mit leichten Bitterhopfennoten, insgesamt aber sehr klar und sauber. Man muss sich hier nichts zusammenfantasieren, da gibt es prakisch keine Nebennoten, eine sehr aufs Basismaterial fokussierte Nase.

Ich mag das Mundgefühl, viele Pilsner sind streng und trocken, hier hat man von Anfang an etwas weiche Textur und eine Grundsüße, die erlaubt, dass sich stiltypische Bitternoten langsam entwickeln können, und nicht direkt knallen müssen. Leichte Fruchtigkeit ist da, dazu etwas Blumigkeit, da drängt sich aber nichts nach vorn, wir bleiben aromatisch eher auf der dünnen Schiene. Im Verlauf wird das Bier würziger, herber, dann auch trockener, hier wird der Stil klarer erkennbar, bevor es dann mit ordentlicher Bittere, die den hinteren Mundraum etwas astringiert, und schöner Gerstigkeit langsam ausklingt, während die gute Rezenz noch etwas Gas in den Magen bringt.

Auch mir als keinem ausgesprochenen Pilsfan mundet dieses Bier, hauptsächlich wegen der Textur und dem voluminösen Körper. Wer ein Pils sucht, das neben Bittere auch eine schöne Struktur bietet, ist beim Wettelsheimer richtig.

Früchte der eisigen Insel – 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur

Eine kurze Reise nach Island, und das mitten im Winter? Ja, manchmal macht man komische Sachen. Nach Island zu kommen ist vergleichsweise günstig, sich dort aufzuhalten dann aber überhaupt nicht mehr, das Preisgefüge kommt einem manchmal absurd vor und man sollte ein paar Extraeuro (in Isländische Kronen zu wechseln lohnt sich nicht, das Land ist durchdigitalisiert und nicht wie Deutschland noch im Neuland gefangen) immer dabei haben. Insbesondere Alkohol ist sowohl extrem teuer als auch streng reglementiert, stärker noch als in Schweden, das ich vor zwei Jahren besucht hatte und dies schon berichtete; die absolute Prohibition, die dort 1915 eingeführt wurde, wurde erst 1989 auch für Bier aufgehoben. Entsprechend legt man gerne mal 12-15€ für ein Glas Bier auf den Tisch, oder mal 6€ für ein Niedrigalkoholbier – diese können die Isländer richtig gut, ich empfehle, mal ein Ægir Ale mit nur 2,25% zu probieren, das schmeckt einfach gut trotz der Leichtigkeit.

Wenn man im Winter in Island ist und ein paar Touren durch die Landschaft macht, zum Beispiel die berühmte Golden Circle Tour, meint man nicht, dass dort viele Früchte wachsen, die es zu ernten lohnt. Im Sommer dagegen soll die Krähenbeere, lokal Krækiberja oder englisch Crowberry genannt, dort weit verbreitet sein, und eine sehr beliebte Zutat bei Desserts, im Frühstück oder in Trinkform als Krähenbeeren-Saft. Von diesem habe ich beim letzten Schritt des Skjól-Rituals in der Sky Lagoon in Reykjavik (ein Besuch lohnt sich, das ist schon sehr beeindruckend gemacht) ein frisches Gläschen bekommen, und das hat mir geschmacklich sehr gefallen, und als ich dann den 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur im Duty-Free-Shop sah, habe ich auf der Rückreise noch schnell zugegriffen. Ohne Aromastoffe, ohne Farbstoffe, ohne Konservierungsstoffe. Nur Alkohol, Krähenbeeren und Zucker – reiner kann man einen Likör nicht gestalten, das passt zur kargen und stillen Kultur der eisigen Insel.

64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur

Die Krähenbeeren geben eine wirklich außerordentlich kräftige, tiefrubinrote Farbe ab, das muss man sagen – wie gesagt, ungefärbt ist der Likör. Dreht man das Glas mit der dicken, viskosen Flüssigkeit, sieht man, dass sich ein dauerhafter Farbfilm an der Glaswand bildet, ich hoffe, man erkennt das auf dem Foto des Glases. Der Likör selbst lässt sich nur bei starkem Gegenlicht durchblicken, die rubinroten Lichtreflexe bleiben eher am Rand.

Die Basisspirituose ist wohl irgendetwas zwischen Wodka und Aquavit, man hat diese Getreidigkeit eines nicht ganz neutralen Wodkas als erstes in der Nase, die 21% Alkoholgehalt spürt man aber nie. Danach kommen, ganz dezent aber nur, beerigfruchtige Noten zum Vorschein, die Krähenbeere erinnert hier etwas an Brombeere oder vielleicht Cranberry, aber noch schwerer und schwarzer. Das springt einen nicht an, sondern bleibt zurückhaltend und vergleichsweise still, wirkt dadurch aber natürlicher als viele andere Fruchtliköre.

64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur Glas

Die Viskosität spürt man auch beim ersten Schluck, die Textur ist dick, aber nicht fett, legt sich fein auf den Gaumen, ohne ihn mit extremer Süße zu überfallen. Auch hier merkt man, dass man bei der Gestaltung der Spirituose eher auf Natürlichkeit setzt, die effektive Süße kommt einem wirklich aus Fruchtsaft stammend vor, nicht künstlich. Mild erscheint die Frucht, dunkel, beerig, eine Mischung aus Cranberry, Preiselbeere und Brombeere, vielleicht ein Touch Cassis, ohne dessen Präsenz zu erreichen. Wie sieht es aus mit der Eingangsfrage bezüglich der Nähe zum puren Saft? Ja, das ist deutlich erkennbar, im Verlauf, wenn die Süße abklingt, sogar immer mehr: dann eine interessante Mischung aus Litschi und Zuckerrohrsaft, würde ich sagen. Der Abgang ist kurz, angenehm weich, nie pappig, und lässt nur einen Hauch von Beeren-Aromen zurück.

Der 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur ist ein sehr sanfter Vertreter seiner Kategorie, da muss man schon offen sein für die feineren, subtileren Aromen und Eindrücke. Gerne hätte ich da etwas mehr erlebt, doch es bleibt das angenehme Gefühl, einen natürlichen, authentischen Eindruck dieser isländischen Beere im Mund zu haben, ohne Verstärkung durch moderne Chemie.


Im Original des Rezepts, das ich für den Crowberry Liqueur ausgewählt habe, nimmt man Holunderblütensirup statt des Likörs, und entsprechend heißt er dort auf schwedisch Fläderbärsglögg (das Rezept stammt aus „Vilda Drinkar“, einem schwedischen, sehr empfehlenswerten Cocktailbuch). Durch den Austausch habe ich den Namen geändert, zum Glück heißt Glögg sowohl auf schwedisch als auch auf isländisch Glühwein: der Krækiberjaglögg ist stärker als seine Inspiration, und noch etwas intensiver.

Krækiberjaglögg

Krækiberjaglögg
2⅔oz / 80ml Krähenbeerenlikör
⅔oz / 20ml roter Wermut
1⅔oz / 50ml warmes Wasser
1oz / 30ml Orangensaft
Vermischen und erwärmen.
Nach Wunsch mit Zimtstange, Sternanis und Ingwer würzen.
[Rezept adaptiert nach Bella Porcile]


Die Flasche, die ich erworben hatte, fasst 200ml, es gibt sie auch in größeren Größen. Egal wie groß, sie ist unauffällig, weist ein stilsicher gestaltetes Etikett mit wenig Sperenzchen und einen praktischen Plastik-Schraubverschluss auf.

Ein nettes Detail – die Brennerei hatte diesen Likör scheinbar 2011 beim ISW eingereicht, bei dem ich erst vor kurzem als Juror beiwohnen durfte – 2011 war ich natürlich noch nicht dabei, aber ich kenne ein paar Kollegen, die wahrscheinlich dafür mitverantwortlich sind, dass der 64° Reykjavik Distillery Crowberry Krækiberja Liqueur dort eine Silbermedaille bekam, mit der die Brennerei noch heute wirbt. Da sieht man mal, wie sich alles zu einem runden Kreis formt, ich genieße die Perfektion, in der die Geschichte manchmal arbeitet. Und den Likör dazu natürlich auch, die Flasche ist bereits leer.

Bier am Freitag – Saison Dupont

Zu Beginn meiner Bierverkosterkarriere machte ich mir eine Liste von Bieren, die ich unbedingt mal probieren wollte, und die damals nicht superleicht zu bekommen waren. Ein Ausflug nach Bayreuth, zum ersten Hobbybrauerfestival bei Maisels, wo ich als Bierjuror wohl keinen besonderen Eindruck hinterließ, ermöglichte mir zumindest, im angelagerten Shop eine Flasche des Saison Dupont zu erwerben, um einen der Einträge von dieser initialen Liste streichen zu können. Es ist wirklich ein Klassiker, ein Archetyp für den Stil des modernen Saison-Biers, das eben nicht mehr leichtalkoholisch als Erfrischung für die Feldarbeiter dienen muss, sondern kräftig, vollkörperig und trotzdem noch irgendwie leicht den ebenso nach Erfrischung suchenden Büroknecht (also zum Beispiel mich) erfreuen soll. Seit 1759 gibt es die belgische Brauerei Dupont schon, und man macht seitdem eigentlich diesen Bierstil. Also, führen wir uns mal diesen stildefinitorischen Genuss zu Gemüte!

Saison Dupont

Naturtrüb bis zur Blickdichte mit sehr vielen Schwebepartikeln, wenn man die Flasche ganz eingießt. Fahles Gold, mit langlebigem, gemischtblasigem Schaum, der mich wirklich begeistert. Säuerlich, Apfelessig, Hefe, Zitrone – da ist eine wirklich attraktive Mischung aus verschiedenen Aromen zu entdecken, alles eher auf der frischen Seite verortet, keine Störfaktoren, aber auch nichts überkompliziertes, etwas zum Schnuppern und trotzdem klar als Gebrauchsbier gestaltet. Das ist wirklich gut gemacht.

Am Gaumen wirkt es entsprechend nicht so sauer wie von der Nase her vielleicht erwartet, mild, leicht, elegant. Schön balanciert, sehr rezent und durch die Flaschengärung karbonisiert. 6,5% Alkoholgehalt sind perfekt eingebunden. Dezente Kandiszuckersüße, die sich nicht in den Abgang transportiert – dort ist das Bier recht trocken, feinherb mit runder Bittere, die angepeilten 30 IBU wirken nie kratzig, lang im Abgang mit etwas an Frucht.

Hm, ich glaube, ich habe gerade das ideale Bier gefunden. Zum Essen, zur Erfrischung, einfach so zwischendurch – für jeden Zweck ein perfekter Begleiter. Ich hätte mehr als 2 Flaschen aus dem Shop in der Maisel Bier-Erlebnis-Welt mitnehmen sollen. Aber heutzutage ist es in Onlineshops eigentlich unproblematisch zu finden, ich würde es jedem gern ans Herz legen.

Schwarzblau ist der Mais – Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey

Die Inspiration, welche Spirituose man sich zulegt, kommt von unterschiedlichsten Quellen. Mal kauft man spontan was in einem Laden, ohne irgendwas drüber zu wissen; gerne nehme ich was aus Destillerien direkt mit, als Kombination aus Souvenir und Genussmittel; und ab und zu bekommt man was mehr oder weniger aggressiv aus Onlineforen, Chats oder Magazinen nahegelegt, und will überprüfen, ob der Lärm gerechtfertigt ist. Auf den Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey bin ich durch Robin Robinsons Buch „The Complete Whiskey Course: A Comprehensive Tasting School in Ten Classes“ gestoßen; ich schätze sowohl den Autor als auch sein Buch sehr hoch, wer sich für diese Art Spirituose interessiert, sollte sich das Buch definitiv vormerken. Ich bin sehr stolz, dass Robin Robinson mir das Buch bei einem unserer Treffen signiert hat.

Für jede Unterkategorie von Whisky gibt es in dem Buch „Drink This!“-Hinweise, und bei amerikanischem Whiskey fand ich recht prominent eben den True Blue. Die Kommentare dazu waren spannend, ich finde Corn Whiskey eh persönlich sehr interessant und schmackhaft, zum Beispiel den Mellow Corn; darum war das gar keine große Diskussion, er musste her. Dieser Whiskey wird aus „Blue Corn“, das ist eine besondere Maissorte aus dem Südwesten der USA (angebaut für Balcones in New Mexico), hergestellt – wenn man mal nach einem Bild googelt, weiß man sofort, warum dieser Mais so heißt, und man ist gespannt, wie sich diese besondere Farbe im Geschmack äußert. Der Alkoholgehalt wird für diese Abfüllung auf 50% eingestellt, man bekommt den Maisbrand von Balcones aber auch in Cask Strength.

Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey

Ungefärbt ist der True Blue (bei „Straight Corn Whiskey“ wäre das auch nicht erlaubt), dazu ungefiltert, und präsentiert dabei ein schönes Terracotta, leuchtend und strahlend. Die Öligkeit zeigt sich beim Schwenken des Glases, mit fetten Artefakten, die schlierig und langsam ablaufen.

In der Nase kommen erstmal viele weiche Holznoten an, Karotte, Vanille, leicht buttrig. Karamell zieht nach, und deutlich viel Ahornsirup. Toffee ergänzt im tieferen Register, ein Hauch von Rosmarin im oberen Register. Ein wirklich attraktiver Duft, schokoladig und mit Anklängen von Popcorn, wie man es von so einem Brand erwartet; dabei nicht oberflächlich süßlich, sondern man ahnt schon eine kräftige herbe Seite. Die Verwandschaft zu Bourbon ist klar erkennbar, viele Bourbons bestehen ja zu einem Großteil auch aus Mais.

Balcones True Blue 100 Proof Straight Corn Whiskey Glas

Im Mund ist der True Blue dann aber noch einen Ticken süßer als ein Bourbon, immer noch klar verwandt, aber ein bisschen einfacher gestrickt. Das heißt nicht, dass der Brand langweilig ist, im Gegenteil – da geht vom Antrunk an ordentlich was ab am Gaumen. Kraftvoll, wuchtig, wild, mit einem Punch, der einem kurz den Atem nimmt. Kurz nach dem süßmilden Antrunk kracht es, Feuer expandiert dramatisch, eine harte Schärfe bringt Gaumen und Zunge zum Brennen, eine Mischung aus dem Alkoholgehalt und einer holzigen Würze. Es fehlt etwas an Tiefe, um das sauber auszugleichen, da muss man schon etwas leiden, dafür ist angenehme Breite da, die im Nachklang immer noch sehr chili-pikant dominiert, während gemächlich eine leicht mentholische Frische aufkommt. Leicht grünlich und vegetal fühlt sich das am Ende an, während die Wärme langsam nachlässt.

Nun, das kann ich nicht reines Gewissens jedem empfehlen, doch für die, die eine gewisse Härte in Spirituosen vertragen und vielleicht sogar mögen, wie ich, ist der True Blue sicher ein Drink, dem man respektvoll gegenübertritt und der einem dann viel bietet, wenn man hinter die grobe Fassade blickt, vielleicht ein Texaner, wie man ihn aus Western erwartet. Definitiv kein easy drinking jedenfalls, mehr was für den Tag, der am Abend eine Lockerung braucht, während man einen Film wie „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ oder „Die Glorreichen Sieben“ schaut.


Im Sunray wird normalerweise Bourbon eingesetzt, doch diese alte Vorkriegsrezeptur kann ruhig einen Schuss des sonnigen Texas in Form eines Corn Whiskys vertragen. Lustig finde ich auch, dass ausschließlich gelbe Zutaten (beim Whisky bin ich da etwas großzügig) eingesetzt werden; ein echter schwersüßer, aromatischer Sonnenstrahl an einem Herbsttag.

Sunray Cocktail

Sunray
¾ oz Bourbon
¾ oz Orange curaçao
¾ oz Cocchi Americano
¾ oz Orangensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach J.W. Tarling]


Die unauffällige Flasche wird von einem Echtkorken unter einem Plastikstöpsel verschlossen. Charmant finde ich immer, wenn wie hier Batchnummer und Abfülldatum angegeben sind. Das Etikett kommt einem in seiner blauen Farbe entgegen, ist aber sonst zurückhaltend gestaltet, mit einer dunkelblauen Maisstaude, die auf das Basismaterial verweist.

Ich war neulich für ein paar Stunden in Texas unterwegs, als ich auf der Reise nach San Luis Potosí eine Nacht Aufenthalt in Houston hatte. Auf der Hinreise war das Mitnehmen einer Flasche texanischen Sprits eher unpraktisch, und auf der Rückreise konnte ich im ganzen Flughafen keine einzige echt texanische Spirituose in den Shops finden, nur allgemein amerikanischen Whiskey. Schade, wenn ich was aus Texas hätte mitbringen können, hätte ich das nach dieser doch positiven Erfahrung mit Balcones sicher gemacht.

Bier am Freitag – Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge

Einer der ganz frühen Cocktails, die ich hier auf meinem Blog gesammelt hatte, verlangte nach einem Fruchtbier als Zutat. Damals stand das Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge in meinem Kühlschrank und wartete auf eine Verkostung, und die Synergie war gelungen. Seitdem ist viel Wasser den Fluss hinabgeflossen, und viel Bier meine Kehle; Zeit, die alte Verkostungsnotiz von damals etwas auf Vordermann zu bringen und das Bier hier endlich zu besprechen. Es handelt sich hierbei um ein Gemisch aus dem Kasteel Donker, einem malzbetonten belgischen Quadrupel, und einem Kirschlikör. Es wird noch laut Zutatenliste mit Kirschen und Gewürzen versetzt; die weitere Zutatenliste liest sich nicht so berauschend und begeisternd: Zucker und Süßstoff (Stevia), Kirscharomen. Da erwarte ich dann entsprechend Süße und überdeutlich ausgeprägte, oberflächliche Fruchtaromen – nun, ich will mein Urteil nicht präjudizieren, wie schon Indiana Jones so schön im Palast von Pankot sagte.

Vanhonsebrouck Kasteel 8 Rouge

Fast blickdicht, die tiefrubinroten Reflexe sieht man auf dem Foto leider nicht so gut. Ich habe aus verschiedenen Perspektiven geknipst, aber es klappte nicht so gut, vielleicht kann man es erahnen. Der Schaum hat eine leicht rötlich-braune Färbung. Der Geruch orientiert sich, neben Kirschen, fast ausschließlich an Beeren: Himbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren. Dazu riecht es auch schon süß, vielleicht etwas nach Honig.

Am Gaumen wird es dann ausgesprochen rezent, mit schöner Säure, im Untergrund aber fast schon paradox klebrig süß. Auch hier: Ausschließlich Fruchtaromen. Nicht einmal ein Anklang an „typisches“ Bier, erinnert mehr an Wein oder gespritztes Fruchtschorle. Sehr körpervoll, kein Wunder bei 8% Alkoholgehalt, und sehr beerig. Der Abgang ist lang und, wie soll man es anders erwarten, fruchtig, dazu leicht säuerlich.

Nun ja, es steht zwar das Wort „Bier“ auf der Flasche, aber man muss sich einfach klar darüber sein, dass es sich hier um ein Biermischgetränk handelt, nichtmal ein Fruchtbier, mehr etwas mit viel Laborerfahrung zusammengestelltes. Das muss per se nicht schlecht sein, und das Kasteel Rouge trinkt sich ja auch nicht schlecht, aber irgendwie wirkt es halt künstlich.

Bier am Freitag – Maisel’s Bajuwarus Weizenbock

Es ist jetzt schon zweieinhalb Jahre her, dass ich den Maisel & Friends Bajuwarus Aquavit Barrel Aged 2021 besprochen habe. Ich musste selbst staunen, mir kam das viel näher vor; die letzten Jahre sind einfach wie im Flug vergangen. Nun, damals war bei mir eigentlich schon die Idee da, auch mal die normale Variante des Biers zu probieren, ohne dass es in einem Fass nachgereift wird. Und als ich neulich durch meinen Supermarkt vor Ort schlenderte, stand er plötzlich im Blickfeld, der Maisel’s Bajuwarus Weizenbock. Da erinnerte ich mich an die Idee und holte mir ein paar Flaschen und probierte das direkt aus.

Maisel’s Bajuwarus Weizenbock

Kastanienbraun, volltrüb bis fast zur Blickdichte. Eine gemischtblasiger Schaumkrone in einer leichten Cremafarbe bleibt auf dem Bier und hält es bedeckt. Ganz leicht erkennt man ein Hauch von Mousseux.

Die Nase des Bajuwarus ist erstmal etwas hefig, gefolgt von milden Nelken- und Bananentönen, letzteres vielleicht einen Tick stärker als ersteres. Herbes Getreide findet sich darunter, zusammen mit einem leichten Rostton. Insgesamt eher vorsichtig, aber assertiv; ein schöner Duft, der sich nicht aufdrängt.

Die Textur ist voll und sehr cremig, mit idealer Karbonisierung versetzt, das füllt den Gaumen voll und breit aus. Aus der initialen Süße bildet sich im Verlauf eine angenehme Herbe und dezente Salzigkeit heraus, mit milden Hopfenaromen und einer gründlichen Weizenmalzigkeit, die alles trägt. Im Abschluss entdeckt man eine leicht vegetale, mineralische Note, die Komplexität erzeugt; gerade diese ist es, die für die Aquavitfassreifung eine ideale Basis bildet, finde ich. Der Abgang ist mittellang, sehr frisch und fast zestig, leicht astringierend und im Rachen kribbelnd, hier spürt man auch den erhöhten Alkoholgehalt von 7,5% etwas deutlicher.

Weizenbock ist bei mir in der Erfahrung oft „hit-or-miss“, dazwischen liegt selten etwas; der Bajuwarus ist ein „hit“ für mich. Ein starkes Weizen, ohne Fehler; das trinkt sich so einfach sehr gut. Und eine gute Wahl, es in ein vorbelegtes Fass zu legen, ohne Frage, hier ist genug Charakter da, um sich mit vielen Zusatzaromen vermählen zu lassen.

Die Kultur von Barbados – John D. Taylor’s Velvet Falernum Liqueur

Ich erinnere mich noch an meine Anfangszeit, als ich mich für Cocktails zu interessieren begann und mir langsam meine eigene Hausbar aufbaute. Ted Haighs „Vintage Spirits and Forgotten Cocktails“ war das erste wichtige Buch, das mir dabei half, einen Geschmack für die damals vergessenen Klassiker zu bilden. Es zeigte mir, dass da eine ganze Welt an unbekannten Drinks auf mich wartete, wenn man bereit war, etwas Zeit und Geld in die Suche nach obskuren Zutaten zu investieren. Heute kaum vorstellbar, doch eine davon war damals Falernum.

Schnell stellte sich heraus, dass die, die schon weiter waren in Bezug auf diese Art von Cocktails, immer wieder zu John D. Taylor’s Velvet Falernum Liqueur rieten; einerseits wegen der Aromatik, sicher, doch eigentlich, wenn man ehrlich sein will, hauptsächlich weil es praktisch das einzige Falernum war, das kommerziell erhältlich war. Die Zeiten haben sich geändert, ich habe inzwischen vier Falernums in meiner Bar, eins davon sogar in Deutschland hergestellt. Ein guter Zeitpunkt, auf das Original zurückzublicken und den klassischen barbadianischen Likör aus Rum, Limetten, Ingwer, Mandeln und Nelken, nochmals im Glas zu betrachten.

ohn D. Taylor’s Velvet Falernum Liqueur

Farblich sehen wir Pastellgold, vielleicht sogar eher nur Stroh – eine recht natürlich wirkende Farbe für einen nur mit hellen Zutaten mazerierten Likör. Allzu schwerfällig verhält er sich dann auch passend dazu nicht im Glas. Die Glaswand dagegen ist ein einziger Ölfilm, der sich nur widerwillig in einzelne Beine zerlegt.

In dieser Konsequenz hat man das nicht allzu oft: man kann die angegeben Zutaten ohne Mühe einzeln herausriechen. Zunächst ist die Mandel sehr präsent, danach folgt aber direkt die Limette. Ingwer und Nelke bilden eher das Grundgerüst, auf dem die beiden anderen aufbauen. Eine leichte Spülmittelnote, die in Ethanol übergeht, wenn man ganz tief schnuppert (verrückt eigentlich, bei nur 11% Alkoholgehalt). Dennoch im Gesamtbild sehr attraktiv, das macht Lust aufs Kommende.

John D. Taylor's Velvet Falernum Liqueur Glas

Der Antrunk ist supersüß, das bleibt auch wirklich bis zum Ende die dominierende Komponente, eine vorsichtige Zitrusnote versucht, das auszugleichen, gibt etwas Säure. Noch weniger Chance hat der Ingwer, auch hier ist es mehr eine Idee als ein echter Geschmackseindruck. Die Nelken bauen, wie schon in der Nase, dazu etwas Komplexität auf; insgesamt beherrscht jedoch sensorisch Mandelsüße das Bild von vorne bis hinten.

Der Abgang wird für mich beherrscht von Kokosfleisch, auch wenn das nicht als Zutat enthalten ist – es entsteht wohl aus der Mischung der Mandel- und Gewürzeindrücke. Sehr süß bleibt das Falernum, ist auf Gaumen, Zunge und Lippen für eine Weile da und erzeugt etwas Adstringenz. Leichte Blumigkeit gibt es noch als Nachhall, doch dann ist der Likör auch recht schnell wieder aus dem Mund verschwunden.


Nun, zum Purtrinken reizt mich das Velvet Falernum nicht, dazu ist es zu eindimensional (vielleicht wäre „subtil“ das passendere Wort) und pappsüß, da gibt es sehr viel spannendere Liköre. Es läuft darauf hinaus, dass es eine traditionelle Zutat für Mixed Drinks ist, und da weiß es dann in seiner Puristik doch wieder zu gefallen – es ist kein Sammelsurium an Eindrücken, das den Drink stark verändert, sondern ein milder Mandellimettenlikör, der eher Mitspieler ist denn Hauptdarsteller. Der absolute Klassiker, bei dem man diesen Effekt wunderbar beobachten kann, ist natürlich der Corn ’n Oil.

Corn 'n Oil


Corn ’n Oil
2oz / 60ml Barbados Rum
½oz / 15ml Falernum
2 Spritzer Bitters
Alle Zutaten in einem Tumbler mit Eis bauen.
[Rezept nach unbekannt]


Zum Ausklang möchte ich hier etwas wiedergeben, das Richard Seale, seines Zeichens Inhaber der Foursquare-Destillerie auf Barbados und Hersteller des Velvet Falernum, bei Facebook vor einer sehr langen Weile gepostet hatte, unter der Überschrift „A subject dear to me“. Ich finde es sehr spannend, darum zitiere ich ihn hier einfach im genauen Wortlaut. Es erklärt viele Produktentscheidungen, die rein vom Probieren her nicht ersichtlich sind, und lassen manches in anderem Licht erscheinen.

All rum brands in Barbados did a Falernum. John D Taylor did rum and Falernum. The rum is long lost but luckily not their uniquely Barbadian liqueur. There were dozens of brands, now sadly there are just TWO genuine authentic falernums. Taylors has survived because it was the most famous and most awarded when we used to have those „exhibitions“ back in the day. The attached ad is from the 1950s. Four digits covered all the telephones ! Roebuck Street was home of all the rum brands.

JDT Velvet is not a „commercial version“. It IS Falernum. There was no such thing as „homemade Falernum“ thus commercialised. It was developed by the rum blenders. The idea that in a poor third world colonial country, people spent their money on a commercial version of something they could make at home is so laughably stupid. But not so long ago, Barbadians did not get their chicken from the supermarket, it came „fresh“ from the back yard.

I suspect the cult of making „homemade falernum“ started because the Tiki recipes called for Falernum and it was not available in the US for decades. Recipes of Falernum were simply guessed at. Today I see things labeled Falernum but they do not taste like any authentic Falernum I recall. And a Falernum without rum? please ! That is NOT Falernum!!!! Recipes were closely guarded secrets of the blenders. Not even written down. They are now mostly lost.

Every attempt at non Barbadian authentic „Falernum“ usually overdoes everything. They have no idea that this was a liqueur made in a poor country for very poor people to buy. High abv? what a joke. Only enough rum to preserve was added. Excess imported spices? Laughable. This is not a Falernum. Maybe a fantastic lime liqueur, but not Falernum.

Now if you do not like Falernum, that is cool. If you make a superior lime based liqueur, that is cool too. You probably can because real Falernum was made by people with very limited resources to sell at a very modest price. Just do not call yours Falernum. It is the classic case of cultural appropriation. Barbados is/was too small to protect Falernum in the same way as say Cognac or Bourbon. The practical reality is that today’s „falernum“ brands do not relate to the myriad of Falernum brands of the 1950s, 60s or 70s in Barbados. For us, this hurts.

And if your „corn n oil“ does not use Barbados rum or authentic Falernum, please do not call it corn n oil. If you think there is a way better version with other rums and other lime liqueurs, no problem at all. But if you want to taste what Barbadians actually drank in their veranda in the evening before dinner, then you need Barbados rum and real Barbados Falernum. Only then can you mimic the experience. If you feel you can improve on it, no objections. Just do not take our names. They still mean something. Well to us anyway.

Ich denke, das ist ein typischer Kommentar von Richard Seale, und einer, den ich gut verstehe.